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Privatdetektiv Tony Cantrell #61: Aufstand der Unterwelt

2019 134 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Aufstand der Unterwelt

Copyright

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Aufstand der Unterwelt

Privatdetektiv Tony Cantrell #61

von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 134 Taschenbuchseiten.

 

Mit der Veröffentlichung einer breit gestreuten Reportage über die Unterwelt-Bosse macht sich die Zeitung Stars and Stripes unbeliebt. Nach dem ersten Mond an einer der Journalisten, erhalten die Mitarbeiter Polizeischutz. Als jedoch auch ein Polizist umgebracht und eine Reporterin entführt wird, übernehmen der Privatdetektiv Tony Cantrell und sein Team die weiteren Ermittlungen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von 

Alfred Bekker 

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Barney Goldberg hatte ausgesprochen gute Laune. Aus dem Autoradio schmetterte eine Marschband reihenweise Sousa-Stücke. Über Chicago Downtown lag der zarte Glanz milder Frühlingssonne. Und in dem offenen Sportflitzer, der links neben Barney an der Ampel wartete, lächelte ein braungebranntes blondes Girl mit atemberaubenden Mini-Shorts. Er konnte sich den Beginn eines Tages nicht angenehmer vorstellen. Und überhaupt: Barney Goldberg hatte doppelten Anlass zu guter Laune. Der Job, an dem er monatelang mitgearbeitet hatte, war erste Klasse gewesen. Aufregend, vielseitig und manchmal auch ein bisschen gefährlich. Immerhin, die Sache war eingeschlagen wie eine Bombe. Barney grinste bei diesem Gedanken.

Die Ampel sprang auf Grün. Wehmütig blickte er dem Flitzer nach, dessen Fahrerin ihm nur noch ihr hübsches blondes Haar zeigte. Gegen den Sportwagen war sein alter Chevy nicht mehr als ein müder Gaul. An der nächsten Kreuzung bog Barney nach rechts ab in die LaSalle Street. Beim zweiten Gebäude hielt er.

Ein Betonriese mit sechzig Stockwerken. Die quadratischen Fassadenfenster funkelten im Schein der Frühlingssonne.

Zwei Häuserblocks weiter fand Barney eine Parklücke. Er rangierte den Chevy an die Bordsteinkante. Der altersschwache Sechszylinder erstarb mit einem Patscher.

Als Barney Goldberg ausstieg, scherte fünfzig Yards hinter ihm ein dunkelblauer Pontiac aus der Reihe der parkenden Fahrzeuge.

Barney schlug die Tür ins Schloss.

Der Tod kam feurig rot aus mildem Sonnenlicht.

Zweimal, dreimal zuckte das Mündungslicht aus dem heruntergekurbelten Seitenfenster. Das dumpfe „Plopp“, das die Schüsse begleitete, ging im Verkehrslärm der sechsspurigen Fahrbahn unter. Das Heck des Pontiac senkte sich. Mit rasanter Beschleunigung jagte die schwere Limousine davon.

Bereits die erste Kugel hatte Barney Goldberg tödlich getroffen. Niemand bemerkte es. Vornüber schlug er neben dem Hinterreifen seines Chevys auf den Asphalt. Unter seinem Gesicht wuchs eine dunkelrote Blutlache.

Erst zehn Minuten später wurde der Tote entdeckt. Der Mann, der in den Wagen hinter dem Chevy steigen wollte, wurde wachsbleich, als sein Blick auf den verkrümmten Körper fiel.

 

 

2

Der schnittige Kajütkreuzer pflügte mit schnurrbartförmiger Bugwelle durch die hellblauen Fluten des Lake Michigan. In der schäumenden Hecksee ließen sich Möwen nieder, um geduldig auf nahrhafte Brocken zu warten, die nicht kamen.

Die Männer an Bord hatten andere Sorgen. Jack O’Reilly hatte die Windschutzscheibe des Kommandostandes nach vorn geklappt. Eine leichte Brise fächerte seinen flachsblonden Haarschopf. Die harten Fäuste des breitschultrigen Hünen hielten das Ruder mit der Sicherheit eines routinierten Seebären.

Tony Cantrell und Morton Philby beobachteten die Wasserfläche aus der rundum verglasten Kajüte. Cantrell trug das enganliegende Trikot.

„Es ist reichlich riskant, Sir“, murmelte Philby, ohne den Kopf zu wenden.

„Du siehst zu schwarz, Silk“, erwiderte der Gangsterjäger mit hintergründigem Lächeln. Er hatte die Gesichtsmaske noch nicht aufgesetzt. Um seine Augen zog sich ein Kranz winziger, kaum erkennbarer Narben. Die ständige Erinnerung an das Attentat heimtückischer Verbrecher, die glaubten, ihrem gefährlichsten Widersacher für immer das Augenlicht genommen zu haben. Nur wenige Menschen kannten das Geheimnis von Rechtsanwalt und Privatdetektiv Tony Cantrell, der in der Öffentlichkeit tatsächlich die Rolle des Blinden spielte. Er hatte seine Gründe dafür.

Philby runzelte unzufrieden die Stirn. Eine Vorliebe für seine Krawatten hatte dem schlanken Detektiv den Spitznamen „Silk“ eingetragen. „Wir hätten den Trip bei Dunkelheit machen sollen“, widersprach er, „die Sache ist es nicht wert, bei Tageslicht den Ruf der Schwarzen Maske aufs Spiel zu setzen.“

„Ich bin anderer Meinung“, konterte Cantrell ruhig, „der Ruf der Schwarzen Maske wird dadurch eher gefestigt. Erstens rechnet bei Tageslicht niemand mit mir. Außerdem ist es gerade fünf Uhr morgens, und die Sonne ist eben erst aufgegangen. Neunzig Prozent aller Bürger Chicagos horchen zu diesem Zeitpunkt noch ihre Matratzen ab. Nachts sieht es im Übrigen kaum anders aus. Eine hundertprozentige Menschenleere kann es nur geben, wenn man die Stadt evakuieren würde.“

„Zugegeben, Sir, aber …“

„Außerdem“, unterbrach ihn sein Chef, „ist die Uhrzeit für unser Vorhaben noch aus einem anderen Grund günstig. Wenn unser Freund Coughlin seine Gewohnheiten nicht geändert hat, dürfte er bestenfalls erst vor zwei oder drei Stunden nach Hause gekommen sein.“

„Okay“, seufzte Silk ergeben, „ich gebe mich geschlagen. Sie sind nicht zu belehren, Sir.“ Er sah Cantrell sekundenlang verschmitzt an.

„Alter schützt vor Torheit nicht, Silk. Vielleicht werde ich eines Tages vernünftig, um auf deinen Rat zu hören.“

Jack O’Reilly machte sich lautstark bemerkbar. „Backbord voraus!“, brüllte er aus dem Kommandostand in die Kajüte. Der Motorenlärm des dreihundert PS starken Innenborders war an seinem luftigen Standort lauter als bei Cantrell und Philby.

Zum Zeichen, dass er verstanden hatte, hob Cantrell kurz die Hand. Gemeinsam mit Philby blickte er in die angegebene Richtung, wo zwei grüne Landzungen in Sicht kamen, die sich gegenüberlagen. Zwischen den Endpunkten der beiden Halbinseln lag eine etwa dreihundert Yard breite Einfahrt, die in einen der zahlreichen Häfen am Lake Michigan führte.

