Lade Inhalt...

Ein Jack Braden Thriller #14: Genie in Ketten

2019 117 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Genie in Ketten

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

Genie in Ketten

Ein Jack Braden Thriller #14

von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.

 

Ted Hunter glaubt, einen bösen Alptraum zu erleben: Er sieht Dinge, die nicht möglich sein können, seine Frau wurde durch eine andere ersetzt, er zweifelt an sich selbst. Er hält sich für verrückt und stimmt zunächst zu, sich in eine Klinik zu begeben. Doch irgendetwas stimmt da nicht, es gelingt ihm über Umwege, den Privatdetektiv Jack Braden zu engagieren. Der kommt einer heißen Sache auf die Spur.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

 

1

Das Grauen kam um null Uhr zwanzig.

Später war Ted überzeugt davon, dass es viel früher begonnen hatte, aber in jener Nacht drang es zum ersten Mal um null Uhr zwanzig in sein Bewusstsein.

Das Grauen begann mit dem sanften Druck einer weichen Hand.

Er erwachte davon.

Er fühlte die Hand und starrte ins Leere.

Es war hell im Zimmer.

Er brauchte einige Sekunden, um zu erfassen, dass er im Bett eines obskuren Landhotels lag, und dass die Hand, die sich in die seine gestohlen hatte, seiner Frau gehörte.

Er brauchte noch länger, um sich darüber klar zu werden, dass das Licht im Zimmer nicht von der Morgendämmerung herrührte, sondern dass der Mond schien. Ein fremder Mond – Ted erinnerte sich nicht, zu Hause in England jemals ein solches Mondlicht gesehen zu haben.

Es war kalt. Bläulich. Als käme es aus einer mit halber Kraft arbeitenden Neonröhre.

Ted spürte das Klopfen seines Herzens.

War er krank? Hatte er Fieber? Er konnte sich nicht besinnen, dass sein Herz jemals so hart, so ängstlich und so trommelnd geschlagen hatte.

Es war ihm unangenehm, die Hand umschlossen zu halten. Das passierte sonst nie. Sheila fürchtete sich leicht. Normalerweise konnte sie sicher sein, mit einer winzigen, schutzsuchenden Geste dieser Art seine Anteilnahme zu wecken.

War sie wach?

Er drehte den Kopf zur Seite, aber er sah nur das blonde, metallisch im Mondschein leuchtende Haar. Fasziniert betrachtete er einen Augenblick das Haar, dann schlug er die Bettdecke zurück und ließ die Hand los.

Die Leuchtzeiger des Reiseweckers wiesen auf null Uhr zwanzig. Ted erhob sich leise. Er blieb einen Moment stehen, um auf die Atemzüge seiner Frau zu achten, aber er hörte nichts. Barfuß durchquerte er das Zimmer. Der Linoleumboden war kühl und klebrig. Ted bereute, nicht in die Socken geschlüpft zu sein. Die Hausschuhe waren im Wagen, beim großen Gepäck. Sheila und er hatten für diese eine Übernachtung nur das Notwendigste mit nach oben genommen.

Am Fenster waren die Vorhänge offen. Es hatte keinen Sinn gehabt, sie zu schließen. Das Hotel hatte kein Gegenüber. Aus dem Fenster konnte man weit über die hügelige, etwas düster anmutende Landschaft blicken.

Ted holte tief Luft.

Hatte er schlecht geträumt? Hartnäckig suchte er nach einer Erklärung für das Hämmern seines Herzens, aber er fand keine.

Das Fenster war geschlossen. Ted lächelte plötzlich. Sheila und er waren gewohnt, bei offenem Fenster zu schlafen. Die Luft im Zimmer war warm und stickig. Verbraucht. Natürlich, das war der Grund!

Er hob den Arm, um das Fenster zu öffnen.

Mitten in der Bewegung hielt er inne. Sein Arm fiel wie kraftlos nach unten.

Er starrte nach draußen.

Dem Hotel schräg gegenüber erhob sich auf einem Hügel die alte, baufällig wirkende Kirche, ein Stück Geschichte, umweht vom Hauch einer puritanisch-kargen Vergangenheit, grau, schmucklos, streng. Die Kirche bildete den Mittelpunkt des Friedhofes. Trauerweiden, Birken und Büsche ragten schwarz in den Nachthimmel. Aus dem Dunkel, das sie bildeten, löste sich jetzt ein seltsamer Zug; ein Zug, der Ted ein Frösteln über die Haut jagte.

Vier vermummte Gestalten bewegten sich vom Friedhof auf die Straße zu.

Die Männer gingen gebückt und sehr langsam.

Sie trugen einen Sarg.

Ted schluckte.

Im Mondenschein sah er alles ganz deutlich.

Welche Erklärung gab es dafür, dass zwanzig Minuten nach Mitternacht ein schwerer, offenbar nicht leerer Sarg vom Friedhof geschleppt wurde?

Die Männer blickten nicht nach links und nicht nach rechts. Sie hielten die Köpfe gesenkt, so dass ihre Gesichter im bläulichen Licht des Mondes nicht sichtbar wurden.

Am merkwürdigsten war, dass sie beim Schreiten keinen Laut verursachten. Es war, als handle es sich um einen Geisterzug. Die Gruppe zog am Hotel vorbei. Die Männer warfen lange Schatten.

