Lade Inhalt...

Der verdammt lange Trail nach Texas

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Der verdammt lange Trail nach Texas

Klappentext:

Roman:

John F. Beck

 

Der verdammt lange Trail nach Texas

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/Titelbild: Werner Öckl

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

 

 

 

Klappentext:

Zusammen mit fünf seiner Soldaten sitzt Konföderierten-Captain Owen Clifton in einem Gefängnis der Yankees und wartet auf den Abtransport in die Steinbrüche von San Mateo, was ihren sicheren Tod bedeuten würde. Ein Spion in Reihen der Nordstaaten verhilft ihnen zur Flucht. Doch auf Clifton wartet nicht nur der verdammt lange Weg nach Texas, sondern eine Reise jenseits seiner schlimmsten Vorstellungen: sengende Hitze, eine zusätzliche Last durch einen Verwundeten, die Yankees in Sichtweite hinter sich und Männer in den eigenen Reihen, die liebend gerne desertieren würden, um ihr eigenes Leben zu retten. Als Clifton seine Männer zwingt, weiße Siedler vor einer Horde blutgieriger Mescaleros zu verteidigen, scheint die Situation zu eskalieren: Seine eigenen Männer wenden sich gegen ihn, als sie erfahren, dass es sich bei den Siedlern um Yankees handelt. Und in den Hügeln warten die Indianer …

 

 

 

 

Roman:

Schwere Tritte pochten den Korridor entlang und hallten zwischen den kahlen Wänden. Die fünf Gefangenen in der engen Zelle hoben die Köpfe.

„Da kommt er wieder“, murmelte Chess Kelloway heiser. „Ich sage euch, wir müssen es tun, wir dürfen nicht länger warten!“ Die Schritte näherten sich ohne Eile. Schlüsselgerassel war zu hören.

In Kelloways hagerem Gesicht arbeitete es.

„Hört ihr denn nicht?“, keuchte er. „Wir dürfen nicht mehr warten! Wir müssen es jetzt hinter uns bringen! Ich stelle mich hinter die Türe. Wenn er hereinkommt, springe ich ihn sofort an. Ihr müsst mir nur helfen, damit…“

„Warten Sie, Kelloway!“ Ein zweiter Mann erhob sich – groß, geschmeidig, mit ernstem Gesicht und ruhigen blauen Augen. Seine graue Südstaaten-Uniform war wie die der anderen Gefangenen verstaubt und zerschlissen. Seine Schulterspangen, die man ihm bis jetzt gelassen hatte, wiesen ihn als Captain aus.

„Was ist, Captain Clifton?“, fragte Kelloway ungeduldig.

Owen Clifton machte zwei Schritte auf ihn zu. Unwillkürlich wollte er eine Hand ausstrecken und sie auf Kelloways Schulter legen – doch die Fesseln hinderten ihn daran. Ruhig, mit einem leisen, bitteren Unterton sagte er: „Es ist sinnlos, Kelloway, das müssen Sie doch einsehen.“

„Sinnlos? Captain, wenn wir nicht endlich etwas unternehmen, kommen wir hier niemals mehr heraus. Diese verdammten Yankees machen uns fertig!“

„Und Sie meinen, wir hätten eine Chance, den Wachtposten zu überrumpeln?“

„Ganz gewiss! Der Bursche ist darauf bestimmt nicht vorbereitet. Er kommt, um das Essgeschirr zurückzuholen und ist ganz allein. Captain, wir haben lange genug gewartet.“

Die Schritte näherten sich der Zelle unaufhaltsam.

Owen Clifton schüttelte den Kopf. „Haben Sie unsere Fesseln vergessen, Kelloway?“

„Wir sind zu fünft, Captain, und man hat uns die Hände zum Glück vorne zusammengebunden. Wir …“

„Außerdem ist es Mittag, hellichter Tag. Und wir sitzen hier mitten in einem großen Fort unter einigen hundert Unionssoldaten. Nein, Kelloway, wir haben keine Chance!“

Kelloway starrte Clifton mit brennenden Augen an.

„Sie … Sie wollen also nicht?“

„Nein!“

Kelloway sog scharf den Atem ein. Dann flog sein flackernder Blick über die anderen Männer. Sergeant Del Halleran und Jube Benbow saßen auf der Holzpritsche. Der junge verwundete Roy Atmore ruhte auf zwei dicken Wolldecken in einer dämmrigen Ecke. Sie alle blickten zu Kelloway und dem Captain hin. Chess Kelloway beugte sich erregt vor.

„Und ihr?“, fragte er zischend. „Was haltet ihr davon? Habt ihr es nicht endlich satt, in diesem Loch zu hocken? Wollt ihr euch so einfach damit abfinden, dass man uns geschnappt und eingesperrt hat?“

Ihre Blicke senkten sich. Niemand antwortete. Kelloway ballte die gebundenen Hände. „Feiglinge!“, fauchte er.

„Das sollten Sie nicht sagen!“, erklärte Clifton kalt und drehte sich von ihm ab.

Das Klopfen der Stiefel war bei der Zellentüre angelangt und verstummte. Ein Schlüssel wurde ins Schloss geschoben. Er drehte sich knirschend.

Die Tür wurde langsam einen Spalt geöffnet. Sie knarrte rostig. Zwei Stiefel schoben sich herein, darüber erschien die blaue Uniform der Nordstaaten-Truppen. Der Sonnenstrahl, der durch das vergitterte Zellenfenster unter der Decke fiel, traf auf ein eckiges ausdrucksloses Gesicht. Der Wächter hielt einen Armeerevolver schussbereit in der Rechten.

„Na, ihr Burschen, hat’s geschmeckt? Los, her mit dem Geschirr! Worauf wartet ihr noch?“, Sein harter Blick überflog die reglosen Gestalten der Gefangenen. Dann zuckte er leicht zusammen. „He, zum Teufel, wo ist Kelloway?“

 

*

Kelloway stand nur einen Schritt hinter ihm und hob bereits die gefesselten Hände, um sie auf den Posten niedersausen zu lassen.

Der Wächter begriff die Gefahr in dem Moment, da er Kelloways Fehlen bemerkte. Er fuhr herum, sein Revolverlauf flirrte. Kelloway warf sich gegen ihn.

„Kelloway!“, schrie Captain Clifton. „Hören Sie auf, Mann! Es ist verrückt!“

Kelloway bekam die Kehle des Wachtmeisters zu fassen. Der knurrte dumpf und wollte mit dem Revolver nach Kelloways Kopf schlagen. Kelloway duckte den Hieb ab, ohne die Kehle des anderen loszulassen. „Los, so helft mir doch!“, keuchte er schwer.

Die anderen waren aufgesprungen. Der junge Atmore, unter dessen zerfetztem Reiterhemd sich ein dicker Verband abhob, setzte sich mit kreidebleichem Gesicht auf. Halleran und Benbow warfen Captain Clifton einen schnellen Blick zu. Der Offizier hatte die Lippen zusammengepresst und rührte sich nicht.

Chess Kelloway hatte den Wächter an die Bohlentüre gedrückt. Doch kräftemäßig war er dem schwergebauten Nordstaatler nicht gewachsen. Der Posten hieb ihm die linke Faust ins Gesicht, und als sich Kelloways Würgegriff lockerte, zog er nochmals den Revolverlauf hoch. Diesmal erwischte er den Angreifer an der Schläfe. Kelloways Hände lösten sich von der Kehle des Wächters und fielen schlaff herab.

Kelloway machte zwei torkelnde Schritte rückwärts, seine Augen waren glasig, sein Mund stand halb offen. Dann brach er zusammen.

Der Wachtposten starrte finster auf ihn nieder. „Dieser Narr!“, knurrte er. „Ich sollte ihm eine Kugel gegeben haben!“ Dann ruckte sein Kopf hoch. Seine Augen flammten, als er die anderen Gefangenen anblickte. Er schrie in jäher Wut:

„Ihr verwünschten Rebellen, was steht ihr hier herum? Los, her mit dem Geschirr! Ich soll euch wohl noch einzeln bedienen, was?“

Clifton brachte ihm das Geschirr auf dem Tablett, mit dem es ihnen in die Zelle gestellt wurde. Während es der Posten in die linke Hand nahm, blieb sein Revolver auf die Männer gerichtet.

