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Circle C-Ranch #37: Teufelskerl Jimmy Copper

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Teufelskerl Jimmy Copper

Klappentext:

Roman:

Circle C-Ranch

 

Band 37

 

Teufelskerl Jimmy Copper

 

Ein Western von Glenn Stirling

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2019: Werner Öckl

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

US Marshal Stan Childress jagt einen flüchtigen Mörder namens Starek. Am Rande der Wüste trifft er dann den vermeintlichen Verbrecher – aber es ist nicht Starek, sondern Jimmy Copper, der jüngste Sohn des Circle C-Ranchers Buster Tom Copper. Jimmy versucht Childress klarzumachen, dass er den Falschen verhaftet hat – aber der US Marshal glaubt ihm nicht. Er ist fest entschlossen, den Mörder zurückzubringen, damit er verurteilt und gehängt wird. Und dieser Weg führt mitten durch das Apachenland!

 

 

 

 

Roman:

Die Sonne versank wie ein Stück glühender Kohle hinter den in bläulichem Dunst liegenden Bergen. Der weite Himmel widerspiegelte das zuckende Feuer der Sonne und erschien in flammendem Rot. Der Wind wehte nur noch flau und brachte die Tageswärme noch einmal heran, blies sie, vermischt mit feinem Wüstensand, in die Mulden der Sandhügel hinein und brach sich an den Resten eines Bergzuges, der nur noch als Fragment vorhanden war. Zerfledderte, verwaschene Felstürme in ziegelfarbenem Ton, morsch, mürbe und bizarr in ihren Formen.

Jimmy Copper blickte zu der Felssäule empor, unter der er hockte. Der Geier dort oben äugte zu ihm und dem toten Pferd herab, dessen Kadaver, von leichtem Sandhauch bedeckt, ein Stück vor Jimmy lag.

„Nun hau ab. Deine Kameraden sind ja auch schon weg!“, knurrte Jimmy, dann rollte er sich eine Zigarette in einem Maisblatt. Als sie brannte, umwehte ihn der Hauch wie eine dünne Fahne. Der Abendwind packte und verwischte sie, wie er auch die bronzefarbenen Wolken verwischte und zu langen Bahnen auseinandertrieb, so dass der Himmel jetzt aussah wie ein riesiger Exerzierplatz, auf dem Kompanien von Soldaten aufmarschiert waren.

Jimmy hatte dem Falben den Sattel abgenommen und ihn neben sich gelegt. Nun zog er die Feldflasche aus der Schlaufe am Sattelhom, öffnete sie und trank einen kleinen Schluck, schraubte sorgfältig wieder zu, hängte die Flasche wie etwas an ihren Platz zurück, das von unsagbarem Wert war. Und tatsächlich hatte Jimmy im Moment nichts, was mehr Wert besessen hätte als diese Flasche mit brackigem, lauwarmem Wasser.

Er blickte in die Runde. Er wusste genau, wo er sich befand. Im Süden verlief das weite Feld der Wüste bis zu den Bergen, die matt in ihren Konturen aus dem abendlichen Dunst ragten. Wüste, das war weißlich-gelber Sand, das waren graubraune Mesquitefelder, das waren die oft undurchdringlichen Kakteenfelder, das waren auch riesige Flächen mit Steinschotter, allerletzte Reste, zerfallener Gebirge.

Im Norden war alles grau, zerfurcht wie altes Leder, und hier wimmelte es von Felsen, Gräben, eine Mondlandschaft des Todes. Es war still, und der Wind war jetzt so mild, so lau, dass er nicht einmal mehr säuselte - nichts von dem Fauchen, das er am Tage annahm, nichts von den ständigen Staubschleiern. Alles war auf einmal klar, und während es rasch dunkler wurde, kam auch die Kühle, nach der sich Jimmy einen ganzen Tag gesehnt hatte.

Jimmy schnallte seine Machete vom Sattel los, erhob sich und ging zu einer Gruppe verdorrter Redprickles hin, schlug das dürre Gesträuch ab und schichtete es zu einem Reisigberg, den er anzündete. Die Flammen schlugen prasselnd in die Höhe. Weißer, zitternder Rauch stieg auf, und der vertrieb auch den letzten der Geier, die den ganzen Nachmittag über hier gewartet hatten, dass Jimmy ihnen das Pferd überlassen würde.

Aus Felsbrocken baute Jimmy so etwas wie eine Feuerstelle, als das Feuer so weit heruntergebrannt war, dass er auf die drei Quader einen kleinen Blechtopf stellen konnte, in den er aus der Feldflasche Wasser füllte. Als das Wasser zu sieden begann, schüttete er ein Gemisch aus Kaffeemehl und Zichorie hinein. Diese kakaoartige Suppe ließ er aufkochen, nahm den Topf vom Feuer und wartete, dass sich der braune Schaum setzte. Kaum dass dies etwas der Fall war, goss er sich Kaffee in einen Becher, umschloss ihn mit beiden Händen und trank vorsichtig.

Er hatte sich die Pferdedecke um die Schultern gehängt, aber ihn fröstelte dennoch, denn nach der Tagesglut wurde es nun mit jeder Minute beträchtlich kälter. Und während er austrank, erhellte das zuckende Feuer sein Gesicht, seinen Körper, den ganzen Mann, der so karg, so hart, so wild wirkte wie dieses Land. Das blonde Haar dieses Cowboys war so hell, dass es die Farbe der Flammen annahm, die darauf fielen. Das tiefgebräunte, kantige Gesicht war von Brandblasen bedeckt, entstanden durch die pralle Sonne, durch den ätzenden feinen Sand, durch den alles verdorrenden Wind. Solche Blasen hatte Jimmy auch an den Handgelenken, an Händen und Füßen.

