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Aus Freundschaft wurde Hass

2019 124 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Aus Freundschaft wurde Hass

Copyright

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Aus Freundschaft wurde Hass

Western von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 124 Taschenbuchseiten.

 

Als Blitze und Donnergrollen die Felsen erschüttern, als Wassermassen über das Gestein vom Himmel stürzen, ist die alte Hütte am Pass für Menschen einziger Zufluchtsort. Sie glauben sich da sicher, aber die wahre Hölle entbrennt in der Hütte, denn drei von ihnen sind Banditen, die zu allem fähig sind. Wo Hass in Gewalt umschlägt, ist der Tod nicht weit. Red River Joe glaubt, in dem einstigen Freund die Redlichkeit wieder erwecken zu können, doch er hat sich getäuscht.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author/ COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

„Ein Prachtpferd“, sagte der Schmied und wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Bewundernd blickte er auf den braunen Hengst, auf dessen Fell nur an einer einzigen Stelle ein weißer Fleck war, ein sogenannter Stern auf der Stirn. Die beiden Hinterbeine waren von den Sprunggelenken an schwarz gestiefelt, die Vorderbeine ebenfalls an den Fesseln schwarz. Der Hengst blickte nervös auf den Mann mit der Lederschürze und witterte unruhig den Geruch des Feuers. Red River Joe trat an die Vorderhand des Hengstes und tätschelte leicht das linke Vorderbein.

„Fuß!“, sagte er, und der Braune hob zwar widerstrebend, aber doch gehorsam das Bein an. Red River Joe nahm die Fessel in seine hornigen Pranken und rief dem wartenden Schmied zu: „Fangen Sie an! Er hat nicht das Zeug zu einem Denkmal.“

Der Schmied löste die alten Nägel, zog das Eisen ab und begann damit, die Trachten zurechtzuschneiden und zu raspeln. Ab und zu warf er einen verstohlenen Blick auf den Mann, dem dieses herrliche Pferd gehörte.

Red River Joe mochte dreißig oder vierzig sein, es war unbestimmt. Er hatte schon graue Haare an den Schläfen, was täuschend wirkte. Tatsächlich war er etwas über vierunddreißig, und es musste ein hartes Dasein gewesen sein. Das Gesicht war von Runen und tiefen Kerben gezeichnet. Narben an Kinn, Wangen und Stirn verrieten Zweikämpfe mit aufgeregten Bullen. Die Hände trugen die Spuren knochenharter Lassoarbeit, und der ganze Körper dieses Hünen schien nur aus rohlederzähen Muskeln zu bestehen. Was den bulligen Schmied aber noch mehr faszinierte, war der Revolver dieses Mannes, der nicht so aussah, als würden damit nur Krampen in Weidezäune geschlagen. Alles an der Waffe wirkte blank und abgegriffen wie bei einem Geländer, an das täglich Dutzende von Menschen fassen.

Der Schmied hantierte geschickt und routiniert. Zwischendurch fragte er: „Sind Sie von weither gekommen?“

„Stimmt“, knurrte Red River Joe, der keine Freude zu einem Gespräch zeigte. Er fand immer wieder, dass Hufschmiede in dieser Beziehung den Barbieren ähnelten, die sich oft auch als wandelnde Nachrichtenbüros vorkamen.

„Wie gefällt Ihnen Holdford?“, fragte der Schmied weiter, doch diesmal bekam er keine Antwort darauf. Und auch damit fand sich der Mann ab. Er begann nun von sich aus die Stadt am Fuße des Gebirges zu rühmen, erzählte, wie sie vor achtzehn Jahren entstanden war, berichtete von den Wagenzügen, die hier vor der Überquerung des Gebirges auf dem Wege nach Idaho zum letzten Male Rast machten. Aber das alles konnte sich Red River Joe auch so denken, denn einmal gab es nur diesen Weg nach Oregon und zweitens hatte er die vielen Murphywagen, Conestogaschoner und Studebakers in der Stadt bereits bei seiner Ankunft gesehen. Holdford besaß nicht weniger als zwölf Ausrüstungsstores für Proviant, Material und sonstige Utensilien. Zwei Schmiede hatten unentwegt zu tun, und ein Stellmacher beschäftigte sieben Gesellen, um den vielen Reparaturen an durchkommenden Wagen gerecht werden zu können. Es interessierte Red River Joe so wenig wie die Tatsache, dass an Kalkwänden die Fliegen zuhauf in der Sonne sitzen.

Der Schmied plapperte wie ein Mühlrad. Aber er arbeitete rasch, und darauf kam es Red River Joe vor allem an, weil Star, sein Hengst, nicht sehr große Geduld beim Beschlagen zeigte. Als dann die heißen Eisen probiert wurden und dicker Hornqualm aufstieg, begann Star prompt aufgeregt herumzutanzen. Aber Red River Joe hielt ihn wie mit einer Stahlklammer fest, und der Braune wusste, dass er wenig Aussichten hatte, die Prozedur zu verhindern.

Als die Eisen schon abgekühlt waren und der Schmied damit begann, die Vorderhufe mit den neuen Eisen zu benageln, tauchte ein Mann auf, den Red River Joe, der das rechte Vorderbein gerade aufhielt, zunächst gar nicht sah. Dann aber entdeckte er ein Paar Stiefel auf der anderen Seite des Pferdes, und der Schmied, der sich gerade aufrichtete, sagte: „Gus, du bist das? Den Türriegel habe ich noch nicht fertig. Gus, du siehst ja, ein Pferd nach dem anderen. Dieser Braune ist heute schon der siebte Gaul. Man läuft fast im eigenen Schweiß davon.“

Jetzt trat jener Gus um das Pferd, und Red River Joe sah mit einem Seitenblick einen mageren, knochigen Mann von etwa fünfzig oder mehr Jahren. Keine auffällige Erscheinung bis auf den Marshalstern, den er an seinem schweißdurchnässten Hemd trug. Deputy Marshal – Holdford County stand darauf.

Interessiert musterte der Marshal das Pferd, dann den Mann, dem es gehörte. Da der Schmied gerade mit diesem Bein fertig war und das andere Eisen holte, ließ Red River Joe den Fuß ab und richtete sich auf. Einen Augenblick sahen er und der Marshal sich stumm an.

Dann fragte der hagere Mann mit barscher Stimme: „Sind Sie Cowboy?“

„Geht Sie das etwas an?“, fragte Red River Joe knapp.

Das Gesicht des ohnehin schwitzenden Marshals wurde noch um eine Nuance dunkler. „Ich habe Sie etwas gefragt, und Sie werden darauf manierlich antworten, Mensch!“, bellte er.

