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Sheriff Murdocks schwerster Gang

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Sheriff Murdocks schwerster Gang

Klappentext:

Roman:

John F. Beck

 

Sheriff Murdocks schwerster Gang

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/Titelbild: Werner Öckl, 2019

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Klappentext:

Jim Murdock hat in San Antonio einen schweren Stand als Sheriff. Niemand glaubt ihm, dass Paco Shayne einen US-Marshal erschossen haben soll, den Murdock sterben sah. Alle halten Shayne und seine Familie für geachtete Bürger. Obendrein waren Murdock und Shayne einmal eng befreundet. Murdock steht alleine gegen eine Übermacht aus seinen Freunden und Mitbürgern, die fest entschlossen sind, Paco Shayne nicht der Justiz zu überlassen – auch wenn sie dazu gegen ihren Sheriff töten müssten. Als Paco Shayne seine Maske aus Anstand und Heuchelei fallen lässt und ein kaltblütiger Plan dahinter erscheint, den er und seine Kumpane ausgeheckt haben, ist es beinahe zu spät, die Mordmaschinerie noch aufzuhalten …

 

 

 

 

 

 

Roman:

Das kurze Knacken eines Revolverhahns durchbrach die Stille.

Jim Murdock, der bereits eine Hand auf das steile Horn seines McClellan-Sattels gelegt hatte, erstarrte mitten in der Bewegung.

Hinter ihm war leises Schlurfen im Sand zu hören. Dann sagte eine heisere Stimme:

„Du wirst nicht reiten, Sheriff! Wenn du auf dein Pferd steigst, schieße ich! Und auf eine solche Entfernung verfehlt Diaz Obrego niemals sein Ziel!“

Im ersten Moment war Jim versucht, sich blitzschnell herumzuwerfen und den Colt aus dem Holster zu reißen. Aber er bezwang sich. Er trat von dem Pferd weg und drehte sich langsam um.

Mitten im Sonnenglast der Plaza von San Antonio stand ein drahtiger Mexikaner mit angeschlagenem Revolver.

Strähniges Haar fiel lang unter dem breitkrempigen Sombrero hervor. Um die Schultern hatte er einen breiten, mit Patronen bespickten Gurt geschlungen. Sein Holster baumelte ziemlich tief – das Holster eines Mannes, dessen wichtigster Ausrüstungsgegenstand der Revolver ist. Das Holster hing links, ein Zeichen, dass der Mexikaner ein Linkshänder war. An der staub- und schweißverschmierten Kleidung erkannte Jim, dass Obrego einen langen und harten Ritt hinter sich haben musste.

Ruhig fragte er: „Ihr wollt also Paco Shayne befreien, wie?“

Die Augen des Mexikaners funkelten.

„Ja, das wollen wir! Und deshalb wirst du dem US-Marshal nicht entgegenreiten, Muchacho!“

„Du bist dir dessen sehr sicher!“, erwiderte Jim Murdock, ohne seine Zigarette aus dem Mund zu nehmen.

Diaz Obrego wog mit einem verzerrten Grinsen den Revolver in der Linken.

„Habe ich nicht allen Grund dazu? Sheriff, wenn du nicht tust, was ich von dir verlange, wirst du in wenigen Minuten ein toter Mann sein. Also, schnall jetzt ab, Hombre!“

Jim schaute in die Augen seines Gegenübers und begriff, dass der Bandit keine leere Drohung aussprach. Dieser Mann feuerte bestimmt nicht zum ersten Mal auf einen wehrlosen Menschen.

Jims Blick schweifte über den großen Sandplatz, um den die weißgetünchten Adobehäuser mit den niedrigen Nebengebäuden und Korrals einen Ring bildeten. Nirgends war ein Mensch zu sehen.

Ein Gefühl tiefer Einsamkeit überkam den Sheriff. Er sah die schwarze kreisrunde Revolvermündung unverwandt auf sich gerichtet und sagte sich, dass er nicht die geringste Chance besaß.

Dann musste er wieder an den anderen einsamen Mann denken, der irgendwo auf der staubigen Straße nach Deming unterwegs war und dem tödliche Gefahr drohte. Alles in ihm bäumte sich dagegen auf, dass er jetzt unterliegen sollte. Zu viel stand auf dem Spiel!

Obrego machte einen gleitenden Schritt näher. Sein dunkles Gesicht verkniff sich vor Ungeduld.

„Caramba! Hast du nicht gehört? Du sollst abschnallen!“

„Well!“ Jim hob resigniert die Schultern. „Du lässt mir keine andere Wahl!“

Er senkte den Kopf – und da fiel sein Blick auf den schmutzverkrusteten Petroleumkanister, der neben den Verandastufen des Offices lehnte.

Mit einem Schlag war jeder Nerv in ihm zum Zerreißen angespannt!

Er langte mit der Linken zum Revolvergurt, um die Schnalle zu lösen. Mit der rechten Hand nahm er langsam die halbgerauchte Zigarette aus dem Mund. Er fühlte die Hitze des glimmenden Endes an den Fingerspitzen. In seinem Nacken saß ein eisiges Kribbeln. Die nächsten Sekunden brachten die Entscheidung!

Der Mexikaner starrte ihn aus engen Augen an.

„Mach vorwärts!“, knurrte er heiser.

Einen Moment zögerte Jim Murdock. Aber er hatte keine andere Wahl!

Er presste die Zigarette mit dem Mittelfinger gegen den Daumen und schnippte sie scheinbar achtlos zur Seite. Sie fiel genau durch den großen offenen Verschluss des alten Kanisters. Jim hielt den Atem an. Einen Herzschlag lang geschah gar nichts, und er glaubte, sich verrechnet zu haben. Dann schoss mit einem dumpfen Wummern eine Stichflamme aus der Kanisteröffnung.

Verblüfft riss Diaz Obrego den Kopf herum. Der Lauf seines Revolvers ruckte zur Seite.

Jim ließ sich fallen und griff zum Colt.

Da sank die Feuerlohe bereits zusammen. Der Bandit schnellte, eine wilde Verwünschung ausstoßend, nach rückwärts, und aus dem Revolver in seiner nervigen Rechten raste ein Feuerblitz.

Die Kugel schlug vor den Verandastufen in den Sand. Eine dünne Staubfontäne stieg empor.

Obrego brüllte vor maßloser Wut und jagte einen neuen Schuss hinaus. Dann spürte er, wie sein Sombrero einen wuchtigen Schlag erhielt und davongewirbelt wurde. Einen Augenblick stand er stocksteif. Vor ihm zerflatterte der milchige Pulverdampf. Von Jim Murdock war plötzlich nichts mehr zu sehen. Das braune Pferd am Haltegeländer vor dem Office hatte den Kopf zurückgeworfen und zerrte hufestampfend an der Leine.

Eine Welle heißer Furcht jagte in dem Desperado hoch.

Er wirbelte auf den Absätzen herum und rannte schräg über den freien sonnenbestrahlten Platz auf die Toreinfahrt zu, wo er sein Pferd abgestellt hatte. Sein langes Haar hing ihm wirr in die schweißnasse Stirn. Der schwere Patronengurt klatschte gegen seinen Oberkörper.

Von hinten schnitt der scharfe Ruf des Sheriffs durch das Mahlen des Sandes unter den Stiefelsohlen.

„Bleib stehen, Linkshänder, und lass fallen!“

Die Brust des Banditen hob und senkte sich unter den keuchenden Atemstößen. Er hetzte weiter, den Oberkörper nach vorne gekrümmt, jeden Augenblick auf das Peitschen eines Coltschusses gefasst.

Plötzlich wurde Obrego bewusst, dass er noch immer den Revolver in der Linken hielt. Die Panik in ihm klang ab. Er wurde langsamer und warf einen Blick über die Schulter. Die Schatten zwischen den Adobelehmhäusern von Rocas Biancas waren tief und undurchdringlich. Von Jim Murdock war nichts zu sehen.

Diaz Obrego blieb stehen – breitbeinig und geduckt. Ein lauerndes Funkeln lebte in seinen schwarzen Augen auf. Das Begreifen, dass niemand von den Bewohnern des Ortes in den Kampf eingriff, gab ihm seinen Mut zurück.

