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Die Jackpot-Lady

2019 125 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Jackpot-Lady

Copyright

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Die Jackpot-Lady

Roman von Frank Rehfeld

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 125 Taschenbuchseiten.

 

Die Trucker Bob Washburn und Jim Sherman benötigen eine Fracht für die Rücktour, denn sie wollen nicht leer fahren. In letzter Sekunde bekommen sie noch einen Auftrag. Aber mit diesem scheint etwas nicht zu stimmen. Der Trucker, der diese Tour fahren sollte, wird tot aufgefunden. Jim und Bob lauert man auf und schlägt auf sie ein. Irgendjemand will verhindern, dass diese beiden Trucker die Tour übernehmen ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Pete Corner hatte Angst. Er presste sich eng an eine Wand, atmete keuchend die kühle Nachtluft und lauschte. Leise, scharrende Schritte waren zu hören. Seine Verfolger waren ganz in der Nähe.

Etwas streifte Petes Bein. Nur mit Mühe unterdrückte er einen Aufschrei. Gerade noch rechtzeitig erkannte er, dass es sich nur um eine Katze handelte. Er trat nach dem Tier, nicht um es zu treffen, sondern um es zu verscheuchen. Die Katze fauchte, machte einen Buckel und verschwand. Im gleichen Moment entdeckte Pete Corner die Umrisse eines der Verfolger, der kaum ein Dutzend Schritte von ihm entfernt durch die Nacht schlich.

Pete wagte kaum zu atmen. Er trug dunkle Kleidung und verschmolz fast vollständig mit der kleinen Mauernische, in der er sich verborgen hielt. Noch schien der Verfolger ihn nicht entdeckt zu haben. Trotzdem wusste Pete, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis man ihn fand. Die vier Männer, die hinter ihm her waren, verstanden sich auf solche Aufträge. Es waren knallharte Profis. Wenn sie ihn erwischten, hatte er keine Chance.

Aber die hatte er auch so kaum noch, wie er nur zu gut wusste. Er verfluchte sich für seine Gier und Unvorsichtigkeit. Er hätte die zwanzigtausend Dollar akzeptieren sollen. Zwanzig Riesen bar und steuerfrei auf die Hand waren nicht zu verachten, nebenbei noch den normalen Lohn für die Tour. Von dem Geld hätte er nicht nur die Raten für seinen Bankkredit, sondern auch einige längst überfällige Reparaturen an seinem Truck bezahlen können. Stattdessen hatte er die Chance gewittert, noch wesentlich mehr Geld herauszuschlagen. Er hatte damit gedroht, den Coup platzen zu lassen, wenn er nicht das Doppelte bekam. Da es insgesamt um viele Millionen ging, war ihm dies nur fair gewesen. Bei der Größe des Coups fielen weitere zwanzig Riesen kaum ins Gewicht. Für ihn jedoch stellten sie ein kleines Vermögen dar.

Aber er hätte wissen müssen, dass man einem Mann wie Baltimore nicht ungestraft drohte. Anstelle des Mannes mit dem Geldkoffer waren die vier Schläger aufgetaucht. Pete wusste, dass er nicht mehr länger hierbleiben konnte. Er musste raus aus der Stadt. In Las Vegas gab es für ihn keine Zukunft mehr.

Eine Möglichkeit wäre es, sich an die Polizei zu wenden. Er besaß jedoch keine Beweise, und er glaubte auch nicht, dass die Polizei ihn schützen konnte. Für den Rest seines Lebens müsste er in Angst vor Baltimores Rache leben. Oder er konnte sich an einen der Casino-Besitzer wenden und ihm von dem Plan erzählen. Die Casinos von Las Vegas befanden sich zu einem beachtlichen Teil in der Hand der Mafia, die von Anfang an maßgeblich daran beteiligt gewesen war, dieses Glücksspielparadies überhaupt erst zu erbauen.

Die Mafia wäre eher in der Lage, ihn zu schützen, und vielleicht würde sie sich für den Tipp sogar als großzügig erweisen. Im Grunde, so wusste Pete, würde er damit aber nur ein Übel gegen ein anderes eintauschen. Er wollte nicht aus dem Regen, nur um dann in die Jauche zu geraten.

Nein, seine einzige Chance war es, aus der Stadt zu verschwinden. Es würde nicht ganz leicht werden, Sheila klarzumachen, warum er so überstürzt aufbrechen musste. Sie würde ihm Vorhaltungen machen, wenn sie die Wahrheit erfuhr, aber sie liebte ihn, und er war ziemlich sicher, dass sie mit ihm kommen würde.

Am besten verschwanden sie irgendwo an die Ostküste, um dort für eine Weile unterzutauchen. Wenn er nichts verriet und der Coup reibungslos stattfand, würde Baltimore das hoffentlich als Zeichen seines guten Willens werten und ihn unbehelligt lassen.

Pete verließ die kleine Nische. Er befand sich in einem heruntergekommenen, nahezu vergessenen Teil der Stadt, ganz im Osten, fast am Rande der Wüste, die Las Vegas umgab. Hier gab es nur alte Schuppen und ein paar Lagerhallen. Alte Fassadenverkleidungen und anderes Material aus der Gründerzeit der Casinos lagen hier überall herum. Es war wenig mehr als eine Müllhalde.

