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Die Dämonentochter - Fünf Romane in einem Band

2019 560 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Cedric Balmore: DIE DÄMONENTOCHTER

KLAPPENTEXT

1. TOCHTER DES DÄMONS

2. DAS GOLD DER DÄMONEN

3. DIE NACHT DER VERDAMMUNG

4. RACHE AUS DEM REICH DER TOTEN

5. DER MOORTEUFEL

Cedric Balmore: DIE DÄMONENTOCHTER

Fünf Romane in einem Band

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Christian Dörge.

Korrektorat: Christian Dörge

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

KLAPPENTEXT

 

In London sterben binnen kurzer Zeit zwei reiche Männer unter bizarren Umständen. Beide kannten die ebenso schöne wie berechnende und skrupellose Clarissa Laughton und hätten sie selbst gerne um die Ecke gebracht, weil sie die beiden benutzt und für Ihre Zwecke manipuliert hat. Welche Rolle spielt bei all dem die mysteriöse, in Schwarz gekleidete Gestalt, die an den Tatorten gesehen wurde? Was hat Clarissa mit den Morden zu tun? Wozu dient der präparierte Urfisch aus dem Hell's Lake in den Highlands, der zum Zeitpunkt der Morde aus der Wohnung des harmlosen Trinkers Albert Marvin verschwindet, nur um am nächsten Morgen blutverschmiert wieder an seinem Platz zu sein? Marvin muss nicht nur all diese Fragen selbst beantworten, da ihn die Polizei für den einen Mörder hält. Obendrein kämpft er um sein eigenes Leben, denn die Macht seines Gegners übersteigt seine schlimmsten Albträume. Und er muss die Tochter des Dämons aufhalten, die nichts weniger anstrebt als die Macht über England...

In den 1970er Jahren belebte eine neue Generation von phantastischer Literatur das in Deutschland recht angestaubte Heftroman-Genre. Eine Vielzahl von Grusel-Reihen und -Serien bot jedem Geschmack die passenden Geschichten. Einer der populärsten Autoren dieser Ära war Cedric Balmore: Der Band
Die Dämonentochter enthält fünf spannende Pulp-Horror-Romane des Autors – Tochter der Dämonen, Das Gold der Dämonen, Die Nacht der Verdammung, Rache aus dem Reich der Toten und Der Moorteufel.

 

 

 

1. TOCHTER DES DÄMONS

 

 

 

Ich töte sie, dachte Bryan Cormick.

Er sah Clarissas Hals in seiner Fantasie deutlich vor sich. Die stolze, klassische Linie ihres Nackens erschien ihm wie ein Symbol ihrer Arroganz.

Bryan Cormick durchschwamm seinen Swimmingpool mit ruhigen, gleichmäßigen Bewegungen.

Über ihm funkelte der Sternenhimmel.

Aus den offenen, gläsernen Schiebetüren des modernen Bungalows rieselte sanfte Musik in die Nacht und verband sich mit dem leisen, wohltuenden Plätschern des Wassers.

Cormick genoss diese nächtlichen Schwimmübungen vor dem Schlafengehen. Nach zwei Whiskys war er beschwingt, ohne beschwipst zu sein.

Er schloss die Augen.

Es schien, als könnte er in diesem Moment geradezu körperlich spüren, wie seine Finger Clarissas Hals umspannten und mit sich nur allmählich steigender, aber sehr zielstrebiger Kraft zur Sache kamen, wie sie das Leben aus Clarissas Körper pressten und wie er sein Vorhaben mit diabolischem Triumph und ohne Eile zu Ende führte.

Er wusste um die Grausamkeit dieser Gedanken, war aber weit davon entfernt, sich deshalb für einen Sadisten zu halten.

Clarissa hatte kein anderes Schicksal verdient.

Er musste ihren Tod herbeiführen, sonst lief er Gefahr, an seinem Hass zu ersticken.

»Ich bringe dich um!«, sagte er laut.

Er konnte es sich leisten, sein makabres Geheimnis der Nacht anzuvertrauen.

Der Bungalow lag im Zentrum eines riesigen, parkähnlichen Grundstücks. Es wurde auf der östlichen Seite vom Fluss und auf der westlichen vom Golfplatz Addington begrenzt. Dort befand sich zu dieser Stunde keine Menschenseele.

Ihm genügte es nicht, Clarissa zu ermorden.

Er musste den Gedanken daran pflegen, er kostete ihn aus.

Er hatte seine Geliebte auf diese Weise schon hundertmal umgebracht.

Clarissa war es gelungen, die Bestie in ihm zu wecken.

Morgen endlich würde es soweit sein.

Dann war die Stunde X gekommen, seinem Plan würde die Tat folgen.

Der Mord.

Cormicks krankhafte Hassgefühle wurden von einem jähen, brüllenden Schmerz zerrissen.

Es schien, als durchbohre ein Messer seinen Hals, eines mit scharfen, zackigen Rillen.

Bryan Cormick schrie.

Er riss seine Hand hoch und versuchte, die Ursache des wilden, brennenden Schmerzes zu beseitigen.

Er hatte keine Ahnung, was ihn getroffen hatte.

Clarissa!, schoss es ihm durch den Kopf.

Sie hatte ihn durchschaut!

Es passte zu ihrem verschlagenen Charakter, dass sie sich davon nichts hatte anmerken lassen.

Sie hatte seine mörderische Intrige mit einer Gegenintrige beantwortet.

Sie war ihm zuvorgekommen.

Offenbar stand sie im Dunkel des Gartens und schoss auf ihn.

Sie wollte ihn töten.

Lautlos.

Aber womit?

Mit einem Pfeil, mit einem vergifteten, aus einem Blasrohr kommenden Pfeil?

Cormicks Gedankenblitz währte nicht einmal den Bruchteil einer Sekunde.

Er zerstob und löste sich in nichts auf, als seine Finger etwas berührten, das an seinem Hals zappelte und sehr glitschig war, aber auch kraftvoll und von drängender Unerbittlichkeit.

Ein Fisch?

Das war für Bryan Cormick eine zutiefst schockierende und geradezu fantastische Entdeckung.

Ein Raubfisch im gekachelten Swimmingpool!

Hatte Clarissa ihn hier ausgesetzt?

Cormick kam nicht mehr dazu, eine Antwort auf diese Frage zu finden.

Er kämpfte um sein Leben.

Das blutrünstige, mit scharfen Zähnen ausgerüstete Ungeheuer verbiss sich immer fester in seinen Hals. Es riss ihm die Schlagader auf und schmatzte schlürfend das Blut, das aus seinem Körper sprudelte.

Cormick versuchte, das Wesen zu packen, aber sobald er verzweifelt an ihm riss, war es so, als wollte er ein Messer mit Widerhaken aus seinem Fleisch ziehen.

Der Schmerz vervielfachte sich.

Cormick schrie erneut.

Seine Stimme überschlug sich, er schluckte Wasser.

Er spürte, wie wenig Kraft sein Schrei hatte und wie aussichtslos es war, ihn von sich zu geben. Niemand hörte ihn, es sei denn, dass zufällig noch ein später Spaziergänger auf der Straße unterwegs war.

Nein! Schreien hatte keinen Sinn.

Es minderte seine Verteidigungsfähigkeit, es schwächte ihn.

Cormick durchlebte einen kurzen, alptraumhaften Todeskampf.

Er fühlte, wie seine Bewegungen langsamer wurden, fahrig und zeitlupenhaft.

Das Ungeheuer verbiss sich immer tiefer in die von ihm aufgerissene Wunde, es vergrößerte sie, war wie entfesselt.

Aus!, dachte Cormick.

Clarissa hat gewonnen.

Sein gewaltiger Hass setzte sich noch einmal in einem kurzen, verzweifelten Aufbäumen durch, dann erschien dem Mann auf einmal alles unwichtig zu werden.

Das Leben, Clarissa, das zappelnde, zappelnde und sein Blut schlürfende Untier an seinem Hals.

Bryan Cormicks Bewusstsein zerfaserte.

Dieser Prozess verband sich mit dem Plätschern der Wellen und den sanften Tanzmelodien, die immer noch aus dem Bungalow in die Stadt strömten und vor dem Sterbenden einen weichen Klangteppich ausrollten.

 

*

 

Der plötzliche Schrei traf ihn wie ein Faustschlag.

Lester Damrow zuckte zusammen und blieb stehen.

Er atmete mit offenem Mund, schaute sich um.

Er war allein auf der nachtdunklen Straße mit den vielen Bungalows.

Die im Wind schaukelnden Straßenlampen zauberten gelbe, bewegliche Lichtkreise auf den Asphalt, dahinter staute sich das Dunkel alter, riesiger Grundstücke.

Der Schrei war aus dem Garten gekommen, an dessen Zaun Lester Damrow stand.

Es war eindeutig ein Signal der Todesangst.

Damrow gab sich einen Ruck, schwang sich über den Zaun und sah durch Büsche und Bäume, gut hundert Yards von der Straße entfernt, die Lichter eines Hauses.

Er hörte gleichzeitig Musik, er begann zu laufen.

Er war in diesem Nobelviertel nicht zu Hause, denn er stammte aus den Slums auf der anderen Seite der Stadt.

Sein Ausflug nach Addington galt dem erklärten Ziel, auf eine Chance zu warten, auf ein offenes Fenster, auf einen nicht abgeschlossenen Wagen, einen Griff nach der achtlos am Arm einer alten Dame baumelnden Handtasche mit wertvollem Inhalt.

Damrow war zwanzig Jahre alt und keineswegs ein Gangsterprofi, aber gelegentlich überkam es ihn, besonders wenn er unter Geldmangel litt. Dann unternahm er seine sporadischen Raubzüge, ohne einen festgelegten Plan, mehr oder weniger auf den glücklichen Zufall hoffend.

Damrow hielt einiges auf diese »Technik«. Sie hatte ihm bislang geholfen, unentdeckt zu bleiben.

Er war nicht vorbestraft.

Das wollte nach sechs vollendeten und gut einem Dutzend versuchter Einbrüche (von anderen Delikten ganz zu schweigen) schon etwas heißen.

Damrow stoppte hinter einem Wacholderbusch.

Ihn irritierte die Musik. Sie klang heiter und fröhlich, sie passte nicht zu dem Terrorschrei, der die Nacht zerrissen hatte.

Damrow biss sich auf die Unterlippe.

Seine Gedanken wirbelten durcheinander.

Er befand sich auf einem fremden Grundstück.

Aber er war gekommen, um zu helfen. Wenn sie ihn schnappten, würde er jedenfalls dieses Motiv nennen.

Möglicherweise war der Schrei auch von anderen gehört worden.

Wow! Was für eine Burg!

Glas, Beton, funkelnde Lichter, ein Bild repräsentativen Wohlstandes.

Niemand war in oder vor dem Bungalow zu sehen, es gab keine Erklärung für den Schrei. Die weit offenstehenden gläsernen Terrassentüren und die Musik machten deutlich, dass der oder die Hausbewohner in der Nähe sein mussten.

Aber warum zeigten sie sich nicht?

Damrows Herz klopfte.

Seitdem er denken konnte, hoffte er auf den großen Coup, auf den glücklichen Zufall. Vielleicht war er endlich gekommen, jetzt und hier.

Ein Schatten löste sich aus dem Dunkel neben dem Bungalow.

Ein Mann? Eine Frau?

Damrow vermochte es nicht genau zu erkennen.

Ein breitkrempiger Hut und ein dunkler, fast knöchellanger Mantel konnten sowohl einer Frau als auch einem Mann gehören.

Die Gestalt näherte sich dem Swimmingpool und kniete an seinem Rand nieder. Die Gestalt war mit einem schweren, einem Koffer ähnlichen Gegenstand gekommen, den sie neben sich abstellte.

Sie griff ins Wasser, fischte etwas heraus und legte es in den Behälter.

Als der Unbekannte sich aufrichtete und sich mit dem Behälter entfernte, war zu sehen, welche Mühe es ihn kostete, das Gepäckstück zu tragen.

Lester Damrow runzelte die Stirn.

Sein Gespür sagte ihm, dass er Zeuge eines verbrecherischen Geschehens geworden war, aber er war außerstande, es zu deuten.

Ihm war es ziemlich gleichgültig, ob es in diesem Zusammenhang ein Opfer gegeben hatte.

Ihm kam es allein darauf an, aus dem Ganzen Profit zu schlagen.

Sollte er der dunklen Gestalt folgen?

Bot sich ihm vielleicht die Möglichkeit einer Erpressung, oder war es klüger, sich in dem Bungalow umzusehen und ihn nach Bargeld und Schmuck zu durchsuchen?

Damrow setzte sich in Bewegung.

Er überquerte die Rasenfläche, die ihn vom Haus trennte. Sollten wider Erwarten Menschen aus dem Bungalow oder dem Garten auftauchen, konnte er sich darauf berufen, von dem Schrei angelockt worden zu sein.

Er erreichte den Swimmingpool und stoppte abrupt.

Ihm war zumute, als sei er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen.

 

*

 

Auf dem gekachelten Boden des beleuchteten Bassins lag ein Mann.

Er war nur mit einer Badehose bekleidet.

Von seinem Hals stieg eine dünne, sich trichterförmig verbreiternde Blutspirale an die Wasseroberfläche.

Damrow schnappte nach Luft.

Er war jung, skrupellos und geldgierig, aber er schreckte davor zurück, in eine Sache verstrickt zu werden, der er nicht gewachsen war.

Und Mord gehörte dazu.

Er sah, dass dem Mann auf dem gekachelten Boden des Schwimmbeckens keiner mehr helfen konnte.

Er riss seinen Blick von dem sich rötenden Wasser und der leblosen Gestalt los.

Er umkreiste das Becken und betrat zögernd das riesige Wohnzimmer.

Eine Einrichtung wie diese kannte er nur aus Hollywoodfilmen, sie musste ein Vermögen gekostet haben.

»Hallo?«, rief Damrow.

Niemand antwortete.

Er begann zu schwitzen.

Die Musik nervte ihn.

Sie passte nicht zu dem blutigen Geschehen.

Er trat an die aufwändige Stereoanlage und drehte den Ausschaltknopf.

Ihm fiel ein, dass auf dem Knopf jetzt seine Fingerabdrücke waren, und er wischte sie mit dem Taschentuch ab.

»Hau ab!«, sagte er leise und wie beschwörend zu sich selbst. »Du hast hier nichts verloren. Das ist nicht dein Revier. Wenn sie dich sehen, und auch nur zufällig, hängen sie dir den Mord an. Wer immer ihn verübt hat, wartet bloß darauf, einen Sündenbock für sein Verbrechen zu finden.«

Damrow schaute sich um.

Jenseits der von Licht überfluteten Terrasse staute sich tiefes, drohendes Dunkel.

Er trat ans Telefon. Es war elfenbeinfarbig und hatte statt einer Drehscheibe ein Tastenquadrat.

Er streckte die Hand nach dem Hörer aus und zog sie wieder zurück.

Er machte kehrt und betrat die Terrasse, immer noch zögernd und mit rasendem Puls.

Einerseits drängte es ihn danach, einfach abzuhauen und so zu tun, als habe er das Ganze niemals erlebt, andererseits reizte ihn der glitzernde Reichtum seiner Umgebung. Es war fast unmöglich, der Versuchung zu widerstehen, sich hier nach Herzenslust zu bedienen.

Aber er war nicht auf den Transport sperriger Güter eingerichtet.

Obwohl er die Stereoanlage fantastisch fand, konnte er sie nicht durch die Nacht schleppen, das wäre den hier häufig patrouillierenden Streifenwagenbesatzungen aufgefallen.

Bargeld und Schmuck, das war seine Devise.

Zuhause hatte er einen halben Schuhkarton mit gestohlenen Schmuckstücken, das meiste davon war echt, einiges unecht, aber teuer.

Angst und Vorsicht hatten ihn das Risiko scheuen lassen, die Dinge einem Hehler anzubieten.

Er bewahrte sie einstweilen auf, sie waren seine »eiserne Reserve«, eine Rücklage für schlechtere Zeiten.

Sein Blick fiel auf die teure Liege am Rand des Swimmingpools.

Dort lagen die Wäsche und Kleidungsstücke des Mannes, sein Bademantel, die Hose, ein Slip, das Hemd, ein leichter, heller Blouson.

Damrow schaute sich nochmals um, dann strebte er entschlossen auf die Liege zu.

Selbst wenn ihn jemand beobachtete, konnte der Betreffende nicht wissen, wen er vor sich hatte. Zu sehen war für ihn nur ein dunkelhaariger Zwanzigjähriger im Jeansanzug.

Mit einer solchen Beschreibung ließ sich nichts anfangen, die passte auf Hunderttausende.

Er hob den Blouson an, zog die Brieftasche heraus und bekam runde, glänzende Augen, als er darin mehr als vierhundert Pfund in großen Noten entdeckte.

Er stopfte das Geld in seine Jeans.

Wo so viel Geld war, musste noch mehr sein.

Er warf die Brieftasche nicht weg, er nahm sie an sich.

Vielleicht enthielt sie Papiere und Dokumente, die sich zu Geld machen ließen.

Außerdem durfte sie nicht gefunden werden, das biegsame Leder trug jetzt seine Fingerabdrücke.

Im Wohnzimmer klingelte das Telefon.

Damrow verzog das Gesicht.

Ihm kam es so vor, als läutete der Apparat überlaut und als müsse die ganze Umgebung seine Signale hören.

Das Klingeln verstummte so plötzlich, wie es begonnen hatte.

Er atmete erleichtert auf und durchsuchte das Haus.

Er hatte Angst, er schalt sich dabei einen Idioten, aber er konnte der Versuchung nicht widerstehen.

War das hier nicht die erträumte große Chance?

Chancen waren selten risikofrei, er musste sich der Herausforderung stellen.

 

*

Was er anfasste, berührte er mit Hilfe seines Taschentuchs.

Im Schlafzimmer des Toten fand er eine wertvolle goldene Taschenuhr. Sie war mit Brillanten besetzt und trug die Initialen BC.

Er nahm sie an sich.

Weiteres Bargeld war nicht aufzutreiben.

Damrow entdeckte zwar den Safe hinter einem Ölbild im Arbeitszimmer, aber er war kein Experte, ihm fehlten Werkzeug und Übung, um den Tresor knacken zu können.

Er stahl sich davon und achtete darauf, dass niemand ihm folgte.

Siebzig Minuten nach der Entdeckung des Toten, exakt um null Uhr zwanzig, betrat er in der City eine Telefonzelle.

Er rief Scotland Yard an und wurde mit einem Inspektor namens Hugh Caldwey verbunden.

»Ich möchte einen Mord melden«, sagte Lester Damrow.

Er sprach mit verstellter Stimme durch sein Taschentuch, weil er damit rechnete, dass man seinen Anruf aufnehmen würde.

»Im Swimmingpool des Hauses 18 Riverside Lane liegt ein Toter«, fuhr er fort. »Ich bin durch Hilferufe auf das Verbrechen aufmerksam geworden. Als ich den Garten betrat und das Haus erreichte, war es schon zu spät. Immerhin habe ich den Mörder gesehen. Ich kann nicht sagen, ob es ein Mann oder eine Frau war, ich sah nur, wie die große, schlanke und schwarzgekleidete Gestalt etwas aus dem Schwimmbecken fischte und damit verschwand.«

Er legte auf, ohne eine Antwort oder eine Frage des Inspektors abzuwarten, verließ die Telefonzelle und ging zur nächsten U-Bahn-Station.

Er hatte mit dem Anruf sein Gewissen beruhigt, ohne sich der Polizei oder dem Täter gegenüber zu erkennen gegeben zu haben.

 

*

 

»Du bist die schönste Frau, die ich kenne«, flüsterte Ken Wittacker.

Er versuchte Clarissa Laughton zu umarmen, aber sie entzog sich ihm mit einem leisen, hellen Lachen und der fast animalisch anmutenden Grazie, die jede ihrer Bewegungen auszeichnete.

»Lass das, Ken!«, sagte sie. »Ich hasse diese Albernheiten. Ich bin kein Freiwild. Und du bist verlobt. Reiße dich gefälligst zusammen! Wenn man uns hier draußen sieht, zerreißen sich die alten Klatschtanten die Mäuler.«

Er trat ihr in den Weg.

Er konnte und wollte Clarissa nicht gehen lassen. Es geschah nach seinem Dafürhalten einfach zu selten, dass er mit ihr allein sein konnte.

»Zum Teufel mit meiner Verlobung«, sagte er. »Ich werde es lösen. Ich liebe nur dich!«

»Du liebst ausschließlich dich, Ken«, stellte Clarissa mit sanfter, dunkler Stimme richtig.

»Das ist nicht wahr«, entgegnete er verletzt. »Ich kann nicht mehr schlafen, weil ich immerzu an dich denken muss, an deine Augen, deine Lippen, deinen Körper. Du bist mir unter die Haut gegangen. Ich ertappe mich zuweilen bei den unmöglichsten Gelegenheiten dabei, wie ich deinen Namen flüstere. Wieder und wieder. Das ist idiotisch, ich weiß, ich benehme mich wie ein Teenager, aber so ist es nun einmal, ich liebe dich!«

Clarissa Laughton wollte sich an ihm vorbeidrängen, aber er versperrte ihr den Weg ins Haus.

»Wenn du mich anrührst, schreie ich«, drohte Clarissa.

Wittacker war gut einen Kopf größer als sie, ein Hüne von Mann, breitschultrig und schmalhüftig. Er war ein berühmter Segler und hatte vor zwei Jahren im Worldcup für Schlagzeilen gesorgt, als er die britische Jacht aus einer fast aussichtslosen Position zum Sieg geführt hatte. Er war reich, stammte aus guter Familie und sah blendend aus, wenn auch etwas älter als seine 32 Jahre. Er hatte Glück bei den Frauen.

Umso unverständlicher und schmerzhafter erschien es ihm, dass ausgerechnet die schillernde, bildschöne Clarissa nichts von ihm wissen wollte.

Er glaubte zu spüren, dass er das nicht wirklich ernstnehmen durfte und spekulierte darauf, dass Clarissa zu jenen Mädchen gehörte, die lebhaft umworben und vielleicht sogar mit roher Gewalt genommen werden wollten.

»Clarissa, Telefon!«, rief eine Frauenstimme von der Terrasse her in den Garten.

»Mist«, sagte Wittacker. »Ich wette, das ist Bryan Cormick. Ich wünschte, er wäre tot.«

Clarissa starrte ihrem Gegenüber in die Augen.

»Was sagst du da?«, flüsterte sie.

»Ich wünschte, er wäre tot«, erwiderte Wittacker. »Er steht zwischen uns.«

»Du hast den Verstand verloren«, meinte Clarissa, hastete an ihm vorbei auf das Haus zu und durchquerte den Salon, in dem sich ein Dutzend plaudernder Gäste und ihre Gastgeber, die Arlingsons, aufhielten. Sie betrat das Arbeitszimmer des Hausherrn und meldete sich.

»Scotland Yard, Inspektor Caldwey«, tönte ihr eine sonore, männliche Stimme entgegen. »Ich muss Sie bitten, sofort nach London zurückzukehren. Ihr Verlobter, Mr Cormick, ist Opfer eines Verbrechens geworden.«

Clarissa setzte sich.

»Ist er tot?«, hauchte sie in die Sprechmuschel.

»Ermordet«, bestätigte der Anrufer, der nichts von beschönigenden Einleitungen hielt. »Im Swimmingpool seines Gartens. Der Arzt konnte die ungefähre Tatzeit rekonstruieren. Ihm zufolge muss das Verbrechen gegen dreiundzwanzig Uhr, vielleicht auch später, verübt worden sein. Da Sie sich in der Nähe von Coventry aufhalten, scheint für Ihr Alibi gesorgt zu sein, aber...«

»Scheint?«, fiel Clarissa dem Inspektor erbost ins Wort.

»Nichts für ungut, Miss Laughton! Sie haben Freunde, die Sportflugzeuge besitzen. Zum Beispiel Mr Wittacker. Was sich per Bahn oder Wagen nicht bewerkstelligen lässt, schafft so eine Maschine spielend. Ich behaupte nicht, dass es so war, aber ich muss alle Möglichkeiten in Betracht ziehen.«

»Ihre albernen Spekulationen berühren mich nicht«, erklärte Clarissa. »Ausgerechnet Bryan! Wie konnte das bloß geschehen?«

»Sie waren mit ihm verlobt. Sie kennen seine Freunde, aber auch seine Feinde. Wir müssen uns eingehend über ihn unterhalten. Lassen Sie mich nicht zu lange warten, bitte. Befindet sich Mr Wittacker in Ihrer Nähe?«

»Ja«, erwiderte Clarissa Laughton. »Er ist Gast der Arlingsons, genau wie ich.«

»Vielleicht kann er Sie herfliegen«, sagte der Inspektor. »Das würde meine Wartezeit verkürzen und, wie ich hoffe, den Ermittlungen die notwendigen Impulse geben.«

 

*

Clarissa legte auf.

Sie starrte ins Leere. Hinter ihr öffnete sich die Tür.

Ken Wittacker betrat den Raum.

»Was ist los?«, fragte er.

Clarissa Laughton erhob sich.

»Dein Wunsch ist in Erfüllung gegangen«, sagte sie.

»Welcher Wunsch?«

»Du hast gewonnen. Bryan ist tot.«

»Gestorben? So plötzlich? Dann war er also doch krank«, murmelte Ken Wittacker. »Und ich glaubte, er hätte sich eine faule Ausrede einfallen lassen, um dich nicht zu den Arlingsons begleiten zu müssen. Mit Leuten aus guter Familie kommt er nicht klar. Kam er nicht klar«, korrigierte Ken Wittacker. »Für die war er immer nur der Neureiche, der Emporkömmling.«

»Bryan wurde ermordet«, sagte Clarissa Laughton.

Wittacker zuckte zusammen.

»Nein!«, entfuhr es ihm.

»Der Inspektor weiß, dass du hier bist. Er fragt, ob du mich zurück nach London fliegst.«

»Klar, das ist kein Problem, wir können sofort zum Flugplatz fahren und starten«, meinte Wittacker. »Was willst du den Arlingsons sagen?«

»Die Wahrheit«, erwiderte Clarissa und ging an ihm vorbei zur Tür.

Sie betrat den Salon.

Das Gespräch verstummte, die Blicke wandten sich Clarissa Laughton zu.

Es schien, als verspürten sämtliche Anwesenden, dass sich ein Ereignis von höchster Bedeutung zugetragen hatte.

»Scotland Yard hat angerufen«, informierte Clarissa mit tonlos klingender Stimme den kleinen Kreis. »Bryan ist ermordet worden, vor etwa zwei Stunden, als wir im Musikzimmer saßen und Mr Arlingsons Klavierspiel lauschten.«

»Mein Gott!«, entfuhr es dem Gastgeber. »Ich habe Chopins Trauermarsch gespielt. Ich weiß nicht, warum. Es kam auf einmal so über mich.«

Er schwieg.

Die anderen sagten nichts.

Die allgemeine Betroffenheit war entwaffnend, niemand fand ein paar passende Worte, aber Clarissa schien auch keine zu erwarten.

Sie teilte den Anwesenden mit, dass Ken Wittacker sie nach London fliegen würde, dann verließ sie mit ihrem Begleiter das Haus.

Sie fuhren direkt zum Flugplatz und erhielten sofort Starterlaubnis, aber in London mussten sie fast eine Stunde in der Luft bleiben, ehe sie landen durften.

Als sie das Haus in Addington erreichten, graute der Morgen.

 

*

 

Vor dem Grundstück standen einige Polizeifahrzeuge und der Kastenwagen der Mordkommission. Einige uniformierte Beamte waren damit beschäftigt, Reporter und Neugierige von dem Haus fernzuhalten.

Clarissa Laughton und Ken Wittacker wurden zu Inspektor Caldwey geführt.

Caldwey war ein knapp vierzigjähriger Mann, der eine Halbglatze und hervorquellende, starr wirkende Augen hatte.

Er fiel auf durch seltsam abgehackt wirkende Bewegungen.

Etwas von dieser Ruckhaftigkeit äußerte sich auch in seiner Sprechweise. Seine Sätze waren kurz, eigentlich waren es nur Satzfetzen.

Er unterhielt sich zunächst mit Clarissa.

Das Gespräch fand im Arbeitszimmer des Ermordeten statt. Ein junger, verdrossen aussehender Beamter stenografierte mit, was gesagt wurde.

»Warum musste er sterben?«, wollte Caldwey wissen.

»Lieber Himmel, ich weiß es nicht, aber ich habe während des Fluges an nichts anderes gedacht«, erwiderte Clarissa. »Bryan hatte sicherlich Feinde. Er war ein dynamischer Mann, ein energischer Geschäftemacher. Er hat es vom kleinen Angestellten zum Großunternehmer gebracht. Auf einem solchen Weg wird viel Porzellan zerschlagen, nehme ich an.«

»Er wollte Sie heiraten?«

»Ja! In zwei Monaten.«

»Cormick war älter als Sie. Fast fünfzehn Jahre. Was liebten Sie an ihm? Das Geld?«

Clarissa zeigte sich nicht schockiert.

»Was sonst?«

»Hat Cormick das gewusst?«

»Ich sah keinen Grund, daraus einen Hehl zu machen«, meinte Clarissa schulterzuckend. »Es hat ihn verletzt. Trotzdem bestand er auf die Heirat.«

Caldwey musterte sein höchst attraktives, rothaariges Gegenüber aus seinen hervorquellenden Froschaugen. Er erinnerte sich nicht, jemals ein ähnlich betörendes Geschöpf gesehen zu haben. Trotzdem schien es ihm, als verströmte Clarissa Laughton nicht nur lupenreine Schönheit und knisternden Sex-Appeal.

Da war noch etwas anderes.

Caldwey spürte es ganz deutlich, er versuchte es zu fassen, aber er griff dabei ins Leere.

Vermutlich war es das übliche Unbehagen, das ihn beim Aufklären eines Mordfalls beschäftigte. Fast jeder aus der Umgebung des Opfers kam als potentieller Täter in Betracht.

Auch Clarissa Laughton? Wohl kaum. Ihr Alibi war okay.

Der Tod ihres Verlobten brachte sie im Übrigen um die Aussicht, die Frau eines vielfachen Millionärs zu werden.

Nein, bei ihr war kein Tatmotiv erkennbar.

»Wir haben inzwischen bei Bekannten des Toten herumgefragt, wir haben seine Geschäftsfreunde angerufen und mit Dienstboten gesprochen. Alle erklären übereinstimmend, wiederholte Auseinandersetzungen zwischen Ihnen und Cormick miterlebt zu haben. Da müssen die Fetzen geflogen sein. Trifft das zu?«

»Bryan glaubte an die Allmacht des Geldes. Damit versuchte er alles zu kaufen, alles zu besitzen. Auch mich. Ich habe ihm wiederholt klargemacht, dass ich nicht ihn, sondern sein Geld liebe. Das hat ihn zutiefst verletzt. Es machte ihn zuweilen rasend. Er hat mich zweimal aus dem Haus geworfen, dann kam er buchstäblich auf den Knien angekrochen und bat um Verzeihung. Er hat mir zweimal angedroht, mich töten zu wollen.«

»War das ernstgemeint?«

»Ja, ich glaube schon. Jedenfalls im Augenblick seiner Erregung.«

»Trotzdem waren Sie bereit, ihn zu heiraten?« »Meine vor vier Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommenen Eltern haben mir ein kleines Vermögen hinterlassen. Es geht zur Neige. Ich habe nichts gelernt und wüsste nicht, womit ich meinen Lebensunterhalt bestreiten soll. Arbeit? Da muss ich lachen. Ich stelle an das Leben gewisse Ansprüche und fürchte, dass nur ein reicher Mann imstande ist, sie zu befriedigen. Bryan war ein solcher Mann. Er besaß meinen Körper, dafür bezahlte er. Meine Seele konnte er auf diese Weise nicht erwerben. Das fraß ihn auf.«

»War es nicht sehr unklug von Ihnen, Bryan Cormick auf diese Weise zu provozieren?« fragte Caldwey. »Sie müssen ihn an den Rand des Wahnsinns getrieben haben. Er hätte Sie fallenlassen können. Wie eine heiße Kartoffel.«

Clarissa Laughton lächelte geheimnisvoll.

»Mich lässt keiner fallen«, sagte sie.

Ihre Stimme war leise und auf entwaffnende Weise selbstbewusst.

Der Inspektor blickte tief in Clarissas grünlich schimmernde Augen, dann seufzte er.

»Ich muss Ihnen das glauben«, sagte er.

»Mein Gott, bin ich müde«, murmelte Clarissa und blickte zum Fenster.

Die Übergardinen waren noch geschlossen, aber dahinter sah man das Grau des erwachenden Tages.

»Was ist mit Cormicks Testament?«, fragte Caldwey.

»Ich wage zu bezweifeln, dass eines existiert«, meinte Clarissa. »Bryan dachte nicht an den Tod. Es machte ihm nichts aus, andere über die Klinge springen zu lassen, aber sich selbst hielt er für unsterblich.«

»Er war Geschäftsmann. Enorm clever. Leute wie er denken an alles.«

»Mag sein. Von einem Testament weiß ich jedenfalls nichts«, sagte Clarissa.

»Ich denke, das war es fürs Erste«, meinte Caldwey. »Halt, noch eins! Wir haben den Anruf eines Unbekannten bekommen. Er will den Mörder gesehen haben. Dem Anrufer zufolge war der mutmaßliche Täter hochgewachsen und schlank, schwarz gekleidet. Sagt Ihnen das etwas?«

»Nein«, erwiderte Clarissa nach kurzem Nachdenken. »Ist Bryan bestohlen worden? Wie ist es überhaupt geschehen?«

»Der Arzt steht vor einem Rätsel«, sagte Caldwey. »Cormicks Hals wurde aufgerissen, mit einem scharfen, gezackten Gegenstand. Man könnte meinen, mit den Zähnen...«

»Das ist ja entsetzlich!« hauchte Clarissa. »Wer tut so etwas?«

»Wir wissen es nicht. Noch nicht«, schränkte Caldwey ein. »Cormicks Brieftasche fehlt. Aber das hat nicht viel zu bedeuten. Vorgetäuschte Raubmorde sind in diesem Land an der Tagesordnung.«

Nach Clarissa wurde Wittacker befragt.

