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Mordanschlag

©2019 173 Seiten

Zusammenfassung


Der kanadische Großkaufmann Lauritz Ericsson hätte um ein Haar die charmante Eden Williams im Nebel totgefahren. Das junge Mädchen ist ihm vors Auto gestoßen worden. Ericsson lädt die verletzte Dame zum Essen ein. Diese offenbart ihm ihr Leben. Gibt es da vielleicht ein düsteres Geheimnis?

Leseprobe

Table of Contents

Mordanschlag

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Gegen halb zwei Uhr nachts standen sie an der Parkmauer eines verfallenen Herrensitzes in Spokingford. Sie hatten mehr als Glück gehabt, denn Stebbins Wohn- und Geschäftshaus in Golders Green war völlig verlassen gewesen, aber der zufällig in der Nähe arbeitende Stundengärtner des Maklers hatte ihnen völlig arglos erzählt, dass Mr. Stebbins jr. sich mit Freunden auf seinem Besitz „Witch Castle“ in Spokingford aufhalte.

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Mordanschlag

Kriminalroman von Theodor Horschelt

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 173 Taschenbuchseiten.

 

Der kanadische Großkaufmann Lauritz Ericsson hätte um ein Haar die charmante Eden Williams im Nebel totgefahren. Das junge Mädchen ist ihm vors Auto gestoßen worden. Ericsson lädt die verletzte Dame zum Essen ein. Diese offenbart ihm ihr Leben. Gibt es da vielleicht ein düsteres Geheimnis?

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Nebelschwaden lagen über der finsteren Straße.

Nach drei Monaten London kannte Law Ericsson die Anzeichen. Fand er während der nächsten halben Stunde nicht ins Hotel zurück, saß er in der Milchsuppe fest.

Verzweifelt bog er in die nächste Seitenstraße ein und befand sich plötzlich in einer völlig anderen Welt. Typisch London!, dachte er verblüfft. Will froh sein, wenn ich wieder in Toronto bin.

Die Straße war lang und sehr schmal und von respektablen, langweiligen Häusern gesäumt. Die Messingbeschläge funkelten auch des Nachts. Steil ragten die Gitterstäbe der Vorgartenzäune, wie eine abweisende Mahnung: „Mein Haus ist meine Burg – respektiere es, Fremder!“

Sogar die Straßenlaternen brannten hier heller.

Fluchend trat Law auf die Bremse. Einen Moment nur hatte er nicht aufgepasst. Ganz plötzlich war die junge Frau aus dem Nebel aufgetaucht und ihm wie blind in die Fahrbahn getaumelt. Der rechte Kotflügel streifte sie und warf sie zu Boden.

Law stellte den Motor ab und sprang aus dem Wagen. Millionen Autos gibt’s in London, ausgerechnet unter meinem muss sie Selbstmord verüben!, dachte er, zitternd vor Erregung. Hoppla, sie ist ja schon wieder auf. Scheint nicht so schlimm zu sein.

„Sind Sie verletzt?“, wollte er fragen, aber da lag sie schon schluchzend in seinen Armen. „Wegbringen, bitte! Bitte, schnell! Jemand hat mich vor den Wagen gestoßen!“

Ratlos blickte er sich um und sah nichts Verdächtiges, aber ihre Panik wirkte ansteckend. Er zog sie zum Wagen, schubste sie hinein, nahm hinterm Lenkrad Platz und fuhr an.

Auf dem Nebensitz krümmte sich das Mädchen in jämmerlichem Schluchzen. Es machte ihn ganz nervös.

„Herrje, lassen Sie sich doch nicht so gehen!“, herrschte er sie nach einer Weile ungeduldig an, nur mühsam seinen Ärger beherrschend. „Sie haben einen schlimmen Schock erlitten, zugegeben. Aber haben Sie auch für meine Situation Verständnis. In zwanzig Minuten ist es mit dem Straßenverkehr endgültig Essig; ich würde aber gern vorher im Mayfair-Hotel sein. – Na, was ist denn, haben Sie mich nicht verstanden?“

Er musste sie dreimal ansprechen, ehe sie den Kopf hob und ihn aus tränenblinden Augen ansah. Zögernd deutete sie nach vorn. „Geradeaus, wir sind ganz in der Nähe, Mister …“

„Law Ericsson“, stellte er sich vor.

„Fahren Sie erst mal immer geradeaus, Mr. Ericsson, ich weise Sie schon ein. Aber – wie komme ich hernach nach Willesden? Übrigens heiße ich Eden Williams.“

„Erst mal im Hotel sein“, entschied er ungehalten, „dann findet sich schon Rat. Ich lasse Sie nicht im Stich!“

Sie nickte langsam. „Sonderbar, ich kenne Sie nicht, und doch hab ich Vertrauen zu Ihnen. Sie sind noch nicht lange in London?“

„Noch keine drei Monate. Ich bin Kanadier und lebe in Toronto. Ich halte mich nur vorübergehend geschäftlich in London auf. Hören Sie mal, sagten Sie vorhin wirklich, man habe Sie vor meinen Wagen gestoßen, oder habe ich mich verhört?“

„Man hat mich gestoßen!“ Sie lachte bitter auf. „Und jetzt denken Sie: Das närrische Ding hat einen Dachschaden und gehört in die Klapsmühle. So ist es doch?“

Er wusste selbst nicht, wie ihm geschah, aber die klare, kultivierte Altstimme hatte ihn sofort für sie eingenommen. Sie sprach das etwas stockende Englisch der Oberklassen, musste demnach aus gutem Hause stammen.

„Aber Sie haben keinen Dachschaden, stimmt’s?“

„Der gelbe Jaguar ist bei Rot gestartet, das kann ich beschwören.“

„Welcher Jaguar? Ich sehe weder ein Rotlicht noch einen Jaguar, werte Dame!“

„Ich meine den Jaguar, der mich Mitte August am Trafalger Square um ein Haar totgefahren hätte, abends, kurz nach sechs, im dichtesten Gewühl. Genau vierzehn Tage später wurde ich an der Notting Hill Gate Station praktisch unter die U-Bahn gestoßen. Ohne den schweren Schließkorb, der mir zufällig im Weg stand, und an den ich mich anklammern konnte, läge ich längst auf dem Friedhof.“

„Gestoßen? Das ist ja grässlich! Goddam, der Kerl schläft wohl!“

Law hatte den altmodischen, eckigen Sportwagen erst in diesem Augenblick im Rückspiegel entdeckt, und dem Verkehrsrowdy am Lenkrad des Alvis ging es wohl nicht anders. Es sah Sekundenbruchteile lang danach aus, als wolle er samt seiner betagten Kutsche in den Kofferraum des Coupes hineinschlüpfen, dann gelang es ihm gerade noch, um Zollbreite einen Zusammenstoß zu vermeiden. Ohne das Tempo zu mäßigen, riss er seinen Wagen hart nach rechts und überholte den Bentley in kühnem Bogen.

„Weg ist er!“ Law fluchte hemmungslos. „Der Kerl hat wohl einen Bankraub begangen? Bei der Sicht so zu rasen! – Na, was ist denn, Sie zittern ja am ganzen Leib! Jetzt besteht kein Grund zur Aufregung mehr.“

„War es … war es … Ich glaube, es war ein roter Alvis.“

„Ein uralter, offener Alvis war es ganz bestimmt. Die Farbe habe ich nicht erkannt. Was ist denn daran so ungewöhnlich, Miss Williams?“

„Du meine Güte, nennen Sie mich schon endlich Eden! Ihre Miss Williams macht mich ganz nervös! Ja, es ist ungewöhnlich. Anabel hat nämlich einen roten Alvis …“

Er hatte keine Ahnung, was sie damit sagen wollte, stellte aber keine Frage, um sie nicht noch mehr aufzuregen.

