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Letzte Abrechnung in Silverrock

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Letzte Abrechnung in Silverrock

Klappentext:

Roman:

John F. Beck

 

Letzte Abrechnung in Silverrock

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/Cover: W. Öckl, 2019

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

 

Klappentext:

Als der Mann ermordet wird, den Tonto als „Onkel“ Ben Smolett kennt, und dieser ihm enthüllt, dass er nicht mit ihm verwandt ist, bricht Tontos Weltbild zusammen. Er schwört, einen Mörder zu stellen, einen mächtigen Mann als Verbrecher zu entlarven und das Schicksal seines Vaters zu klären, den er nicht kennt. Tonto reitet fünfhundert Meilen nach Colorado und stellt sich einer gewaltigen Übermacht zweier ebenso skrupelloser wie brutaler Banden und deren Anführer. Als Tonto sich in die Saloon-Tänzerin Sally verliebt, sitzt er zwischen allen Stühlen, denn auch ihr Bruder hat eine Rechnung zu begleichen in dem Spiel um Rache, Macht und Loyalität. Erlösung und Erkenntnis gibt es nur in der letzten Abrechnung in Silverrock …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Roman:

Der Wind strich sachte durch die halbverdorrten Salbeistauden und führte das monotone Hämmern von Pferdehufen mit sich. Die Haltung des sehnigen Mannes an der engen Fensterluke spannte sich. Etliche Sekunden spähte er reglos zum Rand der weiten Senke hinauf, dann wandte er sich ruckartig um.

„Er kommt!“, meldete er heiser.

Nat Henshaws ledern wirkendes Gesicht wurde noch verkniffener, als es ohnehin schon war. Er setzte dem dritten Mann im Blockhaus die Coltmündung auf die Brust und sagte gepresst: „Du weißt Bescheid, Smolett! Wenn du diese Sache lebend überstehen willst, dann hältst du deine Klappe! Nur ein Laut, und ich brenne dir ein Loch in deinen Pelz!“

Ben Smolett saß verkrampft auf einem Stuhl in der Zimmermitte. Er war ein weißhaariger stämmiger Mann, dessen derbe Fäuste von Lassonarben bedeckt waren. Sein tiefbraunes faltiges Gesicht war von einem Netz glitzernder Schweißperlen überzogen. Einen Moment war sein Blick starr auf die schussbereite Waffe in Henshaws Faust gerichtet. Dann hob er den Blick zum Gesicht des Banditen empor.

„Ihr Schufte!“, flüsterte er erstickt. „Ihr elenden Lumpen! Ihr seid es nicht einmal wert, dass …“

„Behalte es für dich, Alter!“, fauchte Henshaw. Der Druck der Coltmündung verstärkte sich.

Draußen kamen die Hufschläge den salbeibestandenen Hang herab.

Henshaw wandte sich an den Mann neben dem Fenster. „Etwas von Fess und Larry zu sehen, Dick?“

„Nein, Nat! Sie sind gut im Stall versteckt! Wenn dieser Kerl wirklich vorzeitig Verdacht schöpft, schneiden sie ihm den Rückweg ab! Es bleibt ihm keine Chance!“

„Gut so!“, brummte Henshaw zufrieden.

Die Hufe trommelten jetzt über die Sohle der Senke. Gleich darauf verstummten sie.

„Was macht er jetzt?“, fragte Henshaw flüsternd.

„Er bindet seinen Gaul am Korralzaun fest! Und jetzt … jetzt kommt er zum Haus!“ Die Stimme des zweiten Banditen klang erregt.

Hastig wich er vom Fenster zurück, presste sich mit dem Rücken gegen die raue Balkenwand und zog den Revolver. Die Lippen in seinem stoppelbärtigen Gesicht waren zu einem dunklen Strich geworden.

Der Wind trieb Sandkörner gegen die Außenwand des kleinen Blockhauses.

Staub und Salbeigeruch wehten durch das offene Fenster. Vom Korral herüber kam das ständig lauter werdende Mahlen von Stiefeltritten. Sporen klirrten silbern.

In Ben Smoletts Gesicht arbeitete es. Sein Atem ging schneller.

Ächzend stieß er hervor: „Das könnt ihr doch nicht tun! Großer Himmel! Er ist allein und ihr seid zu viert! Gebt ihm wenigstens eine Chance …“

„Ruhig, verdammt noch einmal!“, zischte Henshaw. „Und wenn du ihn zu warnen versuchst, bist du als erster dran!“

Die Schritte waren dicht vor der Tür.

Smolett wand sich auf dem Stuhl. Mit flackernden Augen sah er, wie Henshaw langsam den Hammer des Colts zurückbog – so behutsam, dass dabei kein Laut entstand.

Ein Schaben an der Tür. Die Klinke bewegte sich. Smolett und die beiden Banditen hielten den Atem an.

„Hallo, Onkel Ben!“, sagte eine ruhige feste Männerstimme, während sich die Tür langsam öffnete. „Bist du schon zurück? Ich hatte Pech. Das Wildpferdrudel, hinter dem ich her war …“

Der Türspalt war jetzt weit genug, dass der Schatten des Mannes über die Schwelle ins Zimmer fiel.

Da hielt es Ben Smolett nicht mehr aus.

Verzweifelt brüllte er, die Augen weit aufgerissen: „Vorsicht, Tonto! Eine Falle! Sie wollen …“

Die Worte versanken im dröhnenden Bersten von Nat Henshaws 45er-Colt.

 

*

 

Alle Lässigkeit fiel von Tonto ab. Jeder Nerv in seinem drahtigen Körper war plötzlich zum Zerreißen gespannt. Das Krachen des Coltschusses war noch nicht verklungen, da hatte er seinen Revolver bereits aus dem Holster gebracht.

„Onkel Ben!“, schrie er gellend.

Mit dem linken Fuß stieß er die Tür vollends auf. Zwei Feuerlanzen stachen ihm entgegen – zwei Kugeln pfiffen über ihn weg. Pulverqualm wolkte, und dahinter sah er zwei dunkle Gestalten sich blitzschnell bewegen.

In diesen Sekunden handelte er ganz automatisch.

Er feuerte, warf sich seitlich auf die Bodenbretter, rollte herum, während eine Kugel neben ihm ins ungehobelte Holz fuhr, und schoss abermals. Durch das trockene Peitschen der Schüsse, das ohrenbetäubend zwischen den Wänden hallte, drang der schrille Aufschrei eines zu Tode getroffenen Mannes. Ein schwerer Fall war zu hören, ein Stuhl polterte auf die Bretter.

Tonto lag neben dem Tisch und kippte ihn geistesgegenwärtig um. Eine Kugel klatschte in die dicke Eichenplatte, eine zweite prallte scheppernd gegen den gusseisernen Ofen in der Ecke und jaulte als Querschläger zur Decke hoch.

Tonto sah einen Mann auf die offene Tür zu springen und riss den Revolver herum.

Da hörte er dicht neben sich ein leises Stöhnen. Aus den Augenwinkeln sah er das graue schweißverschmierte Gesicht mit den vor Schmerz geweiteten Augen.

„Onkel Ben!“

Für einen Moment zögerte er. Und dann war der zweite Bandit schon über die Schwelle geschnellt und schlug krachend die Tür hinter sich zu.

Stimmen schwirrten draußen durcheinander, heisere aufgeregte Stimmen. Stiefel scharrten im Sand. Dann war es still.

Tonto ließ den Revolver sinken. Auf den Knien rutschte er an Smolett heran. Der weißhaarige Mustangjäger lag auf dem Rücken, beide Hände gegen die Brust gedrückt. Er atmete stoßweise. Fiebrig tasteten seine Blicke über Tontos scharfgeschnittenes Gesicht.

„Bist du … bist du unverletzt, Junge?“

„Yeah, Onkel Ben!“ Tontos Stimme war heiser. „Du hast mich rechtzeitig gewarnt!“

„Dann ist es gut!“, ächzte der Verwundete. „Ich … Tonto, sei auf der Hut. Sie sind zu viert und …“

„Nicht mehr!“, unterbrach ihn Tonto finster. „Nur noch zu dritt!“

Er warf einen grimmigen Blick zur Wand hinüber, wo eine verkrümmte Gestalt reglos, mit dem Gesicht nach unten am Boden lag.

„Kennst du diese Leute, Onkel Ben?“

„Ja, mein Junge! Sie sind gekommen, um dich zu töten!“

„Mich?“ Tonto furchte die Brauen.