„He, Sheriff! He, wo steckst du, verdammter Kerl?“

Seine Stimme kratzte vor Heiserkeit. Sein Blick suchte die Verandavorbauten und Nischen ab. Nichts rührte sich. Die Stille war abgrundtief. Die Luft über den weißen Mauern und flachen Dächern zitterte vor Hitze. Ein seltsames Sirren füllte Obregos Ohren und steigerte sich von Sekunde zu Sekunde. Er fuhr mit der Zungenspitze hastig über die trockenen rissigen Lippen.

„Sternträger! Bist du zu feige für einen offenen Kampf? Los, komm schon raus aus deinem Versteck! Mein Schießeisen wartet auf dich!“

Seitlich polterte es dumpf.

Obrego fuhr herum, sein Revolver schwang in die Höhe.

In dem Haus nebenan bewegte sich eine Tür, der Schatten eines Mannes war im offenen Spalt zu erkennen.

Obrego wollte feuern.

Da sagte eine harte Stimme direkt hinter ihm: „Gib auf, Bandit! Sei vernünftig und lass den Colt fallen!“

Einen Atemzug lang war der Desperado zu keiner Bewegung fähig. Dann verzerrte sich seine Miene. Mit katzenhafter Geschmeidigkeit wirbelte er herum, warf sich auf die Knie und sah Jim Murdock groß und aufrecht dastehen, den langläufigen 45er in der rechten Faust.

„Zur Hölle mit dir, Sheriff!“, brüllte Obrego und zog den Stecher durch.

Einen Sekundenbruchteil war Jim schneller.

 

*

Die Wucht des Treffers stieß Obregos Oberkörper nach hinten. Seine Kugel jaulte wirkungslos an Jim vorbei und splitterte den Verputz vom Torpfeiler.

Der Sheriff stand völlig reglos. Pulverrauch kräuselte vor der Mündung seines Colts.

Die Faust des Banditen war herabgesunken. Verzweifelt versuchte er, die Waffe abermals hochzubekommen.

Schweiß perlte über sein wildes, hassverzerrtes Gesicht. Seine weitaufgerissenen Augen ließen Jim Murdock nicht los.

„Du … verdammter …“

Seine Schultern begannen zu zittern. Der Revolver war plötzlich zu schwer für ihn.

„Ich wollte, es wäre zu vermeiden gewesen“, murmelte Jim bitter und schob langsam die Waffe in das Holster zurück.

Ringsum klappten Türen. Männergestalten kamen aus dem Schatten der Vordächer. Eilige Schritte scharrten über die Plaza.

Diaz Obrego, noch immer auf den Knien, drehte den Kopf. Es schien ihn Mühe zu kosten, den Blick von Jim Murdock loszureißen. Seine Augen flackerten. Er sah die herankommenden Gestalten wie durch einen dichten Nebel. Seine spröden Lippen bewegten sich, aber es dauerte eine Weile, bis er einen Ton hervorbrachte.

Seine Stimme war brüchig, doch noch immer verlieh ihr der Hass eine merkwürdige Anspannung.

„Ihr kennt doch … Paco … Paco Shayne! Ich bin sein … Freund! Ich wollte … ihr müsst ihm helfen! Ihr dürft nicht zulassen, dass … dieser verdammte … Sternträger … verhindert …“

Die Kraft verließ ihn jäh. Er brachte den Satz nicht zu Ende, kippte vornüber aufs Gesicht und regte sich nicht mehr. Noch immer waren die Finger seiner linken Hand krampfhaft um den Kolben des Revolvers geschlossen.

Ein Schatten lag über Jim Murdocks Gesicht. Seine Lippen waren fest zusammengepresst. Eine dumpfe Leere hatte sich in ihm ausgebreitet. Durch seinen Körper kroch eine seltsame bleierne Müdigkeit.

Die Stimmen und Schritte ringsum drangen wie aus weiter Ferne zu ihm.

Eine schmale Hand fasste seinen Oberarm. Dicht neben ihm war eine helle, besorgte Stimme.

„Jim! Bist du verletzt, Jim?“

Er schreckte aus seiner düsteren Versunkenheit. Er sah die Männer, die sich erregt diskutierend auf dem Platz versammelt hatten, und wandte den Blick von ihnen ab. Seine Augen hefteten sich an dem Gesicht neben ihm fest – einem schmalen, von kastanienbraunem Haar umrahmten Gesicht, das das Erschrecken blass gefärbt hatte. Sorge brannte in den klaren, hellgrauen Augen.

Die Verkrampfung in Jim Murdock lockerte sich. Er atmete tief ein und schüttelte den Kopf.

„Nein, Liz“, murmelte er, „ich bin ganz in Ordnung.“

Sie hielt noch immer seinen Arm umklammert, ihr Kleid streifte seine langen Beine, und er spürte den Druck ihrer Hüfte.

„Was wollte er nur von dir, Jim?“, Allmählich wurde ihre Stimme ruhiger.

Ehe er antworten konnte, schob sich die Gruppe der Bürger von San Antonio näher.

Jim erinnerte sich an Obregos letzten Worte. Er ahnte, was nun kommen würde!

Der große hagere Mann mit dem eisgrauen Schnurrbart in der vordersten Reihe war Jay Darrow, dem der größte Saloon von San Antonio gehörte. Er klemmte die Daumen unter die Hosenträger, die sich über seinem verschwitzten weißen Hemd spannten, schaute Jim mit schiefgelegtem Kopf starr an und murmelte zögernd:

„Jim, was hat dieser Bursche von Paco Shayne geredet? Ich denke, du bist uns eine Erklärung schuldig!“

Jim erwiderte den fordernden Blick.

„Das bin ich wohl!“

„Wer ist dieser Mann?“, Darrows Stimme wurde lauter, als er auf den toten Banditen deutete.

„Wirklich ein Freund von Paco?“

„Ja, Jay!“

Die buschigen grauen Brauen des Saloonbesitzers furchten sich.

„Warum habt ihr dann gekämpft?“

„Weil dieser Mann ein Verbrecher war und weil er mich daran hindern wollte, Pacos Befreiung zu vereiteln!“

Jim merkte, wie die Männer vor ihm den Atem anhielten. Sie standen völlig reglos, wie aus Stein gehauen. Ihre düsteren Mienen hellten sich nicht auf, und Jim hatte plötzlich das Gefühl, lauter Fremde vor sich zu haben.

Schließlich räusperte sich Jay Darrow.

„Pacos Befreiung? Das verstehe ich nicht!“

Jims blaue Augen wurden hart.

„Ich erhielt gestern ein Telegramm, Leute“, erklärte er, ohne die Stimme zu heben.

„Ein US-Marshal namens Ben Javit ist mit einem gefangenen Banditen unterwegs nach Deming. Ich soll ihm entgegenreiten und ihn durch die Gegend von San Antonio begleiten. Der Mann, den vorhin meine Kugel traf, wollte das verhindern.“

Darrow beugte sich erregt vor.

„Jim, du willst doch nicht sagen, dass der Gefangene des Marshals Paco Shayne ist!“

„Doch!“

Das Wort fiel hart in die eingetretene Stille.

Die Blicke, die an dem Sheriff hafteten, wurden starr und abweisend. Jim merkte, wie Liz Flaherty seinen Arm losließ und einen Schritt zur Seite wich. Das Gefühl der Einsamkeit, wie er es vorher gespürt hatte, als er in Obregos Revolvermündung gesehen hatte, war wieder da.

Er zuckte die Schultern und sagte: „Eine schlechte Nachricht, Leute, ich weiß. Aber es ist die Wahrheit, und ich kann sie nicht ändern.“

Lew Chandler, der Mietstallbesitzer, ein stämmiger Mann mit eckigem Gesicht, schob sich neben Darrow. Eine Ader war an seiner Stirn geschwollen.

„Die Wahrheit?“, schnaufte er. „Paco Shayne soll ein Bandit sein? Und das nennst du Wahrheit? Dass ich nicht lache, Jim!“

Jim machte eine flache Handbewegung.

„Er soll in der Nähe von Caredo einen Mann erschossen haben. Außerdem ist er öfter zusammen mit berüchtigten mexikanischen Grenzbanditen gesehen worden. Das sind Tatsachen!“

Chandler wollte zu einer heftigen Erwiderung ansetzen. Darrow winkte ab. Er löste sich von der übrigen Gruppe und kam langsam mit steifen Schritten auf Jim zu.

