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Redlight Street #106: Die flotte Lina

2019 112 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die flotte Lina

Copyright

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Die flotte Lina

Redlight Street #106

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 112 Taschenbuchseiten.

 

Die Dirne Lina fühlt sich sehr benachteiligt in dem großen Silo, wo es ums Anschaffen geht. Sie wird von den Zuhältern sehr abgezockt, so dass ihr kaum was zum Leben bleibt. Eine tolle Idee

ändert ihr Leben. Allerdings passt es dem Boss-Zuhälter gar nicht, der sich ständig neue

Gemeinheiten ausdenkt, um Linas geschäftliches Treiben zu stören. Schließlich passiert ihm

während seiner Rache-Ausführungen ein peinliches Missgeschick.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Lina Mück, ihres Zeichens Dirne, stand in diesem Augenblick vor dem bodenlangen Spiegel und musterte missmutig die Laufmasche im Strumpf. Sie trug außer den Strümpfen nur einen hellblauen Slip.

»Verflucht, da habe ich wieder nicht aufgepasst. Herrje, dass mir das auch noch passieren muss.«

Sie brauchte gar nicht nachzusehen, denn sie wusste auch so, dass sie im Augenblick keinen Ersatz mehr zu Hause hatte.

»Was mach ich denn? «

Aber ihr Magen knurrte so sehr, dass ihr Verstand sich im Augenblick nicht regen konnte. Sie ging in die kleine Küche und suchte etwas Essbares im Schrank.

Während sie am Tisch hockte und ihr Wurstbrot verspeiste, dachte sie: Es hat auch schon mal Zeiten gegeben, da hab ich das gar nicht nötig gehabt, mir selbst etwas zu machen.

Wenn ich Hunger hatte, bin ich einfach los geschoben und irgendwo essen gegangen. Tja, so ist

das nun mal, das Leben.

Ja, ja und wenn es noch weiter bergab geht mit mir, sinnierte sie weiter, dann langt es bald nicht

mal mehr für einen Strumpfersatz. Ach Gottchen, dann macht das Leben einer Dirne auch keinen Spaß mehr. Ehrlich, dann versauert man ja direkt.

Lina Mück, das müssen wir nämlich wissen, war sehr gerne Dirne. Etwas anderes konnte sie sich gar nicht vorstellen. Für sie war dieses Nachtleben ein ungeheurer Spaß. Sie ulkte viel herum, war auch nicht so verbissen wie ihre Kolleginnen. Außerdem hatte sie auch einen hübschen Stammkundenkreis. Lina war eine Dirne mit Humor. Ein paar von den Amorpriesterinnen wollten es ihr gleichtun, aber sie fielen dabei ganz gehörig auf die Nase und die anderen lächelten nur müde darüber. Denn, das weiß ein jeder, Humor, den kann man sich weder kaufen, noch kann man ihn so einfach erlernen. Der wirkliche Humor, der kommt von innen, der ist einfach da. Springt heraus und man muss darüber lachen. Anfangs waren ihre Kunden geschockt gewesen und hatten sie ziemlich verwundert angesehen, denn eine Dirne wie Lina hatten sie bis jetzt noch nicht erlebt. Die meisten der Liebesamseln kannten nur ein Wort in der Sprache Geld! Alles drehte sich bei ihnen nur um dieses eine kleine Wort. Nur widerwillig bauten sie sich auf, boten also ihre Ware feil. Aber der Freier war noch keine Sekunde stehengeblieben, so kamen sie schon näher und fragten mit heiserer Stimme: »Na, junger Mann, wie viel willste anlegen? Na, ich kann dir sagen, wenn du nicht so knauserig bist und mit mir rauf kommst, dann kannste etwas erleben. Du wirst doch nicht die schönsten Stunden deines Lebens versäumen. Also, zieh mal jetzt deine Patte und sieh nach, was du erübrigen kannst. Denke aber bloß nicht, ich bin eine Armutskrampe. Also, das schlag dir gleich mal aus dem Kopf. Du, ich sage dir, ich hab heut einen richtigen Bock, du kommst mir gerade richtig. Also, fünfzig Eier und das Geschäft ist gelaufen.«

Normalerweise ist ja ein Kunde darauf eingestellt, dass die Dirnen so zu ihm

reden. Er ist ja freiwillig in dieses Viertel gegangen, also darf er jetzt auch nicht den Beleidigten spielen.

Aber die Sache hat im Leben immer zwei Seiten. Der Mann will nun mal erobern, möchte sich zumindest einbilden können, die Mädchen erlägen der Wirkung seines Charmes, nicht seiner Brieftasche.

Er will nämlich von Wesen angesprochen werden, bei denen er selbst nicht den Mut hat, es zu tun. Aber von diesen abgewrackten Typen, nein danke, da ging er lieber ganz schnell weg.

Und so war es ja nun mal, die Waren, die am meisten angeboten wurden, die hatten es in der Regel auch nötig, denn man wurde sonst nicht mehr auf sie aufmerksam. Also je lauter man sich gab, um so trauriger die Gestalt.

Wenn ein wirklich verlebtes Mädchen mit scheinbar verliebter Stimme beteuerte: »Du wirst die schönsten Stunden deines Lebens verpassen«, dann glaubte man ihm natürlich nicht.

Ging man nun ein wenig weiter, sah man dort drüben ein sehr schlankes, fast knabenhaftes Mädchen stehen. Es trug natürlich den schickesten Fummel von der ganzen Straße. Sie lehnte lässig wie eine übersättigte Tigerin am Laternenpfahl, so, als wäre sie in den Nachthimmel verliebt und könne sich von den Sternen gar nicht lösen. Man sieht also dieses Mädchen, das einfach eine Superfigur hat. Die Hände werden einem schon feucht, man leckt sich einmal schnell über die trockenen Lippen, bekommt kaum noch Atem. Das Geschöpf regt sich noch immer nicht.

Der Verstand sagt sofort: Du, bist blöde, die ist zehn Nummern zu groß. Daran verbrennst du dir die Finger, lass das, es gibt doch noch genug Matratzenkünstlerinnen hier, sieh dich doch mal um.

Aber der Blick löst sich nicht von diesem Wesen. Wie zufällig streift sie jetzt einmal ganz kurz über die kleine feste Brust. Man seufzt auf, denkt, man tut es selbst. Man ist ganz nah bei ihr, atmet ihr Parfüm. Aber merkwürdigerweise hat man plötzlich einen dicken Kloß in der Kehle.

