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Schicksale im Haus an der Ecke #24: Das Mädchen aus dem Orient

2019 99 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Das Mädchen aus dem Orient

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

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Das Mädchen aus dem Orient

Schicksale im Haus an der Ecke #24

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 99 Taschenbuchseiten.

 

Eigentlich ist es ein ruhiges Leben im Haus an der Ecke. Vico hat zwar eins seiner Mädchen verloren, doch den Betrieb stört das nicht wirklich. Als er das Zimmer neu besetzt, gibt es ein wenig Abwechselung. Die Neue ist eine Frohnatur und wo sie auftaucht verbreitet sie gute Laune. Nur Ida hat ihren Ärger in der Küche. Jemand stiehlt Lebensmittel aus ihrem Kühlschrank. Zuerst einen Braten, dann eine Wurst. Ida ist richtig wütend und der Doc muss es ausbaden.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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Die Hauptpersonen des Romans:

Vico - Zuhälter auf der Suche nach einem neuen Mädchen.

Salome - Mädchen aus dem Nahen Osten, bekommt im Haus an der Ecke Ernährungsprobleme.

Martha - alte Dirne, kommt noch einmal zum lukrativen Einsatz.

Dazu die Bewohner vom Haus an der Ecke.

 

 

1

Peggy traute ihren Augen nicht. Das ist ein Witz, dachte sie verblüfft und zog das knappe Blüschen noch enger um die Hüften. Der hat doch wohl nicht alle Tassen im Schrank!

»He, du?«, pflaumte sie wütend einen Kerl an.

Der Mann grinste fröhlich.

»Meinst du vielleicht mich?«, schrie er zurück.

»Siehst du hier noch eine andere Figur?«, schimpfte Peggy.

Sie stand ganz alleine auf der Rampe des Eckhauses. Es war Nacht. Nicht mehr lange, und es würde dicht gemacht. Peggy taten vom Stehen ganz schön die Beine weh. Hin und wieder kam es nämlich auch mal vor, dass angemeldete Stammkunden nicht kamen. Sie sagten nicht mal telefonisch ab. Das waren dann die Nächte, in denen sich die Mädchen unten auf der Rampe dumm und dämlich standen und jeden nahmen, den sie kriegen konnten, nur um mal nach oben gehen zu können.

Die anderen Mädchen waren alle beschäftigt, oder sie hatten sich schon zurückgezogen. Die Kunden waren heute nur vereinzelt erschienen. Montags war das meistens so. Da waren sie noch vom Sonntag schlapp, hatten in Familie machen müssen und waren von den Kindern genervt. Jetzt sah Peggy also diesen Mann im Hof. Zuerst war er ihr gar nicht aufgefallen. Er musste schon die ganze Zeit dort gesessen haben. Einige Kunden hatten vorn an der Rampe gestanden und mit den Mädchen geschäkert. Peggy war ärgerlich. Sie konnte es nicht ertragen, allein hier zu stehen.

»Verschwinde«, zischte sie wütend.

»Warum denn? Ich fühle mich hier sehr wohl«, gab der Mann lachend zurück. »Ehrlich, pudelwohl!«

Peggy dachte, das hält keine Sau aus. Das geht einfach zu weit. Wenn noch ein paar Mädchen auf der Rampe gestanden hätten, dann hätten sie jetzt kurzen Prozess gemacht. Vor ihrer geballten Macht wich jeder Kerl zurück. Keiner legte sich mit ihnen an. Die Männer konnten ja nie wissen, ob nicht die Freunde der Mädchen plötzlich auftauchten.

»Ich bin doch nicht blöde«, murmelte Peggy vor sich hin. »Ich fang hier keinen Krieg an. Das habe ich nicht nötig.«

»Mädchen, zeig doch mal etwas! Du bist ziemlich fade«, krähte der Kerl jetzt auch noch.

Wütend stapfte Peggy ins Haus an der Ecke zurück. Die Halle war leer. Ein Blick auf den Plan zeigte ihr, dass Ida heute Dienst hatte. Vor einigen Stunden hatte Peggy sich noch mit ihr unterhalten. Sie hatte sich durch Kaffee bei Kräften halten wollen. Doch das war auch nicht das Wahre. Anschließend wurde sie noch müder.

Im Büro war Ida nicht zu finden. Hier hielt sich in der Regel auch Deike, die Bordellmutter, auf. Peggy stakste in die Küche. Ida war dort eingenickt, hatte den müden Kopf auf die weißgescheuerte Tischplatte gelegt und schnarchte nicht schlecht. Peggy grinste unwillkürlich. Dann sah sie die borstigen grauen Haare in Idas Nacken und dachte, die wird auch immer älter. Sie hätte eigentlich auch ihre Ruhe verdient. Ida dies im Wachzustand zu sagen, bedeutete, sich in Lebensgefahr zu begeben. Ida war noch eine Dirne vom alten Schrot und Korn. Seit sie aber hier im Haus an der Ecke der Donnerdrachen geworden war, brauchte sie nicht mehr auf Anmache zu gehen. Übrigens war sie hier eine ausgezeichnete Köchin geworden. Alle Mädchen im Haus liebten Ida sehr. Nur zeigen durften sie es ihr nicht.

Die Dirne Peggy lehnte noch immer an der Tür und überlegte sich gerade, ob sie Ida wecken sollte. War das nicht blöde? Der Kunde würde sich sicherlich auch von alleine entfernen. Man durfte ihn nur nicht beachten, das war’s. Schon wollte Peggy wieder nach vorne gehen, da schnellte Idas Kopf in die Höhe. Sie erblickte Peggy und fauchte sie sofort wütend an.

