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Dr. Härtling und der Engel der Nacht

2019 111 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Dr. Härtling und der Engel der Nacht

Copyright

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Dr. Härtling und der Engel der Nacht

Arztroman von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 111 Taschenbuchseiten.

 

An sich steht Dr. Sören Härtling auf dem Standpunkt, dass ihn das Privatleben seiner Mitarbeiter nichts angeht. Doch der junge, gut aussehende Patient Krage hat ihn so eindringlich angefleht, dass der Chefarzt beschließt, dieses eine Mal von seinem Grundsatz abzuweichen. Als er Nachtschwester Melanie zu einem Gespräch in sein Büro bittet, beginnt deren mühsam aufgebaute Fassade aus Selbstsicherheit, Zufriedenheit und Gleichgültigkeit gegenüber Klaus Krage nach und nach zu bröckeln.

Und dann macht sie ein Geständnis, das Dr. Härtling begreifen lässt, warum die schöne Pflegerin niemals lächelt ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Stille herrschte im Haus. Die Stille des Todes. Rolf Krage war gestorben, ein reicher, exzentrischer Unternehmer, der seine Mitmenschen für sein Leben gern zum Narren gehalten hatte.

Nun war er tot - heimgegangen mit achtundsiebzig Jahren. Ein Mann voller Schrullen, der - obwohl gut aussehend und von Frauen umschwärmt - fünfzig Jahre seines Lebens als Junggeselle verbrachte, ehe er beschloss, sich mit der schönen, begabten, sechsundzwanzig Jahre jüngeren Kunstmalerin Clara Boenning zu vermählen.

Er hatte mit ihr zwei Söhne gezeugt: den lauten, extrovertierten Jakob und den stillen, in sich gekehrten Klaus. Beide hatten sich zur Testamentseröffnung eingefunden. Jakob war mit einer billigen Kim Basinger-Imitation als Begleiterin erschienen. Klaus war allein gekommen. Die Brüder trugen nachtschwarze Anzüge und saßen neben ihrer einundfünfzigjährigen Mutter, die ein schwarzes Trauerkleid von Dior trug.

Zwei Tage war Rolf Krage, seinem letzten Willen gemäß, in seinem Haus aufgebahrt gewesen, damit Freunde und Bekannte hier von ihm Abschied nehmen konnten. Auf dem Friedhof wolle er mit seiner Familie allein sein, hatte er gesagt, als er das Ende nahen spürte, und man hatte ihm diesen Wunsch erfüllt.

Rechtsanwalt Dr. Axel Lassow, der auch eine Zusatzausbildung als Notar hatte, war von Rolf Krage als Nachlassverwalter bestellt worden. Nun saß er im Arbeitszimmer des Verblichenen hinter dessen Schreibtisch und sah die Anwesenden ernst an.

Vor einem halben Jahr hatte Dr. Lassow mit seinem Klienten noch Golf gespielt. Damals hatte sich der Unternehmer nicht besonders schmeichelhaft über seine Familie geäußert.

„Soll ich Ihnen etwas verraten, Axel?“, hatte er gesagt und seine Schirmmütze eine Stirnfalte höher geschoben. Es war ein wunderschöner Frühlingstag gewesen - blauer Himmel, saftig grüner Rasen, milde Temperaturen. „Ich bin mit meiner Familie nicht zufrieden.“

„Was haben Sie an ihr auszusetzen?“, hatte Dr. Axel Lassow gefragt.

„Jakob, mein Erstgeborener, ist ein Luftikus, der die Frauen häufiger wechselt als seine Hemden. Er ist immer in Geldschwierigkeiten und lügt wie gedruckt.“

„Dafür ist Klaus gradlinig und seriös.“

Rolf Krage hatte die Mundwinkel geringschätzig nach unten gezogen.

„Er ist lahmarschig. Verzeihen Sie den harten Ausdruck, aber mir fällt kein besserer ein. Es ist einfach kein Leben in ihm. Er hat keinen Ehrgeiz, kein Durchsetzungsvermögen. Er ist halt der geborene Verlierer.“

„Und was haben Sie an Ihrer Frau auszusetzen?“, hatte Dr. Lassow wissen wollen, ohne auf die letzte Bemerkung näher einzugehen.

„Clara liebt mich nicht“, hatte Rolf Krage behauptet. „Sie hat mich nur wegen meines Geldes geheiratet. Unsere Ehe ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert nur ein reines Geschäft. Ich musste mir Claras Zärtlichkeiten immer kaufen. Das spielte sich natürlich nicht so ab, dass ich Geld auf ihren Nachttisch legte, wenn ich mit ihr schlafen wollte, aber sie war immer nur dann dazu bereit, wenn ich ihr einen ihrer kostspieligen Wünsche erfüllt hatte. Ansonsten war sie unpässlich, litt an Migräne oder ließ sich irgendeine andere fadenscheinige Ausrede einfallen. Ich glaube nicht, dass sie sehr um mich trauern wird, wenn ich einmal nicht mehr bin.“

Jetzt ruhte der Blick des Rechtsanwalts auf dem blassen Gesicht der attraktiven Witwe. Bewegte der Tod ihres Mannes sie mehr, als dieser es ihr zugetraut hatte?

