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Privatdetektiv Tony Cantrell #62: Blutrache am Lake Michigan

2019 141 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Blutrache am Lake Michigan

Copyright

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Blutrache am Lake Michigan

Privatdetektiv Tony Cantrell #62

von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 141 Taschenbuchseiten.

 

Luigi Condoli kommt aus Sizilien mit einem einzigen Gedanken: Er will den Bankdirektor Low unter Druck setzen und dann töten. Die Drohbriefe liegen bei der Polizei, aber niemand hat eine Ahnung, warum Frank Low sterben soll. Privatdetektiv Tony Cantrell und sein Team tappen zunächst im Dunkeln, aber langsam schält sich eine unglaubliche Geschichte heraus; eine Geschichte von Tod und Rache.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

In seinen dunklen Augen funkelte glühende Lava. Luigi Condolis Lippen bildeten einen dünnen Strich. „Verschwindet sofort, ihr schmutzigen Gesellen!“, zischte er böse. „Sonst mache ich euch Beine!“

Der Anführer der drei Lederjackentypen musterte ihn mit spöttischem Grinsen. „Wir wollen es nicht hier in der Kneipe austragen, Mr. Spaghetti. Aber irgendwann wirst du von uns hören. Du bist dabei, dir deinen eigenen Sarg zu zimmern! Ich pflege es nur einmal zu sagen, wer in diesem Bezirk den Ton angibt. Wer sich daran nicht hält …“ Er ließ die letzten Worte in der Luft hängen und grinste noch breiter.

„Luigi, komm!“ Jake Montini zog seinen Freund vom Stuhl hoch. In der stark verräucherten Kneipe herrschte atemlose Stille. Niemand wagte es, auch nur ein Wort von sich zu geben. Condoli nickte widerwillig. „Ihr werdet euch an mir die Zähne ausbeißen!“, knurrte er die Lederjacken verächtlich an. Dann folgte er Montini, der im Vorbeigehen die Zeche bezahlte. Draußen wehte ihnen die frische Nachtluft um die Ohren. Die enge Straße war fast völlig dunkel.

„Du solltest den Mund nicht so weit aufmachen“, murmelte Montini, während sie zu seinem Wagen gingen. „Jedenfalls noch nicht, Luigi. Ich kenne die Verhältnisse hier besser.“

„Unsinn, Jake. Du kennst zwar Chicago. Aber du kennst mich nicht. Ich lasse mich nicht von hergelaufenen Rotzlümmeln einschüchtern.“

Jake Montini wollte noch etwas erwidern. Er kam nicht mehr dazu.

Sie waren plötzlich da. Zu dritt, wie in der Kneipe. Sie mussten aus einem Seitenausgang gekommen sein. Es war keine Zeit mehr, das zu ergründen. Drohend bildeten sie eine tödliche Mauer. Die Fahrradketten in ihren Fäusten blinkten matt im schwachen Schein der Straßenlampen.

Luigi Condoli reagierte mit der Wildheit einer gereizten Raubkatze. Wie aus dem Nichts flog das Stilett in seine Hand, schnappte klickend auf und ragte den hohnlachenden Angreifern als beinahe lächerliche Abwehr entgegen.

Jake Montini musste sich vom Schreck erholen. Dann zog er ebenfalls sein Messer. Mit grenzenlosem Erstaunen bemerkte er, wie sich Luigi in ein geschmeidig tänzelndes Energiepaket verwandelte.

Der Angriff kam fast lautlos. Nur das Surren der Fahrradketten war zu hören, die als tödliche Geißeln die Nachtluft zerteilten. Der Anführer der Gangster knurrte wütend, als die ersten Hiebe ins Leere gingen. Es krachte dröhnend, als eine der Ketten auf die Karosserie eines parkenden Autos prallte.

Luigi Condoli nahm sich den Anführer vor. Er unterlief dessen ungezielte Kraftausbrüche und rammte ihm blitzschnell die dünne Klinge des Stiletts in die Brust. Der Gangster stieß ein gequältes Stöhnen aus. Er konnte nicht mehr schreien. Luigi stach zweimal nach. Der Mann war bereits tot, bevor er mit einem gurgelnden Laut zu Boden sank.

Im letzten Moment entging Condoli dem sausenden Hieb der Fahrradkette, die einer der beiden anderen mit Wutgebrüll in seine Richtung schwang. Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte er, dass Montini den dritten bereits unschädlich gemacht hatte.

Blitzartig warf sich Luigi zu Boden. Er bekam die Beine des völlig überraschten Gangsters zu fassen und riss ihn zu Boden. Bevor der andere sich wieder aufrappeln konnte, kam Condoli wieder hoch. Der Gangster schaffte es nicht mehr, die Kette in Aktion zu setzen. Gewandt wie ein Tiger war der Italiener über ihm. Mit wutverzerrtem Gesicht stach Condoli auf seinen Gegner ein, bis er sich nicht mehr rührte.

Keuchend richtete er sich auf. Jake Montini steckte bereits sein Messer ein. Dann rannten sie zum Wagen.

Als die Menschen sich aus den angrenzenden Häusern wagten, bogen Condoli und Montini bereits um die nächste Straßenecke.

Die drei Lederjacken, die es gewagt hatten, sich ihnen in den Weg zu stellen, konnten nur noch mit dem Leichenwagen abgeholt werden.

 

 

2

Im Villenviertel von Norridge, einem der Chicagoer Vororte, war es fast völlig ruhig. Aus weiter Ferne drang der nächtliche Verkehrslärm der City als dumpfes Rauschen herüber.

Die Schwarze Maske stand regungslos. Zwischen den mannshohen Büschen des Grundstücks an der Courtland Street war der maskierte Gangsterjäger selbst auf eine Entfernung von zwei Schritten nicht zu erkennen. Seine schattenhafte Gestalt verfloss mit den düsteren Konturen des dichten Buschwerks. Selbst wenn plötzlich ein Scheinwerfer aufgeflammt wäre, hätte man ihn vermutlich nicht sofort entdecken können.

Er trug das enganliegende schwarze Trikot und das gezackte schwarze Cape, vor dessen Erscheinen Chicagos Unterwelt mehr als einmal zu zittern gelernt hatte. Die Gesichtsmaske gab nur die Augen und die Mundpartie frei.

Dem Gangsterjäger bereitete es keine Mühe, stundenlang an einem Fleck auszuharren. Die Erfahrungen, die er als gefürchteter Kriminalist gesammelt hatte, machten es ihm leicht, zu warten – zu warten auf den entscheidenden Moment.

Er wusste nicht, was sich hier an der Courtland Street in Norridge möglicherweise abspielen würde. Im Grunde konnte alles nur Erdenkliche passieren. Eine Bombe, ein Raubüberfall, ein Mordanschlag, eine Entführung – niemand wusste es. Und doch wussten alle Eingeweihten, dass mit Sicherheit irgendwann irgend etwas geschehen würde.

Tony Cantrell hatte sich bereit erklärt, die Polizei zu unterstützen. Als Schwarze Maske hatte er die Möglichkeit, Ermittlungen anzustellen, die den Beamten wegen ihrer Dienstvorschriften verwehrt waren. Er hatte in diesem Fall keinen Auftrag von einer Privatperson. Der Hauseigentümer wusste nicht einmal, dass sich auf seinem Grundstück ein Mann aufhielt, der es übernommen hatte, das Leben der Villenbewohner zu schützen.

Nur noch ein einziges Fenster des langgestreckten flachen Gebäudes war erleuchtet. Der Gangsterjäger nahm an, dass Frank S. Low, der Hausherr, noch nicht schlafen gegangen war. Er hatte allen Grund dazu, sich Sorgen zu machen. Die Drohungen, die ihm in den vergangenen Wochen ins Haus geflattert waren, waren mehr als eindeutig gewesen.