Vorsichtig schlich Pete zwischen den Schuppen hindurch. Er bog um eine Ecke - und sah sich unvermittelt einem seiner Verfolger gegenüber, einem bulligen, gedrungenen Mann, dessen Gesicht. unter seinem breitkrempigen Hut in der Dunkelheit kaum zu erkennen war. Der Mann war von diesem Zusammentreffen ebenfalls völlig überrascht. Es gelang Pete, seinen Schrecken einen Sekundenbruchteil früher als sein Gegenüber zu überwinden. Er war ebenfalls kein Schwächling und verstand sich seiner Haut zu wehren. Mit dem Mut der Verzweiflung stürzte er vor und versetzte seinem Gegner einen wuchtigen Stoß, der diesen in einen Stapel alter Leuchtreklamen katapultierte. Mit lautem Krachen brachen sie zusammen. Der Gangster verfing sich in den Streben und Kabeln und war für den Moment mattgesetzt. Der Lärm aber war weithin zu hören und würde die anderen anlocken.

Pete begann zu rennen. Er bemühte sich erst gar nicht mehr, leise zu sein. Jetzt kam es nur noch auf Schnelligkeit an. Auch seine Verfolger gaben jede Zurückhaltung auf. Rufe hallten durch die Nacht. Die Kerle versuchten ihn zu umzingeln.

Pete hetzte zwischen den Schuppen hindurch. Als er über die Schulter zurückblickte, entdeckte er einen der Verfolger nur ein paar Dutzend Yards hinter sich. Jeden Moment rechnete er damit, Schüsse zu hören, aber das Bleigewitter blieb aus. Anscheinend legten die Mistkerle Wert darauf, ihn lebend in die Finger zu bekommen. Vielleicht wollte sich Baltimore das Vergnügen nicht nehmen lassen, ihn eigenständig zu erledigen.

Trotz der heftigen Seitenstiche, die ihn peinigten, steigerte Pete sein Tempo noch. Seine Lunge brannte. Er war nicht in besonders guter körperlicher Form. Zu viele Stunden hinter dem Lenkrad, zu viel Bier und zu viele Zigaretten waren der Kondition nicht gerade förderlich. Jetzt bedauerte Pete Carner jeden einzelnen Lungenzug, den er jemals in seinem Leben gemacht hatte.

Vor ihm tauchte eine Mauer auf. Pete sprang in die Höhe. Er bekam die Mauerkrone zu packen, zog sich mit der Kraft der Verzweiflung hinauf und sprang auf der anderen Seite zu Boden. Erst jetzt schaute er sich um, wohin er geraten war.

Er befand sich auf einem Schrottplatz. Zerbeulte, rostige Autowracks türmten sich mehrfach übereinandergestapelt vor ihm auf. Pete rannte zwischen den Reihen hindurch. Hier gab es mehr als genug Verstecke für ihn, er hatte wieder eine realistische Chance.

In einem der untersten Autowracks wäre er zu leicht zu entdecken gewesen, deshalb musste er sich in einem der oberen verbergen, die sich nicht ohne weiteres einsehen ließen. Seine Verfolger würden Tage brauchen, um den gesamten Autofriedhof nach ihm abzusuchen, und soviel Zeit würden sie schwerlich an ihn verschwenden. Er musste sich nur für ein paar Stunden irgendwo versteckt halten, bis sie die Jagd aufgaben.

Pete entschied sich für einen Stapel von vier Wagen, deren rostige Kadaver aufeinander getürmt waren. Die Tür auf der Fahrerseite des untersten, einem Chrysler, war ein Stück aufgesprungen und eignete sich als Trittleiter. Pete hielt sich an dem zweiten Wagen fest, setzte einen Fuß in das glaslose Türfenster des Chrysler und zog sich in die Höhe. Als er mit dem Fuß auf der Tür festen Halt hatte, griff er nach dem unteren Karosserierahmen des Cadillac, der als dritter Wagen in dem Stapel stand. Das Wrack hatte keinen allzu sicheren Halt, es schwankte leicht.

Pete überlegte, ob er sich ein anderes Versteck suchen sollte, aber dazu blieb ihm nicht mehr die Zeit. Die Rufe und Schritte seiner Verfolger waren bereits wieder deutlich zu hören.

Er zog sich an dem Cadillac in die Höhe, als plötzlich mit lautem Krachen die Tür des Chrysler aus den durchgerosteten Scharnieren brach. Mit einem Mal hing Pete mit seinem gesamten Gewicht an der Seitenfront des Cadillac. Knirschend verrutschte der Wagen weiter in seiner Position. Die Räder glitten von dem Dach des zweiten Wagens, die gesamte Konstruktion begann zu schwanken.

Pete erkannte die Gefahr. Er ließ den Cadillac los und sprang auf den Boden zurück, doch es war bereits zu spät. Diese Gleichgewichtsverlagerung war endgültig zu viel für das oberste Wrack.

Wie gelähmt vor Schrecken sah Pete Carner, wie es den Halt verlor und einem gewaltigen düsteren Schatten gleich auf ihn herabstürzte. Er starb so schnell, dass er nicht einmal mehr spürte, wie sein Körper von dem Autowrack zermalmt wurde.

