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Fast ein perfekter Mord

2019 150 Seiten

Zusammenfassung


Warum wohl schaltet sich das FBI in den Mordfall Reislaender ein; warum wohl beschäftigt es sich mit dem Tod einer Frau, die nicht arm und nicht reich war und nie eine besondere Rolle gespielt hat? Colonel Slaughter, Mac Dolans Vorgesetzter, vermutet eben auf Grund ganz bestimmter Überlegungen viel mehr hinter dem Mord als die Chicago Citizen Police. Also zieht FBI-Agent Mac Dolan unter dem Tarnnamen Astor in das Mordhaus.

Leseprobe

Table of Contents

Fast ein perfekter Mord

Copyright

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Fast ein perfekter Mord

Krimi von Theodor Horschelt

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 192 Taschenbuchseiten.

 

Warum wohl schaltet sich das FBI in den Mordfall Reislaender ein; warum wohl beschäftigt es sich mit dem Tod einer Frau, die nicht arm und nicht reich war und nie eine besondere Rolle gespielt hat? Colonel Slaughter, Mac Dolans Vorgesetzter, vermutet eben auf Grund ganz bestimmter Überlegungen viel mehr hinter dem Mord als die Chicago Citizen Police. Also zieht FBI-Agent Mac Dolan unter dem Tarnnamen Astor in das Mordhaus.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Tony Masero, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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1

„Ein Fall für Sie, den Sie in gewisser Beziehung für ideal halten werden, lieber Mac“, sagte Colonel Slaughter nachdenklich. „Wollen Sie ihn übernehmen?“

Dolan, Major und Spezialagent beim Kommando des FBI in Washington, sah seinen väterlichen Freund und Vorgesetzten misstrauisch an. Seine Finger spielten mit dem eloxierten Brieföffner, der auf der Schreibtischplatte gelegen hatte.

„Das mit dem Wollen“, erwiderte er respektvoll, „war doch wohl rein rhetorisch gemeint, Sir? Selbstverständlich übernehme ich jeden Fall, wenn Sie es befehlen. Aber wieso soll der, an den Sie denken, ideal sein?“

„Weil Sie dabei die Möglichkeit haben, nicht nur Captain Kennegan, Ihren Freund, sondern auch Ihre Gattin mitzunehmen und einzusetzen.“

„Sehr schön“, erkannte Mac seufzend an. „Hoffentlich kommt meine June dabei nicht zu Schaden!“

„Wohl kaum, wie ich den Fall beurteile. Das ist alles gut bedacht. Außerdem hätte ich bei meiner Frau die Hölle auf Erden, wenn Mrs. June durch meine Schuld etwas zustieße.“

„Ich weiß, Sir, Ihre Frau Gemahlin hat uns beide sehr ins Herz geschlossen, seitdem ich Ihre Tochter gefunden und zurückgebracht habe.“

„Und wir stehen beide lebenslänglich tief in Ihrer Schuld dafür, Mac.“

Davon wollte Dolan nichts hören. „Ich war nur ein Werkzeug der Vorsehung, Sir; wir wollen das nicht vergessen! Darf ich jetzt Näheres erfahren?“

Slaughter bejahte; er schlug eine schmale Akte auf. „Tja, wollen mal sehen …“ Er hob den Blick. „Ist Ihnen der Portman Square in Chicago ein Begriff?“

Dolan freute sich sichtbar. „Die Affäre spielt also in meiner alten Wahlheimat? Well, Portman Square liegt im Stadtteil Orchard Place, ostwärts des Großflughafens. Darf ich mir gleich Notizen machen?“

Slaughter hob abwehrend die Hand. „Das ist noch nicht nötig. Näheres werden Ihnen Inspektor Gershenson und Sergeant O’Connor von der Chicago Citizen Police sagen.“

„Ich kenne die beiden, Sir.“ Macs Miene erhellte sich. „Ich habe sie schon gekannt, als Gershenson noch Sergeant und O’Connor Polizeianwärter waren. Tüchtige, zuverlässige Beamte.“