„Du kennst doch Paco so gut wie wir alle, Jim! Du glaubst doch nicht, dass dies wirklich die Wahrheit ist!“ Unwillkürlich tauchte das Bild eines jungen, gutgeschnittenen Männergesichts vor Jim Murdock auf. Er sah wieder die dunklen, sanftblickenden Augen vor sich und glaubte, das freundliche Lächeln um die Lippen spielen zu sehen. Die Zweifel, die er so oft empfunden hatte, nagten in ihm. Aber er bemühte sich, nichts davon zu zeigen.

„Ich habe die Berichte gelesen!“, murmelte er.

„Es sind schon viele Irrtümer zu Papier gebracht worden!“, entgegnete Darrow stirnrunzelnd. „Paco war immer ein guter und sanfter Junge! Nein, nein, Jim, dass ausgerechnet er zum Gesetzlosen geworden ist, glaube ich niemals!“

„Es ist lange her, dass er San Antonio verlassen hat.“

„Das stimmt! Aber auch die doppelte Anzahl von Jahren würde einen Menschen nicht so sehr ändern! Was willst du jetzt tun, Jim?“

„Es gibt nur eines: Ich muss reiten!“

„Meinst du nicht, dass das ein Fehler wäre?“

„Ich weiß von Obrego dass Paco befreit werden soll. Ich darf Javit nicht im Stich lassen.“

„Javit?“, dehnte Darrow rau. „Du kennst Javit nicht! Du hast ihn niemals zuvor gesehen! Aber du kennst Paco Shayne! Es sollte nur eine Entscheidung für dich geben!“

„Ich habe sie bereits getroffen! Außerdem – Obregos Verhalten sagt genug.“

„Vielleicht hat er die Nerven verloren, vielleicht war er auch tatsächlich ein Bandit. Über ihn zerbreche ich mir nicht den Kopf, Jim! Hier geht es um Paco Shayne – um den Sohn des alten Amos Shayne, der da oben auf dem Hügel wohnt und ein guter Mann ist! Paco ist in unserer Mitte aufgewachsen, er gehörte zu uns, und niemals hat er etwas Schlechtes getan! Jim, meinst du nicht, dass er da draußen in den Hügeln vor der Stadt seine Chance bekommen soll?“

„Du vergisst, Jay“, erwiderte Jim rau, „dass ich den Stern trage!“

Er wollte sich abdrehen, da sagte Darrow schnell:

„Und du vergisst etwas anderes, Jim: Dass Paco früher einmal auch dein Freund war!“

Jim stockte mitten in der Bewegung. Es war, als sei er jäh gegen ein unsichtbares Hindernis gestoßen. Seine Schultern waren verkrampft, als erwarte er jeden Augenblick, einen Schlag von hinten zu bekommen. Er sagte kein Wort, starrte Jay Darrow nur an, und sein Gesicht glich einer bronzenen Maske.

Darrow bewegte unbehaglich die hageren Schultern und senkte den Blick.

Jim drehte sich um, und sein Blick richtete sich auf den braunen Hengst, der am Haltegeländer vor dem Sheriffs Office wartete.

„Jim!“

Liz Flaherty streckte eine Hand nach ihm aus.

Er blieb stehen und wandte sich ihr zu.

„Ja, Liz?“

Sie zögerte. „Solltest du nicht doch besser bleiben, Jim?“

Sein Blick schien sie zu durchdringen. Zwei grellrote Flecken erschienen auf ihren Wangen.

Er schüttelte den Kopf, seine Stimme war leise und fest.

„Ich muss es tun – auch wenn es niemand von euch versteht.“

Er setzte sich in Bewegung, Sand knirschte unter seinen Stiefeln, die Sporen klirrten silbern.

Er hatte noch keine fünf Schritte zurückgelegt, da traf ihn Lew Chandlers zorniger Ruf:

„Jim! Noch einen Schritt – und ich jage dir eine Kugel in die Schulter!“

 

*

 

Die beiden Pferde trotteten müde auf der staubigen Straße. Die Hufe pochten dumpf und monoton, Sattelleder knarrte leise, und gelegentlich klirrte eine Gebisskette.

Über den ausgedörrten Hügeln spannte sich tiefblauer Himmel, und an ihm schwebte die Sonne wie ein riesiges Feuerrad. Die hellen Felsen ringsum gleißten im Licht. Die Schatten waren kurz und brachten keine Kühle.

US-Marshal Ben Javit wandte dem Mann neben ihm das kantige, von einer grauen Staubschicht gepuderte Gesicht zu.

„Du willst also nicht reden, Shayne, was? Du willst mir nicht sagen, was die Rauchsignale von vorhin zu bedeuten hatten?“

Paco Shayne hatte die gefesselten Hände lässig auf das Sattelhorn gelegt. Die Zügel waren locker um seine Handgelenke geschlungen. Er hob flüchtig die Schultern und schaute geradeaus, während er antwortete:

„Wie oft soll ich Ihnen sagen, dass ich nicht mehr weiß als Sie, Marshal? Die Signale haben mit mir nichts zu tun! Glauben Sie mir!“

„Ich werde mich hüten!“, knurrte Javit grimmig.

Sein Blick glitt ruhelos über die Felsbänke und Sandhügel. Einige dürftige Büschel Galleta-Gras und ein paar halbverdorrte Mesquitesträucher bildeten die ganze Vegetation. Das Land war öde, rau und versengt von der Glut der erbarmungslosen Sonne.

Und hier war er nun schon drei Tage unterwegs, allein mit einem gefangenen Mörder. Die Anspannung hatte scharfe Linien in sein Gesicht gekerbt – Linien, die sich kaum verlieren würden, auch wenn dies vorüber war. Das Misstrauen in seinen dunkelgrauen Augen schwand keine Minute. Er saß schon zu lange für das Gesetz im Sattel, um sich irgendwelche Illusionen zu machen.

Irgendwo an der Straße nach Deming warteten Paco Shaynes Freunde – irgendwo! Er wusste genau, was ihm bevorstand, wenn er sie nicht rechtzeitig bemerkte! Er war darüber hinaus, sich von Pacos sanfter Stimme und seinem freundlichen Lächeln täuschen zu lassen. Er würde keine Gnade zu erwarten haben, das stand für ihn fest.

Wieder waren da nur die Geräusche der Hufe und des Sattelleders. Eine dünne gelbe Staubfahne schleppte hinter den beiden Reitern her, hing eine Weile schwerelos in der sonnenlichtdurchtränkten Luft und senkte sich dann allmählich auf die Straße nieder. Ben Javits Hand lag am Colt.

„Nervös, Marshal?“

Paco wandte den Kopf. Sein jungenhaftes schmales Gesicht zeigte keine Spur von Erschöpfung. In seinen samtdunklen Augen war nichts anderes zu sehen als Freundlichkeit, und ein sanftes Lächeln kräuselte seine Mundwinkel.

Javit funkelte ihn wütend an.

„Mach nur nicht den Fehler, mich für dumm zu halten, mein Junge! Die Rauchzeichen von vorhin stammen von deinen Komplizen, das weiß ich ganz sicher. Aber sie sollen nur kommen, mein Lieber! Ich bin bereit!“

Er klopfte hart gegen das tiefgeschnallte Holster.

Pacos Lächeln verstärkte sich.

„Soll ich ehrlich sein, Marshal? Ich denke, es gibt weit und breit keinen Mann, der sich unbehaglicher in seiner Haut fühlt als Sie!“

Javits Blick wurde eiskalt. „Das ist ein Irrtum, mein Junge! Es gibt noch einen – und zwar dich!“

Einen Moment wirkte Paco Shaynes Lächeln wie eingefroren. Dann wandte er sich achselzuckend nach vorn.

„Ich muss sagen, Marshal, Sie haben Humor! Schade um Sie!“

Seine Worte klangen freundlich, ein wenig bedauernd, und doch wusste Javit, dass der letzte Satz einem Todesurteil gleichkam. Es lag nur bei ihm, die Vollstreckung dieses Urteils zu verhindern. Und das würde nicht leicht sein!

