Lade Inhalt...

Der Silberbaron von Whitehill

2019 128 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Der Silberbaron von Whitehill

Klappentext:

Roman:

John F. Beck

 

Der Silberbaron von Whitehill

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/Cover: Werner Öckl, 2019

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Klappentext:

Floyd Dexter ist uneingeschränkter Herrscher über die kleine Stadt Whitehill, nahe der mexikanischen Grenze, die er mit seinem Silber gekauft und von sich abhängig gemacht hat. Als der brutale Räuber Frank Willard einen Silbertransport Dexters abfängt und seinen Sohn Clint als Geisel nimmt, zieht der Silberbaron alle schmutzigen Register, um sein Silber und seinen Sohn zurückzubekommen. Er heuert die ungleichen Brüder Ben und Jack Lintock an, die beide einst mit Willard befreundet waren, und schickt sie auf ein Himmelfahrtskommando. Doch Jack Lintock schafft das Unmögliche und bringt das Silber zurück nach Whitehill – und Clint, der gemeinsame Sache macht mit Willard. Dexter ist es gleichgültig, wer noch alles mit dem Leben bezahlen muss; er verbündet sich sogar mit Willard, doch der hat längst andere Pläne, für die er den Silberbaron von Whitehill nicht mehr braucht. Auch für Lintock hat er längst eine Kugel reserviert …

 

 

 

 

 

 

Roman:

Mühsam hob Jeff Mallory den Kopf. Der Schmerz wühlte wie ein glühendes Messer in seiner Brust. Sein Hemd war blutverkrustet. Gleißende Helligkeit blendete ihn. Die hochstehende Sonne übergoss die Hügel wie mit weißem Feuer. Der Sand war heiß wie Ofenasche. Kein Stöhnen kam über Mallorys aufgesprungene Lippen. Zitternd berührte seine Hand den von einer Kugel durchlöcherten Sheriffstern. In seinen Ohren lagen wieder das Krachen der Schüsse und die Todesschreie der Männer, die wie von Riesenkeulen neben ihm aus den Sätteln geschmettert worden waren. Und dazu dieser wilde, alles durchdringende Ruf: „Keiner darf entkommen!“

Schlagartig erinnerte er sich nun wieder an alles: an den schwerfällig durchs einsame Land rumpelnden Planwagen, an Clint, der vorausgeritten war, den Trail zu erkunden, an die unvermittelt zwischen den Felsen hervorpreschenden, wild schießenden Reiter, an seine Flucht und an die Männer, die seitdem auf seiner Fährte ritten.

Sie waren noch immer hinter ihm her! Der Gedanke durchfuhr Mallory wie ein Blitz, zwang seinen Kopf herum. Mit blutunterlaufenen Augen blickte er auf seine Spur zurück. Hundert Yards weiter lag das Pferd, das plötzlich unter ihm zusammengebrochen war – tot. Wasserflasche und Winchester waren unter dem schweren Körper festgeklemmt.

Noch zehn Meilen bis Whitehill! Aber die Stadt, in der er, Jeff Mallory, das Gesetz vertrat, hätte ebensogut auch auf dem Mond liegen können. Unerreichbar für einen Mann ohne Pferd, dem noch dazu das Blei aus einem verfluchten Banditencolt in der Brust steckte. Verzweiflung packte ihn.

Da durchdrang ein dumpfes Pochen die Benommenheit in seinem Gehirn. Zuerst hielt er es für den eigenen heftigen Herzschlag. Dann sah er die Reiter. Bügel an Bügel tauchten sie auf einem zweihundert Schritte entfernten Bergkamm auf. Zwei drohende, hinter den Hitzewellen verschwimmende Gestalten. Sie kamen auf seiner Spur.

Die stetig stampfenden Hufe ihrer Gäule warfen Staub hoch. Breitkrempige Hüte verdeckten die Gesichter der Männer. An ihren Hüften baumelten großkalibrige Colts. Jeder hielt ein Gewehr vor sich auf dem Sattel. Sie entdeckten Mallory sofort, trieben jedoch weder die Pferde rascher voran, noch hob einer die Waffe. Mit derselben unbeirrbaren Sicherheit waren sie von Anfang an hinter ihm her gewesen. Jäger, die wussten, dass ihnen ihr „Wild“ nicht entkommen würde.

„Nein!“, keuchte Mallory. „Noch habt ihr mich nicht, ihr Teufel …“

Schwankend kämpfte er sich hoch. Vor seinen Augen drehte sich alles. Seine Knie zitterten.

Weiter! befahl er sich. Deckung finden! Er musste nach Whitehill und Dexter berichten, was geschehen war! Nur wie? Vier Schritte, fünf … Nach dem sechsten lag er wieder im heißen Sand, keuchend, von Schmerzen durchtobt, ein Mann am Ende seines Trails.

Das monotone Getrappel der Hufe kam auf ihn zu. Sattelleder jankte, Gewehrschlösser knackten. Dann nach einer halben Ewigkeit, wie es Mallory schien, sagte eine mitleidlose Stimme: „So wie’s dich erwischt hat, Mallory, müsstest du längst tot sein. Du bist der zäheste Sternträger, der mir je über den Weg gelaufen ist, Aber das nützt dir jetzt auch nichts mehr. Willard hat nun mal beschlossen, dass keiner am Leben bleibt. Und du weißt ja, Sheriff, was Willard sich in den Kopf setzt, das geschieht auch.“

„Amen!“, brummte der andere, als wäre das eben die Grabrede für Jeff Mallory gewesen.

Der schwer angeschossene, stämmige Mann wälzte sich halb herum. Er sah die grinsenden Gesichter unter den breiten Hüten wie durch Schleier. Unrasierte, verkniffene Gesichter von Männern, denen ein Menschenleben nichts bedeutete, solange es nicht ihr eigenes war. Mördergesichter … Zwei in der Sonne glänzende Gewehrläufe deuteten an den Pferdehälsen vorbei.

„Schöne Grüße an den Teufel, Sheriff!“, höhnte der mit der Messernarbe auf der rechten Wange.

Da hielt Jeff Mallory plötzlich seinen schweren 45er-Colt in der Faust. Keiner seiner beiden Verfolger begriff mehr, wie das möglich war. Mallory, immer noch auf der Seite liegend, feuerte so schnell, dass die Detonationen zu einem einzigen Donnerschlag verschmolzen. Ein Schuss ging noch peitschend knapp an ihm vorbei. Da stürzten die Verbrecher bereits in einer Wolke aus Staub und Pulverrauch von ihren erschreckt hochsteigenden Pferden.

Keuchend, das Gesicht vor Anstrengung verzerrt, ließ Mallory die Waffe sinken. Schwäche durchschauerte ihn. Ein Würgen war in seiner Kehle. Die Wunde blutete wieder. Der Schmerz fraß ihn von innen her auf. Ächzend zerrte sich Mallory die Bandana herab und presste sie unter dem Hemd auf das Einschussloch.

Dexter! Whitehill! Die Namen glühten wie Feuerzeichen in seinem Gehirn. Er hatte eine Pflicht zu erfüllen. Das gab ihm die Kraft, nochmals hochzukommen. Frank Willards Mordbanditen lagen wie von Kolbenhieben hingeschleudert im Staub. Neben dem Mann mit der Narbe stand noch das große, braune Pferd. Mit weichen Knien und zusammengebissenen Zähnen näherte Mallory sich dem Tier.

 

*

 

Die Frau, die mit einem vollen Einkaufskorb Bradleys Store verließ, entdeckte das zwischen den Hütten hervortrottende Pferd zuerst. Ein Mann hing mehr tot als lebendig auf dem Rücken des Braunen. Die Zügel waren ihm entglitten, seine Hände in die staubverfilzte Mähne gekrallt. Bei jedem Tritt des Pferdes drohte er herabzustürzen. Der Korb rutschte der Frau aus den Fingern, so erschrocken war sie, als sie die über und über mit Staub bedeckte Gestalt erkannte. „Himmel, das ist ja Mallory!“

Bradley, der Storebesitzer, stand wie vor den Kopf geschlagen in der Tür hinter ihr. Entlang der Fahrbahnränder war für Sekunden jede Bewegung erstarrt. Dann setzte ein Durcheinander aufgeregter Stimmen, trappelnder Schritte und Türenschlagen ein.

Unbeirrt von dem Lärm und den von allen Seiten Heranhastenden strebte das Pferd dem Wassertrog vor Sullivans Mietstall zu. Die Rufe und das Malmen der Tritte erreichten den Verwundeten wie von weither. Er stemmte den Oberkörper hoch. Die Hausfassaden waren nur Schatten in dem Nebel, der seinen Blick trübte. Ebenso schattenhaft sah er die Männer, die ihn gleich darauf umringten. Hilfreiche Hände streckten sich nach ihm aus.