Ted verzog die Lippen. Geister werfen keine Schatten!

Aber was hatte das zu bedeuten? Wurde er hier Zeuge eines Verbrechens?

Es schien festzustehen, dass die Aktion der Männer das Tageslicht zu scheuen hatte.

Ted sah, dass der Sarg, den die Männer trugen, ungewöhnlich groß war – eine schlichte, hölzerne Ausführung ohne irgendwelche Verzierungen. Die Leiche, die darin lag, musste imponierende Proportionen aufweisen.

Ted fühlte, dass seine Hände feucht wurden.

Das Gefühl des Grauens verstärkte sich.

Am liebsten hätte er das Fenster aufgerissen und ein paar Worte hinausgerufen – irgend etwas, um den skurrilen Zauber, das seltsame Frösteln und die spröde Furcht zu brechen, aber er unternahm nichts, um den Gedanken in die Tat umzusetzen.

Die Männer waren von unterschiedlicher Größe. Sie trugen dunkle Regenmäntel und gleichfalls dunkle Hüte. Keiner von ihnen sprach ein Wort.

Was hätten sie auch sagen sollen?

Es lag auf der Hand, dass die Aktion sorgfältig vorbereitet worden war.

Ted fragte sich, ob er Sheila ans Fenster rufen sollte, aber er gab den Gedanken sofort wieder auf. Sheila würde sich fürchten, sie würde nicht wieder einschlafen können.

In diesem Moment klickte es hinter ihm. Im Zimmer wurde es hell.

Ich habe sie geweckt, schoss es ihm durch den Sinn. Hoffentlich tritt sie jetzt nicht ans Fenster.

„Was ist los?“, fragte eine weibliche Stimme vom Bett her. „Was tust du dort? Warum bist du nicht im Bett?“

Seine Muskeln strafften sich. Das Hämmern seines Herzens setzte einen Moment aus, um dann mit doppelter Wucht wiederzukommen.

Das war nicht Sheilas Stimme!

 

 

2

Einen Augenblick fürchtete er sich davor, den Kopf zu wenden. Er war beinahe sicher, dass ihn eine neue Überraschung erwartete – eine Fortsetzung jenes Grauens, in das er auf rätselhafte Weise ganz plötzlich verstrickt worden war.

Mit einem Ruck drehte er sich um.

Die Frau hatte sich im Bett aufgesetzt. Mit dem Rücken lehnte sie an dem hölzernen Kopfteil. Die Knie hatte sie angezogen und mit den Armen umfasst.

Ted sah, dass die Frau schön war – erregend schön!

Er kannte das grüne Nachtgewand, das sie trug – es gehörte Sheila, seiner Frau.

Aber das hier war nicht Sheila!

Es war eine Fremde. Er konnte den Blick nicht von ihr wenden. Hatte er tatsächlich neben ihr geschlafen?

„Ted!“, sagte sie zu ihm, lächelnd und ein wenig verwirrt, wie ihm schien. „Warum schaust du mich so an?“

Er brachte kein Wort über die Lippen.

Sie hatte „Ted“ zu ihm gesagt!

Was hatte das zu bedeuten?

Es war doch klar, dass er sich im falschen Zimmer befand!

Unwillkürlich blickte er auf den Reisewecker neben dem Bett. Ja, das war sein Wecker. Sheila und er hatten ihn vor der Abreise in Liverpool gekauft. Teds Blick wanderte weiter. Neben dem Bett der Frau stand Sheilas karierte Reisetasche. Über dem Stuhl hing Sheilas Morgenrock. Er hatte sich also nicht im Zimmer geirrt.

Der Fremden war dieses Malheur passiert!

Aber wo war Sheila?

Und wie kam es, dass die Fremde ein Nachtgewand trug, das seiner Frau gehörte?

Er schluckte. „Wer sind Sie?“, fragte er.

Die Blicke der Frau drückten Erstaunen aus. „Ted!“, sagte sie leise. „Was ist los mit dir?“

Er merkte plötzlich, dass es im Zimmer kalt war. Ihm fiel gleichzeitig ein, dass er nur ein Nachthemd trug.

Ganz plötzlich war es ihm peinlich, im Nachthemd vor der Frau zu stehen.

Sheila hatte sich immer über seine Vorliebe für simple Nachthemden mokiert. Er hasste Pyjamas. Aber jetzt hätte er viel darum gegeben, einen Pyjama anzuhaben. Er wischte den Gedanken beiseite. Hier ging es um mehr als um einen Anflug männlichen Schamgefühls und persönlicher Eitelkeit!

„Wer sind Sie?“, wiederholte er. Diesmal klang seine Stimme härter, schärfer, entschiedener.

„Lass die Witze!“, sagte die Frau. „Komm endlich ins Bett! Willst du mir Angst machen?“

Die letzten Worte erschreckten ihn.

Sheila benutzte sie immer wieder, wenn er sich einen kleinen Scherz erlaubte und dabei vergaß, wie leicht es war, ihre Furcht zu wecken.

Die Fremde war ungefähr in Sheilas Alter.

In gewisser Hinsicht war sie Sheila ähnlich – sie war blond, und sie hatte graugrüne Augen.