„Dort vorne an der Kreuzung müssen Sie rechts abbiegen“, fuhr sie in völlig verändertem Tonfall

fort. „Danach sind Sie auf dem Morrison Square, und …“

„… und von dort an kenne ich mich selber wieder aus. Es wird höchste Zeit, dass wir ans Ziel kommen. Die Sicht ist ja schon gleich Null. Für Sie werde ich im Hotel ein Zimmer mieten. Nein, sagen Sie nichts, Gegenvorstellungen irgendwelcher Art verbitte ich mir, verstanden!“

Plötzlich begann sie zu lachen. Es war ein silberheller, perlender Ton, der ihn ganz kribbelig machte. „Sind Sie immer so selbstherrlich, Mister Ericsson?“

„Law!“, verbesserte er sie. „Law und Eden – es spricht sich so besser! Wollten Sie nicht etwas sagen?“

„Jetzt nicht mehr“, erklärte sie kopfschüttelnd.

 

*

Die Turmuhr von Big Ben hatte eben dreiviertel neun geschlagen. Im Themsebezirk Greenwich Reach südlich Poplar war der „Fog“ zum Schneiden dick. Trotzdem raste der 32 Jahre alte Marmon-29 mit 65 Meilenstunden über das Poplar Embankment. Perikles Papagos und Aristides Mondiris, zwei smarte Griechen, hatten die Ex-Luxuslimousine im Februar auf einem Lagerplatz „gefunden“ und in monatelanger Arbeit generalüberholt. Mit Ersatzteilen von 26 verschiedenen Autotypen, denen die rechtmäßigen Eigentümer kummervoll nachtrauerten.

Papagos und Mondiris waren in der Kohlenbranche tätig. Als Hilfsarbeiter.

„Fahr langsam, Peri, oder ich spring ab!“, winselte Mondiris, und er meinte es ernst.

„Warum denn, Ari?“, fragte Papagos, ehrlich verwundert. „Bei dem Nebel ist kein anderes Fahrzeug unterwegs, und ich kenne die Straße wie meine Hosentasche!“

Er raste weiter, mit nachtwandlerischer Sicherheit jedem Hindernis ausweichend. Er hätte ein großer Rennfahrer sein können und war doch nur ein armseliger Spitzbube.

Eine Weile rasten sie schweigend durch den Nebel, ehe Mondiris wieder das Wort ergriff.

„Also, ich hätte es nicht getan!“

„Und warum nicht?“

„Es ist eine ganze Bande …“

„Auch eine Begründung!“

„… die sich unsere Einmischung nicht gefallen lassen wird.“

„…will!“, verbesserte sein Freund. „Sie will nicht, aber sie muss! – Es ist doch ganz einfach, Ari: Die Firma Thompson Brothers ist die zweitgrößte Kohlengroßhandlung mit 63 Zweigniederlassungen im Gebiet des Vereinigten Königreiches. Sieben davon liegen in Groß-London.“

Er zählte sie auf: „Cheam, Hanworth, Kenton, Gate Hill, Buckingford und Poplar. In allen Lagern geht es zu wie in einem Ameisenhaufen. Nur Poplar ist seit zwei Jahren stillgelegt. Seit vorgestern weiß ich auch, warum, seit gestern weiß der Chief, dass ich es weiß.

Müssen darüber reden, Sir, sag ich am Telefon.

Nicht dass ich wüsste, Papagei!, meint er.

Papagei find ich großartig, Chief!, sag ich. Der Papagei kann fliegen und sprechen. Und er wird zur Polizei fliegen und dort sprechen. Und jetzt steckt er um.

Vielleicht sollten wir doch darüber reden, gibt er plötzlich nach. Kommen Sie morgen Abend Punkt 21 Uhr nach Poplar, nicht früher und nicht später. Ich schicke Ihnen durch die Post einen Schlüssel zu Tor C. Sie treten Punkt 21 Uhr bei C ein, gehen zum Materiallager weiter, biegen dort rechts ab …“

„Halt die Klappe!“, fauchte Mondiris. „Ich höre die Geschichte jetzt zum zwanzigsten Male. Du biegst also beim Materiallager rechts ab und betrittst die Garagenhalle. Im selben Augenblick läuft der Dieselmotor des Baggerkrans an. Seine fünfte Fehlkompression kommt nicht aus dem Auspuff, sondern aus einer Pistole, und du bist hin!“

„Denkste!“ Papagos kicherte amüsiert. „Der Chief meint, er ist wunder wie schlau, aber ich bin hundertmal schlauer. Hör zu: Die Gefahr beginnt in dem Augenblick, in dem wir das Lagergelände betreten. Der Chief wartet auf uns in der Halle. So lange, bis es ihm zu dumm wird und er ins Büro zurückkehrt. Er kommt rein, sieht mich am Schreibtisch sitzen und geht in die Luft. Ehe er papp sagen kann, stehst du hinter ihm und drückst ihm das Baby gegen die Nieren. Das wird ein Spaß, sag ich dir, alter Spitzbube, hohohoho!“

Der „alte Spitzbube“ nahm rasch Baby zur Hand, eine großkalibrige, mit gehacktem Blei geladene Flinte, deren Lauf zur Hälfte abgesägt war, und überprüfte die gefährliche Waffe liebevoll.

„Baby ist in Ordnung, Peri“, erklärte er stolz, „und du bist einfach ein Genie! Natürlich wird es gehen, eine erkannte Gefahr ist keine mehr!“

Der Mann, von dem die Rede war, stand seit einer halben Stunde am oberen Ende einer Laderampe. Seine rechte Hand umkrampfte den Bremshebel einer Dieselwinde. Auf der steilen Auffahrt stand ein dreißig Tonnen schwerer Sechsradstraßenhobel und wurde in dieser Stellung durch ein armdickes Drahtseil festgehalten, dessen anderes Ende auf die Windentrommel aufgespult war. Die Umgebung des Kohlenlagers war völlig menschenleer und in dichten Nebel getaucht. In der Ferne dröhnte ein starker Kraftwagenmotor auf. Sekunden später quietschten und winselten Reifen, als Perikles Papagos mit unsinniger Geschwindigkeit in die Zufahrt zu Tor C einbog. Im nächsten Augenblick ließ der Chief den Bremshebel los. Sofort setzte sich der Erdhobel in Bewegung und rollte rasch die Zufahrt hinunter, wo er wie aus dem Boden gewachsen die Fahrbahn des rasenden Kraftwagens blockierte. Mit schauerlichem Krachen raste der Autoveteran gegen die tonnenschweren Chassisträger des Erdhobels und wurde durch die Aufprallwucht wie ein Ziehharmonikabalg zusammengeschoben!

 

*

 

Um viertel zehn wartete Ericsson immer noch geduldig in der snobistischen „Mayfair“-Halle auf Miss Williams und dachte über das aparte Mädchen nach, ohne zu einem abschließenden Urteil zu kommen. Angeblich trachtet man ihr nach dem Leben, überlegte er. Was ist wirklich mit ihr los: Will sie sich bloß wichtig machen, ist sie hysterisch, oder droht ihr in vollem Ernst Gefahr?

Plötzlich stand sie vor ihm, viel jünger, als ursprünglich angenommen, aber sicher und zweifellos ladylike. Ihre schlanke Figur war herrlich gewachsen, die halblang geschnittenen Locken schimmerten wie dunkles Kupfer im hellen Licht der Kristalllüster, ihrem schönen Gesicht gaben der etwas üppige Mund und das trotzige Kinn einen eigenartig, aparten Reiz. Dass sie kaum Make-up auf getragen hatte, nahm ihn noch mehr für sie ein. Ihr Jerseykostüm war nicht neu, aber tadellos gearbeitet und sorgsam gepflegt. Law wusste auf den ersten Blick: Hier handelte es sich um eine trotz ihrer Jugend bereits geprägte Persönlichkeit von gutem Herkommen und sicherer Kultur, doch vermutlich nicht mit Reichtümern gesegnet.

Unter seinen bewundernden Blicken errötete Eden. „Wenn Sie mich weiter so hungrig ansehen. Law, machen Sie mich verlegen. Glauben Sie mir, ich bin an nichts weniger interessiert als an einem heißen Flirt.“

„Das ist mir längst klar!“

Law bot ihr den Arm. „Wenn ich ehrlich sein soll, ich hab einen Bärenhunger. Darf ich bitten, meine Gnädigste? Wir wollen unter dem ergriffenen Schweigen aller Gäste feierlich zur Tafel schreiten.“

„Oh, Law, Sie sind ja ein gefährlicher Charmeur. Da hab ich mich ja auf etwas Schönes eingelassen!“

 

*

 

An der Art, wie sich der Saalchef Ericssons annahm, bemerkte Eden voll Verwunderung, dass der Kanadier als Vorzugsgast galt. Sie wurden zu einer Seitennische geführt, in der sie völlig ungestört waren.