„Ja!“ stöhnte Smolett. „Monroe hat sie geschickt …“

„Monroe? Ich kenne keinen Monroe! Onkel Ben, lieg jetzt ganz ruhig. Ich werde dich verbinden. Ich …“

„Nein, nein. Verliere um Himmels willen keine Zeit mit mir! Du musst …“

Von draußen kam eine scharfe hasserfüllte Stimme:

„Heh, du verfluchter Bastard! Komm heraus! Na los, komm schon! Du rechnest dir doch keine Chance aus, oder? Ich bin nicht allein, mein Junge! Ich habe zwei verdammt gute Revolverschützen bei mir! Du vergeudest nur Zeit, wenn du dich in deinem Nest verschanzen willst!“

„Das …“, brachte Smolett gepresst hervor, „das ist Nat Henshaw! Er hat mir die Kugel in die Brust gejagt!“

Tonto biss wild die Zähne zusammen.

Smolett flüsterte: „Du musst kämpfen, Tonto! Nein, keinen Verband für mich! Es lohnt sich nicht mehr!“

„Onkel Ben!“

Ben Smolett winkte kraftlos ab. „Widersprich mir nicht, Junge! Ich weiß besser als du, wie es um mich steht! Glaube mir, ich habe keine Angst vor dem Sterben! Ich … ich möchte nur …“ Seine Stimme erstarb.

„Hast du nicht gehört?“, schrie draußen Henshaw. „Wenn du nicht kommst, holen wir dich!“

Schüsse donnerten. Kugeln bohrten sich in die Außenwand.

„Kämpfe, Tonto!“, flüsterte Smolett wieder.

Der junge Mann mit dem scharfgeschnittenen Gesicht richtete sich geduckt auf. Ein kaltes Feuer erschien in seinen graugrünen Augen.

„Das Gewehr!“, ächzte der schwer verwundete Mustangjäger.

„Nimm das Gewehr, Tonto! Du warst schon immer besser mit ihm als mit dem Revolver!“

Wortlos glitt Tonto zur Wand hinüber, steckte den Revolver in das Holster und nahm das kurzläufige Henry-Gewehr aus dem obersten Fach eines hohen Regals. Er überprüfte flüchtig das Magazin, riegelte die erste Kugel in den Lauf und schob sich neben die Fensterluke rechts der Tür.

Ein Kugelregen prasselte gegen die Vorderfront des Blockhauses. Schatten bewegten sich an der Stallecke und hinter dem Brennholzstapel. Tontos Gesicht wirkte plötzlich wie aus Stein gemeißelt.

Er presste den Gewehrkolben an die Schulter, der Lauf zielte ins Freie. Und dann feuerte er.

Blitzschnell repetierend, jagte er Schuss auf Schuss aus dem Rohr. Holzsplitter wirbelten von der Stallecke, Rindenstücke flogen beim Brennholzstapel auf.

Die Banditen fluchten und wichen erschrocken hinter ihre Deckung zurück. Ihre Revolver schwiegen. Tonto ließ das Henry-Gewehr sinken und lud mit ruhiger Hand das Magazin, das fünfzehn Patronen fasste, nach.

Mehrere Sekunden war es totenstill. Dann ließ sich wieder Henshaw vernehmen: „Du elender Coyote! Verlass dich darauf, wir bekommen dich schon!“

„Dann kommt doch!“, rief Tonto klirrend zurück. „Los, macht doch weiter, ihr Mördergesindel!“

„Hältst du uns für Idioten?“ Jetzt mischte sich Hohn in Henshaws Stimme. „Mein Junge, wir haben Zeit genug! Hier gibt es weit und breit keine Menschen außer dir und uns! Wozu sollten wir uns also beeilen, heh? Hast du dir schon überlegt, Freundchen, dass in einer Stunde die Sonne sinkt? Dann wird es prächtig dunkel sein, mein Junge! Dann erst kommen wir, verstehst du?“ Henshaw lachte hässlich.

„Es liegt bei dir, wie du es haben willst! Du kannst jetzt gleich herauskommen oder warten! Entwischen wirst du uns so oder so nicht!“

Tonto antwortete nicht. Draußen blieb es still. Nur die Mustangs drüben im Korral, die er und Ben Smolett in den letzten Tagen oben auf der Tonto Mesa gefangen hatten, schnaubten unruhig und stampften mit den Hufen. Das Flüstern des Windes war erstorben. Die Sonne stand nur noch wenige Handbreit über dem westlichen Horizont.

„Tonto!“, flüsterte Smolett mühsam. Eilig drehte sich Tonto um.

„Ich komme sofort, Onkel..

„Nein! Bleib, wo du bist, Tonto! Lass diese Halunken da draußen nicht aus den Augen! Jeder noch so geringe Fehler kann das Leben kosten, Tonto! Und das darf nicht sein! Hörst du, Tonto, du musst überleben! Du musst …“

Tonto spähte wachsam über den sandigen Hof. Die Abdrücke von hochhackigen Reitstiefeln zeichneten sich deutlich ab. Die Schatten wurden immer länger.

„Onkel Ben“, fragte Tonto leise, „warum sind diese Männer meine Feinde? Seit ich mich erinnern kann, lebe ich mit dir hier in den Bergen von Arizona. Wir haben Wildpferde gefangen und unten in Tucson verkauft. Die meiste Zeit des Jahres haben wir keine Menschenseele zu Gesicht bekommen. Ich frage dich, warum sind diese Banditen darauf aus, mich umzubringen, Onkel Ben?“

Smolett lag reglos auf dem Boden und starrte erschöpft zur Decke hoch. Tonto blickte zu ihm hin. Er biss sich auf die Unterlippe, als er sah, wie blutverschmiert Smoletts Hemd war. Schatten lagen unter den Augen des alten Mustangjägers.

„Ich muss dich verbinden!“, sagte Tonto rau. „Ich kann das nicht mit ansehen, wie du …“

„Nein, Tonto! Sinnlos, glaube mir doch! Du musst jetzt hart sein, hart wie nie zuvor!“

Tonto schluckte. „Und meine Frage, Onkel Ben?“

„Nenne mich nicht mehr so, mein Junge!“, raunte Smolett matt. „Ich bin nicht dein Onkel!“

 

*

 

Tonto stand sekundenlang wie versteinert. Dann wollte er den Platz neben der Fensterluke verlassen und auf Smolett zueilen.

„Bleib, wo du bist!“, krächzte Smolett. „Ich werde dir alles erzählen!“

Tonto atmete tief ein und lehnte sich an die Balken zurück. Seine Hände umkrampften den Schaft des Henry-Gewehrs. Langsam verdämmerte das Licht im Blockhaus. Die Sonne stand als glutroter Ball über der dunklen Kante der Tonto-Mesa, dieses gewaltigen Tafelberges, auf dessen von Schluchten und Tälern zerfurchtem Plateau Hunderte von Wildpferden lebten.

„Du hast schon richtig gehört, mein Junge“, sagte Ben Smolett mit einem Unterton von Bitterkeit. „Ich bin keine Spur mit dir verwandt. Zwanzig Jahre lang habe ich es dir verheimlicht. Jetzt bleibt mir wohl keine andere Wahl, als die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen. Ich hoffe, Tonto, du wirst mich verstehen!“

„Ich höre!“, murmelte Tonto heiser. Sein Herz klopfte in harten Stößen. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Die Ahnung beschlich ihn, dass etwas Großes, Überwältigendes auf ihn zukam. Von dieser Stunde an würde sein Leben in völlig anderen Bahnen verlaufen – wenn er überhaupt mit dem Leben davonkam.

Jahre hindurch hatte er an der Seite von Ben Smolett in tiefstem Frieden gelebt, abgeschieden von allem rauen Geschehen in den Städten und auf dem Weideland jenseits der Berge. Und nun lauerten da draußen drei gefährliche Mordbanditen, und hier drinnen lag ein Sterbender einige Schritte von einem toten Banditen entfernt und schickte sich an, Tontos bisherige Überzeugungen mit einem Schlag wegzufegen.

„Ich werde es kurz machen, Junge“, sagte Smolett mühsam. „Ich fürchte, mir bleibt nicht mehr viel Zeit!“ Er holte tief Atem und fuhr fort: „Dein wirklicher Name ist Jim Trafford. Ich habe dich Tonto genannt, weil deine Heimat hier am Fuß der Tonto-Mesa lag. Es liegt alles zwanzig Jahre zurück, zwanzig lange Jahre! Damals warst du vier …“ Smolett seufzte. „Und ich war noch kein Wildpferdjäger – ich war Revolvermann!“

Er drehte mühsam den Kopf, um Tontos Reaktion zu erkennen. Der junge Mann schwieg. Die Schatten, die sich im Blockhaus breitmachten, verdunkelten sein Gesicht.

„Ja“, flüsterte Smolett, und in der bleiernen Stille war jedes Wort deutlich zu verstehen.