Belmont Harbor. Domizil des exklusiven Chicago Yacht Club im Süden. Die nördlichen Ufer des Belmont Harbor sahen weniger aufgeräumt aus. Ein nahezu unübersehbares Gewirr von Wasserfahrzeugen aller Schattierungen erstreckte sich auf eine Gesamtfläche, die mehr als zwei Quadratmeilen ausmachte.

Und irgendwo in diesem Gewirr lag das Hausboot von Slim Coughlin.

Mit langsamer Fahrt tuckerte der Kajütkreuzer durch die Enge zwischen den spitzen Nasen der beiden Halbinseln. Wachsam beobachtete Butch die ausgedehnte Wasserfläche des natürlichen Hafenbeckens.

Die Aufbauten luxuriöser Segeljachten waren zur Linken zu erkennen. Mehrere Clubhäuser lagen am Ufer, weißgetüncht und in der Form moderner Bungalows.

Die Landzunge zur Rechten hatte eine Ausbuchtung in Richtung zum Häusermeer von Chicago City. Unmittelbar dahinter begannen die Liegeplätze der Motorboote, Segeljollen, plumpen Motorsegler und Hausboote.

Butch, so wurde der blonde Hüne O’Reilly genannt, hatte die Information mit nach Hause gebracht. Er wusste daher am besten Bescheid. In etwa kannte er den Kurs, den er einschlagen musste. Langsam legte er den Kajütkreuzer in einem langgezogenen Bogen auf Nordkurs.

Von Norden nach Süden dehnte sich die Wasserfläche von Belmont Harbor auf einer Länge von etwa einer Meile aus. Von Osten nach Westen schwankte der Abstand von Ufer zu Ufer zwischen vierhundert und sechshundert Yards.

Die Wasserfläche wirkte wie ausgestorben. Sanft dümpelten die zahllosen Boote im leichten Wellengang. Das Licht der frühen Morgensonne zauberte kleine Reflexe auf das Wasser.

Butch ließ den Kajütkreuzer im Schatten der Boote am Ostufer von Belmont Harbor entlangrauschen. Nirgends war eine Menschenseele zu sehen. Die langgezogenen Bootsstege und die einfachen Holzbaracken am Ufer waren ohne jede Betriebsamkeit.

Knapp zweihundert Yards nördlich der Ausbuchtung der Landzunge drosselte Butch den Motor, um ihn schließlich ganz abzustellen. Er brachte das Ruder in Ruhestellung und verließ seinen Posten im Kommandostand. An den Füßen trug er leichte Leinenschuhe mit dicken Gummisohlen. Mit wenigen raschen Schritten war Butch auf dem Vorderdeck. Er packte den Anker, warf ihn in die hellblauen Fluten und ließ das Nylontau durch seine Hände gleiten. Es dauerte nur wenige Sekunden. Er zurrte das Tau fest und eilte zu Cantrell und Silk in die Kajüte.

„Coughlins Quartier kann nicht mehr weit entfernt sein“, meinte der blonde Hüne etwas außer Atem.

„Gut“, nickte Team-Chef Cantrell, „auf hundert Yards mehr oder weniger kommt es ohnehin nicht an. Ich kann mich auf die Beschreibung verlassen?“

„Sicherlich, Sir.“ Butch zuckte die Achseln. „Wenn unser V-Mann mir etwas vorgeflunkert hat, wird er die längste Zeit in unserem Schutz gestanden haben.“

Die drei Männer verloren keine Zeit mehr. Spätestens in einer Stunde würde vermutlich Belmont Harbor zu erstem Leben erwachen. Und dann konnte der Einsatz der Schwarzen Maske tatsächlich riskant werden.

Mit wenigen Handgriffen lockerten Butch und Silk das Zweimann-Schlauchboot, das auf dem Achterdeck des Kajütkreuzers befestigt war. Lautlos ließen sie die Gummi-Nussschale zu Wasser. Der Gangsterjäger stieg als erster ein. Dann half er Silk, in dem winzigen Boot nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Butch reichte die beiden Paddel und ein Walkie-Talkie hinterher, das Silk mit eingefahrener Antenne vor seinen Füßen deponierte. Das tragbare Funkgerät war nur für den Notfall gedacht. Butch verfügte über ein zweites, das sich in der Kajüte befand.

Möglichst geräuschlos tauchten Silk und sein Chef die Paddel ein. Leise schob sich das Schlauchboot durch die winzigen Wellen. Die Geschwindigkeit, die die beiden Kriminalisten auf diese Weise erreichten, war naturgemäß nur gering. Dennoch waren sie innerhalb von fünf Minuten bereits einen guten Steinwurf weit vom Kajütkreuzer entfernt.

Cantrell und Philby sprachen kein Wort. Sie verständigten sich nur durch Handzeichen. Am Rand der vertäut liegenden Boote nutzten sie jede Deckung aus, die sich ihnen bei ihrer unbemerkten Annäherung an das Ziel bot.

Nach weiteren fünf Minuten kamen die ersten Hausboote in Sicht. Der Gangsterjäger legte für einen Moment das Paddel weg und streifte die schwarze Gesichtsmaske über, die bislang in seiner Brusttasche gesteckt hatte. Nur seine Augenpartie sowie Mund und Nase waren jetzt noch frei. Unmöglich, in ihm den blinden Rechtsanwalt Tony Cantrell zu erkennen.

Die Hausboote lagen wahllos verstreut zwischen Segeljollen und kleineren Motorbooten an verschiedenen Stegen. Bei einigen handelte es sich offensichtlich um Eigenbauten, kleineren Fahrzeugen, die von ihren Besitzern nur zu Wochenendausflügen oder im Urlaub benutzt wurden.

Slim Coughlins Hausboot war größer und ständig bewohnt. Der Gangsterjäger entdeckte es plötzlich in einer kleinen Bucht, die zum Land hin von dichtem grünen Buschwerk abgeschirmt wurde. Auch Silk bemerkte es fast im gleichen Augenblick.

Cantrell stellte fest, dass sie eine freie Fläche von etwa zwanzig Yards überwinden mussten, wenn sie sich Coughlins schwimmender Behausung nähern wollten. Es ließ sich nicht vermeiden. Sie mussten es riskieren.

Am Heck des Bootes war ein Ruderboot festgemacht. Der Gangsterjäger schloss daraus, dass Slim Coughlin zu Hause sein musste. Denn vom Ufer der Landzunge aus war das Hausboot nicht mit dem Wagen zu erreichen. Coughlin benutzte daher vermutlich das Boot, um vom gegenüberliegenden westlichen Ufer aus zu seiner schäbigen Wohnung zu kommen.

Das Hausboot machte einen heruntergekommenen Eindruck. Der kastenförmige Aufbau war grau gestrichen, doch der Lack blätterte bereits an verschiedenen Stellen ab. Die Fensterrahmen waren schief. Auf dem etwa zwei Quadratyard großen überdachten Achterdeck waren Wäscheleinen gezogen, an denen bunte Baumwollhemden in der Brise wehten. Auf Sauberkeit schien Coughlin immerhin etwas zu halten.

Nichts rührte sich an Bord.

Wie gebannt beobachteten Silk und der Gangsterjäger den schwimmenden Kasten, während sie sich mit vorsichtigen Paddelschlägen heranwagten.

