Lade Inhalt...

Letzter Trail nach Dodge City

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Letzter Trail nach Dodge City

Klappentext:

Roman:

John F. Beck

 

Letzter Trail nach Dodge City

 

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/Titelbild: Werner Öckl, 2019

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

 

Klappentext:

2.000 Dollar sind auf den Kopf von Greg Williams ausgesetzt und machen ihn zu einem Gejagten, der nirgendwo Ruhe findet. Weil Greg in Notwehr einen Mann erschossen hatte, bestach dessen Bruder Zeugen zu einer Falschaussage, um Williams zu einem Mörder und damit zu einer willkommenen Beute für Kopfgeldjäger zu machen. Zufällig wird er Herdentreiber für die junge Ranchertochter Mary Lockwood, die 3.000 Longhorns verkaufen muss, um die Ranch ihres Vaters vor dem Ruin zu retten – ein schier aussichtsloses Unterfangen für Greg: Er kämpft nicht nur gegen die Schatten seiner Vergangenheit, sondern gegen den teuflischen Plan von Marys Vormann und skalphungrige Comanchen auf dem letzten Trail nach Dodge City …

 

 

 

 

 

 

Roman:

Das Pferd trabte langsam hinter der hohen Strauchreihe hervor, und Allan Lockwood sah den roten Schein des Campfeuers über das hochgewölbte Dach des Planwagens geistern.

Ein Zweig knackte ganz in der Nähe.

Allan Lockwoods hagere Gestalt spannte sich. Er straffte die Zügel.

Eine Stimme rief gedämpft: „Lockwood!“

Der Rancher hielt den Braunen an.

„Wer ist da?“

Blätter raschelten. Eine dunkle kräftige Gestalt brach aus dem Strauchwerk.

„Bist du das, Rick?“

„Nein, Lockwood!“

Die Stimme war von metallener Härte. Plötzlich sah Lockwood den Lauf des Gewehrs. Das Begreifen der tödlichen Gefahr durchfuhr ihn wie ein schmerzhafter Stich. Seine rechte Hand löste sich vom Zügel und langte zum Holster.

„Nein!“, keuchte er verzweifelt. „Ihr sollt mich nicht …“

Ein Feuerstrahl raste auf ihn zu. Das Krachen des Schusses dröhnte in Lockwoods Ohren.

Der Einschlag der Kugel riss seinen Oberkörper zurück, seine Füße glitten aus den Steigbügeln. Das Pferd wieherte schrill und stieg auf die Hinterhand.

 

*

 

Als Lockwoods Bewusstsein zurückkehrte, stellte er fest, dass er im zertrampelten Gras lag. Ein stechender Schmerz wühlte in seiner Brust. Mühsam drehte er den Kopf, um nach dem Mann zu sehen, der auf ihn gefeuert hatte. Aber da war nur Dunkelheit!

Vom Camp her trieb aufgeregtes Stimmengewirr heran. Schritte hasteten näher. Der Rancher wollte sich hochstemmen und rufen. Aber er war zu keiner Bewegung fähig. Kein Laut kam über seine blutleeren Lippen.

Er wusste nicht, wie viel Zeit verstrichen war, als der gelbe Schimmer einer Sturmlaterne über ihn spülte. Schnelles Atmen drang an seine Ohren. Und dann sah er wie durch wogende Nebelschleier das schmale Gesicht seiner Tochter im Lampenlicht auftauchen – kreidebleich und vom Entsetzen gezeichnet.

„Vater!“, schluchzte sie auf. „Um Himmels willen! Vater!“

Er spürte, wie die Schwäche ihn zu übermannen drohte. Er bot seine ganze restliche Energie auf. Es dauerte eine Weile, bis er einen Ton hervorbrachte.

„Mary!“, flüsterte er brüchig. „Mary, du darfst … nicht aufgeben! Ich … wollte, ich könnte … dir das alles ersparen. Aber die Herde … die Ranch …“

Seine Stimme erstickte. Er hatte plötzlich den Eindruck, eine gewaltige schwarze Mauer komme mit rasender Geschwindigkeit auf ihn zu.

„Ja, Vater!“, hörte er undeutlich die Stimme seiner Tochter. „Ja! Du musst ganz ruhig liegen! Du musst …“

„Die Herde …“ brachte er nochmals keuchend hervor.

Dann war die unheimliche schwarze Mauer direkt vor ihm und schlug über ihm zusammen …

Die Männer standen stumm im Halbkreis und starrten auf das Mädchen, das neben der reglos ausgestreckten Gestalt kniete. Schließlich nahm der alte graubärtige Mike Tipstone mit einem tiefen Aufseufzen seinen verbeulten Stetson ab. Die anderen folgten seinem Beispiel.

Nach einer Weile räusperte sich Lee Torrence und machte einen Schritt vorwärts. „Miss Mary!“

Das Mädchen hörte nicht Sie kniete da, den Rücken den Cowboys zugewandt, und starrte in das fahle, hagere Gesicht des Mannes, der ihr Vater war.

Der alte Tipstone wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. Torrence wiederholte gedämpft: „Miss Mary!“

Sie zuckte zusammen. Es war, als würde sie aus einem Traum gerissen. Langsam drehte sie den Kopf. Der gelbe Laternenschein traf voll auf ihr Gesicht. Ihre roten ausdrucksvollen Lippen waren fest zusammengepresst. In ihren Augen lag ein seltsam benommener Ausdruck, als müsse sie sich erst besinnen, wo sie war und was sich ereignet hatte.

„Miss Mary“, sagte Lee Torrence mit heiserer Stimme, „es wäre besser, wir würden ihn in die Stadt hinüberbringen.“

Mary Lockwood nickte stumm. Langsam erhob sie sich. Ihre Arme hingen schlaff herab. Hoffnungslosigkeit beschattete ihre Miene.

Torrence drehte nervös seinen Stetson zwischen den kräftigen Fingern.

„Es … es tut mir leid, Miss! Einer von uns sollte den Boss in die Stadt begleitet haben, dann wäre das vielleicht nicht passiert.“

„Er wollte alleine reiten“, murmelte sie tonlos. „Lee, keinen von euch trifft irgendwelche Schuld!“

„Was werden Sie jetzt tun, Miss Mary? Meinen Sie nicht, es wäre besser, den Trail abzubrechen? Noch wäre Zeit dazu, noch befinden wir uns in besiedeltem Land.“

Das Mädchen blickte dem großen breitschultrigen Mann fest ins Gesicht. Eine Veränderung ging an ihrer Haltung vor. Ihre schmalen Schultern strafften sich. Sie hob den Kopf. Mit entschiedener Stimme antwortete sie: „Nein, Lee! Nein, wir geben nicht auf! Das ist ja, was diese Verbrecher bezwecken! Jetzt glauben sie sich wahrscheinlich bereits am Ziel. Aber wir werden sie enttäuschen. Wir treiben weiter – weiter bis Dodge City!“

„Der Chisholm-Weg ist lang und gefährlich!“, gab Torrence zu bedenken.

„Ich weiß!“, erwiderte Mary Lockwood herb. „Aber ihr habt die letzten Worte meines Vaters gehört, nicht wahr?“ Ihre Blicke schweiften über die wettergegerbten Gesichter der Weidereiter. Sie zögerte.

„Es sei denn, ihr wollt dieses Risiko nicht mehr auf euch nehmen. Es wäre verständlich. Ich würde keinem von euch einen Vorwurf machen. Auch Ihnen nicht, Lee.“

„Miss Mary“, sagte Torrence schnell, „ich war nicht nur Vormann auf der Lockwood-Ranch, ich war auch der Freund Ihres Vaters. Was auch geschieht – Sie werden sich auf mich verlassen können. Und ich bin überzeugt, dass das für jeden dieser Männer ebenfalls zutrifft.“

Er schaute in die Runde, und die Cowboys nickten stumm ihre Zustimmung.

„Bei der ganzen Sache denke ich nur an Sie, Miss Mary!“, redete Torrence weiter. „Vielleicht wäre es für Sie besser, wenn Sie in Austin zurückblieben. Wir werden die Herde auch ohne Sie nach Dodge City bringen.“

„Wir brauchen jede Kraft, Lee. Wir sind ohnehin fast zu wenig. Und ich verstehe genug vom Reiten und Lassowerfen, um mich wenigstens um die Pferderemuda kümmern zu können.“

„Sie wollen also mitkommen?“

„Ja, Lee! Ja, ich will dabei sein. Und nicht nur der Pferde wegen.“

Torrence hob die Schultern und sagte: „Der Trail stellt Anforderungen, denen eine Frau vielleicht nicht gewachsen ist, Miss Mary.“

Ihr Blick senkte sich wieder auf den Toten nieder, und Torrence glaubte schon, er würde keine Antwort erhalten. Da hob sie wieder den Kopf, und in ihren Augen lag ein verhaltenes Feuer. Von einer Minute zur anderen war sie plötzlich nicht mehr die junge sorglose Rancherstochter. Sie war entschlossen, eine schwere Aufgabe auf sich zu nehmen.

