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Schicksale im Haus an der Ecke #25: Der Polterabend

2019 89 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Polterabend

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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Der Polterabend

Schicksale im Haus an der Ecke #25

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 89 Taschenbuchseiten.

 

Endlich ist es so weit: Deike wird endlich den Königsluden Marek heiraten. Dieses Ereignis sorgt dafür, dass die Mädchen aus dem Haus an der Ecke nun viel öfter ihre Köpfe heimlich zusammenstecken, denn sie planen, Deike zu überraschen: ein Polterabend mit allem Drum und Dran!

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Deike Borg - Chefin vom Haus an der Ecke, erlebt kurz vor der Hochzeit eine Überraschung.

Marek - Königslude, bittet die Polizei um einen Gefallen.

Carmen und Tina - Eckhausmädchen, werden mit heikler Aufgabe betraut.

Dazu die Bewohner vom Haus an der Ecke.

 

 

1

Laute Musik plärrte aus einem Lautsprecher. Einige Mädchen tanzten auf der Rampe und sangen oder summten den Text des Schlagers mit. Sie fühlten sich im Augenblick pudelwohl. Auch die Strichkatzen auf der Straße hörten die Musik und kamen zögernd in den Torbogen. Sie wussten, im Innenhof des Eckhauses durften sie sich nicht blicken lassen. Der war sozusagen Sperrgebiet für sie. Nur wer im Haus an der Ecke wohnte, hatte das Recht, sich hier aufzuhalten.

Fast alle Tüllen träumten davon, im Haus an der Ecke angestellt zu werden. Vor vielen Jahren war dies die schlimmste Adresse überhaupt gewesen. Wer im Haus an der Ecke arbeiten musste, dem ging es schlecht. Die Tüllen wurden dort fast wie Sklavinnen gehalten, und wer nicht sein Soll erfüllte, bekam nichts zu essen. Das war damals eine sehr schlimme Zeit. Die Luden hatten unvorstellbare Macht über die Mädchen. Sie brauchten nur zu sagen: »Wenn du zickig wirst, kommst du ins Eckhaus!« Das wirkte sofort.

Damals, vor gut acht Jahren, hatte niemand damit rechnen können, dass ausgerechnet das Haus an der Ecke mal die beste Adresse von Hamburg werden sollte. Auch über die Grenzen von Hamburg hinaus hatte das Haus an der Ecke nun einen ausgezeichneten Ruf.

Die Großluden der anderen Städte hatten langsam begriffen, worauf es ankam. Nicht nur hübsche und exotische Mädchen waren wichtig, die wuchsen überall - man konnte sozusagen aus dem Vollen schöpfen. Auf das Personal, das die Mädchen betreute, kam es an. Waren die Mädchen glücklich und zufrieden, wirkte sich das bei den Kunden aus. Einige kamen dann immer wieder. Das Haus an der Ecke hatte inzwischen viele reiche Stammkunden.

Der Großlude von Hamburg, Marek genannt, hatte sich das auch nicht träumen lassen, als er Deike aus Mitgefühl diesen Job überließ. Seinerzeit war der Bordellwirt des Eckhauses gefeuert worden. Er hatte es so schlimm getrieben, dass man ihn einfach entlassen musste.

Deike war damals die beste Startülle weit und breit. Nach ihrer Krebsoperation war sie nur noch ein Schatten. Damals hatte sie bereits über Selbstmord nachgedacht. Für sie hatte das Leben keinen Sinn mehr. Sie hatte zwar Geld genug und eine Luxuswohnung, einen teuren Wagen, Schmuck und Pelze, mit einem Wort einfach alles, wonach sich sonst Frauen verzehrten. Und doch fühlte sie, dass das nicht alles im Leben war. Sie hatte viele Jahre leichtsinnig gelebt und begriff zu spät, dass andere Werte wichtiger waren im Leben. Wenn es ans Sterben geht, werden viele Menschen nachdenklich.

In dieser verzweifelten Lage hätte sie buchstäblich nach jedem Strohhalm gegriffen. Da war also das verkommene Haus an der Ecke. Anfangs war Deike geschockt, doch dann hatte sie sich in die neue Aufgabe gestürzt, nur um ihr Schicksal zu vergessen. Deike wusste genau, als Startülle konnte sie nun nicht mehr arbeiten. Man hatte sie verstümmelt, sie war jetzt für Männer nicht mehr begehrenswert. Wenn es eine innere Operation gewesen wäre, hätte sie die verschweigen können. Doch man hatte ihr eine Brust amputiert - das war sehr schlimm für sie. Sich selbst im Spiegel zu betrachten, das hatte sie viele Jahre nur mit großer Überwindung geschafft. Bis sie angefangen hatte, ihren Körper wieder zu akzeptieren, war sehr viel Zeit ins Land gezogen. Auch danach hatte sie erhebliche Schwierigkeiten mit den Männern.

Deike widmete sich zuerst einmal dem Haus und den Mädchen. Einige wurden entlassen, neue aufgenommen. Anfangs machten die Mädchen ihr das Leben schwer. Sie hatten alle Angst und Hass im Herzen. Dann war da auch noch eine schreckliche Köchin gewesen. Alles kam zusammen.