Nun, da er mit Trinken fertig war, zog er eine Dose aus der Satteltasche, hielt sie mit zwei Holzstäben über die kleineren Flammen am Rand des Feuers, bis der weiße, fettige Inhalt zu schmelzen begann. Als alles zerschmolzen war. schüttelte Jimmy ein Tuch aus, bis es keinen Sand mehr enthielt, tupfte einen Zipfel in den geschmolzenen Talg und bestrich sich damit die Brandblasen und offenen Scheuerstellen. Als er dies auch an den Füßen gemacht hatte, zog er sich die zerlöcherten Socken wieder über und quälte sich in die Stiefel, deren Leder außen mit einer weißen Kruste behaftet war, feine Salzkristalle, die alles allmählich zerfraßen.

Jimmy rollte sich die Hemdsärmel wieder über die muskulösen Unterarme, zog die Decke fester um die Schultern, schlenkerte eine Locke seines Haares aus der Stirn und starrte in die Flammen. Dann langte er in die Satteltasche, zog Stücke trockenen, knochenharten Brotes hervor, füllte sich den Kaffeebecher wieder und stippte das Brot hinein, dann schlang er es wie ein Wolf hinunter. An einen Wolf erinnerte er auch sonst.

Sein Blick wanderte über die Flammen hinweg zu seinem toten Pferd, das dort im Halbdunkel lag wie ein großer Haufen. Das linke Vorderbein wirkte eigenartig verrenkt. Es war gebrochen, und deshalb hatte er den Hengst erschießen müssen. Hier in der Wüste war das ein halber Selbstmord.

Er dachte gerade darüber nach, ob er kurz nach Mitternacht losgehen sollte oder noch früher, da sagte eine raue Stimme hinter seinem Rücken:

„Bleib genau so sitzen, mein Junge, sonst hacke ich dich mit meiner Greener in kleine Stücke!“

Jimmy hörte das feine Knirschen des Sandes unter Stiefeln, und ihm wurde zweierlei sofort klar. Der Mann dort hinter ihm war gegen den Wind gekommen, und er war ein Amerikaner, ein waschechter, der mit breitem Slang sprach.

Langsam wandte Jimmy den Kopf, ohne Hast, so, als sei ihm dieser überraschende Besuch absolut gleichgültig. „Ah, der Marshal aus Phoenix!“

Der Mann war untersetzt, breitschultrig, kein junger Mann mehr. In seinem kantigen, fast quadratischen Gesicht wuchs ein zerzaust wirkender Schnurrbart, in dem die Salzkristalle hingen wie in einer Saline. Brandblasen, Scheuerstellen überall, wo man bei ihm die Haut sehen konnte. Aber die Flammen des Feuers brannten nicht hell genug, um noch mehr Einzelheiten zu erkennen, höchstens die Greener mit ihren Doppelläufen, die der Mann in der Hand hielt, und das blinkende Abzeichen eines US Marshals, das er auf seine Weste geheftet hatte.

„Besser, du hebst die Hände bis zur Schulter! Und keine Mätzchen, Starek! Ich drücke sofort beide Läufe ab, schon deshalb, weil ich gerne klaren Tisch mache.“

Jimmy schüttelte nachsichtig den Kopf, wie man es tut, wenn ein kleines Kind von Dingen redet, die es noch gar nicht verstehen kann.

„Marshal, ich habe dir schon inTombstone gesagt, dass ich nicht dieser Starek bin, für den du mich die ganze Zeit hältst. Ehrlich gestanden, Marshal, habe ich dich in dieser Höllengeburt Tombstone für besoffen gehalten. Stinkbesoffen. Aber jetzt siehst du eigentlich nüchtern aus. Wieso also immer noch dieser Quark von diesem Starek?“

Der Marshal zog verächtlich die Mundwinkel nach unten. „Warum reden solche Burschen wie deinesgleichen immer dieselben Sachen, wenn man sie schnappt? Ich bin nicht der, für den du mich hältst! Ich bin in Wirklichkeit der Sohn vom Gouverneur. Es ist alles ein verdammter Irrtum! Starek, dein Gewehr liegt beim Sattel. Das sehe ich. Ist also nur die Frage, wo du den Revolver hast. Heb die Arme! Ich muss mir deinen Revolver holen. Hast du hier auf mich gewartet?“

Er kam näher an Jim heran, der die Arme hob. „Hast du eine Ahnung, wo wir uns befinden?“, fragte Jimmy.

„Natürlich. Wir befinden uns im schönen Mexiko. Ich habe den Grenzstein gesehen, ich musste ihn ja sehen, denn deine Spur ging direkt daran vorbei.“

„Und was suchst du dann hier? Vielleicht mich?“

„Was sonst?“

„Das heißt, dich interessiert es einen Dreck, dass du dein Abzeichen auf mexikanischem Boden spazierenträgst?“

„Erraten.“

„Hör mal, Marshal, ich habe dir in Tombstone, als du mit deinem verrückten Gequatsche angerückt gekommen bist, gesagt, dass Cliff Copper mein Bruder ist. Mein Bruder US Marshal Cliff Copper. Marshal wie du!“

„Und ich habe dir geantwortet, dass ich Cliff kenne, ihn schätze, ihn achte, aber ihn eher für den Bruder des Präsidenten halte, als dass er mit einem Wolf wie dir verwandt sein könnte. Nein, Starek, etwas feinsinniger musst du schon werden. Die ganz plumpen Sachen landen bei mir nicht.“

„Du bis ein Idiot, Marshal!“, knurrte Jimmy.

„Ja, bin ich eben einer, Starek. Aber ich habe dich jetzt, und ich bin so ein halsstarriger Bursche, dass ich das Fingerzucken bekomme, wenn so Wölfe wie du sich rühren. Es macht mir einen Dreck aus, dich hier umzulegen. Ich bin ehrlich, Starek, biete mir die geringste Handhabe, und ich drücke ab. Wenn ich an die beiden Kinder denke, deren Vater du abgeknallt hast, macht es mir nicht einmal was aus. Nur, weißt du, so einfach schießen, ohne dass du mir einen Grund bietest, das tue ich nicht, und wenn ich es auch leicht hätte, hinterher zu sagen, du hättest was probiert.“

„Ganz schön behämmert!“, brummte Jimmy, aber er sah keine Chance, das Blatt zu wenden. Als ihm der Marshal von hinten den Revolver aus dem Holster zog, bot sich auch keine Möglichkeit, das zu verhindern. Nein, der Marshal hatte mit seiner idiotischen Idee ganz einfach auch noch alle Trümpfe in der Hand.