Für den Gangsterjäger war das gepflegte Gartengrundstück rings um die Villa ideal. Nur vereinzelt standen Büsche verstreut inmitten einer riesigen Rasenfläche, die sich auf etwa fünfzig Yards zwischen dem Gebäude und der Courtland Street erstreckte. Die Nachbarhäuser zu beiden Seiten waren jeweils etwa hundert Yards entfernt. Wenn also ein ungebetener Besucher an die Villa der Familie Low heran wollte, dann musste er zumindest das Grundstück betreten.

Der maskierte Gangsterjäger war keineswegs sicher, dass ausgerechnet diesmal etwas geschehen würde, was seine Aufmerksamkeit erregen konnte. Es war die dritte Nacht, in der er sich an der Courtland Street aufhielt. Es konnte noch eine ganze Reihe von Nächten folgen, in denen unter Umständen nicht das geringste passieren würde.

Dennoch wusste der Maskierte, dass sich eine drohende Gefahr anbahnte. Nicht umsonst hatte er sich spontan bereit erklärt, Captain McConnors, den Polizeichef von Chicago, in seiner Arbeit zu unterstützen. Cantrells ungetrübter Instinkt für komplizierte Fälle hatte ihm sofort gesagt, dass die Morddrohungen, die Frank S. Low erhalten hatte, mehr als nur simple Drohungen waren. Es steckte etwas dahinter, dessen Ausmaße der Gangsterjäger nur ahnen konnte.

In diesem Moment erlosch auch die letzte Lichtquelle in der Villa. Das Grundstück lag jetzt völlig im Dunkel. Die nächste Straßenlampe war zu weit entfernt, als dass sie noch einen Lichtschein hätte herüberschicken können.

Für den Gangsterjäger war es jedoch kein Handicap. Seine ungewöhnlich scharfen Augen sahen bei Nacht fast genauso gut wie am Tag. Die Nachtsichtigkeit verdankte er der Netzhauttransplantation, die ein junger Chirurg an ihm nach einem Attentat im Gerichtssaal gewagt hatte. Seit diesem Zeitpunkt konnte Cantrell nicht nur wieder sehen. Er hatte überdies noch den unschätzbaren Vorteil gewonnen, auch bei Dunkelheit den Gangstern in dieser Hinsicht von vornherein überlegen zu sein.

In der Öffentlichkeit galt Cantrell allerdings als Blinder. Nur wenige Personen kannten das Geheimnis seiner Augen und das der Schwarzen Maske.

Ein winziges Geräusch machte ihn schlagartig hellwach. Seine Sinne waren von diesem Moment an nur noch darauf ausgerichtet. Das Geräusch setzte sich fort. Ein kaum hörbares Schaben, eher ein leichtes Rascheln. Nach wenigen Sekunden war der Gangsterjäger sicher, dass es von der Straße her kam.

Noch war nichts zu sehen. Die weite Rasenfläche lag wie ausgestorben im Blickfeld des Maskierten. Er befand sich an der Ostseite des Hauses, etwa zehn Yards von der Außenmauer entfernt. Die gesamte Grundstücksfläche, die an der Straße lag, konnte er von hier aus überblicken.

Plötzlich machte er an der knapp mannshohen Einfriedung aus weißem Naturstein eine Bewegung aus. Dann verzogen sich die Lippen des Gangsterjägers zu einem kaum erkennbaren Lächeln.

Der Mann schien sich völlig sicher zu sein. Nicht ohne Grund. Bei der Dunkelheit konnte er kaum damit rechnen, dass ihn jemand sehen würde. Dass ausgerechnet die Schwarze Maske auf ihn wartete, ahnte er vermutlich am allerwenigsten.

Er stellte sich beim Überklettern der Mauer nicht sehr geschickt an. Er benötigte fast zwei Minuten dazu, sich so zu bewegen, dass er kein Geräusch verursachte. Der Gangsterjäger schloss daraus, dass der Eindringling alles andere als gelenkig war.

Jetzt hatte er es geschafft. Die Füße des Mannes erreichten den weichen Rasen. Vorsichtig sah er sich nach allen Seiten um, als ob er etwas entdecken würde, obwohl er nicht einmal die Hand vor den Augen sehen konnte.

Mit tapsigen Schritten setzte der Eindringling seinen Weg in Richtung auf die Villa fort. Er war knapp fünf Fuß groß und wirkte leicht korpulent. Sein gedrungener Körper steckte in einem viel zu weiten Anzug, der eine Reinigung dringend nötig hatte. Der Kopf des Mannes war kugelrund und mit einer speckigen ledernen Schlägermütze bedeckt.

Er hatte etwa zehn Yards zurückgelegt, als der Gangsterjäger lautlos seine Deckung verließ. Die dicken Kreppsohlen seiner Schuhe und der weiche Rasenteppich halfen ihm dabei, nicht das geringste Geräusch zu verursachen. Er machte einen Bogen und näherte sich dem ahnungslosen Eindringling seitlich von hinten.

In leicht geduckter Haltung schlich der Mann auf die Villa zu. Er bemühte sich, so leise wie möglich vorzugehen. Seine zaghaften Bewegungen drückten jedoch aus, dass er alles andere als furchtlos war.

Der Gangsterjäger schaffte es mühelos, sich dem Unbekannten unbemerkt zu nähern. Die Entfernung betrug nur noch wenige Yards. Der Maskierte schloss rasch auf und überbrückte die letzten zwei Schritte mit einem blitzartigen Sprung.

Seine Hände krallten sich von hinten um den Hals des Unbekannten. Unter dem Anprall ging der Mann zu Boden. Der Gangsterjäger verhinderte es, dass der Bursche auch nur einen leisen Seufzer ausstoßen konnte. Er lockerte seinen Griff um keinen Millimeter und zog den sich verzweifelt Wehrenden hoch. Doch gegen die eisenharte Umklammerung des Maskierten hatte er keine Chance, zumal er sich bei der kleinsten falschen Bewegung selbst die Luft abschnürte.

Blitzschnell zerrte der Gangsterjäger den Mann zurück zur Einfriedung. Dort wirbelte er ihn an den Schultern herum und presste ihn mit dem Rücken gegen die harten Steine. Deutlich war zu spüren, dass der Mann vor Angst zitterte.

„Ich rate dir, den Mund zu halten!“, zischte der Maskierte gefährlich leise. „Beim kleinsten Laut, den du von dir gibst, mache ich dich stumm!“ Die Drohung verfehlte ihre Wirkung nicht. Hastig schüttelte der Unbekannte den Kopf. Sein speckiges Genick war schweißnass. Angstschweiß.

Der Gangsterjäger nickte zufrieden.

„Was wolltest du hier?“, fragte er im Flüsterton. „Besser, du redest, bevor ich ungemütlich werde!“

„Ich – ich …“, stotterte der andere gequält, „wer sind Sie überhaupt? Was wollen Sie von mir?“

Offenbar hatte er in der Dunkelheit noch nicht erkannt, mit wem er es zu tun hatte.

„Die Fragen stelle ich“, erwiderte der Gangsterjäger, „außerdem werde ich es dir nicht auf die Nase binden, wer ich bin.“

In diesem Moment war das Motorengebrumm eines vorbeifahrenden Autos zu hören. Für den Bruchteil einer Sekunde huschten die Ausläufer des Scheinwerferlichts über die Grundstücksmauer hinweg.

Der Ganove zuckte zusammen wie vom Blitz getroffen.