Unbehelligt erreichten sie nach wenigen Minuten das Heck des Hausbootes.

Der Gangsterjäger nickte seinem Mitarbeiter zu. Dann packte er die hölzerne Reling des Achterdecks. Behände enterte er Coughlins Wäschetrockenplatz. Silk blieb im Schlauchboot und zog vorsichtshalber die Antenne des Walkie-Talkies heraus.

Auf dicken Kreppsohlen schlich der Gangsterjäger lautlos zu der fast farblosen Tür, die ins Innere des Hausbootes führte. Vorsichtig ergriff er die Türklinke und drückte sie langsam herunter.

Er brauchte sein Spezialwerkzeug nicht zu Hilfe zu nehmen. Die Tür war unverschlossen. Blitzschnell trat der Gangsterjäger ein und schob die Tür hinter sich ins Schloss. Er stand in einem schmalen, dunklen Korridor, in dem es nach kaltem Rauch und abgestandenem Bier roch. Links befanden sich drei Räume, rechts offenbar zwei. Der Maskierte schloss es aus der Zahl der Türen, die er erblicken konnte.

Geräuschlos setzte er seinen Weg fort. Seine ungewöhnlich scharfen Augen konnten in dem fast völlig dunklen Korridor jede Einzelheit erkennen. Seit ihm ein junger Chirurg nach dem Attentat mit einer gewagten Netzhauttransplantation das Augenlicht gerettet hatte, konnte er nicht nur wieder sehen. Er hatte zusätzlich eine Fähigkeit, die man als Nachtsichtigkeit bezeichnet.

An der zweiten Tür auf der linken Seite blieb der Gangsterjäger wie auf ein Signal stehen. Die Geräusche, die an sein Ohr drangen, waren nicht zu verkennen. Jemand schien im Schlaf gewaltige Hickorys zu zersägen.

Der Maskierte zögerte nicht lange. Wieder drückte er langsam die Türklinke herunter. Und wieder hatte er Glück. Slim Coughlin schien sich auf seinem Hausboot so sicher wie in Abrahams Schoß zu fühlen.

Der Gangsterjäger wusste, dass dies in Coughlins Fall kein Zeichen für Leichtsinn war. Der Mann galt als äußerst gefährlich. Es war kein Fall bekannt, in dem es jemand gewagt hatte, sich freiwillig mit dem eiskalten Gangster anzulegen, von dem sich die Unterwelt erzählte, dass er das war, was man einen bezahlten Killer nennt.

Mit der Rechten zog der Gangsterjäger einen seiner beiden 38er Smith and Wesson Special Revolver aus der Schulterhalfter. Mit der Linken stieß er ruckartig die Tür auf. Sie knallte krachend gegen einen Schrank.

Die Schwarze Maske machte zwei Schritte und stand mitten im Zimmer. Jetzt war auch der zweite kurzläufige Revolver in Bereitstellung.

Slim Coughlin fuhr wie angestochen von einer zerwühlten Schlafcouch hoch. Seine Rechte zuckte unter das Kopfkissen.

„Lass es bleiben, Coughlin!“, stoppte ihn der Gangsterjäger schneidend. „Ich würde mir nichts dabei denken, dir die Hand zu zerschießen.“

Coughlin sackte zurück. Er wischte sich über die Augen und kratzte mit den Fingern zwischen seiner verfilzten dunkelblonden Mähne. Sein schmales, faltiges Gesicht wirkte grau und ungesund. Die dunklen Augen waren zusammengekniffen und funkelten heimtückisch.

„Hm“, brummte Coughlin verschlafen, „muss wohl ’n Traum sein. Die Schwarze Maske in meinen heiligen Hallen – kann eigentlich nicht sein.“

Der Gangsterjäger wusste, dass Coughlin ihn täuschen, seine Aufmerksamkeit ablenken wollte. Jede Muskelfaser in ihm war auf einen Angriff vorbereitet.

Die Schwarze Maske hatte sich nicht getäuscht.

Slim Coughlin wirbelte los wie ein Mini-Tornado. Seine Bettdecke flog dorthin, wo sich vor einem Sekundenbruchteil noch die Schwarze Maske in sein Blickfeld geschoben hatte. Er selbst rollte blitzschnell zur anderen Seite von seiner Bettcouch. Aus dieser Deckung heraus wagte er erneut den Griff unter das Kopfkissen.

Coughlin hatte den geschickten Sidestep seines Besuchers nicht mitbekommen. Als seine Finger auf den kalten Stahl seiner Beretta trafen, zuckte im gleichen Moment ein wilder Schmerz durch sein Handgelenk bis hinauf in die Schulter. Coughlin schrie auf und wich zurück.

Der Gangsterjäger fegte mit dem Knauf seines Revolvers das Kopfkissen zur Seite. Den linken Revolver steckte er in die Schulterhalfter. Dann packte er die Beretta und warf sie kaltblütig durch das Fenster, dessen ungeputzte Scheiben in tausend Scherben zersprangen. Draußen klatschte die Pistole ins Wasser.

Slim Coughlin gab es neuen Auftrieb. Wutschnaubend sprang er auf und stürmte auf den Maskierten los. Die drohende Mündung des 38ers schien ihn nicht zu interessieren. „Dir reiß ich den Kopf ab!“, brüllte er und machte einen Satz auf seinen unheimlichen Gegner, der gelassen auswich und ihm mit einem knallharten Fußtritt die Beine unter dem Körper weg hieb.

Coughlin ging klanglos zu Boden. Erst als sein Gesicht auf das scharfkantige Leder seiner ausgezogenen Schuhe prallte, entrang sich ein Schmerzensschrei seiner Kehle. Sekundenlang rührte Coughlin keinen Finger. Fast schien es, als hätte er das Bewusstsein verloren.

Der Gangsterjäger steckte auch den zweiten Revolver wieder ein. Viel erwartete er nicht mehr von Coughlin. Ein paar hinterhältige Tricks vielleicht. Aber die waren leicht zu vermasseln, wenn man von vornherein darauf gefasst war.

Vorsichtig näherte sich der Maskierte dem scheinbar Bewusstlosen. Coughlin rührte sich noch immer nicht. Er wartete auf seine Chance. Und er ahnte nicht, dass ihm sein Gegner diese Chance absichtlich gab, um ihn aus der Reserve zu locken.

Als Coughlin die Hand an seinem Rücken spürte, die ihn herumdrehen wollte, reagierte er. Sein Körper zuckte zusammen, wollte wie von einer Feder abgeschnellt zur Seite schießen, um dann das Überraschungsmoment zu nutzen und den Maskierten zu überwältigen.

Nur der Gedanke daran blieb Coughlin. Er kam zehn Inches hoch, dann fällte ihn ein Handkantenhieb, der ihn sekundenlang lähmte. Coughlin fiel auf die Seite. Seine aufgerissenen Augen starrten auf die schwarzen Schuhe mit den dicken Kreppsohlen.

Cantrell hatte wenig Freude daran, den Gangster auf diese Weise gefügig zu machen. Doch er wusste, dass er Coughlin anders nicht kleinkriegen konnte. Der Mann musste seelisch zermürbt werden, musste den Glauben an seine kämpferischen Fähigkeiten verlieren, wenn man überhaupt ein Wort aus ihm herausholen wollte.

