Lade Inhalt...

Die Rache der Clayton-Brüder

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Die Rache der Clayton-Brüder

Klappentext:

Roman:

John F. Beck

 

Die Rache der Clayton-Brüder

 

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Cover: Werner Öckl, 2019

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

 

Klappentext:

Der mächtige Wade Denver betreibt florierende Geschäfte an der Grenze zwischen Mexiko und Arizona: Waffen, Mädchen, alles, was man für Geld kaufen kann. Als Denver den Vater von Tom und Jack Clayton ermorden lässt, um sich dessen Ranch unter den Nagel zu reißen, macht er sich mächtige Feinde. Der Berufsspieler und der ehemalige Sheriff waren einst als Revolvermänner gefürchtet. Doch heute regiert der Hass zwischen ihnen, weil Tom von seinem Bruder ins Gefängnis gesteckt wurde. Alleine die Sorge um ihren jüngeren Bruder Sid, der für Denver arbeitet, schweißt die beiden zusammen. Doch Denvers Schießer lauern überall, und dann ist da auch noch Scarface-Jim, der versucht, die beiden Claytons für seine eigenen finsteren Pläne gegeneinander auszuspielen. Über Arizona zieht ein bleihaltiges Gewitter auf …

 

 

 

 

Roman:

Die Falle war zugeschnappt.

Das Klirren der Gewehrschlösser ließ Jack Clayton mitten in der Bewegung erstarren. Langsam hob sich die Silberkugel des Vollmondes über die grotesken Ruinentrümmer der ehemaligen spanischen Missionsstation. Jetzt sah Jack im bleichen Licht, dass der Mann, der vor ihm auf einer verwitterten Mauer kauerte und auf ihn gewartet hatte, tot war. Das hässliche Einschussloch einer Revolverkugel klaffte ihm mitten in der Stirn.

Aus der Dunkelheit zwischen den verfallenen Türmen, Säuleneingängen und weißgetünchten Mauern ringsum drang ein Auflachen, das Jack durch Mark und Bein ging.

„Der letzte Mann der Circle-X-Ranch! Dieser Narr Mike Bennet wollte dich warnen, Clayton! Dabei ahnte er nicht, dass wir ihm seit White Rock dicht auf den Fersen saßen. Er war gerade gut genug, dich vor die Mündungen unserer Schießeisen zu locken. Danach

war seine Frist abgelaufen – wie es bei dir gleich der Fall sein wird!“

Die Stimme schien gar nicht fähig, etwas anderes als Kälte und Grausamkeit auszudrücken. Die Erkenntnis, dass er trotz aller Schnelligkeit den eigenen Colt nicht mehr rechtzeitig genug aus dem Leder bringen konnte, schnürte sich wie ein Panzer um Jacks Brust. Vorsichtig drehte er sich um.

Mike Bennets Brief, der ihm den Tod seines Vaters gemeldet und ihn zu diesem verhängnisvollen Treffpunkt gerufen hatte, knisterte in seiner Tasche. Wie so oft während der vergangenen Tage, in denen er unermüdlich Meile um Meile durch heißes, ödes Land geritten war, durchzuckte ihn wieder der Gedanke an Sid. Dass er vielleicht nie mehr erfahren würde, was aus seinem jüngsten Bruder geworden war, weckte ein wildes Aufbegehren in diesem großen, breitschultrigen Mann, dessen Gesicht ein Leben voller Entbehrungen gezeichnet hatte.

Dann entdeckte er die Männer, die darauf versessen waren, ihn zu töten. Er hatte sie nie zuvor gesehen. Einer stand breitbeinig, ein Gewehr im Hüftanschlag, als pechschwarze Silhouette in einem morschen Torbogen. Zwei andere drahtige Gestalten lauerten geduckt zu beiden Seiten des sandigen Platzes, ebenfalls die Gewehre auf ihn gerichtet.

Auf dem oberen Ende einer Steintreppe, die bizarr und wie abgeschnitten im Nichts endete, hob sich die hagere Figur des vierten Banditen gegen den sternenübersäten Nachthimmel ab. Im fahlen Mondlicht glich sein knochiges Gesicht mit den tiefliegenden Augen einem Totenschädel. Ein patronenbespickter Kreuzgurt schlang sich um seine Hüften. In jeder Faust des Hageren ruhte ein langläufiger Revolver.

„Ich weiß, dass du es versuchen wirst, Clayton!“ Es war dieselbe Stimme wie zuvor, schneidend und voller Hohn. „Nur wird es dir diesmal nichts nützen. Wir sind nicht von der Sorte, die sich am liebsten in einem Mauseloch verkriechen würde, wenn sie nur von Sheriff Clayton hört. Du hättest den Stern in Flagstaff lieber behalten sollen. Auf das Land der Circle-X wird keiner von den wilden Claytons jemals mehr seinen Fuß setzen. Du bist ganz umsonst mitten in die Hölle gesprungen, Ex-Sheriff!“

Der Sand, den der Wüstenwind auf die Steinstufen gehäuft hatte, knirschte unter seinen Stiefeln. Er grinste so gemein, dass Jack nahe daran war, alles zu riskieren, nur um diesen Halunken mit auf den letzten Trail zu nehmen. Jack bezwang sich. Er musste Zeit gewinnen.

„Wer hat euch geschickt?“

„Derselbe Mann, der uns dafür bezahlte, dass wir deinen Vater unter die Erde brachten! Genügt dir das noch immer nicht, Clayton? Worauf wartest du eigentlich noch, Banditenjäger?“

„Und Sid?“ Jack konnte nicht verhindern, dass seine Stimme belegt klang. „Was habt ihr Schurken mit Sid gemacht?“

Jack hatte seine Haltung nicht verändert. Aber alles in ihm fieberte jetzt förmlich nach dem Griff zum Coltkolben.

„Sid?“, schrie der Anführer der Revolverschwinger lachend. „Was kümmert dich noch dein Bruder, wenn du die nächsten fünf Minuten nicht mehr überlebst? Jungs, wir …“

 

*

Eine Wolke verdeckte den Mond. Die silberne Lichtflut war wie abgeschnitten. Dunkelheit senkte sich über die Plaza, und Jack Claytons Faust zuckte mit der Geschwindigkeit einer zustoßenden Klapperschlange zum Holster. Gleichzeitig warf er sich auf die Knie. Die Stimme des Hageren ging im Dröhnen der Waffen unter. Es hörte sich an, als würden nun auch die letzten noch auf ragenden Mauern allesamt donnernd in sich zusammenstürzen. Aus vier verschiedenen Richtungen stachen die Mündungsfeuer auf den ehemaligen Sheriff von Flagstaff zu.

Jack feuerte zurück, sprang auf, schoss auf die Treppe und rannte geduckt zu einem Haufen geborstener, übereinanderliegender Säulen.

Blitze sprangen pausenlos hin und her.

Ehe sich Jack hinter die Steintrümmer werfen konnte, erwischte es ihn. Der Schmerz in seinem Kopf glich einer Explosion. Es wirbelte ihn herum. Im Fallen riss er noch einmal den Abzugshebel durch. Dann kam der harte Aufprall. Staub wallte ihm ins Gesicht. Er wusste nicht, wie viel Zeit verstrichen war, bis er wieder einen klaren Gedanken fassen konnte. Die Wolke war am Mond vorbeigetrieben, die Szenerie wieder in gespenstische Helligkeit getaucht.

Ein bärtiges wutverzerrtes Gesicht neigte sich über Jack. Eine Coltmüdung tauchte vor ihm auf und schien ins Riesenhafte zu wachsen. Er wollte sich bewegen, die Fäuste hochreißen. Es ging nicht. Der wütende Schmerz in seinem Kopf drohte im abermals die Besinnung zu rauben.

„Dieser Teufel hat Cliff erwischt!“, schrie jemand schrill vom Torbogen herüber. Jack hatte den Eindruck, die Stimme klinge meilenweit entfernt. „Bob, gib es ihm! Zahl es ihm heim!“

Das bärtige Gesicht verschwand zur Hälfte hinter der behaarten Faust, die den Colt hielt und nun langsam den Metallhammer spannte.

