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Archibald Duggan und der Engel mit den Teufelskrallen

2019 117 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Archibald Duggan und der Engel mit den Teufelskrallen

Copyright

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Archibald Duggan und der Engel mit den Teufelskrallen

Roman von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.

 

Gesucht wird eine bildhübsche Spionin, die maßgeblich für mehrere Morde verantwortlich ist. CIA-Agent Archibald Duggan soll sie aufspüren, aber sie und ihre Helfer ergreifen die Flucht. Als Duggan sie aufhalten will, wird er gefangengenommen – und durch eine Verletzung hat er keine Möglichkeit zur Flucht.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Entsetzt starrte der dunkelhäutige Milchmann nach oben. Seine Augen glichen weißen Kugeln, so weit riss er sie vor Schrecken auf. Und außer ihm taten das mehr als fünfzig andere Menschen, die unten in der Dawson Street standen und hinaufblickten, weit hinauf bis zum 45. Stockwerk des Remington Wolkenkratzers.

Dort oben auf dem Sims stand ein Mensch. Nein, kein Fensterputzer oder Monteur. Dort oben war ein Mensch bereit, in den Tod zu stürzen. Vom 45. Stockwerk hinunter auf den staubigen Asphalt der Dawson Street, wo die Menschen den Atem anhielten, wo sie auf das Schreckliche warteten, entsetzt und doch nicht fähig, dem Anblick zu entfliehen. Sie standen reglos, sie starrten und warteten. Sekunden, Minuten.

Der Mann auf dem Sims war jung. Einer unten, der zufällig ein Fernglas bei sich hatte, sah ihn genau. Ein schmales Gesicht. Ernst, keine Angst darin zu lesen. Und die Augen waren geschlossen. Vielleicht konnte er nicht in die Tiefe blicken, jener Mann, der sich umbringen wollte.

Eine Sirene ertönte. Dann noch eine. Streifenwagen rollten heran, hielten. Und die Leute unten wurden mehr. Starrten! Der Autoverkehr staute sich. Die Polizisten sprangen aus ihren Fahrzeugen, hasteten ins Portal des Hochhauses. Dann wieder Stille, lähmende Starre über dieser Straße zu einer Zeit, da sonst der Verkehr tobte wie eine Schlacht. Jetzt war es anders. Jetzt war es still, und alle lauerten darauf, dass er springen würde. Sie fürchteten es, aber sie warteten dennoch und rechneten damit. So wie sie im Varieté damit rechneten, dass der Künstler den Todessalto wagen würde. Und wie sie fürchteten, er könnte abstürzen. Hier gab es nur den Absturz, und sie wollten ihn sich nicht entgehen lassen.

Sie sahen, wie die Polizisten sich oben aus den Fenstern beugten, wie sie dem Todeskandidaten etwas zuriefen. Nein, trotz der Stille konnte es hier unten niemand hören. Die Luft war erfüllt von einem Summen, nicht von dem Brüllen der Motoren, wie es sonst um diese Stunde der Fall war. Es summte wie in einem Bienenhaus. Denn die Menschen raunten mitunter, sie flüsterten, und immer mehr neue Zuschauer kamen hinzu, die von den anderen wissen wollten, was sich bisher abgespielt hatte.

Und oben stand der Mann. Die Polizisten drangen nicht bis zu ihm vor. Unten sahen die Leute, wie er die Hand abwehrend erhob. Vielleicht wollte er ihnen damit zeigen, dass er springen würde, wenn sie mir einen Schritt näher kämen. Vielleicht sagte er das auch. Und die Polizisten beugten sich nur aus den Fenstern.

Noch eine Sirene. Schauerlich hallte es durch die Häuserschlucht der Dawson Street. Den Menschen lief es kalt den Rücken herunter. Eine Ambulanz.

Dann kamen noch mehr Fahrzeuge. Feuerwehr. Blaue Gestalten mit blitzenden Helmen. Sie rannten, als käme es auf die Sekunde an, breiteten ein Sprungtuch aus.

Als hätte der eine Chance, der aus dem 45. Stock in ein Sprungtuch fiel. Nein, da würde auch kein Sprungtuch helfen. Ebenso könnte man einen Piloten auffangen, der ohne Fallschirm aus seiner Maschine spränge. Aber die Männer der Feuerwehr taten es dennoch, vielleicht, weil irgend etwas getan werden musste.

Die Menschen unten starrten und rätselten. Manche fragten offen, warum er es denn tun wolle. 45. Stock, das war eine sichere Sache, da gab es wenig Hoffnung. Es gab praktisch gar keine. Manche sprangen vom 5. oder vom 7. Stock, vielleicht, weil sie insgeheim hofften, dass es doch nicht aus sein würde danach. Dieser dort wusste, dass es da gar nichts mehr geben würde. 45. Stock, eine absolut tödliche Sache.

Ein Polizist beugte sich vom Stockwerk darüber herunter. Er hatte so etwas wie ein Netz in der Hand. Doch als er es ein Stück herabgelassen hatte, sah es der Mann auf dem Sims. Er blickte nach oben, schüttelte die Faust, und der Polizist zog das Netz wieder zurück.

Noch mehr Polizei traf ein. Sie sperrten die Dawson Street, machten Platz auf der Fläche, wo nach ihrer Berechnung der Mann hinschlagen könnte, wenn er wirklich den Mut zum Sprung haben sollte.

Einer unten hatte ein Fernglas. Und ein Polizeioffizier nahm es ihm einfach aus den Händen und blickte hindurch. Da sah er den Mann. Vielleicht fünfunddreißig Jahre alt, dunkelhaarig, grauer Anzug, weißes Hemd und rote Krawatte. Und jetzt bewegte sich dieser Mann dort oben. Beugte sich vor.

Er sprang!

Ein gellender Schrei ertönte. Die Menge schrie auf, und ein paar Frauen fielen in Ohnmacht.

Es dauerte lange, unendlich lange, ehe das Geräusch des Aufschlags kam. Niemand hörte das. Niemand außer den Feuerwehrleuten und den Polizisten, die in der Nähe standen.

Er war zehn Schritt vom Sprungtuch entfernt aufgeschlagen. Und sein Zustand war, so wie es vorauszusehen war. Vom 45. Stock zu springen – da gab es keine Variationen.

Eine Viertelstunde später tobte der Verkehr über die Stelle hinweg. Eine Viertelstunde später hasteten die Menschen weiter ihren vielen Zielen entgegen. Und nur ein Stück Jackenstoff flatterte im Abendwind an einem Mauerhaken oben über dem Sims des 45. Stockwerkes. Ein Stück grauer Anzugstoff.

