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Mord hat Hauptsaison - Krimi-Sonderedition Band 4

2019 412 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Mord hat Hauptsaison

Dieser Band beinhaltet folgende Krimis und Thriller:

Klappentext:

Die Bruderschaft der Killer

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

Viele Grüße an die Hölle

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

Kasyapas Wölfe

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

Folgende Steve McCoy Bände sind bereits erschienen, oder befinden sich in Vorbereitung:

Mord hat Hauptsaison

 

 

Krimi-Sonderedition Band 4

 

 

3 Romane in einem Band

 

von Hans-Jürgen Raben

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: unsplash und Kathrin Peschel, 2019

Korrektorat, Zusammenstellung: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Dieser Band beinhaltet folgende Krimis und Thriller:

Die Bruderschaft der Killer

Viele Grüße aus der Hölle

Kasyapas Wölfe

 

 

***

 

 

Klappentext:

 

Die Öl-Förderanlage einer amerikanischen Ölgesellschaft wird in die Luft gejagt. Der Direktor dieser Gesellschaft gerät in die Hände einer geheimnisvollen Bruderschaft, die sich „Bruderschaft des unsterblichen Glaubens“ nennt, und wartet in einem einsamen Wüstenfort irgendwo in den Vereinigten Arabischen Emiraten auf seinen Tod. Seine Schwester setzt alles daran, ihn zu finden und erhofft sich Hilfe von der US-Regierung. Gemeinsam mit dem Geheimagenten Steve McCoy folgt sie der Spur in die Hölle der arabischen Wüste, wo sie einem Tod bringendem Killer gegenüberstehen, von dem man sagt, dass er niemals ein Ziel verfehlt, während die Fäden der tödlichen Verschwörung an ganz anderer Stelle gezogen werden …

 

 

***

 

 

Die Bruderschaft der Killer

 

 

Polit-Triller mit Steve McCoy

 

 

1. Kapitel

 

 

Vereinigte Arabische Emirate, irgendwo in der Wüste,

September 1983

 

Der Sand war immer noch heiß von der gnadenlosen Sonne, die tagsüber auf ihn herunterbrannte. Die Nacht völlig sternenklar.

Die vier Männer verständigten sich nur durch lautlose Gesten. Sie wussten genau, was sie zu tun hatten.

Zwei von ihnen waren mit Kalaschnikows ausgerüstet, die anderen beiden trugen Pistolen mit aufgesetzten Schalldämpfern in den Fäusten. Alle vier hatten sie jeweils einen Beutel mit offensichtlich schwerem Inhalt über der Schulter.

Sie knieten nebeneinander in einer flachen Bodenwelle und spähten über die Kante nach vorn, dorthin, wo gleißende Lampen das Sternenlicht auslöschten.

Einer der vier hob die Hand und stieß sie zweimal kurz nach oben. Wie seine Gefährten war auch er in die typische Tracht der Beduinen gekleidet. Seine Gesichtszüge lagen im Schatten des weißen Kopftuchs, das durch den schmalen schwarzen Ring aus geflochtenen Fasern auf den Kopf gedrückt wurde. Auch das Gewand war weiß – vielleicht nicht gerade die ideale Farbe für das, was die Männer beabsichtigten. Aber sie rechneten nicht damit, dass man sie entdeckte.

Und wenn – dann sollte derjenige, der sie sah, keine Gelegenheit mehr haben, darüber zu reden.

Zwei der Männer sprangen auf und rannten geduckt auf den Drahtzaun zu, der quer vor ihnen das Gelände absperrte. Er war über zwei Meter hoch und oben zusätzlich mit einigen Reihen Stacheldraht gesichert. An den Pfosten waren in regelmäßigen Abständen Lampen angebracht, aber gerade an dieser Stelle war eine Lampe ausgefallen. Dafür hatte einer von ihnen schon vor Stunden gesorgt.

Eine Lampe mehr oder weniger, wer würde sich darum schon kümmern! Die Leute hinter dem Zaun rechneten nicht mit einem Überfall.

Es gab auch nichts Wertvolles, was man hätte wegtragen können. Es gab nur Öl! Gewaltige Mengen Öl in riesigen Tanks. Und Stunde für Stunde kamen neue Mengen aus der Tiefe.

Das ganze Land schwamm auf einem Meer von Öl. Es war der einzige Reichtum, den es hatte. Aber es verdiente verdammt gut daran.

Die beiden Männer hockten jetzt am Zaun, und einer von ihnen förderte aus seinem Beutel eine Drahtzange zutage, während der andere aufmerksam sicherte.

Klickend durchtrennte die Zange mühelos den Maschendraht. Dann nahm der Mann das abgeschnittene Stück heraus und gab den anderen ein Zeichen. Sofort waren sie heran und krochen hintereinander durch die Lücke. Sie hielten sich nicht auf dem offenen Gelände auf, sondern rannten sofort auf ein niedriges Gebäude zu, hinter dem sie sich in Deckung warfen.

Noch hatte niemand ihr Eindringen bemerkt. Es gab zwar Wachtposten, die aber nur in größeren Abständen patrouillierten. Ihre größte Gefahr bestand darin, aus einem blöden Zufall heraus entdeckt zu werden.

Der Anführer musterte die Anlagen vor ihnen: die Fördertürme, die Pipelines, die Öltanks und die anderen technischen Einrichtungen.

Er gab wieder seine Handzeichen, und wortlos nahmen die Männer die Sprengladungen aus den Beuteln. Es waren modernste hochbrisante Ladungen mit elektrischer Zündung.

Zusätzlich war ein winziger Funkempfänger eingebaut, sodass alle gleichzeitig mit einem Funkbefehl hochgejagt werden konnten.

Die Männer liefen in verschiedenen Richtungen auseinander. Jeder kannte sein Ziel. Danach brachten sie die Ladungen an. Sie kannten die empfindlichen Stellen genau, wo die Sprengladungen ihre höchste Wirksamkeit entfalten würden.

Der Anführer war als Erster fertig. Er prüfte die letzte Ladung fachmännisch und zog sich anschließend zurück. Seine Leute waren in dem weitläufigen Gelände nicht auszumachen. Er warf einen Blick auf die Uhr. Sie waren noch gut in der Zeit.

In diesem Augenblick hörte er ein fröhliches Pfeifen. Er erstarrte und hob die Pistole. Der massiv wirkende Schalldämpfer schwenkte herum, bis er auf das Pumpenhäuschen wies, aus dessen Richtung das Pfeifen kam. Es wurde immer lauter.

Das Gesicht des Anführers wirkte unter der weißen Kopfbedeckung fast schwarz. Er stand völlig reglos.

Neben dem Pumpenhäuschen kam ein Arbeiter zum Vorschein. Er hatte die Hände in den Taschen seines gelben Overalls vergraben. Sein Schutzhelm war weit in den Nacken geschoben.

Sein Pfeifen brach mitten im Ton ab, als er den Fremden erkannte. Seine Frage ging im Geräusch des Abschusses unter.

Das schwere Geschoss warf ihn gegen die Wand des Häuschens, und er rutschte langsam daran herunter. Der Mann mit der Pistole warf ihm noch nicht einmal einen letzten Blick zu, als er sich abwandte.

Er blickte auf die Uhr. Sein Zeitplan war um eine Minute überschritten. Das schätzte er gar nicht. Er begann zu laufen und erreichte das Loch im Zaun immer noch als Erster.

Im Abstand von drei Minuten trafen die anderen ein. Sie hoben nur zwei Finger zum Siegeszeichen. Der Anführer runzelte die Stirn und tippte auf seine Uhr. Rasch drängten sie sich durch den Zaun und liefen zu ihrem Wagen, der in einiger Entfernung abgestellt war.

Unterwegs entledigten sie sich der weißen Gewänder und verpackten sie mitsamt den Waffen zu handlichen Bündeln. Sie warfen alles unter die Sitze des Wagens und schwangen sich auf ihre Plätze.

Sogleich drehten alle die Köpfe zu den Lichterketten der Anlage. Der Anführer nahm ein kleines Funkgerät aus der Tasche und schaltete es ein. Ein grünes Lämpchen glühte.

Er zog die dünne Antenne heraus und richtete sie auf die Anlage. Gleich darauf drückte er den roten Knopf in der Mitte des Geräts.

Augenblicklich schossen überall auf dem Gelände rote Stichflammen in die Luft. Nur einen Augenblick später erreichte der Lärm der Explosionen ihr Ohr, und dann erst entwickelten sich gigantische Feuerbälle, als die Ölvorräte sich entzündeten.

Die Gasfackel, die aus einem hohen Rohr hoch über der Anlage loderte, war Sekunden später nur noch eine kaum sichtbare Flamme inmitten eines Infernos aus Feuer und Qualm.

Befriedigt starrten die Männer zu dem tobenden Flammenmeer hinüber, das aus der viele Millionen Dollar teuren Anlage nur noch eine ausgeglühte Ruine machen würde. Von den vernichteten Ölvorräten gar nicht zu reden. Vielleicht begannen sogar die Ölquellen zu brennen. Dann musste dieses Feld möglicherweise aufgegeben werden.

Der Anführer nickte schweigend und gab dem Mann hinter dem Steuer ein Zeichen. Der Wagen setzte sich in Bewegung. Hinter ihnen warf die glühende Hölle einen roten Schimmer an den Himmel.

 

 

2. Kapitel

 

Das Büro war mit den erlesensten Möbeln ausgestattet. Die Wände waren mit Edelhölzern verkleidet, und den Boden bedeckte ein dicker Spannteppich, in dem die Füße versanken.

Das Büro lag im 27. Stock eines Wolkenkratzers in Manhattan, und der Mann am Fenster blickte über den Hudson.

Er mochte um die Fünfzig sein, und sein Haar war bereits ergraut. Unter den Augen hingen dicke Tränensäcke, aber die Augen selbst waren lebhaft wie die eines jungen Mannes. Trotzdem wirkten sie kalt.

Der Mann drehte sich um und sah einen jüngeren Mann an, der selbstbewusst in einem Sessel vor dem Schreibtisch saß, die Beine weit von sich gestreckt. Er griff in ein silbernes Zigarettenetui und zündete sich eine Zigarette an. Der Ältere verzog unwillig das Gesicht.

Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch, zog eine Schublade auf und entnahm ihr einen Umschlag, den er über den Tisch schob. Er blieb einen Augenblick liegen, ehe der andere danach griff.

„Sie brauchen nicht nachzuzählen“, sagte der Ältere.

„Ich weiß.“ Der Jüngere nickte.

„Ich war zufrieden mit dem Ergebnis. Aber damit haben wir unser Ziel noch nicht erreicht. Es war ein schwerer Schlag für die andere Seite – aber sie kann ihn noch verkraften.“

Der Jüngere zuckte die Achseln. „Das können Sie besser beurteilen. Darüber habe ich mir keine Gedanken zu machen. Meine Fähigkeiten liegen auf anderen Gebieten. Allerdings bin ich darin Spitzenklasse.“ Er lächelte eitel.

„Ihre Honorare bewegen sich ebenfalls in der Spitzenklasse. Doch darüber will ich mit Ihnen nicht reden.“

„Sie haben einen neuen Auftrag?“

„Ja. Doch vorher möchte ich Ihnen noch etwas anderes sagen. Unser Kontakt wird weiter nur zwischen uns bestehen bleiben. Keiner außer mir weiß von Ihrer Existenz. Sie sind allein mir verantwortlich und werden meine Instruktionen peinlich genau befolgen. Es wird keine schriftlichen Abmachungen geben und möglichst keine Telefonate – auf keinen Fall dürfen Sie mich in meinem Büro anrufen. Haben Sie das verstanden?“

Der junge Mann nickte. „Es handelt sich um durchaus übliche Sicherheitsvorkehrungen in meinem Job. Ich werde mich daran halten. Aber ich muss auch bedenken, dass Sie mich kennen. Welche Sicherheiten habe ich?“

„Keine.“

Der Jüngere knetete jetzt leicht nervös die Finger. „Vergessen Sie nicht, dass ich auch über Sie eine Menge weiß.“

Der Ältere bewegte keinen Muskel im Gesicht. Er zog einen weiteren Umschlag aus der Schublade. „Ich möchte nie wieder von Ihnen eine Bemerkung hören, die auch nur im Entferntesten nach einer Drohung klingt.“

Er holte einige Fotos und Fotokopien aus dem Umschlag und breitete sie vor sich aus. Der junge Mann warf nur einen Blick darauf und erblasste. Seine Sicherheit war wie weggeblasen.

„Woher haben Sie das?“, fragte er heiser.

„Das spielt doch keine Rolle. Ich besitze diese Unterlagen, und Sie wissen es jetzt. Seien Sie versichert, dass ich im Notfall davon Gebrauch machen werde. Es gibt kein Loch auf der Welt, in dem Sie sich dann noch verstecken könnten. Außerdem dürfte Ihre Aussage gegen meine verdammt wenig Gewicht haben.“

Der andere senkte den Kopf. „Ich habe begriffen.“

„Gut. Dann kommen wir wieder zum Geschäft.“ Der Ältere nahm aus seiner Brieftasche ein Foto und zeigte es dem anderen. Es war das Porträt eines Mannes von etwa dreißig Jahren. Er hatte ein intelligentes Gesicht und lachte fröhlich in die Kamera.

„Wer ist das?“

„Sein Name ist Nick Lester, und er ist Direktor von Mexcal Oil in Dubai. Er hat den Job dort seit gut einem Jahr und den Laden gut in Schuss. Er ist vor allem absolut unbestechlich.“

„Und er stört Ihre Kreise beträchtlich“, ergänzte der junge Mann.

Die Augen des Älteren blickten kalt wie Stein. „Die Schlussfolgerungen überlassen Sie bitte mir. Ich werde Ihnen genau sagen, was Sie wissen müssen. Behalten Sie Ihre Gedanken für sich.“

Der andere nickte wortlos.

„Nick Lester stört mich in der Tat ganz erheblich. Er ist zu einem guten Teil für die Hartnäckigkeit der Leute von Mexcal Oil verantwortlich. Alle Versuche, ihn auf unsere Seite zu ziehen, waren vergeblich. Mir bleibt jetzt keine andere Wahl, als zu weiteren Mitteln zu greifen, die ich mir eigentlich lieber erspart hätte.“

Der Jüngere lächelte spöttisch. „Mir kommen die Tränen!“

„Sie haben keine Ahnung. Ich tue dies alles nicht für mich, verstehen Sie. Aber ich muss Mexcal Oil dort unten in die Hand bekommen, so oder so. Sie müssen aufgeben oder verkaufen, aber ich kann sie dort nicht dulden. Wenn der Verlust einer Förderungsanlage mit allem Drum und Dran nicht reicht, müssen wir weitere Schritte unternehmen.“

„Was kann schlimmer sein? Es hat bereits vier Tote bei dem Brand gegeben. Einer wurde erschossen. Noch härtere Methoden kann ich mir schlecht vorstellen.“

Der Ältere schüttelte den Kopf. „Ziehen Sie Nick Lester aus dem Verkehr, aber ich möchte nicht, dass er getötet wird. Vielleicht brauchen wir ihn noch. Denken Sie sich etwas aus, was den Verdacht ablenkt. Die Tarnung von neulich war doch gut.“

Der andere nickte. „Wir werden den Tarnverein noch ein bisschen aufmöbeln, um ihn glaubwürdiger zu machen. Seien Sie sicher, dass wir einige Vorfälle provozieren werden, und dabei wird Mexcal unmöglich aussehen. Sie werden Ihr Ziel in Kürze erreichen.“

„Das will ich hoffen. Wenn Sie binnen eines halben Jahres Erfolg haben, verdopple ich Ihr Honorar.“

Der junge Mann neigte den Kopf. „Das ist ein großzügiges Angebot. Ich werde morgen nach Dubai in die Vereinigten Arabischen Emirate fliegen.“ Er steckte das Bild von Nick Lester ein.

 

 

3. Kapitel

 

Nick Lester hatte die Arme in die Hüften gestemmt und blickte nach oben, wo zwei Arbeiter auf den Rohrleitungen herumturnten. Sie waren mit riesigen Schraubenschlüsseln bewaffnet und mussten einen Flansch erneuern.

Lester kümmerte sich gern persönlich um diese Dinge, wenn es seine Zeit erlaubte. Seine Leute mochten ihn, denn sie wussten, dass er sich auch für ihre Interessen einsetzte. Und sie wussten, dass er nichts von ihnen verlangte, was er nicht auch selbst gekonnt hätte.

Nick Lester hatte sich im Ölgeschäft von der Pike auf hochgedient. Und jetzt war er Direktor seiner Firma in Dubai.

Sie hatten ihm den Job gegeben, weil sie ihm zutrauten, dass er mit den Schwierigkeiten fertig würde, denen sich gerade Mexcal Oil gegenübersah. Die Bosse hatten keine Erklärung für allerlei seltsame Zwischenfälle, und sie hofften, dass Nick Lester alles ins Lot bringen würde.

Als er seinen neuen Job übernahm, hatte er zunächst mit einem gewissen Schlendrian aufgeräumt. Er hatte einige Leute entlassen müssen, die ständig die Quelle von Unruhe waren. Es hieß, dass man sie dafür bezahlte. Lester hatte alle neuen Leute persönlich ausgesucht, und so hatten diese Geschichten zumindest aufgehört.

Dann aber hatte es neue Schwierigkeiten gegeben. Sabotagefälle. Dort wurde eine Pumpstation außer Betrieb gesetzt, und hier brach ein Bohrgestänge. Ventile öffneten sich unerklärlicherweise, und tonnenweise sickerte Öl in den Sand.

Nie war es gelungen, einen der Saboteure zu fassen. Seine Leute munkelten, dass es fanatische Araber waren, die es ausgerechnet auf die Mexcal Oil abgesehen hätten, um ein Exempel an den Ungläubigen zu statuieren. Nick hatte diese Behauptungen immer vom Tisch gewischt, aber seit dem letzten Zwischenfall musste er auch daran glauben.

Die Explosion, die die benachbarte Anlage zerstört hatte, war zweifellos künstlich hervorgerufen worden. Seine Experten hatten mikroskopische Überreste von Sprengeinrichtungen gefunden. Dazu kamen das Loch im Zaun und der erschossene Arbeiter. Von den Tätern hatte man nicht die geringste Spur entdeckt, und die hiesige Polizei konnte man in diesem Zusammenhang vergessen. Sie tappte völlig im Dunkeln.

Zwei Tage nach dem Anschlag hatte sich plötzlich jemand zu der Tat bekannt. Das Schreiben, das auf Lesters Tisch flatterte, war in schlechtem und holprigem Englisch geschrieben und enthielt wilde Drohungen gegen die Firma und ihre Einrichtungen. Die Verfasser bekannten sich zu dem Anschlag und behaupteten, dies sei erst der Anfang.

Das Schreiben war von einer Organisation unterzeichnet, die sich „Allahs Söhne – Bruderschaft des unsterblichen Glaubens“ nannte. Die blumige Bezeichnung war für Lester kein Beweis, dass es sich wirklich um die Urheber des Anschlags handelte. Er hatte von einer solchen Organisation noch nie etwas gehört, und auch bei den einheimischen Behörden erntete er nur Kopfschütteln.

Er entschloss sich, das Schreiben zunächst einem Verrückten zuzuordnen, hatte aber trotzdem seine Konsequenzen gezogen.

Sämtliche Anlagen der Firma wurden seitdem gut bewacht. Doppelposten patrouillierten zum Teil mit Hunden auf dem Werksgelände. Alle Mitarbeiter waren noch einmal unauffällig überprüft worden, was jedoch völlig ergebnislos verlaufen war.

Nick Lester war entschlossen, sich von Drohungen nicht einschüchtern zu lassen. Er hatte diesen Job übernommen und war gewillt, ihn mit all seinen Fähigkeiten auszufüllen. Das hatte er von seinem Vater gelernt, und der hatte es immerhin zu etwas gebracht.

Die beiden Arbeiter hatten inzwischen den Flansch angeschlossen, und Nick war zufrieden. „Okay, Jungs, das war’s für heute.“

Die meisten Leute hatten das Werksgelände bereits verlassen, aber er hatte darauf bestanden, dass diese Arbeit noch ausgeführt wurde.

Nick nahm seinen Helm ab und kratzte sich über die Stoppelhaare. Von der Wüste wehte ein heißer Wind herüber. Heute Mittag hatte das Thermometer fünfundvierzig Grad Celsius überschritten, und diese Hitze brannte einem die Energie aus dem Kopf.

Vor Nicks Augen stieg das Bild eines eisgekühlten Biers hoch. Aber auf dem Gelände gab es keinen Alkohol. Die strengen islamischen Gesetze in den Golfstaaten verboten jeden Alkohol. Es gab keinen zu kaufen. Nur auf den internationalen Flughäfen von Dubai und Abu Dhabi in den Duty-free-Shops. Aber nur für abfliegende Passagiere!

So wurde also guter Bourbon mit der Firmenpost eingeflogen, deklariert als Ersatzteile. Jeder wusste natürlich davon, aber die einheimischen Zöllner drückten beide Augen zu – sie erhielten auch hin und wieder ein Fläschchen, wenn der Prophet nicht hinsah. Nur in der Öffentlichkeit war Alkohol verpönt. Seufzend verdrängte Nick den Gedanken an Bier.

Er ging in sein klimatisiertes Büro und packte seine Sachen zusammen. Heute wollte er früher als gewöhnlich gehen. Er hatte eine Einladung bei amerikanischen Kollegen, und es sollten auch ein paar nette Mädchen dabei sein. Er freute sich auf den Abend.