»Kaffee gibt es nicht mehr, basta!«

»Aber Ida, den wollte ich ja gar nicht!« Peggy schmunzelte. Ida musste sich verstohlen den Schlaf aus den Augen wischen. Peggy blieb stehen.

»Was willst du dann?«, fragte Ida.

Ida bückte sich, als müsse sie etwas auf dem Boden suchen. Richtig, da lag ja eine Haarnadel. Ob das wirklich ihre war? Peggy wollte sich auf ein Streitgespräch mit Ida nicht einlassen.

Idas Kopf kam wieder nach oben.

»Was ist denn vorne los?«, fragte sie.

»Deswegen bin ich ja hier. Ich glaube, ich steh im Wald«, sagte Peggy.

Idas Augen begannen sogleich zu funkeln. Schon ging ihr Blick zu dem Schrubber. Das war ihre Waffe für alle Fälle. Sie schwang sie gern gegen die Mädchen, gegen Luden, aber auch gegen Lieferanten, und wenn es sein musste, drosch sie damit auch auf fiese Kunden im Kontakthof ein. Ida war dafür berühmt und berüchtigt.

»Da ist so ein blöder Knilch! Ida, das musst du gesehen haben, sonst glaubst du es mir nicht!«

»Was ist mit ihm?«

Ida warf einen Blick auf die Uhr. In einer Stunde konnte sie endlich schlafen gehen. Drei Stunden Schlaf, und sie musste schon wieder auf die Beine.

»Komm!«, befahl Peggy.

Etwas müde schlurfte Ida hinter Peggy her.

»Wie war das Geschäft?«, fragte sie.

»Mies!«, bekannte Peggy.

»Kommt in den besten Familien vor«, sagte Ida und gähnte verstohlen.

Dann hatten sie die Rampe erreicht. Der Kerl war noch immer da. Er saß auf einem kleinen Campingstühlchen, eine Butterbrotdose lag geöffnet auf seinem Schoß, eine Bierflasche stand neben ihm auf dem Boden.

»Der muss schon eine ganze Weile dort sitzen. Er ist mir erst vorhin aufgefallen!«

Ida wurde plötzlich vollkommen wach.

»He«, rief sie verdutzt.

Der Kunde, was hieß hier übrigens Kunde, er war wohl nur so ein Gucker, der nichts bezahlen wollte, biss herzhaft in seine Stulle und grinste die beiden Frauen an. Als er merkte, wie alt Ida war, fielen ihm fast die Augen aus dem Kopf.

»Was machst du hier?«, fragte Ida.

»Zugucken, das ist schöner als ein Fernsehfilm, ehrlich!«

»Du bist nicht vielleicht irgendwo entsprungen?«

»Nein. Es macht mir eben Spaß!«

Ida blickte Peggy an.

»Ist das wirklich kein Kunde gewesen?«, fragte sie.

»So bescheuerte Kunden gabeln wir uns doch nicht auf. Außerdem sieht er nicht danach aus, als könne er sich eine von uns leisten.«

»Da hast du auch wieder Recht!«

»Was sollen wir mit dem machen?«

»Lass mich mal! Dem werde ich die Flötentöne beibringen!« Ida ergriff den Schrubber fester und stieg das kleine Treppchen herunter.

Der Mann blickte sie freundlich an.

»Jetzt ist es genug! Jetzt verzieh dich wieder, klar?«

»Schade, jetzt wo mir keiner mehr die Sicht versperrt, soll ich gehen. Wirklich schade! Kann die Kleine nicht ein wenig tanzen?«

Ida fühlte sich leicht veräppelt. Vielleicht war bei ihm eine Schraube locker. Sich mit solchen Leuten anzulegen, war eigentlich unfair. Sie waren in der Regel auch ganz harmlos. Man musste sie nur überreden, das war alles.

»Jetzt bin ich die Hauptnummer«, rief Ida ihm zu. »Los, pack deine Sachen! Ich nehme dich mit aufs Zimmer!«

Der Mann blickte Ida entsetzt an. Sein Blick fiel auf ihren Schrubber. Hastig packte er seine Brote zusammen. »Ich habe keine Zeit mehr!«, erklärte er ängstlich.

»Aber warum denn nicht? Wir machen es uns gemütlich.« Ida grinste ihn an und ließ den Schrubber hin und herpendeln.

Der Mann stand auf, klappte sein Stühlchen zusammen und war auch schon verschwunden. Peggy kam aus dem Staunen nicht heraus.

Sie hatte nicht hören können, was Ida zu dem Gucker gesagt hatte.

»Du bist die Größte«, sagte sie bewundernd zu Ida. »Du bist wirklich einmalig!«

Das ging Ida wie Öl runter.

Ida sagte lässig: »Entweder man hat es, oder man hat es nicht.«

Peggy dachte: Hanna würde das jetzt verstehen. Ich bin dazu zu dämlich.

»Wir machen jetzt den Laden dicht! Geh nach oben! Die anderen Mädchen können ihre Kunden später rauslassen. Ich werf mich jetzt auch ins Bett!«

Peggy sagte: »Willst du mir nicht sagen, wie du das gemacht hast?«

»Nein!«

Peggy seufzte. »Na ja! Er ist fort. Nur das zählt!«

»Sollte er nochmals auftauchen, ich meine in den nächsten Tagen, lass es mich gleich wissen!«

»Die Mädchen werden baff sein«, sagte Peggy.