Und unten auf dem Asphalt zeugte eine Wasserlache davon, wo die Feuerwehr die Straße nach dem Abtransport abgespült hatte.

In der Dawson Street ging das Leben weiter. Wie immer. Und es war so rastlos, so gehetzt, dass keine Zeit zum Nachdenken blieb. Nur der braunhäutige Milchmann ein paar Häuser weiter blickte noch einmal hinauf, und dann sah er dort hin, wo der Flug geendet hatte. Dort, wo jetzt gerade ein Omnibus fuhr.

Warum hat er es getan?, fragte sich der Milchmann. Aber er fand die Antwort nicht, nahm seine Kannen und schlurfte in sein Geschäft zurück. Denn auch für ihn gab es wenig Zeit der Besinnung. Morgen früh würde er den Jungen mitnehmen müssen, richtig, gut, dass er sich erinnerte. Er musste noch dem Jungen Bescheid geben, dass morgen Quark und Käse auszufahren waren. Und Mrs. Goon wollte doch unbedingt zwei Liter Sahne …

Alltag auf der Dawson Street, – unbarmherzig, schnelllebig, mitleidlos. Er machte alles vergessen.

 

 

2

Archibald Duggan lehnte am Fenster, die beiden Polizeioffiziere saßen ihm gegenüber, und G-man Martens von FBI las gerade den Brief.

„Dieser Brief ist also eindeutig von ihm?“, fragte Archibald Duggan, kniff sich mit zwei Fingern das Kinn zusammen und sah nachdenklich auf die beiden Uniformierten,

Der eine war glatzköpfig und ein wenig korpulent, der andere groß mit blondem Bürstenhaar. Der Blonde antwortete: „Mr. Duggan, wir haben alles untersucht. Es ist seine Schrift, das bestätigt der Graphologe. Es sind seine Fingerabdrücke darauf, und außerdem hatte er den Brief auf den Tisch seines Büros gelegt, bevor er hinauskletterte.“

Archibald Duggan nahm das Foto zur Hand, das einen schmalen dunkelhaarigen Mann von etwa fünfunddreißig Jahren zeigte. Und unten hing ein Zettel mit den präzisen Daten.

Das Foto stellte Frederic Winston Baxter dar. Er war genau 35 Jahre und sieben Monate alt, hatte eine Frau und zwei Kinder. Die Frau war 37 Jahre alt, die Kinder 10 und 12 Jahre. Beides Mädchen. Von der Familie lebte Baxter seit etwa vier Monaten getrennt.

F. W. Baxter war Ingenieur für Datenverarbeitungsmaschinen, verdiente im Monat knapp zweitausend Dollar und war von seiner Firma hochgeschätzt. Seine Kollegen bezeichneten ihn als zuverlässig und freundlich, sein Vorgesetzter als in der letzten Zeit mitunter nervös und zerstreut.

Das alles sagte außer der getrennten Ehe nicht viel über das Motiv aus, warum Baxter vom 45. Stock des Remington-Hochhauses auf die Dawson Street gesprungen war.

Aber in dem Brief stand mehr, und Archibald Duggan las ihn noch einmal, nachdem das auch G-man Martens von FBI bereits zweimal getan hatte.

Und in diesem Brief stand:

Es tut mir leid, dass ich vielen Menschen dieses Ärgernis bereiten muss, aber ich kann nicht mehr zurück. Ich habe eine Riesendummheit gemacht, die von so großer Tragweite ist, dass ich nicht den Mut habe, mich dafür zu verantworten. Allerdings will ich sagen, wie es dazu gekommen ist. Vor vier Monaten lernte ich Miss Belinda Johnston kennen. Ich war toll genug, ihretwegen meine Familie zu verlassen und mit Miss Johnston ein Verhältnis einzugehen. Vor drei Tagen bemerkte ich, dass sie eine Agentin ist und es ihr gelungen war, meine Gutgläubigkeit auszunutzen, um von mir interne Daten aus meiner Praxis zu erhalten. Unter anderem den streng geheimen Einsatzplan für Katastrophen- und Kriegsfälle für die Stadt San Francisco. Ich weiß, was das bedeutet, und ich hätte Miss Belinda Johnston angezeigt, wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte. Sie ist vor drei Tagen spurlos verschwunden, und ich weiß auch, was das zu bedeuten hat. Ich hoffe, man wird mir vergeben. Besonders bitte ich meine Frau, mir zu verzeihen.

F. W. Baxter

Archibald Duggan faltete den Brief zusammen und steckte ihn ein. Martens, der aufgestanden war und mit schweren Schritten hin und her ging, machte ein grimmiges Gesicht. Jetzt ähnelte er fast einem Boxer, der entschlossen war, seinen Ringgegner auf Biegen und Brechen auszupunkten. Überhaupt hatte Martens viel vom Äußeren eines Boxers.

„Es ist ganz offenbar der vierte Fall“, meinte Martens und sah den großen blonden CIA-Agenten Duggan an. „Der vierte Fall, wo eine Frau auf einen Mann angesetzt wurde, der mehr wusste als andere Bürger dieses Landes. Und ich möchte jetzt auch bald annehmen, dass es dieselbe Frau ist.“

„Sie haben ja diese Sache verfolgt“, erwiderte Archibald Duggan. „Ich bin erst jetzt hinzugezogen worden, wie es ja die Regel ist. Wenn das Kind im Brunnen liegt, entsinnt sich das FBI auch endlich unseres Vereins.“

Martens knurrte wie ein gereizter Hund, aber er sagte nichts.

