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Die Hand am Eisen

2019 160 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Hand am Eisen

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

Die Hand am Eisen

Western von Larry Lash

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 160 Taschenbuchseiten.

 

Ein unglücklicher Zwischenfall führt dazu, dass Dick Sands für einen Mörder und Pferdedieb gehalten wird. Nur langsam begreift er, welch ein perfider Plan von seinem Feind geschmiedet wurde. Seine Flucht endet jedoch in den Händen der feindseligen Arapahoe-Indianer, die sich seinen Skalp holen wollen. Sein Tod ist beschlossene Sache, egal, von welcher Seite er die Lage betrachtet.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Hugo Kastner, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1.

Noch vor einem Monat waren die Kuppen, Hügel und Berge von Schnee bedeckt gewesen. Jetzt grünte es überall. Dick Sands stand auf dem Gehsteig der Mainstreet und genoss den warmen Frühlingswind, der von Süden heraufwehte. Er trug die Verheißung eines warmen Sommers mit sich.

By Gosh, der Winter steckte einem noch in den Knochen, dachte Dick Sands, redete sich und spuckte die Kippe seiner Zigarette auf den Boden. Er gab sich einen Ruck und setzte sich in Bewegung. Der große, breitschultrige Mann ging mit elastischem, federnden Schritt. Die Passanten störten Dick Sands so wenig wie die Reiter und Spaziergänger, die langsam an den Läden vorbei schlenderten. Der schöne Tag trieb die Leute aus den Häusern. Die Stadt schien zu neuem Leben erwacht zu sein und den Winterschlaf endgültig abgeschüttelt zu haben.

Dick Sands liebte diese Rinderstadt nicht und auch nicht das raue, harte Land, in dem der Winter tödlich langweilig war. Warum war er nur in dieses Land gekommen, in ein Gebiet nahe der kanadischen Grenze? Warum war er geblieben und hatte sich hier niedergelassen? Geschah es aus einer Laune, oder weil er unbedingt selbständig werden wollte? Vor drei Jahren hatte sich ihm hier eine gute Möglichkeit geboten. Es mochte also an beidem liegen.

Ich hatte kein Glück, dachte Dick Sands. Eine Pferderanch wollte ich aus dem Boden stampfen, doch die drei Zuchtstuten erkrankten und gingen ein. Ich habe kein Geld, um mir neues Zuchtmaterial zu kaufen. Der Winter war hart. Nirgends bekam ich einen Job. Jetzt habe ich nur noch einige Dollars, und wenn die aufgebraucht sind, muss ich mein Pferd mitsamt der Ausrüstung verkaufen. Wenn man es richtig sieht, bin ich am Ende. Ausgerechnet mir muss das passieren!

Über Dick Sands’ Lippen kam ein leises Lachen. Es klang weder bitter noch verzweifelt. Dick war schon mehrmals in schwierigen Situationen gewesen. Es war ihm schon oft passiert, dass er alle Taschen umkrempelte und nicht ein Penny herausfiel. Doch immer wieder fand er einen Weg aus den Schwierigkeiten, und das Leben ging weiter.

Dick schritt auf ein Haus zu, das eine besonders bunte Fassade hatte.

Ich werde versuchen, noch einmal Geld auf meine kleine Pferderanch aufzunehmen, überlegte er. Vielleicht klappt es, und wenn nicht, nun, dann bin ich sie eben los. Und die Leute, die mir Geld geliehen haben, werden sich um sie streiten müssen.

Dicks Lachen klang beinahe heiter, denn in Gedanken stellte er sich vor, wem die Ranch zufallen würde: dem kleinen Doc nämlich, dessen Tochter dafür gesorgt hatte, dass Dick das Geld für die Zuchtpferde förmlich aufgedrängt wurde. Der Doc war es auch gewesen, der Dick dazu überredet hatte, in diesem unfreundlichen Land zu bleiben. Er hatte ihm die Zukunft einer Pferderanch in so rosigen Farben geschildert, dass Dick ohne Überlegen seine Ersparnisse für den Kauf der Pferderanch angelegt hatte. Aber Dick war kein Geschäftsmann. Die Ranch, die er gekauft hatte, war nicht viel wert und das Land noch weniger. Als Rindermann hatte Dick das gleich erkannt und seine Bedenken geäußert, doch der Doc hatte ihn überredet.

„Ein Mann wie du, Dick, der mit beiden Händen zupacken kann, macht ein Paradies daraus, und das in wenigen Jahren“, hatte er gesagt. „Ich stehe hinter dir, Freund.“

Die ein wenig salbungsvollen Worte des Doc klangen Dick noch immer in den Ohren. Er hatte damals keine Ahnung gehabt, dass die Tochter des Doc ein Auge auf ihn geworfen hatte. Es zeigte sich bald, dass sie ihn als Schuldner ihres Vaters für einen Mann hielt, der leicht einzufangen war. Sie hatte wohl geglaubt, dass er nicht zögern würde, ihr einen Heiratsantrag zu machen, wenn er in Schwierigkeiten kam. Sie war nicht mehr die Jüngste und besaß auch nicht das, was sich Dick bei einem Mädchen wünschte, das er einmal heiraten wollte. Jede Lieblichkeit ging ihr ab. Sie glich einer Bohnenstange und blickte mit harten Augen in die Welt. Dick wusste, dass es ihr um jeden Preis darum ging, sich einen Mann zu angeln.

So geriet Dick Sands in Bedrängnis. Er erlebte es zum ersten Mal, dass eine Frau so offenkundig ihre Netze auswarf. Aber er war kein Fisch und begriff schnell, welche Gefahr ihm drohte. Mit einem Scherz hatte er ihr klargemacht, dass er als Heiratskandidat nicht in Frage kam. Sie war daraufhin so böse geworden, dass Dick es zu spüren bekam, welchen Einfluss ihr Vater in diesem Land hatte. Sie war auch jetzt noch nicht verheiratet.

Manchmal hatte Dick Sands in den letzten drei Jahren seine Verehrerin wiedergesehen. Das hatte sich nicht vermeiden lassen, denn in einer so kleinen Stadt kannten sich alle. Immer wieder hatte sie sich um ihn bemüht, ohne zu erkennen, dass Dick ihr auswich, wo immer sie auftauchte.

Noch einmal wollte Dick Sands versuchen, seine Ranch zu retten. Er hielt es für seine Pflicht, das einmal Begonnene weiterzuführen. Wenn es nicht klappen sollte, würde es ihn wenig berühren. Es war möglich, dass der Bankier es ablehnte, ihm einen Kredit zu geben. Dennoch wollte er retten,

was noch zu retten war. Wenn er jedoch in sich hineinhorchte, musste er sich sagen, dass ihm an der Sache wenig lag. Er war daher nicht im geringsten aufgeregt, als er die Türglocke am Hause des Bankiers betätigte.

Ein schwarzbärtiger, dicker Mann öffnete ihm. Er schaute ihn über den Rand seiner Brille an.

„Sie, Sands?“

„Mich haben Sie nicht erwartet, Mister Brand, nicht wahr?“

„Am Sonntagnachmittag erwarte ich niemanden“, erwiderte Larry Brand abweisend. „Dies hier ist mein Privathaus. Kunden fertige ich in der Bank und in den dazu festgesetzten Stunden ab. Wenn Sie als Kunde kommen, richten Sie sich nach den Geschäftszeiten. Auch ein Bankier braucht seine Ruhe und seinen freien Sonntag. Wenn Sie etwas von mir wollen, kommen Sie Mittwoch in die Bank, vorher bin ich von einer Geschäftsreise nicht zurück. Es tut mir leid, dass ich Ihnen keinen anderen Bescheid geben kann, aber so brennend ist es wohl nicht?“

„Es brennt schon mächtig“, erwiderte Dick Sands.

„Ihre finanziellen Sorgen sind stadtbekannt“, gab der Bankier zur Antwort. „Wenden Sie sich doch an Ihren Gönner. Sie brauchen nur die Hände auszustrecken. Sie wissen, was ich damit meine. Mit einem Schlag könnten Sie der reichste Mann in der Stadt sein. Seien Sie kein Narr, und greifen Sie zu. Das Mädchen ist noch immer für Sie zu haben, es will keinen anderen.“

„Sie sollen sie nicht heiraten, Mister Brand“, erwiderte Dick in seiner gezogenen texanischen Sprechweise. „Sie sind verheiratet.“

„Ja, lange Jahre schon“, erwiderte der Bankier grinsend. „Also kommen Sie schon herein, Sands. Irgendwie haben Sie mir imponiert, als Sie die heruntergekommene Ranch kauften. Kein Besitzer hat es so lange auf ihr ausgehalten wie Sie. Wie haben Sie das nur fertiggebracht?“

„Ich brauchte mir nur vorzustellen, wie es sein würde, wenn ich Diana geheiratet hätte. Da fiel es mir nicht schwer, allein zu sein und hart zu arbeiten. Das ist doch immerhin besser als von ihr eingefangen zu sein, oder?“