„Sind Sie der liebe Gott? Ihre Neugierde geht mich einen feuchten Staub an, Marshal.“ Red River Joe sah den Schmied zurückkommen, das Eisen in der Hand. So ging er, ohne weiter auf den Marshal zu achten, zur Hinterhand des Hengstes und hob das rechte Hinterbein auf.

Der Schmied wollte mit dem Nageln beginnen, aber da trat der Marshal neben Red River Joe, fasste ihn an der Schulter an und sagte: „He, so reden Sie nicht mit mir! Ihr Revolver gefällt mir so wenig wie der ganze Kerl. Wie heißen Sie?“

„Smith, Miller oder Baker“, erwiderte Red River Joe verächtlich. „Suchen Sie sich was Passendes aus.“

„So? Frech werden Sie auch noch. Ich will Ihnen was sagen, Mister! Sie sind Brazos-Jim, nicht wahr?“

„Ihre Phantasie ist bemerkenswert. Sie haben Ihren Beruf verfehlt, Marshal. Warum schreiben Sie keine Theaterstücke – falls Sie überhaupt schreiben können“, fügte er geringschätzig hinzu.

„Sind Sie wirklich Brazos-Jim?“, erkundigte sich der Schmied, der vor Neugier fast platzte.

„Unsinn“, knurrte Red River Joe. „Er wird Jim Dallart meinen, und der ist mir so ähnlich wie ein Longhornbulle einem Bison. Machen Sie weiter, Schmied. Mein Pferd wird ungeduldig. Nachher vernageln Sie es noch.“

Aber der Deputy Marshal wollte es wissen. „Hören Sie, Mann! Entweder nennen Sie mir jetzt Ihren Namen, oder ich nehme Sie fest!“

„Gibt es einen Grund dafür?“, fragte Red River Joe, während der Schmied nagelte.

„Ja, den gibt es. Sie sehen aus wie Brazos-Jim, und selbst wenn Sie der nicht sind, so haben Sie eben zugegeben, dass Sie ihn kennen.“

„Natürlich kenne ich ihn. Sein Bild ist auf vielen Steckbriefen zu sehen. Eine Zeichnung zwar, aber immerhin. Ich kenne ihn auch in Natura. Er war mit mir zusammen auf zwei Trails, wenn Sie überhaupt wissen, was ich meine.“

„So! Dann wissen Sie genug, um dem Marshal dieser Stadt Auskünfte zu geben. Wie also heißen Sie?“

„Joe Hastings.“

Der Marshal verfärbte sich. „Red River Joe!“, stieß er hervor.

Joe grinste. „So nennen mich einige Leute. Das stimmt. Und was wollen Sie noch?“

„Nichts, es ist gut – es ist schon gut“, brummte der Deputy und ging rückwärts ein Stück von Joe und dem Pferd weg. Dann drehte er sich um und hastete im Schutz des Gebäudes davon.

„Was ist denn mit dem los?“, fragte Joe lachend.

Der Schmied sah ihn schräg an. „Ihr Name, Mister, ist sehr bekannt. Sie sind ein Revolvermann, nicht wahr?“

„Nein. Wer hat Ihnen den Unsinn erzählt?“

„Ich habe von einem Red River Joe gehört, der auf dem Chisholm Trail ganz allein neun Banditen erschossen hat und die übrigen zwang, seine Herde bis Abilene zu treiben.“

Red River Joe lachte. „Was Sie nicht sagen! Es waren nur drei Banditen, und die anderen, die ich gezwungen habe, die Herde über den Red River zu treiben, waren sechs Mann. Die sind auch nicht bis Abilene dabei gewesen. Wir gerieten im Indianerland an Kiowas, und da sind die sechs alle umgekommen.“

„Und die Herde?“, fragte der Schmied und ließ den Hammer sinken.

„Die Herde? Die wurde natürlich nach Abilene gebracht, was sonst?“

„Von Ihnen allein?“

Joe lachte wieder. „Natürlich nicht. Ich kann keine zwölfhundert Rinder allein treiben. Das haben die Kiowas besorgt, wenigstens bis Kansas. Dort habe ich mir Leute angeworben. “

„Mein Gott, aber wieso haben die Rothäute …“

Joe grinste breit. „Ich hatte die Häuptlingstochter im Sattel. – Und jetzt machen Sie schneller, Mann! Star tanzt schon!“

 

 

2

Red River Joe stand gerade im Generalstore, um seinen Proviant aufzufüllen, als sie in den mit Säcken, Büchsen, Flaschen und Kisten bestehenden Raum kamen. Sie waren fünf. Voran ein Riese von Mann mit einem Stern auf der Hemdbrust, hinter ihm zwei weitere Männer mit Sternen, einer davon war jener Deputy, den Joe schon kannte.

Die beiden Clerks des Stores hielten im Verpacken inne und starrten verblüfft auf den Marshal.

Joe ahnte, dass dieser Einmarsch ihm selbst galt und wandte sich halb herum. Er sah nun die Männer an, doch konnte er nicht allzu viel von ihren Gesichtern erkennen, weil sie das Licht der Tür im Rücken hatten.

„Ich bin County Marshal Johnston“, sagte der Riese, und sein Bass dröhnte wie der Brunftschrei eines Bisonbullen. „Sie sind Red River Joe, nicht wahr?“

„Stimmt, und was weiter?“, fragte Joe.

„Was wissen Sie von Brazos-Jim?“, fragte der Marshal nun und verschränkte die gewaltigen Arme vor der massigen Brust.

„Ich habe ihn zum letzten Mal vor sechs Jahren gesehen, ja, vor sechs Jahren sind wir mit McClellans Herde nach Abilene. Da war er einer meiner Männer.“

„Sie wollen uns doch nicht verkaufen, dass Sie ihn seitdem nicht mehr gesehen haben? Hören Sie, Red River Joe, Sie sind aus Atlantic City hierhergekommen. Von dort hierher gibt es eine Telegrafenlinie, falls Ihnen das nicht aufgefallen sein sollte. Also, lieber Freund, dann wissen Sie auch, dass der Bursche, von dem ich die ganze Zeit rede, vor einer Woche die Bank von Atlantic City geknackt hat.“

„Nein, ich weiß es nicht, denn ich bin schon vor vierzehn Tagen aus Atlantic City weggeritten.“

„Und wo waren Sie in der Zwischenzeit? Man kann in fünf Tagen von dort hierher reiten, wenn man nicht gerade jede Stunde rastet.“

Joe nickte. „Kann man, wenn man will. Ich wollte nicht.“

„Was aber wollten Sie dann?“

Joe grinste. „Es gibt Dinge, Marshal, die gehen Sie nichts an. Die würde ich nicht einmal dem Präsidenten in Washington verraten.“

Der Marshal schien das erwartet zu haben. Ungerührt sagte er: „Aha! Aber ich will Ihnen etwas nachhelfen. Sie sind bei dem Hit auf die Bank dabei gewesen. Es waren drei Mann. Brazos-Jim, Steward Cobble und noch einer, dessen Namen wir bisher nicht kannten. Die Beschreibung, die wir haben, passt gut auf Sie, Red River Joe. Und Ihre Vergangenheit war ja auch nicht gerade ein stiller See.“

„Da fragen Sie am besten Ihren Deputy, der weiß sicher mehr über mich als ich selbst“, spottete Joe.