Mit beiden Fäusten packte der Maskierte den Gangster am Hemd und zog ihn in die Höhe. Coughlins Gesicht war dicht vor dem seinen. „Du bist ein verdammt kleines Licht, Slim Coughlin!“, zischte er gefährlich leise. „Ich würde dich wie einen Wurm zertreten, wenn es darauf ankäme.“

„Warum tust du es dann nicht?“, ächzte Coughlin schmerzerfüllt. „Worauf wartest du noch?“

„Ich habe Zeit. Vorher möchte ich mit dir über einige Dinge plaudern.“

Slim Coughlin schien ein Stichwort bekommen zu haben. Plötzlich kam Bewegung in ihn. Er wand sich im Griff seines Gegners. Der Maskierte musste einen Tritt gegen das linke Schienbein hinnehmen. Er verkniff sich den Schmerz und feuerte reaktionsschnell zwei Ohrfeigen ab, die es in sich hatten.

Coughlins Schädel wurde hin und her gerissen. Seine Wangen färbten sich unter der Wucht der Schläge glühend rot. Im nächsten Moment spürte er einen Dampfhammer, der ihm vor die Brust klopfte und ihn gegen die Holzwand katapultierte. Kraftlos und mit schmerzverzerrtem Gesicht sank Coughlin. in sich zusammen. Vor seinen Augen tanzten tausend feurige Sterne.

„Ich denke, damit hätten wir eine brauchbare Verhandlungsbasis geschaffen“, stellte der Gangsterjäger ruhig fest. Breitbeinig und drohend stand er vor dem Häufchen Elend, das in der Unterwelt als gefürchteter Killer galt.

„Was willst du, zum Teufel!“, wimmerte Coughlin, der sich nicht mehr bezwingen und seine Schmerzen unterdrücken konnte.

„Nicht viel“, erwiderte der Maskierte knapp, „ich will nicht mehr wissen als den Namen deines derzeitigen Arbeitgebers.“

„Spaßvogel!“, ächzte Coughlin, „du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich dir den verrate!“

„Du wirst es mir sagen, Slim Coughlin. Du stehst so oder so auf meiner Liste. Machst du auch nur den geringsten Schnitzer, bist du geliefert. Und glaub mir, ich werde verdammt gut auf jeden deiner Schritte aufpassen!“

Die Schmerzen standen immer noch überdeutlich in Coughlins Gesicht. Er dachte nicht mehr an eine Gegenwehr. Instinktiv hatte er erkannt, dass er der Schwarzen Maske, die er bislang nur vom Hörensagen gekannt hatte, einfach nicht gewachsen war. „Woher willst du wissen, dass ich ’nen Job habe?“, stöhnte er gequält. „Kein Wort davon ist wahr.“

„Ich bin über ziemlich viel unterrichtet, was in deinen Kreisen vor sich geht, Coughlin. Und meine Informationen sind noch stets brauchbar gewesen. Also, heraus mit der Sprache!“

„Von mir erfährst du nichts, verdammter Schnüffler! Und wenn du mich totschlägst, kein Sterbenswörtchen wirst du von mir hören.“

Der Gangsterjäger nickte. „Danke“, meinte er mit freundlichem Lächeln. „Das genügt, Coughlin. Mehr wollte ich nicht wissen.“ Er wandte sich ab, um zu gehen.

Slim Coughlin erwachte plötzlich zu neuem Leben. „He! Moment mal!“, schrie er. „Was soll das heißen? Ich hab doch überhaupt nichts gesagt!“

„Mir genügt es, Coughlin.“ Der Maskierte lächelte immer noch.

Der Gangster wurde sichtlich nervös. Er biss sich auf die Lippen. Deutlich war zu erkennen, wie er überlegte. War ihm ein unbeabsichtigtes Wort herausgerutscht? Zum Teufel, er wusste es nicht. Sein Schädel schmerzte ihn zu sehr. Dieser Maskierte trieb ihn zum Wahnsinn mit seinem überheblichen Grinsen!

Statt die Tür zu öffnen, machte die Schwarze Maske plötzlich zwei rasche Schritte auf Coughlin zu. Der Gangster wollte zurückweichen. Er kam nicht mehr dazu. Ein millimetergenau berechneter Karatehieb schickte ihn ins Land der Träume. Die Bewusstlosigkeit würde etwa zehn Minuten dauern.

Cantrell wusste es. „Sorry, Coughlin“, murmelte er, „leider ging es nicht anders. Es ist nämlich schon hell, und du hättest mir nachspionieren können.“

Wie ein Schatten, huschte der Gangsterjäger aus dem Zimmer. Silk schob beruhigt die Antenne wieder in das Walkie-Talkie, als sein Chef erschien.

Den Rückweg legten sie mit rascherem Paddelschlag zurück. Genau sieben Minuten brauchten sie bis zum Kajütkreuzer, auf dem Butch bereits in wachsender Nervosität seine achte Zigarette rauchte.

Auf dem Rückweg zum Segelhafen, wo Butch den Kajütkreuzer geliehen hatte, tauschte Cantrell sein Kostüm gegen den bequemen grauen Tweedanzug und die dunkle Hornbrille aus.

 

 

3

Die LaSalle Street glich einem Hexenkessel. Hundert Yards vor der Ecke Jackson Boulevard hatten uniformierte Beamte der City Police ein etwa quadratisches Terrain abgeriegelt. Die Cops, die sich zu einer Kette eingehakt hatten, konnten die Menschenmassen nur mit Mühe zurückhalten.

Eine knappe Viertelstunde nach der Entdeckung des heimtückischen Mordes war die zuständige Mordkommission unter Leitung von Lieutenant Harry Rollins am Tatort eingetroffen.

Das kastenförmige Spezialfahrzeug mit den Gerätschaften der Spurensicherungsexperten war kurzerhand auf den Bürgersteig gefahren, um dort Platz zu schaffen. Zwei Streifenwagen der City Police parkten mit rotierendem Rotlicht auf der äußersten rechten Fahrspur der LaSalle Street in Höhe von Barney Goldbergs Chevy. Vier Verkehrscops waren eingesetzt, um den Fahrzeugstrom über die verbleibenden Fahrspuren zügig am Schauplatz des blutigen Geschehens vorbeizuleiten.

Um die Streifenwagen herum, bis auf den Bürgersteig hinter den Kastenwagen, hatten die Beamten der City Police ihre Absperrung aufgebaut, die sie nur mit Mühe halten konnten. Innerhalb der Absperrung waren die Beamten der Mordkommission fieberhaft bei der Arbeit.

Diese Arbeit, die zu tragisch war, um jemals zur Routine zu werden, wurde durch die Neugierigen erschwert.

Die Stimmung der Leute näherte sich dem Siedepunkt. Immer häufiger wurde das aufgeregte Gemurmel der Menschenmassen durch wütende Zwischenrufe übertönt.

„Zurück in die dreißiger Jahre!“, grölte jemand.

„Al Capone lebt!“, fiel ein anderer ein. Einen Augenblick herrschte Stille.

„Wozu sind die Cops eigentlich da!“, schrie plötzlich eine Frau in schrillem Diskant. Beifallsrufe gaben ihr Auftrieb. „Unsere Steuergelder können sie verplempern. Und der Erfolg? Man ist seines Lebens nicht mehr sicher! Nicht einmal am hellen Tag auf offener Straße!“

Die Menge steigerte sich zu einem erregten Gebrüll, dessen Durcheinander kaum noch zu verstehen war. Für die Beamten an der Absperrung wurde die Lage zusehends kritischer.

