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Redlight Street #112: Tolles Geschäft für Bardame Doris

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Tolles Geschäft für Bardame Doris

Copyright

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Tolles Geschäft für Bardame Doris

Redlight Street #112

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 112 Taschenbuchseiten.

 

Manfred ist glücklich verheiratet und trotzdem muss er sich eine Nacht mit ein paar Animiermädchen um die Ohren schlagen, denn sein Geschäftspartner wünscht Gesellschaft. Als er am nächsten Tag zu seiner Frau zurückkehrt, verlangt diese, obwohl sie ihn innig liebt, die Scheidung. Das Ehepaar hat keine Kinder. Manfred braucht aber einen Erben für die Firma. Aline möchte deshalb ihrem Mann die Möglichkeit geben eine andere Frau zu ehelichen. Eine Frau die Kinder gebären kann. Manfred ist entsetzt über diesen Vorschlag und sucht nach anderen Möglichkeiten.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

»Also ich stehe auf dem Standpunkt, wenn man hart gearbeitet hat, dann soll man sich auch anschließend entspannen, Langström. Das macht die Nerven wieder ruhiger. Sie können sich auf mich verlassen, ich weiß, was ich sage.«

Manfred Langström war noch immer unsicher. Am liebsten wäre er jetzt in sein Hotelzimmer gegangen und hätte sich hingelegt. Aber das würde sein Geschäftspartner bestimmt nicht verstehen. Außerdem sorgte er ja auch immer für eine kleine Abwechslung. »Nun ja«, meinte er ein wenig zögernd. »Aber ich habe wirklich Kopfschmerzen, und ich möchte nicht mehr zu lange aufbleiben. Außerdem muss ich noch meine Frau anrufen. Ich habe es ihr versprochen.«

Dolinar meinte: »Nun, das sind alles keine Argumente, um sich nicht zu vergnügen. Sie können Ihre Frau von hier aus anrufen. Derweil gehe ich auf die Suche nach einer guten Tablette. Was sagen Sie nun?«

»Das ist sehr nett. Kann ich das überhaupt annehmen? Ich meine, ich habe Sie jetzt schon über Gebühr in Anspruch genommen. Ich möchte wirklich nicht...«

Dolinar kam um den Schreibtisch, schlug ihm auf die Schulter und grinste wie ein Schuljunge. »Ich will Ihnen mal was sagen. Ich freue mich direkt darauf. Jetzt habe ich ja ein Alibi, verstehen Sie!«

Langström lächelte.

»Nun verstehe ich alles. Warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt?«

Sein Gegenüber war verblüfft: »Soll das heißen, Sie nutzen nicht jede Gelegenheit? Ich meine, wenn Geschäftsfreunde auftauchen?«

Langström zögerte. Wenn er jetzt nein sagen würde, dann wäre Dolinar verletzt. Er verstand ja jetzt seine Hartnäckigkeit. Warum sollte er ihm nicht die kleine Freude machen, ebenfalls so tun, als sei er wild aufs Vergnügen.

»Sicher ... «, lächelte er nur.

»Na, sehen Sie, dann verstehen wir uns ja! Also, ich suche jetzt meine Sekretärin, die ist nämlich eine wandelnde Apotheke, Langström.«

Er verließ sein Büro. Die dicke, gepolsterte Tür fiel ins Schloss. Langström war allein. Er strich sich müde über die Stirn. Dann griff er nach dem Telefonhörer und wählte die Nummer. Die Haushälterin meldete sich.

»Ist meine Frau nicht zu sprechen?«

»Bitte warten Sie einen Augenblick, Herr Langström, ich stelle nach oben durch.«

Wenig später hörte er Alines Stimme.

»Morgen komme ich zurück. Zum Mittagessen kannst du mit mir rechnen.«

»War es sehr anstrengend?«, fragte sie teilnehmend.

»Es geht.«

»Und jetzt geht ihr noch aus?«

»Wieso?«, fragte er verblüfft zurück. »Das verstehe ich nicht, Aline, ich habe doch nichts gesagt.«

Ein leises Lachen klang an sein Ohr. »Mein Lieber, ich kenne doch Dolinar!«

Langström war so erstaunt, dass ihm im Moment keine Erwiderung einfiel.

»Nun, er ist doch oft genug hier, nicht...?«

Manfred lachte. »Nun ja, du hast wirklich recht. Er hat mich überredet, obwohl ich viel lieber in mein Hotel ginge.«

»Mach ihm doch den Spaß!«

»Tu ich ja auch«, sagte er lachend. »Aber hör mal, eine andere Frau würde mir jetzt vielleicht eine Szene machen.«

»Schade, das hättest du mir vorher sagen müssen. Nun, wenn du das gerne möchtest...«

»O nein«, entgegnete er.

»Also, bis morgen. Ich werde mir etwas Besonders ausdenken und kochen.«

»Ja, bis morgen.«

Er legte den Hörer auf. Dabei dachte er: Niemand wird mir das glauben, wenn ich erzähle, dass ich nach zehn Jahren Ehe noch immer glücklich mit Aline bin. Da war nur ein Kummer, aber der war...

Weiter konnte er nicht denken, denn die Tür ging wieder auf.

»Na, haben Sie sie erreicht?«

»Ja!«

»Nun, dann sind Sie wirklich ein Glückspilz. Ich weiß nie, wo sich meine Frau aufhält. Aber seltsamerweise, wenn ich mal spät nach Hause komme, dann weiß sie es sofort.«

Er gab ihm die Tablette.

»Meine Sekretärin sagt, sie wirkt Wunder.«

»Dann will ich sie mal gleich nehmen.«

Dolinar brachte ihm ein Glas Wasser.

Langström sagte: »Dann fahre ich jetzt zum Hotel und ziehe mich um.«

»Gut, in einer Stunde erwarte ich Sie unten in der Halle. Dann machen wir eine Sause.«

»Gut!«

Als er im Taxi saß, dachte er wieder an Aline. Er wünschte sich, er wäre jetzt bei ihr. Nein, dachte er plötzlich, bin ich schon vertrottelt, oder was ist mit mir los?

