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Hunderttausend Dollar dreckiges Gold

2019 117 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Hunderttausend Dollar dreckiges Gold

Klappentext:

Roman:

John F. Beck

 

Hunderttausend Dollar dreckiges Gold

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/Titelbild: Werner Öckl

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

 

 

Klappentext:

Lee Randlett ist in einer schier ausweglosen Situation: Man verdächtigt ihn, an einem Raub von Goldstaub im Wert von 100.000 Dollar beteiligt gewesen zu sein und dabei einen Menschen erschossen zu haben. Niemand glaubt ihm, weil Lee aus einer Familie von Banditen und Revolverschwingern stammt. Er entrinnt nur knapp einer Lynchjustiz und beschließt, seine einzige – wenngleich geringe – Chance zu nutzen: Er muss Tom Kinsman, den wahren Verbrecher überführen. Und der ist auf dem Weg zum Versteck des Goldes, tief im Reich des skrupellosen mexikanischen Banditen Cuvaldo, der ebenfalls ein Auge auf des Gold geworfen hat und dem es dabei auf einen Toten mehr oder weniger nicht ankommt. Für 100.000 Dollar dreckiges Gold ist jedem jedes noch so schmutzige Mittel recht …

 

 

 

 

 

Roman:

Fackeln erhellten die Main Street. In den zertrümmerten Fenstern des Sheriff's Office blinkten Lichtreflexe. Immer mehr Goldgräber rotteten sich vor dem Gebäude zusammen. „An den Strick mit Randlett! Gib den verdammten Mörder raus, Sheriff!“, gellte es. Ein heißer Chor brüllte: „Gib ihn raus, gib ihn raus!“ Mitch Crawford schob die Winchester aus dem Fenster. Mit verbissener Miene jagte er ein Geschoss über die Köpfe. „Randlett wird hängen, wenn der Richter ihn dazu verurteilt! Geht nach Hause, Männer, sonst schluckt ihr Blei!“

Pfiffe, Flüche und noch wütenderes Geschrei antworteten. Der Tod zweier Kameraden und der Verlust des Goldes im Wert von hunderttausend Dollar – Lohn monatelanger Arbeit putschte die Digger auf. „Sie haben zwei Möglichkeiten, Sheriff“, sagte der Mann am Zellengitter. „Entweder Sie liefern mich aus oder lassen mich laufen.“

Lee Randlett war groß und sehnig. Seine breiten Schultern verrieten Kraft. Das sonnengebräunte Gesicht des Sechsundzwanzigjährigen wirkte gefasst. Nur die um die Eisenstäbe gekrampften Fäuste ließen die innere Anspannung ahnen. Crawford, der fast doppelt so alt war, starrte ihn finster an. „Ich trag den Fünfzack nicht zum Spaß, Randlett. Ich erfüll meine Pflicht, auch wenn’s ein Jammer ist, ’nen Kerl wie Sie zu verteidigen.“

„Ich bin unschuldig.“

„Mann, fangen Sie nicht wieder damit an! Welchen Grund hatten Sie denn, gleich nach dem Überfall auf Bentleys Goldkutsche zur Grenze durchzubrennen?“

„Ich hab’s Ihnen schon ein Dutzend Mal erklärt, Sheriff: Ich wollte Tom Kinsman schnappen, bevor er jenseits der Mesa del Sol auf Nimmerwiedersehen in Cuvaldos Reich verschwindet.“

„Er hat Sie reingelegt, was? Er dachte nicht dran, das Gold zu teilen. Geben Sie sich keine Mühe, Randlett. Der Coroner hat eindeutig festgestellt, dass die Kugel, die Hank Glenfield traf, aus Ihrem 38er-Remington stammt. Die anderen, auch Kinsman, waren mit 44er- und 45e- Colts bewaffnet.“

„Richtig“, knurrte Lee, während Crawford wieder aus dem Fenster schaute. „Ich hatte keine Wahl. Kinsman schoss den Driver vom Bock, Glenfield wollte mich ins Jenseits befördern. Es ist nun mal so, Sheriff, auch wenn Sie noch so große Stücke auf Glenfield halten: Er wollte den Überfall mit Kinsman durchziehen, nicht ich!“

Crawford lud durch. Es waren dreißig, vierzig Männer, die in dichtgeschlossener Front auf das Office vorrückten. „Gib ihn raus, Sheriff, gib ihn raus!“, dröhnte es wieder durch die nächtliche Stadt.

Bentleys Kutsche mit dem Gold hatte Harpersville am Morgen des vorangegangenen Tages verlassen. Bentley, der Bankier, hatte Lee Randlett und Hank Glenfield als bewaffnete Begleitreiter angeheuert.

Knapp eine Stunde nach dem Aufbruch ereignete sich der Überfall. Einer der Goldgräber, deren Claims im Umkreis von fünf Meilen um Harpersville verstreut lagen, hörte die Schüsse, fand die Toten und die ausgeplünderte Stagecoach und schlug Alarm in der Stadt.

„Wenn Hank Ihnen in den Rücken fiel, Randlett, hätten Sie es nie und nimmer geschafft, ihn zu erledigen“, äußerte Crawford. „Hank war ’ne Zeitlang mein Deputy. Es gab keinen fixeren Coltschützen in der Town.“

„Sie vergessen, dass ich Joe Randletts Sohn bin.“

„Im Gegenteil. Und Tom Kinsman ist das letzte Mitglied der Bande Ihres Vaters, nachdem alle anderen, Ihre Angehörigen eingeschlossen, an Bleivergiftung oder am Galgen starben.“

Der Mann in der Zelle lachte bitter.

„Damit sind wir bei meinem eigentlichen todeswürdigen Verbrechen – meiner Abstammung. Da mein Vater und meine Brüder steckbrieflich gesuchte Banditen waren, muss ja wohl auch ich was davon mitbekommen haben – von meiner schnellen Revolverhand mal abgesehen. So denken doch alle. Ich wundere mich bloß, dass Frank Bentley mir den Job als Transportbegleiter antrug, Sie nicht?“

„Hören Sie auf! Erzählen Sie die Story dem Richter, nicht mir! Ich werd’ ganz bestimmt nicht …“ Crawford fluchte, als ein Stein an seinem Gesicht vorbeisauste. Das Tintenfass auf dem Schreibtisch zerschellte.