Aber da, fand Ted, hörte die Ähnlichkeit auch schon auf. Der Mund der Fremden war größer, sinnlicher, fordernder. Die Backenknochen waren höher angesetzt – sie gaben dem Gesicht der Fremden einen leicht exotischen Reiz.

Ja, die Fremde war schön. Was aber bewog sie dazu, ihn an der Nase herumführen zu wollen? War es eine Freundin von Sheila? Hatte Sheila den Spieß umgekehrt und mit dieser Freundin einen Scherz inszeniert, um dieses eine Mal ihn zu erschrecken?

Er unterdrückte ein Grinsen.

Eine andere Erklärung gab es nicht!

Er ging zurück ins Bett.

„Wie heißen Sie?“, fragte er und blickte dem Mädchen aus unmittelbarer Nähe in die großen Augen.

„Du bist ein unverbesserlicher Kindskopf“, erwiderte die Fremde zärtlich.

Er tastete nach der Zigarettenschachteil, die auf dem Nachttischschränkchen lag, ohne dabei hinzusehen. Sein Blick saugte sich an dem Mädchengesicht fest. Wie alt mochte sie sein? Zweiundzwanzig, dreiundzwanzig? Er fingerte eine Zigarette aus dem Päckchen. Die Fremde griff hinter sich und knipste dann das Feuerzeug an, das sie in den Fingern hielt.

Sheilas Feuerzeug!

Er beugte sich nach vorn, der kleinen Flamme entgegen. Zum ersten Mal nahm er das Parfüm der Fremden wahr – eine süßlich-herbe Sorte, ein Duft, den er nicht kannte, der ihn aber erregte. Ted inhalierte tief. Er rückte ein wenig von der Fremden ab.

Welch eine Situation!, dachte er.

Er überlegte, wer die Fremde sein könnte.

Er wusste, dass Sheila eine Freundin in Amerika hatte. Das Mädchen wohnte in Boston. Dort arbeitete sie als Lehrerin. Sheila und er hatten die Absicht, das Mädchen zu besuchen. Das ließ sich mit der festgelegten Rundreise gut vereinbaren. Er würde auch in Boston einen Vortrag halten.

Ted legte die Stirn in Falten. Ihm fiel ein, dass die Freundin in Boston gut zehn Jahre älter war als seine Frau. Bei der Fremden, die jetzt neben ihm saß, konnte es sich also nicht um die bewusste Freundin handeln.

Überhaupt entsprach es absolut nicht Sheilas Art, sich geschmacklose Scherze dieses Kalibers einfallen zu lassen. Ihr fehlte es dafür einfach an Phantasie – und im Übrigen hatte sie ein ausgeprägtes Taktgefühl.

Aber es musste doch eine Erklärung für diesen verrückten Vorfall geben!

Er erinnerte sich an die Sargträger.

War die makabre Szene, die er zufällig beobachtet hatte, ebenfalls Teil der Komödie, die nur darauf zielte, ihn zum Narren zu halten?

Ausgeschlossen!

Sheila hätte so etwas nicht mitgemacht.

„Wo ist meine Frau?“, fragte er.

Die roten, feucht schillernden Lippen des Mädchens trennten sich und gaben die weißen, untadelig gewachsenen Zähne frei – kleine, scharfe Raubtierzähne, die ihn faszinierten.

Ted blickte den Mädchenmund an und fragte sich, wie es wohl sein mochte, diese weichen, sinnlichen Lippen zu küssen. Verärgert schob er den Gedanken zur Seite. Jetzt war nicht der Augenblick, einen Flirt in Erwägung zu ziehen!

„Wenn du nicht sofort damit aufhörst, mich zu veralbern, werde ich ernstlich böse!“

Ted lehnte sich zurück. Er legte den Kopf auf die harte hölzerne Bettkante.

Wie war das doch gewesen? Sheila und er hatten unten in der kleinen Gaststube zu Abend gegessen und eine halbe Flasche Wein getrunken – ein kalifornisches Gewächs, das nicht allzu viel taugte. Ted hätte gern einen Beaujolais gehabt, aber den gab es hier nicht. Nach dem Essen waren Sheila und er nach oben gegangen, schläfrig vom Wein und müde von der Reise.

Sheila hatte sich sofort ausgezogen und war zu Bett gegangen. Sie hatte noch ein paar Seiten einer Detektivgeschichte von Dashiel Hammer gelesen (obwohl Sheila sich leicht fürchtete, liebte sie es, vor dem Einschlafen Krimis zu lesen), und er hatte das Bad aufgesucht. Das Hotel hatte nur ein einziges Badezimmer – es lag am Ende des Korridors.

Er hatte sich Zeit genommen und war nach einer halben Stunde in das gemeinsame Zimmer zurückgekehrt. Sheila hatte zu dieser Zeit das Licht bereits gelöscht. Im Dunkeln war er ins Bett gekrochen und, soweit er sich erinnerte, sofort eingeschlafen.

Sheila und die Fremde mussten also das Bett zu dem Zeitpunkt getauscht haben, da er im Bad gewesen war.

Erneut fiel ihm der Sarg ein.

Und ganz plötzlich kam das Grauen zurück.

Das hier war kein Scherz!