„Die Schwarze Maske!“, hauchte er entsetzt. Sein Gesicht wurde kalkweiß.

„Ganz recht“, nickte der Gangsterjäger, „ich warte immer noch darauf, dass meine Frage beantwortet wird. Also los! Heraus damit! Was wolltest du hier, Freundchen?“

„Ich wollte den Job erst gar nicht übernehmen“, stieß der Ganove hastig hervor, „wirklich nicht. Glauben Sie mir. Aber die hundert Bucks, die ich dafür bekommen habe, waren nicht zu verachten. Ich hab mir wirklich nichts dabei gedacht …“

„Was für ein Job?“, unterbrach der Maskierte kalt.

„Ich – ich sollte nur einen Stein durch die Scheibe werfen, mehr nicht. Okay, da hab ich gedacht, das ist ja nicht weiter schlimm. Dabei kann eigentlich gar nichts passieren. Leicht verdiente hundert Bucks, wissen Sie!“ Die Worte sprudelten ihm nur so über die Lippen. Er schien froh zu sein, den unheimlichen Gegner auf diese Weise vielleicht zufriedenstellen zu können.

Der Gangsterjäger glaubte ihm nur die Hälfte.

„Wo ist dieser ominöse Stein?“, fragte er.

„In meiner Jackentasche, rechts“, beeilte sich der andere zu sagen.

Cantrell fasste hinein. Es stimmte tatsächlich. Ein etwa faustgroßer Stein, der mit einem Zettel umwickelt war.

„In Ordnung“, brummte er, „soweit stimmt deine Geschichte wenigstens. Den Rest wird die Polizei herausbekommen.“

„Die Polizei?“, echote der Ganove verdutzt.

„Genau.“ Der Maskierte unterließ es, den Mann weiter über sein bevorstehendes Schicksal zu informieren. Er ließ den Stein zu Boden fallen und zog die Nylonschnur hervor, die er stets bei sich trug. Innerhalb von wenigen Minuten hatte er den Ganoven, der keinerlei Anstalten mehr machte, sich zu wehren, in ein handliches Bündel verschnürt. Zusätzlich steckte er ihm sein eigenes Taschentuch in den Mund. Das musste reichen, bis die Polizei eintreffen würde.

Der Gangsterjäger nahm den Stein an sich und flankte behände über die Grundstücksmauer. Den Stein nahm er vorsorglich mit. Ebenso gut hätte er ihn für die Polizei zurücklassen können. Aber er hatte schon die unglaublichsten Überraschungen erlebt. So würde die Polizei das Beweisstück mit Sicherheit bekommen.

Das Einsatzfahrzeug der Schwarzen Maske parkte nur etwa fünfzig Yards entfernt. Jack O’Reilly saß am Steuer. Er stieß die Beifahrertür auf, als sein Chef herannahte.

Der Gangsterjäger ließ sich in den Sitz sinken und zog die Tür ins Schloss. Mit einer raschen Handbewegung streifte er die Gesichtsmaske über den Kopf. Dann setzte er das Autotelefon in Betrieb. Sekunden später hatte er Captain McConnors an der Strippe.

„Sie können sich ein Paket abholen“, sagte Cantrell nur, „es liegt gleich hinter der Einfriedung an der Courtland Street. Low hat von allem nichts mitbekommen. Ein wichtiges Beweisstück habe ich vorsichtshalber an mich genommen. Sie können es bei mir abholen.“

„Danke“, erwiderte der Polizeichef knapp. „Ich werde alles in die Wege leiten.“ Dann war die Verbindung unterbrochen. Cantrell legte auf.

Butch sah den Stein in der Hand seines Chefs.

„Was hat das zu bedeuten, Sir?“, fragte er gespannt.

Der Gangsterjäger löste das zerknitterte Papier. Die Buchstaben waren aus Zeitungen ausgeschnitten und aufgeklebt.

„Haben Sie schon Ihre Lebensversicherung erhöht, Low? Es wird Zeit. In einer Woche dürfte es dazu zu spät sein“, las Cantrell vor.

„Diese Gangster wollen den Mann verrückt machen“, knurrte O’Reilly grimmig. Er ballte die Fäuste. „Aber wir werden ihnen einen Strich durch die Rechnung machen.“

„Den Anfang haben wir immerhin gemacht“, meinte der Kriminalist lächelnd, „zumindest wissen die Gangster, die dahinterstecken, dass sie nicht ungestraft harmlosen Chicagoer Bürgern Angst einjagen können. Sie werden sich wundern, wenn sie erfahren, dass der Bursche, den sie als Steinschleuderer beauftragt haben, hinter Gittern sitzt.“

„Ich bin gespannt, wie sie reagieren werden“, erwiderte Butch, „es ist die erste Schlappe, die sie einstecken müssen.“

Der Gangsterjäger lächelte. Er legte den Stein und den Zettel ins Handschuhfach.

„Fahren wir nach Hause“, schlug er vor. „Für heute hat Low nicht mehr mit Besuch zu rechnen.“

Butch setzte den Einsatzwagen in Bewegung. Mit hoher Geschwindigkeit jagte die schwarze Limousine durch das nächtliche Chicago in Richtung Western Springs.

 

 

3

Jake Montini starrte mit finsterem Blick auf die rohe Tischplatte. Seine Miene zeigte Weltuntergangsstimmung.

Zwei Rotweinflaschen waren leer, eine dritte angebrochen. Der Aschenbecher quoll über.

Den beiden Männern machte es nichts aus, dass die mit Zigarettenqualm geschwängerte Luft zum Zerschneiden fast schon zu dick war.

Luigi Condoli döste auf dem zerschlissenen Sofa vor sich hin. Er hatte die Arme unter dem Kopf verschränkt und blickte mit halb geschlossenen Augen zur Decke.

„Verdammter Mist“, knurrte er schläfrig, „ich möchte wissen, weshalb wir uns nicht endlich hinhauen. Richtig pennen, zum Teufel! Dass der erste Tag in dieser verdammten Stadt gleich mit ’ner schlaflosen Nacht anfangen muss, geht mir mächtig gegen den Strich.“ Er richtete sich plötzlich auf und funkelte Montini ärgerlich an. „Hast du gehört, Giacomo? Ich bin müde, und ich will nichts weiter als schlafen!“

Montini sah nur kurz auf.

„Hör endlich auf“, murmelte er, „wie oft soll ich dir noch sagen, dass es nicht geht! Ich sitze wie auf Kohlen, und du denkst nur ans Pennen. Wenn ich gewusst hätte, auf was ich mich mit dir einlasse, hätte ich dich nicht rübergeholt. Blödsinn, sich gleich mit den erstbesten Typen anzulegen und sie dann auch noch stumm zu machen. Hoffentlich hast du inzwischen kapiert, dass du nicht mehr in Sizilien bist!“

„Red doch kein dummes Zeug!“ Condoli machte eine wegwerfende Handbewegung. „Gib’s zu, dass du die Hosen voll hast, Giacomo! Und ich Idiot habe erwartet, dich als hartgesottenen Nordamerikaner wiederzusehen. Aber was bist du? Ein Waschlappen!“

Jake Montini sprang erregt auf. Seinen italienischen Vornamen hatte er schon kurz nach seiner Einwanderung in die Staaten vor rund zehn Jahren abgelegt.