„Wir wollen Randlett, Sheriff! Er muss hängen! Gib ihn raus!“

„Verschwindet! Ihr macht euch strafbar! Ich schieße auf jeden, der das Office betritt!“

Wieder flogen Steine. Scherben klirrten. Dann krachten zwei, drei schwerkalibrige Colts.

„Zum Teufel mit dir, Sheriff, wenn du einen Mörder schützt!“

Crawford zielte und schoss einem Goldgräber die Fackel aus der Hand. Funken sprühten. Der Mann fluchte erschrocken. Aber die Menge drängte weiter vorwärts. Jetzt waren es schon fünf oder sechs Colts, die das Office mit Blei behämmerten.

„Lassen Sie mich raus, Sheriff!“, keuchte Lee.

„Ich verspreche Ihnen, nicht zu fliehen. Gemeinsam halten wir sie auf.“

„Sie bleiben, wo Sie sind, Randlett! Legen Sie sich auf dem Boden, sonst erwischt es Sie!“

Grimmig hebelte der Gesetzeshüter die nächste Patrone in die Kammer.

 

*

 

Es war dann nicht Crawfords Gewehr, das die Meute stoppte.

Der Schuss kam von der Ecke des Generalstore. Holzsplitter umwirbelten die vordersten Digger.

„Zurück!“, dröhnte eine befehlsgewohnte Stimme. „Ihr werdet dem Sheriff kein Haar krümmen, Männer! Randlett erhält vor Gericht die verdiente Strafe!“

Ein massiger Mann, in dessen Fäusten der Spencer-Karabiner wie ein Spielzeug wirkte, löste sich von der dunklen Bretterwand. Er trug einen Stadtanzug. Der Schein der Fackel streifte ein eckiges, von einem Backenbart umrahmtes Gesicht. Auf dem kantigen Schädel thronte ein schmalkrempiger, runder Hut. Zögernd sanken die Knüttel und Revolver herab. Mehrere Digger murrten.

„Es kann Wochen dauern, bis der Richter den Hundesohn verurteilt!“, rief einer. „Weiß der Teufel, was bis dahin geschieht, Mister Bentley. Wir werden nicht riskieren, dass Randlett flieht.“

„Hängt ihn, hängt ihn!“, brüllte der Chor erneut. Aber das Eingreifen des reichen und mächtigen Bankiers bannte die Schar. Breitbeinig stand Bentley an der Gehsteigkante.

„Seid vernünftig, Männer! Der Coup trifft mich genauso wie euch. Ich bin ruiniert, wenn ich das Gold nicht zurückbekomme. Der Transport war nicht versichert. Mein gesamter Besitz reicht nicht aus, dafür geradezustehen …“

„Ein Grund mehr, Randlett aufzuknüpfen!“, schrie der Sprecher von vorhin dazwischen.

„Hängt ihn, hängt ihn!“, tobte es unablässig.

Aber noch rührte sich niemand. Die Gehsteigbretter vibrierten unter Frank Bentleys ausgreifenden Schritten. Crawford öffnete ihm die Tür. Die Hand des Sheriffs zitterte, als er sich den Schweiß von der Stirn wischte.

„Ich dachte schon, die Burschen machen Kleinholz aus dem Office. Bentley, das vergess ich Ihnen nie!“

Der massige Bankier blickte zur Zelle. Im Halbdunkel erkannte er nur die Umrisse des Gefangenen.

„Ich fürchte, auf die Dauer nützt Ihnen ein zusätzliches Gewehr auch nicht, Crawford. Die Stadt kocht. Es herrscht erst wieder Ruhe, wenn Randlett baumelt. Er ist es nicht wert, dass Sie Ihr Leben für ihn riskieren.“

„Für das Gesetz.“ Crawford schloss die Tür. Als er sich umdrehte, schlug Bentley mit dem Karabiner zu. Bewusstlos sank der Sheriff zu Boden. Draußen war es still. Die Town schien vor dem letzten entscheidenden Sturm auf das Jail den Atem anzuhalten.

Bentley zog den Bewusstlosen von der Tür weg. Er bewegte sich selbstsicher und ohne Hast. Vor dem Hintergrund der zerschossenen Fenster und fackelerhellten Straße wirkte seine Gestalt noch klotziger und drohender.

Lee sah sein Gesicht als verschwommenen Fleck. Die Augen glitzerten.

„Kinsman hat das Gold, nicht wahr?“

„Wer sonst?“

„Wohin bringt er’s?“

„Schließen Sie die Zelle auf, besorgen Sie mir ein Schießeisen und ein Pferd, dann schaffe ich’s Ihnen her.“

Bentley spannte sich.

„Sie wissen also, wohin.“

„Ich weiß einige Pfade, die mein Vater benutzte, wenn er vor Aufgeboten nach Mexiko floh. Kinsman kennt sie auch. Er ritt in seiner Crew. Mit den beiden goldbeladenen Packpferden kommt er bestimmt nicht besonders schnell voran. Ich erwische ihn, wenn Sie mir ’ne Chance geben.“

„Die Chance, sich in Mexiko als reicher Mann zur Ruhe zu setzen – mit meinem Gold.“ Bentley lachte hart. „Sie hatten Ihre Chance, Randlett, als ich Ihnen den Job als Begleitreiter gab. Weiß der Satan, weshalb ich dachte, dass Sie anders als Ihr Vater und Ihre Brüder sind. Vielleicht weil Sie Ihren eigenen Weg als Revolverschwinger gingen. Aber für ’ne Hunderttausend-Dollar-Ladung pfeift wohl jeder Randlett aufs Gesetz!“

„Wenn Sie recht hätten, Bentley, säße ich jetzt nicht im Jail, sondern wäre mit Kinsman unterwegs nach Mexiko.“

„Er hat Sie abgehängt.“

„Das ist Crawfords Meinung.“ Lee spähte zum Fenster. Die Stille dauerte an. „Glauben Sie im Ernst, Tom Kinsman hätte das geschafft? Verhelfen Sie mir zur Flucht, Bentley, und ich verspreche Ihnen als Gegenleistung, dass ich Kinsman und das Gold bei Crawford abliefere als Beweis meiner Unschuld.“ Lee drückte das Gesicht an die Gitterstäbe. „Es steht für uns beide ’ne Menge auf dem Spiel, Bentley. Verlieren Sie also keine Zeit. Gleich geht es wieder los!“

Murren und Fluchen brandete herein. Bentley eilte zu Crawfords Schreibtisch. Der Zellenschlüssel lag auf einem Stapel Steckbriefe. Quietschend schwang die Gittertür auf. Lees Herz klopfte schneller. Aber er berauschte sich nur eine Sekunde an der wiedergewonnenen Freiheit. Sein nächster Gedanke galt dem Remington, den der Sheriff im Schrank verwahrte.