„Es war ein Fehler von dir, abzuhauen.“ Der Marshal steckte sich Jimmys Revolver in den Hosenbund. „Ein Fehler, wenn man einmal eine Sekunde lang annehmen will, du wärst wirklich nicht Starek. Einer, der abhaut, ist immer reif. Dem glaubt kein Schwein mehr seine Unschuld. Aber du hast hoffentlich begriffen, dass ich das nur mal so angenommen habe. Natürlich bist du Starek. Die Beschreibung auf dem Steckbrief ist astrein. Ich habe Starek verfolgt. In Tombstone ging er mir einen Tag lang verloren. Einen Tag, mein Junge, bist du mir aus dem Blickfeld gekommen. Aber dann hast du wohl gedacht, dieser Bulle ist weg, wie? Aber der Bulle, mein Junge, war noch da. Und wie er da war. Und das Ding, Starek, dass du mir verpasst hast, ist auch nur eine kleine Hilfe gewesen. Hast du noch Kaffee übrig?“

„Es ist genug da. Setz dich hin und trinke den Rest.“

„Damit du dir was ausdenken kannst, wie? Streck mal die Arme vor, Starek! Da gibt es eine prächtige Erfindung, die du schon kennen wirst. Handschellen, und ich besitze ein Paar davon. Streck sie vor! Der Kaffee läuft mir nicht davon.“

Er ließ die Handschellen, die er aus seiner Gesäßtasche gezogen hatte, um Jimmys Handgelenke schnappen. Nun erst trat er einen Schritt zurück, legte die Schrotflinte zu Boden und goss sich Kaffee ein. Er roch daran und murmelte:

„Der ist so dick wie Moor. Überlebt man den überhaupt?“

„Auf der Circle C-Ranch trinkt man ihn nur so.“

„Circle C-Ranch? Wo ist das?“

„Bei Tucson.“

„Aha.“

„Sie gehört den Coppers. Dem Vater von Cliff Copper und mir. Ich bin dort zu Hause, Marshal.“

„Aha.“

„Scheißkerl, sag nicht immer aha! Ich bin nicht Starek!“, schrie Jimmy wütend.

Unbeeindruckt trank der Marshal weiter. „Es ist dein Hals, Junge, also hast du ein Recht, zu sagen, was du willst. Aber es ändert nichts.“

„Was, zum Teufel, hast du dir überhaupt ausgedacht?“

„Was soll ich ausgedacht haben? Schlecht, dass du kein Pferd mehr hast. So musst du laufen.“

„Die nächste Siedlung ist fünfundzwanzig Meilen von hier. Marco heißt sie.“

„Eine mexikanische Siedlung, nicht wahr?“, fragte der Marshal.

„Natürlich. Wir sind schließlich in Mexiko und nicht mitten im Arizona.“

„Wir reiten zurück.“

Jimmy lachte wild. „Zurück? Das nächste Haus auf amerikanischem Boden, das ist von hier aus Fort Mason. Zweihundert Meilen.“

„Wieso? Wir sind doch ...“

„Du bist mir gefolgt, hast du gesagt. In Ordnung, dann bist du quer durch die Wüste geritten, immer der Grenze nach, einmal auf mexikanischer, einmal auf amerikanischer Seite. Wir sind jetzt ein prächtiges Stück weit von US-Siedlungen weg. Ich hoffe, dir ist das inzwischen klar.“

„Und wenn schon. Was soll ich damit anfangen?“

Jimmy lächelte. „Ich dachte mir, du hast dir überlegt, dass du ab und zu etwas trinken willst. Von deinem Pferd will ich gar nicht erst reden.“

„Der Kaffee ist wirklich nicht übel“, meinte der Marshal anerkennend, ohne weiter auf Jimmys Worte einzugehen.

„Granit ist eine weiche Sache gegen deinen Kopf, was?“, fragte Jimmy.

Der Marshal sah Jimmy an. In seinen hellen Augen spiegelten sich die Flammen. „Ich habe einen Namen, Starek. Ich heiße Childress, Stan Childress. Stan, das steht für Stanislaus. Meine Mutter war Polin. Und du, Starek, du stammst doch auch aus Polen oder Russland, nicht wahr?“

„Du kannst mich mit diesem Starek bald am Arsch lecken! Ich heiße Copper! James Richard Copper, und meine Familie kommt aus Texas, und vorher, da kam sie zu der einen Hälfte aus irgendeinem Dorf in Südengland und zur anderen aus einer kleinen Stadt in Deutschland, falls du weißt, wovon ich spreche.“

„Ich weiß ganz genau, wovon du sprichst, Starek, vor allem weiß ich, von was du überhaupt nicht sprichst, und das ist die Wahrheit. So jung, wie du noch bist, solltest du dich mehr damit befassen. Der Mann, den du wegen lumpiger zwanzig Dollar umgebracht hast, hatte mit seiner Hände Arbeit eine kleine Farm aufgebaut, hatte sie ...“

„Nun hör endlich auf! Ich habe keinen umgebracht!“

„Und der Mexikaner in Tombstone?“

Das war es! Da hakte es also aus! Jimmy spuckte ins Feuer, sah auf Childress und fuhr ihn an: „Hast du mir den etwa nicht auf den Hals geschickt?“

„Und wenn schon, deshalb brauchtest du ihn doch nicht einfach abzuknallen wie einen Hasen.“

„Abzuknallen? Ich glaube, ich träume! Er ist auf mich mit einem durchgeladenen Spencerkarabiner los. Und er hat den sogar abgedrückt!“