Vor drei Monaten hatte Rolf Krage zwei Urkunden in Dr. Lassows Kanzlei hinterlegt.

Der Rechtsanwalt fragte die Anwesenden: „Sind Sie damit einverstanden, dass ich mit der Testamentseröffnung beginne?“

Alle nickten. Auch Jakob Krages blonde Freundin, obwohl ihre Meinung im Augenblick überhaupt nicht gefragt war. Dr. Lassow öffnete den ersten Umschlag.

Knisternde Spannung. Der Rechtsanwalt und Notar las, was Rolf Krage verfügt hatte: „Ich, Rolf Theobald Amadeus Krage, gesund und im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, setze hiermit meinen Sohn Klaus zum Alleinerben ein ...“

Jakob starrte seinen Bruder hasserfüllt an.

„Elender Erbschleicher! Wie hast du das hingekriegt?“

„Lass mich in Ruhe!“, herrschte Klaus ihn an. „Ich habe überhaupt nichts getan!“

„Werdet ihr wohl still sein!“, zischte Clara Krage. „Ich dulde keinen Streit in meinem Haus!“

„Darf ich Sie um Ruhe bitten“, sagte Dr. Lassow energisch. „Ich habe noch eine weitere Verfügung zu verlesen.“ Er öffnete den zweiten Umschlag, dessen Inhalt ihn genauso überraschte wie die Familienangehörigen, denn Rolf Krage hatte geschrieben: „Ich, Rolf Theobald Amadeus Krage, gesund und im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, setze hiermit meinen Sohn Jakob zum Alleinerben ein ...“

Zwei im Wortlaut völlig gleiche Testamente, nur mit geändertem Namen, am selben Tag ausgestellt. Was mochte sich der exzentrische Verstorbene dabei gedacht haben?

Jakob und Klaus Krage gerieten in Streit, wobei Jakob auf seinen Bruder aggressiv einhakte, während sich Klaus verteidigte, ohne Jakob anzugreifen.

Jakobs Freundin wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Sie fühlte sich sichtlich unbehaglich und hatte es wahrscheinlich schon längst bereut, mitgekommen zu sein.

„Kann ich Sie kurz allein sprechen, Herr Rechtsanwalt?“, fragte Clara Krage.

„Selbstverständlich“, antwortete Dr. Axel Lassow und bat die Brüder und das blonde Mädchen, das Arbeitszimmer für einige Minuten zu verlassen.

„Sieht so aus, als wollte mein Mann mir nach seinem Tod noch einen üblen Streich spielen“, seufzte die Witwe. „Er setzt in zwei Testamenten seine beiden Söhne als Alleinerben ein, damit ich ganz sicher leer ausgehe.“

„Vermutlich lag das in seiner Absicht“, sagte Dr. Lassow.

„Sind solche Testamente überhaupt wirksam?“

„Nun, die Formvorschriften sind gewahrt“, antwortete der Rechtsanwalt.

„Waren Sie dabei, als mein Mann diese Schriftstücke aufgesetzt hat?“

Dr. Lassow schüttelte den Kopf. „Nein.“

„Haben sie trotzdem Gültigkeit?“

„Testamente können vor einem Notar errichtet und in amtliche Verwahrung gegeben werden“, erklärte der Rechtsanwalt, „aber dies ist nicht zwingend erforderlich, Frau Krage. Es liegt auch dann ein voll wirksames Testament vor, wenn der Erblasser das Schriftstück eigenhändig mit Vor- und Zunamen unterschrieben und mit Ort und Datum versehen hat.“

„Aber wenn zwei Testamente einander widersprechen ...“

„Dann gilt nach dem Gesetz der Grundsatz, dass das später errichtete im Zweifel allen früheren Testamenten vorgeht“, sagte Dr. Lassow.

„Nun wurden die vorliegenden Testamente aber beide am selben Tag geschrieben.“

„In diesem Fall lautet der Leitsatz des Kammergerichts Berlin in etwa so: Lässt sich nicht klären, welches von zwei gleichdatierten Testamenten das ältere ist, gelten sie als gleichzeitig errichtet und heben sich gegenseitig auf.“

Clara Krage sah Dr. Lassow mit großen Augen an.

„Das würde bedeuten - wenn ich Sie richtig verstanden habe ...“

„Da sich die beiden Testamente gegenseitig aufgeben“, erklärte Dr. Axel Lassow, „bleibt es bei der gesetzlichen Erbfolge: Ihnen fällt die Hälfte des Vermögens zu, Ihren Söhnen je ein Viertel.“ Clara nickte schweigend.

„Allem Anschein nach wollte Ihnen Ihr Mann bei der Testamentseröffnung ganz bewusst einen Schock versetzen“, sagte der Rechtsanwalt.