Zuerst hatte Deike mit hartem Besen ausfegen, hatte den Mädchen ihren Willen aufzwingen wollen. Doch dann hatte sie begriffen, warum die Mädchen so waren. Sie hatten kein Heim, keine Freunde und keinen Ansprechpartner. Deike hatte immer gute Freunde gehabt. Sie hatte viele Kunden, die eine herzliche Freundschaft zu ihr entwickelt hatten. Sie hatte nie unter Druck arbeiten müssen, war immer frank und frei gewesen und hatte immer genug Geld zum Leben gehabt. Mit der Zeit war sie sogar reich geworden. Doch all diese Punkte fehlten den Mädchen. Dazu kam auch noch die Angst vor den Luden. Sie waren sozusagen Freiwild. Und wenn sie nicht spurten, wurden sie auch noch zusammengeschlagen.

Warum sollten da die Mädchen lieb und nett sein? War Deike denn nicht auch ein Parasit? Warum sollten sie tun, was Deike sagte? Verdiente sie denn nicht im Auftrag von Marek auch an ihnen?

Klug und besonnen hatte Deike dann angefangen, das Haus neu einzurichten. Als die Mädchen merkten, dass sie helle und saubere Zimmer bekamen - jede durfte ihr Zimmer selbst gestalten - da tauten sie schon ein wenig auf. Dann entschied Deike mit Marek im Rücken, dass kein Lude mehr ungebeten das Haus an der Ecke betreten durfte. Er würde es mit dem Großluden zu tun bekommen, wenn er sich an einem der Mädchen vergriff.

»Und wie sollen wir sie abkassieren?«, hatten die Luden sofort wütend gefragt.

»Gebt mir eure Kontonummer, ich überweise euch das Geld!«, hatte Deike geantwortet.

So etwas hatte es bis jetzt noch nie gegeben. Die Luden blickten sich an. Wenn das klappen sollte, dann hätten sie in Zukunft viel weniger Arbeit.

»Und wenn sie nicht zahlen?«

Deike hatte die Luden ruhig angesehen und gesagt: »Jedes Mädchen wird zahlen. Wer nicht mehr dazu in der Lage ist, darf auch nicht mehr im Haus an der Ecke arbeiten. So einfach ist das!«

»Mit anderen Worten, du bürgst also für die Zahlung?«, hatten die Luden sie gefragt.

»So ist es!«

Marek hatte sich ein wenig flau gefühlt und gedacht, jetzt gehen mit Deike die Pferde durch. Ich muss mit ihr sprechen. Das kann einfach nicht gutgehen. Ich kann doch nicht täglich auf der Matte stehen und die Mädchen anweisen, ihr das Geld zu geben.

Er hörte Deike sagen: »Und jetzt machen wir die Sätze aus, verstanden?«

»Ist das nicht Sache eines jeden Luden, wie er sein Mädchen bewerten will?«

Deike hatte die Luden freundlich angelächelt.

»Das mag überall so gehandhabt werden, doch nicht im Eckhaus. Ich garantiere für regelmäßige Einnahmen. Ist das klar? Sie werden alle immer den gleichen Betrag abliefern.«

»Auch wenn das Geschäft schlecht geht?«, fragte einer.

»Auch dann!«

Die Luden lachten auf.

»Da wirst du aber eine Menge Zaster aus deiner Tasche dazulegen müssen, Marek. Na ja, uns soll es recht sein.«

Marek schwieg. Sie unterzeichneten alle den Vertrag. Er sollte zehn Jahre Gültigkeit haben.

Deike lächelte nur.

Als die Luden gegangen waren, wandte sich Marek an Deike: »Wirst du jetzt wohltätig? Du wirst, wenn du so weitermachst, bald kein Geld mehr auf deinem Konto haben. Die Mädchen werden es schamlos ausnutzen, oder du wirst pausenlos Personalwechsel in der Bude haben.«

»Wir werden sehen. Doch jetzt möchte ich, dass auch du diesen Vertrag unterschreibst. Den kannst du dann später deiner Innung vorlegen, so heißt das doch wohl, was du mit den anderen Luden gegründet hast, nicht wahr?«

Die Innung war dazu da, den Dirnen auch dann das Geld aus der Tasche zu ziehen, wenn sie keinen eigenen Luden hatten. Dann mussten sie der Innung jeden Tag eine bestimmte Summe zahlen. Die Innung ließ aber auch mit sich reden, gegen ein bestimmtes Entgelt konnten sich sogar Mädchen freikaufen.

Marek lächelte. So oder so bekam er also sein Geld.

»Ich gebe dir ein Jahr, dann sehen wir weiter.«

Deike hatte nur genickt. Dann hatte sie angefangen. Zuerst einmal hatte sie mit den Mädchen gesprochen. Diese hatten es anfangs nicht glauben können, dass sie vor ihren Luden geschützt waren, solange sie sich im Haus an der Ecke befanden.

