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Ausbruch in den Tod: N.Y.D. – New York Detectives

2019 101 Seiten

Leseprobe

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Ausbruch in den Tod: N.Y.D. – New York Detectives

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Ausbruch in den Tod: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 101 Taschenbuchseiten.

 

Drei Schwerverbrecher nutzen einen begleiteten Ausgang, um dem Gefängnis zu entfliehen. Einer der Wärter, der dabei verletzt wird, bittet den Privatdetektiv Bount Reiniger, die Kerle wieder einzufangen. Das ist jedoch gar nicht so einfach, denn deren Anführer kämpft um die Liebe seiner Frau, und das ist eine starke Triebfeder. Dabei geht er über Leichen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Carter Noonan – Als den Gefängniswärter drei seiner Häftlinge niederschlagen und flüchten, wendet er sich vertrauensvoll an Bount Reiniger.

Abel Sherman, Zachary Dee, Kevin Kerr – Sie sind Musterhäftlinge, bis zu dem Tag, an dem sie das Weite suchen und Amok laufen.

Lana Dee – Ihr Wunsch, sich scheiden zu lassen, bringt ein paar Menschen den Tod.

Spencer Grives – Dem kleinwüchsigen Gangsterboss wird eine Frau, die er unbedingt für sich gewinnen will, zum Verhängnis.

June March – ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger – ist Privatdetektiv.

 

1

Zachary Dee schob den Colt Cobra unter seine Jacke und blickte seine Zellenfreunde an. Auf Abel Shermans Oberlippe glänzten kleine Schweißperlen, und Kevin Kerr massierte fortwährend seine Nase.

„Nervös?“, fragte Dee.

„Es geht“, antwortete Sherman.

„Ich war schon mal ruhiger“, gestand Kerr.

„Sie dürfen nichts merken!“, warnte Dee seine Zellengenossen.

„Es wird schon schief gehen“, meinte Sherman und grinste.

„Sie kommen!“, sagte Zachary Dee. Von diesem Moment an waren auch seine Nerven straff wie Klaviersaiten gespannt. Er versuchte sich das harmlose Aussehen zu verleihen, was er schon drei Jahre lang praktiziert hatte.

Augenblicke später wurde die Zellentür geöffnet!

 

 

2

Die beiden Gefängniswärter hießen Carter Noonan und Harold Crosbie. Zwei Männer, die ihren Dienst mit dem nötigen Ernst versahen, ihn jedoch überbewerteten.

Es war ein Routinejob für sie geworden, und sie sahen es als eine willkommene Abwechslung an, wenn sie mit Gefangenen für ein paar Stunden das Gefängnis verlassen konnten.

Natürlich wurde ein solcher Urlaub von der Haftanstalt nur Häftlingen zuteil, die sich während der Haftzeit mustergültig benahmen – so wie Zachary Dee, Abel Sherman und Kevin Kerr.

Diese drei galten als Mustergefangene. Deshalb war es ihnen von Zeit zu Zeit gestattet, in Begleitung von zwei Aufsehern das Gefängnis zu verlassen.

Bisher hatten Dee, Sherman und Kerr noch nicht einmal den Versuch unternommen zu fliehen. Deshalb rechneten Noonan und Crosbie auch an diesem Tag nicht damit.

Zwischen den Häftlingen und den Wächtern hatte sich ein beinahe freundschaftliches Verhältnis entwickelt.

Sowohl Carter Noonan als auch Harold Crosbie waren der Ansicht, dass man den dreien blind vertrauen konnte. Sie hätten für Dee, Sherman und Kerr jederzeit die Hand ins Feuer gelegt.

An diesem Tag aber hätten sie sich die Finger gehörig verbrannt, wenn sie es wirklich getan hätten, denn die Häftlinge waren auf Ausbruch programmiert, und niemand würde sie daran hindern.

Noonan und Crosbie betraten die Zelle.

„Wie geht’s?“, erkundige sich Carter Noonan, er war grauhaarig, mittelgroß und bullig.

„Prächtig“, antwortete Zachary Dee.

„Es zahlt sich aus, wenn man sich gut benimmt, nicht wahr?“

„Sie sagen es, Mister Noonan.“

„Seid ihr soweit? Können wir gehen?“

„Wir können es kaum noch erwarten“, sagte Dee lächelnd und streifte seine Freunde mit einem vielsagenden Blick.