„Holt Dexter!“, wollte Mallory rufen, aber nur ein Krächzen kam über seine rissigen Lippen. Er war am Ziel. Er hatte das Wettrennen mit dem bleiernen Tod, den er in der Brust trug, geschafft. Nun traf ihn die Erschöpfung wie eine Riesenfaust. Bewusstlos stürzte er in die kräftigen Arme des Mietstallbesitzers.

Mehrere Männer halfen Sullivan, den Schwerverletzten in den Schatten an der Stallwand zu tragen. Entsetzt starrten sie auf das Blut und das von einer Kugel durchlöcherte Abzeichen an Mallorys Hemd. Mallorys Coltholster war leer. Der Braune, der am Trog stand, trug ein fremdes Brandzeichen.

„Der Doc muss her, schnell!“, rief ein graubärtiger Oldtimer.

Sullivan wischte dem Ohnmächtigen mit einem nassen Tuch den Staub und Schweiß vom Gesicht. „Dem hilft kein Knochenflicker mehr“, murmelte er, ohne aufzublicken. „Sagt lieber Mr. Dexter Bescheid für den Fall, dass Mallory nochmals zu sich kommt!“

Einige Städter rannten sofort los. Aber einer seiner Revolvermänner hatte den reichen Minenbesitzer, dem jeder das Recht zugestand, Whitehill „seine“ Stadt zu nennen, bereits alarmiert. Mit raschen, energischen Schritten kam Floyd Dexter die Main Street herab. Zwei von den Schießern, die dafür bezahlt wurden, Dexters Leben und das Silber aus seinen Minen in den nahen Mimbres Mountains zu beschützen, folgten ihm wie Schatten. Dabei bot Floyd Dexter ganz das Bild eines Mannes, der recht gut auf sich selber aufpassen konnte.

 

*

 

Er war um die Fünfzig. Ein klotziger, muskelbepackter Mann, zu dem die derbe Kleidung eines Viehzüchters oder Fuhrmanns besser gepasst hätte als der maßgeschneiderte Tuchanzug und die geblümte Chinaseidenweste. Sein breitflächiges, schnurrbärtiges Gesicht zeigte jene Härte, die ein Mann in diesem rauen Land besitzen musste, wenn er es zu etwas bringen wollte.

Dexter hatte es zu etwas gebracht. Es gab kaum ein Geschäft in Whitehill, in dem nicht seine Dollars steckten. Die Stadt lebte von ihm und den Männern, die in seinen Silberminen arbeiteten, und sie lebte so nicht schlecht. Denn Dexter war kein Mann, dem sein Reichtum und seine Macht zu Kopf stiegen. Nicht Angst, sondern Respekt veranlasste die Bürger, die sich um Mallory geschart hatten, ihm hastig Platz zu machen.

Dexter stockte einen Moment, als er den wie tot auf einer Pferdedecke liegenden Sheriff sah. Dann kniete er schnell nieder. Mallory atmete flach, seine Lider zuckten.

„Holt Dexter!“, flüsterte er.

Der Minenboss beugte sich über ihn. „Ich bin hier, Mallory! Was ist passiert?“

Mühsam öffnete Mallory die Augen. Sein Blick war trüb. Es dauerte eine Weile, bis er das schnurrbärtige Gesicht über sich erkannte. Ringsum war jede Bewegung erstarrt. Die Männer hielten den Atem an.

„Der Silberwagen“, stöhnte Mallory. „Alle tot … Frank Willards Bande … Überfall am Coyotehill …“

Frank Willard! Der Name trieb alle Farbe aus den Gesichtern ringsum. Betroffen blickte Dexter auf den Sheriff. Mallorys Augen wirkten leer. Nur sein Atem verriet, dass er noch lebte. Sein Gesicht war grau, von einer öligen Schweißschicht überzogen. Dexter griff nach seinen Schultern.

„Mallory, um Himmels willen, sind Sie denn wirklich der Einzige, der diesen Schurken entkam?“

„Der Einzige!“, ächzte der Sheriff von Whitehill. Dexters Schultern krümmten sich. Für eine Sekunde schloss er die Augen und presste die Lippen hart zusammen. Plötzlich vergaß er, wie schlimm es Jeff Mallory erwischt hatte. Seine Hände krallten sich in das blutbesudelte Hemd. Er zerrte den Sheriff halb hoch und starrte ihm verzweifelt ins zerfurchte Gesicht.

„Und Clint?“, schrie er. „Was ist mit Clint, meinem Sohn, Mallory?“

Mallory hustete gequält. Sein Lippen bewegten sich, seine Augen traten vor Anstrengung hervor. „Er ist bei ihnen“, berichtete er mit verlöschender Stimme. „Willard hat …“

Ein Zittern durchlief seine breitschultrige Gestalt, sein Kopf fiel nach hinten. Während die Männer ringsum schweigend die Hüte abnahmen, hielt Dexter ihn noch immer fest, als warte er darauf, dass Mallory weitersprechen würde. Er war bleich, seine Mundwinkel waren nach unten gekerbt. Nach einer Weile ließ er Mallory behutsam zurücksinken. Er fuhr mit der Hand über das Gesicht des Toten. Dann stand er schwerfällig auf.

Schweiß glitzerte auf seiner Stirn. Eine Minute lang stand er mit gesenktem Kopf reglos da. Niemand wagte, ihn anzusprechen. Die Röte des Sonnenuntergangs glänzte auf den Dächern der Stadt, hinter der die Mimbres Mountains als gigantischer Felswall vor dem Firmament standen. Die nach Westen gerichteten Fensterscheiben glühten.

Schwerbeladene, von Maultieren gezogene Frachtwagen rumpelten auf der vielfach gewundenen Bergstraße, die Whitehill mit Dexters Silberminen verband. Fernes Peitschengeknall wehte in die wie gelähmte Stadt. Ein Hund begann, zu kläffen. Sonst rührte sich nichts. Dann nahm Dexter den Hut ab und fuhr mit gespreizten Fingern durch das von grauen Strähnen durchzogene Haar.

„Willard!“ Er spuckte den Namen förmlich aus. „Die Pest an seinen Hals! Kein anderer hätte es geschafft, Jeff Mallory und seinen Leuten das Silber für die Bank in Las Cruces abzujagen!“

Er atmete einige Male tief. Langsam kehrte die Farbe in sein grimmiges Gesicht zurück. Er bückte sich und löste das Abzeichen von Mallorys Brust. Seine Faust schloss sich über dem Fünfzack, den eine Banditenkugel in der Mitte durchschlagen hatte.

„Kümmert euch darum, dass Mallory ein anständiges Begräbnis bekommt!“, befahl er heiser. „Ich trage alle Kosten. Sagt Fielding, er soll auf seinen Grabstein meißeln, dass er der beste Sheriff war, den Whitehill je hatte.“ Leise und bitter fügte er hinzu: „Auch wenn er’s nicht verhindern konnte, dass mein Sohn und mein Silber in die Gewalt einer Mörderbande fielen.“

Ein paar Städter hoben Mallory mit beklommenen Mienen auf. Die anderen zögerten, warteten auf Dexters Kommando, die Jagd zu beginnen. Doch der Minenbesitzer presste die Lippen nur noch fester zusammen als zuvor und wandte sich zum Gehen. Sofort waren auch seine Revolverschwinger wieder in Bewegung.

Der mit dem Ledergesicht und den tiefen Falten beiderseits der Mundwinkel schob sich nach einigen Schritten neben ihn. „Ein Wort, Boss, und ich bringe in spätestens einer Viertelstunde jeden Mann in dieser verdammten Stadt in den Sattel, der mit einem Schießeisen umzugehen weiß!“

Dexter blieb ruckartig stehen.

„Das lässt du bleiben, Blake!“

Die beiden Kerle, die ihre tiefgeschnallten Sechsschüsser wie Zunftabzeichen trugen, starrten ihn überrascht an. Blake fuhr sich mit der Zungenspitze über die schmalen Lippen.

„Boss, ich denke, es sind an die hunderttausend Dollar in Silber, die Willard und seine Galgenvögel sich da unter den Nagel gerissen haben!“, krächzte er.

