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SAN ANGELO COUNTRY #68: Sturmnacht auf Rancho Bravo

2019 112 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Sturmnacht auf Rancho Bravo

Klappentext:

Roman:

SAN ANGELO COUNTRY

 

Band 68

 

Sturmnacht auf Rancho Bravo

 

Ein Western von Heinz Squarra

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2019: Werner Öckl

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

Am Rande der Brasada in Texas steht das Vieh von Rancho Bravo. Rinder sind Reichtum und Macht zugleich in diesem wilden Land. Aber die gnadenlose Natur sorgt dafür, dass nichts zur Gewohnheit erstarrt. Zuerst ist es nur ein fernes Brausen, das die Männer hören. Dann wird es zu einem Pfeifen, in dem die Rufe untergehen, und schon jagt der Hurrikan mit seiner vernichtenden Gewalt über das Land. Er zerknickt die Hütten und versetzt die Rinderherden in Panik. Wie von Furien gehetzt jagen die Longhorns über das Land — einem unbekannten Ziel entgegen.

Tom Calhoun und seine Cowboys begeben sich auf die Suche nach den Rindern. Er und John müssen bald erkennen, dass eine Bande von gewissenlosen Halunken einen großen Teil ihrer Rinder gefunden hat und sie nun auf eigene Rechnung verkaufen will. Tom und John schließen sich diesen Männern an – und ein gefährliches Spiel beginnt.

 

Teil 1 eines spannenden Doppelromans.

 

 

 

 

 

Roman:

Es war dunkel geworden, aber die Gluthitze, die die Sonnenstrahlen in den Boden gepresst hatte, ließ nur unmerklich nach. Der Cowboy, der vor der Weidehütte stand und über die Herde hinwegblickte, wischte sich immer wieder den Schweiß vom Gesicht.

In der Hütte saßen Rio Shayne, Dave Harmon und der Vormann Jay Durango um den rohgezimmerten Tisch und spielten lustlos Poker. Dave, der drahtige Mann, setzte bereits seine Patronen ein. weil er kein Geld mehr hatte.

„Noch eine“, sagte Rio und warf eine seiner Karten verdeckt ab.

Durango ließ eine Karte über den Tisch segeln. Rio schob ein paar Centstücke zur Mitte des Tisches.

„Wer geht mit?“

Dave gähnte.

„Ich würde schlafen, wenn man es bei dem verdammten Wetter könnte“ knurrte er.

„Passe“, sagte Durango. „Ich denke, wir hören auf.“

Er schob seine Karten zusammen. Dave warf seine ab. Rio folgte seinem Beispiel und zog das Geld und die Patronen zu sich heran. Er stand auf, ging hinaus und blickte den Cowboy an.

„Es ist so still“, murmelte der Mann. „Nein, es ist, als würde es in der Luft knistern.“

Das Brüllen eines Rindes drang dumpf zu ihnen herüber. Hufe stampften auf den Boden. Rio stellte sich gerade und legte die schweißnasse Hand auf den Revolverkolben.

Rinder begannen hin und her zu laufen.

Dave und Durango kamen aus der Hütte und klemmten die Hände hinter ihre breiten Patronengurte, in denen die Geschosshülsen durch die Dunkelheit leuchteten.

Aus der Ferne drang das klagende Heulen eines Wolfes an die Ohren der Männer. Dann plötzlich lag ein Flüstern in der Luft.

Jay Durango machte ein paar Schritte vorwärts, blieb wieder stehen, wandte sich um und zog die Hände hinter dem Gurt hervor.

„Was?“, fragte Rio, der an dem Vormann vorbei auf den Busch neben der Hütte schaute. Die Blätter, die eben noch still gehangen hatten, bewegten sich plötzlich ein wenig. In der nächsten Minute hingen sie jedoch wieder still.

Das Brüllen der Rinder wurde lauter.

„Verdammt, was ist das?“, knurrte nun auch Dave, unruhig geworden.

Rio starrte wieder zu den Rindern hinüber. Sie brüllten lauter und bewegten sich schneller.

Plötzlich erfüllte ein anschwellendes Brausen die Luft. Die trockenen, raschelnden Blätter bewegten sich wieder. Staub wehte an der Hütte vorbei. Das Brausen kam mit tausend Stimmen von Süden, und dann jagte jäh eine Sandwand über die Hütte. Der Sturm kam so schnell, dass sich die Männer nicht mehr darauf einstellen konnten. Das Toben war so laut, dass sie schreien mussten, um sich verständigen zu können.

„Ein Hurrikan!“, brüllte Durango. „Los, zu den Pferden!“

Sie vergaßen das Licht zu löschen und die Tür zu schließen. Sie rannten, hörten die Pferde wiehern und flankten über das Gatter in den Korral. Der Sturm erfasste sie mit brutaler Gewalt und wollte sie zu Boden werfen. Dave prallte gegen den Lattenzaun. Rio sah sein Pferd und sprang. Mit beiden Armen umfing er den Hals des Tieres, zog ihm den Kopf herunter und zerrte es mit sich an die Fenz, wo die Kopfgeschirre und die Sättel hingen.

Dave humpelte gegen den Sturm an. Beide Hände schützend vor das Gesicht haltend, um den feinen, scharfen Sand nicht in die Augen zu bekommen.

Das Brüllen in der Luft war nun so laut geworden, dass von den Rindern nichts mehr zu hören war. Da erzitterte der Boden.

„Sie fliehen!“, schrie Durango, der neben Rio auftauchte.

„Halte die Gäule, verdammt! Ich werde sie satteln!“

Durango hielt die Pferde. Ein gewaltiger Stoß des Hurrikans ließ ihn mit den Tieren rückwärts taumeln. Neben ihm nahm der Sturm das Gatter mit und zerknickte es in der Luft. Da schien eine riesige Faust die Hütte zu treffen, sie schmetterte die Wände krachend zu Boden. Das Dach flog ein Stück durch die Luft, wurde zusammengeknickt und auf den Boden geschleudert, wo die zusammenhaltenden Reste zerschmetterten.

Rio warf dem zweiten Pferd den Sattel auf. Als er sich unter den Leib des Tieres bückte, traf ihn ein Huf schmerzlich gegen das Bein. Er kämpfte den Schmerz nieder, zog den Riemen durch die Lasche und schnallte den Gurt mit einem Ruck fest. Als er sich umwandte, sah er Durangos Gesicht im wehenden Sand dicht vor sich. Es sah verkniffen und weiß aus, als wäre es gepudert worden.

„Los!“, rief Rio und riss dem Vormann die Zügel seines Pferdes aus der Hand.

„Wo sind die anderen?“, brüllte Durango.

„Weiß ich nicht.“ Rio zog sich in den Sattel.

Da sprengte ein Reiter an ihm vorbei nach Norden. Rio brauchte sein Pferd nicht anzutreiben. Es lief von selbst los. Er donnerte über den Talboden, wo vor ein paar Minuten noch die Rinder gestanden hatten. Jetzt war hier nichts mehr.