Während Law mit dem Oberkellner die Speisenfolge besprach, musterte sie ihn eingehend. Er sah wirklich sehr gut aus. Groß, breitschultrig, schmalhüftig, mit scharf blickenden grauen Augen und empfindsamen Händen. Seine ganze Haltung strahlte Kraft, Sicherheit, Autorität und Zuverlässigkeit aus. Außer seinem Namen verrieten auch seine sehnige Figur und das lange, markante Gesicht die skandinavische Abstammung. Eine gewisse Ähnlichkeit mit dem jungen Charles Lindberg war zweifellos vorhanden. Sein Abenddress verriet den reichen Mann.

Während des Essens sprachen sie kaum ein Wort.

Erst beim anschließenden türkischen Mokka wurde Law wieder gesprächig.

„Sagen Sie, Eden, was haben Sie eigentlich heute Abend in der Crafton Road zu tun gehabt? Ich nehme nicht an, dass Sie bei dem grässlichen Wetter spazieren waren.“

„Ich hatte mich auf Stellensuche verspätet.“

„Sie sind ohne Job?“

Sie nickte unbefangen. „Seit August. Nach meiner Schulzeit habe ich drei Jahre lang bei der Werbeagentur Cash Foster in Coombe gearbeitet, bis ich eines Tages den blauen Brief erhielt. Weiß Gott, es traf mich wie ein Weltuntergang, denn mein Chef hatte mir noch am Vorabend Prokura in Aussicht gestellt. Inkonsequent, wie doch angeblich nur eine Frau sein kann, finden Sie nicht auch?“

Er musterte sie besorgt. „Wenn Sie meine Meinung wissen wollen: Eine derartige Haltung ist nicht inkonsequent, sondern verdächtig. – Übrigens, Sie deuteten mir etwas über gewisse mysteriöse Vorfälle an. Würden Sie mir darüber etwas Genaueres erzählen?“

Plötzlich verlor sie ihre gelöste Haltung. Ihr Gesicht drückte Ratlosigkeit aus und Furcht. „Sie müssen alles ganz genau wissen, sonst flieht Sie der Schlaf! Sagt der Dichter nicht so? – Well, als uns der rote Alvis beinah rammte, hatte ich gerade von meinem U-Bahn-Abenteuer gesprochen. Drei Wochen danach wollte ich an einem Samstag morgen das Drehflügeltor unserer Garage öffnen.“ Sie lachte leise, unfroh, auf. „Was glauben Sie, was mir beinahe auf den Kopf gefallen wäre?“

Er zuckte ratlos die Schultern.

„Ein zentnerschwerer Stein! Danach blieb ich sechs Wochen ungeschoren. Bis ich am 1. Oktober wie fast jeden Samstag meine Mutter zum Einkaufsbummel in die City fuhr. Unterwegs löste sich das rechte Vorderrad. Da war ich aber bereits derart abgebrüht, dass ich es als Zufall abtat.“

„Und heute Abend wurden Sie von hinten vor meinen Wagen gestoßen. Das war dann also das fünfte Attentat, wie man es wohl bezeichnen muss.“

„Sehen Sie, ich war schon ganz verzweifelt, weil ich noch immer keine mir einigermaßen zusagende Stellung gefunden hatte, und wollte mich bei einem Schriftsteller bewerben, der in der Times wegen einer Sekretärin annonciert hat. Ich war schon zweimal dort, aber keinmal war er zu Hause. Heute Abend versuchte ich es dann noch einmal. Er war wieder nicht da. Es ist zu ärgerlich!“ In Ihren Augen glänzten Tränen. „Wenn Sie tagtäglich die boshaften Bemerkungen und Sticheleien meines Stiefvaters anhören müssten, hätten Sie für meine Ungeduld Verständnis.“

Edens verzweifelte Bemerkung hatte Ericsson ihre ganze schiefe Lage und innere Zerrissenheit enthüllt.

Plötzlich hellte sich seine Miene auf. „Da Sie heute Abend auf Stellungssuche waren, haben Sie sicher Ihr Zeugnis bei sich; würden Sie es mir mal zeigen?“

„Wozu?“ Sie schlug misstrauisch die Augen zu ihm auf. „Haben Sie etwa einen Job für mich?“

„Vielleicht.“

„Ach. Und bei welcher Firma?“

„Bei der Anglocanadian Trading & Development Company, Toronto, Montreal, London, Belfast and Dublin.“

Ihr ungläubiger Gesichtsausdruck machte jäh einer Miene größten Interesses Platz. „Und dort sind Sie mindestens als stellvertretender Vizepräsident …“ Erschrocken hielt sie inne und errötete über und über.

Er nahm es gutgelaunt auf. „Ihre Menschenkenntnis ist verblüffend.“

„Das hat mit Menschenkenntnis nichts zu tun, sondern mit meinen offenen Augen. Nur ein Dollarmillionär kann sich das teuerste Auto der Welt kaufen!“

Law Ericsson war ehrlich verblüfft. „Eins zu null für Eden Williams. Ich will Ihnen reinen Wein einschenken. Ich bin der Präsident der Firma.“

Das verlegene Rot in Edens Gesicht wurde noch dunkler. „Das ist ein guter Job, Law, den sollten Sie behalten!“

„Ich verdanke diese Stellung meiner Geburt, Eden, nicht etwa besonderer Tüchtigkeit. Darf ich noch einmal um Ihr Zeugnis bitten?“

Nervös vor Verlegenheit kramte sie in ihrer Handtasche, dann reichte sie ihm die Abschrift des wichtigen Dokuments hinüber.

Law Ericsson las es in gemessener Ruhe durch und stellte ihr nur ab und zu eine beiläufige Frage aus dem Werbefach, die sie verwundert, aber unbefangen und geistvoll beantwortete.

„Danke, Eden!“ Er gab ihr die Kopie zurück und beugte sich ein wenig vor.

„Ich engagiere Sie mit einem Anfangsgehalt von 63 Pfund. Sie werden zwei Monate lang bei mir als Privatsekretärin arbeiten, später dürfen Sie entscheiden, ob Sie mich nach Toronto begleiten oder

lieber bei meiner Londoner Filiale in der Werbeabteilung arbeiten wollen. Einverstanden?“

Er sah ihre ratlose Miene und ihren abweisend verkniffenen Mund. Ganz offensichtlich bezweifelete sie die Lauterkeit seines Vorschlags.

Trotzig blitzte sie ihn an. „Ich hoffe, Sie erlauben sich keinen Scherz mit mir, Law! Falls Ihr Angebot ernst gemeint und seriös ist, sage ich Ja und danke Ihnen aus ganzem Herzen. Sofern Sie mich aber günstig als Mädchen für alles einzukaufen gedenken …“ Sie unterbrach sich verwirrt.

„Soll mich der Teufel holen! Das wollten Sie doch sagen. Well, er wird mich nicht kriegen, der Teufel. Und jetzt gehen wir in die Bar, um den neuen Job mit einem harten Schluck zu besiegeln.“

„Ist das eine Präsidialanordnung, Mister Ericsson, oder immer noch Ihre Einladung, Law?“

„Dreimal dürfen Sie raten.“

 

*

 

Die Sandelholzbar im Mayfair war nach Laws Ansicht der einzige gemütliche Raum im Hotel. Law Ericsson saß mit Eden in einer gemütlichen Ecknische bei Gin-Fizz und Knackmandeln.

Sie sah, wie er sich mit irgendeinem Problem herumschlug, und wollte gerade behutsam danach fragen, als er von selbst zu sprechen anfing.