Ida knallte die Küchentür hinter sich ins Schloss. Sie konnte ja nicht eine dicke Lippe riskieren, da der Mann sie ja ohnehin nicht wollte. Aber was wäre gewesen, wenn er ja gesagt hätte? An diese Möglichkeit mochte Ida gar nicht denken.

Wenig später lag Friede über dem berühmten Haus an der Ecke.

 

 

2

Vico war kein schlechter Zuhälter. Er war ein junger Mann, der von Arbeit nicht viel hielt. Er war stets elegant gekleidet, geschniegelt und gebügelt. Er wollte gern viel Geld verdienen, aber die Tätigkeit durfte nicht in Arbeit ausarten. Körperliche Arbeit war ihm sowieso verdächtig.

Der schöne Vico hatte gerade ein Problem.

Marek hatte ihn kommen lassen. Vico war verreist gewesen und hatte deshalb nicht mitbekommen, dass eine seiner Tüllen im Knast saß. Sie fiel auf, weil sie jemanden umgebracht hatte. Dieses Mädchen hatte nur ein paar Tage im Haus an der Ecke gestanden. Ihr Zimmer gehörte Vico. Das hieß, er musste Miete dafür an den Großluden zahlen. Die Einnahmen der Tüllen wurden aufgeteilt, so befahl es die Vorschrift des Hauses.

»Konnte man das nicht verhindern?«, fragte Vico jetzt den Großluden.

Der King blickte ihn kühl an. »Du hast wohl nicht alle Tassen im Schrank! Habe ich dir nicht neulich bereits gesagt, wir kriegen noch Ärger mit der Kleinen. Eine Studentin, die nur Geld zocken will und nicht zugibt, dass sie eine Hure ist! Das sind keine guten Typen. Du kannst dich freuen, dass alles so glimpflich für uns abgelaufen ist. Sie hat den Kerl auf offener Straße umgebracht und nicht hier im Eckhaus. Dann hätten alle Mädchen Verdienstausfall gehabt. Du kennst ja die Polizei.«

»So ein Mist«, sagte Vico. »Sie war für die besseren Kunden gedacht, verstehst du mich? Sie hatte Klasse. Sie hat es freiwillig getan. Es ist wirklich zu dumm, dass das passiert ist.«

»Wie ist es? Wann wirst du das Zimmer wieder belegen?«

Vico blickte den Großluden an.

»Das kommt wirklich überraschend. Ich muss mir erst wieder ein Pferdchen besorgen.«

Marek sagte ruhig: »Gebrauchte Ware von der Straße hat bei uns Stehverbot, das weißt du! Du kannst uns nicht betrügen. Versuch es nur einmal, und du hast kein Anrecht mehr auf das Zimmer.«

»Das brauchst du mir nicht alle Augenblicke zu sagen! Ich bin nicht blöde!«

»Nein?«, fragte Marek lauernd.

Gegen den Großluden kam Vico nicht an.

»In zwei, drei Tagen hoffe ich ein Mädchen zu finden!«

»Wähle diesmal sorgfältiger aus!«

»Ich habe halt nicht so viel Material zur Verfügung wie du!«, sagte Vico säuerlich.

»Du musst aber die Miete zahlen!«

»Meine Güte, ich weiß es doch!«

Vico schnippte sich ein Stäubchen vom Ärmel. Wem sollte er die Suche überlassen? Seinen Mitarbeitern? Die brachten in der Regel nur Schrott an. Den konnte man wirklich nicht ins Haus an der Ecke bringen. Es musste mal wieder eine Tülle mit Stil her. Wo sollte er die nur so schnell finden? Ulrike hatte er durch Zufall entdeckt. Dieses kleine, dumme Luder! Naja, sie würde im Knast nichts zu lachen haben.

»Kann ich jetzt gehen?«, fragte Vico.

»Sicherlich!«, erlaubte Marek es ihm.

Er brachte Vico zur Tür.

Dann ging er in den Salon zurück.

Lorenz, sein Diener, wollte wissen, ob er das Essen auftragen könne.

Marek blickte ihn an. Lorenz war sehr ruhig geworden. Er war nicht nur Diener, sondern auch engster Vertrauter des Großluden. Er hatte nur einen Fehler, er liebte Männer. Doch er war so oft reingefallen, dass er jetzt keine Lust mehr auf Abenteuer verspürte. Würde ihn noch jemand retten können?

Gerade jetzt war Homosexualität ja eine heikle Sache. Lorenz musste sich das gut überlegen. Marek und auch Deike hatten es ihm sehr ans Herz gelegt.

»Was gibt es im Eckhaus neues?«, fragte Lorenz.

»Frag mich nicht! Ich bekomme immer mehr graue Haare vor lauter Ärger«, brummte Marek.

In diesem Augenblick klingelte es.

Der Kommissar trat wenig später über die Schwelle. Er schaffte es immer wieder, zur rechten Zeit aufzukreuzen. Er ließ sich gern von Marek zum Essen einladen.

Der King sagte: »Euer Kantinenessen ist auch wohl nicht das Wahre, wie?«

»Nein! Bei den Aufregungen, die ich ständig habe, werde ich noch einmal Magengeschwüre davon bekommen.«

Sie ließen sich das gute Essen schmecken. Später wollte Marek aber doch wissen, warum er diesmal wieder den Kommissar hatte durchfüttern müssen.

»Unangenehme Sache?«, fragte Marek.

»Ich will nur wissen, wie weit es ist?«, entgegnete der Kommissar.

»Was?«, fragte Marek.