Sein Wagen stand als einer der letzten auf dem Parkplatz, ein knallrotes Oldsmobile mit Klimaanlage.

Pfeifend stieg er ein und nickte beim Hinausfahren dem Wächter am Tor zu, der grüßend die Hand an die Mütze legte. Nick Lester bog auf die Straße ein, die nach Dubai führte.

Schon nach zwei Kilometern musste er stoppen. Auf der gut ausgebauten, aber leeren Piste stand ein Wagen quer. Er war mit der Schnauze in den seitlichen Graben gerutscht, der verhindern sollte, dass die Straße ständig von Flugsand überschüttet wurde.

Ein Araber in weißer Landestracht winkte aufgeregt mit den Armen. Hinter dem Steuer schien ein zweiter zu sitzen. Er hing zusammengesunken am Lenkrad und rührte sich nicht.

Nick Lester stoppte und stieg aus. Er ging auf den Wagen zu, und die plötzliche Hitze nach dem klimatisierten Wagen ließ ihm den Schweiß über den Rücken strömen.

Der Araber hob den Kopf, und Nick blickte in sein Gesicht.

Die plötzliche Erkenntnis ließ seine Augen weit werden. „Aber das ist doch nicht …“

Wie hingezaubert lag plötzlich eine Pistole mit Schalldämpfer in der Hand des Arabers, die er bisher unter seinem weiten Gewand verborgen hatte. Auch der zweite Typ hinter dem Steuer wurde sehr lebendig. Die Tür flog auf, und eine Waffe gleichen Aussehens erschien.

Der erste Araber drückte Nick den Lauf in den Rücken und stieß ihn auf den Rücksitz des Wagens. Nick wehrte sich nicht, denn er begriff, dass er keine Chance hatte, und außerdem, dass sie ihn nicht töten wollten.

Mit durchdrehenden Reifen setzte der Wagen zurück, wobei eine riesige Sandfontäne hochgeschleudert wurde.

Nicks Oldsmobile stand verlassen auf der Straße, die Fahrertür geöffnet. Die Klimaanlage lief auf Hochtouren, aber bei geöffneter Tür würde sie bald ihren Geist aufgeben müssen.

 

 

4. Kapitel

 

In Washington war es kühl und regnerisch. Schon seit Stunden perlten die Tropfen über die Scheiben. Die Sonne hatte sich den ganzen Tag noch nicht gezeigt, und es sah aus, als hätte sie es auch nicht mehr vor.

Eigentlich hatte Steve McCoy sich vorgenommen, heute das Büro nicht zu verlassen, wenn es eben möglich war. Es lag nichts Besonderes an, und es wurde mal wieder Zeit, einige Berichte nachzuholen sowie die neuesten Akten über die aktuelle Sicherheitslage zu studieren.

Seine Dienststelle unter der Tarnbezeichnung Department of Social Research gehörte zum Justizministerium und hatte die Aufgabe, den geheimen Kampf gegen das organisierte Verbrechen zu führen. Dabei handelte es sich vor allem um Fälle, die die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten berührten. Das Department arbeitete eng mit anderen Behörden wie dem FBI zusammen und konnte notfalls auf deren Ressourcen zurückgreifen. Die Tarnung ermöglichte es den Feldagenten wie Steve McCoy, in verschiedene Identitäten zu schlüpfen, wenn es der Fall erforderte.

Es klopfte, und gleich darauf wurde die Tür auch schon aufgerissen. Sein Boss, Colonel Alec Greene, stand höchstpersönlich vor ihm.

Steve richtete sich auf. Wenn der Chef des Departments sich von der oberen Etage in sein Büro bemühte, musste es wichtig sein.

„Guten Morgen, Steve“, dröhnte es.

„Sir?“

„Ich habe Ihnen jemanden mitgebracht.“ Der Colonel trat zur Seite und gab den Blick frei.

Steve hielt einen Moment die Luft an. Die etwa dreißigjährige Besucherin war atemberaubend. Die dezente, aber teure Kleidung unterstrich ihre Figur, an der es nichts auszusetzen gab. Das dunkle Haar fiel in sanften Wellen bis auf die Schultern, in ihren grünen Augen lag jedoch eine gewisse Trauer. Um die Handgelenke schmiegten sich ziemlich massive Goldreifen.

„Die Dame wird Ihnen alles mitteilen, was Sie wissen müssen“, erläuterte der Colonel. „Der Fall hat neben den persönlichen Auswirkungen auf die Familie des Opfers auch eine gewisse Bedeutung für die Vereinigten Staaten und möglicherweise die nationale Sicherheit. Daher hat man uns beauftragt, sich der Sache ganz offiziell anzunehmen. Das ist jetzt Ihr Job!“

Er nickte kurz und verschwand.

Steve hatte sich erhoben. „Bitte nehmen Sie Platz.“

„Mein Name ist Diana Lester“, stellte sie sich vor.

„Colonel Greene hat mir versichert, dass Sie der beste Mann für diese Angelegenheit sind“, eröffnete Miss Lester das Gespräch.

Steve setzte sich wieder. „Es wäre am besten, wenn Sie mit Ihrer Geschichte am Anfang beginnen.“

„Mein Bruder ist verschwunden!“, stieß sie hervor, und in ihre Augen stiegen Tränen.

Steve lehnte sich zurück. „Das ist an sich ein Fall für die Polizei. Es verschwinden ständig Leute, Miss Lester. Die meisten tauchen bald wieder auf. Sie glauben gar nicht, welche Gründe es für dieses Verschwinden gibt. Nur in den wenigsten Fällen verschwinden Menschen spurlos. Da Sie jedoch hier sitzen, gibt es vermutlich schwerwiegendere Gründe.“

Er unterbrach sich. „Sie sind sicher, dass es für das Verschwinden Ihres Bruders keine simple Erklärung gibt? Vielleicht ist er einfach weggelaufen.“

„Mein Bruder ist einunddreißig Jahre alt!“, empörte sie sich.

Steve lächelte. „Nun, dann wird es eine andere Erklärung geben. Ist er verheiratet?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, und es gibt auch eine Erklärung: Mein Bruder ist entführt worden.“

Steve richtete sich steil auf. „Es geht also um Lösegeld, nehme ich an.“

Nach Schmuck und Kleidung zu urteilen, lohnt es sich bei dieser Familie auch, dachte er bei sich.

„Nein, bisher gibt es keine Forderung dieser Art. Die Entführer haben nur gesagt, dass sie dafür verantwortlich sind, aber nicht mitgeteilt, was sie weiter planen.“

„Das verstehe ich nicht ganz. Also weiß man, wer die Entführer sind?“

Sie schlug die Augen nieder. „Ja und nein. Es ist eine Organisation, aber niemand weiß, wer sich dahinter verbirgt.“

„Was sagt die Polizei dazu?“

„Die Polizei weiß nichts davon. Mein Bruder ist im Ausland entführt worden.“

„Wo?“, fragte Steve scharf.

„Am Persischen Golf. In Dubai“, antwortete sie leise.

Es herrschte ein langes Schweigen, bevor Steve wieder sprach. „Fangen wir noch einmal von vorne an. Ihr Bruder ist also in Dubai entführt worden. Wer hat die Verantwortung übernommen, und welcher Grund könnte dahinterstecken?“

Sie zog einen Zettel aus ihrer Handtasche und schob ihn über den Tisch. „Dies ist eine Fotokopie des Schreibens, das an die Firma meines Bruders einen Tag nach seiner Entführung ging. Die Vorderseite war arabisch beschrieben, die Rückseite in ziemlich schlechtem Englisch. Der Text ist in beiden Fällen der Gleiche.“

Steve überflog den kurzen englischen Text. „Wir haben den Speichellecker der Ausbeuterfirma Mexcal Oil entführt. In Kürze wird ein Volksgericht über seine weitere Zukunft entscheiden. Wir warnen aber heute schon die Kapitalistenknechte von Mexcal, dass wir weiter entschlossen gegen sie vorgehen werden, wenn sie ihre verbrecherischen Machenschaften in unserem Land nicht endlich beenden. Allahs Söhne – Bruderschaft des unsterblichen Glaubens.“

Steve legte das Blatt wieder hin. „Das klingt nach einer terroristischen Organisation, aber doch nicht ganz. Auf jeden Fall steckt eine ganz bestimmte Absicht dahinter. Eine Drohung gegen die Firma Mexcal Oil. Erzählen Sie mir davon.“

„Seit gut einem Jahr ist mein Bruder Nick Lester Direktor der Niederlassung von Mexcal Oil in Dubai. Die Firma ist ziemlich spät dorthin gekommen, hat aber durch Glück und geschickte Verhandlungen außerordentlich günstige Verträge mit der Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate geschlossen. Mexcal hat von Anfang an Schwierigkeiten in Dubai gehabt, und mein Bruder sollte sie beenden – was ihm auch weitgehend gelungen ist. Bis jetzt!“

„Wer verbirgt sich hinter der Mexcal Oil?“

„Es ist eine der kleineren Ölgesellschaften. Sie wurde von meinem Großvater gegründet. In Kalifornien damals, und in Mexiko erhielt er seine erste Lizenz. Daher stammt der Name. Inzwischen ist die Firma im Besitz zahlreicher Aktionäre. Meine Familie besitzt nur noch eine Minderheitsbeteiligung, und mein Bruder musste sich im Ölgeschäft von der Pike auf hochdienen. So hat es auch schon mein Vater gehalten.

Diese Bohrungen auf einem sehr reichen Feld in Dubai sind für die Firma sehr wichtig. Es gab einige Probleme in den letzten Jahren. Eine kleine Firma hat es nicht leicht, sich gegen die Konkurrenten, die zum großen Teil mächtiger und erfahrener sind, durchzusetzen.“

Steve nickte. „Was hat es für Zwischenfälle vor der Entführung gegeben?“

„Saboteure haben eine ganze Bohranlage mit allem Drum und Dran in die Luft gejagt. Dabei sind vier Arbeiter ums Leben gekommen. Die Quelle hat sich durch die Explosion entzündet. Es ist bis heute noch nicht gelungen, sie zu löschen.

Es gibt noch zwei weitere Anlagen. Mein Bruder hat die Sicherheitsvorkehrungen erheblich verschärft. Aber jetzt ist man ohne ihn ziemlich hilflos. Die Firmenleitung hat sich mit der Polizei in Dubai in Verbindung gesetzt, aber von der ist nicht viel zu erwarten. Deshalb bin ich heute bei Ihnen.“

„Das klingt ja alles ziemlich abenteuerlich. Sie sprachen vorhin von der Konkurrenz. Hat es denn bei anderen Firmen auch Drohungen von dieser merkwürdigen Bruderschaft gegeben?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, das ist in der Tat komisch.“

Steve machte sich einige Notizen. „Haben Sie ein Foto Ihres Bruders?“

Sie nickte und kramte wieder in ihrer Handtasche. „Sicher, ich habe Ihnen eines aus dem letzten Jahr mitgebracht.“

Er betrachtete das Foto. „Sieht sympathisch aus, Ihr Bruder. Nach dem Bohrturm im Hintergrund zu schließen, ist das Bild am Golf gemacht worden.“

„Ja, er hat es mir geschickt. Sie müssen wissen, dass wir ziemlich aneinander hängen. Unsere Eltern sind tot, und Nick hat sich die ganzen Jahre um mich gekümmert. Jetzt muss ich mich um ihn kümmern!“

Steve erhob sich. „Ich werde sofort alle notwendigen Maßnahmen in die Wege leiten.“

Sie strahlte ihn an. „Ich habe also Ihre Unterstützung?“

Er nickte und deutete zum Fenster. „Bei diesem Wetter ist ein Wechsel in ein warmes und trockenes Land nicht verkehrt. Ich werde fliegen, sobald ich hier alles geregelt habe. Das müsste morgen schon der fall sein. Einige Informationen benötige ich natürlich noch.“

„Das erledigen wir unterwegs“, sagte sie entschlossen. „Ich fliege selbstverständlich mit.“

 

 

5. Kapitel

 

Nick Lester öffnete die Augen. Sein Kopf schmerzte, als hätte er die ganze Nacht durchgesoffen. Der kleine Transporter, auf dessen Ladepritsche er jetzt lag, hatte keine Fenster.

Seine Entführer hatten nach einem knappen Kilometer Fahrt bereits den Wagen gewechselt. Einen verstaubten und verbeulten Kleinlaster, den niemand beachten würde. Beim Einsteigen hatte ihm einer der Kerle einen Hieb verpasst, der ihn für einige Minuten ins Land der Träume geschickt hatte.

Nick schob sich an der Seitenwand hoch und verklemmte seine Beine, bis er nicht mehr hin und her rutschte. Er überprüfte rasch seine persönlichen Sachen. Es war alles noch da, selbst Uhr und Geld. Um Straßenräuber schien es sich also nicht zu handeln.

Nick schloss die Augen und lauschte. Er kannte das Land ganz gut, denn er interessierte sich sehr für die arabische Welt. In seiner knappen freien Zeit hatte er das Land kreuz und quer durchfahren.

Seiner Schätzung nach mussten sie sich auf der Straße nach Al Ain ins Landesinnere befinden. Die Küstenstraße nach Abu Dhabi war stärker befahren. Außerdem führte sie dicht am Meer entlang. Hier draußen war es still. Die Stille der Wüste.

Nick hatte keine Ahnung, was diese Männer mit seiner Entführung bezweckten, aber das würde er noch früh genug erfahren. Er rüttelte probeweise an der hinteren Tür, die wie erwartet fest verriegelt war. Mit bloßen Händen war an ein Entkommen nicht zu denken.

Die Fahrt dauerte mehrere Stunden, und jetzt war er ganz sicher, dass es die Straße nach Al Ain war. So viele Möglichkeiten gab es schließlich auch nicht. Vor ein paar Jahren hatte es noch nicht einmal in den Städten vernünftige Straßen gegeben. Die Einnahmen aus dem Öl hatten den Scheichtümern natürlich einen enormen Aufschwung verschafft. Dennoch lebte ein Teil der Bevölkerung immer noch wie im Mittelalter.

Nick döste vor sich hin, als der Wagen nach einer langen holperigen Strecke plötzlich hielt.

Die Tür wurde aufgerissen, und der Schein einer Taschenlampe blendete ihn. Draußen war stockdunkle Nacht. Im Schein der Lampe schimmerte ein Pistolenlauf.

„Kommen Sie heraus, und versuchen Sie keine Dummheiten!“, sagte eine Stimme mit einem verdammt amerikanischen Akzent.

Nick gehorchte und streckte sich. Direkt vor ihm erhoben sich die dunklen Mauern einer Festung. Er erkannte die Umrisse zweier Türme und eine mit Zinnen gekrönte Verbindungsmauer. In den Emiraten gab es noch zahlreiche Festungen dieser Art. Sie stammten aus dem 16. und 17. Jahrhundert und waren aus Lehmziegeln erbaut. Es gab sie an der Küste zum Schutz gegen Überfälle von See und auch im Landesinneren zur Abwehr räuberischer Beduinenstämme.

Viele dieser alten Festungen waren inzwischen verfallen. In der Nähe von Al Ain gab es mehrere. Vermutlich war eine dieser Festungen das Quartier der Bande.

„Ich nehme an, ich bin in der Gefangenschaft von Allahs Söhnen“, stellte er spöttisch fest.

„Sie sollten nur reden, wenn Sie gefragt werden“, sagte die Stimme von vorhin. Der Sprecher stand im Schatten. Nur sein weißes Gewand schimmerte im schwachen Mondlicht.

Plötzlich traf Nick ein Stoß zwischen die Schulterblätter, der ihn nach vorn warf. Er stolperte und wurde einen steinigen Weg entlanggetrieben, der zu der Festung führte.

Nick betrachtete sie, so gut er konnte, aber er war nicht in der Lage, festzustellen, ob er schon einmal hier gewesen war.

Ein hölzernes Tor mit gewaltigen Nägeln beschlagen, öffnete sich lautlos vor ihm. Ein neuer Stoß trieb ihn weiter. Mindestens zwei Leute befanden sich unmittelbar hinter ihm. Er sah keine Chance, einen Trick zu versuchen. Außerdem waren die Männer bewaffnet.

Eine sehr wesentliche Information hatte er allerdings schon. Die Frage war nur, ob er jemals etwas damit anfangen konnte. Falls er in den Händen dieser geheimnisvollen Bruderschaft war, musste er sich vorsehen, denn diese Leute hatten bewiesen, dass sie vor nichts zurückschreckten. Und sie schienen ganz besonders etwas gegen die Mexcal Oil zu haben.

In den massiven Gewölben herrschte eine angenehme Kühle nach der stickigen Hitze in dem Transporter. Es ging ein paar Treppen hinab und anschließend einen endlosen Gang entlang. Sie mussten sich unmittelbar hinter der Außenmauer befinden, denn es gab keine Fenster. Der schwache Schein der Taschenlampe war die einzige Beleuchtung.

Dann fiel das Licht auf eine dunkle Öffnung, die kaum halb mannshoch war. Daneben gab es noch weitere dieser Löcher.

Die Tür stand offen, und sie machte einen verdammt soliden Eindruck.

„Da hinein!“, befahl die Stimme.

Nick sträubte sich, aber es half alles nichts. Er fühlte sich an den Armen gepackt, und gleich darauf zwängten sie ihn hindurch. Er prallte schmerzhaft auf steinerne Platten.

Die Tür fiel hinter ihm donnernd ins Schloss. Schwere Riegel wurden vorgeschoben. Jetzt erst kam Nick Lester seine Situation voll zum Bewusstsein, und er spürte, wie die Angst in ihm hochkroch …

 

 

6. Kapitel

 

Als Steve McCoy das Flugzeug verließ, traf ihn die Hitze wie ein Faustschlag. Der Belag des supermodernen Flughafens von Dubai schien zu kochen. In Sekundenschnelle war er schweißüberströmt.

Der Flug mit dem Jumbo-Jet war lang und ermüdend gewesen, aber er hatte in dieser Zeit von Diana Lester eine Menge Hintergrundinformationen über den Fall erhalten. Das Mädchen gefiel ihm immer mehr. Sie wollte wirklich alles tun, um ihrem Bruder zu helfen, dessen Spuren sich im wahrsten Sinne des Wortes im Sande verlaufen hatten.

Die Pass- und Zollformalitäten gingen relativ zügig über die Bühne.

Allerdings inspizierten die Beamten alle Taschen gründlich nach eventuellen Alkoholvorräten. Steve hatte nichts bei sich. In dieser Hitze war Whisky auch nicht gerade das richtige Getränk.

Als sie alle Kontrollen hinter sich hatten, verließen sie den Flughafen, dessen großzügige Anlage merkwürdig leer wirkte. Am Geld hatte man beim Bau jedenfalls nicht gespart. Die Halle war natürlich klimatisiert, eine wahre Erholung.

Diana Lester betrachtete Steve McCoy amüsiert. „Sie hatten sich die Temperatur wohl nicht ganz so hoch vorgestellt?“

„Gegen New York ist es in der Tat ganz angenehm.“

Sie lachten beide.

„Waren Sie schon einmal hier?“, fragte Steve.

Diana nickte. „Bereits zwei Mal. Schließlich bin ich Mitgesellschafter der Mexcal Oil, wenn auch ohne direkte Funktion in der Firma. Mein Bruder hat mir alles gezeigt, sodass ich mich ein wenig auskenne. Ich bin eine gute Beobachterin. Ich denke, ich kann Ihnen nützlich sein.“

„Einverstanden. Dann schlage ich vor, dass wir jetzt in die Stadt ins Hotel fahren. Anschließend möchte ich auf das Werksgelände.“

Sie deutete zum Ausgang. „Bis zum Stadtzentrum sind es vier Kilometer. Wir müssen ein Taxi nehmen, Busse gibt es nicht. Wir sollten Geld eintauschen. Die Fahrt kostet ungefähr fünfzehn Dirham, das sind etwa vier Dollar.“

„Sie haben Ihre Schularbeiten wirklich gemacht. Ich hoffe nur, dass die Taxis klimatisiert sind.“

„O ja, das sind sie hier alle.“

Sie stiegen in einen riesigen amerikanischen Straßenkreuzer ein, und Steve fühlte sich gleich wieder heimisch.

„Hotel Carlton“, sagte er.

Der Fahrer nickte wortlos und fuhr ab. Verkehrsregeln schien er nicht zu beherrschen, aber er fuhr gut, wobei er die Hälfte der Fahrt die Hupe bediente. Das schien hier das wichtigste Zubehör zu sein.

Das Hotel Carlton war ein modernes Hotel mit hundertzwanzig Zimmern. Man hatte zwei Einzelzimmer für sie reserviert, was tadellos geklappt hatte.

In der Hotelhalle notierte sich Steve als Erstes die Telefonnummer des Hotels, 22131. Er beabsichtigte, Diana Lester im Hotel zu lassen, um sie dort jederzeit erreichen zu können. Nach längerem Nachdenken war er zu der Erkenntnis gekommen, dass dieser Fall ziemlich gefährlich werden konnte. Die Sprengung einer ganzen Förderanlage, Mord und jetzt Entführung – dahinter musste ein wohlüberlegter Plan stehen. Sonst ging wohl niemand das Risiko für solche Taten ein.

