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Der Baron #12: Gib Gas oder stirb!

2019 134 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Baron #12: Gib Gas oder stirb!

Copyright

Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

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Der Baron #12: Gib Gas oder stirb!

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 134 Taschenbuchseiten.

 

Die beiden Männer hatten Filme im Lastwagen; Filme, die Beweismaterial waren gegen skrupellose Gangster. Und die Gangster wollten diese Filme haben – mit allen Mitteln. Für die beiden Männer blieb nur: Gas geben oder sterben …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

Alexander von Strehlitz, genannt der „Baron“, 38 Jahre, 1,88 m groß, dunkelhaarig, gut aussehend, schlank und muskulös, sehr sportlich, abgeschlossenes Zoologiestudium, Hobbysegler und Hochseeschiffer mit Kapitänspatent für große Fahrt, bekannter Schriftsteller von Reiseberichten und Expeditionserlebnissen, Leiter von verschiedenen Expeditionen in Afrika und Südamerika, in Übersee durch seine Goodwillreisen zugunsten unterentwickelter Gebiete in Südamerika bekannt geworden, Sieger vom Indianapolis-Rennen für schwere Tourenwagen 1969, ebenso bekannt in Monte Carlo und der Jet-Society als brillanter Pokerspieler und Gesellschafter. Frauen vergöttern ihn, Männer schätzen ihn als prächtigen Partner und umsichtigen Leiter oft abenteuerlicher Unternehmungen.

Robert Burton, der Sekretär des Barons, 35 Jahre alt, 1,70 m groß, spärliches dunkelblondes Haar, korpulent, Brillenträger, gelernter Bankkaufmann, ein Mathematiker aus Passion, spricht sieben Fremdsprachen und hat ein fabelhaftes Gedächtnis, viel Sinn für Statistiken und Daten. Robert arbeitet seit Jahren für den Baron und weiß über dessen Finanzen besser Bescheid als der Baron selbst. Hat die Eigenart, immer dann französisch mit dem Baron zu sprechen, wenn es um Geldfragen geht.

Michel Dupont, genannt „Le Beau“, 28 Jahre alt, 1,75 m groß, drahtiger durchtrainierter Mann mit dunklem Haar, kantigem, nicht sehr schönem Gesicht mit zerschlagener Nase. Seit vielen Jahren dem Baron ein treuer Freund und Begleiter auf vielen abenteuerlichen Reisen. Le Beau ist gebürtiger Franzose, sehr leidenschaftlich, liebt Frauen und gutes Essen und Trinken, ist leicht zu erregen, ein ausgezeichneter Karatekämpfer, Motorbootfahrer aus Leidenschaft und begeisterter Reiter. Außer Frauen und Pferden liebt er auch rasante Wagen. Er ist gelernter Motorenschlosser und Flugzeugmechaniker.

James Morris, der Chauffeur des Barons, 3 Jahre alt, 1,94 m groß, sehr stark und breit, wiegt über zwei Zentner, Stirnglatze, sonst struppiges, dunkelblondes Haar, breites Gesicht mit Stupsnase. James war früher Artist, nämlich Untermann einer menschlichen Pyramide. Nach einer Knöchelverletzung verlor er sein Engagement und geriet in schlechte Kreise. Der Baron holte ihn gegen Kaution aus einem Lissaboner Untersuchungsgefängnis und fand in James den treuesten Anhänger, den ein Mensch sich denken kann. Wo James hinschlägt, blüht keine Blume mehr, aber gleichzeitig hat der Hüne ein friedliches gutartiges Gemüt, tut für den Baron alles, aber dass der Baron einen so mäßigen Autofahrer wie ihn zum Chauffeur gemacht hat, begreift James selbst nicht.

Das also sind der BARON und seine Freunde ROBERT, LE BEAU und JAMES. Ein echter und draufgängerischer Mann und seine Freunde. Ihr Feld ist die Welt, heute sind sie reich, morgen haben sie keinen roten Heller, und immer sind sie bereit, dem Teufel auf den Schwanz zu treten, wenn es gilt, anderen zu helfen, die in Bedrängnis sind. Keiner von ihnen ist ein Tugendbold, aber wenn die Lage es erfordert, halten sie eiserne Disziplin. Sie sind vier knallharte Männer, und für manch einen sind sie die letzte Hoffnung. Sie lieben das Abenteuer, sie lieben das Leben. Ob im Orkan auf See, im dampfend heißen Urwald oder auf schillerndem Parkett des Casinos von Monte Carlo, sie sind überall zu Hause. Es gibt Zeiten, da trinken sie Sekt und essen Kaviar, und es gibt Situationen, da teilen sie sich den letzten Tropfen lauwarmen und brackigen Wassers und kauen auf harter Brotrinde. Und immer bleiben sie Kameraden und halten zusammen … der Baron und seine Crew.

 

 

 

1

„Die nächste Straße links!“, keuchte Inspektor Barry. „Los, treten Sie drauf, Mann, der klebt ja schon hinten dran!

„Nur die Ruhe!“, knurrte Le Beau, stoppte den Sechstonner kurz ab, riss das Steuer des Lastwagens herum, und trat wieder aufs Pedal. Der Wagen hatte einen Petroleummotor, keinen Diesel, und so reagierte er bedeutend rascher auf Le Beaus rechte Fußbewegung. Der Motor ließ seine zweihundert Pferde aufbrüllen, die Reifen schrien, und der Wagen donnerte in eine enge Gasse hinein, an deren Hauswänden das Donnern des Motors mit infernalischem Getöse widerhallte.

Barry spähte durch das kleine Fenster hinten in der Fahrerkabine. Er konnte über die kofferartigen Kisten hinweg, die auf der Pritsche lagen, den Wagen sehen, der hinter ihnen fuhr. Er war gerade um die Ecke gebogen.

„Los, Barry, jagen Sie ihm eins vor seine freche Schnauze!“, rief Le Beau.

„Wir sind in bewohntem Gebiet!“

„Mensch, der schießt doch auch! Nun ballern Sie schon, Mann!“

Der Wagen, der ihnen folgte, ein Pkw, war dunkelgrün. Ein Jaguar, Limousine, mit Londoner Kennzeichen.

Hinten beugte sich jemand aus dem Seitenfenster.

Barry, der es sah, rief: „Sie holen diese verdammte Bazooka wieder heraus.“

„Wie nahe ist er?“, fragte Le Beau, der wegen des zerschossenen rechten Rückspiegels den Wagen hinten nicht sehen konnte. Und links im Spiegel sah er ihn auch nicht, weil der Jaguar viel schmaler war als der Truck.

„Sechs, sieben Yards.“

Le Beau schrie: „Festhalten!“ Dann sprang er auf die Bremse. Der Lastwagen radierte mit brüllenden Pneus über das Pflaster. Hinten kreischten ebenfalls Reifen, dann tat es einen Schlag.

„Na bitte!“, keuchte Le Beau, aber der Triumph währte nur eine knappe Sekunde. Als er wieder nach vorn blickte, sah er den Lieferwagen. Und der stand gut fünfzig Meter vorn in der Gasse. Oben auf dem Dach befand sich ein Dreibeingestell. Ein Mann stand dahinter wie ein Fotograf mit seinem Stativ. Hier war aber keine Kamera drauf, sondern ein ganz simples Maschinengewehr. Und gerade als Le Beau den Mann, sein Auto und seine Waffe erkannt hatte, blitzte es dort schon auf.