„Sie sind ein Spaßvogel, Sands“, kicherte der Bankier. „Sie verkriechen sich vor Ihrem Glück. Dabei gibt es viele Männer in dieser Stadt, die sich die Hände reiben würden, wenn sie Diana bekommen könnten. Aber das Mädchen will keinen anderen, es ist ganz versessen auf Dick Sands. Das verstehe, wer will. So ist es immer, wenn sich Frauen etwas in den Kopf gesetzt haben. Die arme Diana könnte einem leid tun. – Nun, wenn Sie sich mit ihr verbinden würden, könnten Sie Kredit in jeder Höhe von mir haben, Sands.“

„Weil es kein Risiko für Sie geben würde?“

„Nun, Sie brauchten dann gar keinen Kredit“, lächelte der schwarzbärtige Bankier. „Diana würde nicht zulassen, dass Sie bei mir einen Kredit aufnehmen würden. Sie kann rechnen, der Zinssatz würde ihr wenig behagen. Sie ist tüchtig und steht mit beiden Beinen fest auf der Erde. Mit einer solchen Frau kann sich ein Mann eine Welt erobern.“

„Was soll ich mit einer Welt anfangen, Mister Brand? Sie würde mich so belasten, dass ich meines Lebens nicht mehr froh würde.“

„Sie sind ein eigenartiger Mensch, Sands, dabei könnten Sie schon bald der reichste Mann sein. Der Doc ist millionenschwer. Allein drei Großranches nennt er sein Eigen. Dazu hat er Aktien von großen Firmen im Osten. Er ist an der Union Pacific beteiligt und besitzt Schlachthäuser in großen Städten. Man sagt, dass ihm das Geld nur so zufließt. Diana ist seine Alleinerbin und sein Ein und Alles. Bedenken Sie, dass Geld alles möglich macht, Sands. Mit einem Schlag wären Sie aller Sorgen ledig. Jeder würde vor Ihnen den Hut ziehen. Und kleine Schönheitsfehler kann man in Kauf nehmen.“

„Auch der Doc kann sich für Geld nicht alles kaufen, Mister Brand.“

„Sands, Sie scheinen die Sache zu leicht zu nehmen“, warnte der Bankier. „Diana macht sich noch Hoffnungen, und das schützt Sie im Augenblick. Sie haben den Doc schwer verärgert. Lassen Sie es nicht darauf ankommen, dass er losschlägt. Er wird darauf brennen, Ihnen Ihr Verhalten heimzuzahlen. Ich weiß das ganz sicher.“

„War er bei Ihnen und hat Ihnen verboten, mir einen Kredit zu geben, Mister Brand?“

Der Bankier antwortete nicht. Er geleitete den Gast in das prächtig ausgestattete Wohnzimmer. Dort bat er Dick, Platz zu nehmen.

„Seien Sie nicht so störrisch, Sands“, sagte er und schob Dick die Zigarrenkiste zu. Dann bediente er sich selbst. „Ohne Diana können Sie in dieser Gegend nicht bleiben.“

„Jetzt verstehe ich.“

„Sands, ich bin wie Sie von Sam Glofrys Gnaden abhängig. Wenn Sie genau hinsehen, werden Sie erkennen, dass ihm die ganze Stadt und das halbe Land gehören. Ich brauche mich nicht zu beklagen, ich kam immer gut mit Doc Glofry aus. Die Annehmlichkeiten des Lebens sind nur mit Geld zu erreichen. Ein armer Schlucker sollte das zuallererst einsehen. Drei Jahre haben Sie sich gequält und abgerackert. Jetzt sind Sie bankrott. Sie haben drei Jahre schwerste Arbeit ohne irgendeinen Lohn geleistet. Auf jeder noch so kleinen anderen Ranch hätten Ihnen drei Jahre Arbeit etwas eingebracht. Die Pferderanch ist einfach zu schlecht. Auf Ihrem Gebiet wachsen zu viele giftige Kräuter. Geben Sie sich einen Ruck und lassen Sie die Ranch fahren. Sie werden mir für meinen Rat noch dankbar sein und bald erkennen, dass man im Leben nicht alles haben kann. Es ist allein wichtig, reich zu sein, reich und unabhängig. Sie können Diana doch hinnehmen und trotzdem Ihr Leben leben.“

„Sie irren sich, Mister Brand“, widersprach Dick. In seiner Stimme war jetzt ein nicht zu überhörender harter Klang. „Ich bin kein Betrüger.“

„Herrgott, wer spricht denn von so etwas?“, erwiderte der Bankier betroffen. „Seien Sie nicht überempfindlich, junger Freund. Ich versuche nur, Ihnen zu raten und zu helfen. Wenn man so jung ist wie Sie, hat man noch eine Menge Ideale und versucht, die Welt zu verbessern. Lassen Sie es sich von mir gesagt sein: Man kann diese Welt nicht ändern, man muss sie nehmen, wie sie ist, und versuchen, das Beste zu erreichen. Nur der, der Skrupel fallen lässt, steht auf der Sonnenseite des Lebens.“

„Indem er über Leichen geht und vor jedem Leid die Augen verschließt. Nein, danke, das ist nicht meine Art, Mister Brand.“

„Sie malen zu schwarz, junger Freund“, besänftigte der Bankier. „Noch sind Sie jung und kräftig, Sie können es schaffen. Noch glauben Sie, sich mit Ihrer Hände Arbeit eine eigene Welt aufzubauen. Es gibt aber keine Welt, die Ihnen gehören wird. Wenn Sie älter geworden sind, werden Sie erkennen, dass Sie in einer mitleidlosen Welt leben, in der der Stärkere den Schwächeren erdrückt. Glauben Sie, dass sich jemand finden wird, der sich für Sie opfert und Ihnen Hilfe bringt? Sie werden noch erfahren, wie einsam Sie sind. Niemand wird Ihnen eine Träne nachweinen. Sie haben dann gearbeitet, ohne jemals erfahren zu haben, wie schön das Leben sein kann. Sands, wollen Sie zu den wenigen gehören, die sich für einen kurzen Augenblick aufrecht stellen, um dann für immer in den Staub zu sinken? Ist das alles, was Sie vom Leben erwarten?“

„Wenn ich gerade und aufrecht stehe, sehe ich das Licht, Mister Brand. Das allein genügt mir.“

Der Bankier betrachtete seinen Besucher schärfer und schüttelte unwillig den Kopf.

„Sands, Sie sind ein Romantiker, ein Idealist, ein Mann, der die Sterne vom Himmel holen möchte und die Wirklichkeit nicht sehen will. Sie werden bald aufwachen, sehr bald sogar, und das in einer so drastischen Weise, dass es einem leid tun kann. Machen Sie Ihre Augen auf, junger Freund. Sie scheinen ja nicht einmal zu ahnen, dass man jeden Ihrer Schritte überwacht.“

„Ich tue nichts Unrechtes, ich tue niemandem etwas zuleide. Ich arbeite und schufte und möchte meine Ranch aufbauen.“

„Nach allem, was bisher geschah?“

„Ja.“

„Das kann nicht Ihr Ernst sein“, erwiderte der Bankier. „Das ist ein nutzloses Beginnen, bei dem nichts herauskommt. Man lacht bereits über Sie, die ganze Stadt tuschelt hinter Ihrem Rücken. Man hält Sie für einen Narren und Sonderling und Diana Glofry für eine noch verrücktere Närrin. Das kann dem Doc nicht gleichgültig sein. Ohne es zu wollen, sind Sie ihm ein Dorn im Auge. Sie haben also nur noch die Möglichkeit, Diana zu heiraten oder so schnell und heimlich wie möglich zu verschwinden. Die Geduld von Doc Glofry ist zu Ende.“

„Hasst er mich?“

„Sehr“, murmelte der Bankier. „Sein Hass wird immer stärker und mitleidloser. Und Frauen sind in ihrem Hass noch schlimmer, wenn sie sich gedemütigt fühlen. Richten Sie sich danach, Sands. Noch steht Ihnen alles offen.“

In Larry Brands Worten lag eine besondere Betonung. Er sah Dick durch seine Brille aufmerksam und abwartend an.

Dick Sands spürte mit feinem Empfinden, dass etwas für ihn noch nicht Deutbares in der Luft lag. Das zeigte sich im Wesen des Bankiers.

„Tut mir leid, Mister Brand, ich kann Diana Glofry nicht zur Frau nehmen.“

Dick hielt das Gespräch für beendet. Er wusste jetzt, dass er seine Pläne nicht verwirklichen konnte, dass seine Pferderanch in diesem Moment aufgehört hatte zu bestehen. Seltsamerweise erleichterte es ihn. Er war jetzt ein freier Mann. Was machte es schon aus, dass er einige Jahre umsonst gearbeitet hatte? Er war jung und stark. Die Welt stand jedem offen, der sie erobern wollte. Sein Bankrott konnte ihn nicht so treffen, dass er den Lebensmut verlor und zur Verzweiflung getrieben wurde. Jetzt war die Entscheidung gefallen. Es blieb ihm nichts anderes übrig als das Land zu verlassen. Man brauchte es ihm nicht erst nahezulegen.