Sie sagte fest: „Ich will es herausfinden, Lee! In drei Tagen brechen wir auf!“

 

*

 

Pfeifend sperrte Greg Williams sein Zimmer im Obergeschoss des Rio-Colorado-Hotels ab und schob den Schlüssel in die Hosentasche. Den schweren Ledersattel mit den baumelnden Steigbügeln über der linken Schulter, ging er ohne Eile den Korridor entlang.

Greg Williams erreichte die Treppe, die in die Eingangshalle hinabführte. Unten war es still. Das Gästebuch an der Rezeption war aufgeschlagen, aber vom alten weißhaarigen Portier war nichts zu sehen. Die Tür zum Gehsteig stand einen Spalt offen. Ein Bündel goldener Sonnenstrahlen fiel schräg herein. Die Stufen knarrten leise unter Gregs Stiefelsohlen, als er langsam hinabstieg.

Als er die Mitte der Treppe erreichte, brach sein Pfeifen jäh ab. Aus dem schattigen Winkel neben der steilen Stiege hatte sich eine Gestalt gelöst – lautlos und mit katzenhafter Geschmeidigkeit.

Der Mann blieb unten vor der letzten Stufe stehen, schaute starr zu ihm empor und sagte mit einer leicht gedehnten höhnischen Stimme: „Hallo, Williams! Da bist du ja endlich!“

Gregs Schultern zogen sich etwas in die Höhe. Mit einem Schlag wurde sein Gesicht völlig ausdruckslos. Die Falten um seine Mundwinkel schienen sich tiefer zu kerben. Seine dunklen Augen verengten sich. Er stand ganz starr, und sein Blick schien jede Einzelheit des kantigen Gesichts des anderen genau in sich aufnehmen zu wollen.

„Hallo, Kinross“, sagte er schließlich ruhig. „Ich dachte, ich hätte dich längst abgeschüttelt!“

Sein Blick senkte sich kurz und entdeckte den Revolver in der Hand des Mannes unterhalb der Treppe. Der Hahn war bereits gespannt.

Jim Kinross lächelte dünn.

„Beinahe hättest du es geschafft, Williams. Aber nur beinahe!“

„Du bist wie ein Bluthund, Kinross!“

„Aus deinem Mund ist das ein Kompliment!“ Kinross’ Lächeln wurde breiter. Seine hellen Augen glitzerten kalt. Unverwandt zielte sein Revolverlauf auf Greg. „Aber weißt du, Williams, für zweitausend Dollar kann man schon etwas tun.“

„Eine hübsche Summe, ja!“, nickte Greg kühl, während er innerlich mit fieberhafter Spannung nach irgendeinem Ausweg suchte.

„Ich nehme aber an, du wirst die Kopfprämie teilen müssen, Kinross, was? Du bist doch nicht alleine gekommen, oder?“

„Da hast du recht! Aber darüber solltest du dir keine Gedanken mehr machen, Williams. Austin ist die letzte Station für dich, seit du damals aus dem Big Bend geflohen bist. Los, komm jetzt endlich die Treppe herab!“

Greg rührte sich nicht. Der Blick in die schwarze kreisrunde Mündung von Jim Kinross’ Waffe schnürte ihm die Kehle zusammen. Trotzdem brachte er es fertig, die Undurchdringlichkeit seiner Miene zu bewahren – diese Maske, hinter der er all seine Gedanken und Empfindungen zu verbergen gelernt hatte.

Er sagte kalt: „Kinross, du weißt genau, dass ich Don Brigg damals im Big Bend nicht ermordet habe. Du wirst kein Glück haben, wenn du mich jetzt zum Sheriff schleppst.“

„So? Meinst du? Wie willst du denn deine Unschuld beweisen, Freund Williams? Die Zeugenaussagen stehen gegen dich und …“

„Es sind falsche Aussagen! Die Zeugen wurden bestochen!“

Kinross verzog spöttisch die Mundwinkel.

„Beweis es doch! Es ist eben dein Pech, dass du mit deinem Colt ausgerechnet an den Bruder des reichsten Mannes im Big Bend geraten bist!“

„Hier sind wir in Austin, nicht in Glenn Briggs Machtbereich, Kinross. Der Sheriff …“

„Du redest immer vom Sheriff, Williams!“, unterbrach ihn Jim Kinross beißend. „Du scheinst die Situation noch nicht ganz zu begreifen, wie? Die zweitausend Dollar werden nicht nur ausgezahlt, wenn ich dich lebend bei einem Sternträger abliefere! Du weißt doch, wie es heißt: tot oder lebendig!“

Etwas in Greg Williams verkrampfte sich in diesem Augenblick: Er dachte an, die Tage und Wochen, die hinter ihm lagen. Eine Zeit voller Hitze, Staub und Strapazen – eine Zeit ständigen Gehetztseins. Alles war schlagartig wieder lebendig für ihn: die vielen harten Stunden im Sattel, die verborgenen Nachtlager im öden Land, der Hunger, die Angst und immer wieder der Anblick der gelben Staubwolke, die seiner Fährte folgte.

In diesen Sekunden war das Verlangen, einfach zum Colt zu greifen, fast übergroß. Greg bot alle Beherrschung auf, um ruhig zu bleiben. Das Glitzern in Kinross’ kalten hellen Augen zeigte ihm, dass der Mann nur darauf wartete, den Zeigefinger am Stecher krumm zu machen. Unwillkürlich fragte sich Greg, warum Kinross nicht längst gefeuert hatte. Vielleicht wollte er seinen Triumph auskosten. Es war ihm jedenfalls zuzutrauen. Oder er wartete noch immer darauf, dass Greg zur Waffe griff, um später behaupten zu können, in Notwehr geschossen zu haben.

Das höhnische Lächeln verlor sich aus Kinross’ Zügen. Seine Stimme war heiser, als er ungeduldig nochmals befahl: „Hast du vorhin nicht gehört? Du sollst endlich die verdammte Treppe herabkommen! Los, vorwärts!“

Greg atmete tief ein und setzte sich in Bewegung. Unten wich Kinross gleitend einige Schritte vom Treppenabsatz zurück – den Revolver noch immer auf Greg gerichtet.

Die Holster mit dem schweren 44er schabte gegen Gregs verwaschene Jeans. Der Sattel drückte schwer auf seine linke Schulter. Greg schaute in die eisigen Augen des Kopfgeldjägers und Mordbanditen. Und plötzlich wusste er, was er zu tun hatte.

Er langte am Fuß der Treppe an. Kinross stand nicht mehr als drei Schritte von ihm entfernt. Hinter ihm tanzten winzige Staubteilchen in dem gebündelten Licht, das durch den offenen Türspalt fiel.

Greg sagte leise: „Ich denke, du musst dich beeilen. Der Portier kann jeden Augenblick zurückkommen. Und für das, was du vorhast, kannst du keine Zeugen gebrauchen, oder?“

„Halt die Klappe!“, fuhr ihn Kinross an. Sein kantiges Gesicht war jetzt verkniffen – das Gesicht eines Mannes, der in den nächsten Sekunden einen anderen rücksichtslos ermorden will.

„Wirf den Sattel weg, Williams!“

„Soll es so aussehen, als hätte ich gekämpft?“, fragte Greg mit kaltem Spott. „Nun ja, ein Mann mit einem Sattel auf der Schulter kann schlecht kämpfen. Ich …“

„Du sollst still sein und tun, was ich verlange!“

„Meinetwegen!“

Greg griff mit beiden Händen nach dem Sattel. Es sah aus, als wolle er ihn einfach von der Schulter streifen und zu Boden fallen lassen. Doch dann ging alles blitzschnell!

Seine Finger krampften sich um die glattgescheuerte Lederpausche. Ein wilder Ruck – und schon flog der Sattel direkt auf Kinross zu. Gleichzeitig warf sich Greg mit einem kräftigen schnellen Sprung zur Seite.

Kinross’ Fluch vermischte sich mit dem dumpfen Aufbrüllen seines Revolvers.

Es gab ein klatschendes Geräusch, als sich die Kugel mit voller Wucht in den Sattel bohrte. Kinross machte eine halbe Drehung und feuerte nochmals.

Vom Boden aus stach ihm Greg Williams’ Mündungsflamme entgegen. Kinross’ Kugel riss einen Holzsplitter aus dem Rezeptionspult. Dann wurde Jim Kinross von Gregs Treffer rückwärts geschleudert. Sein Arm mit dem Revolver fiel kraftlos herab. Er krampfte eine Hand um das untere Treppengeländer und versuchte, die Waffe nochmals in die Höhe zu bringen.

Greg sprang vom Boden der Eingangshalle auf. Ein dünner Rauchfaden kräuselte vor der Mündung seines 44ers. Greg sah, wie sich ein dunkler Fleck an Kinross’ rechter Schulter ausbreitete.