„Nicht so!“, sagte eine andere Stimme. „Das wäre zu einfach für diesen gerissenen Burschen! Der soll sich noch selber dafür verfluchen, dass er diesen Höllenzauber losgelassen hat! Hast du verstanden, Clayton, he?"

Es war der mit dem Totenkopfgesicht, der den Bärtigen zur Seite drängte und sich zu Jack hinabbeugte. Seine strichdünnen Lippen waren verkniffen. „Cliff war mein Freund. Dass deine Kugel ausgerechnet ihn erwischte, wirst du noch höllisch bereuen.“ Seine langen, knochigen. Spinnenfinger krallten sich in Jacks ärmellose Weste und zerrten den wehrlosen Mann halb in die Höhe.

„Die Pferde!“, schrie der Hagere ungeduldig über die Schulter. „Beeilung, zum Teufel! Wir nehmen ihn mit! Warte nur, Clayton, du wirst auch noch herausfinden, dass jeder Mann Grund genug hat, Clem Bucknells Rache zu fürchten!“

 

*

 

Der Gefangene stolperte und schwankte wie ein Betrunkener. Aber das straffe Seil zwischen seinen gefesselten Händen und Clem Bucknells Sattelhorn zerrten ihn immer weiter auf der Fährte der Banditen mit.

Irgendwann – er hatte keine Ahnung, wie viel Zeit verstrichen war, seit sie die Ruinen verlassen hatten – konnte er nicht mehr. Der sandbedeckte Boden schien sich vor ihm aufzustellen und ihm ins Gesicht zu schlagen. Die Beine waren Jack einfach unterm Leib weggeknickt. Der Ruck des Seils schmerzte ihn bis ins Schultergelenk hinauf. Wie ein Stoffbündel wurde er über die Erde geschleift. Von irgendwo schallte ein heiserer Ruf. Rohes Gelächter klang auf.

Dann erstarb das monotone Schaufeln der Hufe. Der Druck des Seils ließ nach. Jack brauchte eine Minute, um auf die Knie zu kommen. Vor dem messingfarbenen, glühenden Firmament wirkten die drei Reiter übergroß. Höhnisch grinsend starrten sie auf ihn hinab.

„Bob, nimm ihm die Fesseln ab“, sagte Buckwell. „Wir sind weit genug mit ihm geritten. Verstehst du, Clayton, wir trennen uns jetzt von dir. Von jetzt an werden die da oben deine einzigen Begleiter sein.“

Er zeigte zum Himmel, wo zwei Geier ihre lautlosen weiten Kreise zogen. Sonst gab es außer den Männern keine Lebewesen weit und breit.

Der bärtige Bob zerschnitt Jacks Fesseln und stieg gleich wieder aufs Pferd, als fürchte er, sonst ebenfalls ohne Reittier und Wasser mitten in der Wüste zurückbleiben zu müssen. Bucknell machte eine ausholende Handbewegung.

„Vierzig Meilen, um aus dieser Gluthölle rauszukommen – in welche Richtung du dich auch drehst, Clayton! Ich wette, eine Menge Hombres in Arizona werden sich freuen, wenn sie hören, auf welche Weise du umgekommen bist. Zur selben Zeit wird es auch deinem Bruder Tom an den Kragen gehen, wenn das ein Trost für dich ist. Soviel ich hörte, habt ihr euch ganz schön miteinander verkracht, oder nicht?“ Irgendwie fand Jack nun doch die Kraft, auf die Füße zu kommen. Er machte zwei mühsame Schritte auf den hageren grinsenden Verbrecher zu. „Wo ist Tom? Was habt ihr Schufte mit ihm vor?“

Bucknell wies mit ausgestreckter Hand nach Süden. „Da, immer gerade aus hinter dem Hügel, liegt Sonoita. Wie gesagt, vierzig Meilen entfernt. Du hast nicht allein einen Brief von Mike Bennet erhalten, Clayton. Auch Tom ist schon nach White Rock unterwegs. Er wird sowenig dort ankommen wie du. Ein paar Amigos von uns warten schon in Sonoita auf ihn. Nicht mehr als vierzig Meilen voneinander getrennt, werden die wilden Claytons in die Hölle fahren! Ein prächtiger Spaß, was? Jetzt stehst du auf einmal ziemlich klein und armselig in deinen Stiefeln, du gefürchteter Banditenjäger!“

Unwillkürlich war Jacks Blick der Richtung gefolgt, die Bucknells Hand wies. Er sah nichts als flirrende Hitzeschleier über einem kahlen Höhenrücken. Mit zähflüssiger Langsamkeit kehrten seine wie im Fieber glänzenden Augen zu Bucknell zurück.

„Warum?“, konnte er nur mühsam flüstern.

Bucknell blinzelte seinen Komplizen zu. „Die Circle-X-Ranch hat den Besitzer gewechselt“, erklärte er leichthin. „Das ist auch der Grund, warum dein Vater auf dem Boothill von White Rock liegt, Clayton. Der neue Boss ist ein vorsichtiger, vorausdenkender Mann. Er wäre gar nicht erbaut, wenn ihm die Söhne des alten Bill Clayton nachträglich auf die Zehen steigen würden. Also sorgt er vor. Bennet, der ehemalige Vormann deines Vaters, wusste gar nicht, wie er uns mit seinen Briefen an dich und Tom in die Hände arbeitete. Dass wir von diesen Briefen erfuhren, sollte dir verraten, wie prächtig wir bereits da unten bei White Rock an der mexikanischen Grenze das Heft in der Hand halten.“

„Wer ist der Mann, der euch bezahlt?“, keuchte Jack. „Was ist mit Sid?“

Bucknell zuckte kalt die Achseln. „Einem Toten nützt alles Wissen der Welt nichts mehr, meinst du nicht auch, Clayton? Wir haben genug Zeit mit dir vergeudet. Los, Jungs, reiten wir.“

Jack hörte bald nur noch sein eigenes stoßweises Atmen. Sein Blick suchte den südlichen Horizont, die Richtung, in der die Stadt Sonoita irgendwo hinter diesen schrecklichen kahlen Hügeln lag.

Tom! hämmerte der Name seines zweitjüngsten Bruders im Gehirn des einstigen Sheriffs. Die grellen Bilder der Vergangenheit wurden wieder einmal lebendig: der Revolver in seiner Faust, der auf Tom zielte, die Stahlfesseln an Toms Handgelenken, der lodernde Hass in den dunklen Augen seines Bruders.

Mechanisch setzte Jack Fuß vor Fuß. Ungewissheit, Sorge und der neu erwachte zähe Wille zum Überleben trieben den einsamen Mann weiter durch das Glutmeer der Wüste voran.

 

*

Totenstille breitete sich über die Plaza von Sonoita. Nur die hölzernen Stufen zur Galgenplattform knarrten unter dem Gewicht des sehnigen Mannes, der wie ein Spieler mit einem dunklen Tuchanzug und weißem Hemd bekleidet war.

Oben wartete schon der stämmige, ernst blickende Sheriff mit der Schlinge in den Händen. Der Fünfzack an seiner ärmellosen Weste reflektierte die blendende Mittagssonne.

Die Menge auf dem Platz im Ring der weißgetünchten Abobelehmhäuser hielt den Atem an, als der Dunkelgekleidete groß und aufrecht unter dem Galgenarm stehenblieb. Das primitive sonnengebleichte Holzgerüst wirkte wie ein Skelett. Dem Mann im dunklen Anzug waren vorne die Hände zusammengebunden.

„Es hat wohl keinen Sinn mehr, wenn ich Ihnen noch mal sage, dass ich in Notwehr geschossen habe, Sheriff, wie?“ Seine Stimme war frei von jeder Erregung oder gar Panik. Nur sein kantiges Gesicht wirkte schmaler und blasser als sonst.