Clara atmete schwer aus.

„Er hat sich viele schlechte Scherze mit mir erlaubt. Das war wohl sein letzter.“

Dr. Lassow bat die Söhne und Jakobs Freundin wieder herein und machte sie mit der Rechtslage vertraut. Klaus nahm stumm zur Kenntnis, was der Rechtsanwalt sagte. Jakob nicht.

„Unser alter Herr kann nicht mehr bei Trost gewesen sein, als er sich diesen idiotischen Streich ausdachte“, polterte er.

„Jakob!“, stieß Clara Krage in zurechtweisendem Ton hervor.

„Ist ja wahr“, maulte Jakob. „Ein normaler Mensch lässt sich doch nicht so was Schwachsinniges einfallen!“

„Sei still, Jakob!“

„Ich lasse mir von dir nicht den Mund verbieten, Mutter!“

„Du bist in meinem Haus!“

„Es ist das Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Ich habe hier immer meine Meinung gesagt, und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Und ich sage, Vater hatte seine fünf Sinne nicht mehr beisammen, als er diese Testamente verfasste.“

„Du hast doch gehört: Sie sind ungültig“, sagte Klaus ruhig. „Wozu regst du dich auf?“

„Ich rege mich auf, wann, wo und worüber ich will. Ist das klar?“, schrie Jakob seinen Bruder an.

„Was ist denn das für ein Benehmen - und dann noch an so einem Tag?!“, wurde nun auch Clara Krage laut, um gehört zu werden.

„Ich möchte gehen, Hasi“, ergriff zum ersten Mal Jakobs Freundin das Wort.

„Gehen“, knurrte Jakob mit zornsprühenden Augen. „Ja, das ist eine hervorragende Idee. Komm, wir gehen! In diesem Haus ist es nicht auszuhalten, da kriegt man ja Erstickungsanfälle.“ Er nahm die Hand der Blondine und stürmte davon.

Augenblicke später heulte der Motor seines Sportwagens auf, die Antriebsräder drehten auf dem geharkten Kiesweg durch, und Steinfontänen schossen nach hinten weg, als Jakob Krage losraste.

„Bitte entschuldigen Sie das ungebührliche Benehmen meines Sohnes, Herr Rechtsanwalt“, sagte Clara Krage verlegen. „Er ist einfach ein Hitzkopf.“

„Und ein Dummkopf“, fügte Klaus hinzu.

„Ich finde, das reicht jetzt“, wies seine Mutter ihn scharf zurecht.

Dr. Axel Lassow schaute plötzlich auf seine Armbanduhr. Mit Entsetzen stellte er fest, dass er schon spät dran war. Hoffentlich wartete nicht schon sein Schwager Dr. Härtling, mit dem er sich verabredet hatte, auf ihn. Er schloss seinen Aktenkoffer und sagte: „Sie hören wieder von mir.“

Dann verabschiedete sich der Rechtsanwalt von der Witwe und ihrem Sohn und verließ das große Haus, in dem Clara Krage von nun an allein leben würde.

 

 

2

„Guten Hunger, Chef“, wünschte Schwester Annegret, der gute Geist der Paracelsus-Klinik.

„Danke, Annchen“, gab Chefarzt Dr. Sören Härtling freundlich lächelnd zurück. „Wünsche ich Ihnen auch.“

„Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“

„Nein“, gab der Arzt zurück. „Wieso?“

„Ich habe Ihnen doch vor Beginn der Vormittagssprechstunde gesagt ...“

„Ach ja, richtig - dass Sie heute einen Apfeltag einschieben. Bitte verzeihen Sie mir meine Vergesslichkeit.“

Schwester Annegret wiegte den Kopf, als müsse sie sich das erst noch überlegen.

„Na schön“, sagte die grauhaarige Pflegerin schließlich, „einmal lass ich’s noch durchgehen.“

Sören Härtling tat so, als wäre er ehrlich erleichtert.

„Ich danke Ihnen vielmals.“

„Und was wird Ottilie Ihnen heute Gutes vorsetzen?“ Schwester Annegret lief bei dieser Frage das Wasser im Mund zusammen.

„Ich fahre nicht nach Hause. Ich bin mit meinem Schwager zum Essen verabredet.“

„Da wird mal wieder mächtig drauflos geschlemmt, was?“

„Das nicht, aber wir werden mit Sicherheit mehr als bloß einen grünen Apfel essen.“

Annegret seufzte gequält.

„Sie ahnen ja nicht, wie ich Sie beneide.“

„Lassen Sie den Kopf nicht hängen, Annchen. Morgen fliegen Ihnen wieder die gebratenen Tauben in den Mund.“ Dr. Härtling nahm seinen Mantel und verließ die Paracelsus-Klinik.

Er war beim zweiten alkoholfreien Flip, als Dr. Axel Lassow abgehetzt das Restaurant betrat. „Du wartest schon lange, nicht wahr?“, stöhnte der Schwager und ließ sich Sören Härtling gegenüber auf den Stuhl fallen.