„Was denkt ihr wohl, was geschieht, wenn ich das dem Kommandeur melde?“, brummte er und machte eine Kopfbewegung in Kelloways Richtung.

Clifton wollte schnell etwas sagen, doch der Wächter fuhr ihn grob an:

„Halt nur deine Klappe, Rebellen-Captain! Ich werde darauf verzichten, euch zusätzliche Schwierigkeiten zu machen. Morgen bin ich euch sowieso los.“ Ein höhnisches Grinsen verzog seine Lippen. „Ja, ihr habt schon recht gehört, Freunde! Morgen werdet ihr Fort Franklin verlassen. Und wisst ihr, wohin es dann geht? In die Steinbrüche von San Mateo, der richtige Platz für euch Rebellen! Dort wird keiner von euch mehr Lust zu solchen Mätzchen verspüren, das verspreche ich euch!“

Er lachte rau und verließ die Zelle. Der Schlüssel drehte sich im Schloss. Die harten Tritte entfernten sich – ohne Eile, wie sie gekommen waren.

Die Gefangenen schauten einander düster an. Der knochige Sergeant Del Halleran, dessen Haar schon leicht angegraut war, wischte sich aufseufzend mit den gefesselten Händen über die Stirn.

„San Mateo!“, murmelte er. „Ich habe davon gehört! Hitze, Staub und Arbeit bis zum Umfallen – das ist die Hölle!“

„Sie behandeln uns wie Verbrecher!“, murrte der stämmige Jube Benbow. „Wie Verbrecher, jawohl!“

Owen Clifton schwieg. Er dachte an den Tag, an dem er in diesen Krieg gezogen war, der nun den ganzen nordamerikanischen Kontinent verheerte. Er war voll guten Glaubens gewesen. Es schien eine halbe Ewigkeit zurückzuliegen. Jetzt wünschte er nur eines: De Kanonen und Gewehre sollten endlich verstummen!

Der Norden und der Süden sollten endlich aufhören, sich bis aufs Messer zu bekämpfen. Waren sie im Grunde nicht ein Volk? Waren sie nicht Brüder?

Captain Clifton fühlte eine tiefe Bitterkeit in sich.

Chess Kelloway kam zu sich. Er richtete sich ächzend auf die Knie. Das dunkle Haar hing ihm wirr in die Stirn. Seine Augen waren trübe. Doch plötzlich flammte die Erinnerung in ihm auf. Er sprang hoch.

„Ihr Schufte!“, schrie er. „Ihr habt mich im Stich gelassen! Zur Hölle mit euch allen! Saht ihr denn nicht, dass ich ihn bereits festhielt? Und ihr … ihr Feiglinge …“

„Genug!“, unterbrach ihn Clifton hart.

Kelloway starrte ihn zornfunkelnd an. „Genug? Nein, Captain, es ist nicht genug! Sie können mir nicht verbieten, die Wahrheit zu sagen, verdammt noch mal! Wir könnten jetzt schon die Fesseln herunter haben, wenn ihr nur …“

„Vielleicht wären wir jetzt schon alle tot, wenn wir auf Sie gehört hätten!“, sagte Clifton kalt. „Begreifen Sie das doch endlich!“

„Aber wir hätten gekämpft! Wir hätten es diesen Yankee-Lumpen noch einmal richtig gezeigt, und das allein zählt!“

„Für Sie vielleicht, Kelloway! Bringen Sie es denn gar nicht fertig, Ihren Hass zu bezähmen?“

Clifton erinnerte sich daran, wie er mit seiner kleinen Patrouille über die texanische Grenze in das Territorium New Mexico vorgestoßen war, das unter der Kontrolle der Unionstruppen lag.

Man schrieb das Jahr 1864, und um den Süden stand es ziemlich schlecht. Durch General Shermans Marsch zum Meer waren die Texaner von den übrigen konföderierten Staaten abgeschnitten worden, und ihre verzweifelte Gegenwehr gegen den immer mächtiger werdenden Norden drohte am Fehlen von Nachschubgütern, vor allem Waffen, zu scheitern.

Im Golf von Mexiko hatten feindliche Schiffe einen Sperrgürtel vor die Texasküste gelegt, und nur vereinzelten Frachtern gelang es, durch diese Blockade zu stoßen. Also blieb nur der Landweg, um Nachschubgüter nach Texas zu befördern – das öde, wilde Grenzgebiet zwischen New Mexico und Texas. Niemandsland, in dem Patrouillen der Union und der Konföderierten streiften, Wildnis, in der Horden von Apachen und Kiowas auf leichte Beute lauerten.

Hier blühte der Waffenschmuggel, dieses Geschäft, von dem Owen Clifton nicht viel hielt und von dem er doch wusste, wie notwendig es für das bedrängte Texas war. Er und seine Patrouille waren ausgeschickt worden, um einen erwarteten Munitionstransport zu sichern.

Und sie waren direkt in die Falle der Yankees geritten!

Schon damals war er auf Chess Kelloway aufmerksam geworden, auf den Hass, den dieser Reiter gegen die Nordstaatler empfand. Er wusste, dass es Kelloway ernst meinte: Er wollte lieber kämpfend sterben, als weiterhin der Gefangene der Union bleiben. Clifton schüttelte den Kopf.

Kelloway wollte etwas sagen. Da hob Del Halleran plötzlich den Kopf. „Seid mal still!“

„Was ist los?“, fragte Benbow gedämpft.

„Still!“, wiederholte der Sergeant. „Da war etwas unter dem Fenster. Jetzt wieder! Hört ihr nicht?“

Jube Benbow schüttelte den Kopf. „Was soll denn schon …“ Er verstummte plötzlich.

Etwas schlug auf den festgestampften Lehmboden.

Ein Stein lag am Boden, ein Zettel war an ihm festgebunden.

„Menschenskind!“, keuchte Benbow. „Was soll das bedeuten?“

Halleran bückte sich und löste den Zettel vom Stein. Sein Atem ging schneller, als er las, was auf dem Papier stand. Dann trat er auf Clifton zu.

„Hier, Sir!“, sagte er erregt. „Hier, lesen Sie!“

Die anderen drängten sich um Clifton. Er las vor:

Haltet euch in der kommenden Nacht bereit. Ich werde versuchen, euch herauszuholen. Lance Barkley.

Er ließ den Zettel sinken.

„Mann!“, schnaufte Halleran. „Ich kann es kaum glauben!“

„Lance Barkley!“, knurrte Kelloway. „Nie gehört!“

„Er ist einer von unserer Seite!“, sagte Halleran schnell. „Ihr wisst doch, wie viele Spione der Süden und auch der Norden eingesetzt haben. Barkley – er muss sich hier im Fort aufhalten, wer weiß, unter welcher Tarnung.“

„Wenn das nur keine üble Falle ist!“

„Wieso, Chess? Was könnte den Yankees daran liegen?“

„Ich traue ihnen nicht! Sie sind allesamt Schufte!“

Halleran zuckte wortlos die knochigen Schultern.

Roy Atmore fragte von seinem Lager her: „Captain, Sir, was denken Sie?“, Eine fast verzweifelte Hoffnung schwang in seiner Stimme.

Clifton schaute auf den Zettel in seiner Hand. Er zögerte. Die Gedanken in seinem Kopf arbeiteten. Langsam meinte er schließlich:

„Eines ist klar, wenn Barkley allein ist, hat er sich eine schwere Aufgabe vorgenommen.“

„Sie drücken das sehr zart aus, Captain!“, sagte Kelloway scharf. „Wenn an dieser Sache wirklich nichts faul ist, dann halte ich es für unmöglich, dass dieser Barkley es alleine schaffen kann.“

Das Leuchten in den Augen des jungen Atmore schwand.