„Ich war ein rauer Bursche damals, ziemlich schnell mit dem Eisen zur Hand und für klingende Dollars jederzeit zum Kämpfen entschlossen. Es war in Colorado, da wurde ich von einem Mann namens Elmer Monroe angeheuert. Elmer Monroe! Merk dir den Namen, Tonto. Es ist der Mann, der auch Henshaw und seine Kumpane losschickte, um dich zu töten. Irgendwie muss er herausgefunden haben, dass du noch am Leben bist …“

„Wieso? Warum sollte ich nicht …“

„Tonto, weißt du, warum ich damals vor zwanzig Jahren meinen Job aufgab und Mustangjäger wurde? Nein, du kannst es ja nicht wissen! Ich erhielt einen Auftrag, den ich nicht ausführen konnte – den schmutzigsten Auftrag, den ein Mann nur bekommen konnte! Ich sollte ein Kind ermorden, ein unschuldiges, kleines, vierjähriges Kind …“

„Du … du meinst …“

„Dich, Tonto!“, sagte Smolett dumpf. Eine Weile war es so still im Blockhaus, dass man eine Nadel hätte zu Boden fallen hören.

„Ich weiß nicht, was du am Schluss dieser Geschichte von mir denken wirst, Junge“, murmelte Smolett, „aber du sollst die Wahrheit hören, die reine Wahrheit!“

Seine Hände fielen kraftlos auf die Bodenbretter. Smolett sprach jetzt schneller, wie um jede Sekunde, die ihm noch blieb, auszunutzen.

„Elmer Monroe gab mir diesen Auftrag. Und das Kind, der kleine Jim Trafford, war der einzige Sohn von Monroes Partner. Dein Vater, Tonto, hieß Allan Trafford. Zusammen mit Monroe entdeckte er droben in Colorado, in den Elk Mountains, ein reiches Silbervorkommen. Sie gründeten eine Minengesellschaft, um das Silber abzubauen. Eine Stadt wuchs empor, Silverrock. Monroe und dein Vater hatten vollen Erfolg. Und da kam der Teufel über Elmer Monroe!“

Wieder seufzte der Sterbende.

„Dein Vater hatte das meiste Geld ins Unternehmen gesteckt und besaß deshalb die größten Anteile. Und Monroe fasste den Plan, alles für sich allein zu bekommen. Die Aussicht auf Reichtum nahm ihm alle Skrupel. Monroe warb Banditen an, die Allan Trafford, deinen Vater, durch einen angeblichen Unfall aus dem Weg räumen sollten. Du lebtest damals noch bei deiner Mutter. Sie starb, und dein Vater wollte dich zu sich nach Silverrock kommen lassen. Monroe schickte mich aus, dich abzufangen und ebenfalls durch einen vorgetäuschten Unfall …“

Smolett schluckte schwer. Er schüttelte den Kopf. Die Erinnerung an jene fernen Tage wühlte seine Miene auf.

„Monroe war damals schon ziemlich mächtig. Wenn ich einfach abgelehnt hätte, wäre das mein sicherer Tod gewesen. Also ritt ich los. Aber ich war von Anfang an entschlossen, diesen Auftrag nicht auszuführen. Ich überfiel die Kutsche, in der dich eine Bekannte deiner verstorbenen Mutter nach Silverrock bringen sollte, entführte dich – und floh! Ich floh nicht nur vor den Sheriffs und Marshals – am meisten fürchtete ich Elmer Monroe! Ich schrieb ihm, der Auftrag sei erledigt, und ließ mich nicht mehr bei ihm blicken. Ich zog mit dir hierher nach Arizona, hängte den Colt an den Nagel und fing die Arbeit als Wildpferdjäger an. Von Monroe hörte ich nichts mehr – bis heute!“

Er starrte Tonto aus brennenden Augen an.

„Er hat die Wahrheit herausgefunden, dieser Schuft. Und dass er Henshaw und seine Komplizen geschickt hat, beweist, dass er noch immer das Ruder in der Hand hält – droben in Silverrock in Colorado. Du bist Allan Traffords rechtmäßiger Erbe, dir gehört über die Hälfte von Monroes Besitz. Deshalb will er dich tot wissen. Ich wollte, du hättest nie davon erfahren. Aber jetzt …“

„Mein Vater ist also tot!“, murmelte Tonto erstickt. „Ermordet von den Banditen, die dieser Elmer Monroe gedungen hat.“

„Du musst es annehmen, mein Junge!“, bestätigte Smolett schwach.

In Tontos graugrünen Augen blitzte es.

„Aber wenn er ähnliches Glück hatte wie ich? Wenn er …“

„Die Leute, die ihn ermorden sollten, kannten keine Skrupel wie ich, das ist alles, was ich dir dazu sagen kann, mein Junge! Und bedenke, es ist zwanzig Jahre her! Wenn er noch lebte, hätte er sicher etwas gegen seinen früheren Partner unternommen!“

Das Feuer in Tontos Augen erlosch. Er ließ den Kopf sinken.

„Ich weiß, was du denkst!“, flüsterte Smolett.

„Du denkst daran, nach Colorado zu reiten, nach Silverrock.“

„Yeah!“

„Das ist es, was ich befürchtete. Deshalb habe ich zwanzig Jahre lang geschwiegen. Aber ich begreife, dass du es tun musst. Es ist nur … du musst auf die Hölle gefasst sein, Tonto! Monroe ist mächtig und schreckt vor nichts zurück!“

„Du hast mir das Reiten und Schießen beigebracht! Ich kann es besser als mancher andere Mann!“

„Yeah!“, murmelte Smolett. „Aber vergiss Henshaw da draußen nicht! Ich wollte, ich könnte dir helfen …“

Sein Kopf rollte plötzlich zur Seite.

„Ben!“, keuchte Tonto. „Onkel Ben!“

Er dachte nicht mehr daran, dass dieser Mann in Wirklichkeit nicht mit ihm verwandt war.

„Onkel Ben!“, wiederholte er lauter und rannte auf den weißhaarigen Mustangjäger zu.

Keuchend kniete er neben Smolett nieder.

Das Leben in den Augen des ehemaligen Revolvermannes war erloschen.

Etwas in Jim Trafford, den man seit seiner Kindheit Tonto nannte, zerbrach in diesem Augenblick. Heiß strömte es in seiner Kehle, und das Atmen fiel ihm plötzlich schwer.

Alles, was Ben Smolett ihm gesagt hatte, hallte in seinen Ohren nach. Was dieser Mann auch früher gewesen sein mochte, in Tontos Erinnerung würde er immer der gute, grundehrliche Mustangjäger bleiben, der stets wie ein Vater zu ihm gewesen war.

Behutsam drückte ihm Tonto die Augen zu. Als Tonto sich langsam erhob, war eine seltsame Kälte in ihm. Seine Ahnung hatte ihn nicht getrogen: Von jetzt an verlief sein Leben in neuen Bahnen! Sein Weg war ihm vorgezeichnet – er würde ihn hinauf nach Colorado führen, nach Silverrock, wo ein Mann namens Elmer Monroe lebte!

Dann wurde ihm bewusst, dass mittlerweile die Sonne hinter der Tonto-Mesa verschwunden war. Die Nacht kam mit der Schnelligkeit, die hier im Süden üblich war.

Matt funkelten die Sterne am samtschwarzen Firmament. Irgendwo in der Ferne bellte ein Wüstenfuchs.

Draußen auf dem Hof zwischen Wohnblockhaus, Stall und Korral war es stockfinster.

Nat Henshaws siegesgewisse Stimme verjagte den letzten Rest von Nachdenklichkeit aus Tontos Gehirn.

„Wirst du schon ungeduldig, Trafford Junge? Nur noch ein paar Sekunden, mein Lieber, dann sind wir bei dir!“ Die Worte gingen in raues Hohngelächter über.

Dann war es wieder still – stiller scheinbar als vorher.

Tonto dachte an jene ferne Stadt Silverrock, in der sein Vater versucht hatte, sich eine glückliche Zukunft aufzubauen. Und die Entschlossenheit, lebend aus dieser Todesfälle zu kommen, ließ das alte, kalte Leuchten wieder in seinen Augen aufsprühen …

 

*

 

Vor Sonnenaufgang desselben Tages rollte fünfhundert Meilen von der Tonto-Mesa entfernt eine rotlackierte Concord-Kutsche durch ein von bewaldeten Hängen gesäumtes Tal in den Elk Mountains von Colorado.

Neben dem schnurrbärtigen Kutscher, der die Peitsche schwang, saß ein junger schwarzhaariger Mann auf dem Bock, ein Winchester-Gewehr über die Knie gelegt. Links und rechts vom Fahrzeug ritten je zwei Männer auf hochbeinigen Pferden, hartgesichtige, kaltäugige Gestalten in staubbedeckter Reiterkleidung.