„Aha. Komisch, wir haben aber keinen Spencerkarabiner bei ihm gefunden. Dafür fanden wir eine Kugel in seiner Brust. Aus einem Revolver wie deinem.“

„Ich bestreite das ja nicht. Er ist auf mich los. Einfach so. Ich habe ihn für einen Banditen gehalten und geschossen, als er abdrückte.“

„Als er abdrückte? Dann wärst du jetzt tot, Söhnchen!“

„Rede mit mir nicht wie mit einem kleinen Jungen, Childress, sonst lernst du mich kennen! Er hat abgedrückt, und ich habe meinen Salto gemacht, den ich immer mache, wenn einer schon abdrücken kann. Und dabei schieße ich noch. Das kennst du wohl nicht, wie?“

„Ja, vielleicht war es so. Aber beweise das mal den Geschworenen.“

Childress hatte sich erhoben, zog ein paar von den noch bereitliegenden Reisern heran und warf sie ins absterbende Feuer. Sofort quoll wieder Rauch auf, dann schlugen die Flammen höher, und der Rauch schien darin zu verschwinden. Die plötzliche Helligkeit zeigte Jimmy mehr von diesem Marshal, den er nur ganz flüchtig in Tombstone kennengelernt hatte. Childress war ein kräftiger, zäher Bursche, vielleicht mit seinen vierzig Jahren nicht gerade einer von den Sprintern, aber in seinem Gesicht zeichnete sich eine Verbissenheit ab, die Jimmy von seinem Vater her und auch von dessen Vormann Matt Jackson kannte. Dieses Zähe, dieses nun erst recht, wenn andere schon aufgegeben hatten. Nein, dachte er, dieser Childress ist nicht einfach so abzuschütteln, sonst wäre er nicht hier. Da hat er zwar die falsche Fährte verfolgt, aber er ist draufgeblieben, durch gut zweihundert Meilen Wüste. Keine Grenze, keine Gefahr hatte ihn aufhalten können. Zufall, dass er unterwegs nie auf Rurales gestoßen war. Einmal, erinnerte sich Jimmy, waren sie ganz nahe gewesen, und auch Childress musste sie gesehen haben.

„Hast du die Rurales nicht gesehen?“, fragte Jimmy.

Childress stieß ein paar Zweige ins Feuer, blickte zu Jimmy hin und zuckte die Schultern. „Doch, aber dass es Rurales waren ... du meinst diese Gruppe von sieben Reitern?“

„Ja.“

„Vorgestern, nicht wahr? Sie sind nach Süden weiter.“

„Nach Marco.“

„Noch ein Grund, nach Tucson zu reiten.“

Jimmy schloss die Augen, seufzte und meinte dann in nachsichtigem Ton: „Childress, es sind nicht nur zweihundert Meilen bis Fort Mason, und wenn wir es ganz geschickt anstellen, zweihundertdreißig bis Tucson, es gibt bis dahin auch nur eine einzige Wasserstelle, von der nicht einmal feststeht, ob sie Wasser führt.“

„Wir werden schon durchkommen. Ich habe zwei Ziegenbälge mit Wasser. Und wie ich sehe, hast du ...“

„Zwei Ziegenbälge, in Ordnung“, sagte Jimmy, „die braucht das Pferd bis Buena Ventura. Und wenn dort kein Wasser ist, muss das Pferd noch die restlichen fünfzig Meilen damit auskommen. Für dich, Marshal, ist in den zwei Säcken nichts drin. Und mit dem, was ich habe, werden wir beide auch nicht weit gekommen. lch mache dir einen Vorschlag, Childress: Wir zwei reiten nach Marco. Du steckst den Stern in die Tasche, und dann haben wir’s. In Marco gibt es Wasser, zu essen, sogar prächtige Mädchen ...“

„Starek, heb die Träume für den Schlaf auf! Was nun uns beide angeht, Starek, wollen wir jetzt noch jeder eine Zigarette rauchen, dann werden wir aufbrechen. Nachts ist es besser für dich. Du bist immerhin zu Fuß.“

„Soll ich dir etwas verraten, Childress?“, fragte Jimmy und richtete sich auf, sah Childress ernst an. Childress, der diesen Blick erwiderte, spürte, dass Jimmy jetzt keinen Witz oder irgendeine miese Bemerkung machen würde. Es war Jimmy ganz ernst mit dem, was er nun sagte. „Childress, wenn du dieses Land kennst, so gut kennst wie wir Coppers. dann würdest du jetzt das einzige tun, was in deinem Falle überhaupt drin ist. Du würdest nach Marco reiten, dort ein Maultier kaufen und das mit Wassersäcken beladen bis an den Rand. Und dann, Childress, dann müsstest du auch noch ein Pferd für mich mitbringen. Ein gutes Pferd. Am besten, du tauschst dein eigenes auch um. Wo hast du es überhaupt?“

„Hinter den Felsen.“ Childress deutete nach Norden.

„Ja, nach dem langen Ritt sieht es bestimmt auch nicht mehr wie neu aus. Ich sage also: zwei frische Pferde, ein Maultier mit sieben prallvollen Wassersäcken, weitere zwei an den Pferden, und dann, Childress, nur dann kommen wir nach Tucson. Übrigens würde ich das mit allen Mitteln unterstützen.“

Childress verzog das Gesicht, als habe er Essig geschluckt.

„Würdest du? Und dich ganz schlicht verkrümeln würdest du auch, während ich weg bin.“

Jimmy lachte. „Verkrümeln? Du machst dir vielleicht ’ne Vorstellung von der Wüste. Childress, ich bin zwar zwischen Skorpionen, Klapperschlangen und Kakteen groß geworden, aber ich weiß, dass ich zu Fuß, hier an dieser Stelle, schon halb tot bin. Halb tot, Childress, hast du gehört? Hier unten sind Apachen, die ich nicht kenne, die nicht zu Cochise gehören. Sie töten jeden Weißen, den sie töten können. Aber das wäre der gnädigste Tod, Childress.

