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Die Quarantäne-Zone

2019 300 Seiten

Zusammenfassung

Als der Amtsrichter Andreas Betz gemeinsam mit seiner Freundin Gisa Wormser, die Geburtstagsfeier an Bord des Schiffes lustvoll in den handfesteren Freuden der Liebe ausklingen lässt, ist die Welt noch in Ordnung. Doch zu diesem Zeitpunkt ist das Unfassbare, das das Leben des Richters nachhaltig beeinflussen und die ganze Welt verändern soll, bereits geschehen: Ein junger Mann, ein Bluter, verletzt sich, sein Blut wird einer Routinekontrolle unterzogen – das erschreckende Ergebnis lautet »serumpositiv«.
Weitere gentechnische Analysen, die an ihm vorgenommen werden, weisen auf einen neuen Virus hin, einen kleinen, vielfach gefährlicheren Bruder der bisher bekannten Form der Immunschwächekrankheit. Er ist jedoch ansteckend wie eine Grippe und absolut tödlich, ohne dass die Medizin wirklich etwas dagegen tun könnte. Ein Wettlauf mit dem Tod beginnt. Innerhalb nur kurzer Zeit verändern sich Welt und Leben der Menschen radikal. Immer mehr Krankheitsfälle treten auf, die Presse kommt der Sache auf die Spur, und die Seuchengefahr wird öffentlich. Die Gesellschaft reagiert hysterisch; außer Hygiene zählt nichts mehr. Das Leben erstarrt in Eiseskälte. – Nur jene Menschen, die sich mit dem neuen Virus infiziert haben, brauchen sich nicht zu fürchten. In der Quarantänestation entwickelt sich eine neue Qualität menschlichen Lebens.

Dieses Buch wurde im deutschen Fernsehen mit Günther Maria Halmer in der Hauptrolle verfilmt. Das Drehbuch dazu schrieb Fred Breinersdorfer.

Leseprobe

Table of Contents

Die Quarantäne-Zone

Klappentext:

Sonntag, Nacht

Sonntag, nach Mitternacht

Sonntag, nach Mitternacht

Montag, lange vor Sonnenaufgang

Montag, früher Morgen

Montag, Arbeitsbeginn

Montag, Vormittag

Montag, Vormittag

Montag, später Vormittag

Montag, später Vormittag

Montag, gegen Mittag

Montag, Nachmittag

Montag, später Nachmittag

Montag, Abend

Montag, Abend

Montag, später Abend

Montag, Nacht

Dienstag, Vormittag

Dienstag, Vormittag

Dienstag, Mittag

Dienstag, früher Nachmittag

Dienstag, später Nachmittag

Dienstag, später Nachmittag

Dienstag, später Nachmittag

Dienstag, Abend

Dienstag, Nacht

Dienstag, Nacht

Dienstag, Nacht

Dienstag, Nacht

Dienstag, Nacht

Mittwoch, Morgen

Mittwoch, später Morgen

Mittwoch, gegen Mittag

Mittwoch, Mittag

Mittwoch, Nachmittag

Mittwoch, später Nachmittag

Mittwoch, später Nachmittag

Mittwoch, Abend

Mittwoch, Nacht

Donnerstag, Morgen

Donnerstag, Vormittag

Donnerstag, gegen Mittag

Donnerstag, Mittag

Donnerstag, früher Nachmittag

Donnerstag, später Nachmittag

Freitag, vor dem Morgengrauen

Freitag, früh am Morgen

Freitag, Vormittag

Freitag, Vormittag

Freitag, Mittag

Freitag, Mittag

Freitag, später Nachmittag

Freitag, später Nachmittag

Freitag, später Nachmittag

Freitag, gegen Abend

Freitag, gegen Abend

Freitag, Abend

Freitag, Abend

Freitag, später Abend

Freitag, später Abend

Freitag, Nacht

Freitag, Nacht

Samstag, vor dem Morgengrauen

Samstag, im Morgengrauen

Samstag, früher Morgen

Samstag, Morgen

Samstag, gegen Mittag

Samstag, früher Nachmittag

Samstag, früher Nachmittag

Samstag, Nachmittag

Samstag, später Nachmittag

Samstag, gegen Abend

Samstag, später Abend

Samstag, Nacht

Samstag, Nacht

Sonntag, früher Morgen

Sonntag, früher Morgen

Die Quarantäne-Zone

 

 

von Fred Breinersdorfer

 

 

Thriller

 

 

Eine deutsche Großstadt in naher Zukunft

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Christian Dörge

Korrektorat: Kerstin Peschel

Früherer Titel: Quarantäne

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

Als der Amtsrichter Andreas Betz gemeinsam mit seiner Freundin Gisa Wormser, die Geburtstagsfeier an Bord des Schiffes lustvoll in den handfesteren Freuden der Liebe ausklingen lässt, ist die Welt noch in Ordnung. Doch zu diesem Zeitpunkt ist das Unfassbare, das das Leben des Richters nachhaltig beeinflussen und die ganze Welt verändern soll, bereits geschehen: Ein junger Mann, ein Bluter, verletzt sich, sein Blut wird einer Routinekontrolle unterzogen – das erschreckende Ergebnis lautet »serumpositiv«.

Weitere gentechnische Analysen, die an ihm vorgenommen werden, weisen auf einen neuen Virus hin, einen kleinen, vielfach gefährlicheren Bruder der bisher bekannten Form der Immunschwächekrankheit. Er ist jedoch ansteckend wie eine Grippe und absolut tödlich, ohne dass die Medizin wirklich etwas dagegen tun könnte. Ein Wettlauf mit dem Tod beginnt. Innerhalb nur kurzer Zeit verändern sich Welt und Leben der Menschen radikal. Immer mehr Krankheitsfälle treten auf, die Presse kommt der Sache auf die Spur, und die Seuchengefahr wird öffentlich. Die Gesellschaft reagiert hysterisch; außer Hygiene zählt nichts mehr. Das Leben erstarrt in Eiseskälte. – Nur jene Menschen, die sich mit dem neuen Virus infiziert haben, brauchen sich nicht zu fürchten. In der Quarantänestation entwickelt sich eine neue Qualität menschlichen Lebens.

 

Dieses Buch wurde im deutschen Fernsehen mit Günther Maria Halmer in der Hauptrolle verfilmt. Das Drehbuch dazu schrieb Fred Breinersdorfer.

 

 

***

 

 

Sonntag, Nacht

 

 

Das Schiff wiegt sich im Strom, tanzt an den Tauen, die wie alte gebrechliche Weiber ächzen. Betz sitzt im oberen Salon des Schiffes, der während der Feier unzugänglich geblieben ist, weil er mit Bänken zugestellt war, und trinkt Rotwein aus der Flasche. Er ist sicher, dass ihn das Getränk umhauen wird, nach all dem Bier, Sekt und Schnaps. Aber er liebt das Lutschen und Suckeln und den herben Geschmack. Draußen glänzt hinter Regenschleiern die Stadt.

Vor dem Anleger blinkt ein Auto mit den Scheinwerfern ein sinnloses Morsealphabet. Kreischen, Gelächter von den letzten Gästen. Als ein Rest vom Feuerwerk furzen Schweizer Kracher auf dem Asphalt herum. Auf jeden der feuchtigkeitsgedämpften Schläge folgen wieder Johlen und Grölen. Es scheint, als finde der sonntägliche Brunch nun endlich sein verdientes Ende.

Schließlich fährt das Auto doch noch ab. Ein zweites folgt. Zurück bleibt ein Paar, das Betz im gelben Gegenlicht der Straßenlaterne unter einem Schirm miteinander knutschen sieht, die Körper aneinander geschmiegt. Die Köpfe gehen hin und her wie Pendel einer langsamen Uhr. Bis schließlich eine der beiden Silhouetten mit stoßenden Bewegungen des Unterkörpers beginnt, die von der anderen Silhouette harmonisch aufgenommen werden. Der Pendelschlag der Kopfuhren geht schneller.

Betz, nun aufmerksam geworden, steht auf und tritt ans Fenster. Aber er kann nicht erkennen, wer wem das Kopulieren verspricht. Er grinst, auch wenn er nicht herausbekommt, ob Melanie von der Geschäftsstelle es vielleicht mit dem Vorstand des Amtsgerichts zu treiben verspricht oder die so gesetzt erscheinende Amtsrichterin Schultheiß, über welche die Kollegen wegen ihrer gierigen Augen so gerne lästern. Wenn die Schultheiß, dann aber mit wem?, fragt sich Betz und schneidet eine Grimasse, suckelt an der Flasche, zuckt mit den Schultern, feixt für sich und beobachtet mit Gelassenheit, wie nun die nicht erkennbare Frau, ihr Geschlecht ist an der Silhouette des Rockes zu definieren, ihren Liebhaber der nächsten Stunde mit sich zieht. Beide verschwinden in der nassen Dunkelheit. Bald heult ein Motor auf und ein Fahrzeug schießt unter Fernlicht davon.

Die Scheinwerfer streifen ein rundes, glatt rasiertes Gesicht, dessen Stirn in einer Glatze ausläuft, die von militärisch kurzem, braunem Haar bekränzt wird. Die Augen scheinen im grellen Licht für den Bruchteil einer Sekunde in ihrer grünen, prächtigen Farbe. Der ein wenig gebückte, trotzdem athletisch wirkende Körper mit seltsam schmalen, ja fast zierlichen Händen, die mit der Beaujolaisflasche spielen, pendelt hin und her. Betz schließt für eine Sekunde die Augen, dann ist der Lichterspuk vorbeigeflogen. Das Brüllen des Motors vergurgelt an der Kurve hinter den Lagerhäusern.

Nun kann sich Andreas Betz wieder zurücklehnen, den Geräuschen des tanzenden Schiffs lauschen und auf seine eigene Liebhaberin warten, die ja versprochen hat zu kommen. Unter dem Kiel gluckst und schlürft das Wasser. Betz schnüffelt, riecht den alten Lack und den Duft des Flusswassers, Tang und Algen. Seltsame Laute mischen sich in seine Wahrnehmung, metallische Schläge wie an Heizungsrohre, Schnarren ungeölter Scharniere. Es scheint, als schließe jemand das Schiff ab. Da, endlich klappern lustig Pfennigabsätze über das Holz des Anlegers.

»Komm, gib den Schlüssel her, alter Herr«, hört Betz die helle Stimme Gisas rufen und hinzufügen: »Hab dich nicht so, ich kann auch deinen Kahn abschließen. Taue fest?«

Ein Gebrumm ist die Antwort. Schließlich nimmt Betz stampfende Schritte wahr, die sicher zum Schiffer gehören. Dann ist es ruhig auf dem Kahn.

Kein Geräusch, außer jenen, die das Schiff in seinem Ruhezustand verursacht. Betz ertappt sich bei der Überlegung, ob Gisa sich irgendwo, vielleicht auf der metallenen Bordtoilette, die überall Rostsprenkel hat, für die nächste Stunde herrichtet? Ob sie sich schminkt, kritisch ihr Gesicht überprüft? Oder sie pinkelt sich ganz einfach aus und bohrt dabei in der Nase. Für Betz ist nur wichtig, dass sie bald kommt. Nicht, dass er vor Erregung geplatzt wäre, er sitzt hier gut und süffelt, aber irgendwie muss es weitergehen mit dieser Nacht, denkt er. Er stößt mit der Spitze seines linken Fußes an die gegenüberliegende Bank und stellt dabei fest, dass diese nicht fest montiert ist und sich bewegt. Ein wenig unkonzentriert mustert er das Szenarium um sich, sich gleichzeitig fragend, wie denn technisch ein zärtlicher Liebesakt auf all diesen übereinandergestapelten hölzernen Sitzgelegenheiten zu bewerkstelligen sei.

Die Schiebetür rasselt. Betz fährt heftig zusammen, weil er vorher keine Schritte gehört hat. Er fühlt sich ertappt, lächelt, als er Gisa im schrägen gelben Licht sieht, das die Straßenlaterne draußen spendet. Sie ist klein, fast winzig, zerbrechlich. Ihre rötlichblonden Haare wirken in dieser Beleuchtung dunkler, fast brünett, das Sommersprossengesicht wie gut gebräunt. Die kleine Nase, die volle Unterlippe gleichen aus der Distanz betrachtet Strichen. Und die burschikos geschnittenen, kurzen Haare verbergen die ein wenig abstehenden Ohren, an denen Betz sie vorhin beim Tanzen gezupft hat, um sie zu ärgern. Er fühlt sie nähertreten. Er riecht ihren frischen Duft nach Parfüm, Alkohol und Schweiß. Er ist froh, dass sie nicht ihre Brille trägt. Statt sie aber mit offenen Armen leidenschaftlich zu empfangen, steht er da wie ein Esel mit hängendem Kopf, in einer Hand die Weinflasche, und schnüffelt mit bebenden Nüstern. Gisa hustet ein wenig, ihre Hand berührt streichelnd, aber nur sehr flüchtig seine Wangen und seinen Hals. Er will sie an sich ziehen, sie umarmen, diesen tiefen Kuss voller Hitze von vorhin wiederholen. Doch sie schlüpft ihm weg, kniet auf eine Bank, die ein gequältes Quietschen von sich gibt, und macht sich rasch mit kundigen Händen über seinen Hosenladen her, kramt, ja, muss kramen, denn was ihr da in die Hände fällt, ist ein kleines, schüchternes Schnippelchen, vierzigjährig und fast kalt anzufühlen. Sie nimmt es in den Mund, küsst es, beißt ein wenig mit spitzen Zähnchen darauf herum. Und Betz hält immer noch seine Weinflasche in der Hand, starrt nun mit aufgerissenen Augen hinaus auf die Straße, auf der im Schritttempo nun ein Polizeiwagen patrouilliert. Er tastet nach ihrem Kopf, streichelt die kurzen Haare so zärtlich es gerade geht, immer noch atemlos und sprachlos wegen der plötzlichen Attacke ihrer körperlichen Liebe. Er klappert mit der Weinflasche auf einer Bank herum, bis er einen scheinbar sicheren Platz gefunden hat, dann fasst er den Kopf des Mädchens mit beiden Händen, entwindet sich ihrem saugenden Mund und kniet auf den Sitz der Bank nieder. Jetzt endlich kommt der lange, feuerheiße Kuss, mit dem der Amtsrichter Betz in seinem Liebesszenarium üblicherweise die Zärtlichkeiten beginnt. Auf diese Weise gewinnt er ein wenig seine Sicherheit zurück. Ihr Mund fühlt sich weich und voll an, die Zunge geht flink auf seine trägen Vorschläge ein. Mit der linken Hand tastet er sich geschickt unter ihr Polohemd und an die kleinen Brüste, deren Spitzen so steif sind, wie ein gerade vierzigjähriger Amtsrichter sich gerne seinen Schwanz wünscht. Dieser nämlich, der ungewohnten Nachtluft ungeschützt ausgesetzt, noch feucht von der liebevollen Behandlung, hat sich trotz des innigen Kusses, kaum dass er sich ein wenig gestreckt hatte, in seine schrumpelige Ausgangssituation zurückgezogen. Andreas legt nun umso mehr Feuereifer in die Finesse seiner Zärtlichkeiten, züngelt an ihrem Ohr herum, schnauft schon heftig und behandelt mit spitzen Fingern tastend die kleinen Nackenhärchen.