Greg rief heiser: „Kinross, sei vernünftig! Gib auf!“

Kinross’ Faust mit dem Revolver war halb in die Höhe gekommen, als ihn die Kraft verließ. Seine Finger öffneten sich, die Waffe schlug hart auf den Boden.

„Zur Hölle mit dir, Williams!“, schnaufte er schwer. „Sie werden dich schon erwischen, du verwünschter …“

Die Beine knickten unter ihm weg. Seine klammernde Linke löste sich vom Treppengeländer. Er fiel zuerst auf die Knie, dann kippte er langsam zur Seite.

Sekundenlang blickte Greg Williams starr auf ihn nieder.

Erleichterung durchflutete ihn, als ihm bewusst wurde, wie nahe er dem Tod gewesen war. Dann erinnerte er sich daran, dass Jim Kinross nicht allein auf seiner Fährte nach Austin gekommen war. Und die Schüsse mussten weit gehört worden sein!

Er biss grimmig die Zähne zusammen. Er hatte gehofft, hier in Austin am Rio Colorado, fern vom Big-Bend-Land, in Sicherheit zu sein. Es war eine Täuschung gewesen! Noch war diese Sache nicht zu Ende. Wenn es ihm nicht gelang, unbemerkt die Stadt hinter sich zu lassen, ehe Kinross’ Freunde zur Stelle waren, sah es böse für ihn aus!

Seine Erstarrung zerfloss. Hastig bückte er sich nach dem Sattel, der Kinross’ erste Kugel aufgefangen hatte.

In diesem Augenblick wurde die Tür zur Hoteleingangshalle vollends aufgestoßen. Ein schnurrbärtiger Mann sprang über die Schwelle. In seiner kräftigen Rechten blinkte der lange Lauf eines 45er-Colts …

 

*

 

Greg erkannte den Mann auf den ersten Blick. Er gehörte zu Jim Kinross und dessen Reitern, die ihm wie Bluthunde vom Big-Bend-Land herauf gefolgt waren – seit jenem schlimmen Tag, da Don Brigg, der Bruder des reichen Ranchers Glenn Brigg, unter seiner Kugel zusammengebrochen war.

Der Schnurrbärtige stand geduckt mitten im hereinflutenden Sonnenlicht. Sein Blick fiel auf Kinross, der bewusstlos am Boden lag, und für einen Moment stand er wie versteinert. Überraschung und Wut vermischten sich auf seinem breitflächigen Gesicht.

Für Greg war keine Sekunde zu verlieren!

Er ließ den Sattel liegen und sprang auf die Treppe zu. Draußen auf dem sonnenbestrahlten Gehsteig pochten eilige Stiefeltritte. Da kamen die übrigen Männer der Kinross-Mannschaft heran.

Greg erreichte den Fuß der Treppe. Ein Blick über die Schulter zeigte ihm den hochflirrenden Coltlauf des Mannes. Er feuerte um einen Sekundenbruchteil früher.

Durch den zerflatternden Pulverrauch sah er den Schnurrbärtigen ungläubig die Augen aufreißen. Der Mann machte zwei torkelnde Schritte auf die Stiege zu, dann fasste er mit beiden Händen an den linken Oberschenkel und setzte sich mitten auf den Boden.

Das helle Viereck der offenen Tür wurde verdunkelt. Sehnige Gestalten drängten über die Schwelle. Greg schaute in finstere wilde Gesichter. Eine vor Erregung kratzende Stimme schrie: „Da ist er! Er hat Jim und Stan erledigt! Los, drauf auf ihn!“

Greg feuerte zwei schnelle Kugeln ab. Holzteile splitterten aus dem Türrahmen. Die Männer auf der Schwelle prallten erschrocken zurück.

Greg fuhr herum und rannte, den glatten Kolben seines 44er-Navy-Colts krampfhaft umklammernd, die Stufen hinauf. Schweiß biss salzig auf seinen ausgedörrten Lippen. Sein Herz hämmerte wie rasend. Er wusste, dass er von keinem dieser Leute Schonung zu erwarten hatte. Glenn Brigg hatte eine Mannschaft hinter ihm hergeschickt, die nur an eines dachte: an die zweitausend Dollar, die auf seinen Kopf ausgesetzt waren!

Vom Hoteleingang her rasten Revolverschüsse auf.

Eine Kugel bohrte sich knirschend dicht unter Gregs Stiefelabsatz in eine Stufe, eine andere zischte haarscharf an seinem Kopf vorbei. Das Krachen übertönte alle Geräusche, die von der Straße kamen. Auf halber Treppenhöhe gab Greg, ohne anzuhalten, zwei weitere Schüsse nach unten ab. Der schrille Aufschrei eines Mannes lag in seinen Ohren. Pulverqualm vernebelte die Sicht. Und durch diese milchigen Schwaden stachen neue Mündungsfeuer.

Greg hetzte weiter.

Stiefel polterten auf der Treppe. Stimmen schrien durcheinander. Irgendwo auf der sonnengleißenden Straße vor dem Rio-Colorado-Hotel wieherte durchdringend ein Pferd.

Greg rannte von der Treppe fort den Korridor entlang. Eine Kugel schlug wuchtig in die Bretterwand, dann verstummte das Dröhnen der Waffen. Im Laufen zerrte Greg den Schlüssel aus der Hosentasche.

Keuchend blieb er vor seinem Zimmer stehen. Seine Finger zitterten, und er setzte zweimal vergeblich an, ehe er den Schlüssel ins Schloss brachte. Die Treppe ächzte unter dem Ansturm der Männer, von denen jeder zuerst oben sein wollte. Rostig knirschte der Schlüssel. Greg stieß die linke Fußspitze gegen die Tür. Sie schwang knarrend nach innen auf.

Er schaute über die Schulter und sah, dass die ersten Verfolger das obere Treppenende erreichten. Weiter unten brüllte ein Mann: „Schießt ihn ab, diesen Mörder!“

*

 

Die Lippen zu einem dünnen Strich zusammengepresst, schwang Greg den 44er empor und zog den Stecher durch. Es knackte nur metallen. Die Kammern waren leer!

Der Mann an der Spitze der Meute feuerte.

Greg schnellte ins Zimmer. Die Kugel klatschte wuchtig in das Holz des Türrahmens – genau dort, wo Greg eben noch gestanden hatte. Ein Stakkato von Schüssen dröhnte jetzt den Korridor entlang. Greg schlug die Tür zu und schob den Riegel vor.

Sein Atem ging schwer.

Mit schweißüberströmtem Gesicht lehnte er sich neben der Tür an die Zimmerwand. Sein Blick irrte gehetzt hin und her.

Der Raum war klein und einfach eingerichtet. Das schmale Bett, ein wurmstichiger Schrank, dessen Türen nicht mehr richtig schlossen, ein runder wackliger Tisch und ein Stuhl – das war alles. Eine Nacht und einen halben Tag hatte Greg Williams hier verbracht. Zum ersten Mal seit Wochen hatte er angefangen, sich wieder als Mensch unter Menschen zu fühlen – nicht wie ein gehetztes Tier. Und nun war alles wieder beim alten, vielleicht noch schlimmer als vorher!

Draußen im offenen sonnendurchglühten Land hatte er stets sein Pferd in Reichweite gehabt. Da draußen hatten ihm viele Wege zur Flucht offengestanden. Und hier? In diesem engen Zimmer fühlte er sich wie in einer tödlichen Falle!

Auf dem Korridor kamen die eiligen harten Schritte der Verfolger heran. Stimmen redeten gedämpft durcheinander. Sporen klirrten.

Greg erinnerte sich daran, dass sein Colt leergeschossen war. Hastig zerrte er Patronen aus den Schlaufen seines breiten Ledergurtes und füllte die Colttrommel nach. Die leeren Hülsen klickten auf die Bodenbretter. Draußen war das Stimmengewirr und Schrittepochen vor der Zimmertür angelangt. Ein Mann knurrte ungeduldig.

„Ach was! Den werden wir gleich haben! Vorsicht, macht mir Platz!“

Greg presste sich enger an die Wand. Die Mündung seiner Waffe richtete sich auf die verriegelte Tür.

Auf dem Gang peitschten drei schnelle Schüsse. Die Kugeln wummerten gegen das eiserne Schloss. Knirschen und Bersten waren zu hören. Greg biss sich auf die Unterlippe, als er sah, wie sich der Riegel aus der Halterung zu lösen begann. Jemand trat wuchtig von außen gegen die Tür.

Greg feuerte, und die Kugeln durchschlugen splitternd das Holz. Auf dem Korridor gellte ein Schmerzensschrei. Dann folgten die gestöhnten Worte: „Mein Arm! Verdammt, er hat mich direkt in den Arm getroffen!“

„Dieser Satan!“, knurrte eine andere Stimme. „Heh, Williams, gleich haben wir dich! Und dann wirst du allerhand zu bezahlen haben, du verdammter Revolverschwinger!“

Neue Kugeln schmetterten gegen das Schloss.