„Lenken Sie die Meute ab“, raunte Lee dem Bankbesitzer zu. „Ich werd’ versuchen …“

Bentley drückte ihm das Gewehr zwischen die Schulterblätter. „Nur keine Hektik! Nehmen Sie die Hände hoch und gehen Sie zur Tür.“

Lee erstarrte. Es war, als hätte sich ein Abgrund vor ihm geöffnet. Die Vorbaustufen knarrten. Männer tuschelten, ein Gewehrschloss knackte.

„Vorwärts!“, befahl Bentley. „Ich bin nicht verrückt genug, mich Ihretwegen von den Diggern in Fetzen reißen zu lassen.“

Lee schaute über die Schulter.

„Sie verdammter, hinterhältiger Bastard!“ Ein Stoß trieb ihn zur Tür.

„Öffnen!“, kommandierte Bentley.

Da fuhr Lee herum. Bentley brauchte nur abzudrücken, aber die Schnelligkeit des Jüngeren überraschte ihn.

Lee fegte die Spencer zur Seite, prallte gegen den fast doppelt so breiten Gegner und schmetterte ihm die Faust ans Kinn. Bentley besaß Kraft, doch die Jahre hinterm Schreibtisch hatten ihn verweichlicht. Er krachte gegen den Aktenschrank. Der Karabiner schlitterte über den Boden.

Lee setzte nach, landete einen Schwinger. Bentley würgte und fiel auf die Knie. Sofort sprang Lee zum Zellengitter, wo die Spencer lag.

Da flog die Tür auf. Männer stürmten herein.

Lee bekam zwar noch die Waffe zu fassen, aber schon stürzten sie sich auf ihn und rissen ihn zu Boden.

 

*

 

Sie schleppten Lee zum Cottonwood vor Brookers Saloon. Riemen schnürten seine Handgelenke zusammen. Schläge und Tritte trafen ihn. Die Town glich einem Hexenkessel. Von allen Seiten strömten die Bewohner herbei, um zuzusehen, wenn Hank Glenfields vermeintlicher Mörder die verdiente Strafe bekam.

Nur Bentley, der Ehrenmann, war im Sheriff’s Office geblieben und kümmerte sich um Crawford. Wahrscheinlich würde er sich, wenn alles vorbei war, darauf berufen, dass er dem Gesetzeshüter das Leben gerettet und an der eigentlichen Lynchaktion nicht teilgenommen hatte.

Lee wünschte ihm die Pest an den Hals. Sein Job bei Bentley sollte der Beginn einer neuen Zukunft sein. Drüben bei Nogales gab es eine kleine Ranch, die er für einen geringen Preis erwerben konnte. Er hatte davon geträumt, den Revolver an den Nagel zu hängen, Rinder zu züchten, vielleicht eines Tages zu heiraten. Nun brachte ihn jeder stolpernde Schritt dem sicheren Tod näher.

Der zuckende Fackelschein erfasste das Seil, das aus dem knorrigen Geäst baumelte. Kalter Schweiß trat Lee auf die Stirn. Unwillkürlich stemmte er sich ein. Es war eine Sache, einem oder auch mehreren Feinden mit dem Sechsschüsser gegenüberzustehen, eine andere, wehrlos für ein Verbrechen zu büßen, das er nicht begangen hatte.

„Setzt ihn auf ein Pferd!“, schrie jemand. Zustimmung erklang. Die Menge schob, drängte, stieß. Der Mann, der einen gesattelten Braunen unter den Galgenbaum führte, hatte Mühe, sich einen Weg zu bahnen. Es war ein schlanker Mexikaner, der zur hüftlangen Jacke und der engen Chivarrahose indianische Mokassins trug. Sein Gesicht lag im Schatten eines fast wagenradgroßen Sombreros. Ein bärtiger Goldgräber entriss ihm die Zügel.

„Hinauf mit ihm!“

Das Pferd schnaubte und stampfte. Der Gefangene versuchte, sich loszureißen.

„Ich bin kein Mörder! Hört mich nur eine Minute an!“

Die keuchend hervorgestoßenen Worte versanken im Lärm. Mehrere Männer wuchteten Lee in den Sattel.

Der Mexikaner packte mit an. Lee spürte einen kalten, harten Gegenstand, der unter seine Wildlederjacke glitt.

Ein Revolver!

Die Augen unter der Sombrerokrempe funkelten. Dann trat der Mexikaner rasch zurück. Die Hanfschlinge baumelte knapp vor Lees Gesicht. Der Bärtige hielt das Pferd.

Flüche und Verwünschungen schwirrten durcheinander. Lees Kehle war trocken. Seine Gedanken wirbelten.

„Legt ihm die Schlinge um!“

„Wartet, gebt ihm noch ’ne Zigarette.“

Die Forderung kam von dort, wo Lee den Sombrero in der Menge entdeckte. Der Mexikaner entfernte sich aus dem Pulk. Niemand beachtete ihn. Alle Blicke galten dem Todgeweihten.

„Meinetwegen“, knurrte der Bärtige.

 

*

Ein knochiger Mann, der eine Wollmütze trug, gab Lee eine frischgedrehte Zigarette.

„Danke, Amigo“, murmelte Lee und beugte sich hinab, als der Digger ein Schwefelholz anriss. Gleichzeitig zog er mit den gefesselten Händen den Revolver unter der Jacke hervor. Es war eine kurzläufige Waffe, zwar nicht seine eigene, aber das gleiche Fabrikat.