Sie kamen aus einer Kurve heraus. Vor ihnen lief die Straße schnurgerade durch eine kleine Senke. Eine Quelle plätscherte zwischen den Felsen. Zum ersten Mal nach langen Meilen bot sich ihrem Blick das Grün einer zusammenhängenden Grasdecke. Manzanita- und Cottonwoodsträucher ragten empor, dazwischen schimmerte das purpurne Rot von großen Ocatillo-Blüten. Direkt neben der Quelle wuchs eine uralte, breitästige Pinie.

Die Witterung des Wassers ließ die Pferde die Köpfe hochwerfen. Sie wollten schneller werden. Doch Javit hielt die Zügel straff.

„Ein schöner Platz Marshal, nicht wahr?“, sagte Paco ruhig.

Javit zog mit einer flüssigen Bewegung den Colt.

„Ein Platz wie geschaffen für einen Hinterhalt“ knurrte er. „Paco, bleib nur schön neben mir! Ich warne dich!“

„Wie Sie wollen, Marshal!“

Das freundliche Lächeln glitt wieder über das dunkelbraune Gesicht des Desperados – dieses Lächeln, das Ben Javit wie sonst nichts auf dieser Welt hasste!

Javit bog mit dem Daumen den Hahn der Waffe zurück. Während sie sich langsam dem Tümpel näherten, den die sprudelnde Quelle zwischen den Felsen bildete, kamen seine Augen nicht zur Ruhe. Nirgends konnte er jedoch etwas Verdächtiges bemerken. Tiefster Friede lag über der Senke.

Im Schatten der hohen Pinie hielt er an. Sein Pferd bewegte sich unruhig und drängte zum Wasser. Paco Shayne schaute ihn abwartend an. Der Ausdruck seines Gesichts war immer der gleiche. Javit hatte es längst aufgegeben, diese Maske aus Sanftmut und Freundlichkeit zu durchdringen. „Zufrieden, Marshal?“

„Steig ab, Shayne!“, befahl Javit rau. „Aber tu es langsam und versuch keinen Trick! Mein Finger liegt am Abzug!"

„Ich werde es nicht vergessen“, erwiderte Paco, und diesmal schwang ein Hauch von Spott in seiner weichen Stimme.

Er hielt sich mit den gebundenen Händen am Sattelhorn fest und ließ sich vom Pferd gleiten. Seine Füße berührten kaum den Boden, da war auch Javit mit einem Satz aus dem Sattel – und schon war der Colt in seiner Rechten wieder auf den jungen Banditen gerichtet. Die beiden Gäule stampften schnaubend zum Wasser und tauchten gierig ihre Nüstern in das kühle Nass.

Javit befahl: „Stell dich an den Baum, Shayne, und rühr dich nicht, wenn du keine Kugel bekommen willst!“

„Gewiss, Marshal, gewiss!“

Paco ging rückwärts, bis sein Rücken die glatte Rinde der Pinie berührte. Er lehnte sich lässig gegen den Stamm und schlug die Beine übereinander. Die Willigkeit, mit der er gehorchte, machte den Gesetzesreiter nur noch misstrauischer. Wieder flog ein Blick zum Senkenrand hinauf. Aber da war nur der blaue Himmel über den schartigen Felsrändern. Vor Ben Javits Augen aber standen wieder die kleinen weißen Hauchwölkchen, die sie vor über einer Stunde über den kahlen Höhenrücken hatten aufsteigen sehen. Und die Gewissheit, dass ihn die geringste Unachtsamkeit das Leben kosten konnte, saß mit ätzender Schärfe in ihm.

Er bewegte sich schräg auf die Pferde zu, um die Wasserflaschen von den Sätteln loszuhaken und an der Quelle zu füllen. gepresst sagte er zu seinem Gefangenen:

„Wenn deine Freunde in der Nähe sind, dann wäre es besser für dich, sie verhielten sich still! Beim ersten Anzeichen eines Überfalls werde ich auf dich schießen, das ist ein Versprechen, hörst du?“

„Niemand wird Ihnen einen Grund dazu liefern!“, antwortete Paco vorwurfsvoll.

Der US-Marshal stand dicht neben seinem hochbeinigen Falben. In dem Moment, da er die freie Linke nach der filzüberzogenen Feldflasche ausstreckte, wehte von der Kurve, die in die Senke führte, Hufgetrappel.

Mit einem Schlag versteifte sich Javits Haltung.

Über den Sattel seines Pferdes spähte er das schmale gelbe Band der Straße entlang und sah den Reiter, der seinen Gaul am Senkeneingang zügelte. Es war ein hochgewachsener sehniger Mann in typisch mexikanischer Kleidung: bestickter Sombrero, kurze Jacke mit Silberknöpfen, eine schwarze Hose, die von den Knien ab weiter wurde und deren Nähte ebenfalls mit Zierknöpfen besetzt waren, dazu hochhackige Stiefel mit handtellergroßen Durango-Sporen. Der Fremde hielt ein Gewehr schräg vor sich im Sattel und spähte, in den Steigbügeln aufgerichtet, zur Quelle herüber.

Javit hob den Colt und schob den langen, bläulich schimmernden Lauf über den Sattel. Ohne den Blick von dem fremden Mexikaner zu wenden, knurrte er heiser:

„Shayne, wenn das ein Freund von dir ist, dann sag ihm, dass er umkehren soll – und zwar sofort! Er ist nämlich nahe genug, dass ich ihn mit einer einzigen Kugel aus dem Sattel werfen kann!“

Hinter ihm lachte Paco Shayne, und dieses Lachen war gänzlich anders, als Ben Javit es jemals zuvor von ihm gehört hatte. Es war ein kurzes, klirrendes Lachen, das einem Mann einen Schauder über den Rücken treiben konnte. Und dann sagte der Gefangene mit eisiger Stimme:

„Schießen Sie doch, Marshal, wenn Sie noch Zeit dazu finden!“

Der Hauch der tödlichen Gefahr traf Javit beinahe körperlich. Er warf sich auf den Absätzen herum.

Paco Shaynes gebundene Hände waren zu einer Astgabel hochgestreckt. Sie kamen blitzschnell nach unten und hielten den schweren Revolver umklammert, der da oben im Astwerk der Pinie für ihn verborgen gehalten worden war. Das Begreifen, was Paco vorher durch die Rauchzeichen erfahren hatte, durchzuckte Javit wie ein greller Blitz. Das schwarze Auge von Pacos Revolvermündung richtete sich auf ihn.

Er wollte schießen, aber da fuhr ihm bereits das grelle Mündungsfeuer entgegen, und in seinen Ohren rollte der dröhnende Hall des Schusses …

 

*

 

Jim Murdock blieb ruckartig stehen.

Hinter ihm knirschte Sand. Schweres Atmen war zu hören.

Liz Flahertys Stimme brach schrill und zitternd das Schweigen: „Nein, Chandler! Nein, das dürfen Sie nicht tun!“

Der alte Zorn lag noch immer im Tonfall des Mietstallbesitzers.

„Er braucht nur vernünftig zu sein, und nichts geschieht ihm! Hörst du, Jim? Leg deinen Waffengurt ab und bleib in der Stadt! Dann wollen wir vergessen, was war – wir alle!“

Der Sheriff von San Antonio drehte sich nicht um.

„Du irrst, Lew!“, sagte er gepresst.

„Es wird kein Vergessen geben! Und ich denke nicht daran, mich aufhalten zu lassen! Ich habe sowieso schon zu viel Zeit verloren!“

Er dachte daran, dass er, wenn alles glatt gegangen wäre, schon viele Meilen im Sattel hätte zurücklegen können. Und Ben Javit wartete auf ihn! Obregos Auftauchen bewies, wie sehr die Dinge der Entscheidung zudrängten! Jede Sekunde konnte jetzt von Bedeutung sein.

Er machte einen Schritt in Richtung zu seinem Braunen.

„Jim!“ Lew Chandlers Stimme war schärfer als vorher.

„Wenn du glaubst, ich bluffe nur, dann wird das der schlimmste Fehler deines Lebens sein!“

Langsam drehte sich Jim Murdock. Sein Blick traf kalt in Chandlers glimmende Augen. Das eckige Gesicht des stämmigen Mietstallbesitzers war von einer dunklen Röte überzogen. Neben ihm stand Jay Darrow, die hagere Gestalt angespannt nach vorne geneigt. Seine langen Arme baumelten herab, und unter dem buschigen grauen Schnurrbart bildeten die Lippen einen messerscharfen Strich.