Kelloway ging mit finsterer Miene zur Holzpritsche und setzte sich. Er streckte seine Beine aus und knurrte: „Wenn wir in den Steinbrüchen von San Mateo zugrunde gehen, so ist das eure Schuld allein. Wir hatten unsere Chance – und ihr habt sie nicht genutzt.“ Und in jäher Heftigkeit setzte er hinzu: „Ich werde es euch nicht vergessen!“ Dann lehnte er sich gegen die kahle Adobelehmwand zurück und sagte kein Wort mehr.

 

*

 

Lance Barkley kauerte im Schatten der Kantine auf einer leeren Kiste und schaute zu dem klobigen kastenförmigen Gebäude hinüber, in dessen Vorderfront neben der schweren Tür eine Reihe kleiner vergitterter Fenster klaffte.

Die Hitze lastete über Fort Franklin. Das Sternenbanner hing schlaff am dünnen Flaggenmast. Eine Gruppe Rekruten, die unter der Führung eines schnurrbärtigen Master-Sergeant auf dem heißen Paradefeld exerziert hatte, rückte in die Mannschaftsbaracken ab.

Der Geruch von aufgewirbeltem Staub und Schweiß hing in der flimmernden Luft.

Plötzlich sagte dicht neben Barkley eine raue Stimme: „Ja, da drüben stecken sie! Fünf Mann – und alles Texaner wie du, Barkley.“

Barkley zuckte zusammen. Es kostete ihn große Beherrschung, die Hand nicht unwillkürlich zur Halfter niedersausen zu lassen, in der ein langläufiger 44er steckte. Er drehte den Kopf, sah zuerst eine blaue Uniformhose, darüber jedoch ein hirschledernes, fransenverziertes Jagdhemd und dann das Gesicht – bärtig, faltig und mit kleinen pechschwarzen Augen, die ihn wachsam und misstrauisch musterten.

Er stand langsam auf.

„Hallo, Hackett!“, sagte er. „Das ist eine Überraschung, dich hier zu treffen.“

„Eine unangenehme Überraschung, wie?“, Der Bärtige grinste dünn.

Barkley zuckte die Schultern und erwiderte kühl: „Well, wir waren noch niemals Freunde, Hackett. Aber ich denke, die Vergangenheit liegt weit genug zurück, um sie endlich ruhen zu lassen.“

Phil Hackett blinzelte gegen die Sonne.

„Du weißt genau, dass ich nicht nur an die Vergangenheit denke, Barkley. Wir waren Feinde, das stimmt. Es ist lange her, auch das ist richtig. Und vielleicht würde ich alles tatsächlich vergessen, wenn wir uns nicht gerade hier begegnet wären.“

Lance Barkley spürte ein eisiges Rieseln zwischen den Schulterblättern. Aber er zwang sich zur Ruhe, schüttelte scheinbar verständnislos den Kopf und meinte: „Ich verstehe dich nicht, Hackett.“

„So? Ich denke, du verstehst mich ganz prächtig!“ Hackett deutete mit einer Hand zu dem kastenförmigen Adobegebäude hinüber, dessen vergitterte Fenster etwas unheilvoll Drohendes an sich hatten.

„Du interessierst dich mächtig dafür, was?“

„Du redest neuerdings in Rätseln, Hackett“, sagte Barkley kühl. „Ich habe keine Ahnung, welche Dinge in deinem Kopf vorgehen.“

„Aber ich ahne, was du denkst, Freund Barkley!“, grinste Phil Hackett.

Und wieder hatte Barkley das Gefühl, als fließe eiskaltes Wasser seinen Rücken hinab. Sein Blick flog flüchtig über das Fort. Es bot einen massiven, imponierenden Anblick. Sämtliche Gebäude waren aus Adobelehmziegeln erbaut. Rings um die Ansammlung von Offiziershäusern, Mannschaftsbaracken, Ställen und Lagerhäusern lief eine dicke, hohe und unbezwingbar wirkende Mauer. Auf halber Höhe waren hölzerne Wehrgänge angebracht, und neben dem geschlossenen breiten Tor stieß ein hölzerner Wachturm wuchtig ins klare Himmelsblau empor. Und obwohl kein Mensch im Freien zu sehen war, wusste Barkley doch ganz genau, dass es hier im Fort nur so von Soldaten wimmelte – lauter Männer in blauen Uniformen. Und er war allein …

„Hackett!“, sagte er schroff. „Wenn du wirklich nicht vergessen kannst, dass wir droben in Kansas einmal aneinandergerieten, dann sag es offen heraus.“

„Wer redet denn davon? Ich rede von den fünf Texanern, die da drüben eingesperrt sind, das weißt du doch ganz genau.“

„Fünf Texaner?“

„Ja, wir haben sie vor eineinhalb Wochen draußen in den Hügeln geschnappt. Sie wollten einem Munitionstransport entgegenreiten und ahnten nicht, dass uns dieser Transport schon vorher in die Hände gefallen war. Wir brauchten nur auf sie zu warten. Es war alles ganz leicht.“

Der spöttische Unterton in Hacketts Worten jagte eine Welle heißer Wut in Barkley hoch. Er ließ sich jedoch nichts anmerken.

„Wenn ich recht verstehe, Hackett“, sagte er, „dann arbeitest du als Scout für dieses Fort.“

„Sehr richtig!“, lachte Hackett leise und zupfte an seinem braunen Vollbart. „Und das bedeutet gleichzeitig, dass wir wieder Feinde sein werden, Barkley, wie?“

„Was habe ich mit dieser ganzen Sache zu tun?“

„Barkley, glaube nur nicht, dass du mich täuschen kannst! Du überlegst, wie du sie am besten herausholen kannst, nicht wahr?“

„Herausholen? Was redest du da für Zeug, zum Henker!“

„Nun, die fünf Texaner, meine ich!“

„Höllenfeuer! Hackett, ich habe jetzt genug davon. Du suchst wohl Streit?“,

„O nein, mein Lieber. Ich tue nur meine Pflicht. Schließlich bin ich ja Scout für die Union und speziell für dieses hübsche Fort. Ich sage dir, Barkley, du hast kein Glück damit. Du bist allein und kannst es nicht schaffen.“

Lance Barkley trat dicht an den bärtigen Scout heran. „Hör mal gut zu, Hackett!“, begann er gepresst. „An dem ganzen Krieg, der seit April 1861 tobt, bin ich nicht interessiert, verstehst du? Es ist mir egal, wenn sich Nordstaatler und Konföderierte gegenseitig die Schädel einschlagen. Ich will meine Ruhe, hörst du? Nichts als meine Ruhe!“

„Und deshalb bist du nach Fort Franklin gekommen?“

„Lass mich ausreden, Hackett! Ich bin Fallensteller und will in die Berge hinauf. Dort ist es ruhig. Dorthin reicht dieser vermaledeite Krieg nicht. Es ist nicht meine Schuld, dass Fort Franklin an meinem Weg liegt. Willst du es mir etwa verdenken, dass ich hier einen Tag rasten will? Willst du daran irgendwelche Verdächtigungen knüpfen, um dich für die Sache von damals in Kansas an mir rächen zu können?“

„Hm!“, machte Hackett. „Du hast dir die Sache gut zurechtgelegt. Dein Pech ist nur, dass ich dich ziemlich gut von früher kenne. Nein, Mister Barkley, du kannst mir nicht weismachen, dass du in dieser Zeit oben in den Rocky Mountains deinen Frieden suchst. Du bist Texaner, und ihr Kerle steht alle auf der Seite dieses verwünschten Jefferson Davies. Rede mir bloß nicht ein, Barkley, dass du eine Ausnahme machst. Well, ich sehe, dass du den grauen Rock der Konföderation nicht trägst, aber das überzeugt mich noch lange nicht. Eure Spione sitzen überall, und ich wette darauf, dass du einer davon bist.“

„Kein Wort mehr, Hackett!“, stieß Lance Barkley zornig hervor. „Verlange nicht, dass ich alles schlucke!“

„Du hörst die Wahrheit nicht gerne aus meinem Munde, das kann ich verstehen.“

„Zum Geier! Ich habe keine Lust mehr, mich länger mit dir zu unterhalten!“

Barkley wollte sich abwenden. Er brauchte Zeit zum Nachdenken. Das Zusammentreffen mit Phil Hackett war zu überraschend für ihn gekommen. Und die Tatsache, dass der Scout ihn durchschaute, machte seine Anwesenheit in Fort Franklin zu einer tödlichen Gefahr.

