Lade Inhalt...

Keine lebenden Zeugen: N.Y.D. – New York Detectives

2019 100 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Keine lebenden Zeugen: N.Y.D. – New York Detectives

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

Keine lebenden Zeugen: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 100 Taschenbuchseiten.

 

Gleich mehrere Barbesitzer werden erpresst, man verlangt Schutzgeld von ihnen. Wer sich weigert, erhält keine zweite Chance, er wird getötet. Als der Privatdetektiv Bount Reiniger auf diese Weise einen Klienten verliert, ist es für ihn schon eine Frage der Ehre, diese Kerle aufzuspüren. Aber es ist kaum festzustellen, wer dahintersteckt. Denn lebende Zeugen gibt es keine.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/Cassiopeiapress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

Die Hauptpersonen des Romans:

Lorne Rogers – Nach außen hin spielt er den erfolgreichen Geschäftsmann. Er ist aber ein Wolf im Schafspelz.

Maggie Taylor – Eine mutige Frau, die ohne die Hilfe ihres Mannes zurechtzukommen versucht.

Ben Shaw – Warum der alte sympathische Barkeeper plötzlich den Tod an seinen Fersen hat, ist allen ein Rätsel.

Arthur Douglas – Er könnte Bount Reiniger helfen, aber er hat zu viel Angst.

June March – ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger – ist Privatdetektiv.

 

 

1

Der Anruf kam gegen 19 Uhr. June March war vor einer Stunde nach Hause gegangen, deshalb nahm Bount Reiniger ihn selbst entgegen.

„Hier ist Jay Pepper, Mister Reiniger“, sagte eine vibrierende Stimme. Das hörte sich zweifellos nach Angst an.

„Ja, Mister Pepper?“, sagte Bount Reiniger. Der Mann war seit vierundzwanzig Stunden sein Klient. Bount hatte versprochen, ihm zu helfen. Es hatte sich aber noch keine Möglichkeit ergeben, dieses Versprechen einzulösen.

Wurde Pepper etwa schon ungeduldig? Auch solche Klienten gab’s hin und wieder. Denen sagte Bount dann zumeist, dass gut Ding Weile brauche. Er konnte schließlich nicht hexen.

„Was gibt’s, Mister Pepper?“, fragte Bount.

Der Mann am anderen Ende des Drahtes druckste herum.

„Immer frei von der Leber weg“, ermunterte ihn Bount Reiniger. „Was haben Sie auf dem Herzen?“

„Hören Sie, Mister Reiniger, es liegt mir fern, Ihnen zu nahe treten zu wollen, aber es war vielleicht doch ein Fehler, Sie zu engagieren.“

„Finde ich nicht.“

„Sie sind bestimmt ein großartiger Privatdetektiv … aber … Naja, ich meine, selbst Sie können Ihre Augen nicht überall haben. Verstehen Sie mich?“

„Nein“, sagte Bount, obwohl er sehr gut heraushörte, was Pepper wollte. „Drücken Sie sich ein bisschen klarer aus“, verlangte er.

„Also es ist etwas im Gange, und ich war gestern bei Ihnen und bat Sie um Hilfe.“

„Kann sein, dass Sie’s nicht für möglich halten, aber daran erinnere ich mich noch.“

„Sehen Sie, und heute möchte ich Sie bitten, zu vergessen, dass ich bei Ihnen war. Ich habe die Angelegenheit zu eng gesehen und darauf etwas hysterisch reagiert. Mittlerweile hatte ich genug Zeit, mir die Geschichte in aller Ruhe durch den Kopf gehen zu lassen. Ich denke jetzt, dass kein Grund vorliegt, deswegen gleich einen Mann wie Sie zu bemühen. Sie haben bestimmt Wichtigeres zu tun.“

„Zufälligerweise gerade nicht“, gab Bount Reiniger ärgerlich zurück.

Jay Pepper wollte ihn für dumm verkaufen, und dagegen hatte er etwas. Dem Vibrato seiner Stimme war unschwer anzumerken, dass er immer noch Angst hatte.