 

 

2

„Ihr verdammten Idioten!“ Unbeherrscht schlug George Baltimore mit der Faust auf seinen Schreibtisch. „Ihr habt die ganze Sache vermasselt!“

Baltimore war ein großer, schlanker Mann mit leicht gewelltem, braunem Haar und einem Gesicht, das von seiner schmalen Nase und den stechend blickenden Augen dominiert wurde. Sein energisch vorstehendes Kinn deutete an, welche Tatkraft, aber auch Rücksichtslosigkeit in dem Enddreißiger schlummerten.

„Tut uns leid, Boss“, murmelte einer der anderen vier Männer, die in seinem Büro vor dem Schreibtisch standen. Jeder der vier war ein durchtrainierter Schläger und hätte Baltimore mit nur einer Hand mühelos fertigmachen können, aber jetzt zuckten sie bei jedem seiner Worte zusammen. Sie standen mit unterwürfig gesenkten Köpfen vor ihm, wie kleine Schulkinder, die vom Direktor beim heimlichen Rauchen ertappt worden waren.

„Tut uns leid“, äffte Baltimore die Entschuldigung nach. „Mir tut es auch leid, sogar ganz verdammt leid, das könnt ihr mir glauben. Ihr solltet Garner eine ordentliche Abreibung verpassen, um ihm die Flausen aus dem Kopf zu prügeln. Ein paar Drohungen zur Einschüchterung, einige Schläge, die ihm wehtun, ihn aber nicht am Fahren hindern, das war euer Auftrag. Und was macht ihr? Ihr bringt Carner um!“

„Es war nicht unsere Schuld, Boss“, behauptete einer der Schläger. „Er hat versucht, sich auf dem Schrottplatz zu verstecken, und eines der Autos ist auf ihn gestürzt. Wir hatten nichts damit zu tun.“

„Gerade davon spreche ich ja!“, brüllte Baltimore. „Ihr hattet nichts damit zu tun, weil der Mistkerl euch entwischt ist. Er hätte erst gar nicht zu diesem Schrottplatz kommen dürfen. Viel hätte nicht gefehlt, und er wäre euch ganz entwischt. Hätte er bei der Polizei nur ein falsches Wort gesagt, wäre der gesamte Coup wegen eurer Unfähigkeit geplatzt. Ich denke, ihr seid Profis?“ Er atmete ein paarmal tief durch und zwang sich zur Ruhe. „Wenigstens dürfte sein Tod keinen Verdacht erwecken. Die Polizei wird sich fragen, was Carner auf dem Schrottplatz wollte, aber es deuten keine Spuren zu uns.“

„Wir besorgen uns einfach einen anderen Fahrer“, sagte einer der Schläger. „Trucker gibt es doch wie Sand am Meer. Da sind auch genügend schwarze Schafe drunter.“

„Und wie soll ich bis morgen einen geeigneten Ersatz finden?“, polterte Baltimore erneut los. „Durch euch wird meine gesamte Planung über den Haufen geworfen. Es hat mich Wochen der Vorbereitung gekostet, die richtigen Leute auszuwählen und dafür zu sorgen, dass genau sie diesen Transport durchführen. Ich habe über diese Tour nun mal nicht zu bestimmen. Magic Lightning stellt die Fahrer an. Jetzt werden die einen Ersatz anheuern, ohne dass ich in der kurzen Zeit noch Einfluss darauf nehmen kann. Wenn die uns einen ehrlichen Trucker in den Konvoi setzen, ist das ganze Unternehmen gefährdet, und das nur, weil ihr Penner unfähig seid, einen ganz simplen Auftrag auszuführen.“

„Aber …!“

„Kein Aber!“ Baltimore wedelte mit der Hand, als wollte er ein paar Fliegen verscheuchen. „Los, macht, dass ihr mir aus den Augen kommt! Ich muss zusehen, wie ich den Schaden einigermaßen in Grenzen halten kann.“

Wie geprügelte Hunde schlichen die vier Männer aus dem Büro.

 

 

3

„Ich muss was an den Trommelfellen haben“, brummte Bob Washburn missmutig. Er beugte sich vor und legte demonstrativ eine Hand wie eine Muschel hinter sein linkes Ohr. „Sag das noch mal, Harvey! Habe ich da gerade wirklich was von geplatzt gehört?“

Harvey Benson nickte.

„Du hast mich schon richtig verstanden, Bob“, erklärte er bedauernd. „Tut mir wirklich leid, aber daran sind die Betreiber von Dead-Dog-Records ganz allein schuld. Der Laden ist heute Morgen von der Polizei und der Steuerbehörde dichtgemacht worden. Da läuft nichts mehr, und damit fällt die Tour für euch ins Wasser. Ich kann auch nichts dafür.“

„Scheiße!“ Bob verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen. „Hätten die nicht wenigstens noch bis morgen warten können?“

„Das Schweppes-Gesicht, der Ausdruck totaler Frische“, scherzte Harvey. „Aber im Ernst. Die Firma hatte massig Dreck am Stecken. Steuerhinterziehung in Millionenhöhe, und ihre Künstler haben die Leute auch gewaltig übers Ohr gehauen. Einen beachtlichen Teil ihrer CDs haben die illegal gepresst und dann auf allen möglichen Umwegen im Ausland verscherbelt. Keine Steuern, keine Tantiemen, ein Bombengeschäft. Wenn ihr mich fragt, bin ich sogar heilfroh, dass man den Kerlen endlich das Handwerk gelegt hat.“