„Zwanzig Minuten“, sagte der Leiter der Paracelsus-Klinik.

„Tut mir leid. Ich hatte heute eine etwas problematische Testamentseröffnung.“

Sören Härtling winkte tolerant ab.

„Nicht so tragisch. Du hast das akademische Viertel bloß um fünf Minuten überzogen.“

Dr. Lassow nickte.

„So kann man es zwar auch sehen, ich sage meinen Kindern aber immer: Pünktlichkeit ist die netteste Art, jemandem zu zeigen, dass man ihn mag.“

„Genau dasselbe sage ich meinen Kündern auch.“

Der Kellner brachte die Karte, und sie wählten die Vorspeise aus.

„Ist zu Hause alles in Ordnung?“, erkundigte sich der Anwalt.

„Alles bestens.“ Sören lächelte. „Dani ist zur Zeit unheimlich happy. Sie hat einen neuen Verehrer. Er muss etwas ganz Besonderes sein.“

„Du kennst ihn noch nicht?“

Dr. Härtling schüttelte den Kopf.

„Nein, sie hat ihn uns noch nicht vorgestellt.“

„Warum nicht?“

Sören Härtling zuckte die Schultern. „Ich habe keine Ahnung.“

„Was für einen Grund könnte sie haben, ihn vor euch zu verstecken?“

„Ich weiß es nicht. Vielleicht hat sie Angst, ihre Geschwister könnten ihn madig machen. Ich habe nicht die Absicht, Dana in irgendeiner Weise unter Druck zu setzen. Früher oder später werden wir ihren Märchenprinzen schon noch kennenlernen.“

„Glaubst du, es ist was Ernstes?“

„Nein“, antwortete der Klinikchef überzeugt, „dafür ist Dana doch noch viel zu jung.“

„Findest du? Sie ist achtzehn und somit volljährig. Eltern neigen häufig dazu, in ihrem Nachwuchs auch dann noch Kinder zu sehen, wenn diese schon längst erwachsen sind. Du solltest nicht den gleichen Fehler machen, sonst könnte es eines Tages ein böses Erwachen für dich und Jana geben.“

Dr. Härtling schmunzelte.

„Willst du mir Angst machen?“

„Nein. Ich möchte dir lediglich die Augen für dieRealität öffnen.“

Die Vorspeise kam. Sie aßen. Als Hauptgericht nahm Sören Härtling dann einen Wiener Tafelspitz, und Axel Lassow entschied sich für ein großes, saftiges Steak.

„War eine gute Idee von dir, mal wieder zusammen zu essen“, sagte Sören.

„Ich hab’ dir das nicht ganz ohne Hintergedanken vorgeschlagen“, gestand Axel Lassow.

„Deshalb kann man euch Anwälten wohl nie uneingeschränkt vertrauen. Ihr seid immer voller List und Tücke.“

„Komm, komm, red’ nicht so schlecht über mich! Meine Klienten können sich auf mich genauso verlassen wie auf dich deine Patienten.“

„Na schön, und was ist der Anlass für dieses Zusammentreffen?“, wollte Dr. Härtling wissen.

„Es geht um Trixi.“

„Habt ihr Probleme?“, fragte Sören Härtling, sofort alarmiert.

Dr. Lassow nickte ernst.

„Leider ja.“

„Welcher Art?“

„In unserer Ehe ist auf einmal der Wurm drin.“

Sören Härtling sah seinen Schwager ungläubig an.

„Das kann ich mir kaum vorstellen.“

„Ich wäre froh, wenn es nicht so wäre.“

„Aber ihr habt euch doch immer so großartig verstanden.“

„Das war einmal ... Heute reden wir nur noch das Nötigste miteinander“, sagte Axel mit belegter Stimme.

„Liebst du Trixi denn nicht mehr?“

„Ich liebe sie noch genauso sehr wie am Beginn unserer Ehe.“

„Sagst du ihr das auch hin und wieder?“ ,fragte Sören den niedergeschlagenen Schwager.

„Natürlich, aber sie glaubt mir nicht.“

„Was für einen Grund hat sie, dir nicht zu glauben?“, wollte Sören wissen.

„Keinen“, behauptete Axel.

„Irgendeinen Grund muss sie doch haben ...“

„Ja“, brummte der Rechtsanwalt, „einen eingebildeten.“

„Was bildet sie sich ein?“, fragte Sören.

„Sie ist jetzt etwas mehr als vierzig Jahre ...“

„..., die man ihr nicht ansieht. Es gibt Leute, die schätzen sie auf fünfunddreißig.“

„Ja“, nickte Dr. Axel Lassow, „sie sieht jung aus, ist auch noch immer sehr hübsch - aber in ihrem Inneren hat etwas angefangen zu nagen ...“

„Was?“, fragte Dr. Härtling.

„Das, was irgendwann bei fast allen Frauen zu nagen anfängt ...“

„Wenn sie glauben, sich ihres Partners nicht mehr sicher sein zu können“, sagte Sören Härtling.