In seinem Hotel angekommen, ging er erst unter die Dusche. Danach fühlte er sich schon ein wenig wohler. Er zog sich um und ließ sich vom Etagenkellner einen starken Kaffee bringen. Dadurch wurde er wieder munter.

Dolinar stand schon wartend unten in der Halle. Jetzt hieß es also, starke Nerven behalten. Er war sehr unruhig, wenn es darum ging, sich ins Vergnügen zu stürzen. Das kannte er von daheim, wenn er ihn ausführen musste.

»Na, hat sie gewirkt?«

»Was?«

»Die Tablette?«

»Ach, so ja, ich habe wirklich keine Kopfschmerzen mehr.«

»Sag ich doch, meine Sekretärin ist ein Genie! Nun, aber jetzt überlegen wir mal, wohin wir gehen könnten.«

»Tja, ich kenne mich nicht aus, mein Lieber. Das überlasse ich Ihnen.«

»Hmhm, man sagt, der grüne Kakadu sei jetzt der letzte Schrei, also gehen wir mal hin.«

Sie winkten ein Taxi herbei und ließen sich in die Innenstadt fahren. Die Bar schien wirklich außergewöhnlich gut zu sein. Zumindest konnte man noch alles erkennen, man sparte nicht mit dem Licht, und die Band war auch ausgezeichnet. Dezent spielte sie im Hintergrund. Im Augenblick befanden sich noch nicht viele Gäste im Raum. Die beiden Herren kletterten auf einen Barhocker. Langström wusste, wenn man ohne Damenbegleitung erschien, dann kümmerten sich gleich die Barmädchen um einen. Aber er winkte ab, da er noch einiges mit Dolinar besprechen wollte. Doch dieser war nicht mehr in der rechten Stimmung. Sein Auge wanderte immer wieder zu den Mädchen hinüber.

Langström bemerkte es und unterließ dann die nächsten Fragen.

»Ich komme gleich wieder«, sagte Dolinar, rutschte vom Hocker und war verschwunden.

Langström saß vor seinem halbleeren Glas. Und so kam es, dass er ein Gespräch von zwei Barmädchen mitanhören musste, ob er wollte oder nicht.

Die eine sagte: »Mensch, weißt du, das ist ein großer Mist, ehrlich.«

»Das passiert jeder mal. Soll ich dir eine Adresse geben?«

»Nee, wenn ich was nicht ausstehen kann, dann sind es diese Adressen.«

»Ich verstehe dich nicht, du kannst es doch jetzt auch in Deutschland ganz offiziell abtreiben lassen.«

»Hast du eine Ahnung, nee, da müsste doch erst mal nur Formulare ausfüllen und zu ’ner Menge Leuten laufen. Die zögern das mitunter so geschickt hinaus, dann ist die Zeit um, und du musst es doch austragen. Nee, so blöde bin ich nicht.«

»Hast du vielleicht eine Engelmacherin an der Hand?«

»Bist du verrückt, ich will ja noch weiterleben. Nee, das erst recht nicht.«

»Ja, was willst du denn machen?«

»Ich gehe noch ’ne Woche arbeiten, ich habe ja Zeit, weißt du, ich habe es ja gleich geahnt, dass der Kerl mich geschwängert hat. Also schaffe ich erst noch mal Geld an, und dann fahre ich nach Holland. Du, in ein, zwei Stunden ist alles vorbei. Dann schläfste dich gründlich aus, fertig. Und du hast alle deine Sorgen los.«

Langström krümmte sich innerlich, als er das hörte. Ihm wurde heiß und kalt, und der Schweiß brach ihm aus allen Poren. Schon wollte er aufstehen und fortgehen, aber da kam Walter zurück. Im Schlepptau hatte er zwei Mädchen. Eine Blonde und eine Rothaarige.

»Na, jetzt sind Sie wohl von den Socken, wie? Aber man muss ein Auge haben, dann findet man die nettesten Mädchen.« Die Blonde setzte sich gleich neben Manfred Langström. Er lächelte mühsam.

Langsam wandte er den Kopf und sah jetzt die beiden Barmädchen, deren Unterhaltung er belauscht hatte. Sie hatten zwei hübsche, niedliche Puppengesichter. Mein Gott, dachte er, wenn ich das nicht erfahren hätte, würde ich glauben, die wären noch unschuldig und naiv.

»Hallo, schlafen Sie eigentlich mit offenen Augen?«

Das blonde Mädchen zupfte ihn am Ärmel.

Er blickte sie an.

»Ich heiße Doris!«

»Manfred«, sagte er kurz.

»Machen wir eine Flasche auf?«

Er wusste, dass sie dazu angestellt waren, die Männer zum Trinken zu animieren.

»Warum nicht«, sagte er kurz, »aber im Augenblick trinke ich nicht viel mit, denn ich habe gerade eine Tablette genommen.«

»Dann bleibt mir ja sehr viel«, sagte sie lächelnd und blickte ihm tief in die Augen.

Er winkte und bestellte. Dann gingen sie alle vier in eine Nische. Dolinar war schon in angeregter Stimmung. Langström wusste, lange würde es nicht mehr dauern, dann würde er mit dem Mädchen verschwinden.

Der Sekt wurde in einem Eiskübel gebracht.

Langström ärgerte sich, denn er wollte das alles gar nicht. Als er dann auch noch den Preis sah, dachte er: Ich bin wirklich verrückt.

Das blonde Animiermädchen kümmerte sich um ihn, plauderte in einem fort und goss den Sekt ein. Sie schob ihm das Glas zu, nippte nur an ihrem.

Er war stocknüchtern und würde es auch bleiben, denn er vertrug nicht viel Alkohol. So dauerte es auch nicht lange, da bemerkte er, wie das Mädchen seinen Sekt heimlich in einen Blumenkübel hinter sich schütten wollte. Seine Hand umklammerte ihr Handgelenk. Sie erschrak und starrte ihn an.

»Das lassen Sie doch bleiben, nicht wahr? Oder Sie können gleich verschwinden.«

Sie wurde sogar noch rot.

»Es war ein Versehen«, sagte sie hastig.