„Ich möchte etwas dazu sagen, Sir“, sagte der glatzköpfige Polizeioffizier. „Baxters Freundin, das haben wir schon heraus, war etwa achtundzwanzig Jahre alt, sehr schlank, ausgesprochen hübsch, platinblondes Haar, über die Augen sind sich die Zeugen nicht einig. Die einen sagen grau, die anderen blau. Sogenannte leuchtende Augen sollen es sein. Sie wissen, was ich meine?“

Archibald Duggan nickte. „Hm, wenn diese Leute ins Licht sehen, sind die Augen ganz hell. Okay, okay, und was weiter? Besondere Kennzeichen außerdem?“

„Keine. Wir haben die Sache ans FBI weiter gegeben, seit wir den Brief auf seine Echtheit überprüft hatten.“

„Und wir“, ergänzte Martens mit spöttischem Lächeln, „haben ihn der heißgeliebten CIA weitergeleitet. Man tut schließlich was für die Vollbeschäftigung.“

„Sie haben recht, Martens, ich leide kolossal unter Arbeitslosigkeit“, erwiderte Archibald Duggan mit todernstem Gesicht. „Trotzdem würde ich auf Ihre Mithilfe nicht ganz verzichten wollen. Ich weiß, dass Sie das gerne tun.“

Martens grinste. „Ihr Zynismus ist nicht zu überbieten, Duggan.“

Ohne darauf einzugehen, sagte Archibald Duggan: „Nennen wir diese Dame also einmal Belinda. Sie, Martens, sagen, es gäbe noch drei gleichartige Fälle. Auch mit einem Selbstmord am Ende?“

Martens schüttelte den Kopf. „Erster Fall in Nachtez, Bomberpilot der strategischen Flotte. Er geht zum FBI und meldet die Sache. Aber sein Lämmchen hat Wind bekommen und wird nicht mehr gesehen. Fall zwei, Heeresmagazin-Verwalter in Roswell, New Mexico. Bei der Bestandsaufnahme wird ihm das Fehlen von zwei unserer neuen Bordkanonen 3,5 I nachgewiesen. Das FBI wird beauftragt, die Sache zu prüfen. Der Mann gibt zu, dass er sie jemandem gezeigt habe, dann wären sie ihm abhanden gekommen. Wir haben den Burschen weiter verhört und herausgefunden, dass er ein Verhältnis mit einer Frau hatte, deren Beschreibung so in etwa der entspricht, die vorhin unser Kollege von der Polizei von Belinda abgab.“

„Sie wollen doch nicht behaupten, dass es sich da um eine recht neue und originelle Methode handelt“, meinte Duggan.

„Nur in einem Punkt möchte ich das behaupten“, erwiderte Martens. „Im Falle eins und zwei, später auch im Fall drei hatte das Girl die Eigenart, für ihren Auserwählten französische und schweizerische Fondue-Spezialitäten zuzubereiten. Diese Belinda kann überhaupt hervorragend kochen.“

„Das ist etwas“, gab Duggan zu. „Hat sie noch mehr solche Eigenarten?“

„Es ist die einzige typische Eigenart“, erwiderte Martens.

„Gut, beschaffen Sie mir die Unterlagen, ich werde mich mit den Leuten unterhalten. Was ist überhaupt mit dem dritten Fall?“

Martens zuckte die Schultern. „Mit dessen Hauptperson werden Sie sich nicht mehr unterhalten können. Er wollte die Agentin, die wir Belinda nennen, hochgehen lassen. Dabei wurde er von ihr oder einem Handlanger getötet. In diesem Falle war es ein ziemlich alter Knabe, der Leiter der Stromversorgungs-Zentrale im Kriegsfalle. Er sitzt in Washington. Als er merkte, wozu Belinda ihm schöne Augen machte, wollte er sie offenbar erschießen. Es gibt Zeugen in der Nachbarschaft, die ihn kurz vor seinem eigenen Tod mit einer Pistole am Fenster stehen sahen. Darauf gab es einen Streit, und dann fiel ein Schuss. Die Nachbarn alarmierten die Polizei, aber Belinda war weg, als die Streifen kamen. Und Donovan lag tot auf der Erde, seine Pistole noch immer in der Hand.“

„Könnte als Notwehr gelten“, meinte Duggan. „Und die Fingerabdrücke, wie sieht es damit aus?“

„Das ist es ja, es gibt sie nur in zwei Fällen.“ Martens wandte sich an den glatzköpfigen Polizeioffizier. „Haben Sie das Resultat bestätigen können? Ich meine die Spuren in Baxters Wohnung?“

„Ja, es sind die gleichen Abdrücke wie auf Ihrer Vorlage“, erwiderte der Offizier.

Martens wandte sich erklärend an Archibald Duggan. „Im Falle eins und jetzt hat es solche Fingerspuren gegeben. Sie sind völlig identisch.“

„Und bei diesem Magazinmenschen und bei dem Strom-Onkel gab es gar keine? Nicht die geringsten?“

Martens schüttelte den Kopf. „Keine von ihr. Sie muss den ganzen Tag mit Handschuhen herumgelaufen sein.“

„Eigenartig, vor allem, weil es sich um einen längeren Zeitraum handelt.“ Archibald Duggan fürchtete insgeheim, dass bei der Spurensicherung nicht so sorgfältig vorgegangen worden war, wie das notwendig gewesen wäre. „Ich habe da so meine Bedenken. Also gut, sehen wir uns die Sache in Ruhe an.“

Martens schüttelte erstaunt den Kopf. „Na, ich höre immer in aller Ruhe, aber das soll ja wohl nicht wahr sein, wie? Oder haben Sie die Zeitung noch nicht gelesen?“ Er zog ein zusammengefaltetes Morgenblatt aus der Jackentasche und reichte es Archibald Duggan. „Hier, auf der ersten Seite unten.“

Archibald Duggan schlug das Blatt auf. Unten stand die Meldung mit der Schlagzeile: POLITISCHER SELBSTMORD?

In der Meldung standen ein paar Einzelheiten über das Motiv der Tat. Archibald Duggan las erstaunt: „Die Polizei vermutet, dass Baxter einer noch unbekannten Person geheime Informationen preisgab.“ Er knallte das Blatt auf den Tisch und wandte sich an die Polizeioffiziere: „Vielleicht wissen Sie, wie ein Reporter an solche Auskünfte gelangt, wie?“

Die beiden Angesprochenen sahen sich verblüfft an. Also, sagte sich Duggan, hatten sie die Zeitung auch noch nicht gelesen. Und der Glatzköpfige meinte verständnislos: „Ich kann mir nicht denken, wer von uns das ausgeplaudert haben könnte.“

Martens lehnte am Fenster und zündete sich eine Zigarette an. „Hm, Sie haben erst die Meldung gelesen, Duggan. Lesen Sie auf Seite 2 weiter. Dort wird Ihnen das blaue Wunder begegnen.“ Er lachte, aber es war ein Lachen ohne Freude.

