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SHENG #22: Shengs Höllenfahrt

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Shengs Höllenfahrt

Klappentext:

Roman:

SHENG – Der Kung Fu-Kämpfer

 

Band 22

 

Shengs Höllenfahrt

 

Ein Western von Uwe Erichsen

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2019: Edward Martin

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

Harriet Blaine, die Tochter eines Ranchers, ist entführt worden. Die Banditen verlangen Lösegeld. Trifft es nicht rechtzeitig ein, muss Harriett sterben. Paul Maddox, ein Vertrauter des Ranchers und Harriets Freund, will das Lösegeld persönlich überbringen, aber dann gerät er in eine Falle, als der Zug eine abgelegene Station erreicht. Zum Glück kann er vorher das Geld noch im Zug verstecken, mit dem er gekommen ist – und die Entführer gehen vorerst leer aus.

Der Halbchinese Sheng, der sich ebenfalls auf der Station aufhält, wird Zeuge dieser dramatischen Vorfälle. Er beschließt, Harriet zu suchen und sie aus den Händen ihrer Entführer zu befreien. Auch wenn er selbst dabei sein Leben riskiert!

 

 

Roman:

Er hatte ein starres, lederfarbenes Gesicht. Mit Augen, die dunkel und hart wie Stein in ihren Höhlen lagen. Als er aufstand und an den Rand des Bahnsteigs trat, folgten ihm drei gespannt blickende Augenpaare.

Der Mann zog den breitrandigen Hut zum Schutz gegen die schräg stehende Sonne tiefer in die Stirn. Er wippte auf den Fußballen, während er aus engen Augen in die hitzeflimmernde Prärie hinausblickte.

Pfeilgerade stießen die schimmernden Schienen zum Horizont vor, dessen feine, verschwimmende Linie jetzt von einer schwarzen Rauchfahne unterbrochen wurde.

Ein schnelles, dünnes Lächeln erschien auf dem ledernen Gesicht, verschwand aber augenblicklich wieder. Es passte nicht zu dem dunkelgekleideten Mann, von dem ein Hauch tödlicher Bedrohung auszugehen schien.

Der Ledergesichtige wandte sich um und streifte die wenigen Menschen unter dem Wetterdach der Station mit einem flüchtigen Blick.

Drei Männer erwiderten seinen Blick. Aufmerksam, fragend, lauernd. Diese drei Männer waren Banditen.

Banditen wie er ...

Nur wenige Menschen hatten sich in dieser einsamen Bahnstation in der Hochprärie am Rande der Wüste eingefunden. Einer dieser Menschen war ein großer hagerer Mann mit einem scharfgeschnittenen Gesicht und glattem schwarzem Haar.

Sheng hatte die Station zu Fuß erreicht. Irgendwo hatte er gehört, dass die Züge hier hielten, um Wasser und Passagiere aufzunehmen. Er war der alten Planwagen-Straße zum South Pass gefolgt, die sich deutlich erkennbar durch die Prärie zog. Tausende von Wagen hatten ihre Spuren in den harten Boden gegraben.

Sheng hatte das schnelle Lächeln des Mannes mit dem ledernen Gesicht und den harten Augen bemerkt, und er ahnte, wem es galt — drei jungen Männern, die sich sehr anstrengten, so zu tun, als ob sie einander noch nie gesehen hätten.

Unter dem Dach, das die Wartenden vor der Sonne schützen sollte, herrschte eine höllische Hitze. Selbst der beständig wehende Wind aus der Prärie vermochte nichts daran zu ändern. Neben Sheng hockte ein Oldtimer am Boden. Der Mann stieß ihn an. Er hatte ein verwittertes Gesicht mit weißen Bartstoppeln. Der Alte war ein Schürfer, der ein Jahr lang in den Hügeln im Süden gegraben hatte. Ohne Erfolg, wie er Sheng versichert hatte. Die Augen des Oldtimers blickten unvermutet scharf. Sheng hatte die Ankunft dieses Mannes beobachtet, wie er auch die anderen Männer gesehen hatte, als sie sich der Station näherten. Ihre struppigen Ponys oder ausgemergelten Mulis standen mit hängenden Köpfen unter dem Schuppendach hinter dem Stationsgebäude. Ihr Zustand rechtfertigte kaum die Transportkosten, die die Union Pacific für sie berechnen würde.

Nur die Pferde, die dem großen düsteren Mann und den drei jüngeren Burschen gehörten, sahen aus, als seien sie einem langen Ritt gewachsen. Es waren kleine zähe Broncos, denen weder der Staub noch die Hitze oder die schweren, prall gefüllten Satteltaschen etwas auszumachen schienen.

„Woher kommst du?“, knarrte der Oldtimer jetzt und nahm das Gespräch wieder auf, das er vor mehr als einer Stunde abgebrochen hatte, „Nicht, dass es mich interessiert, ich frage nur weil ich so verdammt lange keine menschliche Stimme mehr gehört und weil hier niemand sonst ein verdammtes Wort redet!“

Der Oldtimer schaufelte, und weil Sheng lächelte, lächelte auch er und zwinkerte.

„Aus dem Süden“, antwortete Sheng langsam. Seine leicht geschlitzten Augen zogen sich noch enger zusammen.

Der alte Mann nickte, als befriedigte ihn die Antwort vollkommen. Er wandte sich dem Broncoreiter zu, der an seiner anderen Seite hockte. Der Mann hatte ein grobes Gesicht mit wässrigen kleinen Augen, Sheng ließ seinen Kopf auf die Brust sinken, und mit dem Arm drückte er die Deckenrolle an sich, die seinen gesamten Besitz enthielt — eine Teedose und ein Messer, das kostbare Drachengewand und einen Becher. Und ein Stück der überaus wertvollen Schriftrolle mit den Lehren des Tao Chi, die ihm nicht gehörte, für die er jedoch verantwortlich war. Sheng spürte ein Unbehagen, das sich langsam verstärkte.

Die Männer gefielen ihm nicht.

„Ich war in den Hügeln da unten“, verriet der Oldtimer seinem Nachbarn. „Es gibt kein Gold dort, bestimmt nicht. — Und woher kommst du?“

Der Bursche schob sein schweres rundes Kinn vor. „Ich komme aus der Hölle, und wenn ich dorthin zurückkehre, dann nehme ich dich mit, Alter!“ Er warf den Kopf in den Nacken und lachte laut.

Niemand fiel in das Lachen ein. Die dumpfe Hitze schien es zu ersticken wie ein schweres Tuch, und der Mann verstummte.

 

*

 

Der Mann mit dem ledernen Gesicht hatte wieder in die Prärie hinausgesehen, und jetzt nickte er den drei Broncoreitern unmerklich zu.

Der Zug war bereits deutlich zu erkennen

Der Ledergesichtige hieß Melvin Doyle. Niemand wusste genau, wer er war oder woher er kam. Er war ein verwegener Draufgänger, dabei skrupellos und überlegen. Er konnte seinen Verstand gebrauchen und noch schneller war er mit dem Remington, der in der tiefgeschnallten Halfter an seinem Schenkel steckte.