»Aber Marek, werden Sie vergesslich? Ich brauche doch eine ältere Tülle für den hohen ausländischen Diplomaten!«

Seit vielen Jahren stellten Marek und Deike schon spezielle Damen hochgestellten Persönlichkeiten und Besuchern dieser Stadt zur Verfügung.

»Ach du meine Güte, darüber habe ich mir ja noch gar keine Gedanken gemacht. Der Mord ist uns dazwischengekommen. Herrje!«

Dem Kommissar schmeckte der Nachtisch nun überhaupt nicht mehr.

»Morgen ist es bereits soweit!«, erklärte er.

Marek dachte angestrengt nach.

»Hoffen wir, dass Deike uns aushelfen kann! Doch ich fürchte, auch sie muss diesmal passen. Wo soll man denn eine alte Schachtel herbekommen, die noch dazu verschwiegen ist und die nichts tun wird, um uns in Schwierigkeiten zu bringen?«

Dem Kommissar war es gar nicht mehr wohl.

»Hören Sie auf! Ich muss sie liefern! Ich muss! Sie wissen es! Wir müssen strammstehen, oder für uns beide fängt eine sehr böse Zeit an.«

Marek stand auf.

»Nehmen wir den Kaffee bei Deike?«

»In Ordnung!«

Marek fuhr als Großlude einen Superschlitten. Seufzend dachte der Beamte, und wenn ich hundert Jahre auf Verbrecherjagd gehe, ich werde mir nie so einen Wagen leisten können. Es geht doch wirklich ungerecht zu auf dieser Welt. Wenig später musste er aber dann doch grinsen. Was zum Teufel sollte ich eigentlich mit so einem Superschlitten anfangen, dachte er. Bei mir würde er nur in der Garage stehen.

Sie kamen bei Deike Borg an. Imka, die junge Haushälterin, blickte besorgt, als sie Marek mit dem Kommissar auf der Matte stehen sah.

»Ist etwas passiert?«, fragte sie.

Marek blickte sie an und sagte grämlich: »Das ist doch zum Verrücktwerden! Wo ich mich auch sehen lasse, überall fragt man sogleich ängstlich, ob was los ist. Es wird was los sein, Mädchen, wenn es nicht läuft!«

»Deike isst gerade zu Mittag!«, erklärte Imka.

»Das tat ich auch, als dieser Hungerleider bei mir aufkreuzte.« Mit diesen Worten zeigte der Großlude auf den Kommissar. Sie hatten mit den Jahren ein sehr gutes Verhältnis zueinander bekommen. Die Polizei wusste, man konnte das Dirnentum nicht unterdrücken. Dann würden nur noch mehr Verbrechen begangen. Da sie selbst hin und wieder einige Damen benötigte, hatte man sich in gewisser Weise arrangiert. Der Großlude arbeitete oft mit der Polizei zusammen. Ihm selbst lag sehr viel daran, dass sein Viertel sauber war. Seither waren auch seine Einnahmen immer konstant.

»Bring uns den Kaffee, ja? Vielleicht wird es eine längere Unterredung. Sag mal, Imka, hast du eine Mutter?«

Marek stieß den Kommissar in die Seiten. »Sind Sie wahnsinnig?«

Imka blickte ziemlich verwirrt drein.

»Wie soll ich das verstehen?«, fragte sie.

Der Großlude entdeckte jetzt, dass Deike in der Tür stand. Er grinste sie an. Kommissar Wegener wollte sich noch weiter mit Imka unterhalten.

Deike war verwirrt. Marek freute sich königlich.

»Darf man vielleicht erfahren, was hier los ist?«, fragte Deike.

Wegener zuckte zusammen. Er wusste, dass Deike einstmals eine berühmte Tülle gewesen war. Für viel Geld konnte man sie sich engagieren. Das hielt ihn aber nicht davon ab, Deike zu verehren. Er mochte sie ganz besonders gern, erst recht, seit er wusste, wie man vor fünf Jahren mit ihr verfahren war. Die Ärzte hatten Deikes schönen Körper verstümmelt. Jetzt konnte man ständig in den Zeitungen lesen, dass das eigentlich gar nicht notwendig gewesen war. Auch bei Krebs brauchte man nicht so rigoros vorzugehen. Der Kommissar mochte gar nicht an die Möglichkeit denken, wie sinnlos vielleicht dieses Opfer war.

»Schon gut«, sagte er hastig zu Imka. »Das sollte nur ein kleiner Scherz sein, mehr nicht!«

Imka hatte noch immer einen erstaunten Ausdruck in den Augen.

»Deike, ich weiß gar nicht, was sie von mir wollen. Du weißt doch, ich bin gern bereit zu helfen. Aber ich ...«

»Keine Sorge, Imka! Dir kann nichts passieren!« Deike warf Wegener einen bösen Blick zu.

»Also, ich erwarte jetzt eine plausible Erklärung für Ihr Vorgehen! Wie konntet Ihr Imka nur so erschrecken?«

Jetzt fiel dem Kommissar wieder ein, dass Imka ja mal in ein Bordell verschleppt worden war. Deike hatte dafür gesorgt, dass sie wieder rauskam. Aus Dankbarkeit war Imka dann Deikes Haushälterin geworden. Sie liebte Deike über die Maßen. Das war auch ein Zankapfel zwischen ihr und Ida, die felsenfest davon überzeugt war, nur sie wisse ganz genau, was für Deike gut war. Nach und nach musste sie sich aber eingestehen, dass Imka sehr viel Gutes für Deike tat. Imka hatte sich gründlich mit gesunder Ernährung beschäftigt, viel herumgefragt und einige Bücher über Deikes Erkrankung gelesen. Jetzt waren alle glücklich darüber, dass dies Deike so gut bekommen war. Viele Mediziner gaben Imka recht.