»Ich ziehe das Geld ein. Täglich! Und wenn ich euch einen guten Rat geben darf, gebt mir auch das übrige Geld! Ich lege es für euch zinsgünstig an. Ihr habt dann später einen hübschen Batzen Geld, wenn ihr mal aussteigen wollt.«

Die Mädchen waren baff. Sollten sie der Neuen trauen? Hatte sie etwas Gemeines vor, oder war sie wirklich auf ihrer Seite? Bloß ein paar neue Tapeten machten noch keine neue Moral. Als Deike aber dann lächelnd sagte: »Ich habe hier einen Zehnjahresvertrag. Die Luden werden sich noch mächtig darüber ärgern. Ihr habt in Zukunft das Sagen. Wir müssen nur zusammenhalten. Wenn ihr macht, was ich euch beibringe, dann werdet ihr später alle ein dickes Bankkonto haben.«

Tina war damals die Sprecherin der Mädchen gewesen.

»Versuchen wir es doch mal! Wir können uns noch immer anders entscheiden. Ich finde Deikes Vorschlag nicht schlecht. Ich bin froh, dass ich keinen Luden mehr durchfüttern muss. Die Beträge der Innung liegen niedriger, und vor allen Dingen, man hat seine Ruhe.«

Sie waren sich einig. Jeden Monat legte Deike die Konten der Mädchen vor, und sie begriffen, dass sie in der Tat jetzt viel mehr Geld für sich behielten. Vor allen Dingen wurden sie dadurch auch zum Sparen angeregt.

Dann wurde Ida als Köchin eingestellt. Sie war der Glückstreffer für die Mädchen. Sie schimpfte und schrie zwar ständig, doch das war alles nur Mache. Sie war selbst einmal Dirne gewesen und hatte schon ganz unten in der Gosse gelegen, als sie die Chance bekam, die Mädchen zu bekochen.

Deike wie Ida wussten aus eigener Erfahrung, was man als Dirne brauchte, um glücklich zu sein. Sie gaben es den Mädchen, sie machten ein Heim aus dem Haus an der Ecke. Es wurde immer prachtvoller und schöner. Die Mädchen lernten viel von Deike, und bald stellten sich die ersten reichen Kunden ein. Diese wollten fast immer dasselbe Mädchen haben. So kamen die Tüllen zu ihren Stammkunden. Dass sie jetzt täglich so ihren Tausender im Schnitt machten, war an der Tagesordnung. So stieg das Haus an der Ecke im Ansehen immer mehr.

Längst begriffen die Luden, dass sie mit dem Vertrag vorschnell gewesen waren. Marek war glücklich. Er hatte sich in Deike nicht getäuscht. Sie machte ihn durch das Haus an der Ecke sozusagen berühmt. Früher war sie mal seine Tülle gewesen, dann hatten sie sich eine Weile aus den Augen verloren. Nun waren sie geschäftlich wieder zusammengekommen. Jetzt waren sie seit Jahren schon ein Paar. Ida sowie Mareks achtzigjährige Mutter wollten, dass die beiden heiraten sollten. Übrigens wollten das auch die Mädchen im Haus an der Ecke.

Deike hatte oft einen Rückzieher gemacht. Doch dann hatte sie endlich eingesehen, dass sie sich entscheiden musste. Vor allen Dingen wollte sie endlich ein Ziel vor Augen haben, einen Menschen, für den es sich lohnte weiterzumachen.

Dieses Ziel war Walter.

Er war jetzt fünfzehn Jahre alt und sollte von ihnen adoptiert werden. Dazu mussten sie aber erst einmal verheiratet sein. Das hatten sie auch in die Wege geleitet, doch immer wieder war etwas dazwischengekommen.

Das letzte Mal hatte man Marek entführt. Zum Glück war alles noch gut ausgegangen. Für Marek, aber nicht für Mariann, seine Tochter. Er hatte all die Jahre nicht gewusst, dass er eine Tochter hatte. Erst als es zu spät war, durfte er sie kennenlernen. So grotesk es war, bei ihrer verkommenen Mutter und dem schrecklichen Stiefvater war Mariann ein anständiges Mädchen geblieben. Mit ihren siebzehn Jahren hatte sie noch nichts mit Männern gehabt. Sie wollte es auch nicht. Als sie dann Marek, ihren Vater, kennenlernte, hatte sie es abgelehnt, mit ihm zu gehen. Sie wollte sein Geld nicht. Marek hatte das anfangs nicht verstanden, bis sie ihm erklärte, sie könne nicht von Sündengeld leben.

Ihr Fehler, dass sie zu anständig war! Sie hatte auch nicht gewollt, dass Ottokar, ihr Stiefvater, Marek erpresste. Er sollte ihn freilassen. Als dieser ablehnte, sagte sie ruhig: »Dann gehe ich zur Polizei!«

Das war das Letzte, was sie sagen konnte. Danach war sie tot. Ihr eigener Stiefvater hatte sie umgebracht. Marek war frei und trauerte um seine Tochter. Als Deike die ganze Tragödie erfuhr, war sie tief erschüttert.

Jetzt konnte sie die Hochzeit nicht mehr hinauszögern. Sie sollte nun in einer Woche stattfinden.

Das war der Grund dafür, dass heute die Mädchen auf der Rampe tanzten. Viele Feste hatte das Haus an der Ecke schon erlebt. Dieses sollte aber die Krönung werden.