Und auf der zweiten Seite stand es. Paul Sharfield wetterte drei Spalten lang über die Schlamperei – wie er es nannte – die unter der jetzigen Regierung angeblich herrschte. Er sprach von Spionage, die keiner stört, von Verrat, der nicht geahndet wird, weil Polizei, FBI und CIA „den

Schlaf altgedienter Beamten schliefen“, – so schrieb er wörtlich. Und Paul Sharfield nahm kein Blatt vor den Mund. Er brauchte es auch nicht, weil er zwar Politiker war, aber keiner, der die jetzige Regierung vertrat. Im Gegenteil. Paul Sharfield gehörte zur Opposition, und das war ein Zustand, der ihm gar nicht zu behagen schien.

„Hm, Sharfield zieht ja alle Register.“ Archibald Duggan lächelte amüsiert und warf das Blatt endgültig auf den Tisch. „Nein, Martens, das erschüttert mich wenig. Sharfield macht immer Wind, nur eines gefällt mir daran nicht: Woher hat er so früh die notwendigen Informationen zu diesem Fall?“ Er sah Martens an.

„Er wird sie so früh bekommen haben wie der Reporter des Standard, der seine Meldung in der Morgenausgabe herausposaunt. Wenn man also bedenkt, dass die Tat gegen 17 Uhr geschah, die ersten Feststellungen zum Motiv gegen 20 Uhr vorlagen, der Redaktionsschluss für die Morgenausgabe aber bereits um 23 Uhr ist, so hat der Pressemensch tüchtige Arbeit geleistet. Dann kommt aber Sharfield mit einer absoluten Glanzleistung.“

Martens nahm die Zeitung und schlug die zweite Seite auf. „Das sind drei lange Spalten. Wenn er sie in zwei Stunden geschrieben hat, war das bereits eine Superleistung. Ich möchte meinen, er hat länger gebraucht. Und es würde mich sehr interessieren, woher er so früh diese vielen Einzelheiten erfahren hat.“

„Hm“, machte Archibald Duggan und zupfte sich am linken Ohrläppchen, „Vielleicht ist das gar nicht so wichtig. Ich würde eher sehen, dass wir die Frau erwischen. Diese Belinda. Sharfields große Klappe lässt sich immer noch verkleinern.“

Das Telefon schellte. Einer der Polizeioffiziere nahm ab. Dahn reichte er Archibald Duggan den Hörer. „Für Sie, Mr. Duggan.“

Archibald Duggan meldete sich, dann lauschte er nur noch. Am anderen Ende der Leitung sprach Colonel Hagerty vom FBI. Ein Mann, dessen Name Duggan seit Jahren kannte.

„Archibald“, sagte Hagerty, „die CIA hat den Fall Baxter jetzt übernommen. Es bestünde auch kein Anlass, das FBI weiterhin einzuschalten. Ich bitte Sie trotzdem, mit Martens zusammenzuarbeiten. Ist Martens bei Ihnen?“

„Er steht hier“, erwiderte Duggan.

„Dann kennt er das Fernschreiben noch nicht. Er soll sein Büro aufsuchen. Wenn Sie die Code entziffert haben, wissen Sie, warum Sie Martens mitnehmen sollen. Das Kommando haben jedoch Sie, das habe ich Martens mitgeteilt. Okay?“

„Ich weiß zwar noch nicht, was mir die unerwartete Ehre verschafft, aber auf alle Fälle: Ich habe nichts dagegen.“

Die Stimme Hagertys klang ernst, als er sagte: „Archibald, Ihre Ironie vergeht Ihnen, wenn Sie das Fernschreiben gesehen haben. Danke, Archibald. Alles Gute!“

„Natürlich, alles Gute“, erwiderte Archibald Duggan und legte auf. Dann wandte er sich an Martens, der ihn gespannt ansah. „Wir wollen uns von den beiden Freunden im blauen Rock verabschieden, Martens. Auf uns beide wartet ein Liebesbrief mit viel Kummer.“

 

 

3

Dienstanweisung (entschlüsselt).

An FBI-Agent Michael Martens S. F. Heute morgen 9.24 h wurde FBI-Agent Hilgary Callaghan in einem abgestellten PKW Marke Studebaker Typ Canadian 63, Farbe hellblau, Kennzeichen AVZ 88 569 California, auf dem US-Expressway 4099 W, Parkplatz 45 W, bewusstlos aufgefunden. H. C. verstarb kurz nach der Einlieferung ins Federal Overland Hospital. Ursache: Überdosis Barbitursäurederivate (vermutlich Luminal). Im Fahrzeug wurde eine Puderdose gefunden, auf der die Fingerspuren der noch unbekannten weiblichen Person zu finden sind, die sich im Falle Baxter Belinda nennt.

FBI-Headquarters gibt folgende Anweisung: Zusammenarbeit mit CIA-Agent Archibald Duggan. Seine Weisungen sind auszuführen. Zusammenarbeit mit allen örtlichen Polizeistellen. Amtshilfe des gesamten FBI-Apparates zur Verfügung von CIA-Agent Archibald Duggan auf dessen Anforderung ohne Beantragung beim Hauptquartier. Sämtliche Polizeidienststellen in Kalifornien und Nevada sind durch ihre Vorgesetzten Instanzen zur Mitarbeit und Unterstützung aufgefordert. Schnellste Ermittlung dringend erforderlich. Oppositionelle Kräfte um die Person des Politikers Sharfield haben durch die Senatoren einen Untersuchungsausschuss des Kongresses gefordert. Es wird Wert darauf gelegt, dass die Ermittlungen von CIA und FBI diesem Ersuchen zuvorkommen, indem der Fall raschestens aufgeklärt wird.

„Und unterschrieben hat das der liebe Onkel aus Washington, sieh mal an“, meinte Martens und schob das entschlüsselte Fernschreiben Archibald Duggan zu. „Wie sinnig. Walt B. Hagerty hat also Dampf von oben bekommen. Der großmäulige Sharfield macht Wind. Na bitte, wenn das keine Demokratie ist …“

Archibald Duggan hatte das Schreiben gelesen, warf es jetzt in den Aktenzerkleinerer und sah zu, wie das Papier zu Brei zermahlen wurde. „Kommen Sie, Mike, sehen wir uns zuerst den Wagen an. Wo ist dieser Parkplatz überhaupt?“

Martens trat an die große Landkarte von Kalifornien, die hinter seinem Schreibtisch hing, und sagte nach kurzem Suchen: „Etwa drei Meilen östlich Dixon auf Sacramento zu.“

„Okay, bewegen wir uns.“

Die Fahrt brachte wenig Neues Sie erfuhren vom dort eingesetzten G-man, was man an Einzelheiten noch ermittelt hatte. So war der Studebaker von Callaghan bei einem Autovermieter geliehen worden, aber weder der Verleiher noch einer seiner Arbeiter wusste etwas von einer Begleiterin. Callaghan hatte den Wagen allein in San Francisco abgeholt. Außer der Puderdose waren im Wagen noch ein paar andere Spuren der ominösen Belinda gefunden worden. Fingerabdrücke an der rechten Vordertür, Lippenstiftspuren auf einem Papiertaschentuch, das zerknüllt im Aschenbecher lag. Und das war ein wertvoller Fund. Während Archibald Duggan und Martens den Wagen besichtigten, wurde das Taschentuch bereits im FBI-Labor in San Francisco untersucht. Man würde die Lippenstiftsorte ebenso feststellen können wie bestimmte Merkmale der Haut jener Frau, die ebenso unverkennbar waren wie ein Fingerabdruck.