„Stimmt! Aber es ist auch mein Sohn, den diese Bastarde in ihrer Gewalt haben!“, schnappte Dexter. „Warum wohl? Verdammt, weil Willard genau weiß, dass mir die Hände gebunden sind, solange er Clint als Faustpfand mitschleppt!“

„Er wird versuchen, mit dem Wagen auf schnellstem Weg die mexikanische Grenze zu erreichen, Boss, und dann ist das Silber futsch!“

„Ich weiß.“

Blake und sein Gefährte tauschten einen Blick. Noch nie hatten sie Dexter so mutlos und niedergeschlagen erlebt. Ein paar Männer, die vorbeigingen, wichen dem Trio in einem Bogen aus. Dexter bemerkte es nicht.

„Ja, zum Teufel, ich bin ruiniert, wenn ich dieses verfluchte Silber nicht nach Las Cruces schaffe!“, stieß er hervor. „Die Bosse von der Bank warten nur darauf, hier groß ins Geschäft einzusteigen und meinen Platz zu übernehmen, den ich mir nach mehr als einem Jahrzehnt harter, risikoreicher Arbeit in Whitehill geschaffen habe!“

Seine Hand zitterte unmerklich, als er eine dicke, schwarze Zigarre aus der Tasche fingerte. Rasch gab Blake ihm Feuer. Gespannt warteten die beiden Revolvermänner darauf, dass Dexter weitersprach. Er blickte jedoch sinnend zu den Bergen hinüber. Die Dämmerung kroch aus den Schluchten und Tälern der Mimbres. Noch glühten die Gipfel in blutigem Rot.

Blake räusperte sich. „Wir sollten wenigstens versuchen, Clint herauszuhauen, bevor …“

Dexters Handbewegung unterbrach ihn. „Wir sprechen von Frank Willard, nicht von irgendeinem hergelaufenen Buschräuber, der zufällig etwas von dem Silbertransport spitzgekriegt hat, mit dem ich Mallory beauftragte! Vergiss nicht, Blake, dass es in dieser Stadt kein unbekanntes Gesicht für Willard gibt! Ich bin sicher, kein Mann aus Whitehill kommt auch nur eine halbe Meile an ihn und seine Banditen heran, ohne dass er sich meinen Jungen vor den Revolver holt. Nein, Blake, jeder Reiter auf Willards Fährte wäre nur eine zusätzliche große Gefahr für Clint. Mit einer Ausnahme vielleicht …“

Er zögerte. Stirnrunzelnd paffte er heftig an der Zigarre. Ein Lauern war in Blakes Augen.

„Lintock?“, fragte er gepresst.

Ein paar Sekunden schien es, als hätte Dexter ihn nicht gehört. Dann nahm er plötzlich die Zigarre aus dem Mund.

„Ja, Lintock!“, bestätigte er hart.

 

*

 

Blake warf einem Mann, der ein paar Schritte entfernt den Namen aufschnappte und verdattert stehenblieb, einen drohenden Blick zu. Der Städter hastete mit gesenktem Kopf weiter. Blake kratzte sich hinterm Ohr.

„Ich glaube nicht, Boss, dass Sie viel Glück mit diesem wilden Burschen haben werden. Seit wir voriges Jahr versucht haben, ihm seinen Claim im Mescalero-Canyon wegzuschnappen, macht Jack Lintock keinen Hehl daraus, dass er Sie und Ihre ganze Anhängerschaft in Whitehill zum Teufel wünscht!“

„Ich denke nicht an Jack Lintock, sondern an seinen Bruder Ben“, erwiderte Dexter mit steinerner Miene.

Blake lachte überrascht. „Du liebe Zeit! Der Junge ist zwar fix mit der Kanone, aber sonst nichts weiter als ein lausiger Kartenhai, der seinem großen Bruder Jack nicht das Wasser reichen kann! Seit Nancy McGee sich gegen ihn entschied, hat er auch noch zu saufen angefangen. Ein Taugenichts, ein Unruhestifter! Wollten Sie nicht gestern noch, dass er aus der Stadt verschwindet?“

„Was gestern war, zählt nicht! Worauf es ankommt, ist, dass Ben genauso wie sein Bruder Jack mit Frank Willard befreundet war.“

„Gerade deshalb denkt der doch nicht im Traum daran …“

„Wo steckt er?“, unterbrach Dexter ihn ungeduldig.

Blake grinste schief. „Um diese Zeit hält er sich immer im Silverhorse-Saloon auf. Da hat er damals auch Nancy kennengelernt. Ich fürchte nur, wir kommen zu spät, Boss, um noch irgend etwas mit Lintock zu deichseln.“ Blake zog den Kopf ein, als der Minenbesitzer ihn durchdringend anstarrte. Unbehaglich bewegte er die Schultern.

„Na ja, Boss, wie gesagt, gestern war es Ihnen noch hundert Dollar wert, wenn Jack Lintocks kleiner Bruder Whitehill für immer verlässt, wenn möglich auf allen vieren! Schätze, Cole Scranton ist gerade dabei, sich die Moneten zu verdienen.“

Dexter ballte die Fäuste. Ein wildes Aufflammen war in seinem Blick. Dann stiefelte er entschlossen los.

 

*

 

Das Wort „Falschspieler“ war kaum über Cole Scrantons Lippen, als der schlanke, dunkelhaarige Mann mit einem Panthersatz hochfegte, den Tisch umkippte und auch schon seinen 38er Remington-Revolver in der Faust hielt. Gläser klirrten, Karten und Pokerchips wirbelten durch die Luft. Scranton bekam seinen Colt nur halb aus dem Holster. Der Hieb mit dem Remingtonlauf fegte ihn zwischen die benachbarten Saloontische.

Das Ganze war die Sache eines Augenblicks. Die beiden anderen Kerle, die zusammen mit Scranton gegen den jungen Lintock gepokert hatten, waren ebenfalls hochgeschnellt. Ihre Fäuste lagen an den Colts. Aber sie wagten keine Bewegung mehr, als Ben Lintocks Revolver drohend herumschwang. Geduckt, ein wildes Funkeln in den Augen, starrte der drahtige Spieler sie an.

Der Schrei des blonden, grellgeschminkten Saloonmädchens, das auf halber Treppenhöhe stand, zitterte noch kurz in dem großen Raum. Dann war die Szene wie versteinert. Das Vollmondgesicht des Keepers glänzte teigig. Er hatte gerade die letzte Petroleumlampe angezündet. Nun waren seine Hände unter der Theke verschwunden, wo er die obligatorische Schrotflinte mit den abgesägten Läufen aufbewahrte. Aber er hütete sich einzugreifen. Das war nicht irgendeine Schlägerei zwischen betrunkenen Minenarbeitern. Der Eishauch des Todes schien sich in dem bis jetzt nur spärlich besetzten Saloon auszubreiten.

Keuchend wälzte sich Scranton herum. Er war ein grobschlächtiger Bursche, den man ohne seinen tiefhängenden Peacemaker eher für einen Goldgräber als für den gefährlichsten Schießer in Dexters Leibwächtergarde gehalten hätte. Blut sickerte aus einer Platzwunde an seiner linken Schläfe. Hasserfüllt starrte er zu Ben Lintock empor, der sich nun langsam aus seiner geduckten Haltung aufrichtete.

Ein scharfzügiges Lächeln huschte über die Lippen des Spielers. Sein Gesicht wirkte noch etwas hohlwangiger und bleicher als sonst. Eine dunkle Strähne hing ihm in die Stirn.

„Fluch jetzt nicht, Scranton! Sei lieber froh, dass ich nicht wirklich der Bastard bin, als den du mich gern hinstellen möchtest. Dann hättest du jetzt nämlich meine Kugel im Kopf.“

Mit dem erhobenen Revolver ging er um den umgestürzten Tisch herum zur Theke. Dabei ließ er Scrantons Begleiter, die noch wie auf dem Sprung standen, nicht aus den Augen.

„Ich hoffe, ihr kommt nicht ebenfalls auf die Idee, daran zu zweifeln, dass es ein faires Spiel war. Ich lasse mir viel nachsagen, aber nicht, dass ich beim Pokern faule Tricks benutze.“ Und mit einer Kopfbewegung in Richtung des erstarrten Keepers: „Setz die Gläser auf meine Rechnung, Bob, und gieß nochmals einen ein!“

„Den Teufel wirst du, Bob!“ Zähneknirschend stemmte sich Scranton hoch. „Wenn dieser verdammte Falschspieler hier auch nur noch einen Tropfen Whisky über die Lippen bringt, will ich mein Leben lang keinen Saloon mehr betreten! “

Die Haut spannte sich straffer über Ben Lintocks Wangenknochen, sonst blieb sein Gesicht unbewegt. „Du bist ziemlich schwer von Begriff, Scranton. Wenn du tatsächlich darauf bestehst, es mit mir auszuschießen, okay, dann heb deine Kanone auf! Aber dann gehen wir beide hinaus. Bob zittert jetzt schon um seinen neuen Spiegel. Trotzdem werd’ ich mir noch einen Drink genehmigen, ob es dir passt oder nicht. Na los, Bob, gieß ein!“

Scranton stieß den aus der Holster gerutschten 45er achtlos mit dem Fuß zur Seite. Ein gehässiges Grinsen lag plötzlich auf seinen Lippen. „Du lausiges Großmaul wirst aus Bobs Saloon nicht hinausgehen, sondern kriechen! Vorwärts, Jungs, besorgen wir’s dem Kerl!“

 

*

 

Die beiden anderen Kerle neben dem umgeworfenen Tisch zögerten kurz. Als Scranton sich entschlossen in Bewegung setzte, stiefelten auch sie mit grimmigen Mienen los. Der Keeper zog sich ängstlich ans Ende der Bar zurück. Ben kniff die Augen zusammen. Sein Remington wackelte drohend.