Lee blieb nichts anderes übrig, als sich mit einem blitzschnellen, nicht allzu harten Hieb für den Glimmstengel zu bedanken. Der Mützenträger riss einen weiteren Mann um.

Fluchend griff der Bärtige zum Colt. Lee hämmerte dem Braunen die Fersen gegen die Flanken. Der Bärtige durchbrach wie eine Kanonenkugel die lebendige Mauer, die Lee umgab. Wiehernd schnellte das Pferd vorwärts. Die Lyncher schrien.

Lees Stiefel traf einen bulligen Kerl, der ihn aus dem Sattel reißen wollte. Der Wallach rammte zwei nach den Zügeln krallende Digger.

„Deckung!“, heulte ein anderer, als Lees Revolver emporflog. Der Mob spritzte auseinander.

Einige warfen sich zu Boden, wo sie gerade standen. Die anderen sprangen hinter Ecken und Vorbauten. Der Remington flammte.

Lee hielt absichtlich hoch. Es ging ihm nur darum, einen Vorsprung zu gewinnen. Seine eigentliche Chance war die Überraschung. Fackeln fielen auf die Erde. Funken sprühten durch den Staub, den die Hufe hochschleuderten. Lee duckte sich.

Mündungsfeuer blitzten unter einem Vordach. Dann krachte es auch hinter ihm. Männer und Frauen rannten schreiend von der Fahrbahn.

Lee drehte sich halb. Der Revolver in seinen gefesselten Fäusten spie abermals Feuer, Rauch und Blei. Lee sah nur ein Durcheinander von Schatten.

„Knallt den Gaul ab!“

Lee schob den Sechsschüsser in den Gürtel, packte die schlenkernden Zügel und lenkte den Braunen in die nächste Seitengasse. Ein Reiter erwartete ihn. Lee wollte schon zur Waffe greifen, da erkannte er den Sombrero-Mann.

„Mir nach!“, verstand er.

Das Trommeln der Hufe brach sich an Bretterwänden und Zäunen. Dann traten die Häuser auseinander. Bleiches Sternenlicht übergoss die mit Mesquites und Kakteen bewachsenen Kämme, hinter denen weit im Süden die mexikanische Grenze verlief.

Der Mexikaner hielt, zerschnitt Lees Fesseln und reichte ihm die am Sattel befestigte Kürbisflasche. Sie enthielt hochprozentigen Tequila.

Der Mexikaner grinste, als Lee hustete. Lärm schallte von der Main Street. Wutentbrannte Stimmen verlangten Pferde. Lees Helfer brannte sich in aller Ruhe ein Zigarillo an. Die Streichholzflamme beleuchtete ein scharfliniges Gesicht.

Lee kannte es von zahlreichen Steckbriefen. Es gehörte dem derzeit berüchtigsten Bandolero von Sonora, dem Beherrscher der riesigen Wildnis südlich der Mesa del Sol.

„Cuvaldo!“

 

*

 

Die Fersenstöße trieben den Wallach zu einem kurzen Galopp. Nach hundert Yards holte Lee den Mexikaner ein. Die Luft über den Bodenwellen flimmerte. Wie eine Festung aus rötlichem Stein ragte die Mesa del Sol vor den beiden Reitern auf. Der Himmel glich einer glühenden Stahlkuppel. Keine Wolke trübte ihn.

Seit Sonnenaufgang ritt Cuvaldo schnurgerade nach Süden, auf die riesige Steilwand der Mesa zu, in der Lee keinen Durchlass entdeckte. Jenseits davon begann Cuvaldos Reich, das Asyl der Gesetzlosen.

Lee spähte zurück. Die Verfolger waren keine Punkte mehr wie noch vor zwei Stunden. Deutlich hoben sich ihre Silhouetten auf einem Höhenrücken ab. Die Gewehre über den Sätteln funkelten.

„Crawford hat die Hälfte seines Aufgebots zurückgeschickt“, wandte Lee sich an den Bandolero-Jefe. „Zu Fuß! Das bedeutet, dass nun jeder seiner Männer über ein Reservepferd verfügt.“

„Ich kenne Crawford. Er ist ein Fuchs.“ Doch Cuvaldo fand es nicht der Mühe wert, sich umzudrehen. Unbeirrt behielt er Tempo und Richtung bei. Die Mesa rückte näher, ein turmhohes Hindernis. Risse und Nischen durchzogen sie. An ihrem Fuß wucherte mannshohes Gebüsch. Vergeblich hielt Lee Ausschau nach einem Pfad oder Canyoneingang. Achselzuckend genehmigte er sich einen Schluck aus der Sattelflasche.

„Was versprichst du dir davon, dass du mir hilfst? “

„Dein Vater war mein Freund.“

„Mein Vater, nicht ich.“

„Sprechen wir später übers Geschäft“, winkte Cuvaldo ab.

Sie erreichten die Buschwildnis am Fuß der Mesa. Der Mexikaner ritt voran. Dichtbelaubte Zweige verwehrten Lee den Blick auf den Sheriff und seine Reiter. Ein Schatten huschte seitlich vorbei. Cuvaldo reagierte nicht. Vielleicht war es ein Tier gewesen. Lee wunderte sich nicht, als Cuvaldos sein Pferd in eine buschverdeckte Spalte trieb. Der Eindruck, dass darin nur Platz für einen Reiter war, täuschte. Plötzlich war der Bandolero-Jefe verschwunden.

Dann sah Lee den Knick, hinter dem die vermeintliche Nische sich zu einer hohlwegartigen Rinne öffnete. Sie schwang zum Mesaplateau hinauf.

Cuvaldo wartete an der ersten Biegung. Der steinige, steile Pfad zwang ihn, abzusteigen. Es war heiß wie in einer Backstube. Aber weder die Hitze noch die anstrengenden Meilen, die bereits hinter ihnen lagen, schienen dem Mexikaner etwas auszumachen.

„Es führen viele solche Pfade in mein Land“, erklärte er, als Lee anerkennend pfiff.