Und man hatte ein Stück vom Wagen entfernt im Gebüsch eine handliche Reiseflasche gefunden, die ursprünglich für Alkohol vorgesehen gewesen sein mochte, jetzt aber mit Resten einer Flüssigkeit gefüllt war, die aus Südwein, aufgelöstem Luminal und Zucker bestand. Auf der Flasche waren die Fingerabdrücke Callaghans und ein Daumenabdruck dieser Belinda zu finden.

„Ich verstehe nicht“, sagte Archibald Duggan, „dass niemand weiß, wohin Callaghan fahren wollte. Schließlich …“

Martens schüttelte den Kopf. „Er hatte drei freie Tage genommen. Gestern, heute und morgen. Niemand fragt, was ein G-man an seinen freien Tagen tut, wenn er nicht gerade mit seinem Wagen im Parkverbot hält. Callaghan ist immer ein merkwürdiger Mensch gewesen. Ein guter Kamerad, aber ein Eigenbrötler. Er ist deshalb schon zweimal verwarnt worden. Aber immer wieder schlich er seine Privatpfade, um einen Fall zu klären. Kann sein, dass er eine Spur hatte, Und um sie zu verfolgen, ungehindert sozusagen, nahm er sich frei. Das war ganz typisch für ihn.“

Archibald Duggan wollte mehr über Callaghan wissen, und er nahm sich vor, die Eigenarten dieses Mannes näher zu beleuchten.

Als sie zurückfuhren, erzählte ihm Martens noch ein paar Erlebnisse im Umgang mit dem Kollegen Callaghan. Und plötzlich schien ihm etwas einzufallen.

„Mensch, Archibald, ich glaube, ich habe den Fuß auf dem richtigen Floh!“. rief er, und Archibald Duggan bremste seinen Buick jäh ab.

Er schüttelte den Kopf, fuhr wieder an und meinte brummig: „Das nächste Mal schicken Sie mir vorher besser einen Hinweis, wenn Sie zu brüllen anfangen, Mike!“

Mike Martens grinste wie ein Junge, der seinem Lehrer Knallerbsen unter die Stuhlbeine gelegt hat. „Hm, aber es ist wirklich ein Knüller. Passen Sie auf, Archibald: Vor vierzehn Tagen hat mich Callaghan angepumpt. Dreihundert Dollar. Er sagte, er hätte ein neues Auto nötig, aber mit dem Geld langte er nicht ganz über die Runden. Okay, nur hat er sich eben kein Auto gekauft und ist seitdem mit Mietwagen herumkutschiert. Als ich das vor ungefähr acht Tagen einem Kollegen erzählte, meinte der: Kein Wunder, der hat ’ne Frau an der Hand, die reinste Weltklasse. So was kostet! Kann man da nicht eine Verbindung sehen?“

„Es gibt noch ein paar Frauen außer Belinda, die hübsch sind“, erwiderte Duggan mit ironischem Lächeln. „Soll ja vorkommen, dass ein Grobian mitunter auch mal mit einem netten Mädchen bekannt wird.“

„Unsinn, Archibald, er hat mir ein Bild von ihr gezeigt, weil ich ihn darauf angesprochen habe. Wir müssen das Bild finden. In seiner Wohnung!“

„Hm, das gefällt mir schon besser. Wo ist die Wohnung?“, fragte Archibald.

Martens nannte ihm die Adresse.

 

 

4

Callaghans Wohnung befand sich in einem Apartmenthaus in Oakland. Die Mehrzahl der Mieter waren ledige Offiziere der Marine und der Luftwaffe. Callaghans Apartment lag im dritten Stock. Von einem langen Gang führten neun nummerierte Türen in die verschiedenen Apartments dieser Etage. Nummer 23 war das von FBI-Agent Callaghan.

Der einarmige Marineveteran, der im Hause den Posten des Verwalters innehatte, führte Archibald Duggan und Mike Martens hinauf. Er kannte ihre Ausweise und schloss ihnen mit seinem Universalschlüssel das Apartment 23 auf.

„Wundert mich“, meinte Martens, „dass noch keiner von uns dagewesen ist.“

Der ausgemusterte Seemann antwortete: „Nein, Sir, nur angerufen hat das FBI. Ich sollte niemanden hineinlassen, der nicht vom FBI oder der CIA käme, haben die gesagt.“

Die Tür schwang auf. Dahinter war ein winziger Korridor, und von ihm führten zwei Türen ab.

„Das ist das WC“, erklärte der Hausmeister, „und hier geht es ins Wohnschlafzimmer.“ Er öffnete die breitere Tür.

Im Zimmer sah es aus wie nach einer Schlacht. Überall lagen Wäschestücke, Bilder, Anzüge, Spielkarten und vieles andere umher. Die Schränke standen offen, das Bett war völlig abgedeckt, und die einzelnen Decken lagen auf dem Boden.

„Hier hat wohl schon einer ein wenig nachgeforscht, scheint mir“, meinte Archibald Duggan.

„Von einem geordneten Haushalt kann man sicher nicht sprechen“, erklärte Mike Martens.

„Ja, aber das sieht ja wie ein Einbruch aus!“, rief der Hausmeister.

„Eben“, erwiderte Archibald Duggan trocken. „Man möchte es bald meinen.“

„Okay, dann werde ich die Kollegen von der Spurensicherung anrufen. So etwas sollte man sich nicht entgehen lassen“, schlug Mike Martens vor. Er machte kehrt, und Archibald Duggan nickte nur.