„Runter“, schrie Le Beau und riss Barry, diesen rotschopfigen Polizisten, vom Sitz. Sie rannten sich beide die Köpfe ein, aber sie spürten es nur im Unterbewusstsein, denn über ihnen wurde jetzt die Windschutzscheibe zersiebt.

Wieder ratterte eine Salve in den Wagen, diesmal tiefer. Und gleichzeitig hörte Le Beau jemanden rennen. Die Schritte, die das Pflaster hämmerten, kamen näher.

Der Motor des Lastwagens lief noch, unbeschadet der Schüsse, aber irgendwo zischte Dampf. Der Kühler, dachte Le Beau. Dann handelte er.

Ohne sich aufzurichten, trat er die Kupplung herunter, schob den Gang ein, gab Gas und fuhr blindlings los. So schien es, aber er sah doch etwas, wenn auch nur einen Spalt von der Straße und den Wagen, auf dem der MG-Schütze mit seiner Waffe stand. Le Beau spähte durch die Lüftungsklappe, die geöffnet war. Und jetzt wollte der Mann auf dem Lieferwagen verzweifelt eine neue Schussserie abgeben, doch der Lastwagen raste so schnell heran, dass dem Manne angst und bange wurde. Er sprang vom Lieferwagendach, ließ das MG, wo es war, und rannte weg. Da rammte der Lastwagen schon den Lieferwagen, stieß mit ihm zusammen, und Le Beau gab immer noch Gas, richtete sich jetzt auf, sah einen Mann im linken Rückspiegel, der direkt neben der Bracke des Lastwagen herlief und etwas zwischen Plane und Bracke auf den Wagen stecken wollte. Ein dunkelhaariger Mann in Schlosserkleidung.

Le Beau riss den Lkw nach links, an die Hauswand heran. Der Mann sprang entsetzt zurück. Und gleichzeitig hatte Le Beau den Lieferwagen nicht mehr vor der Stoßstange. Er war ihn losgeworden. Der zusammengequetschte Wagen blieb rechts zurück.

Dampf zischte vom aus dem Lastwagen. Das Kühlerthermometer stieg zum roten Strich empor. Das Wasser kochte. Aber Le Beau hatte keine Wahl. Er jagte den Lastwagen die Gasse entlang, zog ihn auf eine größere Straße nach rechts, und da riskierte er zum ersten Male nach der Schießerei einen Blick auf Barry.

Der saß mit blutüberströmtem Gesicht neben ihm.

„Verdammt, Schussverletzung?“, fragte Le Beau erschrocken.

Barry grinste schief und tastete nach seiner Stirn, wo ein Riss klaffte. „Das verdammte Armaturenbrett, weiter nichts. – Da vorn ist der Schlagbaum, dann sind wir aus dem Freihafen heraus. Sind sie noch hinter uns?“

„Kein Schwein zu sehen. Komisch, dass hier überhaupt kein Aas herumläuft. In der Karre hier steckt nicht mehr viel Mumm.“

„Am Schlagbaum ist keiner, fahr durch!“

Le Beau fuhr weiter. Der Schlagbaum war offen. Merkwürdig genug, aber für lange Betrachtungen reichte die Zeit nicht.

„Dort vorn, eine Telefonzelle! Ruf an, Barry!“, sagte Le Beau, als sie auf die Hauptstraße eingebogen waren. Hier fuhren Autos, kamen Lastwagen und Busse. Und keine fünfhundert Meter weiter hatte sich eben noch im Freihafen eine solche Schießerei abgespielt, als befände man sich irgendwo in der Wildnis und nicht in London.

Barry stieg aus, ging in die Zelle. Er winkte nach einer Weile durch die Scheibe zum Zeichen, dass alles funktionierte. Le Beau sah ihn sprechen, und schließlich kam Barry zurück, das Taschentuch auf seinen Kopfriss gepresst.

„Sie sind unterwegs, auch der Baron. Der hatte die Ladung schon aufgegeben. Mensch, hatten wir Massel. Wenn du …“

Da sagte eine Stimme von der Wagenrückseite her: „Steh ganz still, Bulle! Keine Bewegung, sonst machen wir deine Vanessa zur Witwe! Der andere soll aussteigen! Sag ihm, dass er aussteigen soll!“

Le Beau sah, wie Barry wie erstarrt stehengeblieben war und nach hinten blickte. Er sah aber auch, dass der Mann da hinten ganz offenbar allein war. Obgleich er in der Mehrzahl gesprochen hatte. Es schien ein Bluff zu sein.

Le Beau drückte die Tür lautlos auf. Dann war er draußen. Seine Segeltuchschuhe verursachten keinen Laut.

Barry sagte gerade: „Steig aus, Michel, er hat mich vor seiner Pistole.“

Da war Le Beau schon auf dem Dach des Fahrerhauses, machte einen Schritt nach vorn, sah den einzelnen Mann neben dem linken Hinterreifen, dann sprang er schon mit einem artistischen Hechtsprung von oben her auf den Mann herab.

Die Rechnung ging glatt auf. Er riss den völlig überraschten Mann zu Boden, und der rammte mit dem Schädel dabei so hart aufs Pflaster, dass er augenblicklich bewusstlos wurde.

Le Beau richtete sich auf, sah auf den Mann, aus dessen Schädelwunde Blut auf den Asphalt rann, trat die Pistole zur Seite und sagte: „Woher ist dieser Salzknabe denn gekommen?“

„Ich glaube, der hat sich hinten festgeklammert“, meinte Barry.

Le Beau bückte auf den Wagen. Hinten war die Plane hochgebunden. Die kofferartigen Kisten lagen wie zuvor.

„Tja, das dürfte es dann gewesen sein. Die Drohung vom großen Boss ist in die Hosen gegangen. – Was sagen deine Freunde noch?“

„Gleich können Sie es dir selbst sagen“, meinte Barry, als er in der Ferne das Heulen eines Polizeiwagens hörte. Irgendwie wirkte Barry sehr erleichtert ob dieses Tons.

 

 

2

Sie saßen zu fünft im Vorführraum für Filme. Scotland Yard hatte diese Vormittagsvorstellung arrangiert; die Filme stellte der Baron.

Der Baron selbst – groß, breitschultrig, ein kerngesunder Vierziger – rauchte eine Brasil und setzte sich damit über das strikte Rauchverbot hinweg. Weder der Staatsanwalt, der neben ihm saß, noch Sir Alec, seines Zeichens Chefinspizient beim Yard, kümmerten sich darum. Und schon gar nicht der Leiter der Sonderkommission zur Bekämpfung des Bandenunwesens im Londoner Hafengebiet, Henry Dougall. Le Beau war diesmal nicht mit von der Partie. Er hatte draußen im Vorraum ein sehr angeregtes Gespräch mit Jane Gilbert, der Assistentin von Mr. Dougall.

Die Filme, deren Bilder über die Leinwand huschten, waren das, was Sir Alec und der Staatsanwalt unisono eine „Sensation“ nannten. Und der Staatsanwalt, ein drahtiger Mittfünfziger, murmelte ständig Namen von den Männern, die man da auf der Leinwand zu sehen bekam.