„Fein! Hören Sie zu: In der Nacht vom vierzehnten zum fünfzehnten Juli wurde im Haus dreiundzwanzig Portman Square die Hausbesitzerin, Miss Gabriele Reislaender, in ihrer Wohnung ermordet aufgefunden. Nach Lage der Dinge kommt nur einer der im Haus Wohnenden als Mörder in Frage. Spuren, Hinweise, Abdrücke wurden nicht gefunden. Die Frage des Motivs ist ungeklärt. Außerdem fällt die Hinterlassenschaft mangels gesetzlicher Erben und eines Testaments an den Staat. Die Kollegen in Chicago sind auf einem toten Punkt angelangt. Man hat vorsichtig bei uns angefragt, ob wir vielleicht die Güte hätten, und so weiter, und ich habe sofort daraufhin zugegriffen.“

„Nicht ohne Grund, wie ich Sie kenne“, seufzte Mac.

„Nicht ohne Grund, allerdings!“, wiederholte der Oberst. Er zog sich eine zweite Akte heran und blätterte darin. „Miss Reislaender stammt aus Prag, in der heutigen Tschechoslowakei. Von Neunzehnhundertvierzig bis Neunzehnhundertzweiundfünfzig war sie mit dem ebenfalls aus Prag gebürtigen Wenzel Hacha gut befreundet …“

„Hacha, Hacha?“, wurde er von Mac unterbrochen. „Hat es damals nicht einen dicken Fall Hacha gegeben?“

„Und ob!“ Neben Slaughters Nasenwurzel erschienen zwei tiefe Falten. „Hacha wurde im August Neunzehnhundertdreiundfünfzig als illegaler Nachrichtenhändler entlarvt. Ehe der Geheimdienst zuschlagen konnte, gelang es ihm, alles belastende Material zu vernichten und Selbstmord zu verüben. Dadurch wurde der Schlag gegen Hacha zu einem Schlag ins Leere. Man nahm Miss Reislaender als wichtige Zeugin fest, brachte aber nichts aus ihr heraus. Sie behauptete gelassen, von Hachas gesetzwidriger Spionagetätigkeit nichts gewusst zu haben und seine Hinterleute und Querverbindungen nicht zu kennen. Da man ihr das Gegenteil nicht nachweisen konnte, wurde sie tränenden Auges entlassen. Sorgfältige Beobachtungen ihrer Person endeten absolut negativ …“

Slaughter verstummte achselzuckend und nahm eine Zigarette aus dem Kästchen; Dolan gab ihm Feuer. „Ich beginne zu begreifen, Sir. Miss Reislaenders gewaltsamer Tod könnte mit dem alten Spionagefall in Zusammenhang stehen. Ich bin der Unglückliche, der ihn klären oder sich – falls das nicht gelingt – unsterblich blamieren darf.“

„Sehr richtig, Mac; Sie haben es auf den einfachsten Nenner gebracht“, bestätigte der Oberst mit gutmütigem Spott. „Das Vermögen der Ermordeten wurde in Zwangsverwaltung genommen und ein Rechtsanwalt Dixon als Treuhänder eingesetzt. Leutnant Gershenson hat inzwischen auf meinen Vorschlag ein zufällig unbelegtes, möbliertes Appartement in der zweiten Etage des Mordhauses gemietet und den Anwalt zu absolutem Schweigen verpflichtet. In dieses Appartement werden Sie mit Ihrer Gattin und Captain Kennegan einziehen. Reisen Sie schnellstens ab, machen Sie sich mit den Einzelheiten des Falles vertraut, und sehen Sie zu, wie Sie mit ihm fertig werden. Ich wünsche Ihnen dazu viel Glück und alles Gute!“

„Danke, Sir! Werde es nötig haben!“

Seine übersprudelnde Begeisterung für den neuen Fall konnte der Spezialagent mannhaft unterdrücken.