Gestern hatte diese Angst Pepper in Bounts Büro getrieben, und heute veranlasste sie ihn, die Sache wieder abzublasen, weil er befürchtete, jene Leute, denen Bount auf die Füße treten sollte, könnten von seinem waghalsigen Schritt Wind bekommen.

„Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass wir einen Vertrag haben, Mister Pepper“, sagte Bount.

„Wir werden keinen Richter brauchen, okay? Sagen Sie mir, was Sie von mir kriegen, und ich überweise den Betrag auf Ihr Konto. Ich möchte natürlich nicht, dass Sie durch meine Schuld einen Schaden haben.“

„Augenblick noch, Mister Pepper“, sagte Bount Reiniger schneidend. „Sie scheinen mich für einen Hampelmann zu halten, der sich bewegt, wenn man Lust hat, an seinen Fäden zu ziehen. Hat

man keine Lust, dann hängt er eben bloß an der Wand, und man kann ihn vergessen.“

„Aber Mister Reiniger, ich …“

„lassen Sie mich bitte ausreden, Mister Pepper“, fiel Bount Reiniger dem Klienten ins Wort. „Ich besitze keinen Kindergarten, sondern eine Privatdetektei, und wenn jemand, der zu mir kommt, heute weiß und morgen schwarz sagt, dann mache ich mir auch meine Gedanken.“

„Meine Güte, man wird doch noch seine Meinung ändern dürfen, Mister Reiniger.“

„Sie haben sich innerhalb von vierundzwanzig Stunden um hundertachtzig Grad gedreht.“

„Na und? Niemand kann mir verbieten, über Nacht klüger zu werden.“

„Was für einen Grund haben Sie für diesen gewaltigen Kurswechsel, Pepper?“, fragte Bount eindringlich. „Hat man Sie inzwischen unter Druck gesetzt?“

„Nein. Nein, wie kommen Sie denn darauf?“

„So etwas soll schon vorgekommen sein.“

„Ich schwöre Ihnen, es ist alles in Ordnung. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.“

„Was hat Sie veranlasst, Ihren Auftrag zurückzuziehen, Mister Pepper?“, versuchte Bount weiter in den angsterfüllten Mann zu dringen. „Befürchten Sie, man könnte ein Exempel statuieren?“

„Also ich kann mich doch noch frei entscheiden, oder?“, begehrte Jay Pepper auf. „Ich kann einen Privatdetektiv engagieren, kann ihm den Auftrag aber auch wieder entziehen, und das tue ich hiermit. Tut mir leid, wenn Ihnen das nicht passt, aber Sie müssen sich damit abfinden.“

„Oh, so einfach geht das nicht“, widersprach Bount Reiniger. „Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Pepper. Ich setze mich jetzt in meinen Wagen, komme zu Ihnen, und dann sprechen wir das Problem in aller Ruhe durch.“

„Bleiben Sie, wo Sie sind, Reiniger!“, schrie Pepper mit schriller Stimme. Klar hatte der Mann Angst, und Bount hoffte, sie ihm bei einem ausführlichen Gespräch nehmen zu können.

Er legte auf und erhob sich, um sein Office zu verlassen.

 

 

2

Der dunkelblaue Dodge rollte in einer dämmerigen Seitenstraße aus. Zwei Männer verließen das Fahrzeug.

Die Männer waren Killer, und sie befanden sich auf dem Weg zu Jay Pepper, denn es war richtig, was Bount Reiniger vermutete: Es sollte ein Exempel statuiert werden, damit nicht noch jemand auf die hirnrissige Idee kam., sich an einen Schnüffler zu wenden.

Die Kaltmacher vom Dienst waren kein bisschen nervös. Für sie war das, was sie vorhatten, ein Job wie jeder andere. Ihre Gewissenhaftigkeit war beängstigend.

Wo immer sie auftauchten, blieb eine Leiche zurück, und die Polizei hatte einen Fall mehr, den sie unerledigt zu den Akten legen musste.

Die beiden Profis schritten gelassen den Bürgersteig entlang.