Es war ein Verbrechen!

Die Erkenntnis dieser Tatsache überfiel ihn mit der Wucht eines Dampfhammers. Sie lähmte ihn für einige Sekunden. Er hatte Mühe, seine Beherrschung zurückzugewinnen.

Das Mädchen beobachtete ihn.

Klar, sie hatte eine bestimmte Aufgabe. Eine Aufgabe, die sich gegen Sheila und gegen ihn richtete.

Er drehte sich halb zur Seite und drückte die kaum angerauchte Zigarette in einem Ascher aus. Dann verschränkte er, noch immer im Bett sitzend, die Arme vor der Brust. Er blickte das Mädchen an. „Ich will endlich die Wahrheit wissen!“

„Die Wahrheit?“ fragte sie.

„Wenn das eine Komödie sein sollte, ist sie weit genug getrieben worden“, sagte er ruhig. „Wenn es etwas anderes und Schlimmeres ist, werden Sie damit nicht durchkommen!“

Das Mädchen schob die Unterlippe nach vorn. Er fand, dass ihre Züge dadurch einen spöttischen Ausdruck bekamen. Aber schon im nächsten Moment machte der Spott einem seltsamen Ernst Platz. „Ich habe gefürchtet, dass das eines Tages eintreten würde – Mama hat mich gewarnt!“

Er runzelte die Augenbrauen. „Was soll dieser Unsinn?“

„Du warst als Kind in der Anstalt, nicht wahr?“

Er befeuchtete seine Lippen mit der Zungenspitze. Woher wusste das Mädchen, dass er als Vierzehnjähriger fünf Monate in einer Nervenheilanstalt zugebracht hatte?

Er hatte Sheila nie etwas davon gesagt, ohne recht zu wissen, weshalb er diese Episode verschwiegen hatte.

Er war schon damals der Klügste seiner Klasse gewesen, ein mathematisches Genie, wie seine Lehrer immer wieder versicherten. Voll brennendem Ehrgeiz hatte er sich Aufgaben gestellt, die seinen jungen Körper überforderten. Das Ergebnis war der Aufenthalt in der Nervenklinik gewesen.

Man hatte ihm versichert, dass keine Folgen zurückbleiben würden, und der bisherige, erfolgreiche Verlauf seiner Karriere als Wissenschaftler hatte diese These bestätigt. Er merkte, dass er schwitzte.

Hatte er sich getäuscht? Hatten die Professoren sich geirrt?

War doch etwas zurückgeblieben?

War Sheila tatsächlich an seiner Seite, und lag es an ihm, dass er sie falsch und verzerrt sah?

„Würdest du mir ein paar Fragen beantworten?“, fragte er mit rauer Stimme. Er vermied es, dem Mädchen in die Augen zu sehen und starrte an die Zimmerdecke.

„Wenn du darauf bestehst.“

„Wann bist du geboren?“

„Am 14. Mai 1942.“

Das war Sheilas Geburtstag. Aber was hatte das schon zu sagen? Den konnte man leicht erfahren.

„Wie lautet der Vorname deiner Mutter?“

„Ernestine.“

Ted schluckte. Noch eine letzte Frage, dachte er. „Wann ist dein Vater gestorben?“

„Vor zwei Jahren– kannst du dich nicht daran erinnern? Es war eine furchtbare Zeit.“

Ja, es war furchtbar gewesen. Aber noch weit furchtbarer war das, womit er im Augenblick fertig werden musste.

Die Frage, die sich ihm stellte, war ebenso einfach wie konsequenzenreich.

War er verrückt, oder gab es Leute, die ihn in diese Verrücktheit zu treiben versuchten?

Er stand auf.

„Was ist los?“, fragte das Mädchen. „Wo willst du hin?“

Er ging um das Bett herum und öffnete Sheilas Reisetasche. Sheilas Pass lag obenauf.

Das Foto, das sich darin befand, war schon ein paar Jahre alt. Trotzdem zeigte es ganz unverkennbar die Züge jener Sheila, die er kannte. Er legte den Pass zurück. Dann trat er ans Telefon. Er musste einige Zeit warten, ehe sich der Nachtportier meldete. Der alte Mann hatte vermutlich geschlafen.

„Ja, bitte?“

„Hunter, Zimmer elf“, meldete sich Ted. „Sind Sie der Portier, der meine Frau und mich empfangen hat?“

„Ja, Sir, der bin ich.“

„Würden Sie bitte mal ‘raufkommen?“

„Jetzt, Sir?“ In der Stimme des Mannes lag ein unausgesprochener Protest.

„Ja – sofort.“

Ted legte den Hörer auf die Gabel zurück und blickte das Mädchen an. „Überrascht?“

„Du bist ein Narr! Willst du dich blamieren? Morgen gehen wir zu einem Nervenspezialisten.“

„Ich brauche keinen Arzt!“, sagte er scharf. Er legte sich wieder ins Bett.

„Ich werde mich erkundigen, wer dich behandeln kann“, sagte das Mädchen. „Zum Glück ist für morgen kein Vortrag angesetzt.“

Er schloss die Augen.

Die verdammten Vorträge!

Im Grunde genommen langweilten sie ihn; er hatte die Aufgabe nur widerstrebend akzeptiert.