„So kannst du mit mir nicht reden!“, schrie er zornesrot. „Es kostet mich ein Lächeln, dich hängenzulassen, verstehst du! Und dann bist du geliefert, Luigi. Allein findest du dich in Chicago niemals zurecht. Hier herrschen andere Verhältnisse als in unserem sizilianischen Kaff, wo jeder die Tricks des anderen kennt. No, mein Lieber, du wärst verraten und verkauft, wenn du mich nicht hättest. Außerdem habe ich ja schließlich die ganze Sache für dich in Gang gebracht, als du noch gar nicht hier warst. Ich frage mich, wozu ich es eigentlich getan habe.“ Er machte eine Pause und holte tief Luft. Dann ließ er sich wieder auf den Stuhl sacken.

„Aus reiner Freundschaft, Giacomo“, grinste Condoli, „oder willst du etwa auch bestreiten, dass wir Freunde sind? Vielleicht willst du mir aber gerade erklären, dass wir einmal Freunde gewesen sind. Wenn es das sein sollte, was du ausdrücken willst, dann …“

„Quatsch!“, knurrte Montini. „Davon kann überhaupt nicht die Rede sein. Außerdem heiße ich jetzt Jake. Das solltest du eigentlich langsam wissen.“

„Okay, Jake.“ Condoli sprach den amerikanischen Wahlnamen seines Freundes mit besonderer Betonung aus. „Lassen wir also den Blödsinn. Wozu soll man sich mit Nebensächlichkeiten abgeben, wenn man sich dadurch nur das Leben unnötig schwermacht, nicht wahr?“

„Würde mich freuen, wenn du endlich zur Einsicht kämst.“

„Ich denke, dass wir uns auch weiterhin prächtig verstehen werden“, grinste Condoli, „jedenfalls brauchst du dir keine Sorgen zu machen, dass ich wie ein tolpatschiger Bär durch dieses hübsche Städtchen tappe und überall ins Fettnäpfchen trete. Ich hab schließlich genug Zeit gehabt, mich auf den Trip in die Staaten vorzubereiten. Was meinst du, was ich während der Überfahrt getrieben habe? Bücher gelesen, Jake! Am laufenden Band! War mächtig interessant, kann ich dir sagen. Vielleicht weiß ich mehr über Chicago, als du denkst.“

„Geschenkt. Was unsereins über Chicago wissen muss, steht nicht in Büchern.“ Montini kratzte sich nervös den Kopf. Er schenkte sich ein neues Glas Rotwein ein und schob sich die soundsovielte Zigarette an diesem Abend zwischen die Lippen.

Jake Montini hatte bereits die amerikanische Staatsbürgerschaft erworben. Es war ihm nicht schwergefallen. In den ersten Jahren seines Aufenthaltes hatte er sich sein Geld überall dort verdient, wo es in Chicago Jobs gab, die man als ungelernter Arbeiter, der kaum Englisch sprach, verrichten konnte. Und Jake Montini hatte ernsthaft gearbeitet. Dann, bereits als Amerikaner, war er einem Typ in die Finger geraten, den er aus Sizilien kannte. Ausgerechnet dieser Typ arbeitete als kleiner Handlanger für die Cosa Nostra, den US-Zweigbetrieb der Mafia. Ehe sich Montini versehen hatte, war er ebenfalls für die Cosa Nostra angeworben worden. Anfangs hatte er sich händeringend dagegen gesträubt, als Zuträger für die einflussreichen sizilianischen Gangsterfamilien zu arbeiten. Doch hatte es etwas genutzt? Nein. Im Gegenteil. Mit seinem Prostest hatte Jake Montini sogar sein Leben aufs Spiel gesetzt, bis er endlich eingesehen hatte, dass es zwecklos war, sich gegen den Willen der Cosa Nostra aufzulehnen. Man war einfach gezwungen, mitzumachen. Die Mafia hörte eben nicht in Sizilien auf. Wer glaubte, ihr dort entronnen zu sein, täuschte sich schwer. Also hatte Montini ergeben seine Dienste geleistet und sich in der Hierarchie der Chicagoer Cosa-Nostra-Familie sogar etliche Stufen emporgearbeitet. Heute war er soweit, dass er sein monatliches Gehalt bekam und keine schmutzige Arbeit mehr verrichten musste. Was er zu tun hatte, beschränkte sich auf die Kontrolle von Spielhöllen, Bars und einigen Bordellen. Handgreiflichkeiten gab es nur selten. Die Cosa Nostra hatte ihre Leibeigenen gut erzogen.

„Okay, du Neunmalkluger“, meldete sich Condoli erneut zu Wort. „Wenn du alles so genau kennst, dann weißt du also auch schon, was wir uns wegen der drei Kerle einhandeln, die wir abgepiekt haben.“

„Langsam scheinst du zu kapieren!“, stöhnte Montini. „Vielleicht will es in deinen Dickschädel hinein, dass jetzt in der Downtown die Hölle los ist. Die Bullen werden jede Bude einzeln filzen. Von den Leuten in der Kneipe wird keiner was sagen. Die haben selbst allesamt genug Dreck am Stecken. Aber es braucht bloß irgend jemand anders aus dem Fenster gesehen und sich unsere Autonummer gemerkt zu haben. Dann sind wir geliefert.“

„Moment mal!“, protestierte Condoli. „Da komme ich nicht ganz mit. Erstens haben wir die Karre weit weg von hier auf nem Parkplatz abgestellt. Wenn sie da einer findet, haben sie uns noch lange nicht. Außerdem sind wir nicht in deine Wohnung gefahren, sondern haben uns die Bruchbude hier als Quartier ausgesucht. Ich frage mich, welche Sicherheitsmaßnahmen du noch ergreifen wolltest?“

„Eigentlich müsste es reichen“, gab Montini zu. „Aber so ganz sicher kann man in solchen Fällen nie sein. Zum Teufel, wenn ich geahnt hätte, dass du in der Kneipe gleich ’ne Streiterei anfängst, hätte ich doch nie im Leben meinen eigenen Wagen mitgenommen!“

„Siehst du! Auch du lernst nie aus.“

„Mach mich nicht verrückt, Luigi! Ich hab dir versprochen, dir bei deinem Job zu helfen. Okay, zu meinem Wort stehe ich. Aber du musst verstehen: Diese Bude hatte ich als Bleibe für die nächsten Tage ausgesucht, solange bis du es erledigt hast. Ich konnte es nicht riskieren, in meiner Wohnung zu bleiben, solange die Geschichte läuft. Offiziell bin ich auf Urlaub. Mein Boss weiß Bescheid. Aber wenn sie uns hier jetzt aufspüren und verscheuchen, dann weiß ich nicht, wo wir hin sollen.“

„Verstehe, verstehe, Jake.“ Condoli blickte zu Boden. „Ich weiß ja, dass du’s eigentlich nicht nötig hättest, mir unter die Arme zu greifen. Aber ich habe es auch nicht von dir verlangt. Du hast es freiwillig gemacht. Und du kannst jederzeit wieder aussteigen, wenn du willst. Ich will es nicht verantworten, dass du Kopf und Kragen für meine Sache riskierst.“

„Hör auf mit dem Gefasel, Luigi!“ Jake Montini sog tief an seiner Zigarette. „Du bist noch nicht mal vierundzwanzig Stunden in Chicago. Okay, deine Einwanderungspapiere sind in Ordnung. Die Bullen können dir also vorerst nichts wollen, wenn du nicht unnötig ein krummes Ding drehst.“

„Ich weiß, was du sagen willst“, winkte Condoli ab. „Du kannst mich nicht allein die Stadt auf den Kopf stellen lassen. Den Anfang hab ich ja bereits gemacht, als ich diesen schrägen Vögeln in der Kneipe Kontra gegeben habe. Also denkst du, es könnte mit mir so weitergehen, und du musst höllisch auf mich auf passen. Stimmt’s?“

„So ungefähr“, nickte Montini.