 

*

 

Zwei Tage nach der Unterredung mit Colonel Slaughter saß Mac gegen 9.30 Uhr in einem unpersönlich wirkenden Büro der Polizeizentrale Chicago.

Die nahe State Street war lärmerfüllt und belebt. Welch großer Unterschied gegen das verhältnismäßig stille Washington!

Durch das offene Fenster zog eine kühle Seebrise ins Zimmer und linderte die drückende Augusthitze; ebenfalls vom Michigansee her drangen Töne an Dolans Ohr: der spitze Schrei

einer Dampfpfeife, das Tuckern vieler Dieselmotoren und das Quietschen und Kreischen von Taljen, Takeln und Schiffswinden. Gebündelte Sonnenstrahlen trafen den großen Kalender an der Wand, auf dessen Papprahmen eine bildhübsche Mutti zwei bildhübsche Kinder spazieren führte, deren augenscheinlich blühendes Aussehen nur auf den regelmäßigen Genuss von McCormicks Kindernahrung zurückzuführen war, wie der erläuternde Text unter dem Bild angab. Das Tagesblatt daneben zeigte Mittwoch, den 5. August an, und enthielt dazu noch eine Weisheit des Laotse: „Von zwei Streitern siegt der Denkende“. Dolan nahm es als Omen und Richtschnur.

Momentan las er ein kurzes Exposé aufmerksam durch:

Zur Person der Ermordeten

Gabriela Reislaender, am 16. 11. 1895 in Prag als Tochter eines Leutnant-Rechnungsführers der k. u. k. (= österreichischen) Armee geboren. Ging nach dem Tode beider Eltern 1915 zu ihrer Tante Mara Wotruba nach Wien. Dort von 1920 bis 1934 als Haushälterin bei der Familie des Fabrikbesitzers Burgmaier tätig. In gleicher Eigenschaft von Dezember 1934 bis September 1936 in Paris bei dem ledigen Kaufmann Henri Vidal tätig.

Nach Vidals Tod – er wurde am 18. 9. 1936 durch einen gewissen Ferdinand Kowalec erschossen – benutzte R. ein ihr ausgezahltes Legat dazu, nach den USA auszuwandern. Lebte seit 1937 in Chicago; war bis August 1951 als Haushälterin bei dem Millionär John Grubson tätig. Nach Grubsons Tod (August 1951) erbte R. eine Summe von 80 000 Dollar. Damit erwarb sie das Haus 23 Portman Square von einer in Zahlungsschwierigkeiten geratenen Baugesellschaft und lebte hernach vom Mietertrag.

R. war seit 1940 mit Wenzel Hacha bis zu dessen Selbstmord am 6. 4. 1952 eng befreundet (siehe diesen).

Dolan legte das Blatt aus der Hand, zündete sich eine Camel an und griff zu einem zweiten Exposé.

Belegung des Hauses 23 Portman Square

Kellergeschoss

Links: Kellerräume; Ölheizung; Garagen I bis VIII.

Rechts: Hausbesorger Andy Tabett, 24. 3. 04 Frisco; Ehefrau Sarah Tabett, 11. 6. 10 Chicago.

Erdgeschoss

Links: leer seit 8. 7.; letzte Mieterin Olga Daniels kam am 30. 5. ins Hospital und starb dort am 8. 7., also vor Reislaenders Tod.

Rechts: bis 15. 7. Hausbesitzerin Gabriela Reislaender.

I. Etage

Links: Henry Versland i. Fa. Versland & Cie., Apparatebau, Wilmette; 27. 12. 08 Chicago; Haushälterin Natalie Edwards, 11. 5. 19 Salt Lake City.

Rechts: Felix Foster, Kolumnist der CHICAGO TRIBÜNE (FF), 21. 8. 14 Havanna, Cuba; Ehefrau Frances Foster-Dosetti, bei gleicher Zeitung als Moderedakteurin tätig, 4. 11. 34 Mexico-City.