In diesem Augenblick kam Charly in den Hof. Er verscheuchte die kleinen Dirnen aus dem Torbogen.

»Geht wieder an die Arbeit! Los schon! Draußen warten die Freier. Sonst gehen sie zur Konkurrenz.«

Charly tauchte im Kontakthof auf und amüsierte sich über die tanzenden Mädchen.

»Wie mir scheint, ist die Katze aus dem Haus«, sagte er.

Peggy lachte auf.

»Meinst du vielleicht Ida?«, fragte sie.

»Natürlich! Wen denn sonst? Wenn sie erfährt, dass hier nicht gearbeitet wird, dann bekommt ihr kein Mittagessen.«

»Siehst du hier etwa einen Mann?«

»Ich bin doch einer«, sagte Charly.

Kony beugte sich zu ihm herunter.

»Willst du damit vielleicht sagen, dass du als Kunde gekommen bist?«

Er strahlte sie an. Schließlich war sie ein netter Käfer und er ein Mann in den besten Jahren.

»Warum nicht? Wenn ich einen Sonderrabatt bekomme?«

»Das Armutszeugnis wirst du dir wohl nicht ausstellen«, scherzte Kony.

»Wieso? Ich bin doch euer Freund. Was habe ich in den letzten Jahren nicht alles für euch getan!«

Eva-Maria kam näher und sagte: »Eigentlich hat er recht. Meinst du nicht, dass wir uns bei ihm gut einschreiben müssen? Schließlich ist er immer eingesprungen, wenn Ida mal ausfiel.«

Kony wandte sich an Eva-Maria und sagte: »Nun, dann mach du es doch! Ich trete ihn dir gerne ab. Bitte! Du hast doch im Augenblick nichts zu tun.«

Eva lachte leise auf und rief: »Für so bescheuert darfst du mich nun auch wieder nicht halten. Er hat dich angesprochen. Es gibt bei uns die Regel, dass man anderen Mädchen keinen Kunden abspenstig machen darf.«

»Es sei denn, der Kunde will ein anderes Mädchen«, fauchte Kony wütend.

O je, dachte Charly, der Wirt. Jetzt habe ich was angerichtet! Wenn sich die Mädchen meinetwegen in den Haaren liegen und Ida das erfährt, dann zerdeppert sie mir mein ganzes Geschirr. Hastig sagte er: »Ich habe im Augenblick ohnehin keine Zeit. War doch nur eine Frage. Keine Panik, Mädels! Ehrlich, ich muss mich jetzt wieder auf die Strümpfe machen.«

Kony und Eva-Maria hörten schlagartig auf, sich zu beschimpfen.

»Und warum bist du überhaupt gekommen?«, fragte Kony.

»Ich wollte mit Ida reden. Aber wie ich höre, sie ist nicht da. Ich kann später wiederkommen.«

Anita kam jetzt näher und fragte: »Seit wann bist du ein Herzensfreund von Ida? Wenn mich nicht alles täuscht, zankt ihr euch sonst ständig. Ist jetzt vielleicht Waffenstillstand zwischen euch?«

»Herrje! Ich bin doch bloß hier wegen der Hochzeit und dem Polterabend!«

»Wegen Deikes Hochzeit mit Marek?«

»Heiratet denn in nächster Zeit noch jemand?«, fragte der Wirt erbost.

»Nein, natürlich nicht! Aber hör mal, Charly, was willst du denn mit Ida besprechen? Schließlich hängen wir doch auch mit drin. Du kannst dich ruhig bei uns ausquatschen. Komm auf die Rampe! Ich hole auch einen Stuhl für dich.«

Plötzlich waren sie alle wieder die lieben, netten Mädchen. So kannte Charly sie. Er grinste. »Nee, lieber nicht. Wenn ich da oben bin und plötzlich ein Kunde auftaucht, dann bin ich vielleicht eine Gefahr für euch.«

»Meinst du, du schlägst die Kunden in die Flucht?«

»Nee, der Kunde könnte sich vielleicht für mich entscheiden«, rief der Wirt lachend aus.

Die Mädchen brachen in schallendes Gelächter aus.

»Das wäre gar nicht mal so schlecht. Machen wir mal etwas ganz anderes! Frauen und Männer zusammen auf der Rampe, für jeden etwas!«

»Geh«, rief Charly aus. »Das klappt nie!«

»Warum nicht? Hast du vielleicht keinen Mumm in den Knochen?«

»Sein angetrautes Weib wird ihn nicht lassen«, sagte Kony. »Die hat doch daheim die Hosen an.«

Charly schüttelte den Kopf.

»Das meine ich nicht. Aber wo sollen denn Kundinnen herkommen, wenn hier für Frauen Sperrgebiet ist?«

Die Tüllen blickten sich an.

»Er hat recht!«

Kony wollte von ihrem wundervollen Plan noch nicht lassen und sagte: »Aber hier laufen doch massenweise Weiber herum.«

»Tüllen und Dirnchen«, brummte Charly.

»Eben! Vielleicht haben die auch mal Sehnsucht nach einem feschen Mannsbild.«

Charly fühlte jetzt langsam, wie ihm der Boden unter den Füßen zu heiß wurde.