»Tut mir leid, ich habe es vergessen! Können Sie mir noch einmal verzeihen, Deike?«

Der Kommissar machte einen zerknirschten Eindruck.

»Na, ich weiß nicht. Was soll eigentlich dieser Überfall? Habt ihr schon gegessen?«

»Er hat sich wieder von mir durchfüttern lassen«, sagte Marek grämlich. »Ich werde deshalb noch einmal ins Armenhaus kommen. Wenn es sich herumspricht, dass ich Polizeibeamte durchfüttere, wird das kein gutes Ende nehmen.«

»Schade«, sagte Deike lachend, »ich dachte schon, ich könnte euch damit strafen, dass ich euch nichts anbiete. Also, dann will ich Kaffee bestellen. Imka hat auch Kuchen gebacken: Vollwertkuchen.«

»Was?«

Wegener zuckte zusammen.

»Keine Sorge, der bringt Euch nicht um. Aber jetzt will ich endlich wissen, warum Ihr meine Ruhe stört. Hatte das nicht Zeit bis heute Abend? Dann bin ich wieder im Eckhaus anzutreffen? Marek, was ist denn schon wieder los? Sag mir bloß nicht, im Eckhaus liegen Leichen herum. Das glaube ich dir nämlich nicht, denn davon hätte Ida mich schon längst verständigt.«

»Ich hoffe es nicht! Wir haben aber Probleme. Hast du es denn wirklich vergessen?«

»Was?«

»Morgen kommt doch der hohe Diplomat als Gast in unsere Stadt.«

Deike lächelte zuckersüß.

»Ach, wirklich?« Sie hatte endlich kapiert und wollte die beiden Männer noch ein wenig auf die Folter spannen.

»Deswegen kommt ihr her und stört mich?«

»Deike, kapier doch endlich! Wir haben nicht mehr viel Zeit. Deswegen hat der Kommissar ja auch schon Imka gefragt, ob sie noch eine Mutter hat. Weiter ist er aber nicht gekommen.«

»Dein Glück«, sagte Deike und blickte Wegener strafend an. »Wirklich, Ihr habt großes Glück gehabt.«

Marek nagte an seiner Unterlippe.

»Wen sollen wir denn nehmen? Noch nie war die Sache so heikel.

Schließlich stehen ja auch zwanzigtausend Mark auf dem Spiel. Soviel will der Kunde springen lassen!«

Deike und Marek belieferten die Polizei, wenn sie Mädchen für Staatsbesuche benötigte. Die Wünsche wurden immer vorher von der Botschaft durchgegeben. Diesmal brauchte man also eine alte Dirne. Sie musste verschwiegen und gut sein.

»Das ist gar kein Problem! Alles in Butter! Ich hätte schon eine Frau. Ein Telefonanruf genügt.«

Imka brachte Kaffee und Kuchen.

»Ist gut!« Deike nahm ihr das Tablett ab.

Imka ging wieder.

Marek und auch der Kommissar waren verdutzt.

»Du machst Witze! Du willst wirklich eine Frau gefunden haben? Ich denke, du warst die ganze Zeit mit der Mörderin beschäftigt.«

»Stimmt! Ich bin gut, nicht?«

»Wer ist es?«, fragte Marek.

»Martha«, sagte Deike und lächelte zufrieden.

Der Großlude runzelte die Stirn.

»Martha? Kenne ich nicht! Nie gehört! Wen hast du dir denn da bloß an Land gezogen?«

»Aber natürlich kennst du Martha! Sie ist die richtige Frau für unsere Sache. Eine bessere könnten wir gar nicht finden. Übrigens soll sie die ganzen Zwanzigtausend erhalten. Das habe ich ihr versprochen.«

»Wer zum Teufel ist Martha?«, brüllte jetzt der Großlude laut. Wenn er etwas auf den Tod nicht ausstehen konnte, dann waren es Gespräche, die er nicht mitverfolgen konnte.

»Schrei mich nicht so an!«, rief nun auch Deike wütend.

Wegener sah Deike an. In ihren Augen konnte er lesen, dass sie nicht spaßte. Sie musste wirklich das Unmögliche möglich gemacht haben.

»Martha lebt doch bei Lotte! Jetzt kannst du mal sehen, wie gut das Schicksal zu uns ist. Du hast sie sogar rauswerfen wollen! Stell dir mal vor, sie wäre nicht mehr da!«

Marek starrte Deike an.

»Martha? Du meinst die Alte, die Ida angefahren hat, und die jetzt auf Haushälterin bei meiner Mutter macht?«

»Genau die!«

Marek verdrehte die Augen.

»Das darf nicht wahr sein!«

»Sie hat sich selbst angeboten! Das finde ich sehr nett von ihr. Ich wäre nicht mal auf die Idee gekommen, sie zu fragen. Lotte wollte sich anbieten, sah aber ein, dass sie dir das nicht antun konnte!«

Mareks Gesicht lief blaurot an.

»Wehe«, grollte er.