„Also, dann wollen wir mal.“ Die Aufseher führten die drei Gefangenen aus der Zelle. Der Besuch einer Universitätsveranstaltung in Long Island City war geplant. Zachary Dee hatte bei

der Gefängnisdirektion darum gebeten, und sein Ansuchen war bewilligt worden.

Ein Wagen stand im Gefängnishof bereit. Bevor Zachary Dee einstieg, warf er noch einen Blick auf die nüchterne Front des Zellentraktes. Er war davon überzeugt, dass er diesen Bau nie mehr von innen sehen würde, und auch Abel Sherman und Kevin Kerr hatten sich geschworen, lieber zu sterben, als noch einmal hierher zurückzukehren.

Drei Jahre lang hatten sie auf diesen Tag hingearbeitet. Jetzt, wo die Freiheit in greifbare Nähe gerückt war, hatten sie Mühe, ihre Freude darüber zu verbergen.

Es würde ein Kinderspiel sein, auszurücken. Sie rechneten mit keinerlei Schwierigkeiten.

Die würden erst anschließend kommen, wenn die Bullen Jagd auf sie machten. Ja, ’rauszukommen, war leicht. Schwierig war es nur, auch draußen zu bleiben.

Carter Noonan setzte sich ans Steuer des bereitstehenden Wagens. Sein Kollege Harold Crosbie nahm auf dem Beifahrersitz Platz, und Zachary Dee drehte es so, dass er in die Mitte – zwischen Sherman und Kerr – gelangte.

„Ich freue mich schon auf das Programm“, sagte Noonan.

„Wir auch“, erwiderte Dee, denn er wusste besser als die beiden Aufseher, welche Show in Kürze über die Bühne gehen würde.

Gleich darauf rollte der Wagen aus dem Gefängnis, mit einem kurzen Stopp am Tor.

Sie verließen Rikers Island und erreichten Steinway. Zachary Dee blickte zum Seitenfenster hinaus und meinte: „Eigentlich ändert sich hier draußen so gut wie nichts.“

Noonan lachte. „Was sollte sich an New York denn schon ändern? Die Stadt ist, wie sie ist. Viele nennen sie den größten Misthaufen der Welt, aber ich mag sie trotzdem.“

„Ich auch“, sagte Dee.

„Ich könnte mir nicht vorstellen, anderswo zu leben“, sagte Noonan.

„Ich auch nicht“, meinte Dee.

Seine Freunde schwiegen. Sie standen unter Hochspannung, und sie konnten nicht verstehen, wie Zachary nach außen hin so gelassen wirken konnte.

Er hatte sich bedeutend besser in der Gewalt als sie. Er hatte immer schon einen kühleren Kopf behalten.

Über den Häusern tauchte ein mittelgroßer Jet auf. Der Silbervogel war zum La Guardia Airport unterwegs.

Dee liebte Flugplätze. Sie stellten für ihn die Verbindung zur großen, weiten Welt dar. Europa, Afrika, Asien – man brauchte sich nur ein Ticket zu kaufen, und schon konnte man die Reise in die Ferne antreten.

Zachary Dee schloss die Augen. Er hatte sich in der Zelle immer wieder gefragt, welchen Weg Noonan einschlagen würde, und es erfüllte ihn nun mit Genugtuung, dass der Aufseher genau die Strecke fuhr, die er sich gedacht hatte.

Sie überquerten den Ditmars Boulevard. Der Verkehr floss hier jetzt ein bisschen zäher. Zachary Dee spürte den Druck des stumpfnasigen Revolvers.

Er tastete nach der Waffe. Es war nicht leicht gewesen, an die Kanone heranzukommen, aber er hatte es geschafft, und darauf war er stolz.

Von nun an würde sie ihn überallhin begleiten. Es war ein gutes Gefühl, sie zu besitzen.

Ein Gefühl der Sicherheit, der Überlegenheit, der Macht über andere Menschen.

Auf dem Bürgersteig schlenderten zwei hübsche Mädchen. Eine Rothaarige und eine Brünette.

„Mann, ist das Rasse“, sagte Abel Sherman überwältigt.

„Und Klasse“, sagte Kevin Kerr. „Ich weiß gar nicht mehr, wie sich so etwas anfasst.“

„Ich glaube, ich hab’s auch schon verlernt“, sagte Sherman und kicherte.