Lee dachte an die Verfolger. Bisher hatte Cuvaldo nichts unternommen, die Spur zu verwischen. Es schien ihm gleich, wenn Crawford und seine Männer diesen versteckten Zugang in sein Banditenreich fanden.

Ein ungutes Gefühl beschlich Lee. Aber er hatte keine Wahl und folgte Cuvaldo, dessen weichsohlige Mokassins wie Katzenpfoten über die Steine huschten. Lee war froh, dass er Stiefel mit niedrigen Absätzen statt der üblichen hochhackigen Cowboyboots trug.

Sie brauchten trotzdem eine Stunde, bis sie die kahle, nur mit verdorrten Grasbüscheln gesprenkelte Hochfläche erreichten. Ein ständiger leichter Wind blies hier oben. Er trocknete zwar den Schweiß auf Lee Randletts Gesicht, brachte aber keine Kühlung. Die Sonne schien hier greifbar nahe, eine riesige, weiß lodernde Feuerscheibe. Die Mesafläche glühte wie eine Ofenplatte. Lee spürte die Hitze durch die Stiefelsohlen.

Ein metallisches Schnappen lenkte ihn ab. Als er sich umdrehte, sah er sich vier Reitern gegenüber, deren Gewehre auf ihn zielten. Sie saßen in hochbordigen Sätteln. Der Schatten spitzkroniger Sombreros lag auf braunen Gesichtern. Es waren Bandoleros, die hier auf ihren Anführer gewartet hatten.

 

*

 

„Alles in Ordnung, Amigos!“, rief Cuvaldo. „Er ist Joe Randletts Sohn.“

Lee grinste schief. Am liebsten hätte er sich auf der Stelle verabschiedet. Der Breitschultrige mit dem pechschwarzen Sichelbart brachte Cuvaldo ein frisches Pferd.

„Ich bin Santiago, Compadre“, grüßte er Lee zähnefletschend. Es klang wie eine Warnung. Die Männer, Lee eingeschlossen, folgten dem Jefe an die nördliche Mesakante. Der Sheriff und seine acht Reiter waren nur mehr zweihundert Yard vor dem Buschgürtel.

Sie hielten genau auf die Stelle zu, wo Lee und Cuvaldo verschwunden waren. Neben jedem Aufgebotsreiter trabte ein Sattelpferd. Lees Atem stockte, als er die zwischen den Manzanita- und Kreosotsträuchern kauernden Gestalten bemerkte. Sie hatten sich im Halbkreis verteilt, verharrten völlig reglos. Gewehre und Macheten lagen in ihren Fäusten. Das eilige Pochen der Hufe ließ Lee keine Zeit, sie zu zählen. Jetzt wusste er, weshalb Cuvaldo keine Spur verwischt hatte und sich so sicher fühlte. Bei dem Schatten vorhin hatte es sich um kein Tier gehandelt.

Ahnungslos näherten sich Crawford und seine Begleiter dem tödlichen Hinterhalt. Vielleicht gehörte der eine oder andere von ihnen zu den Lynchern. Doch das machte für Lee keinen Unterschied. Mitch Crawford selbst war auf alle Fälle ein gerechter, wenn auch manchmal überkorrekter Mann. Lee überlegte nicht lange, riss den Revolver heraus und feuerte zwei Schüsse über die Männer des Aufgebots. Er sah noch, wie sie ruckartig die Pferde stoppten, zur Mesakante spähten und die Karabiner hoben.

„Gringo maldito!“, schrie der Sichelbärtige. Sein Hieb mit dem Gewehrkolben warf Lee vom Pferd. Ein stechender Schmerz lähmte für einige Sekunden seinen rechten Arm. Die Bandoleros im Dickicht fassten die Schüsse als Signal auf. Ihre Gewehre krachten. Einer von Crawfords Reitern stieß einen Schrei aus. Aber noch waren sie weit genug von den Sträuchern entfernt, die obendrein die Sicht der Schützen behinderte. Lee hörte das Peitschen der Schüsse, die Rufe der Männer und das Wiehern der Pferde seltsam gedämpft.

Santiago sprang ab, wechselte das Gewehr in die Linke und berührte die Kehle des am Boden liegenden Americanos mit der rasiermesserscharfen Machete.

„Fahr zur Hölle, Gringo!“

 

*

 

Hufe stampften. Cuvaldos Schatten fiel auf Lee und den Sichelbärtigen. Ruhig brannte der schlanke Mexikaner sich ein Zigarillo an.

„Sein Tod kostet uns hunderttausend Dollar, Muchacho. Crawford ist nicht so wichtig. Schließlich befinden wir uns bereits auf mexikanischem Boden.“

Widerstrebend ließ der Sichelbärtige das Haumesser sinken. Der Lärm am Fuß der Mesa wurde schwächer. Ein Bandolero meldete: „Sie fliehen, Jefe!“

Cuvaldo nickte. Er hatte nichts anderes erwartet. Lee erhob sich. Schulter und Arm schmerzten noch, aber er konnte wenigstens wieder die Hand bewegen.

„Cuvaldo, ich hab das Gold nicht.“

„Aber dein Kumpan.“ Cuvaldos Hände ruhten lässig auf dem silberbeschlagenen Sattelhorn. Der heiße Wind umfächelte ihn. „Ihr seid uns zuvorgekommen. Wir wollten die Kutsche erst kurz vor Nogales abfangen. Kinsman hat das Gold wahrscheinlich versteckt, damit es ihn auf der Flucht nicht behindert. Du weißt bestimmt, wo.“

Er hob eine Hand, als Lee antworten wollte. „Hör mich erst an. Das Gold nützt euch nichts, wenn außer den Sheriffs und Marshals von Arizona auch noch die Rurales hinter euch her sind. Hunderttausend Dollar in Goldstaub und Nugget, dafür steht ganz Sonora kopf!“

„Kinsmans Problem. Ich hab nicht …“

Cuvaldo wies nach Süden. Ein Labyrinth von Canyons, Bergketten, Kakteenwäldern, Arroyos und flimmernden Wüstenflächen erstreckte sich bis zum fernen Horizont. Im Südosten dämmerte die Silhouette der Sierra Madre. Nach Western zu reichte die Sicht bis zu den Ausläufern der Gran Desierto.