Zur eigenen grenzenlosen Überraschung kann man nicht mehr reden. Man hat die Sprache verloren.

Das ist ja furchtbar!

Nur ein schwaches Krächzen dringt hervor. Du liebe Güte, nein, damit blamiert man sich ja vollkommen. Und soviel Verstand hat der Mann doch noch, dass er sich sagt: Wenn sie merkt, wie aufgeregt ich bin, wird sie gleich den Preis hochschrauben. Und das weiß ich ganz genau, wenn sie mich tatsächlich anspricht, dann kann ich nicht mehr zurück und wenn es das ganze Monatstaschengeld kostet, ich kann nicht mehr zurück.

Man geht langsam näher, den Blick immer auf das Persönchen mit dem kastanienbraunen Wuschelkopf gerichtet. Die Augen brennen schon, das Mädchen wirkt wie ein Magnet.

Dann hat man endlich die Straße überquert. Das Geschöpf ist noch immer damit beschäftigt, den Himmel zu betrachten. Man sieht das kleine Näschen, die langen Schenkel, denn sie trägt ja einen super kurzen Rock. Du liebe Güte, denkt man, wie kann sie sich nur erniedrigen und hier stehen? Das ist ja furchtbar, so ein edles Geschöpf. Wirklich, da hat man gedacht, hier stände der letzte Abschaum und jetzt?

Auf der einen Seite möchte man sich am liebsten auf sie stürzen und sie auf der Stelle vernaschen, auf der anderen Seite empört man sich, wenn man denkt, dass andere Männer...

Sie sagt noch immer nichts.

Vielleicht ist ihr Lude in der Nähe und passt auf, vielleicht springt er gleich vor und dann liegen ein paar Eckzähne im Rinnstein.

Schon will man sich lautlos entfernen.

Vielleicht ist sie auch gar keine Dirne, hat sich verlaufen, das arme Geschöpf und jetzt kümmert sich keiner um sie. Also das ist wirklich die Höhe, man sollte doch...

»Hallo, Sie haben Ihr Taschentuch vergessen, mein Herr!«

Der Rücken versteift sich, man bleibt abrupt stehen und wendet sich im Zeitlupentempo um.

»Äh!«

Zwei lachende Augen fixieren das Gesicht des Kunden. Er starrt sie staunend und fassungslos an.

»Äh!«

Mehr kann man immer noch nicht sagen, es ist zum Verrücktwerden. Doch zumindest kann man sich bücken und das Taschentuch aufheben, dann hat man etwas zu tun und das Mädchen sieht nicht, dass man rot geworden ist, dass man sich außerdem schämt, so von ihr gedacht zu haben.

Der Blick kriecht von dem Mädchen fort, sucht den Boden ab, aber dort liegt kein Taschentuch.

Jetzt ist man ein wenig wütend.

»Hee!« Man kann nun schon ein anderes Wort ausstoßen.

Die blauen Augen sind wie Saugnäpfe, man kann sich nicht davon losreißen.

»Ach, entschuldigen Sie, ich hab wirklich gedacht, Sie hätten etwas verloren. Aber bestimmt war es nur ein Stückchen Papier und ist jetzt fortgeflogen. Verzeihung.«

Man ist trotzdem böse, versucht es zumindest. Diese blöde Ziege, denkt man, die soll sich bloß nicht einbilden, ich lass mich von ihr für dumm verkaufen. Also das hab ich noch nicht nötig.

Man ballt die Hände, steht noch immer vor dem Mädchen und kommt sich ziemlich blöde vor. Soll man ihr jetzt die Meinung sagen oder ist das nicht doch vielleicht zu gefährlich? Man hat ja schon soviel gelesen. Bestimmt ist es nicht gerade angenehm und wenn dann auch noch die Polizei aufkreuzt, ein Protokoll aufnimmt und man bekommt es nach Hause... du liebe Güte, an die Möglichkeit hat man doch wirklich nicht gedacht. Viel besser ist es da schon, wenn man sich auf die Socken macht und ganz leise verschwindet. Es ist doch gesünder, wenn man treu bleibt.

Wie gesagt, man ist wieder zur Besinnung gekommen, hat einen festen Vorsatz gefasst und will ihn jetzt in die Tat umsetzen.

Aber irgend etwas muss dann doch wohl schiefgelaufen sein. Später kann man sich an nichts mehr erinnern. Nur an das eine, man war auf einmal im Zimmer der Nutte. Natürlich war sie eine! Lächerlich, dass man auch nur einen Augenblick daran gezweifelt hatte.

Die Brieftasche ist seltsamerweise ziemlich dünn geworden, man hat Pudding in den Beinen, fühlt sich aber trotzdem wohl.

Sie hatte es mal wieder geschafft.

Tja, so war das, damals!

Wieder seufzte die Dirne auf.

Die letzte Brotkrume war verspeist, sie stellte die Teller in den Spülstein. Dort war noch mehr schmutziges Geschirr aufgetürmt. Mit dem Abwasch hatte sie es nicht so eilig, damit begann sie erst, wenn wirklich nichts mehr im Schrank war.

Jetzt war das alte Problem wieder da.

Die Laufmasche.

Ob man vielleicht Asta oder Carola anpumpen sollte? Aber die saßen im Augenblick auch auf dem trockenen. Ja, diese verflixten Stadtväter! Wieder verspürte sie den wilden Wunsch, sie alle in die Luft zu schießen. Es war furchtbar, schrecklich, das konnte einfach nicht so weitergehen.

 

 

2

Angefangen hatte alles, als die Verantwortlichen der Stadtverwaltung im Zuge der Altstadtsanierung neue Unterkünfte für die Dirnen bauen und ein Nobelbordell aus dem Boden stampfen ließen. Hiermit glaubten sie, das Problem der Nutten ein für allemal gelöst zu haben.

Zumindest waren viele Stadtväter überzeugt, wirklich etwas Edles vollbracht zu haben. Aber ach, die Sache hatte einen fürchterlichen Haken. Gewiss, vorher war es wirklich nicht mehr auszuhalten gewesen. Manchmal hatte man sogar Bekanntschaft mit Ratten gemacht. Es war kein schöner Anblick mehr gewesen und die Häuser waren so morsch gewesen, dass man, wenn man mal mit einem Kunden ordentlich in Fahrt kam, damit rechnen musste, durch die Decke zu stürzen.