„Wenn ihr erst mal wieder frei seid, werdet ihr den Bogen schnell wieder raus haben“, sagte Carter Noonan lachend.

„Meinen Sie?“, gab Sherman zurück.

„Aber klar.“

Zachary Dee fand, dass die Zeit reif war. Er holte den Colt vorsichtig unter der Jacke hervor.

Abel Sherman nagte an der Unterlippe, als er die Waffe in der Hand des Freundes erblickte. Noonan und Crosbie waren nach wie vor ahnungslos.

Kevin Kerr wischte sich mit einer fahrigen Bewegung über die Augen. Er atmete tief durch, um sich zu beruhigen.

An der nächsten Ampel musste Carter Noonan anhalten. Auf einen solchen Moment hatte Zachary Dee gewartet. Nun galt es, blitzschnell zu handeln und die beiden Wächter zu überrumpeln.

Dee traute sich weit mehr als das zu. Er ging an die Sache mit großer Zuversicht heran. Nur kurz holte er aus und schlug zu.

Harold Crosbie verlor auf der Stelle das Bewusstsein. Carter Noonan fiel aus allen Wolken. Er war fassungslos und dermaßen geschockt, dass er nicht zu reagieren vermochte.

Während Crosbie nach rechts rutschte und den Anschein erweckte, sich an die Tür gelehnt zu haben, um zu schlafen, richtete Zachary Dee den stumpfnasigen Revolver auf Noonans Kopf.

Es war inzwischen grün geworden, doch Carter Noonan sah es nicht. Hinter ihnen wurde gehupt.

„Weiterfähren, Noonan!“, schnarrte Dee.

Der Wächter war kreideweiß.

„Nun machen Sie schon, Noonan!“, drängte Dee.

Jetzt hupte auch ein zweiter Fahrer. Endlich kam wieder Leben in den geschockten Aufseher. Er überquerte die Kreuzung.

„Dee!“, presste er erschüttert hervor. „Dee, was soll das?“

„Sie können es sich denken, Noonan.“

„Woher haben Sie die Waffe?“

„Ich hab sie mir besorgt.“

„Ich kann Sie nicht verstehen, Dee. Sie und Ihre Freunde waren immer …“

„Das war unsere Masche. Nun haben wir die Masken abgenommen, und Sie sehen uns so, wie wir wirklich sind.“

„Sie müssen den Verstand verloren haben!“

„Wir wissen, was wir tun, Noonan!“

„Ihr Aufenthalt in der Freiheit wird nur von kurzer Dauer sein! Die Polizei wird eine Großfahndung ankurbeln! Man wird Sie bald wieder gefasst haben! Nehmen Sie Vernunft an, Dee! Noch ist die Sache nicht so schlimm, als dass man sie nicht noch reparieren könnte!“

„Sparen Sie sich Ihren Atem, Noonan. Sie können uns nicht überreden, aufzugeben.“

„Man wird Sie jagen. Sie sind im Besitz einer Waffe, also wird man Sie als gefährlichen Verbrecher einstufen. Das bedeutet, dass jeder Cop, der Sie sieht, Ihnen mit der Kanone in der Hand entgegentreten wird. Dee, ich beschwöre Sie, kehren Sie um. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass der Weg, den Sie eingeschlagen haben, der schnellste Weg ins Grab für Sie sein kann!“

„Biegen Sie rechts ab!“, befahl Zachary Dee scharf.

Carter Noonan gehorchte.

Dee dirigierte den Aufseher zum Astoria Park. „Stopp!“, sagte er, als sie den Park erreicht hatten.

Er brauchte nichts weiter anzuordnen. Es war in der Zelle alles besprochen worden. Abel Sherman und Kevin Kerr sprangen aus dem Fahrzeug.

Sie sicherten nach allen Seiten und öffneten dann die Beifahrertür. Harold Crosbie kippte ihnen in die Arme, sie hoben ihn aus dem Wagen und legten ihn im Park zwischen Büsche auf die lockere Erde.

Der Aufenthalt dauerte keine drei Minuten. Sobald Sherman und Kerr wieder im Wagen saßen, befahl Dee Noonan, er solle weiterfahren.