Kurzum, was dort flimmerte, war etwas, nach dem sich Richter, Staatsanwälte und Polizisten im ganzen United Kingdom die Finger leckten. Es war ein Film, der mitten unter Londoner Verbrechern aufgenommen worden war. Aus versteckten Kameras und Minikameras, sogar aus dem Schrank einer Unterwelt-Prostituierten heraus. Und dabei genossen die Zuschauer hier weniger den Anblick intimster Beziehungen zwischen dieser Ganovennutte und ihrem Bettpartner, als vielmehr die Tatsache, dass man in Ton und Bild in diesem Partner den Mann sah und hörte, der den Banküberfall auf die Oversea Banking Corporation geleitet hatte. Und so folgte in diesem Wust von filmischem Beweismaterial ein Gesicht nach dem anderen. Leute, deren Namen Scotland Yard zwar kannte, von denen man aber weder Bild noch nähere Beschreibung besaß, bewegten sich hier im Film wie auf einer Bühne. Und immer waren sie ahnungslos. Sie plauderten, verplauderten sich, und jedes ihrer Worte war ein Fetzen Beweis.

„Baron“, sagte Sir Alec enthusiastisch, „Baron, diese Filme sind etwas, das uns in die Lage versetzt, endlich einmal aufzuräumen. Wie, zum Teufel, haben Sie diese Filme nur drehen können?“

„Mein Freund Michel Dupont, genannt Le Beau, mein Fahrer James und mein Sekretär Burton sind daran ebenso beteiligt wie ich. Nur haben Sie das eben nicht eher glauben wollen, was wir Ihnen hier liefern, sonst hätten Sie uns mehr als nur einen Polizisten als Schutz mitgeschickt, nachdem die Unterwelt begriff, was wir in Wirklichkeit gemacht haben.“

„Haben Sie den Boss im Bild?“, fragte Sir Alec.

„Nein.“ Der Baron zuckte bedauernd die Schultern. „An den heranzukommen, ist etwas schwieriger. Er ist entweder geflüchtet, oder er hat eine Pause eingelegt. Man kennt ihn in der Unterwelt, aber niemand weiß, wo er steckt. Er hat auch sehr lange nichts mehr unternommen. Auf seinem Gebiet machen sich inzwischen Leute breit, die Sie im Film sahen. Der Boss ist offenbar weg. Vielleicht tot.“

„Nein, daran mag ich nun wiederum nicht glauben. Das wüssten wir“, erklärte Dougall. „Aber mir leuchtet jetzt ein, dass Ihr Freund Le Beau ein kleines Kunststück fertiggebracht hat, als es ihm gelang, diese Filme aus dem Hafengebiet herauszubekommen.“

„Ja, und fast wäre es schief gegangen. Wir hatten zwar ein Ablenkungsmanöver laufen, das den Ganoven vortäuschen sollte, wir und nicht Le Beau hätten das Filmmaterial auf dem Wagen. Die Gangster sind darauf aber nicht gesprungen. Trotzdem haben wir es geschafft.“

Das Licht flammte auf. Sir Alec überlegte kurz, dann sagte er langsam, als müsste er jedes Wort abwägen: „Baron, Sie haben uns einen gigantischen Dienst erwiesen. Ich wette, der Staatsanwalt wird mit mir einer Meinung sein, wenn ich prophezeie, wenn ich behaupte, dass wir noch heute mindestens zehn großköpfige Bandenführer verhaften können.“

Der Staatsanwalt nickte.

Und Sir Alec fuhr fort: „Wie ich höre, schreiben Sie neuerdings an einem Buch über Scotland Yard.“

„Stimmt“, erwiderte der Baron. „Ich muss meine Finanzen etwas in Schwung bringen. Wir haben uns bei einer Wohltätigkeitsaktion zugunsten von Unfallwaisen zu sehr verausgabt. Also, ehrlich gesagt, ich dachte auch nicht daran, Ihnen dieses Filmmaterial zu schenken.“

„Sie sagten das schon andeutungsweise. Aber in dieser Beziehung wird der Yard ganz sicher Ihre Spesen voll ersetzen und etwas mehr.“ Er tauschte einen Blick der Übereinstimmung mit dem Staatsanwalt, dann sagte er: „Ich hätte für einen Mann, der so einen Film drehen kann, ein Angebot. Immerhin waren Sie in der Höhle des Löwen, um diese Bilder aufzunehmen. Und wir suchen noch immer den Mann, von dem wir nur wissen, dass man ihn den Boss nennt. Ein mehrfacher Mörder und Sprengstoffexperte. Ein Polizistenmörder. Bei so einem lassen wir nicht mehr locker. Aber, wie gesagt, er ist nicht greifbar, und Sie selbst haben ihm auch nicht entdeckt. Es gibt seit Jahren Belohnungen. Vielleicht sind die so hoch, dass Ihre Finanzprobleme damit erledigt sind. Es gibt da auch noch die Belohnungen von zwei Versicherungen. Alles zusammen so etwas um die viertausend Pfund. Und noch etwas, Baron: Dieser Boss hat seinerzeit einen Sprengstoffanschlag auf den Premier versucht, was zum Glück durch einen Zufall gescheitert ist. Ich weiß, dass der Premier diese Sache nicht aus den Augen verloren hat und immer wieder danach fragt. Kurz zusammengefasst, Baron: Wollen Sie mit den Vollmachten eines Yard-Beamten und dem Apparat des Yard im Rücken für uns arbeiten? Ich weiß, dass Mr. Dougall da eine Spur aufgefasst hat, die aussieht, als wäre sie von dem Manne, den wir so sehr suchen! Mr. Dougall geht auch für einige Zeit nach Schottland. Der Posten der Sonderkommission wird neu besetzt. Ich will einmal unkonventionelle Wege gehen und weiß mich von unserem Minister voll unterstützt. – Baron, Ihre Antwort und Entscheidung bitte!“

Der Baron überlegte kurz. Er schrieb ein Buch und brauchte noch Informationsmaterial. Der Reiz, in die Stiefel eines Yard-Beamten zu steigen, wenn auch vorübergehend, war groß.

Sir Alec sagte plötzlich: „Es ist klar, dass wir Sie unterstützen. Da ist zum Beispiel Miss Gilbert, die Assistentin von Mr. Dougall, die mit den rein formellen Dingen vertraut ist. Sie kann Ihnen überall Hilfestellung geben. Und was nun die juristische Seite betrifft, so wird Ihnen unser Freund, der Staatsanwalt, sicherlich auch noch ein paar Tipps geben können.“

„Also gut, versuchen wir es mal. Die Prämie interessiert mich ebenso wie die Arbeit. Vor Jahren habe ich der Pariser Kripo gedient, für einen Fall. Warum also nicht einmal im Auftrag von Scotland Yard arbeiten.“ Der Baron lächelte. Und dann lächelten auch die anderen.

„Viel Glück!“, wünschte ihm der Staatsanwalt. „Wenn Sie so geschickt sind wie beim Filmen der Gangstergrößen, dann haben Sie den Boss womöglich bald.“

Dougall griente ein wenig säuerlich. „Denken Sie, wir hätten die ganze Zeit geschlafen?“, fragte er den Staatsanwalt.

„Nein, aber manchmal ist eine Idee zur rechten Zeit eben nicht zu erlernen“, erwiderte der Staatsanwalt bissig.

Dougall missachtete diese Bemerkung und wandte sich an den Baron: „Ich glaube, wir besprechen das Weitere draußen. Da ist nämlich eine Kette von Sprengstoffanschlägen, an deren Klärung wir arbeiten. Und hier meine ich die Handschrift vom Boss zu erkennen. Es kann natürlich auch ein ganz anderer sein, ist es womöglich auch. An Ihrer Stelle würde ich trotzdem dort mal den Haken ansetzen.“

Aber niemand hier ahnte, dass man ein ganz anderes Schicksal dabei aufriss. Das Schicksal von Antony Randor.