Merkwürdig war in diesem Zusammenhang nur diese Bruderschaft des Glaubens. Die Söhne Allahs schienen ein ziemlich einseitiges Feindbild zu haben …

„Drehen Sie sich jetzt nicht um“, flüsterte Steve, als sie an der Rezeption standen und die Meldezettel ausfüllten.

Sie zuckte zusammen. „Was ist geschehen?“

„Erst war ich nicht sicher, aber jetzt bin ich es. Ein Typ hat uns seit dem Flughafen verfolgt. Er hat gerade die Halle betreten. Er muss sich irgendwo auf der gegenüberliegenden Seite aufhalten. Sein Interesse an uns war unverkennbar. Und er saß am Steuer eines Wagens mit einheimischer Zulassungsnummer.“

„Was haben Sie vor?“

„Wenn sich die Gelegenheit ergibt, sollen Sie sich den Kerl zunächst mal ansehen, ob Sie ihn vielleicht kennen.“

„Wie sieht er aus?“ Dianas Gesicht glühte vor innerer Erregung. Kaum angekommen – und schon mitten im Geschehen.

„Er trägt eine hellbraune Hose und ein cremefarbenes Hemd mit ziemlich langen Kragenspitzen. So, wie es vor ein paar Jahren modern war. Seine Hautfarbe ist ziemlich dunkel, aber er sieht nicht wie ein Araber aus. Um den Hals trägt er eine schwere Goldkette mit einem Medaillon oder einer Münze. Reicht das?“

Sie nickte. „Ich muss feststellen, dass Sie Ihren Job beherrschen. Ich bin froh, dass Sie sich um diesen Fall kümmern.“

Der Portier wünschte ihnen einen angenehmen Aufenthalt, und ein Boy nahm ihre Koffer und schleppte sie zum Lift.

„Passen Sie auf“, raunte Steve. „Ich will mir diesen Burschen schnappen oder zumindest feststellen, warum er ein so großes Interesse an uns zeigt. Sie fahren nach oben, ich werde mich vorher unauffällig zur Seite verdrücken. Anschließend werden wir weitersehen.“

Während der Lift nach unten schwebte, bückte Steve sich und kramte in seiner Reisetasche.

Nur Diana sah, wie er die Beretta herausnahm und rasch unter das Hemd in den Hosenbund schob. Ein Holster konnte er nicht verwenden, denn darüber eine Jacke zu tragen war nicht möglich. Bei der Einreise hatte er keine Probleme mit der Waffe gehabt. Lizenzierte Waffen konnte man auch als Ausländer mit einer besonderen Genehmigung als Sondergepäck einführen.

Es klingelte als der Lift ankam. Einige Gäste drängten sich davor, und Diana schirmte ihn zusätzlich ab, sodass er rasch hinter den Wedeln einer Palme verschwinden konnte.

Der Typ, der sie verfolgt hatte, starrte unverwandt auf den Lift, um das Stockwerk festzustellen, in dem er hielt. Dann ging er zur Rezeption und fragte irgendetwas. Wahrscheinlich wollte er die Zimmernummern erfahren. Nicht ungeschickt, der Typ!

Aber jetzt war Steve am Ruder. Er war gewillt, den Spieß umzukehren und aus dem Verfolger einen Verfolgten zu machen.

Steve wartete, bis der Mann das Hotel verlassen hatte, danach hängte er sich an ihn. Das Medaillon auf der Brust des Mannes blitzte im Sonnenlicht, als er sich einmal umdrehte.

Wenig später verschwand er zwischen zwei niedrigen Häusern, die schon ein paar Jahre älter waren als das Hotel. Das Nebeneinander von alt und neu war in dieser Stadt überhaupt bemerkenswert. Seit das Öl die Dollarmilliarden ins Land gebracht hatte, wurde überall gebaut. Nicht immer schön, aber meistens supermodern und großzügig. Der Verkehr verlor sich auf den breiten Prachtstraßen und Boulevards. Die Hauptstraßen waren nachts beleuchtet, obwohl kaum ein Mensch unterwegs war.

Und daneben gab es Gebiete, die immer noch so aussahen wie eine Oase am Beginn der Neuzeit. Am wenigsten verändert hatten sich allerdings die Menschen. Die Beduinen im Landesinneren lebten immer noch wie ihre Väter und Vorväter. Und man hatte nicht den Eindruck, dass sie irgendetwas vermissten.

Der Mann ging zum Fluss hinunter, der die Stadt Dubai in zwei Teile zerschnitt. Dabei bildete er eine riesige Schleife, die gleichzeitig einen natürlichen Hafen bot. Zahlreiche Schiffe lagen an den Kais, und an ihren Hecks wehten die Flaggen vieler Nationen.

Der Mann ging in Richtung des Marktes, der nichts von seiner Ursprünglichkeit verloren hatte. Steve musste aufpassen, dass er sein Wild nicht im Gewirr der Stände aus den Augen verlor.

Jedes Gewerbe hatte seine eigene Gasse. Es roch durchdringend nach einer Vielzahl von Dingen, die Steve nicht ohne Weiteres identifizieren konnte. Es schien außer ihm jedoch niemanden zu stören.

Er drängte sich zwischen zwei Obstständen vorbei, an denen ein heftiges Feilschen um Melonen im Gange war. Die Männer in ihren weißen Gewändern gestikulierten mit den Armen und beschworen Allahs Verdammnis auf das Haupt des Händlers, der ihnen preislich nicht weiter entgegenkommen wollte.

Das goldene Medaillon blitzte, gleich darauf verschwand der Mann rasch über eine schmale Straße in einem dunklen Hauseingang. Ein Haus, das von den Segnungen des Ölreichtums bisher nichts gespürt hatte.

Steve erntete einen Fluch, als er beinahe einen Stand umrannte, auf dem Gewürze feilgeboten wurden, dann hatte er ebenfalls den Hauseingang erreicht. Er sah sich um. Niemand achtete auf ihn.

Rasch machte er ein paar Schritte in das Halbdunkel und wartete, bis sich seine Augen von der gleißenden Helligkeit umgewöhnt hatten. Langsam wurden die Konturen sichtbar.

Er sah vor sich eine schmale und wacklige Treppe, die außen bis zum ersten Stock führte. Oben wurde sie von einer massiven Holztür versperrt. Fenster waren nicht zu sehen. Er setzte seinen Fuß auf die erste Stufe und bewegte sich nach oben.

Vor der Tür blieb er stehen und lauschte. Es war nichts zu hören. Von fern klang das Gemurmel der Menschen auf dem Marktplatz.

Steve drückte die Tür auf, die sich glücklicherweise völlig lautlos bewegen ließ. Dahinter lag ein erstaunlich großer Raum, der nur von einer blakenden Ölfunzel erhellt wurde.

Der Raum war leer. Auf den hölzernen Dielen lag Staub, aber außer der Lampe verriet nichts die Anwesenheit von Menschen. In der Luft lag ein Geruch, der Steve an etwas erinnerte. An irgendwelche Handwerker aus seiner Kindheit. Vielleicht war dies die Werkstatt eines Handwerkers gewesen, die jetzt nicht mehr gebraucht wurde.

Ein ideales Versteck für lichtscheues Gesindel. Nun, bis jetzt war das nur ein Verdacht. Steve wollte nicht voreilig sein.

Er sah am Ende des Raumes eine zweite Tür. Es gab keinen anderen Ausgang, also musste der Mann dort verschwunden sein.

Steve durchquerte den Raum und lauschte wieder. Die Tür war nur angelehnt. Er drückte sie ein Stück auf. Ein übermannshoher Stapel zusammengelegter Teppiche war das Erste, was Steve sah. Er schob sich durch den schmalen Spalt und stand in einer Gasse aus Teppichen.

Hier erhellte der Schein einer elektrischen Lampe den Raum, aber infolge der hohen Stapel gab es ziemlich dunkle Ecken. Steve hörte das Murmeln von Stimmen. Es war Arabisch – und er verstand kein Wort.

Plötzlich mischte sich eine dritte Stimme ein, und die konnte er sehr gut verstehen, denn sie sprach einwandfreies Englisch. Amerikanisch, um genau zu sein, und der Mann, der es sprach, war irgendwo an der Ostküste aufgewachsen. Diese Tatsache war zunächst einmal merkwürdig.

Was machte ein Amerikaner in einem Teppichlager in Dubai? Dass er hier einen Teppich kaufen wollte, konnte man wohl verneinen.

„Nun, was ist?“, fragte der Amerikaner.

„Sie wohnt im Carlton“, sagte eine andere Stimme. Dieser Mann war kein Amerikaner. Vielleicht war es der Mann, den Steve verfolgt hatte. Er konnte es im Augenblick nicht wagen, weiter vorzudringen, denn er wollte eine vorzeitige Entdeckung unbedingt verhindern.

„Im Carlton, aha. Das ist gut. Das Hotel liegt zentral, und wir können es im Auge behalten. Wir beobachten sie weiter.“

„Da ist noch etwas“, sagte der zweite.

„Dann raus damit!“, kam es scharf.

„Sie war nicht allein.“

„Was heißt das?“

„Es war jemand bei ihr. Ein Mann, auch ein Amerikaner. Sie hatten gemeinsam Zimmer reserviert, und die Zimmer liegen nebeneinander. Sie haben sich die ganze Zeit unterhalten.“

Sie sprachen offenbar über Diana und mich, dachte Steve. Man hatte das Mädchen also schon erwartet – oder man beschattete sie schon in den Staaten. Das alles musste irgendwie mit Mexcal Oil zusammenhängen. Erst sprengte man eine Förderanlage, danach entführte man ihren Bruder, gleichzeitig Direktor des Unternehmens, und jetzt beschattete man auch noch Diana Lester.

Wer hatte so großes Interesse an diesem Unternehmen? Allahs Söhne – die Bruderschaft des unsterblichen. Glaubens?

Wenn er diese amerikanische Stimme hörte, kam es ihm schon verdächtig vor. Fanatische Araber würden wohl kaum mit Amerikanern paktieren. Oder vielleicht doch? Heute war eigentlich alles möglich!

„Wir müssen herausbekommen, wer dieser Amerikaner ist“, hörte Steve.

„Ich werde mich darum kümmern“, sagte der andere.

„Ich habe darüber keine Informationen erhalten. Ich werde gleichzeitig nachfragen, ob drüben etwas bekannt ist. In der jetzigen Phase der Operation dürfen wir kein Risiko eingehen. Wenn der Unbekannte unsere Pläne in irgendeiner Form gefährden könnte, muss er natürlich verschwinden, aber zunächst wird er nur beobachtet.“

„Soll die Bruderschaft dabei in Erscheinung treten?“, fragte eine dritte Stimme mit starkem Akzent.

„Alles läuft bei diesem Unternehmen im Namen der Bruderschaft“, erwiderte der Amerikaner. „Wir treffen uns morgen zur gleichen Zeit hier. Dann werde ich neue Informationen haben und ihr hoffentlich auch.“

Steve hörte eine Tür klappen und bekam nicht die Chance, auch nur einen Rockzipfel des unbekannten Amerikaners zu sehen.

Auch für ihn wurde es Zeit, sich zurückzuziehen. Ab jetzt konnte er ohnehin nichts mehr verstehen, denn die beiden anderen unterhielten sich auf Arabisch.

Als er draußen auf der Treppe stand, überlegte er, was es wohl zu bedeuten hätte, dass alles im Namen der Bruderschaft liefe. Wer war diese geheimnisvolle Bruderschaft des Glaubens? Wer stand hinter diesen Söhnen Allahs? Was war ihr Ziel?

 

 

7. Kapitel

 

Der fünfzigjährige Mann im 27. Stock des Hochhauses sah gedankenverloren dem Rauch seiner Zigarre nach. Es war still im Büro, und er dachte darüber nach, ob seine hochfliegenden Pläne in Erfüllung gehen würden.

Er spielte ein gewagtes Spiel, aber es ging auch um einen verdammt hohen Einsatz! Zum Teufel! Alle großen Vermögen dieses Landes waren entstanden, weil die Männer, die es schufen, bereit waren, ein Risiko einzugehen. Er ging dieses Risiko auch ein, und er war stark genug dafür. Im Übrigen war sein Plan gut. Wer sollte ihm etwas nachweisen können?

Die Sprechanlage auf seinem Schreibtisch surrte. Er schwang in seinem Sessel herum. „Ich habe doch gesagt, dass ich nicht gestört werden will!“, herrschte er seine unsichtbare Sekretärin an.

„Es ist ein Gespräch aus Dubai“, kam es schüchtern aus dem Lautsprecher.

„Eine sichere Leitung?“

Sie zögerte kurz. „Ich glaube, es ist eine öffentliche.“

„In Ordnung, legen Sie das Gespräch zu mir, verlassen Sie das Büro und schließen Sie ab.“

Es dauerte zwei Sekunden, bis es wieder klingelte. Er griff nach dem Hörer. „Ja?“, knurrte er hinein.

Die Stimme kam so klar, als sei es ein Ortsgespräch. „Ich rufe von der Post aus an.“

„Verstehe. Also keine Namen und keine Einzelheiten. Sie sollten die sichere Firmenleitung auch nur nehmen, wenn es keine andere Wahl gibt. Also, ich höre.“

„Unser Zielobjekt ist in sicherem Gewahrsam. Die Bruderschaft hat die Verantwortung dafür übernommen.“

„Sehr gut!“, knurrte der Ältere dazwischen. Die Wahl, die er mit diesem Mitarbeiter getroffen hatte, war gut gewesen. Der junge Mann arbeitete zuverlässig. Man musste sich nur rechtzeitig überlegen, was man mit ihm machte, wenn diese Angelegenheit abgeschlossen war. Er wusste zu viel, und das schätzte der ältere Mann überhaupt nicht.

„Es ist allerdings ein kleines Problem aufgetreten. Die nahe Verwandte unseres Zielobjektes ist erwartungsgemäß am Ort eingetroffen. Das hatten unsere Informationen aus Washington ja bereits angekündigt. Es ist aber noch jemand mitgekommen.“

„Wer?“, bellte der Ältere überrascht.

„Negativ. Ich ersuche um Überprüfung der Passagierliste. Die Buchung muss gleichzeitig erfolgt sein. Die Flugnummer haben Sie.“

Der Ältere nickte, auch wenn sein Gesprächspartner es nicht sehen konnte. „Kein Problem. Erwarten Sie, dass es durch die Begleitung Schwierigkeiten geben wird?“

„Positiv. Wir müssen vorsichtshalber alle Möglichkeiten überprüfen. In unser aller Interesse.“

„Natürlich. Ich werde Sie später anrufen und Ihnen sagen, um wen es sich handelt und was wir dagegen tun. Ende.“

Er legte auf und drückte einen Knopf auf seinem Kommunikationscenter. Augenblicklich meldete sich eine devote Stimme: „Sie wünschen, Mister Wilson?“

„Ich brauche eine Passagierliste des Fluges nach Dubai.“

Er nahm einen kleinen Zettel und las Fluggesellschaft und Flugnummer ab. „Unter den Passagieren befindet sich eine gewisse Diana Lester. Sie hat ihren Flug vermutlich zusammen mit einem zweiten gebucht. Ich muss wissen, wer dieser zweite Passagier ist.“

Wilson lehnte sich zurück und ließ den Knopf los. Sein persönlicher Assistent würde für diese Information nicht lange brauchen. Seine Verbindungen waren enorm. Ein paar Telefonanrufe, und er würde alles wissen. Wilson blickte auf seine Uhr. Es konnte eigentlich nicht länger als fünfzehn Minuten dauern.

Es dauerte genau zwölf Minuten, bis der Knopf aufleuchtete. Wilson beugte sich vor. „Ja?“

„Miss Lester hat in der Tat zwei Flüge gebucht. Ihren eigenen hat sie mit ihrer Kreditkarte über die Firma bezahlt. Der Name des zweiten Passagiers ist Steve McCoy, und er hat mit einer Kreditkarte des Justizministeriums bezahlt.“

Langes Schweigen.

„Er ist also kein Angestellter von Mexcal Oil?“

„Nein, Mister Wilson, das ist er wohl nicht.“

Wilson versank in tiefes Nachdenken. Justizministerium! Das hatte ihm gerade noch gefehlt!

Diana Lester war also entschlossen, das Verschwinden ihres Bruders nicht einfach hinzunehmen. Seine Leute in Dubai mussten sich etwas einfallen lassen. Andererseits konnten sie die Schwester jetzt nicht auch noch entführen. Das würde allmählich auffallen!

Wenn sie allerdings ihre Nase zu tief in die Angelegenheit steckte, bestand die Gefahr, dass sie etwas entdeckte. Vor allem, wenn dieser McCoy ein fähiger Mann sein sollte. Es durfte nie auch nur den geringsten Hinweis geben, dass alle Fäden im fernen Washington gezogen wurden. Er musste jetzt genau wissen, was dieser Mann tat.

Wilson drückte auf den Knopf der Sprechanlage. „Geben Sie mir eine Verbindung nach Dubai!“

Gleich darauf fiel ihm ein, dass er seine Sekretärin aus dem Vorzimmer verbannt hatte, um zu verhindern, dass sie mithörte. Er fluchte laut.

 

 

8. Kapitel

 

Nick Lester schlug langsam die Augen auf, rührte sich aber noch nicht. In dem Raum, in dem er sich befand, herrschte Dämmerlicht. Es kam von einer winzigen Öffnung oben knapp unter der Decke.

Nick stemmte sich hoch. Er lag auf einem Bündel Decken, die über mehrere Säcke mit unbekanntem Inhalt gebreitet waren. Aus den Decken stieg ein nicht ganz angenehmer Geruch in seine Nase.

Er stand ganz auf und schüttelte die Müdigkeit aus seinen Gliedern. Es war heiß, auch wenn das Gemäuer den größten Teil der Hitze fernhielt, die draußen die Steine aufheizte.

Nick Lester musterte sein Gefängnis ausgiebig. Die Zelle war ein Geviert von nicht mehr als zehn Quadratmetern. Der Boden war mit roh behauenen Steinen bedeckt, die im Lauf der Zeit ziemlich abgetreten waren.

Die Wände bestanden im unteren Teil aus dicken Quadern, im oberen Teil aus gemauerten Ziegeln. Alles in allem sah die Wand dick und stabil aus. Die einzige Öffnung war das winzige Fenster knapp unter der Decke, viel zu klein, um durchschlüpfen zu können.

Weiterhin gab es natürlich noch die Tür. Sie wirkte wie die Tür zu einem Backofen, halbrund, solide und nicht sehr hoch. Die festen Bohlen wirkten gar nicht alt. Nick fragte sich, wie viele Gefangene schon auf diese Tür gestarrt hatten, die sie von der Freiheit abschloss.

Er kauerte sich vor die Tür und prüfte sie gründlich. Er stemmte die Fäuste dagegen, aber sie rührte sich keinen Zentimeter. Sofort war er in Schweiß gebadet. Nein, hier war an ein Entkommen nicht zu denken.

Einen Trost gab es immerhin. Die Leute, die ihn gefangen hielten, wollten ihn offenbar nicht umbringen, sonst hätten sie es längst getan. Was konnte dies alles nur bedeuten?

Er ging zum Fenster, klammerte seine Finger um das Mauerwerk und zog sich hoch. Er konnte mit den Augen gerade eben über den Rand schielen, aber der Ausblick war nicht besonders erhebend.

Er blickte auf eine halbrunde, vorspringende Mauer. Das musste einer der Türme sein. Nur ein kleines Stück seines Blickfeldes bestand aus Landschaft. Es war ein ockerfarbenes Stück Wüste, das keinerlei Rückschlüsse auf den Ort seiner Gefangenschaft zuließ.

Nick ließ sich wieder hinunter und setzte sich auf seinen Deckenstapel. Er verspürte Hunger und Durst.

Als hätte dieser Gedanke seine Wächter ermuntert, hörte er Schritte näher kommen. Sie klangen dumpf in den Gewölben der alten Festung. An der Tür wurden Geräusche laut. Ein Riegel wurde zurückgeschoben, gleich darauf öffnete sich die Tür.

Nick blieb sitzen. Erst erschien der Lauf einer Maschinenpistole, danach ein Mann in einem Burnus. Dahinter stand ein zweiter Mann. Seine Wächter gingen kein Risiko ein.

Der Lauf der Waffe richtete sich auf Nick. Schließlich schob der Mann eine Holzschüssel und einen Krug in den Raum.

Nick starrte auf den Inhalt der Schüssel, und ihm wurde übel. Der dunkle, klebrige Reis, in dem sich einige undefinierbare Brocken befanden, sah nicht aus, als könne man ihn essen.

„Zweimal täglich gibt es eine Mahlzeit“, sagte der Wächter in leidlichem Englisch. „Du solltest davon essen.“

Nick schüttelte angewidert den Kopf.

Der Wächter grinste. „Die Leute hier in der Gegend sind arm. Sie haben nicht viel, und das Bisschen teilen sie auch noch mit dir. Du solltest ihnen dankbar sein.“

Nick begriff, dass es Absicht war. Sie wollten ihn fertig machen, ihn innerlich zerbrechen. Aber sie würden es nicht schaffen. Er schwor sich, nicht aufzugeben, oder sie mussten ihn mit den Füßen zuerst aus diesem verdreckten Gefängnis tragen.

Er biss die Zähne zusammen und schwieg.

Der Wächter runzelte die Stirn. Er hatte wohl gehofft, dass der Gefangene wütend auf die Provokation antworten würde. So machte das alles keinen Spaß. Der Mann war Einheimischer, davon war Nick überzeugt, aber er gehörte keinesfalls zu den Verantwortlichen. Seiner Überlegung nach gab es Amerikaner, die an den Drähten zogen, und andere, die das Fußvolk bildeten. Sie hatten nur eines gemeinsam: Alle trugen die landesübliche Tracht.