In dem Augenblick, als sich Dick Sands erhob, um den Bankier zu verlassen, geschah etwas, was ihn in eine turbulente Sache hineinriss. Die Tür hinter ihm flog krachend auf, und eine schneidende Stimme befahl: „Keine Bewegung!“

Dick ließ sich in den Sessel fallen und nahm die Hände hoch. Er blickte auf den Bankier, dessen weit aufgerissene Augen auf den Eindringling gerichtet waren. Mit heiserer Stimme sagte er: „Was soll das bedeuten, Forrest?“

Er bekam keine Antwort. Im Nebenraum waren Geräusche zu hören, und ein Mann mit einer Bassstimme sagte: „Wir brauchen den Tresorschlüssel. Lass ihn dir von Brand geben, Henry.“

„Wirf mir den Schlüssel zu!“, forderte Henry Forrest den Bankier drohend auf.

Larry Brand zögerte nicht. Mit einer vorsichtigen Bewegung holte er den Tresorschlüssel aus seiner Jackentasche und warf ihn Forrest über Dick: hinweg zu.

Dick hörte, wie der Schlüssel auf gefangen und dann von Forrest dem Mann im Nebenraum zugeworfen wurde.

„Ihr werdet nicht weit kommen“, sagte Brand.

„Lass das nur unsere Sorge sein“, erwiderte Forrest. „Wir wissen, dass es sich lohnt. Im Privattresor ist mehr Geld als im Tresor der Bank. Du warst nicht vorsichtig genug, Brand.“

„Wer hat euch das verraten?“, rief der Bankier. „Nur meine Angestellten wussten, dass das Geld aus dem Banktresor hierher geschafft wurde. Wer war der Verräter?“

Ein Lachen ertönte, das jäh abbrach. Im Nebenraum kam ein Freudenschrei auf, dann sagte der Mann mit der Bassstimme: „Es hat sich gelohnt, Henry! Es ist mehr im Tresor, als wir erwartet haben. Jetzt fessele den Bankier.“

„Dan, er ist nicht allein.“

„He, nicht allein?“

„Sein Besucher ist Dick Sands.“

„Der bankrotte Pferdezüchter?“

„Ja.“

„Ward, pack die Notenbündel in Leinensäcke“, wurde ein dritter Mann aufgefordert. „Ich schaue mir Sands an. Er soll kein übler Bursche sein. Dieser ehemalige Cowboy kann uns einen schnellen Weg nach Süden zeigen. Wir nehmen ihn mit.“

Schritte näherten sich. Eine feste Hand packte Dick an der Schulter. Dick wandte sich zur Seite und schaute in Dan Cantrells schmales, braungebranntes Gesicht, in dem die schwarzen Augen ein wenig zu dicht beieinanderstanden. Cantrell blickte kalt und mitleidlos. Er war ein Mann, der kein Pardon gab und kein Mitleid kannte.

Dick Sands kannte Dan Cantrell. Vor Wochen war er ihm begegnet, als Cantrell mit drei Berittenen in die Stadt kam.

„Der Doc wird euch entlassen“, sagte Dick Sands. „Das hier wird er nicht hinnehmen.“

„Der Doc wird ohne uns auskommen müssen“, höhnte Cantrell. „Wir haben uns in seiner Crew nicht wohlgefühlt. Steh auf, Sands!“

Dick kam der Aufforderung nach und musste es hinnehmen, dass Cantrell ihm mit einer geschickten Bewegung den 45er Colt aus dem Holster zog und die Waffe auf ihn richtete.

„Wir brauchen einen wegkundigen Mann“, sagte Cantrell trocken. „Wir müssen einen großen Vorsprung haben, denn man wird ein Aufgebot hinter uns her hetzen. Du kannst wählen, Sands: Willst du freiwillig mit uns reiten, oder sollen wir dich auf ein Pferd binden?“

„Die Wahl fällt mir nicht schwer. Ich ziehe es vor, ein freier Mann zu sein, Cantrell. Ich wollte sowieso hier weg, in welcher Gesellschaft, ist mir gleichgültig.“

„Uns zwar nicht, aber es ist gut, dass du es so siehst, Sands“, grinste Cantrell. „Das erspart es

uns, dir unsere Wünsche mit Nachdruck einzuhämmern.“ Er schaute zu Henry Forrest hinüber, der den Bankier fesselte. Befriedigt nickte er Forrest zu. „In Ordnung. Und nun los!“

„Sands, ich beneide Sie nicht“, sagte der Bankier, dem dicke Schweißperlen auf der Stirn standen. „Von jetzt an sind Sie in der Gesellschaft von Teufeln. Man wird auch auf Sie bei der Verfolgung keine Rücksicht nehmen, dafür werde ich sorgen.“

Dick Sands’ Augen wurden dunkel, Zorn stieg in ihm auf. Einen Moment sah es so aus, als wollte er den gefesselten Bankier ohrfeigen.

„Tu dir keinen Zwang an“, grinste Cantrell. „Von jetzt an gehörst du zu meiner Crew. Zeig dem Dickwanst, dass du ihn verachtest.“

„Jetzt weiß ich es genau, Sands. Du hattest die Aufgabe, mich zu beschäftigen, damit deine Freunde hier eindringen konnten!“, fauchte Larry Brand. „Man wird euch bald erwischen und euch an den nächsten Baum hängen. Keiner kommt davon! Der Doc selbst wird euch zur Hölle schicken!“

Es war nicht Dick Sands, der den Bankier zum Schweigen brachte, sondern Cantrell, der ihm die Faust mitten ins Gesicht schlug.

Blut rann aus Larry Brands Nase, und der Bankier wimmerte leise vor sich hin.

Cantrell stieß Dick mit der Waffenmündung in den Rücken und befahl: „Los jetzt, wir haben schon zu viel Zeit vertrödelt! Du wirst dir einiges abgewöhnen müssen, Sands. In meiner Crew ist kein Platz für Mitleid. – Los, hilf die Leinensäcke tragen!“

Das war ein nicht zu überhörender Befehl. Niemand brauchte Dick erst zu sagen, dass die geringste Weigerung genügt hätte, sich eine Kugel einzufangen. Die drei hartgesottenen Kerle würden sich nicht aufhalten lassen, nicht durch einen unbewaffneten Mann. Man brauchte sie nur anzusehen, um zu wissen, dass sie über Leichen gehen würden.

Dick Sands nahm einige der Leinensäcke auf und folgte Ward Kessler, dem dritten Banditen, unter dessen Stetson rotes Haar hervorquoll, das bis auf die Schultern herabfiel.

Wenn Dick geglaubt hatte, dass für ihn erst ein Pferd besorgt werden musste, so sah er sich

eines Besseren belehrt. Die Kerle hatten nicht nur ihre Reitpferde bereitstehen, sondern noch vier dazu. Einige der Pferde trugen Glofrys Brandzeichen auf der Flanke. Sicherlich hatten die Banditen die Tiere von Sam Glofrys Weide geholt. Die Bande brauchte sie, um schneller als die Verfolger zu sein. Ständig sollten die Reitpferde wohl gewechselt werden. Der Überfall war also von langer Hand geplant. Aber nicht nur der Überfall war ein Verbrechen, sondern auch der Pferdediebstahl. Und darauf stand die Todesstrafe. Einem Pferdedieb gab niemand Pardon. Man stellte einen Pferdedieb nicht erst vor ein Gericht. Er wurde sofort an den nächsten Baum geführt und aufgeknüpft.

„Aufsitzen!“, befahl Cantrell, nachdem die drei Banditen den Ersatzpferden in aller Eile die Beute aufgeladen hatten. „Los jetzt!“

Dick Sands jagte mit dem Rudel über einen freien Platz, an alten Conestogawagen vorbei und auf eine Gruppe Menschen zu, die vor den herannahenden Pferden auseinander stob.

Im gleichen Augenblick fielen Schüsse. Der Todesschrei eines Mannes gellte auf und erlosch sofort. Ein paar beherzte Männer schossen zurück, doch Büsche und Strauchwerk verhinderten, dass ihre Kugeln ein Ziel fanden.

Zum Banküberfall und Pferdediebstahl kam jetzt noch ein Mord auf das Konto der Banditen. By Gosh, es schnürte Dick die Kehle zu, doch er konnte es nicht wagen, einen Ausbruchsversuch zu machen. Seine Waffe befand sich noch im Besitz des Bandenführers Cantrell. Es war ein unbehaglicher Gedanke, mit einer Kugel aus der eigenen Waffe erschossen zu werden.

Der Reitwind brauste in den Ohren, das Mähnenhaar seines Pferdes schlug Dick ins Gesicht. Die Pferdehufe trommelten den Boden. Vor Dicks Augen stand das Bild der erschreckt auseinander stiebenden Passanten. Der Kugelregen war über sie hereingebrochen, noch ehe sie ahnten, was überhaupt vorging. Wie viel Verletzte es gegeben hatte, vermochte Dick nicht zu sagen, doch schon bald würde es im ganzen Land bekannt sein. Er wusste, dass sich Hiobsbotschaften schnell verbreiteten. Er selbst war von nun an gezeichnet. Sicherlich hatte man ihn in der davonstürmenden Truppe erkannt.

„Du gehörst jetzt zu uns!“, rief Cantrell ihm höhnisch zu und zeigte nach vorn. „Wir reiten ohne Unterbrechung zu den Ausläufern der Berge dort. Holt das Letzte aus den Pferden heraus!“

Henry Forrest, der an der Spitze ritt, knurrte etwas in sich hinein. Er wirkte schwerfällig, doch das täuschte. Als Dick in sein Gesicht sah, wurde er an eine Bulldogge erinnert.