Seine Leute hielten zu ihm. Bedingungslos. Teilweise, weil er Erfolg hatte bei seinen Raubzügen, und teilweise, weil diesen Männern gar keine andere Wahl blieb. Denn überall, wohin sie kamen, begegneten sie bereits ihren eigenen Steckbriefen.

Melvin Doyle hatte die übelsten Galgenvögel, die er nur auftreiben konnte, in seine Bande aufgenommen. Sie taten alles, was er ihnen befahl. Denn wenn er sie davonjagte, waren sie verloren.

Seine Schritte federten über die Bohlen des hölzernen Bahnsteigs. Der Mann bewegte sich mit der geschmeidigen Lautlosigkeit einer Raubkatze. Nur das Holz unter seinen Stiefeln knarrte.

Außer seinen drei Komplizen, die er für diesen Fischzug ausgewählt hatte, hockten noch vier andere Gestalten unter dem offenen Dach. Schürfer aus den Hügeln im Süden oder Minenarbeiter. Armselige Figuren, für die Doyle keinen Blick übrig hatte.

Der trockene warme Wind strich knisternd durch das harte Gras, das die Station umgab wie Wasser eine Insel. Das Windrad knarrte, und die Pumpe quiietschte.

Ansonsten herrschte Stille. Es war ein totes Land.

Vor einigen Jahren hatte ein Bursche namens Lorrimer mitten in der Hochprärie nach Wasser gebohrt. Wider Erwarten hatte er welches gefunden, doch weil die Quelle nicht genug Wasser hergab, um ausreichend Land für eine Farm zu bewässern, hatte er das Wasserloch an die Union Pacific verkauft, die gerade zu der Zeit ihre Trasse durch dieses Gebiet zog.

Die Union Pacific hatte an diesem Wasserloch zuerst einen Lagerplatz und eine Schmiede errichtet und den Platz dann, als die Linie in Betrieb genommen worden war, als Wasserstelle für die Lokomotiven bestehen lassen. Und weil hier schon ein Wassertank und eine Pumpe standen, und weil die Baracken, die einst den Arbeitern Unterkunft geboten hatten, noch vorhanden und brauchbar waren, hatte man bald eine richtige Bahnstation aus dem Lager gemacht und sie Lorrimer Spring getauft.

Die Station verfügte über alle Merkmale eines richtigen Bahnhofs. Da war der hölzerne Bahnsteig, der von dem gleichen grauen Staub bedeckt war wie das harte Gras draußen. Es gab einen geschlossenen Warteraum und einen offenen. Bänke standen vor dem Stationsgebäude, und neben dem schimmernden Schienenstrang erhob sich eine große Tafel, auf der in schöner Schrift der Name Lorrimer Spring stand. Es gab einen Fahrkartenschalter und einen Telegrafen und sogar eine Toilette.

Und natürlich das hohe, weithin sichtbare Windrad, dessen Lamellenkranz sich dem beständig wehenden Präriewind entgegendrehte und das die Pumpe antrieb, die klares kühles Wasser in den Tank hoch oben auf dem schlanken Gerüst beförderte.

Es gab alles, was zu einem richtigen Bahnhof gehörte. Nur eines gab es nicht — eine Siedlung, die der Station einen Zweck hätte geben können. Die Züge hielten hier, weil sie für die lange Teilstrecke nach Tipton im Westen oder Rawlins im Osten Wasser nachfassen mussten. Die paar Jäger, Schürfer oder Minenarbeiter, die hier gelegentlich aus- oder einstiegen, kamen dadurch in den Genuss eines unangemessenen Services.

Melvin Doyle blieb vor dem geöffneten Fenster stehen, hinter dem der einzige Mensch döste, den die Union Pacific für diese Station erübrigen konnte. Als das erste dünne Pfeifen der sich nähernden Lok hörbar wurde, hieb Doyle seine flache Hand auf die Holzplatte des Fahrkartenschalters.

Jack Garstow schreckte auf. Sein grüner Augenschirm war ihm auf die Nase gerutscht, und hastig schob er ihn in die Stirn. Unwillig blickte er den Mann an, dessen Oberkörper den Umriss des Fensterausschnittes füllte.

„Mister, wenn der Zug kommt, hören Sie ihn schon! Ich kann ihn nicht herbeizaubern!“

Er sah die düsteren Augen des Mannes, die ihm ein leichtes Unbehagen bereiteten, doch er war wütend. Es war immer dasselbe. Die Kerle kamen und fragten und fragten. Immer dasselbe. Wann kommt der Zug?

Dabei wusste er das nie so genau. Rawlins oder Tipton hielten es nicht für nötig, ihm die Abfahrt eines Zuges über den Telegrafen zu melden.

Garstow seufzte. Er war Stationsvorsteher, Fahrkartenverkäufer, Streckenwart und Telegrafist in einer Person, und doch hatte er den einsamsten Job, den man sich nur denken konnte. Eigentlich sollte er dankbar sein für jeden Menschen, der sich auf seinen Bahnhof verirrte, denn manchmal vergingen Wochen, in denen er kein einziges Ticket verkaufte!

„Mister“, sagte er ungeduldig, „Sie müssen Geduld haben!“

Verdammt heiß war es in dieser Bretterbude. Garstow schwitzte, und der feine Staub setzte sich in jeder Hautfalte fest.

Wieder ertönte das Pfeifen der Lok, und irritiert blickte der Mann am Schalter in die steinharten Augen.

Melvin Coyle lächelte dünn. Rasch hob er Kopf und Schultern durch das Fenster. Als sein ledergegerbtes Gesicht plötzlich dicht vor den Augen des Stationsvorstehers erschien, zuckte der erneut zusammen.

Doyles schlanke Hand steckte in einem eleganten Lederhandschuh, der vom Schweiß dunkel geworden war. Die Hand legte sich plötzlich auf Garstows Gesicht. Bevor der überraschte Eisenbahner begriff, wie ihm geshah, wurde sein Kopf nach hinten gedrückt. Er versuchte noch, sich irgendwo festzuhalten, doch schon kippte sein Stuhl nach hinten weg, und er krachte zu Boden.

Doyles Hand ergriff den Morseticker. Mit der anderen Hand riss er die dünnen Drähte von dem Messinggerät mit dem polierten Holzknopf.

Doyle hob seinen Kopf aus dem Schalterfenster und wandte sich um. Das Pfeifen der herannahenden Lok klang laut und schrill. Blau und fett stand die Rauchfahne über dem Diamantschornstein in der flirrenden Luft.

Doyle brach den Hebel des Tickers ab und schleuderte die unbrauchbar gewordenen Teile weit in die Prärie hinaus.

 

*

 

Sheng hatte den schlanken drahtigen Mann in der dunklen Kleidung aufmerksam beobachtet, und als er jetzt die schimmernden Messingteile des Morsetelegrafen durch die Luft wirbeln sah, verdichtete sich sein bisher unbestimmtes Gefühl zur Gewissheit: Den Menschen, die der Zufall in Lorrimer Spring zusammengeführt hatte, stand Ärger bevor.