Der Wächter rammte ihm den Lauf der Waffe gegen die Brust. „Du sollst essen! Und einen gesunden Trank haben wir dir auch mitgebracht.“

Der Mann stieß mit dem Fuß gegen den Krug. Das Gefäß stürzte um, und ein kleines Rinnsal Wasser ergoss sich über den Fußboden. Die beiden Wächter lachten.

Nick rührte sich nicht. Im Augenblick hatte er keinen Durst, aber er wusste genau, wie es in einigen Stunden sein würde. Dennoch, er musste durchhalten. Sicher kümmerte man sich inzwischen fieberhaft um ihn. Die Entführer mussten Spuren hinterlassen haben. Wahrscheinlich hatten sie auch eine Lösegeldforderung gestellt.

Der Wächter kam einen Schritt weiter in den Raum, wobei er sich unter der niedrigen Tür bücken musste. Für einen Augenblick war die Mündung der Maschinenpistole nicht auf Nick gerichtet.

Der Gefangene sprang vor. Seine Hände packten den Lauf der Waffe und drückten sie zur Seite. Schon schnellte die Rechte vor und packte den Mann am Hals. Der Araber gab einen gurgelnden Schrei von sich. Sein Begleiter stürzte nach vorn und schwang seine Waffe gegen Nicks Kopf.

Der wich zur Seite weg, aber auf dem begrenzten Raum gab es keinen Platz für besondere Manöver. Seine Schulter prallte schmerzhaft gegen die Mauer, und er musste seinen Griff lockern.

Sofort wand sich der Wächter wie eine Schlange aus der Hand und landete einen tückischen Schwinger, der Nick am Jochbein erwischte.

Der zweite Mann konnte im Augenblick nichts machen. Er fuchtelte mit seiner Waffe herum, aber die Türöffnung war zu klein, sodass er nicht in den Raum hineinkonnte.

Doch Nick hatte schon begriffen, dass er auch an dem ersten Mann nicht vorbeikommen würde. Der Kerl war bedeutend zäher, als er aussah. Und er ließ die Maschinenpistole nicht los, die Nick immer noch mit einer Hand am Lauf gepackt hielt. Sie rangen stumm und verbissen um einen winzigen Vorteil, bis der Wächter seine freie Hand plötzlich löste und sie mit atemberaubender Geschwindigkeit unter seinem weißen Gewand verschwinden ließ.

Die Hand tauchte in der gleichen Sekunde wieder auf, rasch wie eine angreifende Kobra.

Die gebogene Klinge in der Hand blitzte kurz auf, gleich darauf spürte Nick einen rasenden Schmerz an seinem rechten Oberarm.

Fassungslos starrte er auf das zerfetzte Hemd und den blutroten Schnitt in der Haut. Langsam sank seine Hand herunter.

Der Wächter knurrte befriedigt und löste sich von seinem Gefangenen. Der Lauf der Maschinenpistole schwang herum und traf Nick an der Schläfe. Rote Ringe tanzten vor seinen Augen.

Er taumelte und versuchte sich an der Mauer abzustützen. Mit einem heiseren Lachen trat ihm der Wächter brutal gegen die Innenseite des Kniegelenks, und Nick brach stöhnend zusammen. Sofort kam der zweite Mann in die enge Zelle. Er hob ebenfalls seine Waffe, und Nick spürte den Hieb.

Ihm wurde übel, und er wollte etwas sagen, aber seine Peiniger schlugen ihn jetzt nach allen Regeln der Kunst zusammen.

Nick ließ die letzten Schläge beinahe apathisch über sich ergehen. Die beiden verpassten ihm noch einen letzten Fußtritt, verschwanden aus der Zelle und verschlossen sie wieder.

Nick Lester blieb regungslos liegen, starrte auf die Tür und sehnte den Tag herbei, an dem er sich revanchieren konnte …

 

 

9. Kapitel

 

„Es wird wenig Sinn haben“, meinte Steve McCoy zweifelnd.

Diana Lester zog die Stirn kraus. „Wir müssen es wenigstens versuchen. Ich will mir nicht den Vorwurf machen, etwas übersehen zu haben. Also kommen Sie, wir gehen jetzt hinein.“

Das Polizeihauptquartier war eines der weniger beeindruckenden Gebäude der Stadt. Es gab keine Klimaanlage. Träge drehten sich mehrere große Ventilatoren unter der Decke. Sie schienen noch aus der britischen Kolonialzeit zu stammen.

Ein uniformierter Polizist betrachtete die beiden Amerikaner gelangweilt. Er kannte die Beschwerden dieser Touristen schon. Irgendeine Lappalie, um die man sich zu kümmern versprach und die man nach einigen Tagen am besten vergaß.

Steve seufzte. „Also schön, versuchen wir unser Glück. Aber erzählen Sie bitte nichts von den neuesten Ereignissen. Darum kümmern wir uns selbst. Wir wollen nur erfahren, was die Polizei bisher herausgefunden hat. Das ist alles.“

Diana nickte. „Keine Sorge! Ich habe schon verstanden, ich werde mich nicht wie ein dummes Mädchen benehmen.“

Sie riss die nächste Tür auf. Steve folgte ihr und schloss hinter sich die Tür.

Das Büro war ziemlich groß. Hinter einem riesigen Schreibtisch saß ein Araber in der typischen Nationaltracht. Er drehte langsam den Kopf und sah seine beiden Besucher lange an.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte er schließlich. Sein Englisch war ausgezeichnet. Wahrscheinlich hatte er es in Sandhurst gelernt.

„Mein Name ist Diana Lester“, platzte das Mädchen heraus. „Und dies ist Mister McCoy, ein Freund der Familie. Ich bin auf der Suche nach meinem Bruder, dem Direktor von Mexcal Oil.“

Der Polizeioffizier nickte bedächtig. „O ja, ich habe von dem Fall gehört. Sehr bedauerlich.“

„Ist das alles, was Sie dazu zu sagen haben?“, mischte Steve McCoy sich ein. „So groß ist die Polizei der Vereinigten Arabischen Emirate nun auch wieder nicht, als dass diese Entführung keinen Staub aufgewirbelt hätte. Ich bin sicher, dass Sie über diesen Fall sogar sehr gut Bescheid wissen.“

Der Mann schickte einen anklagenden Blick zum Himmel, als könne ihn Allah von der Gegenwart dieser unhöflichen Fremden befreien. Aber er musste Geduld aufbringen. Diese Amerikaner waren von einer ganz besonderen Unhöflichkeit. Dies war nicht sein Glückstag!

„Möchten Sie einen Kaffee?“, fragte er.

Diana wollte schon den Mund zu einem wütenden Protest öffnen, doch sie bemerkte Steves warnenden Blick noch rechtzeitig.

„Das wäre außerordentlich freundlich von Ihnen“, erwiderte Steve. „Wir verstehen Ihre Gastfreundschaft zu schätzen.“

Der Araber lächelte erfreut. Vielleicht waren diese beiden doch nicht die Barbaren. Er klatschte in die Hände.

Sie tauschten einige Höflichkeiten aus, während sie auf den Kaffee warteten.

„Wir haben ein kleines Problem“, begann Steve schließlich.

Der Araber beugte sich interessiert vor. „Tatsächlich? Ich höre.“

„Unbekannte Individuen haben die Gastfreundschaft Ihres Landes mit Füßen getreten und ein abscheuliches Verbrechen verübt. Wir kommen zu Ihnen, weil Sie uns wahrscheinlich helfen können, diese Angelegenheit aufzuklären. Ein Ausländer ist dabei zu Schaden gekommen.“

Der Polizist richtete sich auf. Seine Augen über der scharfgeschnittenen Adlernase funkelten. „Für mich sind alle gleich, Gläubige und Ungläubige. Wir verfolgen jeden Verbrecher – und wir haben Strafen, die absolut abschreckend sind.“

Steve dachte mit Schaudern an die islamische Rechtsprechung mit Hand abhacken und ähnlichen Dingen, wie es zumindest in Saudi-Arabien immer noch üblich war.

„Mein Bruder ist entführt worden“, sagte Diana leise. Sie hatte inzwischen begriffen, dass diesen Leuten nicht mit der amerikanischen Mentalität zu begegnen war. Hier hatte man viel mehr Zeit. Es war einfach unhöflich, mit seinem Anliegen sofort mit der Tür ins Haus zu fallen, egal ob es sich um einen Kauf, eine diplomatische Verhandlung oder einen Polizeibesuch handelte.

„Ja.“ Der Offizier stand auf und trat an eine Wandkarte, die den ganzen Persischen Golf zeigte. Seine Finger tasteten über die Karte und blieben auf einem Punkt in der Nähe von Dubai stehen. „Hier haben wir den Wagen von Mister Lester gefunden.“

„Gab es irgendwelche Spuren?“, erkundigte sich Steve.

„Nichts, was uns weitergeholfen hätte. Lesters Wagen war unbeschädigt. Der Motor lief noch. Nur die Klimaanlage hatte ihren Geist aufgegeben, weil die Tür geöffnet war. In der Nähe fanden wir Spuren eines zweiten Fahrzeugs. Nach unserer Theorie wurde Lester von einem anderen Wagen gestoppt, vermutlich mit einem Trick, und dann in den anderen Wagen gestoßen. Wir haben keine Ahnung, wohin man ihn gebracht haben könnte. Es ist nicht auszuschließen, dass er sich noch in Dubai befindet.“

„Gab es keine Augenzeugen?“

Der Araber schüttelte den Kopf. „Nein, bei uns hat sich niemand gemeldet. Die Strecke ist nicht sehr befahren.“

„Es stimmt, was er sagt“, mischte sich Diana ein. „Die Straße, auf der Nick entführt wurde, führt nur zu Mexcal und zwei oder drei anderen Ölfeldern. Praktisch sind dort nur die Beschäftigten der Firmen unterwegs.“

Steve nickte. „Die Entführer müssen also genau gewusst haben, wann Nick Lester kommt und welchen Wagen er fährt.“

„Das ist nicht schwierig festzustellen“, meinte der Araber. „Hier weiß doch jeder über jeden Bescheid.“

„Was wissen Sie denn über diese merkwürdige Bruderschaft? Sie nennen sich Allahs Söhne.“

Der Offizier schüttelte den Kopf. „Diesen Namen haben wir zum ersten Mal gehört. Unter diesem Absender versteckten sich die Saboteure bei Mexcal und jetzt Lesters Entführer. Wir sind natürlich auch der Ansicht, dass die beiden Fälle zusammenhängen.“

Steve runzelte die Stirn. „Das liegt ja wohl auf der Hand. Irgendjemand hat eine Menge gegen Mexcal Oil. Können Sie sich vorstellen, dass es sich um arabische Terroristen handelt? Palästinenser vielleicht?“

„Das glaube ich nicht. Es gibt kein einleuchtendes Motiv. Die hiesige Filiale von Mexcal Oil gehört ja nur zu einem Teil der Muttergesellschaft. Unser Staat hält ebenfalls Anteile. Araber würden sich ins eigene Fleisch schneiden, und die Palästinenser führen gegen uns keinen Krieg.“

„Sie wollen sich ihre Geldgeber auch nicht verärgern“, warf Steve ironisch ein.

Der Araber antwortete nicht, sondern schlürfte seinen Kaffee.

„Denmach müssen wir die Verantwortlichen an anderer Stelle suchen“, meinte Steve leichthin. „Wir werden überlegen, wem es am meisten nützt, wenn Mexcal hier ausfällt. Hat es eigentlich gegen andere Ölfirmen ähnliche Anschläge gegeben?“

„Nein. Uns sind keine bekannt.“

Steve erhob sich. „Kommen Sie, Diana, der Gentleman kann uns derzeit nicht weiterhelfen. Wir müssen anerkennen, dass er alles versucht hat, was in seiner Macht steht. Ich halte ihn für einen äußerst fähigen Polizeioffizier. Wir werden noch von ihm hören.“

„Was reden Sie denn da für einen Blödsinn!“, herrschte Diana Lester ihn an, als sie wieder draußen waren.

„Still!“, sagte Steve und legte seinen Finger an die Lippen.

Sie reagierte sofort und warf einen Blick zu dem uniformierten Polizisten hinüber, der aber selig auf seinem Stuhl schlummerte.

Steve hatte die Tür hinter sich nicht ganz zugezogen, und jetzt hörten sie beide, wie der Araber die Wählscheibe eines Telefons bediente. Erst kam nach einer Pause ein Schwall arabischer Worte, danach sprach er in seinem gepflegten Englisch weiter.

„Sie war hier – ja, die Schwester. Nein, nicht allein. Da war noch ein Mann bei ihr. Ein Freund der Familie, sagte sie. Ja, sie wollten wissen, was die Polizei herausgefunden hat … ja, das habe ich ihr gesagt … nein, ich werde nichts unternehmen … selbstverständlich achten wir darauf, was sie machen.“

Der Araber seufzte und legte auf. Drinnen war Stille.

„Was hat das zu bedeuten?“, flüsterte Diana, als sie auf dem Weg nach draußen waren.

Steve hob die Schultern. „Das ist doch nicht so schwierig zu verstehen. Die Gangster verfügen über Verbindungsleute. Sie haben eben auch einen Mann bei der Polizei. Das nennt man Bestechung. Wahrscheinlich weiß er nichts über die Sache. Man hat ihm nur gesagt, dass er anrufen soll, wenn sich jemand nach Lester erkundigt.“

„Aber dann muss er wissen, wer meinen Bruder entführt hat“, sprudelte es aus Diana ganz aufgeregt heraus.

Steve schüttelte den Kopf. „So einfach ist das leider nicht. Eine solche Blöße geben sich die Gangster gewiss nicht. Ich bin sicher, dass der Polizeioffizier den Mann gar nicht kennt, mit dem er eben gesprochen hat. Etwas anderes ist viel interessanter.“

„Und was ist das?“

Steve sah sie überrascht an. „Haben Sie den entscheidenden Punkt nicht begriffen? Er hat englisch gesprochen!“

Sie gingen langsam die belebte Straße hinunter, die weiter unten zum Meer führte. Über dem Asphalt waberte die Luft in der Hitze.

Diana nickte nachdenklich. „Sie meinen, es war kein Einheimischer, mit dem der Polizist gesprochen hat?“

„Ich habe den zweiten Hinweis, dass sich hinter der geheimnisvollen Bruderschaft Leute verbergen, die die Landessprache noch nicht einmal sprechen, geschweige denn, dass es Araber sind. Nun kann ich mir aber andererseits schwer vorstellen, dass eine Organisation, die sich Söhne Allahs nennt, ungläubige Fremde in ihre Reihen aufnimmt, noch dazu in die Führungsspitze. Das bedeutet aber, dass die Tarnung hinter einer Organisation von Fanatikern die eigentliche Herkunft der Verbrecher verschleiern soll.“

Diana blieb stehen. „Sie meinen, dass vielleicht sogar Amerikaner hinter der Sache stecken?“

Steves Gesicht wurde ernst. „Das halte ich für möglich. Es gibt bei der ganzen Geschichte ein paar merkwürdige Punkte, die mich immer mehr zu der Überzeugung bringen, dass hier ein ganz seltsames Spiel gespielt wird und dass der Verantwortliche auf gar keinen Fall in Verdacht geraten will. Noch genauer: Er darf nicht in Verdacht geraten, weil sein schöner Plan sonst wahrscheinlich ins Wasser fallen würde.“

Diana blickte ihn überrascht an. „Sie haben eine bemerkenswerte Kombinationsgabe, Mister McCoy.“

Er lächelte. „Ich habe ein paar Jahre Übung. Wir müssen jetzt gut nachdenken, wer ein Interesse daran haben könnte, die hiesige Filiale von Mexcal Oil zu ruinieren. Dahinter muss eine ganz bestimmte Absicht stecken. Die Verbrecher investieren viel Geld, also muss auch der zu erwartende Gewinn groß sein.“

Diana runzelte die Brauen. „Ich muss nachdenken, denn jetzt darf ich keinen Fehler machen. Kommen Sie, wir gehen in die Hotelbar und nehmen einen kühlen Drink.“

Steve sah den Wagen mit den stark getönten Scheiben, der auf sie zuraste, in letzter Sekunde aus den Augenwinkeln.

Er machte einen blitzschnellen Schritt, packte Diana am Oberarm und riss sie mit einem heftigen Ruck zu sich heran. Sie verlor das Gleichgewicht und wäre gestürzt, wenn er sie nicht aufrecht gehalten hätte.

Der Wagen streifte sie fast, aber es gelang dem Fahrer nicht mehr, das Steuer so weit herumzureißen, dass er seine ursprüngliche Absicht ausführen konnte.

Der Wagen holperte über einen Bordstein, schleuderte und kam wieder auf die Straße.

„Wer war das?“, fragte Diana schrill.

Steve kniff die Lippen zusammen. Der Wagen war ein Chevrolet älterer Bauart. Zwei Männer saßen darin, gekleidet in die landesübliche Tracht. Ein Unfall war das nicht!

Sie waren mit voller Absicht auf sie losgerast, und nur durch sein Eingreifen war ein Erfolg der Verbrecher verhindert worden. Beinahe wäre der Fall beendet gewesen, ehe er begonnen hatte.

Der Chevrolet trug ein einheimisches Nummernschild, aber die Ziffern waren durch Staub so verschmutzt, dass Steve sie nicht mehr entziffern konnte. Auch dies war natürlich Absicht.

„Unsere Freunde wollen offenbar, dass wir unsere Nachforschungen einstellen“, sagte Steve McCoy. „Sie reagieren verdammt schnell. Meines Erachtens war es der Anruf des Polizisten, der die Aktion ausgelöst hat. Sie war etwas überstürzt und hat deshalb nicht geklappt.“

Diana lächelte schief. „Darüber sollten wir froh sein, nicht wahr?“

Er nickte. „Diese Leute meinen es ziemlich ernst. Kommen Sie, gehen wir zu unserem Drink.“

 

 

10. Kapitel

 

Die klimatisierte Bar war sehr angenehm. Die eisgekühlten Gläser waren beschlagen, und der Whisky Soda darin konnte mit jeder anderen Bar der Welt konkurrieren. Zumindest in den internationalen Hotels in Dubai gab es alkoholische Getränke, auch wenn die Nachbarn in Saudi-Arabien so etwas nicht gern sahen.

„Fassen wir doch einmal zusammen, was wir bisher wissen“, sagte Diana Lester und blickte Steve McCoy an.

„Einen Moment noch“, unterbrach er und blätterte weiter in dem Telefonbuch, das er sich hatte bringen lassen.

„Was suchen Sie eigentlich darin?“, erkundigte sich seine Partnerin.

„Der Offizier im Polizeihauptquartier hat telefoniert, wie Sie sich erinnern. Er hatte eine Nummer gewählt. Ich bin trainiert, die Nummer herauszufinden, wenn die Wählscheibe abläuft. Das ist eine relativ einfache Übung. Hier sind die Nummern – fünfstellig. Es war 27171, und ich möchte herausfinden, wem diese Nummer gehört.“

Diana lächelte. „Das dürfte etwas schwierig sein, aber Sie brauchen dennoch nicht weiter zu suchen. Die Nummer gehört zum Hotel Intercontinental. Ich weiß es, denn ich habe dort schon gewohnt, und die Nummer ist leicht zu behalten.“

Steve klappte das Telefonbuch zu. „Sie überraschen mich immer wieder. Aber gut, das hilft uns vielleicht einen Schritt weiter.“

Sie wiegte den Kopf. „Das Intercontinental hat über dreihundert Zimmer. Wir können unmöglich alle überprüfen.“

Jetzt lächelte Steve. „Das brauchen wir auch nicht. Aber davon verstehe ich wiederum etwas. Ich werde nachher hinfahren. Eventuell habe ich Glück und erfahre, wer nach uns angekommen ist.“

„Wer sagt Ihnen, dass der betreffende Kontaktmann erst nach uns angekommen ist? Ich glaube vielmehr, dass wir es mit einer größeren Organisation zu tun haben. Wenn die Drahtzieher tatsächlich in den Staaten sitzen, wie Sie vermuten, müssen sie vor Ort einige Leute haben.“

„Möglich“, meinte Steve und nippte an seinem Drink. „Reden wir über Washington. Wobei es natürlich auch jede andere Stadt sein kann. Wer in den Staaten hat ein Interesse daran, der Mexcal Oil Schwierigkeiten zu machen?“

„Die Konkurrenz natürlich!“, platzte Diana heraus. „Das ist ganz normal. Öl ist ein gewaltiges Geschäft, dirigiert von einigen gigantischen multinationalen Unternehmen.“

„Ich weiß, darüber kann man jeden Tag etwas in der Zeitung lesen.“

„Sicher, aber ich weiß etwas mehr darüber. Vergessen Sie nicht, dass ich Gesellschafterin bei Mexcal bin. Die kleinen Unternehmen haben es nicht leicht gegen die erdrückende Übermacht der Multis. Wenn wir zu viele Misserfolge haben, sind wir pleite. Wir brauchen jede einzelne Konzession und jedes Bohrloch, das wir kriegen können. Hier in den Vereinigten Arabischen Emiraten schwimmt der Sand auf Öl. Alle wollen im Geschäft sein, aber die Araber sind schwierige Verhandlungspartner. Sie machen nicht mit jedem ihre Geschäfte.“

„Aber mit Mexcal Oil haben sie sich arrangiert“, stellte Steve fest.