Er war Wissenschaftler und kein Dozent. Andererseits war ihm damit die Möglichkeit geboten worden, sich in Amerika ein wenig umzusehen. Die Universität, als deren Gast er durch die Vereinigten Staaten reiste, trug sämtliche Unkosten. Sheila und er hatten sich vorgenommen, die Reise als einen kostenlosen Urlaub zu betrachten.

Schöner Urlaub!, dachte er bitter.

Es klopfte. „Herein!“, rief Ted. Er erkannte den alten Mann, der das Zimmer betrat, sofort wieder. Der Portier war ein grauhaariger Mann mit lederner Gesichtshaut und sehr hellen, blauen Augen, ein Typ, wie man ihn vornehmlich in den Südstaaten häufig begegnet.

„Sie erinnern sich an mich?“, fragte Ted.

„Aber natürlich!“, brummte der Alte. Er schien noch immer ungehalten darüber zu sein, dass er mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen worden war.

„Sie erkennen auch meine Frau?“, fragte Ted und beobachtete, wie der Alte das Mädchen musterte.

„Sicher“, sagte der Alte trocken.

Das Wort versetzte Ted einen Stoß. „Sie wollen sagen, dass das die Frau ist, mit der ich gekommen bin?“ fragte er heiser.

Der Portier schien verblüfft. „Aber ja!“

„Sie können gehen.“

Der Portier wollte noch etwas sagen, dann zuckte er die Schultern und ging.hinaus.

„Nun?“, fragte die Fremde neben Ted.

„Das alles ist ein abgekartetes Spiel!“, presste er zwischen den Zähnen hervor.

„Welchen Sinn sollte es wohl haben?“

Das war eine verdammt gute Frage. Er war bemüht, darauf eine Antwort zu finden, aber es gelang ihm nicht.

Er stand auf.

„Was soll denn das schon wieder bedeuten?“, fragte das Mädchen.

Er griff nach der Hose und stieg hinein. „Ich habe vor, einen kleinen Bummel zu machen“, sagte er.

„Mitten in der Nacht?“

Ted zwang sich zu einem Grinsen. Im Grunde war ihm gar nicht danach zumute.

„Soviel mir bekannt ist, ist die Polizei auch nachts zu sprechen“, meinte er. Er schaute das Mädchen an. „Die Polizei kann man nicht kaufen und bestechen wie einen Hotelportier.“

„Diesmal ist es viel schlimmer als sonst!“, sagte das Mädchen angstvoll.

Er zog das Nachthemd aus und warf es auf das Bett. „Was ist schlimmer als sonst?“

„Der Anfall.“

„Den hast du erfunden und inszeniert!“

„Die Zahl der geistigen Störungen haben in letzter Zeit bei dir erschreckend zugenommen“, sagte das Mädchen. „Ich beobachte diese Entwicklung seit Langem mit größter Sorge. Aber so schlimm wie jetzt war es noch nie.“

„Du kannst mich nicht ins Bockshorn jagen“, raunzte er wütend und griff nach dem Hemd.

Er schlüpfte hinein und knöpfte es zu. Warum duzte er das Mädchen noch immer? Das war doch Wahnsinn! Sie war eine Fremde – folglich musste er sie entsprechend behandeln! Während er das Hemd in die Hose stopfte, sagte er: „Ich werde rasch dahinterkommen, was hier gespielt wird, darauf dürfen Sie sich verlassen! Ein Ted Hunter ist nicht gewillt, diese albernen Scherze mitzumachen! Vor allem bin ich nicht bereit, die Ungewissheit um Sheilas Schicksal länger zu ertragen.“

„Aber ich bin doch Sheila, deine Frau!“, rief die Fremde.

Er griff nach dem Schlips. „Mal sehen, ob der Sheriff des Ortes die gleiche Ansicht vertritt.“

Während er die Krawatte knotete, fiel ihm ein, wie schwierig es sein würde, seinen Standpunkt zu beweisen.

Okay, er konnte den Pass mit Sheilas Foto vorweisen. Aber das Bild war mindestens sechs Jahre alt – und die entfernte Ähnlichkeit der beiden Frauen konnte einen Beamten gewiss zu Zweifeln veranlassen.

Er merkte, dass er unsicher wurde.

Das Mädchen im Bett war ihrer Sache verdammt sicher. Das bedeutete, dass sie und die Leute, die in diesen Fall verstrickt waren, an alles gedacht hatten.

Er kam sich vor wie jemand, der sich in einem Netz verfangen hat und bei dem Bemühen, sich daraus zu befreien, immer tiefer hinein gerät.

Plötzlich dachte er an die kleine Notiz, die in Sheilas Pass unter der Rubrik Besondere Kennzeichen stand: Narbe am linken Oberschenkel.

Er konnte die Fremde nicht darum bitten, das linke Bein zu entblößen.

Warum eigentlich nicht?

„Zeigen Sie mir den linken Oberschenkel“, sagte er.

Das Mädchen streckte gehorsam ein langes, schlankes und sehr wohlgeformtes Bein aus dem Bett.

Am Oberschenkel befand sich eine Narbe.

Die Narbe war anders als die, die Sheila hatte – aber es war eine Narbe, und jeder, der das Original nicht kannte, würde sie als echt akzeptieren. Zumindest deckte sich die Narbe mit der Eintragung im Pass.