Die Ladung der Kutsche bestand aus Silberbarren im Werte von zehntausend Dollar!

Und dieses Silber stammte aus den Monroe-Minen von Silverrock.

Die sinkende Sonne zauberte einen purpurnen Lichtschimmer über die stillen Wälder. Im Westen hatte sich das Firmament in flammendes Orange gefärbt. Ein Geier zog davor seine lautlosen weiten Kreise – ein einsamer pechschwarzer Fleck.

Außer dem Knarren der Räder und dem Hufgetrappel war kein Laut zu hören. Eine düstere Staubfahne zerflatterte über der schmalen Straße, die sich kreuz und quer durch die Elk Mountains von Silverrock nach Gunnison wand.

Die Kutsche war bis auf ein Dutzend Yard an den engen Talausgang herangekommen, da begann auf einmal eine hohe Douglasfichte, die auf einem moosüberwucherten Felsvorsprung kümmerte, ästerauschend zu wanken.

Quer über der Poststraße hing plötzlich ein schwarzer schräger Strich, der im dichten Unterholz verschwand, ein gestrafftes Lasso, das um den Stamm der Douglasfichte geschlungen war. Im Unterholz raschelte und knackte es, Zweige schnellten hoch, das Lasso straffte sich bis zum Zerreißen.

Die hohe Fichte neigte sich mehr und mehr.

Der junge schwarzhaarige Mann auf dem Kutschbock sprang auf die Füße. Mit einer Hand hielt er sich an der Seitenlehne fest. Seine Stimme überschlug sich.

„Eine Falle! Die Baxter-Bande ist da! Die Baxter-Bande!“

Der schnurrbärtige Kutscher fluchte und riss an den Zügeln. Schnaubend drosselten die Gespannpferde das Tempo. Die vier hartgesichtigen Transportbegleiter rissen ihre Revolver heraus.

Vorne, in der Enge des Talausgangs, knirschte und splitterte der angesägte Fichtenstamm. Das Lasso erschlaffte jäh, und mit donnerndem Getöse stürzte der Baum vom Felsvorsprung herab und legte sich mit rauschenden Ästen quer über die Straße. Eine Wolke aus gelbem Staub schlug dem Fahrzeug entgegen.

Der vorderste Begleiter wendete sein Pferd.

„Umkehren, Tom!“, brüllte er dem Kutscher zu. „Verdammt noch einmal, kehr um, Mann, sonst erwischen sie uns!“

Der Fahrer fluchte noch lauter, stemmte sich mit beiden Füßen gegen das Trittbrett und zerrte wie verrückt an den Zügeln. Die Pferde wieherten, schlugen mit den Hufen, verstrickten sich im Geschirr.

Aus dem Unterholz links und rechts des Talausgangs stachen die ersten Mündungsflammen.

Ein Kutschenbegleiter warf aufschreiend beide Arme hoch und stürzte vom Pferd. Sporen und Stiefel seines linken Fußes verfingen sich am Steigbügel, er wurde vom davonstiebenden Pferd mitgeschleift.

Die anderen feuerten blind vor Wut ins Dickicht hinein.

Die Kutsche kam endlich herum, das ganze Gefährt wankte bedenklich. Der Fahrer schlug schwitzend und brüllend auf die Zugtiere ein. Dann traf sein Blick in das kreidebleiche Gesicht des jungen Beifahrers.

„Cleve Milburn, du verwünschter Idiot. Worauf wartest du noch? Wozu hältst du dein Gewehr in den Fäusten, heh? Du sollst endlich …“

Er brach mitten im Satz ab, seine Augen wurden weit. Jetzt, da die Kutsche gewendet hatte, sah er das Reiterrudel quer durch das Tal auf der Poststraße heranrasen. Lauter sehnige tiefgeduckte Gestalten mit Halstüchern vor den Gesichtern.

Gleichzeitig brachen hinter ihnen andere maskierte Reiter aus dem Unterholz am versperrten Talausgang.

„Großer Lord!“, ächzte der Kutscher. „Sie haben uns in der Zange! Sie haben uns fest, diese Dreckskerle! Cleve, Junge, schieß doch endlich! Menschenskind, starr mich nicht so an, du bist doch dafür da, um …“

Eine Kugel traf ihn mitten in die Stirn und schleuderte ihn vom Kutschbock.

Aufwiehernd versuchten die Gäule zur Seite auszubrechen. Ein Kugelhagel mähte die vordersten Tiere nieder. Die nachfolgenden Pferde stolperten, bäumten sich hoch – und das Fahrzeug drohte jeden Augenblick umzukippen.

Die Augen vor Schreck weit aufgerissen, hechtete der junge Cleve Milburn vom Bock.

Er überschlug sich im Gras am Straßenrand und blieb eine Weile benommen liegen.

Ringsum schien die Hölle losgebrochen zu sein!

Hufe trommelten einen rasenden Wirbel, pausenlos knatterten Revolverschüsse, gellende Schreie schallten.

Keuchend kam Milburn auf die Beine. Sein Gewehr lag vor ihm im Staub, er sah es nicht. Er taumelte und wischte sich benommen über das zerschürfte Gesicht.

Aus dem wehenden Staub brach ein reiterloses Pferd und fegte mit schlingernden Steigbügeln an ihm vorbei – ein Pferd, das einem der Transportbegleiter gehört hatte. Kugeln sirrten heran und ließen vor Cleve Milburn Sandfontänen aus der Poststraße spritzen. Der markdurchdringende Todesschrei eines Mannes vermischte sich mit den Detonationen.

Milburn schnappte nach Luft. Entsetzen verzerrte seine Miene.

Er wirbelte herum und begann, zu laufen, quer über die mit Schwertgras und niedrigem Gesträuch bewachsene Talsohle auf die bewaldeten Hänge zu.

Der Lärm hinter ihm wurde plötzlich leiser. Die Schüsse verstummten. Da waren nur noch Hufgestampfe und heisere Männerstimmen. Dürres Gras streifte Milburns Stiefelschäfte.

Er rannte immer weiter. Pfeifend blies der Atem aus seinem halboffenen Mund.

Hinter ihm, auf der Straße, rief jemand: „Hoh, da ist noch einer von den Burschen! Seht doch!“

Immer weiter hetzend, riss Milburn den Kopf herum.

Er sah das Reiterrudel bei der Kutsche. Ein Bandit hatte sich in den Steigbügeln hochgestellt und deutete zu ihm her. Ein paar dunkle Bündel lagen unweit der Reiter im Straßenstaub: die toten Begleiter des Silbertransportes.

Cleve Milburn war der einzige Überlebende. Die Angst durchströmte ihn wie Feuer.

„Los!“, schrie der Bandit, der ihn zuerst entdeckt hatte. „Los, holen wir ihn!“

Er spornte seinen Gaul an, und das Pochen der Hufe dröhnte überlaut in Milburns Ohren.

Er hielt den Blick wieder nach vorne gerichtet und rannte wie noch nie in seinem Leben. Hinter ihm schwoll das Hämmern der Hufe an. Vor seinen Augen verschwamm alles: die Sträucher, das Gras, der von hohen Tannen und Fichten bestandene Berghang, der schon so nahe war.

Ein Schuss peitschte. Die Kugel zischte an Milburns Kopf vorbei. In dem instinktiven Versuch, dem Geschoss auszuweichen, stolperte der Fliehende über eine im Gras verborgene Wurzel und schlug der Länge nach auf das Gesicht.

Sofort rollte er herum. Heiße Panik in den Augen, griff er zum Holster.

Es war leer.

Der Oberkörper des Verfolgers erschien wiegend über einer Reihe von Ginsterbüschen. Das Halstuch war vom Gesicht des Reiters gerutscht. Deutlich sah Milburn das hämische Grinsen, das die dünnen Lippen verzerrte.

Der Bandit war allein. Ohne Eile hob er abermals den Colt.

„Nein!“, brüllte Cleve Milburn. „Nein!“

Seine Stimme ging in ein Krächzen über.

Stolpernd raffte er sich hoch. Zweige peitschten ihm ins Gesicht. Eine Kugel fetzte durch das Laubwerk. Mit hart stampfenden Hufen bog das Pferd des Banditen um die Büsche.

Abwehrend streckte Milburn beide Hände aus und wich rückwärts, Schritt für Schritt.

Die Coltmündung zielte direkt auf seine Stirn.

Der Verbrecher drückte ab.

Es klickte nur metallen.

Der Bandit fluchte und trieb sein Pferd zum Galopp. In Milburns Gehirn entstand eine seltsame Leere. Er ließ sich fallen. Der Schatten des Reiters war über ihm, dann donnerten die Hufe zwischen die Sträucher hinein.