Der Aufseher schüttelte unentwegt den Kopf. „Ich kann Sie einfach nicht verstehen.“

„Glauben Sie mir, wir haben unsere Gründe, dem Gefängnis für immer ade zu sagen“, erwiderte Zachary Dee. „Fahren Sie den Vernon Boulevard hinunter.“

„Angenommen, ich würde mich weigern. Würden Sie mich dann erschießen?“

„Ich drücke nur ab, wenn Sie mir keine andere Wahl lassen, Noonan. Ich mag Sie. Ehrlich. Wir mögen Sie alle drei, und es tut uns leid, dass wir ausgerechnet Ihnen so viel Ärger machen müssen; aber darauf können wir keine Rücksicht nehmen.“

„Was haben Sie mit mir vor?“

„Wenn Sie nicht den Helden zu spielen versuchen, wird Ihnen kaum etwas geschehen.“

„Was verstehen Sie unter kaum?“

„Ich werde Sie bloß einschläfern.“

„Wie Crosbie?“

„Genau.“

„Und wenn Sie zu stark zuschlagen?“

„Keine Sorge, darin bin ich Fachmann.“ Zachary Dee lachte und forderte den Wächter auf, am East Channel anzuhalten.

Carter Noonan wusste sofort, was jetzt kommen würde. Er stellte den Motor ab und schluckte schwer. Alles in ihm war angespannt. Er wartete auf den Schlag, der ihm die Besinnung rauben würde. Sogar den Atem hielt er an, und er wagte nicht in den Rückspiegel zu blicken, denn er wollte nicht sehen, wie Dee ausholte.

Aber er hörte es.

Es ging blitzschnell. Noonan spürte keinen Schmerz. Nichts. Ihm wurde einfach nur schwarz vor den Augen, und er konnte nicht mehr denken und nicht mehr fühlen.

 

 

3

Loretta war eben erst zwanzig geworden, hatte schulterlanges, flammend rotes Haar und eine ansehnliche Figur. Ob im Bikini, ob im Abendkleid, ob im Kartoffelsack – Loretta wirkte immer, und sie wusste alles damenhaft zu tragen.

Obwohl New York von jungen schönen Fotomodellen überschwemmt war, hatte sich Loretta entschlossen, ebenfalls diesen Beruf auszuüben. Sie arbeitete mit einer seriösen Agentur zusammen, die ihr laufend seriöse Angebote verschaffte.

Man bezahlte ihr zwar keine Spitzengagen, aber Loretta war mit dem zufrieden, was sie bekam. Sie war zuversichtlich, dass sie trotz der großen Konkurrenz noch eine Karriere vor sich hatte, die sie zufriedenstellen würde.

Aus Männern machte sie sich alles und nichts. Das heißt, sie hatte viele gute Freunde, aber mit keinem war es bis heute so ernst geworden, dass von Heirat die Rede gewesen wäre.

Loretta hatte zwar im Prinzip nichts gegen die Ehe, sie war nur der Ansicht, dass sie dafür noch nicht reif genug war.

Zur Zeit war sie für eine Werbekampagne für Molkereiprodukte verpflichtet. Eine saubere Sache, wenn man von Robin Reid absah, der das Projekt leitete.

Er war ein bekannter Schürzenjäger, und man sagte ihm nach, dass er noch jedes Modell herumgekriegt hatte, mit dem er mehr als zwei Tage zusammengearbeitet hatte.

Nun, mit Loretta arbeitete er bereits eine Woche zusammen, hatte aber noch nicht bei ihr landen können. Anfangs hatte er sich darüber geärgert, aber dann hatte er Loretta wegen ihrer Standhaftigkeit zu schätzen begonnen, und heute verehrte er sie deswegen geradezu.

„Sie waren heute mal wieder großartig“, lobte er das Mädchen, nachdem er seinen roten Sportflitzer vor dem Haus gestoppt hatte, in dem Loretta wohnte.