»Ich gebe nur wieder, was deine Mutter wortwörtlich gesagt hat. Martha wird euren Kunden glücklich machen. Sie humpelt zwar noch ein wenig. Ihr Fuß ist noch nicht wieder ganz in Ordnung. Doch das wird nicht so schlimm sein. Sie steht auf jeden Fall bereit!«

Der Kommissar erinnerte sich jetzt auch an die alte Dirne. In den letzten Tagen hatte sie sich ganz gut entwickelt. Naja, dachte er bei sich. Wenn es noch mehr Menschen wie Lotte geben

würde, die arme alte Dirnen bei sich aufnehmen, dann hätten wir damit kein Problem mehr. Vor allen Dingen könnten sie noch viel für die Gesellschaft tun. Sie sind ja nur auf dem Strich nicht mehr zu gebrauchen.

Ein Wunder, dass Marek nicht platzte. Wieder einmal hatten die Weiber recht gehabt. Mit den Weibern meinte er Deike, Ida und seine Mutter. Die würden ihn noch ins Grab bringen, wieder einmal war alles richtig was sie getan hatten. Und nicht nur das, Marek musste sogar auch noch froh und dankbar dafür sein.

Plötzlich sprang er auf und starrte Deike wütend an.

»Wieso soll sie alles Geld bekommen? Das ist nicht drin! Wir teilen immer durch drei! Das ist Vorschrift! Hast du ihr das nicht gesagt?«

»Sicher! Als sie mir aber sagte, wozu sie das Geld verwenden wird, habe ich ihr sofort versprochen, dass sie die gesamte Summe behalten darf.«

»Und wofür will sie das Geld verwenden?«

Deike wurde jetzt doch ein bisschen nervös. Marek würde sie doch nicht durch die geschlossene Scheibe auf die Straße befördern? Ein schneller Blick zum Kommissar zeigte ihr an, dass dieser ihr beistehen würde, sollte Marek ausflippen. Schien er schon etwas zu ahnen?«

»Nun ja, sie will das Geld Lotte geben!«

Im ersten Augenblick war der Großlude gerührt. »Nein, das hätte ich nun wirklich nicht gedacht! Sie will sich also dafür dankbar erweisen, dass meine Mutter sie aufgenommen hat? Also wirklich, das finde ich sehr nett von ihr. Natürlich kann sie dann die ganze Summe behalten!« Im stillen dachte der Lude, so bekomme ich wenigstens ein wenig von meinem Geld zurück. Schließlich gibt meine Mutter es mit vollen Händen aus.«

Deike schüttelte den Kopf.

»So ist es nicht gemeint!«

»Nein?«

»Es soll für die Stiftung sein, die Lotte ins Leben gerufen hat!«

Seine eigene Mutter hatte sich ja erdreistet, Agnes bei sich aufzunehmen. Sie hatte ihm auch erklärt, sie würde noch mehr Mädchen aufnehmen. Ja, man hatte jetzt ein Konto für sie eingerichtet. Ida hatte auch etwas Geld gestiftet.

Marek fiel in seinen Sessel zurück.

Deike hatte fast Mitleid mit Marek.

»Sei doch nicht traurig«, sagte sie leise. »Vielleicht bist du noch einmal froh darüber, dass sich deine Mutter so verhält. Wissen wir, was die Zukunft uns bringt?«

Marek blickte sie an, als sei er ein geprügelter Hund.

Das Herz tat Deike weh bei diesem Anblick.

»Wieso?«, hauchte er mit letzter Kraft.

»Nun ja, woher willst du denn wissen, dass du nicht Aids hast? Schließlich und endlich...« Sie brach den Satz ab.

Marek war aufgesprungen. Totenblass im Gesicht, wollte er ihr an die Gurgel springen. Mit so etwas spaßt man nun mal nicht. Bis er endlich begriff. Woher war er sich denn so sicher, dass er gesund war? Wie viele Mädchen hatte er in den letzten Jahren mit ins Bett genommen, zu einer Zeit, wo noch keiner öffentlich über Aids gesprochen hatte, als es nur in Amerika bekannt war und man glaubte, nur eine bestimmte Gruppe Menschen sei davon betroffen?

Er wurde ganz blass und sehr erregt zugleich.

»Deike, du bist...«

»Hast du dich schon mal untersuchen lassen?«, fragte sie.

Er blickte sie an. Starr und unerschrocken: »Wenn das so ist, dann musst du ja auch damit rechnen. Denn...«

Deike warf ihm einen warnenden Blick zu. Wegener hatte schon verstanden. Sie hatten sich also mal wieder gefunden. Da schau her, dachte er. So ist das also! Und ich habe die ganze Zeit geglaubt, Deike wollte nichts mehr von Männern wissen.

Woher sollte der Kommissar auch wissen, dass die Bordellmutter fast fünf Jahre gebraucht hatte, um über ihren Schatten zu springen? Die Ärzte hatten ihren schönen Körper verstümmelt. Sie hatte es lange Zeit einfach nicht ausgehalten, sich einem Mann so zu zeigen. Er musste doch den Schock seines Lebens bei diesem Anblick kriegen. Mitleid wollte sie nicht. Es war eine schwere Zeit für Deike gewesen.

Ein Urlaub am Bodensee hatte sie dann verändert.