Barkley hatte erst einen Schritt gemacht, als Hackett rief:

„So einfach geht das nicht! Bleib auf der Stelle stehen und rühre dich nicht!“ Sein heftiger Tonfall ließ Barkleys Kopf herumrucken. Er sah, dass Hackett plötzlich einen Colt in der Faust hielt. Der Lauf zielte auf ihn.

 

*

„Hackett, Mann, sei nicht verrückt!“

„Verrückt? Du warst verrückt, Barkley, als du es wagtest, hierherzukommen. Los, nimm schon die Hände hoch!“

„Du gehst zu weit, mein Lieber!“, knirschte Barkley.

„Die Hände hoch, habe ich gesagt!“

Lance Barkley zögerte. Der kalte Schimmer in den kleinen schwarzen Augen seines Gegenübers ließ keinen Zweifel an der Entschlossenheit des Scouts. Barkleys schlanke kräftige Gestalt spannte sich. Er hob langsam die Arme.

„Was willst du tun, Hackett?“

„Das wirst du schon sehen! Drehe dich um, los, mach schon!“

„Ich verlange, dass du mich vor den Fortkommandanten bringst!“

„Das kannst du haben! Colonel Westville wird dich sofort zu den anderen sperren lassen. Dann seid ihr zu sechst, wenn dir das lieber ist. Du sollst dich umdrehen, hast du denn nicht gehört?“, Der Coltlauf ruckte drohend.

Barkley presste die Lippen zusammen. Er drehte sich zögernd. Doch mitten aus der Bewegung heraus wirbelte er geduckt und mit katzenhafter Schnelligkeit herum.

Phil Hackett zog ohne zu zögern den Abzugshebel durch.

Der Schuss peitschte grell durch die Stille über Fort Franklin.

Barkley sah in das Blitzen des Mündungsfeuers und spürte das Geschoss dicht über sich wegpfeifen.

Dann war er bereits bei Hackett!

Ehe der Scout erneut feuern konnte, knallte ihm Barkleys rechte Faust unters bärtige Kinn. Hacketts Kopf flog zurück. Barkleys Linke packte sein Handgelenk, drehte mit voller Wucht, während die Rechte einen zweiten Schlag landete. Hackett ging in die Knie. Barkleys klammernde Linke zwang ihn, die Hand zu öffnen und den Colt in den Sand klatschen zu lassen.

„Das ist dein Ende, verdammter Rebell!“, keuchte Hackett.

Als Barkley ihn losließ, warf er sich gegen die Beine des Texaners und brachte ihn zu Fall. Dichter Staub wolkte hoch. Barkley rollte hastig zur Seite. Die Fäuste des Scouts verfehlten ihn um Haaresbreite. Beide Männer kamen gleichzeitig auf die Beine. Der wirbelnde Staub senkte sich allmählich. Hackett schnaufte schwer und wollte sofort wieder auf Lance Barkley losgehen.

Da befahl eine harte Stimme: „Genug jetzt!“

Erst jetzt wurde es den beiden Kämpfenden bewusst, dass sie nicht mehr alleine waren.

Phil Hacketts Schuss hatte das Fort alarmiert.

Ein dichter Halbkreis blauuniformierter Gestalten hatte sich vor der Lehmwand der langgestreckten Kantine gebildet. Barkley spürte einen quälenden Druck in der Magengrube, als er die vielen blinkenden Uniformknöpfe und Schulterspangen sah. Wieder wurde ihm bewusst, wie einsam er war, und zum ersten Mal gab er seine Sache für verloren.

Der Mann, dessen Befehl Hackett zurückgehalten hatte, schob sich näher. An den Abzeichen erkannte Barkley sofort, dass es ein Major war. Im Fort Franklin gab es nur einen Major, den Stellvertreter von Colonel Westville: Major Lester Wallace.

Wallace war ein großer, breitschultriger Mann mit straffer Haltung. Seine blaue Kavallerie-Uniform wirkte sehr gepflegt. Kühle graue Augen, eine leicht gebogene Nase und ein gestutzter Schnurrbart – das waren die hervorstechenden Merkmale seines gebräunten Gesichts.

Irgendwie wirkte er, als sei er eben aus einer Garnison im Osten angekommen.

Aber dieser Eindruck täuschte.

Barkley hatte schon früher von Major Wallace gehört. Er wusste, dass Lester Wallace zu den fähigsten Offizieren der Unionstruppen zählte, ein Mann, der im Westen aufgewachsen war und in diesem wilden heißen Land zu Hause war.

Sein Blick streifte Barkley nur flüchtig und richtete sich fest auf Phil Hackett.

„Ich hoffe, Hackett“, sagte er kalt, „Sie haben nicht vergessen, dass Sie im Dienst der Unions-Armee stehen. Wollen Sie mir eine Erklärung für diesen Zwischenfall geben?“

Hackett räusperte sich und warf Barkley einen finsteren Seitenblick zu.

„Major“, murmelte er rau. „Sie sollten diesen Mann auf der Stelle festnehmen lassen!“

Durch die Reihen der umstehenden Soldaten lief ein gedämpftes Raunen. Major Wallace drehte sich halb.

„Geht in eure Unterkünfte zurück, Leute!“, befahl er ruhig.

Die Soldaten gehorchten sofort. Der Major wartete, bis das Stiefelscharren verklungen war, dann wandte er sich wieder an den Scout.

„Ich warte auf Ihre Erklärung!“

Hackett deutete auf Barkley.

„Der Mann ist ein Spion der Südstaaten, Major. Ich kenne ihn von früher. Ich sage Ihnen, er ist hier, um die fünf Gefangenen zu befreien, ehe sie nach San Mateo geschafft werden.“

Jetzt traf Wallaces Blick den Texaner voll und fest, ein Blick, dem nur schwer standzuhalten war.

Barkley bemühte sich angestrengt, seine Ruhe zu bewahren.

Er wusste, wie viel auf dem Spiel stand – für ihn und auch für die fünf Männer hinter einem der Gitterfenster des Gefängnisbaus.

„Stimmt das, Fremder?“

„Nein!“

Hackett sagte schnell: „Sir, Sie können doch nicht erwarten, dass er es so einfach zugibt!“

Wallace schien die Bemerkung zu überhören. Er schaute Barkley noch immer unverwandt an. Doch seine Frage war an Hackett gerichtet:

„Wie kommen Sie zu Ihrer Vermutung, Hackett?“

Hackett hob seinen Colt aus dem Staub und wischte den Lauf am Ärmel seines Hirschlederhemdes blank.

„Er ist Texaner!“, brummte er. „Er hat gesagt, dass er hinauf ins Gebirge will, um Fallen zu stellen. Das ist eine Lüge, Sir! Ich kenne ihn aus der Zeit vor dem Krieg, und ich weiß, dass er nicht der Mann ist …“

„Genug, Hackett, genug!“, unterbrach ihn Wallace ungerührt. „Sind das alle Ihre Beweise?“

„Ja, Sir, ich bin überzeugt …“

„Ich glaube, Hackett, Sie waren etwas zu voreilig.“

„Aber, Sir, ich …“

„Sie haben gehört, was ich sagte!“ Der Major drehte sich wieder Barkley zu. „Wie war doch Ihr Name, Mister?“,

„Barkley, Lance Barkley! Major, ich versichere Ihnen, es war ein Irrtum. Hackett und ich, nun ja, wir sind von früher her verfeindet.“

„Barkley, du Schuft!“, knirschte Hackett wütend.

Eine scharfe Handbewegung des Offiziers hielt ihn davon ab, weitere Bemerkungen zu machen.