 

 

3

Evelyn Tooter zwängte sich aus dem Austin Healey und warf den Schlag hinter sich zu. Sie blickte Antony mit einem gekonnten und einstudierten Lächeln an und winkte ihm auf eine Art zu, die sie sicher lange geübt hatte.

„Bye, Darling“, rief sie leise und gähnte verstohlen in den jungen Tag hinein. „Und fahre etwas langsamer. Du bist betrunken, mein Schatz.“

Antony winkte übermütig ab, schob den ersten Gang hinein und trat die Pulle durch. Mit kreischenden Reifen sprang der Austin wie ein wild gewordener Bulle davon.

Evelyn schüttelte den Kopf.

„Ein armer Irrer“, sagte sie zu sich und gähnte wieder. „Mag er sich den Kopf einrennen.“

Sie sah, wie der Wagen im Morgendunst verschwand. Schon wollte sie sich abwenden, da hörte sie ein aufreizendes Quietschen, einen Knall und das Knistern von Blech. Dann wurde es für Sekunden ruhig.

Evelyn spürte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte. Es war ihr klar, dass Antony wirklich ein Irrer war. Über sich hörte sie das Knarren eines Fensterladens. Und gleichzeitig sprang sie flink zur Haustür und verschwand dahinter.

Damit wollte sie nichts zu tun haben. Sie hatte den netten, viel zu leichtsinnigen Jungen in der Bar kennengelernt und hatte ihre Prozente an ihm verdient. Damit war die Sache für sie erledigt. Dass er sie noch nach Hause gebracht hatte, war ohnehin nicht in ihrem Sinne. Sie schätzte junge Männer nicht, die glaubten, Helden sein zu müssen.

Nein, sie hing sehr am Leben und am Geld anderer Leute. Sie rannte die Treppe hinauf und schloss ihr Zimmer auf, das einen separaten Eingang hatte. Sie kleidete sich schnell aus und verschwand im Bett. Sie hörte das Heulen einer Polizeisirene und das Schnattern aufgeregter Passanten auf der Straße. Die Unruhe hielt sie wach.

Nach einer Stunde schlief sie immer noch nicht. Sie lauschte auf die Geräusche im Haus. Immer erwartete sie, jemand würde die Treppe heraufkommen und bei ihr klingeln. Sie hatte aus einem unerfindlichen Grund Angst davor. Sie wollte im Schatten bleiben – unbemerkt – und sie wollte Antony schnell wieder vergessen.

Langsam wurde es unten ruhig. Die Sonne war über London aufgegangen und hatte den morgendlichen Dunst zerteilt. Evelyn stand auf und trat hinter die Gardine. Unten verlief das Leben ganz normal. Sie schob die Gardine zurück und quetschte sich die Nase an der Scheibe breit.

Nein, das reichte nicht. Ihr Blickwinkel war zu kurz.

Sie öffnete das Fenster und steckte den Kopf hinaus, konnte nun bis zur Tower Bridge sehen.

Es gab nichts zu sehen. Gar nichts!

Beruhigt schloss sie das Fenster wieder und legte sich in ihr Bett. Nun würde sie diesen jungen Esel wirklich schnell vergessen. Niemand würde zu ihr kommen und dumme Fragen stellen – vielleicht die, warum sie ihn nicht davon abgehalten hatte, in seinem halb blauen Zustand den Wagen zu fahren. Aber ging sie denn das etwas an?

Ach was – aus, vergessen. Vielleicht war er schon tot.

 

 

4

Antony schlug die Augen auf und blickte verwirrt um sich. Er sah eine gekalkte Decke über sich und um sich ebensolche Wände. Nur der Helm eines Bobbys störte das Bild.

„Er ist munter, Sir“, sagte der Polizist. Antony gewahrte nun noch einen bleichen Mann, der einen weißen Kittel trug. Er sah, dass dieser Mann den Kopf schüttelte.

„Ich dachte, der Alkohol in seinen Adern würde das Blut auffressen“, meinte der Arzt.

Antony spürte plötzlich ein dröhnendes Brummen in seinem Kopf. Und schlagartig erinnerte er sich: Die Tachonadel war gerade auf siebzig Meilen gesprungen, als der Fußgänger vor ihm aufgetaucht war. Er hatte den Wagen noch nach links reißen können, doch er hatte gesehen, dass der Mann in einem hohen Bogen auf die Fahrbahnmitte geschleudert worden war. Dann war das Brückengeländer rasend schnell auf ihn zugekommen. Es hatte einen Knall gegeben, und er war wie ein Pfeil über die Windschutzscheibe katapultiert worden.

Eisiges Wasser hatte ihn aufgenommen. Er war geschwommen und dann in ein Boot gezerrt worden. An dieser Stelle war der Film gerissen.

„Der Mann – ah – ist er …“ Er brach wieder ab. Er hatte plötzlich das Gefühl, ein riesengroßer Trottel zu sein. Aber es war wohl zu spät, wie er an den steinernen Gesichtern der beiden Männer zu erkennen glaubte.

„Der Attorney wird Ihnen alles erzählen“, sagte der Polizist und wandte sich ab.

Drei Tage später saß Antony Randor, so hieß er mit vollem Namen, in einer Zelle des Untersuchungsgefängnisses. Wieder vier Wochen später wurde ihm die Anklageschrift zugeleitet. Mit ihr gleichzeitig flatterte eine Kündigung seiner Firma in die Zelle. Nach abermals drei Wochen fand die Verhandlung vor dem Verkehrsgericht statt. Antony wurde wegen fahrlässiger Tötung, wegen grober Verkehrsgefährdung in Tateinheit mit Trunkenheit am Steuer (2,7 Promille) und wegen Sachbeschädigung zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis verurteilt.

Zu dieser Zeit hatte er Evelyn vergessen, und sie ihn auch.

Zwei Tage später verließ er das Untersuchungsgefängnis mit einem desinfizierten Deckenbündel. Er wurde in einem Spezialwagen in ein Gefängnis außerhalb der Stadt gebracht. Er landete in einer düsteren Zelle, durch deren Lichtschacht man einen fast quadratischen Hinterhof mit kahlen Mauern und eckigen Wachttürmen einsehen konnte.

Er hatte hier drei Mithäftlinge, und als diese nach einer Woche „seine Kiste“ restlos aus ihm herausgequetscht hatten, winkten sie großmütig ab.

„Ein Klacks“, sagte einer. „Achtzehn Monate sitze ich, wenn es sein muss, auf einem Nadelkissen ab. Im Übrigen bist du ein Narr. Wenn man schon ein Ding dreht, muss etwas dabei herauskommen.“

Antony ließ es dabei bewenden. Er lebte in der Folgezeit, wie auch in der vor dem Prozess, in einer Art Lethargie, aus der ihn nichts herausreißen konnte.

Er wurde schon bald zu einem Arbeitskommando eingeteilt und schuftete nun tagaus, tagein im Keller der Strafanstalt.

Der Wachmannschaft fiel der knapp fünfundzwanzigjährige junge Mann durch seine Zurückhaltung auf. Die erfahrenen Männer sahen schnell, dass Antony ehrlich bereute. An Meutereien kleinen Stils, die häufig wegen des schlechten Essens, wegen der wenigen Zigaretten usw. ausbrachen, beteiligte er sich nie. Das hatte zur Folge, dass der Direktor ihn nach gerade vierzehn Monaten aus dem Gefängnis entließ.