Hinter ihnen drängten sich die übrigen Bürger von San Antonio: der Posthalter, der Schmied, der Telegrafist, der Sattler, der Futtermittelhändler, der Tischler und alle anderen, die in dieser kleinen Stadt ihren Lebensunterhalt gefunden hatten.

Etwas abseits, zwischen ihnen und Jim Murdock, stand Liz Flaherty. Das Sonnenlicht zeichnete scharf die Konturen ihrer schlanken, anmutigen Gestalt nach und zauberte einen goldenen Schimmer über ihr seidiges Haar. Ihr helles Sommerkleid spannte sich eng um die Hüften, die rüschenbesetzten Säume bauschten sich weit an den Knöcheln. Ihre Brust hob und senkte sich vor Erregung.

„Jim!“, rief sie erstickt.

„Tu, was er verlangt, Jim! Ich bitte dich!“

Jim schaute noch immer Lew Chandler in die Augen.

„Ich werde reiten!“, erklärte er hart. „Und du wirst nicht schießen, Lew! Du wirst daran denken, dass nicht irgendein Mann vor dir steht, sondern das Gesetz. Jawohl, Lew, daran wirst du denken!“

Er verlieh seiner Stimme eine tiefe Eindringlichkeit. Er wusste, wie viel davon abhing, dass er Chandler jetzt richtig traf. Unter all diesen Männern war von jeher Chandler derjenige gewesen, der am leichtesten dazu neigte, seinem Willen mit bloßer Gewalt Geltung zu verschaffen.

Chandlers Kinnmuskeln arbeiteten.

„Den Teufel werde ich, Jim! Ich werde nur an eines denken: Dass wir es dem alten Arnos Shayne schuldig sind, seinem Sohn aus einer verflixten Klemme herauszuhelfen! Ich werde … He, Jim, was soll das! Menschenskind, bleib stehen! Bleib stehen oder …“

Der Sheriff hatte sich abgewandt und ging langsam quer über die Plaza auf sein Pferd zu.

In Chandlers Miene zuckte es. Er starrte sekundenlang unschlüssig auf den Colt in seiner schwieligen Faust. Dann lebte der Zorn mit neuer Heftigkeit in seinen Augen auf. Er machte einen Schritt vorwärts, duckte sich leicht und hob die Waffe in Augenhöhe.

„Ich warne dich das letzte Mal!“, schrie er wild.

Jim ging weiter. Kleine Staubwolken wirbelten unter seinen Absätzen hoch.

„Um Himmels willen, Jim!“, rief Liz. „Sei doch vernünftig!“

Sie wollte dem Sheriff nacheilen.

„Liz!“ Chandlers scharfer Ruf riss sie zurück.

„Bleiben Sie aus der Schusslinie, Liz! Bei Gott, dieser sture Kerl will es nicht anders!“

Der Schuss dröhnte und vermischte sich mit Liz Flahertys lautem Schrei.

Wenige Fußbreit hinter Jim Murdock riss der Kugeleinschlag eine Staubfahne in die Höhe.

Jim drehte sich nicht um und wurde auch nicht schneller. Schritt für Schritt näherte er sich dem Pferd vor dem Office.

Chandlers nächster Schuss peitschte.

Mit einem silbernen Klirren streifte das Geschoss Jim Murdocks linken Sporn.

„Das nächste Stück Blei bekommst du in die Schulter, du verrückter Bursche, wenn du nicht endlich anhältst!“, brüllte Lew Chandler heiser.

Der Sand knirschte weiter unter Jims Tritten. Er war nur noch sechs Schritte von dem Haltegeländer entfernt und drehte den Männern den gestrafften Rücken zu.

Chandler schluckte trocken. Schweiß strömte über sein breitflächiges Gesicht. Er blinzelte nervös gegen das grelle Sonnenlicht und zog erneut den Hahn des Revolvers nach hinten. Die verlängerte Linie über Kimme und Korn der Waffe zeigte genau auf Jim Murdocks rechtes Schulterblatt.

Chandler warf einen Blick auf Darrows hageres Gesicht. Der Saloonmann zupfte nervös an den Enden seines Schnurrbartes. Liz Flaherty hatte die Finger ineinandergekrampft. Ihre Lippen waren so fest zusammengepresst, als koste es sie alle Energie, nicht laut zu schreien.

Und Jim Murdock war bis auf drei Schritte an seinen Braunen herangekommen!

„Dieser Narr!“, flüsterte Chandler erstickt. „Dieser dreimal verfluchte Dickschädel!“

Die Faust, die den Coltkolben umkrampfte, begann plötzlich, zu zittern.

Jim war bei seinem Pferd angelangt. Mit ruhigen, zielstrebigen Bewegungen löste er die Leine vom glattgescheuerten Rundholz, fasste mit einer Hand nach dem Sattelhorn und stemmte den linken Fuß in den Steigbügel.

Lew Chandler staute den Atem.

Jemand hinter ihm flüsterte erregt:

„Schieß doch, Lew! Schieß, sonst ist es zu spät!“

Chandler biss die Zähne aufeinander. Einen Moment schien es, als würde er den Abzug durchreißen – dann schüttelte er heftig den Kopf und ließ keuchend den Colt sinken. Erschöpfung malte sich schlagartig auf seinem Gesicht ab. Er ließ die Waffe achtlos in den Sand fallen, schaute keinen der Männer an und ging mit schnellen Schritten davon.

Drüben vor dem Sheriff's Office schwang sich Jim Murdock auf seinen braunen Hengst.

 

*

Ben Javits Augenlider begannen zu flattern. Seine Hände tasteten fahrig hoch und pressten sich gegen die Stelle, wo sich das Hemd dunkel vor Blut gefärbt hatte. Er atmete flach und stoßweise.

Jim Murdock schraubte den Verschluss der Feldflasche los und hielt den Flaschenhals an Javits ausgedörrte Lippen.

Javit schluckte mühsam. Glitzernde Tropfen perlten über sein mit Bartstoppeln bedecktes Kinn. Dann schlug er die Augen auf und starrte Jim mit trübem Blick an. Es dauerte eine Weile, bis der Schimmer des Begreifens über sein abgespanntes, graues Gesicht huschte.

„Paco ist fort, nicht wahr?“, brachte er mühsam hervor.

Jim nickte. Er sah, wie Javits kantiges Gesicht von Minute zu Minute schmaler zu werden schien.

„Zerbrechen Sie sich darüber nicht den Kopf, Marshal. Sie leben noch, und das allein ist wichtig.“

Ein bitterer Zug legte sich um Javits Mund.

„Leben?“, flüsterte er heiser.

„Ich weiß genau, wie schlimm es mich erwischt hat. Ich werde wohl nicht mehr …“ Sein Blick fiel auf den fünfzackigen Stern an Jim Murdocks ärmelloser Lederweste.

„Sind Sie der Sheriff von San Antonio?“

„Yeah! Marshal, es tut mir leid, dass ich zu spät kam. Ich wurde …“

„Schon gut, Sheriff, schon gut!“ Javit hob matt eine Hand.

Der trübe Schleier vor seinen Augen verschwand, sein Blick wurde brennend.

„Hören Sie, Sheriff! Sie sind … nur zu zweit! Paco und noch ein Kerl! Und …“ Er rang keuchend nach Atem, ehe er weitersprechen konnte. „Und sie haben nur … ein Pferd! Ein einziges Pferd, haben Sie … verstanden?“

Er lächelte verzerrt.

„Paco Shayne hat mich zwar mit dem ersten Schuss getroffen … aber ich … ich hatte noch die Kraft, die Gäule …“

Seine Rechte umklammerte krampfhaft Jims Handgelenk. Der Sheriff merkte, wie die Anstrengung des Sprechens den Körper des Verwundeten anspannte. Er sagte eindringlich:

„Liegen Sie ganz still, Marshal! Strengen Sie sich nicht an. Ich werde Sie jetzt verbinden und dann …“

„Lassen Sie!“, keuchte Javit.

„Es hat … keinen Sinn mehr.“

Er drehte den Kopf, und seine Miene verzog sich dabei vor Schmerzen. Aber in seinen Augen glühte noch immer das wilde Feuer, als er den Blick über die Felsen und Sträucher gleiten ließ.