Und plötzlich gleitet sie ihm wieder weg, nach unten, nimmt wieder genauso selbstverständlich ihre für Betz so verblüffende Tätigkeit auf, lässt Umsicht und Geschick walten, obwohl die ganze Sache mit dem nun auf der Bankkante knienden Liebhaber ein wenig umständlich und unbequem erscheint. Der, wie heute viele gebildete Männer, ganz voller Rücksicht, will das ändern, erhebt sich mit einem Grunzen, sodass ihre Zähne an Schwanz und Schamhaar zupfen und reißen. Sie lacht darüber, glucksend, so wie vorhin, sodass die aus seiner subjektiven Sicht straffe, objektiv gesehen aber eher halbstraffe Männlichkeit sofort wieder sensibel zu schwinden beginnt. Sie kommt hoch, krault ihn hinter den Ohren und flüstert schnurrend: »Du Einfaltspinsel! Warum darf man nicht einmal beim Schmusen lachen? Ihr meint, ihr müsst immer bierernst mit einem Ständer herumrennen und stoßen wie der Hirsch im Wald.« Lachen, Glucksen.

Betz räuspert sich, versucht in seine Stimme Schmelz und Zärtlichkeit zu legen. »Nein, nein«, sagt er.

»Macht doch nichts«, schnurrt Gisa, »ich will sowieso nicht mit dir schlafen. Schlafen eigentlich schon, aber nicht vögeln. Ich habe die Tage. Ich hasse diese Blutsudelei.«

So kommen sie schließlich fast ernüchtert nebeneinander zum Sitzen, zwischen sich die fast leere Flasche Beaujolais. Ihr hängt der Saum des Polohemdes noch knapp unterhalb der Brüste, und seine halb offene Hose zeigt den Schwanz und einen weißlichen Hoden. Sie beginnen einträchtig aus der Flasche zu saufen, kräftige Schlucke, kein Schnuckeln. Sie streicheln und küssen sich dabei.

Der Alkohol durchzieht warm und freundlich Magen und Kopf. Betz hebt den Hintern und fädelt sich wieder in seine Unterhose ein. Die Jeans lässt er offen, sozusagen als Kompromiss. In diesem Augenblick schwingt sich Gisa rittlings auf ihn. Im Halbdunkel schwebt für einen kurzen Augenblick ihr Gesicht über seinem, bevor sie ihren Kopf in seine Halsbeuge bettet, wo sie lange und warm ruht. So sieht sie nicht, dass der Streifenwagen der Polizei mit grell flackerndem Blaulicht, aber ohne Martinshorn, draußen vorbeijagt.

 

 

Sonntag, nach Mitternacht

 

Irgendwie sind sie zusammen, trotz beträchtlichen Rausches, in Gisas Dachwohnung gekommen, haben in der Küche gesessen; aus der Hand Käse und Brot gegessen; ein Bier getrunken und haben miteinander unsinniges Zeug über den unsäglichen Gerichtsbetrieb geredet, nur damit geredet wird.

Kaum dass die Bierflasche geleert war und der Käse aufgegessen, beginnt Gisa, sich mitten in der Küche auszuziehen, als sei man schon Jahre zusammen. Mit gekreuzten Armen greift sie nach dem Saum des Polohemdes und streift es über den Kopf, sie schüttelt die Haare zurecht, sodass die Brüste ein wenig pendeln, was Betz für einen Augenblick beim Bierschlucken innehalten lässt. Dann streift sie die Leinenhose ab und strampelt sich aus einer Winzigkeit von Slip. Zum ersten Mal fällt Betz auf, dass sie für ihre zierliche Figur etwas zu breite Hüften hat. Und dieses rötliche, durchsichtig wirkende Schamhaar! Aber sie gefällt ihm trotzdem. Und so spürt er, da augenblicklich nichts bewiesen werden muss, ganz plötzlich ein auffälliges Ziehen in den Lenden. Sehr angenehm. Gisa geht einfach hinaus, sanft mit dem Hintern wiegend, und schaltet an der Tür das Küchenlicht aus. Sie sagt, dass sie nun zusammen mit ihm schlafen will, sie meint aber offensichtlich nur »übernachten«. Betz, ein ordentlicher Mensch, verstaut die angebrochene Bierflasche im Kühlschrank, folgt ihr dann, sich Hemd und Hose im Gehen auf dem Flur entledigend, schließlich auch nach kurzem Zögern der Unterhose, sucht das Bad, schaut kurz hinein, um sich die Zähne mit Zahnpasta und den Fingern zu putzen. Und schließlich tastet er sich in der ohnehin nicht sehr großen Wohnung weiter bis zum Schlafzimmer mit einem erstaunlich breiten Bett, auf dem, unter vielfältig geschichteten französischen Decken liegend, sich der Körper seiner nächtlichen Freundin abzeichnet. Eine Lampe mit weißem Schirm spendet freundlich kühles Licht. Gisa rührt sich nicht.

Betz schläft sehr unruhig. Schon lange, viele Monate vor seiner Scheidung, war er nicht mehr über Nacht mit einer Frau zusammen gewesen, hat nur hier und da eine Damenbekanntschaft gehabt, allesamt verheiratete Frauen in seinem Alter, aus deren Gemächern er sich – meist tagsüber – wie ein Tagedieb davongestohlen hatte, als die Sache vorbei war. Da macht ein nackter, warmer Frauenkörper, der nach Parfüm und laszivem Schlaf duftet, ganz schön unruhig.

Und irgendwann im Morgengrauen merkt Gisa, wie ihm nun endlich das morgendliche Glück einer prallen Erektion beschieden ist. Halb wachend, halb schlafend zieht sie ihn auf sich und hilft ihm dabei, nach kurzem, erregtem Stoßen sich auf ihrem Bauch zu ergießen. Monatsblut hin, Monatsblut her. Sie schubst ihn dann, endlich ein wenig wacher, zirpt ihm in die Ohren und summt »Strangers in the Night«. Dann fragt sie, warum er seinen Freund herausgezogen hat, heute kann doch nichts passieren?

Betz, ein wenig ratlos über das, was er angerichtet hat, will ins Klo, Papier holen, um sein Sperma abzuwischen. »Nur so«, sagt er. Doch Gisa zieht ihn an sich, reibt sich an ihm und flüstert:

»Das lassen wir einfach drauf.« Dann schläft sie, halb auf ihm liegend. Schwer wie ein Stein.

 

 

Sonntag, nach Mitternacht

 

Genau zur selben Stunde, oben auf dem Gelände der Universität, herrscht in den Kliniken tiefe Ruhe. Nachtbeleuchtung, die Wachstationen flimmern blau. Virologisches Institut: Arnold Krön steht an einem Eichenschreibtisch aus der Zweiten Zeit und stützt die Fäuste auf die Platte. Auf dem Bildschirm des Monitors, der vor seinen Fäusten steht, laufen grüne Zahlenkolonnen herunter. Krön nagt an den Lippen und verfolgt die Kaskade der Ziffern. Immer wenn sie ins Stocken geraten, drückt er auf dem Keybord, das zwischen dem Monitor und ihm liegt, einige Tasten – und schon wieder setzen sich die Kolonnen und Zahlen in Bewegung. Wie im Kopf von Musikern Noten Töne erzeugen, so bewirken die Zahlenkaskaden hinter der schmalen Stirn des Forschers Krön Unsicherheit und Spannung.

Erneut klimpern seine Finger über das Keybord. Die Elektronik reagiert und formt auf dem Monitor eine bunte Grafik, in der gelbe, grüne und rote Linien in einem Koordinatensystem elegant auf und ab schwingen.

»Herrgott!«, zischt Krön zwischen den Zähnen durch und wiederholt die Prozedur. Die Grafik verschwindet, Zahlen flimmern vom oberen Bildschirmrand zum unteren.

Krön setzt sich und wühlt in dem Papierhaufen auf dem Schreibtisch herum. Alles ist ungeordnet, übersät mit Einwegfilzschreibern in jeder nur denkbaren Farbe, befleckt vom Kaffee, beladen mit Filmkartuschen, da liegt ein Brieföffner, zwei überquellende Aschenbecher. Endlich finden die fliegenden Finger einen kleinen Stapel ziehharmonikagefalteter Computerbögen aus grauem, umweltschonendem Papier. Seine Augen suchen die Spalten durch, vergleichen die Werte mit dem Bildschirm. Zurück zum Keybord: ein Tastendruck. Die Ziffern bleiben auf dem Monitor stehen. Krön blättert. Er sucht eine Zeile. Er vergleicht. Wie ein Kind, das erst lesen lernen muss, tastet er mit dem Zeigefinger auf Bildschirm und Papier in die richtige Reihe. Hier steht 83,7, dort 11,49. 83,7 und 11,49. Eine banale Kombination, ohne Aussagewert für Laien, doch Krön versetzt sie in Nervosität, Ungeduld. Plötzlich lässt er alles liegen, hastet zur Tür, hinaus auf den Flur, hinüber in die großen, hellen Laborhallen, belegt mit Forschungsgerät und Versuchseinrichtungen. Er zwingt sich zu einem Lächeln, obwohl ihn keiner sieht, ist von dem Gerenne ein wenig außer Atem und ruft: »Fräulein Cerzig, geben Sie mir noch einmal die zweite Probe auf drei – aber dieses Mal mit zehn Prozent Serum mehr.«

Das Fräulein Cerzig, gedrillt wie beim Militär, wiederholt den Befehl ihres Chefs, gibt den Versuch auf den dritten Kanal und die zehn Prozent Serum dazu. Sie ist schnell, geschickt, verlässlich. Das weiß Professor Krön, deshalb hat er sie in dieser Nacht telefonisch aus dem Bett geholt und hergejagt. Denn Fräulein Cerzig ist die älteste PTA im Stall und kennt sich bei allen Versuchen aus, und sie ist besser als viele der jungen Mediziner, die hier überall herumwuseln und denen Professor Krön misstraut, weil sie seiner Auffassung nach nur gute Noten und kein Fingerspitzengefühl mitbringen. Deshalb stutzt er auch nicht, als das Fräulein Cerzig, ohne von der Aufregung ihres Chefs angesteckt zu sein, antwortet, ob man nicht vielleicht mit zwölf Prozent Serum besser darangeht, dann könnte man ja immer noch mit zehn fahren.

Krön fuchtelt mit den Händen, was so etwas wie Zustimmung signalisieren soll, dann rennt er voller Ungeduld zurück in sein Zimmer, einen dieser von ihm gehassten, farblosen Assistenten vom Nachtdienst zur Seite stoßend. Doch auf halbem Wege hält er an, stürzt zurück, noch einmal in die Versuchshalle, sogleich hin zu Fräulein Cerzig, die, mit Gummihandschuhen über den Händen, durch die man wie mit weißlichem Schleier den roten Nagellack schimmern sieht, die Versuchseinrichtung justiert. Professor Krön, sich scharrend am unrasierten Kinn kratzend, sieht ihr für wenige Sekunden zu, dann fragt er fast flüsternd, sich konspirativ umsehend, weil er niemanden in die Sache hineinziehen will, ob das schon die Proben aus dem Tierversuch sind.

»Ja«, sagt das Fräulein Cerzig nüchtern. Krön steht neben ihr, registriert im Widerschein des Laserlichts die feinen Härchen auf ihrer Wange, die, vom Make up nicht bedeckt, abstehen. Eine hübsche Frau, denkt er, sie führt abends und an Wochenenden ein glückliches Leben, draußen, irgendwo in der Vorstadt. Jetzt sieht sie besorgt aus, unruhig, aber beherrschter als ihr Chef. »Ja, aus dem Versuch mit den Ratten«, sagt sie, »genau die Probe, wie Sie gesagt haben.«

»Es ist zum Mäusemelken, es ist zum Mäusemelken …«, murmelt Krön zwischen den Zähnen und scharrt fortwährend am Kinn, mit zusammengekniffenen Augen die Versuchsanordnung visitierend. Und als er sieht, dass alles in Ordnung ist, rennt er wieder weg. Die Schritte seiner weißen Turnschuhe quietschen leise auf dem versiegelten Kunststoffboden.

 

 

Montag, lange vor Sonnenaufgang

 

Der rein technische Ablauf der Analyse war Krön nicht bekannt gewesen, weshalb er sich die Details von der PTA Cerzig hat erklären lassen, bevor er sie nach Hause geschickt hat. Sie ist maulend gegangen, weil sie gemerkt hat, dass hier ein außergewöhnlich wichtiger Versuch läuft. Doch Krön hat sie hinausgescheucht, weil er es nicht gebrauchen kann, wenn Leute um ihn herum sind, die ihn beobachten können, wenn er nervös ist, unsicher, gehetzt. Ein Tag, den er schon am Nachmittag beschlossen hat zu verfluchen und über den er gelegentlich Notizen machen wird, die er zu Hause bei sich in ein Stahlfach genauso einschließen wird wie bestimmte Forschungsergebnisse, deren Geheimnis er hüten will.

Ein schwarzer Tag!

Endlich ist er völlig alleine, in Ruhe, kann seine Motorik entfalten. Er reißt den weißen Kittel herunter, zieht sogar den Norweger Pullover über den Kopf, fährt nur flüchtig durch die schwarzen Haare. Nun krempelt er noch die Ärmel auf, er sieht aus wie einer, der ans Holzhacken geht und sich ein gewaltiges Pensum vorgenommen hat. Nur die Gummihandschuhe, die er sich schnalzend überstreift, stören das Bild. Obwohl er voller Ungeduld ist, zwingt er sich, nicht noch einmal nach den Ratten zu sehen, weil seine Ratio ihm sagt, dass die Versuchstiere genauso stumpf und pfeifend durcheinanderwieseln, gleichgültig, ob eines der Brüder oder Schwestern das Virus auf den eigenen Körper übertragen hat oder nicht. Die Tiere bewirten das Virus; es vernichtet sie nicht. Sie können jedoch Aufschluss über den Ansteckungsvorgang geben.