Sie erreichten den Notausgang eines Apartmenthauses. Die Tür zur Feuertreppe ließ sich normalerweise nur von innen öffnen, doch die Killer überlisteten die Sperre mit einem kleinen Trick und betraten unbemerkt das Gebäude, in dem Jay Pepper wohnte.

Mit grüner Ölfarbe gestrichene Wände umgaben die Mörder. Einer der beiden holte seine Pistole aus der Jacke und schraubte einen klobigen Schalldämpfer auf den Lauf.

Sein Komplize hatte das bereits im Wagen erledigt. Er zog die Waffe nun ebenfalls, und dann stiegen sie die Treppe hoch. Auf weißen Feldern prangten große schwarze Ziffern, die verrieten, in welchem Stock man sich befand.

Die Profis ließen 1, 2 und 3 hinter sich und erreichten die vierte Etage. Peppers Etage. Er wohnte in Apartment 4 G. Die Killer öffneten die Tür, die in den Gang führte.

Stimmen. Schritte. Ein Mann und eine Frau begaben sich zum Fahrstuhl. Sie mit Schmuck überladen und grell geschminkt. Er übergewichtig, kurzatmig und schwitzend. Der dunkle Anzug hätte ihm gepasst, wenn er zehn Pfund weniger gewogen hätte.

Die Frau war nervös und machte ihm Vorhaltungen, zu lange telefoniert zu haben. Seinen Einwand, es wäre ein geschäftlich sehr wichtiges Telefonat gewesen, ließ sie nicht gelten.

Sie schimpfte über den Lift, der nicht schnell genug zur Stelle war, meckerte über das scheußliche Muster der Krawatte ihres Mannes und ließ an seinem Anzug kein gutes Haar.

Der Mann bewies, dass er eine Eselsgeduld hatte. Er ließ die Nörgelei seiner Frau gottergeben über sich ergehen. Sie schimpfte noch weiter, als sie in den Fahrstuhl stiegen, und als sich der Lift in Bewegung setzte, drang die keifende Frauenstimme immer noch durch die geschlossene Aufzugtür.

„Die sollte zu mir gehören“, sagte einer der beiden Gangster und grinste. „Ich würde ihr mit Vergnügen den Hals umdrehen.“

„Oder ins Backrohr schieben und braten, wie man’s mit ’ner Hexe tut“, sagte der andere.

Sie setzten ihren Weg zu Jay Pepper fort. Vor 4 G blieben sie stehen, und einer der beiden nahm sich des Türschlosses an.

 

 

3

Jay Pepper goss reichlich Bourbon in ein Glas. Er war ein schlanker Mann von etwa vierzig Jahren, hatte glattes, kurz geschnittenes Haar und sah gut aus.

In seinem Schrank hingen jede Menge Anzüge, er besaß einen teuren Wagen, hatte Geld auf der Bank und keine Schulden. Eigentlich hätte er zufrieden sein können, und das war er auch bis vor Kurzem gewesen, doch nun hatte sich einiges geändert, und Pepper hatte Angst und Sorgen.

Ihm gehörte eine Bar auf dem Broadway, in der er gute Umsätze erzielte. Das Lokal lag sehr günstig – in unmittelbarer Nähe zweier Theater, einer Diskothek und einem Kinocenter.

Vor und nach den Vorstellungen herrschte Hochbetrieb in seiner Bar, und wenn jemand den Lärm der Disco nicht mehr ertragen konnte, wechselte er auch zu Jay Pepper über.

Er verdiente auf seriöse Art gutes Geld und hatte eigentlich nie daran gedacht, dass über ihm düstere Wolken auftauchen könnten. Doch genau dazu war es gekommen.

Mit dem Glas in der Hand wandte sich Pepper um. Sein Blick heftete sich auf das Telefon, und er hoffte, Bount Reiniger abgewimmelt zu haben. Wie hatte er bloß so verrückt sein können, dieses hohe Risiko einzugehen?

Hatte er im Ernst geglaubt, Bount Reiniger könnte ihm so umfassend helfen, dass ihm keine Gefahr mehr drohte? Dieses Kunststück brachte nicht einmal New Yorks bester Privatdetektiv zustande.