Der Marshal schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte er sanft, „ich glaube, da weiß ich selbst schon eine ganze Menge. Sie haben eine Menge Herden nach Kansas getrieben, Herden aus Texas. Aber zuletzt hatten Sie einen ziemlich bösen Tanz in Dodge City, nicht wahr?“

„Möglich, aber außer Ruhestörung war selbst für Bat Masterson nichts drin.“

„Ich sehe das anders. Für mich ist es nämlich keine Ruhestörung, wenn man einen Saloon restlos in Trümmer legt, sieben Männer zusammenschlägt, dass sie noch nach Wochen im Bett liegen und dann noch einen Marshal reif für den Doc macht.“

„Der Marshal hätte sich nicht einmischen sollen. Ich sehe schon, dass alle Marshals dieser Erde geradezu verrückt darauf zu sein scheinen, sich in Dinge zu mischen, die sie nichts angehen, nur um

zu zeigen, was sie für große Kerle sind. Der Marshal in Dodge hieß übrigens Bassett, und ich hoffe, er wird sich recht lange an mich erinnern. Bat Masterson hatte ihm geraten, uns in Ruhe zu lassen, aber der neunmalkluge Bassett wusste es besser als sein Boss. Doc McCarthy hat ihn aber ganz gut zusammengeflickt.“

„Hier im Territorium Wyoming haben wir auch schon mit Ihnen Ärger gehabt“, erklärte Johnston. „Deshalb bin ich hier.“

„Bis jetzt verdächtigen Sie mich nur“, meinte Joe gelassen.

„Sie haben etwas vergessen, Red River Joe! Sie haben Fort Steele vergessen.“

Joe grinste. „Richtig, Sie meinen diesen Idioten, der meinen Jungs den Frachtlohn nicht auszahlen wollte, weil sieben Schuss Munition gefehlt haben. Sieben Schuss von fünfzehntausend.“

„Der Idiot, wie Sie ihn nennen, Red River Joe, war Captain Clark und Commander von Fort Steele. Und Sie haben ihn verprügelt und den Kassenführer dazu.“

„Richtig. Man hätte ihn ertränken sollen. Wir sind mit sieben Wagen über achthundert Meilen weit durch tausend Höllen gefahren, und dieser Skunk verweigert uns den Lohn, weil sieben Schuss Munition gefehlt haben. Außerdem wollte er uns nicht einmal zu essen geben. Die ganze Fortmannschaft hat sich gefreut, als Clark zwei blaue Augen hatte.“

„Die Armee findet das weniger komisch, Red River Joe. Sie hat Haftbefehl gegen Sie erlassen.“

„So? Das hat aber lange gedauert. Gegen meine Jungs auch?“

„Nein, nur gegen Sie. Ihre Männer sind ja wohl zurückgeritten nach Kansas oder gar bis Texas.“

„Hoffentlich. – Und was wollen Sie nun tun?“

„Ich werde Sie nicht festnehmen, Red River Joe. Ich werde stattdessen mit Ihnen das machen, was Sie so gerne mit anderen tun. Ich verprügle Sie, bis Sie so aussehen wie der Captain. – Rod, nimm meinen Gurt. Ich fange am besten schon hier mit ihm an!“

Mit zwei Griffen hatte Johnston den Waffengurt abgeschnallt und gab ihn dem hageren Deputy, der schräg hinter ihm stand.

Red River Joe hatte keine große Lust, sich mit diesem Marshal zu schlagen. Aber was sein musste, sollte eben sein. Er war noch nie einem Kampf aus dem Weg gegangen. Aber er fragte noch: „Wenn ich Sie aufs Kreuz lege, Johnston, dann fallen Ihre Deputys über mich her?“

„Nein, das werden sie nicht tun. Ich bin keine Ratte, Red River Joe. Ich bin Tob Johnston, und den Namen vergessen Sie gewiss nie mehr in Ihrem Leben.“

Dann kam er an. Joe hatte gerade den Waffengurt ab, da schoss Johnston schon eine Gerade auf ihn ab, der er eben noch ausweichen konnte. Er tänzelte zurück, prallte aber gegen ein Regal, und Johnston war schon vor ihm, um ihn festzunageln.

Ein Haken Johnstons kam mit der Schnelligkeit eines austretenden Pferdehufes. Joe zuckte zur Seite, erwischte aber den Schlag des Riesen noch am Ohr und war fast betäubt vor Schmerz. Doch da bot ihm Johnston das ungedeckte Gesicht.

Joe schlug mit beiden Fäusten zu, und er tat es in der festen Absicht, diesen Schlag zu einem raschen Schlusspunkt zu machen.

Johnston bekam beide Fäuste voll unter die Augen. Er flog zurück, sein Kopf wurde ins Genick geschleudert. Joe sprang nach, schlug aufs ungedeckte Kinn, und Johnston flog rücklings auf das Packregal. Er stieß es mit dem Rücken um, fiel zur Seite, war aber so schnell wieder auf den Beinen wie ein Bulle, wenn er am Lasso gefällt wurde und das Lasso sich lockert. Joe geriet regelrecht in das angezogene Knie hinein, als er vorsprang, um abermals zuzuschlagen. Der Stoß gegen den Unterleib an der empfindlichsten Stelle, die ein Mann hat, brachte Joe vor peitschenden Schmerzen fast um den Verstand. Er schrie unbewusst auf, torkelte zurück und nahm die Hände instinktiv nach unten.

Der offenbar gar keine Wirkung zeigende Hüne Johnston wirbelte vor, schlug auf Joes ungeschützte Kinnpartie und warf mit diesem Schlag Joe bis unter das Flaschenregal. Das Regal schwankte, und plötzlich polterte mehr als ein Dutzend Flaschen herab, zerschellte, und mit einem Mal stank es im Raum nach Kerosin.

Joe, der kaum noch wusste, wie ihm geschehen war und nur den rasenden Schmerz im Unterleib spürte, der nicht weichen wollte, hing apathisch an den Sparren des Regals. Es bot ihm wenigstens eine Stütze, sonst wäre er gefallen.

Die noch immer herabfallenden Flaschen hielten Johnston für Sekunden auf. Lange genug für Joe, der plötzlich wieder neue Kräfte spürte, dessen Schmerzen allmählich wichen und der mit einem Mal empfand wie ein angeschossener Tiger. Jetzt erst war Joe in der richtigen Kampfstimmung.