„Oder wenn sie es sich nur einbilden“, entgegnete Axel Lassow dumpf. „Da tauchen auf einmal dumme Zweifel auf: Bin ich noch attraktiv genug? Kann ich noch mit einer jüngeren Rivalin konkurrieren? Wird mein Mann bei mir bleiben oder sich nach einer jüngeren Frau, die ihn sexuell mehr zu reizen vermag, umsehen? Männer müssen sich - so der Glaube der Frauen - in der Midlife Crisis häufig beweisen, dass sie noch nicht zum alten Eisen gehören ... Viele Frauen verstricken sich dabei rettungslos in ihre eigenen Hirngespinste und fangen an, ihrem Partner das Leben zur Hölle zu machen. So weit ist es bei uns zum Glück noch lange nicht, aber ich erkenne mit wachsender Besorgnis die Richtung, die Trixi eingeschlagen hat.“

„Möchtest du, dass ich mich mal mit meiner Schwester unterhalte?“, fragte Dr. Härtling.

Sein Schwager nickte mit finsterer Miene.

„Ich werde mit Trixi reden“, versprach Sören Härtling. „Ich denke, ich kann sie davon überzeugen, dass sie sich deiner absolut sicher sein darf.“

„Mich interessieren keine anderen Frauen - egal wie alt sie sind“, sagte Axel Lassow. „Ich liebe nur meine Trixi, und ich möchte mit ihr wieder so glücklich sein, wie wir es so viele Jahre hindurch waren.“

 

 

3

Klaus Krage kam nach Hause und zog seinen schwarzen Anzug aus. Er legte die schwarze Krawatte ab und ging ins Bad, um zu duschen. Jakob hatte mal wieder bewiesen, dass er ein Idiot war, dachte der jüngere Sohn des Verstorbenen. Unmöglich, wie der sich bei der Testamentseröffnung aufgeführt hatte. Und geschmacklos, seine Freundin in ein Trauerhaus mitzubringen.

Aber so war Jakob. Er hatte kein Gefühl für überhaupt nichts. Und er dachte immer nur an sich selbst. Er war der größte Egoist, den Klaus kannte, und Klaus war froh, dass er den Bruder so selten sah. Es hätte ihm nichts ausgemacht, wenn er ihn heute zum letzten Mal gesehen hätte. Sie hatten nichts gemeinsam, hatten sich noch nie verstanden, und wenn sie sich alle heiligen Zeiten mal trafen, ließ es sich nie vermeiden, dass sie hart gegeneinander krachten.

Bedauerlich, dass Brüder so zueinander standen, aber es ließ sich wohl nicht ändern. Es war nicht Klaus’ Schuld, dass sie nicht zueinanderfinden konnten.

Er stand mit geschlossenen Augen unter der Brause. Sein Haar klebte pechschwarz an seinem Kopf. Das Leben ist ein Wellental, ging es ihm durch den Sinn. Mal ist man oben, mal unten - und manchen ist es bestimmt, nachdem sie einmal kurz oben waren, für immer unten zu bleiben. Ihm schien das boshafte Schicksal dieses Los zugedacht zu haben. Er konnte sich nicht erklären, warum. Er war immer anständig gewesen, hatte sich stets bemüht, ein gottgefälliges Leben zu führen. Und was war der Lohn dafür gewesen? Ein Schicksalsschlag nach dem anderen, Leid, Bitternis, Leere und - Einsamkeit.

Nachdem er geduscht hatte, schlüpfte er in seinen weinroten Frotteemantel und rubbelte mit einem Handtuch sein Haar trocken. Er verließ das Bad.

Sein Haus glich einem Museum. Überall waren gerahmte Fotos von Elvira zu sehen: auf der Kommode, auf dem Lesetisch, an den Wänden.

Und überall konnte man noch Dinge entdecken, die seiner geliebten Frau gehört hatten - Pantoffel, ein Schal, eine Brosche, der Ehering, obwohl sie schon seit einem Jahr tot war. Es fiel ihm so wahnsinnig schwer, sich damit abzufinden, und er wusste nicht, wann ihr Tod aufhören würde, ihn so entsetzlich zu schmerzen. Würde er denn nie darüber hinwegkommen? Sie waren so glücklich gewesen. ‘Jung gefreit hat nie gereut.’ Er hatte geglaubt, auf sie beide würde das zutreffen. Neunzehn waren sie gewesen, als sie geheiratete hatten. Heute war Klaus fünfundzwanzig und schon allein - verwitwet.

Das Leben konnte schon verdammt grausam sein - und immer traf es jene, die es am wenigsten verdienten, während es jenen, die, wie Jakob, einen Dämpfer verdient hätten, damit ihre Bäume nicht in den Himmel wuchsen, großartig ging. Wo war da bloß die göttliche Gerechtigkeit?