„Schön und gut“, mischte sich Jim Sherman ein. „Oder vielmehr das Gegenteil. Tatsache ist jedenfalls, dass wir jetzt ohne Anschlussfracht dastehen.“

„Was natürlich äußerst übel ist, unter einem gewissen Aspekt aber vielleicht auch ganz gut“, entgegnete Harvey Benson. „Wenn die Polizei der Firma morgen erst auf den Pelz gerückt wäre, wäret ihr vielleicht in die ganze Sache noch mit verstrickt worden. Mitwisserschaft, Beteiligung an kriminellen Aktionen oder irgend so was. Ihr wisst ja, wie die Mühlen des Gesetzes manchmal mahlen: Höllisch langsam und in ziemlich komischen Bahnen.“

„Wir platzen fast vor Begeisterung, dass uns dieses Schicksal erspart geblieben ist“, stieß Bob hervor. „Aber das ändert alles nichts daran, dass wir jetzt keinen Anschlussauftrag mehr haben.“ „Schon die Fahrt hierher war nicht besonders lukrativ“, ergänzte Jim. „Wir sind überhaupt nur gekommen, weil der Anschlussauftrag ziemlich interessant klang.“

„Deshalb habe ich ihn euch ja vermittelt. Zwanzig Tonnen Compact-Disks als Terminfracht von Vegas nach New York, und dazu noch eine saftige Prämie. Ich hab’ schon mehrere solche Geschäfte für Dead-Dog-Records vermittelt, und bislang ist alles glattgegangen. Aber bei den hohen Prämien, die die Jungs zahlten, habe ich schon immer das Gefühl gehabt, als wäre da irgendwas nicht ganz koscher.“

Jim und Bob kannten Benson schon lange, und sie hatten sich längst daran gewöhnt, dass er aufs Stichwort wie ein Wasserfall losplapperte. Der etwas dickliche Mann mit dem schütteren Haar betrieb eine kleine, unabhängige Frachtagentur in Las Vegas, und sie hatten schon mehrfach Aufträge von ihm vermittelt bekommen. Er arbeitete fair, normalerweise konnte man sich bei ihm darauf verlassen, dass er Zusagen einhielt. Heute war dies zum ersten Mal nicht der Fall, und unter den gegebenen Umständen traf ihn keine Schuld daran.

„Dann gib uns etwas anderes“, drängte Jim. „Es wird doch wohl irgendeine Fracht zu bekommen sein.“

Harvey Benson seufzte.

„Ich wünschte, es wäre so und ich könnte euch helfen. Aber momentan kommen kaum Aufträge rein, und die habe ich bereits Kollegen von euch fest zugesagt. Die kann ich jetzt nicht hängenlassen, um euch zu helfen. Das werdet ihr wohl verstehen.“

Jim nickte. Er war nicht besonders scharf darauf, anderen Truckern die Aufträge abzujagen. Es gab einige schwarze Schafe, die sich auf so etwas geradezu spezialisiert hatten, aber das war eine ziemlich miese Tour, und meistens wurden diese Trucker von den anderen geschnitten.

„Aber irgendetwas muss geschehen“, bohrte Bob nach. „Du weißt, wie wir als freie Trucker unter Druck stehen. Wir können es uns nicht leisten, leer zurückzufahren oder tagelang hier herumzuhängen und zu warten. Irgendwo muss es doch eine Fracht geben. Wenn nicht direkt hier in Vegas, dann wenigstens irgendwo in der Nähe. Notfalls müssen wir eben hundert Meilen oder so fahren. Das wäre immer noch besser als nichts.“

„Aber wenn ich euch doch sage, dass ich nichts habe! Ich kann Aufträge schließlich auch nicht aus dem Ärmel schütteln. Sollte sich in den nächsten Stunden noch kurzfristig etwas ergeben, bin ich am Ball. Mehr kann ich euch im Moment nicht versprechen.“

„Immerhin etwas“, stellte Jim fest. „Ich hoffe, es klappt. Wir melden uns wieder. Und vielen Dank für deine Bemühungen.“

Die beiden Trucker verließen das Frachtbüro und schlenderten auf den feuerroten Kenworth W 900 Conventional zu, der momentan als einziges Fahrzeug auf dem Hof stand. Bob zwängte sich hinter das Lenkrad, während Jim auf dem Shotgunsitz Platz nahm.

„Das hat uns gerade noch gefehlt“, brummte Bob „Wenn das mal nur nicht der Anfang einer dieser wundervollen Pechsträhnen ist.“ Er drehte den Zündschlüssel. Die 450 PS des Caterpillar- Motors dröhnten auf. Bob legte den dritten Gang ein, doch als er gerade das Gas geben wollte, legte Jim ihm die Hand auf den Arm.

„Warte mal einen Moment“, sagte er und deutete auf den Eingang des Frachtbüros, wo Harvey Benson stand und mit beiden Armen winkte. „Sieht ganz so aus, als ob Harvey was von uns will.“ Bob drehte das Fenster herunter und beugte sich hinaus.

„Was ist denn los?“

„Kommt noch mal zurück!“, rief Benson ihnen zu. „Ich habe was für euch.“

„Na also.“ Jim grinste. „Du mit deinem ewigen Pessimismus.“

Bob stellte den Motor ab.