Nichts regte sich in Shengs glattem Gesicht, als er die Menschen aus schmalen Augenschlitzen heraus abtastete.

Da war der Oldtimer, der wieder in Schweigen versunken war. Er trug eine verschlissene Leinentasche bei sich, die er krampfhaft zwischen den Beinen festhielt. Der Oldtimer hatte in den Hügeln am Rande des großen Beckens nach Gold gesucht. Ohne Erfolg, wie er vorgab. Sheng war jedoch sicher, dass der alte Mann einen Beutel mit einigen Unzen Goldstaub in der Tasche zwischen seinen Knien hielt. Die Ausbeute langer harter Monate.

Dann war da ein mürrischer Kerl mit aufgedunsenem Gesicht, der immer wieder eine Flasche aus seinem Leinensack holte und sie verstohlen an .den Mund setzte. Ihm gehörte ein altes Muli, dessen Knochen nur noch von der scheckigen Haut zusammengehalten wurde.

Ein hagerer bärtiger Mann, dessen dürre Gestalt in einem speckigen schwarzen Anzug steckte, legte das Gehabe eines Predigers an den Tag. Er hatte durchdringende graue Augen und klauenartige gierige Hände.

Der irische Minenarbeiter war ein lustiger Bursche. Er wartete schon seit dem vergangenen Abend auf den Zug nach Westen. Sheng hatte sich eine Weile mit ihm unterhalten, bis der Ire begonnen hatte, die Lieder seiner Heimat zu singen. Die halbe Nacht hatte er gesungen, und Sheng hatte ihm zugehört.

Sheng wusste jetzt, dass die drei unterschiedlichen Figuren, die aus verschiedenen Richtungen in Lorrimer Spring eingetroffen waren und betont aneinander vorbeiblickten, zu dem großen Mann mit dem starren ledernen Gesicht gehört, der erst spät am Nachmittag eingetroffen war. Er tauchte aus der schrägstehenden Sonne auf wie ein Geist. Die Hufe seines Broncos hatten den grauen Staub aufgewirbelt, der sich über das Fell des Tieres und die Kleidung des Mannes gelegt hatte wie ein dichter Schleier.

Der Reiter hatte sein Pferd unter das Schuppendach hinter der Station gestellt und dem Tier den schweren Sattel abgenommen. Er hatte das Halstuch, das Mund und Nase verdeckten, aufgeknotet und sich den mit Schweiß vermischten Staub aus dem Gesicht gewischt, ehe er in dem Becken unter dem Wasserturm Gesicht und Hände und Haare gewaschen hatte.

Dann erst hatte er sich zu den anderen Wartenden unter dem Vordach gesellt und jeden einzelnen sorgfältig gemustert. Die Prüfung schien für ihn zufriedenstellend ausgefallen zu sein, denn danach hatte er sich um niemanden mehr gekümmert. Auch um Sheng nicht.

Die drei Burschen gehörten zu dem großen Mann in der dunklen Kleidung. Sheng war sich jetzt ganz sicher. Sie ließen den Mann nicht mehr aus den Augen, der sich jetzt wieder an die Kante des Bahnsteigs gestellt hatte und dem heranfauchenden Zug entgegenblickte. Die Haltung der drei Galgenvögel hatte sich merklich gespannt.

Der eine hatte ein grobes Gesicht mit schwerem Kinn und wässrigen, wie entzündet wirkenden Augen. Der zweite aus der Gruppe saß etwas abseits.. Er hatte hängende Schultern, lange Arme und ein spitzes Gesicht mit ständig geöffneten Lippen, hinter denen spitze gelbe Zähne zu sehen waren. Das spitze Gesicht mit den kleinen Raubtierzähnen hatte dem Mann den Spitznamen Shark eingetragen — Shark, der Hai.

Der dritte war ein Halbindianer. Eine athletische Gestalt mit straffer Haut und kräftigen Muskeln und nervigen Händen. Das Gesicht mit den hohen Wangenknochen schimmerte wie Metall, wie dunkle Bronze. Die Wangen waren hohl, die Augen kleine, nadelkopfartige Punkte. Das lange blauschwarze Haar hing dem Mann bis auf die Schultern hinab.

Auch seine Augen waren unverwandt auf den Rücken des großen Mannes geheftet, der dem Zug entgegenblickte.

Der Boden dröhnte jetzt unter dem Gewicht der Waggons und den Schlägen der Maschine. Sheng konnte den Kopf des Lokführers sehen.

Eine Tür knarrte. Sheng sah zur Seite.

Der Stationsvorsteher war auf den Bahnsteig hinausgetreten. Sein Gesicht hatte sich gerötet. Der Kragen seines gestreiften Hemdes war dunkel, und nass vom Schweiß. In den Augen des Eisenbahners flackerte Furcht. Er warf dem großen Mann einen scheuen Blick zu, und als der ihn nicht beachtete, trat er entschlossen an die Kante des Bahnsteigs, um das Einlaufen des Zuges zu beobachten.

Gleichzeitig erhoben sich jetzt die drei Kerle, von denen Sheng glaubte, dass sie zu dem Ledergesicht gehörten.

Die beiden Weißen trugen Revolver in offenen Halftern. Der Halbindianer war waffenlos, jedenfalls trug er keine Schusswaffe. Er hatte ein grob gewebtes Tuch um seinen nackten Oberkörper geworfen. Unter diesem Poncho verbarg er möglicherweise ein Messer.

 

*

 

Der Zug verlangsamte die Fahrt. Das ölverschmierte Gesicht des Lokführers wurde größer und deutlicher. Die Räder ratterten, und der Dampf zischte aus den Ventilen.

Auf der Plattform des ersten Wagens hinter dem Kohlentender stand ein Mann mit blassem Gesicht, der angestrengt die kleine Gruppe auf dem Bahnsteig musterte. Der Reisende trug einen langen Rock nach städtischer Mode und einen runden, dunkelbraunen Hut, dessen herabgebogene Krempe das blasse Gesicht kaum erkennen ließ.

Der Dunkelgekleidete hielt sich an dem eisenen Geländer fest. Sheng schien es, als erstarre das Gesicht plötzlich zu einer Maske des Hasses.

Der blaue Rauch der Lokomotive wehte über sein Gesicht, doch dann lag die Station vor ihm. Er hielt sich an dem Eisengitter fest, und in den Knien federnd glich er das Rütteln des Wagens aus.

Lorrimer Spring.

Vor Tagen noch ein Name, der ihm völlig unbekannt gewesen war. Bis ihn der Brief erreichte. Harriets Brief ...

Paul Maddox schluckte, und seine Hand, die das eiserne Gitter umklammerte, verkrampfte sich. Er sah die Männer, die sich an der Bahnsteigkante aufbauten. Kleine Figuren, noch ohne Gesichter. Rasch huschten seine Blicke über die anderen Menschen,, die er sehen konnte.

Unter dem Schuppendach hockten vier Männer. Der Stationsvorsteher trat auf den Bahnsteig hinaus. Die tiefstehende Sonne blendete ihn.