„Sie können nicht weit gekommen sein, Sheriff! … Lassen Sie mich … hier liegen und … suchen Sie die Fährte! Reiten Sie und holen … Sie diesen Mörder zurück!“

„Zuerst werde ich Sie nach San Antonio bringen.“

„Nein, Sheriff, nein!“, schüttelte Javit schwach den Kopf. „Ich … ich bin erledigt! Ich zähle … nicht mehr.“

„Marshal“, begann Jim gepresst, „Sie dürfen nicht…“

Der Verwundete unterbrach ihn.

„Sie tragen den Stern! Sie müssen … ihn fassen! Er ist … ein Mann, dem ein Menschenleben nicht das Geringste … bedeutet! Er wird immer wieder töten und … Unheil bringen! Er ist schlimmer als ein reißender Wolf!“

Jims Lippen waren zu einem dünnen Strich zusammengepresst. Er schaute in das hagere Gesicht, das allmählich von einer wächsernen Blässe überzogen wurde.

Die Schatten unter den brennenden Augen wurden immer größer, und die Worte kamen nur mühsam über die rissigen, blutleeren Lippen. Und dabei gingen seine Gedanken wieder zurück in die Stadt, wo jedermann davon überzeugt war, dass Paco Shayne bitteres Unrecht widerfahren war. Und er dachte an jene Zeit, da er selber zusammen mit Paco Steigbügel an Steigbügel durch dieses heiße Land an der Grenze geritten war. Bisher hatte er immer insgeheim gehofft, dass die Zweifel, die ihn bedrängten, zu Recht bestanden.

Das war nun vorbei!

Der Anblick dieses einsamen sterbenden Mannes, der da vor ihm am Rand der Quelle lag, vertrieb endgültig die Erinnerungen an eine fern zurückliegende Zeit.

„Sie müssen es tun!“, keuchte Javit. „Außer Ihnen gibt es weit und breit in dieser Gegend keinen Mann des Gesetzes mehr. Ich … wollte, ich könnte an Ihrer Seite stehen. Aber das … ist vorbei. Reiten Sie, Sheriff … reiten Sie. … Sie dürfen, keine Zeit verlieren.“

Jim Murdocks Blick schien aus weiter Ferne zurückzukehren. Er schüttelte den Kopf.

„Es hat keine Eile, Marshal. Ich weiß, wo ich ihn finden werde!“

„Wirklich? Sheriff, wenn Sie ihn nicht fassen …“

„Ich werde ihn fassen, Marshal!“

„Versprechen Sie es mir!“, schnaufte Javit mühsam. „Geben Sie mir Ihr Wort!“

Jim fasste Javits Hand. Kraftlos und knochig lag sie in seiner Rechten.

„Mein Wort, Marshal!“

Ben Javit ließ den Kopf ins Gras zurücksinken. Seine Haltung entspannte sich jäh, und das intensive Brennen verschwand aus seinen grauen Augen.

„Ich danke Ihnen! Ich hoffe, Sie werden …“

Sein Kopf rollte zur Seite. Der Satz wurde nicht mehr beendet.

Jim Murdock erhob sich langsam. Er nahm den Stetson ab und blickte bitter auf das erstarrte Gesicht nieder, über das sich im letzten Augenblick ein seltsam friedlicher Ausdruck gelegt hatte.

Die letzten Worte des US-Marshals hallten in seinen Ohren nach. Plötzlich wurde er sich voll der ganzen Last seines gegebenen Versprechens bewusst. Mit seiner Rückkehr nach San Antonio würden die schwersten Stunden seines Lebens beginnen! Trotzdem gab es nichts, was er zu bedauern hatte. Sein Weg war ihm klar vorgezeichnet, und er würde ihn bis zum Ende gehen – einsam und mit dem Colt in der Faust.

 

*

Oben zwischen den zerklüfteten Felsen am Senkenrand kauerten zwei Männer. Einer von ihnen hob langsam die Winchester an die Schulter und hebelte eine Patrone in den Lauf. Die Mündung bewegte sich leicht und zielte nun genau auf den großen, schlanken Mann, der unten bei der Quelle reglos neben dem toten Marshal stand.

Der zweite Mann glitt rasch näher und legte dem anderen die Hand auf die Schulter.

„Nicht, Juan! Tu es nicht!“

Juan Gonzalez drehte den Kopf. Seine schwarzen Brauen zogen sich unwillig zusammen.

„Warum nicht, Paco? Die Gelegenheit ist einmalig!“

Paco Shayne schüttelte den Kopf. „Trotzdem! Ich will es nicht!“

Gonzalez’ Mundwinkel verkniffen sich. Er behielt das Gewehr an der Schulter.

„Hast du übersehen, dass er den Sheriffstern trägt?“

„Ich weiß! Aber vor langer Zeit war er mein Freund.“

„Freund?“, murmelte Juan Gonzalez verächtlich und spie zur Seite hin aus.

„Ein Mann, der den Stern trägt, war dein Freund? Und deshalb willst du ihn schonen? Ich versteh dich nicht mehr, Paco!“

Paco Shayne lehnte an einem Felsblock und schaute nachdenklich in die Senke hinab. Er lächelte sanft.

„Deshalb? Nein, Juan, da irrst du dich! Aber ich habe in San Antonio noch einiges vor. Bisher waren die Bewohner dieses Ortes meine Freunde. Ich möchte, dass das auch so bleibt.“

„Nachdem du den Marshal erschossen hast?“

Shayne zuckte ungerührt die Achseln. „Javit war ein Fremder! Jim Murdock dagegen nicht! Da liegt der Unterschied, Amigo.“

„Hm! Und wenn Murdock in den Sattel steigt, um auf unserer Fährte zu reiten? Paco, denk’ daran, dass wir auf einem Gaul nicht weit kommen.“

„Er wird es nicht tun!“, antwortete Paco. „Er wird nicht vergessen haben, dass wir gute Freunde waren.“

„Ich weiß nicht! Ich … Da! Jetzt geht er zu seinem Pferd!“

Gonzalez beugte sich angespannt vor. Der Lauf seiner Winchester folgte Jim Murdocks Bewegungen.

Der Sheriff nahm seinen Braunen an den Zügeln und führte ihn zum Rand des Quelltümpels.

Gonzalez flüsterte heiser: „Er wird kommen, Paco! Ich sage dir, es ist besser, ich schieße ihn nieder, ehe er …“ Pacos Hand schoss vor und drückte den Gewehrlauf nach unten. Seine sonst so sanften Augen funkelten wild.

„Du sollst tun, was ich dir sage!“

„Aber ich …“

„Du wirst warten, Juan! Zum Teufel! Wenn er wirklich kommt, bleibt immer noch Zeit zu einem Schuss.“

Gonzalez presste die Lippen zusammen und schwieg.

Unten in der Senke bückte sich Jim Murdock zu Javit nieder und hob die schlaffe Gestalt auf den Rücken seines braunen Hengstes.

Paco atmete tief ein.

„Nun? Was habe ich dir gesagt, Juan? Er denkt gar nicht daran, nach uns zu suchen! Er bringt den Marshal in die Stadt, das ist alles.“

„Ich trau’ dem Kerl nicht! Sollte Diaz ihn nicht in der Stadt aufgehalten haben? Warum ist er dann hier? Es gibt nur einen Grund: Er hat Diaz Obrego erledigt!“

Paco zuckte die Schultern.

„Vielleicht!“

„Vielleicht?“, stieß Gonzalez wild hervor. In seinem dunklen, scharfgeschnittenen Gesicht zuckte es.

„Wenn er Diaz Obrego fertiggemacht hat, dann bedeutet das …"

„Dann bedeutet das noch lange nicht, dass er sich auch gegen mich stellt, Amigo! Wenn Diaz einen Fehler machte, ist das seine eigene Schuld.“

Aus der Senke drang Hufgetrappel. Jim Murdock hatte den Braunen bestiegen und ritt davon. Gonzalez’ Blick folgte ihm voll flammendem Hass.

„Was jetzt, Paco?“

„Du wirst zur Grenze reiten und die anderen holen.“

„Und du?“

„Ich warte in San Antonio auf euch.“

„In der Stadt? Du allein?“ Gonzalez starrte Paco Shayne aus weiten Augen an.

Der Bandit mit dem Jungengesicht nickte lächelnd.