»Ich muss jetzt wirklich weiter. Ich habe noch im Großmarkt zu tun. Sagt Ida, dass ich sie unbedingt sprechen muss!«

»Machen wir! Nichts für ungut! Wir denken weiter über das Problem nach, Charly.«

 

 

2

Kony drehte sich wieder nach der Musik, doch dann blieb sie stehen und sah die Kolleginnen auf der Rampe an.

»Haben wir eigentlich eine Idee?«, fragte sie.

»Wegen der Hochzeit? Wir wollten doch Spalier stehen und so was«, sagte Eva-Maria.

»Mensch, wir brauchen noch ein paar zündende Ideen für den Polterabend!«

»Du meine Güte! Muss das sein?«

»Aber sicher! Und ich sage euch, wir haben verdammt wenig Zeit. Außerdem darf Deike vorher nichts ahnen. Was sollen wir also tun?«

»Großer Gott, woher soll ich das wissen?«, maulte Eva-Maria. »Ich habe schon eine Ewigkeit keinen Polterabend mehr mitgemacht.«

»Wir müssen einen Klapperstorch auf dem Dach aufstellen«, schlug Anita vor.

»Bist du verrückt?«, keuchte Kony. »Willst du Deike das Herz brechen?«

»Verdammt, daran habe ich gar nicht gedacht! Also ist das gestrichen!«

»Ich glaube, wir haben eine verdammt schwere Aufgabe vor uns. Na, dann müssen wir mal alle zusammentrommeln und Kriegsrat halten. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn uns nichts einfiele.«

Die Mädchen waren jetzt beschäftigt. Und dann tauchten auch endlich ein paar Kunden auf, unter anderem ein paar Stammkunden, und Anton. Carmen war richtig happy, als sie Anton sah.

»He, du hast dich ja gar nicht angemeldet!«, rief sie ihm zu.

Anton war groß und gewichtig. Er hatte ein sehr rotes Gesicht, aber sehr lustige und freundliche Augen.

»Ist das schlimm? Wenn du im Augenblick keine Zeit für mich hast, werde ich halt warten.«

»Nein, nein, ich habe Zeit! Du hast wirklich Glück, mein Lieber! Komm nur, ich bin ja so froh, dich zu sehen! Du bist schließlich mein Lieblingskunde!«

Die anderen Mädchen strahlten ihn auch an.

»Hast du uns wieder etwas mitgebracht?«, fragten sie und starrten auf die umfangreiche Aktentasche.

»Wie könnte ich meine Mädchen vergessen«, sagte Anton. »Ich habe euch natürlich etwas mitgebracht.«

Er hatte schon die Rampe bestiegen. Die anderen Männer waren direkt ein wenig neidisch, als sie sahen, wie herzlich der Mann aufgenommen wurde.

Ein neuer Kunde fragte Kony: »Was muss man hier tun, um so nett empfangen zu werden?«

Kony blickte ihn kurz an und antwortete: »Auch nett sein!«

»Bin ich das denn nicht?«, fragte der Freier.

»Bis jetzt hast du nur dagestanden und mich angeglotzt. Wenn du das nett findest?«

»Kann man das nicht ändern?«

»Aber natürlich! Was willst du denn anlegen?«

»Geht ihr immer so direkt vor?«

»Nicht immer. Aber ich denke, du willst keine Zeit verlieren. Ich zumindest habe nicht viel Zeit.«

»Das soll ich glauben? Du stehst doch hier auf Kundenfang.«

Kony blickte ihn kühl an.

»Siehst du? Solche Sprüche machen dich ganz bestimmt nicht beliebt. Wir müssen nicht mit Kunden pennen, die wir nicht mögen. Wir können uns unsere Freier in aller Gemütlichkeit aussuchen.«

Der Mann glaubte, er würde hinters Licht geführt. Er fühlte sich sehr sicher.

»Das kannst du einem Opa vom Lande erzählen. Der wird es dir sofort glauben.« Ihm gefiel das Mädchen außerordentlich. Er hatte sich gleich zu Anfang, als er in den Kontakthof gekommen war, vorgenommen, mit ihr ins Bett zu gehen. Er hatte seine ganz bestimmten Vorstellungen. Kony oder keine! Doch er wollte sie noch ein wenig zappeln lassen. Er war halt sadistisch veranlagt. Er hatte es gerne, wenn die Mädchen um ihn buhlten, ihn begehrten. Schließlich hatte er Geld genug, um sich jede leisten zu können.

Kony blickte ihn einmal scharf an. Sie war eine sehr gute Dirne und hatte eine ausgezeichnete Menschenkenntnis. Sie durchschaute ihn sofort. Mit mir nicht, dachte sie. Dich werde ich weichkochen. Du wirst nie mehr die Nase so hoch tragen, wenn du zu uns kommst. Dir werde ich sofort deinen Giftzahn ziehen.

Laut sagte sie: »Dann werde glücklich! Ich habe keine Zeit und keine Lust.« Schon stöckelte sie davon.

Dem Mann blieb die Spucke weg.

»He! Wir haben ja noch gar nicht zu Ende gehandelt! Was ist das für eine Art?«

Kony drehte sich um und warf ihm einen verächtlichen Blick zu.