Okay, Reiniger konnte versuchen, an die Wurzel des Übels zu gelangen. Doch bis er sie erreichte, würde viel Zeit vergehen, in der jene Leute, die Pepper im Moment Kummer bereiteten, nicht untätig sein würden.

Und sie würden mit Sicherheit nicht Bount Reiniger aufs Korn nehmen, sondern denjenigen, der den Privatdetektiv engagiert hatte. Der war ja schuld daran, dass Bount Reiniger ihnen Unannehmlichkeiten zu machen versuchte.

„Bleib, wo du bist, Reiniger“, brummte Pepper. „Ich will mit dir nichts mehr zu tun haben. Das ist mir zu gefährlich. Ich habe nur ein Leben, und das möchte ich behalten.“

Er setzte sein Glas an die Lippen und trank. Langsam schlenderte er durch das Wohnzimmer, das von einer fliederfarbenen Sitzgruppe beherrscht wurde. An der Wand zwischen den Fenstern hingen alte Bilder, die Pepper in einem Trödelladen entdeckt hatte. Sie zeigten Ansichten europäischer Städte: Wien, Rom, Paris, Lissabon.

Pepper trat an eines der beiden Fenster und blickte auf die Straße hinunter. Obwohl der Betrieb seiner Bar um diese Zeit bereits auf Hochtouren lief, hatte er es sich zur Regel gemacht, erst gegen 21 Uhr dort zu erscheinen.

Da das Lokal bis vier Uhr früh geöffnet hatte, verbrachte er noch genug Stunden dort. Auf der Straße rollte ein silbergrauer Wagen heran. Pepper gab es unwillkürlich einen Stich. Er atmete erst erleichtert auf, als er erkannte, dass es sich bei diesem Fahrzeug um keinen Mercedes 450 SEL handelte, denn diesen Exoten fuhr Bount Reiniger.

Nervös drehte er sich um. Er leerte sein Glas und vernahm plötzlich ein metallisches Schnappen. Ein eisiger Schreck fuhr ihm in die Glieder. Seine Augen weiteten sich. Er hielt furchtsam an und lauschte.

Machte sich jemand an der Apartmenttür zu schaffen? Wollte sich jemand Einlass in seine Wohnung verschaffen? Jay Pepper bekam eine Gänsehaut. Hatte man ihn etwa bereits auf die Abschussliste gesetzt?

Beunruhigt stellte er das Glas auf einen Rauchtisch und schlich auf Zehenspitzen zur Livingroom-Tür. Es kostete ihn einige Überwindung, sie zu öffnen.

Unzählige Gedanken gingen ihm wie ein Mühlrad durch den Kopf. Man hatte keine Möglichkeit, sich in dieser Stadt vor verbrecherischen Elementen zu schützen.

Die Chance, zu überleben, lag darin, dass man sich fügte. Doch genau das hatte Jay Pepper nicht getan, und dieser Ungehorsam sollte ihm, so meinte er, nun zum Verhängnis werden.

Langsam schwang die Tür, von Peppers Hand bewegt, zur Seite. Er blickte in einen stillen, leeren Flur. Hatte er sich das metallische Schnappen nur eingebildet?

Bei seiner hochgradigen Nervosität war das durchaus möglich. Er erschrak ja beinahe schon vor seinem eigenen Schatten. Aufgeregt biss er sich auf die Unterlippe, während er das Wohnzimmer verließ.

Sein Ziel war die Apartmenttür. Er beabsichtigte, einen Blick durch den Spion zu werfen, um zu sehen, ob jemand draußen stand. Sein Herz schlug kräftig gegen die Rippen. Ein dünner Schweißfilm legte sich auf seine Stirn.

Herrgott noch mal, welcher Teufel hatte ihn geritten, als er sich entschloss, Bount Reiniger einzuschalten. Er hätte doch wissen müssen, dass diese Leute ein Auge auf ihn haben würden.