Ein Gedanke kam Greg. Er rannte quer durchs Zimmer zum offenen Fenster. Das Sonnenlicht blendete ihn. Draußen flimmerte die Luft über den Dächern von Austin. Am blauen Himmel war kein einziger Wolkenfetzen zu bemerken.

Greg spähte in die Tiefe. Da unten war das Dach der Hotelveranda. Die breite Straße – ein schnurgerades gelbes Band, das vom einen Ende der Stadt zum anderen verlief – war menschenleer. Gesattelte Pferde standen im Schatten an langen Haltegeländern.

Hinter sich hörte Greg das Zerbrechen des Schlosses. Die Tür bewegte sich knarrend. Auf dem Korridor schrie ein Mann in wildem Triumph: „Geschafft! Jetzt haben wir ihn!“

Mit dieser wilden Meute auf den Fersen waren Gregs Chancen gering. Aber alles in ihm bäumte sich dagegen auf, für ein Verbrechen zu sterben, das er nicht begangen hatte. In diesen Augenblicken saß nur ein Gedanke in seinem Gehirn fest: Flucht!

Er schwang die Beine übers Fensterbrett und ließ sich nach draußen gleiten. Sekundenlang hielt er sich noch am Sims fest, den Körper frei an der Hotelfassade baumelnd. Dann hörte er droben das einsetzende Wutgeheul und löste seinen Griff.

Er landete schwer auf dem schräg abfallenden Verandadach. Mit rudernden Armen suchte er das Gleichgewicht zu halten. Er fiel und glitt zum Dachrand hin abwärts. Nirgends bot sich ihm Halt.

Durch das Rauschen in seinen Ohren drang der wilde Lärm aus seinem Zimmer: Wütende Schüsse wurden in die Wände gejagt, Tisch und Stuhl zertrümmert, die Dielen erzitterten unter dem Gestampfe der Stiefel.

Dann war da schon die Dachkante! Seine Füße schossen ins Leere hinaus. Instinktiv krümmte er den Rücken, um die Wucht des Aufpralls zu mildern. Schon schlug er auf. Staub wolkte und brannte in seinen Augen.

Er rollte keuchend herum und stemmte sich auf die Knie. Seine Ellenbogen waren zerschrammt, das derbe Baumwollhemd an der linken Schulter aufgerissen. Der Colt war ihm entfallen. Er sah ihn einige Handbreit von sich entfernt im sonnen warmen Sand liegen. Sofort streckte er die Hand nach der schweren Waffe aus.

Da fiel ein Schatten über ihn.

 

*

 

Er riss den Kopf hoch. Sein Blick traf direkt in das angespannte Gesicht des Mannes, der über das Verandageländer auf ihn zuhechtete. Es war zu spät zum Ausweichen. Der Anprall traf ihn mit voller Wucht und schleuderte ihn hintenüber in den Straßenstaub. Finger krallten sich in seinem Hemdstoff fest. Heißer Atem traf ihn von der Seite.

Der andere holte aus, um ihm die Faust ins Gesicht zu schmettern. Blitzschnell zog Greg sein rechtes Knie hoch. Er stieß den Gegner aus dem Gleichgewicht. Der Hieb ging ins Leere. Und noch am Boden liegend, rammte Greg seine geballte Rechte in die Höhe.

Er erwischte den Kinross-Reiter genau am Kinn. Der Kopf des Mannes ruckte nach hinten. Seine Arme fielen herab. Mit einer kräftigen Drehung kam Greg unter dem Feind hervor. Er sprang auf die Füße. Der andere klammerte sich an seinem Gürtel fest und wollte sich so hochziehen. Einen Moment zögerte Greg. Dann sagte er sich grimmig, dass ihm keine andere Wahl blieb, wenn er nicht weiter aufgehalten werden wollte. Er schmetterte dem anderen die Faust an die Schläfe. Der Kopfgeldjäger erschlaffte.

Flüchtig wischte sich Greg mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn, während er sich abermals nach seinem 44er bückte. Die Berührung des Metalls verlieh ihm keine Beruhigung. Den Colt in der Hand, richtete er sich hoch.

Im nächsten Sekundenbruchteil prellte ihm ein wuchtiger Hieb mit einem Gewehrlauf die Waffe aus der Faust. Greg duckte sich und wich einen Schritt zurück. Vor ihm war ein bärtiges verkniffenes Gesicht, das von einem mexikanischen Sombrero beschattet wurde. Der Gewehrlauf wurde zu einem neuen Schlag hochgeschwungen.

Verzweifelt wollte Greg den Hieb unterlaufen und sich gegen den anderen werfen. Da mahlte direkt hinter ihm Sand unter Stiefelsohlen.

Ehe Greg noch reagieren konnte, wurden ihm die Arme auf den Rücken gerissen. Er bäumte sich keuchend gegen den stählernen Griff.

Da kam der Gewehrlauf bereits niedergesaust. Greg spürte noch den stechenden Schmerz an der linken Schädelseite, dann war stockdunkle Nacht um ihn …

 

*

 

Als er erwachte, schmeckte er Staub auf der Zunge. Jemand goss Wasser über ihn, und der kühle Schwall vertrieb Gregs Benommenheit. Spuckend setzte er sich auf. Das Wasser perlte über sein Gesicht und klebte das zerrissene Hemd an seiner Haut fest. Das schwarze gelockte Haar ringelte sich ihm wirr in die Stirn. Gleichzeitig mit dem einsetzenden Schmerz in seinem Kopf, begann sein Gehirn wieder klar zu arbeiten.

Die Erinnerung ließ ihn die Lippen zusammenpressen.

Jemand stieß ihn derb mit der Stiefelspitze an.

„Los, Williams! Hoch mit dir!“

Er schaute auf, und bei dieser Bewegung zuckte ein neuer Schmerzstoß durch seinen Kopf.

Schräg über ihm war das breite Gesicht des vollbärtigen Mannes, der ihn mit dem Gewehrlauf niedergestreckt hatte. Ein spöttisches Grinsen verzerrte die wulstigen Lippen. Der Mann hielt seine Winchester nachlässig unter den Arm geklemmt. Als Gregs Blick auf ihn traf, spie er geringschätzig in den Straßenstaub.

„Hast du nicht gehört, Williams? Du sollst aufstehen!“

Wieder wurde Greg von einem Stiefel gestoßen. Er drehte halb den Kopf und sah Jim Kinross neben sich. Kinross’ muskulöser Oberkörper war nackt und glänzte schweißnass in der Sonne. Ein dicker weißer Verband war um seine rechte Schulter geschlungen, wo ihn vorher Gregs Coltkugel getroffen hatte. In seinen hellen Augen brannte Hass.

Neben Kinross und dem Vollbärtigen drängten sich die anderen Mitglieder der Kinross-Crew im Halbkreis um Greg. Sie befanden sich noch immer vor dem Rio-Colorado-Hotel – genau an der Stelle, an der Greg zu Boden geschlagen worden war. Als Greg sich langsam erhob, sah er auf dem gegenüberliegenden Gehsteig Bewohner der Stadt stehen. Aber niemand dachte daran, in dieses raue Geschehen einzugreifen.

Einen Moment hoffte Greg auf das Auftauchen des Sheriffs. Aber Austin war groß und das Sheriff’s Office weit vom Rio-Colorado-Hotel entfernt. Überdies würde eine Verhaftung nur einen Aufschub bedeuten, nichts anderes. Er galt als Mörder, und jeder Richter würde für ihn nur ein Todesurteil bereithaben: Tod durch den Strang.

Während Greg mit hängenden Schultern dastand und in die mitleidlosen Gesichter seiner Feinde schaute, wallte dumpfer Zorn in ihm auf. Plötzlich kam er sich vor wie ein in die Enge getriebener Wolf. Und wie ein solcher wollte er auch handeln: verbissen bis zum letzten Atemzug kämpfen!

Kinross und seine Horde wussten, dass er in Wirklichkeit unschuldig war. Und das machte sie zu einer Schar skrupelloser Banditen, gegen die Rücksichtnahme fehl am Platze war.

Greg spannte alle Muskeln. Er hätte jetzt viel dafür gegeben, den Colt in der Holster zu tragen. Seine ganzen Gedanken konzentrierten sich darauf, einem der Kopfgeldjäger eine Waffe zu entreißen. Dann wollte er sich wehren, bis er unter dem tödlichen Kugelhagel zusammenbrach. Das war alles, was ihm noch zu tun übrigblieb.

Er rückte einen Schritt näher an Kinross und den Vollbärtigen heran. Mit erzwungener Ruhe sagte er, während noch immer der Schmerz in seinem Schädel bohrte: „Vielleicht hast du einen Fehler gemacht, Kinross, der dir zum Verhängnis wird.“

Jim Kinross runzelte die Stirn. Sein Gesicht wirkte fahl. Der Blutverlust hatte ihn geschwächt. Er musste sich auf den Bärtigen stützen. Und Greg begriff plötzlich, dass es nur eine Waffe gab, die er tatsächlich erwischen konnte: die Winchester unter dem Arm des Bärtigen.