Paul Maddox’ Gesicht erstarrte. Harriet, dachte er. Harriet, wo magst du jetzt sein?

Die Lok fauchte. Weißer Dampf zischte aus den Ventilen, der Rauch aus dem Schornstein stieg steil in die Luft.

Die Gestalten der Menschen auf dem Bahnsteig wurden größer.

Der Anführer der Gruppe reckte sich, und die Blicke der beiden Männer trafen sich, bohrten sich ineinander. Der Mann unten stand breitbeinig da. Ein spöttisches Lächeln kräuselte seine dünnen Lippen.

Maddox spürte den Hass, der in ihm wühlte. Er sah sich nicht um, als hinter ihm die Tür des Waggons geöffnet wurde und er die Schritte eines Passagiers hörte. Der Zug rollte aus.

Maddox schluckte hart. Drei Kerle umringten den Ledergesichtigen. Für Maddox gab es keinen Zweifel mehr. Das waren sie. Das waren die Halunken, die Harriet entführt hatten.

Der Zorn überwältigte ihn, als er die Jacke aufriss und den schweren Armeerevolver herausriss, den er von seinem Bruder geerbt hatte.

Paul Maddox’ Daumen spannte den Hahn. Ruckend kam der Zug zum Stehen. Das Gesicht des Banditen befand sich nur wenige Zoll unter der Plattform, auf der er stand.

Immer noch lächelte er, auch wenn das Lächeln in dem starren Gesicht etwas Raubtierhaftes an sich hatte. Maddox erinnerte es an den Kopf eines Wolfes, der die Zähne fletschte.

„Wo ist sie?“, schrie er in dieses grausame Gesicht hinein. „Sag es, du verdammter Schienenwolf! Oder, bei Gott, ich knalle dich ab!“

Das Lächeln wich aus Doyles Gesicht. „Stecken Sie die Kanone ein! Oder Sie sehen Ihr Girl niemals wieder!“

„Sie haben versprochen, sie mitzubringen!“

Doyle lachte kurz auf. Dieses Lachen brachte den Zorn des Mannes auf der Plattform zum Überkochen.

Sein Finger begann sich zu krümmen.

Da spürte er einen harten Schlag in seinem Rücken. Etwas drang in ihn ein und zerriss ihn von innen. Nur gedämpft hörte er den Knall des Schusses, während er bereits von der Plattform stürzte.

Melvin Doyle sprang zur Seite. Maddox krachte neben seinen Füßen auf die Bretter des Bahnsteigs. Eine Staubwolke stieg auf.

 

*

 

Sheng stemmte sich in die Höhe. Doch er wusste, dass er zu spät kommen würde, um dem Mann zu helfen. Er hatte nicht sehen können, was geschah.

Der Kerl, der auf Maddox geschossen hatte, stand hoch aufgerichtet auf der Plattform des Eisenbahnwagens. Ein Lächeln umspielte die farblosen Lippen in dem bleichen, hageren Gesicht. Er trug die dunkle Kleidung und das weiße, mit Spitzen besetzte Hemd, wie es bei Spielern üblich war. Der elegante schwarze Hut und die maßgearbeiteten Stiefel aus weichem Leder vervollständigten die Uniformierung.

Der Spieler winkte lässig. „So sieht man sich wieder, Mel“, sagte er ruhig. Dennoch schien er erstaunt über das unerwartete Zusammentreffen. Er steckte den flachen Derringer in die Spezialhalfter unter dem schwarzen Rock zurück und zog den Stoff gerade. Langsam stieg er auf den unteren Tritt. Dann sprang er über den Mann hinweg, den er in den Rücken geschossen hatte. Als er vor Melvin Doyle stand, hob er grüßend eine Hand. „Ich schätze, das war knapp, Mel“, sagte er.

Melvin Doyle starrte den Spieler aus den Augen an, in denen jäh der Zorn aufflammte.

„Du bist ein Narr, Jay“, stieß er atemlos hervor. „Welcher gottverdammte Teufel hat dich geritten und dich veranlasst, dich einzumischen?“

Das Gesicht des Spielers zog sich zusammen. „Er hätte dich erschossen, Mel!“

„Einen Dreck hätte er!“

Doyles Lippen waren hart und schmal. Er deutete auf die reglose Gestalt zu seinen Füßen. In den Fenstern der Wagen erschienen die erschreckten Gesichter der Reisenden. Der Zugführer hielt sich an der Haltestange neben dem Führerstand fest und hing weit aus dem Führerstand hinaus, um besser sehen zu können. Der Heizer hatte den Karabiner aus der Halterung gerissen, und jetzt brachte er die Waffe gegen den Spieler in Anschlag.

Sheng hetzte mit langen Sprüngen am Stationsvorsteher vorbei, der sich nicht bewegte. Der Kung Fu-Mann hatte erkannt, dass den Banditen niemand gewachsen war. Auch der Heizer nicht mit seinem Gewehr.

Aber die Banditen waren schneller.

Der Halbindianer wirbelte herum. Er stieß einen Zischlaut aus. Seine sehnige Hand zuckte unter den Umhang. In der nächsten Sekunde sirrte ein langes Messer durch die Luft.

Seine Komplizen waren durch die schnelle Bewegung aufmerksam geworden. Sie rissen ihre Revolver heraus und ballerten drauflos.

Das Messer bohrte sich in den Hals des Heizers. Die schlecht gezielten Kugeln der beiden Revolvermänner erwischten den Lokführer. Dessen Hand löste sich von der Haltestange, und wie ein Sack fiel er neben der zischenden Lok zu Boden.

Mel Doyle fuhr herum. Seine Augen strichen über die Anwesenden. Länger als auf den anderen, die noch im Schatten des Daches hockten, blieben sie auf Sheng haften, der geduckt stehengeblieben war.

„Dreht ihn um“, befahl er schließlich heiser, wobei er auf Maddox deutete.

Paul Maddox lebte noch. Seine Augen starrten in den weißblauen Himmel. Kalter Schweiß bedeckte seine hohe Stirn.

„Harriet“, flüsterten die blutleeren Lippen

Doyle kniete neben dem Mann nieder. „Wo haben Sie das Geld?“, fragte er.

Maddox wandte mühsam den Kopf. „Ist ... Harriet hier?“

Doyles Augen verdunkelten sich. „Ich lasse sie herbringen. Wo ist das Geld? Sagen Sie es mir, oder sie stirbt ...“

„Es ist im Wagen“, stieß Maddox mühsam hervor. „Aber ... erst ... wenn Harriet ...“

Doyle erhob sich. Er winkte seinen Männern.

„Los, durchsucht den Waggon! Jay, du kannst vielleicht etwas von dem Schaden wieder gutmachen. Wo hat er gesessen?“

Der Spieler starrte den Banditen verständnislos an.