Dick Sands hatte jetzt Muße, sich seine ungewollten Partner näher anzusehen. Alle drei hatten eines gemein: Sie waren brutale, rücksichtslose Männer. Sonst unterschieden sie sich sehr voneinander. Besonders Ward Kessler mit seinem roten Haar und den seltsam fahlen Augen von bernsteingelber Farbe. Er war es, der Cantrell nach einiger Zeit riet, die Pferde nicht zu sehr zu hetzen.

„Also gut, lasst sie im Schritt gehen.“ Cantrell wandte sich um und blickte auf der Fährte zurück. „Ich glaube, wir haben die ersten Verfolger hinter uns. Seht euch die kleine Staubwolke dort an.“

„Wir werden sie bald abschütteln“, grinste Ward Kessler. „Der kleine Trupp wird wohl später durch das Aufgebot abgelöst, dann erst wird es brenzlig. Sie werden sich wie Bluthunde auf unsere Fährte heften, vor allem der Doc wird sich nicht abschütteln lassen. Er hat einige gute Fährtenleser in seiner Crew. Wir hätten diese Männer vor unserem Unternehmen aus der Welt schaffen müssen.“

„Dazu ist immer noch Zeit“, erwiderte Cantrell. „Das aber nur dann, wenn man uns zu nahe rückt, was ich keinem raten möchte. – He, Sands, so stürmisch hättest du dir deinen Abschied wohl nicht vorgestellt, oder?“

„Nein.“

„Du sagst das so, als gefiele dir etwas an uns nicht.“

„Die Schießerei war unnütz, Cantrell. Das hättest du dir sparen sollen.“

Dan Cantrell lachte.

„Hört euch das an, Freunde! Der Cowboy gibt Ratschläge. Sands, wir sind kein Samariterclub. Auf etwas mehr oder weniger Bleiregen kommt es nicht an. Geld haben wir jetzt genug. Wir verlassen das Land und werden irgendwo neu beginnen. Wir sind jetzt reiche Leute, was kann man sich mehr wünschen? Eines Tages wird das Vergangene nur noch Erinnerung sein.“

„Das heißt, wenn wir davonkommen. Soweit ist es noch nicht, Cantrell.“

„Zweifelst du daran?“, grinste Cantrell. „Für uns gibt es kein Hindernis.“

„Ich zweifle an einem anderen Leben“, erwiderte Dick. „Ich glaube nicht daran, dass jemand aufhören kann zu stehlen, zu rauben und zu morden, wenn er einmal damit Erfolg gehabt hat. Er will immer mehr, und eines Tages erwischt man ihn.“

„Von dieser Seite habe ich es noch nicht betrachtet“, antwortete Cantrell. „Offen gestanden, es ist etwas dran. Aber wir sind keine Narren, wir wissen, dass man Glück nicht mit Füßen treten soll. Nein, wir werden uns zu ehrbaren Leuten wandeln, wir werden in eine andere Haut schlüpfen. Man

muss auch an das Alter denken, und bekanntlich wird ein Bandit niemals alt.“

Henry Forrest grinste nicht mehr. Er warf Dick einen bösen Blick zu und wandte sich ab, um seine Aufmerksamkeit der Umgebung zu widmen. Ward Kessler reagierte anders.

„Ich wette, dass wir alle ehrbare Leute werden können, Cowboy“, sagte er. „Im Anfang mag das schwer sein, aber man gewöhnt sich daran. Du hättest es leicht haben können, du hättest alles das haben können, wonach sich andere Leute die Finger lecken. Du brauchtest nur Diana Glofry zur Frau zu nehmen, und alles hätte dir gehört. Du hättest nicht einmal dein Schießeisen benötigt.“

Cantrell und Kessler lachten, und Dick Sands stimmte mit ein. Sein Lachen jedoch klang nicht echt.

Cantrell schien Dicks Gedanken lesen zu können.

„Mit der Rückgabe deiner Waffe hat es noch keine Eile“, sagte Cantrell. „Du bekommst sie erst, wenn ich es für richtig halte. Ohne Waffe bist du uns vorerst sympathischer. Du fühlst dich doch in unserer Gesellschaft wohl, oder?“

„Das muss ich erst noch herausfinden, Cantrell.“

„Deine Ehrlichkeit gefällt mir“, nickte Cantrell. „Vielleicht wirst du noch ein echter Partner.“

„Dan, Kessler und ich entscheiden das mit“, knurrte Forrest. „Ich teile nicht gern. Ein Mann mehr bedeutet, dass jedem von uns dreien eine hübsche Summe verlorengeht.“

 

 

2.

Dick Sands machte sich nichts vor. Er wusste, dass die Banditen einen Mann brauchten, der die Wege nach Süden gut kannte. Er zweifelte nicht daran, dass man ihn umbringen würde, sobald man ihn nicht mehr brauchte. Er musste wachsam sein und alles daransetzen, seinen Colt oder eine andere Waffe zu bekommen. Je eher das geschah, desto besser war es für ihn.

„He, wir reiten jetzt auf dem Rindertrail“, sagte Ward Kessler. „Hier zog eine Riesenherde her, und das kommt uns nur gelegen. Unsere Fährte wird in den Spuren untergehen.“

Es stimmte. Tausende von gespaltenen Rinderhufen hatten den Boden gepflügt. Es war leicht, der Rinderfährte zu folgen. Hinter ihnen blieb das fruchtbare Gebiet der Rinder und Pferderanches zurück, das einst den Blackfoot-Indianern gehört hatte.

Die Staubwolke der Verfolger war nicht näher herangekommen. Es zeigte sich jetzt, dass die Banditen durch das Wechseln der Pferde wesentlich schneller waren. Alle Pferde waren gut und vor allen Dingen ausgeruht.

Sie ritten durch ein Bachbett, um die Spur noch weiter zu verwischen. Gegen Abend, als die Sonne unterging, überquerten sie granithartes Felsgestein. Niemand dachte an eine Rastpause. Ununterbrochen legten sie Meile um Meile zurück. Manchmal sahen sie in der Ferne Campfeuer von Schafhirten, die bei ihren Herden lagerten. Die Schafe fanden auf dem kargen Boden noch genug zu fressen.

Dann und wann tauchte ein armseliges Anwesen auf. Dann schlugen sie einen weiten Bogen, um jede Begegnung zu vermeiden. Je weniger Leute sie sahen, desto besser. Um so weniger Hinweise würde das Aufgebot bekommen. Doc Sam Glofry war nicht zu unterschätzen. Kleine Fehler würden genügen, um ihn auf die Spur zu bringen und zum Zuschlägen zu veranlassen.

Um Mitternacht tauchte vor dem finsteren Hintergrund einer hohen Felswand eine kleine Siedlung auf. Langsam ritten sie dicht daran vorbei, da es galt, tiefer in die Lews Range Mountains einzudringen. Die Banditen griffen zu den Waffen, bereit, jeden sofort niederzuschießen, der sich ihnen in den Weg stellen sollte. Diese hartgesottenen Kerle kannten nur die nackte Gewalt.

„Dan, der Weg vor uns ist durch eine mitten auf dem Gebirgsweg lagernde Schafherde blockiert“, berichtete Forrest, der vorausgeritten war, um den Weg zu erkunden. „Das ist aber noch nicht alles. Etwa zehn Schäfer sind bei der Herde und etwa ein Dutzend Hunde. Ich habe Glück gehabt, dass sie mich nicht witterten. Hier können wir auf keinen Fall weiter.“

„Gibt es eine Möglichkeit, die Herde zu umgehen?“, fragte Dan Cantrell. „Wir können hier nicht bleiben und Wurzeln schlagen, wir können noch nicht lagern. Je größer unser Vorsprung ist, desto besser. Ich denke nicht daran, mich aufhalten zu lassen. Also was ist, Henry? Gibt es einen Weg, um die Herde zu umgehen?“

„Nein, wir müssen auf dem Weg bleiben, eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Oder irre ich mich, Cowboy?“, wandte sich Forrest an Dick Sands.

„Es gibt eine andere Möglichkeit“, erwiderte Dick. „Ich kenne das Land genau. Wir müssen zu Fuß gehen und die Pferde an den Zügeln führen. Ich möchte aber den Pfad nicht unbewaffnet gehen. Wir müssen dort mit Überraschungen rechnen. Ich bin nicht sicher, ob der alte Blackfoot-Indianerpfad frei von Überraschungen ist.“

Cantrell, Forrest und Kessler beratschlagten. Es passte keinem von ihnen, dass Dick Sands bewaffnet werden sollte.

Sie nahmen auch kein Blatt vor den Mund. Forrest lachte Dick sogar höhnisch ins Gesicht.

„Das könnte dir so passen! Du bekommst deine Waffe nicht zurück. Du kannst uns so führen. Es ist besser, dir keine Waffe zu geben. Wage nicht, uns hereinzulegen! Es würde dir schlecht bekommen. – Los, machen wir, dass wir jetzt weiterkommen.“

Damit war Dick Sands’ Versuch, an seine Waffe zu kommen, gescheitert. Das Misstrauen der drei Banditen war unverkennbar. Vorläufig war daran nichts zu ändern.