Kinross knurrte: „Fehler? Soll das ein Bluff sein, Williams? Ich sehe keinen Fehler!“

Greg schaute ihm kalt in die Augen.

„Du solltest mich gleich erschossen haben, Kinross. Jetzt sind eine Menge Leute da, die dir auf die Finger sehen werden. Auch wenn man mich als Verbrecher jagt, wirst du mich doch nicht einfach über den Haufen schießen können.“

Kinross’ finstere Miene hellte sich auf.

„Du solltest mich eigentlich besser kennen, Williams. Ein Mann wie ich findet immer eine richtige Lösung!“ Er lächelte tückisch und gab seinen Leuten einen Wink.

Die Schar schwärmte aus und nahm Greg hastig in die Mitte.

Das jähe Begreifen jagte einen Schauer über seinen Rücken.

Jetzt war es nicht nur unmöglich geworden, an die Winchester des Bärtigen heranzukommen – jetzt war es vor allem für jeden Außenstehenden unmöglich, zu sehen, was innerhalb des dichten Ringes aus Männergestalten vor ging.

Jim Kinross stand plötzlich dicht vor ihm – einen schussbereiten Revolver in der Faust.

„Siehst du, Williams, so wird das gemacht!“, zischte er.

Greg verkrampfte die Fäuste und starrte ihn mit brennenden Augen an. Hass wühlte ihn plötzlich auf.

„Ich möchte nur wissen, ob du deiner Sache auch so sicher wärst, wenn wir uns nochmals alleine gegenüberstünden!“

Kinross holte aus und schlug ihm den linken Handrücken ins Gesicht. Gregs Kopf flog zur Seite. Er taumelte, aber sofort hielten ihn kräftige Fäuste fest.

Kinross fauchte einem seiner Leute zu: „Los, Jesse! Du weißt, was du zu tun hast!“

Sofort öffnete der Aufgeforderte seine Lippen und begann, heiser zu brüllen: „Verdammt, Williams, lass dein Eisen stecken! Ich warne dich!“

Und während sich die Fäuste noch eiserner um Gregs Handgelenke schlossen und ihn an jeglicher Gegenwehr hinderten, schrie der Mann noch lauter: „Vorsicht, Jim! Der Schuft will schießen!“

Jetzt war es so weit!

Kinross würde ihn ermorden und jeder würde es für Notwehr halten.

Aus aufgerissenen Augen starrte Greg in Jim Kinross’ hassverzerrtes Gesicht. Der rechte Zeigefinger des Banditen legte sich um den Abzugshebel …

 

*

 

In diesem Augenblick schallte eine Stimme über die Straße.

„Augenblick, Gentlemen! Wenn geschossen werden soll, werde ich mit von der Partie sein! Und ich wette, das würde gewaltig schlimm für euch alle ausfallen.“

Einen Moment stand Jim Kinross völlig reglos. Dann atmete er scharf ein und fuhr halb herum.

„Höllenfeuer! Wer ist dieser wildgewordene Büffel?“, schrie Kinross.

Heiße Hoffnung flammte in Greg Williams auf, als ihn die klammernden Fäuste losließen. Der enge Kreis der Banditen lichtete sich blitzschnell. Die Männer machten Front zu der Richtung, aus der die fremde Stimme gekommen war.

„So ist es recht! Aber lasst bloß eure hübschen Schießeisen stecken, Gentlemen! Ich stehe nämlich zu meinem Versprechen und würde bei einem Feuerwerk kräftig mithalten!“

An der Ecke des Rio-Colorado-Hotels war ein Mann aufgetaucht. Er war klein, alt und sein verwittertes Gesicht mit den wasserblauen Augen wurde von einem struppigen grauen Bart umrahmt. dass er mehr als ein halbes Dutzend hartgesottener Gestalten vor sich hatte, schien ihn nicht im geringsten zu kümmern. Seine Augen blickten furchtlos, fast vergnügt.

Er stand breitbeinig da, eine schwere Parker-Schrotflinte unter den Arm geklemmt, deren Lauf er langsam kreisen ließ.

Sein Blick richtete sich auf Jim Kinross. Mit seiner krächzenden Stimme befahl er: „Heh, du Falkengesicht! Lass dein Knall Werkzeug fallen!“

Kinross’ Schultern verkrampften sich. Er beugte sich leicht vor. Eine Ader schwoll an seiner Stirn. Seine Stimme klang gepresst vor mühsam unterdrückter Wut.

„Höllenfeuer, was ist in dich gefahren, Mann! Bist du verrückt geworden? Du nimmst dir zu viel vor, wenn du allein gegen uns alle …“

„Mund halten, Mister!“, unterbrach ihn der Graubärtige ungerührt. „Ich brauche deine Belehrungen ganz und gar nicht! Siehst du denn nicht, dass ich da eine Schrotflinte in den Fäusten halte? Mit diesem Eisen blase ich euch alle in die Ewigen Jagdgründe, wenn ihr

nicht vernünftig seid. Also, weg mit deinem Revolver, Falkengesicht! Und ihr anderen bleibt nur schön ruhig stehen!“

Der Alte trat vorsichtig vom Gehsteig herab, die Schrotflinte weiterhin auf die Desperados gerichtet.

Greg staute den Atem. Die nächsten Sekunden würden alles entscheiden! Er konnte nicht verstehen, wieso dieser Graubärtige in diese Sache eingriff. Er hatte den Mann noch nie gesehen. Und Kinross hatte wirklich recht: Das Verhältnis war ungleich, auch wenn der Alte momentan den Finger am Drücker hielt. Wer sich Kinross und seine raue Horde zu Feinden machte, hatte nichts mehr zu lachen!

Greg war hastig zur Seite geglitten, zur Straßenmitte hin, um nicht in den gefährlichen Schussbereich des Schrotgewehrs zu kommen. Kein Bandit hatte versucht, ihn aufzuhalten. Ihre Aufmerksamkeit galt im Moment allein dem kleinen graubärtigen Fremden. Greg streifte Kinross mit einem Seitenblick. Er sah, dass der Anführer der Kopfgeldjäger wie gebannt auf das Schrotgewehr starrte. Dann zuckte Jim Kinross die Achseln und ließ seinen Revolver zähneknirschend in den Sand fallen.

Der dünne Mund des Alten verzog sich zu einem breiten Grinsen. „Ich wusste doch, Freund Falkengesicht, dass du vernünftig sein würdest!“

„Aber du bist ziemlich unvernünftig, Mann!“, stieß Kinross gepresst hervor. „Wenn du dich nicht schleunigst besinnst, wird dir diese Sache bald sehr leid tun.“

„Ach, weißt du“, brummte der Graubärtige schulterzuckend und spie lässig seitwärts in den Staub, „ich bin so einiges gewöhnt! Ich hab’ ein raues Leben hinter mir. Mich kann nichts mehr erschüttern!“ Er grinste wieder.

„Zur Hölle mit dir!“, schnaufte Kinross. „Bist du Williams’ Freund?“

„Williams? Wer ist Williams?“

„Der Kerl, dem du eben geholfen hast!“

Greg fürchtete, dass der Fremde jetzt in seine Richtung schauen würde. Und

einer der Bande würde diesen Augenblick bestimmt benutzen, um den Colt herauszureißen. Aber die Augen des Graubärtigen schweiften keinen Sekundenbruchteil von Kinross und seiner Crew ab.

„Nein, ich bin nicht sein Freund! Aber was nicht ist, kann ja noch werden!“

„Er ist tatsächlich verrückt!“, knurrte der vollbärtige Bandit mit dem großen mexikanischen Sombrero. „Menschenskind, du alter Kuhtreiber, weißt du denn nicht, dass dieser Bursche ein gesuchter Mörder ist? Wenn du ihm hilfst …“

„Ruhig, Freundchen, nur ganz ruhig! Es steht dir nicht, wenn du dich aufregst!“

„Tom hat recht!“, sagte Jim Kinross mit mühsamer Ruhe. „Du hilfst einem Verbrecher, und das …“

„Er sieht nicht danach aus!“, unterbrach ihn der Weidereiter. „Und wisst ihr, ich hab’ euch schon eine ganze Weile beobachtet. Es gefällt mir einfach nicht, dass eine ganze Meute einen Wehrlosen kaltblütig auf den langen Trail befördern will. Und noch etwas: Ein paar von euren Gesichtern kenne ich von früher her! Es sind keine angenehmen Erinnerungen. Das Thema Banditen klingt schlecht aus eurem Mund!“

„Na schön!“, knurrte Kinross zornig. „Dann mach nur zu, Großvater! Du wirst schon sehen, wohin dich das führt!“

„Natürlich werde ich das sehen!“, bestätigte der Alte grinsend. „Du, junger Mann, Williams oder wie du heißt, geh über die Straße. Neben dem Store stehen zwei Gäule, die mir gehören. Bring sie her!“

Greg räusperte sich. Sein Blick wanderte zwischen dem Alten und den Kinross-Leuten hin und her.