Der Mann mit dem Stern schüttelte den Kopf. „Das wissen Sie ganz genau, Clayton. Das Urteil war Sache des Gerichts. Ich habe nichts weiter als meine Pflicht zu tun. Immerhin haben drei Zeugen gegen Sie ausgesagt.“

„Von denen jeder einen Meineid schwor!“ Tom Clayton verzog angewidert den Mund.

Die Augen des stämmigen Sheriffs wichen ihm aus. „Warum sollten sie?“, murmelte der Gesetzesvater heiser. „Clayton, Sie selber haben zugegeben, keinen dieser drei Männer jemals zuvor gesehen zu haben. Nennen Sie mir einen Grund, warum diese Leute die Unwahrheit sagen sollten?“

„Fangen Sie nur nicht zu schwitzen an, Sheriff!“, lächelte Tom Clayton verzerrt. „Und nur nicht so eilig. Eine letzte Zigarette werden Sie mir wohl nicht abschlagen, was?“

„Clayton! Zwecklos, wenn Sie jetzt noch Zeit zu schinden versuchen! Weit und breit gibt es keine Menschenseele, die Sie da noch rauspauken kann!“

„Und ich dachte, bescheidener könnte ein letzter Wunsch gar nicht sein!“, lächelte Tom müde.

„Meinetwegen!“, brummte der Sheriff, ließ die Schlinge los, holte Rauchzeug hervor und wickelte dem Verurteilten eine Zigarette. Tom blickte mit einem Ausdruck von Trotz und Verachtung über die Reihen der Gaffer, die sich um den Galgen stauten. Dann entdeckte er durch eine Lücke zwischen den Gebäuden ein planenüberdachtes Fuhrwerk. Es rumpelte auf der vielfach gewundenen Poststraße von einem kahlen Bergrücken zur kleinen Stadt herab. Von dem Mann auf dem Bock war auf die Entfernung nur zu erkennen, dass er immer wieder mit ungeduldigen Peitschenschlägen die beiden Zuggäule zu einem schnelleren Tempo anzutreiben versuchte. Gleich darauf war das Fahrzeug aus dem durch die Häuser eingeengten Sichtfeld verschwunden. Nur noch eine dünne Staubfahne flatterte über den steinigen Berghang davon.

Toms Miene hatte sich gespannt und wurde nun ausdruckslos, als der Sheriff zu ihm trat und ihm die Zigarette zwischen die Lippen schob. Rasch wandte er den Blick von der Straße am Berg ab. Der Sheriff brannte ihm die Zigarette an.

„Danke!“, sagte Tom und atmete tief den Rauch ein. Der Sheriff wandte sich halb von ihm ab. Seine rechte Hüfte mit dem Revolverholster war Tom zugekehrt. Als habe Tom die ganzen Tage seiner Gefangenschaft nur auf diesen einen Augenblick gewartet, schnappten seine gefesselten Hände zu.

Durch die Menge auf der Plaza ging ein dumpfer Aufschrei. Der Sheriff erstarrte. Tom glitt bis an den Rand der Holzplattform zurück und schwang den Revolverlauf hoch. „Niemand macht einen Fehler, oder Sie sind dran, Sternträger!“

Er warf einen hastigen Blick zu der Stelle hinüber, wo das gelbe Band der Poststraße auf die Plaza von Sonoita einmündete. Aber von dem Planwagen war noch nichts zu sehen und zu hören. Ringsum hatten mehrere Fäuste nach Revolvertaschen und Messern gegriffen, hielten aber mitten in der Bewegung inne. Toms Revolvermündung deutete genau auf die Stirn des Sheriffs. Dieser blieb ganz ruhig.

„Falsch gerechnet, Clayton!“, erklärte er leise. „Auf so was war ich bei Ihnen von Anfang an gefasst. Die Waffe ist nicht geladen. Geben Sie es auf, Mann!“

Zum ersten Mal brach die Starre des dunkelgekleideten Gefangenen. Zum ersten Mal flackerte blanke Verzweiflung in seinen schwarzen Augen auf. Seine Lippen verzerrten sich.“ Plötzlich sah er aus wie ein in die Enge getriebenes, angeschossenes Raubtier. Der Sheriff streckte die Hand nach der Waffe aus und machte einen Schritt auf ihn zu. Tom Clayton riss den Abzugshebel durch.

Es knackte nur metallen.

 

 

*

 

Ein höhnischer Schrei schallte von der Plaza herauf. Gelächter brandete auf.

„Clayton!“, sagte der Sheriff beschwörend und machte einen weiteren Schritt auf den geduckten Gefangenen zu.

Tom drückte, so rasch es nur ging, wieder und wieder durch. Jedes Mal gab es nur dieses trockene Klicken. Schweiß rann Tom Clayton jetzt in Bächen übers fahle Gesicht. Mit einem heiseren Aufschrei schwang er die leere Waffe über den Kopf und sprang auf den Sheriff los. Für alle kam der Angriff völlig unerwartet. Der heftige Anprall stieß den Sternträger gegen das Galgengerüst, dass es nur so dröhnte. Der Revolverlauf sauste herab und zeichnete eine rote Strieme quer über die Stirn des Sheriffs. Der stämmige Mann sackte lautlos am Vierkantpfosten abwärts.

Das Geschrei der Menge hallte jetzt wütend und wild. Kräftige Männer in derber Kleidung und mit Revolvern in den Fäusten stürmten der Treppe zum Galgen zu. Auf der Plaza quirlte und lärmte es durcheinander. Eine durchsichtige Staubglocke wölbte sich über der sonnenbeschienenen Fläche.

Plötzlich wurde aller Lärm von einem wummernden Donnerschlag übertönt. Der spitze, hysterische Angstschrei einer Frauenstimme flackerte nach. Dann herrschte dieselbe bleierne Stille wie anfangs. Jede Bewegung schien versteinert.

„Verschwindet, ihr lausigen Pfeffersäcke! Ab in eure Buden mit euch, ehe ich die Hölle über euch feiges Pack hereinbrechen lasse! Zuvor nehmt ihr Clayton die Schlinge ab! Ein bisschen fix allerdings, verstanden?“

Die schneidende Stimme war wild entschlossen. Die Menge auf der Plaza duckte sich wie unter der Peitsche eines Riesen. „Scarface-Jim und seine Bande!“, flüsterte jemand erstickt.

Wie Reiterstandbilder hielten die Fremden in den Lücken und Gasseneinmündungen rings um die Plaza. Kräftige, drahtige Gestalten in staubbedeckter Reitertracht, mit breitkrempigen Hüten und blinkenden Sporen.

Ihre Gurte waren schwer von Patronen. Einige hatten sogar welche um die Oberkörper geschlungen. Alle starrten nur so vor Waffen. So abgerissen, verstaubt und verwildert diese Reiter auch wirkten – ihre Gewehre und Revolver waren so blitzblank und gepflegt, als wären sie eben aus dem nächsten Store geholt worden. Rauch kräuselte vor den Mündungen. Diese hatten zuerst in die Luft gezeigt. Jetzt senkten sie sich drohend tiefer.

Auf der Galgenplattform atmete Tom Clayton auf.

„Jim!“, krächzte er erleichtert.

Wo die Poststraße auf die Plaza mündete, stand jetzt der holprige Wagen, den Tom zuvor außerhalb der Stadt am Berghang erspäht hatte. Seine Seitenfront war der Plaza zugekehrt, die verwaschene, wettergebleichte Plane an dieser Wagenhälfte hochgeschlagen. Die achtzehn zu einem Strahlenkranz angeordneten Laufmündungen einer Gaitling-Kanone starrten drohend über die Bordwand. Die gefährliche Waffe war auf einem Eisendreibein auf dem Wagen montiert. Ein schnurrbärtiger Bursche, der seinen mexikanischen Sombrero weit ins Genick gerückt hatte, kauerte dahinter. Mit der einen Hand hielt er das von oben ins Schloss gestoßene Magazin umklammert, die andere ruhte auf der Kurbel. Eine einzige Drehung, und die Gaitling würde einen vernichtenden Hagel von Feuer und Blei auf die Plaza loslassen.