»Ich schon! Ich handle nicht mehr mit dir. Ich habe es dir doch gesagt, ich lasse mich nur mit netten Kunden ein. Such dir eine andere Tülle! Hier wirst du schwerlich ein Mädchen finden. Es gibt ja noch genug im Sperrgebiet.«

»Ich will dich!«, keuchte der Mann. Langsam kam er in Fahrt und wollte jetzt unbedingt mit ihr nach oben gehen.

Kony schüttelte den Kopf.

»Tut mir leid, Kleiner! Du hast heute einen schlechten Tag erwischt. Solche wie dich kann ich einfach nicht ausstehen. Also verzieh dich!«

Der Mann merkte nicht mal den scharfen Unterton in ihrer Stimme. Er hielt alles für eine Masche. Er begriff langsam, wie sich die Frauen fühlen mussten, die er immer hatte zappeln lassen. Jetzt war er an seine Meisterin geraten. Draußen in den Straßen waren Dirnen, die überleben mussten. Sie mussten jeden Kunden nehmen, nur damit ihr Soll stimmte. Die Mädchen im Haus an der Ecke brauchten das schon viele Jahre nicht mehr.

Natürlich bemerkten jetzt die anderen Mädchen auf der Rampe auch den Ärger und wollten wissen, was denn los sei. Kony sagte es mit ein paar Sätzen. Schon richteten sich alle Mädchen gegen ihn.

»Verschwinde!«, riefen sie ihm wütend zu.

Der Mann war reich und nicht daran gewöhnt, dass nicht alles nach seiner Nase ging. Er konnte und wollte dieses Nein einfach nicht akzeptieren. Außerdem stand er bereits in hellen Flammen.

»Ich bin ein Kunde wie alle anderen hier. Ich kann mir jede Nutte leisten. Ich will jetzt endlich mit der da«, und er zeigte auf Kony. »Ist das so schwer zu verstehen?«

»Nein, das ist nicht schwer zu verstehen. Leider will Kony nicht«, mischte sich Eva-Maria ein. »Du hast wohl Bohnen in den Ohren, dass du das nicht kapieren willst.«

Die anderen Männer im Hof amüsierten sich. Es kam selten vor, dass die Eckhausmäuschen Ärger machten. Aber sie begriffen sofort, dass hier ganz besondere Mädchen waren. Sie mussten ganz anders behandelt werden. Am Ende stand der Freier allein da. Alles richtete sich gegen ihn. Jeder Kunde hoffte inbrünstig, dieser blöde Kerl würde nicht angenommen werden. Die Mädchen sollten ja standhalten.

Oder machte das vielleicht die berühmte Masche aus? War es das? Machte man die Männer deshalb heiß und aufsässig, dass man sie anschließend genüsslich abkochen konnte? Machte das den Erfolg dieser Mädchen aus?

Gespannt wartete man jetzt auf das Ende der Diskussion. Ein paar wollten schon Wetten abschließen, wer am Ende schwach werden würde: der Mann, weil er freiwillig das Feld räumte, oder eins der Mädchen, das den reichen Macker doch noch zu sich aufs Zimmer nahm.

Für die Mädchen auf der Rampe war das ganz normaler Alltag. Sie waren sehr gut eingespielt. Was die Kerle da unten im Hof nicht wissen konnten, wenn ein Mädchen mal nein gesagt hatte, dann blieb sie auch dabei. Das machte ihre Berühmtheit mit aus, dass sie gute Dirnen waren, und dass sie keine krummen Wege gingen.

Der Mann beging jetzt einen groben Fehler. Er glaubte, es sei alles noch neckisches Spiel.

Mit einem Satz war er oben auf der Rampe. So schnell er oben war, so schnell war er auch wieder unten. Die Mädchen schubsten ihn einfach herunter. Jetzt lag er wie ein Maikäfer auf dem Rücken und war gar nicht mehr guter. Laune, weil ihn die anderen Männer auch noch auslachten.

»Tja, damit hast du Geldsack wohl nicht gerechnet, was?«

Sie klatschten den Mädchen Beifall.

»Herrlich! Toll! Dem habt ihr es aber gegeben!«

Der Mann sprang wieder auf die Beine. Er war knallrot im Gesicht und teuflisch wütend.

»Das macht ihr nicht noch einmal mit mir! Da kann ich sehr böse werden!«

»Wir auch«, riefen die Mädchen. »Wir auch!«

Der Mann glaubte noch immer nicht, dass er den Kürzeren ziehen musste. Er verstand die Welt nicht mehr. Er, der sonst über viele hundert Arbeiter bestimmte, die alle vor ihm buckelten, er war es gewöhnt, seinen Willen zu bekommen. Auch daheim bei Frau und Kindern kuschten alle letztendlich vor ihm.

»Das wollen wir doch mal sehen! Jetzt mag ich das Spielchen nicht mehr. Ich will jetzt endlich mit raufgenommen werden! Ich bin so freundlich und vergesse alles, ja? Jetzt lachen wir darüber, und dann haben wir unseren Spaß.«

Er starrte Kony an, glaubte in diesen Sekunden, sie würde ihm ein Lächeln zuwerfen, sich besiegt zeigen. Er hatte sich sogar vorgenommen, ihr ein großzügiges Trinkgeld zu geben. Vielleicht konnte sie seine Nutte für die Zukunft werden. Er spürte ein aufregendes Prickeln im Blut. Er hatte seine Meisterin gefunden. Das waren ganz neue Erlebnisse, die wollte er voll auskosten.