So begibt sich der Forscher Krön zu einem Plastikgestell, das Glasträger enthält, auf die teilweise Serum, teilweise Blut aus der zweiten Probe verteilt ist, die man einem jungen Mann namens Vogel abgenommen hat. Mit dieser zweiten Testreihe will Krön sich Zeit lassen; die erste Probe wurde zu schnell vergeudet. Den zweiten Versuch hat er persönlich überwacht, genau angeordnet, in welche Kulturen Serum und Blut eingeimpft werden, durchaus wild improvisiert, um zu prüfen, wie sich das Virus in Urin- und Speichelproben verhält.

Er selbst ist aufs Klo gelaufen, um persönlich ein Tröpfchen für den Versuch abzuzweigen, nachdem die PTA und die Assistenten sich kichernd gesträubt haben. Er will, nein, er muss einfach sehen, ob dieses Virus bei den vielfältigen Behandlungen, die er ihm zugedacht hat, am Leben bleibt, nachdem er durch reinen Zufall bei einer Routinekontrolle auf seine Spur geraten ist. Die aufwendige gentechnische Analyse läuft. Doch Kröns Erfolg als Forscher ist nicht nur auf penible Systematik begründet, sondern auch auf Fantasie, Erfindungsreichtum und Mut. Und wenn ihm die Kollegen, teils bewundernd, teils nicht ohne Neid, eine große Karriere und eine kleine Anwartschaft auf einen großen wissenschaftlichen Preis voraussagen, dann nur wegen seiner Spürnase, seiner Sherlock-Holmes-haften Kombinationsgabe. Krön ist eine ebenso wütende Intoleranz gegenüber den Lehrmeinungen seiner Kollegen zu eigen, wie er japanischen Pragmatismus an den Tag legen kann, wenn er ihm plausible Forschungsergebnisse anderer kurzerhand übernimmt. Krön ist mit seinen fünfundvierzig Jahren ein weit über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus bekannter und angesehener Forscher, ein Freigeist und gleichzeitig Dogmatiker – und vor allen Dingen ein beharrlicher Arbeiter.

Er geht ans Werk.

Es wird zwei, es wird drei Uhr. Krön hat sich zuerst die unorthodoxen Proben vorgenommen, wie gesagt Urin und Speichel, die Proben jeweils zur Sicherheit dreimal durch den Test laufen lassen: positiv! Die Messwerte und Ergebnisse gibt er in den Computer ein, im Augenblick bedeutet das alles noch nichts, kann es doch auf Zufälle und Verunreinigungen basieren. Doch die Systematik der Datenerfassung ist wichtig. Krön grübelt, läuft rastlos hin und her, blickt aus dem Fenster, wartet. Er probiert fast eine halbe Stunde an der Software im Betriebssystem herum. Die nächsten Proben: verschiedene Milieus, basisch, sauer. Doch immer dasselbe Ergebnis, jeweils dreimal gemessen: serumpositiv.

Kröns Hände klappern über die Tastatur des Computers, Zahlenkolonnen entstehen, Diagramme, ein Umbruch, der Bildschirm zeichnet Kurven in Koordinatensystemen. Kröns Augen schmerzen schon lange, er reibt sie, bis die Augenlider ein fast wohliges Gefühl zwischen Schmerz und Jucken ausstrahlen. Er setzt sich und starrt wieder auf die Diagramme, die von Versuch zu Versuch regelmäßige Ergebnisse liefern. Alles lässt nur einen Schluss zu:

Das Virus lebt!

Anders als die bisher bekannte Form, die tot war, sobald ein Blutstropfen eingetrocknet war, weder in Wasser noch in Luft außerhalb des menschlichen Körpers überlebte, ist dieses neue Virus aus der Blutprobe des jungen Patienten Vogel immer noch aktiv, auch wenn schon Stunden vergangen sind.

In Kröns Fantasie entstehen Horrorvisionen.

Er zwingt seinen Verstand zur Intervention. Bevor eine definitive Feststellung möglich ist, müssen Tausende von Versuchen durchgemessen werden. Aber er hat jetzt schon fast vierzig Proben analysiert, und noch immer kein abweichendes Ergebnis. Krön verfällt ins Grübeln und gibt noch einige zusätzliche Daten in den Rechner ein, doch das erzeugt keine plausiblen Modelle. Krön betrachtet heimlich die Gummihandschuhe, die er vorhin beim Versuch getragen hat. Nein, sie haben keinen Riss. Gott sei Dank! Vorsichtig trägt er die verbliebenen Proben zurück und stellt sie an ihren Platz, dann nimmt er sich die wenigen Kulturen, die er über Stunden, bei minus fünf Grad, aufbewahrt hat, und beginnt sie zu messen. Später kommen die Proben an die Reihe, die bei fünfzig Grad Celsius Hitze gelagert worden sind. Und es wird vier Uhr in der Früh, als Krön glücklicherweise eingeben kann, dass die Temperaturresistenz des Virus zwischen minus fünf und plus fünfzig Grad Celsius zu liegen scheint – scheint, wohlgemerkt.

Er macht eine kleine Pause, geht aufs Klo, wäscht sich lange und sorgfältig die Hände, setzt sich endlich auf die Toilettenbrille, starrt durch die offenen Türen hinaus auf den neonbeleuchteten Flur und erleichtert sich dröhnend, wobei er die Konsequenzen aus seinen Untersuchungen im ermüdeten Gehirn zusammenzuaddieren versucht. Als er fertig ist, wäscht er sich wieder fast zehn Minuten lang die Finger, wie er es früher getan hat, bevor er in den OP ging. Dabei kreisen die Gedanken erneut um das »was tun«. Dann hat er eine Idee, rennt im Dauerlauf den Flur hinunter, die Schritte knallen über den Bodenbelag, er spurtet in sein Zimmer, kramt sein privates Telefonverzeichnis aus der Schreibtischschublade, schlägt bei »Sch« nach. Da ist er, Schummberger. Die Geschäftsnummer im Innenministerium interessiert nicht, aber dort, mit einem kleinen p markiert, die private. Beim Wählen blickt Krön auf die Uhr. Halb fünf. Immerhin besteht die Chance, dass Schummberger ein extremer Frühaufsteher ist.

Krön wartet darauf, dass jemand abhebt. Er schaut noch einmal in seine Notizen. Ja, die Nummer stimmt. Er hat sich auch nicht verwählt. Freizeichen um Freizeichen. Endlich knackt es, am anderen Ende brummt eine Stimme: »Ja.« Krön ist ruhig, gelassen, es geht jetzt um die Sache. Und aus dem Alter, in dem man vor Autoritäten, besonders politischen, Respekt hat, ist er längst heraus.

»Krön, Virologisches Institut, Herr Schummberger?«

»Ja.« Das klingt mürrisch und verschlafen. Der Name Krön signalisiert allerdings Wichtigkeit, sodass der Angerufene nicht gleich wieder auflegt.

»Sind Sie schon wach?«, fragt Krön fast einfältig. Schummberger schweigt, also fährt der Professor fort: »Wir haben hier einen Fall, serumpositiv, ein Bluter. Ich habe das Virus isoliert. Es passt in keine bisher bekannte Kategorie.«

Es klingt ächzend und unendlich träge, als Schummberger antwortet: »Ich habe etwas eingenommen, ich schlafe, ich bin nicht, ja sagen wir, ich bin nicht verhandlungsfähig. Geht’s nicht auch morgen früh?«

Nun gewinnt Kröns Stimme jene Kälte, die seine wissenschaftlichen Assistenten gelegentlich fürchten lernen. Er sagt: »Ich hatte noch nicht das Vergnügen zu schlafen, Herr Staatssekretär. Wir haben hier einen Fall, der auch die Verwaltung angeht, nicht nur die Wissenschaft. Es besteht, wie man heute so schön in politischen Worthülsen sagt: Handlungsbedarf. Wie viel Zeit zum Schlafen brauchen Sie noch?«

Eine Pause entsteht. Plötzlich ist der Staatssekretär Dr. Schummberger da, hellwach, wie in einer Kabinettssitzung. Er fragt: »Was passiert in den nächsten drei Stunden? Es ist vier Uhr achtundvierzig.«

»Ich weiß es nicht, niemand kann das sagen«, kommt das abgewogene Urteil eines Forschers, aus dem der Jurist Schummberger sofort Konsequenzen zieht. Er spricht schnell:

»Ich habe vor acht Uhr die Möglichkeit, Sie zu sehen. Wo?«

Doch Krön lässt sich nicht ohne Weiteres in das Ritual der Terminabsprache einwickeln.

»Ich möchte Ihnen nur sagen, dass ich nicht die Verantwortung übernehmen kann, wenn es Zeitverzug gibt.«

»Verstanden«, sagt Schummberger, »wo treffen wir uns am Morgen?«

»Hier im Labor, da kann ich Ihnen alles zeigen.«

Der Staatssekretär sagt: »Gute Nacht« und wartet nicht eine Äußerung des Professors ab. Er legt auf.

Krön lässt sich in seinen Sessel zurückfallen, gähnt lange mit weit offenem Mund und massiert sich die Stirn. Dann gibt er noch drei, vier Befehle in den Rechner ein, bevor er sich zurücklehnt, um ein wenig zu dösen.

 

 

Montag, früher Morgen

 

Andreas Betz hat wegen seines dicken Schädels nicht mehr schlafen können. Er ist schließlich aufgestanden und gegangen. Wie ein Tagdieb.

Nun steht er, regenumflossen, an einer Bushaltestelle, der Vandalen die Scheiben zerschlagen und die Sitze besprüht haben, und hat die Hände in der Tasche. Gesicht und Glatze sind nass. Er niest, atmet die kalte Morgenluft ein, die eher aus dem März als aus dem Juli stammen könnte, und vertritt sich die Beine. Er weiß, dass in spätestens fünf Minuten die Bedienung kommen wird, die das schräg gegenüberliegende Bistro aufschließt, um mit dem Frühstücksbetrieb zu beginnen. Hier ist Betz öfters zu Gast, wenn er nachts nicht schlafen kann, spazieren geht, um den Kopf zu klären, die Einsamkeit seines Bettes fürchtend. Sie haben sogar ein Klavier in dem Bistro, und sie erlauben stillschweigend, dass er, der passionierte Feierabendpianist, für sich vor den übriggebliebenen Nachtschwärmern, den frühen Gleitzeit Sekretärinnen, den melancholischen Säufern und den Spätheimkehrern vom Oberstufen-Internat außerhalb der Stadt spielt.

Da, dort drüben trippelt die Bedienung, den Schirm mit einer Reklameaufschrift gegen die Regenböen gestemmt. Betz sprintet hinüber zu ihr und gesellt sich schiebend und händereibend unter den Schirm. Sie lacht, als sie ihn erkennt, stößt ihm die Ellenbogen in die Seite und sagt, er sähe so abgerissen aus, als habe er die Nacht mit einer Frau zugebracht.

Betz schweigt und wartet, bis sie aufgeschlossen hat. Gemeinsam betreten sie den buchengetäfelten Raum, in dem es nach kaltem Rauch und Korken riecht. Die Bedienung schüttelt den Schirm aus und stellt ihn in die Ecke, dann beginnt sie, hinter dem Tresen zu hantieren. Geschirr klappert, die Kaffeemaschine setzt zischend zur Arbeit an. Betz erhält den Schlüssel, damit er die Zeitung aus dem Briefkasten hole. Als er wiederkommt, wirkt der Raum des Bistros schon fast heimelig, denn Kaffeedunst zieht durch die Luft. Der Bäckerjunge bringt drei große Tüten frisches Gebäck, das appetitlich duftet.

Die Bedienung ist eine nicht so ganz schlanke Studentin der Kunstgeschichte und noch sehr jung. Sie arbeitet nicht für den Luxus, sondern fürs Auskommen. Betz weiß es, weil er mit ihr schon oft an solchen kalten Morgen geredet hat. Er hätte sich durchaus vorstellen können, mit ihr etwas anzufangen, damals nach der Scheidung. Immerhin, er kann mit seinen Bezügen eine Studentin aushalten. Und sie bräuchte nicht mehr zu arbeiten, könnte in ihre Vorlesungen und Kurse gehen. Aber er weiß aus den Gesprächen, dass sie einen Freund hat, den sie stolz als »Verlobten« bezeichnet und der ihr Herz besitzt. Da hilft alles nichts, sie verlässt den Freund nicht, auch wenn ein anderer Mann ein Auskommen bieten könnte und nicht so eine arme Kirchenmaus ist wie jener Verlobte. So denkt Betz.

Die Bedienung stellt ihm einen großen Espresso auf das Klavier und hört einige Augenblicke zu, wie er voller Melancholie »Summertime« spielt. Aber er spielt es nicht für sie, sondern für seine Träume, in denen er dem Körper dieser hellhaarigen Kollegin und unwirklichen Geliebten der gerade vergangenen Nacht nachhängt. Er hat sich nach der Scheidung vorgenommen, ganz bestimmt nicht mehr an irgendeine Zukunft mit einer Frau zu denken. Aber das klappt nicht immer, und dann verspottet er sich insgeheim, sich und seinen Körper, der sich gerade anschickt, ein fünftes Jahrzehnt zu leben. Er verspottet auch seine sentimentalischen Träume von einem Verhältnis voller Zärtlichkeit und Harmonie, von gemeinsamen häuslichen Abenden zu zweit – und noch dazu mit einer Juristin. Umso inbrünstiger kommt nun das »Summertime« heraus. Und er kann singen, der Richter Betz, und, als wäre er vollgekifft, zaubern seine Träume nun heiße, sonnenbeschienene Strände vor sein Gesicht, Strände, die sich lieblich dahinschwingen und mit dem Türkis eines ruhigen Ozeans kontrastieren oder, besser zu »Summertime« passend, ein kühles, weiß lackiertes Pflanzer-Haus mit schattiger Veranda, umgeben von hohen Maulbeerbäumen, in denen Zikaden ihr monotones Lied singen. Und auf allen Ferienbildern steht Gisa mit ihrem kess frisierten Bubikopf, lächelnd, harmlos und ohne ihre Brille.

Doch »Summertime« verklingt, und an den großen Scheiben des Bistros sprenkeln graue Regentropfen. Die Bedienung bringt ein Croissant, das sie mit Schinken, Gürkchen und einem Salatblatt belegt hat.

