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Lebenslänglich für Lloyd Adams

©2019 204 Seiten

Zusammenfassung

Zehn Jahre harter kriminalistischer Arbeit liegen hinter Douglas Metty, als er mit seiner charmanten Frau Jeanne aus Südafrika nach London zurückkehrt.
Er will seinen Urlaub genießen und ihn dadurch einleiten, dass er seinen jungen Freund und Kriegskameraden Lloyd Adams auf Proctor’s Lodge besucht.
Er erlebt leider eine unliebsame Überraschung: Auf Proctor’s Lodge steht er plötzlich einer fremden Frau gegenüber, die sich als Mrs. Patterson vorstellt. Leonard Patterson – der „Alte Herr“, ist schon lange tot, und sein Stiefsohn Lloyd Adams sitzt im Zuchthaus. Lebenslänglich. Mord!

Leseprobe

Table of Contents

Lebenslänglich für Lloyd Adams

Copyright

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

Lebenslänglich für Lloyd Adams

Krimi von Theodor Horschelt

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 204 Taschenbuchseiten.

 

Zehn Jahre harter kriminalistischer Arbeit liegen hinter Douglas Metty, als er mit seiner charmanten Frau Jeanne aus Südafrika nach London zurückkehrt.

Er will seinen Urlaub genießen und ihn dadurch einleiten, dass er seinen jungen Freund und Kriegskameraden Lloyd Adams auf Proctor’s Lodge besucht.

Er erlebt leider eine unliebsame Überraschung: Auf Proctor’s Lodge steht er plötzlich einer fremden Frau gegenüber, die sich als Mrs. Patterson vorstellt. Leonard Patterson – der „Alte Herr“, ist schon lange tot, und sein Stiefsohn Lloyd Adams sitzt im Zuchthaus. Lebenslänglich. Mord!

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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I

Hinter Wembley schien plötzlich die Sonne. Der Wind hatte die Wolken zerfetzt, und durch die Löcher in der grauen Decke drangen ihre Strahlen so hell auf die Straße, dass es den Augen weh tat. Der Edsel fuhr durch ein Viertel, das „The Rainbows“ hieß und früher eine feudale Wohnkolonie gewesen war, aber der Krieg und die darauf folgende Zeit hatten die Dinge geändert. Der gepflegte Rasen – einst der Stolz seiner manchmal etwas spleenigen Besitzer – gehörte der Vergangenheit an; jetzt war er von hässlichem Unkraut überwuchert, wurde er sogar als Ablageplatz für gebrauchte Konservendosen, zerbrochenes Glas und Holzabfälle missbraucht.

England ist nicht mehr das, was es einst war!, dachte Metty traurig. Er war zehn Jahre abwesend gewesen und hatte sich so sehr auf das Wiedersehen mit seiner Heimat gefreut. In Wirklichkeit war diese Freude öfter als einmal Betretenheit, ja nicht selten sogar offener Kritik gewichen.

„Ich habe dich etwas gefragt, Doug!“, brachte sich die zierliche schwarzhaarige Frau an seiner Seite in Erinnerung. Sie sprach korrekt und kultiviert englisch, aber der leise Akzent, der hin und wieder im Ton mitschwang, verriet die gebürtige Französin. Der Engländer Douglas Metty hatte in Südafrika die Französin Jeanne Louisson kennengelernt und geheiratet. Jeanne – zierlich, schwarzhaarig, temperamentvoll, dazu mit dem ganzen gallischen Esprit ihrer Herkunft begabt, und bildhübsch – war dreißig. Ihr fast zwei Meter großer, massiger Ehemann überragte sie um über drei Kopflängen, war aber nicht weniger elegant als seine kapriziöse Frau, und etwa zehn Jahre älter. Er wandte flüchtig den Blick und lächelte Jeanne an; diese gab sein Lächeln strahlend zurück.

„Diese verdammte Linksfahrerei!“, schimpfte er zusammenhanglos. „Komischer Gedanke: Dort, wo es völlig unangebracht ist, halten sie am alten Zopf fest – und das wirklich gute Alte werfen sie über Bord!“

Jeanne – sie hatte dergleichen seit ihrer Ankunft in England immer und immer wieder gehört – nickte ergeben. „Sagen wir eben mit dem Dichter: Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit … and so on. Eigentlich hatte ich dich nach Lloyd gefragt.“

„Ja, ich weiß“, Metty lächelte seine Frau um Entschuldigung bittend an, „ich bin ein alter Griesgram und mit meinen Gedanken immer ganz woanders. Tja“, fuhr er seufzend fort, „Lloyd Adams und ich – ein Unterschied wie Tag und Nacht, kann ich dir sagen! Acht Jahre jünger, sehr reich, gute alte Familie. Der Name Patterson – Waffenfabrik Patterson – wird dir ein Begriff sein. Lloyd kam Ende vierundvierzig zu meiner Kompanie, eben sechzehn geworden.“

„Wieso eigentlich Lloyd Adams?“, fragte Jeanne erstaunt.

„Ach so! Leonard Patterson heiratete 1935 die verwitwete Mary Adams. Seine Frau brachte ihren siebenjährigen Sohn Lloyd in die zweite Ehe mit. Hat aber nichts zu besagen; der alte Patterson war immer wie ein leiblicher Vater zu Lloyd. Da er keine eigenen Kinder hat, wird Lloyd einmal alles erben – wenn er nicht schon geerbt hat. Goddam, ich war eben immer ein schreibfauler Elefant. Wann hab’ ich doch die letzte Nachricht von Lloyd bekommen – und nicht beantwortet …“

Metty legte seine Stirn in nachdenkliche Falten. „War Ende zweiundfünfzig, schätze ich. Hätte die Verbindung nicht einschlafen lassen sollen, well, aber wie gesagt, vom Schreiben hab’ ich nie viel gehalten, und als ich dann die entzückendste, eigenwilligste, geliebteste und zugleich frechste junge Dame kennenlernte, die …“

„Doug!!!“

„Frechste junge Dame kennenlernte, sagte ich, die mir je begegnet war, gab es einen trockenen Knall, und die Vergangenheit sank in Schutt und Asche.“

Jeanne lachte silbern. „Nicht sehr romantisch ausgedrückt, aber dafür durchaus den Tatsachen entsprechend. Well, lassen wir uns also überraschen; ich bin auf deinen Wunderknaben Lloyd wirklich gespannt!“

 

*

 

Halbwegs zwischen Harrow und Rickmannsworth verlangsamte Metty das Tempo, weil ein nach rechts weisendes Straßenschild aufgetaucht war: „Nach Strongford 3 Meilen – Strongford Station 3,5 Meilen.“

„Hat ihn schon, Darling; wir werden in spätestens zehn Minuten Proctor’s Lodge sehen, den architektonischem Alptraum, den der Vater meines Freundes, der aus einfachsten Verhältnissen stammt, stets für das Feinste vom Feinen gehalten hat. Erschrick nicht, Süßes! Innen ist das Herrenhaus wesentlich gemütlicher, als man nach dem ersten äußerlichen Augenschein vermuten möchte.“

Jeanne dehnte blitzschnell ihre von der Fahrt steif gewordenen Glieder und kuschelte sich wie eine verspielte Katze in den weichen Sitz des amerikanischen Straßenkreuzers, „By Jove, Doug, ich mache mich vorsichtshalber auf das Schlimmste gefasst!“

Metty war sehr befriedigt, als die ersten Häuser von Strongford hinter den Windungen der von Pappeln und Birken gesäumten Landstraße in Sicht kamen: Erst zehn Uhr 30. Auf der letzten Anhöhe vor dem in einer kleinen Senke gelegenen Ort bremste er und schaltete den Motor ab, weil ein Schäfer seine Herde über die Fahrbahn trieb. Zwei zottelige Hunde umkreisten die ihrer Obhut Anvertrauten und trieben sie in die neue Richtung. Schlimmstenfalls half ein spielerischer Biss ins Bein unter dem Motto: Allerletzte Warnung, meine Liebe! Wenn du jetzt nicht parierst …

Am Ende der Herde sprangen zu Jeannes Entzücken wenigstens zehn blutjunge Lämmer tolpatschig kreuz und quer, liebevoll flankierend abgeschirmt von einigen Muttertieren, die mit ihrem würdevollen Gehabe und den nickenden Köpfen täuschende Ähnlichkeit mit besorgten alten Familientanten hatten.

„Voilà, Cherie“, sagte Metty und machte eine große Geste, „Strongford-Dorf.“

Jeanne sah einen Haufen unregelmäßig angelegter, zumeist einstöckiger Fachwerkhäuser mit tief herabgezogenen Dächern, sauber und hell verputzt, sowie eine Kirche, einen überdachten Ziehbrunnen und uralte Buchen und Eschen ringsum.

„Und darüber, alles beherrschend, eines der geschmackvollsten Bauwerke aller Länder und Epochen: Proctor’s Lodge.“

Der Herrensitz des Waffenmagnaten war ein Cocktail aus schottischer Romantik und spätviktorianischer Backsteingotik mit einem kräftigen Schuss italienischem Barock und ringsum von linear angelegten Gartenparzellen umgeben, die sich vom Fuß des Schlossberges aus terrassenförmig nach oben zogen.