Sein Kinn war aufgeplatzt. Johnston schien einen Ring zu tragen, und der hatte Joes Haut aufgerissen. Dieser brennende Schmerz stachelte Joe auf.

Er schoss plötzlich nach vorn. Für Johnston kam das völlig unerwartet. Der Riese wollte ausweichen, aber Joe flog ihm förmlich mit dem Kopf gegen den Bauch. Das hatte die Wirkung einer Ramme.

Johnston wurde zurückgestoßen, prallte mit einem seiner Deputys zusammen, der nicht rechtzeitig ausweichen konnte, und beide Männer stürzten über einen Ballen Stoff.

Joe, nun erst richtig in Fahrt, schoss um den Ballen herum. Er kam bei Johnston an, als der sich gerade auf die Beine rappelte. Da traf den Marshal Joes Faust am Hals, dann die Linke auf die Nase, und ehe Johnston die Hände hochbekam, schlug Joe ein drittes Mal zu. Diesmal rutschte der Schlag zur Schulter ab, doch davon wurde Johnston herumgewirbelt und stürzte bäuchlings auf das ausgelaufene Öl und die zertrümmerten Flaschen.

Er brüllte auf wie ein Stier, als seine Hände und seine Brust in die Scherben gerieten.

Joe ließ ihm Zeit aufzustehen. Johnston sah gräulich aus. Überall waren Schnittwunden am Körper, und er blutete wie abgestochen. Aber das besagte bei diesem Manne nichts, und genau das war Joe klar. Johnston war darauf aus, ihn zu zertrümmern, und auf die Länge der Zeit würde ihm das womöglich gelingen. Joe hatte nicht diese urige Kraft wie der Hüne, vielleicht auch nicht das Stehvermögen und die körperliche Fähigkeit, solche harten Schläge einfach zu schlucken. Joe musste den Kampf rasch zu Ende bringen, wenn er nicht zum Krüppel geschlagen werden wollte, und dass Johnston genau das beabsichtigte, stand für Joe außer Zweifel.

Joe stieß sich ab und flog abermals gegen Johnston, diesmal aber mit angewinkelten Knien. Er traf Johnston auf dieselbe Art, wie der ihn vorhin erwischt hatte.

Johnston brüllte fürchterlich auf, schwankte und stürzte ein zweites Mal in die Scherben. Joe krallte die Hand in Johnstons Haar, riss ihm den Kopf zurück und schlug mit Vehemenz zu. Johnston kippte zur Seite und lag reglos in den Trümmern des Regals, der Flaschen und mancherlei anderer Dinge, die zuvor auf dem Regal gestanden hatten.

Joe sah die wie gelähmt starrenden Deputys an, wischte die Hände ab und sagte zum Storekeeper, der entsetzt auf das Durcheinander im Laden sah: „Die Rechnung dafür senden Sie am besten diesem Gentleman da. Er wollte es so haben.“ Dabei zeigte er auf Johnston.

Ohne sich noch um jemanden zu kümmern, nahm Joe seinen Gurt, schnallte ihn um und ergriff seinen Proviantsack. „Bezahlt hatte ich vorhin schon“, sagte er und stieg über Johnstons Beine hinweg.

„Moment mal!“, rief plötzlich jener hagere Deputy Marshal, den Joe schon von der Schmiede her kannte. „So kommen Sie nicht davon!“

Joe wandte sich um. Der Deputy hatte einen Revolver in der Hand, den er auf Joe gerichtet hielt.

„Also ist dieser Tob Johnston wohl doch eine Ratte?“, fragte Joe.

„Nein, aber Sie bleiben hier stehen, bis wir wissen, dass er noch lebt! Keine Bewegung. – Chris, sieh nach, was mit Tob ist!“

Ein anderer kauerte sich neben den Marshal, wischte ein paar Scherben beiseite und untersuchte den Bewusstlosen. Dann sagte er: „Er lebt, Rod, er atmet. Aber er ist mehr zerschnitten als eine mexikanische Pluderhose. Holt den Doc und helft mir noch, ihn aus diesem Öl zu ziehen!“

Der Deputy Rod Kingsman steckte den Revolver ein und knurrte widerwillig: „Verlassen Sie die Stadt, Red River Joe! Wenn Sie in fünfzehn Minuten noch hier sind, lasse ich auf Sie schießen!“

 

 

3

Zwei Tage später lagerte Red River Joe auf einer einmalig schönen Plattform, von der aus er weit hinunter in eine Schlucht sehen konnte. Außerdem hatte er von da aus einen Rundblick bis zum äußersten Horizont der Vorberge.

Schade, dachte er, wenn dieser Platz nicht so klein wäre, müsste man hier ein Haus bauen. Ihm kam es wie der schönste Fleck dieser Erde vor. Es duftete nach Tannennadeln, Moos und kühler Erde. Obgleich es jetzt kurz vor Mittag schon entsetzlich heiß war, fächelte hier oben auf dieser Plattform ein sanfter Wind ein wenig Kühle in Joes Gesicht.

Den Hengst hatte Joe sicherheitshalber etwas weiter hinten am Berg gelassen, weil er nicht wusste, ob das Tier nicht vor dem steilen Abgrund scheuen würde.

Das kleine Plateau, nicht größer als sechs mal sechs Männerschritte, befand sich direkt auf einer weit über die Schlucht springenden Felsnase. Unten in der Schlucht schlängelte sich ein Weg zum Pass, der gar nicht mehr weit entfernt war. Aber seit gestern Abend war kein Wagen mehr hier entlanggekommen. Auch kein Reiter.

Joe hatte nicht vorgehabt, länger hier zu warten, aber dieser herrliche Fleck, den er schon gestern Abend entdeckt hatte, gefiel ihm so, dass er sich hier von dem Kampf mit Johnston ausgiebig erholen wollte. Noch immer schmerzten seine Leisten, und auch die aufgeplatzten Knöchel waren noch nicht wieder abgeschwollen. Er massierte fast jede zweite Stunde seine Hände, auf deren Geschmeidigkeit er großen Wert legte. Es war dies eine schmerzhafte Prozedur, bei der er fluchte und ächzte, sie aber dennoch nicht unterließ.

Nun, dachte er, Johnston wird mich so schnell nicht vergessen. Und umgekehrt hat er es vorgehabt. Merkwürdig, überlegte er weiter, dass ich immer von einem Kummer in den nächsten gerate. Aber in Oregon soll sich das ändern. Ich will ein Stück Land kaufen, und dann wird ein neues Leben, ein sesshaftes, beginnen.