„Ich hasse Prügeleien“, warnte er leise. „Ein Mann, der von den Karten lebt, kann es sich auch gar nicht leisten, sich die Fäuste an irgendwelchen Dummköpfen kaputtzuschlagen. Lasst es also lieber gar nicht erst darauf ankommen! Ihr würdet euch nur blaue Bohnen holen!“

Grinsend schüttelte der schwerfällig aussehende Revolvermann den Kopf. „Es gibt nichts Lächerlicheres als ’nen Kerl mit einem ungeladenen Schießeisen, der anderen das Fürchten beibringen will!“

Mit einem zugekniffenen Auge blickte er zu dem kreidebleichen Mädchen auf der Saloontreppe. „Du kannst dir die zehn Dollar holen, Lilly, wenn wir mit ihm fertig sind. Ich spendier’ dir sogar noch ’nen Drink dazu. Vergiss es nicht, Bob!“

Er lachte. Die Blonde zuckte zusammen, als hätte Scranton sie geohrfeigt. Dann warf sie sich herum und hastete wie auf der Flucht die restlichen Stufen hinauf. Cole Scranton lachte dröhnend.

„Was ist, Lintock? Warum schießt du nicht? Viel wird ja nicht dabei herauskommen, nachdem dieses Goldkind dir ein paar präparierte Patronen in deine Bleispritze geschmuggelt hat, während du dein, hm, Nachmittagsschläfchen bei ihr hieltest! Da siehst du mal wieder, was für großartige Freunde du in dieser Stadt hast, Lintock. Na ja, so wird dir wenigstens der Abschied nicht allzu schwerfallen!“

Ben stand mit hochgezogenen, verkrampften Schultern da. Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn. Plötzlich senkte er die Waffe, zielte eine Handbreit vor Scrantons Stiefel und drückte ab. Ein metallisches Klicken war alles.

Scranton lachte abermals.

„Zehn Dollar sind ein Batzen Geld für ein Mädchen wie Lilly. Du bist ihr doch hoffentlich deswegen nicht böse, Lintock! “

„Du hast sie dazu gezwungen, du Dreckskerl!“, zischte Ben. „Du hast ihr klargemacht, dass in dieser Stadt kein Platz mehr für sie ist, wenn sie nicht pariert! Und alles nur, weil du zu feige bist, es von Mann zu Mann mit mir auszutragen!“

„Du vergreifst dich im Ton, Lintock!“

„Seit wann verstehst du was von Musik?“, spottete Ben verzweifelt. Scranton und seine Freunde waren auf drei Schritte herangekommen. Ihre angewinkelten Fäuste und das Funkeln ihrer Augen verrieten, was sie vorhatten. Ben stieß sich von der Theke ab. Doch diesmal war Scranton auf den heranzuckenden Revolverlauf gefasst. Er bog den Oberkörper zur Seite und jagte dem Spieler die geballte Rechte in den Leib.

Ben blieb die Luft weg. Er krümmte sich. Als Scranton ihm, ohne zu zögern, die Faust ins Genick hieb, fiel er auf die Knie. Einer von Scrantons Kumpanen prellte Ben mit einem Fußtritt den Revolver aus der Hand. Die übrigen Gäste verließen plötzlich in überstürzter Hast den Silverhorse-Saloon. Währenddessen bauten sich die drei Dexter-Schießer grinsend um den nach Luft schnappenden jungen Mann auf.

Scranton wischte sich mit der Faust über den Mund. „Du hast nicht den richtigen Saft in den Knochen, Lintock, wenn du jetzt schon schlappmachst! Jack würd’ es den Magen umdrehen, wenn er dich so sähe auf den Knien vor den Männern von Dexters Schutztruppe!“

Er lachte höhnisch. Es war dieses Lachen, das die Schleier vor Bens Augen jäh zerriss. Er schnellte hoch. Scranton konnte nicht mehr ausweichen. Bens Fäuste trafen ihn wie Hammerschläge. Scranton ruderte heftig mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten. Er prallte gegen einen Tisch. Ben, bleich und mit einem geradezu irren Ausdruck in den Augen, blieb dicht an ihm.

Dann waren die beiden anderen da. Wütend rissen sie ihn zurück, schmetterten ihm ihre Fäuste ins Gesicht. Scranton schüttelte sich benommen. Der Hass in seinen Augen verwandelte sich in blanke Mordgier. Seine erste Reaktion war der Griff zum Holster. Aber sein Colt lag noch irgendwo am Boden, und Scranton nahm sich nicht die Zeit, nach der Waffe zu suchen.

Er packte eine auf einem Tisch stehende leere Flasche, zerschlug sie an der Kante und behielt nur den messerscharf gezackten Flaschenhals in der Hand. So bewegte er sich auf die Männer zu, die Ben mit einem vernichtenden Schlaghagel gegen die Theke gedrängt hatten. „Überlasst ihn mir, Amigos!“

Keuchend wichen sie vor Lintock zurück. Bens Gesicht war von ihren Fäusten gezeichnet, seine Beine halb durchgeknickt. Pfeifend kam der Atem über seine Lippen. Er starrte Scranton aus blutunterlaufenen Augen entgegen.

„Scranton, um Himmels willen!“, krächzte der Keeper entsetzt.

„Halt dich da raus, Bob!“, knurrte der Revolvermann. Er kam leicht geduckt auf Ben zu. Der abgebrochene Flaschenhals zielte auf Bens Gesicht. Scranton sah dem jungen Spieler an, wie verzweifelt er seine letzte Kraft zu sammeln versuchte.

Ein wildes Grinsen verzog seine Lippen. „Na los, Freundchen, komm nur, zeig, was du kannst!“

Ben versuchte es. Er schaffte es noch, unter Scrantons heranstoßender Faust mit der gefährlich gezackten Waffe wegzutauchen. Aber als er dann zusammengeduckt gegen Scranton prallte und ihn umreißen wollte, war es, als würde er gegen einen Felsen anrennen. Das hochzuckende Knie des Revolvermanns schleuderte ihn gegen die Theke zurück. Scranton sprang hinterher und holte mit dem Flaschenhals aus.

„Aufhören!“, befahl eine harte Stimme vom Eingang. Die Schwingtüren knarrten, energische Schritte klopften herein.

 

*

 

Scranton stand wie versteinert. Es dauerte eine Weile, bis er den Blick von dem verhassten Gegner losriss und den Kopf wandte. Dexter war schon mitten im Saloon. Blake, das Ledergesicht, tauchte in der Tür hinter ihm auf.

„Verdammt, Cole, hast du Dreck in den Ohren? Seit wann muss ich meine Befehle wiederholen?“, fragte der Minenboss scharf.

Der Flaschenhals zerklirrte am Boden. Mit geballten Fäusten richtete sich Scranton aus seiner Angriffshaltung auf. „Boss, Sie wollten doch selber …“

Dexters eisiger Blick genügte, ihm den Mund zu verschließen. Wütend schnaubte Scranton durch die Nase. Dexter ging an ihm vorbei zu Ben, der ihn misstrauisch und benommen anstarrte. Direkt neben ihm stellte Dexter sich an die Bar.

„Sie sehen nicht gut aus, Lintock“, sagte er beiläufig. „Schätze, ein Drink wird Sie wieder aufmöbeln. Komm her, Bob! Worauf wartest du denn?“

Der Keeper schaute genauso verständnislos drein wie anderen. Ebenso wie sie war er jedoch gewohnt, dem Minenbesitzer aufs Wort zu gehorchen. Neugierige Gesichter erschienen über den schulterhohen Türflügeln. Blake hielt dort die Stellung.

„Nur etwas Geduld, Leute! Bob macht erst in einer halben Stunde seine Bude wieder auf!“, rief er nach draußen.