„Zieh dich aus“, sagte das Mädchen. Sie sprach zu ihm wie zu einem Kranken, mit sanfter, begütigender Stimme. „Morgen suchen wir einen Arzt auf!“

„Ich brauche keinen Arzt, verdammt noch mal!“, schrie er wütend.

Der Laut der eigenen Stimme erschreckte ihm tief. War darin nicht eine Note beginnender Hysterie enthalten? Wo war seine sprichwörtliche Ruhe und Beherrschtheit geblieben? Was war aus seiner robusten Nervenkraft geworden?

Fing er tatsächlich an, verrückt zu spielen?

Ich darf die Übersicht nicht verlieren, dachte er. Ich muss mich im Zaum halten!

„Komm jetzt ins Bett“, bat das Mädchen, ohne den Tonfall der Stimme zu ändern. Die Worte klangen beinahe demütig. „Du brauchst Schlaf. Morgen früh wird die Welt ganz anders aussehen – es wird die Welt sein, die du kennst und liebst.“

Die Welt, die er kannte und liebte!

Ted hob mit einem Ruck das Kinn. Seine Backenknochen zeichneten sich deutlich ab, als er die Zähne so hart aufeinander biss, dass es wehtat. Es war im Grunde eine kleine Welt, die er sich aufgebaut hatte. Sie bestand aus Sheila, seiner Frau, und der wissenschaftlichen Arbeit. Beides genügte ihm. Es reichte zum Glück. Er hatte sich nie mehr gewünscht.

Ted dachte an Sheila. Merkwürdigerweise musste er sich fast gleichzeitig an die dunklen Gestalten mit dem großen Sarg erinnern.

Gab es zwischen den Sargträgern und dem Verschwinden seiner Frau einen Zusammenhang?

Kalter Schweiß trat auf seine Stirn.

Nein, jetzt verlor er sich in Phantastereien! Es konnte niemand geben, dem es auch nur im Traum einfiel, Sheila etwas anzutun. Sheila, die so zart und so jung und so schön war, Sheila, die er liebte und die diese Liebe erwiderte.

Ted ging um das Bett herum.

Das Mädchen saß noch immer aufrecht. Angstvoll blickte sie zu ihm in die Höhe.

Ted trat dicht an das Bett heran. Er sah die Furcht in ihrem Blick. Recht so! Auch sie sollte merken, wie es ist, wenn man mit dem Terror spielt.

Terror ist ein Bumerang – man bricht ihn am besten mit den Mitteln des Gegenterrors.

Aber durfte er sich dieser Mittel bedienen?

Noch während er darüber nachdachte, presste das Mädchen den Rücken gegen das hölzerne Kopfteil des Bettes. Unter dem dünnen, grünen Nachthemd zeichnete sich die schlanke und sehr weibliche Figur deutlich ab. „Ted!“, hauchte sie. „Du machst mir Angst!“

Da waren sie wieder, die für Sheila so typischen Worte, die ihn unsicher machten.

Seine Muskeln strafften sich. „Ich gebe Ihnen jetzt eine letzte Chance“, sagte er und holte tief Luft. Er knackte mit den Fingergelenken. Es war ein drohendes, enervierendes Geräusch. „Sagen Sie mir die Wahrheit.“

Das Mädchen schluckte. Furchtsam starrte sie ihm in die Augen. Sie schwieg.

„Ich zähle bis drei.“

„Wenn du mich anrührst, schreie ich!“, stieß das Mädchen mit zitternder, wie gehetzt klingender Stimme hervor. „Alle, die hier wohnen, werden mich hören. Hotels haben dünne Wände. Der Portier wird kommen. Vielleicht auch die Polizei. Ich werde den Leuten sagen müssen, was geschehen ist. Man wird dich abführen. Man wird dich in eine Verrücktenanstalt bringen – wegen erwiesener Unzurechnungsfähigkeit! Willst du das herausfordern? Willst du deine Reise mit einem solchen Paukenschlag beenden? Dann fass mich an, los, schlag mich doch!“

Eine Frau schlagen?

Ausgeschlossen! So etwas tat man nicht. Ebenso gut hätte man betteln oder stehlen können.

Aber jetzt merkte er, dass sich an seiner Einstellung etwas änderte. Grundlegend. Hass überwältigte ihn. Er hob die Hände – kräftige, zu allem entschlossene Hände.

„Nein!“, sagte das Mädchen atemlos.

Er kümmerte sich nicht darum.

Er legte seine Hände um den glatten, schlanken Hals der Fremden, ganz fest, und drückte zu.

Das Mädchen öffnete den Mund.

Sie wollte schreien, sie wollte wahrmachen, was sie angekündigt hatte, aber über die roten, zitternden Lippen kam nur ein heiseres Krächzen.

Ted drückte noch fester zu.

Die Fremde quälte ihn. Jetzt sollte sie dafür die Quittung bekommen!

Ihm ging es nicht um eine kleine, billige Rache. Er wollte nur die Wahrheit aus ihr herausquetschen, er musste erfahren, wo Sheila sich befand!