„Sie sind zu klug, um sich über die fünf sonderbaren Zufälle der letzten zwölf Wochen keine Gedanken zu machen, Eden. Ganz unter uns: Wem brächte Ihr Tod einen bedeutenden Vorteil?“

Sie zuckte ratlos die Achseln und seufzte. „Niemandem! Das ist es ja gerade, was mich so sehr bedrückt: das Sinnlose der auf mich verübten Anschläge! Sehen Sie, Law, die Ehe meiner Eltern wurde geschieden, als ich acht Jahre alt war. Wie soll ich Ihnen meinen Vater beschreiben? Er war einer jener Männer, die im Krieg Beispielloses leisten und in Friedenszeiten untergehen. Meine Eltern trennten sich ohne Krach, in aller Freundschaft. Fünf Jahre später heiratete meine Mutter ein zweites Mal, das war 1954. Bei der Scheidung hat mein Vater im wahrsten Sinne des Wortes alle Taschen umgedreht, und dabei war gerade so viel herausgefallen, dass ich Dr. Alsops College in Wendeley bis zum Abschlussexamen besuchen konnte, mein Traum vom Philosophiestudium blieb leider unerfüllbar. Ich trat stattdessen bei Cash Foster ein und verdiente gerade so viel, um mich über Wasser zu halten. Ich habe nichts zu vererben, ich bin nie einem Menschen so sehr auf die Hühneraugen getreten, dass er mich hassen könnte, ich weiß von niemandem ein schreckliches Geheimnis. Ach, es ist alles so sinnlos.“

Sie verstummte mit einer mutlosen Geste.

„Aber Sie sind jemandem im Wege!“, behauptete Law eindringlich. „Die fünf Attentate waren keine Einbildung, kein Zufall. Und wo eine Tat, da auch ein Motiv. Wie heißt eigentlich der Schriftsteller, bei dem Sie sich vorstellen wollten, und in welchem Haus wohnt er?“

„Er heißt Bernard Evans; seine Hausnummer ist 26a. Da fällt mir ein, dass ich schnell mal zu Hause anrufen muss, sonst ängstigt sich meine Mutter. Entschuldigen Sie mich einen Augenblick.“

 

*

 

Law bemerkte, wie seine Gedanken immer wieder um das eine Problem kreisten, und ermahnte sich streng, das sinnlose Grübeln aufzugeben. Er straffte sich, und zufällig fiel sein Blick auf einen neuen Gast, der eben zögernd eintrat. Es war wohl die besondere Art zu gehen, die ihm ins Auge fiel. Es erinnerte ihn an das lautlose, kraftvolle Schleichen eines schwarzen Panthers. Sein Gesicht war ausgesprochen schön. Alles an diesem attraktiven Männerantlitz – dessen diabolischem Charme sicher schon zahllose Frauen erlegen waren – war Energie und Angriffslust, die ganze Persönlichkeit schien von kaltblütiger Entschlossenheit und rücksichtsloser Dynamik gezeichnet. Law schätzte ihn auf Mitte zwanzig.

Er stand in jähem Entschluss auf, ging zur Theke und setzte sich links neben den interessanten Mann. Da der Mixer den Unterschied zwischen einem Gentleman und einem Rowdy kannte, wurde Law zuerst bedient. „Sir?“, fragte er in abwartender Haltung.

„Sixty-nine, please.“

„Und mir einen Double-Haigh!“ Die Stimme des anderen klang dunkel und kehlig wie fernes Gewittergrollen.

Der Mixer nahm je eine Flasche „Vat 69“ und „Haigh & Haigh“ und goss ein.

„Halten sich wohl für was ganz Besonderes, dass Sie sich einfach vordrängen, Sir?“, fragte die kehlige Stimme herausfordernd. „He, Sie Großmann, Sie geben wohl keine Audienz, he?“, stichelte der junge Mann weiter, weil Law nicht gleich reagierte.

Der Kerl suchte Streit um jeden Preis, soviel war klar. Langsam wandte sich Ericsson um. Sonderbar, das plumpe, ungeheuer brutale Kinn war ihm vorhin an ihm gar nicht aufgefallen.

Im selben Augenblick schlenderte Eden ganz arglos heran. Sie blieb hilflos stehen, als sie bemerkte, was im Gange war.

„Hallo, Edendarling, Schwesterchen“, wurde sie von dem Rowdy zu Laws Entsetzen begeistert begrüßt.

„Hallo, Vic – wenn das keine gelungene Überraschung ist!“, murmelte sie unglücklich. „Eines von beiden musst du wechseln: entweder deine Tonart oder die Bühne. Beide vertragen sich hier nicht!“

Das Gesicht des Burschen lief langsam rot an. „Sag das noch einmal, Liebling.“

„Wenn du es wünschst!“

Er holte blitzschnell aus, um sie zu ohrfeigen, aber Law fing seine Hand auf und hielt sie eisern fest.

„Entschuldigen Sie sich bei der Dame, und dann gehen Sie, aber schnell!“, befahl er im Ton unumstößlicher Autorität.

Die Muskeln des schönen Teufels wurden schlaff. Er zuckte die Achseln. In seine Augen trat ein tückisches Blitzen, Law sah es wohl. „Wenn es sein muss – ganz wie Sie wünschen – hiermit in in aller Form? Zufrieden?“

„Aber meine Herren, ich bitte Sie …“, versuchte sich der Mixer ins Mittel zu legen.

Law ließ sich nicht täuschen, er blieb auf der Hut.

„Zigarette, Sir?“, hörte er Vic schleimig fragen. Die langfingrige Hand kroch in die Rocktasche und kam blitzschnell wieder hervor. Eine gefährliche Stahlrute schnellte heraus.

Law erschrak; er handelte blitzschnell. Er knickte in der Hüfte ein, seine Faust sauste wie ein Schmiedehammer auf das Gelenk des heimtückischen Gegners; polternd fiel der Totschläger zu Boden.

Im gleichen Augenblick schoss seine Linke zu einer halblangen Geraden vor und landete sauber unter Vics Kinn.

Vic taumelte rückwärts, kippte nach hinten über und blieb auf dem Teppich liegen.

„Aber meine Herren, ich bitte Sie!“, rief der Mixer in heller Verzweiflung.

Vic stieß ein drohendes Fauchen aus und erhob sich. Sein hageres, bösartig verzerrtes Gesicht glich einer weißen Kreidewand, in der die Augen wie trüb verglimmende Holzkohlen flackerten. Aus seinem rechten Mundwinkel zog sich ein Blutfaden zum Kinn. Er taumelte dem Ausgang zu. Auf der Schwelle wandte er sich um und schüttelte drohend die Faust. „Herr … das werden Sie noch bedauern!“, zischte er, ehe er verschwand.

Law, der Handgreiflichkeiten wie die Pest hasste, wandte sich langsam zu Eden um.

Der Ausdruck lähmenden Entsetzens stand in ihrem Blick. „Law … bitte, glauben Sie mir, ich kann wirklich nichts dafür!“, jammerte sie in heller Verzweiflung. „Vic … ich kenne ihn von früher her. Vic Clatworthy war mit mir in Dr. Alsops College. Es ist ein Schulfreund. Ich hab ihn vor drei Jahren zuletzt gesehen, Law, Sie glauben mir doch?“

Er sah ihr in die Augen, und was er dort herauslas, war sauber und anständig.

„Es ist ein etwas schwieriger Herr, Ihr Victor Clatworthy“, sagte er nachdenklich.

„Ja, schwierig ist er, aber nicht mein Victor Clatworthy. Wir haben zufällig beide die gleiche Privatschule besucht und uns zufällig später in London wiedergetroffen. Victor ist älter als ich und wurde schon drei Jahre vor mir entlassen. Damals – nach der Schulzeit – hat er mir sehr heftig

den Hof gemacht, obwohl ich ihn bestimmt nicht dazu ermunterte, aber das dauerte nicht lange an, und er gab zu meiner Erleichterung auf. Ich bin sehr müde.“

Law erhob sich sofort. „Kommen Sie, Eden, ich werde Sie zu Ihrem Zimmer begleiten.“

 

*

 

Gegen ein Uhr dreißig stand Lauritz Ericsson wieder in der Crafton Road. Obwohl ihm der Taxidriver mit Bestimmtheit versicherte, dass es die gesuchte Straße sei, erkannte er sie nicht wieder. Nach Mitternacht hatte sich die dicke Erbsensuppe etwas gelichtet. In Höhe der ersten Etage war die Welt wie mit weißlackierten Brettern vernagelt, aber alles, was darunter lag, ließ sich mit dem Auge einigermaßen sicher ausmachen; ein Umstand, der Law überhaupt erst die Durchführung seines Vorhabens ermöglichte.