Doyle ließ sich zu einer Erklärung herab. „Wir haben vor einiger Zeit seine Puppe bei einem Zugüberfall als Geisel benutzt. Wir wussten nicht, was für ein Goldkäfer sie war. Als wir es merkten, haben wir sie einen Brief an ihn schreiben lassen.“

Der Spieler spitzte die Lippen. „Wieviel?“

„Einhunderttausend. Wo hat er gesessen?“

„Ich zeige es den Jungs!“

Der Spieler sprang auf die Plattform und stürmte in den Waggon, Shark, der Halbindianer und der Bursche mit den kleinen entzündeten Augen folgten ihm.

Sheng setzte sich in Bewegung. Doyle sah ihn an. Er wartete, bis Sheng noch zwei Schritte von ihm entfernt war. Dann zog er den Remington. Mit einer blitzschnellen und fließenden Bewegung brachte er die Waffe heraus.

„Keinen Schritt weiter, Schlitzauge“, sagte er leise.

„Man muss ihm doch helfen!“

Sheng deutete auf den Verletzten. Dessen Gesicht überzog sich mit einer wächsernen Blässe. Die Augen waren bereits tief in die Höhlen gesunken.

Melvin Doyle trat zur Seite. Er presste die Lippen aufeinander. Sheng glitt näher heran. Er setzte sich neben Maddox und hob behutsam dessen Kopf an. Seine rechte Hand tastete nach der Schusswunde. Er fühlte das warme klebrige Blut, das aus einem kleinen Loch unterhalb des Nackens strömte. Die Kugel war von unten in den Hals eingetreten und irgendwo in den Halswirbeln steckengeblieben.

Sheng erkannte, dass er in die Augen eines Sterbenden blickte. Er lächelte. „Bleiben Sie ruhig“, sagte er.

„Harriet ..." Die Zunge bewegte sich mühsam in einem trockenen Mund. „Sie haben Harriet ... Sie wollen Geld ... Sie finden es nicht ... Harriet ...“ Die Augen verschleierten sich, doch die Lippen und. die Zunge bewegten sich noch, versuchten, Worte zu formen. „Wer kann sie jetzt befreien?“

„Machen Sie sich keine Sorgen“, murmelte Sheng.

Noch einmal wurde der Blick klar. Die Augen saugten sich an Shengs Gesicht fest. „Wer sind Sie?“

„Ich heiße Sheng.“

„Sheng ... Sind Sie Chinese?“

„Ja“, sagte Sheng der Einfachheit halber.

„Sie ... Sie gehören nicht zu ihnen?“

„Nein“.

„Harriet ... Sie wartet auf Hilfe ... Sie finden das Geld nicht ...“

„Wo ist es?“

Die Augen des Sterbenden tasteten über Shengs Gesicht. „Sie finden es nicht. Harriets Eltern ... Ich vertraue Ihnen, aber Harriet ...“

Maddox versuchte zu schlucken, doch die Lähmung hatte bereits seinen Hals erfasst.

Ein Schatten fiel über Maddox und Sheng.

Sheng hob den Kopf.

Der Mann mit den Haifischzähnen stand oben auf der Plattform. „Es ist nicht da! Nicht in seinem Gepäck!“, rief er.

Doyle nickte. „Sucht weiter! Sucht, verdammt!“ Dann starrte er auf Sheng und Maddox hinab. Er hob einen Fuß und trat zu.

Der Tritt erschütterte den Körper des Sterbenden.

„Wo hast du das Geld versteckt?“, fragte Doyle mit schneidender Stimme. „Sag es, oder ...“ Erneut hob er einen Fuß.

„Er spürt es nicht“, sagte Sheng schnell. „Sein Körper ist gelähmt.“

Das Gesicht des Banditen verzerrte sich einen Moment. Er ließ seinen Fuß gegen Maddox’ Rippen fliegen.

Sheng stützte mit der rechten Hand Maddox’ Kopf. Seine Linke war frei. Mit der freien Hand blockte er den Tritt ab, und seine Finger packten blitzschnell zu. Eine kurze Drehung des Handgelenks ließ Doyle den Kontakt mit dem Boden verlieren.

Von einer Kraft, die auf geschickter Ausnutzung des von ihm selbst bewirkten Schwunges beruhte, wurde er in die Höhe gehoben. Er breitete die Arme aus wie ein Vogel, doch es nutzte nichts.

Sheng ließ den Fuß los und Doyle schlug der Länge nach rücklings auf den Bahnsteig. Sheng spannte sich. Wenn er den Banditenführer jetzt überwältigte, konnte er anschließend mit den anderen fertig werden.

Die seidige Stimme des Spielers ließ ihn jedoch innehalten. Die Hand des Spielers hielt den Derringer, und Sheng blickte in die beiden hässlichen schwarzen Löcher der gedrungenen Waffe.

Jay LaSalle grinste fahl. Er stand auf der Plattform. Amüsiert sah er zu, wie Melvin Doyle sich aufrappelte.

„Ich schätze, du kannst ein Kindermädchen verdammt gut gebrauchen“, stellte er heiter fest, und nur mit Mühe gelang es ihm, ein Kichern zu unterdrücken. „Willst du ihn selbst abknallen, oder soll ich ...“

„Hier wird keiner mehr abgeknallt!“, fauchte Doyle erbost, während er den Staub aus seiner Kleidung klopfte. „Wenn du Narr nicht geschossen hättest ...“ Er verstummte für einen Moment, dann bewegte er sich federnd auf Sheng zu.

Sheng ahnte, was jetzt kam, Er spannte seine Muskeln. Er verwandelte seine Haut in zähes Leder, die Muskeln in Stahldrähte, die Knochen in biegsames Rohr. Er hätte sich eben nicht gehen lassen dürfen, warf er sich vor. Dem Sterbenden hätte der Tritt nichts mehr ausgemacht. Jetzt musste er sich zusammennehmen, wenn er einem Menschen helfen wollte, der sonst vergeblich auf Hilfe warten würde.

Harriet — wer mochte sie sein?

Da kam der Tritt. Er krachte dumpf in seine Rippen. Doyle stieß fauchend die Luft aus. „Ich werde dir zeigen, wer ich bin, du gelbe Bestie“, stieß er hervor. „An wem du dich vergriffen hast ...“

Stoisch und ohne Gegenwehr ließ Sheng die wüsten Tritte über sich ergehen. Sein Körper schwankte, seine Rippen dröhnten, doch er spürte keinen Schmerz. Sein Chi, seine innere Kraft, die nur dem Willen unterworfen war, bewahrte ihn davor.

Er sah in Maddox’ Gesicht, das jetzt immer schneller verfiel. Wer mochte Harriet sein? Seine Frau? Seine Braut? Seine Schwester?

Endlich ließ Doyle schweratmend von ihm ab. Die Stimme des Spielers drang in Shengs Bewusstsein.

„Es ist nicht da! Mel, er hat dich reingelegt!“

 

*

 

Mel Doyle starrte den Spieler, der so unvermittelt wieder in sein Leben getreten war, an wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt. Einen winzigen Moment lang schoss ein Gedanke an Betrug und Verrat durch seinen Kopf. Jay will sich die Dollars selbst unter den Nagel reißen! Doch rasch schüttelte er den Gedanken ab. Nicht jetzt und hier. Oder wenn doch, hätte er ihm vielleicht eine Kugel aus dem kleinen vernickelten Derringer durch den Schädel gejagt.