Diana nickte. „Ja, wir bohren hier zu äußerst günstigen Konditionen, und das ist anderen ein ziemlicher Dorn im Auge. Vor allen Dingen können wir nicht darauf verzichten, denn hier läuft der einzige profitable Geschäftszweig der Mexcal. Wenn wir hier schließen müssen, können wir gleich ganz dicht machen. In Dubai liegt die letzte Chance des Unternehmens. Wir können noch nicht einmal weitere Probebohrungen niederbringen, weil uns das notwendige Kapital fehlt. Wenn alles gut läuft, geht es der Firma in ein bis zwei Jahren wieder besser.“

„Und wenn nicht“, ergänzte Steve, „können Sie den Laden verkaufen, und der Preis dafür wird nicht sonderlich hoch sein.“

„Ja. Das wäre das Schlimmste, was Nick passieren könnte. Er hat sich geschworen, das Unternehmen nach oben zu bringen, doch es sieht ganz so aus, als sollte es ihm nicht gelingen.“

Steve nahm einen langen Schluck. „Abwarten. Wir kommen der Sache jetzt näher. Irgendjemand ist also daran interessiert, die Mexcal so weit zu ruinieren, dass die Inhaber die Lust verlieren und verkaufen.“

„Genau. Vor allen Dingen bekommt der Käufer dabei die Bohrkonzessionen. Es gibt Interessenten. Wir hatten vor einiger Zeit bereits Angebote, aber wir haben sie natürlich ausgeschlagen.“

Steve beugte sich vor. „Wer waren diese Leute?“

Diana überlegte einen Augenblick. „Eigentlich nur zwei“, sagte sie schließlich. „Das eine war die Exxon, die können wir in diesem Zusammenhang aber vergessen. Sie haben selbst Konzessionen und brauchen unsere wirklich nicht. Gegen diesen Giganten sind wir nur Fliegendreck. Der andere Interessent jedoch würde mit unserer Firma einen guten Kauf tätigen. Es ist die American Middle East Oil Company.“

„Erzählen Sie mir mehr darüber“, sagte Steve McCoy. Sein Instinkt verriet ihm, dass er auf der richtigen Spur war. Die Inszenierung mit den Söhnen Allahs war eine Tarnung, um die Hintermänner abzuschirmen. Und wenn die Verantwortlichen bei einer Konkurrenzfirma saßen, mussten sie für eine verdammt gute Tarnung sorgen.

„Die American Middle East Oil ist ebenso wie wir ein kleines Unternehmen. Sie gehört einem einzelnen Mann, Robert Wilson, der seine Firma aus kleinsten Anfängen aufgebaut hat. Seine Interessen liegen hier am Persischen Golf, und er wollte seinerzeit die Mexcal kaufen, weil sie hervorragend in sein Imperium gepasst hätte. Ich will Sie nicht mit den Einzelheiten über Konzessionen, Lizenzen, Bohrungen, Transportwege und Verkaufsorganisationen langweilen, aber Sie können davon ausgehen, dass eine Verschmelzung der Mexcal mit American Middle East Oil für Wilson eine schlagartige Verbesserung seiner Situation bedeutet hätte.“

„Gilt das auch heute noch?“, fragte Steve.

„Sicher. Er würde uns zu gerne in die Finger kriegen.“

„Trauen Sie diesem Mann zu, dass er zu solchen Mitteln greift, um die Mexcal Oil in die Hand zu bekommen?“

Diana hob die Schultern. „Ich weiß es nicht. Nur eines ist klar. Wenn die Anschläge weitergehen und wenn mein Bruder nicht gefunden wird, dann müssen wir Mexcal verkaufen. Und wenn dann Wilson noch der einzige Interessent ist – dann müssen wir auch an ihn verkaufen.“

„Ich verstehe. Dann werden wir uns wohl um diesen Mister Wilson kümmern müssen. Aber zunächst ist die Bruderschaft der gefährlichere Gegner.“

 

 

11. Kapitel

 

Nick Lester schreckte auf, als die Riegel seiner Zellentür plötzlich aufgeschoben wurden.

Er hob den Kopf. Er wusste nicht, wie lange er sich schon in dieser Festung befand. Es kam ihm vor, als sei eine Ewigkeit vergangen. Sein Bart spross über die Wangen, weil man ihm nicht erlaubte, sich zu rasieren. Eine Schüssel mit Wasser war das Einzige, was man ihm zur Körperpflege gab. Dennoch würden sie ihn nicht kleinkriegen.

Die Tür schwang auf, und die Umrisse einer Gestalt wurden sichtbar. Es war ein Mann in einer weißen Dschellaba. Er hatte sich die Kapuze über den Kopf und weit in die Stirn gezogen. Der Mann bückte sich und betrat die Zelle.

„Was wollen Sie?“, fragte Nick und bereute seine Worte sogleich, denn eigentlich wollte er Widerstand leisten. Aber das lange Schweigen hatte ihn doch schon ein bisschen zermürbt, und er lauschte dem Klang seiner Stimme, als wären es die Worte eines Fremden.

Der Mann hockte sich in sicherem Abstand hin. Seine Hände waren nicht zu sehen, aber er hatte bestimmt eine Waffe unter seinem Gewand versteckt. Außerdem stand draußen ein weiterer Wächter mit einer Maschinenpistole in der Hand. Seine Bewacher gingen kein Risiko ein.

„Ich möchte Ihnen ein Angebot machen“, begann der Fremde. Es handelte sich eindeutig um einen Amerikaner.

Nick sah rasch zu ihm hin. Kein Ausländer konnte diesen Akzent nachahmen. Das Gesicht des Mannes lag im Schatten. Trotzdem kam es ihm vor, als sei die Haut heller als die seiner anderen Wächter. Diese Stimme hatte er auch noch nie gehört. Was machte ein Amerikaner bei seinen Wächtern? Was hatte er mit dieser Bruderschaft zu tun?

„Was für ein Angebot soll dies denn sein?“

„Sie sind Direktor der Mexcal Oil und gleichzeitig Mitgesellschafter. Ihre Stimme besitzt bei diesem Unternehmen einigen Einfluss, richtig?“

„Das ist allgemein bekannt“, antwortete Nick Lester. „Im Augenblick habe ich aber wenig Einfluss“, fügte er sarkastisch hinzu.

„Unterschätzen Sie sich nicht“, kam es zurück. „Momentan sind Sie natürlich unser Gefangener, und wir allein entscheiden, ob Sie jemals wieder diese Mauern verlassen. Eine Fluchtmöglichkeit gibt es nicht, und die Wachen sind absolut zuverlässig.“

Lester nickte. „Das habe ich schon bemerkt.“

„Gut. Aber selbstverständlich haben Sie als intelligenter Mensch begriffen, dass wir einen Plan verfolgen. Wenn wir Sie umbringen wollten, hätten wir das schon getan.“

„Ja, der Gedanke ist mir auch gekommen“, entgegnete Nick leichthin. „Aber verraten Sie mir doch, wer Sie eigentlich sind. Dann könnten wir vermutlich auch leichter über Ihr Angebot reden.“

Der Fremde lachte leise. „Wir sind die Söhne Allahs – die Bruderschaft des unsterblichen Glaubens. Bleiben wir bei dieser Version, sie ist so gut wie jede andere.“

„Ich glaube, es geht nicht um den Glauben, sondern um Öl. Präzise gesagt, geht es um die Mexcal.“

„Ich bewundere Ihren Scharfsinn“, sagte der Fremde ironisch. „In der Tat geht es um Mexcal. Wir möchten, dass Sie das Unternehmen verkaufen. Ich versichere Ihnen, dass der Preis großzügig sein wird, sodass sich keiner der anderen Gesellschafter beklagen wird. Von dem Erlös können Sie und Ihre Schwester sich ein feines Leben gönnen.“

Nick fuhr auf. „Lassen Sie meine Schwester aus dem Spiel. Sie hat mit dieser Sache nichts zu tun!“

Wieder lachte der andere. „Da muss ich Sie korrigieren. Sie hat ihr hübsches Köpfchen bereits tief in die Angelegenheit gesteckt. Sie ist nämlich hier in Dubai, und sie hat sich sogar noch jemand zur Unterstützung mitgebracht. Es tut mir leid, aber Ihre Schwester gehört dazu. Und bei all Ihren Überlegungen sollten Sie berücksichtigen, dass wir uns an Ihrer Schwester notfalls schadlos halten können.“

„Ihr verdammten Schweine!“, brüllte Nick und stürzte sich auf den Mann, aber ein knallharter Fausthieb warf ihn zurück.

„Lassen Sie das!“, sagte der Fremde ärgerlich. „Damit kommen Sie doch nicht weiter.“

„Wenn Sie meiner Schwester etwas antun, bringe ich Sie um!“, drohte Nick.

„Machen Sie sich nicht lächerlich! Sie haben überhaupt keine Chance. Ein Fingerzeichen von mir, und Sie sind ein toter Mann. Denken Sie lieber über mein Angebot nach. Es ist ernst gemeint, aber meine Geduld ist begrenzt. Es gibt noch andere, die verkaufen können. Ihre Schwester zum Beispiel.“

„Sie kann ohne mich nicht verkaufen.“

Wieder kam das verächtliche Lachen. „Das kann sie – wenn Sie tot sind. Dann erbt sie nämlich Ihren Anteil. Sie können mir glauben, dass es uns nicht schwerfällt, Sie auszuschalten. Aber zunächst können wir durchaus den friedlichen Weg versuchen. Denken Sie darüber nach.“

„Wer ist denn der Käufer?“, fragte Nick.

„Das kann Ihnen doch gleichgültig sein, wenn der Preis stimmt.“

„Ich muss es mir durch den Kopf gehen lassen“, murmelte Nick. Seine Gedanken rasten. Von seinem Verhalten hing jetzt eine Menge ab. Seine Schwester war in Dubai – und damit befand sie sich in großer Gefahr. Er durfte ihr Leben nicht riskieren. Im Übrigen hatte er mit seiner Vermutung recht gehabt. Die Bruderschaft war nur eine Tarnung. Hinter allem Terror steckten handfeste geschäftliche Interessen. Man wollte Mexcal in die Hand bekommen, und die fremden Käufer schreckten vor nichts zurück. Das Beste war, wenn er erst einmal versuchte, Zeit zu gewinnen.

„Geben Sie mir Bedenkzeit. Das ist eine schwerwiegende Entscheidung, die kann ich nicht so einfach übers Knie brechen. Auch über den Kaufpreis muss verhandelt werden.“

Der Fremde schüttelte den Kopf. „Darüber nicht. Der Preis steht fest. Aber er ist hoch genug.“

Er stand auf. „Aber sie sollen Ihre Bedenkzeit haben. Ich gebe Ihnen genau zwei Tage. Danach werde ich wieder hier sein und Sie ein letztes Mal fragen. Wenn Ihre Antwort dann nein sein sollte, werden Sie sterben und Ihre Schwester wahrscheinlich auch.“

Nick sprang auf und schlug mit einer schnellen Handbewegung die Kapuze der Dschellaba zur Seite.

Der Fremde riss eine großkalibrige Waffe unter seinem Gewand hervor und richtete sie auf Lester.

Aber es war schon zu spät. Die Kapuze hing auf dem Rücken, und Nick starrte in das Gesicht des Fremden. Er war noch ziemlich jung, schlank und dunkelhaarig. Nick hatte noch nie so kalte Augen gesehen. Es waren die Augen eines Killers.

„Das hätten Sie nicht tun dürfen“, sagte der Fremde leise. „Wenn es nach mir ginge, könnten Sie das Angebot ruhig ablehnen.“

Er drehte sich um und zwängte sich durch die enge Tür. „Denken Sie daran, Sie haben nur zwei Tage Zeit.“

Nick blickte noch lange auf die geschlossene Tür. Eines wusste er jetzt: Dieser Mann war auch nur ein Werkzeug. Die eigentlichen Drahtzieher waren ganz andere. Sie würden sich vermutlich die Finger nicht schmutzig machen. Dennoch war dieser junge Typ gefährlich.

Nick hatte noch zwei Tage Zeit, um sich etwas auszudenken. Wenn er einwilligte, würde dies nichts bedeuten, denn auch damit würde er sein Todesurteil unterschreiben. Noch brauchten sie ihn – aber was war, wenn sie sich an seine Schwester hielten …

 

 

12. Kapitel

 

Steve McCoy verließ das Post Office, nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass ihn niemand beobachtete. Er hatte eine Nachricht in die Zentrale seiner Behörde geschickt und gebeten, Nachforschungen über Robert Wilson und die American Middle East Oil Company anzustellen.

Er hoffte, dass er schon am nächsten Tag einige Informationen besaß, die ihn weiterbrachten. Dennoch lag sein eigentlicher Auftrag darin, Nick Lester zu finden, und die Lösung dieses Rätsels lag ausschließlich in Dubai. Irgendwo in der Wüste.

Er winkte sich ein Taxi heran und ließ sich auf die hintere Sitzbank sinken. Das Taxi besaß keine Klimaanlage, und die Luft war dementsprechend. Der Fahrer fuhr wie ein Wahnsinniger, aber das schien hier allgemein üblich zu sein.

Sie kamen durch die Al Rashid Road, wo sich auch das Polizeihauptquartier befand. Steve dachte flüchtig an den bestochenen Polizisten, aber diese Spur zu verfolgen brachte im Augenblick nichts.

Er ließ sich zum Hotel Intercontinental bringen und atmete auf, als er die klimatisierte Halle betrat. Nach der Außenhitze war es, als ob man in einen Kühlschrank käme.

Es war wenig Betrieb. Die meisten Hotels der Emirate, die in den letzten Jahren aus dem Boden geschossen waren, standen oft fast leer. Die Bauwut war größer gewesen als der Besucherstrom. Trotzdem hatten die internationalen Hotelketten fast alle ihre Kästen hingesetzt. Vielleicht würde sich das in der Zukunft ändern.

Steve wandte sich an einen Angestellten, der hinter seinem Tresen hingebungsvoll in der Nase bohrte.

„Ich suche einen Kollegen aus den Vereinigten Staaten“, sagte Steve.

Der Mann starrte ihn verständnislos an.

Steve zückte einen Geldschein und schob ihn rasch über den Tresen. Die braune Hand krallte sich blitzschnell darum. „Wen suchen Sie denn?“

„Kann ich mal einen Blick in das Gästeverzeichnis werfen?“

Der Einheimische sah ihn abschätzend an, und Steve half der Entscheidung mit einem zweiten Schein nach.

Sekunden später lag ein dickes Buch vor ihm, in dem die Gäste nach dem Ankunftstermin geordnet waren. Er übersah die arabischen Schriftzeichen und konzentrierte sich auf die amerikanischen Namen.

Nach ihm war hier nur ein Ehepaar aus Wisconsin angekommen. Er schied es aus seinen Überlegungen aus. Das hieß, dass der Gesuchte tatsächlich schon vor ihm und Diana Lester hier angekommen sein musste. Das bedeutete weiter, dass er für die Gangster einen unerwarteten Störfaktor bildete. Sie mussten improvisieren – und das ließ ihm gute Chancen.

Steve ging die letzten Tage durch. Er hatte Glück, es waren nicht allzu viele Amerikaner abgestiegen. Die Ehepaare schied er aus, ebenso Geschäftsleute, die offensichtlich zusammengehörten.

Dann kam ihm eine Idee.

„Kann man feststellen, wer die Zimmer gebucht hat?“, fragte er den Angestellten.

Der bewegte zweifelnd den Kopf, aber ein weiterer Schein beseitigte seine Zweifel.

Steve tippte auf einige Namen. Männliche Amerikaner, die ohne weitere Begleitung angekommen waren und das Zimmer für einige Tage gebucht hatten. „Sagen Sie mir bei diesen Leuten, wer die Reservierung vorgenommen hat.“

„Einen Augenblick.“ Der Mann verschwand und kam nach einigen Minuten mit einem kleinen Zettel wieder.

Steve warf nur einen Blick darauf, und er jubelte innerlich. Sein Instinkt hatte ihm den richtigen Weg gezeigt.

Eine der Reservierungen war über die Zentrale der American Middle East Oil Company in New York erfolgt, und der Name des Mannes war Phil Hammond. Man hatte ein Einzelzimmer für etwa zwei Wochen gebucht. Eine Verlängerung war möglich. Steve zerknüllte den Zettel.

Phil Hammond. Er hatte diesen Namen noch nie gehört, aber er würde sich mit dem Mann befassen müssen.

Steve war ziemlich sicher, dass er auf der richtigen Spur war. Er glaubte nicht an Zufälle. Dieser Phil Hammond war aus einem bestimmten Grund hier.

„Was für eine Zimmernummer hat Mister Hammond?“, fragte er.

„Zweihundertachtzehn“, kam es zurück.

Steve warf einen Blick zum Schlüsselbrett. Der Schlüssel des Zimmers 218 hing dort. Also war Hammond jetzt nicht im Hotel.

Steve hatte eine weitere Idee. Die Gelegenheit war zu günstig, um sie vorübergehen zu lassen.

Er bedankte sich bei dem Angestellten mit einem letzten Schein und ging, aber nur so weit, bis der Mann ihn nicht mehr sehen konnte.

Anschließend nahm er den Lift und fuhr in den zweiten Stock. Die Nummer 218 war schnell zu finden. Steve betrachtete etwas ratlos das Schloss. Es war ein modernes Modell und ziemlich neu. Mit Haarnadel oder Kreditkarte war hier nichts auszurichten.

Seufzend fuhr er wieder nach unten. Der Mann, mit dem er vorher gesprochen hatte, war nicht mehr am Empfang. Stattdessen stand dort ein Mädchen mit schwarzen Augen.

Steve ging mit unschuldigem Lächeln auf sie zu und verlangte Schlüssel 218. Er bekam ihn anstandslos. Pfeifend stieg er wieder in den Lift.

Das Zimmer sah aus wie alle Zimmer in diesen Hotels. Weltweit gab es nur geringe Unterschiede. Als Erstes durchsuchte er das Bad. Aber in den modernen Bädern war es schwierig, etwas zu entdecken. Die Spülkästen, früher ideale Verstecke, waren heutzutage unsichtbar eingebaut.

Phil Hammond besaß eine ganze Kollektion von Herren-Kosmetika. Der Mann achtete offensichtlich auf sein Äußeres. Steve lächelte.

Anschließend öffnete er den Koffer, der auf der Ablage stand. Es befanden sich nur persönliche Sachen darin. Auch im Kleiderschrank gab es nichts Besonderes. Nur modische Klamotten.

Steve schaute unter das Bett – nichts. Er fuhr mit dem Finger hinter die Heizung und hinter die Schlitze der Klimaanlage. Auch nichts.

Ratlos sah er sich um. In einem solchen Zimmer gab es wirklich nicht viele Möglichkeiten. Dann fiel sein Blick auf den Nachttisch mit dem eingebauten Radio. Und er erinnerte sich, dass in dem dahinterliegenden Raum eine Menge Platz war.

Vorsichtig rückte er den kleinen Schrank ein Stückchen vor und tastete mit der Hand von der Rückseite hinein. Seine Fingerspitzen stießen auf kühles Metall, und noch ehe er den Gegenstand hervorgeholt hatte, wusste er, was sich dort befand.

Es war ein Revolver von dem Kaliber, mit dem man auf Elefantenjagd gehen konnte. Eine .44er Magnum. Das war keine Waffe für zarte und ungeübte Hände. Damit musste man umgehen können.

Er legte die Waffe wieder an ihren Platz, als er ein leises Geräusch hörte. Es kam von der Tür.

Rasch richtete er sich auf, schob das Schränkchen wieder an seine vorherige Position und drückte sich in den riesigen Schrank, in dem ein Mann bequem stehen konnte.

Gerade rechtzeitig. Die Tür schwang auf. Steve hatte den Schlüssel draußen steckenlassen. Das war einerseits leichtsinnig, andererseits musste der Zimmerinhaber jetzt nicht gleich Verdacht schöpfen. Er konnte dies auf eine Nachlässigkeit des Hotelpersonals zurückführen.

Steve atmete flach, als er den Fremden am Schrank vorbeigehen hörte. Durch den schmalen Spalt war nur ein Schemen zu erkennen.

Steve hoffte, dass der andere vielleicht auf den Balkon treten würde, sodass er unauffällig abhauen konnte, aber der Typ tat ihm diesen Gefallen nicht.

Steve hörte, wie der Bewohner des Zimmers mit irgendwelchen Dingen hantierte, und dann kam das Geräusch, das er vor wenigen Minuten selbst verursacht hatte. Das Schränkchen wurde beiseitegeschoben. Steve begriff sofort!

Er war mit einem Satz aus dem Schrank heraus und wollte zur Tür, aber es war um einen Sekundenbruchteil zu spät. Eine scharfe Stimme stoppte ihn: „Bleiben Sie stehen, sonst geht das Ding los!“

Steve gehorchte und wandte sich langsam um. Den Mann hatte er noch nie gesehen. Er war noch relativ jung und strahlte eine merkwürdige Selbstsicherheit aus.

Phil Hammond lächelte breit. Er hielt den schweren Revolver mit beiden Händen. Seine Beine waren leicht gespreizt, der Oberkörper nach vorn geneigt. Die Mündung zeigte genau auf Steves Körpermitte. Seine theoretische Lektion hatte Hammond zumindest gelernt.