Haus Nummer 26a unterschied sich kaum durch irgend etwas von den anderen Gebäuden der Straße, aber dort war Eden Williams vor seinen Wagen gestoßen worden, und Law gab sich der Illusion hin, irgendwelche Spuren des Täters finden zu können. Natürlich wusste er, dass die Chancen wie eins zu einer Million gegen ihn standen, wollte es aber in seiner Dickköpfigkeit trotzdem versuchen.

Dass der Schriftsteller mit dem Verbrecher im Bunde ist, ist kaum wahrscheinlich, überlegte er. Infolgedessen kann es doch nur so gewesen sein, dass der Attentäter Eden beschattete und das Mädchen vor den Wagen stieß, als sich die günstige Gelegenheit bot. Wahrscheinlich hat er sie den ganzen Tag verfolgt; dann ist ihm schon am Nachmittag Edens Ziel in der Crafton Road aufgefallen.

Ja, so kann es gewesen sein. Als sie am Abend abermals vergebens bei dem Schriftsteller vorsprach, hat er vor dem Haus ihre Rückkehr abgewartet … Aber warum bloß? Welche Gefahr droht ihm durch Eden? Der Kerl muss ein schwerwiegendes Motiv haben, wenn er sich beharrlich an ihre Fersen heftet. Es war doch reiner Zufall, dass ich mit meinem Bentley des Weges kam, und Eden im gleichen Augenblick am Bordstein wartete.

Missmutig schüttelte Law den Kopf. Seine Überlegungen waren zwar höchst interessant, aber im Augenblick nicht wichtig. Wichtig war allein die Frage, wo sich der Unbekannte verborgen haben konnte.

Law ließ seine Taschenlampe aufblitzen.

Links neben der Vorgartentür wucherten die Zweige eines üppigen Rhododendrongebüsches weit über die Gitterstäbe hinaus und konnten in der nebeligen Dämmerung durchaus als Versteck gedient haben.

Kurzentschlossen trat er näher, ging in die Hocke und ließ das Licht seiner Lampe kreisen.

Als er ganz in der Nähe ein Räuspern hörte, erschrak er und knipste die Lampe sofort wieder aus. Er hielt den Atem an und wagte sich nicht zu rühren, obwohl ihm der Gedanke an eine drohende Gefahr selbst lächerlich vorkam.

Ein heiseres Hecheln und Japsen drang an sein Ohr; und eine kräftige Bassstimme befahl barsch:

„Such, Nero, such!“

Inzwischen war der Hundebesitzer so weit herangekommen, dass Law deutlich seine Silhouette sehen konnte. Die vage Kontur verkleinerte sich – offenbar hatte sich der Mann gebückt und den Hund von der Leine losgemacht.

Ein Schatten schnellte in großen Sätzen auf den entsetzten Law zu, nahm aber den in lächerlicher Stellung unter dem Gesträuch Kauernden nicht an, sondern stemmte die Pfoten ein, setzte sich auf die Hinterkeulen und knurrte drohend.

Rühr dich nur, wenn du Mut hast, Freundchen!, hieß dieses Knurren. Ich will dir deinen Übermut schnell austreiben!

Eine starke Taschenlampe blitzte auf. Ihr Lichtstrahl erfasste Laws Gesicht.

„He, was machen Sie denn hier?“, fragte der Nachtwächter im Näherkommen. „Zurück, Nero, zurück!“

Es war tatsächlich der Nachtwächter, wie Law zu seiner unaussprechlichen Erleichterung erkannte.

„Das dürfte Sie kaum etwas angehen, denke ich“, konterte er ungehalten. „Allerdings ist nichts Unrechtes dabei. Mir ist eine Münze unter den Busch gerollt.“

„Je, nun, ich habe es so unrecht nicht gemeint!“, murmelte der biedere Mann verlegen. „Es ist meine Pflicht, hier in dieser Gegend besonders misstrauisch zu sein, weil in letztere Zeit verschiedene Einbrüche verübt worden sind“, er lachte unsicher, „und Sie werden zugeben, dass Ihre Haltung verdächtig ist.“

„Mag sein, aber jetzt wissen Sie ja Bescheid. Trollen Sie sich!“

„Sehr wohl, Sir.“

Der herrische Unterton in Laws Stimme mochte den Mann überzeugt haben. Er ging ein paar Schritte, blieb stehen, kam wieder zurück.

„Vielleicht kann ich Ihnen suchen helfen, Sir?“, bot er sich an und ließ abermals seine Stablampe aufblitzen. Ihr heller Schein beleuchtete die brüchigen Fliesen des Gehsteigs viel intensiver als Laws kleines Notlicht. Während er den Strahl in Spiralen über den Boden gleiten ließ, strengte Law seine Augen an, aber der andere hatte mehr Übung im Suchen.

„Hier, Sir, ich hab etwas blitzen sehen!“

Der alte Mann ging in die Hocke und nahm den Gegenstand auf, der seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Es war – natürlich! – keine Münze. Es war eine silberne Anstecknadel, deren Platte aus durchbrochenem Rankenwerk bestand.

„Nanu“, meinte Law verblüfft und nahm ihm die Nadel aus der Hand, „es ist ja gar keine Goldmünze, sondern mein Clubabzeichen. Vielen Dank, mein Lieber“, er drückte dem Nachtwächter einen Shilling in die Hand. „Lassen Sie sich nicht länger aufhalten!“

Während Herr und Hund ihren Rundgang fortsetzten, betrachtete Ericsson im Lichtschein seiner Taschenlampe den Fund. Überrascht stellte er fest, dass die durchbrochene vergoldete Silberplatte der Nadel kein Phantasiegebilde, sondern ein seltsam verschlungenes Monogramm war, das aus den

Buchstaben „C“, „R“ und „S“ bestand. Wie man es lesen sollte, ließ sich nicht so ohne Weiteres entscheiden.

Theoretisch gibt es sechs Kombinationsmöglichkeiten, überlegte er ernsthaft, nämlich: „CRS“,„SRC“, „RCS“, „SCR“, „CSR“ und „RSC“.

Wahrscheinlich ist „C“ gleich „Club“, der dritte Buchstabe. Damit stehen nur mehr zwei Möglichkeiten zur Wahl, „RSC“ und „SRC“.

Das Problem fesselte ihn. Mal sehen, ob sich das Rätsel lösen lässt, überlegte er. Er nahm Kugelschreiber und Notizblock aus der Tasche, klemmte die kleine Lampe zwischen die Zähne und schrieb:

R. S. C.

S. R. C.

Southend Row Club Spithead Racing Club Scotland Rangers Club

Royal Sporting Club Royal Sailing Club Royal Sadlers Club

Resigniert gab er es auf. Die Wahrscheinlichkeit erschien ihm doch zu gering, dass ausgerechnet Edens verhinderter Mörder die Nadel verloren hatte, gegebenenfalls aus den vielen existierenden Clubs den richtigen herauszufinden, um dort wiederum unter den vielen Mitgliedern den Verlierer zu ermitteln.

Das kostbare Abzeichen funkelte und glitzerte im Licht, konnte also noch nicht lange hier gelegen haben, allerhöchstens einen Tag.

Law sah ein, dass es keinen Sinn hatte, noch mehr von seiner Nachtruhe zu opfern. Er wandte sich ab und schleuderte zur Crafton Street hinüber, wo es einen Taxistand geben sollte.

Während er eine Seitenstraße überquerte, fuhr ein Lkw vorbei und machte einen solchen Lärm, dass man einen Pistolenschuss nicht gehört hätte. Deshalb überhörte Law auch die Schritte der Männer, die hinter einem am Straßenrand parkenden Wagen auf ihn gewartet hatten.

Plötzlich gingen zwei dicht neben ihm, der eine links, der andere rechts, und ein dritter drückte ihm von hinten etwas Hartes gegen die Rippe. Law blieb stehen und streckte sich und hatte den Eindruck, dass es weder ein Füllfederhalter noch eine Zigarettenspitze sei.

Law zwang sich zur Ruhe. „Was soll der Unsinn!“, rief er nüchtern, obwohl ihm Schweiß in ganzen Bächen zwischen den Schulterblättern ausbrach.