Eine halbe Stunde später kletterten er und Clarissa in den olivgrünen Range Rover, den Wittacker als Pendelfahrzeug zwischen dem Stadtflugplatz und seinem Haus in Chelsea benutzte.

»Mann, hat mir der Inspektor idiotische Fragen gestellt«, meinte Wittacker und fuhr los. »Ich habe ihm gesagt, was ich von Bryan Cormick hielt. Verdammt, ich habe aus meinem Herzen keine Mördergrube gemacht. Für mich war Cormick der größte Miesling der Stadt. Ein gewalttätiger Neureicher, ein widerlicher Goldfinger.«

»Du bist eifersüchtig, das trübt dein Urteil.«

»Du kannst ihn nicht geliebt haben.«

»Lass uns nicht mehr davon reden. Das Kapitel ist abgeschlossen.«

»Heirate mich!«, sagte Wittacker.

»Du spinnst.«

»Ich bin fast so reich, wie Cormick es war. Ich habe einen guten, alten Namen. Ich bin beliebt. Außerdem glaube ich, mir schmeicheln zu können, Cormick in punkto Aussehen um Längen zu schlagen. Außerdem bin ich jünger als er.«

»Ich heirate keinen Schwächling«, sagte Clarissa.

 

*

 

Ken Wittacker stieg auf die Bremse.

Er stoppte so plötzlich am Straßenrand, dass Clarissa um ein Haar mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe geprallt wäre.

Wittacker umkrallte das Lenkrad mit beiden Händen.

Er starrte seiner Begleiterin fassungslos ins Gesicht.

»Was sagst du da?«, würgte er hervor.

Clarissa wandte den Kopf, sie musterte ihn herausfordernd.

»Du hast mich gut verstanden«, sagte sie langsam und akzentuiert. »Ich heirate keinen Schwächling. Du bist einer. Wie ich hörte, bist du der größte Schlappschwanz im Land.«

Wittacker holte tief Luft.

So etwas hatte ihm noch keiner gesagt.

Dass er das aus dem Mund eines Mädchens hören musste, deren Schönheit ihm schlaflose Nächte bereitete und die er begehrte, wie er noch niemals zuvor in seinem Leben etwas begehrt hatte, machte ihn sprachlos, aber nur für wenige Sekunden.

»Warum sagst du das?«, murmelte er.

Er hatte Mühe, ein Zittern zu unterdrücken.

Er fühlte, wie sich etwas in ihm verwandelte, wie seine Leidenschaft und sein Begehren in Hass umzukippen drohten. Noch stemmte er sich dagegen, aber er war der Aufwallung nicht gewachsen, sie drohte ihn wie ein Dammbruch zu überschwemmen.

»Weil es stimmt. Ich kenne zwei Mädchen, die mit dir intim waren. Du hast bei ihnen versagt. Du bist impotent«, sagte Clarissa.

»Das ist nicht wahr!«

»Soll ich Namen nennen?«

Wittacker schloss die Augen.

Verdammt!, dachte er. Wenn das die Runde machte...

Er verdrängte den Gedanken.

Die Überlegung drohte ihn zu vernichten.

Er wollte es nicht in den Zeitungen bestätigt sehen.

Der Segelheld der Nation ein impotenter Schwächling...

»Ich trinke zuweilen einen über den Durst«, sagte er rasch. »Ich bin nicht der einzige Mann, der in einer solchen Situation Mühe hat, den Ansprüchen der Damen zu genügen. Aber deshalb bin ich doch nicht impotent. Es ist infam, so etwas von mir zu behaupten, eine schmutzige Lüge!«

»Wollen wir die Probe aufs Exempel machen?«, forderte Clarissa ihn mit seltsam funkelnden Augen heraus.

Wittacker atmete rascher. Er schluckte.

»Jetzt und hier?«, fragte er.

»Idiot! Doch nicht im Wagen und am Straßenrand. Wir fahren zu dir.«

Wittacker starrte ihr in die Augen.

Er wusste nicht, was er denken und sagen sollte.

Clarissa hatte sich seinem Werben bislang verweigert, sie hatte ihn mit Spott und Schärfe abgeschmettert.

Die Tatsache, dass sie plötzlich bereit schien, sich ihm hinzugeben, machte ihn sprachlos.

»Ist das dein Ernst?«, flüsterte er.

»Ja, los doch! Fahren wir zu dir!«, sagte sie.

»Um diese Zeit, nach dieser Nacht? Ich wette, du bist müde und abgespannt...«

Clarissa lachte kurz.

»Na, bitte! Du hast Angst vor dem Versagen.«

Er fuhr los.

»Du wirst dich wundern«, presste er durch seine Zähne.

Unterwegs überfielen ihn Zweifel.

Diese verdammte kleine Hexe!

Sie wusste vermutlich genau, wie leicht ein Mann in einer solchen Situation den gewohnten Schwung vermissen ließ.

Darauf wartete sie.

Sie wollte ihre infamen Behauptungen bewiesen haben.

 

*

 

Er hoffte, sie wollte sich nur über ihn lustig machen.

Der zeige ich es, schoss es ihm durch den Kopf. Ich beweise ihr, dass ich im Bett so gut wie Bryan Cormick sein kann.

So gut? Nein, besser!

Als sie Wittackers Stadthaus betraten, war es kurz vor sieben Uhr.

»Das Hauspersonal kommt erst gegen halb neun«, sagte Wittacker.

Er trat ans Telefon.

»Es ist gerade noch Zeit, Fields und Mary in ihren Wohnungen zu erreichen. Ich telefoniere ihnen ab und teile ihnen mit, dass ich sie heute nicht benötige.«

»Du hast dir einiges vorgenommen«, spottete Clarissa und streifte ihre Handschuhe ab.

Während Ken Wittacker sein Vorhaben wahrmachte, schaute sich Clarissa in dem großen Salon um.

Der hohe, eindrucksvoll möblierte Raum war von repräsentativem Zuschnitt. Ein gewaltiger Glasschrank voller Trophäen dokumentierte Wittackers sportliche Bedeutung.

Bis vor zwei Jahren hatten seine Eltern in dem Haus gelebt. Sie wohnten jetzt auf dem Land, Chelsea war ihnen zu laut und hippiemäßig geworden.

Wittacker war Vorstandsmitglied einiger Großfirmen. Sie bedienten sich seines prominenten Namens als Aushängeschild.

Es war bekannt, dass er jährlich mehr als hunderttausend Pfund verdiente, ohne sich geschäftlich engagieren zu müssen.

Wittacker legte auf.

»Das wäre erledigt.«

Er rieb sich über das Stoppelkinn.

»Mach es dir bequem, ich rasiere mich schnell.«

»Mich stört der Bart nicht«, meinte Clarissa Laughton.

Er hörte den Spott aus ihren Worten.

Sie schien immer noch zu glauben, dass er impotent war und lediglich versuchte, die Stunde der Wahrheit hinauszuzögern.

Er ging auf sie zu, schloss sie in seine Arme und presste seinen Körper gegen den ihren.

Er küsste sie.

Einen Moment lang fühlte er sich entflammt, mitgerissen von der Biegsamkeit ihres Körpers, ihrem Duft, ihrer hinreißenden Weiblichkeit, aber dann fiel seine Erregung plötzlich in sich zusammen, er meinte zu spüren, wie wenig Clarissa engagiert war und wie distanziert sie seinem Verlangen begegnete.

Er löste seinen Mund von ihren Lippen und starrte in die grünschillernden Schächte ihrer Augen.

»Du bestehst nur aus Bosheit«, erkannte er. »Es macht dir Spaß, die Männer zu quälen. Vermutlich hast du auch Bryan gequält. Wir bedeuten dir nichts.«

Clarissa entzog sich seiner Umarmung.

Sie ging auf einen Sessel zu, ließ sich hineinfallen und schlug die schlanken, bestrumpften Beine übereinander.

»Nur immer weiter so!«, spottete sie. »Wie ich sehe, organisierst du das Rückzugsgefecht mit viel Sorgfalt. Küssen macht noch keinen Mann.«

Er fühlte sich plötzlich versucht, sie zu ohrfeigen.

»Möchtest du etwas trinken?«, fragte er.

»Danke, nein!«

Er starrte ihr ins Gesicht.

Wie schön sie war.

Und wie kalt.

Ein Biest. Warum war ihm das nicht schon früher aufgefallen?

»Komm!«, sagte er.

Sie folgte ihm ins Schlafzimmer.

»Ich mache mich ein wenig frisch«, sagte Clarissa und verschwand im Bad.

Als sie wiederkehrte, war sie nackt.

Sie ging auf ihn zu.

Ken Wittackers Blicke tasteten ihren Körper ab, er litt auf einmal unter Atembeschwerden.

»Worauf wartest du noch?«, flüsterte Clarissa.

In ihren großen, langbewimperten Augen schien Goldstaub zu flimmern.

»So geht es nicht«, erkannte Wittacker.

Clarissa legte sich auf das Bett, sie verschränkte die Arme unter dem Nacken und zog ein Knie an.

Der Mund des Mannes wurde trocken.

Wittacker war sicher, dass es im ganzen Land keine Frau gab, die so schön und begehrenswert war. Ihr Körper war vollkommen.

»Komm!«, hauchte sie.

Er rang nach Worten, nach einer Erklärung.

Ihm war klar, dass er versagen musste.

Clarissa legte es förmlich darauf an, ihn zu demütigen.

Ihr Entgegenkommen war trotz seiner Totalität nur scheinbar.

Es war frei von Leidenschaft und Gefühl.

Das quälte ihn, das machte ihn hilflos.

»Dir geht es nur um eines«, sagte er. »Du willst mich zum Versager stempeln. Warum? Was habe ich dir getan? Weshalb hasst du mich?«

»Komm!«, wiederholte sie.

»Ich will nicht«, sagte er und machte eine wütende Handbewegung. »Ich begehre dich, aber ich kann kein Mädchen lieben, das ihre Hingabe mit Spott würzt, mit dem Lauern auf das Versagen ihres Partners.«

Clarissa Laughton erhob sich mit einem Ruck.

Sie schüttelte ihr schulterlanges, tizianrotes Haar zurecht.

»Ich wusste es, ich habe es kommen sehen«, meinte sie. »Du hattest deine Chance. Du hast sie nicht genutzt. Wundere dich nicht, wenn schon morgen die ganze Stadt über dich lacht.«

»Was soll das heißen?«, fragte er.

Clarissa näherte sich der Badezimmertür.

Sie griff nach der Klinke, blieb stehen und blickte über ihre weiße, runde Schulter.

»Dein Verhalten ist wie ein Schlag ins Gesicht«, sagte sie. »Ich bin es nicht gewohnt, auf diese Weise verschmäht zu werden. So etwas nimmt keine Frau hin. Ich bin entschlossen, mich dafür zu rächen. Ich werde in unseren Kreisen verbreiten, welche Null du bist. Ein impotenter Niemand.«

Wittacker sah plötzlich rot.

Seine Muskeln spannten sich, er ging auf sie zu.

Ich bringe sie um, dachte er.

Ich töte sie.

 

*

 

Er erschrak vor der explosiven Wucht seiner Gefühle, vor diesem jähen lodernden Hass, und blieb stehen.

Er hatte nicht gewusst, dass er fähig sein würde, einen Mord zu begehen, aber in diesem Moment wusste er es genau: Clarissa musste sterben.

Niemand wusste, dass sie sich hier befand.

Und selbst wenn man sie beim Betreten des Hauses gesehen haben sollte, würde man ihm den Mord schwerlich nachweisen können. Seine Freunde und Bekannte wussten, wie vernarrt er in Clarissa war, er hatte daraus kein Geheimnis gemacht.

»Gib mir noch eine Chance!«, sagte er.

»Welche denn?«, höhnte Clarissa.

»Es liegt an den Umständen«, entschuldigte er sich. »Ich bin kein Roboter. Bryan Cormicks Tod hat mich mitgenommen, ich habe bei den Arlingsons einiges getrunken und hätte im Grunde weder Auto fahren noch fliegen dürfen. Du und ich, wir haben in dieser Nacht keine Minute Schlaf bekommen. Zudem bist du gehässig, voller Hohn und Spott. Ich gebe zu, dass mich das beeinflusst. Lass es uns noch einmal versuchen, unter günstigeren Umständen. Bleibe bei mir, bitte! Lass uns heute Abend gemeinsam essen gehen. Danach wird alles ganz anders sein, das schwöre ich dir.«

»Welchen Sinn hat es für dich, auf diese Weise Zeit zu schinden?«, fragte Clarissa spöttisch. »Das macht dich nicht potenter.«

»Du kannst nicht einfach losgehen und mich öffentlich als Schlappschwanz hinstellen«, begehrte er auf. »Niemand würde dir das glauben. Eine Menge Girls können das Gegenteil beweisen. Natürlich werden sie nicht darüber sprechen, wer tut das schon. Genauso wenig kann ich ihre Namen nennen und sie als Zeuginnen reklamieren. Aber lassen wir das. Es würde deinem Ruf nicht sehr dienlich sein, wenn du deine Drohung wahrmachst und dich damit als leichtes Mädchen abqualifizierst.«

»Kümmere dich nicht um meinen guten Ruf!«, entgegnete Clarissa. »Ich habe entdeckt, dass es durchaus nützlich sein kann, als leicht verrucht zu gelten.«

»Du willst heiraten. Du bist knapp bei Kasse. Natürlich kannst du dich verkaufen wie ein Callgirl, aber damit kommst du nicht ans große Geld heran. Einen Bryan Cormick findest du nicht an jeder Straßenecke.«

»Du hast mir die Ehe angeboten«, erinnerte sie ihn.

»Das ist vorbei«, antwortete er. »Ich heirate keine Hexe.«

»Da kann ich ja gehen«, sagte sie.

»Ich halte dich nicht auf«, erwiderte er und spürte das Hämmern seines Herzens hoch oben im Hals.

Wie tötete man einen Menschen?

In der Schublade seines Schreibtischs lag eine Pistole, aber die wagte er nicht zu benutzen. Erstens würde sie eine Menge Lärm verursachen, und zweitens konnte sie ihm leicht zum Verhängnis werden.

Du musst dich deiner Hände bedienen, dachte er.

Ihm wurde übel.

Er war kein Mörder, er hasste Gewalt.

Aber er durfte Clarissa nicht gehen lassen.

Er lief sonst Gefahr, dass sie über Nacht sein Image zerstörte.

Nein, er war nicht bereit, das hinzunehmen.

»Also gut«, lenkte Clarissa überraschend ein. »Ich gebe dir noch eine letzte Chance. Hole mich morgen Abend gegen acht Uhr zum Essen ab! Einverstanden?«

»Einverstanden!«, sagte Wittacker und entspannte sich.

Er hatte eine Galgenfrist gewonnen und war entschlossen, sie zu nutzen.

 

*

 

Albert Marvin rülpste laut.

Er hielt sich am Treppengeländer fest, legte eine Hand vor den Mund und lauschte erschrocken dem Nachhall seiner unfeinen Magenäußerung.

Dann schleppte er sich weiter, jede Stufe erschien ihm wie ein kaum überwindbares Hindernis.

Der verdammte Whisky.

Noch drei Stufen, noch zwei, noch eine endlich!

Schnaufend lehnte er sich gegen den Rahmen seiner Wohnungstür. Er fischte den Schlüssel aus der Tasche und hatte einige Mühe, ihn ins Schloss zu schieben.

Wenige Minuten später betrat Albert Marvin sein Wohnzimmer.

Er warf sich seufzend in den strapaziert aussehenden Ohrensessel und starrte aus wässrigen Augen ins Leere.

Welch ein Leben!

Er war 39 und seit Monaten arbeitslos.

Er kam sich seitdem nutzlos und verbraucht vor.

Er brauchte den Mief eines Pubs, einige Gesprächspartner am Tresen und die alles verklärende Wirkung des Alkohols, um seine Misere vergessen zu können.

Auch in dieser Nacht hatte er nach dem Schließen seiner Stammkneipe kein Ende finden können und mit ein paar Gesinnungsgenossen im Park weitergetrunken.

Zieh dich aus, alter Junge!, trieb er sich an. Geh ins Bett!

Aber er war zu erschöpft, er hatte einfach nicht die Kraft, sich zu erheben.

Er kannte das.

Er schlief oft in seinem Sessel ein.

Er hatte Angst davor.

Wenn er erwachte, fühlte er sich wie gerädert. Jedes Mal nahm er sich vor, gleich nach der Heimkehr sein Bett aufzusuchen, aber ebenso regelmäßig landete er im Ohrensessel.

Er rülpste erneut.

Hier in seinen vier Wänden brauchte er sich keine Zurückhaltung aufzuerlegen.

Sein Blick fiel auf die gegenüberliegende Wand. An ihr hing der große, attraktive Glaskasten mit dem dekorativen Prunkstück seines Wohnzimmers, einem präparierten Raubfisch.

Wenn die Inschrift stimmte, die sich am unteren Querbalken des Behälters auf einem Messingschild befand, dann war der Fisch von einem gewissen Morton Shriever im Jahre 1834 aus dem Hell’s Lake in den Highlands gezogen worden.

Das Schild enthielt auch den lateinischen Namen des Fisches.

Albert Marvin fand ihn unaussprechlich.

Er hatte sich das zungenbrecherische Wortgebilde einzuprägen versucht, aber das war ihm nicht gelungen.

Er nannte den Fisch Max.

Max war anderthalb Fuß lang und etwa zehn Zoll breit. Sein mit scharfen Zähnen bestücktes Maul war so abstoßend hässlich und ekelerregend, dass Albert Marvins Freunde behaupteten, neben Max nähmen sich Frankensteins Monster und alle ähnlichen Scheußlichkeiten wie große Schönheiten aus.

Marvin führte zuweilen im alkoholumnebelten Zustand Zwiegespräche mit dem hässlichen Geschöpf.

Es war in seinem Glaskasten von präpariertem Meerestieren, Korallen und Steinen umgeben.

Es wirkte so frisch und kraftvoll, als lebte es noch.

Aber jetzt war es nicht mehr da.

Marvin blinzelte ungläubig.

Der Kasten hing an seinem Platz, Meerestiere, die Steine und Korallen befanden sich am gewohnten Ort, sie hatten sich nicht verändert.

Aber Max war verschwunden.

Marvin stemmte sich aus dem Ohrensessel hoch.

Er schwankte leicht.

Du bist betrunken, schalt er sich.

Manche sehen in diesem Zustand weiße Mäuse.

Du hast aufgehört, Max zu sehen.

Marvin schaute sich prüfend im Zimmer um.

Waren Einbrecher hier gewesen?

Nein, das war ausgeschlossen.

Er besaß nichts von Wert, und Max war so hässlich, dass es schon eines gewissen Mutes bedurfte, um ihn als Wandschmuck aufzuhängen.

Marvin erwog, die Polizei anzurufen, aber dann war ihm plötzlich alles egal.

Er wankte ins Schlafzimmer, fiel quer über das Bett und schlief sofort ein.

 

*

 

Er erwachte irgendwann in der Dunkelheit, wälzte sich auf die Seite und erkannte, dass er versäumt hatte, sich auszuziehen.

In seinem Mund war ein fader Geschmack.

Er erhob sich, zog sich aus, fiel zurück ins Bett und schlief bis weit in den Morgen hinein.

Als er gegen zehn Uhr seine Toilette beendet hatte und lustlos daran ging, sich das Frühstück zuzubereiten, fiel ihm Max ein.

Albert Marvin betrat das Wohnzimmer.

Seine Augen weiteten sich verblüfft.

Max war zurückgekehrt.

Er hing in seinem Glaskasten.

Marvin schüttelte den Kopf und machte kehrt.

Du wirst alt, Junge, warf er sich vor. Der Alkohol treibt dich an den Rand von Delirien. Du siehst Dinge, die es gar nicht gibt.

Nach dem Frühstück räumte er die Wohnung auf.

Das tat er nur zwei- oder dreimal im Monat, mehr aus Langeweile als aus Überzeugung.

Er wischte den gläsernen Wandbehälter mit dem Staubtuch ab und erlahmte mitten in einer schwungvollen Bewegung.

Ihm wurde plötzlich der Atem knapp.

Das blutrünstig anmutende, mit scharfen Saugzähnen ausgerüstete Maul des präparierten Fisches hatte sich auf zutiefst erschreckende Weise verändert.

Es war blutverschmiert.

Marvin wischte sich mit dem Handrücken über die Augen.

Träumte er?

War er immer noch betrunken?

Er verstand es nicht.

Blut an den Kiemen von Max.

Er fühlte sich stocknüchtern.

Er glaubte auch zu wissen, dass er in der vergangenen Nacht keinen Halluzinationen erlegen war.

Max hatte sich nicht in seinem Glaskasten befunden.

Jetzt war er zurückgekehrt.

Mit Blut am Maul.

Wie erklärte sich das?

Was war geschehen?

Albert Marvin überlegte.

Vermutlich hatten seine Zechkumpane ihm einen Streich gespielt.

Er würde es merken, wenn sie sich an diesem Abend wie üblich im Pub nach dem Zustand von Max erkundigten.

»Mistkerle!«, sagte er halblaut und wusste nicht, ob er lachen oder sich über den Streich ärgern sollte.

 

*

 

»Der Inspektor war nochmals bei mir«, berichtete Clarissa, als sie mit Wittacker an einem für sie reservierten Tisch im »Carlton« Platz genommen hatte. »Man weiß inzwischen, dass Bryans Mörder die Brieftasche und eine goldene Sprungdeckeluhr gestohlen hat.«

»Ein gewöhnlicher Raubmord also«, sagte Wittacker und hob grüßend die Hand, als er einen Bekannten in der Nähe entdeckte.

Er war stolz darauf, mit Clarissa gesehen zu werden.

Sie zog mühelos alle Blicke auf sich.

Mit dem hochgesteckten Haar und den großen, grünschillernden Augen, mit ihren nackten Schultern und dem eleganten, tief dekolletierten Kleid war sie eine Augenweide, der absolute Mittelpunkt des mit attraktiven Gästen gut besetzten Luxusrestaurants.

Wittacker hatte sich Mut angetrunken.

Er besaß genügend Erfahrung im Umgang mit Alkohol, um nicht gleich die Haltung zu verlieren.

Lediglich ein leichter Rotschimmer auf seinen Wangen und ein fast fiebriger Glanz in seinen Augen verrieten, dass er seinen normalen Gefühlspegel verlassen hatte. Ein nicht informierter Beobachter konnte jedoch ebenso gut zu dem Schluss gelangen, dass Clarissas betörendes Aussehen diese Signale setzte.

»Ja, es sieht so aus«, meinte Clarissa und nahm lächelnd die Speisekarte entgegen, die der Oberkellner ihr reichte. »Zweifel hingegen bestehen am Charakter der Waffe, mit der der Ärmste ermordet wurde. Aber das ist wahrhaftig kein Tischthema«, fügte sie wie entschuldigend hinzu.

»Ich bin keineswegs so zartbesaitet, wie du zu glauben scheinst«, sagte Wittacker lächelnd.

»Es gibt da eine Theorie von Caldwey, der ich zustimme«, fuhr Clarissa fort. »Ihr zufolge ist der anonyme Anrufer mit dem Mörder identisch. Der Inspektor glaubt, dass ein Einbrecher von Bryan überrascht wurde. Es kam zu einem Kampf mit tödlichem Ausgang. Dem späteren Anruf sollte eine Alibifunktion für den Täter zukommen. Die darin gemachten Angaben über einen großen Unbekannten sind vermutlich frei erfunden.«

»Was ist mit dem Testament?«

»Ich war nur seine Verlobte. Ich habe keinen Anspruch auf seine Hinterlassenschaft. Leider!«

Sie seufzte.

»Wer wird sein Geld erben?«

»Seine Schwester, nehme ich an.«

»Kennst du sie?«

»Nur von einem Foto. Sie ist noch jung, um die 25 herum, würde ich sagen«, erwiderte Clarissa. »Ein ungewöhnlich attraktives Mädchen.«

»Ich sollte mich um sie kümmern«, meinte Wittacker grinsend. »Eine fabelhafte Partie!«

»Ich halte dich nicht zurück.«

Er streckte spontan die Hand aus und berührte Clarissas schlanke Finger.

»Für mich gibt es nur dich, das weißt du«, sagte er.

»Nimm deine Pfote weg!«, zischte Clarissa. »In dieser Umgebung sind Vertraulichkeiten weder üblich noch geschätzt.«

Er zog die Hand zurück, vertiefte sich verletzt in die Speisekarte und traf seine Wahl.

 

*

 

Anderthalb Stunden später verließen er und Clarissa das Lokal.

Ein Taxi brachte sie zu Wittackers Wohnung.

Ein weißgedeckter Tisch mit kalten Platten und ein Eiskübel, aus dem die Hälse von zwei Champagnerflaschen ragten, ließen erkennen, dass Wittacker die notwendigen Vorbereitungen getroffen hatte.

Er sorgte dafür, dass leise Musik den Raum erfüllte und forderte Clarissa zum Tanzen auf. Sie glitt mit einem kühlen Lächeln in seine Arme.

Er schloss die Augen.

Der sanfte Druck ihres biegsamen Körpers brachte sein Blut in Wallung.

Er versuchte, Clarissa zu küssen.

»Später«, wich sie ihm aus.

Sie setzten sich.

Wittacker öffnete eine Flasche und füllte die Gläser. Sie sprachen über den Mord an Bryan Cormick.

»War er ein guter Liebhaber?«, wollte Ken Wittacker plötzlich wissen.

Clarissa lächelte boshaft.

»Du wirst dich anstrengen müssen, wenn dir daran liegt, dass ich ihn rasch vergesse.«

Wittacker glaubte seine Schwäche vom Vorabend überwunden zu haben.

Er brannte darauf, der schönen Besucherin seine Männlichkeit zu demonstrieren.

»Komm!«, sagte er und streckte ihr seine Hand entgegen.

Clarissa ergriff sie, ließ sich aus dem Sessel hoch ziehen und folgte ihm ins Schlafzimmer.

 

*

 

Als sie im Bett lagen, begriff Wittacker, dass er erneut versagen würde.

Er vergrub sein Gesicht in das Kissen, denn er war verzweifelt.

»Ich wusste, dass es so kommen würde«, sagte Clarissa. »Du bist ein Schlappschwanz.«

Wittackers Kopf zuckte hoch, er war zutiefst erregt.

»Das stimmt einfach nicht!«, begehrte er auf. »Die Schuld an der Entwicklung liegt bei dir. Deine verdammte Arroganz macht einen Mann fertig. Ich bin zu sensibel, um damit klarzukommen.«

»Schon gut, ich habe nichts anderes erwartet, du Held«, sagte Clarissa, schwang sich aus dem Bett und begann sich anzuziehen.

Sie summte dabei vor sich hin, sie war in blendender Laune.

Wittacker übermannte ein Gefühl der Übelkeit.

Dieser Attacke gesellte sich der tiefe, tödliche Hass hinzu, den er bereits am Vorabend empfunden hatte.

Er stand auf.

Es juckte ihn in den Fingern, das Mädchen zu schlagen und zu demütigen, aber er war ein Sportler und hatte gelernt, sich zu beherrschen.

»Ganz London wird über dich lachen«, spottete Clarissa, als sie wenig später in der Diele stand und ihre Handschuhe überstreifte.

»Gib bitte nicht mir die Schuld daran!«, fuhr sie fort. »Du hattest deine Chance und warst unfähig, sie zu nutzen.«

Sie ging.

Wittacker blieb hilflos und verstört in der Diele zurück, er ballte die Hände, eine ohnmächtige Wut drohte ihn zu ersticken.

Ich muss sie töten, schoss es ihm durch den Kopf.

Sie hat nie etwas anderes gewollt, als mich zu demütigen.

Sie will mein Image zerstören.

Sie ist die personifizierte Bosheit, eine Hexe.

Ich tue der Welt einen Gefallen, wenn ich Clarissa töte.

 

*

Er wandte sich um, trat vor den riesigen Garderobenspiegel und blickte hinein.

Er erschrak vor der Wildheit seines Gesichtsausdrucks und zwang sich zur Ruhe.

Nein, nicht einmal Clarissa würde imstande sein, einen Verbrecher aus ihm zu machen. Sie hatte den Tod verdient, aber das bedeutete keineswegs, dass er sich an ihr die Finger beschmutzen würde.

Er kehrte ins Wohnzimmer zurück und setzte sich und leerte beide Champagnerflaschen. Danach war er betrunken, seine Selbstdisziplin geriet ins Wanken.

Er stellte sich vor, wie es sein würde, wenn er Clarissa umbrachte.

Er stand auf, torkelte ins Bad und erbrach sich.

Danach fühlte er sich etwas besser.

Er ließ die Wanne voll Wasser laufen und hörte nicht auf, an Clarissa zu denken.

Er musste sich etwas einfallen lassen, um sie zum Schweigen zu bringen, aber er wartete vergeblich auf die rettende Idee.

Er stieg in die Wanne und fühlte, wie das warme Wasser ihm half, sich zu entspannen. Aber sein Hass blieb.

Er verband sich mit dem Entschluss, Clarissa aus dem Weg zu räumen. Ihm war klar, dass er rasch handeln musste und nicht versäumen durfte, sich ein Alibi zu verschaffen.

Seine Gedanken verwirrten sich, er schlummerte in dem warmen Wasser ein.

Wittacker schreckte hoch, als etwas klatschend ins Wasser fiel.

Er fragte sich, was geschehen war.

Noch ehe er eine Antwort darauf gefunden hatte, stieß etwas mit schneidender Schärfe gegen seinen Hals. Der Kontakt kam mit einem jähen, reißenden Schmerz und einem geradezu tödlichen Erschrecken.

Ken Wittacker brüllte.

Er war mit einem Schlag hellwach.

Seine Hände zuckten aus dem Wasser hoch und versuchten das zappelnde Etwas zu packen, das sich mit schmatzender, schlürfender Unerbittlichkeit in seinen Hals bohrte.

»Hilfe!«, schrie er. »Hilfe!«

Er wusste, dass niemand ihn hören konnte.

Er befand sich allein im Haus.

Seine Finger umschlossen einen festen, glitschigen Körper, in dessen Leib vitale Spannung und blutrünstige Entschlossenheit steckten.

Was er ergriffen hatte, war ein Fisch!

 

*

 

Die Badezimmertür stand offen.

Wittacker wusste genau, dass er sie ins Schloss gezogen hatte, aber die Situation erlaubte es ihm nicht, darüber nachzudenken.

Seine Finger rissen an dem zuckenden, ölig anmutenden Leib.

Er versuchte, sich die kleine Bestie vom Hals zu reißen. Aber das war unmöglich, der Fisch hatte sich tief in seinen Hals verbissen und wühlte sich immer tiefer in das Zentrum seines Lebens.

Panik und Grauen überfielen den Mann, als er an sich herabblickte und sah, wie sein Blut fast eine handbreit über die Brust floss und das Badewasser tiefrot zu färben begann.

Wittacker begriff, dass er den Fisch nicht aus der tödlichen Wunde entfernen konnte, ohne sich selbst in Stücke zu reißen.

Er schrie nochmals um Hilfe.

Seine Stimme zerfaserte, sie brachte nur noch heisere, krächzende Laute zustande.

Er rutschte in sich zusammen und fragte sich fassungslos, was er verbrochen hatte, um auf diese entsetzliche Weise sterben zu müssen.

 

*

Albert Marvin ging an diesem Abend früher als sonst nach Haus.

Er war schlecht gelaunt.

Das lag keineswegs nur daran, dass er weniger als sonst getrunken hatte und auf die rosaroten Nebel lindernder Alkoholwirkung verzichten musste.

Seine Zechgenossen hatten sich völlig normal verhalten, niemand hatte nach Max gefragt, kein Augenzwinkern hatte darauf hingedeutet, dass sie es gewesen waren, die sich den dummen Streich mit dem präparierten Raubfisch und ihm erlaubt hatten.

Marvin blieb verdutzt stehen, als er seine Wohnung erreicht hatte.

Die Tür war nur angelehnt.

Aus dem Wohnungsinneren ertönten Geräusche.

Einbrecher?

Das hielt er für ausgeschlossen.

Er besaß nichts von Wert, nicht einmal ein Fernsehgerät. Er hatte den Apparat versetzt, als er zwischen zwei Unterstützungszahlungen bei seinem Wirt zu tief in die Kreide geraten war.

Marvin schob mit der Fußspitze behutsam die Tür zurück, streifte die Schuhe ab und schlich auf Socken in die dunkle Diele.

Er hatte vor, den Eindringling zu überraschen und fieberte diesem Coup förmlich entgegen. Ihm fiel Max ein.

Waren die Burschen, denen er den dummen Streich verdankte, zurückgekommen?

Bauten sie darauf, dass er sich um diese Zeit noch im Pub befand, und versuchten sie diesen Umstand für ihr idiotisches Vorhaben zu nutzen?

Marvin spürte ein Gefühl von Triumph in sich aufwallen.

Denen würde er es zeigen. Wenn jemand glaubte, sich über ihn lustig machen zu können, würde es für den oder die Burschen ein böses Erwachen geben.

Er war ein Trinker, gewiss, aber er hatte seine fünf Sinne durchaus noch beisammen und war nicht bereit, sich von irgendwelchen Schwachköpfen auf den Arm nehmen zu lassen. Seltsam war nur, dass auch im Wohnzimmer, dessen Tür halboffen stand, kein Licht brannte.

Marvin blieb stehen.

Er presste sich mit dem Rücken gegen die Dielenwand und atmete mit offenem Mund.

Die plötzliche Stille irritierte ihn.

Er begriff, dass der oder die Besucher im Wohnzimmer sein Kommen wahrgenommen hatten und in Lauerstellung gegangen waren.

Die Stille hatte etwas Bedrohliches.

Marvin fühlte sich auf einmal verunsichert, sein Handlungsdrang machte einer plötzlichen Angst Platz.