Er sah den nackten Terror in den Augen der Fremden und notierte beinahe beschämt, dass diese Beobachtung ihn befriedigte. Sollte sie sich doch fürchten!

Plötzlich wurde der Körper unter seinem Griff seltsam schlaff und leblos.

Er ließ den Hals los, erschreckt, verwirrt, zutiefst entsetzt. War er zu weit gegangen?

Das Mädchen war in sich zusammengesunken.

Er schüttelte sie. Der Kopf flog hin und her.

„Lieber Himmel“, keuchte er. „Wachen Sie auf! Was soll diese Komödie?“

Das Mädchen hob blinzelnd die Lider mit den dichten, seidig glänzenden Wimpern.

Die Wimpern waren betörend lang.

Aufatmend setzte er sich zu ihr auf den Bettrand. Er merkte, dass er zitterte.

Nie wieder wollte er sich zum Sklaven eines Hassimpulses machen lassen! Das schwor er sich.

„Wie geht es Ihnen?“, fragte er angstvoll. Er schämte sich. Wer dieses Mädchen auch war, was immer ihre Motive sein mochten – er war zu weit gegangen!

Das Mädchen schluckte.

Sie fasste sich mit der rechten Hand an den Hals und rieb die schmerzende Stelle.

Ted erschrak.

Er sah erst jetzt, dass sie Sheilas Ring trug – den blauen Saphir, der von einer Brillantenrosette eingefasst war.

Ted spürte, wie sein Mitleid dahinschmolz.

Es hatte keinen Sinn, das Mädchen mit Samthandschuhen anzufassen! Nichtsdestotrotz meinte er: „Ich habe einen Reiseflakon mit Whisky in der Tasche.“ Er stand auf und ging um das Bett herum. „Das Zeug wird Ihnen guttun.“

Das Mädchen nickte und beobachtete, wie er den Flakon aus seiner Reisetasche zog. Er nahm wieder neben ihr auf dem Bettrand Platz. Er entkorkte den Flakon. Das Mädchen nahm die flache, silberne Flasche in die Hand und trank. Ted sah, wie der Adamsapfel des Mädchens auf und nieder glitt. Er fand, dass sie eine ganze Menge zu sich nahm. Sie setzte die Flasche ab.

„Das hättest du nicht tun dürfen“, flüsterte sie.

„Was haben Sie denn erwartet?“, fragte er.

Das Mädchen nahm einen weiteren Schluck. Dann warf sie den Flakon weit von sich. Er landete auf einem kleinen Teppich, der einen Teil des Linoleumbodens bedeckte. Der Whisky sickerte in den abgetretenen Wollflor. Ted unternahm keinen Versuch, die Flasche vor dem Auslaufen zu bewahren. Er blieb sitzen.

„Wie soll es jetzt weitergehen?“, fragte er.

„Das liegt ganz an dir!“

„Wie meinen Sie das?“

„Ich überlege gerade, ob es nicht ratsam ist, einen Arzt zu rufen.“

„Was hält Sie davon ab?“

„Die Furcht vor einem Skandal. Ich will nicht, dass man dich einsperrt.“

„Zu gütig!“, höhnte er.

„Geh endlich ins Bett. Diese Nacht ist ein Alpdruck! Versuche zu schlafen.“

„Schlafen!“, stieß er hervor. „Wie denken Sie sich das? Ich muss Sheila finden.“

„Aber ich bin Sheila!“

„Sie sind eine miese Schauspielerin – wenn nicht etwas noch Schlimmeres“, sagte er.

Das Mädchen verdrehte die Augen. „Geht das schon wieder los? Wir können doch nicht die ganze Nacht damit verbringen, nutzlose Debatten zu führen!“

Er beugte sich nach vorn, bis er ihr so nahe war, dass er den süßlich-herben Duft ihres Parfüms wahrnehmen konnte. „In wessen Auftrag arbeiten Sie?“

„Ted, komm endlich zu dir!“

„Sie sind das Werkzeug einer verbrecherischen Idee“, sagte er. „Ich kenne die Gründe nicht, die Sie dazu bewogen haben, die entwürdigende Rolle anzunehmen. Vermutlich zahlt man Ihnen dafür ein stattliches Sümmchen. Sie spielen die Rolle meiner Frau. Natürlich wissen Sie, dass das im Grunde sinnlos ist. Sie spekulieren auf die leichte Ähnlichkeit, die zwischen Sheila und Ihnen

besteht, und auf den Umstand, dass es mir nicht ganz leichtfallen dürfte, meinen Standpunkt einer Behörde gegenüber zu vertreten. Wie gesagt: Den Portier konnten Sie kaufen, und einen Beamten können Sie möglicherweise mit Ihrem unschuldsvollen Augenaufschlag becircen und täuschen. Aber die eigene Mutter können Sie nicht irreführen!“

„Ich verstehe kein Wort!“

„Dann will ich Ihnen ein kleines Geheimnis verraten“, sagte er. „Sheilas Mutter ist von London nach Amerika geflogen. Sie erwartete Sheila und mich in New York. Es sollte für Sheila eine Überraschung werden.“

„Warten wir ab, wer überrascht sein wird“, sagte das Mädchen.

„Einverstanden?“

 

 

3

Er ging nicht ins Bett.

Er ging nach unten, um mit dem Portier zu sprechen.