Er sah sich aufmerksam um, ohne etwas von dem zu berühren, was herumlag. Als der Hausmeister ein heruntergefallenes Landschaftsbild aufheben wollte, fuhr Duggan ihn an: „Liegenlassen, Mann! Bleiben Sie an der Tür!“

Der Hausmeister machte eine beleidigte Miene und zog sich bis zur Tür zurück. Dabei murmelte er etwas von „Erziehung im Kuhstall“.

Plötzlich sah Archibald Duggan den Damenschuhabsatz. Er war wohl abgebrochen und lag jetzt unter dem Fenster, von einem zerknitterten Hemd halb verdeckt.

Archibald Duggan nahm sein Taschentuch und hob ihn vorsichtig auf. Dann steckte er ihn ein. Bald entdeckte er auch, wie der Absatz abgebrochen sein mochte. Neben dem Schrank lag ein Koffer, den jemand mit Gewalt zu öffnen versucht hatte. Es musste misslungen sein, denn der Koffer war noch immer geschlossen, die Schlösser intakt. Auf der schmalen Oberseite ließen sich unschwer im Leder Spuren von Tritten mit einem Damenschuhabsatz feststellen. Vermutlich hatte der Koffer mehr ausgehalten als der Schuh.

Archibald Duggan zog sein Taschenmesser heraus, aber als er den Koffer aufschneiden wollte, sah er, dass dies schon ein anderer erfolglos versucht hatte. Der Koffer musste innen mit Metall ausgefüttert sein.

„Haben Sie so etwas wie ein Brecheisen?“, fragte Archibald den Hausmeister.

„Hm, ich müsste danach suchen“, meinte der Mann, noch immer beleidigt.

„Na, dann seien Sie mal kein Frosch und tun Sie‘s“, bat Archibald freundlich.

Der Einarmige brummelte noch etwas, dann zuckelte er los. Übergroße Eile hielt er offenbar nicht für geboten. Trotzdem war er früher zurück, als Archibald zu hoffen wagte.

Mit dem Eisen war der Koffer binnen weniger Sekunden geöffnet. Und das gesuchte Foto lag zuoberst.

Archibald ergriff es nur mit dem Taschentuch und betrachtete es. Es war das Porträt eines blonden Mädchens, etwa dreiundzwanzig Jahre alt. Schmales, sehr hübsches Gesicht und helle Augen. Alles in allem ein sehr schönes Mädchen. Aus dem Blick meinte Archibald eine gewisse Reife zu erkennen, wie er sie von Frauen kannte, die den Tau des Frühlings schon hinter sich hatten.

Der Hausmeister schnalzte und meinte im Brustton der Überzeugung: „So‘n Püppchen, da kann man seinen Seelenfrieden schon wiederfinden.“

Archibald Duggan lächelte wissend und erwiderte: „Oder für immer verlieren.“

Er drehte das Bild etwas herum, dass der Mann es besser betrachten konnte. „Sie müssten die Frau doch schon gesehen haben, oder?“

„Hm, bekannt kommt sie mir schon vor. Einmal hatte Mr. Callaghan eine Dame bis zur Haustür mitgebracht und sie dort warten lassen. Nach ein paar Minuten war er wieder unten und ist dann mit ihr weggefahren. Die könnte es schon gewesen sein.“

„Könnte, könnte … Sie müssen sich doch erinnern!“

„Ich starre nicht jeder Frau ins Gesicht, und schon gar nicht, wenn meine Alte … wollte sagen, wenn meine Frau in der Nähe ist. Die kriegt dann immer Zustände.“

„Das ist eine Erklärung, die ich akzeptiere“, meinte Archibald und ging mit dem Bild hinaus. Der Hausmeister sah ihm verblüfft nach.

Archibald sagte sich, dass irgendwer im Haus diese Frau zusammen mit Callaghan gesehen haben musste. So klopfte er nebenan beim Apartment 24. Es rührte sich nichts. Als er wiederholt klopfte, kamen schließlich schlurfende Schritte näher. Ein verschlafen dreinblickender, stoppelbärtiger Mann im Bademantel öffnete. Er sah aus wie ein Seeoffizier, mit verwitterter, sonnengebräunter Haut, und sein graues Haar war so strubbelig wie nach einer Kopfhautmassage.

„Hm?“, brummte er.

Archibald zeigte ihm seinen Ausweis und fragte: „Seit wann sind Sie hier, Mister …“

„Wilder, James Wilder … Ich bin seit neun Uhr hier. Es ist mein freier Tag. Dauert bis morgen früh.“

„Nebenan ist eingebrochen worden. Vielleicht vor einer Stunde, vielleicht schon länger. Haben Sie etwas gehört?“

„Hm, warten Sie mal …“ Er kraulte sich im Haar, gähnte hinreißend und sagte dann: „Ja, ich hatte mich gerade ins Bett gelegt, da klopfte es drüben wie irrsinnig. Aber ich habe nur geflucht, weil ich den Krach von Callaghan ja gewohnt bin. Dieser Kerl macht immer einen Heidenlärm, als hätte er den ganzen Kasten hier allein gemietet.“

„So? Und inwiefern macht er immer Krach? Sie verstehen, so etwas interessiert mich.“

„Tja, es fängt mit dem Radio an. Normale Lautstärke kennt Callaghan nicht. Bei ihm muss die Musik brüllen. Und oft vergisst er auch noch, auszuschalten, wenn er geht. Dann repariert er das halbe Auto in der Wohnung. Meine Güte, ich weiß nicht, wo dieser Mensch aufgewachsen ist, aber es muss irgendwo im Mittelwesten gewesen sein. Bestimmt nicht in einer zivilisierten Zone.“

Archibald lächelte. „Und kennen Sie diese Dame?“ Er zeigte das Bild.

Wilder pfiff durch die Zähne. „Da ist sie ja wieder! Das ist was für Herzkranke. Verdammt, ich habe sie zweimal gesehen. Immer mit ihm. Wie kommt der Bauer an diese Frau, hab ich mir gedacht. Sie kennen sicher Callaghan, wie?“

„Nein.“

Wilder lachte. „Kommen Sie mal rein, dann werde ich Ihnen sagen, was er für ein Kerl war.“

Archibald folgte dem Manne und gelangte in ein unaufgeräumtes Zimmer. Dabei sah er die Uniformjacke Wilders. Aha, dachte er, also Commander (Fregattenkapitän) ist er.

Wilder holte eine Flasche Whisky und schenkte zwei Gläser ein. „Mit Eis?“, fragte er, doch Archibald schüttelte den Kopf, um Wilder nicht noch länger aufzuhalten.