Dann kam abermals ein Reiter an seine Seite und griff nach dem Kopfgeschirr seines Pferdes. Aus schmalen Augen blickte Rio ihn an. Ein entwurzelter Busch trieb sich überschlagend an ihnen vorbei, und sie spürten beide, wie wild der Hurrikan an ihren Kleidern zerrte und wie groß die Angst der Pferde sein musste, die grässlich zitterten.

Da erkannte Rio, dass es Durango war.

„Das Vieh ist fort!“, schrie er. „Nach Norden! Versuche, die Ranch zu erreichen! Alle Männer sollen hinter dem Vieh her!“

„In Ordnung!“

Durango ließ los.

Rios Pferd sprengte weiter in die Wand beißenden Staubes, angetrieben vom Sturm, der keine Gnade zu kennen schien. Er war mit dem Heulen und Toben in der Luft, mit seinem Pferd und der Angst allein. Sein Pferd stolperte über etwas und schleuderte ihn aus dem Sattel. Hart schrammte er auf den Boden, behielt aber die Zügel in der verkrampften Hand. Das Tier zerrte daran und schnaubte aufgeregt. Rio wurde ein Stück durch den Sand geschleift. Dann gelang es ihm, aufzuspringen. Er rannte auf das Pferd zu und zog ihm den Kopf herunter. Es blieb stehen, fest gegen den brüllenden Sturm gestemmt.

Rio blickte auf den Boden. Ein Rind lag neben ihm, zugedeckt vom Sand, so dass nur noch ein kleines Stück Fell und die ausgestreckten Beine zu sehen waren. Wahrscheinlich hatten es die anderen Tiere überrannt, als es gestolpert war.

Das Pferd zerrte wieder an den Zügeln und ließ sein angstvolles Schnauben hören. Es wollte ausbrechen, aber Rio zwang es, weiter mit dem Hurrikan genau nach Norden zu sprengen.

Angestrengt blickte Rio Shayne nach beiden Seiten, ohne einen der Reiter im quirlenden Staub sehen zu können. Ein zu Boden gepeitschter Busch flog an ihm vorbei. Dann setzte sein Pferd über ein zweites, mit Sand zugedecktes Rind hinweg, und Rio begann das furchtbare Ausmaß der Verwüstung zu ahnen.

 

*

 

Mit einem donnernden Knall flog das Schuppendach in den Ranchhof, prallte gegen die Scheune und flog in tausend Fetzen.

Tom Calhouns Pferd riss an den Zügeln. Er konnte das Tier nicht mehr halten. Die Augen zusammengekniffon und das Halstuch über Mund und Nase gezogen, blickte er in der Richtung, wo der Korral sein musste.

„John!“, schrie er und hatte den Mund voll Sand, dass es zwischen seinen Zähnen knirschte, als er ihn ausspuckte.

John war nicht zu sehen.

Da warf sich das Pferd herum und hetzte vorwärts. Tom Calhoun lenkte es mit eiserner Energie nach links. Er musste hinaus zu der Weide kommen und sehen, was dort geschehen war.

Eine durch die Luft wirbelnde Latte flog knapp an seinem Kopf vorbei. Ein Reiter jagte vor ihm nach Norden.

„John!“, schrie er wieder in der Hoffnung, es könnte sein ältester Sohn sein. Aber im Heulen des Sturmes zerflatterte sein Ruf, und der Reiter verschwand.

Gegen den Hurrikan gestemmt, kämpfte sich das Pferd nach Osten. Der Sand fraß sich durch jede Faser von Toms Hemd und brannte auf seiner Haut. Tausend Nadeln schienen seine Hände und das Gesicht zu treffen.

Er wusste nicht, wie lange er geritten war, als vor ihm plötzlich ein Reiter auftauchte und die Köpfe der Pferde gegeneinander stießen. Dann war der Mann dicht neben ihm.

„Boss?“, fragte eine heisere, brüllende Stimme verzerrt. „Boss. sind Sie das?“

„Durango?“

„Ja. Boss.“

„Was ist passiert?“

„Die Rinder sind mit dem Hurrikan wie leibhaftige Teufe] nach Norden!“, rief der Vormann. „Die anderen sind hinterher.“

„Komm en Sie, Jay!“

Der Vormann zog sein widerstrebendes Pferd herum und ritt dicht neben Tom Calhoun auf dem Weg zurück, den er gekommen war. Tom griff zu ihm hinüber, während er sagte: „Wir dürfen uns nicht verlieren. Jay.“

Die Pferde versuchten immer wieder auszubrechen, aber ihre Kraft war schon so sehr erlahmt, dass die Männer sie halten konnten. Sie blickten suchend um sich, immer noch voller Hoffnung, andere Reiter sehen zu können. Aber um sie war nichts als das Heulen und Brausen dies Sturmes und der treibende Sand, der das Atmen immer schwerer machte.

Immer wieder drängten die Pferde nach Norden, um mit dem Sturm zu laufen, und bald wussten die beiden Männer nicht mehr, wo sie waren.

„Es ist egal, wohin wir reiten!“, rief Jay Durango. „Wir treffen doch niemanden mehr im Tal an!“

Tom nickte, ohne zu wissen, ob der Vormann es sehen konnte. Er ließ die Zügel locker. Das Pferd wandte sich selbst nach Norden und wurde schneller, als würde es vom Hurrikan getrieben. Der Sand wehte an den Männern vorbei, trieb ihnen in den Nacken und hinter den Gürtel.

Urplötzlich, wie der Sturm begonnen hatte, ließ er wieder nach. Das Brausen sank binnen Sekunden zu einem Flüstern herab. Zwei Minuten später war es um sie völlig still. Sie hielten die Pferde an und schauten sich in die Gesichter, die von dicken Staubkrusten überzogen waren. Durango verzog das Gesicht. Die Staubschicht auf seinem Gesicht zerplatzte in hundert winzige Inseln.

Um sie waren die dichten Staubschleier, von denen sie wussten, dass sie noch viele Stunden in der Luft hängen und die Sicht beschränken würden.

„Weiter“, sagte Tom Calhoun durch das Halstuch, das vor seinem Mund nass geworden war.

Sie ritten weiter, kamen zu einem Gehölz und sahen eine breite Bresche, die der Hurrikan gerissen hatte. Neben einem Baum lag ein Mann, der ein leises Stöhnen von sich gab.

Sie waren schon dicht in seiner Nähe, als sie ihn sehen konnten. Durango sprang sofort von seinem Pferd und rannte auf den Mann zu. neben den er sich auf den Boden kniete.

Tom stieg ebenfalls ab.

„Es ist Gus, Boss!“, rief der Vormann. „Gus, erkennst du mich nicht!“

Tom Calhoun kniete sich auf der anderen Seite des leise stöhnenden Mannes in den Sand, öffnete ihm die Jacke und zog sie von der Schulter, die blutig war.

„Das Pferd muss ihn abgeworfen haben“, sagte er gepresst. „Oder er stieß gegen den Baum und fiel deshalb.“

Tom Calhoun untersuchte die Wunde, stand auf. ging zu seinem Pferd und nahm eine Binde aus der Satteltasche.