Ben kippte den Whisky hinab, den der Keeper ihm hinstellte. Er legte sofort eine Münze neben das leere Glas.

„Sie sind der Letzte, von dem ich mich einladen lassen würde, Dexter“, erklärte er schroff. „Erwarten Sie bloß nicht, dass ich Ihnen vor Dankbarkeit um den Hals falle. Sie wollen doch was von mir.“

Dexter blickte ihn mit ausdrucksloser Miene an. Bob hatte auch ihm ein Glas hingestellt. Dexter trank.

„Nochmals dasselbe, Bob, auch für ihn. Dann lass uns allein.“

Der Dicke schien froh zu sein, in der angrenzenden Küche verschwinden zu dürfen. Die Benommenheit in Bens Augen hatte sich verflüchtigt. Er rührte den zweiten Drink nicht an.

„Was wollen Sie?“,wiederholte er scharf.

„Es ist wahr, dass ich Sie aus der Stadt weghaben wollte, Lintock“, begann Dexter leise. „Mit Ihrem schnellen Revolver und Ihren Kartentricks haben Sie nur Unfrieden unter meine Leute gebracht. Aber nun sind Sie der einzige Mann, der mir noch helfen kann.“

Scranton und seine Gefährten hielten den Atem an. Ben war so verblüfft, dass er nur ein „Teufel noch mal!“ herausbrachte. Nun stürzte er den Whisky doch hinab. Dexter nahm sein Glas und die Flasche, die Bob auf der Theke zurückgelassen hatte.

„Kommen Sie, Lintock!“ Er ging zum nächsten Tisch. Ben folgte ihm mechanisch. Dexter ließ sich auf einen Stuhl sinken. Er sah plötzlich erschöpft aus. Der Schein der Petroleumlampen vertiefte die dunklen Linien in seinem Gesicht.

„Setzen Sie sich!“, forderte er Ben auf, doch der Spieler blieb ihm gegenüber stehen.

„Sind Sie sicher, dass Sie mit dem richtigen Mann sprechen, Dexter?“, fragte er rau.

Dexters Blick schien durch ihn hindurchzugehen. Schweigend griff er in die Innentasche seiner Jacke, zog die Brieftasche hervor und blätterte mehrere Geldscheine mitten auf den Tisch. Ben zählte unwillkürlich mit. Es waren zehn Hundert-Dollar-Scheine. Plötzlich brannten grelle Flecken auf seinen Wangen. Scranton und die anderen starrten gebannt herüber. Doch weder Ben, noch Dexter beachteten sie. Zum Schluss legte der Minenbesitzer Mallorys durchschossenen Stern auf das Geld. Bleierne Stille füllte den Saloon.

 

*

 

„Mallory ist tot“, brach Dexter unvermittelt das Schweigen. Seine Stimme klang dumpf. „Banditen haben das Silber, das ich von ihm nach Las Cruces bringen lassen wollte, geraubt. Lintock, ich biete Ihnen diese tausend Dollar und den Job als Mallorys Nachfolger, wenn Sie sich auf die Spur dieser Kerle setzen!“

Alle hielten den Atem an, auch Ben. „Entweder wollen Sie mich auf den Arm nehmen, oder Sie sind übergeschnappt, Dexter!“, stieß er dann hervor.

Dexter goss sein Glas voll. Seine Hand zitterte. Da setzte Ben sich ebenfalls. Seine Augen brannten sich an Dexters grauem, zerfurchtem Gesicht fest.

„Wenn Sie mir, dem Kartenhai und Unruhestifter, Mallorys Stern bieten, dann geht es um mehr als um das Silber. Wenn es nur das wäre, hätten Sie doch längst Ihre Revolvermänner in die Sättel gejagt!“

„Clint war bei Mallorys Leuten. Die Banditen haben ihn als Geisel in ihrer Gewalt.“

Bens Miene verkantete sich. Er atmete tief durch. „Teufel, da hat es Sie aber ganz schön erwischt, Dexter! Das erklärt jedoch immer noch nicht, weshalb Sie gerade auf mich kommen. Sie sind doch kein Mann, der tausend Dollar für einen Revolverjob hinlegt!“

„Ich will keinen Revolverschwinger, sondern einen Mann des Gesetzes auf der Fährte dieser Hundesöhne!“

„Einen Mann Ihres Gesetzes, Dexter, wie? Sie wissen doch, dass Mallorys Nachfolger erst ordnungsgemäß gewählt werden müsste.“

Dexter erwiderte grimmig seinen Blick.

„Ich bin Bürgermeister dieser Stadt und berechtigt, bis dahin einen provisorischen Nachfolger zu ernennen. Einer späteren Wahl dieses Mannes dürfte allerdings nichts im Wege stehen, wenn er gute Arbeit leistet.“

„Lassen wir das jetzt!“, winkte Ben ab. „Da gibt es sicher noch einen viel entscheidenderen Haken an der ganzen üblen Geschichte.“

„Der Haken heißt Frank Willard!“, erklärte Dexter rundheraus.

Ben fuhr zusammen. Scranton fluchte unterdrückt. Dexter griff wieder nach dem Glas, besann sich aber und ließ es stehen.

„Mann, das haut mich glatt vom Stuhl!“, keuchte Ben. „Er ist also zurückgekommen! Er hat sein Versprechen wahrgemacht und es Ihnen heimgezahlt, dass Sie ihn damals von seinem Claim vertrieben, nur weil er’s versäumt hatte, diesen rechtzeitig registrieren zu lassen! Hölle, mit Frank Willard als Gegner steht die Sache wirklich nicht gut für Sie, Dexter. Noch dazu, wenn es stimmt, dass er Ihren Sohn hat!“

„Es gibt jetzt nur mehr zwei Männer, die eine Chance haben, an Willard und Clint ranzukommen, ohne dass es gleich zur Katastrophe kommt“, murmelte Dexter. „Das sind Sie, Lintock, und Ihr Bruder.“

„Und weil Sie genau wissen, dass Jack Sie samt Ihren tausend Dollar zum Teufel wünschen würde, wenn Sie ihm mit so einem Angebot kommen, halten Sie sich an mich, was? Mir trauen Sie ja zu, dass ich einen ehemaligen Freund für eine Stange Geld ohne Wimperzucken ans Messer liefere! Sie werden es nicht glauben, Dexter, aber auch ein Kerl wie ich hat noch ein paar Grundsätze!“

Ben schob den Stuhl zurück. Als er aufstehen wollte, beugte Dexter sich rasch über den Tisch und griff nach seinem Arm. Ben war unwillkürlich betroffen über die Verzweiflung in den Augen des Minenbesitzers. Dexter rief: „Willard ist längst nicht mehr der Mann, den Sie und Ihr Bruder einmal Freund nannten! Er ist ein Verbrecher, ein Mörder! Draußen am Coyotehill hat sich ein schreckliches Massaker ereignet, bei dem keiner der Transportbegleiter am Leben blieb, außer meinem Sohn. Ich habe allen Grund zu fürchten, dass diese Teufel auch Clint töten werden, wenn Sie mit der Beute jenseits der Grenze in Sicherheit sind! Mallory ist wie durch ein Wunder entkommen, aber auch nur mit der tödlichen Kugel in der Brust. Ausgerechnet Mallory, der oft genug beide Augen zugedrückt hat, wenn es Ihretwegen mal wieder Ärger in den Saloons von Whitehill gab!“

Ben schluckte. Seine Miene blieb abweisend.

„Ich bin trotzdem nicht der richtige Mann für diesen Job!“

Floyd Dexter lehnte sich auf dem Stuhl zurück. Ein harter Zug legte sich um seinen Mund. Als er auch noch die Daumen in die Ärmellöcher seiner Weste schob, bot er wieder ganz das Bild des befehlsgewohnten Bosses. Er blickte bedeutsam auf seine Revolvermänner.

„Ich glaube kaum, dass Sie eine andere Wahl haben, Lintock, wenn Sie nicht als Freund eines Mörders und Banditen für alle Zeiten gebrandmarkt sein und obendrein wegen Falschspiels und versuchten Totschlags vor Gericht gestellt werden wollen!“

 

*

 

Ben lachte zornig.

„Na also! Warum legen Sie nicht gleich die Karten offen auf den Tisch? So verstehen wir uns gleich viel besser, Dexter! Erpressung! Das passt schon eher in das Bild, das ich mir seit langem von Ihnen mache! Viel besser jedenfalls als dieses Gefasel vom Stern des Gesetzes, den Sie mir bieten!“

Scranton wartete die ganze Zeit nur auf eine Gelegenheit einzugreifen. Aber Dexters erhobene Hand stoppte ihn.