„Warten wir erst einmal ab, ob es wirklich ein Auftrag ist, der für uns in Frage kommt! Vielleicht war es ein Fehler, Harvey zu erklären, wie dringend wir eine Tour brauchen. Der muss ja denken, wir würden nach jedem Strohhalm greifen. Aber ich habe keine Lust auf irgendein Himmelfahrtsunternehmen.“

„Das können wir immer noch entscheiden, wenn wir erst einmal wissen, um was es geht.“

Sie stiegen wieder aus und kehrten in das Frachtbüro zurück.

„Die Meldung kam gerade rein, kaum dass ihr zur Tür raus wart“, erzählte Benson. „Eine Tour für morgen früh. Es handelt sich um einen Konvoi. Der Auftrag war eigentlich schon vergeben, aber einer der Trucker ist ausgefallen, wie der Firma gerade mitgeteilt wurde. Jetzt wird dringend Ersatz gesucht. Das dürfte genau das Richtige für euch sein.“

„Und wohin geht die Tour?“, wollte Jim wissen.

„Nach Little Rock, Arkansas. Einfach nur die Interstate 40 lang.“

Jim pfiff leise durch die Zähne.

„Das lässt sich hören. Harvey, du bist ein Genie. Besser hätte es kaum kommen können. Von Little Rock ist es nur ein Katzensprung bis nach San Antonio, und zu Hause können wir immer ein paar Aufträge an Land ziehen.“

„Mal ganz abgesehen davon, dass eure texanischen Katzen anscheinend ganz schön weit springen können, ist es leider nicht ganz so einfach“, widersprach der Frachtagent. „Es handelt sich nämlich um eine Tour mit Hin- und Rückfahrt. Es geht um Spielautomaten. Ihr liefert alte Modelle bei einer Firma namens Magic Lightning in Little Rock ab. Einige wenige Modelle werden umgerüstet und modernisiert, die meisten durch neue ersetzt. Eine ganz einfache Sache. Ihr fahrt die alten hin und holt die neuen ab.“

„Hört sich ganz ordentlich an, aber in ein paar Tagen haben wir dann wieder das gleiche Problem“, wandte Bob skeptisch ein.

Benson winkte ab.

„Bis ihr wieder zurück seid, habe ich längst einen anderen Auftrag für euch. Mir bleibt immerhin fast eine Woche Zeit. Wenn ich das nicht schaffe, sollte ich besser gleich den Beruf wechseln.“

Jim wechselte einen kurzen Blick mit Bob. Der schwarze Hüne aus Virginia nickte.

„Also gut, wir machen es. Und schönen Dank für deine Bemühungen, Harvey.“

„War doch klar, schließlich ist euch ja auch ein Auftrag geplatzt, den ich vermittelt habe. Ich mache sofort die Frachtpapiere für euch fertig. Morgen früh um sechs geht es los.“

„Okay. Ach ja, Harvey, eine Frage noch: Wer ist denn der Trucker, der ausgefallen ist, und warum ist er ausgestiegen?“

Harvey Benson zuckte die Achseln.

„Keine Ahnung. Vielleicht ist er krank geworden, oder ihm ist etwas Familiäres dazwischengekommen, was weiß ich. Fragt am besten die Jungs, die mit euch im Konvoi fahren. Vielleicht weiß es einer von denen.“

 

 

4

„Verdammt, Butterworth, konnten Sie das nicht irgendwie verhindern? Sie wissen doch genau, wieviel auf dem Spiel steht.“ Während George Baltimore mit einer Hand den Telefonhörer hielt, gestikulierte er mit der anderen wild in der Luft herum.

„Nein, konnte ich nicht“, entgegnete sein Gesprächspartner ruhig. „Ich entwickle Programme für die Mikrochips von Spielautomaten. Mit der Frachtabteilung von Magic Lightning habe ich nichts zu tun. Es wäre ziemlich auffällig gewesen, wenn ich mich plötzlich in die Auswahl der Trucker für diesen Transport eingemischt hätte.“

„Aber ...“

„Lassen Sie mich bitte ausreden, Mister Baltimore! Mir wäre gar nicht die Zeit für eine Einmischung geblieben. Als man vom Ausfall des Truckers hörte, hat man eine entsprechende Meldung an alle Frachtagenturen in Las Vegas und Umgebung geschickt, von denen eine sofort zugegriffen hat.“

„Sagen Sie mir, welche das war, Butterworth“, drängte Baltimore. „Ich werde dafür sorgen, dass der Auftrag an einen Trucker meines Vertrauens weitergegeben wird.“

„Zum ersten wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie sich endlich angewöhnen würden, mich Mister Butterworth zu nennen. So viel Zeit muss sein. Und außerdem werden Sie die Finger von der Agentur lassen. Es hat bereits zu viel Aufsehen gegeben. Es würde Verdacht erwecken, wenn Sie nun auch noch jemanden von der Agentur unter Druck setzen.“

Baltimore biss die Zähne zusammen. Er hasste den arroganten, herablassenden Tonfall, in dem Butterworth mit ihm sprach. Niemand sonst konnte es sich ungestraft erlauben, so mit ihm zu reden. Aber er war auf Butterworth angewiesen.

„Das Risiko, fremde Trucker in dem Konvoi zu haben, ist zu groß“, behauptete er.