Als er Gus verbunden hatte, richtete er sich auf und blickte zu den abgetriebenen Pferden in der Staubwand.

„Du schaffst ihn zur Ranch“, bestimmte er. „Zumindest Bob wirst du dort noch antreffen. Er wird sich um ihn kümmern.“

„Und Sie?“

„Ich reite weiter, Jay. Irgendwo muss ich die Leute und die Rinder schließlich treffen.“

„Der Hurrikan hat mindestens zwei Stunden lang gewütet. Was glauben Sie wie weit er das Vieh getrieben hat?“

„Wir werden es sehen. Fass mit an!“

Sie trugen den wie ohnmächtig dahindämmernden Cowboy zu Durangos Pferd und setzten ihn in den Sattel. Gus fiel sofort auf den Hals des Tieres. Tom hielt ihn fest, bis der Vormann aufgesessen war und die Zügel ergriffen hatte.

„Können Sie ihn halten?“, fragte Tom besorgt.

„Es wird schon gehen. Das Pferd ist so abgetrieben, dass es fromm wie ein Lamm ist.“

Tom nickte. Durango schnalzte mit der Zunge. Das Pferd setzte sich in Bewegung.

„Viel Glück, Boss“, sagte der Vormann. über die Schulter blickend. „Ich bleibe wohl am besten auf der Ranch und versuche, alles wieder in Ordnung zu bringen.“

„Ja. Jay.“ Tom blickte dem Reiter nach, der schon in der nächsten Minute in der undurchsichtigen Staubwand verschwand. Noch ein paar Herzschläge lang war der klopfende Hufschlag zu hören, dann verklang er.

Tom wandte sich ab, griff nach den Zügeln seines Pferdes und zog es am Saum des Waldes entlang nach Norden. Überall sah er Bäume, die der Sturm geknickt hatte. Tote Rinder lagen an kräftigen Stämmen, wo sie sich den Schädel eingerannt hatten. Unter Sandhügeln lagen andere, über die die Masse der anderen hinweggegangen war. Ein Bild grauenhafter Verwüstung, soweit der begrenzte Blick reichte. Überall gebleichte Gehörne und in die Luft ragende Beine, verrenkt oder gebrochen.

Er stieg wieder auf und ritt weiter. Nach einer Weile hörte er das Heulen der Wölfe und über sich das heisere, fordernde Krächzen von Geiern.

Tom Calhoun kam zu einer Kaktee, in deren Stamm sich das Horn eines Rindes gebohrt hatte. Das Rind stand noch, den Schädel gesenkt, aber es war tot.

Er ritt vorbei und blickte aus zusammengekniffenen Augen nach Norden. Die Herde musste schon weit vor ihm sein.

 

*

 

Es war schon lange Tag, aber die Sonne vermochte den in der Luft fast stillstehenden Staub noch immer nicht zu durchdringen. Tom Calhoun glaubte, nach Norden zu reiten, aber da er nichts als die gelblichen Schleier sehen konnte, wusste er nicht, ob es stimmte. Er hatte auch keine Ahnung, wo er sich befand. Er war keinem Reiter und keinem lebenden Tier begegnet, und langsam begann er zu befürchten, dass die Rinder vielleicht noch immer in panischer Furcht nach Norden jagten und schon viele Meilen entfernt sein konnten.

Plötzlich tauchte vor ihm in der Staubwand etwas auf. Er hielt an und griff zum Kolben seines Revolvers, während sein Daumen die Sicherheitsschlinge vom Hammer streifte.

Es war, als würde sich ein Sandhügel gleich einer Düne vor ihm erheben, aber er hatte eine scharfe Kante auf der rechten Seite. Nichts war zu hören.

Tom Calhoun ritt weiter. Sein Pferd schnaubte. Er sah nun, dass es Rinder waren, die der Sand bedeckte. Sie mussten gegen ein Hindernis gelaufen sein. Und dann sah er an der Kante, dass es eine Kutsche war. Links lagen die Pferde, zugedeckt von Sand und toten Rindern.

Tom Calhoun hatte das Pferd pariert und stieg ab. Er ging um die vom Sand gnädig zugedeckten toten Rinder herum, sah den Kopf eines Pferdes und dann das Dach der Kutsche. Sie war umgestürzt. Wahrscheinlich waren die Rinder dagegengerannt.

Plötzlich schlug ein leises Wimmern an seine Ohren. Er drehte sich und blickte auf einen hohen Stein, vor dem sich der Sand aufgetürmt hatte.

Mit knirschenden Schritten ging er darauf zu. Jäh verstummte das Wimmern. Tom Calhoun blieb neben dem Stein stehen und sah das bleiche Gesicht einer Frau, das ihm zugewandt war. Tränen rannen der Frau über die Wangen und gruben Rinnen in die Staubschicht. Sie hatte große dunkle Augen. Tom schätzte sie auf dreißig Jahre.

Sie wischte sich die Tränen von den Wangen und versuchte zu lächeln. Es gelang ihr nicht.

„Ich bin Tom Calhoun“, sagte er. „Wie kommen Sie denn hierher?“

„Ich?“ Sie blickte ihn verwirrt an. „Ich kam mit der Postkutsche von Fort Worth.“

„Ach so.“ Tom kniete sich vor ihr auf den Boden und blickte in ihre dunklen Augen, in denen ein Zug von Bitterkeit zu liegen schien.

Tränen liefen ihr wieder über die Wangen.

„Der Sturm kam ganz plötzlich und zerrte an der Kutsche“, sagte sie. „Der Kutscher schrie, er könnte nicht mehr weiter. Dann standen wir. Sehr lange. Plötzlich ein infernalisches Brüllen im Heulen des Sturmes. Ich sah den Kutscher neben der Tür, die er geöffnet hatte. Er schrie, ich sollte aussteigen. Dann zog er mich heraus und stieß mich vorwärts. Irgendwann stolperte ich und lag hier hinter dem Stein. Das Holz prasselte. Ich hörte einen gellenden Schrei, dann die trampelnden Hufe und das Brüllen rund um mich.“

Sie schüttelte sich und wischte die Tränen mit den zitternden, schmalen Händen wieder weg.

„Wo ist der Kutscher?“, fragte Tom Calhoun.

Sie starrte ihn an und schüttelte sich, als hätte sie Fieber. Tom Calhoun glaubte schon, sie hätte ihn nicht verstanden, als sie sagte: „Er liegt dort.“

Ihr Kopf machte eine Bewegung nach rechts.

Er stand auf und ging um sie herum. Rechts neben dem Dach der Kutsche sah er den Mann liegen. Der Sand war von seinem Körper heruntergeschoben worden. Sein Gesicht war furchtbar entstellt. Die Hufe der Rinder hatten es getroffen. Seme Brust war zerschmettert. Tom musste sich abwenden.

Die Frau blickte ihn an.

„Haben Sie den Sand weggeschoben?“, fragte er.