Er war fest dazu entschlossen. Geld genug hatte er ja gespart, und es befand sich in einem Geldgurt, direkt über den Leib geschnallt. Einen weiteren Teil seines Besitzes hatte er in die schweren Chaparals eingenäht, übrige Geldscheine zwischen dem Lederboden seiner Arbeitshose und dem Drillichstoff versteckt. Es waren gut achttausend Dollar, die er sich im Laufe vieler Herdentreiben und zuletzt bei der Fahrt mit Munition und Waffen für die Armee gespart hatte. Das war, so sagte er sich, ein prächtiger Start in Oregon.

Er genoss die Stille der Natur, sah den schwankenden Bussarden zu, die über den in der Schlucht stehenden Tannen segelten. Er hörte das Schreien eines Adlers und das ängstliche Gepiepse vieler kleiner Vögel, die den Greif fürchteten.

Die Luft wurde immer unerträglich heißer. Selbst die leichte Kühlung infolge des fächelnden Windes blieb mit der Zeit aus. Nichts regte sich mehr, und nun wurden auch die Vögel immer stiller.

Als sich Joe einmal zu Star hin umblickte, der am Hang graste, von wo aus das Plateau sich in die Schlucht hinein erstreckte, sah Joe die schwarze Wolkenwand. Sie schob sich kaum merklich über die Gipfel der gigantischen Wind River Mountains. Grellweiß leuchtete der Schnee auf dem Union Peak, einer der drei mächtigen Viertausender dieses Gebirges.

Zwei Dinge verrieten Joe die Gefahr. Einmal waren die Wolken an ihren Rändern schwefelgelb. Das bedeutete Hagel. Und zum Zweiten kam dieses Unwetter über die Berge hinweg. Dort würde es sich abkühlen, warme und kalte Luftmassen würden zusammenprallen, also gab es ein Gewitter. Gewitter in den Rocky Mountains waren kein Witz. Das hieß Wolkenbrüche, gefährliche Blitze, Lawinen, Sturmböen und womöglich im Gefolge selbst jetzt im Sommer mitunter auch jäh auftretende Schneegraupelschauer, die jeden Pfad binnen Sekunden in eine Eisbahn verwandelten.

Fluchend ging Joe auf sein Pferd zu, ergriff den Sattel und legte ihn dem unwillig schnaubenden Tier auf.

„Wir müssen weg, Alter, und das, so schnell uns die Füße tragen!“, raunte er dem Hengst zu.

 

 

4

Sie hatten Johnston in sein Bett gebracht, und der Arzt war noch damit beschäftigt, ihn zu verbinden und mit Desinficiens zu bepinseln, als der Marshal aufwachte.

„Liegen Sie ruhig“, sagte der Arzt. „Sie haben ganz schön eine abbekommen. Das ist eine Gehirnerschütterung.“

Johnston schielte nach Deputy Rod Kingsman, der als einziger von den Deputys mit im Zimmer war. Mehr als schielen konnte Johnston nicht, denn seine Augen begannen immer mehr zuzuschwellen. Auch sonst sah alles ziemlich übel aus, viel schlimmer, als es wirklich war. Und das schien auch Johnston selbst zu wissen.

„Gut“, knurrte er. „Heute Bett, morgen wieder Dienst. Dieser Bursche hat ziemlich gut gekämpft, wie?“

Kingsman nickte. „Zu gut, Tob.“

„Schön, morgen bin ich wieder fit.“

„In drei Wochen!“, widersprach der Arzt. „Sie müssen eine ganze Zeit ruhig liegen und …“

Johnston betastete seine unförmig aufgequollene Nase. „Ist was gebrochen?“

„Nein, nur Prellungen und … eigentlich nichts gebrochen. Die Gehirnerschütterung braucht dringend Ruhe.“

„Bekommt sie, wenn ich Zeit habe. – Rod, schaff den Doc hinaus! Ich brauche einen Whisky, und sonst ist alles all right. “

Der Arzt wollte protestieren, aber Rod Kingsman grollte: „Wenn wir Sie brauchen, holen wir Sie schon. Es ist gut, und Tob meint es auch nicht so. Danke, Doc!“

Der Arzt schimpfte noch auf dem Weg zur Tür. Dann waren Johnston und Kingsman allein.

Der um mehr als ein Jahrzehnt ältere Deputy betrachtete grinsend seinen Vorgesetzten. „Dein Anblick würde Red River Joe ziemlich erfreuen.“

„Hat er nichts mitbekommen?“, fragte Johnston mürrisch.

„Zu wenig, um sich aufhalten zu lassen. Er ist weg. Er hat dich weniger zugerichtet als die verdammten Flaschen. Deshalb siehst du so schlimm aus.“

„Er hat mir auch sonst ziemlich eine verpasst. Nun gut, irgendwann bekommt er es wieder.“

„Du hättest ihn verhaften sollen, Tob!“, meinte Kingsman.

„Ach was! Überlege doch: Er und seine Jungs bringen der Armee vierhundert Gewehre und fünfzehntausend Schuss Munition. Sie schleifen das Zeug über achthundert Meilen durch ein Gebiet, durch das sich die Armee nur mit fünfzig Mann starken Patrouillen traut. Überall dort sind noch immer versprengte Trupps der Sioux. Die sind auf Munition so scharf wie ein Rasiermesser. Am Little Big Horn haben sie zwar Custer erledigt, aber die Munition ist ihnen dabei auch draufgegangen. Nun suchen sie jedes Körnchen Pulver zusammen. – Durch dieses Gebiet hat Red River Joe die Wagen gebracht. Ich habe mir erzählen lassen, dass die Wagen gespickt voller Pfeile waren. Und da wagt es so ein Idiot von Offizier, ihm wegen fehlender sieben Schuss den Lohn für die Höllenfahrt zu verweigern. Was hättest du da getan?“

„Ich finde dich verrückt, Tob. Vorhin hast du Red River Joe fertigmachen wollen, weil er …“

Johnston hob die Hand. „Sicher, dieser Kerl macht Ärger, wohin er auch kommt. Aber sei doch mal ehrlich: Er ist ein Teufelsbraten. Er hat mir das Fell vermöbelt, dass ich noch in drei Wochen daran denke. Mann, soll ich ihn deshalb hassen? Ich werde mich wieder mit ihm prügeln, und das nächste Mal bekommt er sie von mir, ist doch klar. Aber ein toller Hund ist er trotzdem.“

„Du bist wirklich verrückt. Es gibt einen Haftbefehl, Tob, und du bist hier der Marshal.“

„Na und? Wegen der Fort Steele-Geschichte würde ich ihn nie festnehmen. Da hat er getan, was ich selbst ebenfalls gemacht haben würde. Was mir nur nicht gefällt, und das wollte ich aus ihm herausprügeln, das ist der Bankhit in Atlantic City. Das nämlich ist unklar. Er ist zwar vierzehn Tage schon von dort weg, das mag stimmen, aber er kann ebenso gut vor acht Tagen beim Hit auf die Bank dabei gewesen sein. Er und Brazos-Jim kennen sich, das hat er nicht geleugnet. Vielleicht haben sie das Ding gemeinsam gedreht.“

„Ich bin sogar sicher, das es so war“, meinte Kingsman.