Lieutenant Rollins steigerte das Arbeitstempo seiner Leute mit knappen Anweisungen.

Der Fotograf hatte seine letzten Aufnahmen geschossen. Die Position der Leiche war mit Kreidestrichen auf dem Asphalt markiert worden. Der Arzt beugte sich noch einmal über den Toten, dann ließ er ihn mit einem weißen Laken zudecken.

Er trat an Rollins heran. „Meinetwegen kann er weg, Lieutenant.“

Rollins nickte. Er war nervös. „In Ordnung, Doc. Ich möchte wissen, wo der Leichenwagen bleibt. Er hätte schon vor fünf Minuten hier sein müssen.“

Der Polizeiarzt deutete vielsagend auf den Fahrzeugstrom, der sich an ihnen vorbeischob. „Bei diesem Verkehr? Wir sind mitten in der Rushhour. Da hilft selbst das Rotlicht nur wenig.“

Rollins zuckte die Achseln. Natürlich hatte der Doc recht. Aber in dieser Situation konnten selbst dem vernünftigsten Mann die Nerven durchgehen.

Die Spurensicherer nahmen jeden Inch in der Umgebung des Chevy unter die Lupe. Obwohl jeder von ihnen ahnte, dass die Arbeit wenig Erfolg bringen würde, musste sie erledigt werden. Mit der gewohnten Sorgfalt, die schon so manches Mal wertvolle Hinweise erbracht hatte.

Doch es war völlig eindeutig, dass Goldberg von einem vorbeifahrenden Wagen aus erschossen worden war. Der Arzt hatte es an den Einschüssen in seinem Körper mit ziemlicher Sicherheit feststellen können. Weitere Einzelheiten musste die Obduktion ergeben.

Der Leichenwagen kam mit heulender Sirene und zuckendem Rotlicht in Sicht. Minutenlang verstummte das wütende Stimmengewirr der Zuschauer. Barney Goldbergs Leiche wurde in einen Sarg gelegt und in Sekundenschnelle verladen. Wenige Augenblicke später brauste der Leichenwagen los.

Der Hauptanziehungspunkt für die Schaulustigen war von der Bildfläche verschwunden. Allmählich begannen sich die Menschenmassen zu lichten. Die Proteststimmen wurden kläglicher und wichen nach und nach einem undeutlichen Gemurmel, das merklich leiser wurde.

Lieutenant Rollins atmete auf. Auch die Beamten an der Absperrung konnten Luft holen.

Bis auf den Mann, der die Leiche entdeckt hatte, gab es keine Zeugen. Jedenfalls hatte sich niemand gemeldet.

Die Personalien waren anhand von Goldbergs Papieren festgestellt worden. Beim Eintreffen der Mordkommission waren Barney Goldbergs Kollegen bereits zur Stelle gewesen. Sie hatten kaum ein Wort hervorgebracht, als Rollins sie gebeten hatte, zurück in ihr Büro zu gehen und dort auf ihn zu warten. Sie hatten eingesehen, dass es so sein musste. Goldberg konnten sie ohnehin nicht mehr helfen.

Die Spurensicherer packten ihre Geräte ein. Sie hatten getan, was sie konnten. Rollins hatte ein flaues Gefühl in der Magengegend. Es war einer jener Fälle, in denen man von vornherein ahnte, dass kaum Aussicht bestand, den oder die Mörder jemals zu erwischen.

In seine Gedankengänge platzte erneutes Sirenengeheul. Ein dritter Streifenwagen der City Police bahnte sich mit Rotlicht seinen Weg zu der Stelle, an der vor etwa einer halben Stunde Barney Goldberg gestorben war.

District Attorney Richard Snyder und Captain Horatio McConnors, Polizeichef von Chicago City, kletterten aus dem Fond des Wagens. Snyder war schlank und hochgewachsen, das Auffälligste an ihm war eine dicke Hornbrille. McConnors’ kantiger Schädel mit dem eisgrauen Stoppelhaar, sein buschiger Schnurrbart und die dichten Augenbrauen verliehen ihm ein bärbeißiges Aussehen. Wer ihn kannte, wusste, dass dieser Eindruck nur äußerlich war.

Die beiden Männer begrüßten den Leiter der Mordkommission. Wortlos sahen sie sich um. Rollins gab ihnen im Telegrammstil die wichtigsten Informationen.

„Drei Kugeln“, wiederholte McConnors stirnrunzelnd. Mechanisch schob er sich eine seiner berüchtigten Zehn-Cent-Zigarren zwischen die Lippen. In geschlossenen Räumen ließ der Gestank des Krauts alle Anwesenden nach kurzer Zeit flüchten. Jetzt verfinsterte der schweflig-gelbe Qualm die Frühlingssonne.

„Wir werden bald wissen, mit welcher Art Waffe der Mann erschossen wurde“, meinte Snyder.

„Mit Sicherheit war es keine Maschinenpistole“, brummte McConnors, „bei nur drei Kugeln …“

„Sie haben vermutlich recht, Sir“, nickte Rollins, „die Schüsse waren sehr gut gezielt. Weitere Einschüsse fanden sich nicht. Weder in dem Chevy noch sonst irgendwo in der Umgebung.“

„Wahrscheinlich hat der Killer einen Schalldämpfer benutzt.“ McConnors sog nachdenklich an seiner Kraut-Zigarre.

„Das würde erklären, warum sich keine Tatzeugen gemeldet haben“, bestätigte Lieutenant Rollins.

„Wenn der oder die Killer eine Maschinenpistole oder ein Schnellfeuergewehr benutzt hätten“, folgerte Snyder, „dann hätte es durch die Knallerei sofort einen Menschenauflauf gegeben. Möglich ist allerdings auch, dass von einem der gegenüberliegenden Häuser aus geschossen wurde.“

„Der Doc meint nein“, widersprach Rollins, „er will die Einschusswinkel noch genau prüfen. Aber nach dem, was er an Ort und Stelle feststellen konnte, schließt er darauf, dass die Schüsse beinahe waagerecht und aus allernächster Nähe kamen.“

„Okay“, meinte McConnors, „das lässt sich alles rekonstruieren. Aber wie sieht es mit dem Motiv aus? Was für ein Mann war der Ermordete? Welchen Beruf hatte er, wo wollte er hin? Und so weiter.“

Er blickte Rollins fragend an.

„Kommen Sie“, bat der Lieutenant, „Sie werden es gleich erfahren.“ Wortlos ging er voraus. Snyder und McConnors folgten ihm erstaunt. Die Absperrung war inzwischen aufgelöst worden. Die Zuschauermassen hatten sich fast vollständig verflüchtigt.

Lieutenant Rollins führte seine Begleiter zu dem Wolkenkratzer, der direkt neben dem etwa gleich hohen Eckgebäude stand. Sie betraten die Eingangshalle und enterten den Lift. Draußen fuhren die Fahrzeuge der City Police ab. Lediglich ein Streifenwagen blieb stehen, der in eine Parklücke rangierte, um auf McConnors, Snyder und Rollins zu warten.