„Ahnst du’s nicht? Bist doch ein kluger Knabe“, fistelte eine widerlich hohe Männerstimme in sein Ohr. „Wenn du hübsch brav bist, geschieht dir nichts. Und jetzt steig da ein.“

Der Mann rechts von ihm öffnete den Wagenschlag. „Na, wird’s bald? Oletti und Koko nehmen neben dir Platz“, er kicherte hämisch. „Damit du weißt, wer dir ne Schlaftablette verpasst, wenn du dich mausig machst.“

„Prego, prego, mamma mia, gib nicht wieder so an!“, flüsterte ein weiches Männerorgan. Es gehörte dem Kleinen links von ihm. „Hör mal, heißt du Derek John?“, fragte er naiv.

Ericsson hatte keine Lust, das Missverständnis aufzuklären, sondern nickte schweigend. Er hatte ein schrecklich unangenehmes Gefühl in der Nabelgegend.

„Jemand hat dich zum Fressen gern und möchte dich sofort sprechen“, schaltete sich wieder der Kerl mit der Fistelstimme ein. „Komm schon und mach keine weißen Mäuse!“ Er bohrte Law die Waffe fester in den Rücken.

„Lassen Sie das!“, fauchte Ericsson. „Lassen Sie das, ich bin kitzelig!“

„Aber nicht mehr lange!“, behauptete der Schläger mit liebenswürdiger Unverschämtheit.

Law fröstelte.

 

*

„Passt gut auf ihn auf, er ist kostbar!“, mahnte die Fistelstimme des Mannes am Lenkrad die beiden Komplicen.

„Quak, quak!“, höhnte Oletti. „Gib doch nicht so an, Frosch!“

Sie heißen Oletti, Koko und Frosch, überlegte Law. Muss ich mir direkt merken! Ob es natürlich einen großen Sinn hat, weiß der liebe Himmel! Heavens, da bin ich vielleicht in was hineingeraten!

Während der Wagen zwischen Marble Arch und Hill Gate am Hyde Park und an den Kensington Gardens vorbeifuhr, kannte sich Law wieder aus, aber danach war es mit der Orientierung gleich Essig. Verzweifelt fragte er die Verbrecher immer wieder, wohin sie ihn zu bringen gedächten – vergebens: der Ochs vor dem Schlachthof oder das Nelsondenkmal am Trafalgar Square konnten es an steinerner Ruhe mit den Entführern kaum aufnehmen.

Etwa 25 Minuten waren vergangen. In der Ferne zuckte und blitzte plötzlich eine Lampe in regelmäßigen Intervallen rot auf.

„Motorisierte Polypen!“, grunzte Oletti schreckensstarr. „Bremsen, du Trottel und umkehren!“

„Von wegen!“, mischte sich Koko selbstgefällig ein. „Abblendlicht einschalten, Vollgas, wie ’ne Rakete an dem Wagen vorbei und im selben Moment Scheinwerfer aus!“

So übel war der Vorschlag gar nicht. Vom Standpunkt der Entführer aus gesehen.

Frosch, offenbar geübter Schnelldenker – gehorchte sklavisch. Mit Vollgas nahm er das vermeintliche Polizeifahrzeug von hinten an, schaltete viel zu früh die Scheinwerfer ganz aus, und Ericsson bemerkte mit Entsetzen, dass man es gar nicht mit dem Warnsignal eines Polizei-Streifenwagens zu tun hatte, sondern mit der Flackerleuchte einer Holzbarriere, die ein aufgegrabenes Straßenstück absperrte.

Krachend brach der Wagen mit full speed durch die Schranke, die Vorderräder frästen sich in die lockere Erde hinein, das Heck richtete sich senkrecht auf, der Wagen überschlug sich, landete dröhnend auf dem Dach – das die Wucht des Aufpralls federnd dämpfte – purzelte weiter und kam auf die Vorderräder zu stehen.

Law hatte viel früher als die voll Todesangst schreienden Gangster das Unglück kommen sehen und sich blitzschnell vor den Rücksitz fallen lassen. Als der Wagen wie festgeleimt stehenblieb, richtete sich Ericsson sofort halb auf, griff nach der Klinke der rechten Hintertür, öffnete und warf sich im Hechtsprung über den betäubten Oletti hinweg ins Freie. Er verwandelte den Sprung in eine Rolle vorwärts, kam gut auf, federte zur Seite, übersprang eine Pflasterstein-Pyramide und ließ sich zusammensacken. Im selben Augenblick ertönte ganz in der Nähe das Lärmen einer Polizeisirene. Law nahm seine Chance wahr, federte auf und floh in die Dunkelheit.

 

 

2

Der zweite November war wieder ein Donnerstag.

Eden hatte die erste Arbeitswoche bei der Londoner A.T.D.C. hinter sich. Sogar der smarte Mister Daniel Croft, der Leiter der englischen Zweigfirma, und sein ehrgeiziger Assistent Fergus D. McPherson, die der neuen Angestellten anfangs sehr mit Misstrauen begegnet waren, erkannten sie neuerdings als überaus tüchtig, bescheiden und höflich an.

Lauritz Ericsson betrachtete sie bereits als unentbehrlich. Und dies nicht nur vom geschäftlichen Standpunkt aus.

Es war ein arbeitsreicher Tag gewesen. Eine ganze Reihe wichtiger Briefe waren zu schreiben, und Eden hatte sich sehr beeilen müssen, um Punkt 1 Uhr ihrem Chef die Unterschriftenmappe vorlegen zu können.

Während Ericsson langsam umblätterte und unterschrieb, fiel ihm auf, dass ihm Eden offenbar gern etwas anvertraut hätte, sich aber nicht so recht mit der Sprache herauswagte.

Er sah sie an.

„Nun, warum so schüchtern? Sie wollen mir doch etwas sagen. Also, was lastet Ihnen auf der Seele?“

„Ach, es ist eigentlich nichts Bedeutendes“, antwortete sie verlegen. „Mir ist nur etwas eingefallen, als ich den Brief an die Teheran Oil schrieb.“

„Etwas Privates oder etwas Geschäftliches?“

„Etwas Privates; mein Vermögen.“ Sie errötete über und über.

Law richtete sich verblüfft auf und deutete auf den Stuhl vor dem Schreibtisch. „Wieso auf einmal Vermögen? Bisher hatten Sie sich als armes Waisenkind ausgegeben.“

Eden schlug die Augen nieder. „Ich hatte es ganz vergessen. Nach der Scheidung meiner Eltern hat mir mein Vater notariell das Eigentum an Ölanteilscheinen übertragen, die freilich damals das Papier nicht wert waren, auf das man sie gedruckt hatte. Es handelt sich um zweitausend Zehnpfund-Anteile der Panuruguayan Oil Foundation aus dem Jahr 1924. Als ich im vergangenen Jahr mündig wurde, hat mir Mutter erzählt, dass er sie damals für wertlos erklärt, gleichzeitig aber behauptet habe, derartige Spekulationspapiere könnten eines Tages trotzdem ein Vermögen wert sein. Sooft ich an die Anteilscheine denke, überfällt mich eine gewisse Rührung. Ich habe meinen Vater sehr geliebt, Law. Er war ein wundervoller Vater, eine schillernde, faszinierende Persönlichkeit, raffiniert und zugleich naiv, jähzornig, sehr temperamentvoll, aber im letzten Grunde seines Herzens gütig.“

„Sie haben keine Ahnung, was aus ihm geworden ist?“

„Leider nein. Seit 1949 ist für meine Mutter das Thema Gordon Williams tabu, und daran hat sich auch nach ihrer Wiederverheiratung nichts geändert.“

„Um noch einmal auf die Anteilscheine zurückzukommen, Eden“, drängte er. „Wer verwaltet sie?“

„Mein Stiefvater. Sie liegen in seinem Bankdepot. Solange ich minderjährig war, zeigte sich das Vormundschaftsgericht angesichts der völligen Wertlosigkeit der Papiere wenig interessiert und ließ ihm völlig freie Hand, und nach meinem einundzwanzigsten Geburtstag mochte ich Eddie die Verwaltung nicht entziehen, denn das hätte schäbig ausgesehen.“

Law nickte. „Essen wir heute Abend zusammen?“

„Wir essen schon jeden Abend zusammen, Law“, sie wurde sehr verlegen. „Das geht so nicht weiter, man spricht schon über uns.“

„Sie müssen mich ausreden lassen! Natürlich essen wir zusammen. Ich wollte Ihnen nur einen Tapetenwechsel vorschlagen. Man hat mir da wahre Wunderdinge über die Küche im Prince of Wales erzählt. Wollen wir es einmal dort versuchen?“

„Selbstverständlich füge ich mich Ihren Anordnungen, Chef!“ Eden lächelte spitzbübisch.