„Sicher? Nein, das nicht. Er ist hier allein, aber …“

„Es würde mich nicht wundern“, unterbrach ihn Kingsman, „wenn die beiden anderen auch bald hier wären.“

„Brazos-Jim und Stewart Cobble?“

„Genau die“, erwiderte Kingsman.

 

 

5

Am nächsten Morgen ritten drei Reiter in die Stadt. Zunächst beachtete sie niemand. Da die Reiter aus Osten kamen, also nicht vom Pass her, waren sie an diesem Morgen sowieso im Gefolge eines großen Wagentrecks, der sich auf dem Weg zum Pass befand. Immer mehr Menschen trailten in Richtung Oregon, und der Sommer war die einzige Zeit, da die Pässe befahrbar waren.

Kingsman langweilte sich um diese Zeit im Marshal Office, und Johnston war dabei, seine unzähligen Schnittwunden mit einer Salbe zu beschmieren, die er nach einem indianischen Rezept angefertigt hatte und für einzigartig hielt.

Das war der Augenblick, da Kingsman die Tür öffnete und die drei Reiter sah. Er hatte keinen der drei je zuvor gesehen. Und doch stand ihre Beschreibung schlagartig vor seinen Augen. Er fragte sich, wie er bei Red River Joe glauben konnte, der könnte Brazos-Jim gewesen sein. Jetzt, wo er den Reiter dort auf dem mächtigen Rapphengst sah, da wusste er, wie Brazos-Jim in Wirklichkeit aussah. Das dort war er!

Auch auf den zweiten Mann passte die Beschreibung Stewart Cobbles so einzigartig, dass Kingsman sich fast einbildete, die beiden schon seit Jahren zu kennen.

Brazos-Jim war groß, größer als Red River Joe, hatte breite Schultern und wirkte eigentlich eher wie ein Rancher, der es zu etwas gebracht hatte. Seine Kleidung sah ordentlich aus, seine Waffen und der Gürtel verrieten – ebenso wie das Pferd – gewisse Wohlhabenheit. Auch stimmte das Alter. Brazos-Jim war Mitte der Vierzig, hatte eisgraue Haare und eine in langen Jahren des Lebens im Freien zerfurchte lederne Gesichtshaut.

Stewart Cobble wirkte völlig anders. Er war nicht nur ein Bandit, er sah auch so aus. Da er auf einem Auge blind war – man hatte es ihm vor Jahren durch einen Steinwurf verletzt –, schien er zu schielen. Das blinde Auge hatte eine weiße Pupille. Im Gegensatz zu Brazos-Jim war Cobble unrasiert, trug schmutzige Kleidung und wirkte, bis auf seinen wohl gepflegten Revolver, verkommen.

Der dritte Mann, das musste also der sein, für den Red River Joe von Johnston gehalten worden war. Dieser dritte Mann sah Red River Joe tatsächlich – bis aufs Gesicht – ähnlich. Dieselbe Gestalt, normale Cowboykleidung, Chaparals, die von den beiden anderen nicht getragen wurden, und ein braunes Pferd. Wer der Mann war, wussten die Behörden noch nicht.

Die drei Reiter sehen und reagieren, war bei Kingsman eins. Mit einem Satz, den niemand diesem nicht mehr jungen Deputy zugetraut hätte, sprang Kingsman ins Office zurück, flog förmlich zum Gewehrständer und riss eine Winchester heraus. Während er das tat, keuchte er: „Brazos-Jim und zwei seiner Burschen!“

Kingsman sprang wieder zur Tür, Johnston fuhr wie von der Tarantel gestochen hoch. Sein verpflasterter und gesalbter Oberkörper schwang herum. Dann sprang auch Johnston zum Gewehrständer, ohne die Schmerzen zu beachten, die durch seinen zermarterten Leib zuckten.

Kingsman stand in der Tür, und gerade waren die drei Reiter in gleicher Höhe, ohne überhaupt auf das Office zu blicken.

„Stopp!“, schrie Kingsman, riss das Gewehr an die Schulter und zielte.

Brazos-Jim parierte seinen Hengst. Cobble tat dasselbe etwas härter mit seinem Fuchswallach, und das Tier sank gleich auf die Hinterhand. Der dritte Mann reagierte überhaupt nicht, sondern ritt einfach weiter.

Da drückte Kingsman ab. Sein Schuss traf das Pferd. Der Braune brach wie vom Blitz gefällt zusammen. Sein Reiter stürzte ganz unglücklich in eine Wagenfurche, schrie schrill auf und blieb mit verrenktem Körper liegen.

Was jetzt kam, ging so schnell, dass Kingsman kaum alles verfolgen konnte.

Brazos-Jim hing plötzlich wie ein Comanche neben seinem Pferd, schoss unter dem Bauch des sich aufbäumenden Rappen hinweg auf die Tür des Office. Kingsman sprang zurück, während Johnston durch die Scheiben des Office auf Brazos-Jim schoss, ihn aber verfehlte, da der Rappe einen Satz nach vorn machte.

Überall waren Passanten auf den Gehsteigen. Unter anderem Diana Derrick, die junge Lehrerin, die seit Kurzem hier die Kinder unterrichtete. Sie trug einen Einkaufskorb in der Hand und stand wie erstarrt direkt vor dem Materialstore. Sie schien nicht eine Sekunde lang auf die Idee zu kommen, dass sie in höchster Gefahr schwebte. Ein Sprung durch die offene Ladentür hätte sie retten können. Aber ihr erging es offenbar wie dem Kaninchen, das vor einer Klapperschlange hockt. Sie stand wie angenagelt.

Und in diesem Augenblick hatte Cobble sie schon erspäht und handelte. Er trieb mit brutaler Wucht seinem Fuchswallach die Sporen in die Weichen, und der Fuchs schoss förmlich auf den Gehsteig zu. Da war Cobble schon neben Miss Derrick, beugte sich aus dem Sattel und hatte, ehe überhaupt jemand nur die Hand rührte, das Mädchen vor sich im Sattel.

Diana kreischte. Ihr blondes Haar flatterte. Das Gesicht war tiefrot vor Empörung und Angst. Sie schlug um sich, biss Cobble in die Hand, doch er presste sie fest an sich und schrie: „Ich bringe sie um, wenn noch ein Schuss fällt!“

Brazos-Jim tauchte wieder neben dem Pferd auf, setzte sich aufrecht in den Sattel und wendete sein Pferd.