„Na, was ist?“, krächzte der Graubart. „Jetzt fang du bloß nicht auch noch an, mir Schwierigkeiten zu machen.“

Gregs Stimme war heiser. „Mister, Sie sollten sich diese Sache wirklich überlegen. Diese Männer sind rücksichtslose Revolverschwinger. Sie werden …“

„Zum Kuckuck, Hombre! Willst du nun von diesen Burschen umgebracht werden oder willst du mit mir reiten?“

Ein Lächeln glitt über Gregs Gesicht. Wortlos setzte er sich in Bewegung und verschwand im Schatten neben dem Store. Wie der Alte gesagt hatte, standen dort zwei Gäule – zähe struppige Cowboypferde. Greg schwang sich in den Sattel des einen Pferdes und nahm die Zügel des anderen in die Linke. Mit der Rechten holte er einen Spencer-Karabiner aus dem Scabbard, lud die Waffe durch und lenkte die Pferde aus dem Schatten ins gleißende Licht.

Sein Helfer hatte die Kinross-Leute inzwischen gezwungen, die Hände zu heben. Die Gesichter der Banditen waren finster vor Wut. Als Greg die Pferde neben dem graubärtigen Cowboy zum Stehen brachte, zischte Kinross gehässig:

„So! Jetzt versucht mal, mit heiler Haut aus der Stadt zu kommen! In dem Moment, da ihr eure Gäule herumlenkt, wird euch ein Kugelhagel aus den Sätteln fegen!“

„Ein netter Wunsch! Nur wird er nicht in Erfüllung gehen!“, krächzte der Alte und trat neben sein Pferd. Er hob seine Stimme: „Miss Mary! Ich glaube, jetzt brauchen wir Sie!“

„In Ordnung, Mike!“, antwortete eine helle entschlossene Frauenstimme.

Greg zuckte unwillkürlich zusammen und wandte den Kopf.

Aus einem engen schattigen Häuserdurchlass trabte ein hochbeiniges rehbraunes Pferd. Im Sattel saß eine junge Frau, schlank, blond und mit hellgrauen klaren Augen, die furchtlos auf die Banditen gerichtet waren. Ihre Kleidung war einfach: eine helle Bluse, ein geteilter Rock, halbhohe zierliche Stiefel, und auf ihrem Rücken hing ein flachkroniger Hut an einer Windschnur. Sie hielt eine Winchester 73 in den schmalen Händen, die Mündung war auf die Desperado-Schar gerichtet.

Greg warf dem Alten einen erstaunten Blick zu. Der Cowboy grinste. „Ein Prachtmädel!“, flüsterte er. „Wir werden uns völlig auf sie verlassen können.“

„Zum Teufel!“, grollte Kinross. „Was soll das ganze Theater! Madam, Sie sind doch nicht so närrisch, sich in dieses Spiel einzumischen?“

„Warum nicht?“ Die Stimme der Reiterin klang ruhig und fest. Sie hielt den Rehbraunen mitten auf der breiten Fahrbahn, kümmerte sich nicht um das Getuschel, das die Gehsteige entlanglief und zielte weiterhin mit dem Gewehr auf Kinross und seine Männer.

„Ich werde dafür sorgen, dass Mike und Williams ungehindert aus der Stadt kommen. Lasst euch also nicht einfallen, irgendwelche Dummheiten zu machen! Ich bin auf einer Ranch in Süd-Texas aufgewachsen und verstehe, mit diesem Gewehr umzugehen. Und einer Frau werdet ihr ja nicht in den Rücken schießen, oder?“

Die Banditen tauschten wütende Blicke.

Die Reiterin sagte ruhig: „Mike, du kannst aufsteigen!“

Der Graubärtige schwang sich mit einer Geschmeidigkeit auf sein Pferd, die man seinem Alter nicht mehr zugetraut hätte. Er beugte sich zu Greg hinüber.

„Was habe ich gesagt? Ein prächtiges Girl!“

Er lenkte langsam sein Pferd herum. „Kommen Sie, Williams!“

„Aber wir können doch Ihre Begleiterin nicht alleine …“

„Doch, wir können! Haben Sie nicht gehört, was Mary vorher sagte? Oder glauben Sie wirklich, einer dieser Schufte würde es wagen, mitten in dieser Stadt, vor aller Augen auf eine Frau zu schießen? Nein, nein, junger Mann, seien Sie ganz unbesorgt!“

„Ihr könnt reiten, Mike!“, rief Mary, ohne den Blick von den wutbebenden Desperados zu nehmen. „Ich komme bald nach!“

„Okay, Miss Mary!“

Mike nickte Greg aufmunternd zu. „Eine zünftige Sache, was? Erinnert mich an meine jungen Tage in Missouri.

Damals ging es auch so lebendig zu!“ Seine kleinen wasserblauen Augen funkelten. Er drückte seinem Braunen die Sporen in die Flanken. „Hoh, vorwärts, mein Guter!“

Er winkte den Banditen mit der Schrotflinte zu. „Auf ein herzliches Nimmerwiedersehen, Gentlemen!“ Sein Pferd schnellte vorwärts, Staub wirbelte auf. Mit einem schrillen Cowboyruf sprengte der Reiter die Straße entlang.

Greg schaute das Mädchen zögernd an. Das Gewicht des Spencer-Karabiners in seinen Fäusten schien sich zu verdoppeln.

„Madam, ich …“

„Sie sollten die Sache nicht unnötig verzögern, Williams“, unterbrach ihn Mary. Ihre Stimme war kühl und selbstsicher. Unwillkürlich fühlte Greg so etwas wie Ärger in sich.

„Nun reiten Sie schon!“, hörte er das Mädchen fordern.

Wortlos zog Greg das Pferd herum und jagte hinter dem alten Mike her, dessen geduckte Gestalt straßenabwärts von einer gelben Staubfahne verschleiert wurde.

 

*

 

Sie hatten die Stadt hinter sich gelassen. Gregs Begleiter trieb seinen Braunen hinter eine Gruppe hoher Cottonwood-Büsche. Er rückte den alten verbeulten Stetson aus der Stirn, wischte sich den Schweiß vom Gesicht und rieb sich dann grinsend die Hände.

„Geschafft!“, krächzte er. „Wie damals in Missouri, als ich noch ein junger Hüpfer war!“

Erst jetzt schob Greg den Spencer-Karabiner in den Scabbard zurück. Aus engen Augen spähte er über die Sträucher unruhig zur Stadt zurück.

„Machen Sie sich um Miss Mary keine Sorgen. Sie wird gleich kommen. Wir warten hier auf sie.“

Stirnrunzelnd stützte Greg die Hände aufs steile Sattelhorn.

„Ich verstehe das alles nicht! Warum habt ihr mir geholfen? Ihr kennt mich doch gar nicht.“

„Muss man jeden kennen, dem man hilft? Miss Mary und ich – wir haben nun mal was dagegen, wenn ein Haufen übler Burschen einem einzelnen Mann keine Chance lässt.“

„Ist das der einzige Grund?“, fragte Greg gedehnt.

Der alte Weidereiter blinzelte ihn an.

„Sie sind ein kluges Kind, wie?“

„Heraus mit der Sprache!“, forderte Greg schärfer als beabsichtigt.

Der Graubart zuckte die mageren Schultern. „Warten Sie, bis Miss Mary kommt!“

„Wer ist sie?“

„Sie heißt Mary Lockwood. Ihrem Vater gehört eine Ranch unten in der Nähe von San Antonio. Er wurde vorgestern aus dem Hinterhalt erschossen.“ Das lederhäutige Gesicht des Alten verdüsterte sich. „Jetzt gehört ihr die Herde.“

„Welche Herde?“

„Well, wir sind mit dreitausend Longhorns nach Dodge City unterwegs. Wir lagern nördlich von Austin auf der anderen Flussseite.“

„Ihr Vater wurde ermordet?“

„Yeah! Mary steckt in argen Schwierigkeiten!“ Der alte Cowboy seufzte. „Aber sie gibt nicht auf. Wenn die Herde nicht in Dodge verkauft wird, ist die Ranch verloren.“

„Ich verstehe dann noch weniger, warum sie sich dann eben neuen Kummer aufgeladen hat.“

„Das ist ein Preis, der sich hoffentlich lohnt!“ Der Oldtimer fand sein trockenes Grinsen wieder. „Übrigens, mein Name ist Tipstone, Mike Tipstone. Sie können mich Mike nennen.“

„Gerne! Mein Vorname ist Greg.“

„Schön, Greg!“ Tipstone streckte seine knochige Hand herüber, und Greg drückte sie.

Von der Stadt herüber wehte Hufschlag. Mike Tipstone stellte sich in den Steigbügeln auf und reckte den Kopf.

„Miss Mary – da kommt sie schon!“ Er lenkte seinen struppigen Braunen halb hinter dem Strauchwerk hervor und winkte. „Hallo! Hier sind wir!“

Das Hufgetrappel schwoll an. Das Mädchen kam im Galopp näher. Ihr anmutiger Körper passte sich schwingend den Bewegungen des Pferdes an. Ihre Wangen waren gerötet, als sie hinter den Cottonwoods anhielt. Sie nickte Greg kurz zu und wandte sich an Tipstone.