„Well, Mr. Barkley“, sagte Lester Wallace bedauernd, „es tut mir leid, dass Sie hier im Fort Unannehmlichkeiten bekamen. Ich bitte Sie, vergessen Sie den Vorfall.“

„Natürlich, es liegt mir nichts daran, eine alte Feindschaft aufleben zu lassen.“

„Ich danke Ihnen. Kommen Sie, Hackett!“

Er tippte höflich grüßend an den Rand seines Feldhutes und entfernte sich.

Phil Hackett ging kopfschüttelnd und mit mürrischer Miene neben ihm her.

Lance Barkley schaute ihnen nach und versuchte sich klarzumachen, dass nun alles in Ordnung war. Aber er sah immer noch die kühlen grauen Augen des Offiziers durchdringend auf sich gerichtet und wurde das beklemmende Gefühl nicht los, dass jetzt alles nur noch schlimmer war als vorher …

 

*

Als Hackett und Wallace außer Hörweite waren, sagte der Scout aufgeregt zu dem Major:

„Sir, warum haben Sie mir keine Zeit für nähere Erklärungen gelassen? Ich hätte Sie bestimmt davon überzeugt, dass …“

„Es war nicht mehr nötig.“

„Wie soll ich das verstehen?“

Wallace blickte starr geradeaus. Er. blieb im Schatten des Hauptmagazins stehen.

„Sie brauchten mich nicht weiter zu überzeugen – Sie hatten es schon getan. Glauben Sie mir, Hackett, ich bin nicht zum ersten Mal einem Mann wie diesem Lance Barkley begegnet.“

„Was? Dann teilen Sie also meine Meinung?“

„Hatten Sie etwas anderes erwartet?“, Major Wallace lächelte dünn. „Ich weiß, dass Sie der beste Scout von Fort Franklin sind. Ich hätte niemals mit Ihnen in diesem Ton geredet, wenn es nicht erforderlich gewesen wäre.“

„Erforderlich?“, Hackett schluckte trocken. „Sir, ich verstehe nicht …“ Wallace verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ganz einfach, Hackett: Ich wollte Barkley täuschen, ich wollte ihn in Sicherheit wiegen.“

„Aber, Sir, Sie hätten ihn ja nur festzunehmen brauchen. Ich war bereit – und genug Männer warteten auf Ihr Kommando.“

„Und was hätten wir damit erreicht, Hackett? Wir hatten keinen einzigen stichhaltigen Beweis. Vermutungen reichen auch im Kriegsrecht nicht aus, um einen Strick um den Hals zu legen. Nein, nein, Hackett, die Beweise, die wir brauchen, muss uns dieser Texaner schon selbst in die Hände spielen. Und verlassen Sie sich darauf, er wird es tun!“

 

*

Das Licht, das durch das kleine vergitterte Fenster sickerte, verblasste an den kahlen Lehmwänden. Aus den Ecken kroch die Dunkelheit in die kleine Zelle.

Draußen stampften Hufe, Pferde schnaubten und Steigbügel klirrten. Eine staubheisere Stimme gab Kommandos. Stiefel knirschten im Sand. Dann wurde es ruhiger. Von der Kantine herüber wehte Lachen. Eine Frauenstimme war zu hören. Irgendwo bellte ein Hund. Die Bäckerei lag dem Gefängnis ganz nahe, und der würzige Duft von frischgebackenem Brot trieb herein.

Jube Benbow ging unruhig unter dem Fenster hin und her.

„Ob er wohl kommt?“

„Jetzt auf keinen Fall. Nicht vor Mitternacht, das steht fest“, murmelte Del Halleran.

Wieder herrschte Schweigen. Die Männer konnten einander nur als verschwommene Umrisse wahrnehmen. Die Finsternis stand wie eine Mauer zwischen ihnen, umschloss jeden und machte jedem die Einsamkeit bewusst, in der er sich trotz des engen Zusammenseins mit den Gefährten befand.

Owen Clifton lehnte an der kahlen Wand, den Blick zu den dicken Stahlgittern hochgerichtet, die sich matt vom etwas fahlen Hintergrund des Nachthimmels abhoben. Er wusste, dass die Gedanken in jedem Gehirn ihre eigenen Bahnen zogen. Und doch mündeten sie ganz gewiss alle an einem Endpunkt: an der Botschaft, die ihnen ein Mann namens Lance Barkley am vergangenen Mittag hatte zukommen lassen. Er fragte sich, was das wohl für ein Mann sein mochte. Mutig war er ganz bestimmt, das stand fest.

Aber waren alle mutigen Männer auch gut?

Captain Clifton sagte sich, dass solche Gedanken zu dieser Zeit unsinnig waren. Er durfte sich nicht in seinen Grübeleien verlieren, die ihn in letzter Zeit so häufig bedrängten – seit der Minute, da der Wunsch in ihm auf geflammt war, der Krieg möge endlich zum Abschluss kommen. Jetzt zählte nur eine Frage: Schaffte dieser unbekannte Lance Barkley es, sie herauszuholen?

Die Minuten verrannen in zäher Langsamkeit. Der Lärm drüben in der Kantine wurde lauter. Gelegentlich knirschten Stiefeltritte in der Nähe des Gefängnisses über das sandige Paradefeld. Manchmal trieb der Ruf der Wachtposten auf den Wehrgängen herüber. Und schließlich rief die Trompete vom Turm zum Zapfenstreich.

Es wurde still im Fort – eine Stille, die an den Nerven der. Gefangenen zerrte.

Del Halleran flüsterte: „Hofft lieber nicht zu sehr, Freunde. Ich kann es kaum glauben, dass wir heute Nacht hier ’rauskommen.“

„Aber ich will hier heraus!“, keuchte Benbow. „Ich will nicht nach San Mateo. Zum Teufel, wenn dieser Barkley nicht kommt, müssen wir selbst etwas unternehmen!“

„Was denn, he?“, knurrte Kelloway. „Denkt an heute Mittag, ihr Narren, da hatte ich den verwünschten Yankeeposten schon an der Kehle …“

„Ach, hör damit auf, Chess, ich kann es nicht mehr hören!“, schnaufte Benbow.

„Männer“, sagte Clifton leise und eindringlich, „verliert jetzt nicht die Nerven. Die Nacht ist noch lang.“

Sie schwiegen. Plötzlich zuckten alle zusammen.

Schnelle Tritte klopften den Korridor entlang!

Sie erhoben sich alle. Nur der junge Atmore blieb auf seinem Lager und lehnte sich keuchend mit dem Rücken gegen die Adobelehmmauer. Die Schritte näherten sich der Zellentüre.

„Das sind zwei“, raunte Benbow. „Da stimmt etwas nicht.“

Sie hörten den Schlüssel im Schloss kreischen und hielten den Atem an.

Die Tür öffnete sich einen Spalt. Gelbes Lampenlicht flutete herein und malte ihre Schatten riesengroß und verzerrt an die Wand.

„Barkley!“, flüsterte Atmore erregt. „Ob das Barkley ist?“

„Ruhig, mein Junge, ganz ruhig!“, murmelte Owen Clifton rau.

Sie starrten alle auf den offenen Spalt. Ein Mann zwängte sich herein – eine Petroleumlampe in der Linken, einen schussbereiten Kavallerie-Colt in der Rechten. Sie sahen nur die blaue Uniform, die er trug. Die Enttäuschung traf sie wie ein scharfer Peitschenhieb.

 

*

 

Roy Atmore stöhnte auf und ließ sich auf die Wolldecken zurücksinken. Chess Kelloway zerknirschte einen Fluch zwischen den Zähnen. Sergeant Del Halleran ließ resigniert den Kopf sinken. Clifton stand wie versteinert, und der stämmige Jube Benbow stieß in jähem Zorn hervor:

„Zum Teufel, Yankee, was willst du hier?“

„Euch Gesellschaft leisten!“, grinste der Mann. Es war derselbe Soldat, den Kelloway mittags angegriffen hatte. „Bleibt nur schön brav, ihr Knaben!“ Sein Coltlauf wanderte drohend von einem zum anderen.