Kony lehnte lässig an der Wand und steckte sich eine Zigarette an. Sie sah ihn an, als sei er schäbiges Gewürm, das man nur zertreten konnte.

Der Mann war einfach sprachlos. Er umklammerte mit seinen Händen die Rampe und blickte zu ihr empor. Eva-Maria und Dorle kicherten und fragten: »Sollen wir Fritzchen holen? Der wird ihm vielleicht noch ein Loch in die Hose beißen, dann wird er endlich verschwinden.«

Fritzchen war Eva-Marias Bobtail, ein unmöglich fauler und verfressener Hund. Er tat keiner Fliege etwas zuleide. Doch durch seine Größe imponierte er.

Die Mädchen lachten.

»Das ist wirklich keine schlechte Idee!«

»Was?«, keuchte der Mann. »Was wollt ihr?«

»Unseren Wachhund holen! Wir geben dir jetzt einen guten Rat: Du verschwindest auf der Stelle, oder wir rufen ihn. Dann können wir ihn aber nicht mehr zurückpfeifen. Ist das begriffen worden?«

Endlich hatte er verstanden. Er wusste, wenn er jetzt noch blieb, würde er sich nur lächerlich machen. Langsam zog er seine Jacke zurecht und warf ihnen böse Blicke zu.

»Das werdet ihr noch bereuen!«, drohte er.

»Ach ja?«, fragte Dorle. »Ich zittere schon vor Angst. Du willst dich also rächen?«

»Ich weiß mich in der Tat zu rächen. Ihr werdet noch euer blaues Wunder erleben!«

»Wie denn?«, fragte Kony provozierend. Sie kam näher und sah ihn starr an. »Wie willst du dich rächen?«

»Ich kenne den Großluden persönlich. Ihm werde ich alles erzählen, er wird euch schon die Flötentöne beibringen.« Er glaubte, dass die Mädchen jetzt unsicher würden. Vielleicht war doch noch etwas zu retten. Hatten Dirnen nicht immer Angst vor ihren Zuhältern? Und dann noch vor einem Großluden!

Natürlich kannte er Marek nicht. Für die Mädchen im Haus an der Ecke war das ein uraltes Spiel. Viele prahlten damit, den Großluden zu kennen. Deshalb lächelten sie nur abfällig, und Kony rief: »Du wirst es nicht glauben, ich kenne ihn auch!«

»Na, dann weißt du ja, was dir blühen wird.«

Sie brach in schallendes Gelächter aus.

»Mir? Dir, mein Lieber! Dir, mein Lieber! Möchtest du, dass ich ihn sofort rufe? Du kennst ihn doch so gut. Dann könnt ihr doch ein Plauderstündchen halten. Warte einen Augenblick, ich gehe und rufe ihn an! Er kann in zehn Minuten hier sein. Er soll dann entscheiden. Warum hast du nicht gleich gesagt, dass du ihn kennst? Dann hätte ich mich doch ganz anders verhalten.«

Dem Mann wurden die Hosen nass vor Angst.

»Können wir nicht einfach alles vergessen? Wir sind uns doch einig geworden. Was brauchen wir da den Großluden? Er wird nur ärgerlich auf dich sein. Ich vergesse alles und werde es ihm auch nicht sagen. Jeder kann mal einen schlechten Tag haben. Ist alles vergessen?« Er blickte sich triumphierend um, und die Männer hinter ihm starrten ihn ehrfürchtig an. Wer kannte schon einen Großluden persönlich? Vielleicht war der Kerl ein Spitzel oder ein hohes Tier.

Er glaubte tatsächlich, die Mädchen kirre bekommen zu haben. Als er sich wieder zur Rampe drehte, war Kony schon an der Tür. Wieder sprang er auf die Rampe und wollte ihr ins Haus folgen. Sie stieß ihn erneut zurück.

»Warte hier!«, befahl sie.

»Worauf denn jetzt noch?«, fragte er kleinlaut.

»Auf den Großluden! Ich rufe ihn an. Die paar Minuten wirst du ja wohl nicht platzen!«

Nein, platzen würde er nicht, aber jetzt stand die nackte Angst in seinen Augen. Kony ging lässigen Schrittes ins Haus an der Ecke. Der Kunde war wie ein geölter Blitz von der Rampe gesprungen, und weg war er! Er hörte noch lange das hämische Lachen der anderen Freier.

Kony drehte sich um.

»Ist er verschwunden?«, fragte sie.

»Natürlich!«

Sie kam wieder auf die Rampe und wurde von starkem Beifall empfangen.