II. Etage

Links: Mike Vermont, Schriftsteller, 13. 3. 24 Chicago; Donald Barbulee, Schriftsteller, 24. 2. 31 Madison.

Rechts: Seit Monaten leerstehend.

III. Etage

Links: Karel Batjac, Cellist, Illinois Symphonie Orchestra, 24. 7. 39 Zagreb; Mutter Shura Batjac, 31. 12. 04 Spalato.

Rechts: Tiger Jaree, Nachtklubbesitzer (ISABELLA’S), 4. 1. 05 Los Angeles.

IV. Etage

Links: Ernie Brandon, Leiter: Werbeabteilung Hastings Company, Evanston, 6. 5. 23

Chicago; Ehefrau Kitty Brandon-Miller, 7. 11. 31 Chicago.

Rechts: Angela Minetti, Fotomodell, 14. 8. 37 New York; Jill (Giulietta) Minetti Abteilungsleiterin Kaufhaus Templeton, 1. 3. 34 Palermo.

Etwas unschlüssig legte der Major das Blatt aus der Hand und murmelte ratlos: „Eine dieser fünfzehn Personen hat also Gabriela Reislaender ermordet; da bin ich aber gespannt!“

„Ich auch!“, fiel eine volltönende Stimme ein. Dolan sah auf und erhob sich, um Leutnant Gershenson, dessen Eintreten er überhört hatte, zu begrüßen. Gershenson, fast so groß wie Dolan, aber schlank, fast hager, hatte mit seinen schwarzen Haaren und den hervortretenden Backenknochen etwas von einem Irokesen an sich. Er trug einen hellgrauen Einreiher, eine blaue Seidenkrawatte und Slipper von gleicher Farbe. Er blieb vor Dolan stehen und lächelte ihn an. Sonnenstrahlen fielen auf sein braungebranntes Indianergesicht.

„Tag, Jeff!“, sagte Mac und reichte ihm die Hand. „Kennen uns ja von früher; keine Förmlichkeiten, die liebe ich bekanntlich nicht. Nennen Sie mich Mac, und schießen Sie los.“

Gershensons dünne Lippen verzogen sich sekundenlang zu einem jungenhaften Grinsen.

„Ich freue mich, dass Sie trotz aller Beförderungen der Alte geblieben sind, Mac!“

Als die Zigaretten brannten, fuhr der Polizeioffizier seufzend fort: „Sie sind also der Mann, der fertigbringen soll, was mir nicht gelungen ist. Hoffentlich glückt’s! Sie sollen ja beim FBI ein mächtig großes Tier geworden sein.“

„Und Sie sehen immer noch wie das Trumpfass einer Baseballmeistermannschaft aus, Jeff! Jetzt haben wir aber genug Schmeicheleien getauscht. Darf ich um Ihren Bericht bitten? In die Akten vertiefe ich mich später.“

Der Leutnant nickte und lümmelte sich in seinem Bürosessel bequem zurecht. „Will mich kurz fassen, Mac. Am vierzehnten Juli – es war ein Dienstag – ruft Gabriela Reislaender gegen dreiundzwanzig Uhr fünfzig ihren Hausbesorger Andy Tabett an, um ihn zu bitten, wegen einer Reparatur am nächsten Morgen gleich zu ihr zu kommen. Tabett hat aber seinen Großaus, wie er seine obligate Sauftour einmal im Monat, nennt, und so kann die Reislaender nur die an beiden Beinen gelähmte Mrs. Tabett sprechen. Tabett kommt am nächsten Morgen kurz nach acht Uhr nach Hause, duscht und geht sofort zu Miss Reislaender. Sie ist aber nicht zu Hause. Er glaubt das wenigstens. Da es sich um eine undichte Leitung im Bad handelt und Tabett im Haus völliges Vertrauen genießt, holt er seinen Werkzeugkasten und sperrt die Wohnung mit dem Hauptschlüssel auf. Dabei findet er die Hausbesitzerin mit eingeschlagenem Schädel in ihrem Bett liegen. Die Mordwaffe, ein bleigefülltes Malakkarohr aus dem Besitz der Ermordeten, liegt daneben. Tabett tut das Vernünftigste: er berührt nichts und ruft die Polizei an. Ich gehe mit O’Connor und den Beamten der Mordkommission an die Arbeit, finde aber in der Erdgeschosswohnung weder Prints noch sonstige Spuren. Auch die Hausdurchsuchung fördert nichts zutage.“