Nach Luft schnappend, raffte sich der junge Transportbegleiter hoch. Der Bandit wendete eben sein Pferd und spornte es wieder auf ihn zu. Milburn verlor keinen Sekundenbruchteil.

Ehe ihn diesmal der Desperado einholte, hatte er den Saum des Fichtenwaldes erreicht und warf sich zwischen die engen Bäume, wohin ihm der Bandit nicht folgen konnte. Das Schnauben des Gauls und die Schimpfworte des Verbrechers in den Ohren, stolperte Milburn den steilen Hang hinauf.

Überall stachen Felsen aus dem Moos und Fichtennadelteppich hervor. Verfilztes Unterholz wucherte zwischen den glatten hohen Stämmen.

Milburn erwartete, dass der Bandit zu Fuß die Verfolgung auf nehmen würde, und hielt nicht inne. Er lief, bis er nicht mehr konnte. An einen moosüberwucherten Felsen gepresst, schaute er endlich zurück. Er befand sich schon hoch am Hang, und durch eine Lücke in den dunkelgrünen Fichtenwipfeln konnte er das kleine Tal überblicken.

Sein Verfolger kehrte eben zur Poststraße zurück. Keiner der Banditen kümmerte sich noch um ihn. Sie alle waren damit beschäftigt, die Silberbarren aus der Kutsche auf ihre bereitgehaltenen Packpferde zu laden.

Bei diesem Anblick krampfte sich Cleve Milburns Magen zusammen. Er konnte keine Erleichterung darüber aufbringen, dass er den Banditen entkommen war. Nur zu gut erinnerte er sich daran, wie sehr ihnen Elmer Monroe eingeschärft hatte, diesen Silbertransport unversehrt nach Gunnison zu bringen!

Und Monroe war ein Mann, der es gewohnt war, dass seine Befehle aufs Haar genau ausgeführt wurden!

Milburn schauderte, wenn er daran dachte, jemals wieder diesem mächtigen Minenbesitzer gegenübertreten zu müssen!

Er sagte sich, dass es besser sei, nie mehr nach Silverrock zurückzukehren. Einen Schimmer von Hoffnungslosigkeit in den dunklen Augen, irrte er tiefer in den dunkelnden Wald hinein.

 

*

 

Jim Trafford, der Tonto genannt wurde, lauschte angespannt in die Finsternis hinaus. Sand mahlte leise, gleich darauf war es wieder totenstill. Die Nacht hing wie ein samtener Vorhang vor den Fenstern des Blockhauses. Irgendwo da draußen waren die drei Mörder unterwegs und kamen Yard um Yard näher an die Hütte heran.

Tonto presste die Lippen zusammen. Es hatte keinen Sinn, länger untätig zu warten. Jede Sekunde, die verstrich, steigerte die Chancen seiner Gegner. Wenn sie erst die Blockhütte erreicht hatten, sah es böse für ihn aus. Seine einzige Möglichkeit lag darin, selbst zum Handeln überzugehen!

„Heh, Trafford-Junge!“, kam von draußen Henshaws höhnischer Ruf. „Wie fühlst du dich, Hombre? Wie ein Lamm auf der Schlachtbank, was?“

Er lachte, und dieses Lachen war schon ganz nahe.

Sie wollten ihn unsicher machen, sie wollten, dass er die Nerven verlor.

Aber Tontos Miene blieb eiskalt. Seit er in Ben Smoletts gebrochene Augen geschaut hatte, seit er, fern in Colorado, ein Ziel wusste, seitdem strahlte alles an ihm eine Härte aus, die ihn älter machte, als er in Wirklichkeit war.

Er bückte sich, schnallte die Sporen ab und verstaute sie in der Hemdbrusttasche. Dann ging er lautlos durch den Raum. Er brauchte kein Licht, er kannte hier jeden Fußbreit und jeden Winkel. An einem Haken hing ein alter verwaschener Kavallerie-Mantel. Tonto hängte ihn sich um die Schultern und füllte die großen Taschen mit Munition für sein Henry-Gewehr.

Dann glitt er zur Tür und öffnete sie behutsam.

Wieder war da das Knirschen von Stiefelsohlen im Sand – er konnte die Richtung nicht feststellen. Beide Fäuste um das Gewehr gekrampft, schob er sich vorsichtig auf die Schwelle.

Henshaw und seine Gefährten hatten vergessen, dass die Dunkelheit nicht nur sie schützte! Sie dachten überhaupt nicht an die Möglichkeit, dass der junge Trafford die sichere Deckung der Blockhütte verlassen könnte.

Geduckt bewegte sich Tonto von der Tür fort auf den offenen Hof. Ein Schaben war plötzlich dicht neben ihm. Undeutlich war ein Schemen zu erkennen.

Jemand flüsterte: „Weiter, Larry, weiter! Der Kerl entwischt uns nicht!“

„Okay!“, murmelte Tonto undeutlich und glitt hastig von dem verschwommenen Schatten weg.

Dann war es wieder still, und er gewann den Eindruck, weit und breit gebe es außer ihm keinen Menschen.

Er erreichte die Mitte des Hofes und blieb stehen.

In der Nähe des Blockhauses wurde geflüstert. Ein paar Sekunden später rief Henshaw scharf:

„Trafford! Es ist aus mit dir! Mach Licht drinnen und gib auf, sonst zünden wir dir das Dach über dem Kopf an!“

Sie hatten also die Außenwände der Hütte erreicht.

Tontos Mundwinkel verkniffen sich. Breitbeinig, aufrecht und unbeweglich stand er da, den Kolben des kurzläufigen Henry-Gewehres in der Armbeuge.

„Zum Teufel!“, schrie Henshaw wütend. „Meinst du, wir bluffen nur? Larry hat einen Kanister Petroleum bei sich. Der reicht, um deine Hütte in ein paar Minuten in eine Fackel zu verwandeln. Also?“

Die Stimme des Mannes, der Ben Smolett ermordet hatte, schmerzte in Tontos Ohren. Aber er wusste, dass sein Augenblick noch nicht gekommen war, und rührte sich nicht.

Henshaw knurrte giftig: „Noch eine Minute, Trafford! Mehr gebe ich dir nicht!“

Dann war es ganz still.

Tonto wunderte sich, dass er keine Erregung verspürte – weder Furcht noch Hass. Er hatte einfach das Gefühl, dass dies alles unabänderlich war.

„Dann eben nicht!“, grollte Nat Henshaw, als die Minute vorbei war. „Larry, zeig ihm, wie groß seine Chancen noch sind! Los, Larry, heize ihm ein!“

Blech schepperte. Ein gelbes Flämmchen beleuchtete sekundenlang ein angespanntes hageres Männergesicht. Dann beschrieb das brennende Zündholz einen kurzen Bogen durch die Luft und landete im ausgegossenen Petroleum.

*

 

Mit einem dumpfen Sausen fuhr eine grelle Stichflamme an der Balkenwand empor.

Sofort fraßen sich die Flammen ins zundertrockene Holz.

„Da hast du es, Trafford-Koyote!“, schrie Henshaw.

Roter flackernder Schein zog einen weiten Kreis durch die samtschwarze Nacht.

Henshaw stand an der Blockhausecke, Larry wich eben von den züngelnden Flammen zurück, und Fess, der dritte Bandit, kauerte hinter einem leeren Fass und starrte, wie die anderen, zur offenen Blockhaustür.

„Vielen Dank für die Beleuchtung!“, sagte Tonto ruhig.

Wie von Hornissen gestochen, fuhren alle drei Banditen herum. Fess stieß einen dumpfen Schrei aus.

Henshaw krächzte: „Verdammter Kerl! Hol dich der …“

Ihre Waffen ruckten.

Tontos Gewehrlauf spie eine Mündungsflamme nach der anderen aus. Tonto stand wie aus Stein gemeißelt. Er repetierte und schoss blitzschnell, dass man kaum mit den Augen folgen konnte.

Fess taumelte gegen das leere Fass und sackte zusammen.

Larry brach, die wild lodernden Flammen hinter sich, in die Knie und kippte dann lautlos zur Seite.

Nur Henshaw war schnell genug gewesen, sich zur Seite zu werfen und Tontos Kugel auszuweichen. Sein Geschoss zischte haarscharf an Tontos Wange vorbei. Der junge Kämpfer verzog keine Miene, sein Gewehrlauf ruckte um eine Handbreit, und die Kugel schleuderte Henshaw eine Handvoll Holzsplitter ins Gesicht.

Henshaw verschwand mit einem gurgelnden Aufschrei hinter der Hausecke.

Der rote Feuerschein geisterte unheimlich über Tontos starres Gesicht. Knistern und Prasseln füllten die Luft. Funken stoben in die Schwärze der Nacht empor und regneten als Ascheteilchen auf den Hof nieder.