Sie tranken einen Schluck, dann begann Commander Wilder: „Wissen Sie, ich habe zwar keine Ahnung, was Callaghan tut, ich meine beruflich. Aber es muss ein recht unregelmäßiger Job sein. Er kommt mal tagelang gar nicht, dann ist er wieder zwei Tage hintereinander da. Und so recht schlau bin ich nie aus ihm geworden. Er spricht wenig, ist manchmal wie geistesabwesend, und früher kam er mir vor wie ein Mensch, der nicht lachen kann. Ja, bis ich ihn neulich … hm, ich glaube es war vorige Woche Dienstag … also da sah ich ihn. Pah, fast hätte ich ihn nicht erkannt. Sitzt er doch im Georgetown –Sie kennen sicher die Bar – und neben ihm, Teufel, Teufel, neben ihm diese Frau da, die Sie mir auf dein Foto gezeigt haben. Mister, das Foto ist eine miese Wiedergabe. Sie ist hundertmal schöner. Ein Bild von einem Weib, sag ich Ihnen. Augen wie Diamanten. Und die Bewegungen … hm, das muss einer gesehen haben. Und Callaghan, den hätte ich fast nicht wiedererkannt. Er hatte wohl einen getrunken, einen zu viel, fürchte ich. Er war aufgekratzt bis zum Stehkragen, lachte und sang und tanzte bis zum Umfallen. Tja, und dann sind die beiden abgesaust. So gegen vier Uhr morgens.“

„Was ist Ihnen an der Frau besonders aufgefallen. Etwas Außergewöhnliches?“ Archibald Duggan lauerte gespannt auf die Antwort des Commanders.

Der zuckte die Schultern. „Alles an dieser Frau war außergewöhnlich. Alles. Ich sah sie übrigens am nächsten Nachmittag wieder. Sie kam mit einem roten Sportwagen, irgendeinem englischen Ding, Sie wissen ja, laut wie ein Starfighter und klein wie Omas Badewanne. Damit holte sie ihn ab.“

„Rot, sagten Sie?“

„Tja, rot, und die Marke weiß ich wirklich nicht. Ich sagte ja, so ein englisches Modell. Kleiner Flitzer.“

„Kennzeichen?“

„Mein Gott, wenn so eine Frau am Steuer sitzt, wer sieht da nach dem Kennzeichen. Und wozu, frage ich Sie?“ Wilder wurde plötzlich ernst. „Sagen Sie, jetzt beginne ich überhaupt zu begreifen. Sie sind vom CIA, und Sie fragen so komisch. Ist was mit Callaghan?“

„Er wurde vermutlich ermordet.“

Wilder verzog das Gesicht und sprang vom Sessel. „Verdammt, das ist doch nicht wahr!“

„Leider, Commander, leider. Wissen Sie jetzt mehr über das Auto?“

Wilder setzte sich, stützte den Kopf in die Hände und murmelte: „Das kann ich wirklich nicht genau sagen. Rot, schwarze oder schwarzgraue Polster, tja, und ich meine, die Windschutzscheibe war nach vorn heruntergeklappt.“

„Eingebaute Scheinwerfer oder …“

„Nein, die waren wie bei unseren Steinzeitautos.“

„Na, dann vermutlich ein MG, wie?“

Wilder zuckte die Schultern. „Ich bin kein Automensch.“

Archibald Duggan ließ es genug sein. Er bedankte sich und ging. Indessen war auch Mike Martens zurückgekommen. Und die Spurensicherungsleute von FBI hatten schon ihre Arbeit aufgenommen.

Martens kam auf Archibald Duggan zu, und der erklärte ihm, was er bei Wilder gehört hatte. „Mir scheint, es wäre ganz nützlich, wenn Sie sich ein wenig in der Nachbarschaft umhören würden. Mich interessiert der Wagen. Wenn wir herausfinden, wem er gehört, wäre das ein Sprung nach vorn.“

Als Duggan und Martens zurück zum Hauptquartier fuhren, berichtete Martens, was er erfahren hatte. „Also er ist rot, er muss ein Modell von MG sein, alles deutete darauf hin. Er hatte schwarze Polster, etwas abgeschabt schon, Speichenräder, das Ersatzrad hinten außen. Wie der Kühler beschrieben wird, kann es nur ein MG sein. Schätzungsweise ein Modell von vor 1955.“

„Was? Und ich dachte, die würden schon seit der Völkerwanderung nicht mehr gebaut. Wilder sprach von Steinzeit“, scherzte Duggan.

„Unser Typenexperte wird die Kiste ermitteln“, meinte Mike Martens. „Einen Teil des Kennzeichens kenne ich auch. CBY und von der Nummer die ersten Ziffern. Zweimal die Neun.“

„Also stellen Sie fest, wem die Karre gehört.“

Martens nickte. „Ich bin vor allem über die Ausbeute der Spurenleute begeistert. Diesmal haben wir bestimmt einen Berg Berichte.“

„Freuen Sie sich nicht zu früh, Mike“, erwiderte Duggan skeptisch.

 

 

5

„Na also“, seufzte Archibald Duggan und ließ sich hinter Mike Martens Schreibtisch nieder, „wenigstens lauwarmen Kaffee bekommt man beim FBI.“ Er schenkte sich ein, rührte um und trank. Dann warf er einen Blick auf die vielen Zettel und Blätter auf dem Schreibtisch.

Martens kaute indessen an einem Sandwich, begoss es zwischendurch mit kräftigen Schlucken Bier und schien für irgendwelchen Denkprozess im Augenblick wenig Neigung zu zeigen.

Archibald Duggan zündete sich eine Zigarette an und studierte die Berichte. „Also gut, es gibt drei Autos in San Francisco mit diesem Aussehen, und in ganz Kalifornien nur zwei dieses Typs mit dieser Buchstabenfolge. Aber nur ein einziges, bei dem auf CBY die Neun zweimal folgt. Es ist tatsächlich ein MG, und er gehört – Mike, wissen Sie, wem der gehört?“

„Ich könnte Ihnen nur sagen, dass auf dem Sandwich ein Hamburger liegt. Erwarten Sie, wenn ich esse, bitte keine Geistesblitze von mir“, murmelte Martens kauend.