Hinter ihm fragte eine andere Stimme durch den offenen Türspalt: „Alles in Ordnung, Nick? Wirst du mit ihnen fertig?“

„Natürlich, Joe. Schließ ruhig hinter mir wieder zu. Dann kann keiner ’rein und keiner hinaus. Du bleibst beim Haupteingang, Joe, klar? Wollen doch mal sehen, ob man uns diese Vögel mitten aus diesem prächtigen Bau holen kann!“

Owen Clifton hatte das Gefühl, einen Faustschlag in die Magengrube erhalten zu haben. Er trat einen Schritt auf den breitschultrigen Posten zu.

„Was heißt das, Mann? Ich denke, wir haben ein Recht auf ungestörte Nachtruhe, nicht wahr?“

„Verlieren Sie nur die Nerven nicht, Rebellen-Captain!“, grinste der Unionssoldat. „Hat etwa einer von den Herren Texanern schon geschlafen? Ich denke nicht. Wartet ihr etwa schon darauf, dass ihr eure Flügel wieder entfalten könnt? Well, ich muss euch da leider einen gewaltigen Strich durch die Rechnung machen, versteht ihr?“

„Was habe ich euch gesagt?“, fauchte Kelloway. „Alles ein Schlag ins Wasser und sonst nichts.“

„Wie ist es, Nick?“, fragte der Mann vor der Tür. „Kann ich jetzt gehen?“,

„Natürlich! Mann, ich dachte, du wärest schon längst fort. Der Haupteingang muss bewacht werden, vergiss es nicht und beeile dich endlich.“

Die schwere Bohlentüre wurde von draußen geschlossen. Eilige Stiefeltritte entfernten sich. Der Wachtposten stellte behutsam die Petroleumlampe auf den Lehmboden. Er ruckte mit dem Armeecolt.

„Los, Leute, an die Wand dort drüben – ihr alle! Und dass mir nur ja keiner zu nahe kommt. Ich wäre dann bestimmt nicht mehr so nachsichtig wie heute Mittag.“

„Zum Teufel mit dir!“, schimpfte Benbow.

Der Soldat ließ sich auf dem Hocker neben der Türe nieder, auf den er sonst das Essen zu stellen pflegte. Er lehnte sich an die Wand, hielt den Colt auf den Knien und ließ die fünf Gefangenen nicht aus den Augen.

„Gebt ruhig eure Hoffnung auf“, sagte er rau. „Hier kommt ihr nur heraus, um in den Steinbrüchen von San Mateo zu landen!“

Er hatte kaum zu Ende gesprochen, da drang vom Ende des Korridors her ein erstickter Ruf in die Zelle.

Mit einem Satz war der schwergewichtige Posten auf den Beinen.

Sein Gesicht spannte sich. Er sah das Aufleuchten in den Augen der Texaner und presste grimmig hervor:

„Keiner bewegt sich! Ich habe den Befehl, bei dem geringsten Anlass zu feuern!“

Dann lauschte er, ohne die Gefangenen aus den Augen zu lassen. Draußen war es still. Die Petroleumlampe brannte gleichmäßig. Der Posten stand wie aus Stein gehauen. Schweiß perlte auf seiner Stirn.

Kelloway flüsterte: „Worauf warten wir noch? Wir müssen ihn angreifen!“ Er wollte sich vorwärts schieben.

Owen Clifton presste zwischen den Zähnen hervor: „Kelloway, seien Sie endlich vernünftig! Wollen sie erschossen werden?“, Als er sah, dass Kelloway nicht hören wollte, fügte er lauter hinzu: „Ich befehle es Ihnen!“

Chess Kelloways Kopf ruckte zu ihm herum. Überraschung und Zorn vermischten sich in seinem Blick. Es schien, als wollte er etwas sagen. Dann zuckte er die Achseln und regte sich nicht mehr.

Der Wachtposten knurrte: „Was gibt es da zu wispern, zum Donner! Ich will nichts mehr hören!“ Sein Blick tastete argwöhnisch die Gruppe der Gefangenen ab. Dann zog er sich langsam bis zur Zellentüre zurück.

Er streckte die freie Linke nach der Klinke aus, dann erst wurde ihm bewusst, dass sein Gefährte vorher von draußen abgeschlossen hatte. Er schluckte.

Jube Benbow lachte leise. „Jetzt sitzt du in der Falle, wie?“

„Mund halten!“, fuhr ihn der Wächter an. „Was da draußen auch geschehen sein mag, hier kommt niemand herein! Und noch eines, ihr schuftigen Texasrebellen: Wenn die Sache schlimm wird, dann schieße ich euch alle zusammen!“ Seine Augen flackerten. Clifton begriff, dass den Mann die Angst gepackt hatte – und gerade das würde ihn gefährlich und unberechenbar machen!

Eine halbe Minute verstrich in bedrückender Stille, dann brüllte der Posten plötzlich mit voller Lautstärke: „Hallo, Joe, was ist passiert? Joe, hörst du mich?“

Es kam keine Antwort!

Im eckigen Gesicht des Postens begann es, zu arbeiten. Der Colt in seiner derben Faust zitterte leicht. Aber solange der Zeigefinger am Stecher lag, konnte jeden Moment der feurige Tod aus dem schwarzen Lauf hervorbrechen.

Und dann hörten auf einmal alle das leise Schlurfen draußen auf dem Korridor, dicht vor der Zellentüre.

Im nächsten Augenblick war es wieder totenstill.

Der Wächter staute den Atem.

Seine Augen wurden eng, als er sich vorbeugte und die fünf Gefangenen wild anstarrte:

„Kein Wort jetzt! Beim geringsten Laut schieße ich, und das ist wahrhaftig kein Bluff!“

Ein leises Kratzen war außen an der Tür zu hören. Lautlos glitt der Soldat vom Eingang fort und drückte sich an die kahle Zellenwand. Er presste die Lippen zusammen. Sein Coltlauf wanderte zwischen den Gefangenen und der Türe hin und her.

Der Ausdruck in den Augen verriet, dass er zu allem entschlossen war – ein Mann, der sich in die Enge gedrängt fühlte und der nur mühsam seine Panik bezwang.

Der Schlüssel drehte sich im Schloss.

 

*

 

Sergeant Del Halleran machte unwillkürlich einen Schritt vor und öffnete den Mund, um den Mann da draußen zu warnen.

Aber eine rasche Bewegung des Wächters mit dem Kavallerie-Colt hielt ihn zurück. Das Schlüsselgeräusch erstarb. In dem Augenblick, da der Mann, der die Tür aufgesperrt hatte, auf der Schwelle erscheinen würde, würde die Waffe des Wachtpostens krachen!

Der Gedanke daran war es, der Captain Clifton blitzschnell handeln ließ!

Mit jäher Schärfe schrie er:

„Vorsicht, das Fenster!“

Alle rissen die Köpfe herum, auch der Wächter. Sein Coltlauf flirrte im gelben Lampenschein.

Da schnellte Clifton schon vorwärts. Sein linker Stiefelabsatz erwischte die Petroleumlampe. Glas zersplitterte mit Klirren, und der Captain hoffte verzweifelt, dass die Flamme sofort verlöschte und nicht das auslaufende Petroleum in Brand setzte.

Während der Posten einen heiseren Fluch ausstieß, hüllte schlagartig undurchdringliche Finsternis die Zelle ein. Petroleumgeruch füllte die Luft.

„Zu Boden!“, schrie Clifton seinen Gefährten zu.

An der linken Seitenwand polterte es. Clifton nahm neben sich eine undeutliche Bewegung wahr, ließ sich auf die Knie fallen und rammte seine rechte Schulter gegen den Schatten, der vor ihm aufwuchs.

Er traf mit voller Wucht die Beine des Nordstaatlers.