Betz beißt hinein und sagt mit vollem Mund, dass er bald Urlaub habe.

»Wo fährst du hin?«

»Weiß noch nicht, das hängt davon ab«, brummt Betz beim Kauen.

»Nimmst du mich mit?«, fragt die Bedienung und wirft ihm ein kokettes Lächeln zu.

»Du hast doch einen Kerl.«

»Ist egal, wir müssten doch nicht miteinander bumsen, im Urlaub, wir zwei, oder?«, sagt die Bedienung und fügt hinzu, dass ihr Verlobter an seiner Diplomarbeit schreibt und diesen Sommer nicht weg kann.

»Künstlerpech«, sagt Betz und beginnt mit den Fingern auf dem Instrument an einem neuen Stück herumzuprobieren. »Ich reise nur mit Frauen, die mir sexuell hörig sind«, sagt er lachend und hat plötzlich den richtigen Ton gefunden: »Bei mir biste scheen«, er spielt die Nummer rasant herunter und kriegt wieder träumerische Augen.

Andreas Betz hat tatsächlich einen kurzen Gedanken daran verschwendet, an diesem Morgen nach sieben ins Gericht zu gehen und die Arbeit aufzunehmen, dabei die Ruhe zu genießen, die das öde Haus ausstrahlt. Doch dieses alte Gerichtsgebäude ist in der Frühe noch unbehaglicher als am Tage, zu kühl bei der Witterung draußen, weil amtlich Sommer ist und die Heizung abgestellt bleibt. Und außerdem erklärt man einen Richter für verrückt, der morgens vor zehn Uhr erscheint. Nur ein oder zwei Halbtags-Richterinnen treiben sich zu dieser Stunde in den Amtsstuben und auf den Gängen herum, weil sie nur anwesend sind, solange die Kinder in der Schule sitzen.

Betz, von den Kollegen nicht so sehr wegen seiner Arbeitsfreude und seines Einsatzes jedoch wegen der Akkuratesse seiner Arbeit und der Präzision seiner Gedankenführung geschätzt, entschließt sich ohne langes Ringen, zumal am Tag nach seinem Geburtstag, keinen Anlass für falsche Eindrücke zu geben und dem Gericht fernzubleiben – heute vielleicht sogar bis elf.

Er hat das Frühstück bezahlt, die Pause zwischen zwei Schauern abgewartet und ist mit eingezogenem Genick davongegangen, die Bedienung in einer Flaute des Morgengeschäfts zurücklassend, diese mit den Gedanken beschäftigt, ob es zu auffällig wäre, mit einem solchen alten Kerl – eigentlich ist er ja noch nicht wirklich alt – irgendwo am Meer aufzutauchen, und wenn es Nacht ist, ob er dann zudringlich wird und ob es was ausmacht, wenn das passiert …

Betz wird unterdessen von einer Bö in eine Ladenpassage gejagt, die noch ruht. Er geht versonnen an den Fenstern entlang, prüft sein leicht über die Schaufensterscheiben dahinschwebendes Spiegelbild in Gang, Haltung und Ausdruck. Er strafft sich, die Krümmung in seinem Rücken verschwindet. Um ihn herum hasten frühe Angestellte, meist Tippfräulein und Verkäuferinnen, zu Schreibtisch und Tresen, stöckeln zwei und zwei nebeneinander her, flüchtig geschminkt. Oft sind sie grau im Gesicht von der vergangenen Nacht, Geheimnisse sich zutuschelnd. Betz genießt den frühen Tag in der Stadt, diesen Aufbruch ins Neue; er beschließt sogar, gelegentlich wieder einmal früher aufzustehen, um diese Stimmung einzufangen.

Er tritt hinaus in die Regenschleier unter die Bäume einer Allee. Von einer nahen Brauerei stinkt es nach Malz, dazwischen weht der Geruch nasser Blätter. Straßenbahnen rattern, Hupen bellen, regenglänzende Autos bewegen sich im Takt, den die Ampeln schlagen. Betz kauft sich eine Zeitung, ein Blatt, das er sonst nicht bezieht, und liest es unter einem Vordach stehend, ganz in der Nähe einer Haltestelle, von der er weiß, dass von hier aus ein Bus in die Nähe seiner Wohnung fährt. Es kommen auch kurz hintereinander zwei dieser modernen, mit Werbung bunt lackierten Ungetüme herangeglitten. Einer von beiden trägt die falsche Nummer, und der andere ist gestopft voll. Er hält nicht und fährt einfach vorbei.

Gerade als Betz erwägt, die für einen Richter nicht unbeträchtliche Ausgabe für ein Taxi in Kauf zu nehmen, rollt der nächste Linienbus heran, scheinbar genauso voll wie der andere, doch er hält, die Türen geben zischend den Eingang frei, und Betz drängt sich zwischen die Wartenden hinein in einen Brodem von Rasierwasser, Deodorant, frühem Schweiß und nassem Stoff. Die Fenster sind beschlagen, die Körper der Passagiere dicht aneinandergedrängt, man hört leise Gespräche. Zeitungen stehen wie kleine Segel auf dem Meer der Köpfe.

Betz fährt seine sieben, acht Haltestellen, gerät dabei durch neu zu- und aussteigende Fahrgäste fast auf die andere Seite des Busses, von der er sich, Entschuldigungen murmelnd, durch die Menge schiebt, um erleichtert auszusteigen und die paar Schritte zu dem Haus, wo er wohnt, hinüberzutraben. Er beschließt, sofern er Orangensaft zu Hause hat, ein großes Glas zu trinken, vielleicht einen Schuss Wodka hineinzugeben, sich ins Bett zu legen, zuzudecken bis unters Kinn und die Zeitung zu lesen, die vom Regen angeweicht unter seinem Arm klemmt, und dann noch zu schlafen, bevor er ins Gericht geht.

Er eilt dem Haus entgegen, das mit seiner gelbbraunen, von halb abgeschlagenen Schmuckelementen überladenen Fassade schmutzig zwischen zwei Neubauten mit jungen Gesichtern steht. Man findet solche knorrigen Gesellen unter den Gebäuden heute gemütlich und erhaltenswert; hinter den zugigen, nicht mehr abdichtbaren Fenstern dieses Exemplars freilich wohnen noch nicht die arrivierten Freiberufler und hohen Beamten, die Ehepaare mit Doppeleinkommen. Die Sanierung kommt erst noch. Betz hat die hundertzwanzig Quadratmeter große Beletage gemietet, die Wohnungen über ihm stehen bereits leer, bis auf das Dachgeschoss mit alten Dienstbotenkammern, in denen Studenten hausen, meist emsige junge Leute, die, wenn sie ihm auf der Treppe begegnen, höflich grüßen.

Gerade als Betz mit den Händen seine Taschen abklopft, um den gewichtigen Schlüssel für die Eingangstür zu finden, geht der eine Flügel des wettergezeichneten Eichenportals auf, der Bewohner der Erdgeschosswohnung, ein gewisser Jonason, tritt Betz entgegen.

»Ei, ei, der Herr Amtsgerichtsrat«, sagt er mit einer merkwürdig brüchigen, hohen Stimme. Es klingt ironisch, weil Jonasons Gesicht wegen der mächtigen roten Narbe zu lächeln scheint und er den Kopf schräg trägt. Betz weiß, dass diese Anrede höflich gemeint ist. Seinesgleichen waren früher tatsächlich »Rat«, auch wenn es in seinem Metier nichts zu raten, nur zu entscheiden gibt.

»So früh heute?«, erkundigt sich Jonason und zieht das Pudelchen, das eisgrau und winzig auf seinem Unterarm kauert, die Ausgehdecke schon über den Rücken geschnallt, an seine Brust.

»Ausnahmsweise«, sagt Betz und tritt in den hallenden Hausflur.

Jonason, der immer mal gerne mit seinem Hausgenossen redet, schließt die Tür von innen und setzt mit einer Verrenkung seiner Hüfte vorsichtig das Pudelchen vor sich auf den Boden. »So, so«, murmelt er, und man weiß nicht, ob er dies als Antwort auf Betzens Feststellung tut oder den Hund meint. Dann erhebt er sich wieder, strafft sich zur vollen Höhe seiner einhundertsechzig Zentimeter, fährt sich über den Kopf, auf dem dünn und flaumig weiße Haare sprießen. Das Zucken seiner Mundenden verläuft sich hinauf zu den Augen. Ein Lächeln entsteht auf diese Weise. »Sie wachsen jetzt wieder«, sagt er. Mit energischem Schnieken seiner schmalen, fleckigen Hände zieht er die dunkelblaue Klubjacke zurecht, kontrolliert den Sitz seiner gestreiften Seidenkrawatte, streicht noch einmal über den Kopf und sagt: »Leute, die nicht wissen, was mir zugestoßen ist, bekamen von mir zu hören, als ich diese Glatze hatte, dass eine Glatze für besondere Männlichkeit und Potenz bürgt. Sie ist mein Zeuge für diesen wohltuenden Umstand!«

Betz, der mit der Handwurzel seine Nase gewischt hatte und auf den kleinen Kerl hinunterstarrt, muss nun über die Chuzpe des Mittsiebzigers grinsen, die er, zumindest nach außen, im Umgang mit seiner Krankheit an den Tag legt. Die wässrig bläulichen Augen des Mannes glitzern, und die Mundwinkel wollen von der Augennähe nicht wegkommen. Das schiefe, kleine Gesicht strahlt. »Ich habe beschlossen, nun mein Jagdrevier in diskret beleuchtete Tanzlokale zu verlegen. War gestern dort. Halte mich jetzt an der Bar auf und schaue unscharf in die Gegend. Und durch die verkürzten Sehnen da«, seine Finger zeigen an die rechte Halsseite, wo sich die Narbe breit unter dem Hemdkragen hervor zum Ohr schlängelt, »zeige ich ein lächelndes Gesicht, … immer nur lächeln, immer vergnügt«, zitiert er brüchig singend die bekannte Melodie, »und alle Damen meinen, ich lächelte nur sie an. Nur sie, die eine. Früher war ich einfach zu ernst, jetzt geht das automatisch besser.«

Betz hat ungläubig und mit offenem Mund zugehört, jetzt lacht er, hebt den Unterarm an, schnickt zweimal mit den Daumen, schiebt die Hüfte raus und sagt: »Und dann geht der Herr Jonason auf eine der Damen zu und sagt: ›Ich bin der schärfste Hund hier im Schuppen‹.«

Da entgleist in des kleinen Mannes Gesicht das Lächeln, nur der rechte Mundwinkel bleibt oben, ein merkwürdiges, ungläubiges Staunen zeichnet seine Züge.

»So etwas sagt man in meinen Kreisen nicht«, sagt der kleine Mann todernst, dann meckert er plötzlich mit einem markerschütternden Lachen los, knickt zusammen, hebt den Pudel auf, drückt ihn wieder an die Brust und öffnet die Tür, um auf seinen erhöhten Absätzen die Freitreppe hinunter in den Regenschauer zu stöckeln, in einer Art krähendem Rezitativ wiederholend: »Ich bin der schärfste Hund, ich bin der schärfste Hund …«

Die Tür fährt, von einem Schließer gezogen, krachend ins Schloss, und das Echo des Schlages hallt das Treppenhaus hinauf. Betz dreht sich um und geht, den Kleinen imitierend und mit der Zeitung auf die flache Hand den Takt klopfend, grinsend die ersten Stufen hinauf und murmelt das gleiche Rezitativ.

 

 

Montag, Arbeitsbeginn

 

Der Virologe Arnold Krön geht neben einem der Stationsassistenten der »Inneren« her. Während der junge Arzt beim Sprechen gestikuliert, hat Krön, der Universitätsprofessor, die Hände hinter dem Rücken auf dem weißen Kittel gefaltet. Er schreitet bedächtig, einen halben Schritt hinter dem Jüngeren zurückbleibend, über den blanken, grünschillernden Flur. Der Kopf ist ihm auf die Brust gesunken. Er schweigt und hört zu, wie der Assistent beredt über die eingeleiteten Isolierungsmaßnahmen referiert, die den Patienten Bertold Vogel betreffen. Krön nickt zustimmend, gibt aber keinen Kommentar. Nun endlich sind die beiden angelangt. Der Assistent öffnet die Tür zu der Sterilschleuse, die jedes der Isolierzimmer mit dem Flur verbindet; nichts anderes als ein weiterer kleiner Flur tut sich auf, der mit Blaulicht bestrahlt werden kann, in dem man Gummihandschuhe, Mundschutz, Überzieher für die Füße und frische sterile Kopfbedeckungen findet, wenn die hygienischen Maßnahmen dies erfordern. Innen zum Zimmer hin liegt eine Tür mit einer großen Scheibe ohne Vorhänge, durch welche die beiden Ärzte nun schweigend in einen kahlen, völlig weiß gehaltenen Klinikraum starren. Ein Farbfleck ist die großformatige Kopie eines Nolde-Aquarells, das grellgelbe Kühe vor blauer See und rotem Himmel darstellt. Ein anderer Farbfleck ist der Patient Vogel, den die beiden Männer wie ein buntes, seltsames Tier anstarren. Er ist fast noch ein Knabe, wirkt kindlich in seinem vom Schlaf zerknitterten Aufputz: Die Haare sind an der Seite geschoren, nur der schmale, nun verdrückte Kamm knallrot gefärbter Irokesenlocken ist sichtbar. Grellblau geschminkte Augen und ein mit Lippenstift benetzter Mund, vom Schlafen weich gezeichnet und ohne jene gewollte Strenge, die der wache Vogel so gerne zur Schau stellt. Eine Lederjacke mit bunten Fransen, Jeans mit Querrissen und ein giftgrünes T-Shirt komplettieren das merkwürdige Bild. Vor dem Bett liegen, gerade so hingeworfen, klobige, schwarze Fallschirmspringerstiefel und geringelte Socken.

Der junge Arzt sagt nach einem Seitenblick auf den Professor, dass der Junge sich habe nicht ausziehen lassen.

»Besser so«, sagt Krön.

Der junge Arzt greift nach einem Reagenzglasständer, der auf einem Bord neben den sterilen Handschuhen und Überzügen steht. Darin pendelt ein Spritzenkolben, vollgesogen mit bräunlich wirkendem Blut. Er hebt ihn vorsichtig heraus und will ihn dem Professor geben. »Die zweite Probe, ich habe sie ihm vorhin abgenommen, jetzt schläft er weiter.«

Krön nimmt den Reagenzglasständer, berührt ihn aber nur mit spitzen Fingern und stellt ihn zurück auf die Ablage. In sachlichem Ton sagt er zu dem Assistenten, dass dieser nur noch in Gummihandschuhen mit dem Patienten umgehen soll. Nur noch in Gummihandschuhen! Er selbst streift sich gekonnt die schnalzenden Dinger über die Hände und nimmt den Spritzenkolben behutsam, führt ihn in die Nähe seiner Augen, rückt die Lesebrille zurecht, als könne man ohne eingehende Analyse mit der Probe etwas anfangen.