Sie hatten ewig und immer gejammert, bis man also die Spelunken abriss und neue Gebäude errichten ließ. Anfangs waren die Mädchen vor lauter Freude außer sich gewesen.

Alles roch nach Farbe und Ata! Es war ein Spaß hinzugehen. Aber dieser Spaß hielt leider nicht lange an.

Die Kosten!

Die Luden waren ziemlich sauer, als sie davon erfuhren. Man verlangte jetzt Preise, die zum Himmel schrien. Aber was sollte man tun? Man musste in den sauren Apfel beißen.

Anfangs war man noch so naiv gewesen und hatte gedacht, man könne den Aufpreis an die Kundschaft weiterreichen. Das war auch geschehen und die Freier hatten murrend gezahlt. Doch auch das Vergnügen blieb nicht sehr lange erhalten.

Die Stadtväter hatten mal wieder des Guten zu viel getan und es waren mehr Häuser gebaut worden, als vorher dort gestanden hatten. Also kamen aus dem Hinterland und der Umgebung all die Dirnen hierher, um in dieser Stadt das große Glück zu machen.

Im Revier waren jetzt die Mieten zu teuer und der Konkurrenzkampf zu hart. Man musste direkt aufpassen, dass man von diesen Bordsteinschwalben nicht erdrückt wurde.

Und in diesem Massenviertel ging so ein Mädchen wie Lina einfach unter. Sie war eine von vielen. Den Freiern war das auch zu viel. Solch ein großes Angebot, wie sollte man denn da richtig auswählen?

Außerdem mussten nun, da es ein Überangebot gab, ja auch wieder die Preise fallen.

Also gärte es im Süd-Ost-Viertel.

Die Kriegs-, Kaiser- und Zähringerstraße waren in Aufruhr, vielmehr die Bewohner.

Lina hatte sich in den Jahren davor ein hübsches Bankkonto zugelegt. Sie dachte ja auch mal an die Zeiten, wenn sie nicht mehr anschaffen gehen konnte. Auch ihr Macker, sie hatte noch einen von der guten Sorte erwischt, dachte ebenso. Später einmal wollte man auf normal machen, bürgerliches Leben und Heirat mit allem Drum und Dran war einplant. Aber noch sollte Lina anschaffen gehen, um genügend Rücklagen zu verdienen. Waldemar, wie Linas Lude hieß, konnte sehr gut rechnen.

Doch jetzt erfüllte sie nicht mehr jede Nacht ihr Soll. Er schlug sie deswegen nicht wie die anderen engstirnigen Luden, denn er wusste, sie konnte ja nichts dafür. Sollte er deswegen auch noch seine Ware verderben und dadurch noch weniger einnehmen? Nur eine zufriedene Dirne arbeitete gut, das hatte er auch schon herausgefunden.

Lina ging von sich aus jetzt schon ein paar Stunden mehr anschaffen und doch reichte es vorn und hinten nicht mehr. Es war eine Schande, man konnte wirklich schwermütig werden.

Als sie jetzt wieder vor dem Spiegel stand und sich abermals die Laufmasche ansah, dachte sie: Wenn das so weitergeht, dann brauch ich noch einen Psychiater, der mich kuriert. Für Minuten kam ihr Humor wieder zum Vorschein. Sie stellte es sich bildlich vor, nein, das war wirklich zu lustig. Aber sie hatte eine ganze Menge Kunden gehabt, die bei einem Psychiater in Behandlung waren. Sehr bald war sie aber zu einer verblüffenden Feststellung gekommen. Diejenigen, die sich behandeln ließen, die waren nicht mal so übel. Da gab es aber eine ganze Menge, die nicht zu einem Psychiater gingen und die bestimmt einen Nutzen daraus gezogen hätten, wenn sie es getan hätten.

»Ich werde gar keine Strümpfe anziehen«, murmelte sie ärgerlich vor sich hin. »Zum Glück ist es ja noch nicht so kalt. So spare ich mal wieder was.«

Jetzt ging das Anziehen viel fixer.

Wenig später stand Waldemar vor der Tür.

»Biste fertig?«

»Mit den Nerven.«

Sie erzählte ihm von der Laufmasche.

»Kannste nicht besser aufpassen?«

Soweit waren sie schon. Herrje, da sollte das Dirnenleben noch Spaß machen.

»Komm schon, ich hab jetzt keinen Nerv, mich mit dir zu streiten, Klärchen?«

»Bring heute was heim, du, wir müssen die Miete blechen und all den Kram.«

»Das Konto?«

»Sieht düster aus.«

Lina hatte jetzt schon gar keine Lust mehr, auf den Strich zu gehen.

An der Ecke Markgrafenstraße stieg sie aus. Er konnte so noch ein wenig Benzin sparen. Hier stieß sie auf die alte Hilde. Die hatte in ihren jungen Jahren auch schon mal bessere Zeiten erlebt. Jetzt schlug sie sich mehr schlecht als recht durchs Leben. War im Bahnhof Toilettenfrau, weil sie woanders eben nicht unterkam.

Aber immer wieder zog es sie ins Strichviertel zurück. Sie hatte eigentlich am meisten darunter gelitten, als man das alte Viertel abgerissen hatte. Für sie war dort alles mit Erinnerungen verbunden gewesen. Seit sich dort alles verändert hatte, war sie ein wenig durcheinander.

»He, Lina, wieder auf Schicht?«

»Ja, eine richtige Maloche ist das!«

»Habt doch jetzt so feine Zimmerchen. Hab mir sagen lassen, ihr habt auch einen Lift, stimmt das?«

»Ja und einen geheizten Innenhof auch. Aber das Haus ist wie ein Bienenkorb, du kannst mir glauben, ich kenn immer noch nicht alle. Du, das ist ein Silo, eine Liebesfabrik.«

Die alte Hilde schüttelte den Kopf.

»Dass die Kerle das mögen, komisch, das tötet doch die Liebe, nicht?«

»So etwas nennt man Fortschritt, technisches Zeitalter«, sagte die Dirne verächtlich.

Hilde riss die Augen auf.

»Aber ich denke, ihr habt es gewollt, habt doch immer nach Reinlichkeit geschrien. Also zu meiner Zeit...«

Lina Mück ließ sie nicht ausreden.

»Ich muss jetzt gehen, hab keine Zeit mehr. Doch du hast Recht, wir wollten die Rattenlöcher nicht mehr, das stimmt. Aber mussten sie denn mal wieder übertreiben?«

Lina stöckelte davon.