Wasser, das ist schlimmer, und zu Fuß kannst du nur die eine Flasche schleppen, selbst die wird stündlich schwerer. Und sie reicht nicht. Zu Fuß müsstest du zehn davon haben. Dann das Salz. Es ist überall, und du hast es schon kennengelernt. Woher stammst du, Marshal?“

„Aus Iowa. Aber ich war lange in Süd-Dakota als Marshal, ehe ich vor einem halben Jahr nach Arizona versetzt wurde.“

Jimmy nickte, als hätte er es nicht anders erwartet. „Klar, ein Yankee. Es musste so sein. Nur ein Yankee tut so, als wäre die Gila ein Platz in New York und glaubt, dass sich die Natur nach ihm richtet und nicht umgekehrt. Mann aus Iowa, wenn ich eine Chance habe, dann durch dich. Und wenn wir beide eine Chance haben, dann entweder deshalb, weil wir direkt die fünfundzwanzig Meilen bis Marco pilgern oder weil wir es so machen, wie ich dir vorgeschlagen habe.“

„Spar dir die Luft. Du wirst sie noch brauchen. Wir brechen in einer Minute auf. Nach Norden!“

„Ein Irrer, und ich musste ihm in die Hände fallen!“, stöhnte Jimmy.

Childress lachte verbissen. „Es gibt Leute, Starek, die zweifeln immer an der Gerechtigkeit. Die Frau von Sonnichsen zum Beispiel.“

„Von wem?“, fragte Jimmy verständnislos.

„Die Frau von dem Mann, den du wegen zwanzig Dollar umgelegt hast.“

„Verrückter! Wann wirst du kapieren, dass ich niemals dort gewesen bin.“

„Du hast mir in Tombstone erzählt, du hättest für deinen Vater versprengtes Vieh gesucht, als Sonnichsen ermordet wurde. Also niemand, der dir zu einem echten und beschworenen Alibi verhilft. Vom Pech verfolgt, wie? Und in Tombstone, da war nur ein einziger Mensch, der gewusst hätte, dass du ein Copper und nicht Starek bist. Pech wiederum, weil der Mann nicht da gewesen ist, als wir bei ihm waren. Und sonst kannte dich kein Schwein.“

„Nein, wie sollten sie auch. Dieses Nest, dass durch Schieffelins verdammtes Silber geboren wurde ... geboren? Hah, von der Hölle wurde es ausgebrochen, dieses Stinkgeschwür einer Stadt. Alles Fremde dort. Glücksritter, Banditen, Desperados. Mit denen bin ich allerdings nicht bekannt.“

„Du bist überhaupt ein edler Mensch. Aber soll ich dir etwas sagen? Für mich, Starek, bist du ein feiges, mieses Stück, weil du nicht einmal den Mut hast, zuzugeben, was auf deinem Konto liegt.“

„Häng deinen Fleischwolf dort an den Felsvorsprung und leg die Revolver dazu, dann würde ich dir gerne mit meinen Fäusten eine Antwort darauf geben, selbst mit diesen Dingern an den Gelenken.“ .

„Natürlich, auf eine andere Weise kannst du dich wohl kaum ausdrücken. Knallen, prügeln, aber das sind keine Argumente, die vor einem Gericht zählen. Bei mir kommst du damit auch nicht an. Sieh mal her!“ Childress hielt Jimmy seine Faust vors Gesicht. „Was einen Kampf mit diesen Händen angeht, scheue ich dich nicht, Starek. Natürlich wirst du auf unserem Weg nach Norden eine Chance haben. Die Sache steht ziemlich ausgeglichen. Du kennst die Wüste, ich kenne sie nicht. Aber eines, Starek, hast du nicht, wirst du nie haben: meine Zähigkeit. Du wirst, wenn du mal eine Chance hast, mich richtig tot machen müssen, sonst hast du mich wieder im Genick.“

„Das glaube ich unbesehen“, erwiderte Jimmy. „Wollen wir nicht bis zum Morgen warten? Übrigens, hätten wir beide Pferde und genug Wasser, wäre ich noch viel mehr für einen Ritt nach Fort Mason oder Tucson, als du denkst. Dort stellt sich deine Story nämlich als lächerlicher Zauber heraus.“

„So wie in Tombstone, als dieser Kerl nicht da war, den du angeblich so gut kennen wolltest, was?“, höhnte Childress. „Ich würde sagen, jetzt haben wir genug gequatscht und reiten. Im Morgengrauen werden wir uns einen schattigen Platz für die Rast suchen.“

Jimmy schwieg. Wie soll ich es diesem lausigen Yankee beibringen, dass er auf dem falschen Kahn sitzt? Der ist doch so stur, dass er glatt mitten in die Hölle spaziert, nur weil er sich einbildet, dort seinen Fall lösen zu können. Nein, mit Worten ist dem nie beizukommen. Der will partout nach Norden, und das ist zu Fuß nicht zu schaffen. Schwachsinnig, so etwas überhaupt einzukalkulieren! Aber sag das mal einer einem Yankee, der sich die Gila nicht vorstellen kann. Ausgerechnet die ungünstigste Strecke muss er wählen. Wo das Sterben absolut sicher ist. Und mit einem Pferd ist die Chance zwar wenig größer geworden, aber sie ist eine Chance, doch nach Norden hilft auch ein Pferd nicht. Nicht für zwei Mann.

„Steh auf und geh vor mir her!“, sagte Childress. Er hatte seine Schrotflinte und Jimmys Winchester aufgehoben, hielt sie unter die Arme geklemmt und stellte sich breitbeinig auf.