„Sapristi – c’est impossible!“, rief Jeanne lachend. „Falls es hier im Dorf eine Apotheke gibt, sollten wir uns für alle Fälle Magentropfen kaufen!“

Metty startete lächelnd und ließ den Wagen in die Senke hinunterrollen. Er fuhr an grün gestrichenen Lattenzäunen der Vorgärten vorbei bis zum Dorfplatz mit dem Ziehbrunnen, wo er links abbog und nach einigen Minuten einen schmalen, von dornigen Hecken flankierten Weg erreichte, der sich in gefährlichen Serpentinen steil bergan zog. Im ersten Gang brummte der Edsel hinauf; einige Kehren waren so eng, dass Metty alle Mühe hatte, mit Heck und Kühlerfront nicht zu touchieren.

Wenig später stoppte der große Wagen vor der roten Backsteinfassade des Hauptgebäudes.

„Endstation – alles aussteigen – vite-vite!“, rief Jeanne persiflierend. „Ecoutez, Mesdames et Messieurs; hier wir haben eine von die cinq aller-aller-scheußlichsten Bȃtiments von große Britannien.“

„Benimm dich, Ehefrau“, rief Metty entsetzt, „denn du kommst jetzt zu kultivierten, gebildeten Leuten!“

Lachend schritten die beiden über eine Marmortreppe zum geschnitzten Portal, das sich öffnete, ehe sie die letzte Stufe erreicht hatten. Ein korrekt gekleideter Herrschaftsdiener, dessen schiefe Nase einem missgebildeten Geierschnabel glich, verbeugte sich und sagte näselnd: „…die Ehre, einen schönen guten. Tag zu wünschen! Womit kann ich den Herrschaften dienen?“

„Guten Tag!“, gab Metty zurück. „Mister und Mistress Metty. Wir wollen Mr. Adams unsere Aufwartung machen.“

Der Diener zuckte entsetzt zusammen und hob die blonden Brauen. „Mr. Adams, Mr. Lloyd Adams?“, vergewisserte er sich fassungslos.

„Wem denn sonst? Lloyd war zweiter Zugführer in meiner Kompanie; unsere Verbindung ist deshalb eingeschlafen, weil ich die letzten zehn Jahre im Ausland war.“

„Tja … wenn es … so … ist“, stammelte der Mann, „dann werde … ich Sie … wohl Mrs. Patterson melden müssen. Bitte mir zu folgen!“

Er gab den Eingang frei. Die Eheleute betraten eine große Halle, in der es so kühl war, dass Jeanne fröstelte.

In ihrem taubengrauen tailormade, schwarzen Pumps und Handschuhen sah sie einfach großartig aus, fand ihr Mann. Der Dress wurde durch einen Hut abgerundet, der eine Menge Geld gekostet hatte und – nach dem Urteil dessen, aus dessen Brieftasche das Schmuckstück finanziert worden war – wie die Kreuzung eines notgelandeten Düsenjägers mit einer chinesischen Pagode aussah.

Die Halle war mit Eichenholz getäfelt und mit geschnitzten Phantasiewappen geschmückt. An den Wänden hingen altersdunkle Familienporträts. Leonard Patterson hatte sie, wie sich Metty jetzt lächelnd entsann, vor Jahren aus der Konkursmasse einer feudalen Familie erworben. Von der Decke hing ein riesiger, in seinen Facetten geheimnisvoll funkelnder Kristalllüster herab.

„Douglas, Liebling, hier stimmt etwas nicht!“, tuschelte Jeanne ihrem Mann ins Ohr, nachdem der Diener sie alleingelassen hatte. „Ich glaube, wir treten mit unserem unangemeldeten Besuch gehörig ins Fettnäpfchen!“

Metty nickte schweigend; er hatte ein ähnlich beklemmendes Gefühl. Nachdem die Besucher etwa drei oder vier Minuten gewartet hatten, kam eine mittelgroße schlanke Frau über die Freitreppe herunter, die zu den oberen Etagen führte.

Metty erhob sich und ging ihr ein paar Schritte entgegen. Heavens, dachte er, sie ist wenigstens achtunddreißig bis vierzig. Sollte Lloyd eine soviel ältere Frau geheiratet haben? Als sie dann dicht vor ihm stand, erkannte er seinen Irrtum: Sie trug ein mittelblaues, hochgeschlossenes Kleid, das eine Figur von vollendetem Ebenmaß hauteng umschloss, und hatte ein schmales, pikantes Gesicht mit Grübchen, betonten Backenknochen und einem großen, schmallippigen Mund. Feine, kaum sichtbare Narben bewiesen, dass die Haut mit Erfolg „geliftet“ worden war. Dieses herbe, pikante Frauenantlitz atmete reservierte Härte aus und gehörte einer mit allen Mitteln raffinierter Kosmetik wohl konservierten Fünfzigerin,

Eine kleine Weile musterten die beiden einander schweigend. Dem einen schien das Kennenlernen des anderen Unbehagen zu verursachen.

Sie fragte: „Mr. Metty?“ Ihre Stimme klang gedämpft, aber hart.

„Ja!“

„Sie wollen meinen Stiefsohn sprechen, Lloyd Adams? Ich bin Nora Patterson.“

„Oh“, murmelte Metty verdutzt, „ich war nicht darauf gefasst, dass Leonard noch einmal geheiratet hat.“ Er nickte in Jeannes Richtung. „Das hier ist meine Frau, Mrs. Patterson!“

Ihre Augen musterten ihn gespannt. „Aber nehmen wir doch Platz, Mr. Metty !“

Metty gehorchte. Mrs. Patterson setzte sich ebenfalls an den runden Tisch, aber so, dass ihr Gesicht im Schatten blieb, und ihr Mienenspiel nicht beobachtet werden konnte.

„Wir haben am 15. August 1952 geheiratet, Leonard und ich“, glaubte sie erklären zu müssen. „Leider ist er nicht mehr am Leben.“

„Oh – das tut mir ehrlich leid“, stotterte Metty.

„Er ist am 4. 1954 gestorben“, fuhr Mrs. Patterson rigoros fort. „Sein Herz war nicht gesund, wie Sie vielleicht wissen?“

„Hm“, murmelte Metty betreten, aber Mrs. Patterson ließ ihn gar nicht zu Wort kommen, sondern begann ihn nach Strich und Faden zu examinieren.

„Sie waren mit Lloyd gut bekannt?“

„Ich w a r? Sie sagen das mit so merkwürdiger Betonung – er ist doch nicht etwa auch …“

„O nein, das nicht!“

„Ich war im zweiten Weltkrieg Lloyds letzter Kompaniechef“, erklärte Metty. „Obwohl Lloyd acht Jahre jünger ist, entwickelte sich später – nach dem Krieg – eine enge Freundschaft. Sie wurde erst dadurch unterbrochen, dass ich Mitte 1950 nach Südafrika ging. Jetzt, nach zehn Jahren, habe ich meine Tätigkeit dort beenden können und bin in die Heimat zurückgekehrt.“

Warum eigentlich sage ich dieser unsympathischen Frau das alles?, fragte er sich insgeheim. Er räusperte sich und fuhr gewollt energisch fort: „Ist Lloyd etwa nicht zu Hause?“

„Nein, er ist allerdings nicht zu Hause! Ich habe wirklich den Eindruck, dass Sie von dem furchtbaren Unglück nichts wissen“

„Unglück? Von was für einem Unglück denn?“

Mrs. Patterson zuckte die Achseln. Ihre stechenden Augen fixierten Metty scharf. Er hatte nie zuvor kältere Augen gesehen. „Wollen der peinlichen Szene ein Ende machen. Lloyd hat Anfang April 1953 seine Freundin – eine Barsängerin – aus Eifersucht erstochen; er wurde zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt und sitzt im Kenmor. Mehr als sechs Jahre seiner Strafe hat er schon hinter sich.“

„Um Himmels willen!“, fuhr Metty auf. „Das kann nicht wahr sein!“

„Auch ich habe es zuerst nicht glauben wollen, mich aber später überzeugen lassen müssen!“, murmelte sie bitter. „Die Bedauernswerte wurde mit Lloyds Stilett erstochen, einer deutschen Beutewaffe.“

„Ja, ich kenne die Waffe“, versetzte Metty kühl, „ich war dabei, als Lloyd sie erbeutete und besitze eine ähnliche. Gab es denn gar keinen Zweifel?“

Mrs. Patterson zuckte die Achseln. „Die Geschworenem sagten Nein.“

„Der arme, arme Leonard!“, murmelte Metty ergriffen. „Das muss ihn damals furchtbar gepackt haben!“

„Und ob!“ Mrs. Patterson verkniff die Lippen zu einem rasiermesserdünnen Strich. „Man kann mit Fug und Recht sagen, dass mein sauberer Herr Stiefsohn nicht nur Jesslyn McCarrey, sondern auch seinen eigenen Vater ermordet hat. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“

„Nein! Ich muss erst meine Gedanken in Ordnung bringen. Auf alles war ich gefasst – nur nicht auf das! Wer hat denn Lloyds Position in der Fabrik übernommen?“

Mrs. Patterson hob verwundert die Augenbrauen. „Spielt das wirklich eine so große Rolle?“ Sie lächelte sekundenlang; höhnisch, wie Metty schien. „Aber wenn es Sie beruhigt – mein Sohn David.“

Selbstverständlich hätte Metty noch tausend Fragen gehabt, aber die Haltung der zweiten Mrs. Patterson war derart abweisend, dass er lieber darauf verzichtete, sie zu stellen. Er erhob sich. „Ich bitte wegen der Störung sehr um Entschuldigung, Mrs. Patterson. Unter diesen Umständen hätte ich mir den Weg nach Strongford sparen können. Auf Wiedersehen!“

„Guten Tag, Mr. Metty!“, sagte sie mit Nachdruck. Jeanne bedachte sie lediglich mit einem knappen Kopfnicken. Für jüngere Frauen schien sie nichts übrig zu haben.