Auf der Zähringerstraße stieß sie mit Asta und Carola zusammen. Sie hatten schon im alten Viertel gestanden, sie kannten sich schon seit fünf Jahren. Man konnte hier zwar nicht von einer Freundschaft sprechen, denn das gab es nicht unter Nutten, dafür war der Konkurrenzkampf zu stark. Aber wenn es darauf ankam, dann half man sich doch, wo es ging. Vor allen Dingen, wenn man bedroht wurde, waren sie zur Stelle.

»Na, wie geht es, du machst ja ein Gesicht wie zehn Tage Regen und Hagel!«

»Alles ist Mist, ehrlich, alles stinkt mir, man hat ja gar keine Lust mehr. Das ist doch keine rechte Anschaffe mehr, nee, das ist ein Kämpfen um jeden Groschen. Da rackert man sich ab, damit ein paar Geldsäcke nur noch dicker werden, das ist alles und wir holen uns noch die Schwindsucht.«

»Also ist bei dir auch mal wieder Ebbe?«

»Und wie!«

Carola sagte hämisch: »Dafür haben wir aber jetzt einen Lift und Teppiche im Flur und einen Müllschlucker und ’ne beleuchtete Rampe. Wenn das nichts ist!«

»Verflucht, den Mief damals, den könnt ich ja auch nicht mehr aushalten. Aber jetzt behält man ja kaum mehr genug zum Leben. Verflucht, ich halt das nicht mehr lange aus.«

»Was willste machen, du ziehst den kürzeren.«

Lina machte ein mürrisches Gesicht.

»Ich lass mir das nicht mehr gefallen, Waldemar sagt auch, wir müssen was dagegen tun.«

»Was denn?«

»Weiß ich doch nicht.«

»Siehste, du kannst gar nichts unternehmen. Du weißt doch selbst, wenn du in der Sperrzone erwischt wirst, dann buchten sie dich ein und dann haste deinen Platz im Liebesbunker auch noch verloren.«

Das war ihr alles klar und deswegen war sie ja so wütend. Sonst war sie nie auf den Kopf gefallen, aber im Augenblick wusste auch sie keinen Ausweg.

»Na, jetzt müssen wir uns mal wieder um die Brötchengeber kümmern. Heut ist ja schönes Wetter, vielleicht haben wir da mehr Glück.«

»Ist nicht auch wieder irgend so 'ne blöde Ausstellung?«

Eine etwas verkommene Gestalt wankte ihnen entgegen. Es war das oberste Prinzip der Dirnen, sich niemals mit Betrunkenen abzugeben. Nichts als Ärger hatte man damit.

»Hau ab, Pennbruder, los, zieh Leine und mach eine Fliege oder wir werden ungemütlich.«

»Ich hab noch einen Fünfer, also wer geht mit um die Ecke? Ich will ja nicht wirklich, nur mal fummeln.«

Über so viel Frechheit konnten die Dirnen nur die Köpfe schütteln.

Sie zogen die Schultern hoch und gingen in den Innenhof. Dort kletterten sie die kleine Rampe hinauf und waren gleich darauf im Bau verschwunden.

Die Etagendogge kam ihnen entgegen. So nannten sie ihren Bordellwirt. Jetzt hatte er nicht mehr über das ganze Haus zu wachen, das war einfach zu viel. Da verlor man als einzelner die Übersicht und das durfte ja nicht passieren. Umsonst zahlten die Mädchen nicht so hohe Mieten. Dafür wollten sie auch einen gewissen Schutz vor den Männern haben. Die Luden selbst durften den Bunker nicht betreten, das war ihnen strikt untersagt. Damit hätten sie das ganze Geschäft gestört. Außer den Kunden durfte auf den einzelnen Etagen also nur ein Aufpasser sein. Dieser saß am Ende und merkte sich, so gut er konnte, wie lange ein Freier bei einem Mädchen blieb und ob sie auch gemeinsam hinausgingen. Selbst unten auf der Rampe war ein so großer Andrang, dass die Mädchen nicht mehr kontrollieren konnten, ob ein Freier mit einer Dirne herunterkam oder ob er allein das Haus verließ. Letzteres war für sie ein Zeichen, sofort nachzusehen, ob etwas passiert war.

»Hört mal, ihr müsst die Zimmer besser fegen. Es hat Stunk gegeben.«

Lina war heute auf alles und jedes ärgerlich.

»Ich fege mein Zimmer so oft, wie wir Wäsche zum Wechseln kriegen«, war ihre bissige Antwort.

Der Etagenwirt schnappte nach Luft.

Er zog die Augenbrauen hoch und schimpfte: »Du hast wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank, wie? Willst du mir vielleicht Vorschriften machen?«

Sie maß ihn mit einem frechen Blick.

Asta zog sie schnell weiter.

»Mach doch keinen Ärger Lina, weißt doch, das bringt nichts ein.«

Damit hat sie vollkommen Recht, dachte Lina, denn wenn ich fliege, stehen gleich zehn Straßenratten auf der Matte und bewerben sich um das Zimmer.

Seit die Stadt hier soviel für die käuflichen Mädchen getan hatte, wurden sie aus dem eigentlichen Zentrum hart verdrängt und verfolgt. Allein auf einen Straßenstrich zu gehen war nicht mehr möglich. Die Polizei griff hier hart durch.

Abwandern war auch nicht mehr so einfach, dann musste man den ortsansässigen Luden erst mal einen Abstandspreis zahlen, dass man stehen durfte. Je größer die Stadt, desto teurer der Standplatz. Das hätte sie sich halt früher überlegen müssen, als sie noch Geld auf der Bank gehabt hatte. Jetzt war das nicht mehr so einfach.

Lina überlegte ein wenig erschrocken: Wenn ich jetzt hier wirklich fliege, dann verliere ich meinen Job. Herrje, wovon sollen wir dann leben?

Sie und Waldemar waren doch auf die Einnahmen angewiesen. Dass Waldemar auch mal Geld verdienen könnte, an diese Möglichkeit hatte sie noch nie gedacht.

Sie schloss ihr Zimmer auf, öffnete das Fenster und lüftete gründlich durch. Dann ging sie zum Schrank und überlegte, was sie diesmal anziehen sollte. Schließlich entschied sie sich dafür, das Röckchen anzubehalten, über die weite Bluse wollte sie ein kleines ärmelloses Jäckchen anziehen. Das stand ihr ganz besonders gut. Lina war ärgerlich, wenn sie daran dachte, was die Stardirnen sich alles leisten konnten. Es musste wieder andere Zeiten geben.