„Wer sind Sie, und was machen Sie in meinem Zimmer?“

Steve hob die Schultern. „Ich habe mich schlicht in der Zimmertür geirrt. Ich wohne genau eine Etage über Ihnen. Das passiert mir häufiger. Ich bin sehr oft unterwegs, und wenn man jede Nacht in einem anderen Hotel wohnt, kann man sich schon mal irren. Ich denke, es ist besser, wenn ich jetzt gehe und Sie nicht weiter störe.“

„Sie gehen erst, wenn ich es sage.“ Die Stimme war leise, aber eindringlich.

Steve schätzte den anderen Mann ab, während er redete. Sicher hatte Hammond eine Menge Erfahrung, aber er bildete sich zu viel auf sein Können ein. Er unterschätzte seine Gegner. Das war ein Fehler, den sich Steve McCoy schon vor langer Zeit abgewöhnt hatte.

Außerdem war Hammond eitel. Auch aus dieser Erkenntnis ließ sich im richtigen Augenblick Nutzen ziehen.

Blieb noch zu wissen, wie schnell und wie gut er mit der Waffe umgehen konnte. Aber in dieser Beziehung war er bestimmt Spitzenklasse – und darauf beruhte seine Sicherheit. Wenn Steve ihm hier einen Dämpfer versetzen konnte, würde Mister Hammond ziemlich erschrecken.

„Sie brauchen mich doch nicht gleich mit einem Revolver zu bedrohen“, sagte Steve ruhig. „Ich habe Ihnen nichts getan, und ich werde mich für mein Eindringen entschuldigen.“

Hammond schüttelte den Kopf. „Sie sind nicht zufällig in meinem Zimmer. Sie haben hier herumgeschnüffelt. Warum? Wer hat Sie geschickt und mit welchem Auftrag?“

Steve musste grinsen. „Normalerweise frage ich das immer“, murmelte er und kam einen Schritt näher.

Der Revolverlauf folgte seiner Bewegung, Hammond sagte aber nichts.

„Hören Sie, das Ganze ist ein Irrtum“, begann Steve wieder. „Ich kenne Sie nicht. Wahrscheinlich habe ich Sie mit einem anderen Mann verwechselt. Das kann doch passieren. Von Ihnen will ich nichts. Ich weiß nicht einmal, wie Sie heißen.“

Hammond verzog das Gesicht. „Aber ich kenne Ihren Namen. Sie sind noch nicht lange in diesem Land. Sie haben eine Dame begleitet und rühren überall dort Staub auf, wo Sie Ihre Nase hineinstecken.“

„Ja und? Was hat das mit uns beiden zu tun?“

Steve ließ die halb erhobenen Hände erneut ein kleines Stück sinken und kam wieder einen Schritt näher.

„Bleiben Sie stehen!“, rief Hammond. „Versuchen Sie bloß keinen Trick. Damit kommen Sie bei mir nicht durch. Ich kann mit dieser Kanone durchaus umgehen, und Sie können mir glauben, dass ich es auch tue. Das ist gar kein Problem. Sie sind in mein Zimmer eingedrungen, und ich habe Sie für einen Dieb gehalten. Dann haben Sie mich angegriffen, und ich habe geschossen. Unglücklicherweise war der Treffer tödlich.“ Hammond grinste wieder. „Wie finden Sie das?“

Steve lächelte schwach. „Außerordentlich glaubwürdig. Hier im Orient hätten Sie eine große Karriere als Märchenerzähler vor sich.“

Inzwischen hatte er seinen rechten Fuß wiederum ein Stück vorgeschoben. Steve verlagerte das Gewicht auf das linke Bein, ohne seine lockere Haltung zu verändern. In diesen Dingen hatte er Übung.

Es war zwar noch eine verdammt weite Strecke zwischen der Revolvermündung und seinem Bauch, aber auch um einen Finger zu krümmen, braucht man Reaktionszeit. Steve wog seine Chancen ab. Er hatte schon eine Reihe ähnlicher Situationen bewältigt. Es konnte klappen vorausgesetzt, er selbst machte keinen Fehler.

„Sie werden mir jetzt meine Fragen beantworten“, forderte Hammond drohend.

„Ich habe Ihnen nichts zu sagen, und …“

Mitten im Satz explodierte Steve McCoy förmlich. Sein rechter Fuß schoss in einer kreisenden Bewegung nach oben, und millimetergenau erwischte die Fußspitze die Mittelhandknochen, die um den Revolvergriff lagen.

Die Waffe wurde schräg nach oben gerissen, und donnernd entlud sich ein Schuss. In der weißen Decke entstand ein hässliches Loch.

Bevor der Donner der Explosion verhallt war, stand Steve schon wieder auf beiden Beinen, nutzte den Schwung aus und trat jetzt mit dem linken Fuß zu. Gleichzeitig griffen seine ausgestreckten Hände nach dem Waffenarm des Gegners, denn Hammond hatte seine Überraschung blitzschnell überwunden. Steve durfte ihm keine Zeit lassen.

In Hammonds Augen traten ein Ausdruck der Überraschung und ein ganz kleines Anzeichen von Furcht. Er hatte begriffen, dass er es mit einem ernsthaften Gegner zu tun hatte.

Steve hatte den Arm im Hebelgriff und drückte langsam zu. Hammond wehrte sich, und er war kräftig. Die beiden Männer rangen verbissen um einen Vorteil. Hammond hatte seinen Revolver immer noch nicht losgelassen. Der Lauf zeigte aber immer noch zur Decke.

Ganz allmählich gewann Steve McCoy die Oberhand. Sein Gegner zeigte Anzeichen von Schwäche. Er stolperte einen Schritt, versuchte dann, Steve mit sich auf den Boden zu ziehen, was ihm aber nicht gelang.

Steve verlagerte kurz sein Gewicht, hakte sein rechtes Bein hinter Hammond und machte eine heftige Bewegung, bei der er gleichzeitig das Handgelenk des anderen zu fassen bekam.

Hammond grunzte und verlor das Gleichgewicht. Durch den Druck auf sein Handgelenk musste er endlich auch seine Waffe loslassen. Steve kickte sie sofort zur Seite. Sie rutschte unter das Bett und verschwand aus der Sicht. Hammond fiel nur einen Sekundenbruchteil später. Sein Kopf schlug auf die Matratze, aber die modernen Hotelbetten besaßen keine Kanten mehr, an denen man sich stoßen konnte.

Steve hielt immer noch das Handgelenk des anderen fest. „Geben Sie auf?“, erkundigte er sich mit leisem Zweifel.

„Geh zur Hölle, Bastard!“, knurrte Hammond und starrte ihn wütend an. Sein Selbstbewusstsein schien einen erheblichen Knacks bekommen zu haben. Er war mit seiner Leistung sichtlich unzufrieden.

Langsam ließ Steve das Gelenk los und trat einen Schritt zurück. In seiner Lage konnte Hammond im Moment nicht viel ausrichten. Doch Steve hatte sich in der Einschätzung seines Gegners doch getäuscht.

Hammond war mit einer schlangengleichen Bewegung wieder auf den Beinen und griff erneut an.

Diesmal lief er genau in Steves Faust – und die traf ihn voll.

Hammond seufzte, verdrehte die Augen und kippte nach hinten. Der Aufprall war jetzt härter als vor ein paar Sekunden, denn Hammond berührte die Kante des Nachttisches. Er rollte zur Seite und rührte sich nicht mehr.

Steve beugte sich zu ihm hinunter. Ein paar Minuten würde die Bewusstlosigkeit anhalten. Rasch untersuchte er den Mann.

Er fand nur eine schmale Brieftasche mit einem amerikanischen Pass auf den Namen Phil Hammond, geboren in New York, ein Bündel Dollarnoten und eine Kreditkarte von Visa. Sonst gab es keine persönlichen Hinweise. Steve blätterte den Pass durch.

Weit gereist schien Hammond nicht zu sein. Es gab nur Einreisestempel von Dubai. Ausgestellt war der Pass aber schon vor einigen Jahren. Entweder war Hammond tatsächlich noch nicht verreist – oder der Pass gefälscht. Steve konnte Letzteres allerdings nicht feststellen. Wenn es eine Fälschung war, dann war sie ausgezeichnet.

Ein Blatt Papier fiel aus dem Pass und flatterte langsam zu Boden. Steve hob es auf. Er sah auf eine Bleistiftzeichnung, die in großen Umrissen eine Karte von Dubai zeigte. Die Küstenlinie mit der Hauptstadt war klar zu erkennen. Eine gestrichelte Linie führte zu einem Punkt im Landesinneren, der mit Al Ain bezeichnet war. Von dort zeigte ein Pfeil auf einen kleineren Punkt in südwestlicher Richtung. Neben diesem Punkt war ein dickes Kreuz gezeichnet. Es gab jedoch keinen Buchstaben oder einen anderen Hinweis darauf, was sich hinter diesem Punkt verbarg.

Al Ain war klar. Das war eine Stadt. Steve hatte sich den Namen eingeprägt, als er die Landkarte ausführlich studierte. Es gab also irgendetwas in der Nähe von Al Ain, was für Phil Hammond eine Bedeutung hatte. Automatisch war es damit auch für Steve McCoy interessant. Er würde sich mit diesem Punkt beschäftigen müssen.

Steve steckte den Zettel wieder in den Pass, klappte ihn zu und brachte ihn an der Stelle unter, an der er ihn gefunden hatte.

Hammond bewegte sich und stöhnte leise. Seine Augenlider flatterten. Es würde nicht mehr lange dauern, bis er aufwachte. Für Steve wurde es Zeit, zu verschwinden.

Er schlich zur Tür, öffnete sie und drückte sie ebenso leise hinter sich wieder ins Schloss. Man sollte ihm nicht nachsagen, dass er den gesunden Schlaf des Mister Hammond störte.

 

 

13. Kapitel

 

„Sagt Ihnen dieser Hinweis etwas?“

Diana Lester schüttelte den Kopf. „Ich habe den Namen Al Ain zwar schon gehört, aber noch nie im Zusammenhang mit meinem Bruder oder mit Mexcal. Nein, ich habe keine Ahnung.“

Steve zog die Augenbrauen zusammen. In diesem Fall hatte er sich mehr von seiner Auftraggeberin erhofft. Sie saßen in Dianas Zimmer und schlürften einen eisgekühlten Saft aus der Zimmerbar. Der Begriff Bar war übertrieben, denn der kleine Kühlschrank enthielt keine alkoholischen Getränke. Die Klimaanlage erzeugte einen ziemlich eisigen Lufthauch.

„Hat die American Middle East Oil mit Al Ain zu tun?“, fuhr Steve fort.

Diana zuckte die Achseln. „Kann ich mir kaum vorstellen, denn Öl gibt es in dieser gottverlassenen Gegend bestimmt nicht. Das heißt, vielleicht hat nur noch keiner nachgesehen. So, wie Sie den Zettel beschrieben, könnte es eine Wegbeschreibung gewesen sein.“

Steve nickte. „Sicher. Entweder war dieser Hammond schon dort, oder er will erst noch hin. Auf jeden Fall gibt es dort etwas, das mit unserem Fall zusammenhängt. Vielleicht hat man auch Ihren Bruder dorthin verschleppt und hält ihn gefangen.“

„Ich glaube nicht, dass man ihn so weit wegschleppt. Er kann genauso noch in Dubai sein.“

„Ich werde der Sache auf jeden Fall nachgehen“, sagte Steve. „Wir müssen so oder so Gewissheit haben.“

„Sie wissen, dass Sie sich dort mitten in der Wüste befinden?“, fragte Diana.

„Ich glaube nicht, dass dieser Punkt nur ein Stückchen leeren Sand bezeichnet“, erwiderte Steve.

„Sie haben recht“, gab sie zögernd zu. „Wenn Sie dorthin wollen, komme ich mit.“

Steve sah sie erstaunt an. „Das möchte ich mit Ihnen noch diskutieren. Ich denke, dass diese Fahrt nichts für Sie ist. Sie sagen doch selbst, dass es dort nur Wüste gibt.“

Sie lächelte ihn an, sagte aber nichts.

In diesem Augenblick schrillte das Telefon. Beide blickten gleichzeitig auf den Apparat neben dem Bett.

„Weiß jemand, dass Sie hier sind?“, fragte Steve.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich wüsste nicht, wer mich hier anrufen sollte.“

„Nehmen Sie ab, dann werden Sie es wissen.“

Zögernd streckte sie die Hand aus, dann nahm sie den Hörer mit einer schnellen Bewegung ans Ohr. Steve beugte sich vor, denn die Stimme am andern Ende war so laut, dass auch er sie deutlich verstehen konnte. Sie sprach etwas undeutlich, als hätte der Sprecher ein Tuch über die Muschel gelegt. Ein Akzent konnte es auch sein.

„Dies ist die letzte Warnung!“, hörte Steve laut und deutlich. „Nehmen Sie mit Ihrem Begleiter das nächste Flugzeug in die Staaten. Wenn Sie diesen gutgemeinten Rat nicht befolgen, können wir nicht für Ihr Leben garantieren. Mit ziemlicher Sicherheit werden Sie in vierundzwanzig Stunden tot sein. Und noch etwas. Wir haben Ihren Bruder. Sie riskieren auch sein Leben, wenn Sie Ihre hübsche Nase weiter in diese Angelegenheit stecken. Was wir mit Ihrem Bruder abzumachen haben, geht nur ihn und uns an. Sie stören bei dieser Sache ganz erheblich. Also befolgen Sie diese Empfehlung, wenn Sie nicht für den Tod einiger Menschen verantwortlich sein wollen.“

Es klickte, und der Mann am andern Ende hatte aufgelegt.

Diana sah Steve mit weit aufgerissenen Augen an. Ihre Lippen zuckten, und sie war kurz davor, in Tränen auszubrechen.

Steve legte ihr die Hand auf den Arm. „Ich habe alles mitgehört. Beruhigen Sie sich. Sie dürfen jetzt auf keinen Fall den Kopf verlieren. Darauf warten die anderen nur.“

„Wer war dieser Mann?“, fragte sie mit bebender Stimme.

„Sicher ein Vertreter dieser merkwürdigen Bruderschaft. Die Söhne Allahs denken offenbar, dass wir zu einer Gefahr für sie werden könnten, sonst würden sie nicht so einen lächerlichen Telefonanruf starten.“

„Aber diese Leute meinen es ernst. Das Leben meines Bruders ist in Gefahr! Ich kann nicht riskieren, dass ihm etwas zustößt. Wir müssen abreisen! Wir müssen es tun.“

Steve schüttelte den Kopf. „Nein, wir bleiben. Die Gegenseite fängt an, die Nerven zu verlieren. Diese Männer haben wahrscheinlich nicht sehr viel Zeit, um ihren Plan auszuführen. Jetzt versuchen sie es mit Drohungen.“

„Aber sie sind überall! Sie wissen sogar die Nummer meines Hotelzimmers. Sie können jederzeit zuschlagen. Das haben sie doch schon bewiesen.“

Steve lächelte schwach. „Diese Bruderschaft besteht meiner Ansicht nach nur aus sehr wenigen Leuten. Wir werden dieser Drohung nicht gehorchen, und wir werden nicht abreisen – nicht, bevor wir Ihren Bruder befreit haben.“

„Daran glauben Sie noch?“

Steve nickte ernst. „Ja, daran glaube ich.“

Jetzt konnte nichts mehr ihre Tränen aufhalten. Steve sagte nichts, denn es half ihr, sich abzureagieren.

 

 

14. Kapitel

 

Robert Wilson strich das Papier glatt und las den Text der Nachricht ein zweites Mal. Die Formulierung war völlig unverdächtig, und nur für den Eingeweihten wurde der versteckte Sinn klar.

Wilson hatte mit seinem Mann in Dubai einen Code ausgemacht, der allerdings auch nur unter ganz besonderen Umständen benutzt werden sollte. An sich sollte es möglichst überhaupt keine Verbindung zwischen Dubai und der Zentrale der American Middle East Oil in New York geben.

Wilson knurrte leise. Wurde der verdammte Kerl denn mit den Schwierigkeiten nicht allein fertig?

Es war doch immer dasselbe! Wenn er sich nicht persönlich um eine Sache kümmerte, klappte sie nicht zu seiner Zufriedenheit! Alles war so schön eingefädelt worden.

Nick Lester saß in sicherem Gewahrsam und würde in Kürze weich werden. Seine Unterschrift unter den Kaufvertrag war nur eine Frage der Zeit. Und er, Wilson, konnte warten. Nicht mehr sehr lange natürlich, aber ein paar Tage konnte Lester in seinem heißen Wüstengefängnis noch schmoren.

Es gab bisher keine Anzeichen, dass irgendwelche offiziellen Stellen Nachforschungen anstellten, weder in Dubai noch in New York.

Das einzige Problem waren Lesters Schwester und dieser Kerl, der sie begleitete und der irgendwie mit dem Justizministerium zu tun hatte. Es konnte doch nicht so schwierig sein, diese beiden unter Kontrolle zu halten und, wenn nötig, aus dem Verkehr zu ziehen.

Sein Mann dort unten hatte alle möglichen Hilfsmittel. Er verfügte über kampferprobte Männer, Waffen, Fahrzeuge, Geld – und sogar Verbindungen zu den Behörden. Seine Spitzel überwachten die beiden. Was also war das Problem?

Wilson schüttelte den Kopf und las den Text der Nachricht ein drittes Mal. Entschlüsselt las sie sich so: „Tarnung wahrscheinlich geplatzt. Wir müssen umdisponieren. Geänderter Plan erforderlich!“

Wilson konnte mit diesen Informationen nichts anfangen. Wessen Tarnung war geplatzt? Die seines Mannes oder die der ganzen Bruderschaft? Welche Pläne sollten geändert werden? Es gab nur einen, und zwar den, Mexcal Oil in seine Hand zu bringen. Und an diesem Plan würde ganz bestimmt nichts geändert werden!

Wilson drückte auf den Knopf der Sprechanlage. Er musste selbst nach Dubai und dort nach dem Rechten sehen, sonst versaute dieser Kerl ihm noch den schönen Plan.

Seine Sekretärin meldete sich. Gerade wollte er ein Ticket nach Dubai bestellen, als er sich anders besann. Es war besser, wenn niemand in seinem Unternehmen erfuhr, wo er sich befand. Das musste er selbst in die Hand nehmen. „Schon erledigt“, sagte er und ließ den Knopf los.

Zum ersten Mal, seit er Boss des Unternehmens war, reservierte er selbst ein Flugticket. Er kam sich ein bisschen unbeholfen vor, aber immerhin dachte er daran, bar zu bezahlen. Es durfte keine Spuren geben, die in sein Büro führten.

Danach sprach er noch einmal mit seiner Sekretärin. „Ich muss überraschend für ein paar Tage eine wichtige Geschäftsreise antreten. Sagen Sie sämtliche Termine ab, denn ich bin unter keinen Umständen zu erreichen. Ich werde mich in Kürze selbst melden. Es tut mir leid, dass es so geheimnisvoll klingt, aber es geht nicht anders.“

Er biss die Lippen zusammen und stand auf. Es war nicht vernünftig, was er tat, aber er hatte keine andere Wahl.

 

 

15. Kapitel

 

Der Leihwagen kostete ein Vermögen. Steve war sicher, dass der schmierig grinsende Araber ihn übers Ohr gehauen hatte, aber es brachte nichts ein, sich jetzt auf Diskussionen einzulassen.

„Steigen Sie ein“, sagte er zu Diana Lester. Sie hatte ihren Kopf durchgesetzt und begleitete ihn. Steve war es recht, denn auf diese Weise konnte er sie besser im Auge behalten.

So optimistisch, wie er sich ihr gegenüber gezeigt hatte, war er überhaupt nicht. Er selbst unterschätzte die Gegenseite keine Sekunde lang. Die Bruderschaft hatte bewiesen, dass sie schnell und gnadenlos zuschlagen konnte. Sie würde es im Notfall wieder tun.

Der Wagen war ein ziemlich neuer Straßenkreuzer, wie er in den Golfstaaten beliebt war. Denn Benzin war das Einzige, was im Überfluss vorhanden war.

Steve schwang sich hinter das Steuer und schaltete die Klimaanlage des Wagens ein, die das Fahren rasch erträglich machte.

Er lenkte den Wagen von der Hotelauffahrt auf die Straße. „Ich bin gespannt, welchen Eindruck Al Ain macht. In meinem Job lerne ich immerhin viele Länder kennen.

Sie waren noch keinen halben Kilometer gefahren, als Steve feststellte: „Wir werden verfolgt. Schon seit dem Hotel. Die Bande hat also einen Aufpasser auf uns angesetzt.“

Diana fuhr herum und starrte durch die getönte Heckscheibe. „Welcher ist es?“, fragte sie leise.

„Der japanische Wagen. Es ist der dritte hinter uns.“

Sie nickte und blickte wieder nach vorn. „Was tun wir jetzt?“

„Nichts“, erwiederte er belustigt. „Wir fahren einfach durch die Gegend, und er fährt hinterher.“

Steve warf einen Blick in den Rückspiegel. Der Japaner scherte gerade aus und schob sich einen Platz nach vorn. Jetzt war nur noch ein alter Pontiac dazwischen, in dem mindestens ein halbes Dutzend Araber saßen. Aber der Pontiac bog plötzlich rechts ab. Jetzt war nur noch der Japaner am Heck. Ein einzelner Mann saß darin.