„Ja. Ich hielt das Schweigen, das um mich war, nicht mehr aus. Dann sah ich sein Gesicht. Ich ...“ Sie brach ab und wandte den Kopf, als könnte sie das grauenhafte Bild nicht länger ertragen.

Tom ging zur Kutsche. Keines der eingeschirrten Pferde war mit dem Leben davongekommen. Er suchte unter dem zertrampelten Gepäck und fand den Spaten. Damit ging er weiter nach rechts und begann, ein Loch in den Boden zu graben.

Die Frau näherte sich nach ein paar Minuten und griff nach seinem Arm, als würde sie Halt suchen.

Er hielt inne und blickte sie an. „Vielleicht wäre ich vor Angst noch gestorben“, hörte er sie sagen. „Ich habe Ihnen zu danken, Mr. Calhoun.“

„Wohin wollten Sie denn?“

„Nach San Angelo. Ich werde dort erwartet. Kurz ehe der Hurrikan losbrach, sagte der Kutscher, es wäre nun nicht mehr weit. Ich hätte vielleicht laufen können. Aber ... Ich weiß selbst nicht, warum ich wieder hinter dem Stein lag.“

Tom Calhoun machte seinen Arm frei und stieß den Spaten wieder in den Boden.

„Ich heiße Velma Plummer“, sagte die Frau. „Soll ich Ihnen helfen?“

„Nein. Ich mache das schon. Gehen Sie zu meinem Pferd. Ich bringe Sie nach San Angelo.“

Sie blickte auf den Boden und sagte: „Wäre er allein gewesen, hätte er sich bestimmt retten können.“

„Denken Sie nicht mehr daran, Miss Plummer. Gehen Sie zu meinem Pferd und warten Sie.“

Sie nickte, wandte sich ab und ging von ihm fort. Tom stieß den Spaten wieder in den Boden.

 

*

 

Die Staubschleier waren etwas dünner geworden, als sie an einem Bach hielten und abstiegen. Nebeneinander knieten sie sich am Ufer nieder und wuschen sich die Gesichter. Als sie sich anblickten, entdeckte Tom Calhoun den bitteren Zug, den er vorher in ihren Augen gesehen hatte, nun in ihrem ganzen Gesicht.

„Waren Sie lange in Fort Worth?“, fragte er.

„Nein. In meinem Beruf ist man nirgends lange.“

„Ach so.“

„Ja. Mr. Calhoun.“ Sie wischte sich das Wasser mit den Händen aus dem Gesicht und schüttelte es ab. Dann stand sie auf.

Tom erhob sich ebenfalls und ging zu seinem Pferd zurück.

„Und was wollen Sie in San Angelo?“, fragte er.

„Ist das wichtig für Sie?“

„Nein. Entschuldigen Sie.“ Er hielt ihr den Steigbügel und schwang sich hinter ihr auf das Pferd.

„Ich wollte nicht grob sein“, murmelte die Frau, als Tom Calhoun das Pferd in den Bach trieb. „Aber Frauen in meiner Lage geben nicht gern Auskunft über sich.“

„Schon gut, Miss Plummer. Ich weiß selbst nicht mehr, warum ich fragte. Neugierig wollte ich nicht sein.“

Das Pferd kletterte zum Uferstreifen hinauf und lief weiter nach Westen.

Plötzlich tauchte vor ihnen ein Rind in der Staubwand auf. Es stand. Tom Calhouns Blick fiel auf die Flanke, und er sah ein fremdes Brandzeichen. Er hatte das Pferd angehalten. Das Rind drehte langsam den Kopf.

Die Frau begann wieder zu zittern.

„Es ist ausgepumpt“, raunte Tom ihr zu. „In diesem Zustand tun sie nichts.“

„Verstehen Sie viel von Rindern?“

„Es geht, denke ich.“

Das Tier drehte den Kopf wieder nach Norden und lief weiter. Es schleppte einen Fuß etwas nach. Es war ein mageres kleines Longhorn, und Tom wusste, dass es nur zurückgeblieben war. Es musste von einer Ranch noch weiter im Süden stammen. Tom Calhoun dachte zum erstenmal daran, dass sich viele versprengte Tiere zu neuen Herden zusammengeschlossen haben konnten; Herden, die wieder zu trennen viel Arbeit, Entbehrung und vielleicht sogar Kampf kosten konnten. Er trieb das Pferd wieder an und ritt mit der Frau weiter nach Westen.

„Ich habe in Saloons gearbeitet“, sagte sie auf einmal. „Hauptsächlich an Spieltischen.“

„Das dachte ich mir schon.“

Sie blickte ihn über die Schulter an.

„Sieht man es in meinem Gesicht?“, fragte sie rau.

„Nein.“

„Doch. Warum lügen Sie? Komisch. Sie sehen aus wie ein Cowboy und haben Manieren wie ein Gentleman.“ Sie blickte wieder nach vorn.

„Wir müssen die Stadt gleich sehen“, sagte Tom. „Was wollen Sie nun machen? Sie haben Ihr ganzes Gepäck verloren.“

„Ich sagte doch, dass ich erwartet werde.“

 

*

 

Das erste Haus von San Angelo hatte der Sturm mit sich genommen. Das nächste war eingestürzt. Dahinter war die Stadt in Ordnung. Aber die dichten Staubschleier trieben auch hier in der Luft. Vor dem Saloon standen drei Männer auf dem Gehsteig und blickten der Frau und Tom Calhoun entgegen. Der in der Mitte, ein großer, hartgesichtiger Mann, der wie die anderen derbe Weidekleidung und einen ungekniffenen schwarzen Hut trug, trat einen Schritt weiter vor.

„Hallo, Velma!“, rief er erstaunt.

„Hallo, Hank.“

Tom Calhoun hielt das Pferd an, sprang ab und half der Frau. Sie wandte sich dem Mann auf dem Gehsteig zu und sagte: „Das ist Mr. Calhoun. Er hat mir geholfen. Vielleicht wäre ich ohne ihn nie hier angekommen.“

„Sie übertreiben, Miss“, gab Tom zurück und musterte den großen, hartgesichtigen Mann, dessen scharfer Blick bis in seine Seele zu dringen schien.

„Vielen Dank, Mister“, sagte der Mann.

„Vielleicht solltest du ihm dafür einen Whisky spendieren, Colonel“ meinte einer der beiden anderen.

„Danke, ich habe nicht viel Zeit", gab Tom zurück. „Miss, es hat mich sehr gefreut.“ Tom stieg wieder auf sein Pferd und ritt weiter.

Vor dem Haus des Marshals hielt er an. stieg ab und schlang die Zügel um die Holmstange.

Tate Clayburn kam aus dem Office, als Tom zum Gehsteig hinaufsprang.

„Kommen Sie herein, Tom. Einer Ihrer Leute war vor Stunden schon hier. Er hatte es verdammt eilig, weiterzukommen.“

„Wer?“

„Rio Shayne.“ Clayburn schob Tom Calhoun ins Office, folgte ihm und schloss die Tür. „Er ist weiter nach Norden, soll ich jedem sagen, der hierher kommt.“

„In der Stadt sieht man nicht viel.“

„Wir hatten Glück, Tom. Wir lagen genau am Rand des Hurrikans. Es war trotzdem die Hölle.“

Tom setzte sich und griff nach dem Glas, das der Marshal füllte.