Nachdem sie fertig war, verließ sie das Zimmer, schloss ab und fuhr mit dem Fahrstuhl nach unten. Sie baute sich neben Carola und Asta auf.

Aber da standen noch zwanzig weitere Mädchen. Früher hatte es das nie gegeben. Und sie konnte noch froh darüber sein, dass sie ein Zimmer in einem Haus ziemlich am Anfang der Straße erwischt hatte. Je weiter man gelangte, um so schwieriger wurde es. Denn die Kunden hatten keine Lust, von einem Hof zum anderen zu gehen. Ja, auch hier änderten sich die Zeiten.

»Ich muss heute bestimmt fünf Blaue machen, sonst steh ich ganz blöd auf dem Schlauch.«

»Ist schon wieder die Miete fällig?«

»Klärchen.«

Ein Hormonhähnchen, wie sie die ganz jungen Freier bei sich nannte, baute sich vor Lina auf und musterte sie mit einem frechen Blick.

Sie dachte: Früher hab ich das nicht nötig gehabt, da hab ich mich gleich rum gedreht, wenn so einer daherkam.

»Haste genug geglotzt?«

Jetzt wurde er sogar ein wenig rot.

»Na, wie ist es, haste Geld oder willste nur mal sehen, wie 'ne Nutte aussieht? Hast wohl noch nie eine Frau gesehen, was?«

Ein paar Mädchen lachten, denn sie langweilten sich.

Der Junge wurde wütend. Am liebsten wäre er fortgegangen, aber in diesem Alter glaubte man noch, sich ständig beweisen zu müssen.

»Ich hab mehr Geld als du«, sagte er patzig.

Sie zog die Stirn in Falten.

»Woher weißt du denn so genau, wie viel Geld ich habe?«

»Pah, wenn du genug hättest, würdest du nicht hier stehen«, gab er schlagfertig zurück.

Ihre Augen weiteten sich unmerklich. Das war wirklich ein Tiefschlag. Ein paar Männer, die locker herumstanden, hatten den Schlagabtausch aufmerksam verfolgt und grinsten sie an. Einer schlug dem Jüngling auf die Schulter und meinte gönnerhaft:

»So ist es richtig, so musst du die Weiber anpacken. Zuckerbrot und Peitsche, das haben sie verdient, darauf warten sie nur. Bist du nett zu ihnen, behandeln sie dich mit Fußtritten.«

Der Bursche fühlte sich sehr stolz.

Unmerklich hatten im Hintergrund ein paar Luden Aufstellung genommen.

Das war aber reiner Zufall. Ins Haus selbst durften sie ja nicht und der Bordellwirt wollte nicht mit seinen Informationen herausrücken. Also kamen sie nachts hier vorbei und passten auf, wie viele Freier ihr Mädchen mit nach oben nahm, um später genau sagen zu können, wie viel sie abliefern musste.

Der Junge war nun mutig geworden.

»Also?«, fragte er und maß sie von unten herauf.

»Na, du kleiner Grünschnabel, nur wer Angst hat, der redet vorher viel. Wer wirklich was schafft und auch die nötige Patte hat, der steht nicht doof herum und macht sich zum Gespött für die anderen.«

Lina war nicht auf den Mund gefallen. Gegen ihre Schlagfertigkeit kam so leicht keiner an.

Für seine gute Laune war das gar nicht förderlich, zumal die anderen Männer nun nichts mehr sagten. Sie verzogen sich ganz sachte.

Er starrte sie noch immer an. Eigentlich hatte er das ja gar nicht gewollt, seine Hände waren feucht und er war so aufgeregt. Er war nur gekommen, um sich diese sündigen Mädchen anzusehen, mehr eigentlich nicht. Nun ja, Geld besaß er wohl. Das hatte ihm der Vater zugesteckt, mit den Worten: »Sammle erst einmal Erfahrung, Junge und dazu gehst du am besten zu einem Mädchen, das man für seine Dienste bezahlt. Ich sage dir, das gibt keine Komplikationen, verstehst du? Und wenn du später eine feste Freundin hast, dann brauchst du keine Angst zu haben, dass du dich erst mal tolpatschig anstellst und ausgelacht wirst. Eine Dirne lacht nie, sie denkt nur immer ans Geld und wenn es eine gute Dirne ist, dann wird sie dir noch so manchen Rat geben. «

Das war vor ein paar Wochen gewesen. Seither strich der Junge um das

Bordell wie ein liebeskranker Kater. Jeden Abend war er hier, in verschiedenen Innenhöfen und die kleinen Bars hatte er auch schon mal aufgesucht.

Jetzt stand er vor der Entscheidung. Denn das wusste er genau: wenn er jetzt nicht den Mut aufbrachte, würde er es nie mehr wagen. Von anderen Jungen hatte er schon gehört, wie wichtig das erste Mal war. Davon könne man eventuell einen Knacks wegbekommen, hatte ihm sein Freund verraten. Wenn das Mädchen sich ungeschickt anstellte, dann bekäme man so etwas wie einen Schock. Man erzählte sich ja immerzu darüber Geschichten. Jeder wollte es natürlich besser wissen, aber der junge Mann wusste ganz genau, dass die wenigsten eigene Erfahrung hatten, dass sie nur prahlten.

Lina schaute ihn prüfend an.

Früher hätte sie sich erstens mit so einem Jüngelchen gar nicht abgegeben und zweitens hätte sie nie so viel Zeit investiert, um einen Kunden anzulocken. Aber jetzt spürte sie ganz deutlich, wenn ich ihn dazu kriege, rauf zu kommen, dann mach ich heute das Rennen im Hof. Die anderen werden dann denken, ich bin eine gute Nutte.

Jede Nacht musste man sich alles neu erobern, das war wirklich nicht ganz einfach.

Sie klapperte mit den falschen Wimpern.

»Also wenn du ein Angsthase bist, dann geh heim zu Mutti, dort bist du besser aufgehoben. Hier trampeln sie dich vielleicht noch tot.«

Ein paar Lacher im Hintergrund.

»Wie viel willst du?«, stieß er hervor und war selbst über seinen Mut erschrocken.

Lina tat so, als wolle sie sich entfernen. Nun drehte sie sich ganz langsam um. Das kurze Röckchen wippte etwas.

Von unten konnte er den Rand ihres Slips sehen. Er hatte plötzlich rote Ringe vor den Augen. Das Blut strömte wild durch seine Adern, er hatte das Gefühl, gleich zu platzen.