Steve wählte den Weg, der nach Al Ain führte. Die Straße war gut ausgebaut und wenig befahren. Der Verfolger fiel ein Stück zurück, sprach in ein Funksprechgerät und hielt dann den Abstand. Er stand also mit anderen in Verbindung. Das konnte die Situation komplizieren, denn Steve wusste nicht, welche Heimtücke sich die anderen als Nächstes ausdachten. Erfinderisch waren seine Gegner sicherlich.

Zwanzig Minuten später wusste er es.

Der alte Lastwagen, der ihnen auf der anderen Seite entgegenkam, scherte plötzlich aus und steuerte direkt auf Steve und Diana zu. Rechts und links von der Piste erhoben sich Sandhügel, die nicht sehr tragfähig wirkten. Überdies gab es einen Graben neben der Straße. Bei dem Tempo würden sie sich garantiert einen Achsenbruch zuziehen.

Der Lastwagen kam rasch näher, während der Japaner hinter ihnen zurückgefallen war. Es blieben nur ein paar Sekunden, um die richtige Entscheidung zu treffen, die ihr Leben retten konnte.

Diana klammerte sich mit schreckgeweiteten Augen an ihren Sitz, brachte aber kein einziges Wort heraus.

Im letzten Augenblick riss Steve die Handbremse an und wirbelte das Steuer bis zum Anschlag nach links.

Die Hinterräder blockierten, und der Wagen brach seitlich aus. Kreischend radierten die blockierten Reifen über den Asphalt, und der Wagen beschrieb eine 180-Grad-Wende, sodass er in Gegenrichtung stand.

Der Laster ragte inzwischen wie ein Gebirge aus Stahl empor. Steve hörte schon fast den Aufprall von Metall auf Metall, und er konnte sich ausmalen, was dabei mit dem Leihwagen geschehen würde.

Er gab Gas und jagte den Motor auf höchste Drehzahlen hoch. Schleudernd entfernten sie sich, Sekunden bevor sich der Kühler des Lasters in ihr Heck bohren konnte.

Im Rückspiegel erkannte Steve die Gesichter der beiden Männer im Führerhaus. Er hielt sie für Araber. Wahrscheinlich Hilfskräfte, die man für die Dreckarbeit angeheuert hatte.

„Das war aber knapp“, sagte Diana mit beherrschter Stimme. Sie warf ihm einen schrägen Seitenblick zu. Er schien in ihrer Achtung erheblich gestiegen zu sein. Ganz selbstkritisch gestand Steve sich zu, dass es eine ziemlich reife Leistung gewesen war.

Er atmete tief durch und sah sie grinsend an. „Unsere Freunde haben etwas gegen uns – oder sie können nicht fahren.“

„Passen Sie lieber auf den da auf!“, warnte sie.

Der Fahrer des japanischen Wagens, der jetzt vor ihnen war, hatte die neue Situation erkannt, und er war offensichtlich entschlossen, das zu Ende zu bringen, was seinen Kumpanen in dem Laster nicht gelungen war.

Steve und Diana saßen jetzt zwischen zwei Gegnern. Der Pkw schien jedoch weniger gefährlich zu sein.

Steve fuhr relativ langsam, um sich erst im letzten Moment für die richtige Lücke zum Durchbruch zu entscheiden. Der andere hatte die Taktik begriffen und fuhr in Schlangenlinien. Noch fünfzig Meter, dann würden sie sich auf gleicher Höhe befinden. Und der Lastwagen hinter ihnen stellte auch immer noch eine Gefahr dar.

Steve konnte das Gesicht des Fahrers deutlich erkennen. Er riss das Steuer nach rechts herum, aber wie durch Intuition tat der Fahrer des Japaners das Gleiche.

Die Wagen streiften sich, und das Blech kreischte. Steve wurde fast aus dem Sitz geworfen, und Diana schrie auf.

Das Fahrzeug schleuderte und geriet mit den Vorderrädern über die befestigte Piste. Das Lenkrad wurde Steve aus der Hand gerissen, das Auto sackte schräg nach vorn und wühlte sich augenblicklich im Sand fest.

„Verdammter Mist!“, knurrte Steve und legte den Rückwärtsgang ein. Der Motor drehte auf höchsten Touren, aber der Wagen bewegte sich nur millimeterweise. Sie saßen wirklich fest.

Der Japaner war auf der Straße geblieben und bremste. Dann leuchteten die weißen Lampen auf. Er legte den Rückwärtsgang ein. Der Lastwagen hatte bereits in einer Entfernung von etwa dreißig Metern gehalten.

Steve nahm die Beretta in die Hand, die er unter den Sitz geschoben hatte. „Jetzt wird es ernst“, sagte er und drehte den Zündschlüssel. Der Motor erstarb, und um sie war die Stille der Wüste.

Die Beifahrertür des Lasters öffnete sich, und ein Mann kletterte heraus. Er stellte sich neben das Fahrzeug und fingerte einen Revolver aus seinem Hosenbund. Er trug Jeans und ein buntes Hemd.

Auch der Fahrer des japanischen Wagens stieg aus. Er trug eine Dschellaba und war völlig kahl. Das gab ihm ein etwas merkwürdiges Aussehen. Mit Sicherheit war auch er bewaffnet.

Der Fahrer des Lasters kam noch nicht in Sicht. Hoffentlich bringt er jetzt nicht ein Maschinengewehr in Stellung, dachte Steve sarkastisch. Rasch prüfte er seine Waffe. Alles in Ordnung.

Vorsichtig öffnete er seine Tür, die den Gegnern abgewandt lag.

„Kriechen Sie auf meinen Sitz, und kauern Sie sich auf den Boden“, forderte Steve. „Auf meiner Seite sind Sie besser geschützt, falls die Kerle auf den Wagen feuern.“

„Sie meinen, die werden schießen?“ Diana schluckte trocken.

„Das halte ich durchaus für möglich“, antwortete Steve. „Das Ding, das der Kerl dort drüben in der Hand hält, ist kein Spielzeug.“

Zwei Wagen brausten in hoher Geschwindigkeit an ihnen vorbei. Die Fahrer nahmen keine Notiz von ihnen. Sie hatten dafür auch keine Veranlassung. Für sie musste die Szene ganz normal aussehen. Eines der Fahrzeuge hatte eine Panne, und andere Fahrer halfen ihm.

Nein, durch einen solchen Zufall war keine Rettung zu erwarten. Jetzt stieg aus dem Laster auch noch der Fahrer aus. Er war ähnlich gekleidet wie sein Beifahrer. Auch er war Araber.

Der Beifahrer kam ein paar Schritte näher, daraufhin hob er seinen Revolver und gab zwei Schüsse ab, so als wollte er seine Waffe ausprobieren. Glücklicherweise erzielte er keinen Treffer. Diana versuchte sich zu beherrschen, aber Steve sah, dass es ihr schwerfiel.

Steve stieg rasch aus und blickte über das Wagendach zu seinen Gegnern hinüber. Langsam näherten sich die Männer.

Es wurde Zeit, ihnen eine Lektion zu erteilen. Steve stützte die Pistole auf dem Dach ab und visierte sehr sorgfältig, ehe er den Abzug ruhig durchzog. Hell peitschte die Explosion durch die Stille.

Als den Kerl die Neun-Millimeter-Para-Kugel am Unterschenkel traf, wurde er zu Boden geschleudert und brüllte vor Schreck und Schmerz auf. Sein Revolver flog im hohen Bogen durch die Luft und landete neben der Straße im Wüstensand.

Die beiden anderen blieben wie erstarrt stehen, als sie sahen, was ihrem Kumpel passiert war.

Als Erster reagierte der Fahrer. Er drehte sich um und rannte zu seinem Laster zurück. Mit einem Satz verschwand er im Fahrerhaus. Der verletzte Beifahrer hob die Faust und schrie ihm hinterher, aber sein Kumpel dachte gar nicht daran, ihm zu helfen.

Der Kahlkopf zog sich vorsichtig zurück. Dem Angeschossenen schenkte er keinen weiteren Blick. Wie gebannt starrte er auf Steves Waffe, die immer noch auf dem Wagendach ruhte.

Diana riskierte einen Blick durch die Seitenscheibe. „Haben Sie den Mann schwer verletzt?“

Steve schüttelte den Kopf. „Nein, es muss ein glatter Durchschuss sein. Aber die Aufprallenergie des Geschosses ist ziemlich hoch, sodass man allein dadurch umgeworfen wird.“

„Es sieht so aus, als ob die da drüben schon genug hätten. Sie scheinen sich zurückzuziehen.“

„Ja, die Burschen haben heute einen Glückstag“, knurrte Steve grimmig. „Ich möchte mir gern einen von ihnen schnappen, damit wir mal ein paar Informationen bekommen.“

In diesem Augenblick ließ der Fahrer des Lasters den Motor an, und sofort setzte sich das Fahrzeug ruckend in Bewegung. Nach ein paar Metern hielt er neben dem Verletzten, der sich aufrappelte und mühsam in den Wagen kletterte. Steve verfolgte das Geschehen über Kimme und Korn. Er war vorbereitet, falls sich die Burschen einen Trick einfallen ließen.

Aber sie wollten einfach abhauen. Der Motor heulte auf, und schon war der Laster vorbei. Steve erhaschte nur einen Blick auf ein bleiches Gesicht hinter der Scheibe und auf einen wütend geschüttelten Arm.

Er grinste und nahm die Arme vom Wagendach. „So, dann bleibt noch unser Freund, der Glatzkopf. Warte, mein Junge, jetzt bist du dran!“

„Seien Sie vorsichtig!“, rief Diana ihm hinterher.

Steve hetzte mit langen Sprüngen über die Straße. Der Kahle schien immer noch verwirrt zu sein, dass seine Partner abgehauen waren. Seine Schrecksekunde war eindeutig zu lang, denn ehe er sich zur Flucht entschloss, war Steve schon ziemlich dicht heran.

Der Kahlkopf griff unter sein Gewand und versuchte offenbar, eine Waffe herauszuziehen.

Steve blieb stehen und ging in Combat-Stellung: Beine leicht gespreizt, die Arme gerade nach vorn gestreckt und den Kolben der Beretta mit beiden Händen umklammernd. Gezielt wurde in dieser Position mit dem ganzen Körper, und ein geübter Schütze traf bis zehn Meter ziemlich punktgenau.

„Es wäre besser, wenn Sie jetzt keine unvorsichtige Bewegung machen würden“, sagte Steve leise, aber bestimmt.

Der Kahlkopf erstarrte. Die unnatürliche Haltung wirkte ziemlich komisch, und Steve musste grinsen.

„Tut mir leid, dass Ihre Partner sich so schnell verabschiedet haben. Ich muss mich dann an Sie halten. Nehmen Sie jetzt die Hände hoch, und legen Sie sie hinter dem Kopf zusammen.“

Der Kahle gehorchte. Seine Wangenmuskeln zuckten, und seine Augen glitzerten tückisch, aber er hatte eingesehen, dass Widerstand im Augenblick sinnlos war.

Steve trat weiter an ihn heran und fasste mit der linken Hand in den Schlitz im Gewand. Seine Fingerspitzen stießen gegen das Metall einer Waffe, und er holte eine großkalibrige Armeepistole heraus. „Bisschen schwer bei der leichten Kleidung. Ich nehme das Ding lieber an mich.“

Der andere blickte nach rechts und links die Straße entlang, aber dummerweise war kein einziges Auto zu sehen. Steve dachte daran, dass die beiden im Lastwagen möglicherweise Verstärkung holen könnten. Es wurde Zeit, sich aus dem Staub zu machen.

Er stieß dem Kahlen die Pistole in die Seite. „Wir gehen jetzt zu meinem Wagen. Ich habe noch ein paar Fragen. Verstehen Sie mich überhaupt?“

Nur ein Knurren war die Antwort, aber der Mann ging folgsam über die Straße. Diana war inzwischen ausgestiegen und sah den Entgegenkommenden neugierig an.

„Wer ist dieser Mann?“, fragte sie.

Steve warf dem Kahlen einen unheilverkündenden Blick zu. „Ich denke, das wird er uns gleich selber sagen.“

Kahlkopf spuckte Steve vor die Füße und sah starr geradeaus, irgendwohin in die Wüste.

Diana lächelte. „Sind Sie sicher, dass er Ihre Fragen beantworten will? Es wird schwierig sein, ihn zu überreden. Mein Bruder hat mir erzählt, dass hier ein ziemlich harter Menschenschlag lebt. Seit Jahrtausenden geprägt vom Leben in der Wüste.“

„Unterschätzen Sie einen Mann vom Justizministerium nicht“, entgegnete Steve McCoy. „Wenn er seine Erfahrungen mit der Wüste hat, dann habe ich meine mit dem Dschungel der Großstadt. Ich bin nicht sicher, welche Welt heute die gefährlichere ist.“

Er wandte sich an den Kahlen. „Also, mein Freund, wie ist Ihr Name, und weshalb wollten Sie auf uns schießen?“

Der Kahle öffnete zum ersten Mal den Mund, wobei ziemlich schadhafte Zähne sichtbar wurden, die überdies vom Betelkauen eine ungesund braune Farbe angenommen hatten. „Ich gehöre der Bruderschaft des unsterblichen Glaubens an. Die Söhne Allahs werden die Ungläubigen vernichten! Sie haben einen kleinen Vorteil, aber meine Brüder werden mich rächen.“

„Ist das alles?“

Der Kahle nickte. „Mehr werden Sie von mir nicht erfahren.“

„Ich fürchte, das werden wir wirklich nicht“, sagte Diana leise. „Der Typ spricht unsere Sprache recht gut.“

Steve nickte. „Das wird einer der Gründe sein, weshalb man ihn ausgesucht hat. Ich bin sicher, dass andere dahinterstecken und nicht irgendein neuer Ayatollah, der den Krieg gegen die Ungläubigen erklären will. Fraglich ist nur, ob unser Freund das weiß oder ob man Typen wie ihn völlig im Unklaren lässt. Beides ist möglich.“

Er wirbelte in einer blitzartigen Bewegung herum und versetzte dem Mann einen kräftigen Hieb. Der Kahle war völlig überrascht, taumelte gegen den Wagen und keuchte.

Er starrte Steve ungläubig an und hielt sich die getroffene Stelle.

Steve schätzte diese Methoden überhaupt nicht, und er wollte nur diesen einen Versuch riskieren, um den Mann vielleicht doch noch zum Sprechen zu bringen. Schließlich ging es um das Leben von Dianas Bruder.

„Wir werden jetzt eine andere Sprache reden!“, brüllte er ihn an. „Wenn du nicht auspackst, wird hier dein Grab sein!“

Der Kahle schüttelte den Kopf. „Das hat keinen Sinn. Ich werde nicht reden. Niemals!“

„Ich habe selten ein so verstocktes Exemplar der menschlichen Rasse gesehen“, meinte Steve. „Also schön, dann wirst du erst einmal helfen, den Wagen aus dem Sand zu ziehen.“

Nach einem ermunternden Stoß packte der Kahlkopf schließlich an. Diana saß hinter dem Steuer, und die beiden Männer schwitzten unter der Anstrengung in der glühenden Sonne.

Nach zehn Minuten war es geschafft. Der Wagen stand wieder auf der Straße. Die Klimaanlage lief, und aus dem Innenraum drang eine angenehme Kühle.

„Was machen wir mit ihm?“, fragte Diana.

Steve zuckte die Achseln und zog die Waffe. Die Augen des Kahlen weiteten sich, aber er presste die Lippen noch fester zusammen. Steve hatte ihn beobachtet, und er war jetzt auch sicher, dass der Araber sich lieber umbringen ließ, als etwas zu verraten.

Er seufzte und steckte die Beretta wieder weg.

„Da kommt ein Auto“, sagte Diana und deutete nach vorn, in die Richtung, wo Dubai lag.

Steve fuhr herum und kniff die Augen zusammen. Über dem Asphalt flimmerte die Hitze. Tatsächlich, dort kam ein Fahrzeug näher. Das Modell konnte er noch nicht erkennen. Jedenfalls fuhr der Wagen ziemlich langsam. Ungewöhnlich langsam!

„Ob der was von uns will?“, meinte Diana nachdenklich.

Steve sah sie an, und dann reagierte er. Aber es war schon zu spät. Der fremde Wagen beschleunigte plötzlich, kam auf ihre Straßenseite herübergeschossen und bremste schleudernd wieder ab.

„Runter mit Ihnen!“, brüllte Steve, aber der Kahle rührte sich nicht. Bewegungslos stand er zwei Schritte neben ihrem Auto und starrte das entgegenkommende Fahrzeug an.

Diana zog den Kopf ein und rollte über die Vordersitze auf die andere Seite. Steve ließ sich einfach fallen, wobei er die Beretta wieder zog. Der Lauf der Maschinenpistole, der aus dem Seitenfenster ragte, schien immer größer zu werden.

Steve versuchte, seine Waffe in Schussposition zu bringen, aber es ging alles viel zu schnell.

Die Maschinenpistole begann zu feuern. Flammenzungen leckten aus dem Lauf, und er sah, wie die Waffe durch den Rückstoß zuckte.

Der Kahlkopf wurde durch die Einschüsse zurückgeschleudert. Ohne einen Laut fiel er nach hinten. Sein weißes Gewand färbte sich dunkel. Noch im Tod schien er zu lächeln.

Der fremde Wagen beschleunigte mit durchdrehenden Rädern. Eine Staubwolke hüllte alles ein, und die Maschinenpistole war bereits verstummt, obwohl der Donner der Explosionen noch in Steves Ohren hallte. Er leerte sein Magazin auf den sich mit hoher Geschwindigkeit entfernenden Wagen, wusste aber, dass er nur durch einen sehr glücklichen Zufall einen Treffer erzielen konnte.

Er erhob sich und klopfte mit einer mechanischen Bewegung den Staub ab, der auch in seinen Augen brannte.

Diana hob den Kopf und hustete. Sie zwängte sich aus dem Wagen. „Sind Sie verletzt?“, fragte Steve.

Sie sah an sich herunter, dann schüttelte sie den Kopf. „Ich glaube nicht. Und Sie?“

„Nein. Aber unseren kahlköpfigen Freund hat es erwischt, und auf ihn haben die Kerle auch gezielt. Er muss es gewusst haben, aber er hat keine Bewegung gemacht, um sich zu retten.“

„Es sind merkwürdige Menschen. Sie haben andere Begriffe von Ehre als wir.“

Steve sah sie an. „Sie haben wohl zu viele schlechte Romane gelesen. Gerade für die Araber gehören Verrat und Intrige zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen. Dieses Spiel beherrscht hier jeder, und man wundert sich nicht darüber. Höchstens dann, wenn ein ausländischer Idiot darauf hereinfällt. Hier klatscht man, wenn jemand auf elegante Art übers Ohr gehauen wird. Das war schon immer so.“

„Wollen Sie ihm nicht helfen?“

„Er ist tot.“

Sie sah erschrocken aus. „Woher wollen Sie das wissen? Sie haben ihn doch noch gar nicht untersucht.“

„Nach so vielen Jahren in diesem Job bekommt man einen Blick dafür, ob einer tot ist“, erklärte Steve müde.

Diana beugte sich über den Kahlkopf. Nach drei Minuten erhob sie sich wieder. „Sie haben recht. Er ist wirklich tot.“

Steve nickte nur. „Wir fahren zurück nach Dubai. Für heute ist es zu spät geworden, den Ausflug nach Al Ain fortzusetzen. Aber wir werden wiederkommen. Es ist die einzige heiße Spur, die wir haben.“

 

 

16. Kapitel

 

Diana hatte sich zum Abendessen umgezogen. Das weiße Seidenkleid stand ihr ausgezeichnet. Die Köpfe der Männer drehten sich herum, und die Blicke folgten ihr unauffällig – oder so, dass es die Ehefrau nicht sah.

Steve McCoy lächelte und erhob sich. Er rückte ihr den Stuhl zurecht, und sie setzten sich.

„Die Küche soll hier sehr gut sein“, erklärte sie und griff nach der Speisekarte.

Steve winkte einen Kellner und bestellte zwei Aperitifs. Zwischen der tödlichen Begegnung auf der Landstraße und dieser luxuriösen Umgebung schienen Welten und Ewigkeiten zu liegen. Und doch war es nur ein paar Stunden her und nur ein paar Kilometer entfernt gewesen.

„Sie sehen sehr gut aus“, sagte Steve.

Diana neigte den Kopf. „Danke. Als Frau hört man gern mal ein Kompliment.“

Sie schien zu frösteln. „Obwohl die Erinnerung an unser letztes Zusammentreffen heute Nachmittag nicht so erfreulich war.“

„Dafür können Sie mich nicht verantwortlich machen. Schließlich bin ich hauptsächlich Ihretwegen hier.“

Sie lachte leise. Dann hob sie ihr Glas und prostete ihm zu. Steve nahm sein Glas ebenfalls in die Hand.

Er wartete, aber Dianas Hand blieb unbeweglich in der Luft stehen, als sei sie eine Marionette. Ihre Augen wurden starr und blickten auf einen Punkt hinter Steve McCoy.

Er beugte sich vor. „Was haben Sie?“

Rasch senkte sie die Augen. „Drehen Sie sich nicht gleich um, aber ich habe eben einen ziemlichen Schock gehabt. Dort drüben sitzt Mister Robert Wilson, der Boss der American Middle East Oil, und ich frage mich, was er hier zu suchen hat.“

„Ist er allein?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ein junger Mann ist bei ihm. Sie unterhalten sich ziemlich angeregt, und Wilson scheint wütend zu sein.“

„Haben Sie uns schon gesehen?“

„Nein, ich glaube nicht. Aber wenn wir jetzt aufstehen, würden sie uns garantiert sehen. Vielleicht haben wir Glück, und es setzt sich jemand an den Tisch dazwischen.“

„Geben Sie mir bitte Ihren Makeup-Spiegel“, bat Steve.