Antony stand an einem schönen Sommermorgen auf der Treppe vor der schweren Tür, die innen keine Klinke hatte. Er hörte diese Tür hinter sich zufallen und zuckte zusammen.

Der Posten, der hier draußen stand, lächelte Antony zu.

„Sie können gehen, junger Mann“, sagte er. „Sie sind frei!“

Antony schluckte heftig und stieg die Treppe hinunter. Er wandte sich nach rechts. Ein Menschenstrom ergriff ihn und schleppte ihn auf die Straße hinunter. Er gelangte in den Bahnhof und kaufte sich eine Fahrkarte nach London.

Antony Randor hatte genau fünf Pfund in der Tasche. Es war ein karger Lohn, den er sich in den vierzehn Monaten verdient hatte. Sein Glück war noch, dass seine Fahrzeugversicherung den Schaden von damals gedeckt hatte.

Während der Nah-Express nach London brauste, überlegte Antony, was er nun anfangen sollte. Sein Vater war im Krieg gefallen und seine Mutter in den Wirren danach an einer schweren Krankheit gestorben. Er, Antony, hatte bei einer alten Tante gewohnt, die ihn nun wahrscheinlich verflucht und abgeschrieben hatte. Dort würde er nicht wieder hingeben. Nein, das war unmöglich: Er kam sich selbst heute noch wie ein Mörder vor, und seine Tante würde alles noch schlimmer machen.

Er musste sich einen Job suchen und ein Zimmer.

Das Zimmer fand Antony noch am gleichen Tag. Er bezahlte es für einen Monat und hatte nun noch drei Pfund. Er leistete sieh ein Essen und ein Bier. Dann fuhr er mit der Untergrundbahn nach SoHo und versuchte sein Glück in einer Galvanisieranstalt. Er hatte vor dem Unfall schon als Verchromer gearbeitet und ganz beachtlich verdient, so dass er sich den Austin leisten konnte, was ihn in der Folge verführt hatte, „süßes Leben“ zu spielen.

Der Meister besah sich den jungen Mann mit sichtlichem Wohlgefallen. Er ließ sich die Papiere zeigen, und sein Gesicht wurde länger.

„Sie haben mehr als ein Jahr nicht gearbeitet“, stellte er fest und blickte Antony nun forschend an.

„Ich – ich war auswärts“, stotterte Antony errötend.

„Wo auswärts?“

„In Schottland.

„Und dort haben Sie gearbeitet?“

„Ja.“

„Aber es ist nichts eingetragen.“

„Ach so“, wandte sich Antony heraus. „Ich hatte die Karte vergessen und bekam dort eine neue ausgestellt.“

„Wo ist sie?“

„Beim Finanzamt abgegeben.“

Der Meister wurde immer misstrauischer und bestellte Antony in zwei Stunden wieder.

Randor kam pünktlich. Was er gleich bemerkte, war, dass das Gesicht des Meisters jetzt direkt abweisend war.

„Sie haben gelogen“, sagte der Mann auch gleich im barschen Tonfall. „Ich habe Ihren früheren Chef angerufen, der Ihre Papiere ausgetragen hat. Sie waren im Gefängnis! Hier, nehmen Sie Ihren Kram und verschwinden Sie!“

Antony Randor verschwand. Sein Mut war unter den Nullpunkt gesunken. Er brauchte zwei Tage, um den nächsten Versuch zu wagen.

Nachdem er fünf Arbeitsstellen abgeklappert hatte, wusste er, dass er seinen Schatten nicht überspringen konnte. Er war ein Gezeichneter. Er konnte sich drehen und wenden, wie er wollte, die Strafe ließ sich nicht verschweigen.

So unternahm er einen anderen Versuch, indem er gewissermaßen mit der Tür ins Haus fiel und bei der nächsten Stelle gleich reinen Tisch machte. Allerdings führte das auch nicht zum Erfolg. Er wurde wie ein verlauster Köter vor die Tür gejagt.

Inzwischen war ihm das Geld ausgegangen, und die Vermieterin bedachte ihn schon mit scheelen, misstrauischen Blicken. So konnte das nicht weitergehen.

Antony schlich wie ein geprügelter Hund durch die Straßen. Hunger nagte in seinen Därmen. Er fühlte sich krank und elend.

Was konnte er noch tun?

Spät in der Nacht stand er plötzlich vor dem Schlachthof. Ein schwerer Lastzug war eben vorgefahren und die beiden Fahrer hatten die großen Türen geöffnet. Ein dicker Mann kam aus der Gefrierhalle und blickte Antony an.

„He!“, rief er. „Komm her, du kannst dir ein paar Schillinge verdienen!“

Antony kam und schleppte die halben Rinder in die Gefrierhalle. Er machte das, bis der Zug ausgeladen war und nahm dann seinen Lohn. Noch müder als vorher schlich er davon. Er war auch noch hungriger geworden und wartete vor einer Pinte, bis diese für die heimkommende Nachtschicht öffnete. Er leistete sich einen Kaffee und ein Steak. Sein Geld reichte noch für zwei Zigaretten.

So schlich er also wieder bettelarm zu seinem Zimmer. Der Blick der Wirtin hatte sich in gelindes Entsetzen verwandelt. Antony bemerkte erst vor dem Spiegel, dass die halben Rinder seinem Anzug den Rest gegeben hatten.

Gegen Nachmittag war er wieder unterwegs. Doch es vergingen zwei Tage, bis er abermals Nachts einen Job auf dem Schlachthof fand.

Von nun an stellte er sich hier regelmäßig ein. Was er verdiente, reichte kaum, um seinen Hunger zu stillen. Das Rauchen hatte er sich schon abgewöhnen müssen. Er geriet mit ein paar Pennern zusammen, die ihm verschiedene Tricks verrieten. So speiste er fortan bei der Heilsarmee. Jetzt wurde er zwar von seinem „Einkommen“ satt, jedoch ging es trotzdem drauf. Immerhin, einen Schritt war er schon weitergekommen. Irgendwer erzählte ihm, er hätte es bei der staatlichen Arbeitsvermittlung versuchen sollen. Antony ging hin. Sein Optimismus war gedämpft, aber immer noch nicht ganz verschwunden. Er wurde wie ein Stück Schlachtvieh taxiert und entsprechend seinem heruntergekommenen Aussehen eingestuft. Er bekam eine Arbeit bei einer Kohlenfirma. Hier fuhr er zehn Stunden als Schlepper mit einem Truck durch die Stadt und brachte den Leuten die Winterkohlen schon im Hochsommer in die Keller.

Antony kassierte eifrig Trinkgelder und begann Neuland zu wittern. Er wurde wie ein Tagelöhner sofort ausgezahlt und hatte drei Pfund an diesem Tag verdient. Dafür sah er jetzt aus, als wäre er durch einen riesigen Schornstein gezogen worden. Das wieder hatte zur Folge, dass ihm sein Zimmer sofort gekündigt wurde – fristlos!

Rabenschwarz stand er auf der Straße und suchte nach einer Waschgelegenheit. Dabei war das ganz sinnlos; denn wenn er in die Tasche griff, waren die Hände wieder schwarz. Zudem war auch sein Anzug dabei, nur noch aus Löchern zu bestehen.

So stakste er durch die Stadt und kam am Spätnachmittag in den Regent Park. Er sah die protzigen Häuser der reichen Leute und wurde sich seines kläglichen Daseins nur noch bewusster. Es dunkelte schon, und er zog sich tiefer in den Park zurück. Plötzlich wuchsen zwei Gestalten vor ihm auf, und ein Uppercut fegte ihn von den Beinen.