Nein! Jay, Shark, Butch und Owl Smith, das Halbblut, hatten das Geld nicht gefunden!

Doyle atmete schwer. Es musste hier sein! Maddox musste es mitgebracht haben! Hatte er den Kerl unterschätzt?

Er zog seinen Remington und spannte den Hammer. Mit ausgestrecktem Arm zielte er auf Maddox’ Kopf.

„Sag, wo du das Geld versteckt hast! Oder ich jage deine geliebte Harriet zu den Coyoten hinaus, und dir blase ich ein Loch durch den Schädel, groß genug, um eine Hand durchstrecken zu können!“

Es war sehr still. Die Sonne senkte sich. Das Windrad knarrte, und die Ventile der Lok schlugen metallisch im Takt, den der Regler bestimmte.

Jeder der Umstehenden konnte Shengs leise Stimme verstehen.

„Stecken Sie die Waffe ein. Es hat keinen Zweck mehr.“ Sheng drückte dem Mann die Augen zu. „Er ist tot.“

Die Banditen blickten sich stumm an. Auch Shark, Butch und Owl waren auf der Plattform erschienen.

„Hauen wir ab“, knurrte der Spieler. Seine Stimme klang unvermittelt rau.

Er hatte sich zu einem Mord hinreißen lassen.

Um der alten Freundschaft willen? Beinahe hätte er gelacht. Sie waren nie Freunde gewesen, er und Mel. Sie waren Partner gewesen, als sie vor Jahren in Kansas gearbeitet hatten. In den wilden Jahren, als die ersten Rinderherden von Texas heraufgetrieben wurden zu den neuen Eisenbahnstädten wie Abilene und Wichita. Nein, Freunde waren sie nie gewesen, auch wenn sie einander eine Zeitlang vertraut hatten. Doch die alten Zeiten waren vorbei. Endgültig. Aber er, Jay LaSalle, hatte sich zu einem Mord hinreißen lassen.

Sein Herz pochte schmerzhaft in der Brust. Was war bloß mit ihm los? Gestern hatte er die Nerven verloren und seinen Gegenspieler erschossen. Keine große Affäre. Der Kerl war frech geworden.

Jay hatte Hals über Kopf verschwinden und die Grenze nach Wyoming überschreiten müssen. Und jetzt schon wieder. ... Dieses Mal würden sie ihn jagen. Denn der Bursche, der da tot im Staub lag, sah nicht aus wie irgendein Viehtreiber oder ein armseliger Digger.

Er starrte Mel Doyle an.

Doyle grinste spöttisch. „Wo willst du denn hin, Jay?“, fragte er.

„Nach ...“ Der Spieler deutete nach Westen und hob fragend die strichdünnen Augenbrauen.

Doyle lachte. „Du kannst mit uns fahren!“ Er trat zurück und winkte seinen Männern.

Immer noch schwebten die Gesichter der Reisenden hinter den Fenstern des einzigen Personenwagens. Sie zuckten zurück, als Doyle in ihrem Blickfeld erschien.

„Wir verladen die Pferde. Shark, du bereitest alles für eine Sprengung vor. Wir jagen die Schienen hinter uns in die Luft.“

Shark trabte sofort zu den Pferden. Owl Smith nahm er mit. Shark verstand es, mit Dynamit umzugehen, und weil sie sich auf Eisenbahnraub verlegt hatten, führten sie stets größere Mengen dieses hochbrisanten Sprengstoffs mit sich.

Prüfend ließ Doyle seine Augen an der Reihe der Waggons entlang wandern. Drei Frachtwagen, von denen einer als Viehwaggon diente. Die Schiebetür stand offen, und er erkannte die Leiber zweier schlanker gepflegter Reitpferde. Der Postwagen war nicht verriegelt.

„Butch, sorg dafür, dass genug Wasser im Kessel und Dampfdruck vorhanden ist. Der Herr Stationsvorsteher kann dir behilflich sein.“

Er lächelte Garstow zu, der immer noch starr und stumm auf dem Bahnsteig stand. Der grüne Augenschirm ließ die Gesichtshaut des Mannes wie die einer Wasserleiche schimmern.

Butch zerrte Garstow mit sich, und gemeinsam schwenkten sie den beweglichen Einfüllstutzen über den Kessel der Lok.

Sheng hatte den toten Maddox aufgehoben. Jetzt legte er ihn in den Schatten unter dem Vordach. Der Oldtimer und der Prediger rückten hastig von ihm ab. Sheng tastete Maddox’ Taschen ab. Er fand die goldene Uhr, in deren Sprungdeckel eine Widmung eingraviert war. Außerdem zog er dem Mann einen breiten Siegelring vom Ringfinger der linken Hand. Ruhig und stumm blieb er neben dem Toten hocken.

Auch der Heizer und der Lokführer waren tot. Die Gewalt hatte diese unbedeutende Station in der Prärie heimgesucht. Die Menschen, die Zeugen des Terrors gewesen waren, hatten den Schock noch nicht verarbeiten können.

Jay LaSalle baute sich neben Doyle auf. „Was hast du vor?“, fragte er beunruhigt.

Doyle grinste. „Ich übernehme den Zug. Ganz einfach.“

„Warum, um Gottes willen?“

„Die hunderttausend Dollar sind im Zug, Jay. Sie sind da. Diese Harriet Blaine ist ein Goldkäfer. Und eine Zuckerpuppe obendrein. Maddox hat den Kies mitgebracht, das schwöre ich dir.“ Doyle blinzelte den anderen listig an, als er fragte: „Und du? Was hast du vor?“

„Was meinst du?“, fragte er, dabei war in ihm bereits die Habgier erwacht. Einhunderttausend Dollar! Er hatte sein Geld in Colorado zurücklassen müssen. Ein Anteil an diesem Batzen konnte ihn schon reizen. Und vielleicht gelang es ihm sogar, das ganze Geld zu erbeuten.

Er lächelte. „Du willst mit dem Zug fahren, und das Geld unterwegs suchen?“

„Genau, Jay. Ich sehe, dein Verstand arbeitet noch genauso wie früher.“

„Aber ...“

„Mach dir keine Sorgen. Ich habe ein fabelhaftes Versteck.“

„Aber ... Mann, sie werden uns entgegenkommen! Sie werden uns suchen! Und wir sitzen dann seelenruhig im Zug?“

Mel Doyle lächelte. Er winkte Owl Smith, der gerade die Sättel zum Viehwagen schleppte. „Gib mir ein Lasso!“ Er fing die Seilrolle auf, nahm die Schlinge und ließ sie über seinen Kopf wirbeln.

Das Lasso flog durch die Luft und senkte sich dann über die Drähte der Telegrafenleitung. Mel ergriff die Schlinge. Er zog kräftig an beiden Enden, bis einer der Isolatoren aus dem Mast brach und der Draht weit genug herunterfiel, um ihn erreichen zu können.