„Er bringt sie um! Denkt daran!“, rief er und hielt neben dem gestürzten Partner an, saß ab, hob den ächzenden Mann auf und schob ihn in den Sattel. Dann löste er den Zügel eines am Hitchrack des Materialstores angebundenen Falben, setzte sich darauf und nahm seinen Rappen am Hanfstrick.

Cobble presste seinen Revolver in Diana Derricks Rücken. Das dreiundzwanzigjährige Mädchen hatte so etwas noch nie erlebt, nicht einmal davon gehört. Jetzt zitterte sie am ganzen Leib vor Entsetzen.

Die Menschen, die zusahen, rührten sich nicht. Wie gebannt starrten sie auf die Szene, und niemand wagte, nur nach der Waffe zu greifen. Die Männer fluchten, bissen sich die Lippen wund, aber keiner wollte das Leben des Mädchens aufs Spiel setzen. Auch Johnston und Kingsman nicht.

Ungehindert jagten Brazos-Jim, Cobble und jener verletzte dritte Bandit mit der Geisel aus der Stadt. Diana Derrick schrie vor Angst, und doch konnte ihr niemand helfen, der sie nicht gleichzeitig damit umbringen wollte.

Johnston, noch vom Kampf mit Red River Joe angeschlagen, stürzte auf die Straße und brüllte: „Ein Aufgebot! Wer mitkommt, auf die Pferde!“

Kingsman rannte schon japsend nach seinem Pferd, aber dann musste er doch langsamer gehen, denn sein Rheuma plagte ihn seit dem Morgen wieder, und da lähmte ihn fast der Schmerz im rechten Bein bis zur Hüfte. Er humpelte und zog sich dann mühsam den Sattel vom Bock.

Als Kingsman endlich sein Pferd fertig hatte und aufsaß, raste das Aufgebot schon aus der Stadt. Allen voran Johnston, der sich einen Deut daran störte, was die Männer hinter ihm über seine geschwollenen Augen und das zerschnittene Gesicht dachten.

Kingsman fluchte, weil er jetzt schon abgehängt worden war. Und er wusste, dass er mit seinem rheumatischen Bein auch keinen schnellen Ritt über eine längere Strecke durchhalten würde.

Als er der Posse folgte, holte ihn ein Reiter auf einem Schecken ein. Kingsman blickte zur Seite und erkannte Jack Derrick, Dianas Bruder. Der Junge schien außer Rand und Band zu sein. Im Blick des sommersprossigen Vierzehnjährigen stand nackte Verzweiflung. Er sah Kingsman an und schrie: „Ich muss sie finden. Ich muss sie retten!“

„Kehr um, Junge, kehr um!“, riet Kingsman väterlich, aber der Junge war schon vorbei.

Kingsman trieb fluchend sein Pferd an, um den Jungen einzuholen. Er musste den Jungen zur Umkehr bringen. Kinder hatten bei einer Banditenverfolgung nichts zu suchen, sagte er sich. Aber er kannte Jack Derrick nicht.

 

 

6

„Ein Glück, dass du die Berge kennst“, sagte Brazos-Jim zu Cobble und sah von dem schmalen Felspfad hinab in das von hohen Tannen bestandene Tal. „Haben wir sie abgehängt?“

„Ich denke schon. Aber Mac geht es verflucht mies“, erwiderte Cobble. „Ich meine, wir müssen die ganze Nacht über hier rasten. Sie werden uns so leicht nicht finden.“

Brazos-Jim nickte nur und wandte sich dem Mädchen zu, das an einem Felsquader lehnte und wie verloren an sich hinabsah.

„Ihnen passiert nicht das Geringste, Miss“, sagte Brazos-Jim. „Aber wir hatten keine andere Wahl. Bis Idaho müssen wir Sie mitnehmen. In Idaho gelten die hiesigen Gesetze nicht mehr.“

Diana Derrick schaute ihn an, sagte aber nichts. Ihr infolge der Strapazen blasses Gesicht glich dem eines Erzengels. Brazos-Jim bemerkte diese Schönheit der ebenmäßigen Gesichtszüge, und er war viel zu viel Mann, um nicht festzustellen, dass ihr grünes Baumwollkleid zwar alles verhüllte und doch sehr viel verriet. Diana war das, was ein Mann ein göttlich schönes Weib nennt.

Cobble schien ähnliche Gedanken zu haben, denn er sagte scherzend: „Wir werden Ihnen bestimmt nichts tun, was Ihnen weh tut, Miss. Im Gegenteil, ganz im Gegenteil“, fügte er hinzu und meckerte wie ein Ziegenbock über die Zweideutigkeit seiner Bemerkung.

Brazos-Jim sah ihn in plötzlichem Ernst an. „Nichts da! Wir haben ein Ziel, und das geht vor! Keine Geschichten, Stew! Sieh mal nach Mac!“

Mac lag auf dem Rücken. Er hatte furchtbare Schmerzen an der Hüfte, die mitunter bis zum Herzen ausstrahlten. Etwas war mit dem Becken. Der Bauch Mac O’Neills war aufgedunsen, und überall im ganzen Unterleib hatte O’Neill Schmerzen, wenn man ihn nur berührte.

Brazos-Jim vermutete, dass O’Neills Becken gebrochen war. Aber es war nicht Brazos-Jims Art, einen Mann zurückzulassen. Solange Mac lebte, sollte er mitgenommen werden. Es sei denn, er wollte selbst nicht mehr.

Das Schlimmste für Mac war, dass ihn nicht einmal eine Bewusstlosigkeit von diesen Schmerzen erlöste. Im Gegenteil, Mac war seit seinem Sturz völlig klar und empfand die höllischen Schmerzen in vollem Umfang.

Cobble kam zu Brazos-Jim zurück. „Er muss einen Doc haben, Jim. Wir können ihn in diesem Zustand nicht mit durch die Berge schleppen.“

„In Idaho gibt es Docs genug. Er muss bis dahin. Wenn sie ihn hier gesundpflegen, dann nur, um ihn anschließend aufzuhängen. Nein, Stew, wir müssen ihn mitnehmen. Er wird es schon schaffen.“

Cobble deutete mit dem Kopf auf Diana Derrick. „Ganz nette Biene, was?“

„Hör auf, Stew, mit solchen Gedanken dürfen wir uns jetzt nicht abgeben. Du weißt so gut wie ich, dass dieses Aufgebot auch die Berge kennen wird. Und es sind immerhin fast dreißig Mann. Sie haben keinen Verwundeten mitzuschleppen wie wir. Ich bin froh, dass wir sie zunächst abgehängt haben.“

„Das kannst du auf mein Konto buchen, Jim“, meinte Cobble prahlerisch. Er blickte in die Runde. „Was mir verdammt nicht gefällt, ist das Wetter. Diese dünnen Wolkenstreifen da über den Bergen, weißt du, was das heißt?“

„Nein.“

„Aufsteigende heiße Luft. Ich wette, morgen haben wir ein niedliches Gewitter. Wenn das Mädchen und Mac nicht wären, würde ich noch jetzt weiterziehen, um die Berge hinter mich zu bekommen.“

„Du wirst im Gewitter nicht gleich aufweichen, Stew“, spottete Brazos-Jim.