„Warum nicht, Amigo? San Antonio ist meine Heimat. Ich habe dort lauter gute Freunde. Es gibt keinen Platz auf der Welt, wo ich sicherer sein könnte.“

Er erhob sich, klopfte Gonzalez freundschaftlich auf die Schulter und ging ohne Eile den Hang hinab zur Straße, die nach San Antonio führte.

 

*

 

Das Anwesen des alten Arnos Shayne lag auf einem flachen Hügel am östlichen Rand der Stadt. Die weißgetünchten Adobelehmgebäude hoben sich hell in der schnell hereinbrechenden Nacht ab. Drinnen im Wohnhaus zündete der alte Shayne die Petroleumlampe an. Johnny, sein jüngster Sohn, saß auf einer Bank an der kahlen Wand und schnitzte lustlos mit einem schweren Jagdmesser an einem Stück Holz herum.

Im Süden sprang ein leichter Wind hinter einer hellen Felskette auf. Staubfahnen trieben den sanften Hang herauf und verschleierten den Hof des kleinen Rancho. Die Petroleumlampe begann zu blaken. Mit schlurfenden Schritten ging Shayne zur Vorderwand und schloss die Läden.

Johnny ließ das Messer sinken und blickte auf. Im Gegensatz zu seinem älteren Bruder Paco besaß er strohblondes Haar und wasserblaue Augen. Er wischte sich fahrig mit dem Handrücken über die Stirn und fragte mit belegter Stimme:

„Meinst du, dass er wirklich kommt, Dad?“

Arnos Shayne drehte sich langsam um – ein hagerer Mann mit schlohweißem Haar und knochigen, leicht nach vorne gekrümmten Schultern. Der Lampenschein geisterte unruhig über sein verwittertes Gesicht und schien die unzähligen Falten noch zu vertiefen.

„Ich hoffe es!“, murmelte er. „Ich muss mit ihm sprechen! Ich muss wissen, warum er als Mörder gehetzt wird.“

Johnny Shayne schleuderte das Holzstück wütend in eine Ecke.

„Dad! Was man auch Paco vorwirft – ich glaube nicht daran!“

„Ich auch nicht! Aber ich will es von ihm selber hören!“

Johnny wollte etwas sagen, aber während er noch die Lippen öffnete, erstarrte er.

Sein Vater machte einen schnellen Schritt näher.

„Was ist?“

Johnny hob eine Hand in halbe Höhe.

„Da waren Hufschläge – draußen auf dem Hof!“

Sie lauschten. Nur das zunehmende Raunen des Windes war zu hören. Sandkörner kratzten an Tür und Fensterläden.

„Ob er es ist?“, fragte Johnny erregt und ging auf die Tür zu.

Die Klinke wurde von außen niedergedrückt, die Tür öffnete sich einen Spalt, und ein Windstoß jagte einen Staubwirbel in den kleinen Raum. Die Petroleumlampe drohte zu verlöschen. Für einen Moment reichte der Lichtkreis kaum über den Tisch hinaus, auf dem die Lampe stand. Dann klappte die Tür schon wieder zu, die Flamme hinter dem Glaszylinder schlug höher, und das gelbe Licht flutete wieder warm über die Bodenbretter und Lehmwände.

Die beiden Shaynes standen wie erstarrt.

Ein großer Mann lehnte an der Tür, an seiner Lederjacke schimmerte ein fünfzackiger Stern.

„Jim!“, stieß der alte Shayne kratzend hervor.

„Was willst du hier, Jim?“

Der Sheriff von San Antonio schaute die beiden Männer ernst an. Seine Stimme war leise und fest.

„Ich hoffe, ihr macht mir keine Schwierigkeiten. Ich tue es wahrhaftig nicht gern. Aber es ist die einzige Möglichkeit, die mir bleibt.“

Johnnys Augen verengten sich. Seine Miene wurde abweisend und kalt. Langsam zog er sich in die Zimmermitte zurück.

Die Hände seines Vaters verkrampften sich zu Fäusten. Er beugte den Oberkörper vor, und sein Blick brannte sich in Jims straffem Gesicht fest.

„Was meinst du damit, Jim? Wovon redest du?“

„Amos, ich denke, das weißt du sehr gut!“, sagte Jim bitter.

Er stieß sich von der Tür ab, ging zu einem der Fenster und klappte den schweren Bohlenladen einen Spalt auf. Sofort schwoll das Sausen des Windes an. Zugluft strömte in den Raum und wirbelte Sandkörner über den Boden.

Amos Shayne war hinter Jim hergegangen. Er packte hart seine Schulter. Jim drehte sich langsam um.

Heiße Erregung flackerte in den Augen des alten Mannes.

„Jim, du warst immer ein guter Freund meiner Familie. Ich will, dass du mir eine offene Antwort gibst! Was willst du hier?“ Seine Stimme zitterte leicht.

Jim warf einen schnellen Blick zu Johnny hin. Der lehnte am Tisch, die Stirn in finstere Falten gelegt, Feindseligkeit in den blauen Augen.

„Ich warte auf Paco!“, sagte Jim leise.

Johnnys Hand zuckte zur Hüfte.

„Tu es nicht, Johnny!“, rief Jim schnell. „Sei vernünftig!“

Johnny Shaynes Hand lag auf dem Revolverkolben.

Er ging langsam quer durch das Zimmer auf den Sheriff zu. Seine Lippen waren schmal und verkniffen.

„Soll ich tatenlos zusehen, wie du hier auf meinen Bruder lauerst? Zum Donner! Jim, wofür hältst du mich eigentlich?“

Es sah aus, als wolle er den Revolver aus dem Holster reißen. Sein Vater winkte ab. Er drehte sich wieder dem Sheriff zu. Jim sah die aufkeimende Verzweiflung in den Augen des alten Ranchers, und es fiel ihm plötzlich schwer, dem Blick Shaynes standzuhalten.

„Warum tust du das, Jim? Willst du wirklich mit dem Colt in der Faust einem alten Freund gegenübertreten?“

„Es liegt bei Paco! Ich selber wünsche nichts mehr, als dass ein Kampf vermieden wird.“

„Und warum gehst du überhaupt dieses Risiko ein, Jim? Hat Paco es verdient, dass du hier wie ein Jäger auf einen Wolf lauerst? Hat er das verdient?“

„Er ist ein Mörder!“, sagte Jim leise.

Amos Shayne zuckte zusammen. Alle Farbe wich aus seinem Gesicht.

Johnnys junges Gesicht verzerrte sich.

„Jim, das nimmst du zurück! Das nimmst du auf der Stelle zurück, Mann!“

„Ich habe heute einen toten Mann in die Stadt gebracht“, murmelte Jim. „Er trug Pacos Kugel in der Brust.“

Eine Weile war es still. Draußen steigerte sich das Sausen des Windes. Vor dem Spalt des aufgeklappten Fensterladens hing tintige Finsternis.

Schließlich stieß Johnny Shayne heftig hervor:

„Warst du dabei, als Paco schoss? Hast du den Kampf gesehen? Nein! Ich sehe es deinem Gesicht an! Mit welchem Recht nennst du ihn also einen Mörder? Man will ihn an den Galgen bringen. Kannst du es ihm verdenken, dass er verzweifelt um seine Freiheit und sein Leben kämpft?“

Die Bitterkeit schnürte Jim Murdocks Kehle zusammen, als er den lodernden Hass in den Augen des Jungen sah.

„Ich kann verstehen, wie schlimm das für euch ist…“

„So?“, unterbrach ihn der alte Shayne schwer. „Kannst du das wirklich verstehen, Jim? Ich glaube es nicht! Was weißt du schon davon, wie einem Vater zumute ist, dessen Sohn als Verbrecher gejagt wird!“

Seine Stimme wirkte erschöpft und müde.

„Was weißt du von Johnnys Gedanken und Gefühlen? Paco war für ihn immer der große Bruder, das Vorbild! Und nun … Nein, Jim, ich glaube an meinen Jungen – die ganze Stadt glaubt an ihn! Er war immer gut und sanft, wie seine Mutter. Sie war Mexikanerin, und vielleicht fließt in Pacos Adern mehr von dem heißen südländischen Blut, als es bei Johnny der Fall ist. Aber er war immer ein tüchtiger, rechtschaffener Amerikaner und ist es auch jetzt noch. Davon bin ich überzeugt.“

„Warum redest du noch so lange, Dad?“, keuchte Johnny. „Warum jagen wir ihn nicht einfach davon?“

Er hielt plötzlich seinen Revolver in der Faust. Jims Augen wurden kalt und undurchdringlich.