»Es kommt darauf an, was du anlegen willst, mein Lieber«, sagte sie fast zärtlich. Jetzt war kein ätzender Ton mehr zu hören. Vertraulich beugte sie sich herunter, tat einen tiefen Blick in die scheuen Jungenaugen.

»Ich kann dir versprechen, du wirst es nicht bereuen, ehrlich.«

Ganz langsam nickte er, sprechen konnte er nicht mehr. Es schien, als hätte ihr Blick ihn hypnotisiert. Wie gelähmt fühlte er sich auf einmal.

»Dann komm«, sagte sie freundlich und streckte den nackten Arm zu ihm herunter. »Komm rauf, du bist jung und kannst es mit einem Sprung schaffen.«

Jetzt stand er auf der Rampe neben dem käuflichen Mädchen. Sie gab sich wie eine wirkliche Freundin. Leicht legte sie ihre Hand auf seinen Arm.

»Komm nur, ich zeige dir den Weg.«

Mit zitternden Knien ging er neben ihr auf die rote Tür zu. Für Sekunden lag das Licht voll auf dem Jungengesicht. Im Kontakthof sah man ihnen nach. Viele fühlten so etwas wie Neid in sich aufsteigen, denn sie hatten nicht genug Geld, um mit einem Mädchen zu gehen. Sie waren nur als Seher hier und glaubten, so ein wenig von dem verruchten Nachtleben mitzubekommen.

Der Junge war erstaunt, wie nüchtern es unten in der Halle war. Als wenn man sich in einem Amtsgebäude befände, standen sie vor einem Fahrstuhl. Jetzt öffnete sich die Tür, eine Dirne kam mit ihrem Freier heraus. Sie lachten und gingen dann weiter. Lina schob den Jungen hinein, drückte auf den Knopf.

Ihr erster Kunde in dieser Nacht. Sozusagen ihr Handgeld. Für alles hatten

sie eine eigene Sprache, so dass die Außenstehenden sie nicht gleich verstanden.

»Bist du aufgeregt?«

Er nickte schwach.

»Das erste Mal?«

Wieder nur ein Nicken.

Lina dachte: Nun ja, ich bin ja nicht so. Der Junge ist nicht schlecht und zugleich hilft er mir, einen Teil meiner Miete zu zahlen.

Dann waren sie oben im Dirnenzimmer, mit der Bockbank, wie das Bett in der Fachsprache hieß.

»Wie viel hat dein Vater dir gegeben?«

»Äh?«, sagte er verblüfft.

»Hör zu«, sagte sie ruhig, »du bist schon in Ordnung. Das kommt oft vor, weißt du und du wirst wirklich nicht enttäuscht sein. Aber jetzt wollen wir nicht viel reden, sondern handeln, jetzt zählt nämlich die Zeit, verstehst du?«

Er zückte einen blauen Schein.

Lina leckte sich kurz einmal über die Lippen. Also der Herr Papa wollte, dass der Sohn es gründlich erfuhr.

»Zieh dich aus«, sagte sie heiser.

»Ganz?«, murmelte er.

»Schämst du dich?«

Er wurde feuerrot.

»Ich hab mich noch nie vor einer Frau ausgezogen«, meinte er hastig.

»Nun, das gehört auch dazu, weißt du. Komm oder soll ich dir helfen? Sieh mal, ich kenne keine Scheu!«

Sie stand in der Mitte des Zimmers und zog sich gerade das Blüschen aus, dann streifte sie den Rock herunter und stieg heraus. Und nun trug sie nur noch einen winzigen Slip und einen BH.

Dem Jungen fielen fast die Augen aus dem Kopf. Dann sah er, wie sie einen Zeigefinger hinter das Gummi legte und vorsichtig den Slip abstreifte.

Seine Lenden brannten wie Feuer.

»Herrje«, keuchte er.

Der BH fiel auch. Nun stand sie nackt vor ihm. Langsam kam sie auf ihn zu.

»Siehst du, so einfach ist das, mein Kleiner. Weißt du, es macht sogar Spaß, denn man wird doch bewundert, nicht wahr, das tust du doch auch? Du hast doch auch nichts zu verbergen, oder?« Wieder wildes Kopfschütteln.

»Na also!«

Er zitterte so sehr vor Erregung, dass er nicht in der Lage war, seine Hemdknöpfe zu öffnen. Sie musste ihm helfen. Ihre Finger berührten seine Haut, es brannte wie Feuer. Er war ganz außer sich.

Dann stand er nackt vor der Dirne. Sie warf einen raschen Blick auf seine Männlichkeit.

»Ich weiß gar nicht, warum du dich so zierst. Damit kannst du dich überall sehen lassen, mein Kleiner.«

So etwas wie Stolz erfasste ihn. Wenn eine Dirne das lobte, dann sollte das wirklich was heißen, denn sie konnte sich gewiss ein Urteil erlauben. Der Junge ahnte ja nicht, dass das alles nur zu ihrem Beruf gehörte. Sie musste die Männer bei guter Laune halten, um so schneller kamen sie in Fahrt und sie war dann mit ihnen fertig.

»Komm, leg dich jetzt hin.«

Sie presste ihren Körper an den seinen.

»Du musst mich jetzt überall streicheln, hörst du, so wie ich es mache, ganz sachte, das peitscht die Nerven auf. Du musst dich mit dem Mädchen beschäftigen, damit es in Fahrt kommt, hörst du? Das darfst du nie vergessen, sonst bist du ein sehr schlechter Liebhaber, merk dir das. Wenn du nur daran denkst, dass du selbst möglichst schnell zu deinem Vergnügen kommst, dann wird dich kein Mädchen mehr mögen. Aber wenn du dich ganz auf sie einstellst, dann bist du der Held!

Verstanden, man muss zärtlich zu den Mädchen sein, nicht umgekehrt. Was die da im Hof sagen, das ist gelogen. Das sind alles nur Angeber, sie verstehen es nicht, die Liebe zu genießen. Und wenn du dann merkst, das Mädchen wird wild, dann hast du es geschafft. Der Rest ist dann ganz einfach, klar?«

Er nickte.

Mein Gott, dachte er, das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, dass die mir jetzt Sexunterricht gibt. Also was die da sagt und macht, Teufel, davon werd ich noch ganz verrückt.