Unterdessen dreht sich der junge Mann drinnen im Zimmer erschöpft und in traumlosem Schlaf auf den Rücken und liegt nun da, die Hände seitlich von sich gestreckt, die Füße übereinander geschlagen, wie das Abbild des Gekreuzigten. Doch das Gesicht zeigt keinen Schmerz, nur alle Anzeichen eines tiefen, bewusstlosen Schlafes.

»Haben Sie ihn sediert?«, fragt der Professor.

»Nein, kein Anlass.«

»Vorsicht!«, sagt der Professor, und der Assistent nickt.

»Und was ist es?«, fragt der Assistent, »… wenn Sie sich schon persönlich mitten in der Nacht darum kümmern.«

Krön wirft ihm einen schrägen Seitenblick zu.

»Ich weiß es selbst noch nicht«, sagt er. »Drücken Sie uns die Daumen, dass alles nur ein Irrtum ist.«

Der Tag ist grau, viel zu gebrechlich für den Sommer. Im Labor strahlt Neonlicht. Leben ist eingekehrt, Geplapper ist zu hören, Kaffeemaschinen brodeln, der Duft von frisch geschminkten Frauen und gerade gebrühtem Kaffee könnte fröhlich stimmen, doch über allem lastet ein wenig die bittere Ausstrahlung des Chefs, der, knallende Türen hinter sich lassend, gerade durch die helle Halle in das Tierlabor geeilt ist. Besuch folgt ihm. Den Staatssekretär Schummberger kennen alle aus der Zeitung; und jeder Assistent und Mitarbeiter fragt sich, was der Politiker in aller Herrgottsfrühe im Labor zu suchen hat.

Hinter verschlossenen Türen, im halbdunklen Raum, starrt Schummberger mit auf dem Rücken verschränkten Armen in die Rattenkäfige und vermag nichts anderes dabei zu erkennen, als ein quiekendes, weißfelliges Durcheinander. Gespannt lauscht er den Ausführungen Kröns, der gerade erläutert, dass die jüngsten Analyseergebnisse zeigen, dass – bei allem Vorbehalt und nur unter den Nagern – das neue Virus sich nach den ersten Ergebnissen als erheblich ansteckender erweist als das alte.

Wie in einer Geste des Reinigens stäubt Schummberger mit der flachen Hand über seine Jackettaufschläge, zieht an den Manschetten seines blau-weiß gestreiften Maßhemdes und rückt den Seidenschlips zurecht, bevor er vorsichtig, um nicht an einer der Apparaturen anzuecken, dem immer noch hemdsärmeligen Professor Krön folgt, um einen Blick in die Temperaturkammern zu werfen und dort eine für ihn unerklärliche Anordnung von Glasplättchen und Objektträgern zu betrachten, die nach einem verwirrenden System gekennzeichnet sind und durchsichtige wie auch fahl-rote Flüssigkeitskleckse enthalten. Jeder einzelne ist mit dem Virus infiziert worden.

Endlich formuliert Krön seine Vermutung: »Es ist ein Verdacht, Herr Schummberger, lediglich ein Verdacht, mit allen Vorbehalten, dem ganzen Krimskrams an Einschränkungen, den wir Wissenschaftler machen …«

»Und?«

Zögern, dann: »Dieses Virus ist der böse kleine Bruder des bisher Bekannten. Die Apokalypse, die ungeheure Bedrohung der Menschheit, die wir aufgrund der bisherigen Situation hochgerechnet haben, ist eine biedermeierliche Idylle gegenüber dem, was von diesem kleinen Wunderding drohen könnte. Ich schätze, wir werden dieselbe Symptomatik haben. Eine lange Latenzzeit, zwei bis fünf Jahre, bis langsam das Vollbild der Immunschwäche entsteht, doch dann geht’s unrettbar dem Tod entgegen. Wir können nur retuschieren, aber nicht helfen. Dieses kleine Ding, hier noch gefangen auf unseren Objektträgern, könnte, wenn es in die Welt gesetzt ist, genauso tödlich sein. Doch man bekommt es nicht nur, verzeihen Sie, Herr Staatssekretär, beim Bumsen mit perversen Praktiken. Es wird nicht nur auf Bluter übertragen. Es bleibt nicht im Ghetto der Homosexuellen. Es wird eine Krankheit werden, alltäglich wie die Grippe. Denken Sie an die Epidemien der asiatischen Grippe. Ein Husten, ein Niesen, ein freundlicher Kuss auf die Wange, ein Schluck verunreinigtes Leitungswasser, ein Salat im Restaurant, ungewaschenes Obst, ich weiß nicht, was alles genügt, um den Tod zu verbreiten.«

Unterdessen ist der Staatssekretär zwei Schritte zurückgetreten, hat immer noch die Hände auf dem Rücken und starrt Krön an. Er überlegt. Seine Zungenspitze erscheint zwischen den Lippen, schließlich fragt er: »Wie sicher ist das?«

»Ich sage doch«, Krön lächelt, seine Worte sind ohne Ironie: »Der ganze Schnickschnack von Vorbehalten muss dabei mitbedacht werden, aber die Gefahr besteht … Ich schätze das alles ab, es sind noch nicht einmal Hochrechnungen. Die Datenbasis ist zu schmal.«

Schummberger hat seine Sicherheit wiedergefunden. »Und wir sollen Panik machen? Wissen Sie, was das bedeutet?«

»Ich rede nicht von Panik machen. Sie sind die politische Instanz. Dies hat die Verwaltung zu ordnen. Wie sagen Sie so schön? Gefahrenabwehr. Ich möchte mir nur nicht den Vorwurf zuziehen, nicht frühzeitig und umfassend genug aufgeklärt zu haben. Ich bin nur ein kleiner Forscher, ein Reagenzglasgucker sozusagen. Wir haben getan, was wir aufgrund der Sachlage tun können. Den Patienten haben wir im Griff, er ist isoliert. Handeln Sie, Herr Schummberger.«

Schummberger ist wieder irritiert und tritt einen weiteren Schritt zurück. »Wie, was? Sie haben den Patienten isoliert? Ist er einverstanden?«

»Soll ich angesichts dieser Situation danach fragen, mir was unterschreiben lassen?«, sagt Krön und lächelt über den Juristen. Er hat diese Wissenschaft noch nie verstanden.

»Sie müssen den jungen Mann gehen lassen, wenn er will. Das nur nebenbei«, sagt Schummberger.

»Das ist ein Fall fürs Bundesseuchengesetz.«

»Richtig, doch das gibt Ihnen nur einen Tag Zeit, wie bei einem vorläufig Festgenommenen. Dann muss der Richter entscheiden, wenn der Patient nicht bleiben will. Es gibt dafür extra ein Gesetz, Freiheitsentziehungsgesetz heißt es, so sind die Realitäten hier und heute in der Bundesrepublik.«

Krön ist nicht zu beeindrucken. Den Juristen traut er alle möglichen Behinderungen seiner Arbeit zu. Er neigt zum Pragmatischen: »Dann fragen wir den Patienten, ob er sich zur Verfügung halten will.« Er will zur Sache zurückkehren, doch der Staatssekretär beharrt: »Erklärung schriftlich, bitte«, sagt er. »Denken Sie an die Medien, Herr Krön. Sie sind wie die Wölfe, wenn sie Blut riechen. Und unser Blut, das sind die administrativen Fehler. Und solche Fehler müssen nicht sein. Deswegen schriftlich.«

Krön zögert ein wenig, dann nickt er und sieht dem Staatssekretär in die Augen. Schummberger hält seinen Blick aus.

»Und die Kontaktpersonen?«, fragt der Professor.

»Welche?«

»Nun, beispielsweise die Familie von Vogel, der Freundeskreis, jeder, der mit ihm in Kontakt war. Gehen wir einmal davon aus, dass wir dieselben Maßnahmen ergreifen müssen wie bei einer TBC, die irgendwo aus heiterem Himmel auftaucht.«

Schummberger, langsam rückwärtsgehend, denkt wieder nach, dann kommt schnell die Frage: »Halten Sie das für notwendig?«

Krön: »Ja.«

»Nun gut. Sie kennen den Justitiar des Gesundheitsamtes, Oberregierungsrat Winter?«

»Nein.«

»Nach dem Gesetz ist die Gesundheitsbehörde zuständig. Ich veranlasse, dass Herr Winter mit Ihnen zusammen eine Liste der Kontaktpersonen erstellt. Er kann auch die notwendigen gerichtlichen Schritte einleiten. Kompetenter Mann. Sie können sich auf ihn verlassen. Er wird mich unterrichten.«

 

 

Montag, Vormittag

 

Ein wenig unsicher, fast tastend, tritt Betz auf das Telefontischchen zu, das sich in seinem großen Wohnzimmer in der Nähe des Fensters befindet. Ein ausrangiertes Wirtshausmöbel, auf dem ein alter, schwarzer Apparat steht. Das Zimmer ist spärlich möbliert. Auf dem Boden liegen Grasteppiche, um blinde Stellen im Parkett zu überdecken. In der Mitte prangt unter einem riesigen, weißen Papierballon, der als Leuchte dient, ein kleiner, glänzender Konzertflügel. An der Wand liegen, zu einem Diwan geschichtet, bunt bezogene Matratzen. Dort, statt im Bett, hat Betz es sich vorhin gemütlich gemacht, mit angezogenen Beinen unter einer Decke gelegen und die Zeitung studiert. Doch seine Gedanken sind immer wieder von der leichten Lektüre abgeirrt.

Gisa.

Eigentlich ist man ohne konkrete Verabredung verblieben. Eine flüchtige, kühle Sommernacht. Auch nicht schlecht. Passiert ist nichts. Natürlich nicht. Sie hat die Tage, er hat aufgepasst. Außerdem, was hat eine Frau wie Gisa davon, geschwängert zu werden.

Er hat weitergelesen, doch immer wieder: Gisa.

So steht er nun in einem weiten Buschhemd, in Unterhosen, barfuß, die Fersen aneinander, die Fußspitzen im Winkel von fünfundvierzig Grad vor dem alten Telefontisch und überlegt. Schließlich kramt er das Telefonbuch heraus, findet die Kanzleinummer und wählt. Der Anrufbeantworter. Betz lauscht mit offenem Mund der Ansage, hört den Pfeifton und verzichtet darauf, irgendetwas aufs Band zu sprechen. Es erscheint ihm töricht. Weil es ihn fröstelt, geht er auf seinen Diwan zurück, deckt sich zu, nimmt ein Kissen zwischen die Knie und legt sich auf die Seite, um in einen leichten Schlaf zu duseln. Mit einer Hand wärmt er seine Glatze. Er träumt, während sein Schwanz, von der Blase bedrängt, sich beim Aufrichten in der Unterhose verheddert.

 

 

Montag, Vormittag

 

Der Piepser an der Brust des Assistenzarztes in der Isolierstation meldet sich. Routiniert geht der Doktor zum nächsten Wandfernsprecher, wählt und sagt: »Felser«. Eine Kraft aus der Verwaltung sagt ihm, dass er endlich seine Essenkarten abholen muss, er will etwas richtigstellen, doch dann sieht er einen Pfleger am Ende des Ganges um den Flur biegen und mit einer großen Geste des rechten Armes winken. Da ist etwas los, es eilt. Felser wirft den Hörer auf die Gabel und rennt zu seinem Pfleger. Doch der ist schon wieder um die Ecke verschwunden. Er steht vor der Sterilschleuse, die zum Zimmer dieses merkwürdigen Patienten Vogel führt, und deutet mit einer Geste beider Arme hinein. Über seinem Kopf blinkt ein rotes Licht. Der Patient hat gerufen.

Der Arzt nähert sich, späht um die Ecke und betritt den Zwischenraum vor dem Krankenzimmer. Er lugt durch die Scheibe und erkennt, dass die weiße Ordnung zerstört ist. Das fahrbare Bett ist schief an die Wand gekippt, das Bettzeug herausgefetzt, die Gummiunterlage liegt im ordinären Rosarot in geschwungenen Falten auf dem Boden. Das Kissen ist aufgeplatzt, Schaumstofflocken wirbeln noch in der Luft wie Reste von Konfetti, dazwischen, in Schnipseln, die Reste des Nolde Drucks.

Der junge Vogel steht fordernd, die Hüfte vorgeschoben, den bandagierten Arm hängend, den anderen in die Seite gestützt, mit verächtlich heruntergezogenen Mundwinkeln hinter der Tür, die von seiner Seite aus nicht zu öffnen ist.

Seine klobigen Fallschirmspringerstiefel treten in unregelmäßigem Rhythmus an das Holz, das freilich so stabil ist, dass es nur dumpf widerhallt. Der verächtliche Zug im Gesicht rutscht weg, der Junge schreit etwas, was ebenfalls nur ganz fern und undeutlich als Geräusch wahrzunehmen ist.

Der Assistenzarzt Felser drückt auf die Gegensprechanlage und hört nur noch die Satzfetzen:

»… raus hier, raus hier, oder ich mach’ alles um!«

Dann wendet sich Vogel wieselflink um, ein Tritt, ein Zug, und das Bett stürzt mit schepperndem Knall, der von der Gegensprechanlage verzerrt wiedergegeben wird, endgültig auf die Seite, der Nachtisch fällt um, Vogel tritt noch zwei Beulen in das weiße Blech, dann kommt er zurück, sieht nun den Arzt, grinst breit und sagt: »Kannst du mich hören, Weißer, da draußen?«

»Ja«, schnarrt die Gegensprechanlage.