„Nein, Johnny!“, sagte Amos Shayne hastig.

„Nicht auf diese Weise! Ich will, dass Jim uns begreift und dass er freiwillig nachgibt.“

„Da muss ich dich enttäuschen, Amos“, erklärte Jim leise. „Ich wollte, ich könnte es euch ersparen. Aber dies ist der einzige Platz, an dem ich mit Sicherheit auf Paco stoßen werde. Darum bleibe ich!“

„Da hörst du ihn, Dad!“, stieß Johnny wild hervor.

„Er kann an nichts anderes mehr denken als an diesen verdammten Stern, den er da an der Brust trägt! Alles andere ist tot für ihn, erledigt, vorbei! Sogar eine Freundschaft, die als felsenfest galt!“

„Das ist nicht meine Schuld! Ich wollte …“

„Hör auf, Jim!“, keuchte Johnny. „Hör bloß auf! Ich kann dich nicht mehr hören! Los, geh’ jetzt! Verschwinde, ehe ich die Geduld verliere!“

„Johnny, es hat doch keinen Sinn! Wenn ich es nicht bin, der Paco stellt, dann wird es ein anderer sein. Das Gesetz ist nicht aufzuhalten. Eines Tages …“

„Zum Teufel, du sollst endlich auf hören und abhauen!“, schrie Johnny Shayne mit überschlagender Stimme.

Jim erkannte, dass der Junge nahe daran war, die Nerven zu verlieren. Ein einziges unbedachtes Wort oder eine verdächtige Bewegung – und er würde in seiner blinden Wut den Stecher durchziehen.

Jim zuckte die Schultern,

„Nun gut, Johnny, diese Runde geht an dich.“

Er verließ den Fensterplatz und ging zur Tür.

„Halt!“, befahl Johnny schneidend.

Jim blieb stehen.

„Was noch?“

„Du lässt deinen Colt hier!“

Jim zögerte einen Moment. Dann sagte er ruhig: „Wie du willst, mein Junge!“

Mit Daumen und Zeigefinger langte er behutsam zum Coltkolben. Er holte die Waffe heraus.

„Hier!“, sagte er und warf den Colt dem Jungen zu.

In einer Reflexbewegung wollte Johnny den Colt auffangen.

Für einen Sekundenbruchteil war er abgelenkt.

Und da war Jim Murdock bereits bei ihm!

Ein wuchtiger Handkantenschlag prellte Johnny den Revolver aus der Faust. Gleichzeitig rammte Jims rechte Schulter gegen ihn und schleuderte ihn an die Wand. Keuchend rang Johnny nach Luft. Jim sprang zurück und bückte sich nach seinem eigenen Colt.

In diesem Augenblick wurde die Tür aufgestoßen, und in der Staubwolke, die hereinfegte, zeichnete sich verschwommen Paco Shaynes drahtige Gestalt ab.

 

*

 

Der gellende Ruf des alten Shayne drang durch das Heulen des Windes.

„Fort, Paco! Schnell, fort! Murdock will dich erwischen!“

Jim schnellte aus seiner gebückten Haltung hoch. Der Coltlauf in seiner Rechten flirrte.

Da verlöschte die Lampe in der Scharfen Bö.

Mit einem Schlag herrschte undurchdringliche Dunkelheit.

Von der Tür kam ein scharrendes Geräusch. Jim sprang vorwärts. Doch als er die Schwelle erreichte, war sie bereits leer. Hinter ihm, in der Schwärze des Raumes, schrie Amos Shayne so laut er konnte:

„Geh über die Grenze, Paco! Nimm dir ein Pferd und reite so schnell du kannst!“

Dann war Jim bereits im Freien und schlug die Tür hinter sich zu. Der Wind zauste an seiner Jacke und peitschte ihm Sandkörner ins Gesicht. Er zog den Stetson tief in die Stirn und knotete die Windschnur unterm Kinn fest. Geduckt stand er da. Sein Blick vermochte nicht die tiefe Dunkelheit zu durchdringen. Das Rauschen des Windes füllte seine Ohren. Er zog mit einem hastigen Ruck das Halstuch vor die untere Gesichtshälfte, um die Atemwege vor dem dichten, beißenden Staub und Sand zu schützen. Hinter ihm im Haus polterte etwas. Aber kein neuer Lichtschein sickerte über die Schwelle.

Jim biss die Zähne zusammen und rannte geduckt quer über den Hof auf den Stall zu. Paco besaß kein Pferd: Das war der einzige Anhaltspunkt, an den er sich klammern konnte.

Der Wind hüllte ihn in eine dichte Wolke aus feinkörnigem Sand. Jim atmete keuchend, als er schließlich den Stall erreichte und sich gegen die Lehmwand presste. Er konnte kaum die Hand vor den Augen sehen, und das Sausen und Heulen machte es ihm unmöglich, sich nach einem Geräusch zu orientieren.

Er tastete sich, noch immer den Colt schussbereit in der rechten Faust, an der Mauer entlang, bis er das Stalltor erreichte. Der schwere Balkenriegel ruhte noch fest in der Halterung. Paco war also noch nicht hier.

Schweratmend lehnte er sich gegen das hölzerne Tor und wartete. Der Wind bog die Krempe seines Stetsons vorne steil in die Höhe, die Zipfel seines Halstuches flatterten. Sand sickerte unangenehm durch seinen Hemdkragen auf Brust und Rücken hinab. Seine Augen tränten.

Vor ihm war nur das Toben der Sandschleier. Irgendwo klapperte ein loses Blech gleichmäßig unter dem fortwährenden Zerren des Windes.

Von Paco Shayne war nichts zu hören und zu sehen. Eine Sekunde nach der anderen verstrich in zermürbender Langsamkeit.

Drüben im Wohnhaus stach plötzlich ein gelber Lichtstrahl aus dem offenen Fensterspalt in das Wehen des Staubes hinein. Jim beugte sich angespannt vor. Aber niemand zeigte sich. Die Tür des Hauses blieb geschlossen.

Für eine Sekunde zerrissen die Schleier aus Staub und Sand. Das matte Gefunkel von Sternen war am samtenen Himmelszelt zu entdecken. Und Jim Murdock sah noch etwas anderes: Eine schwarze Gestalt rannte in langen Sprüngen den Hügel hinab, auf dem Shaynes Rancho lag – den stillen Häusern von San Antonio entgegen.

„Der Mietstall!“, stieß Jim gepresst hervor. „Er will sich ein Pferd aus dem Mietstall holen!“

Mit einem Ruck steckte er den 45er in das Holster zurück und hetzte los.

Über ihm schloss sich wieder die Wolke aus Millionen feinster Sandkörner. Die sternenfunkelnde Lücke am nächtlichen Firmament war wie ausradiert. Das Knirschen der Stiefel im Sand, das Schaben dem Holster an der Hose und das laute Keuchen – alles ging unter im Tosen des Windes, der sich allmählich zum Sturm steigerte.

Jim brauchte keine Helligkeit, um den Weg zu finden. Er kannte hier jedes Fleckchen Erde, und schon nach wenigen Minuten hatte er den Fuß des Hügels erreicht. Das Licht aus dem kleinen Rancho war hinter ihm in der Finsternis versunken. Hier unten wehte es nicht so heftig, der Staub wirbelte nicht so dicht. Matt zeichneten sich die hellen Wände der Adobehäuser rings um die Plaza ab.

Einen Moment verschnaufte Jim Murdock, dann schlug er die Richtung zu Lew Chandlers Mietstall ein. Er hatte etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt, da sah er ganz in der Nähe Licht in einem der Häuser aufflammen. Es war der Store, der Liz Flaherty gehörte.

Jim blieb stehen. Eine scharfe Falte stand plötzlich steil über seiner Nasenwurzel. Durch das Raunen des Windes trieb das Klappen einer Tür zu ihm her. Ein scharfer Verdacht zuckte grell durch sein Gehirn …

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934748
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v509472
Schlagworte
sheriff murdocks gang

Autor

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Titel: Sheriff Murdocks schwerster Gang