Marek hatte seinerzeit geglaubt, nun gehe es mit ihnen aufwärts. Er war ja auch nicht mehr knusperjung. Auch als Lude fing man ab einem gewissen Alter an, sich Gedanken über die Zukunft zu machen. Was hatte er eigentlich davon, wenn er nur immerzu Geld scheffelte? Das Konto wurde zwar immer dicker, aber es blieb doch so etwas wie eine Leere im Herzen. Wenn man jung war, konnte man mit vielem diese Leere ausfüllen: teure Autos, schöne Frauen, Reisen und vieles mehr. Ruhm, Abenteuer und was sonst nicht alles. Aber am Ende eines jeden Weges stand die große Frage: Wozu all das? Wer erbt alles, wenn ich nicht mehr bin? Wenn ich eine Kugel in den Rücken bekomme, ist mein Leben futsch. Und man kann nichts, aber auch gar nichts mitnehmen. Aber noch viel schlimmer war der Gedanke, dass er im Alter nicht mehr so flink war. Aber wer sich umsah, erkannte, dass es alte Luden nicht gab. Höchstens ein paar dicke Geschäftsmänner im Hintergrund, von denen aber niemand wusste, woher sie ihr großes Geld hatten. Sie waren in der Stadt angesehen, hatten sogar gute Posten und, was noch wichtiger war, sie hatten Familie, Kinder und sogar Enkelkinder.

Sie wussten letztendlich, wofür sie lebten.

Diese Gedanken hatte Marek schon lange. Immer wenn er Walterchen sah, dachte er wehmütig, ich hätte auch so einen netten Sohn haben können.

Natürlich hatte auch Deike oft solche Gedanken.

Der Wunsch von Mareks Mutter, dass er endlich eine Familie gründen sollte, war gar nicht mal so schlecht. Deike wehrte sich noch immer. Vielleicht mit einem anderen Mädchen?

Aber warum kam er nicht von Deike los?

Weil sie Verstand und Witz hatte? Weil man miteinander durch Dick und Dünn gegangen war? Weil man sich auch ohne viele Worte gut verstand?

Wieso gingen Marek jetzt all diese Gedanken durch den Kopf?

Aids!

»Komm«, hörte er Deike jetzt mit weicher Stimme sagen. »Ich wollte dich nicht erschrecken! Wir wissen es beide nicht. Wir haben wichtigere Dinge zu tun, als jetzt darüber zu grübeln.«

Wegener begriff, dass er sich jetzt still verhalten musste. Dies war ein heikles Thema. Auch er hatte Seitensprünge gemacht. Aids macht ehrlich, dachte er. Wenn man auch viele Jahre mit dem Verdacht lebt, irgendwann, wenn die Krankheit ausbricht, kann man es nicht mehr verschweigen. Dann weiß der Ehepartner Bescheid. Ob das die Strafe für die Lügen ist? Oder weil man es verschwiegen hat? Ist das die Strafe hier auf Erden, dass man allein sterben muss?

Aids ging an die Wurzel. Aids radierte das Schönste im Leben der Menschen vielleicht für immer aus: Die Liebe.

Dabei kann man ohne Liebe gar nicht leben, dachte der Kommissar.

»Ich muss ins Präsidium zurück!«, sagte er unvermittelt.

Plötzlich war eine ganz seltsame Stimmung aufgekommen. Sie sollten sich lieber freuen, dass sie sich wieder gefunden hatten.

»Ich habe auch noch einiges zu besorgen!«, erklärte Marek.

»Kann ich Sie mitnehmen?«, fragte er den Kommissar.

»Warum nicht, Marek?«

Deike und Marek brachten den Kommissar zum Präsidium zurück.

»Ich gebe euch noch die genaue Zeit durch!«, sagte der Kommissar.

Der Großlude war noch immer geschockt. Als sie in die Stadt kamen, sah er Deike an.

»Darf ich dich begleiten?«, fragte er.

»Ich will nur ein paar kleine Geschenke kaufen. Weißt du, es hat immer mal jemand Geburtstag. Ich habe gern etwas auf Vorrat!«

»Du willst also allein sein?«

Deike blickte ihn an.

»Marek, denke mal über alles nach!«

»Worüber?«

»Sollten wir uns nicht prüfen?«

»Wie meinst du das?«

Deike hatte ja selbst die Angst in sich.

»Lass es gut sein«, sprach sie leise.

»Ja«, sagte Marek erleichtert.

»Ich kann dich also in der Bar finden?«, fragte Deike.

»Wie immer!«

Er drückte ihre Hand.

»Vielleicht hast du doch recht, Deike!«

»Womit?«

Er versuchte ein Lächeln. »Meine Mutter ist ein Satansbraten! Sag es ihr aber nicht, dass ich sie so genannt habe! Ich frage mich, was sie getan hat, als sie noch nicht mein Leben durcheinandergewirbelt hat?«

Deike streichelte ihm über die Wange.

»Armer Marek! Ist gar nicht so einfach, böse und streng zu sein, wie?«

»Nein!«

 

 

3

Ida zankte sich mal wieder mit einem Lieferanten herum. Er sollte angeblich versucht haben, sie zu betrügen. Deike erkundigte sich, um wie viel es hier überhaupt ging.

»Vierzig Pfennig«, sagte der Mann verächtlich. »Ich habe ihr schon gesagt, dass ich darauf verzichte. Dass es mir leid tut, was weiß ich, was ich noch alles gesagt habe. Doch sie lässt mich nicht gehen!«

Deike sah Ida an. »Ist das denn nicht genug?«

»Das kann jeder sagen«, schrie Ida hitzig. »Im Kleinen fängt es an. Wenn ich nicht aufpasse, wird es das nächste Mal dann immer mehr. Er tut das nämlich nicht ohne Absicht. Ich kenne den Halunken viel zu gut!«

»Was? Du nennst mich einen Halunken? Was glaubst du eigentlich, wer du bist?«, schrie nun auch der Mann.

Schon flogen böse Wörter durch die Luft.