Als er aufwachte, war sein Geld weg. Seine schmutzige Kleidung schienen die Wegelagerer verschmäht zu haben. Langsam begann Antony daran zu zweifeln, dass es auf dieser Welt noch Gerechtigkeit gab. Er fand auf einer Bank eine „Times“, die ein Penner wahrscheinlich schon in der letzten Nacht als Bettdecke benutzt hatte. Er tat es ihm gleich.

Am Morgen weckte ihn ein Bobby und schleifte ihn zur Wache. Antony, von dem harten Nachtlager noch wie gerädert, musste im Hof der Polizeiwache die Streifenwagen putzen. Am Nachmittag wurde er entlassen und aus der Stadt gewiesen.

Und hier fing Antonys Geschichte an, ein Drama zu werden. Er war gar nicht in der Lage, die Stadt zu verlassen. Geld zum Fahren hatte er nicht. Seine Schuhe hatten fast keine Sohlen mehr, und seine Beine konnten ihn kaum noch tragen.

Er schaffte es mit Ach und Krach bis nach SoHo. Dort betrat er eine Imbissstube. Er sah sich mit der schlampigen Wirtin allein, die so fett war, dass sie sich kaum bewegen konnte. Antony verlangte ein Steak und Bier. Er wollte auch Zigaretten haben, obwohl er nichts hatte, womit er bezahlen konnte. Er musste jetzt etwas essen – es war ihm alles gleichgültig geworden.

Die Frau gab ihm alles. Ihr Laden sah auch so aus, als wären Leute wie Antony in seiner jetzigen Verfassung ihre Stammkunden.

Antony aß das Steak und wischte sich das Fett mit seinen schmutzigen Fingern aus dem Stoppelbart. Und so wie sein Hunger kleiner wurde, vergrößerte sich die Frage, wie er verschwinden konnte, ohne zu bezahlen.

Als die Frau in die Küche ging, wollte er schon aufspringen und abhauen. Aber sie kam schneller zurück, als er dachte.

Er verlangte noch ein Bier.

Dann ging die Wirtin in den Keller und ließ die Tür offen.

Jetzt war es soweit. Antony stand auf und schlich ihr bis an. die Tür nach. Er stieß sie zu und drehte den Schlüssel um. Dann rannte er davon. Als er drei Ecken weiter war, verfluchte er sich selbst. Er hätte noch einen Griff in die Kasse riskieren sollen. Vielleicht hätte ihm das ein Stück weitergeholfen. Nun aber wurde es Zeit, London wirklich den Rücken zu kehren.

Wie ein gehetztes Wild lief er durch die Straßen. Er sprang auf einen anziehenden Truck und verbarg sich unter der Plane. Die harten Federn kneteten ihn durch, und bald wusste er nicht mehr, was oben und was unten war. Als der Wagen hielt, hatte er Mühe, die Straße zu gewinnen. Er sah, dass sie bereits nicht mehr in der Stadt waren. Er wollte aufatmen, als der hünenhafte Fahrer neben ihm stand.

„Ah“, schnappte der Mann mit tiefer Bassstimme. „Schwarzfahrer?“

Antony versuchte zu lächeln, aber bei seinem Aussehen wirkte das wie Spott. Er sah eine Faust auf sich zukommen und spürte einen schmetternden Schlag. Er fühlte sich federleicht emporgehoben und landete sehr unsanft im Straßengraben. Ein rollendes Lachen ertönte, dann war der Fahrer verschwunden. Gleich darauf ratterte der Truck weiter. Antony rieb über sein Kinn und besah sich die Gegend. Die Straße führte hier mitten durch einen Wald. Es war wunderbar einsam und ruhig.

Er stand auf und zog sich ein paar Schritte weiter von der Straße zurück. Er hockte sich an einer uralten Eiche nieder, blickte die Straße entlang und fragte sich, wie es nun weitergehen sollte. Mit Arbeit gedachte er sich nicht mehr zu befassen. Dazu hätte er zwei Dinge gebraucht: waschechte unverfängliche Papiere und einen neuen Anzug nebst Zubehör.

Er erinnerte sich einer tollen Geschichte, die sein Zellenbruder erzählt hatte. Vielleicht sollte er es auch einmal versuchen. So ein kleiner, lässiger Bruch! Irgendwo in ein Fenster gestiegen und schnell wieder verduftet.

Nur, wo war so ein einträgliches Fenster?

Antony wurde durch ein Motorengeräusch in seinen Gedanken gestört. Er sah einen Rover, der sich sehr bedächtig näherte und dann direkt draußen vor ihm auf der Straße anhielt. Türen klappten. Antony sah zwischen den Bäumen hindurch einen Mann auftauchen, der jedoch auf der Straße blieb.

„Hier wäre es günstig“, hörte er den Mann sagen. „Die Straße macht da vorn einen Bogen und ist nicht einzusehen. Nachts ist hier kaum Verkehr. Es kann nichts schiefgehen.“

Antony reckte sich etwas höher. Er war zu müde, um gänzlich aufzustehen. Er sah keinen zweiten Mann auftauchen und legte sich wieder zurück. Dann bemerkte er, wie der Sprecher in den Rover zurückstieg und der Wagen rückwärts fuhr, in einen Waldweg einbog, wendete und Richtung London fuhr.

Antony grübelte.

Wie kam er zu Geld? Wie war vorhin sein Gedankengang gewesen?

Ach, richtig, ein Einbruch!

Die Sonne stach durch das Laubdach der Baumriesen direkt auf seinen Kopf. Das Geschäft, in das er steigen wollte, verwischte vor seinem geistigen Auge. Er schlief ein.

 

 

5

Ein klappriger Lieferwagen schreckte Antony Randor aus seinem Schlaf auf. Er rieb sich die Augen und stemmte sich gähnend in die Höhe. Er hatte einen faden Geschmack im Munde und fühlte sich alles andere als wohl, denn die Geldfrage stand plötzlich deutlicher denn je vor seinen Augen.

Er hörte das Husten des Motors und sah das Vehikel anhalten. Mit ein paar Fehlzündungen kam der Motor zum Stehen.

Antony bemerkte einen Mann, und eine Tür schlug blechern zu. Der Mann war ein anderer als der, den er vor Stunden gesehen hatte. Antony ging lautlos zum nächsten Baum auf die Straße zu und lehnte sich dagegen. Er sah, wie sich der Mann unter der reichlich geflickten Plane zu schaffen machte, dort ein rotweiß gestreiftes Schild hervorbrachte, eine Ampel für Drei-Stufen-Schaltung, zwei Böcke und eine ebenfalls rotweiß gestrichene Planke. Das alles schleppte der Mann in den Wald gegenüber. Dann war das Brechen von Geäst zu hören, und schließlich fuhr der Lieferwagen zurück, wendete bei dem Waldweg und brummte davon.

Antony ging weiter zur Straße. Nun war er auch neugierig geworden. Er lief über die Straße in den Wald hinein. Schnell hatte er einen Haufen Zweige gefunden, unter dem er suchte. Er fand die Ampel und alles andere, was er schon vorhin gesehen hatte. Aber sonst war nichts dabei, was er hätte gebrauchen können.