Er hatte bestimmt keinen Schritt tun können, über den sie nicht Bescheid wussten, und er hatte nichts Eiligeres zu tun gehabt, als sich zu Bount Reiniger zu begeben.

So viel Dummheit musste sich ja rächen. Pepper erreichte die Tür. Vorsichtig brachte er sein Auge an den Spion, und er spürte eine große Erleichterung, als er feststellte, dass sich niemand draußen befand.

Junge, du fängst an, dich selbst verrückt zu machen, sagte er sich, während er sich entspannte, doch im nächsten Augenblick übersprang sein Herz einen Schlag, denn ihm fiel auf, dass die Tür nur angelehnt war.

Jemand hatte sich bereits Einlass in seine Wohnung verschafft und musste sich in einem der Räume versteckt haben, die man vom Flur aus erreichte! Diese Erkenntnis traf Jay Pepper mit der Wucht eines Keulenschlages.

Er begriff sofort, dass er keine Sekunde länger in seinem Apartment bleiben durfte. Blitzschnell riss er die Tür auf und wollte hinausstürmen, aber da traten die Killer aus der Küche.

Er hörte sie und reagierte in seiner panischen Angst falsch. Statt loszuhetzen, kreiselte er herum, und als er in die Waffenmündung blickte, fing er an wie von Sinnen zu schreien.

 

 

4

Bount Reiniger fuhr mit dem Lift vom 14. Stock zur Tiefgarage hinunter. Er schloss seinen Mercedes auf, ließ sich hinter das Steuer fallen, gurtete sich an und startete den Motor.

Augenblicke später rollte das Fahrzeug durch die Garage und auf die Auffahrt zu. Sobald Bount Reiniger die 7th Avenue erreichte, musste er kurz warten. Er nützte die Zeit, um sich eine Pall Mall anzustecken, dann fädelte er sich in den Verkehr ein und schwamm im Strom nach Norden mit.

Er fuhr am Central Park vorbei, Manhattans großer grüner Lunge. Am Tag war hier viel los. Nach Einbruch der Dunkelheit war es allerdings nicht ratsam, den Park zu betreten. Es trieb sich zu viel lichtscheues Gesindel herum – Räuber, Diebe, Junkies …

Als Bount die 125. Straße Ost erreichte, drückte er die Zigarette im Aschenbecher aus. In einer Minute würde er das Apartmenthaus erreichen, in dem Jay Pepper wohnte.

Er war gespannt, wie sich Pepper verhalten würde. Würde er ihn gar nicht erst in seine Wohnung lassen, sondern ihm die Tür vor der Nase zuschlagen? Oder würde er sich überreden lassen, den Auftrag nicht zurückzuziehen und die Sache mit Courage durchzustehen?

Bount hielt bereits nach einer Parkmöglichkeit Ausschau. Kaum befand sich der Mercedes in der Parklücke, stoppte neben ihm ein Wagen mit kreischenden Rädern, und der Fahrer drückte wütend auf den Hupring.

Bount stieg aus. „Wenn das ein Hupentest sein soll, ist das Ergebnis positiv“, sagte er.

Der Autofahrer sprang aus seinem Wagen. „Verdammt noch mal, das gibt’s ja nicht. Ich fahre nur mal um den Block, und schon nimmt mir einer meinen Parkplatz weg.“

„Tut mir leid“, sagte Bount. „Damit müssen wir New Yorker leben.“

„Wie wär’s, wenn Sie sich eine andere Parkmöglichkeit suchen würden, Mister?“

„Denselben Vorschlag wollte ich gerade Ihnen machen“, erwiderte Bount Reiniger und ging seines Weges.

„Ich lass dir die Luft aus den Rädern, du sturer Hund!“, schrie ihm der Mann nach.

Bount zuckte nicht einmal mit den Schultern. Er wusste, dass der Typ das nicht wirklich tun würde. Sollte er sich aber doch hinreißen lassen, dann hatte Bount sich sicherheitshalber das Kennzeichen des andern gemerkt, damit er dafür sorgen konnte, dass der Bursche eine Menge Ärger kriegte.