„Schätze, ihr habt lange genug überlegt, Herrschaften!“, rief der Mann auf dem Wagenbock mit derselben einschüchternden Stimme wie zuvor. „Wenn ihr noch immer so auf die Hängepartie versessen seid, dann werden wir euch die Begleitmusik dazu kostenlos liefern. Nur zu!“'

Er war ein Hüne, dem das zottelige gelbe Haar bis auf die Schultern fiel. Sein markantes, von der Arizonasonne dunkel gebräuntes Gesicht wurde von einer langen, quer darüber laufenden brandroten Narbe gezeichnet. Das ließ ihn noch verwegener und wilder aussehen, als er ohnehin war. Er hatte die Daumen in den breiten silberbeschlagenen Gurt gehakt und blickte wie ein Feldherr in die Runde. Seine hellen Augen glitzerten wie Eissplitter.

Die Frauen und Männer von Sonoita drängten nach allen Seiten davon. Alle hatten nur den einen Wunsch, so rasch wie möglich aus dem Schussfeld der Karabiner und Colts und vor allem der Gaitling-Kanone wegzukommen. Zwei Minuten herrschte noch wüstes Geschiebe und Gestampfe auf dem Platz. Dann schlug auch die letzte Tür zu, und Sonoita lag wie ausgestorben unter der flimmernden Sonne.

Scarface-Jim sprang federnd vom Wagen. Der hünenhafte Bandenführer bewegte sich mit überraschender Geschmeidigkeit. Er schaute sich um, schlug sich auf die Schenkel und brach in triumphierendes Gelächter aus. Ringsum senkten die Reiter grinsend ihre Waffen. Tom stieg mit hölzernen, marionettenhaften Schritten langsam die Stufen vom Galgen herab. Sein Gesicht war noch immer ein wenig fahl.

„Tom, du alter Kartenteufel!“ Scarface-Jim eilte ihm lachend entgegen. „Da hast du dich ja wieder in ’ne feine Sache ’reingeritten. Genügen dir die drei Jahre in Yuma denn nicht? Ein Glück, dass ich mit so ’nem prächtigen Trumpf aufzuwarten hatte. Sonst würdest du jetzt glatt in der Hölle schon Kohlen schaufeln.“ Er hieb ihm auf die Schulter. Tom drückte ihm die Hand.

„Jim, du Halunke, musstest du denn wirklich bis zum allerletzten Augenblick warten? Um ein Haar wäre es zu spät gewesen. Dein Kundschafter ist doch schon vor drei Tagen wie der Teufel aus Sonoita fortgeritten, um dir zu melden, was mir zustieß. Oder nicht?“

Der Narbige hob die muskulösen Schultern. „Ich hatte zuerst ’nen Job bei Tombstone zu erledigen. Ein Silbertransport, dreißigtausend Dollar!“ Er grinste. „Das Geschäft blüht, alter Junge! Seit ich mich mit meinen Leuten in den Dragoon Mountains eingenistet habe, sind wir drauf und dran, verdammt reiche Hombres zu werden. Wirst schon sehen. Du bist gerade der, Mann, der mir in meiner Crew noch gefehlt hat. Da kommt schon Hank mit deinem Gaul. Steig auf, Amigo. Ich denke, von diesem Drecksnest Sonoita hast du die

Nase voll, oder?“ Er zwinkerte Tom zu.

Ein junger rothaariger Desperado ritt mit Toms Schwarzbraunem an der Leine über die Plaza heran und warf Tom die Zügel zu. Tom zögerte, schaute nochmals auf den Galgen mit der schlaff baumelnden Schlinge.

Scarface-Jim stieß ihn freundschaftlich an. „Du kannst dich unterwegs bei mir bedanken, Compadre!“ Ein drängender, zugleich mahnender Unterton war in seiner rauen Stimme.

Tom fasste nach dem Sattelknauf.

„Nein, das wirst du nicht tun!“, sagte eine kalte Stimme aus dem Schatten der nächsten Häuserpassage. „Du reitest nicht mit dieser Mörderbande, Tom, solange ich noch einen Finger am Abzug halten kann!“

 

*

 

Die Männer auf der Plaza fuhren herum. Jims Faust schraubte sich blitzschnell um den Kolben des tiefgeholsterten Colts. Er erstarrte, als er den angeschlagenen Revolver in der nervigen braunen Faust entdeckte. Toms Miene zeigte sekundenlang nichts als maßlose Überraschung und Betroffenheit. Dann schien sie förmlich einzufrieren. Seine dunklen Augen waren nur noch strichdünne Sehschlitze. Der gelbhaarige Hüne neben ihm begann zu grinsen.

„Das ist doch nicht die Möglichkeit! Tom, mein Freund, was sagst du zu so einem Wiedersehen? Dein Bruderherz, der berühmte Sheriff Clayton aus Flagstaff! Und wieder mal mit ’nem Schießeisen, das genau auf dich zielt! Tom, täusche ich mich da? Verdammt noch mal, Amigo, erinnert dich das nicht an einen ganz bestimmten Tag vor über drei Jahren, als du …?“

„Sei still, Narbengesicht!“, unterbrach ihn Jack Clayton eisig. „Tom, herüber mit dir!“

Irgendwie erinnerte er an ein Gespenst, wie er da so groß, mager, hohlwangig und über und über mit dem grauen Staub der Wüste bedeckt in der Häuserlücke stand. Sein von der Sonne verbranntes Gesicht verriet, dass die Hölle hinter ihm lag. Die Spuren darin würden nie mehr völlig verwischt werden.

Jack Clayton hatte das Gefühl, dass er nicht vierzig, sondern vierhundert Meilen durch die Wüste geschwankt war. Aber die Streifwunde an seinem Kopf war bereits verschorft, und seit Jack seinen Bruder an der Seite des berüchtigten Scarface-Jim gesehen hatte, glomm wieder die alte Entschlossenheit in seinen Augen.

„Hast du gehört, Amigo Tom?“, lachte Jim leise und funkelte Jack gehässig an. „Das war ein Befehl für dich!“

Tom Clayton verharrte stocksteif. Die Worte tropften wie Blei über seine schmalen Lippen. „Kein Mensch hat mir zu befehlen! Er am allerwenigsten! Hast du verstanden, Jack? Deine Rolle als mein großer Bruder ist längst ausgespielt. Ich will gar nicht wissen, wie du hierher kommst. Ich will überhaupt nichts mehr von dir wissen, Jack! Scher dich zum Teufel!“

„Hast du Mikes Brief denn nicht erhalten?“

Tom zuckte leicht zusammen. „Was weißt du davon?“

„Dad ist tot, Tom. Mike Bennet wurde ermordet, als er mich bei den Ruinen von San Pedro treffen wollte. Was aus Sid, unserem Kleinen, wurde, weiß ich nicht. Und du willst mit Scarface-Jim reiten, Tom? Ist das wirklich dein Ernst?“

Jim spuckte wütend in den Staub. „Hast du keine Augen im Kopf, Sheriff Clayton? Dein liebes Brüderlein sollte in Sonoita als Mörder hängen. Es gibt nur einen Platz, wo er vor Menschenjägern deines Schlages in Zukunft sicher ist: an meiner Seite, in meiner prächtigen Mannschaft!“

„Tom, ich habe dich gefragt, nicht ihn! Was ist in Sonoita passiert?“

Tom starrte auf seine staubbedeckten Stiefelspitzen hinab. „Es war kein Mord. Ich musste einen Mann am Spieltisch in Notwehr erschießen, weil er sich nicht damit abfinden wollte, dass ich ihm mit den Karten über war. Drei Kerle, die ich nie zuvor sah, schworen als Zeugen einen Meineid gegen mich, um mich an den Galgen zu bringen.“

„Wo stecken sie jetzt?“

„In einer mexikanischen Bodega am Stadtrand. Ich wette, sie feiern längst meinen Tod.“

„Tom, meinst du nicht, dass wir uns ein bisschen mit ihnen unterhalten sollten?“, fragte Jack leise und bedeutsam.