„Wir treffen uns also um 20 Uhr in der Halle des Prince of Wales.“

„Ich werde pünktlich sein.“

„Ich habe vorher noch etwas zu erledigen und kann Sie deshalb nicht nach Hause begleiten. Seien Sie vorsichtig, Kind!“

Auf ihrer Stirn bildete sich eine steile Falte. „Ich hin erwachsen und mündig“, erklärte sie ungehalten, „ausnahmsweise werde ich auf mich selbst aufpassen können.“

Sobald sie mit den Unterschriften sein Zimmer verlassen hatte, entwarf Ericsson ein Kabel und gab es danach fernmündlich an die Telegrammaufnahme durch:

to larry benson 05 guatemala city guatemala dringkabelt lageschilderung panuruguayan oil foundation stop montevideo stop tageswert eines zehn pfundsterling anteils stop ausgabe 1924 frage kein spesenlimit stop antwort an Zweigstelle london stop falls erschöpfende Schilderung nicht sofort möglich stop laufend wichtige teilergebnisse durchgeben stop. anglocad tradement lauritz ericsson

Als er die Rückbestätigung der Aufnahme hatte, nahm er Hut und Mantel und machte sich auf den Weg zu Roy Vickers, einem Privatdetektiv, der sein Büro in der Cambridge Road hatte und schon des öfteren für die Anglocanadian Trading & Development Company tätig gewesen war. Er erzählte ihm alles, was er über Eden und Gordon Williams wusste und erteilte ihm den Auftrag, schleunigst zu ermitteln, was aus Williams nach der Scheidung geworden sei.

 

*

 

Law Ericsson und Eden Williams fielen sogar im „Prince of Wales“ als schönes Paar auf. Sehr gegen ihren Willen. Im Abenddress sah der Kanadier so gut wie ein Kassenmagnet aus, und Eden wirkte in ihrem kleinen Abendkleid aus schwarzem Samt wie eine exotische Schönheit.

Als das Paar gegen 23 Uhr den Speisesaal verließ und durch die Hotelhalle zur Drehtür ging, setzte sich der Chefportier höchstpersönlich in wirbelnde Bewegung.

Die Nacht war klar und empfindlich kalt; am Himmel hatte sich der Dunst der Millionenstadt wie eine Milchglasglocke angesammelt.

Eden erschauerte, als sie auf den Sidewalk Circus hinaus trat. Am Hotelparkplatz schräg gegenüber waren Luxuslimousinen in vier Reihen eng nebeneinander abgestellt. Aus der Ferne drang Verkehrslärm als sanftes Murmeln zu den beiden herüber.

„Was machen wir mit dem angebrochenen Abend?“, fragte Law und packte Edens Arm fester.

„Na, Sie sind gut!“ Sie lachte amüsiert. „Bis wir im Hotel sind, ist es dreiviertel zwölf. Zeit zum Schlafengehen, Law! Wissen Sie, dass ich mir wie eine Hochstaplerin vorkomme?“

„Nein! Erzählen Sie mir mehr darüber!“

„Spotten Sie nicht! Sekretärinnen, die fast jeden Abend mit ihrem Chef ausgehen, hat es schon immer gegeben. Wie solche Damen einzustufen sind, habe ich immer gewusst, aber ich möchte das Wort lieber nicht in die Mund nehmen. Und jetzt tue ich es selbst! Hoffentlich rücken Sie nicht eines Tages mit einer unerfüllbaren Gegenforderung heraus. Law, so gern ich Sie mag, ich würde ablehnen.“

„Die Erörterung dieses Themas erachte ich Ihrer nicht für würdig, Eden!“ Sein Gesicht war dunkelrot angelaufen vor Zorn, aber sie konnte es nicht sehen. „Es ist mir nicht erinnerlich, etwas getan oder gesagt zu haben, was Ihr Misstrauen gegen mich rechtfertigen würde. Vielleicht stelle ich tatsächlich eines Tages meine Gegenforderung – aber überlassen wir das lieber der Zukunft, denn mir kommen gerade erhebliche Zweifel, ob ich sie nach unserer heutigen Unterhaltung noch stellen werde. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Sie sich erkälten werden, wenn wir länger hier herumstehen. Kommen Sie, ich fahre Sie nach Hause.“

„Vielen Dank für Ihre zarte Fürsorge, Sir!“

Eden zog, ärgerlich und ein wenig schuldbewusst, ihren Arm aus seinem und trat über den Randstein auf die Fahrbahn.

Im gleichen Augenblick flammte am Parkplatz in der ersten Reihe ein tiefliegendes Scheinwerferpaar auf.

Was es war, das ihn warnte, hätte Law später nie angeben können. Tiefer Scheinwerfer – also Sportwagen! Ein Sportwagen wäre ihr schon einmal fast zum Verhängnis geworden!, signalisierte es instinktiv in Law.

Er stellte Eden ein Bein, schleuderte sie mit einem derben Stoß zu Boden und warf sich über sie, um sie mit dem eigenen Leib zu decken.

Plobb-plobb-plobb-plobb-plobb-plobb …

Etwas Heißes riss Law den Homburg vom Kopf, der Motor des Sportwagens heulte auf, Reifen quietschten, der Scheinwerferstrahl entfernte sich.

 

*

„Um Himmels willen, Sie bluten!“, rief Eden entsetzt.

„Jaguar E-Coupe MIN – 4“, murmelte er rätselhaft.

Erst als es ihm warm über die Stirn rann, wurde ihm klar, dass eines der Geschosse seine Kopfhaut verwundet hatte.

Im nächsten Augenblick kümmerte ihn das schon nicht mehr. „Verdammt! Ob der Wagen gelb war, konnte ich nicht sehen“, rief er aufgeregt, „wohl aber, dass es sich um einen Jaguar E handelte. Kommen Sie, Eden, der Lump hat einen Schalldämpfer verwendet, und so sind die Schüsse wahrscheinlich gar nicht weiter aufgefallen. Wollen machen, dass wir von hier fortkommen. Ein sechster Sinn sagt mir, dass mir eine Begegnung mit einem Arzt bevorsteht. So hatte ich mir den Abschluss des heutigen Abends eigentlich nicht vorgestellt.“

Eden war vor ihm auf den Beinen. „Den Schlüssel Law“, bat sie nervös, „ich werde Sie zum Onkel Doktor fahren. Es tut mir schrecklich leid, dass ich vorhin so hässlich zu Ihnen war. Können Sie mir verzeihen?“

„Hässlich waren Sie wirklich, Sie ungezogenes Mädchen!“

Der Arzt, zu dem sie Law brachte, war eine Ärztin, und mit Eden befreundet. Linda Powers MD fragte nicht viel. Sie rasierte ihm neben den Wundrändern die Haare ab und desinfizierte und versorgte die Wunde, um sie am Ende zu nähen. Es war eine schmerzhafte Prozedur, und Law hörte die Engel im Himmel singen. Auf seine Frage nach dem Honorar nannte sie einen happigen Betrag. Eden war es peinlich, aber ihre Freundin meinte arglos, der Arzt müsse schließlich auch leben; sie selbst würde nachts mit Vorliebe im Bett liegen und schlafen. Die unterbrochene Nachtruhe sei selbstverständlich im Preis inbegriffen.