Er wusste nicht, ob er es mit einem oder mit mehreren Gegnern zu tun hatte, aber er spürte die Gefahr, in die er sich begeben hatte, beinahe körperlich.

Sie erschwerte ihm das Atmen.

Er hielt die drückende Spannung nicht länger aus.

»Hallo?«, rief er heiser.

Niemand antwortete.

Marvin stieß sich von der Wand ab, griff nach dem nahen Lichtschalter und betätigte ihn.

Aus dem Dunkel des Wohnzimmers löste sich eine schwarze Gestalt und schoss geradewegs auf Albert Marvin zu.

Marvin sah eine Faust auf sich zukommen.

Er versuchte den Kopf herumzureißen, aber seine Reaktion erfolgte zu langsam.

Der Schlag traf ihn mit der Wucht eines Dampfhammers.

Marvin ging zu Boden.

Als er stürzte, spürte er alle Knochen im Leib.

Er registrierte nicht nur den jähen Schmerz, der sein Nervensystem durchzuckte, er fühlte vor allem die plötzliche Wut, die die Attacke des Unbekannten in ihm auslöste.

Marvin kam auf die Beine.

»Du Schwein«, keuchte er und ballte die Hände. »Du verdammtes Miststück!«

Er torkelte über die Schwelle und sah gerade noch, wie ein Mann mit dunklem Hut und schwarzem, fast knöchellangem Umhang die Treppe hinabeilte.

Der Mann trug einen Koffer bei sich und bewegte sich unglaublich schnell, mit fast animalisch wirkender Eleganz und Kraft.

Wie eine Raubkatze, schoss es Marvin durch den Kopf.

Er versuchte, dem Fremden zu folgen, aber er geriet auf der Treppe ins Stolpern, fiel hin und stöhnte laut, als er den scharfen Stich eines angeknacksten Knöchels in seinem Fuß verspürte.

Marvin begriff, dass an eine Verfolgung des Unbekannten nicht zu denken war.

Er quälte sich auf die Beine.

Er versuchte sich an das Gesicht des Fremden zu erinnern, aber das erwies sich als nicht machbar.

Alles war viel zu schnell gegangen.

Er hatte sich bei der plötzlichen Attacke in einem Reflex abzuwenden versucht und sich damit der Möglichkeit beraubt, einen Blick in das Gesicht seines Gegners zu werfen.

Die Größe und Beweglichkeit des Unbekannten machten klar, dass es sich um keinen seiner Zechkumpane aus dem Pub gehandelt haben konnte. Diese Männer waren keine Sprinter. Es gab keinen darunter, der es in Größe und Sportlichkeit mit dem Eindringling hätte aufnehmen können.

Marvin schleppte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Treppe hoch.

Er betrat seine Wohnung, drückte die Tür hinter sich ins Schloss und knipste im Wohnzimmer das Licht an.

Sein erster Blick galt dem Glaskasten, in dem Max hing.

Der Fisch befand sich an seinem gewohnten Platz. Im Zimmer selbst konnte Marvin keine Veränderung bemerken.

Er schüttelte verblüfft den Kopf und fragte sich, was der Unbekannte hier gesucht hatte.

»Du hast ihn beobachtet, alter Junge«, sagte Marvin und verfiel in seine alte Gewohnheit, mit seinem stummen, hinter Glas hängenden Wohnungsgenossen zu sprechen.

»Was wollte der hier?«

Während Marvin redete, trat er vor den Glaskasten.

Er wollte noch etwas sagen, aber die Worte blieben ihm im Hals stecken.

Seine Augen weiteten sich.

»Max!«, stieß er hervor.

 

*

 

Das Maul des Raubfisches war noch blutiger als am Morgen.

Der rote Lebenssaft glänzte wie Lack.

Er war frisch und noch nicht eingetrocknet.

Marvin zuckte zusammen, als er sah, wie sich ein Tropfen von den abstoßend hässlichen Zähnen löste und auf den Boden des Kastens tropfte.

Er trat einige Schritte zurück, ließ sich in einen Sessel fallen und legte den schmerzenden, anschwellenden Fuß hoch.

»Ich will verdammt sein«, murmelte er. »Was hat das zu bedeuten?«

Er fand darauf keine Antwort.

Er griff nach der Flasche, die in Reichweite auf dem Tisch stand.

Er entkorkte sie mit den Zähnen und setzte sie an den Mund, aber dann ließ er sie sinken, ohne daraus getrunken zu haben.

Es gab Augenblicke, wo er den Alkohol hasste und sich klar darüber war, wie unheilvoll die Trinkleidenschaft sein Leben verändert hatte.

Er war einmal ein brillanter Zahntechniker gewesen, ein gesuchter und hochbezahlter Mann, aber mit zittrig gewordenen Händen war er außerstande, seine Erfahrungen zu nutzen.

Wenn es ihm nicht gelang, mit der Trinkerei Schluss zu machen, bestand für ihn nicht die geringste Aussicht, jemals wieder in seinem Beruf tätig zu werden.

Er stellte die Flasche zurück, humpelte um den Tisch herum und überlegte, was er tun sollte.

Die Polizei informieren? Nein, das schied aus, die würden ihn nicht ernst nehmen und glauben, er sei ein Opfer rauschhafter Einbildung geworden.

Oder? Immerhin konnte er Max vorweisen und das frische Blut an seinem Maul.

Albert Marvin schloss die Augen.

Er hatte in den letzten Monaten nur ein erstrebenswertes Ziel gekannt: die Nachmittage und Abende in seinem Pub und die tröstliche Wärme des Alkohols.

Er hatte sich oft genug an diesem Platz und in diesem Zustand völlig glücklich gefühlt, aber ihm dämmerte, dass es so nicht weitergehen konnte. Er lief sonst Gefahr, sich selbst aufzugeben.

Das mysteriöse Geschehen um den blutverschmierten Raubfisch erschien ihm wie eine Herausforderung, der er sich stellen musste.

Marvin nahm sich vor, ihr nicht auszuweichen.

Er hob die Lider, musterte die blutigen Kiemen des Fischs und hob seine Hand wie zum Schwur.

»Ich kriege ihn«, presste Marvin durch seine Zähne. »Ich kriege ihn und bekomme heraus, was es mit dir und diesem Kerl für eine Bewandtnis hat.«

 

*

 

Es klingelte.

Clarissa saß am Frühstückstisch.

Sie tupfte sich die Lippen mit einer Serviette ab, ging in die Diele und öffnete die Tür.

»Hallo, Derek!«, sagte sie beim Anblick ihres Besuchers. »Bringst du das Geld?«

Derek Webster lächelte unglücklich.

»Es hat nicht geklappt, aber Leona hat mir versprochen...«

Clarissa Laughton fiel ihm ins Wort.

»Mich interessiert einen feuchten Schmutz, was Leona dir versprochen hat«, sagte sie. »Ich will mein Geld haben. Noch heute.«

Sie ging ins Wohnzimmer.

Derek Webster folgte ihr.

Er war ein mittelgroßer Mann von knapp dreißig Jahren. Seine dunklen Augen, das schmale, sensibel wirkende Gesicht und sein schwarzes nackenlanges Haar ließen ihn sehr südländisch aussehen, aber tatsächlich entstammte er der Familie eines Earls, die seit Generationen in London zu Haus war.

Websters Vater, ein versponnener Idealist, hatte seinen Titel der Krone zurückgegeben und seine beiden Fabriken einer Arbeiterverwaltung überlassen. Die Sache war einige Jahre erstaunlich gutgegangen, aber dann hatte sich ein betrügerischer Buchhalter mit dem Firmenvermögen aus dem Staub gemacht, und seitdem lebten die Websters von dem wenigen, was sie noch besaßen.

Das Familienschloss in Surrey war aus rechtlichen Erwägungen Derek überschrieben worden und galt als letzter nennenswerter Besitz der Familie.

»Setz dich!«, sagte Clarissa und nahm vor dem großen, zum Garten weisenden Panoramafenster Platz.

Sie saß im Gegenlicht und wusste um den Lichtzauber, den die Morgensonne in ihr Haar webte.

Webster befolgte die Aufforderung.

»Ich habe das von Bryan gehört. Ich bin tief betroffen und fühle mit dir, das weißt du.«

»Danke! Was ist mit dem Geld?«

»Oh, Leona hält Wort«, meinte er. »In einer Woche hat sie die Summe flüssig.«

Clarissa wusste, dass der junge Mann mit dem Mädchen verlobt war.

Leona war ein gesuchtes Fotomodell. An einem einzigen Wochenende verdiente sie oft mehr als tausend Pfund, aber da sie auf großem Fuß zu leben pflegte, war es ihr bislang nicht gelungen, eine Rücklage zu bilden.

»Was geht mich Leona an?«, fragte Clarissa kühl. »Ich bekomme das Geld von dir.«

»Sie ist meine Verlobte. Leona kennt meine Lage und hat versprochen, mir aus der Patsche zu helfen.«

»Sorry, mein Lieber! Der Zahlungstermin läuft in exakt drei Stunden ab, dann gehört das Schloss der Websters mir«, sagte Clarissa.

Dereks Gesicht lief rot an.

»Du hast mir dreitausend Pfund geborgt, als ich mich in einer ebenso dummen wie fatalen Lage befand und unbedingt meine Spielschulden begleichen musste. Ich wollte das Geld nicht von dir haben, sondern...«

»... von Bryan, ich weiß«, ergänzte Clarissa, »aber da er nicht zu Haus war, pumptest du mich an. Ich habe dir das Geld gegen einen präzise formulierten Schuldschein überlassen. Du hast diesen Schein unterschrieben und am nächsten Tag von zwei Zeugen verifizieren lassen. Aus dem Schuldschein geht klar hervor, dass das Familienschloss der Websters bei Nichtzahlung deiner Verbindlichkeiten in meinen Besitz übergeht.«

»Das ist absurd«, brach es aus Webster hervor. »Das Ganze ist anfechtbar, in rechtlicher und moralischer Hinsicht. Du kannst nicht für lumpige dreitausend Pfund einen Millionenbesitz kassieren wollen.«

»Ich will nur mein Geld«, entgegnete Clarissa und lächelte frostig. »Bringe es mir zum verabredeten Termin, und du kannst den alten Kasten behalten!«

»Das ist Erpressung!«

»Du hattest vierzehn Tage Zeit, die Summe aufzutreiben«, sagte Clarissa. »Ich berechne dir nicht einmal Zinsen dafür.«

Websters Augen waren hart und schmal geworden.

Seine Mundwinkel zuckten nervös.

»Du hast hoch gepokert«, sagte er. »Du glaubst, gewonnen zu haben. Für mich war dieser Schuldschein nur eine Farce. Für dich ist er blutiger Ernst. Du hast von Anbeginn erwartet, dass ich nicht imstande sein würde, das Geld zu beschaffen. Du willst auf diese Weise in den Besitz von Calhoun Castle kommen.«

»Das ist eine unbeweisbare Unterstellung«, meinte Clarissa, »aber selbst wenn sie zuträfe, wäre nichts daran auszusetzen. Es liegt an dir, meine Spekulation zunichte zu machen. Verkaufe das Schloss an einen Makler, er wird dir das Vielfache meiner Forderung zahlen.«

»Wie stellst du dir das vor? Ich kann nicht in irgendein Immobilienbüro stürmen und Calhoun Castle anbieten wie Sauerbier. Die Leute wollen sehen, was sie kaufen. Die Zeit ist für eine solche Transaktion zu knapp. Im Übrigen kann und will ich nicht veräußern, was der Familie gehört. Es ist unsere letzte und einzige Bindung an eine ruhmvolle, stolze Vergangenheit.«

»Mir bricht das Herz«, spottete Clarissa und blickte auf ihre Uhr. »Ich will dich nicht drängen, mein Lieber, aber du verplemperst deine kostbare Zeit.«

Webster erhob sich.

Er verließ Raum und Wohnung ohne ein weiteres Wort.

 

*

Das Telefon klingelte.

Clarissa trat neben den Apparat und meldete sich.

Inspektor Caldweys Stimme tönte ihr entgegen.

»Ich habe schlechte Neuigkeiten für Sie", sagte er. »Ihr Freund Ken Wittacker ist tot.«

»Einen Augenblick, bitte«, sagte Clarissa Laughton.

Ihre Stimme klang überrascht, aber weder betroffen noch erregt.

»Ich zünde mir eine Zigarette an.«

Danach griff sie erneut nach dem Hörer und sagte:

»Erst Bryan und jetzt Ken. Das ist entsetzlich. Sie werden sich vermutlich fragen, ob meine Verehrer von einer Seuche dahingerafft werden. Ich habe dafür keine Erklärung, jedenfalls keine, die Ihnen weiterhelfen könnte. Wie ist es passiert?«

»Mord«, sagte Caldwey.

»Wie furchtbar«, murmelte Clarissa.

»Es gibt erschreckende Übereinstimmungen. Wittacker starb genau wie Cormick im Wasser, wenn auch nur in seiner Badewanne, und er trug die gleichen Verletzungen davon wie Ihr Verlobter. Ken Wittacker ist verblutet«, sagte der Inspektor.

»Ich habe Ken gegen dreiundzwanzig Uhr verlassen«, erinnerte sich Clarissa.

»So früh?«

»Der Abschied war nicht sehr harmonisch. Aber das tut wohl nichts zur Sache. Ken lebte noch zu dieser Zeit.«

»Sein Tod dürfte gegen Mitternacht eingetreten sein, vielleicht auch etwas früher.«

»Wenn Sie Wert auf einen Alibizeugen legen, treibe ich den Taxifahrer auf, der mich nach Hause brachte«, meinte Clarissa.

»Ein guter Gedanke«, lobte der Inspektor. »Der Mann wird Ihnen und uns helfen können.«

»Sie halten mich doch hoffentlich nicht für tatverdächtig?«, fragte Clarissa.

»Die Tatsache, dass zwei Ihrer Verehrer innerhalb von vierundzwanzig Stunden ermordet wurden, lässt Zusammenhänge erkennen«, erklärte Caldwey. »Bei der Suche nach dem Tatmotiv bietet sich ein dritter Mann an, einer, der aus Eifersucht mordet und dem es darum geht, seine Nebenbuhler auszuschalten. Wer kann das sein?«

»Ich habe keine Ahnung.«

»Es gibt ein großes Loch in den Parallelen, die sich uns aufdrängen«, meinte der Inspektor. »Bryan Cormick wurde beraubt, Ken Wittacker offenbar nicht. Es ist natürlich denkbar, dass Cormicks verschwundene Brieftasche und die gestohlene Uhr lediglich dem Zweck dienen, uns abzulenken.«

»Ich kann dazu nichts sagen, Inspektor.«

»Ich muss Sie bitten, sich zu unserer Verfügung halten zu wollen«, erwiderte Caldwey und legte auf.

 

*

 

Albert Marvin verließ das Haus bei Einbruch der Dunkelheit.

Er betrat wenig später seinen Pub und bestellte einen Kaffee.

Der Wirt war verdutzt.

»Du hast richtig verstanden«, sagte Albert Marvin. »Einen Kaffee. Schön stark, bitte. Kennst du jemanden, der mir eine Kanone ausleihen kann?«

»Du tickst nicht richtig. Willst du ein Ding drehen?«, fragte der Wirt.

»Im Gegenteil. Ich möchte eins verhindern.«

Der Wirt trat an die Kaffeemaschine und schob eine Tasse unter den Ausguss.

»Warum gehst du nicht zur Polizei?«

»Ich habe meine Gründe.«

»Ich habe keine Kanone, Al. Nur einen Totschläger. Eine Stahlrute, an deren Ende sich eine mit Leder umhüllte Bleikugel befindet. Du kannst das Ding haben. Ich brauche es nicht«, sagte der Wirt.

»Okay, her damit!«, meinte Albert Marvin und nahm die Schlagwaffe entgegen.

»Geh vorsichtig damit um!«, riet ihm der Wirt. »Damit kannst du leicht jemandem den Schädel einschlagen.«

Marvin trank seinen Kaffee, dann zahlte er und ging.

Er hatte während des ganzen Tages keinen Tropfen Alkohol zu sich genommen und fühlte sich ziemlich mies.

Er war nicht sicher, ob er die Kraft haben würde, noch ein paar Stunden durchzuhalten.

Er erreichte die Valley Road und tauchte im Dunkel einer Toreinfahrt unter, die seinem Haus gegenüberlag.

Wenig später verließ die watschelnde Mrs Miller das Gebäude. Sie arbeitete als Küchenhilfe in einem nahen italienischen Restaurant. Dann tauchte Mr Barter auf, ein sehr aufrecht gehender Mann, der sich damit brüstete, im Krieg Hauptmann gewesen zu sein, obwohl jeder wusste, dass er es nur bis zum Sergeant gebracht hatte.

Marvin steckte sich eine Zigarette an und dachte voller Wehmut an seinen Pub, das sich um diese Stunde zu füllen pflegte.

Du hättest den Flachmann mitnehmen sollen, überlegte er, sein Inhalt hätte dir das Warten erleichtert.

Die Zeit verrann.

Marvins Laune sank auf den Nullpunkt.

Du bist verrückt, schalt er sich. Du verplemperst hier bloß deine Zeit. Der Kerl mit dem schwarzen Umhang wird sich hüten, noch einmal zurückzukommen. Den hast du das Fürchten gelehrt.

Marvin fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen und stellte sich vor, wie jetzt ein Bier schmecken würde.

Gerade als er sein Versteck verlassen wollte, um sich in den Pub zu begeben, ertönten Schritte.

Marvin straffte sich.

Er glaubte zu wissen, wer die Schritte verursachte.

Sie klangen seltsam fremd und hohl, sie hatten etwas Drohendes.

Sekunden später erschien die hochgewachsene Gestalt des Unbekannten mit dem schwarzen Hut in Marvins Blickfeld.

Der Mann trug den kofferähnlichen Behälter in der Rechten, blieb vor der gegenüberliegenden Haustür stehen, schaute die Straße hinauf und hinab und verschwand in dem Gebäude.

Marvins Herz klopfte.

Er trat seine Zigarette aus und berührte unwillkürlich die Stelle, wo ihn die Faust des Fremden getroffen hatte.

»Rache ist süß!«, murmelte er und zog den Totschläger aus seiner Tasche.

Er ließ die wippende Stahlrute einige Male durch die Luft zischen.

Die Waffe gab ihm ein Gefühl von Kraft und Überlegenheit.

Er ließ seine Blicke zu den Fenstern seiner im Dachgeschoss liegenden Wohnung wandern. Dort blieb es dunkel.

Albert Marvin löste sich aus der Toreinfahrt und überquerte die Straße.

Wenige Minuten später näherte er sich auf Zehenspitzen seiner Wohnungstür.

Sie war nur angelehnt.

Marvin verzichtete darauf, sie zu öffnen.

Er verbarg sich hinter einem Mauervorsprung und wartete.

Kurz darauf wurden Schritte laut.

Marvin presste sich flach gegen die Wand und hielt den Atem an. Das Schloss seiner Wohnungstür schnappte ein.

 

*

Der Unbekannte tauchte auf und ging mit gesenktem Kopf an Albert Marvin vorbei zur Treppe.

Marvin widerstand der Versuchung, sich mit erhobenem Totschläger von hinten auf den Unbekannten zu stürzen und ließ ihn stattdessen mit seinem Koffer die Treppe hinabsteigen. Es war zu erkennen, dass der Koffer schwer war, er zwang seinen Träger dazu, gebückt zu gehen.

Marvin wartete, bis der Fremde zwei Stockwerke tiefer angekommen war, dann löste er sich von der Mauer und schloss die Tür seiner Wohnung auf.

Er eilte ins Wohnzimmer.

Max war aus seinem Kasten verschwunden.

Marvin machte kehrt und beeilte sich, den Vorsprung des Fischräubers nicht größer werden zu lassen.

Er stieß erleichtert die Luft aus, als er den Unbekannten auf der Straße wiederentdeckte. Der Mann überquerte die Fahrbahn, bog in die Lincoln Street ein und stoppte dort an einem schwarzen uralten Morris. Der Mann schob den Koffer in den Fond und setzte sich hinter das Lenkrad.

Marvin wartete nicht, bis der Mann abfuhr, sondern sprintete zurück zum Haus, in dem er wohnte. Dort stand der klapprige Sunbeam von Mr Barter.

Marvin wusste, dass die dazugehörigen Zündschlüssel im Handschuhkasten des Wagens lagen.

Er stieg ein, fischte die Schlüssel aus ihrem Versteck, startete den Motor und fuhr los. Als er in die Lincoln Street einbog, sah er weit vor sich die Heckleuchten des Morris.

Marvin schloss zu ihm auf, hielt jedoch bei der Verfolgung einen gewissen Sicherheitsabstand ein.

Knapp eine Stunde später stoppte der Fahrer des Morris in der vornehmen Chagford Street unweit des Regent’s Parks.

Inzwischen war es dreiundzwanzig Uhr zwanzig geworden.

Die Straße war menschenleer.

An ihrem Rand parkten ausschließlich Fahrzeuge der Nobelmarken Rolls-Royce, Bentley, Humber und Mercedes. Der alte, schäbige Morris des Unbekannten nahm sich dazwischen höchst seltsam aus.

Marvin fuhr an ihm vorüber, bis zum Ende der Straße.

Dort stoppte er und beobachtete das Geschehen im Rückspiegel des Sunbeam.

Der Unbekannte holte das schwere Gepäckstück aus dem Fond seines Wagens und ging damit in entgegengesetzter Richtung davon.

Marvin stieg aus und folgte ihm.

Der Fremde bog in die Parallelstraße ein, die Glentworth Street.

Hier bot sich das gleiche Bild: dezent vornehme Hausfassaden und aufwendige Fahrzeuge am Straßenrand.

Der Mann mit dem Koffer stoppte vor dem Haus mit der Nummer 31 und stieg die wenigen Stufen hinab, die zum Dienstboteneingang führten.

Im nächsten Moment war er verschwunden.

Albert Marvin wartete ein paar Sekunden, dann setzte er sich in Bewegung und stellte fest, dass das Haus von einer Clarissa Laughton bewohnt wurde.

Er hörte den Namen zum ersten Mal und fragte sich, was er tun sollte.

Er schaute sich um.

Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen, aber in den meisten Häusern brannte Licht, und es war nicht auszuschließen, dass irgendjemand ihn hinter einer Gardine hervor beobachtete.

Wenn schon! Er hatte einen guten Grund, dem Unbekannten zu folgen und konnte, falls jemand die Polizei auf den Plan rufen sollte, den Nachweis führen, dass der Unbekannte Max gestohlen hatte.

Marvin stieg die Treppe zum Souterrain hinab. Die Tür des Dienstbotenzugangs war unverschlossen.

Er öffnete sie, huschte in das Dunkel des dahinterliegenden Korridors, zog die Tür behutsam hinter sich zu und atmete mit offenem Mund.

Sein Herz hämmerte.

Ihm war bewusst, dass er spätestens in diesem Augenblick ein Einbrecher geworden war. Noch war Zeit zur Umkehr, aber ein unerwartetes Ereignis zwang ihn dazu, die Flucht nach vorn anzutreten.

Aus den oberen Räumen des Hauses ertönte ein schriller Entsetzensschrei.

Er kippte um und erstarb in einem Wimmern.

Es gab keinen Zweifel, dass der Schrei aus dem Mund einer Frau kam und höchste Todesangst bedeutete.

 

*

 

Clarissa Laughton wich vor dem Mann zurück, mit abwehrend erhobenen Händen und leichenblassem Gesicht.

»Nein!«, stammelte sie. »Nein!«

In Derek Websters Augen flackerte tödlicher Hass.

»Ich meine es ernst«, drohte er mit gepresst klingender Stimme. »Entweder du gibst mir den Schuldschein heraus, oder ich bringe dich um.«

Clarissa Laughton prallte mit ihrem Rücken gegen die Wand.

Sie war unfähig, die Blicke ihrer weit aufgerissenen Augen von der Dolchklinge zu lösen, mit der der junge Mann sie bedrohte.

Auf dem blitzenden Stahl fingen sich kalte Reflexe.

»Ich kann nicht aufgeben, was Generationen meiner Familie aufgebaut, gepflegt und bewahrt haben«, stieß er hervor. »Ich kann Calhoun Castle nicht einem Flittchen wie dir überlassen. Lieber bringe ich dich um.«

»Schon gut, schon gut«, murmelte Clarissa mit matter Stimme.

Sie löste sich von der Wand und zwang sich zur Ruhe.

»Du bekommst den Wisch. Ich pfeife auf das alte Gemäuer.«

Webster ließ die Waffe sinken.

Er war in Schweiß gebadet.

Er hasste Gewalttätigkeit, aber Clarissas Verhalten ließ ihm keine Wahl.

Er hasste das schöne Mädchen deshalb nur um so mehr.

Sie hatte einen Kriminellen aus ihm gemacht.

Clarissa durchquerte den Raum und stoppte vor einem in Gold gerahmten Gemälde, einer Kopie von Sisley. Clarissa schob das Bild zur Seite und betätigte das Kombinationsschloss, das dahinter lag.

Webster sah ihr zu.

Ihm war auf einmal so schlecht, dass er sich am liebsten erbrochen hätte. Was für eine Situation!

Er redete sich ein, dass Clarissa keine andere Behandlung verdiente, aber natürlich war ihm sehr wohl bewusst, dass er an der Entwicklung des Ganzen die Hauptschuld trug.

Clarissa zog einen Umschlag aus dem Safe und wandte sich um.

»Als ich dich hereinließ, wusste ich sofort, dass mir ein grober Fehler unterlaufen war«, sagte sie. »Deinem Gesicht war anzusehen, dass du nichts Gutes im Schild führtest.«

»Du hättest mich nicht zurückdrängen können, ich war und bin zu allem entschlossen«, sagte er und streckte die linke Hand aus. »Her damit!«

Clarissa ignorierte seine Aufforderung, sie behielt den Umschlag in ihren Fingern.

»Was wirst du damit anfangen?«, fragte sie.

»Ich zerreiße den Wisch vor deinen Augen, ich verbrenne die Papierschnipsel in einem Aschenbecher oder spüle sie in die Toilette.«

»Das enthebt dich nicht deiner Verpflichtungen«, sagte Clarissa.

»Du bekommst das verdammte Geld. Einer wie dir bleibe ich nichts schuldig!«

»Wie großzügig«, spottete Clarissa, in deren Wangen langsam wieder Farbe zurückkehrte. »Hast du keine Angst, von mir angezeigt zu werden?«

»Nein«, erwiderte Webster. »Was willst du der Polizei denn sagen? Dass ich dich mit einem Dolch bedrohte? Das wird denen nicht genügen. Die wollen wissen, weshalb das geschah. Du kannst es dir nicht leisten, Farbe zu bekennen. Wenn du es tun solltest und wenn sie erfahren, was du vorhattest, werden sie meinem Verhalten Verständnis entgegenbringen. Dich aber werden sie verachten.«

»Sei dir dessen nicht so gewiss!«

»Du redest zu viel. Her mit dem Ding!«, drängte Webster ungeduldig.

Clarissa öffnete den Mund, um etwas zu sagen.

In diesem Moment ertönte aus der Diele ein dumpfes Poltern, das sich mit einem unterdrückten Schrei verband.

Ein schwerer Fall folgte. Dann war Stille.

Zwischen Clarissas grünlich schillernden Augen bildete sich eine dünne, steile Stirnfalte.

»Was war das?«, stieß sie hervor.

Webster zögerte.

Er entnahm Clarissas Gesichtsausdruck, dass sie ihm keine Falle gestellt hatte und von den rätselhaften Lauten im gleichen Maße wie er überrascht worden war.

Ein Eindringling?

Das Messer in seiner Hand gab Webster Mut und versetzte ihn in die Lage, sich notfalls verteidigen zu können.

Er öffnete die Tür und zuckte zurück.

 

*

 

Er spürte mehr als dass er es sah, wie etwas auf ihn zu schnellte und seinen Hals traf.

Es biss sich darin fest.

Webster taumelte zurück.

Der schmerzhafte Schock traf ihn mit erbarmungsloser Härte.

Er schrie.

Clarissas Augen weiteten sich, sie wurden vor Entsetzen starr.

An Derek Websters Hals zappelte ein Fisch.

Er war von abstoßender Hässlichkeit und biss sich mit seinen scharfen Zähnen und seinem ekelerregenden Maul immer tiefer in die weiße Haut und das darunter liegende Fleisch.

Er saugte sich schmatzend an seinem schreienden, wild um sich schlagenden Opfer fest.

Clarissa war außerstande, ihre Blicke von der Szene abzuwenden.

Sie fühlte, wie sich in den geheimsten Tiefen ihres Wesens eine erschreckende Wandlung vollzog.

Sie gewann dem blutigen Geschehen ein berauschendes Lustgefühl ab.

Ihr war zumute, als würde sie von der Wirkung einer Droge beflügelt.

Ja, sie genoss es, Derek Websters Todeskampf zu beobachten.

Sie ergötzte sich an seinem Schmerz.

Sein lebhaft sprudelnder Lebenssaft weckte in ihr sogar den Wunsch, ihn zu trinken.

Sie erschrak, als sie sich dieser Regungen bewusst wurde.

Ihr war klar, dass es Wünsche perverser und höchst verdammenswerter Natur waren, aber sie konnte nichts dagegen tun. Irgendetwas im Kern ihres Wesens brach auf und überschwemmte sie mit elementaren Gefühlen.

Ihr war zumute, als würde sie zu einem anderen Menschen.

Webster hielt immer noch den Dolch in seiner Hand, aber die scharfe Waffe half ihm nichts.

Er konnte sie nicht benutzen, ohne sich selbst zu treffen, also ließ er sie fallen und riss mit beiden Händen an dem kraftvoll zappelnden Ungeheuer.

Webster brach dabei in die Knie.

Er registrierte entsetzt, wie sein aus der Halswunde sprudelndes Blut den champagnerfarbenen Spannteppich färbte.

»Hilfe!«, krächzte er. »Hilfe! So hilf mir doch!«

Clarissa lachte.

Sie brachte es tatsächlich fertig zu lachen!

Als sie sprach, schien es ihr so, als würden ihr die Worte von einer fremden, unbekannten Macht in den Mund gelegt.

»Ich übernehme Calhoun Castle und sorge dafür, dass du einen Platz in der Familiengruft erhältst«, höhnte sie. »Ich werde das Schloss mit der gebotenen Sorgfalt verwalten und an deinem Todestag Blumen auf dein Grab stellen.«

 

*

 

Albert Marvin gab sich einen Ruck.

Er stieg die Treppe zum Erdgeschoss hinauf.

Er fragte sich, warum er nicht nach dem ersten Schrei losgerannt war.

Die Erklärung dafür war einfach: Er hatte Angst gehabt, in eine Falle zu laufen.

Diese Furcht hatte sich nicht gelegt, aber er musste feststellen, was über ihm geschah. Jetzt schrie auch ein Mann, noch greller und lauter, als es vor wenigen Minuten die Frau getan hatte.

Marvin erreichte die Tür, die von der Treppe in die Diele führte.

Er stieß sie auf.

Er hob die Rechte mit dem Totschläger, aber da erwischte es ihn schon.

Ein mörderischer Hieb auf die Schläfe fällte ihn wie ein Baum und schickte ihn zu Boden.

 

*

 

Als er wieder zu sich kam, glaubte er, in seinem Bett zu liegen.

Dann wurde ihm klar, dass er auf einer harten Bodenfläche ruhte.

Er zögerte, seine Lider zu heben und sich umzuschauen.

Er vermutete, dass er, wie schon so oft, in betrunkenem Zustand an einem Ort und auf einer Unterlage eingeschlafen war, die seinem nach Ruhe verlangenden Körper keine echte Entspannung zu bieten vermochten.

Er spürte einen dumpfen Schmerz in der Schläfe, der nichts von dem gewohnten Schädelbrummen eines Katers an sich hatte.

Seine Erinnerung setzte ein.

Die Schreie!

Das Stampfen und Scharren von Füßen...

Marvin öffnete die Augen.

In der Diele war es dunkel, aber aus der nur angelehnten Wohnzimmertür fiel ein schmaler, heller Lichtstreifen in den hallenartigen Raum.

Eine Uhr tickte.

Ansonsten vernahm Albert Marvin nur das eigene, laute Atmen.

Er stemmte sich hoch und kam torkelnd auf die Beine.

Die Schmerzen in seiner Schläfe nahmen zu, sie verwandelten sich in ein scharfes Stechen. Nach seinem Eindringen in das Haus hatte er gemeint, auf der Siegerstraße zu sein, aber das war ein Irrtum gewesen.

Marvin zerquetschte einen Fluch zwischen seinen Zähnen.

Er war überzeugt davon, von dem Fremden im schwarzen Umhang attackiert worden zu sein.

Wer war dieser Mann?

Was hatte ihn in dieses Haus geführt.

Was war hier oben vorgefallen?

»Hallo«, rief er halblaut und hatte Mühe, seine eigene Stimme zu erkennen.

Ihm fiel der Totschläger ein. Was war aus seiner Waffe geworden?

Marvin setzte sich in Bewegung.

Er schleppte sich auf die Wohnzimmertür zu und dachte an den warmen, beglückenden Mief seines Pubs, an die köstliche Frische eines Bieres.

Wie hatte er nur so vermessen und idiotisch sein können, sich als Privatdetektiv zu versuchen?

Er öffnete die Tür und blinzelte, als ihn das grelle Licht der Deckenlampe traf.

Sein Herz machte einen harten, schmerzhaften Sprung, als er im nächsten Moment erkannte, was geschehen war.

Vor ihm lag ein Mann auf dem Teppich.

Der Mann war mittelgroß und von schmalem, fast zierlichem Körperbau.

Ein südländischer Typ.

Albert Marvin sah das Gesicht des Mannes zum ersten Male.

Ihm dämmerte, dass er es bis ans Ende seiner Tage nicht würde vergessen können.

Der Mann lag mit angezogenen Knien in einer großen, dunkelroten Blutlache.

In seinen weit geöffneten, von fassungslosem Entsetzen geprägten Augen zeigte sich die kalte, gläserne Starre des Todes.

»Mein Gott!«, würgte Albert Marvin hervor.