Traurig betrachtete Klaus eines der Bilder. Elvira strahlte ihn mit großen, lebendigen Augen an. Er seufzte deprimiert: „Ach, Elvira, ich kann dir nicht sagen, wie sehr ich dich vermisse.“

 

 

4

Melanie Weckmann verstaute neu gelieferte Packungen in den Medikamentenschrank, schloss ihn gewissenhaft ab und übergab Schwester Annegret den Schlüssel.

„Danke, Schwester Melanie.“

Die hübsche dunkelhaarige Pflegerin nickte und fragte: „Kann ich sonst noch etwas tun?“

Annegret zeigte auf das Telefon.

„In der Notaufnahme hat man gerade um Hilfe gerufen.“

„Ich gehe schon.“ Die aparte Nachtschwester eilte davon.

Schwester Annegret sah ihr versonnen nach. Melanie war die tüchtigste Pflegerin, die je in der Paracelsus-Klinik gearbeitet hatte. Eifrig, arbeitswillig, kompetent. Man konnte sie auf jeder Station einsetzen. Sie opferte sich für jeden einzelnen Patienten bis zur totalen Erschöpfung auf. Leben zu retten war für sie oberstes Gebot. Kranke zu pflegen war für sie kein Beruf, sondern eine Berufung, in der sie völlig aufging. Sie war ein Engel - und dennoch ... Irgendetwas stimmte nicht mit ihr. Das war nicht nur Schwester Annegret, sondern auch schon anderen aufgefallen.

Noch nie hatte jemand Schwester Melanie herzlich lachen hören. Sie war immer ernst und unnahbar, ließ keinen an sich heran, gab nichts von sich preis, war eine unerforschte, stille Insel im lebhaften Strom des manchmal ziemlich hektischen Krankenhausbetriebes.

Irgendetwas schien sie zu bedrücken. Ihr hübsches Gesicht glich einer Maske ewiger Melancholie. Man wusste nicht, was sie dachte, was sie fühlte. Sie sprach nie über sich, behielt ihre Ansichten stets für sich - egal, welches Thema diskutiert wurde, war so verschlossen wie eine Auster und nur allezeit mit beispiellosem Eifer bemüht, ihre Arbeit zu jedermanns Zufriedenheit zu erledigen.

Warum ging sie nie aus sich heraus? Wieso hatte sie kein Privatleben? Wieso wollte sie immer nur nachts arbeiten? Was für ein düsteres Geheimnis umgab bloß diese schöne junge Frau?

Derartige Gedanken gingen der alten Schwester Annegret durch den Sinn, als sie der hübschen Nachtschwester nachschaute. Und sie dachte weiter: Irgendwann wird es irgendjemandem gelingen, ihr Geheimnis zu lüften. Ich bin gespannt, was dann ans Tageslicht kommt ...

 

 

5

Dana Härtling hatte sich verändert. Sie fand alles unheimlich lustig, lachte viel, sang, hüpfte und tanzte. So fröhlich hatten sie ihre Geschwister noch nie erlebt.

„Mit der stimmt irgendetwas nicht“, argwöhnte die zehnjährige Josee, das Nesthäkchen der Familie.

„Plemplem ist sie über Nacht geworden“, meinte der vierzehnjährige Tom und zuckte die Schultern. Josee befand sich in seinem Zimmer.

„Ich glaube, sie ist verliebt“, meinte Josee altklug.

„Dana?“, fragte Tom ungläubig. Er saß auf dem Teppichboden und lehnte am Bücherregal, das vollgestopft war mit klassischer Jugendliteratur von James Fennimore Cooper über Jack London und Friedrich Gerstäcker bis Karl May. „In wen denn?“

„Weiß ich nicht.“

„Du meinst, sie benimmt sich deshalb so bescheuert, weil sie sich in irgendeinen Typen verknallt hat?“

„Kannst du dir etwa einen anderen Grund für ihr sonderbares Benehmen vorstellen?“, fragte Josee zurück.

„Nein.“

„Ich auch nicht“, sagte Josee.

Tom, der Verliebtsein für eine törichte Schwäche hielt, grinste breit.

„Verliebt ist sie also, unsere liebe Schwester. Sieh an! Sieh an!“

„Ich bin neugierig, wann sie zum ersten Mal über ihren Schwarm redet“, sagte Josee.

Tom blinzelte schlau.

„Wir könnten uns doch detektivisch betätigen.“

„Dana nachspionieren? Nein, so etwas mache ich nicht. Es wäre mir ja auch nicht recht, wenn jemand das bei mir tun würde.“

Tom betrachtete seine junge Schwester von Kopf bis Fuß.

„Aus welchem Grund sollte dir schon jemand nachspionieren?“

Josee straffte ihren Rücken und sagte mit hochgezogenen Augenbrauen: „Ich könnte ja auch schon einen heimlichen Freund haben.“

„Du?“ Tom lachte.

„Warum nicht?“, fragte Josee, leicht eingeschnappt.

„Guck in den Spiegel, dann siehst du die Antwort.“

Jetzt war Josee schon ziemlich beleidigt. Sie tötete ihren unausstehlichen Bruder mit ihren Blicken.