»Reden Sie keinen Unsinn.«

Dolinar erhob sich. Er hatte glitzernde Augen und sagte: »Ich komme gleich wieder, Sie bleiben doch?«

»Sicher!«

Doris warf den Kopf zurück. Sie war noch immer ärgerlich.

»Wenn Sie glauben, auf solche Art und Weise bei mir Geld zu verdienen, dann muss ich Sie leider enttäuschen«, sagte Manfred Langström kalt.

Sie drehte sich zu ihm herum.

»Warum sind Sie eigentlich hier, wenn Sie sich nicht amüsieren wollen?«

»Geschäftsbesuch, mir liegt gar nichts daran.«

Sie musterte ihn und dachte bei sich: Da sieht einer mal wirklich gut aus, ist nicht gleich so aufdringlich, dass es abstoßend wirkt, und es ist mal wieder Essig. Verdammt, wenn der jetzt lange hier in der Bar bleibt, dann werde ich diese Nacht nicht viel machen.

»Erzählen Sie ein wenig von sich«, sagte Manfred.

»Da gibt es nicht viel zu erzählen«, sagte sie ein wenig mürrisch.

»Warum machen Sie das?«

Ihre Augen glitzerten. »Stellen Sie sich mal vor, ich will Geld verdienen.«

»Das kann man auch in anderen Berufen.«

»Natürlich, aber gerade so viel, dass man nicht verhungert. Ich will schnell reich werden, kapiert? Ganz schnell. Dann werfe ich alles hin und mache irgendwo einen kleinen Laden auf und bin dann mein eigener Herr.«

»Und Ihr Freund lässt das zu?«

»Ich habe keinen Freund«, zischte sie ihn an. »Meinen Sie, sonst würde ich...«

»Ich denke ja auch nur an den Schutz!«

»Zuhälter?«, sagte sie empört. »Sind Sie verrückt, ich bin doch keine Nutte! Also wenn Sie das wirklich denken...«

Er lächelte in sich hinein.

»Mir können Sie keinen Sand in die Augen streuen, meine Liebe. Wenn ich genug biete, dann gehen Sie doch auch mit mir mit, oder sollte ich mich so täuschen?«

»Hören Sie«, sagte sie eifrig, »das ist ja was ganz anderes, verstehen Sie? Wenn ich mitgehe, dann nur, weil ich Sie mag, so einfach ist das. Ich mag Sie wirklich, Sie sind nett, man kann sich mit Ihnen unterhalten. Warum sollte ich dann nicht...«

»Merken Sie eigentlich gar nicht, wie Sie sich die ganze Zeit verteidigen?«

Ihre Augen wurden groß.

»Hören Sie«, sagte er ruhig, »wenn Sie wirklich etwas aus sich machen wollen, dann müssen Sie sehr bald aussteigen, verstehen Sie! Denn sehr viel Zeit lässt man Ihnen nicht. Ich kenne mich da aus!«

»Sie reden, als kämen Sie von der Gesundheitsbehörde!«

»Die kennen Sie also auch schon?«

»Nein«, sagte sie wütend.

»Nun, es wird nicht lange mehr dauern, dann wird man dort schon merken, was hier los ist, und sie aufsuchen!«

»Warum das denn?«

»HWG, das kennen Sie wohl noch nicht?«

Sie presste die Lippen zusammen und antwortete nicht.

Also doch, dachte Langström. Sie ist also nicht so naiv, wie sie vorgibt. Schade, sie ist eigentlich ein sehr nettes Mädchen. Mein Gott, wenn ich denke, es könnte meine Tochter sein, mir würde das Herz brechen.

Er fühlte einen Eisklumpen in der Magengegend. Unwillkürlich nahm er das Glas und trank ein paar Schlucke.

»Geht es Ihnen nicht gut?«, fragte sie.

Er sah auf.

»Sie haben eben so seltsam ausgesehen!«

Er lächelte schwach.

»Streiten wir uns nicht mehr, ja?«

»Haben wir das denn getan?«

»Es war nicht nett von mir, mich in Ihre Privatangelegenheiten zu mischen.«

Sie hatte plötzlich Tränen in den Augen.

»Sie sind der erste, der das getan hat. Alle anderen Männer, die hier aufkreuzen, denken nur die ganze Zeit, wie sie uns aufs Kreuz legen können.«

»Und das missfällt Ihnen?«

»Ja«, sagte sie ruhig.

Langström beugte sich vor.

»Sie suchen sich also tatsächlich noch Ihre Freunde aus?«

»Ja!«

»Dann möchte ich Ihnen sagen, dass ich mich geehrt fühle, ich möchte noch weiter gehen und sagen, es ist nicht Ihre Schuld, dass ich keinen Wert darauf lege. Wissen Sie, ich liebe meine Frau, da kann ich einfach nicht.«

Sie maß ihn von oben bis unten, hatte ein winziges Lächeln in den Mundwinkeln.

»Sie glauben mir nicht?«

»Bei Ihrem Alter!«

Das war ein Schlag mitten ins Gesicht, denn er war erst vierzig.

»Hören Sie!«

»Entweder ist es Angabe, oder Sie können nicht mehr oder ...«

»Was oder?«

»Oder es stimmt wirklich!«

»Was?«

»Dass Sie Ihre Frau lieben!«

Er lehnte sich zurück.

»Nach Ihrer Reaktion zu schließen, glauben Sie also nicht, dass es das wirklich gibt?«

»Nein«, sagte sie brüsk.

Sie tat ihm leid. Er fühlte sich so sicher, so geborgen, aber dann dachte er auch wieder: Wenn sie das wirklich nicht kennt, dann ist sie ein armes Geschöpf. Bei Gott, wirklich, sie sieht so

verloren und einsam aus. Komisch, alle sehnen sich nach Liebe und Geborgenheit, aber die meiste Zeit verbringen sie damit, alles zu zerstören.

Dolinar kam zurück.

»Da sind Sie ja auch wieder«, lächelte er ihn an.

Dolinar war also fest davon überzeugt, dass er mit dem Mädchen in den Hinterräumen gewesen war. Das kümmerte ihn aber kein bisschen.

Sie tanzten noch ein wenig, gaben noch eine Flasche zusammen aus. »Auf Geschäftskosten«, lachte Walter Dolinar.