Metty half seiner Frau beim Einsteigen und setzte sich dann selbst hinters Lenkrad, machte aber keine Miene, den Motor anzulassen.

Jeannes linke Hand stahl sich auf seinen Arm. „Das muss ein schwerer Schlag für dich sein. Du tust mir sehr leid!“ Etwas sprunghaft wechselte sie das Thema: „Reizende Frau, diese zweite Mrs. Patterson – findest du nicht auch?“

Jetzt erst fand Metty seine Sprache wieder. „In der Tat“, murmelte er sarkastisch, „ungewöhnlich reizend! Ich liebäugle geradezu mit dem Gedanken, mich von dir scheiden zu lassen, um sie heiraten zu können.“

„Das würde ich dir sehr raten“, sagte Jeanne ernst.

„Du, ich kann mir nicht helfen, diese Frau ist grausam und böse – über das Verbrechen, das ihr Stiefsohn begangen hat, scheint sie eine gewisse Befriedigung zu empfinden, wenn nicht gar Freude.“

„Sicher“, stimmte Metty bitter zu, „denn auf diese Weise hat schließlich ihr Sohn den Posten eines Generaldirektors der Waffenfabrik Patterson erhalten.“

In diesem Moment ertönte hinter dem Edsel Motorengebrumm, von der Hinterseite des Schlosses her kam ein grauer Humber Super gefahren, wie Metty im Rückspiegel erkannte und raste förmlich, eine Staubwolke hinter sich herziehend, an dem Edsel vorbei zum Parktor, wo er verschwand.

Angesichts der hohen Geschwindigkeit des Wagens hatte Metty vom Fahrer nicht viel gesehen, er hatte lediglich den Eindruck gewonnen, dieser trage ein Monokel im rechten Auge.

„Du wirst anfahren müssen, Lieber“, drängte Jeanne sanft. „Nicht, dass sie uns noch durch Bluthunde vom Hof hetzt.“

„Ja, du hast recht.“ Metty erwachte aus seiner Versunkenheit und startete den Motor.

„Du wirst wahrscheinlich als erstes zu Leonard Pattersons Grab fahren?“

Metty lächelte seine Frau dankbar an. „Wie gut du mich doch kennst.“

Jeanne lächelte fein. „Könntest du dir’s anders vorstellen?“

Sie fanden den Friedhof von Strongford auf dem Hügel gegenüber dem Schlossberg. Auf einem elenden Karrenweg fuhr Metty bis zum Gittertor und stellte seinen Wagen ab.

Die beiden betraten durch das Tor den Friedhof, der sich terrassenförmig der höchsten Erhebung des Hügels entgegenzog, wo sich eine einzige protzige Gruft, dreiteilig, aus schwarzem Marmor erhob. Im Gehen deutete Jeanne auf das schwarze Grabmal. „Dort, das wird es sein! Kein Dörfler könnte wohl die Summe zahlen, die allein der Stein gekostet haben mag.“

Metty nickte stumm. In tiefe Gedanken versunken ging er neben seiner Frau her, bis er vor Leonard Pattersons Grab stand.

Die Gruft war durch eine in mattem Schwarz schimmernde Gusseisenplatte abgedeckt und hufeisenförmig von einem kniehohen geschmiedeten Gitter eingefriedet, das in den Steinsockel einzementiert war. An der Außenseite waren winzige, sauber gestützte Buchsbäumchen angepflanzt. Den Abschluss nach hinten bildete der dreiteilige Stein aus schwarzem Marmor. Nur das linke Teilstück zeigte eine Inschrift in gotischen Goldbuchstaben:

Leonard Patterson 5. 6. 1886 bis 4. 1954 Psalm 9, 11

Eine helle Stimme sagte hinter Mettys Rücken: „Lass vor dich kommen das Seufzen der Gefangenen; nach deinem großen Arm erhalte die Kinder des Todes.“

Metty wandte sich verwundert nach der alten Frau um, deren Kommen er nicht bemerkt hatte. Sie war bestimmt weit über sechzig, klein, rundlich wie eine Kugel, und hatte ein gütiges, von unzähligen Falten gefurchtes Gesicht. Graues Haar kräuselte sich unter einem schlichten dunklen Kopftuch hervor.

Sie hatte wohl Mettys erstaunte Miene richtig gedeutet, denn sie sagte erklärend: „So lautet der elfte Vers des neunundsiebzigsten Psalms, Sir; Leonard Pattersons Leichentext. Der alte Herr hat ihn sich selbst herausgesucht, als das – Furchtbare mit seinem Sohn passiert war.“

Jeanne hielt sich taktvoll im Hintergrund.

Metty fragte die freundliche alte Frau interessiert: „Haben Sie die Pattersons gekannt?“

„Das will ich meinen, Sir!“ Ihre durchdringend heilen Augen bekamen einen goldenen Glanz, als die Sonne plötzlich aus den Wolken hervortrat. „Und ich habe ganz den Eindruck, dass ich Sie auch kenne, dass ich Sie vor vielen Jahren des öfteren auf Proctor’s Lodge gesehen habe.“

Die beiden erkannten einander gleichzeitig wieder.

„Nein, so etwas – Saddy Kooner, die Wirtschafterin Leonard Pattersons!“, rief Metty erstaunt.

Mrs. Kooner sagte strahlend: „Ja, und jetzt weiß ich auch, wer Sie sind! Sie sind der frühere Kompaniechef von Mr. Lloyd.“

„Douglas Metty mein Name.“ Metty deutete ungeniert auf Jeanne. „Das hier ist meine Frau! – Jeanne, komm bitte mal her! Der Zufall hat uns mit Saddy Kooner zusammengeführt; sie war den Pattersons stets treu ergeben.“

Die beiden Frauen reichten einander die Hand und betrachteten einander prüfend.

„Sind Sie noch auf dem Schloss beschäftigt, Mrs. Kooner?“, fuhr Metty in fragendem Ton fort.

Saddy Kooner wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. „In die Hölle mit der ganzen Bagage! – Ja, ich weiß, ich sollte auf dem Gottesacker nicht fluchen, aber jedes andere Wort wäre Lüge!“

„Auch auf mich hat die zweite Mrs. Patterson keinen sehr überzeugenden Eindruck gemacht“, sagte Metty vorsichtig. „Außerdem bin ich noch ganz verwirrt, denn das, was ich über Lloyd hören musste, kann einem schon einen Schock versetzen.“

Saddy ging auf die unausgesprochene Frage zunächst nicht ein. Sie kramte unter der Satin-Schürze ihres Sonntagsrockes ein riesiges Taschentuch hervor und schnäuzte sich kräftig. „Nicht gut, hier so viel zu reden“, murmelte sie geheimnisvoll, sich vorsichtig umsehend. „Kommen Sie doch mit zu mir! – Vielleicht würden Sie sogar mit einem Lunch bei mir vorlieb nehmen?“

Zu Metty s Erstaunen erwiderte seine Frau – die normalerweise ein wenig hochmütig, wenn nicht sogar arrogant war – schnell und freundlich: „Das wäre sehr nett, Mrs. Kooner! Mit der englischen Kost konnte ich mich bisher ganz und gar nicht anfreunden. Sie aber sehen ganz so aus, als wenn Sie etwas Schmackhaftes auf den Tisch zu bringen verstünden.“

„Ja, dann sollten wir uns aber beeilen“, meinte Saddy, strahlend ob des Lobes. „Sie sind im Wagen gekommen? Das ist gut! Kommen Sie, will im Ort noch einiges einkaufen.“

 

*

 

Saddy Kooners Haus lag am Ostrand des Dorfes, ein hell verputzter winziger Steinbau mit grün gestrichenen Fensterläden und einem rostbraunen Holzschuppen im Hintergrund. Jenseits des Hauses schlängelte sich die Straße nach Nordost sanft bergan und verschwand bei einer bewaldeten Kuppe, die sich als dunkle Kontur gegen den helleren Himmel ab hob.

Metty stoppte den Edsel im Hof. Drei Steinstufen führten zum Hintereingang, die Tür stand offen. Im Vorbeigehen konnte Metty durch eine ebenfalls offenstehende Tür einen kurzen Blick auf das winzige Wohnzimmer werfen, wo ein billiger Teppich:, eine Nussbaumgarnitur und eine moderne, aber im Bezugsstoff zu den anderen Möbeln des Zimmers passende Couch zu erkennen waren.

Saddy blieb stehen. „Entweder können wir im Wohnzimmer plaudern – oder etwas zu essen richten“, meinte sie lebhaft. „In letzterem Fall müsste ich die Herrschaften allerdings in die Küche bitten – aber ich weiß nicht recht …“

Jeanne legte ihr flüchtig die Hand auf die Schulter. „Aber, aber, Mrs. Kooner, selbstverständlich kommen wir mit in die Küche. Wir sind schließlich nicht aus Marzipan!“

Als Saddy die Küchentür öffnete, erhob sich am Tisch ein großer, kohlschwarzer Kater und blinzelte ihr gemütlich zu. Er machte einen Buckel, dehnte nacheinander seine vier Beine und beleckte dann eifrig mit der rosigen Zunge die rechte Vorderpfote. Als er die beiden Besucher erblickte, hielt er in dieser Beschäftigung inne und sah sie etwas misstrauisch an. Jeanne trat rasch ein paar Schritt näher, beugte sich zu dem Tier nieder und begann es am Hinterkopf zu kraulen. Erst fauchte der Kater ein wenig, aber dann schien es ihm sichtlich zu gefallen, denn er begann behaglich zu schnurren.