„Prost.“

„Prost.“ Tom trank den scharfen Whisky, mit dem er den feinen Sand die Kehle hinunterspülte. Er stellte das Glas auf den Tisch zurück.

„Noch einen?“

„Ja.“

Clayburn füllte die Gläser wieder.

„Alles Vieh ist vor dem Sturm geflohen", meinte Tom. „Oder mit dem Sturm. Unterwegs habe ich die Postkutsche gefunden. Umgeschlagen. Haben Sie die Frau gesehen?“

„Ja.“

„Sie kann Ihnen alles erklären. Ich muss weiter.“ Tom trank den zweiten Whisky und stand auf. Die Beine schmerzten ihm, aber er musste weiter. „Ob ich ein Pferd bekomme?“

„Ich gehe mit Ihnen. Die Frau wollte zu dem Mann, den seine Freunde Colonel nennen, nicht wahr?“

„Ja. Ist er schon lange hier?“

„Ungefähr eine Woche. Scheint ein Spieler zu sein. Die beiden anderen begleiten ihn wie Leibwächter. Der Bullige heißt Ches Morton. Der kleine Ike Steanly.“

Tom Calhoun ging hinaus. Die Männer interessierten ihn nicht. Aber an die Frau musste er immer noch denken.

Clayburn begleitete ihn zum Mietstall, wo Tom sein Pferd gegen ein frisches eintauschte. Er sattelte das Tier, stieg auf und gab dem Marshal die Hand.

„Wenn noch jemand von Rancho Bravo kommt, wir sind alle nach Norden.“

„Ich wünsche Ihnen Glück, Tom. Sie können es sicher gebrauchen.“

„Danke, Tate.“ Tom Calhoun drückte sich den Hut in die Stirn und ritt die Straße nach Osten hinauf. Vor dem Saloon tauchte Velma Plummer auf. Tom hielt an und blickte auf ihr schmales, bitter wirkendes Gesicht.

„Kann ich noch etwas für Sie tun?“, fragte er.

„Nein. Und nochmals vielen Dank, Mr. Calhoun. Sie gehören sicher zu einer Ranchmannschaft und sind hinter Rindern her. Ich habe Sie sehr aufgehalten.“

„Nicht der Rede wert.“

Logan kam aus dem Saloon, trat neben die Frau und legte ihr die Hand auf die Schulter.

„Ich habe doch gleich gesagt, dass er ein Cowboy ist“, sagte die Frau.

„Der Marshal wird Ihnen dann ein paar Fragen wegen der Postkutsche stellen“, sagte Tom und nahm die Zügel kürzer.

Hank Logan griff in die Tasche.

„Da!“, rief er.

Tom steckte die Hand aus und fing die Münze, die durch die Luft flog.

„Irgendwann werden Sie die Zeit finden. den Dollar zu vertrinken.“

„Vielen Dank“, erwiderte Tom. Er fand den Mann arrogant und überheblich. Doch er schob das Geldstück in die Tasche und ritt weiter.

 

*

 

In den tiefen Schluchten der nahen Berge klapperten die Hufe des Pferdes über den Boden.

Tom Calhoun saß zusammengekrümmt und müde im Sattel. Die Sonnenstrahlen trafen seine Schultern und die Gluthitze, die die Schluchten gespeichert hatten, peinigte ihn. Immerhin war wenigstens kein Staub mehr in der Luft.

Plötzlich tauchte vor ihm ein Rind auf. Tom hielt an und griff nach dem Lasso. Da warf sich das Tier herum. Tom machte das Lasso los und gab dem Pferd die Sporen.

Das Tier wieherte unwillig. Erst ein zweiter Sporenstoß konnte es in Bewegung bringen. Er jagte hinter dem Rind her und ließ das Lasso fliegen, als er nahe genug war. Die Schlinge ging über dem Kopf des Tieres nieder und zog sich mit einem Ruck um seinen Hals zu. Tom zog das Pferd herum und ritt nach links. Jäh spannte sich das Lasso, und das Longhorn wurde von den Beinen gerissen.

Tom sprang aus dem Sattel und kniete auf dem Rind, ehe es aufspringen konnte. Er sah die Flanke des Tieres und ein fremdes, ihm unbekanntes Brandzeichen.

Enttäuscht stand er auf. Das Rind sprang in die Höhe, blieb aber stehen, als sich das Lasso straffte. •

Tom Calhoun dachte daran, dass es nun schon drei Tage her war, seit er Rancho Bravo und San Angelo verlassen hatte. Kein einziger seiner Männer war ihm begegnet, und er wusste nicht, ob sie im Osten, im Westen oder noch weiter im Norden nach dem Vieh suchten, das schwer zu finden sein würde.

Er schreckte aus seinen Gedanken auf, als ein Gewehr repetiert wurde. Sein Kopf flog herum. Nur dreißig Yard entfernt hielt ein fremder Reiter, der das Gewehr auf ihn angeschlagen hatte. Das Rind zwischen ihnen stand so, dass der Mann die Flanke mit dem Brandzeichen sehen musste.

„Viehdieb!“, knurrte der Mann. „Das hat dir gepasst, was? Viele werden jetzt unterwegs sein und am Hurrikan auf ihre Art zu verdienen versuchen.“

Tom Calhoun ließ das Lasso los.

„Ich sah das Zeichen erst, als ich es schon gefangen hatte“, gab er zurück.

Der Mann grinste ihn ungläubig an. „Angst?“, fragte er.

„Jeder hat vor dem Sterben Angst. Wieso sollte ich keine haben?“

„Du kannst dich umdrehen. Es ist dann nicht so schlimm.“

„Gehört dir das Tier?“, fragte Tom Calhoun, nur um den Mann noch hinzuhalten und Zeit zu gewinnen.

„Ja, es gehört mir. Das heißt, ich hatte es zu bewachen.“

„Und wie willst du das beweisen?“

Der Mann grinste stärker.

„Ich verstehe, Viehdieb. Mein Beweis ist das hier!“ Sein Gewehr zuckte etwas vor. „Also, willst du dich umdrehen?“

Tom Calhoun wusste, dass jedes weitere Wort verschwendet war. Der Mann glaubte, ihn beim Viehdiebstahl überrascht zu haben und wollte ihn dafür töten.

Er warf sich plötzlich gegen das Rind. Das Tier brüllte erschrocken und stürmte vorwärts. Tom schrammte auf den granitharten Boden.

Brüllend löste sich der Schuss und weckte ein vielfaches Echo an den Wänden. Die Kugel traf den Boden, sprang sirrend in die Höhe und schrammte gegen den Felsen. Das Pferd des Reiters wurde unruhig.

Tom Calhoun sprang auf, während der fremde Reiter sein Gewehr repetierte. Tom jagte zu einem Felsriss. Der Mann schoss wieder, aber das tänzelnde Pferd hinderte ihn am Zielen. Die Kugel lag zu hoch und zog einen weißen Strich über die Wand.