»Genug!«, rief Deike jetzt dazwischen. »Gehen Sie endlich, oder ich vergesse mich! Außerdem stehen Sie hier im Parkverbot. Die Ladezeit ist schon lange abgelaufen. Wenn Sie Pech haben, kommen auch noch die Bullen.«

»Ich kann doch nicht«, sagte der Mann stöhnend. »Glauben Sie ich wäre nicht gerne schon längst fort?«

»Ida!«, rief Deike drohend aus.

Schuldbewusst kramte Ida seine Autoschlüssel aus ihrer Tasche und warf sie dem Mann mit einer verächtlichen Geste vor die Füße. »Ich will dich nie mehr wiedersehen«, schrie sie ihm nach.

Befriedigt kam sie dann ins Haus zurück. »So, dem habe ich es aber gegeben!«

Deike blickte sie an. Idas Gesicht war rosig und frisch. Für sie war das Streiten buchstäblich ein Lebenselixier.

»Wie oft kommt er?«, fragte Deike.

»Zweimal die Woche!«

»Was liefert er denn?«

»Kartoffeln, Zwiebeln, Äpfel und so weiter.«

»Wieso nimmst du ihm das nicht in größeren Mengen ab?«

Ida zwinkerte ihr zu. »Dann würde er ja nicht mehr so oft kommen!«

»Oh, Ida, Ida! Von dir kann ich noch eine Menge lernen. Ich wünschte, ich könnte auch alles so leicht hinausschreien!«

»Warum tust du es denn nicht? Danach fühlt man sich gleich viel wohler.«

Ida brühte Kaffee auf. Dann bemerkte sie, dass Deike zu einer Zeit gekommen war, zu der sie noch gar nicht hier sein musste.

»Was ist los? Wieso bist du schon hier?«, fragte sie.

»Ich wollte dir nur sagen, dass Martha nachher kommt. Sie kann doch bei dir bleiben?«

Ida starrte sie an.

»Martha? Wieso soll sie hierher kommen? Lotte braucht sie doch! Was soll das denn?«

»Wir brauchen sie für einen speziellen Auftrag. Der Kommissar hat mir noch keine genaue Zeit gesagt. Damit wir sie sofort zur Hand haben, wenn es nötig ist, kommt sie hierher. Außerdem möchte ich nicht, dass Lotte sich einklinkt!«

Ida grinste: »Würde dem Marek gar nicht schmecken, wie?«

»Nein!«

»Soll das heißen, sie kriegt einen tollen Kunden? So einen, dessen Namen man nicht nennen darf? «

»Ja!«

Ida bekam verträumte Augen.

»Donnerwetter! Und was bekommt sie dafür?«

»Zwanzigtausend!«

»Oje, dann wird sie wohl nicht mehr lange bei Lotte bleiben. Wie ich die alten Huren kenne, lassen die sich doch alles Geld sogleich durch die Gurgel laufen. Das finde ich gar nicht gut von dir, Deike, dass du Lotte die Stütze wegnimmst!«

»Ich weiß gar nicht, was du willst! Sie spendet das Geld doch wie du es auch getan hast.«

Ida bekam weiche Augen.

»Ist das wirklich wahr?«

»Du kannst sie ja fragen!«

»Meine Güte, es gibt also tatsächlich noch nette Menschen auf dieser Welt.«

»Sicher! Du brauchst dich nur in einem Spiegel zu betrachten, dann siehst du einen!«

Deike machte, dass sie davonkam.

Lachend stieg sie in ihren Wagen. Sie selbst wollte Martha holen. Das war einfacher.

Deike kam in Lottes Villa an.

Alfred war in der Nähe des Tors beschäftigt und öffnete ihr sogleich. Aus dem langweiligen Rentner war ein leidenschaftlicher Gärtner geworden. Für sein Alter schaffte er noch sehr viel. Deike dachte, wenn man doch jedem Menschen das geben könnte, woran sein Herz hängt, dann gäbe es weniger Probleme auf dieser Welt. Überhaupt würden alle sehr viel mehr Spaß am Leben haben. Was würde ich mir zum Beispiel wünschen?

Schnell lenkte sie sich wieder ab. Diese Gedanken wurden zu gefährlich.

Auf der Terrasse in einem Liegestuhl lag Agnes. Sie erholte sich noch von ihrem Krankenhausaufenthalt. Deike begrüßte sie freundlich.

»Wenn ich nicht aufpasse, dann platze ich noch«, sagte Agnes seufzend. »Lotte mästet mich wie eine Gans!«

»Ich werde mal mit ihr reden«, versprach Deike.

»Dafür wäre ich dir sehr dankbar. Und sage ihr auch, dass ich wieder gehen kann. Ich will nicht mehr dauernd liegen.«

Deike suchte Lotte und fand sie im Salon. Sie war gerade dabei, einen Schlachtplan zu entwerfen.

»Wozu das denn?«

»Es könnte ja sein, dass mein Herr Sohn wieder einen Angriff wagt. Ich habe einen Mehr-Stufen-Plan ausgearbeitet. Möchtest du ihn dir mal ansehen?«

»Marek wird dir nichts tun. Er ist froh, dass Martha für uns den Dienst übernehmen will, den man uns angeboten hat. Marek hat vieles eingesehen!«

»Wirklich? «

Die alte Dame betrachtete Deike von der Seite.

»Ich habe etwas anderes mit dir zu bereden, meine Liebe!«

»Ja?«, fragte Lotte mit Unschuldsmiene.

Details

Seiten
99
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934502
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v507647
Schlagworte
schicksale haus ecke mädchen orient

Autor

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Titel: Schicksale im Haus an der Ecke #24: Das Mädchen aus dem Orient