»Ich bitte Sie«, antwortete Manfred.

»Lassen Sie man, das nächste Mal sind Sie wieder dran. So hat man immer seine kleinen Abwechslungen.«

Langström hatte mit seiner Frau darüber gesprochen, warum er sie nicht mitnehmen konnte, wenn er nach Hamburg fuhr. Sie hatte ihm lachend geantwortet: »Aber das weiß ich doch längst.« Etwas verletzt hatte er da gemeint: »Du bist also davon überzeugt, dass ich auch...« Sie hatte nur gelächelt.

Seltsam, immer wenn er das Barmädchen ansah, musste er an Aline denken. Sicher, sie waren beide blond und hatten blaue Augen, aber sonst hatten sie nichts gemeinsam.

»Machen wir noch einen Bummel durch die Gemeinde?«

»Nein«, sagte Langström. »Mein Zug geht schon sehr früh. Ich muss mich jetzt wirklich verabschieden.«

»Schade, ich hätte Ihnen noch so gern etwas von unserer Stadt gezeigt.«

»Das nächste Mal!«

Die beiden Mädchen brachten die Männer an die Tür. Doris Treiber sagte: »Vielleicht sehen wir uns mal wieder?«

Er drehte sich um und sah sie einen Augenblick lang stumm an. Sie war ein wenig verwirrt. Sie war noch nicht abgestumpft, denn sie war erst seit kurzem in diesem Geschäft tätig. Daher konnte sie also auch noch rot werden.

»Was versprechen Sie sich davon? Viel haben Sie ja bei mir nicht verdient!«

»Nun«, meinte sie zögernd, »es tut mal ganz gut, wenn man sich mit jemandem unterhalten kann.«

Armes Ding, dachte der Mann, so weit ist es also schon mit dir gekommen.

Wenig später lag er in seinem Hotelbett.

 

 

2

Hier in München war das Wetter noch viel besser. Er freute sich auf sein Zuhause, und der Zug konnte nicht rasch genug in den Bahnhof einfahren. Da seine Frau nicht wusste, wann er heimkommen würde, war auch niemand auf dem Bahnsteig. Er nahm sich ein Taxi. In der stillen Vorortstraße entlohnte er den Mann und ging dann weiter.

Es war ein sehr großes Grundstück, das ihm gehörte. Parkähnlich und ganz versteckt hinter den vielen alten Bäumen lag das Haus. Als kleiner Junge war er immer mit einem Stöckchen an dem Zaun entlanggerannt. Es hatte ihm ungemein Spaß gemacht, aber die Kinderfrau hatte jedes mal geschimpft. Wie gut er sich noch daran erinnern konnte, an Achim, seinen Bruder, an die kleine Schwester. Plötzlich war ihm, als stünden sie alle wieder vor ihm!

Er sah sie, sie standen am Auto und winkten. Er lehnte sich oben aus dem Fenster und winkte zurück, schrie ihnen etwas zu. Aber sie hatten es nicht mehr verstanden. Er war zwölf gewesen, sein Bruder acht und die kleine Schwester fünf Jahre alt. Er liebte sie heiß und innig und hatte lange nicht verstehen können, warum man ihn ins Internat gesteckt hatte. Aber so war das nun mal, man hatte es einfach beschlossen. Er sollte viel lernen, denn er würde ja mal Vaters Nachfolger. Ja, der Vater, er hatte es ihm auf seine stille Art und Weise erklärt. »Du musst das verstehen, eines Tages wirst du alles übernehmen, hörst du! Du wirst uns doch keine Schande machen, nicht wahr?«

»Nein, Vater.«

Also hatte er sich gefügt und war ins Internat gegangen, gar nicht weit von München. Die Eltern hatten versprochen, ihn recht oft zu besuchen, und das hatten sie auch getan, zur Überraschung der anderen Internatszöglinge, denn sie kamen meist aus Familien, in denen Kinder einfach lästig waren. Man überschüttete sie zwar mit Geschenken, aber Zeit hatte man selten für sie. Oder man schickte Angestellte.

Manfred war eine Ausnahme, ja, man beneidete ihn um dieses Glück und bemühte sich um seine Freundschaft. Denn die Jungen hofften, dass er sie in den großen Ferien einladen würde. Aber dann war ja alles ganz anders gekommen, so schrecklich anders!

Dieses Bild, als man ihm fröhlich zuwinkte, er würde es nie vergessen können! Es war der letzte Augenblick, in dem er sie lebend gesehen hatte. Auf der Autobahn waren sie dann alle in den Tod gefahren. Keiner hatte überlebt! Eltern und Geschwister tot!

Damals hatte man zu ihm gesagt: Du bist schon ein großer Junge, du musst tapfer sein!

Tapfer sein! Er hatte geweint, viele, viele Nächte hatte er geweint!

Das sonst so fröhliche Zuhause hatte sich danach verändert. Die Großeltern, die sich in ihr Haus in den Bergen zurückgezogen hatten, waren zurückgekommen und hatten noch einmal die Leitung der Fabrik übernommen. Still, lautlos still war es im Haus gewesen, wenn er in den Ferien daheim war. Wie sehnte er sich nach Glück und Liebe. Das war vielleicht auch ein Hauptgrund dafür, dass er noch immer so glücklich mit Aline war. Er hatte es am eigenen Leib erfahren müssen, wie schrecklich es ist, wenn man keinen Menschen hat, dem man sich anvertrauen kann. Die Großeltern waren einfach zu alt. Mit zwanzig übernahm er schon die Leitung der Firma. Zum Glück hatte er einen guten Direktor, und so arbeitete er sich sehr schnell ein.

Einige Jahre später lernte er Aline kennen.

Damals hatte man ihn davor gewarnt, sie zu heiraten. Denn sie besaß kein Geld. Aber er hatte sich immer geschworen: Wenn ich mal heiraten möchte, dann soll mich nichts, aber auch nichts daran hindern. Ich will aus Liebe heiraten.

Bis jetzt war die Ehe noch immer glücklich.

Jetzt, während er an dem Zaun vorbeiging, es wurde allmählich Herbst, und die Blätter fielen von den Bäumen, da dachte er unwillkürlich wieder an seine Kindheit.