„Begreifen Sie denn nicht, um was es für mich geht, Lintock? Sie treiben mich in die Enge, nicht ich Sie! Und wenn ich Ihnen außer dem Geld den Stern biete, dann doch nur, weil dieser Stern für Sie die Chance zu einem neuen Leben bedeutet! Die Gelegenheit, Ihre Revolverfertigkeit für immer in den Dienst einer gerechten Sache zu stellen!“

„Indem ich verhindere, dass Sie plötzlich vor dem Bankrott stehen. Das wäre für einen Mann wie Sie wohl der Weltuntergang.“

Dexter fuhr hoch. „Sie haben ja keine Ahnung, Mann! Es geht mir doch viel mehr um Clint als um das geraubte Silber!“

Auch Ben erhob sich „Ich wüsste nicht, wo ich Clint lieber sähe als in der Hölle, nach allem, was er mir angetan hat!“

Dexter starrte ihn erschrocken an. „Sie wollen Clint opfern, weil dieses Saloonflittchen Ihnen seinetwegen den Laufpass gab?“

Ben ballte die Fäuste. Eine Ader schwoll an seiner Stirn. Seine Stimme verriet, wie mühsam er sich beherrschte.

„Damit Sie Bescheid wissen, Dexter: Ich liebe dieses „Saloonflittchen“ immer noch! Und nach wie vor bezweifle ich, dass Nancy McGee sich tatsächlich aus freien Stücken für Clint und gegen mich entschied! Ihre Drohung vorhin beweist mir, wie Männer mit viel Geld und Macht ihren Willen durchzusetzen versuchen, wenn’s darauf ankommt. Ich bin sicher, Clint hat eine Menge von Ihnen gelernt.“

Er kehrte sich ab. Seine Schritte waren das einzige Geräusch in dem großen, trüb erhellten Raum.

„Nancy ist ebenfalls irgendwo da draußen auf dem Weg zur mexikanischen Grenze“, sagte Dexter heiser.

Ben blieb ruckartig stehen. Nach ein paar Sekunden drehte er sich langsam um. „Sie versuchen schon wieder, mich reinzulegen, Dexter!“

Aber das verkrampfte Gesicht des Minenbesitzers verriet ihm das Gegenteil. Dexter murmelte rau: „Ich war immer dagegen, dass Clint sich so sehr mit diesem … diesem Mädchen einließ. Aber er wollte sie unbedingt, auch gegen meinen Willen, mit nach Las Cruces nehmen.“

Ben kam zurück. Er sah aus, als wolle er Floyd Dexter gleich an die Kehle springen.

„Heißt das, Nancy liegt da draußen bei den Toten am Coyotehill?“

„Davon hat Mallory nichts berichtet. Da sie zu Clint gehörte, haben die Schurken sie wohl ebenfalls geschont. Nur – wie lange noch? Wenn Sie nicht für Clint und mich reiten wollen, Lintock, dann tun Sie’s wenigstens für dieses Mädchen, das …“

Er verstummte, als Ben ihn ansah. Dann blickte Ben auf das Geldscheinbündel und das mattschimmernde Abzeichen. In seiner Miene arbeitete es heftig. Dexter ließ ihm Zeit. Als Scranton sich bewegte, warf Dexter ihm und den anderen einen warnenden Blick zu. Plötzlich stand das blonde Saloongirl wieder oben an der Treppe. Es hatte alles mit angehört.

„Tu’s nicht, Ben!“

Die Köpfe der Männer ruckten herum. „Zum Teufel, Lilly, was fällt dir ein, dich da einzumischen?“, schimpfte Scranton.

Lilly hielt sich am Geländer fest. Ein Zittern war in ihrer Stimme. „Cole, du konntest mich zwar zwingen, Ben an euch zu verraten, damit ihr ihn aus der Stadt bekommt aber ich werde nicht zusehen, wie ihr ihn in den sicheren Tod schickt!“

„Dir geht’s wohl zu gut!“, schnappte Scranton mit jäh vom Zorn verdunkeltem Gesicht. „Du hältst dich wohl gar für unentbehrlich, was? Nur weiter so, wenn du’s darauf anlegst, dass wir dich mit der Peitsche aus Whitehill jagen!“ Drohend stapfte er auf die Treppe zu. Lilly wich ängstlich zurück.

„Reite nicht, Ben!“, rief sie. „Gerade du solltest doch wissen, dass es niemanden gibt, der es schafft, sich Frank Willard in den Weg zu stellen! Du weißt, Ben, es gab eine Zeit, da habe ich ihn geliebt. Bis ich das Tier in ihm erkannte und ihn fürchten lernte! Ben, sie wollen dich für eine Sache verheizen, die …“

Scrantons Fluch trieb sie in den dunklen Korridor zurück. Als der Revolvermann den Fuß der Treppe erreichte, schlug droben eine Tür zu. Dexter winkte Scranton zurück.

„Ich habe nie behauptet, Lintock, dass die Sache ungefährlich ist“, sagte er zu Ben, der noch den Worten des Saloongirls nachzulauschen schien.

Plötzlich gab Ben sich einen Ruck. Er trat an den Tisch und nahm den durchlöcherten Sheriffstern.

„Ich werd’s versuchen. Heben Sie das Geld für mich auf, Dexter. Es könnte immerhin sein, dass die Sache schiefgeht. Dann soll es nicht Franks Killern in die Hände fallen. Ich nehme den Stern nicht für Sie und Clint. Nur für Nancy – und für das Gesetz! Rechnen Sie deshalb nur nicht damit, dass ich ihn nicht behalten werde, wenn ich zurückkomme!“

„Bringen Sie mir meinen Sohn, Lintock, und ich werde nie vergessen, dass ich in Ihrer Schuld stehe!“

Dexter streckte ihm die Hand hin. Doch Ben blickte ihm nur grimmig in die Augen. Einer von Scrantons Freunden hatte Bens Hut und seinen Remington aufgehoben. Ben nahm ihm beides aus den Händen. Grußlos verließ er den Saloon.

Als die Schwingtüren hinter ihm zuklappten, spuckte Scranton wütend aus. „Wenn Sie mich fragen, Boss: Viel Aufwand für nichts! Das verdammte Frauenzimmer hat recht. Dieser Kartenhai ist schon jetzt ein toter Mann, wenn er allein auf Frank Willards Fährte reitet! Der ist nicht der Trumpf, Boss, mit dem Sie Ihr Silber und Clints Leben retten!“

„Ich weiß“, murmelte Dexter heiser. „Ich setze auch nicht auf ihn, sondern auf eine ganz anderes Ass. Er ist nur der Köder. Der Mann, der Willard zur Strecke bringen wird, heißt Jack Lintock.“

 

*

 

Ben Lintock zögerte einen Augenblick, dann trieb er sein Pferd aus dem Schutz der Felsen auf den wie verwaist dastehenden Murphywagen zu. „Dexter’s Silver Mines“ stand in verwaschenen Lettern auf dem hochgewölbtem Planendach. Die Pferde im Seilkorral äugten neugierig herüber. Über einem niedrigen Feuer dampfte ein Topf mit frisch gebrühtem Kaffee. Sättel und Decken lagen am Boden. Sonst war der von Klippen umschlossene Platz leer. Da waren nur das Knistern der Flammen und das Pochen der näher stampfenden Hufe.

Bens Hände ruhten auf dem Sattelhorn. Er verspürte die Blicke, die jede Bewegung von ihm verfolgten. Seine Miene verriet nicht, wie angespannt er war. Fast vierundzwanzig Stunden waren vergangen, seit er Whitehill verlassen hatte. Zwanzig davon hatte er im Sattel verbracht. Stunden, die deutlich Spuren in seinem Gesicht hinterlassen hatten. Der Staub des einsamen Landes bedeckte ihn von Kopf bis Fuß. Sein Gesicht war eine graue Maske, in der nur die Augen lebten.

Ein düsteres Feuer brannte in ihnen, als er sein Pferd neben dem verlassenen Fahrzeug anhielt, sekundenlang reglos verharrte und dann herabglitt. Aus dem Schatten der Felsen kam ein leises, metallisches Knacken.

Ben schien es nicht zu bemerken. Aber, er vermied sorgfältig, eine Hand in die Nähe des Revolvers zu bringen, der in einem mit Lederschnüren festgebundenen Holster tief auf seinem rechten Oberschenkel hing. Die Schleier der Dämmerung begannen sich auf das stille Land zu senken. Nur mehr die oberen Ränder der Felsen glühten im Schein des Sonnenuntergangs.