Er presste eine Hand auf seinen Mund und hatte Mühe, seine würgende Übelkeit zu unterdrücken.

Die Stille im Haus signalisierte ihm, dass er mit dem Toten allein war.

Er erschrak.

Wenn man ihn am Tatort erwischte, lief er Gefahr, als mutmaßlicher Mörder verhaftet

zu werden.

Er machte kehrt und hastete zur Tür, die nach draußen führte.

Sie war abgeschlossen.

Marvin rannte zum Fenster.

Er öffnete es, steckte den Kopf ins Freie und riss ihn rasch zurück.

Vor dem Haus stand ein kicherndes Liebespärchen.

Er machte kehrt und rannte an dem Toten vorbei ins Wohnzimmer.

Er schenkte dem Mordopfer in seiner Blutlache keinen weiteren Blick.

Auf dem Weg zur Terrassentür kam Marvin einen Mahagonitisch vorbei, der die Funktionen einer Hausbar erfüllte. Der Tisch war bestückt mit einer stattlichen Batterie von Flaschen und Karaffen.

Marvin stoppte.

Er brauchte dringend eine Stärkung, sonst lief er Gefahr, durchzudrehen.

Er entkorkte eine Flasche, schnupperte daran und setzte sie an den Mund. Der starke Brandy lief ihm wie Wasser durch die Kehle.

Er genehmigte sich einen zweiten Schluck.

»Du kannst nicht einfach abhauen«, sagte er dann schweratmend zu sich selbst. »Ich wette, der Mörder wartet bloß auf deine Flucht. Wenn er dir die Bullen auf den Hals hetzt, werden sie dein Verschwinden als Schuldindiz werten. Nein, du musst hierbleiben. Du musst die Polizei informieren und die volle Wahrheit sagen.«

Die volle Wahrheit!

Das hörte sich gut an, aber wie sollte er einem kritischen, nüchternen Inspektor klarmachen, dass er, Albert Marvin, einem Mann gefolgt war, der aus unerfindlichen Gründen auf den hässlichen präparierten Max scharf war?

Marvin nahm einen weiteren Schluck, dann verkorkte er die Flasche und stellte sie an ihren Platz zurück.

Ihm fiel ein, dass seine Fingerabdrücke darauf zurückgeblieben waren, aber die befanden sich auch an einigen Türklinken im Haus. Schon deshalb war eine Flucht ziemlich sinn- und nutzlos.

Er ging in die Diele.

»Ist da jemand?«, rief er.

Niemand antwortete.

»Hallo?«, schrie er.

Sein Ruf blieb ohne Echo.

 

*

 

Marvin trat ans Telefon.

Er nahm den Hörer ab und wählte den Notruf.

In diesem Moment klingelte es an der Haustür.

Marvin zuckte zusammen und warf den Hörer aus der Hand.

Er betrat die Diele. Irgendetwas brachte ihn dazu, die Wohnzimmertür hinter sich ins Schloss zu ziehen.

Er knipste in der Diele das Licht an.

Das Klingeln wiederholte sich.

Marvin schaute auf seine Uhr, dann sah er plötzlich den Totschläger auf dem Boden liegen. Er hob ihn auf und steckte ihn in seine Tasche, dann ging er zur Tür.

Als er die Klinke berührte, fiel ihm ein, dass die Tür verschlossen war.

»Wer ist da?«, fragte er.

»Ich bin es, Inspektor Caldwey«, ertönte eine Stimme von draußen. »Ich möchte Miss Laughton sprechen, bitte.«

Marvin schwieg verdattert.

Die Polizei!

Das Eintreffen eines Inspektors brachte ihn in eine fatale Lage.

Wie konnte er dem Beamten glaubhaft versichern, dass er vorgehabt und gerade dazu angesetzt hatte, die Polizei zu informieren?

»He, hören Sie mich?«, rief Caldwey ungeduldig.

»Warten Sie einen Moment!«, muffelte Albert Marvin und bemühte sich, seine Stimme zu verstellen. »Ich sage Bescheid.«

Er stürmte ins Wohnzimmer.

Die Würfel waren gefallen, er musste verschwinden.

Seine Fingerabdrücke auf Flasche und Türklinken konnten ihm zunächst kaum gefährlich werden. Sie waren nirgendwo registriert.

Bis zu diesem Tag hatte er es immerhin geschafft, straffrei durchs Leben zu gehen.

Marvin riss die Terrassentür auf und hastete ins Freie.

Er stolperte durch einen kleinen Garten, überwand eine Hecke, gelangte auf den Rasen des Nachbargrundstücks, überkletterte einen Zaun, dann noch einen.

Er entfernte sich immer weiter vom Ausgangspunkt seiner Flucht und atmete auf, als er einen Durchgang erspähte, der geradewegs zur Straße führte.

Marvin strebte darauf zu.

Er zwang sich zur Ruhe, ehe er es wagte, in den Lichtschein der Straßenlampen einzutauchen.

Er war nur wenige Häuser von Haus Nummer 31 entfernt und widerstand der Versuchung, sich nach dem Inspektor umzudrehen.

Marvin begab sich geradewegs in die Parallelstraße, dort kletterte er in den Sunbeam und startete dessen Motor. Durch einen Blick in den Außenspiegel stellte er fest, dass der Morris des Unbekannten die Straße bereits verlassen hatte.

 

*

 

Inspektor Caldwey zog die Schultern hoch.

Er fühlte, dass irgendetwas nicht in Ordnung war.

Die Stimme des Mannes hatte recht merkwürdig geklungen, sie meldete sich nicht wieder, hinter der Tür herrschte eine lastende Stille.

Caldwey klingelte.

Niemand kam zur Tür.

Caldwey wiederholte das Klingeln, er läutete buchstäblich Sturm. Ohne Erfolg.

Sein Blick fiel auf die aus dem Vorgarten ins Kellergeschoss führende Treppe.

Er benutzte sie und entdeckte, dass der Dienstboteneingang unverschlossen war.

Er trat über die Schwelle, knipste das Licht an und rief mit lauter Stimme:

»Hallo?«

Er hatte keine Antwort erwartet und begab sich sofort durch einen schmalen Korridor zu der Treppe, die nach oben führte.

Er stieg hinauf und gelangte in die Diele des Hauses.

Die Tür zum Wohnzimmer stand offen.

Caldwey räusperte sich, er hob die Hand, um zu klopfen.

Sein Arm blieb wie erstarrt in der Luft hängen, als er sah, was geschehen war.

Caldwey schob sich über die Schwelle und beugte sich über den Mann, der am Boden lag. Der Inspektor stellte fest, dass er das Opfer eines grauenvollen Verbrechens vor sich hatte. Die schreckliche Halswunde war identisch mit denen, die Cormick und Wittacker davongetragen hatten. Die Terrassentür stand offen, die Gardinen bauschten sich im Wind.

Inspektor Caldwey berührte den Toten.

Er war noch warm.

Möglicherweise hast du vor wenigen Minuten mit dem Mörder gesprochen, schoss es Caldwey durch den Kopf.

Wenn das zutraf, musste der Täter sich noch in unmittelbarer Nähe des Hauses befinden, aber da von ihm keine Beschreibung existierte, war es sinnlos, eine Ringfahndung einzuleiten.

Caldwey trat ans Telefon und wählte die Nummer von Scotland Yard.

Er nannte seinen Namen, teilte mit, wo er sich befand und schloss:

»Hier liegt ein Toter im Haus. Schickt sofort die Mordkommission her!«

Er legte auf, beugte sich erneut über den Toten und fischte dessen Brieftasche aus dem Sakko. Anhand der Ausweispapiere war es kein Problem, Derek Websters Telefonnummer festzustellen.

Caldwey wählte die Nummer.

Die Stimme eines Mädchens tönte ihm entgegen.

Sie klang missgestimmt und ließ erkennen, dass der Anruf sie aus dem Schlaf gerissen hatte.

»Was gibt es?«, fragte sie.

»Caldwey. Inspektor Caldwey. Mit wem spreche ich, bitte?«

»Soll das ein Witz sein? Wenn Inspektoren um diese Zeit anrufen, kann das bloß Ärger bedeuten. Ich bin Leona.«

»Leona, und wie noch?«

»Ich bin Dereks Freundin. Seine Verlobte. Warum rufen Sie an, was ist geschehen?«

Caldwey setzte sich.

Es fiel ihm plötzlich schwer, zur Sache zu kommen.

Das Mädchen hatte eine sympathische Stimme. Es war keine leichte Sache, einem netten Mädchen mitzuteilen, dass sein Verlöbnis wegen eines Mordes in die Brüche gegangen war.

»Darauf komme ich gleich«, sagte er. »Wann haben Sie Mr Webster zuletzt gesehen?«

»Heute Nachmittag. So gegen fünf Uhr. Hängt Ihr Anruf mit ihm zusammen?«

»Ja. Derek Webster ist das Opfer eines Verbrechens geworden.«

»Man hat ihn überfallen, wollen Sie damit sagen?«, erkundigte sich das Mädchen.

»Es ist noch zu früh, exakte Angaben über den Hergang des Verbrechens zu machen«, sagte Caldwey. »Ich habe Derek Webster im Haus von Miss Laughton gefunden. Woher kennt er sie?«

»Gefunden? Was wollen Sie damit zum Ausdruck bringen?«, fragte die Teilnehmerin erschrocken.

»Er ist tot.«

»Tot?«, hauchte das Mädchen.

»Ermordet«, präzisierte der Inspektor.

»Mein Gott, das ist entsetzlich, einfach unfassbar. Wie konnte das geschehen? Ich weiß nur, dass er diese Frau gehasst hat.«

»Warum?«

»Er stand bei ihr mit ein paar tausend Pfund in der Kreide. Sie erpresste ihn mit einem Schuldschein. Da Derek nicht zahlen konnte, wurde sie heute Mittag Besitzerin von Calhoun Castle.«

»Was ist das?«

»So eine Art Familienschloss. Es liegt in Surrey. Derek war sein Besitzer.«

»Um welchen Betrag handelte es sich?«

»Um dreitausend Pfund.«

»Für dreitausend Pfund verpfändet man doch kein Schloss!«, meinte der Inspektor.

»Derek schon. Er ist war in mancherlei Hinsicht sehr naiv. Als er den Schuldschein unterschrieb, war er davon überzeugt, das Geld auftreiben zu können aber das ist ihm leider nicht gelungen. Ermordet! Ich kann es nicht fassen. Hat sie etwas damit zu tun?«

»Das muss noch untersucht werden. Können Sie herkommen, bitte? Ich befinde mich im Haus 31 Glentworth Street, nur ein paar Straßenzüge vom Regent’s Park entfernt.«

»Ich komme«, sagte das Mädchen und legte auf.

 

*

 

Albert Marvin lenkte den Sunbeam an den Straßenrand und stoppte.

Er legte den Schlüssel zurück ins Handschuhfach, stieg aus und blickte mit besorgtem Gesichtsausdruck an der Hausfassade empor.

Hinter den Fenstern von Mr Barter brannte kein Licht.

Marvin wagte zu hoffen, dass der Wagenbesitzer längst schlafen gegangen war und das kurzfristige Verschwinden seines Sunbeams nicht bemerkt hatte.

Marvin betrat das Haus und hastete nach oben, ins Dachgeschoss.

Als er auf seine Wohnung zustrebte, öffnete sich deren Tür.

Der Mann im schwarzen Umhang trat über die Schwelle.

Er trug den Glaskasten unter dem Arm, der Max über viele Jahrzehnte hinweg als Domizil gedient hatte.

»Ich freue mich, Sie wiederzusehen«, sagte Albert Marvin und riss den Totschläger aus seiner Tasche. »Wir haben ein paar Kleinigkeiten zu besprechen, nicht wahr?«

Marvin stellte sich dem Fremden breitbeinig in den Weg.

Der Mann stoppte.

Marvin sah zum ersten Male das Gesicht seines Widersachers.

Es war schmal, markant und von wächserner Blässe.

Obwohl in den tiefen schwarzen Augen Leben und Bewegung waren, ging von dem Unbekannten etwas Unwirkliches und Marionettenhaftes aus, eine Wirkung, die Marvin ein Frösteln über die Haut jagte.

Es war schwer, das Alter des Unbekannten zu schätzen.

Es konnte bei 40 liegen, aber ebenso gut 10 Jahre darunter oder darüber.

Marvin fielen beim genaueren Hinsehen noch ein paar Dinge auf.

Der Mann hatte ungewöhnlich schmale, farblose Lippen, keine nennenswerten Wimpern und eine nahezu faltenlose Haut. Trotz des totalen Mangels an Altersmerkmalen wirkte er nicht jung.

Zeitlos.

Marvin fand zur Charakterisierung dieses merkwürdigen, bedrohlich anmutenden Gesichtes kein anderes Wort.

Er dachte nicht länger über dessen Richtigkeit nach und konzentrierte sich auf das, was ihn erwartete.

Er wusste, wen er vor sich hatte und war darauf gefasst, erneut in eine heftige, körperliche Auseinandersetzung verwickelt zu werden.

Sein Widersacher war ihm augenblicklich unterlegen und wurde durch den Kasten, den er unter seinem Arm trug, in seiner Bewegungsfreiheit erheblich gehemmt.

Der Mann schwieg.

Ein Klicken ertönte. Die Hausbeleuchtung erlosch.

Marvin fluchte, er hatte nicht an die Lichtautomatik gedacht und war mehr als zehn Schritte vom nächsten Schalter entfernt.

Er schlug blindlings zu.

Er hatte keine Lust, ein weiteres Mal zu Boden geschickt zu werden.

Die lederbezogene Kugel pfiff durch die Luft und machte klar, welche Wucht dahinter steckte und was demjenigen blühte, der von ihr getroffen wurde.

Marvin wirbelte auf seinen Absätzen herum.

Ihm fiel gerade noch rechtzeitig ein, dass er von seiner überlegenen Ortskenntnis zu profitieren vermochte. Sie erlaubte es ihm, dem Fremden ein Schnippchen zu schlagen.

Marvin stürmte zur Treppe, hastete sie hinab und betätigte ein halbes Stockwerk tiefer den Lichtknopf.

Schwer atmend hob er den Kopf, er schaute nach oben.

Der Mann im schwarzen Umhang war nicht zu sehen.

Marvin eilte die Treppe hinauf.

Die Lichtautomatik ließ ihm genau drei Minuten Zeit, um den Gegner zu stellen und in die Ecke zu treiben.

Marvin erreichte das Dachgeschoss.

Seine Wohnungstür stand weit offen und signalisierte, dass der Fremde sie benutzt hatte.

Marvin näherte sich ihr geduckt und konzentriert, den Totschläger in der erhobenen Rechten.

Er stieß die Tür mit dem Fuß zurück, um sicherzustellen, dass der Fremde sich nicht hinter ihr verbarg, dann trat er über die Schwelle und knipste das Licht an.

In Diele und Wohnung herrschte bleierne Stille.

Marvin schwitzte. Ihm schien ein Kloß im Hals zu sitzen.

Er spürte die Bedrohung geradezu körperlich und hatte Mühe, zu atmen.

Was sollte er tun, wenn der Fremde ihm mit einer Schusswaffe gegenüber trat?

»Kommen Sie heraus!«, brüllte Albert Marvin.

Niemand antwortete.

Er machte drei Schritte nach vorn und riss die Tür zum Wohnzimmer auf.

Ein heller Fleck an der Wand markierte die Stelle, wo der Glaskasten gehangen hatte.

Das Fenster stand offen.

Eine Falle?

Marvin schaute sich um.

Er bezweifelte, dass der Fremde diesen gefährlichen und höchst halsbrecherischen Fluchtweg gewählt hatte. Vom Fenster führte eine starke Dachschräge zu der umzäunten Ebene, die die Hausbewohner zum Aufhängen ihrer Wäsche benutzten.

Diese Fläche ließ sich, wenn man sie vom Fenster der Wohnung aus erreichen wollte, nur unter erheblichem Geräuschaufwand überwinden. Marvin hatte jedoch keine verdächtigen Laute wahrgenommen.

Ihm fiel der Morris des Unbekannten ein.

Der Bursche musste mit ihm gekommen sein und würde vermutlich versuchen, mit ihm wegzufahren.

Marvin stürmte aus der Wohnung, rannte wenig später aus dem Haus und fing an, sich auf der Straße nach dem gesuchten Vehikel umzusehen.

Er entdeckte den Morris in einer Nebenstraße, tauchte im Dunkel eines Hauseingangs unter und wartete.

Schon wenige Minuten später ertönten Schritte.

Marvin holte tief Luft. Er umspannte den Totschläger mit seiner schweißfeuchten Rechten ganz fest.

Er kannte diese Schritte, diese spröde, fast hölzerne Mechanik, die so wenig zu der Beweglichkeit passen wollte, die der Fremde im Kampf entwickelte.

Der Fremde tauchte auf.

Er trug immer noch den Glaskasten unter seinem rechten Arm. Mit der Linken öffnete er die hintere Tür des Morris.

Er bückte sich und legte den Glaskasten auf dem Fondsitz ab.

Albert Marvin sprang aus dem Dunkel seines Verstecks, mit erhobenem Totschläger.

»Stopp, keine Bewegung nicht umdrehen!«, brüllte er.

Der Fremde erstarrte in seinen Bewegungen, nur eine Sekunde lang, dann machte er weiter, als sei nichts geschehen. Er schob den Glaskasten zurecht, richtete sich auf und knallte den Wagenschlag zu.

Langsam wandte er sich um.

Es kostete Marvin einige Mühe, nicht zuzuschlagen, aber er war einfach nicht der Mann, der es fertigbrachte, einen Gegner von hinten zu attackieren.

»Wer sind Sie?«, stieß er hervor.

Der Fremde verzog die schmalen, blutleeren Lippen und zeigte seine Zähne.

Sie waren fest, ungewöhnlich groß und schwefelgelb. Der Ausdruck seines Gesichtes nahm an Bedrohlichkeit zu. Das Grinsen war ebenso scheußlich wie herausfordernd.

Es zerrte an Albert Marvins Nerven.

»Antworten Sie!«, zischte er.

»Mein lieber, junger Freund«, sagte der Unbekannte und ließ sich zum ersten Male dazu herab, das Wort an sein Gegenüber zu richten, »ich rate Ihnen dringend, diese alberne Komödie zu beenden. Sie eignen sich nicht zum Helden. Sie sind ein Trinker. Fahren Sie fort, sich diesem Hobby zu widmen, wenigstens noch in dieser Nacht! Es könnte leicht Ihre letzte sein.«

 

*

 

Die Stimme des Fremden hatte einen metallischen Charakter.

Sie wirkte ebenso künstlich und unecht wie vieles an ihm.

Man hätte meinen können, sie käme aus einem Lautsprecher oder vom Band.

Marvin traute seinen Ohren nicht.

»Sie drohen mir?«, fragte er.

Er spürte, wie dumm und kindisch seine Worte waren.

Natürlich bedrohte ihn der Fremde.

Seitdem er aufgetaucht war, hatte Albert Marvins Leben sich in eine einzige Bedrohung verwandelt.

Marvin hatte dafür keine Erklärung. Ihm war klar, dass die Geschehnisse mit Max Zusammenhängen mussten, aber nicht nur mit ihm. Die schöne Clarissa Laughton spielte darin eine Rolle, aber auch der südländisch aussehende, schrecklich zugerichtete Tote, der in der Diele des Hauses 31 Glentworth Street gelegen hatte und möglicherweise immer noch lag.

»Ich gebe Ihnen nur einen Rat«, erklärte der Fremde.

»Wer sind Sie?«, wollte Albert Marvin wissen.

»Mein Name sagt Ihnen nichts«, entgegnete der Mann.

»Sie haben mich bestohlen!«

»Oh, der Kasten«, sagte der Mann und zuckte wie entschuldigend mit den Schultern. »Es tut mir leid. Ich wollte ihn nicht entwenden, aber Ihr Verhalten lässt mir keine Wahl.«

»Was ist mit Max?«

»Wie bitte?«

»Was ist mit dem Fisch? Er und der Kasten gehören zusammen«, erregte sich Marvin.

Er hatte den Totschläger sinken lassen. Im Augenblick sah es nicht so aus, als ob es zu einem weiteren Kampf kommen sollte.

»Das ist richtig«, sagte der Mann. »Deshalb habe ich mir erlaubt, den schönen Glaskasten aus Ihrer Wohnung zu holen. Es ist ein prächtiges Stück.«

»Er gehört mir!«

Der Mann lachte leise und höhnisch. Er musterte Marvin aus seinen fast schwarz anmutenden Augen mit der amüsierten Distanziertheit, die man einer krabbelnden, unter Glas gefangenen Fliege entgegenbringt.

Plötzlich begriff Marvin, wie töricht er sich verhielt.

Angesichts des Toten in der Glentworth Street war es idiotisch, über Max und den Glaskasten zu reden, auch wenn es, wie nicht zu bestreiten war, dabei tiefere Zusammenhänge geben musste.

Es ging um Mord.

»Sie haben den Mann umgebracht!«, stieß Albert Marvin hervor. »Sie werden mich auf der Stelle zur nächsten Polizeistation begleiten.«

»Werde ich das?«, spottete der Mann.

»Ich zwinge Sie dazu!«

»Versuchen Sie es!«, sagte der Fremde sanft.

Marvin zitterte.

Er empfand seine Schwäche als demütigend, sie ging ihm an die Nieren.

Er fühlte sich im Recht und war trotz seines fabelhaften Totschlägers nicht in der Lage, einen Mann zu beherrschen, der sich als Dieb entlarvt und als mutmaßlicher Mörder zu erkennen gegeben hatte.

»Wenn ich schreie, sind wir nicht länger allein auf der Straße«, drohte Albert Marvin. »Ich bin in dieser Gegend bekannt, die Leute werden mir zu Hilfe eilen.«

»Einem Trinker?«, höhnte der Mann. »Einem, der bestenfalls Kopfschütteln, Naserümpfen oder schlichte Verachtung erregt?«

Marvin schluckte.

Das elende Schwächegefühl in seiner Magengegend nahm zu.

Der Fremde hatte natürlich recht. Obwohl man ihn hier kannte, gab es kaum jemand, der ihn respektierte, es sei denn als Saufkollege.

»Woher kennen Sie mich?«, fragte Albert Marvin.

»Das ist unwichtig.«

»Es hat nichts mit mir zu tun«, erkannte Marvin, der immer noch zitterte. »Es hängt mit Max zusammen. Mit ihm und seinem verdammten Glaskasten. Wahrscheinlich auch mit dem Blut an seinem Maul. Ich werde hinter Ihr düsteres Geheimnis kommen, mein Wort darauf.«

Der Fremde wurde ernst.

»Versuchen Sie das lieber nicht!«, sagte er. »Es wäre Ihr Ende.

Albert Marvin schlug zu.

Er konnte nicht länger stillhalten und sich von einem Mann provozieren lassen, der klare Morddrohungen äußerte.

Die lederbezogene Bleikugel traf die Schulter des Mannes mit dumpfer Wucht.

Der Mann zuckte nicht einmal zusammen.

Marvin riss den Mund auf und stolperte zwei Schritte zurück. Er war fassungslos.

Ein Schlag dieser Kategorie musste jeden fällen, der ihn erhielt, aber der Fremde schien ihn kaum wahrgenommen zu haben.

Es war, als hätte Albert Marvin die Kugel auf einem Betonblock landen lassen.

Der Fremde zeigte erneut seine gelben, kräftigen Zähne.

Dann schlug er zu.

Marvin sah den Schlag kommen, er versuchte ihm auszuweichen, aber seine Reaktion erwies sich als nutzlos.

Der Treffer explodierte auf seinem Gesicht wie eine Detonation, deren grelle Lichtblitze in seinem Kopf von jähem Dunkel überrollt wurden.

Albert Marvin brach zusammen.

Er war bewusstlos, noch ehe sein Körper den Bürgersteig erreicht hatte.

 

*

 

Albert Marvin kam wieder zu sich, als er ein Rütteln an seiner Schulter verspürte.

»He, Sie!«, sagte eine Frau mit besorgt klingender Stimme. »Haben Sie sich verletzt? Soll ich einen Arzt rufen?«

Albert Marvin öffnete die Augen und blickte in das stark geschminkte, nicht mehr junge Gesicht einer Frau, die er flüchtig kannte.

Jeder in der Gegend wusste, wer sie war.

Sie hieß Maggie, wohnte irgendwo in der Nähe und war fast jede Nacht unterwegs, um ihren immer noch recht attraktiven Körper an den Mann bringen zu können.

»Es ist nichts«, murmelte Albert Marvin und quälte sich auf die Beine.

»Sie bluten ja!«, stellte Maggie fest.

Sie hatte rot gefärbtes Haar und ein unvorteilhaftes Make-up. Wenn sie den Mund öffnete, sah man, wie miserabel ihre künstlichen Zähne saßen.

Marvin lehnte sich gegen die Hauswand.

Der Morris war verschwunden.

Marvin blickte auf seine Hände. Sie waren blutbefleckt.

Er runzelte die Stirn.

Er konnte sich das Blut an seinen Händen nicht erklären, aber ihm dämmerte, dass es seinetwegen Schwierigkeiten geben würde.

»Es ist nichts«, murmelte er.

»Sie sind Al, nicht wahr? Ich kenne Sie«, sagte die Frau.

Sie lächelte plötzlich, klimperte mit den künstlichen Wimpern und fuhr sich mit ordnender Koketterie an die mit Haarspray gefestigte Frisur.

»Ich wohne da drüben«, erklärte sie und streckte die Hand aus. »Wenn Sie wollen, können Sie sich bei mir erholen.«

»Haben Sie den Morris gesehen?«, fragte Albert Marvin.

»Einen Morris?«

»Ja, einen alten schwarzen Schlitten, der von einem großen Mann gelenkt wurde.«

»Nein«, sagte die Frau. »Kommen Sie mit?«

»Danke, ich muss jetzt nach Hause«, erwiderte er und wandte sich zum Gehen.

 

*

Clarissa zwang sich zum Stehenbleiben.

Sie war müde und erschöpft.

Ihre Füße schmerzten, und sie fragte sich, warum sie nicht aufhören konnte, durch die Straßen zu laufen.

In ihrem Inneren tobte ein wilder Kampf, eine Auseinandersetzung zwischen dem, was man ihr eingeimpft hatte und zwischen dem, was sie wirklich empfand.

Die Maximen der menschlichen Gesellschaften verlangten, dass das Leid anderer sie zu Hilfe und Anteilnahme verpflichteten, aber sie hatte beim Anblick des blutenden, sterbenden Derek Webster nur grausame Wolllust gefühlt.

Sie war niemals imstande gewesen, Mitleid für andere zu empfinden, aber sie hatte es oft genug geheuchelt, um nicht in den Verdacht mangelnder Menschlichkeit zu geraten. Heuchelei bereitete ihr keine Probleme.

Sie machte ihr sogar Spaß, aber sie fand es zutiefst beunruhigend, dass ihre Lust am Grauen zunahm.

Neben ihr stoppte ein Wagen am Straßenrand.

Clarissa wandte den Kopf und bemerkte einen uralten schwarzen Morris.

Der Mann, der das alte Auto lenkte, stieß die Beifahrertür auf und sagte:

»Steig ein!«

Clarissa riss die Augen auf und vergaß, was sie auf die Straße getrieben hatte.

Dabei gab es keinen Grund, überrascht zu sein.

Ein attraktives, junges Mädchen, das zu so später Stunde noch unterwegs war, durfte sich nicht wundern, so unverblümt angesprochen zu werden.

Clarissa empfand die Worte des Unbekannten im nächsten Moment als etwas ganz Selbstverständliches. Sie fühlte sich zu der Stimme und ihrem Besitzer hingezogen, ohne bestimmen zu können, woran das lag.

»Wer sind Sie?«, wollte Clarissa wissen.

»Dein Lebensretter«, sagte er.

Sie starrte in das Gesicht des Fremden.

Seine marionettenhafte Düsterkeit erschien ihr seltsam vertraut und sogar anziehend.

Sie setzte sich neben ihn und schloss die Wagentür.

Sie schüttelte den Kopf.

Es war unfassbar!

Die schöne Clarissa Laughton, umschwärmter Mittelpunkt glanzvoller Partys, saß auf dem durchgewetzten Kunstlederpolster eines Wagens, der eigentlich in eine Schrottpresse gehörte und ihr nicht durch eine wundersame Fügung entzogen worden sein konnte.

»Mein Lebensretter?«, echote sie und blickte dem Mann ins Gesicht.

Der Mann fuhr los.

Clarissa konnte sich seiner faszinierenden Ausstrahlung nicht entziehen.

Gleichzeitig meinte Clarissa wahrzunehmen, dass der Mann sich trotz seines souveränen Auftretens ihr unterordnete und bereit war, ihr zu dienen.

»Reden Sie endlich!«, drängte Clarissa.

»Ich bin Globan.«

»Globan, und wie noch?«

Der Mann neben ihr verzog seine schmalen, blutleeren Lippen zu einer Grimasse, die nur sehr entfernt einem Lächeln ähnelte.

»Einfach nur Globan«, erwiderte er lakonisch. »Ich stehe in Zurrus Diensten.«

 

*

 

»Wer ist Zurru?«

»Unser Meister«, sagte Globan.

Clarissa bereute, sich zu dem Unbekannten in den Wagen gesetzt zu haben.

Er war zweifellos verrückt.

Aber schon im nächsten Augenblick empfand Clarissa wieder ein tiefes Vertrauen zu dem Mann, der sich Globan nannte. Sie hatte dafür keine Erklärung. Ihr schien es so, als würde sie ihn seit langem kennen und als sei er ein guter, verlässlicher Freund. Dabei war sie völlig sicher, sein Gesicht niemals zuvor gesehen zu haben.

Nicht in diesem Leben, dachte sie.

»Dafür in einem anderen«, sagte Globan.

Clarissa fuhr zusammen und wandte den Kopf.

Sie blickte dem Fahrer ins Gesicht.

Konnte er ihre Gedanken lesen?

»Du stehst an der Schwelle deiner Existenzwandlung«, sagte Globan, ohne sie anzusehen. »Dich trennen nur noch wenige Tage von der großen und erhebenden Stunde des Augenblicks der Erfüllung.«

»Ich verstehe kein Wort davon!«

»Offen gestanden, war keineswegs vorgesehen, dich schon vor dem Tag deiner Existenzwandlung einzuweihen«, erklärte Globan. »Die Entwicklung lässt uns jedoch keine Wahl. Du musst erfahren, worum es geht und die Dinge tun, die deiner Aufgabe entsprechen.«

»Wovon reden Sie überhaupt?«

»Du weißt, dass die Laughtons nicht deine wirklichen Eltern waren?«, fragte Globan.

»Ich soll ein Findelkind gewesen und von den Laughtons adoptiert worden sein«, bestätigte Clarissa.

»So stellt es sich in den Augen derjenigen dar, die dich großgezogen haben und niemals erfuhren, wer dich zeugte«, sagte Globan. »Du bist Zurrus Tochter.«

»Wer ist Zurru? Was soll dieses ganze Gequatsche?«, fragte Clarissa.

Sie versuchte, sich selbstsicher zu geben, aber irgendetwas zog ihr die Kehle zu und ließ sie erkennen, dass sie vor einer Eröffnung stand, die ihr Leben schlagartig verändern würde.

Ihr fiel Derek Webster ein, der zappelnde Fisch an seinem Hals, das ausströmende Blut.

Sie hatte auf ihrem Irrweg durch die Straßen begriffen, dass auch Bryan und Ken auf diese Weise gestorben waren, aber sie hatte vergeblich nach einer Erklärung für das Geschehen gesucht.

Sie begriff, dass Globan sich anschickte, diese Wissenslücke zu füllen.

Sie hatte Angst davor, deshalb blickte sie aus dem Fenster und fragte:

»Sie bringen mich nach Hause?«

»Ja«, erwiderte Globan. »Ich bringe dich zu dem Inspektor. Du wirst ihm mitteilen, dass du Zeugin des Mordes wurdest und in Panik das Haus verlassen hast. Du wirst ihm eine präzise Beschreibung des Täters liefern.«

»Der Mörder war ein Fisch!«

»Davon wirst du nichts erwähnen.«

»Ich habe nur den Fisch gesehen.«

»Er steht genau wie du vor seiner Existenzumwandlung«, sagte Globan. »Ich erkläre dir, was es mit ihm für eine Bewandtnis hat aber vorher musst du wissen, wie du dich zu verhalten hast.«

»Sie erwarten von mir, dass ich einen Mord decke und der Polizei gegenüber falsche Angaben mache?«

»Ja!«, sagte Globan und lachte kurz. »Macht es dir keinen Spaß, einen Unschuldigen an den Galgen zu liefern?«

»Ich weiß nicht.«

»Es macht dir Spaß. Geh in dich!«

»Ja, es macht mir Spaß«, gestand Clarissa. »Aber was hat das alles zu bedeuten?«

»Drei Morde haben dich in den Mittelpunkt polizeilichen Interesses gerückt«, sagte Globan. »Das ist nicht gut für unsere Sache. Wir brauchen einen Sündenbock. Für diese Aufgabe gibt es keinen besseren als Albert Marvin.«

 

*

 

Der Taxifahrer sah die Menschentraube schon von weitem.

Er stoppte, als er auf einer Höhe mit ihr war.

Ein Polizist winkte ihm unwillig zu und rief:

»Weiterfahren!«

Der Fahrer kümmerte sich nicht darum und nannte seinem Fahrgast den Preis.

»Hier ist was los«, stellte er fest, während das Mädchen im Fond ihre Geldbörse öffnete und ein paar Münzen herausfischte. »Das ist der Wagen der Mordkommission. Den kenne ich. Dazu ein Haufen Reporter und die übliche Meute von Neugierigen. Haben Sie was mit dieser Geschichte zu tun, Miss?«

Leona Taylor gab keine Antwort.

Sie entlohnte den Fahrer, stieg aus dem Wagen und trat auf einen der Polizisten zu, die die Menschenansammlung in Schach hielten.

»Ich werde erwartet«, teilte sie ihm mit und nannte ihren Namen.