„Ich höre gern Komplimente“, sagte das Modell. „Vor allem aus einem so berufenen Mund wie dem Ihren, Robin.“

„Hat es einen Zweck, Sie zu fragen, ob Sie mit mir zu Abend essen möchten?“

Loretta lachte. „Nein, Robin, es hat keinen Zweck. Sie sehen zwar verflixt gut aus, und es entgeht mir bestimmt einiges, wenn ich ablehne, aber ich bin bereits mit jemand anders verabredet.“

„Was hat der Kerl, was ich nicht habe?“

„Graue Haare zum Beispiel.“

„Ich wusste nicht, dass Sie auf alte Herren stehen.“

„Ich liebe ihn.“

„Wegen seiner grauen Haare?“

„Nicht nur deswegen, sondern vor allem deshalb, weil er mein Vater ist. Bis morgen, Robin.“ Loretta öffnete die Tür des Flitzers und stieg aus. „Vielen Dank fürs Heimbringen.“

„Habe ich gern getan. Und ich würde noch viel mehr gern für Sie tun.“

„Das kann ich mir denken.“

„Grüßen Sie Ihren Daddy von mir.“

„Mach ich“, sagte Loretta und betrat das Haus, in dem sie zusammen mit ihrem Vater eine Drei-Zimmer-Wohnung hatte. Im Flur sah sie nach, ob Post da war, aber das Fach Nummer vier war leer.

Loretta begab sich zur ersten Etage hinauf und betrat wenig später die Wohnung. Aus dem Wohnzimmer drang ihr ein Geräusch entgegen. „Hallo, Dad!“, rief sie. Normalerweise antwortete ihr Vater darauf immer mit: „Hallo, mein Püppchen!“ Doch diesmal sagte er nichts, und das beunruhigte Loretta.

Sie stellte ihre Handtasche ab, schlüpfte aus den hochhackigen Pumps und eilte ins Wohnzimmer.

Plötzlich hatte sie das Gefühl, ihre Kopfhaut würde sich zusammenziehen, und ein Zittern lief über ihren Rücken. Ihre meergrünen Augen weiteten sich, und sie stieß erschrocken hervor: „Dad, was ist passiert?“

 

 

4

Carter Noonan hob den bandagierten Kopf. Er saß in einem der flaschengrünen Sessel der Sitzgruppe, hatte eine Whiskyflasche vor sich stehen und blickte seine Tochter, die in der Tür stand, mit glasigen Augen an.

Er war betrunken. Das hatte es bei ihm noch nie gegeben. Deshalb – und natürlich auch wegen des Verbandes war Loretta Noonan ziemlich beunruhigt.

„Dad!“ Sie eilte zu ihm, sank vor ihm auf die Knie, hob den Kopf und schaute ihm in die glasigen Augen. „Dad, wieso bist du betrunken? Wieso ist dein Kopf verbunden? Hattest du einen Unfall? Hat es eine Gefängnisrevolte gegeben?“

„Ich wollte, du würdest mich nicht in diesem Zustand sehen“, sagte Carter Noonan mit schwerer Zunge. „Vielleicht hätte ich in eine Kneipe gehen und mich da betrinken sollen.“

„Aus welchem Grund hast du’s überhaupt getan, Dad? Du trinkst doch normalerweise nur ganz selten, und dann nur wenig. Was hat dich so sehr aus dem Gleichgewicht gebracht? Ich will es wissen, Dad.“

„Mein Püppchen, die Welt ist miserabel. Die Menschen sind verlogen. Alles nur Schauspieler. Jawohl, sie spielen uns alle nur was vor. Ich dachte, ich würde die drei kennen, aber es war ein Irrtum. Sie haben mich und alle andern getäuscht.“

„Wer, Dad? Von wem redest du?“

„Von Dee, Sherman und Kerr.“ Loretta kannte diese Namen. Ihr Vater redete nicht oft über Gefängnisinsassen, doch über Dee, Sherman und Kerr hatte er doch hin und wieder gesprochen, weil es sich bei den drei Männern um Mustergefangene handelte, mit denen er bestens auskam und die ihm niemals Ärger bereiteten.

Deshalb fiel jetzt auch Loretta Noonan aus allen Wolken, als ihr Vater ihr erzählte, dass ausgerechnet diese Musterexemplare zuerst Harold Crosbie und dann ihn niedergeschlagen und anschließend die Flucht ergriffen hätten.