Seine Ehe war glücklich, aber da gab es einen Schatten!

Er konnte es nicht vergessen! Verzweifelt versuchte er es, aber es ging nicht... es war unmöglich.

Jetzt war er am Tor.

Aline musste wohl auf ihn gewartet haben. Sie stand an der Tür.

»Grüß dich!«

»Ich habe gerade den Tee aufgesetzt, Manfred, oder möchtest du dich erst duschen?«

Er nahm sie in die Arme und küsste sie.

»Schön, wieder bei dir zu sein«, meinte er lachend.

»Du, wir sind doch ein altes Ehepaar!«

»Wirklich? Wir sind doch nicht alt, ich habe auch vor, es noch lange nicht zu werden. Nein, ich gehe gleich Tee trinken, das kann ich jetzt gut gebrauchen.«

Er legte Aktentasche und Mantel im Flur ab. Wenig später saßen sie im gemütlichen Wohnzimmer.

»Es ist schön, wieder daheim zu sein.«

Aline lächelte ihn an.

»Und was hat du inzwischen gemacht?«, wollte er wissen.

Er sah, wie ein ganz leichter Schatten über das Gesicht seiner Frau flog.

»Ach, wie üblich, weißt du.«

»Hör mal, du sollst dein Licht nicht unter den Scheffel stellen. So ein großes Haus zu führen ist nicht einfach, und dann kochst du auch noch selbst. Also wirklich, das erfordert sehr viel Kraft.«

»Wenn man etwas gern tut, dann ist es schnell getan.«

Er blickte aus dem Fenster. Der Rasen war sauber geschnitten, nirgends sah man Unkraut. Wieder musste er schlucken. Nein, er würde ihr nie einen Vorwurf machen, nie. Er spürte doch ganz deutlich, dass sie auch darunter litt.

Aline hatte etwas auf dem Herzen.

Er wandte sich ihr wieder zu.

Sie hatte die Augen niedergeschlagen. »Ich habe in den letzten Tagen sehr viel nachgedacht, Manfred«, begann sie.

»Und?«, fragte er lächelnd. »Habe ich mal wieder irgendein Datum vergessen?«

»Bitte, scherze jetzt nicht, Manfred, es ist wichtig.«

»Gut, dann bin ich ganz Ohr.«

Die Frau holte tief Atem, dann sagte sie mit fester Stimme: »Manfred, ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass wir uns trennen müssen.«

»Waaas?«

Er fiel aus allen Wolken, starrte sie entgeistert an. »Aline, weißt du eigentlich, was du da sagst?«

Sie hatte Tränen in den Augen.

»Ja, Manfred!«

»Aber um Gottes willen, ich glaubte, du wärst glücklich. Hast du mir das nicht immer gesagt?«

»Manfred, es muss sein, und du weißt auch, warum.«

Er war aufgesprungen und lief jetzt hin und her.

»Aline, das lasse ich niemals zu, hörst du, das kann ich einfach nicht.«

Sie lächelte müde. »Schau«, sagte sie leise, »so leiden wir beide, verstehst du. Du warst so gut zu mir, ich habe eine wundervolle Zeit mit dir verbracht. Ich möchte, dass dein Wunsch in Erfüllung geht. Es muss sein, ich weiß, dass du Tag und Nacht daran denkst. Ich habe ja alles versucht...«

»Aline!« Er ergriff ihre Hände. »Quäle dich doch nicht so, ich flehe dich an. Ich gebe dir ja nicht die Schuld, um Gottes willen, Liebste, bitte ...«

»Auch ich leide darunter«, sagte sie leise.

Er stöhnte auf und ließ sich wieder in den Sessel fallen. Er dachte: Es stimmt ja, was sie sagt. Es stimmt zu genau, ich kann an nichts anderes mehr denken, nur an ein ... Kind!

Aline hatte vier Fehlgeburten gehabt. Kein Kind konnte sie behalten, und beim letzten Mal hatte ihnen der Professor eröffnet, dass sie jetzt nie mehr eines bekommen würde.

»Ja«, sagte er mit dumpfer Stimme. »Mein Gott, wenn doch noch jemand von meiner Familie leben würde, weißt du, dann hätten wir ja einen Erben.«

»Du brauchst einen Erben, Manfred!«

»Aber ich brauche auch dich«, sagte er. »Ich brauche dich, ein Leben ohne dich kann ich mir gar nicht mehr vorstellen.«

»Wir haben doch alles besprochen. Du bist gegen ein fremdes Kind, also bleibt dir keine andere Wahl, als dich von mir zu trennen und eine andere Frau zu heiraten. Wir ... wir können ja gute Freunde bleiben, Manfred ...«

Er hörte nur halb zu. Wieso musste er plötzlich an das Gespräch der beiden Bardamen denken. Er lächelte bitter. Mein Gott, dachte er betroffen, da sind wir hier, sehnen uns verzweifelt nach einem Kind, und auf der anderen Seite gibt es Menschen, die wollen so ein Geschöpf nicht, lassen es abtreiben, einfach so. Sie sind noch froh, wenn es schnell passiert. Also es gibt Frauen, die können Kinder bekommen, wollen es aber nicht.

Er atmete ein wenig schneller.

Es stimmte, sie hatten oft von einer Adoption gesprochen, aber das wäre dann nicht sein Kind! Er konnte sich mit diesem Gedanken einfach nicht vertraut machen.

»Hörst du mir überhaupt noch zu?«

Er blickte sie an.

Es müsste doch eine Möglichkeit geben, dachte er, dass ich ein Kind und Aline haben kann. Sie ist doch die geborene Mutter. Sie selbst sehnt sich doch auch nach einem Kind. Es würde alles haben, Liebe, Geborgenheit. In diesem Park könnte es herumtollen. Mein Gott, dann hätte das Leben wieder einen Sinn für mich. Dann könnte man wieder mit Freuden an die Arbeit gehen.

»Woran denkst du?«

Er schrak auf.

»Nun ja«, meinte er zögernd, »ich weiß auch nicht, warum es mir gerade jetzt einfiel...« Und nun erzählte er ihr von der Geschichte. Zuerst machte sie ein entsetztes Gesicht und empfand Mitleid für das ungeborene Kind.