Ben trat ans Feuer, kauerte nieder und warf ein paar Zweige nach, die danebenlagen. Dann hob er einen leeren Becher auf, schöpfte Kaffee heraus und trank. Das Malmen von Tritten war hinter ihm.

„Jeder andere, der auf die Idee gekommen wäre, sich hier selber einzuladen, wäre längst ein toter Mann“, erklärte eine lässige Stimme.

Ben erhob sich. Er hielt den Becher mit beiden Händen, als er sich umdrehte.

„Ich bin eben nicht jeder andere, Frank.“

Der Mann stand vier Schritte vor ihm, breitbeinig, die Daumen lässig hinter den patronengespickten Waffengurt gehakt. Eine große, sehnige Gestalt, die einen Hauch von Gefahr und Wildheit verströmte. Willards Gesicht war scharf geschnitten. Seine Zähne blinkten, als er lächelte. Aber das kalte Misstrauen in seinen Augen blieb.

„Ben, mein Junge, du bist immer noch dieser verrückte Teufelsbraten, als den ich dich in Erinnerung habe! Jack scheint es noch immer nicht geschafft zu haben, einen tüchtigen Erzsucher aus dir zu machen, was?“

„Stimmt, Frank! Dann wäre ich kaum hier.“ Ben hob wieder den Becher an die Lippen und trank.

Bewegung war zwischen den Klippen. Sand knirschte, Leder schabte, Metall klirrte. Doch die Blicke der beiden Männer ließen einander nicht los. Frank Willards Lächeln war wie eingefroren.

„Du gibst also zu, Ben dass du nicht zufällig hier aufgekreuzt bist?“

„Zugegeben! Du lieber Himmel, das klingt ja wie ein Verhör, Frank! Machen wir uns doch nichts vor. Ihr habt mich doch längst gesehen. Spätestens seit heute Mittag weißt du durch deine Kundschafter, dass ich auf eurer Fährte reite. Stimmt’s?“

„Du hast scharfe Augen, Ben, und einen klugen Kopf“, erwiderte Willard leise, während sein Lächeln erlosch. „Nur – bist du auch sicher, dass du diesmal den richtigen Weg eingeschlagen hast?“

„Sagen wir’s so: Ich bin hier, um es herauszufinden.“

Willard kam einen Schritt näher. Seine Hände sanken herab. Nun waren auch die anderen Männer am Rand des Lichtkreises aufgetaucht. Es waren sieben verwildert und gewalttätig aussehende Kerle, alle mit Revolvern, Messern und Patronengurten bestückt. Ihre Mundwinkel waren verkniffen. Unverhohlene Feindschaft glühte in ihren Augen. Ben kam sich plötzlich wie in einem Wolfsrudel vor, das nur durch die starke Faust des Anführers gehindert wurde, sich auf ihn zu stürzen.

Er dachte an die Toten, die er am Coyotehill gefunden hatte, oder vielmehr daran, was die Tiere der Wildnis von ihnen übriggelassen hatten. Mallorys Männer hatten keine Chance besessen. Die meisten hatten nicht einmal mehr einen Schuss aus ihren Gewehren und Colts gebracht. Jetzt spürte Ben Willards durchdringenden Blick mit doppelter Intensität. Nein, das war nicht mehr der Mann, der damals in Jacks Hütte im Mescalero Canyon als ihr bester Freund aus- und eingegangen war!

„Was willst du, Ben?“, fragte Willard in einem Ton, bei dem es den jungen Lintock plötzlich kalt überlief.

Er trank den Kaffee aus, damit er wenigstens ein paar Sekunden lang nicht mehr in diese stechenden Augen schauen musste. Mörderaugen!, schoss es ihm durch den Kopf. Er ließ den Becher fallen und blickte auf den Planwagen, der mit dem Silber aus Dexters Mine beladen war. Die Haltung der Kerle ringsum spannte sich noch mehr.

Bens Blick kehrte zu Willard zurück. Seine Stimme klang jetzt verändert. Sie war rau und rissig.

„Wo sind Nancy und Clint?“

Ein kurzes Aufflackern war in Frank Willards Augen.

„Also doch!“, murmelte er gepresst.

„Was – doch?“

Willard starrte ihm in die Augen. „Ich hätte mir denken können, dass du nicht hier bist, um nachträglich gemeinsame Sache mit mir zu machen und mir zu helfen, den Wagen mit Dexters Silberbarren über die mexikanische Grenze zu bringen!“

„Ich glaube nicht, dass du dazu meine Hilfe benötigst.“

„Du bist nicht als Freund gekommen, Ben. Dexter hat dich geschickt.“

Ben lächelte fahl. „Ich lasse mich von niemandem schicken, Frank. Ich bin aus eigener Entscheidung hier.“

„Warum?“

Ben zog mit der linken Hand die aufgeknöpfte Jacke zur Seite. Der Fünfzack an seinem Hemd schimmerte matt. „Deshalb!“, sagte Ben leise, und während Mallorys Stern die Aufmerksamkeit der Banditen für den Bruchteil einer Sekunde bannte, zog er blitzschnell den Revolver.

 

*

 

Fluchend rissen Willards Kumpane ihre Waffen hoch. Ben reagierte nicht. Er stand nur da, die Schultern gestrafft, ein scharfes Funkeln in den dunklen Augen. Die Mündung seines 38ers deutete auf Willards Brust.

Minutenlang sprach und bewegte sich niemand. Dann zog Willard langsam die Hand von seinem tiefgeschnallten Peacemaker zurück. „Es gibt Scherze, die tödlich enden, Ben! Vor allem, wenn man sie an einem Mann ausprobiert, der so viel zu verlieren hat wie ich!“

„Das ist der Unterschied zwischen uns beiden“, lächelte Ben Lintock grimmig. „Du hast alles, ich nichts mehr zu verlieren!“

„Wenn du bei einer anderen Gelegenheit mit dem Stern vor mir aufgekreuzt wärst, hättest du damit rechnen können, dass ich mich kranklache, Ben!“ Willard schüttelte den Kopf. „Es will mir auch jetzt noch nicht in den Kopf! Vor allem nicht, dass du dich an Floyd Dexter verkauft hast! Mensch, ausgerechnet du, Ben!“

„Frank, damit wir uns richtig verstehen: Das ist nicht Dexters Stern, sondern der Stern des Gesetzes!“

„Was in Whitehill auf ein und dasselbe hinausläuft!“ Der Anführer der Silberräuber spuckte heftig aus. Ein Glitzern erschien in seinen Augen. „Menschenskind, Ben, in dem einen Jahr, in dem wir uns nicht mehr gesehen haben, kannst du dich doch nicht so verändert haben, dass du …“

„Vor einem Jahr hätte mir auch niemand erzählen dürfen, dass du einmal für hunderttausend Dollar in Silber zum Mörder würdest, Frank! Ich hätte jeden, der so was behauptete, glatt über den Jordan gejagt! So kann man sich irren!“

„Verdammt, ich habe mir nur genommen, was mir zusteht! Ich habe damals, als ich aus Whitehill verschwand, Dexter nicht im Unklaren darüber gelassen, dass ich eines Tages zurückkomme und mit ihm abrechne!“

„Du hast dich nicht an Dexter, sondern an Jeff Mallory gehalten.“

„Mallory war Dexters Mann, genau so, wie auch du jetzt Dexters Mann bist! Ich habe Dexter da getroffen, wo er am verwundbarsten ist, bei seinem Geiz, seiner Habgier, seinem Reichtum! Und was mit Mallory geschah, Ben, sollte dir eine Warnung sein!“

„Warum wohl, glaubst du, halte ich den Finger am Drücker?“, lächelte Ben verkniffen. „Bestimmt nicht, weil ich mich darauf verlasse, dass wir mal Freunde waren! Ich hoffe für dich, Frank, dass dein Kommando hier auch wirklich gilt!“

„Du bluffst, Ben!“, sagte Willard nach einer Weile. „Du würdest doch nie wirklich auf mich schießen!“

„Habe ich denn jetzt noch eine andere Wahl?“

„Verdammt, Ben! dass es Dexters wegen so weit zwischen uns kommen musste! Dabei hättest du allen Grund, ihn ebenso zum Teufel zu wünschen wie …“

„Hör von Dexter auf! Was hier entschieden wird, betrifft nur uns beide!“

„Da irrst du dich gründlich! Glaubst du denn, diese Männer hier sind mir nur so einfach aus Zeitvertreib und Freundschaft nach Whitehill gefolgt? Ja, zum Teufel, ich bin ihr Anführer! Aber nur solange sie sich darauf verlassen können, dass jeder seinen Anteil an Dexters verdammtem Silber bekommt! Wir würden uns beide was vormachen, Ben, wenn wir uns darauf verließen, dass sie mein Leben höher einschätzen als die Taschen voll Moneten. Ich würd’ das auch nie von ihnen verlangen.“