Rollins drückte den Knopf für das zwanzigste Stockwerk. Er deutete auf das Schild, das Aufschluss über die einzelnen Firmen gab, die sich in den verschiedenen Etagen des Bürogebäudes befanden. „Die Zeitschrift Stars and Stripes ist Ihnen vermutlich ein Begriff“, erklärte er, während sie im Expresstempo hinauf fuhren. „In diesem Haus befindet sich die Chicagoer Redaktion. Die Zentrale des Verlages ist in New York, aber in allen größeren Städten der Vereinigten Staaten werden Außenredaktionen unterhalten. Barney Goldberg war Reporter. Er bezog bei Stars and Stripes ein festes Gehalt!“

„Moment mal!“, platzte es Richard Snyder über die Lippen. „Stars und Stripes? Das ist doch die Illustrierte, die jetzt diese Reportage veröffentlicht hat…“

„Natürlich!“, fiel ihm McConnors ins Wort. „Vorgestern erschienen. Meine Sekretärin hat es mir gleich auf den Schreibtisch gepackt. Knallharte Geschichte. Wie war noch der Titel – äh …“

„Die heimlichen Bosse von Chicago“, klärte ihn Snyder trocken auf, „es ist eine Serie. Was vorgestern erschienen ist, war die erste Folge.“

„Richtig!“, echoten Snyder und McConnors fast gleichzeitig.

Sie kamen nicht mehr dazu, den Wortwechsel fortzusetzen. Die Fahrstuhlkabine stoppte sanft im zwanzigsten Stockwerk. Sie stiegen aus. Rollins ging voran. Links befand sich die Anmeldung der Redaktion. In einem Glaskasten saß ein bebrilltes Girl, das einen völlig verstörten Eindruck machte. Beinahe erschrocken verließ sie ihren Platz, als Rollins ihr seine Dienstmarke hingehalten hatte. Das Girl öffnete die Tür und ließ die drei Beamten eintreten.

„Hier entlang“, bat sie leise und deutete auf eine gepolsterte Tür, die am Ende des kurzen Korridors lag. Sie öffnete und ließ die Männer eintreten.

Sie kamen in einen rechteckigen Raum, der offenbar für Konferenzen diente. Um einen langen Marmortisch waren insgesamt zehn Stühle mit Lederpolster gruppiert.

„Einen Augenblick bitte“, hauchte das Empfangsgirl und verschwand durch eine Mattglas-Schiebetür in einem Nebenraum.

Es dauerte keine halbe Minute. Die Schiebetür wurde erneut geöffnet, und die ganze Mannschaft drängte sich herein. Vorweg ein zur Fülligkeit neigender Mittvierziger mit markantem Hakennasenprofil, spärlichem Haarwuchs und randloser Brille.

„Melloway“, stellte er sich vor, „Saul Melloway.“ Er brauchte nichts hinzuzufügen. Seine Stimme war leise und bedrückt. Trotzdem war herauszuhören, dass er der Boss in diesem Laden war.

McConnors, Snyder und Rollins nannten. ihre Namen. Melloway schüttelte ihnen spontan die Hand.

„Bitte nehmen Sie Platz, Gentlemen“, bat er und deutete auf die Ledergepolsterten.

Nacheinander stellte er seine Mitarbeiter vor. Susan Morales war die einzige Frau. Sie hatte einen leicht südländischen Teint und kurzgeschnittenes schwarzes Haar. Ihr knappsitzendes auberginefarbenes Kostüm bewies, dass sie über Idealmaße verfügte. Der Rock bedeckte die Knie.

Chuck Hendricks, ein Sechs-Fuß-Mann mit strohblondem Crew Cut, war Chefreporter der kleinen Truppe. Er neigte zu Sommersprossen, die ihn jungenhaft erscheinen ließen. Earl Sanders war dunkelblond, athletisch gebaut und breitschultrig. Man sah ihm an, dass er Sportler war. Simon Ferrer, der Fotograf der Mannschaft, wirkte leicht gedrungen. Ein unverkennbarer Bauchansatz verstärkte diesen Eindruck. In seinem runden Gesicht mit den braunen Augen lag etwas, das ihn sympathisch machte.

„Unsere ersten Ermittlungen haben in etwa Aufschluss darüber gebracht, wie ihr Kollege ermordet wurde“, informierte Harry Rollins das Redaktionsteam. „Letzte Sicherheit werden wir haben, wenn der Obduktionsbefund vorliegt.“ In knappen Zügen erläuterte er die Feststellungen der Mordkommission.

„Vielen Dank“, sagte Melloway leise, nachdem der Lieutenant geendet hatte. „Es war für uns alle ein Schock. Unfassbar. Es ist einfach nicht zu begreifen …“ Er schüttelte fassungslos den Kopf.

„Für mich ist die Sache klar“, meldete sich Chuck Hendricks erregt zu Wort. Er blickte die beiden Polizeibeamten und den Attorney beschwörend an. „Sie wissen von unserer ersten Veröffentlichung über Chicagos Unterwelt, Gentlemen. Barney Goldberg hat maßgeblich daran mitgearbeitet. Wie wir alle. Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass es eine der sensationellsten Veröffentlichungen seit Jahren ist.“

„Kann man wohl sagen“, nickte McConnors zustimmend.

„Genau“, bekräftigte Hendricks eifrig, „was wir ausgegraben haben, ist geeignet, Chicagos Syndikatsbossen schlaflose Nächte zu bereiten. Es liegt doch auf der Hand, Gentlemen: Die Gangster fürchten um ihre Sicherheit. Deshalb haben sie uns einen Warnschuss vor den Bug gesetzt.“

„Dieser Warnschuss, wie du es nennst, hat immerhin Barney Goldbergs Leben gefordert“, stöhnte Saul Melloway. Er wandte sich an die drei Beamten. „Wissen Sie, wenn Chuck recht hat, dann können wir keinen Schritt mehr tun, ohne um unser Leben fürchten zu müssen.“

„Warum haben Sie nicht vorher daran gedacht?“, fragte Richard Snyder knapp.

Melloway blickte ihn überrascht an. „Sie meinen, vor der Veröffentlichung?“

„Richtig.“

„Nun, äh – um ehrlich zu sein, also …“ Melloway wand sich in Verlegenheit und fand keinen rechten Anfang.

„Reden wir nicht drum herum“, unterbrach ihn Earl Sanders heftig, „wozu sollen wir uns etwas vormachen? Wir haben die Sache auf die leichte Schulter genommen. Wir wollten ganz Chicago damit überraschen, auch die Polizei. Es sollte wie eine Bombe einschlagen. Ist es ja auch. Daran gibt es für mich keinen Zweifel.“

„Eine verdammt harte Selbstbeschuldigung“, knurrte Melloway grimmig.

„Stimmt’s denn etwa nicht?“, schrie Sanders mit rotem Kopf.

„Seid doch vernünftig!“, bat Susan Morales, die bislang geschwiegen hatte. „Es hat keinen Zweck, wenn wir uns gegenseitig Vorwürfe machen. Deshalb wird Barney nicht wieder lebendig.“

„Phrasendrescherei“, murmelte Sanders wenig galant. Er senkte beleidigt den Kopf.