»Gibt es das wirklich, Menschen, die gar nicht überlegen, was sie da tun?«

»Für sie ist es einfach eine Belastung. Deswegen wurde ja auch das Gesetz geändert. Und doch gehen sie noch ins Ausland. Sie wissen ja gar nicht, wie gefährlich das ist. Am liebsten wäre ich zu ihnen hingegangen und hätte gesagt ...« Er stockte.

»Ja?«

»Ach, Aline, ich bin schon ganz durcheinander, ich hätte natürlich nichts gesagt. Denn es geht mich ja nichts an, weißt du. Und wenn ich moralische Bedenken geäußert hätte, dann hätten die mich doch nur ausgelacht. In ihren Augen bin ich doch schon ein alter Knacker.«

Die junge Frau saß da, ganz reglos, und starrte aus dem Fenster. Sie war mit ihren Gedanken weit weg. Jetzt atmete sie schneller.

»Manfred«, flüsterte sie leise. »Ich weiß vielleicht eine Möglichkeit. O du mein Gott, es könnte gehen, ich meine...«

»Was ist los mit dir?«

Er war erstaunt, weil ihr Gesichtsausdruck sich plötzlich verändert hatte. Die Hoffnungslosigkeit war verschwunden.

»Du hast mich da auf einen Gedanken gebracht, Manfred. Vielleicht klappt es.«

»Ich verstehe noch immer nicht, was du meinst.«

»Es gibt also Frauen, die wollen ihre Kinder nicht, ja, sie sind sogar sehr froh, wenn sie sie los sind. Manfred, wenn man jetzt so eine Frau findet...«

»Aber das käme ja einem Heimkind gleich, ich meine, es hat fremde Eltern ...«

Sie blickte ihn ganz fest an.

»Du hast mir doch eben gesagt, es sind Barmädchen, und sie haben doch gewiss die Kinder nicht von ihren Freunden...«

Langström verstand seine Frau noch immer nicht.

Aline war jetzt sehr erregt.

»Manfred, wenn du jetzt zu so einer Frau gehst, sie schwängerst? Natürlich musst du vorher mit ihr reden, so dass man dann auch tatsächlich weiß, dass es ein Kind von dir ist. Dann wirst du ihr viel Geld anbieten. Sie verkauft dir also das Kind, und du bekommst einen Erben, dessen richtiger Vater du bist.«

Er saß reglos im Sessel.

»Aline«, sagte er tonlos.

Sie lächelte weich: »Ich würde es wie mein eigenes Kind aufziehen, ich würde es auch liebhaben, denn es ist ja ein Teil von dir.«

»Aline!«

»Es kommt doch nur auf den Preis an, nicht wahr? Es wäre ein Kind von dir! Wir könnten zusammenbleiben, wir hätten ein Kind, Manfred!«

Ganz langsam begriff er alles, überblickte die Situation. Sie würden ein Kind haben, mit seinen Erbanlagen, vielleicht würde es ihm sogar ähnlich sehen. Niemand würde etwas merken, man würde es für ihr leibliches Kind halten. Er wäre ja auch der Vater.

»Aline«, sagte er noch einmal.

Sie war ganz erregt. »Stell dir das mal vor!«

»O du lieber Gott, es ist ein Witz, hörst du!« Dann lachte er auf. Wischte sich über das Gesicht.

Er stand auf. »Ich gehe jetzt nach oben, mich duschen, dann fühle ich mich wieder wohler.«

Sie hielt seine Hand fest.

»Manfred, denke doch mal darüber nach. Bitte!«

Er lächelte auf sie herab. In die blauen, zärtlichen Augen. Nein, er hatte es noch nicht bereut, sie geheiratet zu haben. »Ach, Aline!«

Sie blickte ihm nach.

Ihr Herz war plötzlich nicht mehr so schwer.

Langström verdrängte den Gedanken. Es war ja Unsinn, es konnte einfach nicht gut gehen. Aber dann ertappte er sich dabei, dass er immer wieder daran denken musste. Und seltsamerweise fiel ihm dabei die Bardame ein, die er mit Dolinar aufgesucht hatte. Wie war doch noch ihr Name? Nach einer Weile fiel er ihm wieder ein: Doris Treiber. Ob sie vielleicht dazu bereit wäre? Nein, es war wirklich unmöglich. Es war wie ein Rausch. Man stellte es sich vor, aber als vernünftiger Mensch wusste man doch, es ging nicht an, war nicht möglich. Doch dann, wenn man zusammen war, sprach man immer wieder davon. Machte sich alle möglichen Gedanken und auch Pläne.

Aline war sehr für diesen Plan. Ja, sie drängte ihren Mann buchstäblich dazu.

»Warum denn nicht? Es ist doch nur die Frage der Frau und des Preises.«

»Ja, schon.«

»Es dürfte keine Frau von hier sein«, sagte sie langsam. »Das ist nicht gut.«

»Du denkst auch an alles«, sagte er lachend.

»Also denkst du auch daran?«

»Ja, schon.«

»Worauf wartest du denn noch?«

Er ließ sich dazu hinreißen zu sagen: »Ich habe da ein Mädchen kennengelernt, sie ist auch blond, ich meine, weil du doch auch blond bist. Sie ist nicht übel, ich meine, nicht so verderbt.«

»Und das sagst du mir erst jetzt«, rief sie erregt.

»Liebes, ich habe nichts mit ihr gehabt.«

»Aber das weiß ich doch. Manfred, bitte, ich flehe dich an, fahr zu ihr, sprich mit ihr. Dann wissen wir mehr. Bitte, ich möchte es einfach.«

Er nahm sie in die Arme und fühlte, dass sie zitterte.

»Aline«, sagte er erstaunt.

»Ich möchte dich glücklich machen, Manfred. Verstehst du das denn nicht?«

»Du bist eine wundervolle Frau. Weißt du das eigentlich? Einer anderen wäre es gleichgültig, ja, wir hätten uns dann bestimmt auseinandergelebt.«

»Wirst du hinfahren?«

Er küsste sie.