Sie verstand sofort und kramte in ihrer Tasche. Steve nahm den Spiegel in die Hand und klappte ihn auf. Es war einer der ältesten Tricks, aber immer noch gut. Er konnte die Szene hinter sich beobachten, ohne selbst aufzufallen.

„Der junge Mann ist dieser Phil Hammond. Die Verbindung war mir schon klar, als ich gesehen habe, wer den Flug für Hammond gebucht hat. Und nun sind wir ganz sicher. Wilson ist der Drahtzieher dieser Geschichte. Ich verstehe nicht, weshalb er es riskiert hierherzukommen, aber vielleicht hat Hammond ihm erzählt, dass wir schon ausgeschaltet seien. Möglicherweise weiß er nicht, dass wir die Schießerei auf der Straße überlebt haben. Das wird ein Wiedersehen geben!“

„Sie sind ja mit Hammond schon aneinandergeraten. Ich sehe ihn heute zum ersten Mal. Sieht gar nicht unsympathisch aus.“

„Es gibt wenige Killer, die auch so aussehen. Die besten unter ihnen sind auch die unauffälligsten.“

Diana vertiefte sich in die Karte, aber ihre Gedanken waren nicht bei der Sache, und so wurde der Kellner, der sich bereits erwartungsfroh neben ihnen aufgebaut hatte, wieder weggeschickt.

„Ich würde gerne hören, was die beiden zu besprechen haben“, sagte Diana.

Steve nickte. „Ja, dann wüssten wir wahrscheinlich alles und könnten Ihren Bruder befreien.“

„Kann man nichts tun? Wir könnten die beiden verhaften lassen“, schlug sie vor. „Die Polizei wird die Wahrheit schon herausbekommen. Soll Wilson doch auch mal schwitzen!“

„So einfach geht das nicht. Es liegt doch nichts gegen die beiden vor. Wilson ist wahrscheinlich erst vor Kurzem angekommen, und auch gegen Hammond gibt es nicht den geringsten Beweis, dass er ein krummes Ding dreht. Für seine Pistole hat er vermutlich sogar einen Waffenschein. Nein, die Polizei kann uns nicht helfen. Wir müssen die beiden selbst überführen. Sie müssen uns den richtigen Weg zeigen. Insofern wäre es ganz angebracht, wenn wir jetzt unauffällig verschwinden würden. Das Essen müssen wir an einem anderen Tag nachholen.“

„Zu spät!“, sagte Diana Lester ruhig. „Sie haben uns gesehen, und Wilson hat mich erkannt.“

Steve zwang sich, den Kopf nicht zu drehen. „In diesem Fall können wir natürlich doch essen.“ Er schlug die Karte wieder auf.

 

 

17. Kapitel

 

„Sagen Sie mir, dass ich mich getäuscht habe!“, knurrte Wilson. „Haben Sie mir nicht versichert, dass man sich in gebührender Weise um die reizende Miss Lester und ihren verdammten Begleiter kümmern würde? Und wen sehe ich jetzt in diesem Hotel zwei Tische weiter? Genau diese beiden, die eigentlich keinen Appetit mehr haben dürften. Der Kerl neben ihr ist doch wohl dieser Typ vom Justizministerium?“

Hammond schluckte trocken und nickte nur. Der Bissen steckte in seinem Hals, als würde er gleich ersticken.

Wilson starrte Hammond an. „Kennt man Sie? Hatten Sie mit den Herrschaften schon dahin gehend Kontakt, dass man Sie in Verdacht hat? Ihr verschlüsseltes Schreiben schien mir etwas unklar.“

Hammond hob unbehaglich die Schultern. „Ich bin mir nicht ganz sicher. Es ist richtig, dass ich mit dem Mann da drüben einen kleinen Zusammenstoß hatte. Aber er kann unmöglich wissen, dass ich für Sie arbeite.“

„Da wäre ich nicht so sicher. Im Übrigen spielt das keine Rolle mehr, denn spätestens jetzt weiß er es. Schließlich sitzen wir seit einer halben Stunde hier zusammen und unterhalten uns. Er wird bestimmt nicht glauben, dass uns eine zufällige Bekanntschaft zusammenführte. Außerdem habe ich genau gesehen, wie erschrocken die kleine Lester wirkte. Also, haben sie mich bereits im Verdacht. Wenn die beiden keinen Argwohn hätten, wäre das Mädchen an meinen Tisch gekommen und hätte mich begrüßt. Schließlich kennen wir uns.“

Hammond lächelte unsicher. „Was sollen wir tun?“

Wilson trank seinen Wein in einem Zug aus. „Ich werde gar nichts tun. Aber Sie werden jetzt endlich Ihren Hintern bewegen und das tun, wofür ich Sie bezahle, nämlich mir Schwierigkeiten vom Hals zu halten. Und die augenblickliche Schwierigkeit müsste selbst Ihr Spatzenhirn begreifen.“

„Ich verstehe. Die beiden dürfen ihren Verdacht nicht bestätigt sehen. Wir müssen so tun, als kennen wir uns nicht.“

„Quatschen Sie nicht einen solchen Blödsinn!“, herrschte Wilson ihn an. „Für ein solches Theater ist es viel zu spät. Der Typ dort drüben ist sehr viel cleverer als Sie, der hat schon lange begriffen, was hier gespielt wird, und deshalb will ich verhindern, dass er seine Erkenntnisse in irgendeiner Weise nutzen kann.“

„Wir schnappen ihn mit meinen Leuten und stecken ihn auch in das Wüstengefängnis“, schlug Hammond vor.

Wilson schüttelte den Kopf. „Das ist zu unsicher. Zu großes Risiko.“

„Dann bleibt nur noch eine Möglichkeit“, sagte Hammond grinsend.

Wilson nickte. „Genau! Die beiden müssen endgültig aus dem Verkehr gezogen werden. Sie sind eine Gefahr, denn sie haben mich gesehen. Sie müssen sterben, und zwar bald, bevor sie eine Möglichkeit haben, ihr Wissen weiterzugeben. Kümmern Sie sich darum!“

Hammond knetete seine Finger. „Sie können sich darauf verlassen, dass alles zu Ihrer Zufriedenheit erledigt wird. Das Mädchen und ihr Begleiter sind schon so gut wie tot.“

 

 

18. Kapitel

 

Steve war in Gedanken versunken, als er Diana Lester bis an ihre Hoteltür gebracht hatte. Er hatte ihr eingeschärft, gut abzuschließen und niemandem zu öffnen, der nicht das vereinbarte Klopfzeichen beherrschte.

Über die Fassade war ein Eindringen praktisch unmöglich. Steve hatte auch dort nachgesehen.

Diana hatte das Essen nicht mehr sonderlich geschmeckt, nachdem sie von Robert Wilson erkannt worden waren. Steve konnte ihre Besorgnis verstehen. Der Fall steuerte seinem Höhepunkt zu. Bald musste es eine Entscheidung geben, so oder so.

Steve war inzwischen davon überzeugt, dass Wilson der Drahtzieher war. Es gab zwar keinen Beweis, aber eine Menge Indizien. Und Phil Hammond war sein Werkzeug vor Ort. Die Araber, also die sogenannte Bruderschaft, das waren nur Hilfskräfte, die wahrscheinlich keine Ahnung hatten, worum es eigentlich ging.

Vielleicht besaßen diese Leute tatsächlich irgendwelche verschwommenen, religiösen Ideale und merkten gar nicht, wie sie ausgenutzt wurden. Wenn Wilson sein Ziel erreicht hatte, würde er sie fallen lassen oder sogar ans Messer liefern. Diese Fanatiker waren in jedem Fall die Dummen. Aber das war schon immer so gewesen.

Wilson und Hammond hatten sich nicht mehr lange aufgehalten. Sie vermieden jeden Blick in ihre Richtung, was die Sache nur noch auffälliger machte. Nur als sie hinausgingen, trafen sich ihre Blicke, und Steve erschrak, als er in die eisigen Augen Wilsons sah. Dieser Mann wirkte zum Äußersten entschlossen. Er würde seinen Weg bis zum Ende gehen.

Das war vor zwei Stunden gewesen. Nach einem letzten Drink an der Bar wollte Diana schlafen gehen. Das war verständlich, nach dem langen Tag mit seinen Ereignissen.

Steve wollte noch einen kleinen Spaziergang unternehmen, jetzt, da die Tageshitze endlich einer angenehmeren Temperatur gewichen war. Er musste seine Entscheidungen für die nächsten Schritte treffen.

Er war überzeugt davon, dass ihr Ziel bei Al Ain lag. Als sie dorthin wollten, hatte man sie gewaltsam daran gehindert. Nick Lester musste sich dort befinden! Irgendwo in der Wüste hatte die Bruderschaft ihr Versteck. Nur dort konnte die Entscheidung fallen. Steve war entschlossen, am nächsten Tag aufzubrechen. Es war wohl besser, wenn Diana nicht mitkam. Denn es wurde bestimmt gefährlich.

Steve hatte das Hotel verlassen und schlenderte die Straße entlang. Für eine gute Beleuchtung war in den Golfstaaten gesorgt. Energieprobleme gab es hier allerdings auch nicht. Kein Mensch war zu sehen, denn die Einwohner hatten ihre alten Gewohnheiten nicht abgelegt. Ihr Tagesablauf entsprach immer noch dem Leben in der Wüste.

Steve McCoy bog in eine Querstraße ein und ging zum Fluss hinunter. Der Geruch nach Fisch und Ölabfällen drang in seine Nase. Die Kette der beleuchteten Glas- und Betonkästen war beeindruckend. Geschäftshäuser, Banken und Hotels. Weiter unten, kurz vor der Al-Maktoum-Brücke, erkannte er die Gebäudegruppe von Scheich Ahmads Palast. Noch ein Stückchen weiter lag das Rashid Hospital.

Steve atmete tief durch, einen Augenblick später hielt er die Luft an und blieb völlig reglos stehen. Seine Sinne hatten ein Geräusch vernommen, das nicht unbedingt hierher gehörte. Ein leises Huschen und Schleifen, als würde sich jemand ungesehen nähern wollen.

Steve McCoy kannte diese Geräusche gut genug, um sie sofort richtig einordnen zu können. Jeder andere hätte gar nicht darauf geachtet. Aber Steves Sinne waren darauf trainiert, alles Ungewöhnliche zu erfassen. Sein Überleben hing davon ab.

Langsam zog er die Hände aus den Taschen. Dabei streifte er die Beretta. Sie steckte an ihrem gewohnten Platz und würde ihn im Notfall sicher nicht im Stich lassen.

Seine ganze Aufmerksamkeit war jetzt auf das Lauschen konzentriert. Er drehte sich nicht um. Denn wer auch immer sich dort anschlich, war überzeugt, dass es völlig lautlos geschah. Steve versuchte, die genaue Richtung festzulegen.

Er begann, sich genauer zu erinnern. Er war an einem langgestreckten Gebäude vorbeigekommen, danach an einem unbebauten Stück, auf dem mehrere Baumaschinen standen. Von dort kam das Geräusch. Jetzt allerdings war nichts zu hören. Doch!

Aber es kam von der anderen Seite. Ein leises Klatschen wie von einer der hier gebräuchlichen Sandalen, wenn man über glatte Steine lief. Steve erinnerte sich an die andere Seite. Dort stand ein Rohbau. Betonsockel, aus denen das Gewirr der Stahlstäbe ragte.

Es waren also mindestens zwei, und sie wollten ihn in die Zange nehmen. Für einen Moment fröstelte ihn, wenn er daran dachte, dass er völlig ungeschützt hier stand. Jeden Moment konnte ihn eine Kugel in den Rücken treffen. Gleich darauf verwarf er den Gedanken wieder.

Wenn man ihn erschießen wollte, hätte man das schon lange tun können. Aber ein Schuss war laut und würde in dieser Stille Aufmerksamkeit wecken. Vielleicht hatte man vor, ihn auf die lautlose Art mit dem Dolch auszuschalten. Mit dieser Waffe hatten die Bewohner dieses Landstrichs auch einige Übung!

Sie mussten ihn schon vom Hotel aus beschattet haben. Hammond hatte nicht lange gezögert, seine Gegenmaßnahmen zu ergreifen! Seine willigen Helfer schienen immer verfügbar zu sein. Und diesmal hatte Steve das Gefühl, dass sie es verdammt ernst meinten.

Er drehte den Kopf, und seine Augen passten sich an die dunklere Beleuchtung der Baustelle an. Sie waren schon fast geblendet vom zu langen Starren in die endlosen Lichterketten der Stadt.

Noch rührte er sich nicht. Nur Augen und Ohren suchten nach dem unsichtbaren Gegner.

Da war einer von ihnen!

Die weißen Dschellabas waren eindeutig ein Nachteil. Sie fielen zu sehr auf, vor allem bei Dunkelheit. Steve sah den Schatten nur für einen winzigen Augenblick. Wie ein Gespenst huschte er von einer Säule zur nächsten. Steve merkte sich die Position.

Er ging zwei Schritte nach vorn, weiter auf das Wasser zu. Direkt vor ihm befand sich der dunkle Umriss eines Schiffes. Die Aufbauten wirkten wie Filigran vor einem silbrig schimmernden Wasser. Er drehte den Kopf zur anderen Seite.

Die gelben Caterpillars sahen wie urweltliche Ungetüme aus. Gewaltige Schaufelbagger und andere Maschinen waren auf der Baustelle abgestellt. Hinter der zweiten Maschine auf der rechten Seite musste sich ein weiterer Gegner befinden. Das weiße Flattern war für einen Moment deutlich zu sehen gewesen.

Was wollten sie? Warum griffen sie nicht an?

Steve wartete. Er befand sich auf einer freien, übersichtlichen Fläche. Wenn er weiterging, würde die Umgebung dunkler werden. Und er hatte einen deutlichen Nachteil gegenüber den anderen: Er kannte die Gegend nicht. Zurück konnte er auch nicht, da er dort genau zwischen sie geriet. Und er hatte keine Ahnung, wie viele auf ihn lauerten. Nein, es war besser, hier auf sie zu warten.

Einige Baumaterialien lagen in der Nähe umher. Sie würden im Notfall ausreichend Deckung bieten, falls man auf ihn schoss. Aber er war sicher, dass sie es erst auf eine andere Art versuchen würden.

Und da ging es auch schon los!

Ein einzelner Mann löste sich weiter hinten aus dem Schatten und kam langsam auf ihn zu. Er wirkte völlig harmlos und ungefährlich. Sein weißes Gewand schimmerte im Mondlicht.

Er legte keinen Wert darauf, ungesehen zu bleiben. Seine Sandalen schlurften über den Asphalt. Er kam langsam näher. In seinen Händen war keine Waffe zu sehen.

So sah also die Ablenkung aus.

Sie versuchten es mit Tricks. Der einzelne Mann sollte Steves Aufmerksamkeit ablenken, während die anderen sich ungesehen näherten und ihn mit einem raschen Dolchstoß auslöschten.

Steve lächelte grimmig. Sie sollten sich verrechnen. Auch wenn es Allahs Söhne waren, eine Bruderschaft erbarmungsloser Killer! Auch er hatte einige Tricks drauf.

Jetzt war der Mann nahe genug heran. Er blieb stehen und murmelte ein leises „Salam aleikum!“

Steve erwiderte den Gruß mit einem Kopfnicken. Seine Hände hingen locker an den Seiten herunter.

„Sie sind ein Fremder“, sagte der andere und trat noch einen Schritt näher. Sein Englisch war ausgezeichnet, und deshalb hatte man ihn wohl auch für diese Rolle ausgewählt.

Steve antwortete nicht und behielt die Stellen im Auge, wo er weitere Männer vermutete. Noch rührte sich dort nichts.

„Was tun Sie so allein in dieser Gegend?“, fragte der Araber und machte eine weit ausholende Bewegung.

Steve registrierte sofort, dass dies das Zeichen war, und er reagierte, bevor der andere seine Bewegung zu Ende bringen konnte. Dessen Fingerspitzen berührten gerade den Dolchgriff, als Steve schon bei ihm war und ihm die Handkante auf den Unterarm schmetterte.

Der Dolch fiel klappernd auf den Boden. Es war ein wertvolles Stück, die leicht geschwungene Scheide war mit glitzernden Steinen verziert. Steve stieß den Dolch mit dem Fuß zur Seite.

Aus den Augenwinkeln bemerkte er die beiden anderen, die ihrem Kumpan zu Hilfe eilten. Der Überraschungseffekt war dahin, und sie mussten eine ganze Strecke überwinden, ehe sie heran waren. Zeit genug für Steve, den Ersten ins Land der Träume zu schicken, und er tat es mit einer rechten Geraden. Der Mann ruderte noch einmal mit den Armen, gleich darauf kippte er um und schlug auf den Boden.

In dem Moment griffen ihn die beiden anderen mit dem Ungestüm wilder Tiere an. Schusswaffen trugen sie nicht, sondern ähnliche Dolche wie der erste. Deshalb waren sie nicht zu unterschätzen. Ein geübter Messerkämpfer war immer gefährlich.

Steve stand sicher auf den Beinen und federte leicht in den Knien. Die Arme waren leicht zur Seite gespreizt. Er konnte jederzeit sein Gewicht verlagern, wenn es die Situation erforderte. Die beiden umkreisten ihn. Ihre Gesichter lagen im Schatten der Kapuzen. Bisher war kein einziges Wort gefallen.

Plötzlich kam der erste Angriff. Schnell wie ein Pfeil schoss der Dolch nach vorn, und nur durch eine blitzschnelle Drehung konnte Steve verhindern, dass ihn die Klinge aufschlitzte. Bevor er einen Kontergriff ansetzen konnte, war der Mann schon wieder in seine Ausgangsposition zurückgegangen. Der Kerl war verdammt gut.

Der zweite griff an, ebenso schnell. Die gebogene Klinge ratschte über Steves Hemd und riss es auf, ehe seine Faust niedersauste und das Gelenk zur Seite fegte. Ein leises Lachen war die Antwort.

Steve drehte sich auf den Ballen, während die beiden ihn umkreisten und nach der günstigsten Stelle suchten. Steve hätte die Pistole ziehen können, aber dieser Sekundenbruchteil hätte vielleicht gereicht, dass einer der beiden mit der Klinge nahe genug an ihn herangekommen wäre. Er brauchte für jeden von ihnen einen Arm zur ersten Abwehr. Denn sie waren schnell, das hatten sie schon bewiesen.

Er hörte einen gutturalen Laut, dann drangen sie gleichzeitig auf ihn ein. Die Klingen blitzten, und Steve reagierte instinktiv. Seine Unterarme bildeten ein Kreuz, fingen den ersten Dolch ab, fuhren wieder auseinander und blockierten den zweiten.

Er hörte ein Stöhnen und wusste, dass der Niedergeschlagene wieder zur Besinnung kam. Mit drei Gegnern konnte er es auf diese Weise unmöglich aufnehmen. Er musste etwas tun!

Steve verlagerte das Gewicht. Sofort schoss sein gestreckter rechter Fuß nach oben und traf das Handgelenk des einen Angreifers, der mit einem Schmerzenslaut seinen Dolch fallen ließ.

Steve verwandelte die Bewegung in einen weiteren Angriff, indem er mit dem Bein wieder aufkam und den Schwung ausnützte. Sein Körper drehte sich um hundertachtzig Grad halb in der Luft, und das andere Bein zuckte hoch. Mit dem Absatz erwischte er den anderen genau auf der Brust. Die Luft zischte aus seinen Lungen, und er klappte zusammen. Im Fallen hieb Steve ihm die Handkante ins Genick.

Der Mann sank zu Boden und war für den Augenblick außer Gefecht Den Dolch hatte er unter sich begraben.

Steve zuckte herum und zog in der Drehung die Beretta. Es wäre unvernünftig gewesen, jetzt noch mehr zu riskieren. Diese Männer wollten ihn töten, und ihnen kam es ganz gewiss nicht auf einen fairen Kampf an.

Der erste Angreifer kam langsam wieder auf die Beine und tastete nach seinem Dolch. Der zweite zögerte, als er die Waffe bemerkte, die herumschwang und genau auf seinen Magen zeigte.

„Schluss jetzt!“, knurrte Steve. „Lasst eure Messer fallen, und hebt schön vorsichtig die Hände.“

Ein Schuss krachte, und die Kugel schlug unmittelbar neben Steves rechtem Fuß in den Asphalt. Er sah eine kleine Staubwolke aufsteigen. Gedankenschnell ließ er sich zur Seite fallen und rollte sich hinter einen Stahlträger in Deckung. Die nächste Kugel traf den Stahl und pfiff als Querschläger durch die Luft.

Der Schütze musste sich in einer erhöhten Position befinden. Steve hob den Kopf. Augenblicklich sah er das Mündungsfeuer. Die dritte Kugel riss ihm den Absatz vom Schuh, und er zog erschrocken die Beine an. Der Kerl schoss ziemlich gut!

Details

Seiten
412
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934564
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v508183
Schlagworte
mord hauptsaison krimi-sonderedition band

Autor

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Titel: Mord hat Hauptsaison - Krimi-Sonderedition Band 4