„Na und?“, konterte Susan forsch. „Manchmal sind Phrasen durchaus angebracht!“

„Hören Sie auf, sich gegenseitig verrückt zu machen“, fuhr Captain McConnors väterlich dazwischen. „Uns geht es jetzt um zwei Dinge: Erstens, den Mord an Barney Goldberg aufzuklären, und zweitens, Sie vor möglichen weiteren Anschlägen zu schützen, was nach den Vermutungen von Mr. Sanders durchaus begründet erscheint. Dazu habe ich noch eine Bitte.“ McConnors sah jetzt Melloway, den Redaktionschef, an. „Schildern Sie uns in kurzen Zügen, welche Fakten im ersten Teil Ihrer Reportagen-Serie bereits genannt wurden, und was in den weiteren Fortsetzungen folgen soll. Sie werden verstehen, dass wir den Text nicht mehr genau im Kopf haben.“

„Selbstverständlich, Sir“, ergriff Melloway das Wort, „am besten gibt Ihnen Chuck Hendricks dazu ein paar Erläuterungen. Er hat das Reportage-Team geleitet, zu dem die Anwesenden gehörten – und Barney Goldberg.“

„Okay“, begann Hendricks gedehnt, „wir haben fast ein halbes Jahr an der Story gearbeitet. Auf eigene Faust. Ohne jede Unterstützung. Aber es hat sich gelohnt. Wir brauchten eine Menge Informanten dazu, die wir mit einiger Mühe auch bekommen haben. Unser Verlag ist zum Glück in finanzieller Hinsicht nicht kleinlich. Es ist so“, Hendricks grinste, „mit kriminalistischen Ermittlungen sind unsere Recherchen natürlich nicht zu vergleichen. Wir konnten unseren Informanten zusichern, dass wir ihre Namen niemals preisgeben werden. Es ist uns gelungen, ein paar Leute aufzutreiben, die den Mut hatten, den Mund aufzumachen. Wenn auch zum Teil nur andeutungsweise. Aber immerhin. Was uns fehlte, haben wir uns durch eigene Aufenthalte in der Unterwelt herangeholt. Es war nicht immer ganz ungefährlich, zugegeben. Aber wir haben es geschafft. Nun, ich will es kurz machen. Der erste Teil unserer Reportage, der jetzt erschienen ist, schildert ganz allgemein die Arbeit der Gangstersyndikate. In erster Linie, was den Rauschgifthandel, die Prostitution und die sogenannten Schutzorganisationen anbetrifft. Wir haben einen Kneipenbesitzer an Land gezogen, der von solch einer Organisation kontrolliert wird und regelmäßig seine Abgaben zahlen muss.“

„Wer ist der Mann?“, wollte McConnors wissen.

„Sorry, Sir.“ Hendricks zuckte die Achseln. „Sie kennen das Pressegesetz. Wir haben uns verpflichtet, seinen Namen nicht preiszugeben. Niemandem. Auch der Polizei nicht. Okay, in dem ersten Teil der Reportage haben wir also angekündigt, dass wir in den nächsten Fortsetzungen mit konkreten Fakten und auch Namen von Syndikatsbossen aufwarten werden. Wir haben geschildert, welche Nachforschungen wir angestellt haben. Unsere Angaben waren so gewählt, dass mit Sicherheit einige der Bosse schlagartig nervös geworden sind.“ Deutlich war aus Hendricks’ Worten zu hören, wie stolz er auf die geleistete Arbeit war.

Sekundenlang herrschte betretenes Schweigen im Konferenzzimmer der Illustrierten-Redaktion.

„Sie hätten sich vorher mit uns in Verbindung setzen sollen“, meinte der Attorney schließlich. „Diesen Vorwurf kann ich Ihnen nicht ersparen.“

Susan Morales war die einzige, die eine Antwort wusste. „Sie mögen recht haben, Mr. Snyder. Und Sie können sicher sein, dass wir uns alle am Tod von Barney mitschuldig fühlen. Aber das Geschehene kann nun einmal nicht mehr rückgängig gemacht werden.“

„So war es nicht gemeint“, lenkte Snyder ein, „für zukünftige Fälle sollten Sie an meine Worte denken. Sie können uns glauben, dass wir die Gepflogenheiten der Unterwelt aus jahrelanger Erfahrung kennen.“

„Lassen wir es dabei bewenden“, schlug McConnors vor. Er erhob sich. „Sie werden im Laufe des Tages noch telefonisch von uns hören.“

Sie verabschiedeten sich und fuhren mit dem Lift bis ins Erdgeschoss. Auf der Straße wartete der Streifenwagen.

„Zum Headquarters, Sir?“, erkundigte sich der Fahrer bei McConnors, der auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte.

„Nein.“ Der Captain schüttelte den Kopf. „Fahren Sie nach Western Springs, Clinton Street.“

 

 

4

Tony Cantrell hielt sich erst seit zehn Minuten wieder in seinem Bungalow auf, als die drei Beamten, mit denen er seit Jahren zusammenarbeitete, bei ihm klingelten.

Carol, Cantrells blonde Frau, öffnete den Besuchern und führte sie in das Arbeitszimmer des renommierten Anwalts, der gemeinsam mit Butch und Silk über der Auswertung des gerade beendeten Einsatzes brütete.

Als Cantrell die Gewittermienen seiner Besucher sah, wusste er sofort, in welcher Richtung er ihr Anliegen zu suchen hatte. Er bot ihnen die voluminösen Sessel seines Arbeitszimmers an und wartete gespannt auf den Bericht.

Lieutenant Rollins übernahm es, Cantrell und seine beiden Mitarbeiter mit den notwendigen Informationen zu versorgen. Er brauchte eine volle Zigarettenlänge für seine inhaltsschwere Ansprache. Es ließ sich nicht vermeiden, dass McConnors zur Überbrückung der Zeit eine seiner Kraut-Zigarren in Brand setzte. Die missbilligenden Blicke der anderen ignorierte er völlig.

Tony Cantrell konnte seine Überraschung nicht verbergen. „Wenn es tatsächlich stimmen sollte, dass der Mordanschlag der Gangster auf die Veröffentlichung der Illustrierten zurückzuführen ist“, meinte er nachdenklich, „dann sind die von den Reportern ausgegrabenen Fakten mit Sicherheit so schwerwiegend, dass einige Syndikatsbosse um ihre Existenz fürchten.“

„Sonst würden sie keinen Mann umbringen, dessen Tod einen Riesenwirbel verursacht“, fügte Silk hinzu. „Es hat doch schon Fälle gegeben, in denen Journalisten mehr oder weniger gewaltsam ums Leben kamen; verständlicherweise entfachten ihre Kollegen jedes Mal einen Aufstand.“

„Das kann ihnen niemand verdenken“, meinte Butch trocken, „hinzu kommt, dass sie die besten Möglichkeiten, haben, um diesen Wirbel anzukurbeln.“

McConnors nahm sein Kraut aus dem Mund. „Wie dem auch sei“, brummte er, „wir könnten ein paar Mitarbeiter gebrauchen, die nicht an dienstliche Weisungen gebunden sind.“

„Eine treffende Umschreibung“, lächelte Snyder, „wenn unser Polizeichef jemanden um etwas bittet, erfindet er die tollsten Formulierungen. Nur, um nicht direkt auf das Ziel loszusteuern.“

McConnors stieß ein unwilliges Brummen aus. Statt eine Antwort zu geben, schob er die Zigarre zurück unter seinen buschigen Schnauzbart.