„Du musst das verstehen, Sands“, sagte Cantrell mit scheinheiligem Grinsen. „Wir sind uns deiner noch nicht sicher. Nimm es nicht übel.“

Dick antwortete nicht. Er blickte zum Himmel, an dem dunkle Wolken zogen. Langsam ließ er sich aus dem Sattel gleiten und traf wortlos seine Vorbereitungen. Seine Begleiter folgten seinem Beispiel. Es dauerte nur einige Minuten, dann setzte sich Dick an die Spitze und marschierte vorwärts. Schon bald erreichten sie den Indianerpfad, der in Kurven ständig anstieg. Es ging an Abgründen und Schotterhalden vorbei und durch ein Gewirr von Felsen. Nach etwa einer Viertelstunde hielt Dick sein Pferd jäh an. Auch die Banditen verhielten ihre Pferde. Aus der Nacht drang Hundegebell zu ihnen herüber, Schüsse dröhnten, dann polterten Steine. Danach war es unheimlich still.

„Was war das?“, schnappte Cantrell.

„Es klang, als kreuze ein wilder Trupp den Indianerpfad vor uns“, murmelte Ward Kessler besorgt. „Waren das Wölfe?“

„Nein. Schäferhunde, gewöhnliche Schäferhunde“, erwiderte Dick. „Wir müssen warten. Ich glaube, dass der Weg vor uns ebenfalls blockiert ist. Jetzt wäre es tatsächlich angebracht, mir die Waffe zurückzugeben. Ohne Waffe fühle ich mich verloren und wie ein halber Mensch.“

„Nein“, bestimmte Cantrell rau. „Frag nicht wieder danach. Ich bestimme den Zeitpunkt. Rückt näher zusammen und bringt die Pferde zu mir. Der Pfad ist an dieser Stelle breit genug, um alle Pferde abzustellen.“

Die anderen kamen Cantrells Aufforderung nach.

„Wir beide gehen weiter“, wandte er sich dann an Dick. „Wir werden herausfinden, was es vor uns gegeben hat.“

„Ohne Waffe?“

„Angst?“, grinste der Anführer. „Ich habe immer gehört, dass Texasmänner weder Tod noch Teufel fürchten. Das ist wohl ein Irrtum?“

„Sicher“, erwiderte Dick. Ungewollt ballte sich seine Rechte zur Faust. Er musste allen Willen zusammennehmen, um sich zu beherrschen. Am liebsten hätte er dem grinsenden Cantrell die Faust mitten ins Gesicht geschlagen. Nur zu deutlich sah er die lauernde Bereitschaft der drei Kerle. Sie erinnerten ihn an drei sprungbereite Tiger. Nur ein Narr hätte sich jetzt von seinem Zorn hinreißen lassen. Drei Augenpaare waren fest auf Dick gerichtet, und jedes Augenpaar gehörte einem Killer. Keinem dieser drei Männer machte das Töten etwas aus.

Wieder erklangen Laute in der Nacht. Sie waren so rätselhaft, dass keiner sie deuten konnte.

„Vorwärts!“, befahl Cantrell.

„Halte den Cowpuncher im Auge!“, riet Forrest, und Kessler sagte: „Dan, lass ihn vor dir hergehen. Einen besseren Kugelfang kannst du dir nicht wünschen.“

„Ihr gebt euch keine große Mühe mehr“, sagte Dick. „Ich hatte schon geglaubt, dass wir uns verstehen könnten.“

„Glaub es nur weiter“, erwiderte Cantrell grinsend. „An unsere Späße wirst du dich bald gewöhnen. Wir sind zwar raue Burschen, aber wir sind nicht so, dass wir jeden gleich umlegen.“

Dick zog es vor, keine Antwort darauf zu geben. Er setzte sich in Bewegung, und Cantrell folgte ihm. Wieder waren Schüsse zu hören, dann folgte ein Triumphschrei.

Unwillkürlich blieben beide stehen.

„Da ist jemand auf der Jagd“, erklärte Dick seinem Begleiter. „Man sagt, dass Schafhirten in der Nacht Pumas jagen, um den Feinden ihrer Herden den Garaus zu machen. Diese Leute werden gut bezahlt und sind oft Meisterschützen. Auf jeden Fall sind es Einzelgänger und verteufelt wachsame Burschen.“

„Beides wird ihm nichts nützen, er wird sterben müssen“, erklärte Cantrell rau. „Der Bursche ist uns im Weg und muss weg. Wir wollen weiter.“

„Vielleicht ist er nicht allein“, warnte Dick. „Verdammt, deine Angst geht mir auf die Nerven!“, stieß Cantrell grollend hervor. „Es gab eine Zeit, wo ich vor Texasmännern den Stetson zog, weil sie harte Burschen waren. Du scheinst da eine Ausnahme zu machen. Dick hat man wohl aus Texas fortgejagt, wie?“

„In gewissem Sinne, ja“, erwiderte Dick. „Mein Stiefbruder war es. Er beanspruchte die Ranch für sich allein. Als der jüngere von uns beiden war ich ihm hinderlich. Ich habe es ihm nicht verübelt. Wir beide waren zu verschieden, nie hätten wir uns an einen Tisch setzen können.“

„Dein Stiefbruder wäre mir jetzt als Begleiter lieber“, sagte Cantrell.

„Das glaube ich schon, Cantrell“, gab Dick zu. „Er hätte aber bestimmt bald herausfinden wollen, wer der bessere ist.“

„Wer schneller zieht, nicht wahr? Nun, da habe ich meine Fähigkeiten“, sagte Cantrell und zwang Dick zum Weitergehen.

Zur linken Hand stiegen die Felsen fast senkrecht in die Höhe, rechts und links vom Weg fiel der Hang sanft ab und endete in einem Steinlabyrinth, das man nicht überblicken konnte. Aus diesem Gebiet kamen Geräusche. Kleine Steine rollten, und ein Hund bellte.

„Der Hund hat unsere Witterung, Cantrell“, sagte Dick leise.

„Verdammt, das hat uns gerade noch gefehlt!“, keuchte der Bandit und deutete hastig auf einen Schatten, der hangaufwärts hetzte, lautlos und schnell wie ein Wolf.

Cantrell schoss tief von der Hüfte her. Der Schatten am Hang überschlug sich. Ein Heulen erscholl, das aber sofort erstarb.

Mit der rauchenden Waffe in der Hand stieß Cantrell Dick in den Rücken und zwang ihn, den Indianerpfad zu verlassen. Er benutzte Dick als Schutzschild und wagte sich so auf den Hang hinaus. Das war mehr als brutal, aber Dick hatte keine andere Wahl. Zum Glück gab es genug Steine, die als Deckung dienten. Die beiden Männer gelangten so zu der Stelle, wo der Schäferhund lag. Kaum hatten sie einen Blick auf den Hund geworfen, als auf sie geschossen wurde. Beide warfen sich in Deckung.

„Beweg dich nicht!“, drohte Cantrell und arbeitete sich von Dick weg, um den Kampf aufzunehmen.

Dick Sands lag eine Weile ruhig da, und als er sicher war, dass Cantrell genug mit sich selbst zu tun hatte, glitt er geschmeidig am Boden entlang. Eine Kugel pfiff über ihn hinweg, dann hörte er Cantrell fluchen. Dick rollte sich in eine Mulde und gelangte aus Cantrells Schussfeld.

„Komm sofort zurück!“, schrie Cantrell. „Waffenlos kommst du nicht weit, du Narr! Du gehörst zu uns!“

Dick Sands antwortete nickt. Er wusste, dass Cantrell feststellen wollte, wo er sich jetzt befand. Und noch wurde Cantrell von dem unbekannten Jäger in Schach gehalten. Es war aber anzunehmen, dass Cantrell bald kräftige Feuerunterstützung von seinen Kumpanen bekommen würde.

Die Zeit drängte. Dick musste sich absetzen. Er glaubte, da er sich zwischen zwei Feuern befand, den drei Killern entkommen zu können. Dass er weder Waffe noch Pferd noch Ausrüstung besaß, störte ihn nicht. Ihn beherrschte nur ein Gedanke: weg von den drei Banditen!

„Komm zurück, du Narr!“, schrie Cantrell.

Ein Mündungsfeuer blitzte auf. Das wilde Lachen Cantrells ließ Dick vermuten, dass Cantrell bald Unterstützung bekommen würde. Wenig später krachten weitere Colts. Also waren Forrest und Kessler tatsächlich mit von der Partie.

Mit großem Geschick bewegte sich Dick durch das Steinlabyrinth. Er wusste, dass ihm niemand mit einem Pferd folgen konnte. Das kam nicht nur Dick zugute, sondern auch dem Pumajäger. Wenn dieser Mann erfahren war, würde auch er sich seinen Gegnern entziehen können. Der Indianerweg war dann allerdings frei, und diese Chance würden sich die Banditen nicht entgehen lassen.

Der Morgen graute schon, als Dick von seinem Versteck aus den Pumajäger beobachten konnte, der vorsichtig spähend über ein Geröllfeld ging. Der Mann trug Schaffellkleidung und eine Lammfellmütze. Wenn er die Richtung beibehielt, musste er dicht an Dicks Versteck vorbeikommen.