„Mein Land“, erklärte der Anführer der Bandoleros selbstbewusst. „Es bietet absolute Sicherheit für jeden, der den von mir geforderten Tribut entrichtet. Gejagte, die vor dem Gesetz bereits über den halben Kontinent flüchteten, leben hier unangetastet, solange sie sich meinem Kommando fügen.“

Cuvaldo nahm das Zigarillo aus dem Mund.

„Auch die Randlett-Bande war oft zu Gast. Daher kenne ich Tom Kinsman. Wie gesagt, dein Vater war mein Freund. Wir haben gemeinsam manchen Coup erledigt.“ Der Mexikaner lächelte. Aber es war ein Lächeln, das die Augen nicht erreichte. „Du wirst in meiner Festung nichts entbehren, Lee Randlett, weder gutes Essen, noch eine reichliche Auswahl an Getränken und hübschen Muchachas. Du kannst ein halbes Jahr und länger warten, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Und das alles, ohne ’nen Dollar von der Beute einzubüßen. Ich begnüge mich mit Kinsmans Anteil.“

Er lachte, dann rauchte er weiter. Die anderen hatten sich inzwischen um Lee verteilt. Kein Schuss und kein Schrei schallte mehr herauf. Nur der Wind säuselte, und im Hohlweg rollten Steine. Lee schüttelte den Kopf.

„Mein ganzes Vermögen besteht aus fünfzig Dollar. Deine Mühe war umsonst, Cuvaldo. Hank Glenfield war Kinsmans Kumpan. Ich hab mit dem Raub nichts zu tun.“

Die Lässigkeit fiel wie eine Hülle von Cuvaldo ab. Er starrte Lee aus schmalen Augen an. Seine Rechte glitt zum Colt.

„Du lügst!“

Die Mexikaner hoben wieder die Gewehre. Lee hatte beim Sturz vom Pferd den Remington verloren. Aber es war sinnlos, den Bandoleros etwas vorzumachen.

„Es ist die Wahrheit. Du änderst nichts, wenn du mich tötest.“

„Ich will das Gold, nicht deinen Skalp, Randlett. Ich kenne Mittel, dich zum Reden zu bringen. Santiago zum Beispiel ist ein Spezialist mit der Machete.“

Der Sichelbärtige grinste wölfisch. Mit dem Daumennagel prüfte er die Schärfe des Haumessers. Cuvaldo wies auf die Felsrinne.

„Ich kann dich aber auch meinen Yaquis überlassen. Sie foltern ihre Gefangenen manchmal tagelang. Überleg dir’s, Randlett. Du hast eine halbe Stunde.“

 

*

 

Es waren zwölf Mann, drei Mexikaner, die anderen reinblütige Yaqui-Indianer. Einige trugen nur Lendenschurz und Mokassins. Ihre Gefährten waren in zerschlissenes Baumwollzeug gehüllt. Sie waren mit Karabinern und Macheten bewaffnet. Die breitknochigen Gesichter glichen Bronzemasken. Lee spürte einen bleiernen Druck im Magen. Die Yaquis galten nicht nur als hervorragende Läufer, es hieß auch, dass jeder von ihnen gefährlich wie zwei Apachen war. Sie kamen zu Fuß. Nur die drei Mexikaner führten Pferde mit.

Der Pockennarbige mit der Halskette aus Silbermünzen war der Anführer des Trupps. Am Sattel seines Falben waren drei Pferde festgeleint. Zwei davon trugen Packsättel.

Lee spannte sich, als er die Tiere erkannte, mit denen Tom Kinsman nach dem Überfall auf Bentleys Goldkutsche entkommen war. Cuvaldo trat zu ihnen.

„Das Signal kam zu früh, Jefe!“, verteidigte sich der Pockennarbige sofort. „Wir konnten nur einen von den verdammten Gringos verwunden. Der Sheriff ließ sich auf keinen Kampf ein.“

„Was für Gäule sind das?“

„Kinsman hat sie gegen ein frisches Pferd und eine volle Wasserflasche eingetauscht. Er hatte es ziemlich eilig und wollte nicht warten, bis die Tiere sich erholten. Kein schlechter Handel. Ich schätze jeden Braunen auf vierzig Dollar.“ Der Pockennarbige bemerkte das Funkeln in Cuvaldos Augen und trat zurück. „Stimmt was nicht, Jefe?“

„Wann habt ihr Kinsman getroffen?“ Ein drohender Unterton vibrierte in Cuvaldos Stimme. Die Gesichter der Yaquis blieben ausdruckslos. Der Pockennarbige schluckte.

„Gestern, kurz nachdem du nach Harpersville geritten bist, Jefe. Kinsman kam über die Mesa. Er war ja früher schon einige Male hier. Er wollte keine Bleibe, nur ein frisches Pferd.“

„Wo ist das Gold?“

Der Bandolero wich einen weiteren Schritt zurück. Seine Augen flackerten. „Welches Gold?“

Cuvaldo ballte die Fäuste, dann wandte er sich abrupt den Packpferden zu.

„Kinsman besaß nur die Gäule, seine Waffe und ein bisschen Proviant“, berichtete der Pockennarbige hastig. „Er erwähnte, dass er mit Freunden an der Küste verabredet sei und keine Zeit verlieren dürfe. Randletts Sohn brächte inzwischen das geraubte Gold in Sicherheit. Sie wollten später …“

Cuvaldo schob die angefeuchteten Finger in die leeren Ledertaschen. Als er sich umdrehte und die Hand hob, glitzerte Goldstaub an ihr. „Und was ist das?“

Der Truppführer verfärbte sich. Santiago konnte sich ein schadenfrohes Grinsen nicht verkneifen. Er passte die ganze Zeit mit der Machete wie ein Wachhund auf Lee auf. Cuvaldo wischte die Hand an der Chivarrahose ab.

„Wo seid ihr Kinsman begegnet?“

„Im Arroyo Fuego.“

„Das bedeutet, dass Kinsman das Gold aller Wahrscheinlichkeit nach auf meinem Land versteckte“, knirschte der Anführer. „Gold im Wert von hunderttausend Gringodollars! Und ihr habt ihn einfach reiten lassen!“

„Jefe, wir konnten nicht ahnen …“

Cuvaldo zog und schoss. Kein Auge vermochte der Bewegung zu folgen. Die Kugel schleuderte den Pockennarbigen zu Boden. Der Einschuss befand sich genau über dem Herzen.