„Mike, reite sofort zur Herde und sage Lee, dass er gleich aufbrechen soll.“

„Wir wollten erst morgen mit dem Treiben anfangen, Miss Mary.“

„Wenn wir warten, haben wir in Kürze Kinross und seine Leute auf dem Hals.“

„Miss Lockwood“, mischte sich Greg ein, „ich möchte nicht, dass Sie und Ihre Leute meinetwegen …“

„Lassen Sie nur!“, winkte Mary ab. „Kinross ist bestimmt das bedeutend kleinere Übel.“

„Hoffentlich ist das kein Irrtum!“, murmelte Greg gepresst.

Mary Lockwood hörte nicht mehr auf ihn. Sie sagte zu Tipstone: „Mr. Williams und ich werden einen Bogen schlagen und Kinross auf unsere Fährte ziehen. Ihr treibt inzwischen nach Norden weiter, wie es geplant war. Wir holen euch gegen Abend ein.“

„Wie Sie meinen!“, nickte Tipstone, drückte seinem Braunen die Sporen in die Weichen und sprengte davon.

Mary nickte Greg zu. Der Blick ihrer hellgrauen Augen ruhte kühl auf ihm. Irgendwie hatte Greg den Eindruck, dass sie ihn abschätze, und obwohl er sich sagte, dass er ihr und dem alten Mike eine Menge zu verdanken hatte, spürte er wieder diesen leichten Ärger. „Kommen Sie, Williams!“

Sie wendete ihren Rehbraunen und ritt an. Greg folgte ihr. Ein schneller Blick über die Schulter zeigte ihm, dass Kinross und seine Leute die Stadt noch nicht verlassen hatten. Aber Greg machte sich keine Illusionen. Er kannte diese raue Rotte! Wochenlang hatten sie ihn gejagt. Jetzt da sie ihm so nahe gerückt waren, würden sie gewiss nicht aufgeben!

 

*

Als sein Gaul auf gleiche Höhe mit dem Mädchen gekommen war, wartete er darauf, dass sie zu sprechen beginne. Aber sie ließ ihr Pferd weiter im Galopp laufen, hielt den Blick starr geradeaus gerichtet und sprach kein Wort. Er musterte sie von der Seite. Ihr Gesicht war wohlgeformt, die roten vollen Lippen wirkten verlockend. Ihr langes Haar wurde im Nacken von einem Band zusammengehalten.

Plötzlich drehte sie den Kopf und schaute ihm mitten ins Gesicht. „Sie sollten mehr auf den Weg achten, Williams!“ Ihre Stimme war fest und kühl wie vorher.

Er presste die Lippen zusammen und trieb sein Pferd noch schneller an. Sie holte auf.

„Wenn wir einen Bogen schlagen wollen, müssen wir uns mehr nach Osten halten!“, erklärte sie.

Ohne seine Einwilligung abzuwarten, lenkte sie ihren Rehbraunen in diese Richtung. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr wiederum zu folgen. Der Ärger in ihm regte sich stärker.

Nach einer halben Stunde durchfurteten sie den Colorado. Drüben dehnte sich endloses Grasland, flach wie eine riesige Tafel, nur gelegentlich durch eine Baum oder Buschgruppe aufgelockert.

Greg hielt sich jetzt hinter dem Mädchen. Gelegentlich schaute er zurück, und einmal glaubte er, weit hinter sich eine dünne Staubwolke zu entdecken. Er war sich seiner Sache jedoch nicht sicher und verlor kein Wort darüber. Mary Lockwood hatte jetzt das Tempo verlangsamt. Sie bog nun von Osten wieder nach Norden ab. Die Sonne stand bereits dicht über dem westlichen Horizont – ein glutroter Ball, der einen purpurnen Schimmer über das einsame Prärieland schickte.

Austin war viele Meilen im Süden zurückgeblieben, und was sich dort noch vor wenigen Stunden abgespielt hatte, wirkte jetzt fern und unwirklich.

Als sie einen schmalen Wasserlauf erreichten, zügelte Mary ihr Pferd. Gierig senkten die Tiere ihre Köpfe zum kühlen klaren Nass hinab. Marys Haltung entspannte sich. Die Hände auf dem Sattelhorn verschränkt, drehte sie sich Greg zu.

„Was hat Ihnen Mike bereits alles erzählt?“, fragte sie direkt.

Er hob die Schultern.

„Nicht viel! dass Sie mit dreitausend Rindern auf dem Chisholm-Trail nach Dodge City unterwegs sind.“

„Was noch?“

„Dass Ihr Vater …“

„Ja, er ist ermordet worden! Wir haben ihn gestern in Austin begraben.“ Die Ausdruckslosigkeit ihres hübschen Gesichts wirkte beklemmend auf Greg. Sie blickte starr auf den spiegelnden Wasserlauf, während sie weiterredete: „Irgendwer will verhindern, dass wir die Herde nach Dodge City bringen. Schon unten auf unserer Ranch bei San Antonio hatten wir Schwierigkeiten. Ich will ganz offen zu Ihnen reden, Williams. Die Aufgabe, die vor uns liegt, ist alles andere als leicht.“

„Miss Lockwood …“

„Sie können mich ruhig Mary nennen, die anderen tun das auch.“ Er erwartete, dass sie bei diesen Worten lächeln würde. Doch das war ein Irrtum.

„Ich biete Ihnen fünfzig Dollar im Monat, Williams, das ist ein guter Lohn, nicht wahr?“

„Sie meinen, ich soll für Sie arbeiten?“

„Mike und ich haben in Austin gesehen, dass Sie ein mutiger und revolvergewandter Mann sind. Einen solchen Mann brauche ich für meine Crew.“

„Aber ich …“

„Wenn Ihnen der Lohn nicht hoch genug ist, können wir noch darüber reden.“

„Das ist es nicht! Aber wie können Sie nur annehmen, ich würde mich als Herdentreiber verdingen?“

Sie musterte ihn prüfend.

„Ich müsste mich doch sehr täuschen, wenn Sie nicht schon früher als Cowboy gearbeitet hätten.“

„Das stimmt! Trotzdem …“

„Also!“, unterbrach sie ihn entschieden. „Sie können mit Revolver und Lasso umgehen! Sie sind der richtige Mann für meine Crew!“

„Hören Sie, Miss Lockwood …“

„Mary!“, sagte sie und lächelte zum ersten Mal. „Sie sollen mich ruhig Mary nennen!“

Er schluckte, merkte, dass er rot wurde, und stieß heftig hervor: „Meinetwegen! Also, hören Sie zu, Miss Mary, ich habe bisher überhaupt nicht daran gedacht, in einer Herdentreibermannschaft zu arbeiten! Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie und Mike mich in der Stadt aus dieser Klemme holten – aber wenn Sie das nur taten, um einen neuen Reiter für Ihre Crew zu bekommen, dann muss ich Sie enttäuschen.“

„Ich bin anderer Meinung!“ Mary behielt ihre Ruhe. „Sehen Sie, Williams, ich gebe ehrlich zu, dass diese Sache ein Geschäft für mich ist …“

„Bei dem Sie mit meiner Dankbarkeit rechnen, wie?“

„Nein, Williams, nein, damit schätzen Sie mich verkehrt ein. Die Rechnung ist doch ganz einfach. Ich appelliere nicht an Ihre Dankbarkeit, sondern an Ihre Vernunft! Die Möglichkeit, für mich zu arbeiten, ist Ihre einzige Chance, Ihren Gegnern zu entkommen!“

„Kinross wird nicht aufgeben.“

„Hasst er Sie so sehr?“

Greg überlegte kurz, ob er dem Mädchen die Wahrheit sagen sollte. Er entschied sich dagegen. Er hatte schon zu oft die bittere Erfahrung gemacht, dass man nicht an seine Unschuld glaubte, sobald er die alte Geschichte von jenem Revolverkampf im Big Bend erzählte!

„Yeah!“, antwortete er. „Kinross wird alles tun, um mich zu erwischen.“

„Wenn Sie für mich reiten, wird meine Crew für Sie einstehen. Ich glaube nicht, dass sich Kinross dann so leicht an Sie heranwagt. Außerdem – der Trail nach Dodge City ist sehr lang. Ich zweifle daran, ob Kinross all diese Meilen zurücklegen wird, nur um Sie vor seinen Revolver zu bekommen.“

„Vielleicht!“, murmelte Greg.