Die Wildpferde drängten sich ängstlich in die abgelegenste Korralecke.

Staub wolkte über die Stangenumzäunung.

„Henshaw!“, rief Tonto klirrend. „Los, Henshaw, komm und führe deine Sache zu Ende!“

Er schaute sich nicht nach Deckung um, blieb an derselben Stelle stehen und ließ den wachsamen Blick in die Runde tasten.

„Hörst du nicht, Henshaw? Wo bleibt denn deine ganze Überlegenheit?“

Das Feuer griff immer mehr um sich, leckte zum Dach empor und drang durch Fenster und Tür ins Innere des Blockhauses ein. Das Licht bildete eine rote Kuppel über dem einsam gelegenen Anwesen.

Tonto sah Henshaw in grotesken Zick-Zack-Sprüngen vom Wohnblockhaus zum Stall hinüber rennen. Tonto feuerte, und im vollsten Lauf wurde Henshaw der Hut vom Kopf gerissen. Gleich darauf war der Verbrecher hinter dem Stall verschwunden.

„Henshaw, du Mörder, du sollst kämpfen!“, schrie Tonto. Hinter dem Stall stampften Hufe. Eine Gebisskette klirrte.

„Kämpfen?“, drang Henshaws Gekrächze durch das Tosen und Prasseln des Brandes. „Bin ich verrückt? Du Teufel, wir bekommen dich schon! Monroe ist ein mächtiger Mann, und du bist ein Nichts gegen ihn, du verdammter Panther!“

Hufschlag setzte ein.

Tonto rannte los, die Lippen grimmig zusammengepresst. Als er um die Stallecke bog, sah er den Verbrecher bereits den Hang zum Senkenrand hinaufgaloppieren. Henshaw lag fast auf dem Pferdehals. Wie wild schlug er auf die Hinterhand des Tieres ein.

Sofort zog Tonto den Gewehrkolben an die Schulter hoch. Das flackernde Licht des Brandes reichte aus, ihm ein einigermaßen genaues Ziel zu bieten. Die Waffenmündung zielte genau auf Henshaws Rücken.

Dann besann sich Tonto und ließ das Gewehr sinken. Wie gemein und verkommen Nat Henshaw auch sein mochte – Tonto brachte es nicht fertig, einem Mann in den Rücken zu schießen. Und er wusste, wo er ihn wiederfinden würde: in der Minenstadt Silverrock in Colorado.

Henshaw erreichte den Senkenrand und verschwand, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen, wie von Furien gehetzt in der Nacht.

Tonto klemmte das Gewehr unter den Arm und ging auf den Hof zurück. Das Blockhaus hatte sich in eine wild lodernde Fackel verwandelt – das Grab Ben Smoletts, an dessen Seite Tonto zwanzig Jahre seines Lebens verbracht hatte.

Eine ganze Weile stand der junge Mann reglos da und starrte auf die zerstörerische Wut des Feuers. Schließlich ging er mit steifen Schritten zum Korral hinüber. Sein hochbeiniger Kentucky-Fuchs stand noch immer an den Zaun gebunden. Er rollte mit den Augen, mit denen er seinen Herrn erkannte.

Tonto nahm den alten Kavallerie-Mantel von der Schulter und schnallte ihn zur übrigen Gepäckrolle hinter dem hochbordigen Sattel fest. Dann band er den Fuchshengst los und schwang sich auf seinen Rücken.

Vom Sattel aus öffnete er das Korralgatter, und das Dutzend ungezähmter Wildpferde stob in wilder Flucht aus der Senke davon. Mit den Schenkeln, nach Indianerart, lenkte Tonto seinen Gaul zum brennenden Haus hinüber. Der Fuchs sträubte sich gegen das Feuer, aber Tonto hatte ihn eisern in der Gewalt.

Er ritt so nahe heran, dass er einen bereits brennenden Pfosten packen konnte. Mit diesem ließ er den Hengst zum Stall hinübertraben und schleuderte mit einem kräftigen Schwung das von züngelnden Flammen bedeckte Holz durch das offene Tor.

Drinnen schoss sofort eine gelbrote Lohe aus einem Strohhaufen empor.

„Vorwärts, Red Blizzard!“, raunte Tonto dem Fuchshengst zu. „Vorwärts! Hier gibt es nichts mehr, was uns noch halten könnte!“

In wiegendem Galopp fegte er den salbeibestandenen Hang hinauf. Oben schaute er nochmals zurück.

Haus und Stall brannten lichterloh. Der Korral war leer.

Bald würde die Zeit die Spuren von menschlicher Anwesenheit völlig verwischt haben. Sandstürme würden diese Senke am Fuß der Tonto-Mesa und die Überreste der verkohlten Pferdefarm unter sich begraben, und nur der Zufall mochte vielleicht eines Tages die Silberknöpfe eines alten Zaumzeugs und ein paar unbenutzte Hufeisen ans Sonnenlicht befördern.

Tonto zog sachte den Kentucky-Fuchs herum.

„Weiter, Red Blizzard, mein Freund! Weiter! Wir haben einen langen Trail vor uns!“

Und er ritt in der Richtung in die Nacht hinaus, in der Nat Henshaw vorhin geflohen war: nach Nordosten, nach Colorado …

 

*

 

Es war ein strahlend heller Tag, als Tonto seinen Fuchshengst vor dem Mietstall in Silverrock zum Stehen brachte.

Silverrock bot ein Bild wie viele andere Städte auch, die Tonto auf seinem langen Ritt von der Tonto-Mesa in Arizona hierher in die Elk Montains hinter sich gelassen hatte. Da waren die niedrigen Wohnhäuser mit den falschen herausgeputzten Fassaden, ein Saloon, ein Hotel, eine Spielhalle, die Schmiede, die Futtermittelhandlung und der Generalstore. Hölzerne Gehsteige, teilweise überdacht, verliefen zu beiden Seiten der staubigen Fahrbahn.

Die Stadt lag in einem schüsselförmigen Becken. Ringsum wuchteten die bewaldeten Hänge der Elk Mountains hoch, darüber hoben sich schroffe Felsgipfel vom Blau des Firmaments ab. Schon während Tonto ins Tal geritten war, hatte er an verschiedenen Stellen droben in den Bergen den Rauch von Schmelzöfen aufsteigen sehen.

Und von dem freien Platz vor dem Mietstall aus entdeckte er über die Dächer von Silverrock weg ein hochgelegenes Plateau mit einem Gewirr von Bretterhütten. Die Stolleneingänge wirkten von hier aus wie winzige schwarze Löcher im Steilhang des Berges. Stahl blinkte da oben, und der schwarze Qualm aus einem Schmelzofen zerwehte über grünen Fichtenwipfeln.

„Elmer Monroes Hauptquartier, da oben!“, sagte eine Stimme hinter Tonto.

Er wandte den Kopf. Ein schmächtiger alter Mann war aus dem Mietstalltor getreten. Seine Hemdsärmel waren aufgekrempelt, die von Flicken übersäte Hose wurde von zerfransten Hosenträgern gehalten.

Er schaute in die Richtung, in die Tonto eben gespäht hatte, dann fasste er den Fuchshengst an den Zügeln. „Wollen Sie ihn unterstellen?“

„Ja!“ Tonto glitt aus dem Sattel und schnallte die Gepäckrolle los.

Die fünfhundert Meilen durch Wüsten, einsame Prärien und über wild zerklüftete Gebirge waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Sein Gesicht war schmaler geworden, und auch härter. Ein wochenalter Bart bedeckte Kinn und Wangen. Seine Kleidung war über und über mit Staub gepudert.

„Für wie lange?“

„Weiß nicht! Ich zahle für zwei Tage im voraus.“

„Das macht sechs Dollar.“

„Ziemlich teuer, wie?“

Der Alte zuckte die mageren Schultern.

„Monroe macht die Preise.“

„Monroe?“

„Yeah, der Mietstall gehört ihm. Die ganze Stadt! Und sämtliche Minen da droben in den Bergen.“

Der Stallmann führte das Pferd durch das offene Tor in den Stall. Tonto schlenderte hinterher. Drinnen war es dämmerig. Es roch nach Heu, Leder und Pferdemist. Die meisten Boxen waren leer. Der Stallmann brachte den Kentucky-Fuchs in eine mit frischem Stroh aufgeschüttete Box und machte sich daran, ihn abzusatteln.

Tonto lehnte sich gegen einen kantigen Stützbalken und hakte die Daumen in seinen Revolvergurt. Er war seit dem frühen Morgen unterwegs und hatte viele Meilen über unwegsames Gebirgsgelände zurückgelegt. Aber jetzt war seine Müdigkeit verflogen. Er vergaß, dass er zuallererst ein Bad hatte nehmen wollen und dann eine tüchtige Mahlzeit. Seit der Name Monroe gefallen war, war alles wieder in ihm lebendig, was damals auf Smoletts Anwesen geschehen war.