»Du, ich pass auf wie immer, ich weiß, dass ich aufpassen auf die Gesundheit muss. Bloß, nur mit Aufpassen kann keiner leben. Das Ding hier«, er hebt den bandagierten Arm, »das ist versorgt. Das ist nicht das erste Mal, dass man so was macht. Ich nehm’ den Scheißdreck von Medikamenten ein, den ihr mir verschreibt – ey, aber da sind noch ein paar Leute, die auf mich warten.« Nun senkt sich die Stimme des jungen Mannes zu einem bedrohlichen Knurren: »Ich will hier raus, Weißer, verstehst du mich?«

Felser wartet einen Augenblick, sucht nach den richtigen Worten, dann drückt er wieder den Knopf, der es ermöglicht, dass man ihn in dem verwüsteten Zimmer hört. »Wissen Sie, Herr Vogel«, spricht der Arzt mit möglichst ruhiger Stimme, »wir haben Ihr Blut abgenommen. Es ist im Labor zur Untersuchung.«

Auf der anderen Seite der Scheibe sieht man eine Grimasse, aus der zu schließen ist, dass Vogel irgendetwas aus Leibeskräften brüllt. Es könnte »Was für eine Untersuchung?«, heißen. Felser sagt deshalb:

»Wir müssen prüfen, ob Sie serumpositiv sind, das Virus, Sie wissen.«

Tastendruck, Vogels Stimme, nur wenig verunsichert: »Was, das ist doch alles getestet, bin negativ. Und die neuen Medikamente sind sauber … oder nicht?«

»Doch.«

»Also.«

Felser nimmt sich Mut und sagt: »Wir haben trotzdem Untersuchungen gemacht. Und das Ergebnis ist nicht so toll. Wir haben etwas gefunden.«

Vogel, der mit seiner Krankheit umgehen kann, hat schon oft mit dem Verdacht gekämpft, er habe sich infiziert, gehöre zu den Opfern unsauberer Medikamente. Doch in den letzten Wochen und Monaten war in ihm die Überzeugung gewachsen, dass er nun alle Chancen habe, nicht krank zu werden, einer von den fünfzig Prozent sauberen Blutern zu bleiben. Und nun, ohne Vorankündigung, unverbrämt das Wort »serumpositiv«, scheinbar leidenschaftslos von einem bedrängten jungen Arzt dahingesagt und vom Lautsprecher ausgespuckt: »Serumpositiv.«

Es ist wie ein Schlag, den man kommen sieht, ihm aber nicht ausweichen kann. Das Gefühl stellt sich nicht rasch darauf ein. Erst mit Verzögerung durchlaufen Entsetzen, Panik und Angst das Hirn. Davor flackert eine Losung durch die Gedanken: »Das kann doch nicht wahr sein.«

Deswegen brüllt der eingesperrte Vogel die Scheibe an, schreit, dass das nicht wahr ist.

»Doch, wir haben es zehn-, zwanzig-, dreißigmal getestet. Es ist ein Sonderfall bei Ihnen, deswegen müssen Sie vorläufig dableiben.«

Vogel zieht sich langsam zurück, geht ans Fenster und schaut hinaus auf die Wiese vier Stockwerke unter ihm. Auf dem graugrünen Grund steht eine weiße Marmorskulptur, die einen Menschen darstellt, der die Hände zum Himmel reckt. Dahinter verzettelt sich grau-rot die Silhouette der Stadt. Vogel beobachtet eine Frau, die im Morgenrock, geborgen unter einem lila Schirm, an der Skulptur vorbeigeht. Als er sich umdreht, sieht er hinter der Scheibe nur noch das violett-blaue Licht der Desinfektion. Der Assistenzarzt ist verschwunden.

Vogel wackelt mit dem Kopf, als könnte er die soeben erhaltene Todesnachricht von sich schütteln wie ein nasser Hund das Wasser. Doch das Wort »serumpositiv« bleibt in seinem Hirn, beginnt zu hämmern wie ein Eiterherd. Vogel geht, holt sich die Matratze und zerrt sie in die Ecke zwischen Fenster und kalter Heizung. Er rollt sich zusammen, die Arme bis zu den Ellenbogen zwischen die Knie geklemmt. So liegt er da, öffnet nur gelegentlich die Augen und schließt sie wieder. Das Schwarz hinter den Augenlidern und das Weiß der kahlen Wand ergeben einen flimmernden Kontrast, auf den sich Vogel nun zu konzentrieren versucht.

Ein neues Leben beginnt für ihn.

Er erhebt sich, weil die Wut aufflackert und beginnt wieder, zu schreien und zu toben. Er will raus, raus, raus hier.

Niemand schert sich darum. Der Lautsprecher bleibt stumm, auch wenn Vogel an die Wand trommelt. Das violette Licht in der Sterilschleuse strahlt in der Dunkelheit wie ein böses Gestirn. Die Tür zum Flur bleibt geschlossen. Vogel sieht sich um, packt einen Stuhl bei den Beinen, holt aus und wirft ihn gegen die große Panoramascheibe. Das Glas bebt, das Wurfgeschoß prallt daran ab, ohne einen Kratzer oder gar einen Riss zu hinterlassen. Vogel geht einige Schritte bis in die Mitte des Zimmers, mit gesenktem Kopf, das Chaos betrachtend, das er angerichtet hat, ohne etwas ausrichten zu können.

Wieder ans Fenster. Unten ist der Rasen leer. Einige Pfützen scheinen bläulich im fahlen Grün. Ein penetranter Dauerton, vorher schon gegenwärtig, fällt Vogel auf. Sein Gesicht verfinstert sich. Er will wieder nach etwas greifen, was er versuchen kann zu zerstören, doch dann dringt in sein Bewusstsein, dass er den Ton kennt. Telefon. Freizeichen. Tatsächlich liegt neben dem umgekippten Bett, halb unter dem Nachttisch begraben, ein Telefonhörer. Endlich hat Vogel etwas, womit er handeln kann, ohne nur ohnmächtig zu toben. Die gesunde Hand kramt in der Brusttasche seiner Lederjacke, fordert einen Stapel zerknitterter Papiere hervor, gleichzeitig scharren die Springerstiefel den Fernsprechapparat zutage. Vogel lässt sich nieder und hat für eine Sekunde die Todesnachricht vergessen. Er raschelt eifrig in den Zetteln und findet schließlich die Nummer, die er sucht. Er klemmt den Hörer zwischen Schulter und Ohr und wählt, es funktioniert tatsächlich. Voller Ungeduld wartet er, bis nach drei oder vier Tönen abgehoben wird.

»Anwaltskanzlei«, meldet sich eine Frauenstimme.

»Mich muss hier einer rausholen, hören Sie, schnell …«, sagt Vogel hastig und in konspirativem Ton.

Aus der Sicht einer Anwaltssekretärin, die gerade ihren Dienst beginnt, ist das merkwürdige Benehmen des Anrufers Grund genug, ihren Chef vorzuwarnen. Dieser ist ein Mitglied einer Sozietät von Anwälten unterschiedlichen Alters. Einer der Kollegen hat Vogel bei einer kleinen Strafsache verteidigt. Doch dieser Mann ist ausgeschieden, hat die Anwaltszulassung aufgegeben und ist zu einer Versicherung gegangen. Der Rechtsanwalt, beruflich stark belastet, hat erst gar keine Lust, sich mit dem querulatorisch klingenden Anruf zu beschäftigen. Er sagt: »Abwimmeln«, setzt seine Brille auf und blättert die Sportseite in der Morgenzeitung auf.

Nun hat die Sekretärin die Aufgabe, dem atemlos wartenden Anrufer auseinanderzusetzen, dass die Kanzlei momentan zu beschäftigt sei und Aufträge nicht entgegengenommen werden. Fassungslos sagt Vogel: »Ich brauch’ doch jemanden, man hat mich eingesperrt, das geht doch nicht!« Die Sekretärin denkt, dass der Anrufer eigentlich recht habe, aber was soll sie machen?

»Wer hilft mir?«, fragt die flüsternde Stimme eindringlich.

»Moment«, sagt die Sekretärin, dann fällt ihr ein, dass sie eine zusätzliche Information braucht, geht noch einmal zurück, schaltet in die Leitung und fragt, wo denn der Anrufer eingesperrt sei, hört nicht ohne Erstaunen das Wort »Klinik«, unterbricht wieder, geht zu ihrer Kollegin ins Nachbarzimmer und fragt, ob sie denn einen Anwalt weiß, der Nervenkranke vertritt. Die Kollegin zieht die Ohrhörer des Diktiergerätes ab und starrt die Sekretärin ungläubig an.

»Nervenkranke?«, fragt sie.

»Oder so«, schränkt die Sekretärin ein.

Die Kollegin zieht die Schultern hoch, lässt die Mundwinkel hängen, überlegt einen Moment und fragt hilflos, für wen es denn sei, wird aufgeklärt, grübelt weiter, bis sie schließlich in einem Packen Unterlagen wühlt, den sie zum Diktat hat, und einen Anwaltsbogen zutage fördert, auf dem der Name Gisa Wormser in zierlicher Schreibschrift steht.

»Die hier würde ich nehmen, die hat gerade vor ein paar Monaten angefangen«, erklärt sie, »die hängt sich noch ganz mächtig rein, die hat noch Zeit für solche komischen Sachen, das merkt man.« Die Sekretärin nimmt sich einen Klebezettel, notiert schnell die Nummer, geht wieder in die Leitung, gibt dem Anrufer knapp die Nummer durch und atmet erleichtert auf, als dieser ohne Dank auflegt.

Die Irritation ist vorüber.

 

 

Montag, später Vormittag

 

Gisa Wormser hat sich zurückgelehnt, sie spielt die Naive und strahlt ein wenig. Sie schlägt die Beine übereinander und lässt sie sehen, warum auch nicht?

Der Professor, zu dem sie nur über zahlreiche Hürden vorgelassen wurde, sitzt schniefend hinter einem scheußlichen Monstrum von Schreibtisch und schiebt mit kaum verhohlener Nervosität Computerbögen und umherliegende Aufzeichnungen durcheinander. Es soll so aussehen, als ordneten die Hände etwas, doch sie verraten Verlegenheit. Er fühlt sich belästigt. Er klimpert auf seiner Tastarur.

Eine lange Pause ist entstanden. Krön bemerkt sein Herumscharren und legt die Hände in den Schoß. Er ringt um Konzentration und versucht ein Lächeln, dann sagt er leise, dass er normalerweise nicht mit Rechtsanwälten redet. Nicht, dass er etwas gegen diese Leute habe, doch dafür sei die Rechtsabteilung der Universität oder das Gesundheitsamt …

»Gesundheitsamt?«, fragt Gisa schnell.

Krön ärgerlich: »Ja, oder so ähnlich. Jedenfalls reden Sie am besten mit dem zuständigen Juristen.«

»Niemand da«, sagt Gisa mit dem naiven Lächeln, das sie einsetzt, um ihren Gesprächspartner zu provozieren.

»Ja, Mann, ich weiß doch auch nicht«, schnauzt Krön plötzlich. Er verwünscht in Gedanken diese dumme Gans vor sich, verwünscht namentlich Frau Cerzig und seine Assistenten, die ihm dieses Gespräch eingebrockt haben. Als gehöre es zu Kröns Aufgaben, auch noch mit irgendwelchen Anwältinnen, mögen sie auch ansehnlich sein, dienstliche Gespräche zu führen. Er kleidet dies in einigermaßen höfliche Worte und sagt es Gisa, die sich artig für das Kompliment bedankt, aber nach wie vor mit sturer Gelassenheit darauf beharrt, Herrn Bertold Vogel sehen und sprechen zu dürfen, der ihr telefonisch Mandat erteilt habe, damit sie ihn aus seiner Gefangenschaft in der Klinik befreie.

»Gefangenschaft, Gefangenschaft«, wiegelt Krön ab, »was soll denn das?«

»Gibt es denn einen Patienten mit dem Namen Vogel oder nicht?«

Krön bejaht gequält.

»Und was ist, kann er die Klinik verlassen?«

Es entsteht eine Pause, in der Krön plötzlich auffährt. Er zieht einen gefalteten Computerbogen aus einem der Stapel hervor und verdeckt ihn brüsk mit einer wissenschaftlichen Zeitschrift. In einer Art Übersprungshandlung hämmert er energisch auf seine Tastatur ein. Er unterbricht die laufende Prozedur auf dem Rechner, speichert eine Datei ab, ruft eine neue auf und sieht sich mit gerunzelter Stirn eine Computergrafik an.

»Erkennen Sie auf dem Bildschirm, ob er festgehalten wird?«, fragt Gisa Wormser. »Oder soll er einen Text unterschreiben, dass er auf eigene Gefahr die Klinik verlässt? So was wäre nämlich juristisch zulässig.«

»Nein«, knurrt Krön, er tritt zurück, setzt sich, schlägt die Hände vors Gesicht und sagt leise und ungeheuer müde, dass der Patient nicht vernehmungsfähig sei.

»Überlassen Sie bitte mir die Einschätzung dieses Umstandes«, sagt Gisa. »Führen Sie mich zu dem Mann.«

Endlich schafft es Krön, der jungen Frau ins Gesicht zu sehen. Sie hält den Blick aus. Krön sagt:

»Nein!«

Da erhebt sich Gisa, sie knöpft ihren Trenchcoat zu, schiebt die linke Hand in die Tasche und zeigt mit der rechten Hand auf den Schreibtisch.

Sie spricht: »Sie sind ein bekannter Wissenschaftler, Herr Krön. Ihr Assistent hat es mir gesagt. Man hat Hochachtung vor Ihnen. Sie wissen also, was Sachkompetenz bedeutet.« Gisa wartet auf keine Antwort, sie fährt fort: »Und ich kenne mich ein wenig in meinem Fach aus. Und sehen Sie, ich sage Ihnen, wenn Sie mir diesen Herrn Vogel nicht innerhalb der nächsten halben Stunde für ein Gespräch vorführen, dann hole ich ihn mir heraus, und zwar mit Gericht und Polizei. Haben Sie verstanden?«

Krön lungert in seinem Sessel, es wäre übertrieben, wollte man behaupten, er fände ein hilfreiches Mittel gegen die junge Frau, die ihn gerade zusammengebellt hat. Soll er ihr sagen, er sei es nicht gewohnt, dass man mit ihm in solch einem Ton spricht? Diese Person würde ihn verspotten. Und er befürchtet, dass sie noch auf die Rechte ihres Berufs stolz sein dürfte, die ihr diesen Auftritt erlauben. Er massiert die Stirn, um diesen Spuk zu vertreiben, nicht nur die vor ihm sitzende Anwältin, auch das Virus mit seinen bemerkenswerten Erscheinungsformen und alles, was ihn während der letzten Nacht beschäftigt und umgetrieben hat.

In müder Resignation bittet er die Anwältin, die halbe Stunde zu warten. Fast erstaunt nimmt er zur Kenntnis, dass sie seiner Bitte folgt. Er atmet auf.