Dicks Herz schlug schneller. „Halt!“ Nur das eine Wort sagte er. Der Mann erstarrte mitten in der Bewegung.

„Lass die Winchester fallen!“, forderte Dick.

Der Mann wirbelte herum. Er dachte nicht daran, seine Waffe fallen zu lassen. Er ließ sich auch nicht bluffen. Er vertraute wohl zu sehr darauf, was er in dieser Nacht Cantrell hatte rufen hören.

„Also doch!“, murmelte er, als nicht auf ihn geschossen wurde. Der Jäger – er war ein älterer Mann – atmete schnell. Sicherlich wusste er, dass er mit dem Einsatz seines Lebens die Wahrheit herausgefunden hatte.

„Komm aus dem Versteck heraus!“, forderte er Dick auf.

Er betrachtete Dick ohne Gehässigkeit, als dieser aus seinem Versteck trat. Plötzlich senkte er die Waffe und sagte: „Du hast wohl einen guten Grund gehabt, dich von ihnen zu trennen?“

„Die Burschen haben eine Bank ausgeraubt, Pferde gestohlen und blindlings in eine Menschenansammlung hineingefeuert. Mich zwangen sie mitzureiten. Für die Leute, die mich bei den drei Kerlen sahen, bin ich ein Bandit, Oldman. Man wird mich also jagen und hetzen, und mein Ausbruchsversuch ist hiermit beendet. Sie werden mich einem starken Aufgebot übergeben, das Doc Sam Glofry führt.“

„Doc Glofry?“ Der Alte schüttelte heftig den Kopf. „Nein, mit Glofry wollen wir Schafzüchter nichts zu tun haben. Der Kerl hat uns das Leben bereits so schwer gemacht, dass es kaum noch zu ertragen ist. Kein Schäfer wird für diesen Doc Handlangerdienste leisten. Einst gehörte uns das Blackfoot-Tal, doch dann kam Glofry mit seinen Rindern und trieb uns in die Berge. – Komm mit.“

Dick nannte seinen Namen und erfuhr auch den des Pumajägers. Er hieß Jean Carnival. Der Alte berichtete, dass seine Söhne die größte Herde weit und breit ihr Eigen nannten und über fünfzig Schäfer beschäftigten.

„Glofry hat uns wohl verjagen, nicht aber unterkriegen können“, sagte der Alte stolz. „Wir wissen, dass Glofry der mächtigste Mann im Land wurde, aber das imponiert uns nicht. Er soll uns fern bleiben. Wir wollen arbeiten und leben. Das ist eine Forderung, die er respektieren muss. Wer Glofrys Gegner ist, ist unser Freund. Betrachte dich als meinen Gast.“

„Ich werde deine Gastfreundschaft nicht lange in Anspruch nehmen können.“

„Keine Sorge, wir werden dich schützen. Kein Aufgebot wird dich fangen können. Natürlich kannst du nicht allzu lange im Land bleiben, denn auch unter den Hirten gibt es Männer, die bestechlich sind. Glofry nützt das immer wieder aus, um Informationen zu bekommen. Vorläufig kannst du in meiner bescheidenen Hütte bleiben.“

Der Alte deutete auf eine einsam gelegene Blockhütte, die sich an eine Felswand lehnte. Neben der Hütte befand sich ein kleiner Corral, in dem zwei Pferde grasten.

„Das ist mein Adlernest“, sagte der Alte stolz. „Meine Söhne haben es so getauft. Sie waren dagegen, dass ich hierherzog. Doch ich fühle mich hier wohl. Es stört immer, wenn alte Leute ihre Nasen in die Angelegenheiten jüngerer stecken. Es ist besser, wenn die Jugend nach ihren eigenen Ideen und Vorstellungen lebt.“

Der Pumajäger lachte leise. Es war ein angenehmes Lachen. Der Alte schien Dick schnell erkannt zu haben. Es war erstaunlich, wie viel Zutrauen Dick in der kurzen Zeit zu dem Alten gewonnen hatte. Ein geheimes Einvernehmen schien zwischen ihnen zu herrschen.

Der Alte ließ sich von Dick die Ereignisse erzählen. Er unterbrach ihn nicht und stellte auch keine Zwischenfrage. Als Dick endete, sagte er trocken: „Mein Junge, das ist sehr hart. Man wird deinen Steckbrief überall aushängen. Verschaff dir einen Colt und hab die Hand ständig am Eisen. Wenn du keine schnelle Hand hast, wirst du bald erledigt sein. Du kannst wirklich nicht in diesem Land bleiben. Ich rate dir, nach Idaho, dann nach Nevada und wenn möglich, nach Kalifornien zu reiten. Man sagt, dass in Kalifornien Gold gefunden wurde. In den Goldfeldern kann ein Mann untertauchen. Wo viele Menschen zusammenströmen, fällt man am wenigsten auf. Ich werde alles tun, um dir den Ritt zu ermöglichen.“

„Das kann ich nicht annehmen, Oldman. Ich habe kein Geld.“

„Bei mir hast du Kredit. Du kannst mir alles zurückzahlen, wenn es dir einmal möglich sein sollte. Es kann ruhig Jahre dauern. In meinem Alter hat man keine Eile mehr. Übrigens, von dir habe ich schon gehört.“

„Wirklich?“

„In dieser Gegend bleibt nichts verborgen, mein Junge. Ich weiß, dass Diana Glofry hinter dir her ist wie der Teufel hinter einer armen Seele. Du hättest der mächtigste Mann im Blackfoot-Tal werden können.“

„Tut mir leid.“

„Ich brauche keine Erklärung“, sagte der Alte lachend. „Ich kenne Diana. So alt ich auch bin, selbst ich würde sie nicht nehmen. Wer sie bekommt, hat schon auf der Erde die Hölle, und ich meine, in die kommt man noch früh genug, oder?“

Dick Sands nickte. Ein Lachen war jetzt in seinen Augen. Er wusste, dass er verstanden wurde. Der Alte hatte sich ein junges Herz bewahrt.

 

*

 

„Willkommen im Adlernest!“, sagte der Alte, als sie die Blockhütte erreichten. Mit einem kräftigen Stiefeltritt stieß er die Tür auf. „Sieh dir die Felswand genau an, Dick. In ihr befinden sich Häuptlingsgräber aus vergangenen Zeiten. Einen schöneren und stilleren Ort haben sich die Indianer für ihre Helden nicht aussuchen können. Die Nachbarschaft der Toten stört mich wenig. Diese Hütte wurde an der Stelle errichtet, an der die Blackfoot Gericht hielten. Wir sind ziemlich hoch am Berg. Die Luft ist hier dünner als in den Tälern. Wer hier lebt, kommt von diesem Flecken Erde nicht mehr los. Wenn ich sterbe, will ich hier begraben werden, dicht neben der Hütte, mit dem Blick auf die Häuptlingsgräber. Ich glaube, ich werde ihnen ein guter Nachbar sein.“

Dick antwortete nicht. Der Alte musste ein eigenartiger Mensch sein, dem die Nähe des Todes nichts mehr ausmachte. Dick folgte dem Alten in die Hütte und staunte über die prächtige Einrichtung. So etwas hatte er hier nicht erwartet.

„Nimm Platz“, forderte der Alte ihn auf. „Jetzt werde ich erst einmal etwas zu essen machen.“ Der Alte hängte seine Waffe an einen Wandhaken, nickte Dick zu und entfernte sich. Jetzt hatte Dick Muße, alles genau zu studieren.

Die Hütte hatte drei Räume, einen Schlafraum, einen Aufenthaltsraum und die Küche. Im Aufenthaltsraum hingen Silberlöwenfelle an den Wänden. In einem reich verzierten Ständer standen Waffen. Auf dem Boden lagen Büffelfelle als Teppiche. Ein schwerer alter Schrank und einige Regale vervollständigten die Ausstattung.

Es dauerte nicht lange, dann kam Jean Carnival mit einer Schüssel zurück und stellte sie auf den Tisch. Ein angenehmer Duft stieg Dick in die Nase. Wenig später aßen die beiden Männer das Fleischgericht.

Als sie die Teller zurückschoben, sagte Carnival: „Das verstehe, wer will. Ich komme einfach nicht dahinter, warum Diana Glofry ihre Wünsche nicht zügeln will. Gerade von einer Frau verlangt man das doch. Ihr Vater liebt sie abgöttisch und hat ihr immer jeden Willen gelassen. Das hat wohl letzten Endes dazu geführt, dass Diana stets ihren Willen durchsetzen will. Aber das ist nicht meine Sache. Für mich ist der Mann, an dem Glofry so interessiert ist und der sich ihm widersetzt, interessant genug, um ihm zu helfen.“

„Mit einer solchen Hilfe hatte ich nicht gerechnet, Oldman.“

„Nun, was wissen wir schon, was auf uns zukommt? Immer wenn wir glauben, dass wir es geschafft haben, wischt das Schicksal uns eins aus. Wenn wir glauben, dass wir am Ende sind, wird uns von irgendwoher geholfen. Du bist hier noch nicht aus der Gefahr, Dick. Das Aufgebot, das der Doc in Marsch bringt, wird sehr stark sein. Es ist möglich, dass auch einige Reiter hierherkommen. Aus diesem Grunde wirst du dein Quartier in der Felsenkammer beziehen.“

„Felsenkammer ?“

„Der Zugang ist getarnt“, erklärte Jean Carnival. „Ich habe die Kammer vor Jahren gebaut, als ich mich noch mit der Fallenstellerei beschäftigte und einen kühlen Ort für das frische Fleisch brauchte. Jetzt steht sie leer. Wir richten sie neu ein. Man kann es gut in ihr aushalten.“

Dick war überrascht. Er unterhielt sich noch eine Weile mit dem Alten und erfuhr von ihm, dass die drei Bankräuber trotz ihrer Möglichkeit, die Pferde zu wechseln, keine Chance zum Entkommen hätten.