Jimmy nahm seinen Wassertopf, füllte den Kaffee vorsichtig in die Feldflasche, ohne sich um Childress’ Befehl zu kümmern. Dann schlang er einen Rohlederriemen um den Bechergriff, hängte den Becher und den Topf an die Feldflasche, löste diese vom Sattel und band sich die drei Gefäße an den Gürtel. Weil ihn die schweren Lederschurze beim Marsch hindern würden, band er sie ab und warf sie auf den Sattel, wo sie klatschend niederschlugen. Als er dann noch die Büchse mit dem Talg aus der Satteltasche nahm, sagte Childress:

„Wirst du vor Weihnachten noch damit fertig, deinen verdammten Hausrat einzusammeln?“

Jimmy antwortete nicht. Er musste beide Hände in die Satteltasche stecken, weil sie zusammengefesselt waren, um an die Eicheln zu kommen.

„Wofür sind die denn gut? Willst du die etwa essen?“, fragte Childress.

Jimmy grinste. „Wir aus dem Süden nähren uns von rohem Wolfsfleisch, dazu essen wir harte Eicheln, und zum Nachtisch gibt es einen panierten Schwarzen. So stellt ihr Yankees euch das doch vor, wie?“

„Quatsch dich nur aus, Starek! In Tucson, da wird es stiller werden, wenn du reden könntest. Vielleicht erinnere ich dich dann an deine große Schnauze von heute.“

Jimmy schwieg. Er ist Marshal, dachte er. Marshal wie Cliff. Verdammt, ich bin dreiundzwanzig Jahre lang erzogen worden, das Gesetz zu achten und mich nie gegen einen zu stellen, der wie mein Bruder Cliff ein US Marshal ist. Und dieser hirnverbrannte Yankee hier ist auch einer. Verdammt, was soll ich tun? Wenn ich mit ihm gehe, werden wir beide krepieren. Pshaw! Eine Ziegenhaut und eine Feldflasche Wasser für gut und gerne hundertfünfzig Meilen Wüste ... falls wir in Buena Ventura Wasser finden. Wenn dort keines ist, dann ... also darüber brauche ich wohl gar nicht nachzudenken. Das ist so gut wie überflüssig. Wir können eigentlich nicht einmal Buena Ventura schaffen. Mit einem Pferd, falls wir zeitweise oder abwechselnd darauf reiten, machen wir im günstigsten Fall achtzehn Meilen am Tag, bis wir zu den Bergen kommen, und bis wir die überquert haben, müssen wir mit höchstens zehn Meilen am Tag rechnen. Wenn also alles gutgeht, brauchen wir etwa zehn Tage. Das Wasser im Ziegensack braucht allein das Pferd. Und wir beide teilen uns die drei Liter in der Feldflasche ... zehn Tage lang bei einer unmenschlichen Hitze! Idiotisch.

Und alles wäre leichter, wenn wir nach Marco gingen. Fünfundzwanzig Meilen, die wir auch noch leicht bergab in knappen zwei Tagen schaffen würden. Ohne Risiko. Selbst Childress riskiert nichts, wenn er mir die . Handschellen abnimmt und sich selbst seinen beschissenen Stern. Aber wenn ich mit ihm nach Norden gehe, sind wir beide tot. Ja, tot. Es ginge schneller, sich hier mit dem Revolver zu erschießen.

„Nun pilgere schon ab, Mensch!“, fauchte ihn Childress an. „Wie lange, glaubst du, werde ich hier noch herumwarten? Und denk dran, dass es mir viel lieber wäre, wenn du einen Trick versuchst. Dann hätte ich vor mir und der Welt einen astreinen Grund, den Geschworenen die Arbeit abzunehmen.“

„An deinen Gewissensbissen wirst du noch einmal absterben, Childress.“

Jimmy steckte die Dose mit der Salbe und die Eicheln ein und ging. Er musste den Schotter hinauf, um durch die Lücke zwischen den beiden Felsen zu gelangen. Und als er oben anlangte, sah er das Pferd. Es war ein gutes Stück entfernt. Childress hatte es an einem niederen Felsquader angebunden. Und das war dem Tier zum Schicksal geworden. Was sich gerade in diesen Sekunden abspielte, konnte Jimmy wie auf einer Bühne erkennen. Denn eben war die Scheibe des Mondes orangerot über den Horizont gekommen und hatte das schroffe Antlitz erhellt wie eine Petroleumlampe das Gesicht eines alten Mannes.

Jimmy sah, wie sich das Pferd aufbäumte, von den festgebundenen Zügeln aber am Weglaufehn gehindert wurde. Und während es schrill wieherte, entdeckte Jimmy vor dem Pferd etwas Dunkles, Schmales, Langes. Und kaum dass das Wiehern endete, hörte Jimmy dieses pfeifende Zischen.

„Schnell! Childress! Eine Klapperschlange! Schnell, schieß!“

Childress sah ebenfalls das sich aufbäumende Pferd, konnte aber offenbar die Schlange nicht sehen. Er rannte an Jimmy vorbei, schoss dann, aber das Glück hatte ihn verlassen. Gerade als er die Schlange endlich entdeckt und abgedrückt hatte, war das Reptil unmittelbar vor den Vorderhufen des Pferdes gewesen. Und der Wallach, der sich nicht losreißen konnte, wollte gerade in dieser Sekunde mit dem Mut der Verzweiflung die Vorderhufe nach der Schlange stoßen.

Da fuhr Childress’ Kugel dazwischen, zerschmetterte dem Wallach das Kronbein und besiegelte das Schicksal des Pferdes. Die Schlange, die Childress mit einem zweiten Schuss dann doch traf, kam auch nicht mehr zum Biss, aber was machte das noch aus?

Das Pferd riss sich nun doch noch los, wollte auftreten und stürzte. Als es sich wieder hochquälen wollte, war Jimmy schon bei ihm, sah die Verletzung und wandte sich Childress zu, der näher kam.

„Was ist?“, rief Childress.

„Kronbeinschuss. Du musst es töten, Marshal. Jetzt geht nur noch ein Weg für uns von hier weg.“

Childress fluchte, besah sich das Pferd und die noch zuckend ringelnde Schlange. Wütend schoss er dem Reptil in den Kopf. Das Pferd, das wohl ähnliches ahnte, versuchte verzweifelt aufzustehen, aber da trat Childress schon neben den Kopf des Tieres, hielt den Revolverlauf dicht hinters Ohr und drückte ab. Der Körper des Tieres blieb eine Sekunde lang wie gelähmt, wurde dann schlagartig schlaff und sackte zusammen.