Lee fröstelte. Er selber war ein ausgezeichneter Revolverschütze. Aber er hatte noch keinen Mann so schnell, treffsicher und kaltblütig schießen sehen. Die Pferde wieherten. Cuvaldos Colt bedrohte die beiden mexikanischen Gefährten des Pockennarbigen.

Es war bezeichnend, dass er von den Yaquis nichts befürchtete. Offenbar konnte er sich auf sie, was auch geschah, hundertprozentig verlassen. Ihre Mienen blieben unbewegt. Der jähe, gewaltsame Tod war für sie Bestandteil dieses Landes, so selbstverständlich wie Hitze, Durst und Trockenheit. Genaugenommen war es nicht Cuvaldos Land, sondern das Land ihrer Vorfahren. Sie, die schweigsamen und grausamen Kämpfer der Sierra, waren hier vielleicht immer noch die eigentlichen Herren. Angst malte sich auf den Gesichtern der beiden Bandoleros.

„Wohin ritt Kinsman?“

„Nach Süden, Jefe.“

„Das weiß ich auch, Dummkopf. Ebenso steht fest, dass er seine Spur nach dem Zusammentreffen mit euch garantiert verwischte.“

„Ich kenne sein Ziel“, mischte Lee sich ein. Er wartete, bis Cuvaldo sich umdrehte. Die Waffe des Mexikaners deutete auf seine Gürtelschnalle.

„Es gibt ein Dorf an der Golfküste, wo mein Vater seit vielen Jahren Helfer besitzt. Wahrscheinlich will Tom Kinsman mit ihnen die Beute bergen.“

„Wie heißt das Kaff?“

„Das ist mein Trumpf. Du wirst mich töten, wenn ich’s dir verrate.“

„Ich werde dich töten, wenn du es nicht sagst.“

„Dann schieß.“ Lee lächelte furchtlos. „Du wirst weder Kinsman noch das Gold finden. Mach dir keine Hoffnungen, dass du mich zum Reden bringst. Vergiss nicht, dass ich ein Randlett bin.“

„Was verlangst du?“

„Waffen, ein Pferd, meine Freiheit.“

„Du willst selbst hinter Kinsman her?“

„Nur wenn ich ihn stelle und dem Sheriff übergebe, kann ich meine Unschuld beweisen.“

„Pfeif drauf!“ Cuvaldo holsterte den Colt und legte Lee die Hand auf die Schulter. Er tat, als hätte er ihn nie bedroht. „Das Gold reicht für uns beide. Mit der Hälfte davon hast du für den Rest deines Lebens ausgesorgt.“

Lee wusste, dass es sein Todesurteil bedeutete, wenn er dem Bandolero-Jefe klarmachte, dass er nicht nur Kinsman, sondern auch die Beute nach Harpersville zurückschaffen wollte. Er hob die Schultern.

„Nur Kinsman kennt das Versteck. Sein Vorsprung wächst mit jeder Minute, die wir hier verlieren.“

„Begleite ihn!“, befahl Cuvaldo dem Sichelbärtigen und seinen Kumpanen. „Wenn er einen Trick versucht, tötet ihn!“

 

*

 

Im Gewirr der Schluchten, Arroyos und Kaktusbarrieren brauchte ein Reiter einen halben Tag, um zehn Meilen zurückzulegen. Eine ganze Armee konnte in dieser von der Sonne ausgeglühten Wildnis spurlos verschwinden. Das Land war voller Schlupfwinkel.

Aber wehe dem Eindringling, der die auf keiner Karte vermerkten Wasserstellen nicht kannte und sich in dem Fels und Kakteenlabyrinth verirrte! Ein grausamer Tod war ihm gewiss, ohne das Cuvaldos Patrouillenreiter etwas zu unternehmen brauchten.

Lee und seine Vier-Mann-Eskorte stießen erst am übernächsten Tag auf eine Spur von Kinsman. Es war Lee, der das Büschel Pferdehaare an einem Birnenkaktus entdeckte. Ein paar Yards weiter gab es einen halbverwischten Hufabdruck, sonst nichts; Aber nun wussten sie wenigstens, dass die Richtung stimmte.

Nach einer weiteren Nacht unter funkelndem Sternenhimmel erreichten sie die Südwestgrenze von Cuvaldos Land. Ein mehrere Meilen breites Plateau erstreckte sich vor den zerklüfteten Flanken der Sierra Cobarca. Fels- und Kakteengruppen bedeckten es. In den Mulden kümmerte halbverdorrtes Gras. Eine Stunde später zügelten sie die Pferde im Schatten hoher Kandelaberkakteen. Kinsmans Fährte verlief so deutlich vor ihnen, als wäre der ehemalige Bandit erst vor wenigen Minuten hier vorbeigekommen.

„Hast ’ne gute Nase, Gringo“, brummte Santiago, stieg ab und untersuchte die Hufabdrücke. Er ließ sich Zeit. Lee drehte sich inzwischen eine Zigarette. Die drei anderen Bandoleros flankierten ihn. Auf dem ganzen Ritt hatten sie nur die nötigsten Worte gewechselt. Die Kerle schienen ständig misstrauisch und angespannt. Etwas Wölfisches haftete ihnen an. Zufrieden kehrte Santiago zu den Reitern zurück.

„Sein Pferd lahmt. Die Fährte ist gerade zwei Stunden alt. Bis Sonnenuntergang haben wir ihn.“

Lee grinste. „Das hätte ich dir gleich sagen können.“

Der Sichelbärtige schob den Sombrero aus der Stirn mit der Linken. Die Rechte umfasste den Colt. Es war das Zeichen für die anderen, ihre Karabiner auf Lee zu richten.