Bount überquerte die Straße und betrat wenig später das Gebäude, in dem Pepper wohnte. Seine Schritte hallten von den Wänden wider, als er sich zum Lift begab.

Er fuhr zur vierten Etage hoch, orientierte sich kurz und steuerte dann die Tür von Apartment 4 G an. Als er läuten wollte, fiel ihm auf, dass die Tür nicht ganz geschlossen war.

Sofort breitete sich ein unangenehmes Kribbeln zwischen seinen Schulterblättern aus. Jay Pepper hatte Angst, und ein Mann, der sich fürchtet, lässt seine Tür nicht offen, damit jeder, dem es gefällt, in sein Apartment gelangt.

Bount tat zwei Dinge gleichzeitig: Er angelte seine 38er Automatic aus dem Schulterholster und drückte die Wohnungstür vorsichtig auf. Zunächst stieg ihm der Geruch von verbranntem Kordit in die Nase, und dann entdeckte er auf dem PVC-Belag Bluttropfen.

„Mister Pepper?“

Er bekam keine Antwort.

Bount beging nicht den Fehler, einfach loszustürmen. Wenn er die Zeichen richtig deutete, war Jay Pepper angeschossen worden, und vielleicht befand sich der Schütze noch in der Wohnung.

Bount ging an keiner Tür vorbei, ohne einen Blick in den Raum zu werfen, in den sie führte. Er war kein Freund von unliebsamen Überraschungen. Mit wachsender Spannung näherte er sich dem Wohnzimmer. Darauf führte die Blutspur zu.

Als er seinen Fuß in den Raum setzte, spannte sich seine Kopfhaut. Er sah zwei Beine, und als er zwei weitere Schritte vorging, sah er den Mann: Jay Pepper.

Er lag auf dem Bauch, seine Finger waren in den Teppich gekrallt. Mit gebrochenen Augen starrte er die weiße Wand an. Verletzt war er wahrscheinlich draußen im Flur worden.

Er schaffte es noch, sich in den Livingroom zu schleppen. Vermutlich wollte er telefonieren, denn der Apparat stand von ihm nur einen Meter entfernt. Er hatte ihn nicht mehr erreicht.

Bount beugte sich über die Leiche. Er drehte den Toten um. Sechs, sieben Kugeln hatten ihn getroffen. Ein Mörder mit zwei Waffen? Oder zwei Killer mit je einer Waffe?

Im Moment mussten diese Fragen unbeantwortet bleiben, aber Bount hatte nicht die Absicht, sie zu vergessen. Mit der Waffe in der Hand richtete er sich auf.

Da schnarrte hinter ihm jemand: „Keine Dummheiten, Mann, sonst geht’s dir schlecht!“

 

 

5

Bount spürte einen Kloß im Hals. Er spreizte die Arme ab, denn er war sicher, dass der Mann hinter ihm eine Kanone in der Faust hielt, und er war nicht scharf auf eine Kugel.

Langsam drehte er sich um, ohne dazu aufgefordert worden zu sein, und er spürte eine gewisse Erleichterung, als er sich zwei Polizisten gegenübersah. Sie zielten zwar mit ihren großkalibrigen Dienstwaffen auf ihn, aber sie würden nicht abdrücken, wenn er ihnen keine Veranlassung dazu gab.

Er hob die Hände. Die Cops verfolgten gespannt jede seiner Bewegungen. „Okay, Freundchen“, sagte einer der beiden. „lass fallen!“

Bounts Finger öffneten sich, und die Automatic fiel auf den Teppich. Dem Cop genügte das aber noch nicht. Er wedelte mit seinem Revolver.

„Da hinüber! Stütz die Wand!“

Bount kam auch dieser Aufforderung folgsam nach. Er begab sich zur Wand und legte die Handflächen darauf.

„Einen Schritt zurück!“, verlangte der Uniformierte. „Und Beine grätschen!“

Bount gehorchte.

„Bill, sieh mal nach, ob er sauber ist!“

Bill, der jüngere Cop, näherte sich Bount mit großer Vorsicht.