„Siehst du. Genau da täuschst du dich. Ich sehe ein, dass es falsch war, gleich auf Anhieb ’nen Streit vom Zaun zu brechen. Und aus seinen Fehlern soll man ja schließlich lernen, oder? Du kannst mir schon glauben, dass ich in Zukunft auf Draht sein werde. Ich bin ja schließlich wegen einer Sache hergekommen, die ich auch zu Ende bringen will. Vergiss das nicht, Jake.“

Montini schüttelte den Kopf. Er drückte die Zigarette im Stummelgewirr des Aschenbechers aus.

„Ich denke pausenlos daran, Luigi. Zum Beispiel auch daran, dass ich heute Nacht noch eine Vollzugsmeldung zu erwarten habe. Es sind also gleich zwei Sachen, die einen nervös machen können. Das musst du auch berücksichtigen.“

„Natürlich“, meinte Condoli breit, „aber was die Nachricht anbetrifft, auf die du wartest, so würde ich mir deswegen keine grauen Haare wachsen lassen. Vielleicht hat der Bursche es einfach vergessen.“

„Unmöglich“, widersprach Montini energisch, „er hatte strikte Order, sich anschließend zu melden. Außerdem hat er nur die halbe Summe als Anzahlung gekriegt.“

Condoli wog nachdenklich den Kopf hin und her.

„Dann allerdings …“, meinte er. Den Rest dachte er sich.

Die nächste halbe Stunde brauchten sie dazu, um den restlichen Rotwein hinunterzukippen und die Luft in dem engen Zimmer weiter mit Qualm zu verpesten.

„Ich denke, ich werde mal das Fenster aufmachen“, meinte Montini schließlich. Es blieb bei dem Vorhaben. Auf halbem Weg wurde er durch das Geräusch von schlurfenden Schritten gestoppt, die vor der Zimmertür zu hören waren. Dann wurde energisch an die Tür geklopft.

„He, Mister Montini!“, keifte eine schrille Frauenstimme. „Telefon! Ein Gespräch für Sie!“

Montini stürzte hinaus. In der Tür wandte er sich noch einmal hastig um.

„Du bleibst hier, Luigi. Ich bin gleich zurück.“

Condoli nickte. Es war ihm einerlei, was Montini in diesem Augenblick anstellte. Er war hundemüde und hatte nur noch den einen Wunsch, endlich schlafen zu können. Doch das hing leider davon ab, ob sein Komplice ihre Lage für geklärt und einwandfrei hielt.

Es dauerte fast zehn Minuten, bis Montini zurückkam. Außer Atem vom Treppensteigen ließ er sich auf seinen Stuhl sinken. Seine Finger tasteten zur Zigarettenschachtel, dann zum Rotweinglas, das schon fast leer war.

„He!“, stutzte Condoli. „Was ist los mit dir, zum Teufel? Hat was nicht geklappt, oder warum bist du plötzlich sauer? Ich seh’s dir doch an!“

„Deine Frohnatur möchte ich haben“, seufzte Montini matt, „wir sitzen ziemlich tief in der Tinte, um es deutlich zu sagen.“

„Nun red schon in Klartext! Was ist passiert?“

„Irgendein Bulle hat Timmy Shank geschnappt. Du weißt, der Mann, den ich beauftragt hatte. Kein Wunder, dass er seine Vollzugsmeldung nicht abgegeben hat. Jetzt haben sie ihn kassiert und drehen ihn durch die Mangel. Mann, o Mann! Wir sitzen wirklich in der Tinte!“

„Du bist der geborene Schwarzseher, Jake.“ Condoli war plötzlich wach geworden. Es reizte ihn mächtig, diese Schlappe, die Montini und er erlitten hatten, wieder auszubügeln. Schließlich konnte er seinem Partner auf diese Weise beweisen, dass er doch nicht der dumme Provinzheini aus Sizilien war, für den ihn Jake immer noch hielt. „Was ist das für ein Bursche, dieser Shank? Ist er zuverlässig?“

„Das allerdings. Er hat oft für mich gearbeitet. Ich bin sogar ziemlich sicher, dass er keinen von uns verpfeifen wird. Er weiß, was ihm dann blühen würde. Aber ich fürchte nur, dass sie ihn in Anbetracht der Umstände anständig in die Mache nehmen. Und ob er das durchsteht, ist die Frage. Du hast keine Ahnung, zu welchen Tricks die Bullen fähig sind!“

„So schlimm wird’s nun auch wieder nicht sein“, meinte Condoli. „Nehmen wir mal an, sie werden ihn noch heute Nacht pausenlos verhören. Zunächst auf die harmlose Tour. Wenn nichts dabei herauskommt, finden sie nen Grund, ihn für einige Tage in einer Zelle schmoren zu lassen …“

„Den Grund brauchen sie nicht erst zu finden.“

„Lass mich ausreden, Jake. Zwischendurch werden sie’s ein paarmal wieder versuchen. Sie werden merken, dass er nicht so spurt, wie sie es haben möchten. Er brütet also im Bau vor sich hin, bis sie ihn ziemlich mürbe gemacht haben. Und wenn er dann so weit ist, wenden sie ihre Spezialmethoden an. Was meinst du, könnte es so hinhauen?“

„Du bist ziemlich gut informiert“, staunte Montini, „woher hast du das?“

„Vielleicht begreifst du bald, dass man die hiesigen Verhältnisse auch einigermaßen gut studieren kann, wenn man noch nie in Chicago gewesen ist. Dazu gibt es genug Leute, die hier gewesen sind und wieder in unser gelobtes Heimatland zurück mussten. Zwangsweise, weil man sie hier nicht mehr haben wollte. Stimmt’s?“

„Ach so“, nickte Montini, „du scheinst dich doch mächtig gut vorbereitet zu haben.“

„War wohl erforderlich.“ Luigi Condoli senkte seine Stimme. „Hör zu, Jake, es gibt nur einen Ausweg aus dieser Geschichte, wenn unser Plan nicht platzen soll. Wir müssen diesen Timmy Shank stumm machen. Anders geht es nicht.“

„Bist du verrückt? Ebenso gut könntest du versuchen, das Pentagon zu erobern. No, mein Lieber, an Shank kommen wir nicht heran, solange ihn die Bullen in den Krallen haben.“

„Wer sagt denn, dass ich an ihn herankommen will? Mir genügt eine Entfernung von einigen Hundert Yards. Und zwar werde ich die Sache selbst in die Hand nehmen …“

Jake Montini wollte aufbegehren. „Stopp!“, brachte ihn Condoli zur Ruhe. „Lass mich erst mal zu Ende reden. Ich bin sicher, dass es eine Möglichkeit gibt, Timmy Shank irgendwann bei einer passenden Gelegenheit ins Visier zu bekommen. Was ich dazu brauche, ist allerdings ein genauer Lageplan der Örtlichkeiten und Gebäude und außerdem das nötige Handwerkszeug. Lässt sich das machen?“

„Das wäre kein Problem. Aber du bist verrückt, wenn du so was unternehmen willst. Ich kann mich nicht erinnern, dass in den letzten Jahren jemand etwas Ähnliches gewagt hätte.“

„Dann besteht Chicago eben nur aus Waschlappen. Ich riskiere es jedenfalls. Und ich setze dabei noch nicht einmal allzu viel aufs Spiel. Denn noch kennt mich in Chicago keiner.“

„Bis auf die Einwanderungsbehörden, und denen hast du meine Adresse angegeben.“

„Na und? Ich werde doch nicht so blöd sein, überall meine Prints zu verstreuen. Hör endlich auf, mich für einen Dorftrottel zu halten, Jake!“

„Also gut“, ächzte Montini, „ich werde sehen, was sich machen lässt.“

„Nach Möglichkeit muss es gleich morgen über die Bühne gehen“, fügte Condoli hinzu, „bis dahin muss ich das Material haben.“

„Meinetwegen.“

„Okay. Dann kann ich jetzt wohl schlafen. Oder haben sie uns wegen der drei Lederjackentypen schon auf dem Kieker?“

„No. Das hat sich geklärt. Die Bullen haben keinen Zeugen gefunden. Keiner hat irgendwas gesehen.“

„Na also“, freute sich Condoli, „in mancher Hinsicht scheint ihr hier in Chicago ja doch auf Draht zu sein.“

 

 

4

Der graue Dienstwagen der City Police senkte seine Motorhaube und stoppte vor dem Villengrundstück an der Courtland Street in Norridge.