Enttäuscht kehrte er um und ging über die Straße zurück. Er hockte sich an seinem Stammplatz nieder und fragte sich, wie die Stadtverwaltung zu diesem ausgedienten Fahrzeug kam, das eigentlich auf den Schrotthaufen gehörte. Instinktiv kam ihm der Verdacht, dass hier irgend etwas

faul sein musste. Warum hatte der Mann die Gegenstände im Wald versteckt? Antony konnte sich nicht denken, dass dies bei der Stadtverwaltung ein normaler Arbeitsgang war. Nein, hier war etwas faul.

Antony Randor beschloss zu warten. Vielleicht fand er schon hier eine Gelegenheit, zu Geld zu kommen. Schließlich würde der Mann die Gegenstände nicht gebracht haben, um sie im Wald rosten zu lassen. Er würde also wiederkommen. Und er schien mit der Ampel und den Absperrgeräten einen dunklen Zweck zu verfolgen. Ein Verbrechen?

Antony schloss die Augen, um noch etwas zu schlafen. Aber sein Blut pulsierte mit hektischer Betriebsamkeit durch die Adern und ließ ihm keine Ruhe.

Was war hier los?

 

 

6

Draußen in Bayswater, gar nicht weit von Kensington Garden entfernt, wohnte Phil Rhue, ein Mann in den besten Jahren. Seine wasserstoffblonde Frau Madlyn flanierte mit aufreizendem Gang durchs Wohnzimmer, so dass der Besucher, Mr. Ronel, sich kaum auf das Gespräch mit dem Hausherrn konzentrieren konnte.

„Äh – was sagten Sie eben, Mr. Rhue?“, fragte er verstört und errötete trotz seines beachtlichen Alters.

Phil Rhue lächelte flüchtig.

„Ich sagte, zwanzigtausend Pfund, mein lieber Mr. Ronel. Soviel ist der Raffael unter Freunden wert.“

Horse Ronel wandte seine Aufmerksamkeit von der Blondine ab und dem Bild zu. Es stand auf der Couch, lehnte dort, so dass er es gut in Augenschein nehmen konnte.

„Es ist geradezu geschenkt“, wandte die Frau ein. „Und wir trennen uns nicht gern davon, lieber Mr. Ronel.“ Sie lachte gurrend wie eine Taube. „Es ist gewissermaßen ein Erbstück. Meine Mutter brachte es aus Italien mit.“

Ronel wandte sich um und strahlte die Blondine an.

„Was Sie nicht sagen“, griente er und wackelte zuckend mit dem Kopf.

„Ich habe Ihnen einen Sonderpreis gemacht, Mr. Ronel“, erklärte Phil Rhue und rückte seine Brille mit dem gewaltigen Horngestell zurecht. Dann zupfte er abwartend an seinem rabenschwarzen Vollbart, der sein Gesicht fast völlig verdeckte.

Mr. Ronel stand nun auf und ging näher an das Bild heran. Er betrachtete es forschend mehrere Minuten, dann drehte er sich um.

„Kein Misstrauen“, erklärte er. „Aber ich werde wohl einen Fachmann zu Rate ziehen müssen. Sie verstehen, es gibt viele Fälschungen.“

Phil Rhue stand mit einem Ruck auf.

„Das Geschäft ist schon geplatzt“, verkündete er grob. „Sie vergessen, dass ich kein ziehender Händler bin, sondern hier ansässig.“

„Soviel ich hörte, haben Sie das Haus nur gemietet“, gab Ronel unsicher geworden zurück. „Ich wollte Sie nicht kränken.“

„Ist schon gut. Auf Wiedersehen, Mr. Ronel.

„Aber Darling!“, rief die Frau gekünstelt aus. „Gib doch Mr. Ronel eine Chance.“ Sie lachte wieder und bewegte sich noch aufreizender auf den betagten Mann zu. Sie ließ ihn ihr süßliches Parfüm einatmen und lächelte stärker. „Natürlich können Sie mit einem Fachmann zurückkommen, Mr. Ronel. Es ist nur fraglich, ob dann das Bild noch da ist. Wie Sie wissen, haben wir eine Anzeige aufgegeben. Wir befinden uns in gewissen Schwierigkeiten. Nur deshalb verkaufen wir. Und wir werden uns entschließen, sofort entschließen, wenn ein Käufer kommt. Sie verstehen?“

Ronel quälte sich ein Lächeln ab. Das Parfüm brachte ihn fast um den Verstand. Er sah, dass der breitschultrige Mr. Rhue noch immer ein saures Gesicht machte. Er hatte ihn offenbar mit seiner Vorsicht sehr beleidigt.

„Raritäten gehen in London wie warme Semmeln ab“, fuhr Madlyn Rhue fort. „Zwei Herren mussten wir schon wegschicken. Sie wollten den Preis herunterhandeln.“

Ronel wandte sich wieder dem Bild zu. Er selbst verstand herzlich wenig von dieser Kunst. Aber ihn fesselte allein das Motiv, und ebenso immer stärker das Parfüm.

„Über diesen Kauf könnten wir sicher gute Freunde werden“, redete Madlyn unverfroren weiter und schenkte ihm einen Augenaufschlag. „Und natürlich nehmen wir es zurück, wenn jemand meinen sollte, es wäre eine Fälschung. Es ist keine, ich weiß es.“

Ronel trat an den Tisch zurück. Er blickte nur noch auf die Frau und bemerkte gar nicht, wie er immer tiefer in ihren Bannkreis geriet. Er zog schließlich die Brieftasche und blätterte zwanzigtausend Pfund Sterling auf den Tisch.

 

 

7

Phil Rhue half Mr. Ronel das Bild, vorsorglich in eine Decke verpackt, in den Kofferraum des Wagens zu verstauen und gab ihm zum Abschied die Hand. Er lächelte und sagte: „Meine Frau hat Sie ja eingeladen, gelegentlich zur Nacht bei uns zu essen. Das brauche ich also nicht zu wiederholen. Sind Sie allein?“

„Ja, ich fahre immer allein. Und meine Frau weiß nicht einmal, wo ich bin. Es soll eine Überraschung sein, Sie verstehen?“

„Sicher, Mr. Ronel. Wann können wir mit Ihrem Besuch rechnen – und mit Ihrer Gattin?“

„Meiner Frau? Oh, sie ist leidend.“

„Ach, wie bedauerlich. Nun, dann kommen Sie allein, wann es Ihnen passt. Und bringen Sie das Urteil eines Fachmannes mit. Wo wohnen Sie?“

„In Wembley.“

„Aha. Dann gute Fahrt!“

Phil Rhue blickte dem abfahrenden Wagen nach. Dann wandte er sich dem Haus zu.

 

 

8

Tony Huston wohnte mit seinem zwielichtigen Kumpan John Dayton in der Hereford Road in Bayswater in einem drittklassigen Hotel. Er zuckte aus alter Gewohnheit zusammen, als das Telefon klingelte.

„Mach du das, John“, knurrte er und wandte sich dem Zahnstocher zu, den er auf den Tisch gelegt hatte.

Dayton war ein mittelgroßer Mann mit einem schmalen Gesicht und einem eckigen Kinn. Ein paar wasserhelle Augen sahen das Telefon misstrauisch an, das eben wieder schrillte.

Er hob mit feuchter Hand ab.

„Hallo?“, schnarrte er.

„Wer ist da?“, fragte eine etwas heiser klingende Stimme, die recht gut verstellt sein konnte.

„Dayton. Bist du es, Boss?“

„Yes. Fahrt sofort einem Wagen nach, der die Wembleynummer 774 trägt. Er ist auf dem Weg nach Wembley über die Harrow Road. Schnell!“

„Und was soll mit ihm werden?“, fragte Dayton, der seine Sicherheit langsam zurückgewann.