In Toms Augen blitzte es. Dann war sein Gesicht schon wieder steinern wie zuvor. „Wenn ich kämpfe, dann ohne dich, Jack. Ich habe nicht vergessen, dass ich dir drei Jahre in den Steinbrüchen von Yuma verdanke. Ich werde es nie vergessen. Zweifle nur nicht daran.“

„Gut gesprochen, Compadre!“, lachte Jim scharf. „Und jetzt sage ihm, dass er schleunigst verduften soll, ehe ihm meine Jungs Beine machen! Clayton, hier stehst du mit einem Fuß im Grab. Seit du dir ’nen Namen als Sheriff von Flagstaff gemacht hast, bin ich ziemlich scharf darauf, mir deinen Skalp zu holen. Ohne Tom hätte ich es längst getan.“

Jack beachtete ihn gar nicht. Er schaute nur den Mann im dunklen zerknitterten Anzug an. „Es ist nicht dein Kampf allein, Tom, es ist der Kampf der Claytons. Alles andere muss dagegen zurückstehen.“

„Wenn Tom 'nen Partner braucht, dann hat er ihn in mir gefunden!“, knurrte Scarface-Jim. „Tom, lass dich nicht beschwatzen. Der ist imstande, dich wieder hinter die Zuchthausmauern von Yuma zu schaffen, sonst nichts! Wenn du mit irgendwelchen Burschen abzurechnen hast, dann werden wir das gemeinsam tun. Du brauchst nur ein Wort zu sagen.“

„Nein, Jim“, erwiderte Tom gedehnt. „Es stimmt: Das geht nur ihn und mich etwas an. Von dir brauche ich jetzt nur einen geladenen Sechsschüssigen, nichts weiter!“

Die Quernarbe auf Scarface-Jims Gesicht schien sich noch dunkelroter zu färben. „Ich bin mit meinen Jungs nicht aus Langeweile den langen Weg von den Dragoon Mountains bei Tombstone hierhergeritten! Zum Teufel, Tom, du bist es mir ganz einfach schuldig, dass du von jetzt an mit meiner Bande reitest.“

„Das ist es, was ich schon damals verhindern wollte!“, meldete sich Jack gepresst. „Tom, das war der einzige Grund, warum ich dich damals vor drei Jahren nicht entkommen ließ, sondern dich vor den Richter brachte.“

„Dass ich nicht lache!“, grollte Jim. „Ihm ist es nur darum gegangen, dass er den Stern nicht verliert, dass dem ehrenwerten, eisenharten Kämpfer für das Gesetz nur ja kein Schmutzfleck auf die blütenweiße Weste gerät. Tom, du kennst ihn doch!“

„Warte in den Dragoons auf mich, Jim“, sagte Tom ruhig. „Ich werde meine Schuld schon bezahlen. Aber jetzt gib mir einen Colt und lass mich mit ihm gehen.“

„Wie kann ein Mann nur so verrückt sein!“, schüttelte Jim wütend den Kopf. Er winkte jedoch den jungen rothaarigen Burschen heran, der dann Tom Clayton seinen Revolver überlassen musste. Tom ließ die Waffe unter seiner Anzugjacke verschwinden. Er legte Scarface eine Hand auf die Schulter. „Danke! Du hast mein Wort, dass ich zu dir in die Dragoon Mountains komme, wenn die andere Arbeit getan ist. Jack wird mich nicht daran hindern.“

Er ließ den hünenhaften Bandenboss stehen und ging zu seinem älteren Bruder hinüber. Jim starrte ihm aus engen Augen nach. Dann zuckte er die Achseln, schwang sich auf den Wagenbock zurück und griff wieder nach der Peitsche. „Schluss der Vorstellung, Jungs! Sonoita wird uns ewig in Erinnerung behalten. Vorwärts, Amigos! Es geht heimwärts!“ Die Räder knirschten los, die Pferdehufe stampften Staubwolken aus dem Boden.

 

*

 

Tom und Jack starrten einander wie Gegner an. Nicht einmal der Anflug von Wiedersehensfreude war zwischen ihnen aufgekommen. Langsam schob Jack seine Waffe in das leere Holster zurück. „Du warst zu voreilig, Tom. Ich habe den Stern zwar abgelegt, werde aber alles daransetzen, dass du dein Wort ihm gegenüber nicht einlöst. Er ist der schlimmste Bandit von ganz Arizona.“

Tom lächelte spöttisch. Seine Augen blieben starr und kalt dabei. „Ich dachte, du wolltest den Kampf für die Circle-X-Ranch führen und die Männer sehen, die mich an den Galgen bringen wollten. War das nur ein Vorwand?“ Es sah wie Zufall aus, dass seine schlanke Rechte unter der Jacke verschwand, wo sich der Stoff über dem Revolverknauf bauschte.

„Gehen wir!“, sagte Jack. „Bring mich zu der Bodega.“

Das kastenförmige schmutzige Gebäude war halb in die Erde versenkt. Abgebröckelte Lehmstufen führten wie zu einem Kellereingang hinab.

Als Jack Clayton den bunten Vorhang aus Glasperlenschnüren zur Seite schlug, wogten ihm Tabaksqualm, Schnapsgeruch und das Kichern der jungen Mexikanerinnen entgegen. Es verstummte wie abgeschnitten.

Der bullige stoppelbärtige Kerl, der ein grellgeschminktes Mädchen auf seinem Schoß umschlungen hielt und ihm gerade Schnaps einflößen wollte, stellte die bauchige Tequilaflasche langsam auf die runde Tischplatte zurück. Der Tisch war mit Gläsern, Schnapsflaschen und Zigarettenstummeln bedeckt. Dazwischen lag, eine Armlänge von dem Stoppelbärtigen entfernt, ein klobiger alter Paterson-Colt.

Ein zweiter, ebenfalls kräftig gebauter Bursche saß daneben rittlings auf einem Stuhl. Eine dunkelhäutige Mexikanerin mit riesigen Ohrringen war gerade dabei gewesen, ihm unter Scherzworten und Gekicher das lange, strähnige Haar mit einer klappernden Schere zu schneiden. Jetzt wich sie langsam von ihm weg zur schmutzigen kahlen Wand hinüber. Das andere Mädchen löste sich von dem Stoppelbärtigen und zog sich, die großen dunklen Augen unverwandt auf Jack gerichtet, ebenfalls quer durch den dämmrigen Raum zurück.

Der dritte Mann ruhte, die Hände im Genick verschränkt, der Länge nach auf der Thekenplatte, hatte den verbeulten Stetson übers Gesicht gezogen und schnarchte leise und monoton. Ein paar leere Flaschen lagen unter ihm auf dem Fußboden, der nur aus festgestampftem Lehm bestand.

Die Perlenschnüre klirrten leise hinter Jack. Wie er so reglos dastand, die Schultern etwas vorgezogen, die Rechte dicht hinter dem Kolben des Revolvers, gab es kaum mehr einen Zweifel am Grund seines Kommens. Dass es noch keine volle Stunde her war, seit er dem mörderischen Wüstenstreifen nördlich von Sonoita entronnen war, konnte man ihm jetzt nicht mehr ansehen. Er glich einem hungrigen Wolf auf Beutejagd.

Der Bullige mit dem Stoppelbart schielte nach dem Paterson auf dem Tisch. Er räusperte sich.

„Je, Mister“, knurrte er, „du hast doch keine Hühneraugen im Kopf, was? Hier feiert ’ne geschlossene Gesellschaft. Besuch ist unerwünscht. Muss ich noch mehr sagen?“

„Ich komme von Bucknell!“, sagte Jack ruhig.

Der Bullige und der mit den langen Haaren tauschten einen schnellen Blick. Beide wirkten auf einmal wie auf ihren Stühlen festgenagelt. Die beiden herausgeputzten Mexikanerinnen verschwanden lautlos durch eine schmale Nebentür. Nicht einmal ihre weiten bunten Röcke rauschten dabei. Der Kerl auf der Theke schnarchte weiter.