„Bin ich vielleicht so hässlich?“

„Das nicht, aber ich würde nie so eine Bohnenstange zur Freundin haben wollen.“

„Und ich würde mir nie so einen gehirnamputierten Affen zum Freund nehmen!“, zischte Josee, rannte aus Tom’ Zimmer und schmetterte die Tür kräftig zu.

„Müsst ihr immer so die Türen schlagen?“, drang Jana Härtlings ungehaltene Stimme aus dem Wohnzimmer.

,,‘tschuldigung!“, gab Josee zurück und verschwand in ihrem Zimmer. Jungs sind doof, dachte sie erbost, und Tom ist es ganz besonders. Er ist der Oberidiot schlechthin!

 

 

6

Klaus Krage maß seiner Appetitlosigkeit keine Bedeutung bei. Er hatte kürzlich einen neuen Schicksalsschlag hinnehmen müssen, hatte vor einem Jahr seine Frau und vor wenigen Tagen seinen Vater verloren. Hinzu war der Ärger mit Jakob, seinem Bruder, bei der wohl seltsamsten aller Testamentseröffnungen gekommen. Dass man da als sensibler Mensch nicht sehr viel Hunger hatte, war eigentlich als normal anzusehen.

Manchmal war ihm übel. Er trank dann einen Fernet. Immer half das nicht, aber meistens.

Dass er hin und wieder an Verstopfung litt, wunderte ihn nicht.

Als Schriftsteller saß er viel zu viel und verschaffte sich viel zu wenig Bewegung. Das rief eine gewisse Darmträgheit hervor, und mit der hatte er eben ab und an zu kämpfen.

Seit dem Tod seines Vaters hatte Klaus keine einzige Zeile mehr geschrieben. Als er Elvira verloren hatte, hatte es auch drei Monate gedauert, bis er endlich wieder einen brauchbaren Satz zu Papier bringen konnte.

Er steckte mitten in einem Buch, und sein Verleger würde nicht drei Monate auf das restliche Manuskript warten, also zwang sich Klaus, daran weiterzuarbeiten. Diesmal würde der Lektor - man würde es Klaus nachsehen - mit dem abgelieferten Werk mehr als sonst zu tun haben, denn normalerweise schrieb er seine Romane nahezu druckreif. Unter diesen besonderen Umständen war ihm das natürlich nicht möglich.

Er setzte sich an den Computer, blätterte in seinen Notizen, las, was er bereits geschrieben hatte, um den Faden wiederzufinden, und begann langsam zu schreiben.

Nach einer Stunde setzten unbeschreibliche Schmerzen in der rechten Unterbauchgegend ein. Verflixt nochmal, was ist das?, dachte er ärgerlich, stand auf und ging in seinem Arbeitszimmer hin und her.

„Vielleicht solltest du mal zum Arzt gehen“, murmelte er.

Aber er hatte keine Lust, sich stundenlang in das Wartezimmer seines Hausarztes zu setzen, und um den Doktor um einen Hausbesuch zu bitten, waren die Schmerzen wohl nicht stark genug.

Er kippte einen Fernet runter und hoffte, dass es ihm danach besser gehen würde. Tatsächlich beruhte sich sein Bauch mit der Zeit auch wieder.

„Na also“, brummte Klaus und kehrte an seinen Computer zurück.

Er arbeitete sehr lange. Erst nach Mitternacht kroch er, geistig und körperlich hundemüde, ins Bett und schlief sofort ein. Am nächsten Morgen fühlte er sich wieder nicht wohl. Übelkeit befiel ihn, als er aufstand. Also legte er sich gleich wieder hin und blieb bis Mittag im Bett. Als er dann wieder aufstand, hatte er keine Beschwerden mehr.

So ging das acht Tage lang. Appetitlosigkeit ... Übelkeit ... Verstopfung ... Bauchschmerzen ... und sogar manchmal Erbrechen. Wenn er mit jemandem zusammengelebt hätte, hätte der ihn sicher schon längst zum Arzt oder gleich ins Krankenhaus geschickt. Aber er war allein. Niemand wusste, wie leichtfertig er mit seiner Gesundheit, mit seinem Leben umging.

Die Beschwerden kamen immer öfter. Die Schmerzen wurden intensiver, hielten länger an. Warum suchte er nicht endlich Hilfe bei einem Arzt? Er wusste keine Antwort auf diese Frage, kannte den Grund für seine verhängnisvolle Unvernunft nicht.

Hatte sich in ihm ein gefährliches selbstzerstörendes Räderwerk in Gang gesetzt? War sein Herz plötzlich von einer bedrohlichen Todessehnsucht erfüllt? Sah er in seinem derzeitigen Leben keinen Sinn mehr? Wollte er nicht mehr leben?

Er bekam Fieber und Schüttelfrost, und endlich, endlich rief er seinen Hausarzt an und bat ihn zu kommen. Es war schon fast zu spät. Klaus befand sich bereits in einem Rauschzustand, als der Hausarzt kam. Fieber ... Schmerzen ... Durst ... Schüttelfrost. .. Krankenwagen ... Krankenhaus ...