»Ich glaube, ich muss es wohl, denn sonst wirst du keine Ruhe mehr geben.«

»Ich danke dir.«

Nun hatte er es ihr versprochen. Aber wohl fühlte er sich nicht in seiner Haut. So schützte er erst einmal Unabkömmlichkeit vor. Er musste noch eingehender darüber nachdenken, die Sache von allen Seiten beleuchten. Mein Gott, dachte er, die wird mich in die nächste Irrenanstalt schicken, wenn ich mit diesem Angebot komme.

Aline ließ nicht locker. Wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann gab sie nicht so leicht auf. So bedrängte sie ihn immer wieder, wenn er daheim war.

Genau nach vierzehn Tagen entschloss er sich dann, nach Hamburg zu fahren. Erst überlegte er, ob er Dolinar verständigen sollte, aber dann sagte er sich: Es liegt nichts an, er würde es nicht verstehen. Außerdem könnte er dann vielleicht einmal etwas ahnen. Nein, es ist besser, wenn er nichts davon erfährt. Überhaupt, ich bin ja noch nicht mal davon überzeugt, dass unser Vorhaben wirklich zustande kommt.

Aline brachte ihn zur Bahn.

»Ich wünsche dir alles Gute!«

Während er sich in die Polster zurücklehnte, dachte er: Ob es ihr nichts ausmacht? Wirklich nicht? Das heißt doch auch, dass ich mit der Frau schlafen muss. Aber so war sie nun mal, seine Frau, sie dachte nur an ihn. Zärtlichkeit nahm von ihm Besitz. Vielleicht sollte man noch andere Ärzte aufsuchen? Aber zugleich wusste er auch, wie unsinnig es war, und wie sehr es Aline weh tun würde, immer wieder hören zu müssen: »Es tut mir leid, gnädige Frau, aber leider können wir da nichts mehr machen.«

Die Medizin war schon so weit fortgeschritten. Er hatte auch von dem Retortenbaby in England gelesen. Aber Aline war nicht mehr in der Lage, ein Kind auszutragen. Man musste auch auf diese Möglichkeit verzichten.

Nach vier Stunden war er also angekommen. Er ging sofort in das Hotel, rief Aline an. Dann legte er sich für zwei Stunden auf das Bett. Bahnfahren machte ihn immer müde. Später nahm er eine kleine Mahlzeit zu sich. Danach fühlte er sich wieder gestärkt. Er nahm noch einen Drink, um seine Nervosität zu bekämpfen und seine Hemmungen loszuwerden. Als er dann im Taxi saß und der Fahrer fragte, wohin er gebracht werden wolle, fiel ihm mit Schrecken ein, dass er den Namen der Bar nicht mehr wusste.

»Herrje, das ist wirklich dumm!«

»Ich weiß eine Menge sehr hübscher Lokale. Soll ich Sie mal hinfahren?«

»Nein, es muss ein bestimmtes Lokal sein. Ich will mich da mit jemandem treffen!«

»Also mal wieder ein Seitensprung«, meinte der Taxifahrer gutmütig.

Langström wurde ärgerlich. »Nein, außerdem geht es Sie nichts an.«

»Da haben Sie vollkommen recht.«

»Es ist was mit grün«, überlegte Langström laut.

Der Taxifahrer erkundigte sich bei der Zentrale, ob man eine Bar kenne, die das Wort grün im Namen habe. Wenig später erhielt er die Auskunft.

»Zum grünen Kakadu!«

»Fahren Sie mal los. Wenn ich davorstehe, wird es mir bestimmt wieder einfallen.«

Es war wirklich das Lokal. Langström gab dem Fahrer ein großzügiges Trinkgeld. Dann verließ er das Taxi und betrat die Bar. Er gab Hut und Mantel ab und ging in den eigentlichen Hauptraum. Es war noch nicht viel Betrieb. Er ging zur Bar und stellte fest, dass das Mädchen nicht da war. An diese Möglichkeit hatte er überhaupt nicht gedacht. Ein unangenehmer Druck legte sich ihm auf den Magen. Mein Gott, nun hatte er sich schon so mit der Idee und dem Wunsch vertraut gemacht, und jetzt fühlte er unbeschreibliche Leere in sich, als er erkannte, dass der Plan vielleicht scheitern könnte.

»Mein Herr, darf ich Ihnen ein wenig Gesellschaft leisten? Sie sehen so traurig aus.«

Er blickte zur Seite und sah in ein etwas verlebtes Gesicht. Die Animierdame hatte verzweifelt versucht, mit Tusche und Puder die tiefen Falten zu überdecken.

Er wollte nicht unhöflich sein.

»Ich such jemanden.«

Sie musterte ihn eingehend.

»Haben Sie sich hier verabredet?«

»Nein, das heißt, ich habe vor einiger Zeit hier ein Mädchen kennengelernt. Und jetzt suche ich sie.«

Sie war kein bisschen böse. So etwas war normal. So manche hatte ihre Stammkunden.

»Das ist etwas anderes. Welche ist es denn? Dann hole ich sie sofort.«

»Ich kann sie nicht sehen.«

»Wie ist denn ihr Name?«

»Ich kann mich daran erinnern, dass sie Doris sagte, ja. ich weiß es jetzt genau.«

»Ach, Doris. Nun, die wird gleich kommen. Die kommt immer ein wenig später, wissen Sie, dafür bleibt sie dann auch bis zum Schluss.«

»Wie lange muss ich da noch warten? «

»Na, ein halbes Stündchen!«

»Darf ich Ihnen einen Drink ausgeben?«

»Da sage ich nicht nein.«

Er beobachtete sie. Sie schien den Drink wirklich dringend zu brauchen, denn sie trank das Glas gierig leer. Er spendierte ihr noch drei, da ging die Tür auf und das Mädchen kam herein. Er hatte vieles vergessen. Als er aber ihre Augen sah, da erinnerte er sich wieder an sein erstes Gespräch mit ihr. Doris stutzte einen Augenblick, dann schien auch sie sich wieder zu besinnen. Das Barmädchen, das ihn bis jetzt unterhalten hatte, rutschte sofort vom Hocker und ging auf Doris zu. »Hier, da ist dein Stammkunde, ich habe ihn so lange unterhalten. Netter Bursche, wirklich. Du hast mal wieder Glück.«

Sie zog eine Augenbraue hoch und blickte dann zu Langström. Langsam kam sie näher.