Da war Tom hinter der vorspringenden Kante des Risses und presste sich gegen die Wand. Er zog den Revolver und drehte die Trommel durch. Sand knisterte noch immer in den Rasten, obwohl er die Waffe während der letzten Nacht gereinigt hatte.

„Komm hervor, verdammter, feiger Viehdieb!“, schrie der Mann. Seine Worte weckten ein verzerrtes Echo.

Tom sah sein Pferd nach links laufen und verschwinden. Das Rind brüllte dumpf. Dann schnaubte das andere Pferd. Sattelleder knarrte.

„Feiger Halunke!“, bellte der Mann. „Erst fremde Rinder stehlen und dann Angst vor den Kugeln haben!“ Er lachte wild. „Komm hervor! Ich will dir die Chance geben, dein Leben zu verteidigen!“

Tom blickte um die Kante, sah den Mann und sprang vorwärts. Der Cowboy schlug das Gewehr an und schoss. Heiß wehte Tom die Kugel an der Wange vorbei.

Er schlug den Colt auf den Mann an. stand vorgebeugt, den Finger am Abzug und rief: „Wirf es weg, oder ich drücke ab!“

Der Mann wurde bleich. Gepresst kam der Atem aus seinem Mund.

„Viehdieb, verdammter“, sagte er heiser. „Schieß doch endlich!“

„Ich will dich nicht töten, weil ich kein Viehdieb bin. Ich bin Tom Calhoun und habe eine Ranch namens Rancho Bravo weiter im Süden. Ich suche nach Rindern, genau wie du — aber ich suche auch nur nach meinen Rindern!“

Tom Calhoun ging vorsichtig auf den Mann zu, dem er ansah. dass seine Worte keinen Glauben fanden. Dann streckte sich seine linke Hand aus.

„Gib es her!“

Der Cowboy blickte auf den Revolver und Tom Calhouns nervigen Finger, der am Abzug lag.

„Du bist Tom Calhoun?“, fragte er.

„Ja. Hast du schon von mir gehört?“

„Ja. Aber ich kenne dich nicht. Du kannst mir viel erzählen.“

„Ich hätte schon schießen können, und du hättest mir keine Frage mehr gestellt.“

„Richtig“, gab der Cowboy zu. „Ich könnte schon tot sein — müsste es sogar, wenn du ein Viehdieb wärst.“

Tom nahm ihm das Gewehr aus den Händen, entspannte den Hammer des Colts und schob die Waffe in die Halfter.

„Hast du Leute unserer Ranch getroffen?“, fragte er.

„Nein. Das heißt, ich sah gestern Reiter, die etwa hundert Rinder zusammengetrieben hatten. Aber ich kannte sie nicht und ritt nicht näher heran.“

„Wo war das?“

„Westlich von hier. Es waren fünf oder sechs Mann.“

Tom gab dem Cowboy das Gewehr zurück. Der hielt es so, dass die Mündung zu Boden zeigte.

„Mein Lasso nehme ich mit“, sagte er.

Glaubst du mir nun?“

„Ich war verrückt, Calhoun. Aber es treibt sich Gesindel herum. Vorgestern haben wir zwei erwischt, die zusammentrieben, was ihnen vor die Lassos lief.“

„Du weißt also, wo deine Leute sind?“

„Natürlich. Wir suchen überall und treiben, was wir von uns finden können, zu einem Sammelplatz.“

„Was habt ihr mit den Viehdieben gemacht?“

„Eine Blutbuche stand in der Nähe. Was sollen wir schon gemacht haben?“

Tom Calhoun nickte verstehend, wandte dem Mann den Rücken zu und zog das Lasso über den Kopf des Rindes. Als er sich umwandte, hatte der Mann seine Stellung nicht verändert. Das Gewehr zeigte noch zu Boden.

„Dann Auf Wiedersehen“, sagte Tom.

„Viel Glück. Calhoun. Und denke daran, du wirst überall Gesindel treffen. Wenn sie dich sehen, werden sie schießen und keine Fragen stellen.“

Tom nickte, ging zu seinem Pferd, rollte das Lasso auf und befestigte es am Sattel. Dann stieg er auf und ritt die Schlucht weiter hinunter.

 

*

 

Am folgenden Tag sah Tom Calhoun von einem Höhenzug aus eine kleine Herde in der Ebene. Er suchte sich einen Weg durch die Schluchten und verließ die Berge gegen Mittag. Die Herde war ihm näher gekommen.

Schnell ritt er ihr entgegen. Er sah drei Männer, die die Tiere langsam nach Südwesten trieben. Als er näher kam, konnte er den, der ihm an nächsten war, erkennen.

Es war Dave Harmon, der drahtige Mann, der mit müden Bewegungen die Peitsche schwang.

Dave rief etwas hinter sich. Die anderen beiden Reiter kamen näher und waren bei ihm, als Tom sein Pferd zügelte.

Sie grinsten ihn alle drei an.

„Unser Vieh?“, fragte Tom.

„Ja. Jedes einzelne. Aber es sind nur achtzig Stück, Boss. Rio und Ihr Sohn John suchen westlich von hier.“

„Und wo sind die anderen?“

Dave zuckte die Schultern.

„Wir haben sonst niemand treffen können. Aber wir haben Fährten gefunden. Breite, dunkle Fährten. Ich glaube, die meisten Rinder sind viel weiter nach Norden. Vielleicht laufen sie immer noch.“

„Dann kann John auch weiter nördlich sein“

„Kann er, Boss.“

Tom blickte auf die Herde. Es waren die schwächsten Tiere, und daran erkannte er, wie recht Dave hatte. Die stärkeren Rinder waren weiter nach Norden geflohen.

„Ich werde versuchen, John und die anderen zu finden“, sagte er. „Wenn Durango zurückkommt, dann sagt es ihm.“

„In Ordnung, Boss.“

Tom tippte an seinen Hut und ritt an den Männern vorbei und weiter nach Norden. Er war etwas erleichtert, weil er wenigstens einen Teil der Mannschaft gefunden hatte.

 

*

 

Er kam aus den Bergen und ritt über die Hochfläche der Stadt Sholow entgegen. Vor den Häusern stand eine Herde unter einer Staubglocke, die von Reitern langsam umkreist wurde.

Als Tom Calhoun nahe genug herangekommen war, erkannte er einen Mann, dessen Ranch in der Nähe von Dallas lag.

„Hallo, Calhoun!“, rief der Rancher und kam näher.

Tom nickte und blickte auf die Rinder. „Es sind welche von Ihnen dabei“, erklärte der Mann. „Etwa fünfzig Stück. Vielleicht kommen noch mehr dazu. Meine Leute sind ständig unterwegs. Wenn wir bei Ihrer Ranch vorbeikommen, lassen wir die Tiere zurück.“

„Danke, Hunter.“

„Nichts zu danken. Vielleicht finden Ihre Leute Rinder, die mir gehören.“

„Vielleicht. Ich weiß nur nicht, wo die Leute sind.“

„Ihr Sohn John war hier, Calhoun. Er ist in die Stadt geritten. Etwa vor einer Stunde.“

Tom blickte den Mann überrascht an. Hunter grinste.