„Warten Sie auf uns“, bat Captain Horatio McConnors den uniformierten Beamten, der am Steuer saß. „Es wird etwa eine Stunde dauern, schätzungsweise.“

„In Ordnung, Sir.“ Der Fahrer machte es sich bequem und steckte sich eine Zigarette an.

Gemeinsam mit dem Polizeichef kletterte District Attorney Richard Snyder aus dem Fond des Wagens.

Snyder, ein Studienfreund Tony Cantrells, mittelgroß und schwarzhaarig, bestach durch elegante Kleidung, die einen dezenten Abglanz der führenden Modejournale widerspiegelte. In seinem sympathischen Gesicht dominierte eine schwarze Hornbrille.

Captain McConnors machte den Eindruck eines bulligen und bärbeißigen Kriminalbeamten. Diejenigen, die ihn genauer kannten, wussten, dass unter seiner rauhen Schale ein durchaus weicher Kern steckte. Der struppige, widerborstige Schnurrbart des Polizeichefs hatte die gleiche eisgraue Farbe wie sein kurzes Haar.

Gemeinsam strebten die beiden Männer auf das Gartenportal der Villa zu. Sie waren auf die Minute pünktlich. Snyder drückte den Klingelknopf am rechten Pfosten des schmiedeeisernen Tores. Durch die verschnörkelten Gitterstäbe wurde der Blick auf die Rasenfläche freigegeben, die im morgendlichen Sonnenlicht den Eindruck friedlicher Idylle vermittelte. Nichts erinnerte an den nächtlichen Vorfall, der sich lautlos und für die Hausbewohner völlig unbemerkt abgespielt hatte. Captain McConnors hatte dafür gesorgt, dass der Abtransport des gefesselten Eindringlings unauffällig vonstatten gegangen war. Das Beweisstück hatte er bereits in den frühen Morgenstunden bei Tony Cantrell abholen lassen.

Frank S. Low kam persönlich, um seine Besucher hereinzulassen. Er versuchte ein freundliches Lächeln aufzusetzen, was ihm jedoch nur halbwegs gelang. Snyder und McConnors konnten sich durchaus in seine Stimmung versetzen.

Low war drahtig und hochgewachsen. Seine kerzengerade Haltung erinnerte an einen in West Point geschulten Offizier. Ebenso seine scharfkantigen Gesichtszüge mit der ledern wirkenden Haut. Sein graumeliertes Haar war in ultrakurzem Crew Cut gehalten. Nichts ließ an diesem Mann darauf schließen, dass er seine tägliche Arbeitszeit als Direktor der Western Savings Bank im Büro verbrachte. Frank S. Low sorgte für seine körperliche Fitness durch aktiven Sport, den er als Segler und Golfspieler betrieb.

Er bat Snyder und McConnors in sein Arbeitszimmer, dessen geschmackvolle aber keineswegs pompöse Einrichtung durch eine voll verglaste Südseite des Hauses in eine Flut von Sonnenlicht getaucht war.

„Setzen Sie sich, Gentlemen“, forderte Low die beiden Beamten auf. Er deutete auf die lederbespannten Besuchersessel. Seine Stimme war dunkel und vollklingend. Es lag ein energischer Unterton darin.

Snyder und McConnors folgten der Aufforderung. Low setzte sich ebenfalls.

„Einen Drink?“,erkundigte er sich höflich.

„Vielen Dank“, wehrte Richard Snyder lächelnd ab, „dazu ist es noch ein wenig zu früh, Mr. Low.“

Captain McConnors verneinte ebenfalls.

„Haben Sie Neuigkeiten für mich?“, ließ Low seiner inneren Gespanntheit die Zügel schießen. „Sicher haben Sie einen Grund für diese Besprechung heute morgen. Oder irre ich mich?“

„Keineswegs, Mr. Low“, erwiderte Captain McConnors, „wir haben Ihnen lediglich vorher nichts gesagt, um Sie und Ihre Familie nicht unnötig zu beunruhigen. Wir können uns gut vorstellen, dass Sie allesamt an der nervlichen Belastung schwer zu tragen haben.“

Frank S. Low nickte ungeduldig. Vornübergebeugt sah er die Besucher mit sichtlich wachsender Spannung an.

„Wir wollen es kurz machen“, begann Snyder unverblümt, „Sie hatten in der vergangenen Nacht unerwarteten Besuch, Mr. Low.“

„Was?“

„Genau. Es hat sich jemand auf Ihr Grundstück geschlichen, der den Auftrag hatte, einen Stein mit einer Mitteilung durch eines der Fenster zu werfen. Eine ziemlich altertümliche Methode, jemandem zu drohen, aber dafür keineswegs unwirksam.“

„Aber ich habe keinen Stein gefunden“, erwiderte Low verblüfft.

„Das konnten Sie auch nicht“, fuhr jetzt Captain McConnors fort, „der Bursche, der dieses Vorhaben bei Ihnen in Szene setzen wollte, sitzt bei uns hinter Schloss und Riegel. Unsere Vernehmungsspezialisten sind dabei, ihm ein paar nette Worte zu entlocken.“

„Ich verstehe immer noch nicht ganz“, meinte Low kopfschüttelnd.

„Vervollständigen wir die magere Information“, erklärte Snyder lächelnd. „Der Mann, der über Ihre Umfriedungsmauer kletterte und sich dem Haus näherte, wurde von einem unserer – hm – Beamten abgefangen, den wir zur Beobachtung postiert hatten. Alles spielte sich völlig lautlos ab. Sie und Ihre Familie haben vermutlich nichts davon gemerkt.“

„Nein, ich höre jetzt zum ersten Mal davon.“

„Um so besser“, spann Snyder seinen Faden weiter, „sonst wäre es mit Ihrer Nachtruhe vermutlich nichts mehr geworden. Der Eindringling wurde also ohne viel Federlesens von uns in Gewahrsam genommen. Die Mitteilung, die er hier abliefern sollte, haben wir ebenfalls.“ Snyder sah den Polizeichef an und machte eine Pause.

Captain McConnors zog wortlos den Zettel aus der Tasche, den er von Cantrell erhalten hatte. Der Stein befand sich noch im Labor, wo er untersucht wurde.

Der Zettel war bereits untersucht worden, allerdings ohne Ergebnis.

Frank S. Low überflog die aufgeklebten Buchstaben.

„Immer das gleiche!“, presste er hervor und ließ den Zettel auf den Tisch sinken. „Immer die gleichen Drohungen. Aber nie ist ein genauer Zeitpunkt oder sonst etwas Konkretes angegeben, wodurch man einen Ansatzpunkt hätte. Ich weiß ja nicht einmal, weswegen man mir Mord androht.“

„Eine Antwort auf diese Fragen werden wir vermutlich erst dann bekommen, wenn wir den Täter haben“, resümierte McConnors, „zunächst geht es nur darum, dass Sie und Ihre Familie in Gefahr sind.“

Frank S. Low senkte den Kopf.