„Das Wort vielleicht bedeutet immerhin eine Chance, nicht wahr?“, sagte Mary Lockwood. „Also?“

„Ehrlich gestanden“, gab Greg zu, „überrascht mich die Art, wie Sie Geschäfte abwickeln.“

Sie schaute ihm in die Augen. „Diese Art gefällt Ihnen nicht, wie?“ Zum ersten Mal fehlte ihrer Stimme die Kälte. Er glaubte einen bitteren Unterton aus ihren Worten zu hören. „Aber es bleibt mir nun mal keine andere Wahl. Diese Herde ist das ganze Besitztum der Lockwood-Ranch. Wenn wir sie verlieren, ist auch die Ranch verloren, verstehen Sie? Und das will ich meinem Vater nicht antun. Er hat sein ganzes Leben dem Aufbau dieser Ranch gewidmet. Und als er starb …“

Sie brach ab. Ihre Schultern strafften sich, ihre Stimme wurde sachlich.

„Entschuldigen Sie, wenn ich vom Thema abkam. Ich wollte nur erklären, wie viel mir daran liegt, die Herde ans Ziel zu bringen. Ich kann mir keine Halbheiten leisten, Williams, das ist es. Und deshalb“ – sie zögerte – „deshalb muss ich Sie daran erinnern, dass Sie auf einem Gaul sitzen, der das Brandzeichen der Lockwood-Ranch trägt.“

„Ich verstehe. Wenn ich auf Ihr Angebot nicht eingehe, würden Sie das Tier zurückverlangen, wie? Und zu Fuß hätte ich keine Chance, meinen Verfolgern zu entkommen. Sie sind wirklich eine ausgezeichnete Rechnerin!“ Sein Tonfall war beißend.

„Was Sie denken, muss mir gleichgültig sein. Wichtig ist für mich allein, dass Sie mitkommen. Obwohl“, fügte sie leise hinzu, „ich wünschte, dass Sie mich verstehen.“

„Was Sie einem allerdings gewiss nicht leichtmachen!“, erwiderte Greg trocken.

Sie hatte seine Worte nicht gehört und sich in den Steigbügeln aufgerichtet. Mit ausgestreckter Hand wies sie über den Wasserlauf in die Ebene hinein. In der Ferne zeichnete sich eine hohe Staubwolke ab, vom roten Licht der sinkenden Sonne durchtränkt.

„Die Herde! Wenn wir sie vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wollen, müssen wir losreiten. Haben Sie sich entschieden, Williams?“

„Entschieden?“, wiederholte er grimmig. „Ich denke, Sie haben mir die Entscheidung längst abgenommen. Reiten wir!“

Nebeneinander trieben sie ihre Pferde durch den Wasserlauf der Herde entgegen.

 

*

 

Der letzte rote Schimmer, der sich über dem westlichen Horizont hielt, verblasste. Die Dämmerung schlich grau von Osten heran. Am Firmament erschienen die ersten Sterne.

Die Longhorn-Herde war zum Stehen gekommen. Rücken an Rücken hatten die Rinder müde zu grasen begonnen. Hörner klapperten gegeneinander. Gelegentlich war ein dumpfes schläfriges Muhen zu hören.

Greg und das Mädchen erreichten das Herdencamp, als die Cowboys bereits mit ihrer Abendmahlzeit fertig waren. Zwei Männer saßen am niedrig brennenden Feuer, ein langer knochendürrer Schwarzer räumte eben das Geschirr von einer umgestürzten Kiste, drüben beim planüberdachten Küchenwagen stand der alte Tipstone und sattelte eben ein frisches Pferd, das er sich aus der Remuda geholt hatte.

Er winkte erleichtert, als die beiden Reitergestalten in den Lichtkreis des Feuers kamen.

„Alles glattgegangen?“

„Man kann es so nennen!“, brummte Greg und warf Mary einen skeptischen Seitenblick zu.

„Ich wusste es ja!“, grinste Mike Tipstone. „Damals in Missouri habe ich auch die rauesten Sachen mit heiler Haut überstanden. Ich wette, Greg, dass Sie Kinross los sind!“

Greg zuckte stumm die Achseln. Mary schwang sich elastisch aus dem Sattel. Er folgte ihrem Beispiel. Die beiden Männer am Feuer erhoben sich und drehten sich ihm zu. Ihre forschenden Blicke tasteten ihn ab.

„Das ist Greg Williams“, erklärte Mary kurz, „er wird ab heute in unserer Mannschaft reiten. Williams, das sind Clay Dillon und Rick Carney.“

Die beiden Weidereiter nickten Greg wortlos zu. Dillon war ein kräftiger untersetzter Mann mit einem eckigen Gesicht und angegrauten Schläfen. Er besaß harte graue Augen und wirkte, als ob er niemals lächelte. Carney war ein junger Cowboy, schlank, drahtig und mit flachsblondem Haar.

Mit einer Kopfbewegung wies Mary auf den langen, dürren Schwarzen, der mit einem Arm voll Blechbecher und Teller dastand und Greg mit aufgerissenen Augen anstarrte. „Und das ist Noel, unser Koch. Der beste Koch im San-Antonio-County.“ Zum zweiten Mal, seit Greg Mary kannte, sah er sie lächeln – ein flüchtiges Lächeln, das ihre Miene warm und fraulich machte.

Der Schwarze rollte mit den Augen. „Danke, Miss Mary, danke!“ Seine Stimme schien aus einem tiefen Brunnenschacht zu kommen.

Er machte eifrig ein paar Schritte näher. „Wollen Sie gleich essen, Miss? Gute Pfannkuchen mit Ahornsirup! Sie schmecken Ihnen bestimmt.“ Er schnalzte mit der Zunge.

„In Ordnung, Noel. Zwei Portionen, für Mr. Williams und mich.“

„Sofort, Miss Mary! Sofort!“

Der Koch entfernte sich hastig, verschwand hinter dem Wagen, und Greg hörte Teller und Becher klappern. Der junge Carney hatte inzwischen die Zügel ihrer Gäule gefasst und führte die Tiere zum Seilkorral, wo die übrigen Pferde weideten. Die Dämmerung ging allmählich in Nacht über.

„Wo ist Lee?“, fragte Mary.

„Bei der Herde. Ich werde ihn ab lösen. Rick soll nachkommen.“ Tipstone hatte sein Pferd gesattelt und saß auf. Mit einem Schenkeldruck trieb er das Tier in die Dunkelheit hinein, aus der die verschwommenen Geräusche der ruhenden Herde drangen.

„Lee Torrence ist mein Vormann“, sagte das Mädchen erklärend zu Greg. „Sie werden ihn gleich kennenlernen.“

„Torrence? Sagten Sie – Torrence?“ Mary schaute Greg erstaunt an.

„Ja! Kennen Sie ihn?“

Eine Fülle von Erinnerungen bedrängte Greg. Und aus all diesen Bildern, die hastig an seinen Augen vorbeizogen, löste sich immer wieder deutlich ein Gesicht – ein kantiges Männergesicht mit stahlblauen Augen und scharfgekerbten Mundwinkeln. Er wurde sich des fragenden Blicks bewusst, den das Mädchen auf ihn gerichtet hatte. Er wollte antworten, da sagte eine harte Stimme hinter dem Küchenwagen hervor:

„Yeah, wir kennen einander. Es ist schon lange her, aber wir haben es beide nicht vergessen. Nicht wahr, Williams?“

 

*

 

Hufe pochten dumpf auf dem Grasboden. Ein Reiter lenkte sein Pferd hinter dem Planwagen hervor in den Lichtkreis des Lagerfeuers.

Greg schaute in das Gesicht, das er eben in seiner Erinnerung vor sich gesehen hatte. Torrence schien sich während der langen Jahre nicht verändert zu haben. Er saß wie damals locker und mit leicht vorgezogenen Schultern im Sattel, ein großer hagerer Mann mit kantigem Gesicht. Seine stahlblauen Augen waren durchdringend auf Greg gerichtet. Der flackernde Feuerschein geisterte unruhig über seine Miene.

„Das ist eine Überraschung, Williams, was?“

„Allerdings!“

Gregs Haltung war plötzlich gespannt. Mit Bedauern dachte er daran, dass sein Holster noch immer leer war. Torrence schien das ebenfalls zu bemerken. Ein dünnes Lächeln kräuselte seine Lippen. Er stieg vom Pferd und kam sporenklirrend näher ans Feuer heran.

„Dieser Mann ist wirklich Ihr Vormann, Miss Mary?“, fragte Greg heiser.

Ehe die Rancherstochter antworten konnte, sagte Torrence mit seiner harten Stimme: „Gewiss! Hast du etwas dagegen?“

„Torrence“, erwiderte Greg gedehnt, „du scheinst noch nicht zu wissen, dass mich Miss Mary als Treibercowboy angeworben hat.“

Lee Torrence blieb ruckartig stehen. Seine Miene verfinsterte sich.

„Ist das wahr, Miss Mary?“

„Yeah, Lee! Ich verstehe nicht …“

„Seit wann arbeitet Torrence für Sie?“, fragte Greg schnell.

Die Festigkeit war aus ihrem Gesicht verschwunden. Ihre Augen wirkten zum ersten Mal ratlos.

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934847
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v509593
Schlagworte
letzter trail dodge city

Autor

Zurück

Titel: Letzter Trail nach Dodge City