„Verstehst du jetzt, warum ich trinke?“, sagte Carter Noonan undeutlich. „Ich werde mit meiner Enttäuschung nicht fertig.“

„Das allein ist noch kein Grund, zur Flasche zu greifen, Dad.“

„Ich war immer ein guter Aufseher. Bei mir lief immer alles reibungslos ab. Und dann passiert so etwas.“

„Pech kann jeder mal haben, Dad.“

„Das ist richtig. Aber gleich so viel Pech!“

„Du machst dir deswegen Vorwürfe?“

„Muss ich doch. Schließlich bleibt die ganze Sache an mir hängen – und an Harold Crosbie.“

„Du darfst das Ganze nicht so schwarz sehen, Dad.“

„Ich fürchte, das verstehst du nicht. An mir haftet von nun an ein Makel. Denkst du, man wird es noch einmal wagen, mir die Begleitung von Gefangenen zu übertragen?“

„Ist das denn so schlimm?“

„O ja, das ist schlimm für mich. Wenn man einem Mann plötzlich das Vertrauen, das man ihm jahrelang entgegengebracht hat, entzieht. Vielleicht wird man sogar versuchen, mir ein Mitverschulden an der Flucht des Gefangenen anzulasten.“

„Das kann man doch nicht!“, entrüstete sich Loretta Noonan.

Ihr Vater lächelte sauer. „Du weißt nicht, was alles möglich ist, mein Püppchen. Meine saubere Weste hat hässliche Flecken bekommen. Ich könnte sie nur reinwaschen, wenn es mir gelänge, Dee, Sherman und Kerr wieder einzufangen.“

„Du darfst das nicht tun, Dad. Das ist zu gefährlich. Du bist kein Gangsterjäger. Lass das jemanden tun, der mehr davon versteht als du.“

„Wen denn?“

„Einen Privatdetektiv. Den besten, den es in dieser Stadt gibt: Bount Reiniger!“

„Bount Reiniger?“ Carter Noonan schüttelte den Kopf. „Ich gebe zu, das wäre der richtige Mann dafür, aber diesen Superspürhund kann ich mir nicht leisten.“

„Lass mich das für dich regeln, Dad. Ich kenne Reinigers Mitarbeiterin June March. Ich werde sie anrufen und bitten, hierher zu kommen. Inzwischen stellst du dich unter die kalte Dusche. Anschließend bekommst du von mir einen Kaffee, der so stark ist, dass der Löffel darin stecken bleibt. Du musst wenigstens halbwegs nüchtern sein, wenn June hier eintrifft.“

 

 

5

June March, die blonde Detektiv-Volontärin von Bount Reiniger, stammte aus dem Mittelwesten, aus Minneapolis in Minnesota. Sie kam nach einer geplatzten Verlobung nach New York, um hier als Mannequin ihr Glück zu machen, geriet dann aber an Bount Reiniger und arbeitete seither in dessen Detektei.

Ihr Interesse für Modeveranstaltungen hatte sie vor zwei Jahren mit Loretta Noonan zusammengebracht. Seither waren sie einander einige Male über den Weg gelaufen, und Loretta war sogar schon einmal mit June bei einer Modegala gewesen, für die das blonde Mädchen die Karten besorgt hatte.

Nach Loretta Noonans Anruf setzte sich June March sofort in ein Taxi. Zwanzig Minuten nach dem Telefonat schellte June an der Noonan’schen Tür.

Loretta öffnete. „Hallo, June.“

„Hallo, Loretta. Wie geht’s deinem Vater?“

„Er kommt langsam wieder klar. Danke, dass du so schnell gekommen bist.“

„War doch selbstverständlich.“ Loretta führte June ins Wohnzimmer. „Dad, das ist June March. Sie ist wohl das außergewöhnlichste Mädchen in unserer Stadt.“

„Loretta übertreibt, Mister Noonan“, sagte June lächelnd. Sie gab dem Gefängniswärter die Hand. „Tut mir leid, was Ihnen passiert ist. Aber Sie brauchen deswegen den Kopf nicht hängen zu lassen. Das kriegt mein Chef schon wieder hin.“

„Bitte setzen Sie sich, Miss March“, sagte Carter Noonan.

„Sagen Sie June“, verlangte die Detektivin.

„Loretta hat Ihnen von meinem Missgeschick erzählt. Ich würde es natürlich begrüßen, wenn Bount Reiniger versuchen würde, Dee, Sherman und Kerr wieder hinter Gitter zu bringen, aber ich fürchte, Ihr Chef ist für mich zu teuer.“

„Ist das Ihre einzige Sorge?“, fragte June mit einem warmen Lächeln.