Der Bobby führte sie ins Haus.

In der Diele kam ihnen Inspektor Caldwey entgegen.

Er stellte sich vor und musterte die Besucherin beeindruckt.

Er konnte sehen, wie blass sie unter ihrem Make-up war.

»Sie kommen mir irgendwie bekannt vor«, sagte er.

»Das höre ich oft«, erklärte Leona nervös. »Ich bin Covergirl. Ein Fotomodell, das oft auf den Titelseiten bekannter Magazine erscheint. Wo ist... wo ist Derek?«

»Sie können ihn sehen, aber ich empfehle Ihnen, darauf zu verzichten«, sagte der Inspektor. »Der Mörder hat den Ärmsten grausam zugerichtet.«

»Wer hat es getan?«

»Wir wissen es nicht. Die Mieterin des Hauses, Miss Laughton, ist verschwunden. Wir müssen abwarten, bis sie zurückkommt und uns weiterhilft.«

Er führte das Mädchen in den kleinen Salon, der neben dem Wohnzimmer lag.

Sie setzten sich.

»Darf ich rauchen?«, fragte Leona und holte ihre Zigaretten aus der Handtasche.

Der Inspektor gab ihr Feuer.

Leona hörte Stimmen und Schritte im Haus.

Sie spürte die Unruhe, die über dem Geschehen lag und zuckte kaum merklich zusammen, als das laute Lachen eines Mannes aus dem Wohnzimmer ertönte.

Caldwey bemerkte die Reaktion des Mädchens und sagte wie entschuldigend:

»Für meine Beamten ist das hier Routine, wissen Sie. Die Burschen stehen mit dem Tod gleichsam auf du und du. Es ist für sie die einzige Möglichkeit, bei dieser Arbeit nicht durchzudrehen.«

»Dafür habe ich Verständnis«, murmelte Leona, aber sie fand es zutiefst bedrückend, dass an einem Ort, der Derek zum tödlichen Verhängnis geworden war, das Lachen derjenigen ertönte, die den Auftrag hatten, das Verbrechen zu klären.

»Erzählen Sie mir etwas über sich und Mr. Webster, bitte!«, sagte der Inspektor. »Ich brauche Ihnen nicht zu verdeutlichen, worum es geht. Wir suchen das Motiv und den oder die Täter.«

»Wäre Clarissa Laughton an Dereks Stelle getötet worden, müsste ich meinen Verlobten der Tat verdächtigen«, sagte Leona stockend. »Derek hat Clarissa gehasst. Umgekehrt sehe ich keinen Sinn in dem Verbrechen. Clarissa hatte keinen Grund, Derek zu töten. Sie besitzt den Schuldschein, den ich am Telefon erwähnte, sie hatte Derek in der Hand und brauchte keine Gewalt, schon gar nicht einen Mord, um ihre Rechte durchzusetzen.«

»Es handelt sich ohne Zweifel um eine anfechtbare, zumindest sittenwidrige Absprache«, sagte der Inspektor.

»Das schließt nicht die formaljuristische Anerkennung ihres Inhalts aus, fürchte ich«, entgegnete das Mädchen. »Ich befürchte, dass Clarissa Laughton jetzt Besitzerin von Calhoun Castle ist. Meines Wissens haben die verarmten Websters kein Geld, um in einem teuren, langwierigen Zivilprozess um ihre Rechte zu streiten.«

Die Tür öffnete sich.

»Miss Laughton, Sir«, meldete ein Polizist.

Er zog sich zurück.

Clarissa betrat den Raum.

Sie war leichenblass und schien kaum merklich zu schwanken.

Inspektor Caldwey erhob sich und nannte seinen Namen.

Er wies auf Leona.

»Das ist Miss Taylor, die Verlobte des Ermordeten. Sie haben gehört, was geschehen ist?«

Clarissa ließ sich in einen Sessel fallen und starrte ins Leere.

Sie wirkte erschöpft.

»Ich war dabei, als es geschah«, erwiderte sie.

Inspektor Caldwey setzte sich abrupt.

Er hob die Augenbrauen und musterte Clarissa prüfend.

»Sie sind Zeugin des Verbrechens geworden?«

»Ja! Es war entsetzlich«, flüsterte Clarissa. »Es war so schlimm, dass ich kopflos aus dem Haus rannte und erst wieder zu mir kam, als ich am Fitzroy Square gegen einen Hydranten lief.«

»Wie ist es passiert das Verbrechen, meine ich?«, fragte Caldwey.

Clarissa schlug die Hände vors Gesicht.

Sie zitterte kaum merklich.

»Ich habe Fieber«, murmelte sie.

Caldwey warf einen Blick auf Leona.

In den Augen des schönen, jungen Mädchens, dessen blondes Haar sehr kurzgeschnitten unter einer weißen Baskenmütze hervorschaute, zeigte sich ein Ausdruck kalter Wut, eine gnadenlose Ablehnung der anderen Frau und die damit verbundene Überzeugung, dass Clarissa nur Theater spielte.

»Der Polizeiarzt befindet sich noch im Haus, er kann Sie untersuchen und Ihnen ein paar Medikamente verschreiben«, schlug der Inspektor vor.

Clarissa ließ ihre Hände fallen.

»Es wird vorübergehen«, meinte sie. »Derek stand plötzlich vor der Tür. Er kam, ohne sich angemeldet zu haben. Mir war klar, was er wollte. Er war heute schon einmal dagewesen. Aber diesmal kehrte er mit einem Dolch zurück...«

»Besaß Mr Webster eine solche Waffe?« wandte Caldwey sich an Leona.

»Davon ist mir nichts bekannt«, erwiderte das Mädchen.

»Derek schuldete mir Geld«, fuhr Clarissa fort. »Er war nicht in der Lage, es aufzutreiben. Er wollte den Schuldschein zurückhaben, der mich praktisch zur Herrin von Calhoun Castle macht. Es kam zwischen Derek und mir zu einem schrecklichen Streit. Er bedrohte mich mit diesem Messer, er gebärdete sich, als wolle er mich umbringen.«

»Sie haben ihn dazu getrieben!«, erregte sich Leona.

Clarissa blickte dem Mädchen ins Gesicht und schien die Besucherin erst jetzt wirklich wahrzunehmen.

»Sie sind seine Verlobte? Dann kennen Sie ihn. Dann wissen Sie um seinen Leichtsinn, um seine Labilität. Wie konnte man ihm das Schloss vermachen, wie konnten seine Eltern bloß erwarten, dass er das Familienerbe getreulich verwaltet? Derek war ein Spieler. Ich durchschaute ihn. Zugegeben, es bereitete mir Vergnügen, ihn zu entlarven. Aber ohne diese Tat hätte er vermutlich nie zurück auf den Boden der Tatsachen gefunden. Ich handelte keineswegs uneigennützig, aber ich dachte auch an Derek. Meine Kur sollte ein heilsamer Schock für ihn werden, eine Wende in seinem Leben. Ich konnte nicht wissen, wie das Ganze enden würde.«

»Weiter!«, drängte Inspektor Caldwey ungeduldig.

Ihm lag weder an Rechtfertigungen noch an Analysen.

Er wollte wissen, wer den Mord begangen hatte.

»Wie kam es zu dem Verbrechen?«

»Plötzlich, mitten im ärgsten Streit, fiel sein Zorn buchstäblich in sich zusammen«, sagte Clarissa kaum hörbar. »Derek schien zu begreifen, dass er sich und seiner Familie keinen Gefallen tun würde, wenn er dem Verlust von Calhoun Castle einen Mord hinzufügte und seinen Namen mit dem Makel eines Gewaltverbrechens beschmutzte. Derek stürmte in die Halle. Dort kam es zu der ebenso unerwarteten wie verhängnisvollen Begegnung mit seinem Mörder.«

»Wer war es?«, fragte Caldwey.

»Ich sah den Mann zum ersten Mal. Das galt, wie ich zu erkennen glaubte, auch für Derek. Derek hielt inne, stumm vor Überraschung. Das für alle Beteiligten ungewollte Aufeinandertreffen führte zu einer Eskalation. Derek hielt noch diesen Dolch in seiner Hand. Der Eindringling fühlte sich davon bedroht. Der Mann hatte so einen komischen Haken bei sich. Enterhaken nennt man die Dinger, glaube ich. Er riss Derek, von dem er sich wohl bedroht fühlte, damit den Hals auf. Ich schrie wie am Spieß. Das Blut, das schrecklich viele Blut...«

Sie schlug erneut die schlanken Hände vor das Gesicht und schüttelte sich.

Caldwey wandte den Kopf und musterte Leona.

In deren großen Augen begann sich die hasserfüllte Kälte aufzulösen und machte einer Mischung aus Zweifel und beginnender Anteilnahme Platz.

Der Inspektor räusperte sich und fragte Clarissa:

»Sie gehen davon aus, dass es sich bei dem Fremden um einen Eindringling, um einen Einbrecher gehandelt haben muss?«

Clarissa ließ die Hände sinken.

»Ich finde dafür keine andere Erklärung. Als er sich ertappt sah und die Waffe in Dereks Hand entdeckte, griff er sofort an.«

Caldwey spitzte die Lippen und meinte dann zweifelnd:

»Ein einfacher Dieb mit einer solch gefährlichen Waffe? Die passt nicht ins Bild.«

»Ich kann nur sagen, was ich gesehen habe und was ich mir zusammenreime«, entgegnete Clarissa. »Wie ist der Bursche bloß ins Haus gelangt?«

»Wir haben inzwischen festgestellt, dass der Dienstboteneingang unverschlossen war«, sagte Caldwey.

»Sollte ich vergessen haben, den Riegel vorzuschieben?«, fragte Clarissa bestürzt.

»Können Sie den Mann beschreiben?«, erkundigte sich Caldwey interessiert.

»Ganz genau sogar!«, versicherte Clarissa und hob das Kinn. »Ich werde sein Gesicht niemals vergessen. Es hat sich mir mit fotografischer Deutlichkeit eingeprägt.«

 

*

 

»Du solltest jetzt nach Hause gehen, du hast genug«, sagte der Wirt.

»Noch ein Bier, das letzte«, bettelte Albert Marvin.

»Du machst jetzt Schluss!«

Marvin schüttelte seinen Kopf.

Er stoppte die Bewegung jedoch so rasch, wie er sie begonnen hatte. Sie trug wesentlich dazu bei, ihn den Grad seiner Trunkenheit erkennen zu lassen.

Wenn schon! Alkohol linderte seine Qualen und Selbstvorwürfe.

Er erwies sich als großer Tröster und half ihm, über die Erlebnisse der vergangenen Tage hinwegzukommen. Er war bestohlen, zusammengeschlagen und mit dem Tode bedroht worden. Es zehrte an seinem Selbstverständnis, dass er es nicht geschafft hatte, sich gegen seinen Herausforderer durchzusetzen.

Aber wann war es ihm schon einmal im Leben gelungen, sich stärker als andere zu zeigen?

Hinzu kam die Erinnerung an das Geschehen im Haus 31 Glentworth Street.

Er schüttelte sich und versuchte, das aufwühlende Bild loszuwerden.

»Noch ein Bier«, lallte er.

Der Wirt antwortete nicht und ging demonstrativ zur anderen Seite des Tresens.

Jemand rammte Marvin den Ellenbogen in die Seite und sagte:

»Ich habe heute dein Bild gesehen.«

»Mein Bild?«, fragte Marvin mit schwerer Zunge.

Er hielt sich mit beiden Händen an der Theke fest und musterte den Fragenden.

Er war ein Stammgast des Pubs, ein grauhaariger Endfünfziger, der seine Mütze stets so trug, dass der Schirm zur Seite zeigte und die Stirn freiließ.

»Ja, im »Herald««, sagte der Mann. »Die suchen einen Killer. Er sieht aus wie du. Er könnte dein Zwillingsbruder sein, ganz im Ernst.«

Der Mann lachte.

»Es ist ein Jammer, dass du der Gesuchte nicht sein kannst. Ich hätte mir gern die fünftausend Pfund Belohnung verdient, die sie auf die Ergreifung des Killers ausgesetzt haben.«

Marvin spürte, wie die zähen Nebel des Alkohols sich lichteten.

Er spürte das Hämmern seines Herzens und begriff, dass etwas Schreckliches auf ihn zukam, eine Drohung, der er so wenig gewachsen sein würde wie dem Unbekannten mit den düsteren, marionettenhaften Zügen.

»Nein!«, fuhr der Mann mit der Schirmmütze spöttisch fort. »Der gute Al legt keinen aufs Kreuz. Schon gar nicht mit einem Enterhaken. Dazu fehlt ihm der Mumm.«

Er lachte nochmals.

»Die einzigen, mit denen du fertig wirst, sind die abendlichen Biere.«

Der Mann lachte abermals und schüttelte den Kopf.

Der Gedanke, dass man Albert Marvin für einen Mörder halten könnte, belustigte ihn.

»Hast du die Zeitung dabei?«, fragte Albert Marvin.

»Nein, wieso? Glaubst du mir nicht? Warte mal! He, Bill!«, brüllte er durchs Lokal dem Wirt zu. »Hast du den »Herald« im Haus?«

Der Wirt schüttelte den Kopf.

Marvin machte kehrt und verließ das Lokal.

Er atmete im Freien tief durch. Seine Angst wuchs.

Du musst abhauen, dachte er. Du musst raus aus der Stadt!

Nein, eine Flucht ohne Geld war ausgeschlossen. Schlimmer noch, sie würde ihn in den Augen derjenigen, die ihn suchten, zum Schuldigen stempeln.

Er wankte die Straße hinab und wunderte sich, dass sein Kopf immer klarer wurde, während seine Beine sich mit schwachen Knien kaum imstande zeigten, normale Schritte auszuführen.

Er stoppte an einem überquellenden Papierkorb, durchwühlte den Inhalt und schluckte, als er eine Nummer des »Herald« vom letzten Tag fand.

Er schlug sie auf.

Im Licht einer Straßenlaterne stieß er auf die Zeichnung, die der Alte im Pub erwähnt hatte.

Marvin schluckte.

Das war er, ohne Zweifel.

Der Polizeizeichner hatte phantastische Arbeit geleistet.

Es war ein Wunder, dass noch niemand auf die Idee gekommen war, die Polizei von der Existenz des Albert Marvin zu berichten.

Möglicherweise erging es den meisten Leuten wie dem Mann aus dem Pub. Sie vermochten sich nicht vorzustellen, dass zwischen dem Enterhaken-Killer (so nannte ihn die Zeitung) und dem friedlichen Trunkenbold aus der Nachbarschaft ein Zusammenhang existierte.

Du musst dich stellen, überlegte er.

Es ist deine einzige Chance.

Er stoppte an einer Telefonzelle, schaute sich um, ging hinein und suchte Clarissa Laughtons Telefonnummer heraus.

Er wählte sie. Der Anschluss war besetzt.

Marvin verließ die Zelle, bummelte einmal um den Block und versuchte erneut, das Mädchen zu erreichen.

Diesmal meldete sie sich.

Ihre Stimme klang dunkel und sexy.

»Ich habe gerade mein Bild in der Zeitung gesehen«, sagte Albert Marvin.

»Mit wem spreche ich?«

»Sie wissen genau, mit wem Sie reden!«, stieß Marvin erregt hervor.

Er konnte nicht so rasch und überzeugend sprechen, wie er sich das wünschte.

Er ärgerte sich darüber und verfluchte den Umstand, dass er rückfällig geworden war und zu viel getrunken hatte.

»Sie sollten sich der Polizei stellen«, riet Clarissa ihm mit ruhiger Stimme.

»Warum haben Sie diese schrecklichen Lügen über mich in die Welt gesetzt?«, fragte Albert Marvin. »Warum?«

»Ich kenne Sie nicht. Es gibt für mich keinen Grund, Ihretwegen zu schwindeln, oder?«

»Darüber zerbreche ich mir den Kopf«, sagte Albert Marvin. »Warum tun Sie das? Es gibt dafür nur eine Erklärung. Sie decken den wahren Mörder.«

»Stellen Sie sich der Polizei!«, wiederholte Clarissa kühl.

»Wünschen Sie sich das nicht!«, sagte Marvin schweratmend. »Dabei könnten nämlich ein paar Dinge herauskommen, die weder Ihnen noch Ihren Hintermännern gefallen.«

Es klickte in der Leitung.

Die Teilnehmerin hatte aufgelegt.

Marvin verließ die Telefonzelle und begab sich nach Hause.

Clarissa Laughton war eine verdammte Lügnerin, aber in einem hatte sie recht: Es war das Klügste für ihn, sich der Polizei zu stellen und auf diese Weise seiner Verhaftung zuvorzukommen.

Aber hatte er dann noch eine Chance, seine Unschuld zu beweisen?

Er galt in seiner Umgebung als Penner und Trinker.

Für die Zeitungen war er ein gefundenes Fressen.

Sie würden ihm unterstellen, in dem Nobelviertel am Regent’s Park mit der Absicht unterwegs gewesen zu sein, seine mageren Bargeldbestände aufzubessern.

Eine offene Tür hatte ihn ins Haus 31 Glentworth Street gelockt. Dort war es durch ein zufälliges Zusammentreffen mit einem männlichen Besucher der Mieterin zu einer tödlichen Auseinandersetzung gekommen.

Da er tatsächlich in dem Haus gewesen war und kein Alibi herbeibringen konnte, um die Anschuldigungen von Presse und Polizei zu widerlegen, musste er sich an die Wahrheit halten, aber es war mehr als zweifelhaft, ob irgendjemand bereit sein würde, sie ihm abzukaufen.

Es war ein Fehler gewesen, dass er sich nicht sofort an die Polizei gewandt hatte. Dieser Umstand belastete ihn und schien seine Glaubwürdigkeit praktisch auf Null zu reduzieren.

Als Marvin das Haus betrat, in dem er wohnte, sah er sich plötzlich von vier Männern umringt.

Sie hatten auf ihn gewartet, ließen ein paar Handschellen um seine Armgelenke schnappen und machten sich erst danach die Mühe, sich auszuweisen.

Es waren Kriminalbeamte.

 

*

 

Schon siebzig Minuten später wurde er dem ersten Verhör unterworfen.

»Ich bin kein Mörder«, erklärte Albert Marvin.

»Mann, haben Sie eine Fahne!«, entrüstete sich der Inspektor. »Sie sind betrunken!«

»Ich bin stocknüchtern«, behauptete Marvin.

»Ab in die Ausnüchterungszelle mit ihm!«, forderte der Beamte.

Gegen zehn Uhr morgens wurde Marvin erneut dem Inspektor vorgeführt.

Hugh Caldwey machte einen verdrossenen Eindruck.

Es gab einiges, was ihm an dem Fall und seiner Zentralperson gründlich missfiel.

Albert Marvin war nicht der Typ eines Killers.

Sein von wiederholten Kapitulationen und Misserfolgen gekennzeichneter Lebensweg ließ nirgendwo einen Hang zu Gewalttaten erkennen. Marvin gehörte nach dem Augenschein zu denjenigen, die vor den Zwängen der modernen Leistungsgesellschaft die Segel gestrichen hatten, aber er hatte niemals versucht, dieses Schicksal durch das Abreagieren heimlicher Aggressionen zu kompensieren.

Oder doch?

Es war keineswegs auszuschließen, dass im Laufe der Jahre in Albert Marvin ein Stau entstanden war, der sich in der Glentworth Street entladen hatte.

Die inzwischen über Marvin eingezogenen Informationen schilderten ihn als einen durchaus liebenswerten, sehr umgänglichen Mann, der selbst noch im Zustand totaler Trunkenheit niemals die Haltung verlor.

Andererseits sprach nichts dafür, dass Clarissa Laughton Grund hatte, diesen Mann des Mordes an Derek Webster zu beschuldigen. Sie kannte Marvin nicht, seine mögliche Verurteilung brachte ihr keine erkennbaren Vorteile.

Oder doch?

Schon wieder ein Fragezeichen.

Caldwey kannte das.

Die Fragezeichen gehörten zu jeder Ermittlung, natürlich auch zu dieser.

»Sie wissen, was man Ihnen vorwirft«, sagte Hugh Caldwey. »Miss Laughton ist unterwegs nach hier. Wir können also eine Gegenüberstellung veranlassen. Haben Sie für die in Betracht kommende Zeit ein Alibi?«

»Wie sollte ich?«, fragte Albert Marvin. »Ich war in dem Haus.«

Inspektor Caldwey beugte sich mit einem deutlichen Ruck über den Schreibtisch.

»Zur Tatzeit?«

»Ja, zur Tatzeit«, erwiderte Albert Marvin kopfnickend, »aber ich habe den Mord nicht begangen, Sir.«

»Was taten Sie in dem Haus?«

»Ich folgte einem Unbekannten. Er hatte Max gestohlen«, sagte Marvin und war sich des Umstandes bewusst, wie verworren seine Worte klangen.

Trotzdem hatte er aufgehört, Angst zu empfinden. Der Inspektor machte den Eindruck eines Mannes, dem man vertrauen durfte.

Marvin riss sich zusammen.

Er musste sich konzentrieren und dem Inspektor verständlich machen, wie es zu dem Ganzen gekommen war und weshalb er, Albert Marvin, es nicht gewagt hatte, mit seinem unglaubwürdig anmutenden Bericht zur Polizei zu gehen.

Marvin ließ nichts aus, was die Ereignisse ins Rollen gebracht hatte, weder sein Erstaunen bei der Entdeckung von Max' Verschwinden noch den ungleich größeren Schock, der ihn beim Anblick des blutigen Fischmauls getroffen hatte.

Caldwey unterbrach sein Gegenüber mit keinem Wort.

Erst als Albert Marvin erschöpft schwieg, fragte der Inspektor:

»Ist Ihnen eigentlich klar, was die Presse aus dieser Geschichte machen wird?«

»Ich kann es mir denken.«

»Und?«

»Kein und«, sagte Albert Marvin. »Ich sage die Wahrheit. Ich habe nichts hinzugefügt und nichts weggelassen. Ich rede erst jetzt, weil ich vorher keine Chance sah, ernstgenommen zu werden.«

»Sehen Sie diese Chance jetzt?«

»Nein!«, gab Marvin bitter zu.

Caldwey lehnte sich zurück und schloss die Augen.

Seine Gedanken wirbelten durcheinander.

Ein Fisch.

Ein Raubfisch.

Seltsam, er hatte daran gedacht, vermutlich im Zusammenhang damit, dass die ersten beiden Toten im Wasser gefunden worden waren, aber der Fall Webster hatte dieser abstrusen Theorie entgegengestanden, und im Übrigen war schon bei Ken Wittackers Tod nicht einzusehen gewesen, wie ein Raubfisch in die Badewanne hätte gelangen können.

Die Theorie über den Behälter von Albert Marvin gab der Betrachtung einen neuen Aspekt. Andererseits entkräftete sie sich von selbst durch Marvins Hinweis, dass Max kein lebender, sondern ein präparierter Fisch war.

»Könnte man ihn als Waffe benutzen, so wie ein Messer?«, fragte der Inspektor.

»Wen?«

»Ihren Max!«

»Warum sollte man das tun?«, fragte Albert Marvin verblüfft. »Da wäre es doch leichter, sich gleich eines Messers zu bedienen!«

Die schrecklichen Halswunden der Toten waren zweifellos von scharfen Gegenständen, möglicherweise von Zähnen verursacht worden, wie Caldwey den Obduktionsberichten entnommen hatte.

Clarissa Laughtons Aussage hatte diese Erkenntnis mit der Enterhaken-Theorie in eine bestimmte Richtung gelenkt.

Für den Inspektor waren Clarissas Angaben keineswegs das Evangelium.

Irgendetwas an der schönen Zeugin machte ihn zutiefst misstrauisch.

Natürlich stand außer Frage, dass Clarissa Laughton von keinem der Morde profitiert hatte. Bryan Cormicks jäher Tod hatte sie um eine Ehe gebracht, in der sie zur Millionärin geworden wäre. Ähnlich hatte es sich mit Ken Wittacker verhalten, und Derek Websters einziger nennenswerter Besitz war ihr schon vor dem schrecklichen Ende des jungen Mannes zugefallen.

»Wenn ich den Journalisten auf einer Pressekonferenz mitteile, wie Sie sich verteidigen, müsste man zu dem Schluss gelangen, dass Sie auf Unzurechnungsfähigkeit hoffen und versuchen, auf diese Weise einer Anklage zu entgehen. Ich warne Sie, Marvin. Wenn es Ihnen gelingen sollte, sich als psychisch Gestörter zu verkaufen, als ein Opfer alkoholbedingter Delirien, landen Sie zwar unweigerlich in einem Irrenhaus, aber ich wage zu bezweifeln, ob Sie sich dort wohler als in einem normalen Gefängnis fühlen werden.«

»Ich bin nicht verrückt und habe nicht vor, es zu werden«, sagte Marvin. »Obwohl ich mir nach allem, was ich erleben musste, nicht mehr sicher bin, damit durchzukommen.«

»Womit durchzukommen?«

»Manchmal glaube ich wirklich, verrückt zu sein. Da verschwindet ein Fisch und kommt wieder. Da ist... Ach, lassen wir das!«, knurrte er.

»Warum sollte Clarissa Laughton Sie des Mordes bezichtigen, wenn Sie unschuldig sind?«, fragte der Inspektor.

»Das frage ich mich auch. Ich kenne nicht ihre Motive, aber sie hat fraglos erfahren, dass ich zur Tatzeit im Haus war«, sagte Albert Marvin.

»Von wem?«

»Ich muss annehmen, dass sie mit dem Burschen im schwarzen Umhang gemeinsame Sache macht«, erklärte Marvin. »Er weiß, wer ich bin, er kennt meinen Namen. Natürlich war Clarissa Laughton nicht so unvorsichtig, sich auf diese Weise zu verraten. Sie zog es vor, mir mit Hilfe des Polizeizeichners ein Schnippchen zu schlagen.«

Inspektor Caldwey kaute auf seiner Unterlippe herum.

Ihm fiel der anonyme Anrufer im Mordfall Cormick ein.

Der Mann hatte einen Unbekannten am Swimmingpool gesehen, einen Mann, dessen Beschreibung sich exakt mit derjenigen deckte, die Marvin von dem Fremden lieferte.

Das musste nicht bedeuten, dass Marvin die Wahrheit sagte.

Wenn Marvin der gesuchte Mörder war, konnte er den fraglichen Anruf getätigt haben und es jetzt für zweckmäßig halten, das Ganze nochmals aufzuwärmen und gleichsam zu bestätigen.

»Ja, Sie waren in Miss Laughtons Haus«, seufzte der Inspektor. »Ich erkenne Ihre Stimme wieder. Wir wechselten ein paar Worte miteinander, als ich vor der Tür stand.«

»Ich hatte plötzlich nur noch einen Wunsch: weg von dort!«, entschuldigte sich Marvin.

»Wenn ein Mann meiner Stellung bemüht ist, ein Verbrechen aufzuklären, fragt er sich zunächst nach dem Motiv. Wenn er es hat, hat er auch den Täter. Ich muss leider gestehen, dass ich weder bei Clarissa Laughton noch bei Ihnen ein solches Motiv erkenne.«

Er machte eine kurze Pause, dann fügte er einschränkend hinzu:

»Bei Ihnen noch eher als bei Clarissa Laughton. Sie leben von einer bescheidenen Unterstützung und leiden an Geldmangel. Es ist möglich, dass Sie die Morde verübten, um diesem Übelstand abzuhelfen.«

»Das ist absurd!«, sagte Albert Marvin.

»Cormick wurde bestohlen, das wissen wir. Dass dies im Fall von Ken Wittacker nicht zutraf, ließe sich damit erklären, dass Sie gestört wurden, genau wie bei Ihrem Eindringen in Clarissa Laughtons Haus.«

»Ich bin Ihnen dankbar dafür, dass Sie die Verbrechen als Paket betrachten. Sie können sich erkundigen. In der Nacht, als es Bryan Cormick erwischte, war ich in meinem Pub.«

»Ich lasse das überprüfen.«

»Clarissa Laughton lügt!«

»Beweisen Sie es!«

»Wie denn?«, erregte sich Marvin. »Entlassen Sie mich aus der Untersuchungshaft! Dann kann ich versuchen, den Dingen auf den Grund zu gehen.«

Er überlegte kurz, dann sagte er zusammenfassend:

»Es gibt nur eine Erklärung für das Ganze. Sie heißt Max.«

»Der Fisch?«

»Ja! Was immer sich hinter den Morden auch verbergen mag: Max hat daran entscheidenden Anteil. Finden Sie ihn und den Mann, der Fisch und Kasten gestohlen hat, dann wissen Sie auch, warum die drei Männer sterben mussten!«

Der Inspektor erhob sich.

»Kommen Sie!«, sagte er.

»Wohin?«

»Wir fahren zu Ihnen nach Haus. Ich möchte mich in Ihrer Wohnung umsehen.«

 

*

 

Als die beiden Männer eine Stunde später die Mansardenwohnung erreichten, folgte ihnen das aufgeregte Getuschel der im Hausflur auftauchenden Bewohner.

Aus Albert Marvin, dem Trinker, war über Nacht ein prominenter Mann geworden.

Seine Wohnungstür war mit einem Siegel verklebt. Der Inspektor löste es behutsam ab.

»Meine Leute haben heute Nacht Ihre Bleibe aufgrund eines richterlichen Durchsuchungsbefehls gründlich unter die Lupe genommen«, erklärte Caldwey. »Sie haben ein paar Dinge mitgenommen, die ihnen interessant erschienen und die überprüft werden müssen. Ansonsten haben sie alles dort gelassen, wo es lag.«

Sie betraten das Wohnzimmer.

»Da!«, sagte Albert Marvin und wies auf den hellen Wandfleck. »Da hat der verdammte Kasten gehangen.«

Inspektor Caldwey schaute sich schweigend im Zimmer um.

Marvin schämte sich plötzlich über die Unordnung, die überall herrschte.

Die Einrichtung war von bedrückender Schäbigkeit.

Wie hatte er sich darin nur wohlfühlen können?

»Wenn ich noch einmal eine Chance bekommen sollte, werde ich sie nutzen«, sagte Marvin.

Seine Worte klangen wie ein Schwur.

Er adressierte sie nicht an den Inspektor, sondern an sich selbst.

Der Inspektor machte kehrt und untersuchte flüchtig das Schloss der Wohnungstür.

»Die lässt sich bequem mit einem zurechtgebogenen Nagel öffnen«, stellte er fest.

»Bei mir ist nichts zu holen, das sehen Sie selbst«, meinte Marvin. »Weshalb hätte ich mir den Luxus eines Patentschlosses leisten sollen?«

»Sie vergessen Max«, sagte der Inspektor.

»Max! Über den haben sich meine Freunde lustig gemacht. Der war so hässlich, dass ihn nicht mal jemand geschenkt genommen haben würde.«

»Wenn es stimmt, was Sie sagen, gibt es trotzdem einen Mann, der sehr an Max hängt.«

»Richtig! Aber diesen Typen hätte auch kein Patentschloss aufgehalten«, erkannte Marvin. Er zog die Unterlippe zwischen die Zähne, schwieg ein paar Sekunden und fragte dann in einer Aufwallung plötzlicher Hellsichtigkeit:

»Glauben Sie an Dämonen?«

»Wenn es Gott gibt«, sagte der Inspektor langsam, »gibt es gewiss auch Dämonen.«

»Danke!«, sagte Albert Marvin.

Er setzte sich.

»Dieser Kerl im schwarzen Umhang ist kein Mensch, kein Mann wie Sie und ich. Das war an seinem Gesicht zu erkennen, an seiner Fähigkeit, sich zu bewegen, an seiner riesigen Kraft.«

»Hören Sie auf damit!«, sagte Caldwey. »Worauf wollen Sie hinaus? Sie können ebenso viele Dinge als Beweis für das Menschsein des Mannes anführen. Er hatte ein normales Gesicht, er fuhr Auto wie jeder andere Sterbliche auch und...«

Marvin fiel dem Inspektor ins Wort.

»Das war kein Gesicht, wie Sie eines haben, oder wie ich es besitze. Es hatte die üblichen Merkmale wie Nase, Ohren, Augen und Mund, doch es blieb unwirklich, wie geschnitzt oder künstlich erzeugt. Die Augen waren wie dunkle Kohlenschächte, auf deren Grund Lava brodelte.«

»Sie steigern sich da in etwas hinein, das uns keinen Schritt voranbringt«, unterbrach ihn Caldwey ärgerlich. »Ich bin bereit, Ihnen eine faire Chance zu geben, aber Sie schaden Ihrer eigenen Sache, wenn Sie mir mit solchen Spinnereien kommen.«

»Sie sind unerlässlich, um den Fall zu klären«, erregte sich Marvin.

Ihn wunderte es, dass er nicht schon früher auf diese Gedanken gekommen war.

»Wenn Sie und ich von normalen Morden ausgehen, von Morden mit einem erkennbaren, an menschlichen Interessen und Leidenschaften orientiertem Motiv, landen wir im Nichts. Diese Fälle passen nicht in das übliche Schema. Da ist, verzeihen Sie mir den Ausdruck, Hexerei im Spiel.«

Der Inspektor schwieg.

Er dachte an Clarissa.

War sie eine Hexe?

Er fand es seltsamerweise ziemlich leicht, das berückend schöne Mädchen in diesem Licht zu sehen.

An und um Clarissa war etwas Unwirkliches, ein Flair, das sie von anderen Frauen abhob. Es machte sie enorm anziehend, aber auch rätselhaft, wie eine Sphinx, unheimlich und sogar bedrohlich.

Es stand fest, dass im Sog ihrer magnetischen Anziehungskraft ein paar Männer verblutet waren.

»Was war das für ein Fisch? Wie hieß er? Welche Gattungsbezeichnung?«, fragte Caldwey.