„Knips ihn durch!“, rief er Butch zu. Dann lächelte Mel den Spieler an. Dabei deutete er auf Shark, der vor der Lok ein Loch in den harten Boden kratzte. Neben Shark lagen mehrere Bündel roter Dynamitstangen.

„Wir fahren zurück, Jay, Nach Osten. Sie werden dem Zug einen Trupp entgegenschicken, wenn er überfällig ist und sie keine Verbindung mit Rawlins bekommen. Sie kommen bis hierher und nicht weiter.“

Jay wollte noch einen Einwand machen, doch Mel unterbrach ihn abermals. „Zurück nach Rawlins ist die längere Teilstrecke. Unser Versteck befindet sich im Osten. Wenn wir aussteigen, schicken wir den Zug wieder hierher. Sonst noch Fragen?“

„Was ist mit den Passagieren?“

„Die lassen wir hier. Nachdem wir sie erleichtert haben.“ Er grinste.

Jay LaSalle verzog das Gesicht. Sie hatten ihn gesehen und würden ihn genau beschreiben können.

„Du kannst sie nicht alle umlegen“, stellte Mel fest, der die Gedanken des anderen erraten konnte.

Jay schüttelte den Kopf. Dann blickte er auf den toten Lokführer. „Kann denn einer von deinen Leuten die Lok fahren?“

Mels ledernes Gesicht schien sich über den Schädelknochen zu spannen, und die Augen in den tiefen runden Höhlen wurden einen Moment stumpf wie nasses Papier.

„Probleme?“, fragte Jay.

Mel Doyle wandte sich um. Er blieb vor der Lok stehen. Garstow, der Stationsvorsteher, zog sich scheu vor dem Banditen zurück.

Doyle streckte eine Hand aus und grub seine Finger in die Schulter des Mannes.

„Kannst du das Ding da bedienen?“, fragte Doyle.

„Sir! Das ist eine neue Lok vom Typ 3 C! Nur Lokführer mit einer Spezialausbildung dürfen die ...“

Doyle stieß den Mann von sich. Er sah Owl Smith, der seinen Poncho abgelegt hatte und vor dem offenen Feuerloch der Maschine stand. Aus dem glühenden Schlund zuckte hellroter Flammenschein. Unter der schimmernden Haut des Indianers traten die Muskeln wie Stränge hervor. Owl Smith schaufelte Kohlen in die Feuerung unter dem Kessel.

„Owl!“, schrie Mel Doyle.

Das Halbblut unterbrach seine Tätigkeit und trat an das runde Fenster.

„Kannst du das verdammte Ding da auch fahren?“

Das Gesicht des Halbindianers lag im Schatten. Nur seine Zähne leuchteten. „Nur vorwärts, Mel! Hier gibt es Hebel und Instrumente, die ich noch nie gesehen habe!“

Doyle fletschte die Lippen. Die Pferde befanden sich bereits im Viehwagen. Shark stopfte gerade die Dynamitstangen in das Loch unter den Schwellen, und schon begann er, die Zündschnur auszurollen. Butch Benson hatte begonnen, die Reisenden aus dem einzigen Fahrgastwagen zu jagen, nachdem er den Angestellten der Wells Fargo, der im Postwagen Dienst machte, kurzerhand aus dem Waggon geworfen hatte.

Keiner der Fahrgäste durfte auch nur ein Gepäckstück mitnehmen. Butch hatte jeden Passagier vor dem Aussteigen genau abgetastet, auch die drei Frauen, die sich unter den Fahrgästen befanden. Ihre Wertsachen hatte er eingesteckt.

Kein Passagier hatte das Geld bei sich gehabt, das Paul Maddox als Lösegeld für Harriet Blaine nach Lorrimer Spring bringen sollte.

Das Geld befand sich im Zug. Melvin Doyle war seiner Sache ganz sicher. Aber er ahnte auch, dass er und seine Banditen vielleicht einige Stunden brauchen würden, um es zu finden. Dort fühlte Doyle sich sicher. Er war ein vorsichtiger Mann, der genau wusste, dass man ihn jagte wie einen tollen Hund, weil er seit vielen Monaten Züge ausplünderte.

Aber dieser verdammte Zug stand da wie ein Fels. Dabei bebte das Ding vor Kraft, bereit, loszubrausen. Dampf zischte aus den Ventilen. Blauer Rauch quoll aus dem hohen Schornstein. Deutlich waren die Funken zu erkennen, die nach allen Seiten durch die Luft stoben.

 

*

 

Es wurde Nacht. Die Nacht begünstigte das Vorhaben der Banditen. Mel Doyle war fest entschlossen, den ganzen Zug in seine Gewalt zu bringen.

„Verdammt!“, schrie er wütend. „Kann denn keiner hier dieses verdammte Feuerross fahren? Ich zahle fünfzig Golddollar demjenigen, der die Maschine fährt! Wie ist es? Wer fährt das Stahlross?“

„Ich!“, antwortete eine Stimme aus dem Schatten des Schuppendachs heraus.

Mel und Jay wirbelten herum. Beide starrten den seltsamen Mann an, der jetzt auf sie zukam. Doyle voller Hass, Jay LaSalle leicht amüsiert.

„Ich kann die Lok fahren“, wiederholte Sheng. Er verbeugte sich leicht vor dem Banditen, um seine unterwürfige Haltung zu betonen.

Er musste auf den Zug. Um jeden Preis, denn er musste in der Nähe der Banditen bleiben. Er dachte an Harriet, die zwar im Augenblick für ihn nur ein Name war, aber dahinter verbarg sich ein Mensch, dem der letzte Gedanke eines Sterbenden gegolten hatte.

„Du willst die Maschine fahren können?“, fragte Mel Doyle ungläubig, doch in seiner Stimme schwang so etwas wie Hoffnung.

„Ja“, bestätigte Sheng. „Wenn er mir hilft.“

Er deutete mit dem Kopf auf den Indianer, der ruhig in der seitlichen Tür stand. Von seinem bronzefarbenen Gesicht war nicht mehr viel zu erkennen.

Sheng hatte lange genug bei verschiedenen Bahngesellschaften gearbeitet, um das Geheimnis dieser technischen Wunderwerke begreifen zu lernen. Wenn er einmal Gelegenheit gehabt hatte, auf dem .Führerstand einer Lok mitzufahren, hatte er sich aufmerksam umgesehen und jede Handbewegung des Maschinisten genau beobachtet.

„Warum soll er dir helfen?“, fragte Mel misstrauisch.

„Es handelt sich um eine neue und komplizierte Maschine“, sagte Sheng, der genau die Worte des Stationsvorstehers gehört hatte. „Ich kann mich nicht um die Feuerung kümmern ...“

Mel Doyle zog die Unterlippe zwischen seine Zähne. „Gut“, sagte er dann und wollte sich abwenden. „Mach, dass du da raufkommst.“

„Zuerst geben Sie mir die fünfzig Golddollar!“

Mel starrte Sheng ungläubig an. Sheng hielt dem Blick ruhig stand. Der Bandit sollte glauben, es gehe ihm nur um das Geld. Er streckte eine Hand aus.