„Nach Süden“, sagte der Alte nachdenklich, „kommen sie auf keinen Fall durch. Es gibt dort nur zwei Passstraßen, die der Doc sicherlich schon besetzt hat. Es wird nicht möglich sein, dort durchzubrechen. Das werden die Burschen schon noch herausbekommen und sich dann nach Idaho zu retten versuchen. Das ist auch genau deine Marschroute, Dick.“

„Was mir ganz und gar nicht gefallen will.“

„Kann ich mir denken. Du musst damit rechnen, dass du auf den heimlichen Pfaden, die du zu reiten hast, wieder auf die drei Banditen triffst. Weißt du, wie viel Geld sie raubten?“

„Nein, Oldman.“

„Das wird bald wie ein Schrei durch das Land gehen“, lächelte der Alte.

„Das Schlimme ist nur, dass mein Name in diesem Zusammenhang genannt werden wird. Der Bankier Brand hat mir das schon angedroht.“

„Das ist übel“, nickte Carnival. „Denk daran, dass du nicht der erste bist und nicht der letzte sein wirst, den man verleumdet. Dass einem eine böse Sache angehängt wird, ist nun einmal Menschenart. – Cantrell hat mir meinen liebsten Hund erschossen.“ Der Alte schaute durch das kleine Fenster nach draußen in die schroffe Gebirgswelt.

„King war ein braver Hund“, fuhr er unvermittelt fort. „Er hatte Wolfsblut in den Adern und war an der Herde nicht viel wert. Die Schäfer wollten ihn erschießen, als er einmal ein Schaf riss. Der Hund tat mir leid, und ich nahm ihn mit hierher. Es stellte sich heraus, wo seine Fähigkeiten lagen:

Er war ein ausgezeichneter Jäger. Pumas flößten ihm keine Angst ein. Er war mir eine große Hilfe bei der Jagd. Ich werde jetzt ohne ihn auskommen müssen.“

Dick Sands schwieg. Er fühlte, dass es so besser war. Was sollte er auch dem Alten antworten? King war für ihn ein treuer Gefährte gewesen, mehr noch: ein Kamerad. Oft waren Tiere treuer als Menschen.

Noch bevor es Mittag wurde, hatten die beiden Männer die Felsenkammer eingerichtet. Sie bauten ein gutes Lager und stellten auch einige Lebensmittel bereit.

Jean Carnival sagte: „Man kann nie wissen, was kommt. Deshalb sollte man auch immer um Unvorhergesehenes Sorge tragen. Womöglich quartiert sich ein Aufgebotsreiter hier ein, und dann müsstest du hungern.“ Der Alte lachte und schlug sich auf die Schenkel. „Nein, Freund, du wirst nie ein Verbrecher, auch nicht auf einem dir aufgezwungenen, rauchigen Pfad. Warum kamst du nicht auf die Idee, die Grenze zu wechseln und nach Kanada zu gehen?“

„Kanada ist mir zu eisig“, erwiderte Dick, ohne zu zögern. „Ich war einmal dort, und das reichte mir. Im Sommer reist man dort auf den Wasserwegen und im Winter mit dem Schlitten. Das ist nichts für mich. Ich bin im Sattel zuhause, der Süden ist meine Heimat. Es zieht mich immer wieder zum Süden, Oldman.“

„Die Banditen scheinen Kanada ebenfalls meiden zu wollen. Sicherlich wissen sie Bescheid, dass die kanadische Polizeitruppe besonders hart und schlagkräftig ist. Es gibt viel Gesindel, das den amerikanischen Norden heimlich verlassen will. Man sagt, dass Sam Glofry einige sehr gute Freunde bei der kanadischen Polizei hat.“

„Glofry, immer wieder Glofry, Oldman. Der Name dieses Mannes scheint in aller Munde zu sein.“

„Wohl nicht ohne Grund. Es gibt hier keinen Mann, der größere Erfolge hatte als er. Sonderbarerweise hat dieser Mann, den jeder beneidet, eine schwache Stelle: seine Tochter Diana. Es gibt wohl auf der Welt kein vollkommenes Glück. Jeder hat seinen Teil zu tragen und mit der Last fertig zu werden. – Gegen Abend hole ich King, um ihn zu begraben.“

„Ich gehe mit, Oldman.“

„Nein, das ist zu gefährlich“, lehnte der Alte ab. „Schau durch das Fenster. Siehst du die Rauchzeichen?“

Dick Sands sah sie und blickte den Alten forschend an.

„Mein jüngster Sohn sendet sie. Das ist das abgemachte Zeichen, dass er auf dem Weg zu mir ist. Wir bekommen Besuch, und ich kann nicht sagen, ob mein Sohn allein kommt. Es ist möglich, dass bereits Aufgebotsreiter des Doc bei ihm sind. Jetzt musst du dich in dein Versteck zurückziehen. Ich schätze, dass mein Sohn in einer halben Stunde etwa hier ist.“

Dick zögerte. Der Alte begriff ihn sofort. Er nahm einen 45er Colt vom Regal, dazu eine Schachtel Munition, und reichte Dick beides.

„Ich glaube, das beruhigt“, sagte er trocken.

 

3.

Die kleine Felsenkammer begann unter dem Hüttenboden und führte in den Felsen hinein.

Dick Sands hörte den alten Jean Carnival hantieren. Er wusste, dass dieser die Spuren seiner Anwesenheit beseitigte.

Dick besaß jetzt wieder eine Waffe. Er machte sie schussbereit. Erst als er die Kammern gefüllt hatte, hockte er sich auf sein Lager. Das Warten gab ihm einen bitteren Vorgeschmack dessen, was auf ihn zukam, was einem Gehetzten immer wieder bevorstand. Er musste darauf warten, dass eine Gefahr vorüberging; er musste darauf warten, wieder einmal davonzukommen; warten, dass die Gefahr, gefangen zu werden, noch einmal vorüberging.

Er hätte sich wohler gefühlt, wenn sein Versteck einen zweiten Ausgang gehabt hätte, durch den ein Ausweichen möglich gewesen wäre. So aber fühlte er sich wie in einer Falle. Das war scheußlich, aber nicht zu ändern. Er hoffte nur, nicht allzu lange in dieser Falle bleiben zu müssen. Der Alte würde schon dafür sorgen, dass die Besucher bald abzogen, wenn es sich um Männer des Aufgebotes handelte.

Das Vertrauen, das Dick zu dem alten Mann hatte, war unerschütterlich. Dennoch zuckte er zusammen, als in der Ferne ein Schuss fiel.

„Keine Sorge, Dick!“, rief der Alte. „Mein Sohn hat geschossen. Er kündigt mir an, dass er nicht allein ist, dass er Fremde bei sich hat. Wir werden bald wissen, ob es Aufgebotsreiter sind.“

„Ich hoffe nicht, Oldman.“

„Ich verstehe, wie dir zumute ist, Dick“, erwiderte der Alte. „Für jeden Menschen kommt einmal der Augenblick, dass er so schnell wie möglich aus seiner bedrängten Lage heraus möchte. Aber keine Angst, es wird schon gut ausgehen.“

Dick teilte nicht ganz die optimistische Einstellung des Alten. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er erhob sich und ging unruhig in der Felsenkammer hin und her. Die Zeit verstrich endlos langsam.

Ein kalter Schauer kroch Dick über den Rücken, als er hörte, wie sich Hufschlag näherte. Jäh verstummte das Pferdegetrappel vor der Hütte.

„Dad“, sagte eine Männerstimme, „ich bringe dir Besuch.“

„Ich sehe es, mein Sohn“, erwiderte der Alte. „Seien Sie mir willkommen, Miss Glofry.“

Sie war es wirklich, Diana Glofry! Ihr Vater und ein hartgesichtiger Bursche waren bei ihr.

Dianas grüne Augen blieben auf dem alten Carnival haften.

„Wir sind nicht zum Vergnügen ausgeritten, Mister Carnival“, sagte sie. „Wir sind auf Menschenjagd. In der vergangenen Nacht müssen Sie etwas bemerkt haben. Wir haben in einem Steinfeld am Indianerpfad leere Patronenhülsen gefunden und Ihren toten Hund. Was haben Sie in der letzten Nacht bemerkt?“

Jean Carnival sah in die kalten Augen des Mädchens und blickte dann den Doc an, der verschwitzt und ein wenig mitgenommen neben seinem Pferd stand. Danach betrachtete er den alten

Revolvermann, den Glofry zu seinem Schutz mitgenommen hatte.