»Ich habe mich bemüht, etwas über ihn in Erfahrung zu bringen«, erwiderte Marvin. »Sehen Sie!«, fuhr er fort und zog ein dickleibiges Buch unter einem Zeitungsstapel hervor. »Das ist ein Fischlexikon, eine alte Schwarte, ich habe sie billig in einem Antiquariat bekommen und daraus eine Menge erfahren, zum Beispiel die Tatsache, dass alles Leben

vor rund zwei Milliarden Jahren aus dem Wasser gekommen ist. Es gibt Seefische, Süßwasserfische, Wanderfische und Fische im Brackwasser. Es gibt sogar solche, die in unterirdischen Gewässern leben. Ich vermute, dass Max zur letzten Kategorie gehörte. Das lässt jedenfalls der Name des Gewässers vermuten, in dem er gefangen wurde. Es nennt sich Hell's Lake.«

»Wo liegt dieser Höllensee?«

»Angeblich in den Highlands, aber auf Karten konnte ich ihn nicht entdecken.«

»Warum glauben Sie, dass es ein unterirdisches Gewässer sein muss?«

»Wegen des Namens. Der Himmel ist oben, die Hölle ist unten. Und wie gesagt, ich konnte den verdammten See auf keiner Karte finden.«

»Okay, bleiben wir bei der Gattung des Fisches«, sagte der Inspektor.

»Sie war auf einem Messingschildchen vermerkt, aber ich habe den lateinischen Namen im Lexikon nicht gefunden«, erwiderte Albert Marvin. »Es gibt Fotos in dem Buch, auf denen Max einem sogenannten Schriftbarsch, einem »serrabus scriba« ähnelt, aber dieser Fisch, der in der Adria lebt, hat nicht die schrecklichen Zähne von Max. Max ist ungleich hässlicher. Er hat etwas von einem Vampir.«

»Woher haben Sie ihn?«

»Im Rausch gekauft«, antwortete Marvin. »Der Kasten lag völlig verstaubt in der Ecke eines Trödelladens. Wahrscheinlich hat er dort Jahre oder Jahrzehnte verbracht. Der Mann, von dem ich Max erstand, war ein Greis.«

»Wann haben Sie den Kauf getätigt?«

»Das liegt schon einige Jahre zurück. Ich kann es nicht genau bestimmen, aber ich fange an, mich einer bestimmten Theorie anzunähern.

»Nämlich?«

»Wenn ich sie ausspucke, halten Sie mich für verrückt«, befürchtete Marvin.

»Lassen Sie es darauf ankommen!«, schlug der Inspektor mit dünnem Lächeln vor.

»Max ist ein Dämon. Ein Teufel. Ein Vampir. Er hat sich wegen der Tarnung in einen Fisch verwandelt und tritt immer dann in Aktion, wenn er gebraucht wird.«

»Bislang wurde er unseres Wissens dreimal gebraucht und alle Opfer waren mit Clarissa Laughton befreundet oder bekannt.«

»Stimmt genau! Wissen Sie, was ich daraus schließe?«, fragte Marvin und schnippte mit den Fingern.

»Sie werden es mir sagen.«

»Clarissa ist eine Hexe. Eine Hexe in Menschengestalt. Sobald sie sich bedroht oder belästigt fühlt, ruft sie ihren verdammten Diener.«

»Den Fisch?«

»Ja, Max. Max wurde im Jahre 1867 gefangen. Ich vermute, dass der Angler keine Ahnung hatte, was da an seinem Haken zappelte. Max war es nur recht, auf diese Weise für ein Jahrhundert in Tiefschlaf versetzt zu werden. Vielleicht entsprach das sogar der Weisung, die er erhalten hatte.«

»Wessen Weisung?«

»Der des Teufels, nehme ich an.«

Marvin stieß die Luft aus.

»Behalten Sie das lieber für sich! Sie laufen sonst Gefahr, in einer Anstalt zu enden.«

»Ich weiß. Ich sage das ja nur Ihnen.«

»Warum gerade mir?«

»Schwer zu sagen. Seltsamerweise vertraue ich Ihnen«, meinte Albert Marvin.

Er trat ans Fenster.

»Diesen Weg hat Max’ Hüter genommen«, erinnerte er sich. »Er ist über das Dach entkommen.«

»Max' Hüter?«, echote der Inspektor.

Marvin wandte sich um.

»Ja! Mir fällt für den Unbekannten im schwarzen Umhang keine andere Bezeichnung ein. Er hat vermutlich die Kraft, Max zum Leben zu erwecken, er schleppt ihn zum jeweiligen Einsatzort, und er holt ihn von dort zurück.«

»Ihre Hypothese wird immer phantastischer«, sagte der Inspektor.

»Sie passt sich den Gegebenheiten an. Wie beurteilen Sie meine Chancen, Inspektor?«

»Schlecht!«, gab Caldwey zu.

»Ich danke Ihnen für das offene Wort«, sagte Marvin.

Er öffnete das Fenster, steckte den Kopf ins Freie und holte tief Luft.

»Wenn Sie nichts dagegen haben, folge ich dem Hüter. Ich schlage den Weg ein, den er benutzte.«

Marvin schwang sich mit einem Ruck über die Fensterbrüstung, rutschte ab und hatte für den Bruchteil einer Sekunde die panikartige Überzeugung, in die Tiefe zu stürzen.

Dann fand er Halt und schaffte es, an der steilen Dachschräge hochzukriechen.

Der Inspektor tauchte am offenen Fenster auf.

»Lassen Sie diesen Unsinn!«, stieß er hervor. »Wollen Sie sich das Genick brechen?«

»Ich breche mir das Genick, wenn ich mich von Ihnen zurück in die Untersuchungshaft bringen lasse«, keuchte Marvin und kroch höher.

Sein Herz klopfte laut.

Er hatte das Gefühl, sich auf Glatteis zu bewegen.

»Wir kriegen Sie ja doch«, warnte der Inspektor. »Denken Sie an das Foto! In London kennt Sie jetzt jedes Kind!«

»Ich habe nur diese eine Chance«, erwiderte Marvin und umspannte die soliden, eisernen Zaunstäbe, die die Dachebene begrenzten.

Er zog sich aufatmend daran hoch.

»Ich werde sie nutzen!«

 

*

 

Caldwey trat ans Telefon und wählte die Nummer des Yards.

»Verbinden Sie mich mit Wagen 111!«, forderte er von der Leitzentrale.

»Crown«, meldete sich eine kühle Männerstimme.

»Caldwey. Ich befinde mich in Marvins Wohnung. Und Sie?«

»An dem von Ihnen bestimmten Standort, auf der gegenüberliegenden Hausseite.«

»Gut. Marvin ist gerade stiften gegangen und versucht über die Dächer zu entkommen.«

»Kein Problem!«, sagte Crown. »Ich schnappe mir diesen Burschen.«

»Bloß nicht!«, meinte der Inspektor. »Ich will, dass Sie ihn laufenlassen.«

»Da komme ich nicht mit.«

»Andere werden es auch nicht verstehen«, erkannte der Inspektor grimmig. »Es wird mir eine Menge Schelte eintragen, besonders von Seiten der Presse. Man wird mir vorwerfen, ich hätte wie ein Anfänger gehandelt, und einige werden meine Suspendierung fordern.«

»Das ist zu befürchten. Warum haben Sie Marvin nicht zu stoppen versucht?«

»Das wäre leicht gewesen, aber das lag nicht in meiner Absicht.«

»Sie wollten allen Ernstes erreichen, dass er stiften geht?«, wunderte sich Crown.

»Ja! Er hat eine interessante Theorie entwickelt. Ich kann sie Ihnen nicht vortragen, das würde zu viel Zeit kosten. Marvin wird jedenfalls versuchen, diese Theorie unter Beweis zu stellen. Darauf baue ich, darin sehe ich unsere Chance. Ich möchte verfolgen, wie Marvins Gegner auf sein Verhalten reagieren.«

»Was soll ich tun?«

»Behalten Sie Marvin im Auge! Das genügt.«

»Ich soll ihn nicht verhaften?«

»Nein, Mann! Greifen Sie nur ein, wenn er oder seine Gegner versuchen, gewalttätig zu werden.«

»Ich bin allein. Die Häuser haben Höfe und Gänge, es kann sein, dass er über eine Nebenstraße zu entkommen versucht.«

»Das wäre keine Tragödie. Es würde in diesem Fall genügen, dass Sie Clarissa Laughton im Auge behalten. Ich bin davon überzeugt, dass Albert Marvin versuchen wird, mit ihr in Verbindung zu treten.«

 

*

 

Es schien, als sei der Fluchtweg vorgezeichnet.

Marvin rannte quer über das Dach auf das um zwei Etagen höhere Nebengebäude zu. Von hier führte eine in das Mauerwerk eingelassene Sprossenleiter nach oben. Marvin kletterte daran empor, schwang sich auf das Dach und stoppte an der Luke, die ins Hausinnere führte.

Er hob sie an und hastete über die steile, schmale Holztreppe ins Dachgeschoss.

Dann verließ er das Haus durch den Hofeingang, überkletterte ein paar Zäune und gelangte durch einen schmalen Gang zur Nebenstraße.

Er zwang sich zur Ruhe und schritt mit gesenktem Kopf bis zur Kreuzung hinab. In dieser Gegend kannte man ihn, falls er jemand auffiel und aufgehalten wurde, drohte ihm Ärger.

Man wusste, was ihm vorgeworfen wurde, und es gab in der näheren Umgebung niemanden, der keine gute Verwendung für die ausgesetzte Belohnung gehabt hätte. Neben ihm bremste ein Wagen.

Ein Mann sprang heraus, der sich nicht einmal die Mühe nahm, den laufenden Motor abzustellen.

»Hallo, Al«, sagte der Mann und trat ihm in den Weg. »Schon wieder auf freiem Fuß?«

Der Mann hieß Lester Whistler und war einige Jahre jünger als Marvin.

Whistler war ein regelmäßiger Besucher von Albert Marvins Stammkneipe. Es hieß, dass er nicht nur von Pferdewetten lebte, sondern auch davon, dass er seinem Glück beim Kartenspiel sehr geschickt nachzuhelfen wusste.

Whistler hatte ein aufgedunsenes Gesicht und klagte über eine Menge überflüssige Pfunde, aber alles in allem war er ein bulliger, kräftiger Mann, der sich im Pub schon wiederholt mit den Fäusten Respekt verschafft hatte.

»He, Les«, sagte Marvin und grinste unsicher. »In Geschäften unterwegs?«

»So kann man’s nennen. Ich möchte mir ein paar Pfund verdienen, Junge. Du wirst mir dabei helfen.«

»Ich?«

»Aber klar«, sagte Whistler. »Du begleitest mich zum Polizeirevier.«

»Was soll das heißen?«

»Mach mir nichts vor, Al! Du bist ausgekniffen. Ich kann es deinem Gesicht ansehen und an der Art, wie du dich bewegst. Du bist das schlechte Gewissen in Person.«

Marvin schaute sich um.

Auf der anderen Straßenseite war eine alte Frau zu sehen, die ihren Hund ausführte, ansonsten war niemand in der Nähe, von dem Gefahr drohte.

Marvin wandte sich an Whistler.

»Du willst mich also in die Pfanne hauen«, stellte er fest.

Whistler lachte kurz.

»So darfst du das nicht sehen. Die kriegen dich doch sowieso, Junge. Ein paar Stunden Freiheit mehr oder weniger fallen für dich nicht ins Gewicht. Aber für mich stehen einige tausend Pfund auf dem Spiel. Du wirst einsehen, dass ich sie unmöglich schießen lassen kann.«

»Ein feiner Kumpel bist du!«

»Ich bin ein Windhund«, gab Whistler schulterzuckend zu. »Habe ich jemals etwas anderes behauptet? Nein! Komm jetzt, wir verplempern nur kostbare Zeit!«

Er streckte seine Hand aus.

Marvin schlug zu.

Mit der Linken fegte er Whistlers Arm beiseite, mit der Rechten platzierte er einen knallharten Schwinger.

Marvin war in der Schule ein guter Sportler gewesen, er hatte sogar der Boxstaffel angehört. Seit jenen Tagen war er nicht mehr dazu gekommen, sich fit zu halten. Und der Alkohol hatte ein Übriges getan, um seine Kondition zu schwächen. Trotzdem hatte er nicht vergessen, worauf es ankam, und seine Rechte hatte einen knallharten Punch.

Whistler stolperte zurück.

Die Wucht des Treffers erschütterte ihn vor allem deshalb, weil er Marvin diese Attacke nicht zugetraut hatte.

Whistler lief rot an.

»Ich hab’s gut mir dir und mir gemeint«, prustete er, »aber du kannst es auch anders haben.«

Er riss die Fäuste hoch und griff an.

Marvin ließ den Gegner ins Leer laufen.

Der Konter mit der Linken traf sein Ziel.

Whistlers Kopf flog zurück, die Überraschung in seinen Augen nahm zu.

Marvin setzte nach.

Er wusste, worum es ging.

Aber das wusste auch Whistler. Für ihn standen ein paar tausend Pfund auf dem Spiel.

Whistler schlug mit der Linken zu.

Er versuchte, seinen Gegner unterhalb der Gürtellinie zu treffen.

Marvin wirbelte herum und nahm dem Schwinger die Wucht.

Whistler fluchte und schlug erneut zu.

Er lief geradewegs in Marvins Konter, dessen Linke genau traf.

Whistler brach zusammen.

Marvin hielt sich nicht damit auf festzustellen, ob der Ausgang des Kampfes Zeugen gefunden hatte und wie Whistler sich fühlte. Er sprang in Whistlers Wagen und schlug die Tür zu. Er legte den Gang ein, ließ die Kupplung kommen und sorgte dafür, dass der Morris mit einem aggressiven Sprung und mit quietschenden Reifen startete.

Es war klar, dass Whistler schnurstracks zur Polizei laufen und Anzeige erstatten würde, aber Marvin fand, dass es nach Lage der Dinge auf ein Diebstahlsdelikt schon gar nicht mehr ankam.

Rote Typen des von ihm benutzten Morris gab es in der Stadt wie Sand am Meer. Dieser Umstand erschwerte der Polizei die Fahndung und verlieh ihm eine gewisse Sicherheit.

Im Übrigen hatte er nicht vor, den Wagen längere Zeit zu benutzen.

Er fuhr geradewegs zum Regent’s Park, hütete sich jedoch davor, in die Glentworth Street einzubiegen. Ihm dämmerte, welche Erwartungen Caldwey hegte, und er hatte nicht vor, ihnen zu entsprechen.

Er stellte den Morris am Dorset Square ab und begab sich in die Siddons Lane, die parallel zur Glentworth Street verlief. Dann betrat er einen schmalen Durchgang, der Brandschutzzwecken diente, und erreichte den Zaun eines Gartengrundstücks. Er überwand ihn rasch, ging hinter einem duftenden Busch in Deckung und schaute sich prüfend um.

Das Haus, in dem Clarissa Laughton wohnte, war nur durch zwei Gärten von seinem Standort entfernt.

Zweifellos war es riskant, bei helllichtem Tag die zwischen ihm und dem Haus liegenden Hecken und Gärten zu überqueren, aber Clarissa Laughtons offene Terrassentür übte auf ihn einen unwiderstehlichen Reiz aus.

Er trat hinter dem Busch hervor und huschte geduckt auf die nächste Hecke zu. Bei seinem kurzen, von lebhaftem Herzklopfen begleiteten Manöver irritierten ihn die aus offenem Fenster dringenden Lautsprecherstimmen, das von einem nahen Spielplatz ertönende Kindergeschrei und die dumpfen Laute, die eine Hausfrau verursachte, die einen Teppich ausklopfte.

Marvin atmete auf, als er Clarissa Laughtons Garten erreicht hatte. Er zögerte nicht, über die Terrasse und die offenstehende Tür ins Wohnzimmer zu huschen.

Clarissa Laughton befand sich nicht darin, aber das halblaut aufgedrehte Radio und die offenen Türflügel ließen darauf schließen, dass das Mädchen sich im Haus aufhielt.

Er hörte Schritte und ging hinter einem wuchtigen Ohrensessel in Deckung.

Die Tür öffnete sich.

Das Telefon klingelte.

Die Schritte wurden von hochhackigen Damenabsätzen erzeugt.

»Laughton«, ertönte im nächsten Moment die samtig anmutende Mädchenstimme.

Stille.

»Mein Gott, entwichen?«, entfuhr es Clarissa Laughton Sekunden später .

Marvin verzog das Gesicht.

Es war zu erwarten gewesen, dass die Polizei das Mädchen warnte. Er konnte von Glück reden, dass dies erst jetzt geschah.

»Ja, ich danke Ihnen«, sagte Clarissa. »Ich schließe alle Türen und Fenster und stelle die Alarmanlage ein.«

Der Teilnehmer sagte noch etwas, das Albert Marvin nicht verstehen konnte.

Clarissa Laughton bedankte sich ein weiteres Mal und legte auf.

Sie ging zur Terrassentür und schloss beide Flügel. Dann verließ sie den Raum.

Marvin richtete sich auf.

Er schaute an sich herab und entdeckte, dass er aus dem Garten einen Klumpen Lehm ins Zimmer getragen hatte. Er hob ihn auf und steckte ihn in die Hosentasche.

Marvin hielt es für sinnlos, ein weiteres Mal mit Clarissa zu reden. Sie wünschte seinen Untergang und würde sich durch keinerlei Appelle an ihr Gewissen von diesem Weg abbringen lassen.

Hexen haben kein Gewissen, dachte er.

Er hielt es für wichtig, innerhalb des Hauses eine Position zu beziehen, die es ihm ermöglichte, Clarissa Laughton, ihre Besucher und ihre Gespräche zu belauschen.

Nach kurzer Untersuchung fand er überraschend schnell, was er suchte: eine Abstellkammer, die sich hinter einer Tapetentür verbarg.

Der Raum war sichtlich seit langem nicht benutzt worden. Ein ausrangierter Sessel füllte sie fast völlig aus und bot sich als bequeme Wartestation an.

Marvin zog die Tür hinter sich zu.

Sie schloss dicht. Er war von völliger Dunkelheit umgeben und setzte sich.

Es klingelte.

Kurz darauf führte Clarissa den Besucher ins Wohnzimmer.

Marvin beugte sich gespannt nach vorn.

Er konnte die ersten Früchte seiner riskanten Aktion ernten.

»Bitte nehmen Sie doch Platz, Laura!«

»Danke!«

Die Stimme der Besucherin klang kühl.

»Wie ich sehe, tragen Sie keine Trauer«, sagte die Stimme von Laura.

»Sollte ich das?«

»Sie waren mit Bryan verlobt.«

»Ja! Es ist entsetzlich, dass er auf diese Weise enden musste. Es hat mich furchtbar mitgenommen.«

»Das glaube ich Ihnen nicht.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Ich habe Sie beobachtet. Beim Begräbnis. Sie standen in meiner Nähe. In Ihren Augen entdeckte ich nur Kälte und Hohn.«

»Wie können Sie es bloß wagen, so mit mir zu reden?«, empörte sich Clarissa.

»Ich bin für Fairplay, im Gegensatz zu Ihnen«, sagte Laura Cormick. »Ich bin hergekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass ich nicht eher ruhen werde, bis Bryans Ermordung aufgeklärt und gerächt worden ist.«

»Warum sagen Sie das mir? Ich bin dafür nicht zuständig. Ich habe ein Alibi. Sie scheinen das zu vergessen«, sagte Clarissa.

»Ich vergesse es keineswegs. Es war zu erwarten, dass Sie das Töten einem anderen überlassen und dafür sorgen würden, nicht selbst in Verdacht zu geraten.«

»Ich schwöre Ihnen, dass Bryans Tod mich völlig unvorbereitet getroffen hat.«

»Ich glaube Ihnen kein Wort.«

»Sie hassen mich, nicht wahr?«

»Ja, ich hasse Sie.«

»Warum? Bryan war mein Verlobter!«

»Er war mein Bruder. Bryan hat oft mit mir über das zwischen ihm und Ihnen bestehende Verhältnis gesprochen, er hatte niemanden sonst, an den er sich in seiner tiefen Verzweiflung hätte wenden können.«

»Sie machen mich neugierig. Ich hatte niemals den Eindruck, mit einem Verzweifelten verlobt zu sein. Das passte nicht zu seinem Erfolg, zu seiner Dynamik, zu seiner Stellung in der Gesellschaft. Was, bitteschön, hat er über mich gesagt?«

»Sie haben offenbar keine Chance ausgelassen, um Bryan zu quälen und zu demütigen«, sagte die Besucherin.

»Das ist absurd! Warum war Bryan mit mir verlobt? Er hätte die Verbindung jederzeit lösen können!«

»Er war Ihnen hörig, trotz allem.«

»Sind Sie gekommen, um mir das zu sagen? Wollten Sie Ihren Bruder ganz für sich haben? Werden Sie über seinen Tod hinaus von eifersüchtigen Regungen beherrscht? Damit machen Sie sich lächerlich.«

»Ich wollte Ihnen nur sagen, was Sie von mir zu erwarten haben«, erklärte die Besucherin.

»Beantworten Sie mir eine Frage, bitte!«, sagte Clarissa. »Welchen Vorteil sollte ich von Bryans Tod haben?«

»Das wissen nur Sie«, sagte Laura Cormick.

Das Knarren eines Stuhls verriet, dass sie sich erhoben hatte.

Sie schritt zur Tür und verließ den Raum ohne ein weiteres Wort.

Clarissa Laughton verzichtete darauf, die Besucherin in die Diele zu begleiten.

Die Haustür fiel ins Schloss, dann war Stille.

Knapp eine halbe Stunde später klingelte es erneut.

Diesmal wurden die Schritte des Besuchers von einem offenbar sehr alten Mann verursacht. Er bewegte sich schlürfend und mit hörbarer Mühe.

Als er Platz genommen hatte, stieß er einen Seufzer aus.

»Sie wissen, wer ich bin«, sagte der Mann.

Seine Stimme zitterte kaum merklich.

»Gewiss. Sie sind Mr Webster.«

»Ja!«

»Was kann ich für Sie tun, Sir?«

»Sie dürfen mir glauben, dass es mir ungeheuer schwerfällt, Sie um etwas Geduld wegen des Geldes zu bitten, das mein Sohn Ihnen schuldete.«

»Er schuldet mir nichts.«

»Nein?«

»Ich habe dafür Calhoun Castle in Besitz genommen, damit sind wir quitt.«

Eine kurze Pause entstand.

Das asthmatische Atmen war deutlich zu hören.

»Das kann nicht Ihr Ernst sein«, murmelte der Besucher.

»Hören Sie, Mr Webster! Derek hatte seine Chance. Ich habe ihm aus der Patsche geholfen und harte Bedingungen gestellt, um ihn zur Aktivität, zur Rückzahlung anzuspornen. Derek war kein Dummkopf. Er hat gewusst, worauf er sich einließ, als er den Schuldschein unterschrieb. Es war sein Pech, dass es ihm nicht gelang, das Geld aufzutreiben. Mir können Sie die Entwicklung wahrhaftig nicht anlasten!«

»Wie können Sie nur so grausam sein«, sagte der Alte. »Derek hat seinen Leichtsinn mit dem Leben bezahlt, er und wir sind wahrhaftig für das Geschehen bestraft worden. Sie können darüber hinaus nicht verlangen, dass der Schuldschein seine Gültigkeit behält.

»Calhoun Castle gehört mir. Wollen Sie das Ganze anfechten?«

»Ich will Sie bitten, Gnade vor Recht ergehen zu lassen«, sagte der Alte mit bebender Stimme.

»Geben Sie sich keine Mühe, Mr Webster! Die Würfel sind gefallen.«

»Das ist alles, was Sie mir zu sagen haben?«, würgte der Besucher hervor.

»Sie wissen, wo sich die Tür befindet«, erklärte Clarissa kühl. »Ach, noch eins, bitte. Wann werden Sie den Kasten geräumt haben?«

Der Besucher stemmte sich ächzend aus seinem Sessel hoch.

»Ich verfluche Sie«, stieß er hervor.

Clarissa lachte.

»Sie sind rührend, wirklich!«

»Ich verfluche und verdamme Sie!«

»Beruhigen Sie sich! Oder wollen Sie sich der Gefahr eines Herzinfarktes aussetzen? Sie täten Ihrer Familie damit keinen Gefallen.«

Ein kurzes trockenes Schluchzen ertönte, dann bewegten sich die schleppenden, schlurfenden Schritte quer durch den Raum auf die Tür zu.

Es war für Marvin zu hören, dass der alte Mann sich nur unter letzter Kraftaufwendung zu bewegen vermochte.

Clarissa unternahm nichts, um ihn zu stützen, aber sie begleitete ihn hinaus, schweigend.

Die Tür fiel ins Schloss.

Clarissa kehrte ins Wohnzimmer zurück. Sie sang vor sich hin.

Marvin hörte die Melodie zum ersten Male.

Sie war süß und fremd zugleich, sie ging ihm unter die Haut, aber sie machte ihm auch Angst.

Er atmete mit offenem Mund und war mehr denn je davon überzeugt, dass Clarissa Laughton eine Hexe war.

Die schönste Hexe der Welt.

 

*

 

Laura Cormick schrak zusammen, als das Läuten des Telefons sie aus ihren düsteren Gedanken riss.

Sie war wütend über ihre Reaktion, aber seit dem Tode ihres Bruders neigte sie zur Aggressivität, aber auch zu nervöser Schreckhaftigkeit.

»Cormick«, meldete sie sich.

Sie hörte das Atmen eines Menschen, sonst nichts.

»Wer ist da?«, fragte sie stirnrunzelnd.

»Ich bin Al Marvin.«

»Marvin, Marvin... Sind Sie nicht der Mann, den die Polizei sucht?«

»Genau der.«

»Was wollen Sie von mir?«

»Ich muss Sie warnen.«

»Wovor?«

»Vor Laura. Und vor dem Fisch.«

Laura Cormick schmetterte den Hörer auf die Gabel.

Sie hatte keine Lust, sich mit einem Verrückten zu unterhalten.

Kurz darauf klingelte erneut das Telefon.

Laura zögerte, den Hörer abzunehmen, aber schließlich tat sie es doch.

Sie nannte ihren Namen.

»Legen Sie nicht auf!«, sagte Marvin rasch. »Es geht um Clarissa Laughton. Ich weiß, dass Sie sie hassen und töten wollen...«

»Sie haben den Verstand verloren«, fiel Laura dem Anrufer ins Wort. »Ich bin keine Mörderin. Aber ich gebe zu, dass ich Clarissa Laughton für schuldig halte, den Tod meines Bruders in Szene gesetzt zu haben. Ich habe vor, die Hintergründe des Geschehens aufzuhellen und Clarissa zur Verantwortung zu ziehen, nicht mehr und nicht weniger.«

»Sie haben in mir einen Verbündeten.«

»Ich kenne Sie nicht«, sagte Laura Cormick ärgerlich. »Was bringt Sie auf den Gedanken, dass ich Ihren Anruf ernst nehmen könnte?«

»Ich kann Ihre Erregung verstehen. Für Sie bin ich ein Mann, den die Polizei sucht, einer, dem man nicht vertrauen kann, aber ich bin ein Opfer von Clarissa geworden, auch wenn ich noch lebe. Ich wäre ohne diese Hexe nicht in meine bedrohliche Lage geraten. Die Dinge sind freilich sehr viel komplexer, als sie sich auf Anhieb darstellen. Diese Dinge hängen damit zusammen, dass sich in meiner Wohnung ein präparierter Fisch befand, den Clarissas Komplizen als Mordwaffe benutzten. Mit diesem Fisch wurden Ihr Bruder, Wittacker und Webster getötet.«

»Ich muss annehmen, dass Sie lediglich versuchen, von der Enterhaken-Theorie abzulenken.«

»Sie stammt von Clarissa. Glauben Sie ihr?«

»Nein!«

»Na, bitte!«

»Ich verstehe trotzdem nichts von dem, was Sie sagen«, meinte das Mädchen.

»Ich kann es mir aus zweierlei Gründen nicht leisten, ins Detail zu gehen«, sagte Marvin. »Erstens stehe ich unter Zeitdruck und muss vermeiden, dass man mich bei diesem Anruf erwischt, und zweitens zeigt Ihre erste spontane Reaktion mit dem Auflegen, wie schwierig es ist, auf diese Weise zu kommunizieren. Sie halten mich für einen Spinner, nicht wahr?«

»Nein, ich glaube nicht, dass Sie das sind«, sagte Laura leise und setzte sich. Irgendetwas an der Stimme von Albert Marvin machte sie sympathisch.

Es war eine gute Stimme, auch wenn sie im Augenblick Hektik und Nervosität ausstrahlte.

»Ich melde mich nochmals bei Ihnen«, versprach Marvin. »Morgen oder übermorgen. Vorab muss ich mich damit bescheiden, Sie zu warnen. Es geht um Ihr Leben. Es wird von Clarissa bedroht «

»Wie wollen Sie das belegen?«

»Bryan, Wittacker und Webster mussten sterben, weil sie Clarissa bedrohten«, fasste Albert Marvin zusammen. »Jetzt sind Sie es, die das Mädchen auf diese Weise provozieren. Wollen Sie enden wie diese drei?«

»Das ist absurd. Sie legen Ihren Worten falsche Voraussetzungen zugrunde. Bryan hat Clarissa nicht bedroht. Es war genau umgekehrt. Er wurde das Opfer der Bedrohung.«

»Haben Sie schon mal was vom Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung gehört?«; fragte Marvin ungeduldig. »Was sich wie die Ermordung Ihres Bruders darstellt, wie ein brutaler Raubmord, dürfte in Wahrheit das Ergebnis einer Defensivaktion gewesen sein. Ich vermute, dass Bryan Clarissa töten wollte. Deshalb musste er sterben, aus keinem anderen Grund. Auch Wittacker und Webster müssen sich für Clarissa zu einer Bedrohung entwickelt haben. Diesen Umstand bezahlten sie mit ihrem Leben. Jetzt bedrohen Sie das Mädchen, jetzt stehen Sie im Zentrum einer tödlichen Bedrohung!«

»Was soll ich dagegen tun? Mich unter Polizeischutz begeben?«, fragte Laura spöttisch und leicht gereizt.

»Nein, davon halte ich nichts«, sagte Marvin, »aber ich rate Ihnen, sich auf das Schlimmste gefasst zu machen. Ihre Gegner sind keine normalen Menschen. Es sind Abgesandte der Dunkelwelt.

»Lieber Himmel, was meinen Sie mit Unterwelt? Clarissa ist schön und gemein, aber sie ist keine Gangsterbraut«, sagte Laura.

»Ich sagte nicht Unterwelt, sondern Dunkelwelt«, korrigierte Albert Marvin, der deutlich spürte, wie schwierig es war, Verständnis für seine makabre Hypothese zu finden. »Unsere Gegner sind keine Gangster, sondern Dämonen. Clarissa ist eine Hexe. Ich kann das beweisen, wenn auch nicht jetzt und hier am Telefon.«

»Was raten Sie mir zu tun?«

»Informieren Sie sich über die Mittel und Wege, die der Dämonenbekämpfung dienen. Man kann sie mit Weihwasser vertreiben oder mit geweihten Kugeln vernichten, auch Pfahlkreuze sollen sich dabei bewährt haben. Achten Sie auf einen hochgewachsenen Mann, der einen schwarzen Koffer mit sich herumschleppt. Er ist der Mann, der den Tod ins Haus bringt.«

»Ich werde Ihre Worte beherzigen«, spottete Laura und legte auf.

Schade! Die Stimme des Anrufers hatte ihr gefallen, und vieles von dem Gesagten klang plausibel, aber seine Worte wurden von der abstrusen Schlussfolgerung überschattet und entwertet.

Hexen und Dämonen?

Großer Gott, doch nicht in London.

Allenfalls in seinen Kinos und in einer immer üppiger wuchernden Horrorliteratur.

Laura trat ans Fenster und blickte hinaus.

Das Apartment, das sie nur bei ihren seltenen Besuchen in London bewohnte, befand sich in der schmalen Date Street.

Die Fenster wiesen zur Straße.

Laura schluckte, als sie den Mann sah, der die Fahrbahn überquerte und auf das Haus zuging, in dem sie wohnte.

Er entsprach Albert Marvins Beschreibung.

Er trug einen schwarzen Umhang und hatte einen schwarzen Koffer in der Hand.

 

*

 

Marvin schreckte aus dem Schlaf hoch.

Seine unbequeme Lage machte ihm augenblicklich klar, wo er sich befand.

Er erhob sich vorsichtig aus dem Sessel und streckte sich.

Er hörte Clarissas Gesang.

Die Leuchtziffern seiner Armbanduhr wiesen auf zwölf.

Er hörte Schritte.

Clarissa ging zur Tür und verließ den Raum.

Marvin hatte das Gefühl, ersticken zu müssen.

Er öffnete die Tapetentür und blickte ins Wohnzimmer. Dort brannte nur eine Stehlampe.

Auf dem Tisch stand der Glaskasten, der Max enthalten hatte.

Der Kasten war leer.

Marvin verließ sein Versteck und ging ungläubig auf den Kasten zu.

Als sich die Tür öffnete, war es für ihn zu spät, in die Abstellkammer zurückzukehren.

Er duckte sich blitzschnell hinter dem Ohrensessel ab.

Clarissa betrat das Zimmer.

Sie summte vor sich hin.

Marvin kannte inzwischen die merkwürdige Melodie.

Sie ging ihm unter die Haut, sie machte ihm Angst.

Irgendwo schlug eine Kirchturmuhr.

Clarissa verstummte.

In der Diele wurden Schritte laut. Die Tür öffnete sich.

Der Mann, der den Raum betrat, trug eine schwere Last. Er stellte sie mitten im Zimmer ab.

Marvin glaubte zu wissen, wer der Besucher war und was er bei sich führte.

Marvin überwand seine Angst und peilte hinter dem Sessel hervor.

Er fand seine Annahme bestätigt.

Der Mann im schwarzen Umhang war gekommen, der Fremde mit den düsteren, marionettenhaften Gesichtszügen.

Die Tatsache, dass er sich wie selbstverständlich im Haus bewegte, machte klar, dass zwischen ihm und Clarissa volles Einvernehmen herrschte.

»Sie hat nicht geöffnet«, sagte er.