Jimmy hakte die Daumen in den Gürtel und sah Childress gespannt an. Er versuchte in diesem diffusen Licht etwas von Childress’ Gesicht zu erkennen, doch das lag im Schatten der Hutkrempe, und der Mondschein war nicht so hell, um mehr zu erkennen.

„Verflucht“, murmelte Childress. und blickte auf sein Pferd.

Jimmy sagte nichts.

Childress sah ihn an. „Na, nun kannst du doch eines Siegeshymne anstimmen!“, rief Childress heiser.

„Warum? Weil ein Pferd tot ist? Für mich kein Grund zum Lachen. Ich weiß nur eines, Childress: Jetzt müssen wir nach Marco, ob du das nun willst oder nicht.“

Jimmy sah, wie der verbissene Ausdruck in Childress’ Gesicht, das jetzt im vollen Mondilioht lag, anwuchs und wie die Augen des Mannes schmal wurden.

„Marco?“, bellte der Marshal. „Hah! Das ist wohl ein frommer Wunsch, den du dir allmählich aus dem Kopf schlagen solltest. Wir werden den Plan zwar ein wenig abändern, aber nur ein wenig, Söhnchen! Wir nehmen Kurs auf Fort Mason, und ich habe mir überlegt, dass wir zuerst einmal wieder den Weg verfolgen, den wir beide gekommen sind. Dann werden wir nach diesem Ostkurs nach Nordosten abschwenken. Wir sind so hergekommen, also werden wir so wieder zurückkehren.“

Jimmy zeigte nicht, was er empfand. Zunächst sah es aus, als fände er diese Lösung gut.

„Hmm, wir folgen also unserer eigenen Spur zurück. Das ist immer so an der Grenze entlang, mal hüben und mal drüben. Es werden uns Rurales treffen, aber wenn du mir die Handschellen rechtzeitig abnimmst und deinen Stern versteckst, klappt das auch. Vielleicht besorgen uns die Rurales noch Pferde. Hilfsbereit sind sie ja.“

Die Verbissenheit in Childress’ Gesicht wuchs. Aber noch schwieg er, und Jimmy fuhr fort: „Es ist da noch ein winziger Haken, der dir ja auch nicht entgangen sein dürfte, da du ja diesen Weg gekommen bist: Wie sieht es da mit dem Wasser aus? Du wirst dich entsinnen, dass zwei Wasserstellen in Gehöften lagen. Allein, da hattest du dein Abzeichen in der Tasche, und niemand hat sich um dich gekümmert. Aber mit einem Gefangenen ... Ich werde ja nun auch nicht gerade so tun, als hätte ich mich damit abgefunden,“

„Wenn ich mich richtig erinnere, hieß das eine Kaff Santa Cruz.“

„Nein, dorthin zeigte nur der Wegweiser, den die Militärstreifen errichtet haben. Es sind nämlich viele aus dem Süden bei Rurales und Militär, und die kennen die Wege nicht. So wie du aus Iowa kommst und Arizona und Sonora nicht kennst, tja, und nun lernst du’s kennen. Der Ort, den du meinst, heißt Agua Zarca. Wenn man von dort dann ganz genau nach Norden reitet, kommt man nach Nogales Camp und Fort Mason. Und weiter auf dieser Route am Flussbett des ausgetrockneten Santa Cruz River entlang, stößt man haargenau auf die Circle C-Ranch, mein Zuhause.“

„Dieses Märchen wird nicht wahrer, wenn du es recht oft erzählst. Ich meine diesen Quatsch mit der Circle C-Ranch als Zuhause von dir. Woher du kommst, Starek, das steht präzise auf deinem Steckbrief. Schnall den Wassersack los!“

Jimmy beugte sich über das Pferd. Childress trat zwei Schritt hinter Jimmy, hatte die Flinte und Jimmys Winchester weiter hinten fallen lassen und hielt nun nur seinen Revolver in der Hand. Er hatte ihn gesenkt.

Als sich Jimmy vorbeugte, um den Ziegenbalg zu lösen, sah er das Gewehr. Eine Winchester 73, eine ganz neue Waffe. Auch Cliff hatte erst kürzlich eines dieser Gewehre aus neuester Fertigung erhalten. Auf Staatskosten. Aber das interessierte Jimmy im Moment herzlich wenig. Er sah das Gewehr, erkannte die Chance und war entschlossen, Childress notfalls den Revolver aus der Hand zu schießen, um dem wahnwitzigen Plan ein Ende zu machen. Denn auch den Ostweg konnten sie nicht schaffen. Die Entfernungen zwischen den einzigen beiden Wasserstellen waren viel zu groß für Fußgänger. Und zudem mussten sie über Schotterberge, an Salzwüste vorbei, und dies alles zu Fuß. Nein, es mochte da möglicherweise eine geringe Chance geben, doch ein dreiviertel Selbstmord blieb es immer.

Jimmy griff zu, riss die Winchester aus dem Scabbard, hatte sie hoch, wirbelte herum, schoss ... aber er hatte Childress unterschätzt.

Der Marshal war mit einem Mal nicht mehr dort, wo er eben noch gestanden hatte. Stattdessen kniete er fünf Schritt weiter links, und er schoss.

Jimmy stieß sich ab, flog rücklings auf das tote Pferd, während Childress’ Schuss über ihn hinwegfauchte. Childress schoss abermals, aber da hatte sich Jimmy hinter das Pferd geworfen. Direkt auf den Ziegenbalg. Und als er das Glucksen hörte, schoss Childress wieder, so dass Jimmy sich nicht darum kümmern konnte, was unter ihm war. Er zog das Gewehr hoch, aber die Handschellen behinderten ihn. Trotzdem riss er die Waffe herum, drückte ab, aber es klickte nur. Er repetierte mit dem Unterhebel, aber es flog keine Hülse, keine Patrone aus dem Schlitz. Die Waffe war ungeladen.