Saddy Kooners Küche hätte jedem Museum zur Zierde gereicht. Gemauerter Herd mit offenem Kamin, uraltes, blankgeputztes Kupfergeschirr an den Wänden, klobige, solide Holzmöbel, die für die Ewigkeit gefügt zu sein schienen. Alles glänzte und blinkte nur so vor lauter Sauberkeit.

„Vielleicht kann ich Ihnen ein wenig zur Hand gehen?“ fragte Jeanne schüchtern, wurde aber sehr bestimmt abgewiesen.

„Was nicht gar, Mrs. Metty! Die grünen Bohnen und die Kartoffeln kochen schon, und die Hammelsteaks werden wir gleich gebraten haben. Nehmen Sie nur Platz – und wenn Sie rauchen wollen, ich habe nichts dagegen!“ Ein strenger Blick traf den Kater. „Puck, heute musst du dich mal ausnahmsweise anständig benehmen“

„Miaau!“ erwiderte Puck gehorsam – und sprang gleich darauf Jeanne schnurrend auf den Schoss, die sich inzwischen am Küchentisch niedergelassen hatte.

Saddy begann am Spülstein, über den sie ein Brett gelegt hatte, eifrig zu hantieren und die Steaks vorzubereiten. Sie fragte Metty, ohne ihn dabei anzusehen: „Sagen Sie, Sir, haben Sie nicht irgend so einen kriminellen Beruf gehabt?“

Metty unterdrückte ein Schmunzeln. „Ja, das stimmt – sagen wir aber besser: kriminalistischer Beruf – ich habe jetzt fast zehn Jahre im Innenministerium der Südafrikanischen Union als Berater gearbeitet/

„Habe ich mich also doch richtig erinnert! Und warum sind Sie dort unten wieder weggegangen?“

„Einiges an der Innenpolitik des Landes passte mir nicht.“

Saddy Kooner nickte. „Kann es mir schon vorstellen – der Rassenhass war es, nicht wahr? Man bekommt ja bei uns nicht allzu viel darüber zu lesen, aber ich finde es eine himmelschreiende Sünde. Aufs Herz kommt es schließlich an beim Menschen, nicht auf die Hautfarbe!“

„Sehr richtig!“ erwiderte Metty schlicht. „Und da ich genauso denke, habe ich, den Staub des Landes wieder von meinen Füßen geschüttelt. Aber sprechen wir jetzt nicht von mir, sprechen wir von den Pattersons … Wie ist es denn gekommen, dass sich Mr. Leonard noch einmal zum Heiraten entschloss? 1952 war das wohl – da muss er doch schon ein ganz hübsch alter Knabe gewesen sein“

Wieder nickte Saddy. „Alter schützt vor Torheit nicht, sagt ein altbekanntes Sprichwort. Ja, über die O’Herlihys weiß man nicht viel – allerdings konnte ich den alten Herrn durchaus verstehen! Er soll Nora anlässlich einer Geschäftsreise in Leeds kennengelernt haben. Sie war damals zweiundvierzig Jahre alt, und man hätte sie bei Schummerbeleuchtung für dreißig halten können – der langen Rede kurzer Sinn: am. fünfzehnten August 1952 heirateten die beiden.“

„Und wie stellte sich die neue Lady zu Ihnen?“

Saddy lachte verächtlich. „Die – die ist eine ganz Gerissene, die versteht ihr Handwerk! Tut nach außen zuckersüß, und denkt in Wirklichkeit ganz anders! Sie kam mir mit Freundlichkeit entgegen, mit falscher Freundlichkeit, und entwand mir Position um Position. Nach Mr. Leonards Tod hätte sie mich gefeuert; aber dem kam ich zuvor. Ich hatte es schließlich nicht mehr nötig, um jeden Preis zu arbeiten. Mr. Leonard hat mir ein so hohes Legat ausgesetzt, dass ich es bei Lebzeiten gar nicht verbrauchen kann!“

„Das war auch nicht mehr als recht und billig“, meinte Metty. „Sie haben Ihr ganzes Leben den Pattersons treu gedient. Was sagte Lloyd Adams zu der Veränderung?“

„Äußerlich schien alles in Ordnung zu sein, aber …“, Saddy zuckte die Achseln, „mit dem jungen David O’Herlihy, Mrs. Noras Sohn aus erster Ehe, hat er sich vom Anfang an nicht vertragen. Ist auch ein unangenehmer, arroganter Bengel, dieser David. Aber Mr. Leonard sah in ihn wie in einen Spiegel hinein – genau wie in seine Mutter. Die beiden müssen den alten Herrn rein verhext haben! Jedenfalls trat Mr. David am ersten Januar 1953 als kaufmännischer Direktor in die Firma ein. Ich weiß nicht, ob Sie seinerzeit noch erfahren haben, dass Mr. Lloyd trotz seiner Jugend zum Generaldirektor ernannt worden war? Mr. Leonard hatte sich zwar den Titel Präsident und die Oberleitung vorbehalten, ließ aber Lloyd so ziemlich freie Hand. – Well, das war also im Januar 1953. Und dann kam das Unglück. Ich glaube, es war am vierten April, da kamen zwei Beamte der Grafschaftspolizei und verhafteten Lloyd. Sie behaupteten, er habe eine Barsängerin erstochen. In London, in irgend so einem Sündenpfuhl. Das war damals vielleicht eine Aufregung. Mr. Leonard regte sich wohl am allermeisten auf. Er hatte eine Herzattacke, und ich fürchtete schon, er werde mir unter der Hand sterben – aber dann hat er sich doch wieder gefangen.“

„Seltsame Geschichte“, murmelte Metty kopfschüttelnd. „Können Sie mir etwas über den Mord oder die Person der Ermordeten erzählen?“

Saddy legte die Steaks in die Pfanne, das heiße Fett zischte auf und prasselte. „Nicht mehr, als in der Zeitung stand“, gab sie zur Antwort. „Mr. Lloyd soll längere Zeit ein Verhältnis mit Miss McCarrey gehabt und sie mit sinnloser Eifersucht verfolgt haben. Dafür gab es glaubwürdige Zeugen.“

„Und für die Tat selbst?“

„Darüber weiß ich nichts.“ Saddy seufzte und beugte sich mit geöffneten Lippen etwas vor. „Vielleicht sprechen Sie mit Rechtsanwalt Fain, Mr. Lloyds Verteidiger. Der kann Ihnen sicher Näheres sagen.“

„Ja, das will ich tun“, stimmte Metty bedächtig zu und rieb sich das massige Kinn. „Viel Sinn wird es freilich nicht haben. Justizirrtümer sind bei uns in England selten.“

„Und trotzdem stimmt etwas nicht“, trumpfte Saddy auf. „Nein, da stimmt etwas nicht, sage ich! Später war alles so sehr komisch.“ Sie suchte sekundenlang nach Worten, ehe sie resolut fortfuhr. „Ende August wurde Mr. Lloyd zu Lebenslänglich verurteilt. Am zwanzigsten September errichtete Mr. Leonard ein neues Testament, durch das sein Testament aus dem Jahre 1944 außer Kraft gesetzt und als neuer Haupterbe David O’Herlihy eingesetzt wurde, der Sohn aus der ersten Ehe seiner zweiten Frau!“

„Dagegen lässt sich juristisch nichts sagen“, meinte Metty traurig. „Der alte Herr besaß keine leiblichen Erben, er konnte jeder beliebigem Person sein Vermögen vermachen.“

„Ja, Sie haben vollkommen recht, Sir; und doch … und doch …“ Saddy führte einen wütenden Lufthieb. „Ein halbes Jahr verging. Am vierten April 1954 erhielt Leonard Patterson Besuch eines unsympathischen Mannes, er nannte sich Warren Steel; ich habe mir den Namen genau gemerkt. Die beiden konferierten zwei ganze Stunden miteinander! Und sie sprachen so laut, dass ich einiges davon mithörte, obwohl ich, weiß Gott, alles andere als eine Klatschtante bin!“

„Um Himmels willen, Saddy!“ Metty lächelte. „Dass Sie kein Klatschmaul sind, habe ich immer gewusst.“

Saddy stemmte die Arme in die Seite und fuhr in steigender Erregung fort: „Steel machte Mr. Patterson Mitteilung über einen gewissen Jingo Fax, Mitteilungen, die den alten Herrn maßlos erregten. Hinterher gab es einen Heidenkrach mit Mrs. Nora. Tags darauf musste James Ingram, der Kammerdiener, telefonisch Notar Brown-Wilett aus London herbeizitieren. Brown-Wilett kam; Mr. Leonard besprach mit ihm die Abfassung eines neuen Testaments, also seines dritten seit 1944. Es soll auch zu einem Entwurf gekommen sein, aber dann, hat sich Mr. Leonard wieder anders besonnen. Er gab dem Notar den Entwurf unterschrieben mit und meinte, er müsse sich doch erst noch einmal alles reiflich überlegen. Zwei Tage später starb er plötzlich an einem Herzanfall. Es war der siebte April 1954. Damit blieb das Testament vom zwanzigsten September des Vorjahres in Kraft, in dem David O’Herlihy als Haupterbe figurierte.“

„Das ist alles sehr tragisch und ungewöhnlich, das gebe ich zu“, sagte Metty, „aber ich erblicke darin noch keine Unregelmäßigkeit.“

Saddy richtete sich böse auf. Ihr Blick wurde unsicher, eine Sekunde lang zitterten ihre Lippen. Dann sagte sie mit vor Erregung heiserer Stimme: „Ich habe den dringenden Verdacht, Sir, dass Mr. Leonard kurz vor seinem Tode – am siebten April 1954 – doch noch ein handschriftliches Testament errichtet hat, das von James Ingram und dem Küchenmädchen Lorna Deeds als Zeugen unterschrieben wurde. Beweisen kann ich meine Behauptung freilich nicht.“

Zum ersten Mal mischte sich Jeanne ein.