„Danke“, sagte Tom schnell, zog sein Pferd herum und galoppierte auf die Häuser zu.

Die kleine, aus Kistenholzhäusern bestehende Stadt hatte nur einen Saloon. Tom Calhoun sah ein Pferd mit dem RB-Brandzeichen davor stehen. Er sprang aus dem Sattel, warf die Zügel einmal um die Holmstange und sprang zum Gehsteig hinauf. Als er den Saloon betrat, sah er seinen ältesten Sohn an der Theke stehen.

John schaute ihn an und grinste. Er musste ihn schon vor dem Fenster gesehen haben.

„Komm her. Der Whisky ist schön kalt, Pa!“

Er ging näher und griff nach dem Glas, das der Keeper über den Tresen schob.

„Hast du jemanden von uns gesehen?“

„Nein“, erwiderte John. Er grinste nicht mehr. „Hunter will ein paar unserer Reiter nördlich gesehen haben. Dort wird auch der größte Teil unseres Viehs sein. Es hat sich verstreut. Man sollte versuchen zu fangen, was noch zu fangen ist und es gleich weiter an die Bahnlinie treiben. Vielleicht kann man dadurch den Verlust wenigstens ein bisschen ausgleichen.“

Tom Calhoun trank den Whisky und warf das Glas ins Spülbecken. Er legte einen Dollar auf den Tisch und dachte an den Colonel, von dem er das Geldstück hatte.

„Ich muss erst noch etwas essen“, meinte John. „Solange haben wir sicher noch Zeit.“

 

*

 

Tag für Tag ritten sie nebeneinander her nach Norden. Immer wieder sahen sie Ranchmannschaften, die Rinder gesammelt hatten. Sie kannten die fremden Männer nicht. Manchmal sahen sie ein Rind mit ihrem Brandzeichen, aber sie schwiegen. Die Rancher hatten durchweg große Verluste gehabt und gaben nichts mehr her, schon gar nicht, wenn sie die, die etwas forderten, nicht kannten.

Am zwölften Tag nach dem Hurrikan parierte Tom Calhoun sein Pferd früher als sonst, stieg ab und nahm dem Tier den Sattel ab.

„Was ist?“, fragte John, der über das weite Land geschaut hatte und niemanden sah.

„Wir geben auf.“

John stieg ebenfalls ab und warf seinen schweren Sattel zur Erde.

„Wir müssen an unseren Leuten vorbei sein“ sagte Tom. „Sie sind im Osten oder im Westen von uns. Oder hinter uns.“

„Ich wette, es ist noch Vieh weiter im Norden“, knurrte John und setzte sich auf den Sattel.

„Wir hätten die Bergketten durchkämmen sollen. Dort müssen sich die meisten Rinder in den Bergtälern verlaufen haben.“

„Dann reiten wir eben dorthin zurück.“

Sie brachen im Morgengrauen wieder auf und ritten weiter westlich als sie gekommen waren, nach Süden zurück. Gegen Abend des gleichen Tages stöberten sie in einer Talsenke zwischen entwurzelten Büschen und Cottonwoods zweiundzwanzig Rinder auf. Zwanzig davon trugen ihr Brandzeichen. Das der beiden anderen hatten sie niemals zuvor gesehen.

John stützte sich auf das Sattelhorn und stieß ein raues, wildes Lachen aus. Tom blickte ihn verwirrt an.

„Verlierst du den Verstand?“, fragte er gepresst.

„Ist es nicht verrückt? Zwanzig Rinder, die uns gehören. Wir werden sie nicht stehen lassen, was?“

„Natürlich nicht, John.“

„Na, siehst du. Darüber muss ich lachen. Wir reiten zwei Wochen und finden zwanzig Rinder.“

„Wir werden sicher noch mehr finden. Ich denke, wir bleiben bis morgen hier. Sie verlassen den Ort nicht von selbst.“

Am folgenden Morgen sonderten sie die beiden Tiere mit dem fremden Brandzeichen ab und überließen sie ihrem Schicksal, um keinen Ärger mit anderen Reitern zu bekommen. Dann trieben sie ihre zwanzig Longhorns nach Süden.

Nur langsam kamen Vater und Sohn vorwärts. Bald schmerzten ihnen die Arme vom Schwingen der Peitschen. John fluchte immer öfter und immer grimmiger. Die Arbeit stand in keinem Verhältnis zu dem Wert der Rinder. Aber sie ließen die Tiere nicht zurück. Vier Tage später fanden sie in einem Gestrüpp vier weitere Tiere mit ihrem Brandzeichen.

Nun waren es genau zwei Dutzend, die sie vor sich her nach Süden trieben.

 

*

 

Sie brauchten genau zwei Wochen, um die Ranges zu erreichen. Der dunkle Schlund eines Canyons öffnete sich vor ihnen, und sie trieben die abgemagerten Tiere in ihn hinein. Schatten nahm sie auf. Aber es war heiß zwischen den steilen Granitwänden. Das Peitschenknallen hallte von den Felsen wider. Der Weg wurde breiter, wand sich tiefer in die Berge hinein und öffnete sich plötzlich zu einem Tal.

Tom und John hielten die Pferde gleichzeitig an. Vor ihnen hielten vier Reiter, an denen ihre zwei Dutzend Rinder vorbeitrotteten und sich mit einer großen Herde vermischten, die hinter den Reitern im Tal stand und von weiteren Männern bewacht wurde.

Tom Calhoun blickte den großen, hartgesichtigen Mann, den seine Freunde Colonel genannt hatten, an.

„Hallo“, sagte der Mann und grinste ihn an. „Wir kennen uns doch!“

„Ja, Logan. Ich brachte Miss Plummer nach San Angelo.“

„Eben.“ Logan trieb sein Pferd näher heran. „Das ist eine Überraschung. Gehören die Rinder zum Bestand der Ranch, für die ihr arbeitet?“

Tom begriff blitzartig, dass der Mann nichts von der Existenz von Rancho Bravo zu wissen schien.

„Ja“, sagte er.

Logan grinste breit „Habt ihr nicht Lust, sie auf eigene Rechnung an der Bahnlinie zu verkaufen?“

Tom Calhoun blickte auf die anderen Männer. Sie sahen stoppelbärtig und verdreckt aus. Aber John und er machten sicher auch keinen besseren Eindruck.

„Wir haben noch nicht darüber nachgedacht“, gab er ausweichend zurück.

„Das solltet ihr aber tun. In meiner Herde stehen Tiere mit dem gleichen Brandzeichen, das eure trugen. Ich habe eine Ranch nahe Austin.“

Tom spürte, dass John ihn ansah, reagierte aber nicht darauf.

„So“, sagte er nur.