„Ein prächtiges Tier!“, sagte der Alte, warf den Sattel über ein Rundholz und betrachtete den Hengst mit Kennermiene. Tonto hörte nicht. Nachdenklichkeit lag in seinen Augen.

„Dieser Monroe …“

„Ja? Was ist mit ihm?“ Der Stallmann musterte ihn forschend.

„Ein reicher und mächtiger Mann, wie?“

Das faltige Gesicht des Alten verfinsterte sich.

„Wollen Sie wissen, wie hoch sein Bankkonto ist und wie viele Anzüge er im Schrank hängen hat?“, knurrte er mürrisch. „Well, dann fragen Sie ihn doch selber.“

„Ich möchte etwas anderes wissen …“

„Nicht von mir!“, brummte der Alte. „Ich bin Stallmann, keine Auskunftei.“

„Und vor allem“, lächelte Tonto grimmig. „Sie arbeiten für Elmer Monroe!“

„Ja, zum Teufel!“

„Schon lange hier in Silverrock?“

„Von Anfang an! Damals standen nur drei oder vier Häuser. Lange ist das her, verdammt lange. Über zwanzig Jahre.“ Seine Miene hatte sich aufgehellt, jetzt wurde sie wieder düster. „Warum fragen Sie das alles, Fremder?“

„Weil ich annehme, dass Sie dann auch Allan Trafford gekannt haben!“

„Trafford?“ Der Stallmann starrte Tonto misstrauisch an. „Natürlich habe ich ihn gekannt.“

„Dann sagen Sie mir, was aus ihm geworden ist.“

Tontos Äußeres war völlig unbewegt, nur in seinen graugrünen Augen brannte dieses kalte Licht.

Einige Sekunden rührte sich der Stallmann nicht. Dann schob er sich ganz nahe an Tonto heran.

„Hören Sie, Mister, das gefällt mir nicht! Hat Elmer Monroe Sie geschickt, um hier herumzuspionieren?“

„Monroe kennt mich nicht – noch nicht!“ Wieder glitt dieses flüchtige grimmige Lächeln über Tontos bärtiges Gesicht.

„Zum Kuckuck! Was wollen Sie dann? Was geht Sie Allan Trafford an, heh?“

„Eine Gegenfrage: warum geben Sie mir nicht schlicht und einfach eine klare Antwort?“

„Höllenfeuer!“, schnappte der Alte. „Weil ich nicht … Ach was, ich will meine Ruhe haben, verstehen Sie? Ich weiß nichts! Ich habe keine Ahnung, was aus Allan Trafford geworden ist. Ich bin ein alter Mann, und mein Gedächtnis ist nicht mehr so gut …“

„Sie lügen!“

„Was?“, schnaufte der Alte. „Das hat noch kein Mensch zu George Rafman gesagt, Mister, ich …“

„Regen Sie sich wieder ab, Rafman!“, sagte Tonto kalt. „Hoher Blutdruck schadet in Ihrem Alter!“

Er ging, nachdem er sein Henry-Gewehr aus dem am Sattel befestigten Scabbard gezogen hatte, den Stallgang entlang zum offenen Tor. Hinter ihm klopften Rafmans Tritte auf dem festgestampften Lehmboden.

„Wohin, Fremder?“

„Zu jemand, der nicht gleich die Hosen voll hat, wenn der Name Allan Trafford fällt!“

„Mister, das sollten Sie lieber bleibenlassen!“

„Warum?“

„Weil … weil …“

„Weil es Elmer Monroe nicht gefallen könnte, was? Lassen Sie das nur meine Sorge sein, Rafman! Ihre Aufgabe steht da hinten in der Box und wartet darauf, trockengerieben und gefüttert zu werden!“

Der Stallmann schnappte hörbar nach Luft. Tonto wollte auf die Straße treten, da entdeckte er die Reiter, die am Ortseingang aufgetaucht waren. Er übersah die Szene mit einem Blick und wich geschmeidig in den Schatten des Stalles zurück.

Es waren vier Männer, alle in Weidereitertracht, obwohl es im ganzen Silverrock-Basin keine einzige Ranch gab. Aber man brauchte nur ihre außergewöhnlich tiefgehalfterten Revolver zu sehen, um zu wissen, dass sie ihr Brot nicht mit Lasso und Brenneisen verdienten.

Sie ritten zu zweien hintereinander. Zwischen den beiden vorderen Reitern taumelte ein Mann zu Fuß. Seine Handgelenke waren links und rechts an den Sätteln der Reiter festgebunden. Sein junges bleiches Gesicht war zerschrammt, staub- und schweißverschmiert. Schwarzes Haar hing ihm verklebt in die Stirn. Das Hemd war an den Schultern zerfetzt.

„Himmel! Milburn!“, ächzte Rafman neben Tonto. „Sie haben ihn also doch erwischt!“

„Wer sind denn die Leute?“, fragte Tonto leise, den Blick unverwandt auf die Reiter geheftet, die mit ihrem Gefangenen die Straße herabkamen.

„Die Reiter sind Monroes Revolvermänner. Er hat eine ganze Garde, die …“ Er stockte und warf Tonto einen argwöhnischen Blick zu.

„Weiter!“, forderte der ehemalige Mustangjäger hart.

George Rafman räusperte sich.

„Der junge Schwarzhaarige ist Cleve Milburn. Seine Schwester Sally arbeitet im Frontier-Palace als Tänzerin. Cleve bekam seinen Lohn von Monroe direkt. Er war Begleitfahrer für die Silbertransporte nach Gunnison. Vor zwei Wochen wurde so ein Transport von Baxters Bande überfallen. Alle wurden niedergemacht. Nur Cleves Leiche fand man nicht. Er blieb verschwunden, bis heute.“

„Baxters Bande? Wer ist Baxter?“

„Seit einigen Monaten tut er alles, um Elmer Monroe das Leben sauer zu machen. Er haust mit seinen Banditen irgendwo nördlich von Silverrock in den Bergen. Niemand weiß, wo. Monroes Leute waren schon ein paarmal unterwegs, um sein Versteck aufzuspüren. Jedes Mal haben sie sich blutige Köpfe geholt. Der Transport vor zwei Wochen war nicht der einzige, den diese Desperados kassiert haben.“

„Und was unternimmt der Marshal?“

„Es gibt keinen Gesetzesvertreter in Silverrock, Fremder. Der Sheriff sitzt in Gunnison, und das ist weit. Hier sorgt Monroe mit seinen Leuten für Ruhe und Ordnung. Auf seine Art!“ „Und wie ist diese?“, fragte Tonto, obwohl er sich das recht gut vorstellen konnte.

„Das werden Sie gleich zu sehen bekommen!“, murmelte Rafman gepresst und deutete mit einer Kopfbewegung auf die vier Reiter, die mit ihrem Gefangenen eben vor der Veranda des Frontier-Saloons anhielten.

 

*

 

Die Revolvermänner saßen ab. Einer band Cleve Milburn von den Pferden los, ein anderer eilte die ausgetretenen Verandastufen hinauf und verschwand im Saloon. Auf beiden Straßenseiten klappten Türen, pochten Schritte. Überall tauchten Menschen aus den Häusern auf. Gemurmel lief die Gehsteige entlang. Aber niemand dachte daran, zum Saloon herüberzukommen.

Cleve Milburns Brust hob und senkte sich unter harten Atemstößen. Mit den gefesselten Händen wischte er sich über das Gesicht.

„Hört mich doch endlich an!“, keuchte er. „Ich habe wirklich nichts mit …“

„Spar dir deinen Atem für Monroe auf, Junge!“, knurrte einer der Reiter.

Die Schwingtür knarrte. Der Revolvermann, der vorhin in den Saloon gelaufen war, erschien wieder im Freien. Hinter ihm tauchte ein großer schwer gebauter Mann in städtisch geschnittenem Tuchanzug auf der Veranda auf. Ein eckiges Kinn sprang aus dem fleischigen Gesicht vor, die Augen waren klein, hell und scharf.

Elmer Monroe nahm mit einer lässigen Handbewegung die dicke Zigarre aus dem Mund und drückte sie am Verandageländer aus. Sein Blick richtete sich auf Milburn.

„Da bist du ja endlich!“, sagte er gelassen. Aber der drohende Unterton in seinen Worten war nicht zu überhören.

In Milburns dunklen Augen flackerte es auf. Er starrte den mächtigen Minenbesitzer beschwörend an.