Der Soldat wankte. Sein niedersausender Coltlauf verfehlte Clifton. Die gefesselten Hände des Texaners schossen hoch und bekamen den blauen Uniformrock zu fassen. Gleichzeitig stieß er erneut seinen Körper mit voller Kraft gegen die Beine seines Gegners. Der Wächter kippte über ihn.

Clifton wollte unter dem schwergewichtigen Posten hervorrollen. Doch der Mann bekam ihn mit beiden Fäusten zu fassen.

Clifton ballte die gebundenen Hände und schlug verzweifelt zu. Er spürte, dass er traf. Doch der eiserne Griff des Soldaten, der über ihm lag, lockerte sich nicht.

„Du verdammter Rebell, dir werde ich es zeigen!“, keuchte der Wächter, und im nächsten Moment klatschte sein Hieb in Owen Cliftons Gesicht.

Clifton hatte den Eindruck, als sprühte ein Meer von Funken vor seinen Augen. Ein dumpfer Druck legte sich auf sein Gehirn. Der brennende Schmerz des Hiebes verebbte und machte bleierner Benommenheit Platz. Wie aus weiter Ferne glaubte er, erregte Stimmen zu hören. Dann kam plötzlich ein gelber Schimmer auf ihn zu und wurde größer und größer. Er schüttelte den Kopf, ächzte leise und streckte abwehrend beide Hände aus. Dann hörte er eine Männerstimme sagen:

„Schon gut, Captain, es ist jetzt alles in Ordnung.“

Die Stimme riss ihn endgültig aus seiner Betäubung. Sein Blick wurde klar. Er sah dicht vor sich ein Feuerzeug brennen. Darüber erkannte er ein energisches, scharfgeschnittenes Gesicht, in das die Anspannung dunkle Linien gekerbt hatte. Er hatte dieses Gesicht noch nie gesehen. Er richtete sich mühsam hoch. Jemand stützte ihn. Er drehte den Kopf und stellte fest, dass es sein alter Sergeant Del Halleran war.

Am Rand des Lichtkreises, den das Feuerzeug verbreitete, sah er die Gesichter von Kelloway und Benbow.

Plötzlich fiel ihm auf, dass sie alle nicht mehr gefesselt waren!

Auch seine Hände waren frei. Er atmete tief ein. Das Erstaunen schwand aus seiner Miene. Er blickte den Mann mit dem Feuerzeug fest an und fragte ruhig: „Sie sind Lance Barkley, nicht wahr?“

„Richtig, Captain Clifton.“ Der andere lächelte dünn. Er schaute sich prüfend um. „Wir müssen uns beeilen, es ist schon spät, und bis Tagesanbruch sollten wir so weit wie möglich von Fort Franklin entfernt sein.“

Cliftons Blick fiel auf den breitschultrigen Wachtposten, der bewusstlos am Boden lag. „Sie haben ganze Arbeit geleistet, Barkley.“

„Es ging leichter, als ich dachte. Der Posten am Haupteingang machte mir keine Schwierigkeiten, und hier haben ja Sie mitgeholfen, Captain.“

„Sie sind Texaner?“

„Yeah!“

„Warum wollen Sie uns herausholen? Sind Sie Soldat?“

„Im gewissen Sinne schon, wenn ich auch keine Uniform trage.“

„Ich verstehe. Einer von unseren Männern, die hinter den feindlichen Linien arbeiten.“

„So ist es. Als Ihre Patrouille vor eineinhalb Wochen in die Falle geriet, erhielt ich den Auftrag, Sie zu befreien. Man braucht Sie in Texas, Captain Clifton. Sie sind als fähiger Mann bekannt.“

„Ein fähiger Mann, der prompt in eine Yankee-Falle läuft, wie?“, Bittere Ironie schwang in Cliftons Stimme.

Barkley zuckte die Achseln.

„Niemand macht Ihnen daraus einen Vorwurf. Sie konnten nicht ahnen, dass der Munitionstransport schon vorher geschnappt wurde, und Sie hatten keine Zeit für langwierige Auskundschaftungen. Gehen wir jetzt?“

„Sie sind anscheinend sehr sicher, Barkley. Haben Sie daran gedacht, dass wir uns noch mitten im Fort befinden? Wie kommen wir hinaus?“

„Mit einem Lasso über die Mauer.“

„Es sind Wachen aufgestellt.“

Barkley zeigte wieder sein dünnes Lächeln. „Die Stelle, die ich an der Mauer zum Übersteigen gewählt habe, wird bis zur nächsten Wachablösung nicht kontrolliert, verstehen Sie?“

„Sie sind ein gefährlicher Mann, Barkley.“

„Ich versuche nur einen Auftrag zu erledigen, das ist alles.“

„Wissen Sie auch, dass man unsere Befreiung in dieser Nacht befürchtete?“

 

*

„Was?“, Lance Barkleys Wangenmuskeln zuckten.

Clifton nickte ernst. „Deshalb kam dieser Mann“ – er deutete auf den bewusstlosen Wächter – „in unsere Zelle. Als doppelte Sicherheitsmaßnahme sozusagen.“

Barkley biss sich auf die Unterlippe. „Hackett!“, murmelte er gepresst. „Er hat den Major also doch überzeugt, ich ahnte es ja.“

„Was meinen Sie?“

Barkley winkte ab. „Ich erkläre es Ihnen später. Gehen wir endlich.“ Er wandte sich der offenen Zellentür zu.

Jube Benbow setzte sich sofort in Bewegung. Kelloway bückte sich zu dem Kavallerie-Colt des bewusstlosen Wächters. Der junge Roy Atmore hatte sich mühsam an der Wand hochgestemmt, lehnte dort mit blassem Gesicht und keuchte:

„Captain, lassen Sie mich nicht zurück! Bitte, Captain, nehmen Sie mich mit.“

Auf der Schwelle blieb Barkley stehen. Er hielt noch immer das brennende Feuerzeug in der linken Hand. Mit der Rechten wies er auf den jungen Soldaten. „Was ist mit ihm?“

„Er ist verwundet“, erklärte Clifton rau. „Als wir in die Falle gingen, konnte einer der Yankee-Soldaten seinen Finger am Abzug nicht ruhighalten. Seine Kugel erwischte Atmore.“

„Zum Geier!“, sagte Barkley gepresst. „Das ist ja eine schöne Bescherung!“

Clifton wusste, wie der Mann dies meinte. Und plötzlich begriff er selber, wie schlimm alles sein würde, wenn sie Atmore mitschleppten.

Atmores Beine wankten. Er hielt eine Hand gegen den dicken Verband unter dem zerfetzten Hemd gepresst. Seine flackernden Augen waren unverwandt auf den Captain gerichtet. Er keuchte wieder: „Nehmen Sie mich mit. Captain, ich bitte Sie.“

Sergeant Halleran trat neben ihn und stützte ihn. „Nur ruhig, mein Junge. Wir lassen dich nicht im Stich.“

Barkley runzelte zweifelnd die Stirn. „Es hat Sie schlimm erwischt, junger Mann, wie?“

„Ich schaffe es schon!“, ächzte Atmore verzweifelt. „Bestimmt, ich halte schon durch. Bringt mich nur hier heraus, lasst mich um Himmels willen nicht allein zurück.“

„Schaffen?“, Barkley schüttelte bitter den Kopf. „Sind Sie wirklich davon überzeugt? Ich glaube nicht!“

„Heißt das … heißt das, dass Sie mich nicht …“ Atmores Stimme versagte.

„Roy“, sagte der stämmige Benbow rau, „was kann dir schon geschehen, wenn du bleibst! Du bist verwundet. Dich stecken sie nicht in die Steinbrüche von San Mateo. Also, Kopf hoch, Amigo.“

„Ich soll bleiben?“, Atmores blaue Augen weiteten sich. „Nein! Nein, ich will nicht!“

Benbow sagte schroff: „Sei kein Starrkopf, Junge! Du musst doch einsehen, dass wir dich nicht mitschleppen können!“

„Ich fürchte“, meinte Barkley leise, „Sie haben recht.“

„Captain!“, rief Atmore schrill. „Captain, so sagen Sie doch etwas!“ Er wollte auf Clifton zutorkeln. Halleran hielt ihn mit sanfter Gewalt zurück.