Lina schloss die Augen und stöhnte. Bei ihr war alles nur ein Schauspiel, er sollte das Gefühl haben, sie wirklich verrückt machen zu können. Für einen Blauen, da war man schon netter und strengte sich ein wenig mehr an. Jetzt kam er so in Fahrt, dass er einfach nicht mehr in der Lage war, sich auf das Mädchen zu konzentrieren, also erlöste sie ihn und nahm ihn auf.

Er glaubte, in ein tiefes Loch zu stürzen, dann wurde er wieder emporgehoben, fühlte sich wie auf rosa Wolken. Das Gefühl war einfach umwerfend. Er hatte ja auch schließlich eine Meisterin erwischt. Und nichts war hier unnatürlich oder beschämend. Schlimmer wäre es gewesen, wenn er das erste Mal aus Angst in irgendeiner Ecke mit einem unerfahrenen Mädchen schnell mal eine Nummer gemacht hätte, nur um damit prahlen zu können, dass er auch schon mal eine vernascht hatte.

Hier konnte er die Liebe vollkommen auskosten. Und für das erste Mal war es nicht schlecht, das war auch die Ansicht der Nutte. Sie konnte das wirklich beurteilen. Nur manchmal schaffte es ein Kunde tatsächlich, sie in Ekstase zu versetzen. Aber in der Regel passte sie auf, dass ihr das nicht passierte. Nie kamen die Kunden ganz zu Werke, besonders die, die wenig zahlten. Da hatte die Dirne ihre Tricks, aber die wurden so fix angewandt, dass man einen Unterschied nicht bemerken konnte und sie verausgabte sich dann nicht mehr so.

Nach einer Viertelstunde war alles vorbei. Keuchend und in Schweiß gebadet lag er neben ihr. Vor Erschöpfung konnte er sich kaum erheben.

»Da drüben kannste dich duschen!«

Ja, so vornehm war der Silo erbaut. Jeder Raum hatte eine kleine Nasskabine, das hieß, Dusche, Toilette und Waschbecken. Blaue Kunden, das hieß, solche, die hundert Mark auf den Tisch des Hauses blätterten, durften sich dann anschließend duschen, wenn sie wollten. Alle anderen durften sich nur kurz waschen, dann mussten sie wieder verschwinden. Sie durften sich ja auch nicht mal ganz ausziehen, sonst wäre der Zeitplan durcheinandergeraten.

Er wankte los und wenig später hörte sie das Wasser plätschern. Sie nahm das Geld und versteckte es im Schrank. Dort hatte sie ein raffiniertes Versteck hinter einer Leiste. Denn das kam ja auch mal vor, dass schräge Vögel auftauchten und sie bestehlen wollten. Der Etagenwirt wurde in der Regel bei einem solchen Fall gerufen. Aber wenn man bewusstlos geschlagen wurde, ehe man um Hilfe rufen konnte, war man schnell seine ganzen Einnahmen los. Nein, ihr Geld ließ sie sich nicht klauen.

Sie wechselte auch nie. Dann verwickelte sie den Kunden in ein Gespräch, um ihn zu reizen und seine Eitelkeit zu wecken, damit er ihr dann doch das ganze Geld ließ.

Wenn er also vierzig Mark ausgeben wollte und nur einen braunen Schein hatte, bekam sie ihn auch zum Schluss. Der Kunde blieb aber dafür nicht länger, denn bis sie ihm das Geld herausgelockt hatte, war ja wieder Zeit vergangen. Das hätte er vorher wissen müssen, dass man immer nur passendes Geld bei sich hatte oder erst gar nicht in ein Bordell ging. Man soll auch nie zu viel mitnehmen, nur so viel, wie man wirklich ausgeben will, dann kann man nicht in Versuchung geführt werden.

Außerdem musste ein Freier ja auch damit rechnen, dass er mal bestohlen wurde. Meistens merkte er es erst viel später. Wenn er dann zur Polizei ging, konnte diese es der Dirne schlecht nachweisen. Außerdem scheuten die Freier den Gang zur Polizei in der Regel, weil sie ja dann eine Anzeige erstatten mussten.

Während sich der Junge anzog, machte sie sich in der kleinen Kabine frisch und wenig später fuhren sie wieder mit dem Lift hinunter.

»Na, war es schön?«

Er nickte und lächelte sie an. Jetzt empfand er beinahe eine zärtliche Vertrautheit und er war erstaunt, dass sie plötzlich nicht mehr so nett war.

Für Lina war das Geschäft gelaufen. Danach sollte man sie gefälligst in Frieden lassen. Für das Geld hatte sie alles hergegeben, also bitteschön!

Ein paar der Männer standen noch im Hof. Als sie jetzt den Jungen wiederkommen sahen, wollten sie ihn ausfragen. Aber er sagte stolz: »Geht doch selbst rauf, ich kann euch nur sagen, die ist ganz große Klasse!«

»Ich geh in keine verlausten und verdreckten Zimmer«, sagte ein Mann mit Bart.

Der Junge konterte sofort: »Da kann man doch mal sehen, dass du hoch nie eine besucht hast, denn sonst würdest du nicht solchen Quatsch erzählen. Dort ist es nämlich pieksauber.«

Die anderen Männer lachten schallend und der Angesprochene zog seinen Kopf ein.

Lina zwinkerte dem jungen Mann zu. Er hatte wirklich etwas für ihr Geschäft getan.

Dann ging er stolz davon.

Carola kam und lehnte sich neben ihr an die Betonwand.

»Wie viel haste schon eingenommen?«

»Mensch, ich brauch unbedingt einen Weltmeister. Heute ist das Geschäft wieder lahm.«

»Frag mich mal. Ich hab erst mal das Hand und Fußgeld eingenommen.«

»Da bist du mir ja voraus.«

»Asta ist grad auf das laufende eingestiegen, aber auch nur Kleingemüse«

»Ich hatte eben einen Blauen!«

»Das kleine Früchtchen?«

»Ich will dir mal was sagen, wählerisch können wir in unserer Lage gar nicht mehr sein.«

»Ich weiß nicht, dann kann ich ja gleich beim Kindergarten anfangen.«

»Hör auf.«

Ein Opa mit grauem Bart ruderte mit den Armen durch die Menge und stand wenig später an der Rampe.

»Ach du liebe Güte, der alte Mann ist auch wieder da, nee, ich hab gedacht, der hätte schon den Löffel weggeworfen.«

»He, Lina«, krächzte er fröhlich.

»Mensch, biste dem Sensenmann schon wieder von der Schippe gesprungen? «

Er war entzückt über diesen Scherz.