Der Portier schlief in dem kleinen Zimmer, das sich hinter der Rezeption befand. Das Hotel war klein, im Grunde konnte es bestenfalls Anspruch darauf erheben, als Landgasthaus zu gelten. Außer Sheila und ihm, Ted Hunter, waren noch zwei Gäste im Hotel abgestiegen; zwei Männer, die anscheinend häufiger hier übernachteten. Jedenfalls hatten sie sich mit dem Wirt wie mit einem alten Freund unterhalten.

Der Wirt! Er muss mir helfen, dachte Ted.

Im nächsten Moment gab er den Gedanken wieder auf. Ted erinnerte sich an die starken Augengläser, die der Wirt trug. Der Wirt war ohne Zweifel ein Mann, der Schwierigkeiten hatte, Details und Gesichter auszumachen. Er würde keine Hilfe sein.

Wem waren Sheila und er noch begegnet?

Wer hatte sie vor dem Schlafengehen gesehen?

Die beiden Männer, die den Wirt kannten! Er musste mit ihnen sprechen. Sollte er sie gleich wecken? Sie würden ihn möglicherweise für übergeschnappt halten, aber er musste etwas unternehmen, um Sheila aufzuspüren!

Nein, es hatte keinen Zweck, die Männer anzusprechen. Nach allem, was ihm in diesem Hotel bisher zugestoßen war, musste er damit rechnen, dass die Fremde in seinem Zimmer mit den Männern zusammenarbeitete.

Morgen würden sie in New York sein – die Fremde und er.

Er würde Mrs. Fletcher treffen, Sheilas Mutter.

Mit ihrer Hilfe würde es ihm rasch gelingen, dem Spuk ein Ende zu setzen!

Aber was sollte er ihr antworten, wenn sie zu erfahren begehrte, was aus Sheila geworden war?

Sheila!

Es überfiel ihn wie ein Fieber. Er ballte die Fäuste. Am liebsten hätte er sofort alle Räume des Hotels durchsucht. Er fühlte jedoch, dass das keinen Erfolg bringen würde.

Sheilas Mutter würde gewiss fragen, aus welchen Gründen er es unterlassen hatte, die Polizei zu benachrichtigen.

Nun, Mrs. Fletcher war eine kluge und resolute Frau mit einem ausgeprägten Sinn für das Praktische. Sie würde begreifen, dass es seine augenblickliche Lage geradezu verbot, die Behörde einzuschalten. Er benötigte erst einen Zeugen, dem es gelingen würde, die Fremde als Betrügerin zu demaskieren. Diese Zeugin würde Mrs. Fletcher sein!

Ted klopfte gegen das kleine Fenster, das hinter dem Rezeptionsschalter lag. In dem Zimmer wurde Licht gemacht. „Moment!“, rief die verschlafen klingende Stimme des Alten. Geräusche wurden laut, Füßescharren ertönte. Dann kam der Portier herausgeschlurft. Er trug einen schäbigen Bademantel. An den Füßen hatte er dicke Wollsocken. Während er den Gürtel des Mantels verknotete, fragte er ärgerlich: „Was, zum Teufel, gibt‘s denn diesmal? Wollen Sie mich auf den Arm nehmen? Ich bin ein alter Mann, der seinen Schlaf braucht.“

„Ich muss Sie sprechen“, sagte Ted kurz, „und Sie wissen, warum!“

„Ausgerechnet jetzt? Nun machen Sie mal ‘n Punkt! Wenn Sie einen Wunsch haben, hätten Sie ihn vorhin äußern können.“

„Wer hat Sie bestochen?“

„Bestochen?“, fragte der Alte und glotzte Ted aus seinen hellblauen Augen ins Gesicht. „Bei Ihnen piept‘s wohl?“

„Wer hat Ihnen den Auftrag erteilt, mich zu belügen?“, erkundigte sich Ted ruhig. „Sie scheinen nicht zu wissen, worauf Sie sich eingelassen haben. Wie viel hat man Ihnen für die Teilnahme an dem Verbrechen gezahlt? Hundert Dollar? Fünfhundert oder tausend? Wie viel es auch sein mag, mein Lieber – es ist ein verdammt schlechter Tausch dafür, dass man Sie zum Handlanger eines Verbrechens machte.“

„Jetzt wird mir‘s aber zu bunt!“, polterte der Alte. „Ich habe mein Leben lang versucht, ehrlich zu sein. Noch nie hat mich jemand so tief beleidigt! Ich sollte an einem Verbrechen teilgenommen haben? Ich sollte bestochen worden sein? Das ist doch absurd! Mir scheint, mein Herr, Ihr Geist hat sich verwirrt.“

Da war es wieder. Darauf wollten sie alle hinaus. Man versuchte, ihm zu unterstellen, dass er verrückt war.

Aber er war normal! Er wusste, dass er die Wahrheit sagte, und dass die anderen logen.

Wie sollte er das beweisen?

„Ich zahle Ihnen das Doppelte dessen, was Sie bekommen haben“, erklärte Ted.

Details

Seiten
117
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935011
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (November)
Schlagworte
jack braden thriller genie ketten

Autor

Zurück

Titel: Ein Jack Braden Thriller #14: Genie in Ketten