»Dem hast du es aber gegeben! Sind wir froh, dass dieser Widerling verschwunden ist. Der hat hier im Eckhaus nichts zu suchen. Das war ja eine Schmeißfliege ersten Ranges!«

Eva-Maria sagte leise zu Kony: »Musste das denn sein?«

»Der ist doch gleich kotzig geworden. Dem musste ich einfach eine Lehre erteilen.«

»Der wird jetzt nicht mehr wiederkommen.«

»Ich hoffe es inbrünstig.«

 

 

3

Carmen und Anton hatten den Ärger nicht mitbekommen. Sie waren kurz vorher nach oben gegangen. Carmen strahlte ihren Stammfreier an, Anton lächelte vergnügt.

»Mein Mädchen, nun machen wir uns mal ein schönes Stündchen.«

»Wie immer?«, fragte Carmen.

»Wie immer!«

Anton war Metzgermeister und besaß ein großes Geschäft in der Innenstadt. Wenn er die Mädchen besuchen ging, brachte er immer ein paar seiner Würste mit. Die Mädchen freuten sich immer riesig. Die Würste waren nach einem alten Rezept hergestellt. In anderen Geschäften konnte man so etwas nicht kaufen.

Anton packte also seine Würste aus, und Carmen sog den Duft ein und strich ihm über die Schulter.

»Dass du immer daran denkst, ist wirklich eine Wucht, ehrlich!«

»Ich kann doch meine Mädels nicht verhungern lassen. Außerdem habt ihr so wenig Speck auf den Rippen. Es wird langsam Zeit, dass ihr ein wenig zunehmt.«

Carmen lachte.

»Du bist gut! Wir passen höllisch auf, dass wir so schlank bleiben.«

»Warum das denn?«

»Weil die Kunden das so wollen«, sagte sie kichernd.

Anton schüttelte erstaunt den Kopf.

»Ich verstehe das nicht. Ein wenig Speck auf den Rippen macht doch die Liebe viel schöner. Ehrlich, Carmen! Du solltest mal darüber nachdenken. Vielleicht bekommst du dann noch mehr Stammkunden.«

»Woher denn?«

Er lachte vergnügt: »Ich bin doch der Präsident unserer Innung. Ich würde sie dir schicken. Die Jungs würden mich direkt für die nächsten fünfzig Jahre wählen, wenn ich das tun würde.«

Carmen gab ihm einen Kuss.

»Ich werde darüber nachdenken. Wieviel sind es denn?«

»So an die dreihundert ...«

Carmen bekam kugelrunde Augen. Tülle für die Metzgerinnung werden, vielleicht war das gar nicht schlecht.

»Ich werde mal mit den anderen Mädchen reden«, sagte sie lachend.

»Tu das, mein Mädchen! Es soll euer Schaden nicht sein.«

»Sollen wir jetzt nicht mal lieber zur Sache kommen, Anton? Du weißt ja, auch bei uns ist Zeit Geld.«

»Aber sicher, sicher! Dann wollen wir doch mal!«

Carmen machte Anton glücklich, und dieser spendierte ihr ein großzügiges Trinkgeld zusätzlich zu dem Honorar. Danach brachte sie ihn nach unten an die Rampe und verabschiedete sich herzlich.

»Komm bald wieder!«, bat sie mit schmachtendem Augenaufschlag.

Er winkte ihr fröhlich.

»Sicher, mein Schatz! Sicher werde ich das tun. Darauf kannst du dich verlassen!«

 

 

4

Ida und Deike Borg erschienen zufällig zur gleichen Zeit im Haus an der Ecke. Ida war immer glücklich, wenn sie Deike bei sich hatte. Dann gab sie sich immer besonders viel Mühe mit dem Essen. Sie wusste, wie wichtig es war, dass Deike gesunde Kost zu sich nahm. Sie wollte ja nicht, dass Deikes Krankheit wieder ausbrach.

Ida sagte: »Wir können in einer Stunde essen. Ich gehe jetzt sofort in die Küche.«

»Ich muss mich mal wieder über die Buchführung hermachen«, seufzte Deike. »Zum Glück hört das bald auf. Das ist ein Vorteil, wenn ich verheiratet bin«, setzte sie fröhlich hinzu.

Die Mädchen auf der Rampe hörten den Satz und riefen lachend: »Du musst dir wohl Mut machen, was?«

»Und wie! Sagt das aber nicht Marek!«

»Natürlich nicht! Wo denkst du hin?«

Ida ging zum Kühlschrank. Zuerst musste sie sich um die Fleischgerichte kümmern. Sie brauchten schließlich am längsten.

Wie lang wurde ihr Gesicht, als sie nicht den gekauften Putenbraten vor sich sah. Ida glaubte, sie sei nicht mehr ganz normal, wusste sie doch, dass sie vor drei Stunden das Putenfleisch hineingelegt hatte. Gleich sauste sie zu Deike und schimpfte mal wieder mordsmäßig.

O je, dachte Deike, nicht schon wieder! Früher einmal hatte Ida den Großluden verdächtigt, ihr Fleisch geklaut zu haben, dabei war es der unmögliche Hund gewesen.

Deike brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, dass ihr kein neuer Diebstahl gemeldet wurde, sondern die seltsame Verwandlung eines Fleischstückes.

Details

Seiten
89
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934496
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v507646
Schlagworte
schicksale haus ecke polterabend

Autor

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Titel: Schicksale im Haus an der Ecke #25: Der Polterabend