In Captain Cliftons Gesicht arbeitete es. Alles in ihm bäumte sich dagegen auf, diesen jungen Soldaten im Stich zu lassen. Aber – musste er nicht mehr an die anderen denken, an die Mehrzahl, an die Gesunden?

„Warum schweigen Sie, Captain?“, keuchte Atmore. „Die Entscheidung liegt bei Ihnen, bei Ihnen allein!“

„Wir müssen uns beeilen!“, drängte Barkley und spähte in den finsteren Gefängniskorridor hinaus.

„Wir können ihn doch gar nicht mitnehmen!“, knurrte Benbow und verzog die Lippen. „Es ist doch unmöglich. Wenn wir eine Chance zum Entkommen wollen, dann muss er hierbleiben. Ich glaube, uns allen ist doch klar, dass die Blauröcke uns wie Wild hetzen werden, wenn wir erst einmal hier draußen sind. Was gibt es da noch zu überlegen?“

„Jube!“, stieß Atmore wild hervor. „So kannst du doch nicht reden, Jube!“

„Es ist vielleicht hart für dich, Junge, aber du musst dich damit abfinden!“, brummte Benbow.

„Captain, wenn es irgendwie möglich ist, müssen wir ihn mitnehmen“, sagte Halleran leise.

„Ich weiß!“ Clifton nickte. Er wandte sich an Barkley.

„Wie steht es? Haben Sie draußen Pferde bereitgestellt?“

„Natürlich!“

„Wie viele?“

„Mein Gaul und noch sechs weitere.“

„Schön, also ein Pferd mehr, als wir brauchen.“

„Captain“, murrte Benbow, „was rechnen Sie sich da aus?“

„Ich denke, wir können eine Tragbahre anfertigen, sie zwischen zwei Gäule binden und Atmore darauf befördern.“ Roy Atmore ließ den Kopf an die Wand zurücksinken. „Danke, Captain!“

Benbow zog die buschigen Brauen zusammen. „Ich finde das nicht für richtig! Es geht doch nicht nur um die Pferde. Der Junge ist krank und wird uns schlimmer belasten, als Sie vielleicht denken, Captain. Wir haben raues, trockenes Land vor uns. Wir werden mit unserem Proviant und dem Wasservorrat sparsam umgehen müssen. Ein Mann mehr zählt da ziemlich schwer.“

„Das müssen wir in Kauf nehmen.“

„Das sagen Sie so einfach hin, Captain! Es geht hier nicht nur um Atmore, es geht um uns alle.“

„Captain!“, schnaufte der Verwundete. „Hören Sie nicht auf ihn, ich bitte Sie!“

 

*

 

„Seien Sie beruhigt“, sagte Clifton. „Ich habe mich entschieden. Wir nehmen Sie mit.“

„Zum Teufel!“, grollte Benbow wütend. „Das dürfen Sie nicht tun!“ Er wandte sich den anderen zu. „Barkley, Chess, wollt ihr das zulassen?“

Kelloway zuckte wortlos die Achseln. Sein dunkelbraunes Gesicht verriet nichts von seinen Gedanken. Barkley meinte knapp: „Es ist seine Entscheidung!“

„Seine Entscheidung?“, wiederholte Benbow erregt. „Das hier geht uns alle an. Das betrifft unser Leben, Mensch. Ich will den Blauröcken nicht nochmals in die Hände fallen, nur weil …“

„Genug, Benbow!“, unterbrach ihn Clifton scharf. „Sie haben anscheinend vergessen, dass ich Ihr Vorgesetzter bin.“

Jube Benbow zuckte zusammen. Seine Mundwinkel verkniffen sich. Ein lauernder Ausdruck erschien in seinen Augen. Einen Moment schien es, als wolle er zu einer heftigen Erwiderung ansetzen. Dann beherrschte er sich mühsam und sagte gedämpft:

„Nun gut! Sie werden schon sehen, Captain, Sie werden schon sehen!“

Lance Barkley räusperte sich. „Wir haben eine Menge Zeit verloren!“

„Well, gehen wir!“, sagte Clifton. „Sergeant, kümmern Sie sich um Atmore.“

„In Ordnung, Sir!“ Del Halleran führte den Verwundeten auf die Zellentür zu.

Nur Chess Kelloway bewegte sich nicht. Clifton schaute ihn fragend an: „Was ist, Kelloway?“

Der dunkelhaarige Südstaatler machte eine wegwerfende Handbewegung. „Nichts, Captain, nichts! Geht nur alle voran, ich komme gleich nach.“ Irgendwie klang sein Tonfall nicht echt. Ein unstetes Glimmen stand in seinen Augen. Clifton merkte, dass Kelloway den langläufigen Colt des Wachtpostens in der rechten Faust hielt. Der Bewusstlose lag dicht vor Kelloways Füßen, und Kelloway starrte immer wieder mit brennenden Augen auf ihn nieder.

Ein furchtbarer Gedanke durchzuckte Clifton!

Er erinnerte sich wieder des maßlosen Hasses, den Chess Kelloway gegen alle Männer in den blauen Uniformen des Nordens empfand.

Er trat einen Schritt auf Kelloway zu. Benbow, Halleran und Atmore waren bereits auf dem Korridor. Nur Barkley wartete noch auf der Schwelle – unbewegt und das jetzt niedriger brennende Feuerzeug halb erhoben.

„Kelloway, was haben Sie vor?“, fragte Clifton scharf.

Kelloways Mundwinkel verzogen sich. „Ich werde dafür sorgen, dass dieser Yankee keinen Alarm schlägt, wenn wir fort sind.“

„Barkley hat ihn hart getroffen“, sagte Clifton schnell. „Es wird noch einige Zeit dauern, bis er zu sich kommt. Und außerdem werden wir die Zellentüre von außen verschließen. Ich denke, das reicht aus.“

Chess Kelloway wog die Waffe in der Faust. Er schickte dem Texaner-Captain einen schrägen Blick zu.

„Sie wissen doch ganz genau, was ich meine, wie?“

Cliftons Gesicht verhärtete sich. „Kommen Sie, Kelloway!“

Kelloway richtete den Coltlauf langsam auf den Kopf des bewusstlosen Nordstaatlers. „Ich wollte Ihnen den Anblick ersparen, Captain …“

„Mann“, schrie Clifton, „sind Sie verrückt? Weg mit der Waffe, sofort!“

„Captain, dieser Mann ist unser Feind – ein Feind des Südens!“

„Das entschuldigt noch lange keinen Mord, Kelloway!“

„Mord? So würde ich es nicht nennen!“ In Kelloways Augen glitzerte es seltsam.

„Ich werde mich auf keine Diskussion mit Ihnen einlassen!“, erklärte Clifton hart. „Ich sagte, weg mit der Waffe. Und das ist ein Befehl, Reiter Kelloway!“

Kelloways Kopf ruckte hoch. Sekundenlang kreuzten sich ihre Blicke, und Clifton glaubte ein irres Feuer in den dunklen Augen seines Gegenübers zu erkennen. Dann schaute Kelloway mit verkniffener Miene auf den Wachtposten nieder.

„Und wenn ich es trotzdem tue?“,

„Dann lasse ich Sie vor ein Kriegsgericht stellen.“

„Weil ich einen Feind erschoss?“, Kelloway lachte kurz auf.

„Wegen Befehlsverweigerung! Kelloway, kommen Sie jetzt!“

Kelloway schien nicht zu hören. Er starrte noch immer auf den Mann zu seinen Füßen. „Ich hasse diese Burschen!“, flüsterte er wild. „Ich hasse sie! Sie haben nichts anderes verdient als den Tod, sie allesamt!“

„Geben Sie mir den Revolver, Reiter Kelloway!“, befahl Owen Clifton hart.

Kelloway rührte sich nicht.

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934700
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v509367
Schlagworte
trail texas

Autor

Zurück

Titel: Der verdammt lange Trail nach Texas