„Bestechen Sie die beiden“, riet Butterworth kühl. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass jeder Mensch seinen Preis hat. Diese unabhängigen Trucker leben doch immer am Rande der Pleite. Bei einer entsprechend hohen Summe dürfte jeder schwach werden.“

„Da kennen Sie die Trucker schlecht“, widersprach Baltimore. „Es gibt verdammt viele unter ihnen, die sich an strenge Regeln von Anstand und Ehrlichkeit halten. Nach schwarzen Schafen muss man suchen.“

„Nun, das ist Ihr Problem. Ich liefere die Technik und das Wissen, während Sie für alles andere zuständig sind, das mit diesem Coup zusammenhängt. So lautet die Abmachung, wie ich Sie eigentlich nicht erst erinnern müsste. Durch Ihre Leute hat es diese Schwierigkeiten gegeben. Nun löffeln Sie die Suppe auch aus und sehen zu, dass alles wieder ins rechte Lot kommt.“

Baltimore sah ein, dass weiterer Widerspruch keinen Sinn hatte. Butterworth mochte als Programmierer ein kleines Genie sein, aber er war auch ein sturer Dickkopf mit Prinzipien.

„Ich werde mich darum kümmern“, sagte er einlenkend.

„Gut, ich habe nichts anderes erwartet. Wie Sie selbst sagten, wir wissen beide, wieviel auf dem Spiel steht. Immerhin haben wir es nicht mit ein paar einfältigen Geschäftsleuten zu tun, sondern mit der Mafia. Die ehrenwerte Gesellschaft reagiert sehr humorlos, wenn jemand versucht, sie um so viele Millionen zu betrügen.“

„Glauben Sie etwa, das wüsste ich nicht?“ Baltimore schnaubte. „Gerade deshalb ist es mir ja so wichtig, jedes unnötige Risiko zu vermeiden. Ich melde mich wieder, sobald sich etwas ergeben hat.“

„Tun Sie das. Ach ja, noch eins. Es war ausgemacht, dass alles eine völlig unblutige Aktion wird. Ich bin sehr enttäuscht über den Tod dieses Truckers. Wenn es weitere solche Vorfälle gibt, werde ich meine Beteiligung an diesem Unternehmen noch einmal überdenken. Enttäuschen Sie mich nicht!“ Wortlos unterbrach Butterworth die Verbindung.

George Baltimore knallte den Hörer auf die Gabel. Er spürte, wie er rot anlief. Innerlich kochte er vor Wut. Was bildete sich dieser aufgeblasene Hurensohn eigentlich ein, so mit ihm umzugehen?

Seine Wut verrauchte nur langsam. Die Zeit drängte, jetzt gab es Wichtigeres als verletzten Stolz. Er würde diesen Coup nach seinen Regeln durchziehen. Butterworth würde sich noch wundern.

Erneut griff Baltimore nach dem Telefonhörer. Als Erstes musste er sich jetzt um die beiden Trucker kümmern, die sich an Carners Stelle gedrängt hatten.

 

 

5

Im Gegensatz zu den berühmten Leuchtreklamen an den Fassaden der großen Casinos und Hotels am Strip von Las Vegas prangte über dem Eingang des Hot Wheels lediglich ein einfaches Namensschild. Touristen verirrten sich fast nie hierher, dafür lag das Lokal zu abgeschieden. Sie hielten sich an das Cesar’s Palace, das Dunes, das Flamingo, das Stardust und all die anderen Namen, die sie aus dem Fernsehen kannten. Aber auf Touristen legte man im Hot Wheels ohnehin keinen besonderen Wert. Das Lokal war auch so meistens gut besucht. Hier verkehrten fast nur Trucker, und von denen kannte jeder den Weg hierher.

Jo Malloney, dem der Laden gehörte, wurde von allen nur Papa Jo genannt. Er war früher selbst mal Trucker gewesen, hatte aber aus gesundheitlichen Gründen aufhören müssen. Seither betrieb er das Hot Wheels, lauschte den Erzählungen der anderen Trucker und gab selbst immer wieder einige der unzähligen Anekdoten aus seiner eigenen Zeit „on the road“ zum Besten.

Für jeden Trucker, der nach Las Vegas kam, war ein Besuch im Hot Wheels geradezu Pflicht, doch es gab wohl niemanden, der dieser Pflicht nicht gerne und bereitwillig nachkam. Das Bier war hier unverpanscht, und man konnte zu vernünftigen Preisen ganz hervorragend essen; außerdem war Papa Jo überaus beliebt. Und er hörte meistens die Flöhe husten, wenn es um das Trucking ging, und das war eine Eigenschaft, die Jim und Bob im Augenblick ganz besonders an ihm schätzten.

„Tot?“, murmelte Jim betroffen. „Ich habe Pete Carner flüchtig gekannt. Nicht besonders gut, aber immerhin. Weißt du etwas Genaueres, wie es passiert ist?“

Papa Jo zuckte mit den Schultern. Er war ein hochgewachsener, muskulöser Mann Ende Fünfzig. Seinem beachtlichen Bauch zufolge schien sein Essen auch ihm selbst zu schmecken.

„Er soll auf einem Schrottplatz herumgeklettert sein. Ein Autowrack ist auf ihn runtergestürzt. Mehr weiß ich auch nicht. Keine Ahnung, was er auf dem Schrottplatz überhaupt wollte.“

„Vielleicht irgendein Ersatzteil“, vermutete Bob.