„Wenn ich den Sinn Ihrer Worte richtig verstehe, Mrs. Kooner“, bemerkte sie behutsam, „dann behaupten Sie nicht mehr und nicht weniger, als dass die zweite Mrs. Patterson mit Hilfe der beiden Zeugen dieses neueste Testament unterdrückt und beiseite geschafft hat?“

„Ich kann es nicht behaupten; ich vermute es“, murmelte Saddy Kooner trotzig. Sie drückte sich überraschend gewandt und anschaulich aus. „Hören Sie auch noch den Rest: Kurz nach dem Tod Mr. Leonards kündigte ich. Am dreißigsten Juni 1954 verließen dann auch James Ingram und Lorna den Dienst. Lorna hat unsere Gegend verlassen, ich habe nie wieder etwas von ihr gehört. Ingram hingegen übernahm am ersten Januar 1955 das Hotel Lion & Jonathan in Strongford Station; als Besitzer wohlverstanden! Er verfügte plötzlich über eine Menge Geld.“

Viel Unausgesprochenes stand im Raum – aber das Ehepaar Metty wusste Bescheid.

„Tja, Saddy, das sind üble Geschichten!“, murmelte Metty nach einer langen Pause verdrossen. „Ich will mich all dessen mal gründlich annehmen.“

„Werden Sie helfen können, Sir?“, fragte Saddy hoffnungsvoll.

„Groß ist die Aussicht nicht – doch das lässt sich heute noch nicht richtig absehen. Ich verspreche Ihnen jedenfalls, dass ich mir die allergrößte Mühe geben werde.“

„Das beruhigt mich, Sir, das beruhigt mich! Jetzt wird noch alles gut!“ Blindes Vertrauen sprach aus den Worten der alten Frau. „Mir fällt eine Last von der Seele! – So, die Steaks sind fertig. Wir können uns zu Tisch setze.“

 

 

II

Die Villa Francis Fains, des bekannten Strafverteidigers, lag am Rande eines stillen Platzes im vornehmen Londoner Westend. Es war Sonntag, und inzwischen schon neunzehn Uhr geworden. Jeanne hatte mit ihrem Mann gewettet, dass er bei Lloyd Adams’ Verteidiger nicht mehr vorgelassen werde, und es sah zunächst ganz so aus, als würde sie ihre Wette gewinnen.

Metty drückte auf den Klingelknopf unter dem Schild: „Francis Fain“. Fast sofort wurde von einem adretten Hausmädchen geöffnet.

Er stellte sich vor und sagte, dass er vor einigen Tagen aus Südafrika zurückgekommen sei und Mr. Fain in einer wichtigen Angelegenheit dringend sprechen müsse.

Das Mädchen führte ihn in eine kleine Diele, die mit Mahagonimöbeln und einem dicken, blauen Teppich ausgestattet war, und sagte zweifelnd, es wolle Mr. Fain den Wunsch des Besuchers vortragen.

Metty nahm Platz und sah sich gedankenlos um.

In den strengen Geruch nach Bohnerwachs mischte sich zarter Blumenduft.

Schon nach kaum zwei Minuten kam das Mädchen wieder und fragte verlegen: „Sind Sie etwa der Verfasser des Buches Zur Philosophie der Konfekthandlung?“

„Das bin ich in der Tat“, Metty biss sich auf die Lippen, „wobei ich allerdings richtigstellen muss, dass der Titel des Buches richtig Zur Psychologie der Affekthandlung heißt.“

Das Mädchen errötete über und über und enteilte durch die Tür, durch die es gekommen war.

Gleich darauf trat ein hagerer, breitschultriger Mann mit flaumigem blonden Haar und einem hässlichen, interessanten Gesicht in die Diele. Er trug zum bequemen Hausanzug ein blütenweißes Hemd mit gestärktem Kragen und einen schwarzen Selbstbinder. Seine Lack-Hausschuhe glitzerten im Widerschein des Lichtes, das der Kristalllüster ausstrahlte.

„Guten Abend, Sir!“, grüßte Metty. „Mr. Fain?“

„Derselbe in voller Lebensgröße!“, erwiderte der Anwalt gutgelaunt. Er reichte Metty die Hand und fuhr lebhaft fort: „Aber nehmen Sie doch, bitte, Platz! Es ist für mich eine große Ehre, endlich den Mann kennenlernen zu dürfen, der …“

„Der die ,Philosophie der Konfekthandlung geschrieben hat“, unterbrach ihn Metty lachend, „wie sich Ihr Hausmädchen ausdrückte.“

Fain lachte schallend.

Metty setzte sich und trug sofort sein Anliegen vor.

Das Mädchen erschien wieder und setzte ein Silbertablett auf dem Rauchtisch ab, auf dem eine Flasche Old Scotch, zwei Gläser und eine Schale mit Eisstückchen standen.

Fain bediente seinen Gast und sich selbst, und hörte Metty dabei aufmerksam zu. Seine Miene verfinsterte sich.

„Der Fall Adams ist einer der wenigen, bei denen es der Anklagebehörde gelang, mich in kleine Fetzchen zu zerreißen“, sagte er am Ende ärgerlich. „Ich biete Ihnen an, morgen in mein Büro zu kommen und meine Akten durchzusehen, aber ich kann Ihnen auch die wesentlichen Tatsachen aus dem Gedächtnis vortragen.“

Metty verneigte sich höflich im Sitzen. „Ich bitte darum!“

„Zur Person Lloyd Adams brauche ich nichts zu sagen, nachdem Sie ihn schließlich genau kennen. Adams lernte Jesslyn McCarrey am Silvester 1952 im Roman Sea Club kennen, wo sie als Sängerin auftrat. Sie muss eine bildschöne Frau gewesen sein – ich habe sie leider nie persönlich kennengelernt. Adams verliebte sich Hals über Kopf in die schöne, aber fünf Jahre ältere Jesslyn. Nein“, unterbrach er sich, „Liebe ist wohl nicht der richtige Ausdruck; er wurde von verzehrender Leidenschaft ergriffen, so kitschig Ihnen vielleicht dieser Ausdruck vorkommen mag. Jesslyn fand den reichen, jungen Herrn sehr interessant, brauchbar und amüsant, aber er wurde ihr allmählich unheimlich, denn sie hatte nicht die Absicht, sich bei ihm fest zu engagieren. Sie sagte ihm das schließlich unmissverständlich, und von da ab trieb das Drama rasch seinem Höhepunkt entgegen. Es kam zu verschiedenen Auseinandersetzungen; Adams bestürmte Miss McCarrey, ihn zu heiraten, wurde aber jedes Mal glatt abgewiesen. Daraufhin verlor er jegliche Kontenance. Er äußerte des öfteren, er wolle Jesslyn lieber eigenhändig umbringen, als sie einem anderen überlassen. Nun zu den Ereignissen des Mordtages: Es war Anfang April 1953. Gegen zehn Uhr verließ Adams Proctor’s Lodge und fuhr nach London. Er behauptete später, er habe verschiedene

Male bei Miss McCarreys Zimmerwirtin angerufen, aber jedes Mal die Auskunft erkalten, Jesslyn sei nicht zu Hause. Das stimmt – die Bar Sängerin ließ sich vor ihm verleugnen. Sie trat wie jeden Abend ihren Dienst im Roman Sea Club an. Gegen zweiundzwanzig Uhr kam dann für sie ein Anruf; der Anrufer gab seinen Namen mit Lloyd Adams an. Gleich darauf verließ Jesslyn das Lokal. Was dann weiter vorgefallen ist, darüber gibt es nicht einmal eine Vermutung, denn die Hauptzeugin, Miss McCarrey, war für immer verstummt. Lloyd Adams selbst leugnete bis zuletzt, überhaupt angerufen zu haben. Kurz und gut, die Leiche Miss McCarreys wurde am folgenden Morgen zufällig hinter einem abgelegenen Schuppen des Bahnhofs Euston entdeckt. Man hatte sie erdolcht, die Mordwaffe steckte noch in der Wunde – Lloyd Adams Dolch, wie sich bald herausstellte.