Als er den Detektiv erreichte, setzte er ihm erst einmal die Waffe an die Rippen, und dann durchsuchte er Bount so, wie man es ihm auf der Polizeischule beigebracht hatte.

„Sauber“, sagte Bill.

„Hätte ich euch gleich sagen können“, bemerkte Bount, „aber ihr hättet es mir nicht geglaubt.“

„Tja, unser Misstrauen hält uns am Leben“, sagte der Uniformierte, der Bill vorgeschickt hatte. „Warum hast du den Mann umgelegt?“

„Hab’ ich nicht, ich bin kein Killer“, erwiderte Bount Reiniger barsch.

„Bleib freundlich, Kleiner, sonst halsen wir dir zusätzliche Schwierigkeiten auf. Hast wohl nicht damit gerechnet, dass wir so schnell zur Stelle sein würden, wie?“

„Ich bin Privatdetektiv. Der Tote war mein Klient“, sagte Bount wahrheitsgemäß.

„So, so, ’n Schnüffler bist du also. Kannst du auch beweisen, was du behauptest?“

„Sicher. Meine Lizenz steckt in der linken Brusttasche.“

„Nicht du holst sie raus“, entschied der vorsichtige Cop. „Bill wird so freundlich sein, es für dich zu tun.“

„Ist mir recht“, sagte Bount Reiniger, und Bills Hand ging auf Wanderschaft. Er warf seinem Kollegen den Ausweis zu. Der warf nur einen kurzen Blick darauf und wurde dann blass.

„Verdammt“, entfuhr es ihm. „Da haben wir einen ganz schönen Bock geschossen. Es ist gut, Bill. Alles okay. Entschuldigen Sie, Mister Reiniger. Mir kam Ihr Gesicht zwar irgendwie bekannt vor, aber wenn ein Mann mit ’ner Waffe in der Hand neben einer Leiche steht … Ich hoffe, Sie verstehen das.“

„Aber natürlich“, sagte Bount. „Darf ich die Hände herunternehmen?“

„Ist doch klar“, erwiderte der Cop.

Er gab Bount seinen Ausweis zurück. Bill hob die Automatic auf und hielt sie dem Detektiv hin.

„Nichts für ungut, Mister Reiniger“, sagte er verlegen.

„Sie haben nur Ihre Pflicht getan“, entgegnete Bount Reiniger und steckte Ausweis und Pistole weg.

„Freut uns, dass Sie das so sehen“, sagte der ältere Polizist. Er nannte seinen Namen und den seines Kollegen. Sie hießen George Morland und Bill Wyman.

Bount erfuhr von ihnen, dass einer der Nachbarn die Polizei alarmiert hatte, als Jay Pepper seine Todesangst herausbrüllte. Die Zentrale hatte die Meldung unverzüglich an Morland und Wyman weitergegeben. Da die beiden mit ihrem Streifenwagen gerade in der Nähe gewesen waren, hatte es nur wenige Minuten gedauert, bis sie den Tatort erreichten.

Der Detektiv erklärte ihnen, wie er den Fall sah und forderte sie anschließend auf, die Mordkommission zu verständigen.

Die Männer der Homicide Squad trafen zwanzig Minuten später ein. Angeführt wurden sie von Captain Toby Rogers, Bounts langjährigem Freund. Sein lautes Organ war im ganzen Haus zu hören.

Als er das Apartment betrat und Bount sah, nickte er mit gesäuerter Miene. „Wie gehabt. Du stolperst schon wieder mal über Leichen.“

Bount holte die Pall Mall-Packung hervor und hielt sie dem Captain hin. „Sag mal, was ist denn das für eine Begrüßung?“

Toby nahm sich unverschämterweise gleich zwei Stäbchen. Eines steckte er sich hinters Ohr, das andere zwischen die Lippen. „Hast du Feuer?“, fragte er den Freund.

„Versprichst du mir, dass du sie wenigstens selber rauchst?“, fragte ihn Bount Reiniger grinsend. Er brannte zuerst Tobys Zigarette an und dann seine. „Und was nun?“, erkundigte er sich.