„Ja. Ich habe viel Vieh verloren. Ich nehme mir, was vor unsere Lassos läuft. Ich habe auch Reiter verloren. Niemand weiß, wo sie geblieben sind. Also, wenn ihr wollt, könnt ihr bleiben. Ihr helft mir, mein Vieh zu treiben, bekommt euren Lohn und könnt eure Rinder auf eigene Rechnung verkaufen. Vielleicht in Kansas oder dort, wohin wir sonst kommen.“

Tom sah, dass sich noch mehr Reiter von der Herde näherten.

„Ihr könnt auch fortreiten“, sagte der Mann, der neben Logan hielt und grinste.

Tom begriff. Sie würden die Pferde wenden und Kugeln in den Rücken bekommen.

„Wir bleiben und sind einverstanden“, erwiderte er.

Logan trieb sein Pferd zur Seite.

„Von mir sind noch Leute unterwegs“, erklärte er. „Hier in den Bergen findet man überall Rinder. Die meisten gehören mir. Ich hatte auf meiner Ranch achttausend Stück. Hier seht ihr zweitausend.“

Tom ritt an Logan vorbei, als der schwieg. Er hörte am Hufschlag, dass John ihm folgte. Sie ritten an der Felswand entlang und sahen, dass das Tal von steilen Felswänden eingeschlossen war und nur den Zugang hatte, durch den sie gekommen waren.

„Wie eine Mausefalle“, brummte John hinter Tom.

Tom Calhoun hielt an und stieg ab. Sein Sohn folgte seinem Beispiel. Sie waren allein und blickten sich an.

„Das ist der Mann, von dem ich dir erzählt habe, Logan.“

„Dort, wo er her sein will, gibt es keinen Rancher namens Logan. Das weiß ich genau.“

Tom nickte.

„Habe ich auch nicht erwartet.“ Er blickte auf die Rinder und sah ihr Brandzeichen auf vielen Flanken.

„Es sind Rustler“, fuhr John fort. „Sie wollen am Hurrikan auf ihre Art verdienen. Auf den Gedanken, dass sich ein Bandit als Rancher ausgibt, wäre ich nicht gekommen.“

„Man lernt nie aus“, entgegnete Tom, sattelte sein Pferd ab und setzte sich an die Felswand. „Wahrscheinlich wären wir schon tot, wüsste er, dass er unser Vieh verkaufen will.“

„Und die Frau? Wo ist sie geblieben?“

„Weiß ich auch nicht, John. Was machen wir nun?“

John setzte sich ebenfalls und stierte finster vor sich auf den Boden.

„Wir treiben mit nach Norden und tun so, als wären wir froh, uns zwei Dutzend Rinder unter die Nägel reißen zu können. Von den Longhorns, die hier stehen, gehören uns mindestens tausend Stück.“

Logan näherte sich, parierte sein Pferd, stieg ab und setzte sich zu ihnen. Der Mann, der ihm gefolgt war, hieß Ike Steanly, wie sich Tom nach Marshal Clayburns Beschreibung erinnerte.

„Morgen früh reitet ihr mit ihm auf die Suche nach weiteren Tieren“, bestimmte Logan. der in Steanlys Richtung genickt hatte. „Wir bleiben noch zwei Tage. Wir sammeln, was wir finden können. Alle Rancher nehmen sich jetzt, was ihnen vor die Lassos läuft.“

Sie schwiegen und blickten ihn an. Logan stand wieder auf.

„Also, ihr wisst Bescheid!“

 

*

 

Das stämmige Rind kam aus dem Busch am Fuß der Felswand, starrte die Männer an, brüllte dumpf, drehte sich und stürmte davon.

Steanly, der kleine, drahtige Reiter, schwang das Lasso über dem Kopf und preschte schreiend hinter dem Tier her.

Tom und John Calhoun blickten ihm nach. Keiner dachte daran, dem Mann zu folgen.

„Verdammt kaltblütig, die ganze Bande“, knurrte John.

„Ja.“

Steanly jagte aus dem Tal. Der Hufschlag seines Pferdes wurde leiser.

„Jetzt können wir verschwinden“, meinte John. „Wir brauchen vier oder fünf Tage, um San Angelo zu erreichen.“

„Und zehn, um mit dem Richter, Clayburn oder seinen Deputies wieder hier sein zu können“, sagte Tom. „Wer weiß, was in der Zwischenzeit dort los war. Vielleicht hat der Richter gar keine Zeit. Im übrigen hat Logan eine Menge Leute. Hast du dir Steanly genau angesehen?“

„Hab ich.“

„Sie sind eiskalt, brutal und schnell.“

„Ja. Trotzdem sollten wir verschwinden. Sie kommen mit der Herde nur sehr langsam vorwärts Wir können sie jederzeit noch einholen.“

Tom überlegte noch, was sie tun sollten, als Steanly schon zurückkam. Er zog das Rind am Lasso hinter sich her. Als er bei den Brüdern hielt, sahen sie das Brandzeichen, erkannten es und blickten sich an.

„Gehört auch nicht zu Logans Vieh“, meinte John.

„Wenn euch jemand fragt, woher wir die Rinder mit den fremden Brandzeichen haben, sie sind gekauft. Die Rancher, denen die Tiere gehörten, hatten keine Lust, sie zurückzutreiben. Ist das klar? Sie sind gekauft, die Rinder — billig!“

„Natürlich“, erwiderte Tom schnell. „Logan hat sie gekauft — billig, aber gekauft.“ Er lächelte den kleinen, drahtigen. verschlagen wirkenden Mann an.

Steanly gab ihm das Lasso in die Hand.

„Bring es zur Herde. John und ich suchen weiter.“

Tom Calhoun ritt mit dem Rind durch die Schlucht zurück.

„Los“, brummte Steanly an John gewandt, während er das zweite Lasso von seinem Sattel losmachte.

Nebeneinander ritten sie tiefer in die Berge hinein.

„Du kommst mir irgendwie bekannt vor“, sagte Steanly nach einer Weile.

„So?“

„Ja. Wir müssen uns schon gesehen haben. Ich komme sicher noch darauf.“

John blickte dem kleinen Mann in das Falkengesicht, konnte sich aber nicht erinnern, es schon jemals gesehen zu haben.

„Warst du schon mal in Arizona?“, fragte Steanly unvermittelt und blickte John wieder scharf und durchbohrend an.

„War ich.“

„Dann muss es dort gewesen sein. Wenn ich nur wüsste, wo.“

Der Canyon wurde wieder breiter. Sie hielten, sahen das. Buschwerk vor sich, aber kein verirrtes Rind.

„Nichts“, brummte Steanly.

„Kein Wunder. Ihr habt doch alles schon abgegrast.“

„Ich habe den Eindruck, als würde dir an unserem Geschäft Verschiedenes nicht gefallen, John.“

„Stimmt, Steanly.“

„Darf ich fragen, was dir nicht gefällt?“

Details

Seiten
112
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934403
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v507078
Schlagworte
angelo country sturmnacht rancho bravo

Autor

Zurück

Titel: SAN ANGELO COUNTRY #68: Sturmnacht auf Rancho Bravo