„Aber dann brauchte er nicht nachts dort einzudringen.“ Papa Jo beugte sich über den Tisch vor. „Wenn ihr mich fragt, irgendwas stinkt an der Sache“, fügte er mit leiser Stimme hinzu. „Ich habe nur keine Ahnung, was.“

„War Pete in irgendwelche schmutzigen Geschäfte verwickelt?“, wollte Bob wissen.

„Meines Wissens nicht. War ein ganz humorvoller Kerl und eigentlich recht ehrlich. Klar, ein paar kleinere Schiebereien hat er schon mal mitgemacht, aber wer macht das nicht? Wirklich nur Kleinigkeiten.“

„Ob sein Tod etwas mit dieser Tour zu tun hat?“, wandte Jim ein.

„Kann ich mir eigentlich nicht vorstellen.“ Papa Jo schüttelte den Kopf. „Scheint eine ganz normale Tour zu sein, die außerdem von dieser Firma irgendwo in Arkansas organisiert wurde, soweit ich gehört habe.“

„Nun, aber irgendjemandem muss Pete wohl auf die Füße getreten sein.“

„Das ist nicht sicher. Die Polizei hat keine Spuren von Fremdeinwirkung festgestellt, wie es so schön heißt. Aber ich bin nicht allwissend, habe nur hier und da ein paar Brocken aufgeschnappt.“ Jo Malloney schaute sich um. „Kennt ihr eigentlich Rick Atkins?“

Jim und Bob schüttelten die Köpfe.

„Wer soll denn das sein?“

„Der Typ mit der Jeans-Jacke am Flipper da drüben. Der fährt morgen nämlich auch mit. Unterhaltet euch doch mal mit dem, vielleicht kann er euch was sagen. Ich muss mich mal wieder um meine anderen Gäste kümmern.“

„Danke für den Tipp.“ Jim und Bob standen auf und gingen zu dem Flipper hinüber. Geduldig warteten sie ab, bis Atkins sein Spiel beendet hatte.

„Nicht schlecht“, stellte Bob mit einem Blick auf das Ergebnis fest. „Lässt sich sehen.“

Atkins grinste.

„Spielt ihr ’ne Runde um ein Bier mit?“

„Lieber nicht.“ Jim winkte ab. „Die Dinger waren nie so ganz mein Fall, aber das Bier kannst du auch so haben. Ich bin Jim Sherman, das ist mein Partner Bob Washburn. Ich habe gehört, wir fahren morgen zusammen die Tour nach Little Rock.“

„Ach, dann seid ihr wohl der Ersatz für Pete?“ Atkins schlug ihnen auf die Schultern. „Herzlich willkommen im Team.“

„Eigentlich war das alles gar nicht so geplant“, ergriff Bob das Wort. „Wir hatten ursprünglich eine ganz andere Fracht. Aber der Auftrag ist geplatzt, du weißt ja, wie so etwas läuft. Jedenfalls sind wir heilfroh, jetzt diese Tour als Ersatz bekommen zu haben.“

„Kann ich mir denken.“ Rick ging mit ihnen zu einem der Tische, an den sie sich setzten. „Auch wenn die Umstände alles andere als schön sind. Heute Mittag habe ich lediglich gehört, dass Pete die Tour nicht fahren könnte. Erst vorhin habe ich erfahren, dass er tot ist. Armer Kerl. Ich konnte ihn ganz gut leiden.“

„Weißt du irgendwelche Einzelheiten?“

Rick Atkins zuckte die Schultern.

„Nein. Ich habe Pete öfters mal hier getroffen, mit ihm geflippert, ein bisschen gequatscht und ein paar Bier getrunken. Richtig gekannt im eigentlichen Sinne aber habe ich ihn nicht. Er war ein ziemlicher Einzelgänger. Wie gesagt, ich habe vorhin erst erfahren, dass er tot ist. Soll sich auf einem Schrottplatz herumgetrieben haben, aber mehr weiß ich wirklich nicht. Warum interessiert ihr euch so dafür?“

„Nur reine Neugier“, entgegnete Jim ausweichend. „Wir haben Pete schließlich auch flüchtig gekannt, und nachdem wir nun auf diese Art seine Fracht bekommen haben, interessiert es uns natürlich.“

Ein paar Sekunden kehrte Schweigen ein.

„Kennt ihr schon die anderen, die morgen mitfahren?“, erkundigte sich Atkins dann.

„Bislang nicht.“

„Da hinten am Tisch steht Freddy Martell. Der Typ mit den Jeans und der Lederweste, der gerade reingekommen ist. Er wird den Konvoi leiten. Ist ein etwas komischer Typ. Ziemlich wortkarg und abweisend, schlecht gelaunt, unfreundlich ... Habe ich noch was vergessen?“ Atkins tat so, als müsste er nachdenken, dann grinste er. „Aber Freddy meint es nicht böse. Im Grunde ist er ganz in Ordnung. Er will nur nicht, dass andere es merken.“

„Sind ja reizende Aussichten.“ Bob verdrehte die Augen. „Scheint ja der reinste Ausbund an Sympathie zu sein. Da freut man sich doch richtig auf gemeinsame Tage auf den Highways.“

Freddy Martell kam durch das Lokal zu ihnen herüber. Bei seiner Körperfülle war es schwer vorstellbar, dass er hinter dem Lenkrad eines Trucks Platz finden sollte. Er war an die zwei Meter groß, und hinter seinem Rücken hätten sich zwei normal gebaute Männer nebeneinander verstecken können. Der Anblick seiner Arme ließ Jim an Baumstämme denken, die Hände an Bratpfannen. Sein wuchtiger, völlig kahler Schädel weckte unangenehme Erinnerungen an eine Abrissbirne.