„Nun ja …“

„Hören Sie, ich bin mit Loretta befreundet. Was wäre das für eine Freundschaft, die sich in der Not nicht bewährt?“

„Na schön, Sie und Loretta sind miteinander befreundet. Aber Bount Reiniger …“

„Meine Freunde sind auch seine Freunde. Wir hatten in den letzten Wochen eine gute finanzielle Strähne. Wenn Bount zu viel verdient, kriegt das meiste ja doch nur das Finanzamt, und damit wäre ihm wohl kaum gedient, deshalb schlage ich vor, wir vergessen das Geld und reden über das, was zur Zeit wichtiger ist.

 

 

6

Bount Reiniger grinste.

„Was gibt’s da zu grinsen?“, fragte June March schnippisch.

„Normalerweise bist du immer diejenige, die zu wettern beginnt, wenn Wilkie mal wieder einen von seinen Caritas-Fällen anschleppt, bei dem kein müder Dollar zu verdienen ist, und jetzt bringst du selbst einen daher.“

„Es ist ja doch wohl ein Unterschied, ob so etwas einmal geschieht oder die Regel ist, oder?“, gab June zurück.

„Schon gut. Es amüsiert mich bloß.“

Die Bürotür öffnete sich, und Wilkie Lenning trat ein. Er war ein schlanker, beinahe hagerer blonder Bursche mit überlangem Haar, den man sich ohne Jeans kaum vorstellen konnte.

„Hi, ihr beiden!“, sagte Wilkie. „Mir scheint, ich bin soeben in eure kritische Phase geraten. Es knistert so komisch in der Luft. Gibt’s Ärger?“

„Nicht der Rede wert“, erwiderte Bount Reiniger. „Ich habe nur eben festgestellt, dass June in deine Fußstapfen tritt.“

„Lernt unser blonder Engel etwa Gitarre spielen?“

„Eine Freundin hat mich um Hilfe gebeten“, sagte June ärgerlich. „Ihr Vater ist Gefängniswärter. Er und ein Kollege sollten drei Häftlinge zu einer Universitätsveranstaltung in Long Island City begleiten. Auf dem Weg dorthin sind die Kerle geflohen.“

„Davon habe ich schon im Radio gehört“, sagte Wilkie.

„Da der Aufseher kein Bankkonto wie Rockefeller hat, habe ich ihm versprochen, dass Bount den Fall gratis übernehmen wird, und ich wäre euch beiden sehr dankbar, wenn ihr darüber nun keine weiteren ätzenden Bemerkungen verlieren würdet.“

Wilkie rieb sich die Nase. „Urlaub vom Gefängnis. Davon habe ich noch nie viel gehalten. Entweder ist ein Kerl im Kittchen, weil er etwas ausgefressen hat, dann soll er gefälligst drin bleiben, oder er ist draußen, weil er sich nichts zuschulden kommen ließ. Ich verstehe nicht, warum man das auf einmal verwässert. Man sieht ja, was dabei herauskommt.“

„Es gibt auf der ganzen Welt Strafvollzugsreformen“, sagte Bount. „Wir können uns da nicht ausschließen.“

„Nicht alle Reformen sind gut.“

„Darüber soll sich der Gesetzgeber den Kopf zerbrechen. Unsere Aufgabe ist es, darauf zu achten, dass die Gesetze respektiert und eingehalten werden, und wir müssen diejenigen ins Kittchen bringen, die sich einen solchen Aufenthalt redlich verdient haben.“

„Wie Zachary Dee, Abel Sherman und Kevin Kerr“, sagte Wilkie.

„Genau“, bestätigte Bount.

„Wir werden also versuchen, die drei Ausreißer in den Knast zurückzuschicken.“

„Du sagst es.“

„Wie sieht’s mit ein paar Informationen aus?“

„Carter Noonan hat in den vergangenen drei Jahren viel über Dee, Sherman und Kerr in Erfahrung gebracht“, sagte June March. „Alles, was es über die drei Häftlinge zu wissen gibt, hat er mir auf Tonband gesprochen.“ June öffnete ihre Handtasche.

Bount Reiniger holte seinen Kassettenrecorder. Er legte die durchsichtige Kassette ein und drückte auf den Wiedergabeknopf, und dann hörten sie sich gemeinsam an, was ihnen Carter Noonan über Zachary Dee, Kevin Kerr und Abel Sherman zu erzählen hatte.

Es war eine ganze Menge.

 

 

7

Sie teilten sich die Arbeit.