„Wir haben uns schon darüber unterhalten“, begann Snyder zögernd, „haben Sie wirklich keine Ahnung, wer oder was möglicherweise dahinterstecken könnte, Mr. Low? Sie müssen sich doch Gedanken gemacht haben, wer Ihnen unter Umständen feindlich gesonnen sein könnte. Ich meine, haben Sie Ihre Vergangenheit durchforscht und alle Möglichkeiten in Betracht gezogen?“ Low winkte müde ab.

„Ich weiß, was Sie ausdrücken wollen, Mr. Snyder. Das gibt es eben nicht, dass jemand umgebracht werden soll, der ein reines Unschuldslamm ist. Sie haben völlig recht. Und ich nehme auch nicht für mich in Anspruch, ein solches Unschuldslamm zu sein. Aber wenn ich mich beispielsweise an die letzten, sagen wir, dreißig Jahre zurückerinnere, dann gibt es unzählige Begebenheiten, die allen möglichen Leuten Anlass gegeben haben könnten, auf mich schlecht zu sprechen zu sein. Vergessen Sie nicht, dass ich fast zehn Jahre lang Offizier war und den gesamten Krieg mitgemacht habe. Als Vorgesetzter muss man bei der Army oftmals hart durchgreifen. Unzählige Sergeanten, Corporals und Privates könnten mir böse sein, weil ich sie irgendwann mal angepfiffen habe. Sie verstehen, was ich sagen will?“

„Vollkommen“, nickte Snyder, „es ist nicht der erste Fall dieser Art, den wir erleben. Meist haben die Betroffenen nicht die geringste Ahnung, weswegen man sie anfeindet. Und wenn sie es dann erfahren, stellt es sich heraus, dass der Anlass irgendeine Geschichte war, die sie selbst als Bagatelle betrachtet und längst vergessen haben, die sich aber im Gehirn eines anderen mit tödlichem Hass festgefressen hat.“

„Damit kommen wir nicht weiter“, entschied Captain McConnors, „uns geht es jetzt vor allem darum, wirksame Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Immerhin passierte es letzte Nacht zum ersten Mal, dass jemand sich auf Ihr Grundstück gewagt hat, Mr. Low. Die früheren Drohungen kamen doch meistens per Post, per Telefon oder durch unbekannte Boten, nicht wahr?“

„So ist es“, nickte Low, „der Zettel von heute Nacht ist der siebente Wisch, der mir ins Haus flatterte. Aber was gedenken Sie zu unternehmen, Captain?“ Low sah den Polizeichef forschend an. In seinen Gesichtszügen waren leichte Zweifel zu erkennen.

„Wir haben nicht viel Möglichkeiten“, erklärte McConnors, „im Vordergrund steht zunächst die Vernehmung des Burschen, den wir heute Nacht geschnappt haben. Aber er reitet bislang die übliche Tour und behauptet steif und fest, dass er seinen Auftraggeber nicht kennt. Möglicherweise brauchen wir Tage, um ihn zum Reden zu bringen. Was wir ansonsten tun können, ist lediglich folgendes: Wir müssen ein Sonderkommando zusammenstellen, das Sie und alle übrigen Angehörigen Ihrer Familie auf Schritt und Tritt bewacht.“

„Aber hören Sie, Captain, das ist doch ein ungeheurer Aufwand, der – kaufmännisch gesprochen – in keinem Verhältnis zum Ertrag steht.“

„Wir können bei unserer Arbeit nicht immer kaufmännisch denken“, erklärte Richard Snyder hart, „Menschenleben sind Größenordnungen, die man nicht wie Zahlenmaterial verkalkulieren kann. Für jedes Menschenleben, das wir retten können, lohnt sich auch der größte Aufwand.“

„Nun“, erwiderte Low gedehnt, „in meinem Fall ist das sehr tröstlich zu wissen. Aber im Grundsatz kann man über dieses Problem endlos diskutieren. So ganz lässt sich Ihre Auffassung nämlich nicht mit gewissen aktuellen Ereignissen vereinbaren.“

„Schluss damit“, knurrte McConnors grob, „wir sind nicht zusammengekommen, um über Fragen des menschlichen Seins zu debattieren, sondern um uns zu überlegen, wie wir ein paar schmutzigen Gangstern das Handwerk legen können. Um zur Sache zu kommen, Mr. Low. Wir werden für jeden von Ihnen einen persönlichen Bewacher abstellen. Die Beamten wechseln sich natürlich zeitweise ab. Außerdem werden weitere Beamte eingesetzt, die Ihr Grundstück, Ihren Arbeitsplatz und die Aufenthaltsorte Ihrer Familienmitglieder überwachen.“

Der Captain verschwieg bewusst, dass Tony Cantrell und seine beiden Mitarbeiter ebenfalls beteiligt waren. Da Cantrell überwiegend als Schwarze Maske arbeiten würde, konnte es möglich sein, dass Low unter Umständen gewisse Schlussfolgerungen anstellte, wenn er von der Schwarzen Maske wusste und gleichzeitig bekannt war, dass das Cantrell-Team die Ermittlungen der Polizei unterstützte.

„Bitte, erzählen Sie uns kurz etwas über Ihre Familie“, bat Snyder den Bankdirektor.

„Nun“, begann Low, „meinen Job kennen Sie. Catherine, meine Frau, ist tagsüber meistens zu Hause. Nur hin und wieder fährt sie mit ihrem Wagen in die City, um irgendwelche Einkäufe zu erledigen, zum Friseur zu gehen, oder was sonst noch zu tun ist. Meine beiden Kinder gehen zur Schule. Christine, sie ist zwölf Jahre alt, besucht die High School an der Windsor Street, hier in Norridge. Unser Sohn ist zwanzig Jahre alt, er heißt Collin. Er studiert drüben in Berkeley. Das wär’s.“

„Okay“, entschied McConnors, „die Bewachung Ihres Sohnes werden wir von der dort zuständigen Polizeidienststelle aus vornehmen lassen. Um Ihre Frau, Ihre Tochter und Sie selbst werden sich unsere Chicagoer Beamten kümmern.“

„Wann fangen Sie damit an?“, wollte Low wissen.

„Heute Nachmittag. Ich rufe Sie etwa in zwei Stunden an, dann können wir die Einzelheiten besprechen. Das Ganze muss natürlich völlig unauffällig vonstatten gehen.“

„Ich verstehe“, nickte Low, „hoffentlich führt die Aktion zum Erfolg.“

„Ein Erfolg ist es schon, wenn Ihrer Familie und Ihnen nichts passiert“, erklärte Richard Snyder abschließend.

Sie erhoben sich aus ihren Besuchersesseln. Snyder und McConnors verabschiedeten sich. Low brachte sie bis zur Straße hinaus.

„Meine Frau ist gerade weggefahren, um Christine zur Schule zu bringen und anschließend einige Einkäufe zu erledigen“, meinte er noch, „sonst hätten Sie sie gleich kennenlernen können.“

„Das lässt sich nachholen“, meinte McConnors trocken. Dann stiegen sie in den grauen Dienstwagen. Frank S. Low machte kehrt und marschierte zurück ins Haus.

Der Fahrer ließ den Wagen wortlos anrollen.

„Was halten Sie von ihm?“, wandte sich Snyder interessiert an McConnors.