Adams wurde verhört. Mit der Mordwaffe konfrontiert, gab er sofort zu, dass diese sein Eigentum sei, behauptete aber, sie seit Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen zu haben und nicht zu wissen, bei welcher Gelegenheit sie ihm abhanden gekommen sei. Hinsichtlich seines Alibis behauptete er, den ganzen Nachmittag, den Abend und den ersten Teil der Nacht bis zwei Uhr morgens im Hause 14 Elizabeth Row bei seinem Freund Patrick Sounders verbracht zu haben. Hier klafft nun die entscheidende Lücke, denn Sounders hat unter Eid ausgesagt, dass Adams, sinnlos betrunken, kurz vor zweiundzwanzig Uhr seine Wohnung verlassen habe. Hier differieren also die Aussagen der beiden wichtigsten Personen um volle vier Stunden. Trotz der erdrückenden Tatsachen habe ich in der Hauptverhandlung getan, was sich tun ließ – das Ergebnis ist Ihnen bekannt.“

„Kein schöner Fall“, murmelte Metty. „Wie steht es mit Ihnen, Fain: Haben Sie an die Unschuld Ihres Mandanten geglaubt?“

Sekundenlang wurde der Blick des Anwalts unsicher. Er zögerte. Dann sagte er unwillig: „Diese Frage ist nicht fair, Mr. Metty!“

Metty hob matt die Hand, ließ sie aber auf halbem Wege wieder sinken. „Das sehe ich ein, und ich ziehe die Frage zurück! Die Antwort haben Sie mir ohnehin gegeben. Jetzt etwas anderes: Hatte Adams bei der Ermordeten einen Nebenbuhler?“

„Die Polizei hat sich alle Mühe gegeben, aber nichts dergleichen festgestellt. Miss McCarrey war als leichtfertig bekannt, dabei aber keineswegs als schlecht oder gar verdorben. Sie hatte eine ganze Menge Bekanntschaften, indessen – außer Adams – keinen festen Freund. Es scheint ganz einfach so gewesen zu sein, dass sie Adams’ Vermögen doch nicht für groß genug hielt und lieber auf einen reicheren Mann warten wollte.“

„Wie steht es mit dem Hauptzeugen?“

„Patrick Sounders?“ Fain runzelte die Stirn. „Einwandfreie Persönlichkeit, möchte ich behaupten. Er war einige Jahre als Börsenmakler tätig; Belastendes ist nie über ihn bekannt geworden.“

„Wohnt er noch in dem Haus an der Elizabeth Row?“

„Er ist vor zwei Jahren gestorben.“

„Oh – das ist Pech!“

„Möchte ich nicht sagen, Mr. Metty – oder glauben Sie etwa, Sounders habe, einen Meineid geschworen, um Adams richtig in die Tinte hineinzutunken?“

„Ich weiß überhaupt nicht, was ich glauben soll“, murmelte Metty, unangenehm berührt. Er erhob sich und streckte dem Anwalt die Hand entgegen. „Ich werde gelegentlich von Ihrem freundlichen Anerbieten Gebrauch machen und in Ihrer Kanzlei die Akten durcharbeiten. Vorläufig bedanke ich mich für Ihr freundliches Entgegenkommen und bitte zugleich wegen der Störung zu ungelegener Zeit um Entschuldigung.“

„Oh, ich hätte den dringenden Wunsch, bei Gelegenheit mit Ihnen zu fachsimpeln“, versicherte Fain eifrig. „Darf ich mir erlauben, Sie anzurufen und zu mir einzuladen?“ Ein schneller Blick streifte Mettys Hand. „Wie ich sehe, sind Sie verheiratet – Ihre Gattin ist mir selbstverständlich ebenfalls willkommen. Dann hat meine Frau Gesellschaft. – Wo kann ich Sie erreichen?“

„Hotel King of Siam“, erwiderte Metty, „Zimmer 106.“

Metty trat fröstelnd ins Freie und schlug den Kragen seines Mantels hoch. Die Straße und der freie Platz dahinter wurden von einigen Gaslaternen nur sehr spärlich beleuchtet. Ein großer Wagen fuhr rückwärts aus der Garage des Nachbarhauses heraus, wurde scharf rechts eingeschlagen und am Bordstein abgestellt. Die Scheinwerfer erloschen. Kurz zuvor noch hatten sie sekundenlang einen schräg gegenüber parkenden grauen Wagen angeleuchtet und einen neben dem linken Wagenschlag stehenden großen Mann, von dem Metty nicht viel hatte erkennen können. Nur ein blitzendes Monokel glaubte er gesehen zu haben, und auch der Wagen kam ihm bekannt vor. Der graue Humber Super!, fiel ihm plötzlich ein. Den ich am Nachmittag in Proctor’s Lodge, Strongford, gesehen habe, und sein Fahrer, der Mann mit dem Monokel.

Ob das etwas zu bedeuten hatte?

Nachdenklich bestieg Metty seinen Edsel, startete den Motor und fuhr zur Hauptverkehrsader hinunter. Er hatte dabei das unangenehme Gefühl, verfolgt zu werden, und gab sich Mühe, seinerseits den Spieß umzudrehen. Ehe es ihm jedoch gelang, den Verfolger zu überspielen und sich hinter ihn zu setzen, roch dieser den Braten und verschwand. Mettys unangenehmes Gefühl verstärkte sich, dass er auf ein dunkles, gefährliches Geheimnis gestoßen sei.

 

*

 

Erstaunlicherweise lag Notar Brown-Wiletts Kanzlei wie das „King of Siam“ in Mayfair, und war vom Hotel ans bequem zu Fuß zu erreichen.

Am Montag Vormittag betrat Metty gegen neun Uhr ein langweiliges Vorzimmer, das geradezu lieblos möbliert war, und wurde von einer grauhaarigen Sekretärin empfangen. Sie hatte eine messerscharfe Nase und trug eine dickrandige Hornbrille. Als sie Metty ansah, erinnerte sie ihn stark an einen Geier.

„Guten Tag!“, grüßte Metty bescheiden. „Ich möchte Mr. Brown-Wilett in einer wichtigen Angelegenheit sprechen. Hier meine Karte.“

Die Sekretärin deutete ihm mit einem Kopfnicken an, dass er Platz nehmen dürfe und verschwand durch eine Doppeltür im Nebenraum. Nach wenigen Minuten kam sie wieder. „Notar Brown-Wilett lässt bitten!“ Ihr Ton ließ deutlich erkennen, wie sehr sie unangemeldete Besuche missbilligte.

Metty betrat das Allerheiligste des Notars, das kaum besser eingerichtet war als das Vorzimmer, und begrüßte einen hochgewachsenen, gut gekleideten Gentleman von über Fünfzig, der ein teigiges Gesicht, buschige Brauen, gescheite, helle Augen und üppiges, schwarzes Haar hatte, das nur an den Schläfen schwach ergraut war. Brown-Wilett deutete auf den bequemen Sessel vor dem Schreibtisch. „Nehmen Sie Platz, Mr. Metty – womit kann ich Ihnen dienen?“

Metty wusste sofort, dass Brown-Wilett nicht der Mann war, bei dem man auf Umwegen zum Ziel kam, und sagte deswegen offen: „Ich bin am Freitagabend nach zehnjähriger Abwesenheit in London angekommen. Ich habe nun am Sonntag erfahren, dass mein väterlicher Freund, Leonard Patterson, Proctor’s Lodge, Strongford, nicht mehr am Leben ist. Ich habe im Zusammenhang mit seinem Testament einige Fragen an Sie.“

Brown-Wilett verzog seinen Mund zu einem schiefen Lächeln. „Glauben Sie ernstlich, dass sich auch nur ein englischer Notar dazu bereitfinden würde, mit einem Wildfremden intime Angelegenheiten eines Klienten zu besprechen?“

Metty setzte sich bequem zurecht und faltete die Hände vor dem Leib. „Diese Antwort habe ich erwartet, Sir. Ich bin in der Tat ein Wildfremder für Sie, und hin auch hier in London Privatperson, habe aber zehn Jahre eine einflussreiche Stellung bei der südafrikanischen Polizei bekleidet. Dies nur zu Ihrer Orientierung. Müßige Neugier ist es nicht, wenn ich mich mit Ihnen in Verbindung gesetzt habe. Ich musste gestern zu meiner großen Erschütterung erfahren, dass Pattersons Stiefsohn Lloyd wegen Mordes zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt wurde. Die ganze Angelegenheit erscheint mir so verworren und mysteriös, dass ich mir vorgenommen habe, meinen wohlverdienten Urlaub dazu zu benützen, Licht hineinzubringen. Sie könnten Superintendent Kessler von Scotland Yard anrufen und Sir Percival Wood, vom Foreign Office, sofern Ihnen diese Referenzen genügen.“

Brown-Wilett sah ihn finster, mit gefurchter Stirn, an. „Das dürfte genügen“, sagte er endlich. „Haben Sie die Güte, im Vorzimmer zu warten, bis ich die beiden Gespräche abgewickelt habe!“

Metty gehorchte.

Er wartete etwa fünf Minuten in dem sehr geheizten Vorzimmer und fröstelte. Er musste sich eben erst allmählich wieder an das Klima Englands gewöhnen. Als er dem Notar zum zweiten Mal gegenübersaß, schien die Atmosphäre weitgehend entfrostet. Brown-Wilett lächelte. „Ich soll Ihnen einen Gruß von John Kessler ausrichten und Sie fragen, warum, zum Teufel, Sie sich bei ihm noch nicht haben sehen lassen. Sie sollen das Versäumnis schleunigst nachholen, sofern Sie sich nicht der Gefahr aussetzen wollen, verhaftet zu werden.“

Das war echt John Kessler! Metty musste unwillkürlich lächeln.

Brown-Wilett lehnte sich bequem im seinem Sessel zurück und forderte Metty auf, nun den Zweck seines Besuches vorzutragen.

Als Metty das getan hatte, schärfte ihm der Notar besorgt ein: „Seien Sie vorsichtig! Ich begehe dadurch, dass ich Ihnen Auskunft gebe, eine gewisse Inkorrektheit. Wenn davon etwas an die Öffentlichkeit dringt, habe ich bedeutende Schwierigkeiten zu gewärtigen. Aber das alles brauche ich Ihnen sicher nicht vorzutragen. Hm“, er strich sich über die Stirn, „Sie sind sich über die ursprünglichen Familienverhältnisse Leonard Pattersons im Klaren, nehme ich an?“

„Durchaus!“ Metty nickte.