„Bucknell?“, wiederholte der Bullige verblüfft und neigte sich schwerfällig auf dem Stuhl nach vorn. „Wer bist du? Ich habe dich auf der Circle-X nie zuvor gesehen.“

Es gab Jack einen Stich, als der Name der Ranch seines Vaters fiel. Seine Miene jedoch blieb unbewegt. Seine Stimme klang kühl wie zuvor.

„Clayton!“, erwiderte er knapp. „Jack Clayton aus Flagstaff in Nord-Arizona!“

Fast eine ganze Minute war in der zwielichtigen, verräucherten Bodega nichts zu hören als das kratzende Schnarchen des Burschen auf der Theke. Die Hand des Langhaarigen war zum Coltholster hinabgeglitten.

Der Bullige griff langsam nach der Tequilaflasche auf dem runden Tisch, hob sie aber nicht an die Lippen. Jack war sicher, dass er seine Hand nur näher an den Paterson heranbringen wollte. Unverwandt glühten die Augen der beiden Banditen den großen Mann an, dessen Gestalt sich deutlich vor dem lichtdurchwirkten Perlenschnurvorhang abzeichnete.

„Clem hat es also nicht geschafft“, murmelte der Bullige schließlich gepresst. „Schadet nichts! Dafür wird uns Denver die Prämie bezahlen müssen. Clayton, hast du deinen Bruder baumeln sehen? Bist du deshalb hier?“ Seine dicken roten Lippen verzogen sich zu einem Grinsen, das jedoch ziemlich gezwungen wirkte.

 

*

 

„Denver – ist das der Mann, der die Circle-X übernommen hat?“, fragte Jack schnell, und jetzt fiel es ihm schwer, seine Erregung nicht in der Stimme durchbrechen zu lassen.

„Wade Denver!“, lachte der Bullige und schob die Tequilaflasche tiefer in die Tischmitte, um dem Paterson-Colt noch näher zu kommen. „Den Namen wird sich bald ganz Arizona merken müssen. Das schwöre ich dir.“

„Narr, verdammter!“, zischte der Langhaarige wütend. „Musst du ihm das alles auf die Nase binden?“

„Vielleicht stirbt er dann leichter“, grinste der andere, „wenn er diese Nachricht seinem Bruder Tom mit in die Hölle bringen kann? Was meinst du, Clayton?“

„Euer Plan ist nicht aufgegangen! Tom lebt noch! Er wird mir diesen Mr. Wade Denver besuchen!“

„Lüge! Verdammter Bluff!“, schnaubte der Bullige und sprang so wild empor, dass sein Stuhl auf den Lehmboden knallte. Gleichzeitig schloss sich seine Faust um den Paterson-Kolben.

„Hallo, Kyner, du Hundesohn! Hältst du mich etwa für einen Geist?“, meldete sich Toms kalte, spöttische Stimme von der Nebentür her, durch die vorher die Mexikanerinnen verschwunden waren.

Das stoppelbärtige Gesicht des Banditen verfärbte sich. Einen Moment stand er reglos. Dann warf er sich brüllend herum und schoss auf Tom. Dessen Mündungsfeuer spritzte ihm den Bruchteil einer Sekunde früher entgegen. Der Stämmige machte einen Schritt rückwärts, als könne er sich so dem Aufprall der Kugel entgegenstemmen. Dann rutschte ihm das linke Bein weg. Er fiel schwer auf die Seite.

Der mit den langen, strähnigen Haaren hatte sich inzwischen seitwärts vom Stuhl geschleudert und ebenfalls geschossen. Aber die Stelle vor der Tür, wo Jack eben noch gestanden hatte, war leer. Der Schuss ließ lediglich wieder den Perlenschnurvorhang scheppern.

Wie ein Schatten war Jack zur Seite geglitten und stieß erneut den Revolverlauf hoch. Ein Feuerstrahl schlug aus Jacks Faust und nagelte den Verbrecher auf der Erde fest. Alles dauerte nur Sekunden. Die Detonationen drohten das ganze Gebäude auseinanderzureißen. Beizender Pulverrauch wogte unter der niedrigen Decke. Jack und Tom fuhren gleichzeitig zur Theke herum. Und gleichzeitig schossen sie wieder, keinen Augenblick zu früh. Der Schnarcher war wiese flink von der Thekenplatte gerutscht und hatte eine Schrotflinte mit abgesägten Läufen aus dem Regal geschwungen. Sein spitzes Raubvogelgesicht war hellwach und angespannt.

Beide Claytons hatten den Eindruck, dass er die ganze Zeit über mit seinem Geschnarche nur Theater gespielt hatte. Die dollargroßen Flintenmündungen spuckten mit einem ohrenbetäubenden Knall Feuer und hagelndes Blei. Aber da zeigten sie bereits nach unten. Der Lehmboden war auf einmal wie von Pockennarben gezeichnet. Dem Raubvogelgesichtigen knickten langsam die Knie durch. Mit hassverzerrter Miene strengte er sich an, noch einmal die Parker-Flinte hochzubringen, obwohl beide Läufe bereits leergeschossen waren. Dann kippte er vornüber und begrub die klobige rauchende Waffe unter sich.

Jack und Tom schauten sich an und holsterten gleichzeitig ihre Revolver. Toms schmales, kantiges Gesicht zwang sich zu einem mühsamen Grinsen. „Wie in alten Zeiten, als die wilden Claytons noch Bügel an Bügel ritten, was?“ Steifbeinig kam er tiefer in die dämmrige Bodega. Unvermittelt stockte er.

Jack, der dem Eingang den Rücken zuwandte, hörte das leise Klirren des Vorhangs, dann das unmissverständliche Knacken eines Colthammers. Ein rascher Blick über die Schulter zeigte ihm einen stämmigen, etwa fünfzigjährigen Mann, an dessen ärmelloser Weste der Sheriffstern matt blinkte. Er hielt einen langläufigen Frontier-Colt in der Faust. „Gebt es auf!“

 

*

 

Toms Miene zeigte jäh eine erschreckende Wildheit. Mit einem wahren Panthersprung fegte er zu einem runden Tisch, stieß ihn um, riss seinen Revolver wieder unter der Jacke hervor und wollte sich in Deckung werfen. Da war Jack bei ihm mit derselben blitzartigen Schnelligkeit, die die Clayton-Brüder schon vor Jahren zu gefürchteten Kämpfern gemacht hatte. Seine Faust schmetterte Tom seitlich an den Kinnwinkel. Tom hob es förmlich vom umgestürzten Tisch weg. Er knallte rücklings gegen einen runden Stützbalken und rutschte halb an ihm abwärts.

Jack war schon wieder zum Sheriff herumgeruckt. Er drehte die leeren Handflächen nach vorn. „Nicht schießen! Warten Sie!“

Er lief zu dem stoppelbärtigen Banditen hinüber, der stöhnend den Kopf gehoben hatte. Mit dem schussbereiten Colt in der Faust, ohne ein Wort zu sagen, folgte ihm der Sheriff. Jack kauerte bei dem Verwundeten auf die Absätze. „Kyner, du hast nicht mehr viel Zeit! Heraus mit der Wahrheit! Wie war das mit dem Mann, den Tom am Spieltisch erschoss?“

Kyner legte den Kopf zurück und grinste verzerrt. Er hielt beide Hände gegen die Brust gedrückt. Seine Finger waren nass von Blut. „Eine prächtige Gelegenheit, deinen … Bruder um die Ecke zu bringen, ohne … einen Finger zu krümmen!“, flüsterte er brüchig. Sein Grinsen wurde zur Grimasse. Schmerzen und Anstrengung entstellten sein brutales Gesicht. „Der Kerl griff … tatsächlich zuerst zum Eisen. Aber das sahen nur meine Freunde und ich. Wir brauchten dem Richter bloß… das Gegenteil zu erzählen, um deinen Bruder in die Hölle…“ Seine Stimme verwischte. Er atmete jetzt schneller.