Childress kam, den Revolver im Anschlag, auf Jimmy zu. Er lächelte wie versteinert, als er auf Jimmy herabsah. „Pech, und es verfolgt dich immerzu!“, sagte er mit kratzig klingender Stimme.

„Uns beide“, erwiderte Jimmy und schleuderte das Gewehr beiseite, dann erhob er sich und blickte auf den riesigen dunklen Fleck, der sich unter dem erschlafften Ziegenbalg im Sand ausgebreitet hatte.

Sie stierten jetzt beide darauf. Etwa fünfzehn Liter Wasser versickerten da für alle Zeiten im Sand. Jimmy fasste den Balg, versuchte ihn vorsichtig anzufassen, damit ein Rest noch erhalten würde, aber es gab keinen Rest. Der Balg war unten der Länge lang aufgeplatzt. Und der Einbrand US war in ein U und ein S getrennt. Die Naht hatte nicht gehalten.

„Yankeemurks“, sagte Jimmy nur. „Schlechte Naht. Jetzt also höchstens noch Marco oder die Hölle.“

„Steh auf, Starek, ich habe für uns die Hölle ausgesucht!“, krächzte Childress. „Steh auf, wenn du nicht willst, dass ich dich hier erschieße. Verdient hättest du es! Los, aufstehen!“

 

*

 

Die Sonne stand schon ziemlich hoch, und vor ihnen lag flaches Land, kein Felsen, kein Loch, kein Kaktus, die Schatten geboten hätten. weißlich-gelb, still und unendlich diese flimmernde Hitzehölle. Der Wind wehte, aber hier war nichts, an dem er sich brechen und säuseln konnte. Trotz des Windes war es still, und dieser Wind machte es nicht besser. Er dörrte mit diesem Todeshauch alles aus, brachte den feinen Staub zum Wehen, so dass ständig Schleier dieses ätzenden Sandes in der Luft hingen, überall eindrangen und sich dort festbissen, wo sie Halt fanden.

Die Männer schwitzten. Dieser Schweiß war geradezu wie Leim für den Staub, der darauf festklebte, eine Schwarte bildete und im Verein mit der Feuchtigkeit die Haut zerfraß. Eine mörderische Sonne strahlte auf diese teuflische Gluthölle, von deren Brutalität sich Stan Childress noch immer nur ein sehr unscharfes Bild machen konnte.

Sie gingen nach Osten, und sie hätten jetzt zwei Meilen weiter zurück im Schatten lagern können, wenn Childress nicht geglaubt hätte, dass sie auf weitere Felsen stoßen würden. Aber dann merkte er, wie leicht man sich in der Wüste täuschen ließ. Die Felsen, die er die ganze Zeit greifbar nahe zu sehen gemeint hatte, befanden sich in Wirklichkeit weit im Südwesten, und dazwischen lagen Wanderdünen, die kein Mensch passieren konnte.

Jimmy hatte es aufgegeben, Childress zu überzeugen. Er lauerte nun nur noch auf eine Chance, ihn zu überwältigen, ihm den Schlüssel abzunehmen und dann nach Marco abzuschwenken. Das musste heute noch geschehen. Jetzt bot sich noch eine Möglichkeit dazu. Morgen schon waren sie nördlich der Asbestfelder, und durch die kam ein Mann niemals.

Der Sand kochte. Sich hier niederzulassen und in der prallen Sonne zu sitzen, etwa gar hier zu schlafen, war undenkbar. Es würde mit einem Hitzschlag enden. Also mussten sie weiter, und wie Jimmy die Sache sah, hatten sie noch gut drei Meilen, bis sie zu einem Kakteenfeld gelangten, wo möglicherweise so viel Schatten war, dass man es wenigstens wagen konnte, dort zu lagern.

Aber er irrte sich, denn Childress hatte wieder einen neuen Einfall. Erst hielt es Jimmy für plötzliche Einsicht in die Wirklichkeit, dann aber musste er feststellen, dass Childress in seiner Ahnungslosigkeit ihrer beider Tod offenbar beschlossen zu haben schien. Denn Childress sagte: „Rechts, Starek, rechts! Wir halten nach Südosten.“

Jimmy sah sich um. Das wie eine Maske wirkende, von Sandstaub bedeckte Gesicht Childress’ war nach Südosten gerichtet. Und dort sah nun Jimmy diese dunkle Fläche. Wollte Childress dorthin?

„Das ist Mesquite“, sagte Jimmy. „Ein Mesquitefeld.“ Seine Stimme klang unwirklich hohl und rau.

„Los, rechts hinüber!“

„Also doch Marco.“

„Schnauze! Geh!“

Jimmy ging nicht auf das Mesquitefeld zu, sondern hielt sich noch weiter rechts in Richtung Marco. Es lag da irgendwo hinter den sanften Sandliügeln.

„Sauhund, du sollst nicht Schindluder mit mir treiben!“, krächzte Childress. „Dort auf die Mesquite zu!“

„Aber wohin willst du?“ Jimmy blieb stehen und sah sich um. Childress blieb nun auch stehen, zog seinen Revolver und richtete ihn auf Jimmy.

„Auf die Mesquite zu!“, bellte Childress heiser.

Jimmy zuckte die Schultern. Er hatte es in den glänzenden Augen des Mannes gesehen, wozu der jetzt fähig war. Vielleicht wurde er schon verrückt? Wirklich, womöglich drehte Childress durch? Aber nein, sagte sich Jimmy, der nicht. Der weiß genau, was er will, auch wenn es unmöglich sein sollte. Nein, der dreht nicht durch, noch nicht!

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935028
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v510063
Schlagworte
circle c-ranch teufelskerl jimmy copper

Autor

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Titel: Circle C-Ranch #37: Teufelskerl Jimmy Copper