Die Leute von der Spurensicherung schwärmten im Apartment aus. Scheinwerfer auf dünnen Stativen wurden aufgestellt, und man schoss die ersten Bilder von der Leiche.

„Ich denke, du erzählst mir nun eine spannende Geschichte“, sagte der übergewichtige Leiter der Mordkommission Manhattan C/II. Er wies auf den Toten. „Wer hat ihn erschossen?“

„Ich weiß nur, wer es mit Sicherheit nicht getan hat“, gab Bount zurück. „Ich.“

„Versuch bloß nicht, komisch zu sein. Das geht bei dir immer in die Hosen“, sagte Toby unwillig. „Wie kommst du hierher?“

„Mit dem Wagen.“

„Interessant. Vielleicht sollte ich dir Attorney Brown auf den Hals hetzen, was hältst du von der Idee. Der kann Privatdetektive nicht ausstehen, wie du weißt. Warum sollte er dir das Leben nicht genauso schwer machen, wie du es mir machst? Also noch mal: Wie kommst du hierher?“

„Mit dem … Na schön“, sagte Bount schmunzelnd. „Jay Pepper war mein Klient.“

„Seit wann?“

„Seit gestern.“

„Und heute bist du ihn schon wieder los.“

„Leider ja.“

„Mann, hast du einen Verschleiß. Aus welchem Grund hat er dich engagiert? Wenn du mich bei Laune halten möchtest, kommst du mir jetzt nicht damit, das würde unter dein Berufsgeheimnis fallen.“

„Warum denn so giftig? Ist dir was über die Leber gelaufen?“

„Ja. Eine Laus namens Bount. Meine Herren, ich habe so viel zu tun, dass ich nicht weiß, wo mir der Kopf steht, und da bescherst du mir auch noch eine Leiche.“

„Hör mal, wieso beschwerst du dich deswegen bei mir und nicht bei dem, der Pepper umgelegt hat?“

„Würde ich furchtbar gern tun. Gibst du mir seine Adresse?“

„Wenn ich die hätte, wäre ich bestimmt nicht mehr hier.“

„Ich kenne immer noch nicht den Grund, weshalb dich Pepper engagiert hat.“

„Er war Besitzer einer gutgehenden Bar auf dem Broadway.“

„Und?“

„Clevere Gangster kamen auf die glorreiche Idee, ihn zur Kasse zu bitten. Sie wollten Schutzgeld von ihm erpressen, andernfalls würden sie ihm beweisen, wie dringend er ihren Schutz nötig hatte. Sie legten ihm nahe, mit seinen Sorgen nicht zur Polizei zu gehen.“

„Also ging er zu dir, und das nahm man ihm übel.“

„So sehe ich es“, sagte Bount. Er berichtete dem Captain von Peppers’ Anruf und dessen Absicht, ihm den Auftrag nach 24 Stunden schon wieder zu entziehen.

„Er bekam es mit der Angst zu tun“, sagte Toby. „Aber da hast du nicht mitgespielt, wie ich dich kenne. Wenn man dich einmal eingeschaltet hat, kann man dich nicht mehr abstellen.“

„Richtig. Das wollte ich Pepper klarmachen. Deshalb setzte ich mich in meinen Wagen und fuhr hierher. Leider hatte er vor mir schon Besuch.“

Toby nahm einen tiefen Zug von der Zigarette. „Wer hat ihn deiner Ansicht nach auf dem Gewissen, Bount?“

Bount Reiniger zuckte die Schultern.

„Ich meine nicht den, der geschossen hat, sondern den, der den Killer schickte“, sagte der Captain.

„Ich bin in den Fall erst gestern eingestiegen“, entgegnete Bount. „Bisher fand ich nur heraus, dass Jay Pepper nicht der einzige Barbesitzer ist, an den sich die Schutzgeldgangster wandten.“

Details

Seiten
100
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934632
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (November)
Schlagworte
keine zeugen york detectives

Autor

Zurück

Titel: Keine lebenden Zeugen: N.Y.D. – New York Detectives