All seine Wahrnehmungen befanden sich in wirbelnden, verwirrenden Nebelkreiseln. Er brachte nichts mehr richtig auf die Reihe - weder zeitmäßig noch sonst wie.

Da waren Gesichter, die er nicht kannte, und fremde Stimmen. Er hörte das Dröhnen eines Motors. Mal war es heller, mal dunkler. Jemand redete mit ihm. Er war geistig viel zu sehr weggetreten, als dass er die Worte hätte verstehen können. Er schnappte Wortfetzen auf: „Sträflicher Leichtsinn ...“ „Es wird alles gut ...“ „Keine Angst ...“ „Wir sind gleich da ...“

„Paracelsus-Klinik ...“

Kein Motorlärm mehr. Türen öffneten sich. Das, worauf er lag, wurde geschoben, gezogen, getragen, gefahren. Helligkeit.

Jemand sagte etwas, das wie „Notaufnahme“ klang. Ein Mann, der einen weißen Kittel trug, beugte sich über ihn.

„Ich bin Dr. ...“

Klaus verstand den Namen nicht. Er hörte die Stimme des Arztes stark gedämpft, sah dessen Gesicht völlig verschwommen, mit seltsam verwischten Zügen.

„Hören Sie mich?“, fragte der Arzt.

Klaus konnte nicht antworten - seine Lippen, seine Zunge, seine Stimmbänder gehorchten ihm nicht. Wieder geisterten Wortfetzen über ihn hinweg: „Peritonitis ...“ „Sofort operieren ...“ „Lebensgefahr ...“

Hände berührten ihn. Man schob die Trage, auf der er lag, in einen „nebeligen“ Raum. Er wurde entkleidet, man hob ihn von der fahrbaren Trage auf den Operationstisch.

Eine Frauenstimme: „Hier sind die Operationstücher ...“

Eine Männerstimme: „Decken Sie ihn zu, Schwester! Nur das Operationsfeld bleibt frei. Rasieren Sie den Mann! Machen Sie schnell ...“

Hektische Betriebsamkeit um Klaus herum. Grelles Licht über ihm. Wie von tausend Sonnen - so kam es ihm vor. Eine Atemmaske wurde ihm über Mund und Nase gestülpt. Er wusste nicht, was er da einatmete, aber es machte ihn locker und leicht und schläfrig. Er hatte das Gefühl fortzufliegen, sich aufzulösen in den tausend Sonnen, die gleich darauf wieder erloschen. Ruhe, Frieden, absolute Stille ... Er wusste nichts mehr von sich und der Welt, war erlöst ...

Ruhe, Frieden, Stille, auch als Klaus die Augen aufschlug. Wieder war da ein Gesicht - zunächst bis zur Unkenntlichkeit verschwommen, aber dann wurde es rasch schärfer. Er sah in das wunderschöne, sanfte, gütige Gesicht eines Engels. Mein Gott, dachte er, ich bin im Himmel. Ich werde meinen Vater und Elvira wiedersehen.

Das Engelsgesicht kam etwas näher.

„Elvira ...“, flüsterte Klaus.

„Mein Name ist Melanie“, sagte der sanfte Engel leise.

„Wo ... wo bin ich?“ Klaus’ Stimme kam ihm selbst fremd vor. Sie klang matt, abgespannt und kraftlos. Und so fühlte er sich auch.

„In der Paracelsus-Klinik.“

In der Paracelsus-Klinik, nicht im Himmel, dachte Klaus, und es tat ihm beinahe leid, dass es ihm nicht gelungen war, die Welt zu verlassen.

„Ich bin die Nachtschwester“, sagte der schöne Engel mit weicher, gütiger Stimme.

„Ich wurde operiert, nicht wahr?“ Klaus sprach fast tonlos. Jedes Wort strengte ihn an.

„Ja, Sie hatten einen Blinddarmdurchbruch mit akuter Peritonitis.“

„Peritonitis ...“, kam es wie ein dünner Hauch über seine Lippen.

„Bauchfellentzündung.“

„Ich weiß, was eine Peritonitis ist“, sagte Klaus leise.

„Tut mir leid, ich wollte Sie nicht belehren.“

„Schon gut, Schwester.“

„Sie müssen in der Vergangenheit wiederholt Beschwerden gehabt haben“, sagte die hübsche Pflegerin.

„Hatte ich.“

„Warum sind Sie denn bloß nicht zum Arzt gegangen?“, fragte Schwester Melanie verständnislos.

„Ich hab’ sie nicht für so bedrohlich gehalten. Hin und wieder fühlt man sich eben nicht wohl. Ab und zu ist einem halt schlecht, oder man hat Bauchweh. Ich renne nicht gleich wegen jeder Kleinigkeit zum Doktor.“

Details

Seiten
111
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934786
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (November)
Schlagworte
härtling engel nacht

Autor

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Titel: Dr. Härtling und der Engel der Nacht