»Du kommst spät.«

»Ich habe gewartet und auf eine Möglichkeit des Eindringens in ihre Wohnung gehofft«, entschuldigte sich der Mann. »Schließlich habe ich sie mir gewaltsam verschafft.«

»Du bist sehr geschickt.«

»Meine Geschicklichkeit war nutzlos. Laura war nicht zu Hause. Sie muss etwas geahnt haben, sie hat das Haus durch einen Seitenausgang verlassen.«

»Ich friere«, sagte Clarissa.

Marvin, der seinen Kopf längst wieder zurückgezogen hatte, hörte das Klappern ihrer Zähne.

Hatte sie Fieber?

Es war warm im Zimmer, für Clarissas Reaktion gab es keine Erklärung.

»Das ist ganz natürlich. Das Menschsein in dir wehrt sich gegen die Wandlung.«

»Wird es danach völlig ausgelöscht sein?«

»Völlig«, versicherte der Mann.

»Woran liegt es, dass ich so spät von meiner Bestimmung unterrichtet wurde?«

»Ein Teil deines Wesens stand schon immer auf unserer Seite. Es war nicht nötig, darüber hinaus mit Hinweisen und Eröffnungen zu operieren.«

»Oh, Globan«, seufzte Clarissa. »Ich habe Angst.«

»Dazu besteht kein Anlass. Du bist eine Auserwählte. Du hast den Auftrag, dem Bösen zu dienen oder dem«, fügte er spöttisch hinzu, »was die Menschen böse nennen. Für uns ist es das Gute.«

»Wird es ein bestimmter, ein gezielter Auftrag sein?«, fragte Clarissa.

»Ja. Du wirst Larry Fight heiraten.«

»Wer ist Larry Fight? Warte! Ich habe den Namen wiederholt gelesen. Er ist Politiker, nicht wahr?«

»Ja! Larry trägt seinen Familiennamen zurecht. Er ist ein Kämpfer, ein junger Konservativer, von dem man glaubt, dass er seinen Weg machen und in spätestens acht Jahren britischer Premier sein wird«, sagte Globan.

»Was hat das mit mir zu tun? Ich verkehre nicht in diesen Kreisen. Ich habe keine Chance, den Burschen kennenzulernen, oder?«

»Als Herrin von Calhoun Castle wirst du Gelegenheit finden, stilvolle Gesellschaften zu geben. Larry Fight wird sich einer solchen Einladung nicht verschließen. Er liebt schöne Frauen. Er wird sich in dich verlieben. Du hast den Auftrag, ihn hörig zu machen. Er wird dich heiraten. Als seine Frau kannst du in unserem Sinn mithelfen, dieses Land umzukrempeln.«

»Clarissa Fight. Klingt hübsch!«

Das Mädchen lachte.

»Du bist Zurrus Tochter, das wirst du bleiben, egal, welcher Name dich schmückt.«

»Ist dies mein erstes Leben?«

»Nein.«

»Was ist mit dir?«

»Mit mir?«

»Ja«, sagte Clarissa ungeduldig. »Ich weiß noch immer zu wenig von meiner Vergangenheit, meiner Bestimmung und meiner Familie. Mein Herz schlägt für meinen Vater, für dich und unsere Sache, aber es gibt da noch so vieles, was ich nicht begreife und was mir Angst macht.«

»Warte die Stunde der Wandlung ab!«, empfahl Globan. »Danach wird alles anders sein.«

»Was ist mit Marvin?«

»Wieso fragst du?«

»Hat er sich gemeldet?«

»Der wird sich hüten! Dem habe ich klargemacht, wo sich mein Standort befindet.«

»Er muss in der Nähe sein.«

»Wie kommst du darauf? Die Polizei beobachtet das Haus. Sie würde sofort zugreifen, wenn er sich blicken lassen sollte.«

»Die Burschen wissen also, dass ich bei dir bin«, stellte Globan fest. »Was wirst du ihnen sagen, wenn sie erfahren wollen, wer ich bin?«

»Ein Freund, werde ich sagen. Diese Leute haben kein Recht, in meine Intimsphäre einzudringen.«

»Sie misstrauen dir. In drei Mordfällen spielst du die wichtigste Nebenrolle.«

»Noch halten sie Marvin für den Täter.«

Globan zog hörbar die Luft durch die Nase.

»Seltsam! Mir ist so, als sei er hier. Hier im Zimmer.«

»Du siehst Gespenster«, meinte Clarissa und lachte spöttisch. »Oder zeigen die sich bloß Menschen?«

»Es ist besser, wenn ich gehe«, sagte Globan. »Die Polizisten werden notieren, wann ich gekommen bin und das Haus verlasse.«

»Zerbrich dir darüber nicht den Kopf! Du bist für sie ein Fremder, ein Irgendwer, ein Besucher, auf den sich ihre Fahndungstätigkeit nicht erstreckt.«

»Das sind keine Dummköpfe. Sie werden sich fragen, warum ich den schweren Koffer mit mir herumschleppe.«

»Lass ihn hier!«, riet Clarissa.

»Ich muss mich um Laura Cormick kümmern.«

»Wer hat ihren Tod befohlen?«

»Zurru, dein Vater. Er beschützt und bewacht dich. Er hält dir jede Gefahr vom Leib.«

»Ich füge mich gehorsam allem, was er befiehlt, aber ich wage zu bezweifeln, ob Laura Cormicks Hinrichtung für unsere Sache von Vorteil ist. Wenn ich diesen Larry Fight kennenlernen und heiraten soll, wäre es nicht gut, wenn mein Name in dem Ruf stünde, mit Blut und Unheil verbunden zu sein

»Leute wie Larry Fight werden darin eine Herausforderung sehen«, entgegnete Globan. »Ich sagte dir bereits, dass er ein Kämpfer ist. Natürlich wird es Leute geben, die ihn warnen und mitteilen werden, welche Risiken der Umgang mit dir birgt. Drei Tote, werden sie sagen. Mit Laura sogar vier. Willst du der nächste sein? Larry Fight wird darüber lachen. Er ist der geborene Sieger. So sieht er sich jedenfalls.«

»Eine Frage: Wie lange lebst du bereits unter Menschen?«, erkundigte sich Laura.

»Solange ich denken kann.«

»Du bist Tans Hüter. Du hast die Macht, ihn zum Leben zu erwecken. Wie kommt es, dass dir darüber hinaus nicht andere und größere Aufgaben zugeteilt werden?«

»Es gibt Dinge, in denen wir uns von den Menschen in geringerem Maße unterscheiden, als manche glauben mögen«, erklärte Globan. »Wir sind keine klassenlose Gesellschaft. Zurru ist unser Meister. Er gehört gleichsam dem Adel an. Als seine Tochter hast du einen entsprechenden Status. Ich bin nur ein Gemeiner.«

»Das Fußvolk der Hölle, was?«

Clarissa lachte leise.

»Es gibt keine lebende Gemeinschaft unterhalb der Gestirne, die auf diese Einteilung verzichten kann.«

»Und Tan, der Fisch?«

»Er ist Mitglied einer Kaste, die mindestens hundert Jahre Zwischenschlaf benötigt, um sich regenerieren zu können. Nach seiner Verwandlung wird er menschliche Züge tragen und so lange auf der Erde Zurrus Befehlen Folge leisten, wie es unserer Sache nützlich ist.«

»Und danach?«

»Er ist unsterblich. Sein »Tod« bedeutet lediglich eine vorübergehende Rückverwandlung in die Gestalt eines Urfisches. Mir ist es gegeben, ihn aus diesem Schlaf zu erwecken und für unsere Zwecke zu benutzen.«

»Du musst jetzt gehen.«

Globans Schritte näherten sich.

Marvin spannte die Muskeln.

Er verspürte plötzlich Todesangst.

Die Schritte stoppten.

Marvins Nackenhärchen sträubten sich.

Er erwartete einen dieser brutalen Schläge, aber seine Befürchtung erfüllte sich nicht.

Er hörte Geflüster, das er nicht verstand, dann sagte Globan:

»Ich muss es riskieren. Ich nehme ihn mit.«

»Was geschieht mit dem Kasten? Es wäre nicht gut, wenn sie ihn bei mir fänden.«

»Lasse ihn aus dem Wohnzimmer verschwinden! Das genügt. Falls jemand den Behälter entdecken sollte und wissen möchte, was es damit für eine Bewandtnis hat, kannst du behaupten, das Ding niemals vorher gesehen zu haben. Die Polizei wird in diesem Fall glauben, dass Marvin ihn ins Haus geschmuggelt hat, um sich ent- und dich belasten zu können«, sagte Globan.

»Eine brillante Idee.«

Globan ging.

Marvin lugte hinter dem Sessel hervor.

Der Mann im schwarzen Umhang schleppte den schweren Koffer mit sich.

Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.

Clarissa Laughton stand auf.

Sie begann zu trällern.

Diesmal war es eine andere Melodie als jene, die Marvin so faszinierte, aber auch jetzt hatte der Lauscher den Eindruck, als hörte er etwas völlig Neues.

Clarissa knipste das Licht aus und verließ das Zimmer.

Marvin registrierte, wie sie die Diele durchquerte und ins Obergeschoss stieg.

 

*

 

Er richtete sich auf, griff sich in den Rücken und verzog schmerzhaft das Gesicht.

Es war lästig und quälend gewesen, während des langen, aufschlussreichen Gesprächs zwischen den beiden in der Hocke verharren zu müssen.

Er erwog, Laura Cormick anzurufen und zu warnen, aber dann entschloss er sich, darauf zu verzichten. Möglicherweise befand sich in Clarissas Schlafzimmer ein Zweitanschluss, der es ihr ermöglichte, den Anruf zu verfolgen.

Marvin öffnete die Terrassentür, huschte ins Freie und gelangte nach der Klettertour über Zäune und Hecken in den Durchgang, der zur Straße führte.

Er zögerte, ehe er in die Siddons Lane einbog.

Whistlers roter Morris stand an dem Platz, wo Marvin ihn abgestellt hatte. Das musste keineswegs bedeuten, dass alles in Ordnung war. Die Straßenbewohner konnten sich über das ungepflegt aussehende, wie ein Fremdkörper wirkende Fahrzeug gewundert und die Polizei verständigt haben. Es war auch nicht ausgeschlossen, dass der Besatzung eines Streifenwagens der als gestohlen gemeldete Morris aufgefallen und der Zentrale gemeldet worden war.

Wenn schon! In London wurden täglich Dutzende von Wagen gestohlen.

Die Polizei konnte es sich nicht leisten, einen Beamten in Wagennähe in Lauerstellung gehen zu lassen. Das war schon aus Personalmangel nicht machbar.

Er setzte sich in den Wagen, startete den Motor und fuhr los.

Seine Erregung legte sich nur langsam. Er schaute wiederholt in den Rückspiegel und überzeugte sich davon, dass ihm niemand folgte.

Er fuhr geradewegs in die Date Street, stoppte unweit des Hauses, in dem Laura Cormick wohnte, und stellte fest, dass hinter den Fenstern ihrer Wohnung kein Licht brannte.

Er stieg aus.

Der alte Morris seines Feindes war nicht zu sehen.

Marvin ging bis zur nächsten Ecke, betrat eine Telefonzelle und wählte Laura Cormicks Nummer.

Das Mädchen meldete sich.

Ihre sehr angespannt und leicht nervös wirkende Stimme verriet, dass sie noch nicht geschlafen hatte.

»Marvin«, sagte er. »Wie geht es Ihnen?«

»Wo sind Sie?«

»Nur einen Häuserblock von Ihnen entfernt. Globan ist zu Ihnen unterwegs. Sie wissen schon, der Unheimliche mit dem schwarzen Koffer. Ich weiß jetzt, wie der Killerfisch heißt. Sie nennen ihn Tan.«

»Der Mann war schon einmal hier.«

»Nicht nur einmal«, korrigierte Albert Marvin.

»Ich habe sein Klingeln unbeantwortet gelassen«, sagte Laura Cormick. »Ihr Anruf hatte seine Wirkung auf mich nicht verfehlt. Ich hatte Angst und verließ wenig später die Wohnung.«

»Das ist mir bekannt. Sie waren schlau genug, dabei einen Seitenausgang zu benutzen.«

»Woher wissen Sie das alles?«

»Ich war in Clarissas Haus. Ich habe mich in ihrem Wohnzimmer versteckt gehalten und wurde dort Zeuge einer fantastischen Unterhaltung zwischen Clarissa und Globan.«

»Was haben Sie vor?«

»Ehe ich diese Frage beantworte, wüsste ich gern, ob Sie etwas unternommen haben, um sich notfalls gegen Clarissa und deren Helfer zur Wehr setzen zu können.«

»Ja.«

»Nämlich?«

»Ich möchte darüber keine näheren Auskünfte geben«, sagte das Mädchen zögernd.

Marvin stellte sich mit dem Rücken zum Münzautomaten.

Er legte Wert darauf, das Geschehen auf der Straße im Auge zu behalten.

Er sah keine Menschenseele weit und breit.

»Sie misstrauen mir?« fragte er.

»Dazu besteht kein Grund«, meinte Laura. »Sie haben mich vor dem Unbekannten gewarnt. Und doch...«

Sie führte den Satz nicht zu Ende.

»Und doch?«, drängte Albert Marvin ungeduldig.

»Sie wissen so viel«, sagte das Mädchen. »Sie fangen an, mir unheimlich zu werden.«

»Ich werde mir selbst unheimlich«, erklärte Marvin mit grimmigem Spott. »Noch vor wenigen Tagen drehte sich mein ganzes Interesse um Alkoholgenuss, um den Mief und die Geborgenheit meines Pubs. Es war eine Flucht vor der Wirklichkeit. Jetzt, wo ich versuche, mich der Wirklichkeit zu stellen, entpuppt sie sich als ein Albtraum, als etwas fast Irreales, anscheinend irrealer als mein Kneipendasein.«

Er rief sich zur Ordnung. Es war sinnlos, ins Philosophieren zu geraten.

Globan war unterwegs, vielleicht hatte er sein Ziel, das Haus in der Date Street, bereits erreicht.

»Kann ich zu Ihnen kommen?«, fragte er.

»Jetzt, mitten in der Nacht?«

»Sie haben von mir nichts zu befürchten. Ich möchte nur in Ihrer Nähe sein, wenn es hart auf hart gehen sollte«, sagte Albert Marvin.

»Okay, ich erwarte Sie«, sagte das Mädchen nach kurzem Zögern.

»Ich klingle zweimal kurz und einmal lang«, sagte er. »Öffnen Sie auf kein anderes Klingeln!«

»Geht in Ordnung.«

Er legte auf, verließ die Telefonzelle und stand wenig später vor Laura Cormicks Wohnungstür.

Als das Mädchen öffnete, hielt sie eine Pistole in ihrer Hand.

Der Lauf der Waffe zielte geradewegs auf Albert Marvins Herz.

 

*

 

»Was soll das?«, entfuhr es ihm.

Laura Cormick musterte ihn prüfend, es schien, als versuchte sie mit ihren Blicken auf den Grund seiner Seele zu tauchen.

»Wenn es stimmt, was Sie sagten, muss ich mich in äußerster Vorsicht üben«, meinte sie.

Er schaute sie an.

Er war fasziniert von ihrer Jugend, ihrer Schönheit, ihrer Ausstrahlung.

Er wurde sich in fast schmerzhafter Weise seines Alters bewusst, aber auch der Verwüstungen, die der Alkoholgenuss in seinem Gesicht zurückgelassen hatte.

Laura Cormick trug Röhrenjeans aus Samt, darüber eine lose fallende Bluse mit tiefem Ausschnitt. Ihre hochhackigen Stiefeletten rundeten den Eindruck modischen Selbstbewusstseins ab. Es war ein Rahmen, der gut zu ihrem klaren Gesicht mit den langbewimperten Augen und dem vollen, weichen Mund passte.

»So habe ich Sie mir vorgestellt«, sagte sie und ließ die Waffe sinken.

Er betrat die Diele.

Laura schloss die Tür hinter ihm. Sie hängte die Kette ein.

»Habe ich Sie aus dem Schlaf gerissen?«, fragte er.

»Nein! Ich habe im Dunkel gesessen und nachgedacht«, sagte sie und führte ihn ins Wohnzimmer. Albert Marvin schaute sich beeindruckt darin um.

Der elegant möblierte Raum zeigte eine weibliche Handschrift. Es war zu spüren, dass Laura über Geld und Geschmack verfügte.

»Setzen Sie sich!«, forderte sie ihn auf.

Er wartete, bis sie auf einem kleinen Sofa Platz genommen hatte, dann ließ er sich ihr gegenüber in einem Sessel nieder.

Ihm entging keineswegs, dass das Mädchen die Pistole nicht aus der Hand legte.

Er fragte sich erschaudernd, was Laura Cormick wohl über ihn denken würde, wenn sie Gelegenheit finden sollte, die Hässlichkeit und die Unordnung kennenzulernen, mit der er sich in den letzten Jahren abgefunden und umgeben hatte. Es schien ihm jetzt fast so, als sei Max alias Tan mit seiner abstoßenden Hässlichkeit ein Symbol dieses Niedergangs gewesen.

»Sind Sie enttäuscht?«, fragte er.

»Wovon.«

»Sie hatten eine Vorstellung von mir. Ich scheine dieser Vorstellung zu entsprechen.«

»Ziemlich genau. Sie haben gute Augen.«

»Meistens sind sie etwas wässrig und vom Suff gezeichnet«, gab er zu.

»Nicht heute. Sie sind klar. Sie gefallen mir.«

Er glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen.

Er saß einem jungen, betörend schönem Mädchen gegenüber und bekam von ihr Komplimente, die sein Aussehen betrafen.

Hätte er nicht den Ernst in ihren großen Augen wahrgenommen, wäre er wütend geworden.

»Was ist mit dem Gesicht?«

»Man sieht ihm an, dass Sie gern trinken. Aber noch ist Zeit zur Umkehr für Sie. Wovon leben Sie?«

»Das ist ein beschämendes Kapitel. Ich bin Zahntechniker und war in meinem Beruf ein respektierter, sehr gesuchter Könner, aber der Alkohol hat mich ruiniert. Nein, ich habe mich selbst zerstört. Der Alkohol diente mir nur als Werkzeug«, erkannte er und schloss bitter:

»Mit diesen Händen kann ich gerade noch ein Glas halten.«

»Warum ändern Sie das nicht?«

»Ich wüsste niemand, für den sich dieser Aufwand lohnte«, sagte Marvin.

»Warum kämpfen Sie dann gegen Clarissa und deren Hinterleute?«

»Um zu überleben. Ich kämpfe um die Rückkehr in den Mief des Pubs«, sagte er.

»Das glaube ich Ihnen nicht. Ich will es einfach nicht glauben«, meinte Laura.

»Okay, im Augenblick bemühe ich mich darum, nüchtern zu bleiben«, sagte er. »Ich kann es mir einfach nicht leisten, meinen Kummer mit Alkohol zu betäuben. Sie wissen, in welcher Lage ich mich befinde. Die Polizei ist hinter mir her, ich stehe praktisch unter Mordanklage. Mein Gesicht ist der ganzen Stadt bekannt. Die Presse hat das von einem Polizeizeichner glänzend hergestellte Phantombild veröffentlicht. Ich muss mich versteckt halten, wenn ich nicht geschnappt werden will. Aber ich muss mich nicht nur gegen die Polizei wehren, ich muss auch befürchten, von Clarissa und Globan vernichtet zu werden.«

»Keine beneidenswerte Situation, nicht wahr?«, fragte das Mädchen und schob die Pistole unter ein Sofakissen.

»Ihre ist wenig besser.«

»Das sagen Sie«, meinte Laura. »Noch bedarf es eines konkreten Beweises...«

»Sie werden ihn bekommen«, sagte Marvin. »Nicht von mir, sondern von den anderen. Von Clarissa zum Beispiel. Oder von Globan. Diese Teufel schrecken vor nichts zurück.«

»Sie wollen Clarissa und Globan belauscht haben. Worum ging es in dem Gespräch?«

Marvin runzelte die Augenbrauen.

Er fand es zutiefst irritierend, dass Laura einerseits die Qualität seiner Augen lobte und andererseits durchblicken ließ, dass sie keineswegs dazu neigte, jedes seiner Worte für bare Münze zu nehmen.

Er fand das inkonsequent und verletzend zugleich.

Du kannst ihr das nicht verdenken, rief er sich zur Ordnung.

Niemand in dieser Stadt würde dir Glauben schenken. Dafür sind deine Erfahrungen und Beobachtungen zu monströs.

»Ja, ich habe die beiden belauscht. Aber ich möchte nicht darüber sprechen. Am Ende unterstellen Sie mir krankhafte Phantastereien.«

»Ich möchte trotzdem hören, was Sie mir zu sagen haben«, entgegnete das Mädchen.

Er packte aus, was er gehört hatte, sprach mit rascher, leiser Stimme.

Er war nur mit halbem Herzen bei der Sache, denn er lauschte gleichzeitig nach draußen und wartete auf ein Geräusch, auf ein Signal des Mannes, der unterwegs war, um Laura zu töten.

»Was ist das für eine Pistole, die Sie unter dem Kissen liegen haben?«, erkundigte er sich.

»Bryan hat sie mir geschenkt, vor vielen Jahren. Ich bin als sehr junges Mädchen von einem Kriminellen attackiert worden. Bryan ließ sich daraufhin etwas einfallen. Mit Hilfe seiner Beziehungen verschaffte er mir einen Waffenschein und die dazugehörige Pistole.«

»Das meine ich nicht. Was befindet sich im Magazin der Waffe?«, fragte Albert Marvin.

Laura senkte errötend die Lider.

»Geweihte Kugeln«, sagte sie.

»Die gibt es in keinem Geschäft zu kaufen. Wie haben Sie sich die Dinger beschafft?«

»Eine Freundin von mir beschäftigt sich seit Jahren mit Fragen des Okkultismus. Sie hat mir die Kugeln ins Haus gebracht.«

»Weiß sie, worum es geht?«

»Nur in groben Zügen.«

»Ist das Mädchen zuverlässig. Oder könnte man sie umgedreht haben?«

»Umgedreht?«, echote Laura verständnislos.

»Zurru hat seine Augen überall. Könnte es ihm gelungen sein, das Mädchen zur Mitarbeit zu zwingen und gegen Sie auszuspielen?«

»Das bezweifle ich«, sagte Laura verwirrt.

Albert Marvin erhob sich abrupt.

 

*

»Pssst!«, machte er. »Ich höre Schritte. Löschen Sie das Licht!«

Laura knipste die Stehlampe aus.

Durch die geschlossenen Fenstervorhänge fiel das Licht der Straßenlampen in den Raum. Marvin trat ans Fenster, schob die Übergardine beiseite und blickte hinaus.

Ein hinkender Mann kam die Straße entlang.

Er bewegte sich mit gesenktem Kopf auf der anderen Straßenseite und war gut einen Fuß kleiner als Globan.

»Blinder Alarm«, sagte Albert Marvin und wandte sich um. »Trotzdem bin ich dafür, dass wir im Dunkeln bleiben. Globan soll annehmen, dass Sie sich zur Ruhe begeben haben.«

»Wie nennt sich Clarissas Vater? Zurru? Ich frage mich, wer sich dahinter verbirgt. Der Satan?«

»Ein Dämon, vermute ich.«

»Was will Zurru erreichen? Welchen Sinn hat das Ganze?«, wunderte sich Laura.

»Ich bin auf Spekulationen angewiesen«, erwiderte Marvin. »Für Zurru, Globan und Clarissa geht es um das Böse an sich. Es ist ihr Lebenselement. Natürlich verfolgen sie damit auch ein spezielles Ziel. Ich habe versäumt, es zu erwähnen. Sagt Ihnen der Name Larry Fight etwas?«

Lauras Stimme klang verblüfft.

»Aber gewiss. Er sagt mir sehr viel. Wie kommen Sie gerade auf Larry?«

»Sie kennen ihn?«

»Larry ist mein Freund«, erwiderte das Mädchen. »Der beste, den ich habe: Wir haben vor, zu heiraten.«

 

*

 

Marvins Herz machte einen lebhaften Sprung.

Er verspürte einen schmerzhaften Stich und war erstaunt, plötzlich Eifersucht zu empfinden.

Beherrscht von widerstreitenden Empfindungen, kehrte er an seinen Platz zurück.

Er setzte sich.

»Sie lieben ihn?«, fragte er leise.

Laura griff tastend nach einer Zigarette.

Das aufflammende Streichholz beleuchtete ihr Gesicht.

»Ich bewundere ihn«, sagte sie.

»Er soll sehr tüchtig sein.«

»Larry wird seinen Weg machen. Er ist Politiker und besitzt, was nur sehr wenige haben: Charisma. In seiner Partei gilt er als kommender Mann, als Wahllokomotive. Er hat die Gabe, Menschen zu faszinieren. Was bei anderen dumm und banal klingt, wie das Wortgeklingel von Stimmenfängern, gewinnt in seinem Mund Format und Überzeugungskraft. Manchmal macht er mir Angst mit diesen Eigenschaften. Was ist mit ihm? Warum erwähnen Sie seinen Namen?«

Marvin zögerte, dem Mädchen die Wahrheit zu sagen, aber dann teilte er Laura mit, was er in Clarissas Wohnzimmer gehört hatte.

»Clarissa und Larry?«, flüsterte Laura konsterniert. »Nein!«

»Es muss nicht soweit kommen«, meinte Albert Marvin tröstend. »Man kann ihn warnen.«

»Wie denn?«, fragte das Mädchen. »Larry glaubt nicht an Geister und Dämonen. Darüber lacht er nur. Wenn ich ihm sagte, was Sie gehört haben, wäre das für ihn nur ein Grund, sich für Clarissa zu interessieren. Larry hat ein Faible für das Besondere, er wird sich von Clarissas Ausstrahlung umgarnen lassen.«

»Wenn Sie ihn lieben, sollten Sie ihm vertrauen«, sagte Marvin.

»Ich habe nicht gesagt, dass ich ihn liebe. Ich sagte, dass ich ihn bewundere.«

»Unser Problem besteht darin, ernst genommen zu werden«, erkannte Marvin. »Wir wissen, worum es geht und was uns bedroht, aber wir können vermutlich niemand finden, der uns Glauben schenkt. Wir müssen den Kampf allein führen.«

»Was war das?«, hauchte das Mädchen plötzlich.

Albert Marvin straffte sich.

»Haben Sie etwas gehört?«

»Pssst!«

In der Wohnung herrschte Stille.

»Mir war es so, als würde ein Dielenbrett knacken«, flüsterte das Mädchen.

»Wie viele Zugänge hat die Wohnung?«

»Nur einen.«

»Und die Fenster.«

»Ja, aber die sind verschlossen. Man kann sie nicht aufbrechen, ohne Lärm zu erzeugen.«

Marvin erhob sich.

Obwohl er nichts hörte, wurde er von der nervösen Spannung ergriffen, die auch Laura empfand.

»Ich sehe mich in den anderen Räumen um«, sagte er.

»Nein!«, stieß Laura hervor und griff nach ihrer Pistole. »Lassen Sie mich das machen! Ich bin bewaffnet.«

»Das ist meine Sache«, erklärte er und näherte sich der Tür.

Als er seine Hand nach der Klinke ausstreckte, wurde sie aufgerissen.

Marvin konnte nicht sehen, wen oder was er vor sich hatte, aber er erinnerte sich an seine demütigenden Niederlagen und griff blindlings an, um eine Wiederholung zu vermeiden.

Seine Faust traf ein Gesicht.

Laura griff nach dem Lichtschalter und betätigte ihn.

»Aufhören!«, schrie sie.

Marvin schlug erneut zu.

Er hatte Globan vor sich.

In dessen Gesicht glühten Hass, Kampfeslust und Blutrünstigkeit.

Marvin traf das Gesicht seines Gegners.

Es war, als hämmerte er gegen eine Betonwand. Globan zeigte keine Reaktion.

Er verzog nur die Lippen, hob die Faust und ließ sie in Marvins Gesicht explodieren.

Marvin taumelte zurück, er hatte Mühe, den brutalen Schlag zu verkraften.

Ihm dämmerte, dass er gegen Globan keine Chance hatte.

»Aufhören!«, rief das Mädchen erneut.

Sie richtete mit bebender Hand die Pistole auf den Eindringling.

Hinter Globan stand mitten in der Diele der schwarze Koffer.

Er darf ihn nicht öffnen, schoss es Marvin durch den Kopf.

Wenn Tan in das Geschehen eingreift, sind wir verloren...

Globan lachte.

Sein Lachen war lautlos. Er schüttelte sich dabei.

Marvin griff erneut an.

Er kämpfte mit dem Mut der Verzweiflung.

Globans hochzuckende Rechte machte der Attacke ein Ende.

Marvins Kopf flog zurück, als wollte er sich vom Hals lösen.

Der Schlag ließ ihn taumeln, er brach in die Knie.

Er erstickte fast an der niederschmetternden Erkenntnis, sich vor Laura Cormick als Schwächling ausgewiesen zu haben.

»Ich habe eine Überraschung für euch«, sagte Globan und ging in die Diele.

Er beugte sich über den Koffer.

»Schießen Sie, los!«, keuchte Marvin. »Wenn er Tan freilässt, sind wir verloren. Dann enden wir wie Ihr Bruder und die anderen.«

Das Mädchen hob die Hand.

Ihr Zeigefinger lag am Abzug.

Sie krümmte ihn und spürte den Druckpunkt, aber sie hatte nicht die Kraft, ihn zu überschreiten.

Sie hatte noch niemals auf ein lebendes Wesen geschossen und begriff, dass sie das auch jetzt nicht tun konnte.

»Es geht nicht«, wimmerte sie.

Marvin gab sich einen Ruck.

Er kam auf die Beine, stolperte auf das Mädchen zu und riss ihr die Waffe aus der Hand.

Globan hatte bereits einen Verschluss des Koffers gelöst, er griff nach dem zweiten.

Marvin zielte und drückte ab.

Der Schuss weckte in dem Raum ein donnerndes Echo.

 

*

 

Es schien, als würde Globan von einem Peitschenhieb getroffen.

Er zuckte zusammen, richtete sich auf und drehte sich um.

In seinen Augen zeigten sich neben tiefem Hass auch grenzenloses Erstaunen und plötzliche Furcht. Er stieß einen krächzenden, hässlichen Laut aus.

Seine Gesichtszüge verzerrten sich.

Er tappte auf Albert Marvin zu. Der schoss erneut.

Globan stoppte. Er atmete keuchend.

Als er den Mund öffnete, schoss Blut daraus hervor.

Marvin schoss zum dritten Mal.

Globan brach in die Knie und kippte nach vorn. Dann schlug er mit der Stirn auf den Boden und röchelte.

»Mein Gott, was haben Sie getan?«, wimmerte das Mädchen fassungslos.

Albert Marvin ließ die Waffe sinken.

Er war unfähig, seine Blicke von Tans Hüter zu wenden.

Das Blut, das aus Globans Körper strömte, war von merkwürdiger Beschaffenheit. Noch während es ausfloss, verwandelte es sich in eine grauschwarze Flüssigkeit, die rasch ins Stocken geriet und sich vor Marvins und Lauras Augen in eine klebrige, widerliche Masse verwandelte.

Es schien, als würde sich Asphalt mit einer Schicht aus Schimmelpilz beziehen.

Gleichzeitig breitete sich im Zimmer ein widerlicher, geradezu bestialischer Gestank aus, der es dem Mädchen und Marvin schwermachte, zu atmen.

Laura faßte sich als erste, sie rannte zum Fenster, riss die Übergardinen beiseite und öffnete beide Flügel.

Sie beugte sich weit hinaus und pumpte ihre Lungen voll frischer Luft.

Es war zu merken, dass sie Angst hatte, sich umzudrehen und sich den Entscheidungen zu stellen, die jetzt unweigerlich auf sie und den Mann zukamen.

Marvin stieg über Globan hinweg.

Er ging in die Diele und knipste das Licht an.

Er schloss den Koffer und setzte sich darauf.

Laura Cormick zog ihren Kopf zurück und wandte sich um.

»Was... was ist das...?«, stammelte sie.

Ihr von purem Entsetzen geprägter Blick saugte sich an Globan fest.

Der schwarze Umhang, der Tans Hüter bekleidete, fiel in sich zusammen. Er wurde zu einer leeren Hülle.

Aus dem Körper, den er umgeben hatte, wurde eine zusammenschrumpfende, eklige Masse.

Der barbarische, kaum auszuhaltende Gestank nahm zu.

Laura hielt sich die Nase zu, rannte an Globan vorbei aus dem Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu.

»Was nun?«, fragte sie.

»Ich weiß es nicht«, erwiderte Marvin.

»Wir sollten die Polizei verständigen«, sagte das Mädchen nach kurzem Nachdenken.

Marvin starrte auf die Pistole, die er immer noch in der Hand hielt.

»Welchen Sinn sollte das haben?«

»Wir können beweisen, dass Globan ein Dämon war..

»Wie denn? Im Wohnzimmer befinden sich nur ein paar Kleidungsstücke und eine undefinierbare, stinkende Masse. Glauben Sie im Ernst, man könnte daraus einen Beweis für die Richtigkeit unserer Angaben konstruieren?«

»Globan hat sich nicht in Luft aufgelöst. Die Masse muss sich analysieren lassen.«

»Sie überschätzen die Leistungsfähigkeit der Laboranten«, sagte Marvin, der sich langsam beruhigte und zu begreifen begann, dass er nach einer Serie von Niederlagen endlich einen Sieg, fast einen Triumph, davongetragen hatte.

»Es muss sich doch feststellen lassen, woraus die Masse besteht!«

»Sicher!«, stimmte Albert Marvin zu. »Aber eine lange Liste chemischer Substanzen beweist noch lange nicht, dass diese Komponenten einmal einen Dämon ausmachten, ein Geschöpf, das wie ein Mensch aussah, das unsere Sprache beherrschte und trotzdem nichts mit uns gemein hatte.«

»Sind Dämonen unsterblich?«

»Ich kann es nicht sagen. Es ist wie mit uns Menschen, glaube ich. Es kommen immer neue hinzu. Für die Existenz einer Gattung zählen weder Namen noch Gesichter, sondern die Tatsache ständiger Erneuerung und laufender Neugeburten.«

»Ich habe Angst.«

»Dazu besteht kein Anlass«, sagte Albert Marvin und hob die Waffe. »Die geweihten Kugeln haben bewiesen, dass wir uns auf sie verlassen können.«

»Ich werde eine zweite Pistole besorgen«, versprach das Mädchen.