Tony Cantrell lachte leise. „Ich kann mich nicht erinnern, euch jemals eine derartige Bitte abgeschlagen zu haben. Außerdem habe ich eine Spur aufgenommen, die unter Umständen den Tod des Reporters am Rande berühren könnte.“

Cantrells Gäste waren mit einem Schlag hellwach.

„Wir haben einen Tipp bekommen“, erläuterte der Kriminalist bereitwillig, „einer unserer V-Leute gab Butch zu verstehen, dass sich in mehreren Syndikaten eine Sache von nie gekannten Ausmaßen anbahne. Mehr wusste der Mann allerdings auch nicht. Der einzige Hinweis, den er uns noch geben konnte, war, dass Slim Coughlin in der Geschichte drinsteckt.“

„Coughlin?“, echote Rollins erstaunt. „Der Killer? Ich würde etwas darum geben, wenn ich auch nur den winzigsten Beweis bekäme, um diesem Burschen endlich das Handwerk zu legen.“

Cantrell wusste, dass der Lieutenant bereits des Öfteren versucht hatte, Coughlin schachmatt zu setzen. Doch stets hatte es der Killer verstanden, zur richtigen Zeit die richtigen Zeugen zu beschaffen, die ihm die nötigen Alibis lieferten.

„Vielleicht werden wir bald genug Beweise haben“, meinte der Anwalt vieldeutig. „Ich habe Coughlin besucht. Er hat mir zwar nicht viel gesagt. Im Grunde genommen gar nichts. Aber für mich war es genug, um zu wissen, dass unser V-Mann tatsächlich recht hatte.“

 

 

5

Sam Shrimpton kurbelte ärgerlich an der Sendereinstellung des Autoradios. „Ich will keine Nachrichten hören!“, schimpfte er. „Warum, zum Teufel, senden diese Idioten alle um die gleiche Zeit Nachrichten?“

„Nur um dich zu ärgern“, grinste sein Nebenmann, der auf den seltenen Namen Dusty Darnell hörte, „dich und alle anderen Typen, die sich einen Dreck um das scheren, was in der Welt passiert.“

Nur wenige kannten Darnells richtigen Vornamen. Zu Beginn seiner Laufbahn als Gangster hatte er in einer Brotfabrik gearbeitet. Nach Feierabend war er mit Mehlstaub in Ohren und Haaren herumgelaufen. Es war mindestens zehn Jahre her. Doch seinen Spitznamen hatte er für alle Zeiten: Dusty, der Staubige.

Wütend drehte Shrimpton den Nachrichtensprechern den Hals ab. „Lasst mich doch alle in Ruhe!“, maulte er und klemmte sich zur Abwechslung einen filterlosen Glimmstängel in den linken Mundwinkel.

Dusty Darnell hing wie hingegossen im Beifahrersitz. Seine Augen konnten gerade noch über die Türkante hinwegsehen und den Eingang des Bürogebäudes im Blickfeld behalten. Das breite Portal lag schräg rechts vor ihnen, etwa zwanzig Yards entfernt.

Shrimpton trommelte mit den Fingern auf dem Lenkrad des hellgrauen Buick. Die unscheinbare Limousine stand wie zufällig in der Reihe der am Straßenrand parkenden Fahrzeuge.

„Wir brauchen nur noch herauszufinden, wo sie ihre Karre abgestellt hat“, freute sich Dusty, „dann ist der Job für uns gelaufen. Dann sind die anderen dran.“

„Ist auch vernünftiger“, nuschelte Shrimpton, „der Boss ist nicht von gestern. Der Zufall kann es wollen, und irgendein schräger Fürst erinnert sich daran, unsere Gesichter hier schon mal gesehen zu haben. Schon stecken wir in der Klemme. Also erledigen wir die Vorarbeiten, und die anderen machen den Rest.“

„Du bist doch ein verdammt schlaues Kerlchen“, lobte ihn Dusty. „Ich glaube, es gibt keinen Trick, den du nicht durchschaust.“

Shrimpton wusste nicht, ob ihn sein Komplice auf den Arm nehmen wollte, oder ob das Lob echt war. Er beschloss, letzteres anzunehmen und keinen Kommentar dazu abzugeben. Also stierte er stumpfsinnig durch die Windschutzscheibe.

Trotzdem hatte Dusty Darnell die Frau zuerst entdeckt. Er fuhr hoch. „Da ist sie!“

Shrimpton zuckte zusammen und ließ irritiert die Augäpfel kreisen. „Wo?“

„Sie kommt aus dem Eingang. Los, sieh zu, dass du die Karre in Gang kriegst!“ Darnell schien auf einmal vom Jagdfieber gepackt zu sein. „Hinterher! Sie marschiert von uns weg.“

Shrimpton schaffte es tatsächlich, den Buick innerhalb von drei Sekunden anrollen zu lassen. „Wahrscheinlich macht sie jetzt Mittagspause“, meinte er und fädelte die Limousine langsam in den fließenden Verkehr ein.

„Darauf haben wir von Anfang an gewartet“, belehrte ihn Dusty geduldig. „Fahr so langsam wie möglich und versuche, kurz vor der nächsten Ecke eine Parklücke zu finden.“

Sam Shrimpton hatte seinen reaktionsschnellen Tag. Er schaffte auch das.

„Warte hier!“, befahl der Staubige und war im nächsten Moment im Menschengewühl auf dem Bürgersteig verschwunden.

Dusty Darnell bewies, dass er sehr gute Augen hatte. Vor der Auslage eines Zeitschriftenkiosks ging er in Lauerstellung. Nach einer knappen Minute kam Susan Morales tatsächlich in Sicht.

Die Journalistin trug einen leichten Sommermantel im hellen Beigeton. Zielstrebig bahnte sie sich ihren Weg durch die Passantenströme.

Der Staubige folgte ihr. Es war nicht schwierig, im Fußgängergewühl unauffällig in ihrem Kielwasser zu schwimmen. Dusty machte sich keine Sorgen. Selbst wenn sie sich zufällig sein Gesicht einprägen würde – ihn würde sie garantiert nicht wieder zu sehen bekommen. Dafür andere.

Susan Morales bog um die Ecke in eine Nebenstraße. Das zweite Gebäude hinter der Einmündung war eine Hochgarage.

Dusty Darnell wusste Bescheid. Jetzt nur noch eine Kleinigkeit. Er ließ die Frau allein weitergehen und baute sich neben der Ausfahrt des Blechkutschensilos auf.

Er brauchte nur noch zu warten. Ein verdammt einfacher Job …

Pausenlos rollten dicke Limousinen durch die Ausfahrt. Der Staubige achtete auf die Fahrer. Er brauchte nicht lange zu warten. Hinter einem gigantischen Cadillac Fleetwood tauchte ein silbermetallic-lackierter Volkswagen-Käfer auf. Durch die Windschutzscheibe erkannte Dusty dunkles kurzgeschnittenes Haar und weibliche Gesichtszüge. Er wartete noch einen Moment, um sich zu vergewissern, dass es tatsächlich Susan Morales war.

Sie war es.

Details

Seiten
134
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934793
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v509478
Schlagworte
privatdetektiv tony cantrell aufstand unterwelt

Autor

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Titel: Privatdetektiv Tony Cantrell #61: Aufstand der Unterwelt