»Klärchen«, sagte er fröhlich. »Komm, lass mich rein, ich hab auch Geld.«

Sie lachte gutmütig.

Asta sagte: »Aber das kannste doch nicht machen. Wie alt ist er denn?«

»Achtzig!«

Carola prustete.

»Warum hat er es denn so eilig? Ist das wirklich so ein toller Hecht?«

»Och, er kann es noch ganz gut, aber die Sache ist nur, sie sind hinter ihm her.«

»Wer? Etwa die Bullen?«, lachte Asta.

»Die doch nicht, nee, die Nonnen!«

Carola und Asta starrten sie entgeistert an. »Du willst uns wohl auf den Arm nehmen was?«

Lina lachte.

»Nee, der ist doch schon im Altersheim und dort büxt er immer aus, wenn er genug Taschengeld zusammen gespart hat, um zu mir zu kommen. Der war schon mein Kunde, als wir noch das alte Viertel hier hatten. Tja, und wenn er vermisst wird, dann sind sie hinter ihm her.«

Die Augen der Dirnen glitzerten.

»Und die Nonnen erscheinen hier?«

»Nein, die bleiben züchtig im Auto draußen auf dem Parkplatz, die schicken nur ihren Pfleger, weißte. Also wenn nachher so ein roter Pickeljüngling erscheint, dann wisst ihr Bescheid, dann haltet ihr ihn hin, klar? Es ist doch noch der Rote?«, wandte sie sich an den alten Mann.

»Klärchen, der ist doch so doof, der fällt auf alles rein«, lachte er und kletterte schon eifrig das Treppchen zur Rampe hoch.

»Sag mal, wie haste das denn diesmal geschafft? Ist doch schon reichlich spät und die Türen sind bestimmt abgeschlossen.«

»Durchs Kellerfenster, aber nicht verraten. Ich hab es wieder fein zugemacht. Das hab ich jetzt schon zum dritten Mal gemacht und die zerbrechen sich den Kopf, wie ich aus dem Haus komme. Mein Zimmer liegt nämlich im zweiten Stock.«

Lina ergriff seinen Arm und nahm den Alten mit ins Haus.

Die übrigen Dirnen lachten schallend.

Der Alte hatte fünfundsiebzig Mark zusammen gespart und die wollte er jetzt unbedingt bei Lina verjubeln, denn andere Freuden hatte er ja nicht mehr.

»Das Doktorchen hat mir alles verboten, das Rauchen, Trinken. Das Leben ist so trist bei uns!«

»Sag mal«, meinte Lina lachend, »hat er dir nicht auch Weiber verboten?«

Er grinste sie wie ein Schuljunge an. »Weißte, Mädchen, das täte er bestimmt, aber er denkt, ich mach so was nicht mehr, ha ha ha...«

Sie lachte mit.

»Aber die Nonnen?«

»Für die ist das doch viel zu peinlich«, kicherte er, »die wissen Bescheid, aber damit nicht vielleicht noch andere Heiminsassen auf die Idee kommen, sagen sie immer, ich hätte mal wieder einen in einem Lokal getrunken, weil wir doch im Heim keinen Alkohol kriegen.«

Sie lachte noch immer.

»Und 'ne Standpauke krieg ich auch, von der Oberschwester. Aber die macht es kurz, ich hab nämlich mal versucht, ihr zu erklären, wie niedlich das bei dir ist...«

Lina konnte sich kaum noch beherrschen.

»Hör auf, sonst platze ich noch!«

»Hast Recht, Mädchen, die Zeit vergeht so schnell, also machen wir jetzt fix, ja?«

Zuerst ein grüner Junge und jetzt der Opa. Aber eine Dirne lernte im Laufe der Nacht ja eine Menge Typen kennen und konnte sich blitzschnell darauf einstellen. Oft brauchte der Kunde nur den Mund aufzutun, dann wusste sie schon Bescheid, wie sie ihn behandeln musste.

Zu dem Alten war sie sehr zart, sehr lieb, er strahlte übers ganze Gesicht.

Als sie fertig waren und zum Lift zurückgingen, kam ihnen Asta entgegen.

»Der Pickeljüngling ist schon da!«

»Hat der mich aber diesmal schnell gefunden«, staunte der Alte. »Aber jetzt stört mich das nicht mehr. Mein Geld ist alle. Also, Linachen, nun muss ich wieder fein sparen. In sechs Wochen bin ich wieder da!«

»Tschüsschen!«

Als sie auf der Rampe standen, sah sie den Pfleger und sie konnte es sich nicht verkneifen, den Alten mit einem Küsschen zu verabschieden.

Fröhlich spazierte er davon.

 

 

3

Obwohl sie die ganze Nacht fleißig gearbeitet hatte, konnte Lina nicht zufrieden sein, denn es blieb für sie und Waldemar nicht mehr genug übrig.

Als die drei Dirnen sich auf den Heimweg machten, kamen sie auf das alte Thema zurück.

»Wisst ihr was, ich hab noch was im Kühlschrank. Also, ich schlage vor, wir gehen zu mir und dann denken wir mal gründlich über die Sache nach.«

»Na, aber viel kommt doch nicht dabei heraus.«

»So kann es einfach nicht weitergehen, wir ruinieren uns selbst.«

So kam es also, dass die drei gegen Morgen in Linas kleinem Wohnzimmer hockten. Lina hatte rasch ein paar Schnittchen gemacht und Kaffee gekocht. Die drei Luden waren auch zur Stelle. Sie alle machten ein grämliches Gesicht.

»Es sind Aasgeier!«

»Wir können nichts dagegen ausrichten!«, sagte Asta.

Carola meinte: »Wenn jetzt noch Kirmes oder ein Zirkus hier wäre, dann könnte man zum Messplatz rüber und sich dort was verdienen.«

»Hm hm, ja, nicht übel, aber um diese Zeit, nee, das ist nicht das Beste, ist verdammt kalt draußen. Autostrich ist ja auch verboten. Wenn wir uns dort aufbauen, dann jagen sie uns sofort davon.«

Waldemar sagte: »Gewiss, wenn ihr euch aufbaut und anbietet, bekommt ihr Schwierigkeiten. Aber wenn ihr euch jetzt nicht anbietet?«

»Wieso?«

Details

Seiten
112
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935042
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v510065
Schlagworte
redlight street lina

Autor

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Titel: Redlight Street #106: Die flotte Lina