Jack blickte in der verkantete Gesicht des Sheriffs hoch. „Genügt das?“

Der Sheriff grub die Zähne in die Unterlippe. Als er die schwere Waffe in das Holster zurückschob, zitterte seine Hand ein wenig. Schweiß überzog seine

Stirn. Jack neigte sich wieder über den Stoppelbärtigen. „Was ist aus Sid geworden?“

Die Augen des Banditen waren auf einmal dunkel vor Hass. „Freu dich nur nicht… zu früh, Clayton! Auf der Circle-X gibt es nichts … mehr für dich zu retten. Denver wird auch… mit Kerlen eurer Sorte fertig. Er wird euch …“

„Was ist mit Sid?“, schrie ihn Jack an und packte ihn hart an den Schultern.

„Sid? Ihr … werdet ihn nicht …“ Kyners Kopf fiel zur Seite.

Jack erhob sich. Der Sheriff trat von ihm zurück und vermied,es, in die düster glimmenden Augen dieses großen, breitschultrigen Mannes zu blicken. Tom schob sich langsam vom Stützbalken herüber und rieb sich das Kinn. Seine schwarzen Augen funkelten Jack feindselig an. „Muss ich dir jetzt auch noch dankbar sein?“

Der Sheriff räusperte sich. „Er hat Ihnen nicht nur das Leben gerettet, sondern auch einen neuen Weg in die Zukunft geöffnet. Beim Himmel, ich darf gar nicht dran denken, dass wir beinahe einen Unschuldigen gehängt hätten! Clayton, es tut mir leid, dass …“ Er verstummte, als ihm Tom vor die Füße spuckte.

„Noch was, Sheriff?“

Der Sternträger wurde aschfahl, stand stocksteif da und würgte mühsam hervor: „Ich werde den Richter veranlassen, dass das Urteil gegen Sie aufgehoben wird.“ Er machte abrupt kehrt. Der Perlenvorhang schlug hinter ihm zu.

 

*

 

Der heiße Wind, der seit Tagen von der Mexikogrenze herüberstrich, schürte den Brand zu einer riesigen Fackel. Krachend und berstend stürzte der flammenübersäte Dachstuhl der Blockhütte zusammen. Rauch, Ascheteilchen und Funken wirbelten über den sandigen Hof.

Die gesattelten Pferde drängten nervös schnaubend vor dem wabernden Gluthauch zurück. Ein neuer Windstoß zerteilte den Vorhang aus dunklem Qualm und Staub.

Zwei kräftige Burschen in Reitertracht tauchten auf, die mit rohem Griff eine junge blonde Frau zwischen sich schleppten. Das Haar hing ihr zerzaust ins Gesicht. Rußflecken hoben sich von ihren blassen Wangen ab. Der zuckende rote Feuerschein spiegelte sich in ihren aufgerissenen Augen.

Trotzdem wirkte sie noch immer schön, eine herbe, ausdrucksvolle Schönheit ohne jede Glätte. Um ihre roten Lippen zuckte es in einer Mischung aus wildem Aufbegehren, Hass und Verzweiflung. Obwohl sie mehr geschleift und getragen wurde, als dass sie ging, wehrte sie sich noch immer stumm und verbissen gegen die derben Fäuste.

Der knochige Mann mit dem hohlwangigen Gesicht, der bei den Gäulen wartete, verschränkte die Arme vor der Brust. Er grinste schief. Sein fleischloser Mund wirkte wie eine Narbe. „Eine richtige Wildkatze, was, Junge? Natalie, ich verstehe nicht, weswegen Sie sich so aufregen. Diese erbärmliche Bruchbude und dieses bisschen Land, das der alte Bill Clayton Ihnen und Ihrem Bruder überließ, ist das doch nicht wert. Da hat Ihnen Mr. Denver eine Menge mehr zu bieten! Wenn Sie sich erst mit ihm geeinigt haben, werden Sie auf der Circle-X ein verflixt feines Leben führen können! Es liegt nur an Ihnen!“ Er blinzelte seinen Kumpanen zu.

Sie waren mit ihrer Gefangenen dicht vor ihm angelangt. Die junge Frau hörte plötzlich auf, sich zu winden und gegen sie anzukämpfen. Von einem Moment zum anderen wurde sie ganz ruhig und schaute dem Hageren fest ins Gesicht. „Und wenn ich mich weigere, Denver die Unterschrift für die Übereignung dieses Landes zu geben?“

Clem Bucknell zuckte die Achseln. „Sie werden auch noch herausfinden, dass an diesem Abschnitt der mexikanischen Grenze nur das geschieht, was Wade Denver will! Bauen Sie lieber nicht zu sehr darauf, dass Sie als Lady behandelt werden, meine Liebe! Dafür stehen zu wichtige Interessen auf dem Spiel. Sie sollten lieber froh sein, Natalie, dass Sie dem Boss so gut gefallen, dass er Sie sogar auf seiner Ranch behalten will.“

Ein Schimmer von Abscheu erschien in den Augen der jungen Frau. „Wenn Mike zurückkommt, wird euch allen die Überheblichkeit schon vergehen!“, stieß sie gepresst hervor.

Bucknell grinste. „Vielleicht kommt er gar nicht zurück! Er nicht und auch nicht die Clayton-Brüder, auf die Sie und ein paar unbekehrbare Verrückte in White Rock zu hartnäckig warten!“. Sein Grinsen wurde breiter, als ihn Natalie Bennet groß und erschrocken anstarrte. „Überrascht es Sie etwa, dass ich so gut Bescheid weiß? Was haben Sie denn erwartet, Ma’am? Mr. Denver wäre ein schlechter Herrscher über das Grenzland, wenn er nicht über alles genau informiert wäre, was hier vorgeht! Mikes Briefe an dieses Brüderpaar, das man in Arizona die wilden Claytons nennt, wären ohne Mr. Denvers Einverständnis gar nicht aus White Rock herausgekommen. So liegen die Dinge, meine Süße. Macht Sie das nicht ein wenig vernünftiger?“

Natalie Bennets Stimme war tonlos und fast nicht zu hören. „Wo ist Mike? Was habt ihr mit ihm gemacht?“

Bucknell zuckte nur abermals die Achseln, griff lässig in die Hemdbrusttasche und zog einen schwarzen dünnen Zigarillo hervor, den er in den Mundwinkel schob. Die junge Frau riss sich mit einem jähen heftigen Ruck von den beiden anderen Banditen los und stürzte auf Bucknell zu.

„Mörder! Bandit!“ Der zitternde Schrei übertönte das Prasseln und Knacken des Brandes. Natalie versuchte dem Hageren einen der beiden tiefhängenden Colts aus dem Holster zu reißen. Bucknells Fäuste schnappten blitzschnell zu und bekamen ihre Handgelenke zu packen. Sie verzog vor Schmerz die Mundwinkel, so zangenartig schlossen sich seine knochigen Finger. Er hielt sie dicht vor sich und starrte sie mit einem Blick an, der an eine Klapperschlange erinnerte. Sein Zigarillo wanderte langsam in den anderen Mundwinkel hinüber.

„Dein Glück, du kleines Bist, dass der Boss einen Narren an dir gefressen hat!“ Seine Stimme war eisig und verriet die ganze Grausamkeit, die in diesem Mann steckte. Er stieß sie hart von sich. Sie taumelte, fiel auf die Knie. Aber ihr Kopf blieb erhoben, ihr brennender Blick blieb unverwandt auf den Anführer von Wade Denvers Revolverschwingern geheftet. Bucknell zündete sich ruhig den Zigarillo an.