„Das amtliche Kennzeichen MIN – 4 wurde dem früheren Buchmacher Ivar Candinsky in Esher zugeteilt“, verkündete Law, nachdem er mit dem Nachtdienst des Königlichen Automobilclubs telefoniert hatte. „Für ein gelbes Jaguar E-Coupe. Na, dieser Mister Candinsky soll Blut und Wasser schwitzen, während er mir über den Vorfall Rede und Antwort steht. Sagt Ihnen der Name etwas?“

„Ivar Candinsky? – Nie gehört.“

„Die Polizei zu benachrichtigen halte ich für überflüssig“, entschied er finster. „In erster Linie möchte ich jetzt wissen, warum man auf Sie eine Treibjagd veranstaltet.“

Eden seufzte und sah nervös auf die Armbanduhr. „Schon wieder gleich zwei. Sie gehören ins Bett, Law. Morgen ist auch noch ein Tag!“

 

*

 

Ivar Candinskys Haus in Esher war uralt, glich äußerlich einer Miniaturburg, und sein Anstrich war längst unter einer jahrzehntealten Patina verschwunden.

Law Ericsson parkte den Bentley vor der Freitreppe zum Portal und half Eden beim Aussteigen. Zögernd stieg sie die Stufen hinauf und beäugte misstrauisch das alte Gemäuer.

„Welch ein Glück, dass ich nicht hier wohnen muss!“, murmelte sie unbehaglich.

Ein älterer, hagerer Domestik mit glattrasiertem Spitzbubengesicht öffnete. Er grüßte unterwürfig, in einem Ton, der allein eine handfeste Beleidigung darstellte.

„Was wünschen die Herrschaften?“, fragte er hochmütig.

„Wir wollen Mr. Candinsky sprechen. Melden Sie President Ericsson aus Toronto.“

Der Diener verzog keine Miene. „Haben Sie die Güte einzutreten, Sir; ich werde die Herrschaften sofort melden, weiß indessen nicht, ob der gnädige Herr empfängt.“

Das Gehabe des Dieners trieb Law auf die Palme. „Aber ich bin völlig sicher, dass er sich dazu herablassen wird“, herrschte er ihn höhnisch an. ,Machen wir die Probe aufs Exempel.“

Das Spitzbubengesicht gefror zu einer abweisenden Maske. „Sir, ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber Erpresser haben bei uns keine Chance.“

Das wurde ja immer schöner! Law beherrschte sich nur mehr mühsam. „Das ist ein löblicher Grundsatz, dabei sollten Sie bleiben. Aber was hat das mit mir und Mr. Candinsky zu tun?“

Mit einem beleidigten Achselzucken entfernte sich der Diener.

Law sah sich um. Sein Blick blieb an einer blonden Titelbildschönheit in langer Hose und saloppem Pullover hängen, die regungslos im dunklen Hintergrund des Vestibüls stand. Sie verzog den Mund zu einem Lächeln und kam langsam auf die beiden Besucher zu. „Ich bin Evelyn Candinsky. Warum wollen Sie mit Vater sprechen? Privat oder geschäftlich?“

Law stellte sich und Eden vor. „Weder privat noch geschäftlich“, fügte er hinzu. „Ihr Vater ist Eigentümer eines gelben Jaguar E-Coupes …“

Sie zog hochmütig die rechte Augenbraue hoch. „Eigentümer ja – Besitzer nein.“

Law spürte wütenden Ärger in sich aufsteigen. „Soll das heißen, dass der Wagen …“

„… gestohlen wurde! Erraten! Es war Ende Juli. Wir haben den Diebstahl sofort dem hiesigen Revier gemeldet. Sie können sich dort überzeugen.“

„Danke, wir glauben Ihnen auch so. Ihren Vater wollen wir dann gar nicht mehr stören. Entschuldigen Sie die Belästigung, Miss Candinsky.“

„Ja … also …“, sagte sie ratlos, „also … ich hätte doch gerne gewusst …“

„Ich auch!“, wurde sie von Law höflich unterbrochen. „Vielen Dank für Ihre freundliche Auskunft, Miss Candinsky. Ich empfehle mich.“

Halb ratlos, halb wütend starrte sie den beiden nach.

 

*

„Meiner Meinung nach gibt es da nur zwei Möglichkeiten“, erklärte Law, als sie wieder stadteinwärts fuhren. „Entweder spricht Miss Evelyn die Wahrheit, dann haben die Verbrecher, die Ihnen nach dem Leben trachten, den Jaguar gestohlen. Aber ich glaube nicht so recht an diese Erklärung. Sagen Sie doch selbst, Eden – wer benützt denn bei Verübung eines vorausgeplanten Kapitalverbrechens ein Wagenmodell von auffälliger Farbe, das nur in wenigen Exemplaren vorhanden ist! Ich glaube vielmehr, dass man Candinsky das Verbrechen in die Schuhe schieben will, oder aber, dass er mit den Verbrechern unter einer Decke steckt.“

„Das müssen Sie mir schon genauer erklären. Law!“

„Nun, ich nehme an, dass er den Jaguar Ende Juli irgendwo verborgen hat, um ihn danach als gestohlen zu melden. Sollte der Wagen später im Zuge der Ermittlungen des Verbrechens identifiziert werden, konnte der Besitzer jede Anschuldigung entrüstet zurückweisen, weil ja zur fraglichen Zeit sich Diebe seines Jaguars bedienten, übrigens ein beliebter Gangstertrick. Goddam, jetzt schnüffelt uns der Rover schon wieder am Auspuff!“

Eden fuhr erschrocken herum und fixierte den unauffälligen Wagen, der Laws Bentley beharrlich folgte.

„Ein tomatenroter Rover. Er parkte vorhin in der Nähe von Welsh Palace.“

„Verdammt, Law“, murmelte sie verwirrt, „ich glaube, der Rover gehört meinem verflossenen Chef.“

„Cash Foster? Hm, warum auch nicht! Coombe liegt doch in allernächster Nähe.“ Ein spitzbübisches Lächeln trat in sein Gesicht. „Na warte, Bruderherz! Dich werden wir gleich abgehängt haben.“

Fünf Minuten später machte er in Surbiton seine Ankündigung wahr.

An der Kreuzung in Ortsmitte gab er bei Gelb plötzlich Gas und überquerte sie, bevor der Fahrzeugpulk auf der Nordsüdachse anfuhr. Nach etwa dreihundert Fuß riss er den Bentley scharf nach links in eine versteckte Baustelle hinein, wendete und wartete.

Drei Minuten später kamen Fahrzeuge an ihnen vorbei, darunter der tomatenrote Rover.

Law wartete noch einige Sekunden, ehe er selbst wieder anfuhr und die Verfolgung aufnahm.

Bis Merton raste der rote Rover in verbotenem Tempo, danach schien der Fahrer das Vergebliche

einer weiteren Verfolgung einzusehen. Er wurde langsamer und bog nach Norden in Richtung Wandsworth-Putney-Richmond ab.

Law folgte ihm mit äußerster Vorsicht fünfundzwanzig Minuten lang, und es hatte ganz den Anschein, als sei dem Rover-Fahrer der vorgenommene Rollentausch nicht aufgefallen. In Richmond verließ er die Hauptstraße, bog in spitzem Winkel nach Süden ab und erreichte nach weiteren fünf Minuten eine stille, idyllisch gelegene Randsiedlung mit kleinen Villen inmitten verträumter Gärten.

Die Straße endete bei einem freien Platz.

Wallandt Square stand auf dem Straßenschild.

Law bog in die letzte Querstraße ein, fuhr einige Häuser weiter und stoppte.

„Bleiben Sie sitzen, Eden!“, befahl er, ehe er ausstieg und zum Wallandt Square zurücklief.

Dort hatte der Rover vor Nummer 6 angehalten. Die linke Seitentür öffnete sich, ein eleganter, gutaussehender junger Mann stieg aus und ging hastig zum Haus, dessen Tür nur angelehnt war.

Law erstarrte. „Jetzt sehe ich doch schon Gespenster!“, murmelte er entgeistert.

Er hatte in dem eiligen jungen Mann Vic Clatworthy, Edens Schulfreund, erkannt.

Der Rover startete wieder, fuhr in raschem Tempo rund um den Platz, gab Gas und raste mit Kurs auf die Stadtmitte zurück.

Law zögerte, dann ging er kurzentschlossen bis zum Vorgarten von Haus Nummer 6 weiter. An der Gittertür funkelte ein blankgeputzter Briefkastenschlitz und spiegelte spärliche Sonnenstrahlen wider. Darunter stand auf einem Messingschild: „Elga Flappers“. Das war alles.

Details

Seiten
173
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934397
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (November)
Schlagworte
mordanschlag
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Titel: Mordanschlag