„Dann weißt du auch, dass wir dich nicht mehr brauchen, Gringo. Wir erwischen Kinsman nun auch ohne dich.“

„Umgekehrt wird ein Stiefel draus.“ Lee blies einen Rauchring in die flimmernde Luft. „Ich hab nämlich vorgesorgt und eure Waffen in der vergangenen Nacht entladen, Muchachos.“

Die angerauchte Zigarette wirbelte weg. Lees 38er sauste aus dem Leder. Ein blitzschneller Hieb warf den Reiter rechts neben ihm aus dem Sattel. Die beiden anderen zogen instinktiv die Stecher durch. Es klickte nur.

Lee riss den Wallach nach links. Der Braune prallte gegen das Pferd eines Mexikaners. Bevor der Mann seine Waffe als Keule benutzen konnte, fegte Lees Revolverlauf auch ihn zwischen die Kakteen. Staub umhüllte die Männer.

Mit einem Wutschrei schwang Santiago die Machete. Lee entging dem sausenden Kolbenhieb des dritten Gewehrbesitzers und sprang ab. Er glitt an den Pferden vorbei, wich auch dem Haumesser des Sichelbärtigen aus und stellte dem Gegner ein Bein. Der eigene Schwung verhalf dem Mexikaner zu einer Bauchlandung. Sofort wirbelte Lee herum.

Der Reiter fegte wie ein riesiger Schatten vor dem Hintergrund des glutübergossenen Wildnishimmels auf ihn zu. Beide Hände umklammerten den Karabinerlauf. Lee ließ den Revolver fallen, unterlief den mörderischen Hieb und riss den Angreifer herab. Der Bandolero stürzte auf ihn. Blitzschnell vertauschte er den Karabiner mit einem schmalen, zweischneidigen Dolch.

Lee drosch ihm die geballte Rechte seitlich ans Kinn, rollte sich weg und sprang auf. Der Remington lag drei Schritte hinter ihm. Aus den Augenwinkeln bemerkte er, dass auch Santiago wieder auf die Beine kam. Da stieß der Dolchbesitzer sich wie ein Raubtier ab. Ein Sonnenstrahl blitzte auf der Klinge.

„Vaya al Diablo!“, kreischte er. Lee knickte wie unter einem Kugeleinschlag ein. Die Knie bohrten sich in den Sand, der Oberkörper krümmte sich. Es sah aus, als versuchte der gegen ihn prallende Angreifer einen Salto. Die eigene Klinge bohrte sich ihm in die Brust.

Lee federte hoch, drehte sich und stand Santiago gegenüber. Der linke Fuß des Sichelbärtigen presste Lees Sechsschüsser in den Sand. Die Machete blinkte. Hass loderte in Santiagos Augen. Ein Probehieb durchschnitt fauchend die Luft. „Ich werde dir die Hände abhacken und auf die Kakteen spießen, Gringo!“

Lee spuckte den Sand aus, der ihm zwischen die Zähne geraten war. „Übernimm dich nicht.“

Die Machete fauchte wieder. Drohend bewegte sich der stämmige Mexikaner auf Lee zu. Er wartete vergeblich darauf, dass der Unbewaffnete zurückwich.

Lee bückte sich, seine Rechte schnellte hoch. Eine Handvoll Sand spritzte Santiago ins Gesicht. Er brüllte, schlug blindlings mit der Machete zu. Lee prallte wie ein Rammbock gegen ihn und stieß ihn um.

Fluchend rollte Santiago zur Seite. Er hielt immer noch die Machete, als er wutschnaubend hochfuhr.

Lee kniete fünf Schritte vor ihm. Santiagos Colt lag in seiner Rechten. Mit der Linken umfasste er das Handgelenk.

„Wirf das Messer weg, Compadre. Ich brauch’ keine Rasur.“

Ein wildes Grinsen zuckte über Santiagos Gesicht.

„Du vergisst, dass meine Kanone nicht geladen ist, Gringo.“

„Irrtum. Ich vergaß zu erwähnen, dass ich nur an eure Gewehre rankam, nicht an die Colts.“

Der Sichelbärtige machte ein Gesicht, als hätte ihm jemand eine Klapperschlange unters Hemd gesteckt.

„Pass auf, dass dir die Augen nicht rausfallen“, warnte Lee. Da drehte der Mexikaner durch.

„Du bluffst nur!“, schrie er und stürzte vorwärts.

Lee feuerte. Die Kugel prellte Santiago das Haumesser aus der Faust. Lee sprang auf und stieß dem Tobenden die Coltmündung über die Gürtelschnalle. Ächzend fiel der Bandolero auf die Knie. Er presste beide Hände gegen den Bauch.

„Bist später, Compadre!“, verabschiedete sich Lee. „Ich hoffe, du hast nichts dagegen, dass ich mir eure Pferde ausleihe.

 

*

 

Die letzten Sonnenstrahlen lagen auf den Lehmhütten des Mexikanerdorfs. Ringsum dehnte sich Mais, Bohnen und Zwiebelfelder. Bewässerungsgräben durchzogen sie. Bewaldete, von Klippen durchbrochene Berghänge umschlossen das einsame Tal.

Kein Laut drang zu dem staubbedeckten Reiter. Es war ein unwirkliches, beklemmendes Schweigen. Das Dorf wirkte verlassen, wie von einer Seuche entvölkert. Das einzige Lebewesen war das Pferd unter der knorrigen Steineiche, die den Dorfplatz beherrschte.

Es trug einen hochbordigen Sattel. Wasserflasche, Lasso und ein leeres Gewehrfutteral hingen an ihm.

Lee Randlett brauchte kein Fernglas, um zu erkennen, dass es Tom Kinsmans Pferd war. Die Spur führte genau hierher. Aber so sehr Lee auch seine Augen anstrengte, er entdeckte kein Lebenszeichen von dem Mann, für dessen Verbrechen er in Harpersville büßen sollte.

Kopfschüttelnd saß Lee ab. Er befand sich auf einer felsigen Anhöhe. Die Pferde bewegten sich unruhig. Sie witterten die Nähe von Wasser. Lee band den Braunen, an dem die anderen Gäule festgeleint waren, an eine abgestorbene Kiefer. Die Sonne lugte nur mehr fingerbreit über die Felskämme im Westen.

Details

Seiten
117
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934694
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v509355
Schlagworte
hunderttausend dollar gold

Autor

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Titel: Hunderttausend Dollar dreckiges Gold