Macs Finger trommeln einen ungeduldigen Wirbel auf die Tischplatte. „So weit wären wir also. Wie kommen Sie zu Ihrer Behauptung, nur einer der Mieter könne der Mörder sein?“

„Sehr einfach, Mac: Um zwanzig Uhr dreißig waren nachweisbar alle im Hause Wohnenden mit Ausnahme des Hausbesorgers, der gegen achtzehn Uhr dreißig das Haus verließ, daheim. Laut Autopsiebericht ist der Tod Gabriela Reislaenders zwischen dreiundzwanzig Uhr und ein Uhr des folgenden Tages eingetreten. Da Miss Reislaender noch um dreiundzwanzig Uhr fünfzig telefonisch mit Mrs. Tabett gesprochen hatte, können wir die Tatzeit sogar auf die siebzig Minuten zwischen dreiundzwanzig Uhr fünfzig und ein Uhr begrenzen. Wollen das mal festhalten.“

Gershenson steckte sich eine frische Zigarette an und sprach seufzend weiter.

„Zu dem Haus gibt es nur zwei Türen. Beide liegen an der Vorderfront. Die Haustür und die zweite, die zu Garagen und Keller führt. Gegen das eigentliche Haus ist das linke Kellergeschoss durch eine Verbindungstür verschlossen. Im Yale-Schloss dieser Verbindungstür hatte einer der Mieter am Nachmittag des Mordtages den Schlüssel abgebrochen und daraufhin die Tür auch noch von außen verriegelt. Wer danach aus dem linken Kellertrakt das eigentliche Haus betreten wollte – oder umgekehrt –, musste den Umweg über die Haustür wählen. Diesen zweiten Punkt wollen wir ebenfalls festhalten. Aber der dritte, entscheidende Umstand kommt erst. Mike Vermont, der Mieter des linken Appartements der ersten Etage, gilt als Lebemann und Don Juan. Im Auftrag eines argwöhnischen Ehemannes bewachten, einander im Laufe der Nacht ablösend, der Privatdetektiv Yarnell und seine beiden Hands Benson und Murphy vom vierzehnten Juli, zwanzig Uhr, bis fünfzehnten Juli, neun Uhr, Haus und Garagentür, um festzustellen, ob sich die Ehefrau ihres Auftraggebers etwa bei Vermont aufhalte. In der fraglichen Zeit hat niemand dreiundzwanzig Portman Square verlassen. Betreten wurde das Haus lediglich kurz nach acht Uhr von Tabett. Danach kam sofort die Polizei; natürlich wurde das Haus nach dem Mörder durchsucht, aber vergeblich. Unsere Schlussfolgerung: Einer der Hausbewohner hat den Mord verübt.“

„Wie steht es mit der Zuverlässigkeit der Privatdetektive?“, fragte Mac kopfschüttelnd.