„Ein Mann, von dem man sagen würde, dass er durch und durch korrekt ist. Er hat seine Richtlinien, selbst gesetzte Leitziele, an die er sich hält. Sein Auftreten täuscht leicht darüber hinweg, dass er genau so ein Mensch mit allen möglichen Schwächen ist wie jeder andere.“

„So ähnlich hätte ich es auch ausgedrückt“, lächelte Snyder.

McConnors beugte sich vor.

„Nach Western Springs“, rief er dem Fahrer zu, „zur Clinton Street!“

Bis zum Bungalow des berühmten Chicagoer Rechtsanwalts brauchten sie etwas mehr als eine halbe Stunde.

Carol Cantrell, die hübsche blonde Frau des Anwalts, öffnete den beiden Männern die Haustür. Snyder und McConnors waren häufig an der Clinton Street zu Gast. In vielen gemeinsam bearbeiteten Fällen hatten sie sich hier zusammen mit dem Cantrell-Team oftmals stundenlang die Köpfe zerbrochen.

Carol vergaß nicht, den Fahrer des Dienstwagens hereinzubitten und ihm im Esszimmer des Bungalows einen frisch aufgebrühten Kaffee zu servieren. Die gleiche Tätigkeit setzte Carol im Arbeitszimmer ihres Mannes fort, wo sich Snyder und McConnors bei Tony Cantrell und seinen beiden Mitarbeitern niedergelassen hatten.

Der Anwalt hatte seine Brille mit den dunklen Gläsern abgesetzt. Richard Snyder und Horatio McConnors gehörten zu den wenigen Personen, die sein Geheimnis kannten und auch seine Einsätze als Schwarze Maske in vollem Umfang unterstützten.

Nur ein feiner Kranz winziger Narben um Cantrells Augen erinnerte an das Attentat im Gerichtssaal, mit dem ihm die Syndikatsbosse vor Jahren einen empfindlichen Schlag versetzt hatten.

Jack O’Reilly trug eine leichte Khakihose und ein buntes Baumwollhemd, das sich über seinem muskulösen Oberkörper spannte. Seine hünenhafte Gestalt hatte ihm bei seinen Bekannten den Spitznamen „Butch“ eingebracht.

Morton Philby, der wegen seiner Vorliebe für seidene Krawatten „Silk“ genannt wurde, trug wie immer einen eleganten Anzug. Die dunklen Augen des schlanken, schwarzhaarigen Detektivs blickten mit dem wachen Verstand eines sezierenden Chirurgen, ohne dabei jedoch kalt und gefühllos zu wirken.

Richard Snyder berichtete in kurzen Zügen über den Besuch bei Frank S. Low.

„Es ist eine merkwürdige Geschichte, Tony“, schloss er, „vieles scheint genau so zu liegen wie in Dutzenden von ähnlichen Fällen. Und doch ist etwas an der Sache, was nicht in den üblichen Rahmen passt. Schließlich sind mysteriöse Drohungen dieser Art nichts Neues für uns.“

„Ich weiß“, erwiderte Cantrell mit feinsinnigem Lächeln, „und ich würde mich auch nicht mit der Sache befassen, wenn nicht etwas dahintersteckte. Mein Gefühl sagt mir, dass die Drohungen gegen Frank S. Low keine leeren Drohungen sind. Dazu sind sie zu massiv. Es geht um mehr, als dem Mann nur Angst einzujagen.“

„Sicher will ihn jemand systematisch fertigmachen“, warf Butch in die Debatte, „nervlich fertigmachen, meine ich. Und wenn Low so weit ist, dann bringen sie ihn möglicherweise kaltlächelnd um.“

„Es muss jemand sein, der sich für irgend etwas an ihm rächen will“, vermutete Silk.

„Low behauptet, er hätte keine ernsthaften Feinde“, entgegnete Captain McConnors, „jedenfalls kann er sich an nichts erinnern, was ihm die offene Feindschaft eines anderen eingetragen haben könnte.“

„Wie Richard sagte, war Low vor seiner Tätigkeit als Bankdirektor Offizier“, grübelte Cantrell, „ich vermute, dass der Schlüssel für die Vorfälle in seiner Laufbahn bei der Army zu suchen sein könnte. Als Bankdirektor hat er zwar auch mit vielen Leuten zu tun, aber diese Tätigkeit ist kaum so gestaltet, dass er sich gleich Todfeinde schaffen könnte. Eine solche Möglichkeit ist bei der Army viel wahrscheinlicher. Noch dazu, wenn er den gesamte» Krieg als aktiver Offizier mitgemacht hat.“

„Ich will versuchen, beim CID etwas über ihn herauszubekommen“, versprach McConnors, „vielleicht liegt dort etwas über seine Laufbahn vor. Wenn er Geheimnisträger war, müsste auf alle Fälle eine Akte vorhanden sein.“

„Unter Umständen finden wir schon einen Hinweis, wenn wir wissen, welche Einsätze er als Offizier geleitet hat“, fügte Cantrell hinzu, „zumindest dürfen wir nichts unversucht lassen.“

„Du wirst also weiter bei der Sache bleiben, Tony“, folgerte Richard Snyder.

„Natürlich“, erwiderte Cantrell, „was ich einmal begonnen habe, breche ich nicht vorzeitig ab. Eine Bedingung muss ich dabei allerdings stellen: Die Mitwirkung von Butch, Silk und mir muss auf alle Fälle Frank S. Low gegenüber geheim bleiben. So, wie die Dinge nun einmal liegen, habe ich ausschließlich als Schwarze Maske eine Chance, etwas für Low zu tun. Und dabei könnte es leicht sein, dass er durch einen unglücklichen Zufall vom Einsatz der Schwarzen Maske erfährt. Wenn er dann wüsste, dass wir an dem Fall beteiligt sind, könnte er unliebsame Rückschlüsse ziehen.“

„Das war von vornherein klar“, betonte Captain McConnors, „es ist selbstverständlich, dass wir uns an die Bedingung halten.“

„Auch in Hinblick auf den Vorfall von heute Nacht haben wir Low gesagt, dass es sich um einen Polizeibeamten gehandelt habe, der den Ganoven schnappte“, fügte Snyder lächelnd hinzu.

„Allright“, winkte Cantrell ab. „Was ist übrigens mit dem Burschen, der den Stein in Lows Villa werfen sollte?“

„Er heißt Timmy Shank“, berichtete Captain McConnors, „für unsere Leute vom Rauschgiftdezernat ist er kein Unbekannter. Allerdings handelt es sich jedoch bei ihm nur um einen der ganz kleinen Dealer, die nur dann mit Stoff handeln, wenn sie eine passende Gelegenheit dafür finden. Er hatte keinen regelmäßigen Großlieferanten an der Hand. Deswegen ist er also auf Handlangerdienste für die großen Bosse angewiesen. Bis dahin stimmt seine Geschichte, die er uns über den Grund erzählt hat, warum er über die Mauer zu Lows Grundstück geklettert ist.“

„Den Auftraggeber kennt er also immer noch nicht“, resümierte Cantrell.

„Genau so ist es. Er behauptet nach wie vor steif und fest, dass er den Mann noch nie gesehen habe, der ihm die Dollars für den Job versprochen hat und ihm dabei den Stein mit dem Zettel in die Hand gedrückt hat.“

„Demzufolge müssen wir davon ausgehen, dass tatsächlich jemand hinter der Geschichte steht, der in der Unterwelt Einfluss hat“, erklärte Silk nachdenklich.

Details

Seiten
141
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934755
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v509473
Schlagworte
privatdetektiv tony cantrell blutrache lake michigan

Autor

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Titel: Privatdetektiv Tony Cantrell #62: Blutrache am Lake Michigan