»Sie haben mir nichts davon gesagt, dass wir uns so früh wiedersehen werden.«

»Das habe ich neulich auch nicht gewusst.«

Sie gab dem Kellner einen Wink.

»Ich möchte mich mit Ihnen unterhalten, Doris. Können Sie ein ruhiges Plätzchen ergattern?«

Also wieder unterhalten, dachte das Barmädchen, ließ sich aber nichts anmerken. Schließlich bekam sie ja auch von den Getränken ihre Prozente. Aber sie verdiente erheblich mehr, wenn sie den Gast in eines der Hinterzimmer begleitete und er sich dort mit ihr amüsieren konnte.

»Dort drüben die Nische ist noch frei. Dort sind wir ungestört. Wo ist denn Ihr Geschäftsfreund?«

»Nicht da! Ich hoffe, Sie sind nicht traurig.«

Sie lachte unwillkürlich.

»Eins zu Null für Sie!«

»Aber nicht doch, ich habe etwas sehr Wichtiges mit Ihnen zu besprechen!«

»Mit mir? Sagen Sie mal, haben Sie sich auch wirklich nicht in der Adresse geirrt?«

»Nein, denn Sie sind doch Doris Treiber?«

»Sogar meinen ganzen Namen haben Sie sich gemerkt«, staunte das Mädchen.

Dann saßen sie in der Nische. Langström merkte, es war gar nicht so einfach, mit seinem Anliegen herauszurücken. Aber, dann sagte er sich: Wenn ich vielleicht ein wenig von mir und der Vergangenheit erzähle, vielleicht versteht sie dann alles viel besser.

Das Barmädchen dachte: Du liebe Güte, das habe ich wirklich nicht geglaubt, dass er jetzt zu jammern anfängt. Also das wird mal wieder ein recht lustiger Abend. Dabei trinkt er auch kaum was. Herrje, immer muss ich so viel Pech haben. Aber dann merkte sie plötzlich, dass er nicht jammerte, sondern ganz emotionslos erzählte, so, als habe er den Wunsch, es ihr nur kurz mitzuteilen.

Was wollte der Mann von ihr?

Schlagartig wurde sie hellwach. Was hatte er da gerade gesagt?

»Moment mal«, sagte sie. »Habe ich das auch wirklich ganz richtig verstanden?«

Langström blickte sie ernst an. »Wenn Sie mich bitte aussprechen lassen, dann verstehen Sie mich gleich ganz genau.«

Doris schluckte, schwieg und sah ihn mit großen Augen an. Dann erfasste sie das Ganze. Ihre Verblüffung war wirklich echt. Das war ja unglaublich. War der Kerl vielleicht übergeschnappt?

Doch sie hörte ihn weiter sagen: »Ich bin auf Sie gekommen, weil ich erstens kein anderes Mädchen kenne, und weil ich glaube, dass Sie einen guten Charakter haben.«

»Danke«, sagte sie fast schroff. »Denn so etwas soll ich doch wohl als Kompliment auffassen, wie?«

Er legte für einen kurzen Augenblick seine linke Hand auf die ihre. »Hören Sie, das letzte Mal haben Sie mir doch gesagt, sie wollen nicht ewig hierbleiben. Da waren doch Ihre Worte?«

»Ja!«

»Sie sprachen doch auch davon, dass Sie sich selbständig machen wollen!«

»Ja, aber dazu braucht man nun mal Geld. Das verdiene ich mir hier.«

»Sehen Sie, wenn Sie mit dem Geschäft einverstanden sind, dann zahle ich für Sie hunderttausend Mark auf ein Konto ein. Und sobald sie nicht mehr arbeiten können, werde ich auch Ihren Unterhalt bis zu der Geburt des Kindes bestreiten. Außerdem habe ich viele Beziehungen, ich meine, ich könnte Ihnen behilflich sein, wenn Sie ein kleines Lädchen suchen, verstehen Sie!«

Doris Treiber schloss einen Augenblick lang die Augen. Dieser Mann sprach von all den Dingen, von denen sie träumte. Nie mehr arm sein, richtig gut leben, tun können, was einem wirklich Spaß machte. Nicht mehr nach der Pfeife anderer tanzen müssen. Einen kleinen Laden aufmachen!

Sie öffnete wieder die Augen und sah die Bar vor sich. Wenn sie das alles erreichen wollte, musste sie noch ein paar Jährchen hart schuften. Auf den allgemeinen Strich wollte sie nicht gehen,

weil sie wusste, davon kam man nicht los. Und jetzt bot ihr dieser Mann alles, was sie sich wünschte, mit einem Schlag. Sie brauchte also nur neun Monate ihres Lebens zu opfern. Nicht mal so viel, vielleicht nur vier. Denn zu Anfang konnte sie ja noch so weiterarbeiten wie vorher. Vier Monate, und dann erhielt sie das Geld, in ihren Augen für nichts.

»Ich verlange ja gar nicht, dass Sie mir jetzt gleich eine Antwort geben. Ich bin für ein paar Tage hier, also ich komme gern morgen wieder.«

Sie dachte: Wenn man doch so einen Mann für immer finden könnte. Du meine Güte, das ist ja ein Traum, ich kann es noch immer nicht glauben. Und für einen kurzen Augenblick dachte sie: Vielleicht beginnt er mich zu lieben und lässt sich scheiden, dann wäre ich ja auch reich ... Aber sie wusste sofort, das würde niemals passieren. Er sprach auch so liebevoll und gut von seiner Frau. Er wollte ja nicht nur sich, sondern auch seiner Frau einen großen Wunsch erfüllen.

Ein Kind!

Er legte einen Geldschein auf den Tisch und erhob sich.

»Ich komme also morgen wieder!«

Doris stand auf und begleitete ihn zur Tür. Dann drehte sie sich um und ging in die Bar zurück.

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934724
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v509375
Schlagworte
redlight street tolles geschäft bardame doris

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Titel: Redlight Street #112: Tolles Geschäft für Bardame Doris