„Mister Monroe! Sagen Sie Ihren Leuten, sie sollen mich endlich losbinden! Ich bin …“

„Wo habt ihr ihn geschnappt?“, fragte Monroe die anderen.

Ein Mann, dessen breitflächiges Gesicht mit den engstehenden Augen und dem großen wulstlippigen Mund an einen Gorilla erinnerte, sagte heiser: „Drüben im Eagle-Canyon hat er sich verkrochen, Boss. Er behauptet, er sei nur deshalb nicht in die Stadt zurückgekommen, weil er fürchtete, Sie würden ihn zur Verantwortung ziehen.“

„Das ist wahr, Mister Monroe!“, keuchte Milburn. „Ich weiß, es war falsch von mir! Aber es ist …“

„Bindet ihn am Haltegeländer fest!“, befahl Monroe ungerührt.

Zwei Männer packten Milburn und führten Monroes Befehl aus.

Verzweifelt drehte der Gefangene den Kopf.

„Glauben Sie mir doch, Mister Monroe! Ich habe mit dem Überfall nichts zu tun!“

„So?“, dehnte Monroe. „Und du findest es gar nicht seltsam, dass ausgerechnet du als Einziger lebend davonkamst?“

„Zufall, Mister Monroe! Ich …“

„Meine Leute haben dein Gewehr gefunden!“, unterbrach ihn Elmer Monroe scharf. „Kein einziger Schuss wurde daraus abgefeuert.“

Dunkle Röte schoss Milburn ins Gesicht.

„Ich …ich …“

„Entweder bist du ein schäbiger Feigling oder ein Verräter!“, grollte Monroe. „Für beide Sorten habe ich nur eine richtige Medizin bereit! – Ernie, die Peitsche!“

Der mit Ernie Angesprochene grinste breit, ging zu seinem Pferd und nahm die zusammengerollte Bull-Peitsche vom Sattelhorn. Tiefe Stille herrschte jetzt auf der Main Street von Silverrock. Keiner der Zuschauer auf den Gehsteigen bewegte sich noch.

Milburns Augen waren weit geworden.

„Nein!“, ächzte er. „Nein, um Himmels willen, nein! Das nicht, Mister Monroe!“

Die übrigen drei Revolvermänner waren zur Seite gewichen. Breitbeinig baute sich Ernie Wilkes hinter Cleve Milburn auf, der mit dem Gesicht zur Veranda am Haltegeländer festgebunden war. Wilkes machte eine zuckende Handbewegung, und die zusammengerollte Peitschenschnur glitt schlangengleich über den gelben Sand.

„Nein!“, schrie Milburn gellend. „Mister Monroe, das dürfen Sie nicht tun! Es war doch nicht alles meine Schuld! Ja, ich bin weggelaufen! Aber wir hatten nicht die geringste Chance! Ich wollte nicht sterben – das … das ist doch kein Verbrechen!“

„Fang an, Ernie!“, befahl Monroe ungerührt.

Wilkes hob die Faust mit der Peitsche.

Da knarrte die Pendeltüre des Frontier-Palace erneut. Eine helle angespannte Stimme rief: „Nicht! Tun Sie es nicht!“

Eine junge Frau kam auf Monroe zu. Ihr schmales hübsches Gesicht mit dem etwas breiten, ausdrucksvollen Mund war blass. Furcht und Empörung vermischten sich in ihren grünen Augen. Das kupferrote Haar trug sie hochgesteckt, es schien im Sonnenlicht zu flammen. Das Kleid war aufregend tief ausgeschnitten, spannte sich eng um die Hüften und fiel, glockenförmig weiter werdend, bis zu den Knöcheln hinab.

Elmer Monroe runzelte die Stirn.

„Es wäre besser,. Sie gingen auf Ihr Zimmer zurück, Miss Milburn!“, sagte er unpersönlich.

Die junge Frau blieb dicht vor ihm stehen. Ihre vollen Brüste wogten in der Erregung.

„Ich soll so tun, als ginge mich das alles nichts an, wie?“, rief sie heftig. „Wofür halten Sie mich denn, Monroe? Der Mann, den Sie auspeitschen lassen wollen, ist mein Bruder!“

Grelle Röte färbte ihre Wangen. Monroe zuckte ungerührt die massigen Schultern.

„Sie können ihm nicht helfen, Miss Milburn! Also, seien Sie vernünftig!“

„Vielleicht verstehe ich unter Vernunft etwas anderes als Sie!“, erwiderte Sally Milburn mit bebender Stimme. „Cleve ist kein Verbrecher! Er ist jung, sehr jung – darum hat er vielleicht nicht ganz richtig gehandelt! Aber das ist kein Grund, um ihn …“

„Wollen Sie mir sagen, was ich zu tun habe?“, brummte Monroe. „Miss Milburn, verkennen Sie nur nicht die Situation!“

Die junge Frau atmete tief ein. Verzweiflung erschien für einen Moment auf ihrem angespannten Gesicht. Ihre Stimme war plötzlich herb und leise.

„Ja, ich weiß schon! Sie sind der, mächtigste Mann im Tal, der Boss! Aber ist es wirklich notwendig, Cleve auszupeitschen, um Ihre Macht nicht ins Wanken geraten zu lassen? Mister Monroe, es ist … “

„Genug jetzt!“, unterbrach er sie schroff. „Bisher habe ich versucht, Sie wie eine Lady zu behandeln! Gehen Sie jetzt endlich!“

„Nein!“

„Wenn Sie zusehen wollen, ist das Ihre Sache!“, sagte Monroe brutal. „Los, Ernie!“

Wilkes schwang die Peitsche. Die Schnur pfiff durch die Luft und landete klatschend quer über Milburns Rücken. Das Hemd fetzte auf. Ein blutiger Striemen lief über die Haut darunter. Milburn stöhnte auf.

„Monroe!“, schrie Sally Milburn. „Lassen Sie auf hören, ich bitte Sie!“

„Weiter!“, knurrte der Minenbesitzer.

Wilkes schlug erneut zu. Cleve Milburn zuckte zusammen und schrie gellend auf. Das Hemd hing jetzt in Fetzen herab. Und schon peitschte der dritte Schlag auf den bloßen Rücken nieder und hinterließ einen roten riss. Wimmernd ging Milburn in die Knie.

Wilkes schaute fragend zu Monroe hoch.

„Nur zu!“, nickte ihm dieser zu. „Ich sage dir schon, wenn du aufhören sollst!“

Wieder hob sich die Faust, die den kurzen Peitschenstiel umklammerte.

„Nein!“, gellte Sally Milburns Schrei. „Nein, nicht mehr!“ Sie eilte die Stufen hinab.

„Cleve! Ich helfe dir, Cleve! Sie sollen nicht mehr …“

Einer der anderen Revolvermänner riss sie roh zurück. Sie stolperte, stürzte und fing sich mit den Händen ab.

Eine kräftige Faust schloss sich um ihren Oberarm und zog sie behutsam in die Höhe. Dicht neben ihr sagte eine feste ruhige Männerstimme:

„Keine Sorge, Ma’am! Ihr Bruder wird die Peitsche nicht mehr zu spüren bekommen!“

Monroe und seine Leute drehten die Köpfe. Ein bärtiger junger Mann stand mit ausdruckslosem Gesicht neben Sally Milburn. Er hielt ein kurzläufiges Henry-Gewehr in der Armbeuge. Sein Blick heftete sich kalt auf Elmer Monroe.

 

*

 

Eine Weile war es ganz still. Nur Cleve Milburns Keuchen und unterdrücktes Stöhnen waren zu hören. Alle Blicke hingen wie gebannt an dem schlanken staubbedeckten Fremden.

Monroe starrte aus stechenden Augen den Mann mit dem Gewehr an.

„Wer sind Sie?“

„Man nennt mich Tonto!“, antwortete der junge Kämpfer ruhig.

Sekundenlang schien es, als atme Monroe erleichtert auf. Es war, als habe er einen anderen Namen zu hören erwartet. Tonto ahnte, welchen: Jim Trafford!

Monroes Schultern strafften sich. Sein fleischiges Gesicht wirkte selbstbewusst wie vorher.

„Ich gebe Ihnen eine einzige Chance, Fremder“, sagte er überheblich. „Verschwinden Sie sofort! Ich will Ihnen zugute halten, dass Sie die Verhältnisse in dieser Stadt nicht kennen!“

„Irrtum! Ich weiß recht gut Bescheid! Und – auf Ihre Chance verzichte ich, Monroe! Lassen Sie sofort diesen Mann losbinden!“

„Das hört sich wie ein Befehl an!“, sagte Monroe stirnrunzelnd.

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934809
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v509479
Schlagworte
letzte abrechnung silverrock

Autor

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Titel: Letzte Abrechnung in Silverrock