Fast ein wenig verächtlich denkt er an den Staatssekretär, wie er die Aktionen präzise koordiniert und sogleich bedenkt, dass Erklärungen schriftlich vorliegen müssen und die zuständigen Instanzen aus dem Ärmel schüttelt. Nicht im Geringsten hat sich Krön darum gekümmert, eine schriftliche Erklärung des Patienten Vogel zu besorgen. Ist er denn die Tippse im Hause? Er weiß nur aus einem Telefongespräch, welches er mit dem Stationsassistenten von der Inneren zwischen Tür und Angel geführt hat, dass der Patient tobt, randaliert und alles zusammenschlägt. Krön lacht gehässig bei der Vorstellung, in dieser gefährlichen Situation mit Kugelschreiber und Papier den aggressiven Halbstarken wegen einer Unterschrift anzugehen. Im Zuge seiner Erinnerung an Schummberger fällt ihm der Name Winter ein. Dieser Mann ist Jurist, und vielleicht weiß er weiter. Krön drückt die Tasten einer Sprechanlage. Am anderen Ende eine weibliche Stimme:

»Ja, Herr Professor«, eine andere Stimme kichert im Hintergrund. Alltag, normal.

Krön bestellt einen Kaffee und eine Verbindung mit dem Gesundheitsamtsjustitiar. Der Kaffee kommt, Krön trinkt, würgt das lauwarme Gebräu hinunter und kritzelt auf einem Blatt Papier, bis man ihm das Gespräch durchstellt. Er erklärt dem Juristen die Situation. Winter schweigt, Krön muss fragen, ob er noch am Apparat sei.

»Ja, ja«, murmelt Winter. »Die Frau hat recht, Herr Professor. Ohne schriftliche Einwilligung geht nichts.«

Krön ist empört: »Nein, ich lasse den Kerl nicht laufen, dann muss man mich halt wegen Freiheitsberaubung oder so etwas verurteilen. Ich mache ein Riesentheater in der Presse. Herr Schummberger hat ja von den Medien gesprochen, dann machen wir es also öffentlich.« Krön steigert seine Wut, er brüllt: »Das ist absurd, mein Herr!«

Doch Winter bleibt gelassen, er denkt nach, während am anderen Ende der Verbindung Professor Krön, den Telefonapparat in der Hand, den Hörer zwischen Schulter und Ohr eingeklemmt, hin und her läuft und wütend im Rhythmus seiner Schritte auf die Platte trommelt.

Endlich spricht Winter: »Wir könnten eine gerichtliche Entscheidung beantragen, Herr Professor.«

 

 

Montag, später Vormittag

 

Betz ist das ewige Parkplatzsuchen in Gerichtsnähe schon zur leidigen Routine geworden. Umso erstaunter ist er, als er, quasi als Geburtstagsgeschenk der Öffentlichkeit, einen regulären Parkplatz findet, der es ihm zudem erlaubt, ohne Körperverrenkungen auszusteigen. Es ist spät, schon fast elf, doch Betz grämt sich nicht. Es ist ein Privileg der Richter, keine festen Dienstzeiten zu haben. Wer schaffen und ackern will, wird Rechtsanwalt oder macht Karriere in der Verwaltung. Betz ist unter anderem wegen dieser kleinen Annehmlichkeiten im Alltag Amtsrichter geblieben, der Mann für die kleinen Fälle, der also auch nicht so schmerzlich vermisst wird, wenn er einmal fehlt. Und an einem Tag nach dem vierzigsten Geburtstag, gezeichnet von den Anstrengungen der Fete und dem Danach, erlaubt sich Andreas Betz zu schlendern, Mädchen nachzusehen und einen Umweg zur Musikalienhandlung zu machen, um nach neuen Noten zu fragen. Er findet sie sogar, zahlt, spaziert die paar Blocks zum Gericht, während das erste Mal seit Tagen zwei Sonnenstreifen über die Innenstadt wandern und strahlende, gelbe Muster und kühle Schatten auf den regennassen Asphalt zeichnen.

Betz betritt in guter Stimmung das Gerichtsgebäude, eine ehemals ehrwürdige Architektur, die durch Zweckumbauten innen verschandelt ist. Von dem großen Flur hinter dem Eingang geht man links und rechts in die Verhandlungssäle. Anwälte, Parteien, Kläger und Beklagte stehen in Gruppen, besprechen ihren Fall, der irgendwann zum Aufruf kommt. Über allem hallen die Lautsprecherstimmen der Richterinnen und Richter, welche die Streitsachen nach einem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts laut aufzurufen haben. Der Flur ist düster, kühl, vorherrschend ein gewisser Schweißgeruch, dem Angstschweiß nicht unähnlich. Anwältinnen und Anwälte hasten geschäftig. Keiner trägt mehr eine Robe. Das Amtsgericht in Zivilsachen hat allen Pathos verloren. Er ist das Sprungbrett für die Berufsanfänger unter den Freiberuflern; die Seniorpartner der Kanzleien kümmern sich nur, wenn Not am Mann ist, um den alltäglichen Zank.

Betz geht, hier und da flüchtig mit Kopfnicken begrüßt, durch die Szene zur Treppe, um hinauf zu den Richterzimmern zu gelangen.

Der obere Flur ist enger, dunkler noch als das Erdgeschoss. An den Wänden zwei Schwarze Bretter, eines vom Personalrat und den Gewerkschaften, das andere vom Richterrat. Die Gewerkschaft hat ein Plakat ausgehängt: Bachkonzert. Sonderveranstaltung für die Justiz in Zusammenarbeit mit dem Verein der Richter und Staatsanwälte. Das Plakat ist neu, deshalb studiert Betz die Interpreten, stellt aber fest, dass es sich um ein besseres Schulorchester handelt, und beschließt, nicht teilzunehmen. Plötzlich tritt sein Freund und Kollege Küster neben ihn, legt ihm die Hand auf die Schulter, rüttelt ihn ein wenig und grinst.

»Mir tut der Schädel weh, dir wohl eher ein anderes Körperteil«, sagt er flachsend. Er war gestern auch unter den Gästen, ist aber beizeiten brav mit seiner Frau nach Hause gegangen. Er erwartet keine Antwort und spricht sofort weiter: »Da geh ich hin, Bach ist für mich immer etwas Besonderes, und ich weiß nicht, aber es jagt mir manchmal einen Schauer über den Rücken.«

»Kommt drauf an, wie’s gespielt wird«, sagt Betz skeptisch. »Drei Euro Eintritt, der Preis stimmt«, lästert Küster, »auch ein Richter muss gelegentlich seiner Angetrauten Kultur bieten – wie war sie denn, die Wormser?«

Betz steckt die Hände in die Taschen, zuckt mit den Schultern und lächelt ein wenig verlegen. »Ist was aufgefallen?«, fragt er.

»Fast gar nichts«, sagt Küster grinsend, »so wie ihr getanzt habt!«

Nun nimmt er Andreas Betz am Arm und zieht ihn mit sich in Richtung Flurende: »Du hast Kundschaft, ein neuer Fall«, sagt Küster. »Eine einstweilige Anordnung. Die waren zuerst bei mir, aber nach dem Geschäftsverteilungsplan ist es deine Sache. Ich hab sie schon einmal auf die Geschäftsstelle geschickt, damit sie sich ein Aktenzeichen holen. Sie machen nicht den geduldigsten Eindruck. Deswegen habe ich sie in dein Zimmer gesetzt. Erschrick also nicht.«

Man sieht Betz an, wie er solche Unregelmäßigkeiten im Tagesablauf hasst, zumal heute, an einem Tag, an dem er sich vorgenommen hat, in Ruhe und Konzentration an den Akten zu arbeiten und ein längeres Gespräch mit der Rechtsanwältin Gisa Wormser zu führen, sofern diese im Gericht erschiene, persönlich, ansonsten telefonisch. Eine einstweilige Anordnung schmeißt alles durcheinander. Küster sieht seinem Freund an, dass er ärgerlich ist, er hebt die Hände, Handflächen nach oben, tut wie die Karikatur eines orientalischen Händlers und sagt: »Es war der Geschäftsverteilungsplan in seiner höheren Weisheit, nicht ich, wo ich nur sein ausführendes Organ bin.« Dann lacht er schallend, geht links ab in sein Zimmer und wirft hinter sich die Tür zu, während Betz lustlos weitertrabt und ohne zu klopfen seinen Arbeitsbereich betritt.

Er sieht zwei Männer, die im Gespräch stocken und zu ihm blicken. Der eine, ein schlanker, braunhaariger Vollbartträger in Anzug und Krawatte, hält einen schmalen Aktendeckel auf dem Schoß. Er springt sofort auf. Betz registriert, dass er das Gesicht irgendwoher kennt, kann es aber nicht zuordnen. Daneben sitzt ein Mann, der ein paar Jahre älter sein dürfte als er selbst, in weißen Turnschuhen und einer modisch zerknitterten Leinenhose. Er trägt einen Pullover mit Norwegermuster und wirkt salopp. Sein Gesicht ist rund und voll, mit blauschimmerndem Bartwuchs, volles Haar, von ersten weißen Streifen durchzogen.

Als Betz die Tür schließt, fällt ihm der Name ein, der zu dem Gesicht mit dem Vollbart passt.

»Guten Tag, Herr Winter«, sagt er. Der Jurist grüßt artig zurück. Betz wirft einen Seitenblick auf den immer noch mit verschränkten Armen sitzenden Mann. Nun erkennt er, dass die Augen verwaschen und rot wirken, der Bartschatten nicht modische Attitüde ist und Falten um einen schmalen Mund Anstrengung verraten. Was wird das wohl wieder werden?, fragt er sich und verstaut die Noten auf dem Schrank, als gelte es, den Dienstbereich vom Privaten zu trennen. Eine einladende Geste zum Stuhl hin, Winter setzt sich wieder, und Betz begibt sich hinter seinen einfachen Schreibtisch.

Winter beugt sich vor, schiebt den Aktendeckel, den er in den Händen gedreht hat, hinüber zum Richter und murmelt, dass es eine kleine Sache sei, nichts Besonderes, eine Eilentscheidung zwar, die aber keine Arbeit mache, ein Routinefall sozusagen. Seitens der Gesundheitsbehörde sei man mit abgekürzter Entscheidung einverstanden. Nur der Tenor interessiere, nicht die Gründe.

Für Betz’ Geschmack hat der Jurist gegenüber drei, vier Worte zu viel gesagt – und zu schnell. Da wird der Instinkt des Richters wach, der immer fürchtet, von einer der Parteien nicht gerade hereingelegt, aber doch nicht vollständig und zutreffend informiert zu werden. Er hat Angst, offenkundige Fehler zu begehen, die das Landgericht als übergeordnete Instanz zum Gegenstand eines rügenden Beschlusses machen könnte. Er zögert noch eine Sekunde, bevor er das Dossier aufschlägt, wartet, ob Winter noch etwas hinzuzufügen hat. Doch Winter hat auch so ein Gefühl, das ihm sagt, dass er zu viel geredet hat.

Der Richter Betz beginnt zu lesen.

Der Schriftsatz enthält den Antrag, den Betroffenen, einen gewissen Bertold Vogel, für die Dauer eines Jahres in eine Absonderung nach dem Bundesseuchengesetz einzuweisen.

»O lala«, entfährt es Betz. Ein schneller Blick, der kontrollieren soll, ob die Beteiligten dies als ein Zeichen von Festlegung bei der Einschätzung des Falles auffassen. Er blickt in starre Mienen, deshalb fügt er hinzu: »So einen Fall hatten wir noch nicht.«

Dann liest er weiter. Man trägt vor, der Betroffene, so nennt man amtlich den jungen Vogel, sei serumpositiv. Gerade an dieser Stelle unterbricht der bisher schweigsame Mann mit den roten Augen die Lektüre des Richters und sagt mit einem missbilligenden schrägen Blick auf Winter: »Ich bin der medizinische Sachverständige, den man wohl bei einem solchen Verfahren braucht. Krön ist mein Name.«

Betz nickt, deutet auf das Schriftstück und sagt: »Professor Krön, Virologisches Institut, Universität?«

»Ja.«

Großes Kaliber, denkt sich Betz, warum denn, wenn es nur eine kleine Sache ist? Dann liest er weiter und nimmt zur Kenntnis, dass die Gesundheitsbehörde dem Betroffenen zur Last legt, eine Gefahr für die Allgemeinheit, ein Ansteckungsherd zu sein, da er nicht die Gewähr dafür biete, mit seiner Krankheit und der damit verbundenen Gefahr richtig umgehen zu können. Der Betroffene sei höchst aggressiv, vielleicht auch promiskuitiv, zumindest aber nicht kontrollierbar. Ein erster Fall, doch irgendwann einmal habe es so kommen müssen, dass man eine von der Krankheit betroffene Person mit gerichtlicher Hilfe absondern müsse.

Betz sieht die Blicke der beiden Männer auf sich gerichtet. Erwartungsvoll. Er dreht ihnen die Schulter zu, liest die Schriftstücke noch einmal sorgfältig durch, dann sagt er nach einer kurzen Pause des Überlegens: »Ich muss zunächst einmal die Rechtslage prüfen, das ist kein Alltagsfall.« Er bittet die Herren um zehn Minuten Geduld, geht, öffnet unmissverständlich die Tür und komplimentiert den Forscher und den Justitiar mit einer knappen Geste der Hand aus seinem Zimmer, das er auch selbst verlässt, um in die Bibliothek zu gehen, wo er einen Kaffee von der Bibliothekskraft bekommt und in Ruhe nachdenken kann.

 

 

Montag, gegen Mittag

 

Im Halbdunkel, zwischen einem Spalier alter Metallregale sitzend, grübelt Betz über die ihm zur Entscheidung vorgelegte Sache nach. Er hat das Bundesseuchengesetz durchgesehen, kam aufgrund einer Fußnote dazu, das Freiheitsentziehungsgesetz zu konsultieren, beides alte und ehrwürdige Rechtsvorschriften, von denen er aber angenommen hat, dass sie auf so einen dahergelaufenen neuen Fall passen. In der Tat, so weit gibt der Jurist Betz dem Kollegen Winter recht, ist die Gesundheitsbehörde, das stellt sich bei näherer Prüfung der Gesetze heraus, befugt, ansteckende Kranke für einen Tag gegen ihren Willen festzuhalten und dann beim Amtsgericht eine Entscheidung zu erwirken, um den Betroffenen bis zu einem Jahr von seiner Umgebung abzusondern, wenn Infektionsgefahr besteht. Und das, was im Schriftsatz vorgetragen ist, lässt a priori nicht den Schluss zu, als habe sich das Gesundheitsamt vergaloppiert. Ein Testergebnis liegt bei den Akten, wonach der Patient Vogel serumpositiv ist, und eine ärztliche Stellungnahme des Virologen Professor Krön ist ebenfalls beigefügt, in der die hinlänglich bekannte Tatsache versichert wird, dass diese Krankheit tödlich sei und dass beim Patienten das Testergebnis feststehe.