„Worauf wartet ihr noch, Jungs? Aufs Pferd mit ihr! Wenn sie wieder die Wildkatze spielt, dann bindet sie meinetwegen so fest, dass sie sich nicht mehr rühren kann. Los, los, ihr wisst, dass der Boss wartet!“ Die beiden Desperados traten von hinten auf die reglos kniende Frau zu. Der an- und abschwellende Südwind drückte eine riesige Rauchwolke über den Hof des kleinen Anwesens. Aus ihr heraus traf eine scharfe Stimme die Banditen wie ein Peitschenschlag: „Langsam, Bucknell, wir haben da auch noch ein Wörtchen mitzureden! Lasst nur die Finger von der Lady!“

 

*

 

Die selbstherrliche Ruhe auf Bucknells Totenkopfgesicht war wie weggewischt. Er spuckte den Zigarillo aus, zuckte herum, klatschte beide Hände auf die Coltkolben und versuchte, herauszufinden, aus welcher Richtung der Ruf gekommen war. Staub und Rauch wirbelten noch etliche Sekunden ringsum, dann brach die gleißende Helligkeit der Arizonasonne wieder durch. Bucknell und seine Kumpane sahen die beiden Männer unter einer Gruppe schattiger, knorriger Mesquitebäume hervorreiten.

Beide saßen auf zottigen, staubbedeckten Pferden, die aussahen, als wären sie durch den halben Kontinent getrottet. Beide Männer waren gleich groß. Jener, der wie ein Cowboy gekleidet war und den verstaubten Stetson tief ins wettergegerbte Gesicht gezogen hatte, wirkte ein wenig breiter und schwerer. Der andere, schlank, drahtig und mit dunkel glühenden Augen in einem scharfprofilierten Gesicht, sah wie ein Berufsspieler aus. Er trug einen dunklen eleganten Anzug, einen flachkronigen dunklen Hut, weißes Hemd und Kragenschleife. Es schien keine halbe Stunde her zu sein, dass er noch in einem Saloon die Pokerkarten gemischt hatte.

Bucknells hagere Gestalt zog sich wie eine sich spannende Stahlfeder zusammen. „Die Claytons!“, krächzte er benommen. „Das ist doch gar nicht möglich, dass die den Weg zur Hölle nicht gefunden haben!“

Tom grinste ihn verwegen an. „Vielleicht kommen wir gerade von dort, Totenkopf! Vielleicht sollen wir dir bloß Grüße vom alten Mr. Pferdefuß ausrichten, der es kaum erwarten kann, dir die Hand zu schütteln!“

Natalie Bennet erhob sich taumelnd. „Jack! Tom…!“

„Zurück, Mädel!“, rief Jack sofort. „Nur keine Sorge mehr! Erst werden wir mit diesen Halunken ein Wörtchen reden, dann bringen wir dich nach White Rock.“

„Da wäre ich mir nicht so sicher, Clayton!“, murmelte Bucknell, der sich wieder gefangen hatte. Er bohrte seine Stiefelabsätze fester in den Sand. „So viel Glück, wie du in der Wüste vor Sonoita hattest, gibt es für einen Menschen nur einmal im Leben. Damit ist dein Konto auch schon überzogen. Dasselbe gilt für deinen Bruder! Ich wette, ihr hindert uns nicht daran, Mike Bennets Schwester mitzunehmen!“

„Die Wette gilt, Totenkopf!“, grinste Tom. „Was setzt du ein?“

Die Clayton-Brüder hatten ihre Pferde am Rand des Hofes gezügelt. Sie saßen so locker und entspannt im Sattel, als unterhielten sie sich mit den Männern vor dem brennenden Blockhaus nur über belanglose Dinge.

„Nun?“, fragte Tom.

„Dein Leben, Kartenhai!“, zischte Clem Bucknell und riss den rechten Colt heraus.

Die beiden düster und grimmig starrenden Burschen seitlich von ihm hatten nur auf diesen Moment gelauert und schnappten ebenfalls nach ihren Waffen. Ihre Schnelligkeit bewies, dass der neue Besitzer der Circle-X-Ranch sein Geld nur für Revolvermänner ausgab, die auch wirklich ihr rauchiges Handwerk verstanden.

Einige Sekunden war von den niederstürzenden brennenden Balkentrümmern und dem Lodern des Brandes nichts zu hören. Im Brüllen der Revolver versank jedes andere Geräusch. Die Hufe der Pferde am Hofrand hafteten wie festgenagelt an der Erde. Die Gäule der Revolverschwinger jedoch stoben schrill aufwiehernd über den Platz davon. Jack und Tom Clayton saßen unverändert aufrecht in den Sätteln. Der einzige Unterschied war, dass jetzt rauchende Colts wie hingezaubert in ihrem Fäusten lagen.

Dann war auch schon alles vorüber. Einer von Bucknells Komplizen kniete im Staub und presste eine Hand gegen die rechte Schulter, wo sich ein dunkler Fleck auf dem Hemd immer größer ausdehnte. Der andere lag schlaff neben ihm auf dem Rücken. Nur Bucknell selber stand noch. Aber sein Colt lag vor seinen Stiefelspitzen im zerwühlten Sand. Fassungslos und mit schmerzverzerrter Miene starrte der Bandit auf seinen rechten Arm, der seltsam verrenkt wie ein nutzloses Anhängsel an seiner Seite baumelte und von dem Blut tropfte.

 

*

 

Drei, vier Sekunden lang ließ die Reglosigkeit alle wie in Stein gehauene Figuren wirken. Dann lief Natalie mit einem erstickt klingenden Aufschrei auf die Reiter zu. Ihr schulterlanges blondes Haar flatterte. Jack glitt geschmeidig vom Pferd. „Nur ruhig, Mädel, es ist vorbei!“

„Es hat eben erst angefangen!“, knirschte da Bucknell und wollte mit der gesunden Linken den zweiten Colt aus dem Leder holen. Toms Schuss jagte eine Staubfontäne vor ihm hoch.

„Hast du nicht gemerkt, dass du längst aus dem Spiel bist, Totenkopf? Nimm nur dein Schießeisen, aber schön langsam und vorsichtig mit Daumen und Zeigefinger. Dann lass es brav in den Sand fallen. Sonst wirst du sechs Fuß tiefer unter der Erde deine Dummheit bereuen müssen.“

Bucknell schluckte, starrte ihn hasserfüllt an, gehorchte aber.

„Von jetzt an wird Denver euch wie die Hasen jagen lassen. Ihr werdet verdammt schnell neben eurem Alten auf dem Boothill von White Rock liegen!“ Seine Stimme klang mühsam vor Schmerz. Er legte seine linke Hand über den rechten Ellenbogen, den ihm Jacks Kugel zerschmettert hatte.

„Dein Fehler ist, dass du dauernd die falschen Worte in den Mund nimmst!“, sagte Tom drohend.

„Verschwinde, Bucknell!“, mischte sich Jack kalt ein. „Nimm deinen Freund mit. Dem anderen wird wohl nicht mehr zu helfen sein. Melde deinem Boss, dass von jetzt an der Wind im White Rock Land aus einer anderen Richtung weht. Beeilt euch, ehe wir es uns anders überlegen!“

Die Banditen verschwendeten an ihren toten Gefährten nicht einmal mehr einen Blick. Sekunden später trieben sie schon, verkrümmt in den Sätteln hockend, ihre Pferde in das sonnenversengte Buschland hinein. Tom Clayton spie verächtlich in hohem Bogen aus. Er lud erst seinen Revolver nach, ehe er ihn in das Holster unter der Anzugjacke zurücktauchen ließ. Dann wandte er sich der jungen Frau zu, deutete im Sattel eine Verbeugung an und zog den flachkronigen Hut mit der Grandezza eines mexikanischen Hidalgos.

„Natalie, ich bereue es zutiefst, jemals das White-Rock-Land verlassen zu haben, wo doch ausgerechnet hier die schönste Frau von Arizona zu finden ist!“ Seine Zähne blitzten im scharfgeschnittenen Gesicht.

Natalie konnte das Lächeln nicht erwidern. Ihr Blick wanderte verstört zwischen den beiden Brüdern hin und her. „Wo ist Mike? Ist er nicht mitgekommen?“

Toms Lächeln war wie fortgeblasen. Unbehaglich fingerte er an den Zügeln herum. „Jack!“, rief Natalie verzweifelt und blickte in das ernste Gesicht des ältesten Clayton hoch.

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935004
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v510061
Schlagworte
rache clayton-brüder

Autor

Zurück

Titel: Die Rache der Clayton-Brüder