„Well, dann kann ich mich kurz fassen. Mr. Patterson hatte 1944 ein notarielles Testament errichtet, in dem sein Stiefsohn Lloyd Adams, selbstverständlich abzüglich der üblichen Legate, als Universalerbe eingesetzt war. Mitte 1952 heiratete Patterson ein zweites Mal, sah aber keine Veranlassung, sein acht Jahre altes Testament umzustoßen. Das änderte sich erst nach der Mordgeschichte und der Verurteilung seines Stiefsohnes Lloyd Adams. Am zwanzigsten September 1953 errichtete er bei mir ein zweites Testament, das im Wesentlichen dem des Jahres 1944 entsprach, dem Wortlaut nach meine ich, nur mit dem Unterschied, dass Lloyd Adams völlig leer ausgehen und David O’Herlihy, der Sohn seiner zweiten Frau, Haupterbe wurde. Am Vormittag des fünften April 1954“, sprach der Notar langsam und gemächlich weiter, „wurde ich von Pattersons Kammerdiener James telefonisch nach Proctor’s Lodge gerufen. Ich wusste, was ich einem Patterson schuldig war, ließ alles liegen und stehen und fuhr sofort nach Strongford. Dort traf ich Mr. Leonard bei sehr schlechtem Gesundheitszustand an. Sein Herz machte ihm zu schaffen; er hatte augenscheinlich kurz zuvor einen gehörigen Schock erlitten. Auf Pattersons Wunsch musste ich ein neues Testament aufsetzen, ein erstaunliches Testament, wie ich sagen möchte, ein sehr erstaunliches Testament! Die letztwillige Verfügung vom zwanzigsten September 1953 sollte danach außer Kraft gesetzt werden, und Lloyd Adams erneut als Universalerbe figurieren, obwohl er doch inzwischen zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt worden war.“

Brown-Wilett unterbrach sich mitten im Satz. Seine dicken Finger trommelten einen lauten Wirbel auf die Schreibtischplatte.

„Goddam!“, entfuhr es Metty. „War da der alte Herr denn wirklich noch bei Sinnen?“

Brown-Wilett hob abwehrend die Hand. „Er war sogar sehr bei Verstand! Sie können sich wohl vorstellen, Mr. Metty, dass ich Patterson klipp und klar nach dem Grund seiner erstaunlichen Sinnesänderung fragte, nicht zuletzt auch deswegen, weil das neuerliche – wohlverstanden, das dritte! – Testament unter anderem auch vorsah, dass seine zweite Frau, Nora Patterson, nicht einen Penny bekommen solle!“

„Aber das ist doch unmöglich!“, entfuhr es Metty. „Mit einer solchen testamentarischen Bestimmung hätte Patterson grob gegen die Gesetze verstoßen! Mrs. Patterson hätte es jederzeit anfechten können – es sei denn …“

„Ja, ich weiß“, unterbrach ihn der Notar. „Pflichtgemäß habe ich Mr. Leonard auf alle diese Punkte aufmerksam gemacht, aber er meinte nur dazu, triftige Gründe hätten ihn in die eingeschlagene Richtung gedrängt, und Mrs. Nora solle eben einmal versuchen, nach seinem Tod die Gültigkeit seines Testaments anzufechten; sie werde dann ihr blaues Wunder erleben.“

„Den genauen Grund hat er Ihnen aber nicht anvertraut?“ Metty richtete sich gespannt auf.

„Leider hat er das nicht getan, aber ich kann mir ungefähr zusammenreimen, was geschehen war: Nach Pattersons Tod tauchte nämlich gar bald bei der schließlich immer noch recht erfreulich anzusehenden Mrs. Nora ein Hausfreund auf, ein gewisser Phil Grent. Böse Zungen behaupten, die beiden seien schon früher liiert gewesen, als Mrs. Nora noch O’Herlihy hieß. Aber damit greife ich den Ereignissen vor. Kehren wir zum fünften April 1954 zurück. Als ich den Entwurf des Testaments konzipiert hatte, schickte ich mich an, meine Reiseschreibmaschine zu holen, um die Reinschrift anzufertigen. Doch da widersprach Patterson plötzlich; er hatte es sich offenbar wieder anders überlegt. Er sagte etwa Folgendes: Vielleicht tue ich ihnen doch Unrecht! Ich muss erst Recherchen anstellen und noch einmal über die ganze Affäre nachdenken. Nehmen Sie den Entwurf nach London mit und bereiten Sie dort die Reinschrift in aller Ruhe vor. Ich komme in den nächsten Tagen zu Ihnen, um zu unterschreiben, sofern ich mich nicht neu orientiere; in diesem Fall bliebe das Testament vom September vergangenen Jahres in Kraft! Well, ich fuhr nach London zurück und ließ die Reinschrift anfertigen. Sie liegt heute noch bei den Akten. Der sechste April verging. Ich hörte nichts von Mr. Patterson. Am achten April, etwa gegen zehn Uhr, wurde ich von David O’Herlihy angerufen und erhielt die Nachricht, dass Leonard Patterson soeben verschieden sei. Damit blieb natürlich das Testament von September 1953 in Kraft. Das wäre alles.“

Eine lange Weile blieb es im Raume still. Metty musste das Gehörte erst verarbeiten. Endlich sagte er vorsichtig: „Als Kriminalist betrachte ich selbstverständlich den Fragenkomplex von einem anderen Standpunkt als Sie. Trotzdem scheint mir ein Präzedenzfall vorzuliegen. War es denn nicht so, dass das de jure gültige Testament dem klar erkennbaren Willen des Erblassers widersprach? Verschiedentlich haben englische Gerichte dahingehend entschieden“

„Einen Moment!“ Brown-Wilett erhob sich und musterte seinen Besucher kühl. „Sie übersehen einen Punkt: Hätte mich Patterson ersucht, die Reinschrift des Testaments auszufertigen und hinzugefügt, er wolle es unter allen Umständen unterschreiben, dann hätte ich selbstverständlich dem Nachlassgericht den Sachverhalt gemeldet und ein förmliches Verfahren beantragt. So aber hatte Patterson, ausdrücklich und deutlich erkennbar, seine endgültige Entscheidung hinausgeschoben, und zwar mit dem Bemerken, dass er seiner Sache nicht sicher sei. – Insofern konnte von einem klar erkennbaren Willen des Erblassers nicht die Rede sein, das Testament vom September 1953 außer Kraft zu setzen, und ich sah auch keine Veranlassung, das Gericht einzuschalten, das nach Sachlage schließlich doch nur entschieden hätte, dass an der Gültigkeit des erwähnten Testaments nicht zu zweifeln sei.“

„Ja, mein Einwand war töricht“, gab Metty unumwunden zu. „Seien Sie versichert, dass es mir fern lag, Ihre Korrektheit in Zweifel zu ziehen oder Sie gar zu beleidigen!“

„Deswegen keine Verstimmung, Mr. Metty! Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“

„Was wissen Sie über Phil Grent?“

„Nichts außer der Tatsache seiner Existenz.“

„Hm – trägt er ein Monokel?“ Blöde Frage, schalt Metty sich selbst.

Brown-Wilett verzog den Mund zu einem Schmunzeln: „Das hätte ich beinahe vergessen zu erwähnen. Ich glaube – nein, ich bin sicher – dass mein Gewährsmann von einem Monokel gesprochen hat. Grent soll ein schöner Mann von etwa fünfundvierzig bis fünfzig Jahren sein, sehr elegant und ein Monokel tragen. Jetzt bin ich aber wirklich ausgeschöpft, Metty.“

„Würden Sie mir den Namen Ihres Gewährsmannes verraten?“

„Tut mir leid, ich erinnere mich nicht.“

Metty verabschiedete sich. Der Notar begleitete ihn auf den Korridor hinaus und drückte die Tür hinter ihm ins Schloss.

 

*

 

Gegen elf wurde Douglas Metty von Superintendent Kessler in einem geräumigen, nüchternen Büro in New Scotland Yard empfangen. Schon rein äußerlich waren die beiden Kriminalisten die denkbar größten Gegensätze: Metty fast zwei Meter groß, massig, aber nicht dick, sehr elegant. John Kessler mehr ins Gemütliche abgewandelt, ein massiver, etwas über mittelgroßer Mann mit rundlichem, intelligentem Gesicht und völlig kahlem Kopf. Einem guten Menschenkenner mochte sich der Vergleich mit einem Schauspieler aufdrängen, wenn er in John Kesslers derbes, gutmütiges Gesicht blickte.

Dieser Vergleich war absolut zutreffend; Verbrechern gegenüber gab sich Kessler besonders gern als Wolf im Schafspelz. Schon mancher hatte den Beamten als einen gutmütigen, gedankenträgen, schon etwas arterienverkalkten, alten Mann eingeschätzt – sehr zu seinem Schaden; denn John Kessler war alles andere als das. Wenn das die großen und kleinen Gauner merkten, war es bereits zu spät.

Als Douglas Metty eintrat, erhob sich Kessler und kam ihm lebhaft entgegen. Sekundenbruchteile lang sah es so aus, als wolle er den Freund umarmen und an sein Herz ziehen – aber dann ließ er die Arme sinken und schämte sich seiner Rührung.

Ein kräftiger Händedruck besiegelte das Wiedersehen der beiden Freunde, die einander strahlend in die Augen sahen.