„Er gehört einer Miss Claudia Horesha. Hauslehrerin bei Mr. Sharfield, dem Manne, der den Artikel geschrieben hat. Ich werde mir die Dame mal ansehen. Und vielleicht ergibt sich das ganz zwanglos nach einer Unterhaltung mit Sharfield.“

„Hauslehrerin ist gut, wie?“, meinte Martens, mit vollem Munde grinsend.

„Na ja, wollen mal noch keine zu eiligen Schlüsse ziehen.“

Archibald Duggan widmete sich den Berichten der Spurenermittlung. Aber das war eine herbe Enttäuschung. Keine Fingerabdrücke der Person, die man bei CIA und FBI nur noch Belinda nannte. Dafür viele andere einer Frau, und die waren bisher noch nicht aufgetaucht.

„Mike, prüfen Sie inzwischen einmal alle Wagen, die sich Callaghan früher geliehen hat. Und außerdem suchen Sie in Baxters Bleibe alles nach Hinweisen ab. Es müssten sich in den Berichten der Durchsuchung auch Fingerabdrücke dieser Frau finden lassen.“

„Immer beim Essen, zum Kuckuck“, knurrte Martens, ging aber sofort los.

Archibald Duggan hatte die anderen Berichte noch nicht durchgelesen, als Martens zurückkehrte.

„Ich habe die Berichte und die Fotos gesehen. Keine Spur von dieser anderen Frau. Bei Baxter sind es Belindas Fingerchen. Auch der Daumenabdruck in Callaghans Wagen stammt von ihr. Kleines Rätselraten für Sportsfreunde, was?“ Martens nahm den Rest des Sandwiches und biss herzhaft hinein.

„Man müsste meinen, Mike, es nähere sich eine Hungersnot“, spottete Archibald. „Wenn man Sie so sieht …“

„Gut Essen hält Körper und Seele zusammen Sie sollten daran denken.“ Er räusperte sich lautstark und sagte: „Ich gehe jetzt. Wann treffe ich Sie?“

„Heute Abend. Ich will sehen, was ich bei Sharfield und seiner Hauslehrerin ausrichte.“

Martens drohte mit dem Finger. „Denken Sie an Ihre Zukunft, Archibald! Eine Lehrerin im Haus ist noch lange keine Hauslehrerin.“

„Ich war schon immer ein schlechter Schüler, Mike, und nun hauen Sie ab!“

 

 

6

Archibald Duggan hatte sich vorgenommen, einst, wenn er das nötige Kleingeld haben würde, ein Haus am Meer zu bauen, an einem Hang, mit Terrasse, Swimmingpool, ein paar Pinien und Zypressen rundum, bunten Lampions, also das, was sich so jeder – der es nicht hat – bauen würde, wenn er könnte: ein Traumhaus.

Als Archibald seinen Buick am Ende der schmalen Asphaltstraße stoppte, sah er diesen Traum als Wirklichkeit. Sharfield hatte so ein Haus.

Archibald stieg aus, und für Sekunden vergaß er bei diesem Anblick seinen Auftrag. Er sah nur die Blütenpracht der Blumen, sah die Zypressen, den flachen, leuchtend roten Dachsattel des Hauses, und er hörte das Klatschen der Wogen an den Geröllbrocken der kaum hundert Schritt entfernten Küste.

Der Garten war gepflegt, der Rasen wie ein Teppich, ein gigantischer Swimmingpool, fast ein Freibad, mehrere Terrassen zum Sonnenbaden, und inmitten dieser goldenen Pracht ein paar Mädchen in Bikinis, die einen Mann umringten, an dessen Stelle Archibald Duggan in diesem Augenblick liebend gerne gewesen wäre.

Die Mädchen waren ausnahmslos überdurchschnittlich hübsch und gut gewachsen. Der Mann hingegen hatte einen nicht mehr sehr jugendlichen Körper. Sein Haar wies kahle Stellen auf, und der Schnurrbart, dieses Stutzergemüse, wie Archibald es insgeheim nannte, wirkte ein wenig lächerlich. Auch der Mann war im Badedress, aber sicher hätte er im Smoking besser ausgesehen.

Die Mädchen kicherten, und der Mann schien sich als Pfau zu fühlen. Archibald beobachtete ihn eine ganze Weile, und als er einmal das Gesicht unverdeckt sehen konnte, wusste er, wer dieser albernde Geck war: Sharfield.

„Dem einen fällt‘s in den Schoß, der andere leckt am Daumen“, brummte Archibald und ging den Plattenweg auf die Haustür zu. Er hätte auch über den Rasen auf die Gruppe zugehen können, aber er wollte korrekt sein.

Während er nach dem Läuten darauf wartete, dass jemand öffnen würde, hörte er wieder das Lachen der Mädchen und beneidete in diesem Augenblick abermals den Hausherrn.

Ein mexikanischer Diener machte ihm auf. Er bat mit südländisch übertriebener Höflichkeit, einzutreten, machte eine Verbeugung und fragte erst, als Archibald schon im Vorraum stand, nach Namen und Wünschen des Gastes.

Archibald bat darum, Mr. Sharfield sprechen zu können, und der Diener führte ihn in einen kleinen Salon, stellte eisgekühltes Sodawasser und Whisky auf den Tisch und entfernte sich.

Es dauerte eine Weile, und Archibald hatte bereits etwas getrunken, als der Diener wiederkam. „Señor, der Patron wird Sie in einer halben Stunde empfangen können. Er bittet Sie, es sich bequem zu machen. Läuten Sie, wenn Sie irgendeinen Wunsch haben.“

Archibald ergriff den Diener am Ärmel seines weiten Hemdes, als der weggehen wollte. „Augenblick“, sagte er in fließendem Mexikanisch-Spanisch, „eine kleine Frage, Chico: Ist Miss Horesha auch anwesend?“

Der Mexikaner lächelte freundlich, denn er schien es als angenehm zu empfinden, dass Archibald seine Muttersprache so gut beherrschte. „Doña Claudia ist im Garten, aber es sind noch andere Señoritas da. Doña Maria hat heute ihren Geburtstag.“

„Wer ist Doña Maria?“, erkundigte sich Archibald.

„Die Patrona, Señora Sharfield.“ Als er Sharfield aussprach, klang es, als wolle er das Wort umpflügen.

„Noch was, Bruderherz; Wusste dein Patron sofort, wer ich bin?“, fragte Archibald.

Details

Seiten
117
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935059
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v510066
Schlagworte
archibald duggan engel teufelskrallen

Autor

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Titel: Archibald Duggan und der Engel mit den Teufelskrallen