Beifälliges Gemurmel klang auf. Willard zeigte wieder ein Lächeln, das dem Zähnefletschen eines Wolfes glich. „Du musst einsehen, mein Junge, dass du auf die falsche Karte gesetzt hast!“

Doch Ben war von Anfang an klar gewesen, dass hier nicht die Waffen, sondern die besseren Nerven entscheiden würden. „Ich will das Silber nicht, Frank … Noch nicht!“

„Es ist genug für alle da!“, hakte Willard sofort ein. „Auch für dich, Ben, unserer alten Freundschaft willen werd’ ich eine Ausnahme machen und dich nachträglich ins Geschäft nehmen, auch wenn’s hier deswegen finstere Gesichter gibt! Das regle ich schon, Ben. Nur sei gescheit, Amigo! Ein Anteil an einer Hunderttausend-Dollar-Beute fällt einem nicht jeden Tag so billig in den Schoß. Du bist ein Glückspilz, Junge! Hölle, ich werde nie vergessen, wie wir jeden Abend in Jacks Hütte beisammen saßen und laut davon träumten, eines Tages mit den Taschen voller Moneten die Welt aus den Angeln zu heben! Jetzt ist es so weit, Ben! Du brauchst nur zuzugreifen! Mit dieser Silberladung, mein Junge, werden wir zu den reichsten Caballeros von Mexiko gehören! Dann musst du dir nie mehr Gedanken darüber machen, woher du am nächsten Tag das Geld für einen Drink nehmen sollst, wenn du mal Pech mit den Karten hattest! Dann brauchst du nur ein wenig

mit deinen Pesos zu klimpern, und schon …“

„Pesos, an denen das Blut von Mallory und seinen Reitern klebt!“, unterbrach Ben ihn hart. „Das Blut von Männern, die nichts weiter als ihre Pflicht zu tun versuchten!“

Willard duckte sich. Dann lachte er zornig.

„Du redest tatsächlich wie ein verdammter Sternträger und nicht wie der Mann, der einmal mein Freund war! Zum Teufel, erwarte nur nicht, dass ich mich auch noch vor dir rechtfertige! Du bist ein Dummkopf, Ben, der noch nicht begriffen hat, dass er in einer Klemme steckt, aus der nur ich ihn noch lebend rausbringen kann! Nur nicht so, wie du’s dir vorstellst! Wenn du das Silber nicht willst, Ben, was dann?“

„Clint und Nancy! Der Himmel sei dir gnädig, Frank, wenn sie nicht mehr am Leben sind!“

Willard starrte ihn lauernd an. Ein höhnisches Grinsen zuckte um seinen Mund, als er sich langsam aufrichtete.

„Wie kommst du auf die Idee, dass ich den beiden auch nur ein Haar krümmen könnte?“

Bens Herz schlug heftig. Bei dem Gedanken, dass Nancy ganz in der Nähe war, fiel es ihm schwer, ruhig zu bleiben. Nancy, die er noch immer liebte, auch wenn sie sich für Dexters Sohn entschieden hatte! Aber das wollte er von ihr selber hören.

„Sag deinen Männern, sie sollen sie herbringen!“, befahl er wild.

„Wozu?“ Grinsend hob Willard die Schultern. „Die ganze Zeit stehen sie schon hinter dir und warten auf die Gelegenheit, dich zu begrüßen!“

 

*

 

Das Lachen des Verbrechers schmerzte in Bens Ohren. Zuerst hielt er alles nur für einen simplen Trick, der ihn veranlassen sollte, sich umzudrehen. Da kam tatsächlich Clints Stimme von der anderen Seite des Lagerplatzes.

„Ich habe ja meinem Vater alles mögliche zugetraut, aber nicht, dass er einen Lintock anheuern würde, um mich zurückzubringen! Schade, Ben, dass du umsonst gekommen bist! Aber weder Nancy noch ich verspüren große Lust auf ein Wiedersehen mit Whitehill. Im Gegenteil. Wir können es vielmehr kaum erwarten, Mexiko zu erreichen. Und so sehr ich auch sonst einer Meinung mit Frank bin, ich wäre nie damit einverstanden, dass du mitkommst!“

Die Worte trafen Ben wie Keulenhiebe. Dumpfe Leere füllte seinen Kopf. Gleichzeitig brach ihm der Schweiß aus allen Poren. Willards Gesicht kam ihm wie eine höhnisch grinsende Teufelsfratze vor. Das Gelächter der übrigen Schurken umbrandete ihn. Er vergaß, dass sein Leben von der auf Willard gerichteten Waffe abhing. Es wäre ihm jetzt auch egal gewesen. Er drehte sich.

Eine Lücke klaffte im Halbkreis der Banditen. Dexters Sohn und Nancy McGee standen in ihr. Es war ein Bild, dessen Einzelheiten sich dem jungen Sheriff von Whitehill unauslöschlich einprägten: Clints spöttisches Lächeln, das den Hass in seinen Augen nicht verbergen konnte. Der rötliche Schimmer des Colts in seiner erhobenen Faust. Und neben ihm das schönste Mädchen aus Bob Sanders Silverhorse-Saloon!

Nancy trug Jeans, Baumwollbluse und Stiefel. So hatte Ben sie noch nie gesehen. Sie erschien ihm begehrenswerter denn je. Ihr volles, rotbraunes Haar war im Nacken zusammengebunden. Das ovale Gesicht wirkte ohne die grelle Schminke noch viel reizvoller. Ein schreckensbleiches Gesicht mit großen, im Widerschein der Flammen glänzenden Augen. Ben glaubte, das Pochen einer Ader an Nancys schlankem Hals zu erkennen.

Dexters Sohn hatte besitzergreifend einen Arm um sie gelegt. Sein Sechsschüsser deutete auf Ben. Clint und der ehemalige Spieler waren gleich alt, auch ungefähr gleich groß, nur war Clint etwas breiter und schwerer gebaut. Sein sonnengebräuntes Gesicht schien immer zu einem Lachen bereit, und seine Haltung besaß gerade jetzt viel von der herausfordernden Überlegenheit seines Vaters, ohne dass ihm dies selber bewusst wurde.

„Überrascht, Ben?“ Er lachte spöttisch. „Wieso eigentlich? Hast du mir nicht schon immer alles Schlechte zugetraut? Leuchtet es dir trotzdem nicht ein, dass ich gemeinsame Sache mit Frank mache?“

Er hatte Ben schon immer gehasst, vor allem aber, nachdem dieser ihm damals bei Bob Sanders hübschestem Saloongirl zuvorgekommen war. Alles an ihm, sein Blick, seine Haltung, seine Stimme, verriet nun den Triumph, den er genoss.

„Gerade du, für den es bisher nichts Wichtigeres als seine Freiheit gab, solltest doch verstehen, wie ich es satt habe, von meinem Vater an der kurzen Kette gehalten zu werden, nach seiner Pfeife zu tanzen und mich mit einem monatlichen Taschengeld abspeisen zu lassen! Du kennst ihn doch, Ben! Ein Mann, für den es nur seine verdammten Silberminen gibt, in die er jeden übrigen Dollar steckt. Denn als er auch verhindern wollte, dass ich Nancy zur Frau nehme, weil sie aus einem Saloon kommt, war das Fass am Überlaufen! He, Ben, hörst du mir überhaupt zu?“

Ben hatte jedes Wort verstanden. Doch seine Augen blieben an Nancy wie festgebrannt. Nancy inmitten dieser Horde gewissenloser Mörder, die nun auch ihm keine Chance lassen würden! Nancy als Geliebte eines Schurken, der seinen eigenen Vater verraten hatte! Das war zu ungeheuerlich, als dass er es fassen konnte. Ihm war, als hätte man ihm plötzlich eine Binde von den Augen genommen, so dass er im letzten Moment erkannte, dass er am Rand eines tödlichen Abgrunds stand.

„Du siehst nicht gerade glücklich aus, Ben!“, höhnte sein Rivale. „Na ja, kein Wunder! Du hast sicher gehofft, Nancy zurückzugewinnen, wenn du herkommst und …“

„Clint, sei still!“, rief das Mädchen mit bebender Stimme. „Wenn du mich liebst, Clint, dann lass ihn gehen!“

„Gerade weil ich dich liebe, werde ich das nicht tun!“, zischte er wild.

Details

Seiten
128
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934991
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v510060
Schlagworte
silberbaron whitehill

Autor

Zurück

Titel: Der Silberbaron von Whitehill