Cobble knurrte: „Dann hoffe ich nur, dass du nicht erlebst, wie ein Gewitter hier oben in den Rockys sein kann. – Nun gut, bleiben wir also hier. Der Platz ist gut. Ich werde jetzt einmal etwas mit unserer Lady plaudern.“

„Lass sie zufrieden!“, brummte Brazos-Jim mürrisch. „Du hast gehört, was ich vorhin gesagt habe.“

Cobble lachte geringschätzig. „Du kommst mir vor wie eine englische Gouvernante. Oder wie ein Erzengel. Wo ist eigentlich der Heiligenschein, he?“ Er lachte noch einmal glucksend.

Mac stöhnte: „Ihr lacht, und ich gehe kaputt vor Schmerzen.“

Cobble zuckte nur die Schultern, während Brazos-Jim zu Mac ging und sich neben ihn setzte.

Cobble aber schlenderte zu Miss Derrick hinüber, die noch immer an diesem Felsquader lehnte und Cobble wie ein wildes Tier musterte.

Der Bandit rieb sich übers Stoppelkinn. Es kam ihm dabei der Gedanke, dass er mit einem Stoppelbart nicht sehr anziehend zu wirken schien. Er bemerkte deutlich die Abscheu in Diana Derricks Augen.

Doch seine unbekümmerte Art ließ ihn das wieder vergessen. „Dass Sie Derrick heißen, haben Sie uns schon erzählt. Aber wie ist Ihr Vorname?“, fragte er.

Sie sagte es ihm, und er schnalzte mit der Zunge. „Hmm, klingt herrlich. Passt direkt zu Ihnen. Was machen Sie in Holdford?“

„Ich bin die Lehrerin“, erwiderte sie ruhig.

Sie hatte eine dunkle Stimme, die ihn aufreizte. Er hatte seit Wochen keine Frau mehr in den Armen gehalten und spürte, wie das Verlangen immer größer wurde, dieses traumhaft schöne Mädchen zu besitzen. Er konnte sich nicht erinnern, jemals ein so ebenmäßig hübsches Mädchen gesehen zu haben. Sie war so ganz anders, diese Diana Derrick. Nicht aufgepulvert und aufgedonnert wie die Mädchen in den Saloons. Auch nicht so auf Reiz gemacht. Sie wirkte ganz natürlich, und doch hatte sie etwas an sich, das einen Mann verrückt nach ihr machen musste. So ähnlich dachte Cobble in diesem Augenblick, und wieder betrachtete er sie auf seine unverfrorene Art. Er grinste und sah ihr ins Gesicht, aber sie wurde nicht rot wie andere Mädchen, die aus sogenanntem anständigem Hause kamen.

„Ich gefalle Ihnen nicht, wie?“, brummte er und grinste wieder.

Sie schien durch ihn hindurchzublicken. „Ich habe darüber noch nicht nachgedacht“, sagte sie kühl.

„Na hören Sie mal!“ Cobble lachte albern. „Immerhin bin ich ein Mann!“

„So?“, fragte sie spitz, und jetzt war es Cobble, der dunkelrot anlief vor Wut

„He, etwa nicht?“, fauchte er sie an.

Sie blieb so gleichgültig, als sei von den Merkmalen einer indischen Schlange die Rede. „Vielleicht schon, aber zählen Sie sich selbst zu den Menschen?“, fragte sie gelassen.

Cobble schnappte nach Luft. Diana Derrick verzog keine Miene.

„Ich habe noch nie eine Frau geschlagen“, keuchte Cobble, „aber Ihnen möchte ich dafür am liebsten eine ’runterhauen!“

„Tun Sie es doch. Es passt zu Ihnen“, entgegnete sie ruhig.

Ihre gewählte Sprache, ihre dunkle Stimme und die herablassende Art brachten Cobble fast um den Verstand. Er spürte, dass er hier mit seinem Latein am Ende war. Diese Frau fühlte sich ihm geistig hoch überlegen und ließ es ihn sehr deutlich merken. Doch gerade das konnte und wollte Cobble nicht zugeben.

„He, du denkst wohl, so könnte man mit mir fertig werden? Aber da, nimm meine Antwort, kleines Biest!“ Er packte sie blitzschnell an den Schultern, fasste mit der Linken ihren blonden Haarschopf und küsste sie mit brutaler Gewalt, der sie einfach nicht gewachsen war. Sie stieß mit dem Knie nach seinem Unterleib, aber er wich aus, ohne sie dabei loszulassen. Dann aber stieß er sie mit einem Aufbrüllen von sich und presste die rechte Hand auf die Lippen.

Als er die Hand wegnahm und sie anstarrte, sah er das Blut. „Verfluchtes Weibsstück, so zu beißen!“

Er wollte ihr nachlaufen, doch sie floh. Brazos-Jim sprang ihr in den Weg, packte sie und sagte barsch: „Hiergeblieben! – Und du, Stew, bekommst von mir ein spitzes Stück Blei zwischen die Rippen, wenn du sie noch einmal anrührst! – Setzen Sie sich vor den Felsen, Miss“, sagte er zu Diana und ließ sie los. „Er wird das nicht noch einmal tun. Es tut mir leid.“

„Wenn es Ihnen leid tut, dann lassen Sie mich gehen“, erwiderte sie heftig.

„Nichts zu machen, Miss. Ohne Sie haben wir um fünfzig Prozent geringere Chancen, über die Grenze zu kommen. Ich verspreche Ihnen, dass Sie direkt hinter der Grenze freigelassen werden. Setzen Sie sich jetzt an den Felsen dort.“

Sie gehorchte und wischte sich das Gesicht mit einem Taschentuch ab. Der Ekel stand ihr im Gesicht dabei.

„Ich kriege dich noch, Baby!“, rief Cobble. „Aus der Hand wirst du mir noch fressen, du kleine Katze.“

„Hör mit dem Unsinn auf!“, schnauzte ihn Brazos-Jim an. „Wir haben verdammt andere Sorgen!“

„Ach, quatsch doch nicht so blöde. Immer spielst du dich auf wie ein Apostel. Ich bin Stewart Cobble, und ich bin, verflucht noch mal, kein kleines Kind! Kümmere dich um dich und Mac. Da hast du genug zu tun. Bist du vielleicht der Vater von diesem Mädchen? Was geht dich an, was ich mit ihr tue?“

Details

Seiten
124
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935080
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v510131
Schlagworte
freundschaft hass

Autor

Zurück

Titel: Aus Freundschaft wurde Hass