„Das Übliche. Schnell! Ihr bekommt ihn noch!“ Es knackte in der Leitung.

„Wir sollen wieder einen umlegen“, knurrte Dayton. „Ich habe ganz vergessen, nach dem Honorar zu fragen.“

„Es wird das Übliche sein.“

Dayton erklärte im Laufen das Weitere. Im Galopp ging es die Treppe hinunter, durch die Halle und im Hof sprangen sie in ihren superschnellen Cooper.

Huston jagte den Motor in den ersten Gang hoch und ließ den Wagen wie eine Rakete zur Harrow Road schießen. Er nahm die Kurve, als die Ampel gerade von Gelb auf Rot sprang.

Dayton duckte sich hinter die Windschutzscheibe und nestelte an einem Paket herum, aus dem ein Abreißzünder hing.

„Wenn ich nur endlich wüsste, wer der Boss ist“, meinte er. „Ich würde ihn bei passender Gelegenheit gern mal besuchen.“

Huston schob den dritten Gang hinein, ohne den Fuß vom Gas zu nehmen. Der Wagen sprang wie ein bockender Esel und ließ die Häuser rasend schnell hinter sich.

„Ich denke, wir sollten besser nicht neugierig sein“, gab er zurück. „So einen Job hatten wir noch nie. Es klappt wie am Schnürchen, und immer hat es sich gelohnt. Wir brauchen nur die Bombe zu werfen und zu verduften. Die Sache ist fast harmlos. Hinterher kassieren wir. Was willst du mehr?“

„Ich will einmal den Löwenanteil, und dann verschwinden, Tony. Well, das will ich. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die denken, es ginge immer glatt.“

Der Wagen fegte durch einen Waldstreifen, kam an einer Siedlung vorbei und war wieder im Wald.

„Gleich sind wir in Wembley“, schnarrte Huston. „Verdammt, er hat uns doch nicht zu spät auf die Reise geschickt?“

„Dort!“ Dayton wollte den Arm ausstrecken, prallte aber mit den Fingern an die Scheibe und fluchte unterdrückt.

Rasend schnell kamen sie dem schwarzen, geschlossenen Wagen näher. Dayton studierte die Nummer.

„Er ist es!“, schrie er und hob das Paket höher.

Huston fuhr dicht hinter den Wagen, bis sie durch eine Kurve waren und eine lange Gerade vor sich hatten. Er sah einen Sattelschlepper, der ihnen entgegenkam. Sie ließen ihn vorbei, dann scherte Huston aus und setzte sich neben den Wagen.

Dayton sah das heruntergekurbelte Fenster und dahinter Ronel, der ihm natürlich fremd war. Er riss den Zünder heraus, zählte bis vier und warf das Paket genau durch die offene Türscheibe an den Kopf des Fahrers.

Huston trat das Pedal durch, als wollte er seinen Fuß in die Ölwanne bohren.

Horse Ronel aber wurde hart an den Kopf getroffen. Er wankte nach links und zog das Steuer mit. Sein Wagen schoss genau auf den Graben zu. Ehe er ihn jedoch erreichen konnte, erfolgte eine berstende Explosion, als wäre eine große Luftmine losgegangen. Die unheimlich starke Ladung zerfetzte den Wagen wie eine Streichholzschachtel. Benzin lief auf die Straße, und ein Rad rollte davon. Feuer leckte über den Boden.

Horse Ronel befand sich in einem unbeschreiblichen Zustand. Er war sofort tot. Was von dem Wagen noch übrig war, stand in hellen Flammen. Es würde binnen Minuten alles ausgeglüht sein, was aus Blech bestand, und alles vernichtet, was brennbar war.

Und der Cooper war mit singendem Auspuff verschwunden. Es war gespenstisch still.

Nach einiger Zeit hielt ein geschlossener Lieferwagen an der Stelle. Zwei Männer stiegen aus und besahen sich den Schaden. Sie winkten einem Vauxhall, der hinter ihnen kam. Der Wagen hielt – und Madlyn Rhue stieg aus. Sie blickte auf den verstümmelten Toten, presste die Hand vor den Mund und stieß einen gellenden Schrei aus.

„Fahren Sie weiter, Miss. Das ist nichts für Sie“, sagte der eine der Männer mitleidig. „Wir haben Sprechfunk mit unserer Leitstelle und werden die Polizei rufen lassen.“

Madlyn nickte dem Mann wachsbleich zu und ging zu ihrem Vauxhall. Sie blickte immer noch gebannt auf den Wagen, von dem der Lack gebrannt war. Dort war nichts übrig. Sie stieg in ihren Vauxhall, startete und fuhr weiter.

„Der schmeckt heut’ kein Essen mehr“, meinte einer der Männer. „Wahrscheinlich träumt sie in der Nacht noch von dem schaurigen Anblick.“

 

 

9

Der Baron umkreiste die Reste des Wagens mit suchenden Blicken. Er wusste schon, dass sie nichts finden würden. Hier war alles vernichtet – einschließlich der Fingerabdrücke, die manchmal einen Täter überführen können.

Le Beau strich sich nachdenklich durch sein dunkles Haar, aber auch das verhalf ihm nicht zu einer klaren Linie.

„Die beiden Zeugen kamen erst später“, sagte er. „Sie sagen, der Wagen wäre bereits ausgebrannt gewesen, es war nichts mehr zu retten.“

Der Baron nickte. Er sah das Aufblitzen bei den Fotografen und wandte sich den Männern der Spurensicherung zu.

Jane Gilbert, die ebenfalls mit herausgekommen war, hielt ihm ein kleines, schwarz verbranntes Etwas aus Metall entgegen.

Der Baron nahm es, rieb es blank und stieß einen Pfiff aus.

„Wahrscheinlich der einzige Fund, der hier zu machen ist“, erklärte er. „Ein Zünder.“

„Ein Zünder?“, fragte Le Beau. „Und was schließt du daraus?“

„Hast du heute deinen begriffsstutzigen Tag, Michel?“

„Aber Häuptling, wie kann ich deiner maßgeblichen Meinung vorgreifen!“

„Ich nehme an, dass du heut’ zu lang in der Sonne warst. Mir ist nicht nach einem launigen Wortgeplänkel zumute. Jedenfalls wurde der Wagen in die Luft gesprengt. Und zwar mit einer Ladung, die für einen Zwanzig-Tonnen-Truck ausgereicht hätte. Irgend etwas sollte vernichtet werden.“

„Vermutlich wie bei den anderen Autosprengungen in letzter Zeit“, setzte Le Beau dazu.

Der Baron nickte ihm zu.

„Vermutlich.“

„Dann müssen die Männer immer Feinde gehabt haben“, warf Jane ein. Sie blickte immer noch auf das harmlos wirkende Etwas in der Hand des Barons. „Zu holen war ja nach der Sprengung nichts mehr.“

„Vermutlich“, meinte Le Beau. „Die Pakete wurden in die Wagen praktiziert. Aber es sieht aus, als wäre es immer der gleiche Feind.“

„Eben“, stimmte der Baron zu.

„Man müsste einen Aufruf erlassen“, schlug Le Beau vor. „Einen Aufruf an alle Fahrzeugbesitzer, ihre Wagen vor Antritt jeder Fahrt genau auf Sprengkörper zu untersuchen.“

Details

Seiten
134
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934489
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v507645
Schlagworte
baron

Autor

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Titel: Der Baron #12: Gib Gas oder stirb!