Bount übernahm Zachary Dee. Sieben Jahre hatte man ihm und seinen beiden Komplizen aufgebrummt. Wegen Einbruchs. Die Ganoven hatten versucht, einen Juwelenhändler zu bestehlen, doch die Sache war wegen einer elektronischen Alarmanlage, die die Einbrecher auszuschalten versucht hatten, schief gegangen.

Dee, Sherman und Kerr hatten sich den Cops sofort ergeben, hatten nicht den geringsten Widerstand geleistet, um vom Gericht mildernde Umstände zugesprochen zu bekommen.

Und im Gefängnis hatten sie sich dann drei Jahre lang wie Musterknaben benommen. Jedermann hatte geglaubt, sie arbeiteten auf eine vorzeitige Entlassung wegen guter Führung hin, und dazu wäre es auch garantiert gekommen – wenn auch nicht schon nach mageren drei Jahren.

Carter Noonan hielt zurückblickend Zachary Dee für die treibende Kraft. Die anderen beiden hätten wohl auch noch den Rest ihrer Strafe abgesessen, aber Dee war zu Ohren gekommen, dass seine Frau sich von ihm scheiden lassen wollte.

Vermutlich hatte er deshalb so bald wie möglich ausbrechen wollen.

Dee war verrückt nach seiner Frau, und Carter Noonan erinnerte sich, dass der Mann tagelang wie verstört gewesen war, als ihm das Scheidungsgerücht zu Ohren gekommen war.

Bount stoppte seinen silbermetallic-farbenen Mercedes 450 SEL in der Remsen Avenue in Canarsie.

Hier, gegenüber dem Canarsie Cemetery, wohnte Neil Monroe in einem schäbigen Haus aus der Gründerzeit. Bount stieg aus und überquerte die Straße.

Neil Monroe war ein höchst unangenehmer Zeitgenosse, der sich sein Geld als Dealer verdiente, was ihm bislang aber noch niemand nachweisen konnte.

Der Grund, weshalb Bount Reiniger diesem unangenehmen Zeitgenossen einen Besuch abstatten wollte, war die Tatsache, dass Neil Monroe der Halbbruder von Zachary Dee war.

Es war deshalb durchaus möglich, dass Dee sich hier bereits hatte blicken lassen und Monroe wusste, wo der Ausreißer steckte.

Bount betrat das alte Gebäude. Es roch nach Fisch im Erdgeschoss und nach gerösteter Zwiebel im ersten Stock.

Bount klopfte an Monroes Tür und der Dealer öffnete. Er war ein unsympathischer Bursche mit fettigem Haar und Pickeln im Gesicht.

„Ja?“

Bount zückte seine Lizenzkopie. „Bount Reiniger. Privatdetektiv. Ich hätte ein paar Fragen an Sie gerichtet, Mister Monroe.“

„Ich rede nicht mit Schnüfflern.“

„Sie täten gut daran, mich nicht zu verärgern.“

„Wieso?“

„Nun, wenn einer Dreck am Stecken hat …“

„Hab ich doch nicht.“

„Und Sie erwarten von mir, dass ich Ihnen das glaube.“

„Müssen Sie wohl, oder?“

Bount legte die Hand auf die Tür und drückte sie auf. Neil Monroe trat widerwillig zur Seite.

„War die Polizei schon bei Ihnen?“, erkundigte sich Bount.

„Natürlich, und ich habe den Bullen alles gesagt, was ich weiß.“

„Und zwar?“

„Nichts.“

Bount schloss die Tür hinter sich. Die Diele war klein. Von ihr gelangte man unter anderem direkt ins Wohnzimmer. Dort herrschte ein organisch gewachsenes Chaos. Von Ordnung hielt Neil Monroe anscheinend nicht allzu viel.

„Ich suche Ihren Halbbruder“, sagte Bount Reiniger.

„Sie sind nicht der einzige, der das tut. Er ist nicht hier.“

„Ich möchte von Ihnen nicht hören, wo er nicht ist, sondern wo er steckt. Ich wette, Sie wissen es.“

„Schon verloren. Ich weiß es nämlich nicht.“

Bount betrat das Wohnzimmer. Neil Monroe folgte ihm. Der Mann kam Bount Reiniger ziemlich nervös vor.

„Wie gehen die Geschäfte, Monroe?“

„Welche meinen Sie?“

Details

Seiten
101
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934342
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (November)
Schlagworte
ausbruch york detectives

Autor

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Titel: Ausbruch in den Tod: N.Y.D. – New York Detectives