Betz grübelt nach einer Methode, um den Fall kritisch anzugehen. Ihm fällt das Repertoire ein, das er als Strafrichter in Verkehrssachen kennt, wenn es um Blutalkohol geht: Stammt die Blutprobe authentisch vom Patienten oder wurde sie verwechselt? Arbeiten die Messgeräte richtig? Wie würden sich die beiden Männer zu einer erneuten Untersuchung stellen? Wohl durchaus positiv, huscht ihm durch die Gedanken, denn man weiß ja nie … Doch Verhandlung, Neuuntersuchung, Testergebnis, das alles wird mehr als einen Tag in Anspruch nehmen. Soll er den Mann, den er nicht kennt, vorläufig einweisen, um das Ergebnis in Ruhe abzuwarten, oder hat der Betroffene Anspruch auf seine Freiheit, bis eine zweite Probe geprüft ist?

Betz ärgert sich darüber, dass er in diesem Fall keinen Anfang findet, er stopft die Akte in eine Lücke im Regal, stapelt Gesetzbücher und Kommentare auf dem hölzernen Stuhl und geht nach vorne zum Schreibtisch der Bibliothekskraft, um noch einmal für fünfzig Cent einen Kaffee zu erstehen. In der selbstverordneten Pause bleibt er einsilbig, antwortet auf die Fragen der jungen, aber imponierend hässlichen Angestellten nach dem Verlauf der gestrigen Geburtstagsfeier freundlich und ausweichend und zieht sich nach wenigen Minuten mit dem Kaffee wieder zum Nachdenken in das düstere Staubloch der Bibliothek zurück.

Irgendwie ist ihm nicht geheuer dabei, auf eine bloße Behauptung hin einen Menschen, den er noch nie gesehen hat, in eine Absonderung einzuweisen. Das wäre wie Freiheitsstrafe. Er nimmt noch einmal den Schriftsatz, liest ihn durch, stockt bei den Worten »promiskuitiv« und »aggressiv«, wägt ab, sieht noch einmal zur Selbstbestätigung in das Gesetz und folgert, dass doch sehr konkret dargetan werden müsse, welche Gefahr für einzelne oder gar die Allgemeinheit von diesem Mann ausgehe. Betz gähnt lange und herzhaft, trinkt den Kaffee aus und stellt fest, dass Krön und Winter nun schon über eine halbe Stunde auf dem Flur stehen. Jedoch das treibt ihn nicht zur Eile. Bedächtig stellt er Kommentare und Gesetzesbände zurück an ihren Platz, anschließend verlässt er mit einem kurzen Gruß die Bibliothek.

Direkt vor deren Eingang läuft er Winter in die Arme, der ihn besorgt darauf hinweist, dass die zehn Minuten längst überzogen sind. Krön, ein wenig im Hintergrund, schreitet nervös hin und her und dreht dem Richter abrupt den Rücken zu, als dieser hinübersieht, um seine Missachtung auszudrücken. Krön, ein Mann, der es gewohnt ist, dass man seinen Wünschen folgt, weil sie aus seiner Sicht nie unangemessen sind, ist innerlich aufgebracht, zügelt sich indes, weil er diesen Mann dort drüben am ehesten mit einem Grenzer der ehemaligen DDR vergleicht, dem man in seiner Unfreundlichkeit und Undurchdringlichkeit jedes Mal restlos ausgeliefert zu sein schien, wie er von Erzählungen aus dem Bekanntenkreis weiß.

Betz stört die Geste des Arztes nicht. Er betrachtet ihn und seinen Gehilfen Winter ohnehin als Störenfriede.

»Ich würde mir diesen Mann gerne einmal ansehen«, sagt er in sachlichem Ton, »außerdem ist nach dem Freiheitsentziehungsgesetz anwaltliche Vertretung zwingend erforderlich, wenn Sie den Betroffenen nicht persönlich vorführen.«

»Termin?«, fragt Winter knapp, sieht gleichzeitig auf die Uhr, um Missverständnisse zu vermeiden: »Ich meine heute noch.«

Betz zögert, entscheidet sich aber, diesem formlosen Antrag stattzugeben. Heute Termin, heute entschieden, und so wird er die Sache los sein, bevor es Abend wird, und er zu seiner Geliebten gehen kann.

 

 

Montag, Nachmittag

 

Fünf Minuten vor drei steht Andreas Betz hinter den Vorhängen des Beratungszimmers, das an den schmucklosen Verhandlungssaal des Amtsgerichts grenzt. Draußen, jenseits der vollständig mit Anwaltsautos zugeparkten Halteverbotszone, rollt ein Krankenwagen aus. Es kann losgehen. Betz wirft sich die Richterrobe mit schwarzen Samtaufschlägen über, knüpft seinen weißen Schlips, den er stets griffbereit zusammengerollt in der weiten Tasche des Talars trägt, mit einigen Handgriffen um den Hals, hebt das Telefon ab, um noch einmal zu versuchen, mit Gisa einen telefonischen Kontakt zu bekommen. Bis jetzt ist er stets vom automatischen Anrufbeantworter abgefertigt worden. Zwar hat er bereits bei dem ersten Versuch widerwillig eine kurze Nachricht auf das Band gesprochen, doch es wäre ihm angenehmer, einige Worte mit ihr selbst von dem prosaischen Beratungszimmer aus zu wechseln. Zu seinem Erstaunen meldet sich nun eine lebendige Stimme, die sehr jung wirkt. Aha, der Lehrling, über dessen Rechtschreibkünste Gisa heute Morgen bei Bier und Käse in ihrer Küche gelästert hat. Das junge Mädchen weiß mit dem Namen Betz natürlich nichts anzufangen. Sie behandelt den Anrufer kühl. Andreas muss lächeln, denkt daran, wie Gisa die steife, geschminkte Attitüde der gerade Sechzehnjährigen imitiert hat.

»Es wäre privat«, bekennt Betz. Das Mädchen antwortet mit dem geschraubten Hinweis, die Frau Rechtsanwältin sei zu Gericht.

»Bei welchem?«, will Betz wissen.

»Beim Amtsgericht«, antwortet der Lehrling.

»Was macht sie da?«

»Das kann ich nicht sagen.«

Als sie dann fragt, ob sie etwas aufschreiben kann, um es der Frau Rechtsanwältin auszurichten, sieht Betz draußen auf der Straße Gisa in einem Trenchcoat mit hochgeschlagenem Kragen, den Schirm griffbereit für den nächsten Regenschauer unter dem Arm, auf das Portal des Gerichts zustöckeln. Betz beendet das Telefongespräch. Er hätte am liebsten das Fenster aufgerissen, ihr etwas zugerufen und sie für fünf Minuten hereingebeten. Eine Verhandlung kann durchaus mit Verzögerung beginnen. Indes, es entspricht nicht den Üblichkeiten, dass Richter, zumal in der Amtstracht, vorbeistöckelnden jungen Rechtsanwältinnen nachrufen. Deshalb will Betz schnell die Robe ausziehen, damit er ohne Aufsehen über den Gang laufen kann. Aus dem Augenwinkel beobachtet er noch, dass Gisa stehen bleibt und einer kleinen Prozession entgegensieht, die sich zwischen den Fahrzeugen durchschlängelt: voran Winter, ein Pfleger folgt in weißem Kittel, dann, mit gewissem Abstand, ein niedergeschlagen wirkender Junge in martialischen Kleidern, mit hängendem Kopf und eingezogenen Schultern, schließlich in noch größerem Abstand ein weiterer Pfleger und endlich Krön, der virologische Sachverständige, in genauso salopper Kleidung wie am Morgen.

Winter geht schnell auf Gisa zu und verwickelt sie in ein Gespräch, drängt sie scheinbar von ihrem Mandanten ab, dem sie nur kurz zuwinken kann, dann verschwinden die Gestalten aus Betzens Gesichtskreis. Wenig später hört er hinter der Tür seines Beratungszimmers gedämpfte Stimmen, Schritte, Stühlegeschiebe.

Er nimmt die Akten unter den Arm und tritt durch den Zugang hinaus in den schäbigen, angeschmutzten Gerichtssaal auf das Podium, das mit minderwertigem Furnier belegt und gut einen halben Meter höher als der Saal ist, in dem Beteiligte und Zuschauer Platz finden. Rechts Krön und Winter, links der Betroffene Bertold Vogel und die Rechtsanwältin Gisa Wormser. Alle sind aufgestanden und sehen zu ihm hoch. Betz ist auf diese Art von Ehrenbezeugung nicht angewiesen. Das wissen alle, doch die Gewohnheit siegt. Er macht deshalb kein Aufheben. Man setzt sich genauso automatisch, wie man aufgestanden ist.

Betz hat die Angewohnheit, nach dem Knarren der Sitze und dem Fußgescharre einen Augenblick zu schweigen, damit die Parteien sich konzentrierten. Er nützt diese kleine Zone der Ruhe vor der Verhandlung dazu, die Beteiligten anzuschauen und sich die Gesichter einzuprägen. Bei Gisa bleibt sein Blick länger hängen als üblich. Sie blättert in einem Schriftsatz und bemerkt nicht, dass er sie ansieht. Die Brille, denkt er. Sie hat eine Brille mit ganz modernem Gestell auf der Nase, es wirkt weniger streng als das Modell, das er kennt. Auch die neue gefällt ihm nicht. Er wehrt sich ein wenig gegen die Einstellung, dass Brillen bei Männern markant und bei Frauen deplatziert wirken, er versucht deshalb, die Augengläser, die Gisa trägt, schön zu finden. Mitten in diese kurze Betrachtung hinein räuspert sich Winter und macht Anstalten aufzustehen. Betz nimmt mit erhobenen Augenbrauen davon Notiz, fixiert den Justitiar des Gesundheitsamtes, dann beginnt er mit ruhiger und sachlicher Stimme die Formalia festzustellen, hält auf einem Zettel protokollarisch fest, wer erschienen ist, den Zeitpunkt der Eröffnung der Sitzung und den Verhandlungsgegenstand.

Erfahrene Prozessbeteiligte, die den Amtsrichter Betz kennen, wissen, dass er normalerweise gut vorbereitet ist, die strittigen Fragen herausgearbeitet und sich schon eine Meinung gebildet hat, die er in der Verhandlung mit den Parteien offen zu besprechen pflegt. Anders als viele Kollegen, die aus lauter Ängstlichkeit vor einem Befangenheitsantrag sich ungern offenbaren, stellt Betz seine vorläufig gewonnenen Ansichten – natürlich betont er stets das Wort »vorläufig« – zur Diskussion. Und jeder, der ihn kennt, weiß, dass derjenige, der zuerst angesprochen wird, nach dem noch unfertigen Eindruck des Richters die schlechteren Aussichten hat. Gerade ihm gibt er aber eine Chance, den eingenommenen Standpunkt zu rechtfertigen.

Heute ist es Winter, an den Betz zuerst das Wort richtet. Dieser, fast ein wenig aufgeregt wirkend, springt auf und beginnt das darzulegen, was er schon schriftlich dem Gericht unterbreitet hat. Nun, Winter gehört nicht zu den Leuten, die im Umgang mit dem Amtsgericht Routine haben. Gisa dagegen weiß die Zeichen zu deuten und entspannt sich ein wenig, lehnt sich zurück, beginnt mit dem Kugelschreiber zu spielen und gibt ihrem Mandanten, der zusammengekrümmt, die Fäuste zwischen den Knien eingesperrt, seitlich hinter ihr sitzt, ein Zeichen zur Beruhigung. Es scheint, als sei man auf der Siegerstraße.

Doch Vogel nimmt das nicht wahr. Er fühlt sich ausgeschlossen, seine Gedanken kreisen um diese bizarre Situation, plötzlich Gegenstand einer juristischen Erörterung in einem Gerichtssaal mit fleckigen Wänden und abgelaufenem Linoleumboden zu sein. Der Geruch nach Papier, Aktenstaub, aggressiven Bodenpflegemitteln, die stumpf an der fleckigen Scheibe tanzende Fliege, diese Aufsteherei und Setzerei, dieses Schweigen, diese befremdlichen Gesten! Und gestern war er ein Mensch, manchmal launisch, manchmal sogar glücklich, einer, der mit seiner Bluterkrankheit zu leben gelernt hatte. Es war deshalb keine Katastrophe, als er den Arm beim Mopedreparieren zwischen Kette und Zahnkranz verletzte. Gelassen und voller Vertrauen ging er in die Klinik. Und damit war sein bisheriges Leben beendet. Über sein neues Leben wird ein Mann in schwarz-weißer Kleidung entscheiden, der trotz seines feierlichen Aufzuges hinter einem Richtertisch, in dessen Sperrholzverkleidung ein fußgroßes Loch klafft, kaum Würde ausstrahlen kann. Zudem wirkt der Mann mit seinem faltenlosen Gesicht und seinen spärlichen Haaren kühl und streng, beinahe schon feindlich.

Dass der Richter sich zuerst mit dem Gesundheitsamt befasst, steigert die Furcht des jungen Kerls. Angst dringt spitz aus der trübseligen Dumpfheit der Sedierung hervor. Vogel mahlt mit den Zähnen, sieht, wie der Richter lächelt, als der Mann neben dem Professor mit ihm spricht. Und seine eigene Anwältin wimmelt ihn ab, spielt mit dem Kugelschreiber und scheint nicht bei der Sache zu sein!

Doch Betz ist immer freundlich zu den Parteivertretern. Das kann Vogel nicht wissen. Andere Kollegen befleißigen sich streng der Distanz zu den Menschen, mit denen sie beruflich umgehen, er meint, zu einem ordentlichen Arbeitsklima gehören auch Lächeln und gute Worte.

Zu einer sauberen Arbeit gehört aber auch ein Mindestmaß an handwerklicher Kenntnis – und da gibt es bei Winter etwas zu bemängeln. Betz erklärt: »Herr Winter, was Sie vorbringen, habe ich gelesen. Ich habe Ihnen schon heute Morgen erläutert, wo ich die Problematik des Falles sehe: Warum stellt der Betroffene eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit dar?«

Details

Seiten
300
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934649
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (November)
Schlagworte
quarantäne-zone

Autor

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Titel: Die Quarantäne-Zone