„Papa Jo sagt, bei dir wären die Clowns, die morgen einspringen“, wandte sich Martell grußlos an Atkins, erst dann bedachte er Jim und Bob mit einem kurzen, unfreundlichen Blick. „Meint er die beiden halben Portionen hier?“

Bob ächzte vernehmlich. Dass man ihn als halbe Portion bezeichnete, war ihm noch nie passiert. Immerhin war er mal Schwergewichtsboxer gewesen. Champion von Virginia, sogar ein heißer Anwärter auf den Weltmeistertitel. Lediglich Querelen mit der Mafia, die versucht hatte, Einfluss auf die Kämpfe zu gewinnen, hatten ihn dazu getrieben, die Handschuhe an den berüchtigten Nagel zu hängen und als Shotgun bei Jim einzusteigen. Zwar war er nicht mehr ganz so durchtrainiert wie früher, als er jeden Tag im Studio an sich gearbeitet hatte, aber im Großen und Ganzen besaß er immer noch Muskelpakete, um die ihn so mancher Bodybuilder beneidete.

„Hat da gerade jemand was gesagt?“, erkundigte er sich bei Rick Atkins, ohne Martell anzusehen. „Ich meine, ich hätte was gehört, aber so ein Fettgebirge versperrt mir jede Aussicht.“

Jim hielt den Atem an. Eine Prügelei war so ziemlich das Letzte, worauf er jetzt scharf war, schon gar nicht mit jemandem, der den Konvoi leiten würde, in dem sie morgen mitfuhren. Außerdem gehörte Martell zu den ganz wenigen Leuten, die aussahen, als könnte es ihnen gelingen, sogar Bob Washburn ungespitzt in den Boden zu rammen.

„Komm gefälligst erst mal zu mir rauf, du Floh, wenn du dich mit mir unterhalten willst“, verlangte Martell und schaute herausfordernd auf den schwarzen Ex-Boxer hinab.

Langsam, fast wie in Zeitlupe, richtete sich Bob auf. Trotz seiner beachtlichen Größe war er ein paar Fingerbreit kleiner als sein Gegenüber. Stumm starrten sie sich gegenseitig an.

Das lautlose Duell blieb nicht unbeachtet. Mehrere andere Gäste wurden darauf aufmerksam. Gespräche brachen ab, einige Köpfe wandten sich Bob und Martell zu.

Jim spürte, wie ihm der Schweiß auf der Stirn ausbrach. Er hoffte, dass Bob keinen Fehler machte, aber er kannte seinen Partner als ziemlich impulsiv und heißblütig. Es wunderte ihn ohnehin, dass Martell so direkt auf Konfrontationskurs gegangen war, so, als suchte er geradezu den Streit.

Gleich darauf jedoch wurde Jim überrascht.

Martells gerade noch von provozierender Feindseligkeit erfülltes Gesicht verzog sich auf einmal zu einem breiten Grinsen.

„Du bist okay, Junge“, brummte er mit plötzlich wesentlich freundlicherer Stimme. „Ich wollte nur mal herausfinden, was an dir dran ist. Die meisten ziehen schon feige den Schwanz ein, wenn ich sie nur mal finster ansehe, und so was geht mir gewaltig auf den Senkel. Ich weiß nun mal ganz gern, mit was für Leuten ich es zu tun habe.“ Er klopfte Bob freundschaftlich auf die Schulter, allerdings mit Schlägen, die einen Mann von weniger kräftiger Statur vermutlich zu Boden geschleudert hätten.

„Das gilt übrigens auch für den Zwerg von einem Partner, den du da hast“, fügte Martell hinzu und trat einen Schritt auf Jim zu. „Keine Angst, Kleiner.“

Ungeachtet dieser Entwarnung rutschte Jim auf der Sitzbank rasch ein Stück zurück, um aus Martells Reichweite zu gelangen. Sein Verhalten mochte feige wirken, aber manchmal konnte ein vernünftiges Maß an Feigheit der Gesundheit sehr zuträglich sein.

„Belassen wir es bei einem einfachen Hallo“, schlug er vor und fügte trocken hinzu: „Zwerge wie ich müssen auf ihre Schultern aufpassen. Deine Freundschaft könnte leicht ein paar Wochen Krankenhaus bedeuten.“

Zusammenfassung


Die Trucker Bob Washburn und Jim Sherman benötigen eine Fracht für die Rücktour, denn sie wollen nicht leer fahren. In letzter Sekunde bekommen sie noch einen Auftrag. Aber mit diesem scheint etwas nicht zu stimmen. Der Trucker, der diese Tour fahren sollte, wird tot aufgefunden. Jim und Bob lauert man auf und schlägt auf sie ein. Irgendjemand will verhindern, dass diese beiden Trucker die Tour übernehmen ...

Details

Seiten
125
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935066
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Dezember)
Schlagworte
jackpot-lady

Autor

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Titel: Die Jackpot-Lady