»Sobald der Gestank abgezogen ist, verbrennen wir Globans Sachen«, entschied Marvin.

»Wie denn?«, fragte Laura Cormick. »Die Wohnung besitzt eine Zentralheizung, sie hat keine Öfen.«

»Okay, dann werfe ich die Klamotten in den Fluss.«

»Was ist mit dem Koffer, auf dem Sie sitzen?« fragte das Mädchen ängstlich.

Marvin stand auf.

»Ich kann es nicht wagen, ihn zu öffnen. Tan könnte Sie oder mich anspringen. Für einen Schuss wäre es dann schon zu spät. Er reißt einem die Schlagader auf.«

Laura schüttelte sich.

»Wie entsetzlich«, flüsterte sie. »Der Koffer muss weg von hier. Ich bin dafür, ihn zu vernichten mitsamt Inhalt.«

»Ich lasse mir etwas einfallen«, sagte Marvin, schob die Pistole in den Hosenbund und öffnete die Wohnzimmertür.

Globans Sachen, sein Umhang und das, was er darunter getragen hatte, die unmodischen schwarzen Schnürschuhe und eine Armbanduhr lagen in einer übelriechenden Masse, die sich bewegte und einem raschen Schrumpfungsprozess unterworfen war.

Marvin schien es so, als ließe der infernalische Gestank allmählich nach, aber möglicherweise lag es nur daran, dass seine Nase sich an die Herausforderung gewöhnt hatte.

»Wie wird Zurru reagieren?«, fragte Laura, die ängstlich über Marvins Schulter blickte.

»Ich weiß es nicht.«

»Wie viele Helfer hat er in dieser Stadt? Wie viele Globans können sich gegen uns stellen?«

Marvin hob die Schultern und ließ sie wieder sinken.

Er drehte sich um und blickte dem Mädchen in die Augen.

»Wir müssen die Globans töten. Das sind wir uns und unseren Mitbürgern schuldig.«

»Wie wollen Sie sie finden?«

»Wir haben Clarissa«, sagte er.

»Sie wollen sie zwingen?«, flüsterte Laura.

»Uns bleibt keine Wahl. Noch ist sie nur eine Halbhexe, noch ist ihre totale Wandlung nicht vollzogen«, sagte er halblaut. »Ich frage mich, ob man sie retten kann.«

»Retten wovor?«

»Vor dem letzten, endgültigen Schritt ins Lager des Bösen«, sagte er. »Sie hat bis vor kurzem nicht gewusst, wofür sie bestimmt ist und weshalb sie in die Welt gesetzt wurde. Sie war fast wie eine von uns. Sie hat ihre Aufgabe gestellt bekommen und ist offenbar begierig, sie zu erfüllen. Trotzdem sollte man versuchen, Clarissa zur Umkehr zu bewegen.«

»Trauen Sie sich das zu?«

»Offen gestanden, nein«, sagte Marvin deprimiert.

»Clarissa hat das Leben meines Bruders auf dem Gewissen«, erklärte Laura. »Ich kann kein zweites Mal mit ihr sprechen. Clarissa verkörpert das Böse. Ich bezweifle, dass Sie, ich oder irgendein anderer fähig wären, das Mädchen Zurrus Zugriff zu entreißen. Clarissa ist die Tochter des Satans. Sie wird es bleiben.«

»Sie haben recht, nehme ich an«, sagte Marvin und versuchte, den Koffer anzuheben. »Ich wüsste gern, warum er so schwer ist.«

»Wollen Sie feststellen, was er enthält?« fragte Laura Cormick.

Marvin schüttelte den Kopf und richtete sich auf.

»Ich weiß, was drin ist«, sagte er. »Aber Max allein kann das Gewicht nicht bestimmen.«

»Er ist ein Fisch. Vielleicht enthält der Koffer einen Wasserbehälter?«

Marvin beugte sich erneut zu dem Koffer hinab, er schüttelte ihn.

»Sie könnten recht haben«, sagte er erstaunt. »Es hörte sich jedenfalls so an, als sei das Ganze nur ein Kanister.«

»Das ergibt keinen Sinn«, sagte das Mädchen. »Bei Ihnen hing der Fisch unter Glas, praktisch in einem luftleeren Raum. Er war präpariert.«

»Ich vermute, er kann nur unter bestimmten Umständen zum Leben erweckt werden«, sagte Marvin. »Der Koffer enthält kein Wasser im üblichen Sinn. Es muss eine Flüssigkeit besonderer Art sein, ein Lebenssaft. Sobald Tan ihn zu sich nimmt, wird er zum gefährlichen, tkampfbereiten Monster.«

»Lassen Sie uns die Polizei benachrichtigen! Diesem Gegner sind wir nicht gewachsen.«

»Den Satan bekämpfen Sie nicht mit Polizeigewalt«, meinte Marvin. »Selbst wenn ein so kluger, umsichtiger Mann wie Inspektor Caldwey begreift, dass es Dämonen gibt und dass Clarissa die Tochter des Bösen ist, könnte er schwerlich zugeben, dass es sich so verhält. Weder er noch andere Vertreter der Staatsgewalt können eingestehen, was nicht sein darf. Der Teufel auf Erden? Eine panikartige Reaktion der Bevölkerung wäre unausbleiblich. Es klingt seltsam, aber es ist schon so: Gewisse Wahrheiten haben keine Chance, jemals verbreitet zu werden. Finden sie trotzdem ihren Weg in die Öffentlichkeit, wird man sie verspotten und lächerlich machen. Der Verbreiter würde sogar riskieren, in einer Zwangsjacke zu enden.«

»Ich möchte, dass Sie hier bleiben«, sagte das Mädchen.

»Hier in der Wohnung?«

»Ja! Hier sucht Sie niemand, jedenfalls nicht die Polizei«, erklärte Laura. »Ich will nicht, dass man Sie verhaftet. Ich brauche Sie.«

 

*

 

Larry Fight kletterte prustend aus dem Swimmingpool.

Er streckte sich, machte ein paar Kniebeugen und griff nach dem bereitgelegten Frottiertuch.

Als er Schritte hörte, wandte er sich um.

Sein gebräuntes, markantes Gesicht verzog sich zu einem strahlenden Lächeln.

»Hallo, Liebes!«, sagte er und ging Laura entgegen. »Du siehst blendend aus! Ich habe gestern versucht, dich telefonisch zu erreichen, aber das ging leider daneben. Komm ins Haus. Oder ziehst du es vor, hier draußen einen Drink zu nehmen? Ein kleiner Gin Fizz kann nicht schaden.«

Sein Lächeln fiel in sich zusammen, er legte den Kopf zur Seite.

»Was ist los?«, fragte er. »Du wirkst verändert. Hast du Ärger? Oder kommst du nicht über das tragische Ende deines Bruders hinweg?«

»Lass uns ins Haus gehen!«, bat das Mädchen.

Larry Fight rieb sich flüchtig trocken, schlüpfte in seinen Bademantel und ergriff Laura Cormicks Hand.

»Wir haben eine Einladung bekommen«, sagte er. »Calhoun Castle hat den Besitzer gewechselt. Die neue Eigentümerin scheint Wert darauf zu legen, uns kennenzulernen.«

»Uns?«, fragte Laura. »Sie legt nur Wert auf dich.«

»Die Einladung ist an mich adressiert, aber du kommst selbstverständlich mit!«

»Weißt du, wer die Einladung ausgestellt hat?«

»Der Name ist kaum leserlich. Eine Miss Lawton oder so ähnlich.«

»Laughton«, stellte Laura richtig. »Clarissa Laughton.«

»Was denn«, sagte Larry Fight verdutzt und blieb stehen. »Das Mädchen, dem du vorwirfst, deinen Bruder in den Tod getrieben zu haben?«

»Genau die.«

»Liebste, ich möchte mich nicht wiederholen, aber findest du diese Unterstellungen nicht etwas absurd? Sie sind durch nichts beweisbar.«

»Du verstehst mich nicht! Ich weiß, wie sie Bryan gedemütigt hat und was er zuletzt ihr gegenüber empfand!«

»Er war mit ihr verlobt und hat nichts getan, um diese Bindung zu lösen«, meinte Larry Fight.

Sie hatten die Terrasse erreicht und setzten sich in den Schatten der aufgespannten Markise. Auf dem von bequemen Sitzmöbeln umstellten Terrassentisch standen eine Karaffe mit einem eisgekühlten Mixgetränk.

Der Mann füllte zwei davon.

Aus seinem dunkelblonden, dichten Haar tropfte das Wasser.

»Clarissa Laughton ist eine Hexe«, sagte Laura.

Larry Fight lachte.

»Du kannst sie nicht leiden. Das ist dein gutes Recht. Ich werde sie mir ansehen. Mich interessieren Menschen, die so harte Charakterisierungen provozieren, ich möchte wissen, wie sie beschaffen sind und was sie zu so gefürchteten Zeitgenossen macht.«

»Sie will dich heiraten.«

Er war verblüfft, dann lachte er.

»Wie kommst du denn darauf?«

»Ich weiß es!«

»Von wem?«

Laura spürte, wie sinnlos es war, Larry die volle Wahrheit sagen zu wollen. Er stand mit beiden Beinen in einem Leben, das feste Konturen hatte und von keinen Dämonen bevölkert wurde. Er glaubte nur, was er glauben wollte. Ihn reizten das Neue und Fremde. Er musste sich immer wieder beweisen, dass er diese Dinge mühelos in den Griff bekommen konnte, aber er schreckte auch nicht vor Kämpfen und Anstrengungen zurück.

Larry Fight hatte in seinem Leben noch keine wirkliche Niederlage erlitten.

Der Gedanke, dass sie ihm von Clarissa Laughton zugefügt werden könnte, raubte Laura den Atem.

Seltsamerweise war dabei keine Eifersucht im Spiel.

Wie hätte sie auf einen Mann eifersüchtig sein können, den so viele bewunderten?

Es war allein die Angst, dass dieser karrierebewusste und sehr fähige junge Mann von einer Hexe zerstört werden könnte.

Clarissa Laughton ging es allein darum, Larry als Werkzeug gegen diejenigen zu missbrauchen, denen er sich als Politiker verbunden und verpflichtet fühlte.

»Ich... ich habe einen Gast aufgenommen«, sagte sie.

»Kenne ich ihn?«

»Nein!«

»Du bist so merkwürdig. Fühlst du dich nicht wohl?«, fragte er.

»Vielleicht. Warum willst du nicht wissen, wer mein Gast ist? Macht es dir nichts aus, wenn ein Mann, den du nicht kennst, mit mir die Wohnung teilt?«

Larry Fight runzelte die Brauen.

»Ich vertraue dir. Rückhaltlos. Wäre dir damit gedient, wenn ich dumme Fragen stellte? Du wirst wissen, was du tust.«

»Ja, das weiß ich. Der Mann, den ich beherberge, wird von der Polizei gesucht.«

»Das ist nicht dein Ernst.«

»Ich weiß, dass er unschuldig ist.«

»Weil er es sagt?« fragte Larry Fight.

»Liebes, das ist keine Operationsbasis.«

Zwischen seinen Augen bildete sich eine tiefe, steile Unmutsfalte.

»Das kannst du nicht machen«, fuhr er fort. »Die Frage über Schuld oder Unschuld steht dir nicht zu. Dafür sind Polizei und Justiz da. Wie heißt der Mann?«

»Das ist jetzt unwichtig.«

»Was wirft man ihm vor?«

»Mord.«

Fight zuckte zusammen, als sei er von einem Stromstoß getroffen worden.

»Liebes, ich muss dir helfen. Du kannst diesen Mann nicht bei dir versteckt halten. Du machst dich damit strafbar.«

»Er hat mir das Leben gerettet!«

»Ich will das jetzt nicht näher untersuchen, aber ich muss darauf bestehen, dass du die Polizei einschaltest. Du machst dich sonst mitschuldig!«

»Wirst du Clarissa Laughtons Einladung befolgen?«, fragte Laura.

»Aber selbstverständlich! Wechsle nicht das Thema, bitte! Wir sprechen jetzt von diesem Kriminellen, der deine Güte und Naivität rücksichtslos ausbeutet. Ich ziehe mich an und komme mit dir.«

Er stand auf, strebte auf die Terrassentür zu und blieb stehen.

Er fuhr sich mit den Fingern durch das nasse Haar.

»Nein, das kann ich nicht machen«, meinte er. »Es könnte meiner Karriere schaden. Du wirst dafür Verständnis haben.«

Laura erhob sich.

»Ich habe dafür Verständnis«, sagte sie kühl.

»Informiere die Polizei! Es ist in deinem ureigensten Interesse. Ich bitte dich darum!«

Laura musterte ihn spöttisch.

»Hast du die Folgen eines solchen Tuns bedacht?«, fragte sie. »Denke an die möglichen Schlagzeilen! Larry Fights Freundin hält Mordverdächtigen versteckt. Oder wie wäre es damit: Geliebte eines Prominenten unterhält Beziehungen zu einem Mörder.«

»Hör auf damit!«, sagte er. »Aber da wir davon sprechen: Hast du etwas mit ihm?«

»Was ist mit dem Vertrauen, das du vor wenigen Minuten erwähntest?«

»Ich frage dich jetzt direkt!«

»Nein, ich habe nichts mit ihm, wie du es nennst, aber ich könnte mir vorstellen, dass es eines Tages so sein wird«, sagte Laura. »Er bedeutet mir viel. Ich weiß nicht, warum. Er scheint ein Versager gewesen zu sein, ein Trinker. Ich habe das Gefühl, dass er nur ein Schlüsselerlebnis brauchte, um wieder auf den richtigen Weg zu finden. Ich bin bereit, ihn dabei zu stützen.«

»Soll das heißen, dass du mich loswerden willst?«, fragte Fight fassungslos. »Du gibst mich auf, um einen Trinker und Penner zu retten, einen Mörder?«

»Er ist kein Mörder.«

»Das sagt er dir. Ich ziehe vor zu glauben, was die Polizei sagt.«

»Du brauchst mich nicht, Larry. Du brauchst den Erfolg, deine Karriere. Ich würde dir nur als eine Galionsfigur dienen, als repräsentativer Rahmen. Sei mir nicht böse, wenn ich das Handtuch werfe und mich einer Aufgabe widme, die mehr verlangt als gesellschaftliche Zielstrebigkeit.«

»Bitte, Laura...«, murmelte er.

»Denke an deine Karriere!«, sagte sie. »Ich würde ihr und dir mit meinem Schutzbefohlenen nur im Weg stehen. Lass uns trotz allem Freunde bleiben.«

»Ich hätte dich lieben können«, sagte er.

»Aber du tust es nicht«, erklärte Laura. »Das ist der kleine Unterschied. Dein Weg ist vorgezeichnet. Er führt steil nach oben. Deine zukünftige Lebenspartnerin ist entschlossen, dich dabei zu begleiten. Es ist Clarissa Laughton. Versuche dich immer daran zu erinnern, wer sie ist. Sie will dich und deine Freunde vernichten, sie will das ganze Land mit dem Gift des Bösen infizieren. Ein Mann mit deinen Gaben und deiner Ausstrahlung ist für sie das ideale Sprachrohr. Ich beschwöre dich ein letztes Mal, nicht ihrem Einfluss zu verfallen. Ignoriere die Einladung! Wenn du sie befolgst, führt dein Weg in die Katastrophe.«

»Du bist krank«, sagte er.

»Ich hätte nicht kommen dürfen«, erkannte Laura und wandte sich zum Gehen. »Trotzdem bin ich froh, mein Gewissen erleichtert und dich gewarnt zu haben.«

 

*

 

Laura fühlte sich seltsam erleichtert, als sie in ihre Wohnung zurückkehrte.

Es hatte ihr stets geschmeichelt, von dem talentierten, bewunderten Larry Fight als Frau begehrt zu werden, trotzdem hatte sie dieser Verbindung mit einigem Unbehagen entgegengeblickt. Ihr war klar gewesen, dass in Larry Fights Gefühlsleben wenig Platz für Liebe war, und sie hatte befürchten müssen, dass ihre Ehe nicht viel mehr als eine Kette gesellschaftlicher Verpflichtungen und Strapazen nach sich ziehen würde.

Damit war es jetzt vorbei.

Sie dachte an Albert.

Er war bedeutend älter als sie, aber sie fühlte sich zu ihm hingezogen und glaubte zu wissen, dass er ihre Gefühle erwiderte.

Sie brannte darauf, ihm mitzuteilen, dass für sie kein Anlass bestand, sich noch länger an Larry Fight gebunden zu fühlen, aber Albert Marvin befand sich nicht in der Wohnung.

Er hatte ihr einen Zettel mit dem Hinweis hinterlassen, dass er etwas Wichtiges zu erledigen habe.

Laura Cormick erschrak.

Sie glaubte zu wissen, dass Albert eine Entscheidung suchte und zu Clarissa Laughton unterwegs war.

Laura griff unter das Sofakissen.

Ihre Finger tasteten ins Leere.

Die Pistole war verschwunden.

Laura sah darin eine Bestätigung ihrer Befürchtungen.

Sie hastete aus der Wohnung, setzte sich in ihren Wagen und fuhr in die Glentworth Street.

 

*

 

Sie war erleichtert, als Clarissa Laughton ihr die Tür öffnete.

Clarissa sah unter ihrem Make-up blass und angegriffen, geradezu krank aus.

»Wie reizend, Sie wiederzusehen«, sagte Clarissa mit galligem Spott.

Sie hielt sich an der Türklinke fest und schien Mühe zu haben, ihr körperliches Gleichgewicht zu wahren.

»Ich dachte, wir seien miteinander fertig. Oder liegt hier ein Missverständnis vor?«

»Ich muss Sie sprechen.«

»Ich kann Ihnen nichts Neues sagen«, würgte Clarissa hervor.

Auf ihrer Stirn zeigte sich ein Netz winziger Schweißperlen.

»Ich habe jetzt keine Zeit für Sie. Mir geht es nicht gut.«

»Es liegt nicht in meiner Absicht, mich lange in Ihrer Nähe aufzuhalten«, erklärte Laura.

»Hauen Sie ab!«, ächzte Clarissa.

Sie versuchte die Tür vor der Besucherin zuzuschlagen, aber Lauras Fuß stoppte den Versuch.

Clarissa machte sich nicht die Mühe, Protest zu erheben.

Sie wurde offenbar von Übelkeit übermannt, wirbelte auf den Absätzen herum und stürmte ins Wohnzimmer.

Laura folgte ihrer Gegnerin.

Clarissa warf sich auf die Couch, sie atmete laut und keuchend.

Es hörte sich an, als sei sie einem Erstickungsanfall nahe.

Sie griff sich mit beiden Händen an den Hals und stöhnte dumpf.

»Ich benachrichtige einen Arzt«, entschied Laura.

Sie trat ans Telefon und nahm den Hörer ab. Die Leitung war tot.

Clarissa schrie. Plötzlich stand Schaum vor ihrem Mund.

Laura erstarrte.

Der Schaum war grünlich, wie phosphoreszierend.

Etwas von diesem kalten, widerlich getönten Glanz strahlte auch aus Clarissas unnatürlich weit hervorquellenden Augen.

Laura spürte das Hämmern ihres Herzens hoch oben im Hals.

Sie war wie gelähmt.

Ihr fiel ein, was Albert über die zu erwartende Verwandlung des Mädchens gesagt hatte.

Alles deutete daraufhin, dass dieser Augenblick gekommen war.

Clarissa Laughton, die bislang lediglich das Charakterbild einer Hexe entwickelt hatte, schlüpfte vollends in die ihr zugedachte Rolle.

Sie empfing die schwarzen Weihen.

Clarissa riss sich mit ihren Fingernägeln die Haut des Gesichtes auf.

Dann verkrampften sich ihre Hände in die Magengegend.

Sie zappelte und strampelte, sie drehte und wendete sich, es schien fast so, als läge sie in den Wehen.

Tatsächlich wurde hier kein neuer Mensch, aber ein neues Wesen geboren, ein Geschöpf des Bösen.

Laura verfolgte die Wandlung aus schreckensstarren Augen.

Sie bereute, ins Haus gekommen zu sein.

Ihr dämmerte, dass sie nicht ungestraft Zeugin des Geschehens werden durfte.

Plötzlich löste sich Clarissa Krampf, ihr Körper streckte sich.

Sie röchelte.

Fast hatte es den Anschein, als würde sie im Sterben liegen und an der Schwelle zur Bewusstlosigkeit stehen.

Clarissa hob die Lider und wandte den Kopf.

Sie blickte Laura und, erhob sich und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Sie ließ die Hand fallen.

Der grünliche Glanz in ihren Augen vertiefte sich.

Sie stand auf.

Laura hatte den Wunsch, zu fliehen, aber sie war außerstande, sich vom Fleck zu rühren.

Ihre Hände umkrampften die weiche Lederhandtasche. Noch am Vortag hatte sich die Pistole mit den geweihten Kugeln darin befunden.

Laura hatte die Waffe für Al in der Wohnung zurückgelassen.

Sie hatte ihn nicht schutzlos einem eventuellen Angreifer preisgeben wollen.

Das war ihr umso leichter gefallen, als ihr Besuch bei Larry das Mitführen einer Pistole hätte lächerlich erscheinen lassen.

Clarissa bewegte sich auf Laura zu.

Laura gab sich einen Ruck.

Sie wich vor der Herankommenden zurück und prallte mit dem Rücken gegen die Wand.

Laura berührte dabei ein Bild.

Es fiel krachend zu Boden. Der Rahmen und das Deckglas zerbrachen.

Laura nahm sich nicht die Mühe, den Schaden in Augenschein zu nehmen.

Sie vermochte ihren Blick nicht von dem blutgierigen, tödlichen Hass in den Augen der Gegnerin zu wenden.

»Du hattest deine Chance«, sagte Clarissa kaum hörbar.

Ihre Stimme war wie ein feines, leises Zischen.

»Du hättest gehen können. Aber du hast es vorgezogen, mir ins Haus zu folgen. Du bist Zeugin meiner Verwandlung zur Hexe geworden. Dieser Umstand kostet dich das Leben.«

»Sie sind wahnsinnig«, keuchte Laura. »Sie können mich nicht töten. Es würde Ihre Pläne durchkreuzen.«

»Welche Pläne?«

»Sie wollen Larry heiraten. Wenn Sie mich töteten, hier in Ihrem Haus, müsste die Polizei zu dem Schluss kommen, dass Sie eine Nebenbuhlerin aus dem Wege geräumt haben.«

Clarissa lachte höhnisch. »Für wie dumm hältst du mich? Ich sorge dafür, dass deine Leiche in deine Wohnung gefunden werden wird. Ich weiß, dass du Albert Marvin bei dir versteckt hältst. Ihm, den als vielfachen Mörder Gesuchten, wird man auch dieses Verbrechen anlasten.«

Laura schluckte.

»Das... das ist ein teuflischer Plan«, murmelte sie und begriff, wie töricht ihre Worte waren.

Von Hexen war nichts anderes zu erwarten.

»Bis zum heutigen Tag töteten andere für mich«, sagte Clarissa und blieb dicht vor Clarissa stehen. »Das ist vorbei. Jetzt bin ich selbst autorisiert, mich diesem Handwerk zu widmen.« Sie lachte erneut.

In ihren Augen schillerte es grünlich.

»Angst?«

Laura überwand ihren fast hypnoseartigen Zustand.

Sie versuchte, an Clarissa vorbei zur Tür zu gelangen.

Clarissas Hand packte Lauras Unterarm.

Die scharfen Nägel rissen Laura die Haut auf.

Laura schrie. Sie versuchte sich loszureißen, aber es gelang ihr nicht.

»Übrigens irrst du dich, was deine Beurteilung von Bryans Tod und meine Rolle in dem Verbrechen betrifft«, sagte Clarissa. »Er wollte mich töten. Wir sind ihm zuvorgekommen. Was nun Globan betrifft oder Tan, so werde ich ihre Rolle übernehmen. Ich bin Zurrus Tochter und werde mich meiner Pflichten mit dem gebührenden Ernst entledigen.«

»Al!«, schrie Laura. »Al...«

Clarissa riss Laura zu Boden.

Laura wehrte sich verzweifelt, aber sie spürte, dass sie den übermenschlichen Kräften ihrer Gegnerin nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hatte.

Clarissa beugte sich über Laura.

Sie schlug ihre Zähne in den Hals des Mädchens und begann deren Blut zu trinken.

»Al!«, röchelte Clarissa, vor deren Augen sich rote Nebel bildeten. »Al!«

 

*

 

Marvin begann zu rennen.

Ihm schien es so, als hätte er Lauras Hilferuf gehört.

Es war ein fast telepathisches Signal, denn natürlich konnte er hier, mitten auf der Glentworth Street, unmöglich Lauras Stimme vernommen haben.

Es war ihm in diesem Moment egal, ob Polizisten in der Nähe waren und seine Ankunft registrierten.

Er stürmte die Treppe zum Eingang des Hauses 31 hinauf, fand die Tür offen, stieß sie mit dem Fuß zurück und rannte quer durch die Diele ins Wohnzimmer.

Clarissa Laughton hockte auf ihrem Opfer und saugte ihm das Blut aus dem Hals.

Albert Marvin sprang auf Clarissa zu.

Mit beiden Händen riss er sie von Lauras Körper.

Laura Cormick schien es nicht zu bemerken.

Sie war bewusstlos geworden.

Clarissa fauchte wie eine Furie.

Sie reagierte mit der Aggressivität eines Raubtiers, dem die Beute streitig gemacht wird.

Ihr Mund war blutverschmiert. Sie griff Marvin mit einem Schrei an.

Marvin entkam der Attacke mit einem Schritt zur Seite.

Clarissas zweiter Angriff riss ihm die Backe wie mit Stahlnägeln auf.

Er spürte, wie warmes Blut aus der Wunde lief, zog die Pistole aus der Tasche und richtete die Mündung auf die Rasende.

»Stop!«, drohte er.

Clarissa warf ihren Kopf in den Nacken und lachte mit dröhnendem Hohn.

Sie ignorierte Marvins Warnung und griff abermals an.

Marvin drückte ab, aus nächster Nähe.

Er schoss zweimal hintereinander.

Clarissa stoppte abrupt.

Ihre Augen weiteten sich. Der grünliche Schimmer in ihnen verblasste.

An seine Stelle trat ein Dunkel tiefer Ratlosigkeit.

Sie brach in die Knie, schwankte mit dem Oberkörper. Dann griff sie sich an das Herz, fiel vornüber und blieb liegen, ohne sich zu rühren.

Marvin war mit zwei Schritten bei Laura.

Er kniete sich neben sie auf den Boden und blickte erschüttert in ihre brechenden Augen.

Seine Kehle war wie zugeschnürt.

Er sah, dass für das Mädchen jede Hilfe zu spät kam.

»Laura«, flüsterte er.

In die Augen des Mädchens kehrte noch einmal Leben zurück.

Sie blickte ihn an.

Der Abglanz eines letzten Lächelns verklärte ihre leichenblassen Gesichtszüge.

»Ich... ich liebe dich«, flüsterte sie. »Pass auf dich auf! Du bist zu schade für den Alkohol. Ich...«

Ihr Kopf rollte zur Seite.

Ihr Körper schien sich strecken zu wollen, dann verließ ihn plötzlich jede Spannung.

Laura Cormick war tot.

 

*

Marvin richtete sich auf.

Seine Augen waren blind vor Tränen.

Er hörte Schritte in der Diele.

Die Tür wurde aufgestoßen. Inspektor Caldwey betrat den Raum.

Er verzog das Gesicht.

»Das ist ja nicht zum Aushalten...«, würgte er hervor.

Jetzt nahm auch Marvin den Gestank wahr.

Er war fast noch schlimmer als derjenige, den Globan erzeugt hatte.

Von Clarissa Laughton waren nur noch die Kleider und Schuhe zu sehen, alles andere hatte sich zu einer unappetitlichen, schrumpfenden Masse verwandelt.

»Ich habe sie getötet«, sagte Marvin.

Er streckte dem Inspektor die Pistole entgegen.

Caldwey nahm sie an sich.

»Wo sind die Handschellen?«, fragte Marvin.

Seine Stimme klang ruhig.

Er war zutiefst überrascht, dass ihn die Aussichten auf Anklage und Gefängnis nicht zu schrecken vermochten.

Sie waren ihm gleichgültig.

Laura war tot.

Nichts anderes zählte.

Ein paar Tage lang hatte er geglaubt, seinem Leben mit Laura einen neuen Sinn und eine neue Richtung geben zu können.

Er hatte sich getäuscht.

»Handschellen wofür?«, erkundigte sich der Inspektor.

Er beugte sich zu Laura hinab und nahm deren Handtasche an sich.

»Kommen Sie!«

Marvin folgte dem Inspektor ins Freie.

Vor dem Haus standen ein paar Männer. Caldwey sprach mit ihnen, es waren offenkundig Kriminalbeamte.

Caldwey gab ihnen detaillierte Anweisungen. Ein Mann, der wie ein Arzt wirkte, eilte mit seiner Instrumententasche ins Haus.

»Was soll das alles?«, fragte Albert Marvin müde, als er neben dem Inspektor im Wagen saß.

Sie fuhren los.

»Ich habe in Clarissas Wohnung eine Wanze installieren lassen, schon vor Tagen«, erklärte Caldwey. »Ich habe mitgehört, was dort geschah.«

Marvins Kopf flog herum, er starrte dem Inspektor anklagend ins Gesicht.

»Warum sind Sie Laura nicht zur Hilfe geeilt?«, stieß er hervor.

Caldwey zuckte mit den Schultern. Ein Schatten fiel über sein Gesicht.

»Der Wagen mit dem Empfänger war zu weit vom Ort des Geschehens entfernt«, erwiderte er. »Ich bin sofort losgefahren, aber ich kam zu spät. Genau wie Sie«, fügte er hinzu.

Marvin zuckte kaum merklich zusammen.

Er empfand Caldweys letzte Worte wie eine Ohrfeige.

»Ich muss jetzt alles wissen«, sagte der Inspektor.

Marvin begann zu reden, ganz mechanisch und völlig leidenschaftslos.

Er sagte kein Wort mehr als notwendig, aber er ließ auch nichts aus.

»Wir werden Mühe haben, Sie herauszupauken«, sagte Caldwey, »aber es wird mir gelingen.«

»Es ist nicht wichtig«, erklärte Marvin und meinte, was er sagte.

»Wir befinden uns in einer prekären Lage. Sie werden immer noch gesucht. Sie waren zur Tatzeit an dem Ort, wo Laura Cormick starb...«

»Sie wissen, dass ich sie nicht tötete. Ich habe sie geliebt.«

Caldwey schwieg.

 

*

Kurz darauf stoppte er vor dem Haus in der Date Street.

Marvin folgte dem Inspektor ins Haus. Caldwey holte den Schlüssel aus Lauras Handtasche und öffnete die Wohnungstür.

»Gehen Sie voran!«, sagte er zu Albert Marvin. »Sie wissen, wo der Behälter steht.«

Marvin zerrte den Koffer aus dem Abstellraum.

»Ich brauche einen Bohrer«, sagte der Inspektor.

»Wozu?«

Der Inspektor steckte statt einer Antwort seinen Kopf in den Abstellraum.

Er entdeckte darin eine Werkzeugbox und öffnete sie.

»Na, bitte!«, sagte er. »Genau das richtige!«

»Was haben Sie vor?«

Der Inspektor ging vor dem schwarzen Behälter in die Hocke und setzte den Bohrer an. »Wenn es stimmt, was Sie vermuten, braucht unser Dämonenfisch zum Überleben zwei Lebensräume, entweder seinen Glaskasten oder diesen Behälter. Mal sehen, was geschieht, wenn wir Ihren Max seines Lebenssaftes berauben.«

Caldwey begann zu bohren.

In dem Kasten wurde es lebhaft.

Etwas bewegte sich darin und schien sein Gefängnis sprengen zu wollen.

Der Inspektor bohrte unablässig weiter.

Sekunden später schoss ein dunkler Flüssigkeitsstrahl aus dem Behälter.

Sofort war die Luft von einem scharfen, ätzenden Gestank erfüllt.

Caldwey richtete sich auf und verfolgte mit grimmiger Zufriedenheit, wie sich die Flüssigkeit aus dem Koffer über den Spannteppich ergoss.

Marvin öffnete alle Türen und Fenster, um den widerwärtigen Gestank abziehen zu lassen.

Die Bewegungen im Koffer wurden wilder und geradezu verzweifelt.

Die letzten Tropfen sickerten aus dem Loch.

Ein paar letzte Schläge gegen die Wände seines Gefängnisses waren ein Zeichen von zunehmender Schwäche.

»Aus«, sagte der Inspektor.

»Darauf würde ich mich an Ihrer Stelle nicht verlassen«, sagte Marvin.

Er hob wie witternd die Nase. Ein neuer Geruch durchzog die Diele.

Er war identisch mit dem, der das Ende von Globan und Clarissa begleitet hatte.

»Und jetzt?«, fragte Marvin.

»Gehen Sie nach Haus! Ich sorge dafür, dass man die gegen Sie gerichtete Anklage fallen lässt.«

»Danke!«, sagte Albert Marvin, aber er empfand kein Gefühl der Erleichterung.

Zwei Stunden später stand er unschlüssig vor dem Pub, dem er so viele Tage lang ferngeblieben war.

Es drängte ihn danach, in den warmen Mief seiner alten Stammkneipe einzutauchen und einige Biere zu trinken, aber dann fielen ihm Laura und ihre letzten Worte ein.

Er ging weiter und strebte dem Haus zu, in dem seine Mansardenwohnung lag.

 

 

 

ENDE

 

 

 

Details

Seiten
560
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934359
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v506990
Schlagworte
dämonentochter fünf romane band

Autor

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Titel: Die Dämonentochter - Fünf Romane in einem Band