„Da gibt es wohl nicht viel zu erzählen“, antwortete Carnival. „Einige hartgesottene Kerle haben mich vom Indianerpfad vertrieben und meinen Hund King erschossen.“

„Eine Hundertschaft ist hinter den Bankräubern, Pferdedieben und Killern her“, sagte Sam Glofry mit seiner blechernen Stimme. „Der Weg nach Süden ist ihnen verriegelt worden. Alle anderen Wege habe ich ebenfalls verlegen lassen. Ich glaube nicht einmal, dass sie die Grenze von Idaho erreichen werden. Mit fünfundzwanzigtausend Dollar kommen sie nicht weit, dafür werde ich sorgen. Wir möchten bei Ihnen rasten, Carnival. Das Mittagessen bezahlen wir selbstverständlich.“

Das war eine glatte Beleidigung. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass man für gebotene Gastfreundschaft nichts bezahlte. Wer Geld anbot, beleidigte den Gastgeber.

„Sam Glofry“, erwiderte Jean Carnival ruhig, „ich habe Sie nicht gebeten, hierherzukommen, und ich weiß nicht, warum Sie mich beleidigen wollen. Ich stecke nicht mit Ihren Feinden unter einer Decke. Ich vermute doch richtig, dass Sie das annehmen?“

„Hören Sie, Carnival, geben Sie doch zu, dass Sie mich nicht leiden können, dass meine Feinde bei Ihnen Obdach und Unterschlupf finden würden.“

„Gewiss, sie würden bei mir unterschlüpfen können, wenn es keine Verbrecher wären. Was haben diese Bankräuber sonst noch auf dem Kerbholz, dass Sie eine so große Jagd veranstalten?“

„Genug, um sie sofort hängen zu können“, erwiderte der Doc rau. „Sie haben mir vier Pferde gestohlen, einen Mann in der Stadt getötet, und drei weitere schwer verletzt.“

„Das genügt wirklich, um sie an den nächsten Baum zu führen und kein Pardon zu geben, Doc. Sie haben mich auf Ihrer Seite. Kennen Sie die Namen der Kerle? Ich werde den Schäfern sagen, dass sie auf sie achten sollen.“

Der Doc nannte vier Namen, Dick Sands’ Namen als letzten. Dann bekam Dick in seinem Versteck zu hören, dass man ihn für den Anführer der Hartgesottenen hielt.

„Dieser Mensch“, sagte Diana Glofry, „ist ein wirklicher Teufel. Er hat uns alle genarrt und zum besten gehalten. Er schuldet meinem Vater noch eine Menge Geld. Er ist es wohl, der sich mit Cantrell, Forrest und Kessler verbündete, um die Hölle loszulassen.“ Sie beschrieb Dick Sands und fuhr dann fort: „Wer immer ihn sieht, kann ohne Anruf schießen. Mein Vater hat zehntausend Dollar Belohnung auf seinen Kopf ausgesetzt.“

„Zehntausend Dollar?“, staunte Carnival.

„Ja“, erwiderte Diana. „Der Betrag wird ausgezahlt, ob Sands nun tot oder lebendig gebracht wird. Man muss an diesem Mann ein Exempel statuieren.“

In Dianas Augen standen Hass und Niedertracht. Der alte Carnival erschauerte. Er betrachtete die Frau, deren Liebe in teuflischen Hass umgeschlagen war, wie einer, der zum ersten Mal entdeckt, wie tief die Abgründe in einem Menschen sein können. Dennoch machte er eine einladende Handbewegung und bat die Gäste, in seine bescheidene Hütte zu treten. Er bedauerte, dass er nicht das Glück gehabt habe, den Durchbruch der Bande in der Nacht zu vereiteln. Er trauerte um den Verlust seines Hundes und ließ durchblicken, wie schade es sei, dass er sich wegen seines Alters nicht dem Aufgebot anschließen könne. Zum Doc sagte er dann: „Gegen Verbrechen aller Art müssen wir zusammenstehen, wir aus den Bergen und ihr aus dem Tal. Es gilt, die private Feindschaft zu begraben. Hören Sie, Doc, es ist kaum zu fassen, dass ein Mann wie Dick Sands Sie so enttäuschen konnte. Man sagt, dass Sie ihn mit offenen Armen auf nahmen und ihn wie einen Sohn behandelten?“

„Das habe ich auch, und wie hat er es mir gedankt!“, erwiderte Glofry.

Der Doc sagte nicht, dass seine Tochter es so hatte haben wollen, und dass er selbst immer voller Misstrauen gegen Dick Sands gewesen war. Er sprach nicht davon, dass er darauf brannte, eigenhändig den Mann niederzuschießen, der es gewagt hatte, seine Tochter Diana zu verschmähen. Er stellte sich so hin, als sei er der edelste Mensch unter der Sonne. Er war froh, als seine Tochter wieder sprach.

„Es kann sein, dass sich die Bande trennt“, wandte sie sich an den alten Carnival. „Es besteht die Möglichkeit, dass jeder versucht, auf eigene Faust das Land zu verlassen. Wir haben sichere Informationen, dass alle vier noch im Land sind und sich versteckt halten. Das Treiben auf sie wird unerhörte Ausmaße annehmen. Vater hat die Sache in die Hand genommen, und er kann mehr Reiter in die Sättel bringen als die Regierung.“

„Ich wundere mich nur darüber, Madam, dass Sie selbst an dieser harten Männerjagd teilnehmen“, sagte der alte Pumajäger und sah Diana Glofry dabei nicht an. Sein Blick war auf seinen Sohn gerichtet, der sich während der ganzen Zeit schweigend verhalten hatte, der das Essen bereitete und es jetzt hereinbrachte.

Diana Glofry blieb die Antwort nicht schuldig.

„Ich würde bis nach Feuerland reiten, um dabei zu sein, wenn man Dick Sands gestellt hat. Ich möchte zusehen, wenn er in die Knie bricht und um Gnade winselt. Ich werde ihn anspucken, wenn

er die Hand nach mir ausstreckt und um Hilfe fleht. Wohin er auch reitet, mein Vater hat mir versprochen, dass er auf seiner Fährte bleibt.“

„So sehr hassen Sie Dick Sands, Madam?“

„Yeah“, fauchte sie. „Jeder weiß, wie sehr ich ihn liebte. Jetzt soll er erfahren, wie sehr ich ihn hasse!“

Diana Glofry verstummte und blickte auf die Wand mit den Häuptlingsgräbern. Der Himmel mochte wissen, was in ihr vorging. Der Hass, der in diesem Mädchen brannte, entstellte ihr Gesicht und gab ihm etwas abstoßend Hässliches. Sie verließ erregt den Raum.

„Jean Carnival“, wandte sich ihr Vater an den Alten, „Sie sehen selbst, was aus meiner Tochter wurde. Sie ist ein Nervenbündel, und man könnte schon fast glauben, sie sei verrückt geworden. Aber sie ist es nicht. Diana ist stark im Lieben und stark im Hassen. Sie ähnelt mir sehr. Ich möchte nicht dass Sie über sie sprechen.“

„Das habe ich auch nicht vor, Doc.“

„Nun, dann ist es gut. Wir waren zwar Feinde, aber vielleicht können wir uns eines Tages zusammen an einen Tisch setzen. Ich kann dafür sorgen, dass es keine Schießereien mehr zwischen Cowboys und Schafhirten gibt, dass einer den anderen respektiert. Die alten Verhältnisse können natürlich nicht wiederhergestellt werden.“

„Ich weiß, Doc. Diese Welt wäre bedeutend schöner, wenn man nebeneinander leben könnte, wenn die Rinderleute nicht mit Verachtung auf die Schafhirten blicken würden. Sind Sie aber sicher, dass Ihr Revolvermann nicht über das spricht, was er hier von Ihrer Tochter zu hören bekam?“

„Ganz sicher“, grinste Doc Glofry. „Der Mann ist stumm. Die Arapahoes haben ihm vor Jahren die Zunge herausgeschnitten. Er ist ein sehr schneller Mann und mein persönlicher Schutz gegen unliebsame Begegnungen. Das brauche ich wohl nicht erst besonders zu betonen. Er ist erfahren im Spurenlesen, und er war es auch, der Ihren toten Hund aufspürte. Er erkannte, dass Sie einen Kampf hatten, Carnival. Mit Hilfe seiner Zeichensprache kann er sich gut mit mir verständigen.“

„Ein sehr guter Mann, Doc. Sie werden ihn bei der Jagd auf die Banditen ständig bei sich haben?“

„Er begleitet mich überallhin“, bestätigte Sam Glofry lächelnd. „Wo Sands sich mit der Bande auch immer befinden mag, er wird aufgespürt werden. Ich lasse ihm keine Chance. Es gibt kein Erdloch, in das er versinken könnte.“

„Sie halten ihn für den schlimmsten von allen?“

„Ja“, versicherte Glofry. „Er hat das aus meiner Tochter gemacht, was sie heute ist. Ich als Vater werde dafür sorgen, dass Diana wieder glücklich wird.“

Details

Seiten
160
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934557
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v508181
Schlagworte
hand eisen

Autor

Zurück

Titel: Die Hand am Eisen