„Hallo, Doug!“, murmelte der Superintendent. „Fein, dass du wieder heimgefunden hast! Hätte wirklich nicht gedacht, dass du es ein volles Jahrzehnt bei den Schwarzen aushalten würdest! Mehr als fünf Jahre habe ich dir seinerzeit nicht gegeben – erinnerst du dich?“

Metty nickte lachend. „Ist wirklich eine große Umstellung für mich, nach zehn Jahren in das völlig veränderte Leben hier hineinzuwachsen, aber auch wiederum irgendwie schön!“

Während Metty am Rauchtisch Platz nahm, brachte der Superintendent Whiskyflasche und zwei Gläser angeschleppt. Als ein Begrüßungsschluck getrunken war, erkundigte sich Kessler eifrig nach den nächsten Absichten seines Freundes. „Wirst du bei uns eintreten“, fragte er, „oder willst du’s bei einer Grafschaftspolizei versuchen? Auch die Secret-Service-Laufbahn stünde dir offen.“

„Du meinst, man würde mich wieder aufnehmen?“

„Ob ich das meine? Ich weiß es hundertprozentig! Deine Dienststelle in Südafrika ist des Lobes voll über dich. Der Präsident hat mir einiges angedeutet. Die hätten dich sogar mit Gewalt zurück gehalten, wenn sie die Macht dazu gehabt hätten.“

Metty wurde ernst. „Ich wäre auf keinen Fall in Südafrika geblieben, John! Die Rassenpolitik des Landes behagt mir ganz und gar nicht – und Jeanne ist darin ganz meiner Meinung.“

„Ja, stimmt, du hast ja geheiratet! Werde ich sie bald kennenlernen? Vielleicht bei mir zu Hause?“

Ein flüchtiges Lächeln huschte über Mettys Gesicht. „Da mussten ein Engländer und eine Französin nach Südafrika reisen, um einander dort kennenzulernen. Wie eben das Leben oft spielt! Aber schieben wir private Dinge beiseite. Mich führt ein ernstes Anliegen zu dir. Lass für mich bitte in der Zentralkartei nachsehen, ob ein Mann namens Warren Steel registriert ist. Vielleicht kann ich das Ergebnis gleich mitnehmen.“

Der Superintendent unterdrückte sein Erstaunen und erteilte telefonisch eine entsprechende Anordnung. Dann kehrte er an den Rauchtisch zurück und setzte sich Metty gegenüber.

„Und dann hätte ich noch eine Bitte“, fuhr Metty fort. „Im April 1953 wurde die Barsängerin Jesslyn McCarrey erstochen. Als Täter hat man einen guten, alten Freund von mir zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. Könntest du mir die Akten zur Einsicht beschaffen?“

„Willst du sie gleich haben?“, fragte der Superintendent interessiert.

„Durchaus nicht; es genügt, wenn sie mir morgen früh zur Verfügung stehen.“

„Hat Warren Steel etwas mit dem Mord zu tun?“

Metty zuckte die Achseln. „Im Augenblick kann ich noch keine Meinung äußern, ich will mich lediglich informieren. Ich kann einfach nicht glauben, dass Lloyd Adams einen Mord oder einen Totschlag begangen haben soll. Außerdem sind nach seiner Verurteilung in seiner Familie allerlei sonderbare Dinge vorgefallen, und ich musste – Glückspilz, der ich immer schon war – geradewegs mit der Nase darauf gestoßen werden. Hör mal gut zu!“

„Und jetzt fällt mir noch etwas ein“, murmelte Metty, als er seinen Bericht beendet hatte. „Bitte, ruf noch einmal die Zentralkartei an und lass auch noch den Namen Phil Grent und Patrick Sounders suchen. Sounders ist allerdings vor zwei Jahren gestorben.“

In der nächsten halben Stunde drehte sich das Gespräch nur um private und familiäre Dinge, aber Metty war nicht recht bei der Sache und kehrte hartnäckig zu den Problemen zurück, die ihn seit dem Vortag so sehr beschäftigten.

„Um noch einmal auf den McCarrey-Mord zurückzukommen“, sagte er. „Ist dir vielleicht der Roman Sea Club ein Begriff?“

Kessler legte seine hohe Stirn in Falten. „Roman Sea Club?“, wiederholte er. „Der ist schon lange nicht mehr im Spiel! Ja, ich entsinne mich: er wurde im Juni 1957 polizeilich geschlossen.“

„Warum? Was wurde dort gespielt?“

„Frag lieber, was dort nicht gespielt wurde! Falls du tatsächlich in der alten Affäre recherchieren willst, kann ich dir vielleicht einen guten Tipp geben: Mir fällt ein, dass Gordy Miller, der ehemalige Geschäftsführer des Roman Sea Club, gewaltig die Treppe hinaufgefallen ist. Er führt heute in gleicher Eigenschaft das vornehme Nachtlokal Pygmalion. Reichlich teure Angelegenheit, kann ich dir sagen! Du findest es in einer Seitenstraße der Euston Road.“

„Kann schon sein, dass ich mich dort mal umsehe.“

Nach kurzem Anklopfen betrat ein Zivilbeamter das Büro des Superintendenten und legte diesem einen Zettel auf den Schreibtisch.

„Ist gut“, nickte Kessler, „vielen Dank!“ Er nahm den Zettel und warf einen Blick auf die Notiz, ehe er ihn wieder sinken ließ und sagte:

„Phil Grent und Patrick Sounders sind Fehlanzeige. Warren Steel hingegen ist amtsbekannt; ein schäbiger Banknotenfälscher von 38 Jahren. Er scheint ehrlich geworden zu sein. Steel wurde am 15. 2. 1954 letztmalig aus dem Zuchthaus entlassen. Seit dieser Zeit ist er nicht mehr straffällig geworden. Er wohnt seit Januar 1955 in Crewsbury, Norfolk. Die Adresse kann ich dir bis morgen früh beschaffen.“

Metty hatte sich die spärlichen Angaben notiert. „Wird gut sein. Ich fahre dann zu ihm hin. Ist das alles?“

„Verflucht“, schimpfte der Superintendent, „wenn sich die Kerle von der Zentralkartei endlich angewöhnen könnten, die Schreibmaschine zu benützen, oder zumindest leserlich zu schreiben! Den Zusatz kann ich kaum entziffern.“ Er las mühsam vor: „Warren Steel ist nom de guerre. Richtiger Name: Wilbur McCarrey.“

„Grundgütiger Himmel!“, stöhnte Metty entgeistert.

Kessler hob erstaunt den Kopf. „Was hast du denn?“

„Damned“, knurrte Metty, „die Frau, die mein Freund Lloyd Adams ermordet haben soll, hieß Jesslyn McCarrey; jetzt wird die Sache erst richtig interessant!“

„Deine Schlussfolgerung?“, fragte der Superintendent nachdenklich.

„Schlussfolgerung: keine“, bellte Metty. „Heute Abend steht ein Besuch im Pygmalion auf dem Dienstplan und morgen eine Reise nach Crewsbury. Wäre doch gelacht, wenn ich in der Sache nicht weiterkäme!“

 

 

III

Jeanne trug ein gletscherblaues Abendkleid, das gut zu ihrer zarten, gertenschlanken Figur passte, und pikant mit ihrem blauschwarzen Haar kontrastierte. Douglas Metty fand seine Frau zum Anbeißen – und doch war zwischen den beiden eine kleine Verstimmung auf geflackert, weil Jeanne ursprünglich nicht mit zum „Pygmalion“ hatte fahren sollen, aber am Ende doch ihren Willen durchgesetzt hatte. Der Edsel war in der Hotelgarage geblieben, weil Metty grundsätzlich nicht selbst fuhr, wenn die Aussicht bestand, dass er Alkohol trinken würde, und sie nahmen deshalb ein Taxi. Gegen 22 Uhr stoppte der Fahrer in dem Dreieck zwischen Euston Road und Pancras Road vor einem alten Haus, dessen überdachter Eingang in blauen Neonbuchstaben das Wort: „Pygmalion“ trug.

Im Korridor vor der Garderobe herrschte keinerlei Betrieb. Metty half Jeanne beim Ablegen und gab die Mäntel ab. Als sie den Barraum betraten, begann Jeanne wie eine Katze zu schnurren, denn das Bartrio spielte gerade ihre Lieblingsmelodie, „Vaja con Dios“. Sie nahm es als gutes Omen.

Einige Paare tanzten.

Metty blickte sich neugierig um. Die Wände des Lokales waren mit frechen, persiflierenden Darstellungen aus der griechischen Mythologie geziert. Das störte die wenigsten Gäste, da ihnen der Begriff „Griechische Mythologie“ ohnehin unbekannt war.

„Wirklich hübsch hier“, flüsterte Jeanne zufrieden. „Hier werde ich Stammgast – oder sagt man ,,Stammgästin“ in deiner schrecklichen Sprache?“

„Du hast es heute wohl darauf angelegt, mich zu ärgern, Darling?“, fragte Metty sauer-süß. „Dort drüben ist ein Separee frei – oder möchtest du lieber an die Bartheke?“

„Gehen wir doch zunächst an die Bar“, schlug Jeanne vor. Sie hakte sich bei ihm ein und zog ihn förmlich zur chromblitzenden Theke, wo trotz der späten Stunde nur drei Gäste saßen.

„Typischer müder Montagsbetrieb“, maulte Metty.

Hinter der Barriere hantierte eine voll erblühte Blondine mit der gemessenen Würde eines Philosophieprofessors mit Flaschen, Gläsern und Shaker. Sie sah etwa so freudig aus wie beim Zahnarzt.

Als das Ehepaar Platz genommen hatte, lächelte sie Metty strahlend an. „Guten Abend!“ Ein zweites, weniger strahlendes Lächeln galt Mettys besserer Hälfte. „Ich heiße Rosalind – was darf ich servieren?“

Details

Seiten
204
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934816
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (November)
Schlagworte
lebenslänglich lloyd adams
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Titel: Lebenslänglich für Lloyd Adams