Jay LaSalle lachte schallend. „Gib sie ihm! Diese Gelben können verdammt stur sein, glaub mir! Zwingen kannst du den nicht! Und wenn du es doch versuchst, jagt er den Zug in den nächsten Canyon!“

LaSalle lachte immer noch, während Mel Doyle die blinkenden Goldstücke in Shengs geöffnete Hand fallen ließ.

 

*

 

Sheng kletterte auf den Führerstand hinauf. Der Halbindianer lehnte in der Öffnung. Seine Beine versperrten Sheng den Durchgang. In dem hohlwangigen Gesicht stand ein verächtliches Lächeln.

„Lass mich bitte durch“, sagte Sheng. Er hielt sich am Handgriff fest. Die Deckenrolle baumelte auf seinem Rücken.

„Du willst die Maschine fahren?“

„Ich will es versuchen“, gab Sheng bescheiden zu. „Aber ich brauche deine Hilfe.“

„Ich soll den Heizer spielen?“ Der Halbindianer machte immer noch keine Anstalten, den Einlass freizugeben. Hinter der Feuertür bullerte das Feuer. Aus einem Überdruckventil zischte Dampf. Es ross nach heißem Öl.

„Was ist da oben los?“, schrie Mel Doyle. „Owl, lass den verdammten Gelben auf die Maschine!“

„Yes, Sir“, knirschte der Indianer unhörbar. Sheng schob sich an ihm vorbei. Seine Deckenrolle verstaute er sofort in der Ecke hinter einem Ölfass.

Es war dunkel im Führerstand. Aus einer Ritze in der Feuertür flackerte Licht, doch das reichte nicht aus, um die Hebel und Räder und ihre Funktionen erkennen zu lassen.

Sheng entdeckte eine Kerosinlampe, und in dem Fach in der Nähe lagen Streichhölzer. Sheng riss eins an und hielt die Flamme in den Docht.

Die Lampe leuchtete hell auf. „Du könntest die Positionslaternen anzünden“, sagte er zu Owl.

„Ich glaube nicht, dass Mel damit einverstanden wäre“, gab das Halbblut zurück.

„Frag ihn trotzdem!“

Doyle rannte unten vor der Lok und neben dem Zug herum, um letzte Anweisungen zu geben. Die aus dem Passagierwagen verjagten Reisenden drängten sich um die vier Männer, die mit dem Zug hatten fahren wollen.

Niemand sagte ein Wort. Die zurückbleibenden Pferde waren zu schwach, um einen Ritt nach Rawlins oder Tipton durchzustehen. Von Lorrimer Springs aus würden keine Hilfstruppen benachrichtigt werden können.

Sheng bewegte probeweise den Reglerhandhebel. Sofort stieg der Druck in den beiden Dampfzylindern an, wie die Druckmesser bestätigten.

Jedes Handrad und jeder Hebel, jedes Manometer und jedes Schauglas trugen kleine Schilder, auf denen ihre Funktionen vermerkt waren. Der Indianer konnte nicht lesen, deshalb traute er sich nicht zu, mit dieser Maschine fertigzuwerden. '

Jetzt kletterte Owl wieder in den Führerstand. „Kein Licht“, sagte er.

Sheng hob die Schultern. Er konnte nur hoffen, dass ihnen unterwegs keine Draisine entgegenkam. Er wirbelte das Handrad herum, das den Schieber für die Rückwärtsfahrt betätigte. Dann löste er die Spindeln, die zu den Bremsen führten. Behutsam schob er den Reglerhandhebel nach unten.

Das Metall begann zu vibrieren. Dampf strömte in die Zylinder.

Unten erschien ein Gesicht an der Türkante. „Wann geht es los?“, schrie der Spieler.

„Jederzeit“, gab Sheng zurück.

Das Gesicht des Spielers verschwand. Sheng spähte durch das Fenster vorn rechts neben dem Kessel. Er sah den Umriss des Diamantschornsteins, aus dem die Funken sprühten. Er wusste, dass die Asche, die aus dem Rost in den Aschekasten fiel, gewässert werden musste, um der Gefahr von Wald- und Präriebränden vorzubeugen. Er wusste jedoch nicht, wie er das hätte anstellen sollen. Deshalb hoffte er, dass es diesmal gutgehen möge.

Schattenhafte Gestalten huschten vor der Lok her. Dann hörte Sheng einen undeutlichen Ruf, den er nicht verstand. Der Halbindianer rührte sich nicht. Er stand immer noch reglos in der Einstiegsluke.

Weil Owl nichts sagte, nahm Sheng an, dass der Ruf nicht ihm gegolten hatte. Er wartete auf so etwas wie ein Abfahrtssignal.

Da sah er den winzigen roten funkensprühenden Lichtpunkt, der vor der Lok aufgeflammt war und sich wie ein gefräßiger kleiner Käfer auf die Schiene zufraß.

„Warum fährst du verdammter Halunke denn nicht?“, brüllte plötzlich Mel Doyle direkt in den Führerstand hinein. „Owl, hast auch geschlafen?“ Doyle keuchte. „Los, los! Abfahren! Die Lunte brennt!“

Sheng zog den Regler nach unten. Etwas zu schnell. Ein Überdruckventil sprach an, und eine zischende Fontäne heißen Dampfes schoss auf Doyle zu, der sich soeben abgewandt hatte, um auf den Tritt des ersten Waggons zu springen.

Sheng sah die Augen des Halbindianers, in denen so etwas wie Triumph leuchtete. Owl Smith war Shengs Feind.

Die Räder drehten durch, ehe sie schrill kreischend packten, und das stählerne Ungetüm sich keuchend und zitternd in Bewegung setzte.

Jetzt endlich hatten auch die Menschen, die sich ängstlich unter dem Dach der Station zusammengedrängt hatten, begriffen, dass sie in großer Gefahr schwebten.

Sie rannten davon.

Gut so, dachte Sheng.

Die Lok schob die Waggons vor sich her. Der rote Lichtpunkt der brennenden Zündschnur verblasste.

Unendlich langsam, wie es Sheng schien, beschleunigte die schwere Lok.

Der Halbindianer lehnte wie schon zuvor in der Luke. Sein Gesicht war Sheng zugewandt.

Da zerbarst die Nacht in einem gewaltigen feurigen Blitz.

Die Explosion erschütterte den harten Boden der Prärie bis in seine unergründlichen Tiefen. Der Boden trug die Druckwellen davon. Auf den Schwellen schaukelte das stählerne Ungetüm. Der Boden bebte sekundenlang. An der Explosionsstelle schoss eine gelbrote Stichflamme in die Nacht. Staub, Erde, zerfetzte Schwellen wirbelten durch die Luft. Ein verbogenes, zerrissenes Schienenstück bohrte sich wie eine Pfeilspitze in das dünne Blech, mit dem das Führerhaus verkleidet war.

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934717
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v509374
Schlagworte
sheng shengs höllenfahrt

Autor

Zurück

Titel: SHENG #22: Shengs Höllenfahrt