„Yarnell, Benson und Murphy sind über jeden Verdacht erhaben.“

„Well“, entschied der Major, „ich werde mich noch in die Akten vertiefen, möchte aber rein gefühlsmäßig Ihre Schlussfolgerungen als zutreffend unterstellen. Wie steht es nun mit einem Motiv?“

„Kein Motiv, Mac“, berichtete Gershenson augenzwinkernd. „Miss Reislaender lebte still und zurückgezogen in ihrer Wohnung und hielt sie auch mit Hilfe einer Putzfrau selbst in Ordnung. Nennenswertes bares Vermögen war nicht vorhanden. Das Haus repräsentiert zwar heute einen Wert von über hunderttausend Dollar, konnte aber auch niemanden zu einem Verbrechen reizen, weil Miss Reislaenders einziger Erbe der Staat ist.“

„Dann gibt es natürlich eine ganze Reihe anderer Motive“, meinte Mac versonnen. „Hat aber wenig Sinn, geistvolle Theorien aufzustellen. Wie steht es mit den Alibis der Mieter?“

„Sie können die Angaben den Akten entnehmen, Mac. Jetzt nur so viel: Mrs. Tabett scheidet als Schwerkranke aus. Sie ist praktisch bereits eine Sterbende und hat seit zwei Jahren das Bett nicht mehr verlassen. Ihr Mann war während der fraglichen Zeit – dreiundzwanzig Uhr fünfzig und ein Uhr – nicht zu Hause. Die Mieter der ersten Etage, Verstand, Miss Edwards und das Ehepaar Fester, waren von zweiundzwanzig Uhr bis zwei Uhr morgens in der Foster’schen Wohnung beisammen. Die beiden Schriftsteller in der zweiten Etage, Vermont und Barbulee, arbeiteten bis drei Uhr dreißig; die rechte Wohnung steht seit Monaten leer. In der dritten Etage lag alles in tiefem Schlaf; der Nachtklubbesitzer Jaree hatte einen freien Abend gehabt und sich im Lokal von seinem Geschäftsführer vertreten lassen; es ist verständlich, dass er seine freie Zeit zum Ausschlafen benutzte. Die Batjacs im linken Appartement behaupten, schon um einundzwanzig Uhr zu Bett gegangen zu sein. Ähnlich ist es in der vierten Etage; zur Mordzeit lagen sowohl das Ehepaar

Brandon als auch die Schwestern Minetti in tiefem Schlaf.“

„Wenn ich Sie recht verstehe, Jeff“, meinte Mac dazu, „dann ist nur das Alibi der Tabetts hieb- und stichfest, und vielleicht noch das der Bewohner der ersten Etage …“

„Klar, Mac: Tabett war nicht zu Hause, er kann also der Mörder nicht sein; seine Frau ist nachweisbar bewegungsunfähig. Eine arme Haut, kann ich Ihnen sagen, und so geduldig und gottergeben! Versland, Miss Edwards und das Ehepaar Foster bezeugen sich gegenseitig das Alibi für die Mordzeit und scheiden aus – sofern sie nicht Glieder einer gemeinsamen Verschwörung sind, was ich allerdings für unwahrscheinlich halte. Auch die beiden Schriftsteller decken sich gegenseitig, ebenso die Brandons und die Schwestern Minetti. Über Wert oder Unwert solcher Zeugenaussagen brauche ich mit Ihnen nicht zu diskutieren …“

„Gewiss nicht, Jeff. Tiger Jaree war allein in seiner Wohnung? Ja, hat er denn keine Haushälterin?“

„Nee!“ Gershenson schüttelte den Kopf. „Der Mann ist misstrauisch und reserviert und benutzt außerdem seine Wohnung meist nur zum Schlafen. Was er nicht selbst an Hausarbeiten verrichten kann, besorgt die Putzfrau. Er hat also keinen Zeugen; bei Mutter und Sohn Batjac ist es ähnlich, weil ja, rein theoretisch, meine ich, jeder von beiden in seinem Zimmer schlief und die Möglichkeit hatte, sich heimlich in die erste Etage zu schleichen und den Mord zu begehen.“

„Sie haben doch die Bewohner kriminalistisch geröntgt, wie?“, fragte der Major verdrossen.

Der Leutnant nickte eifrig. „Darauf können Sie sich verlassen, Mac. Sind alles ordentliche, unauffällige Leute, auch Jaree. Ein klar erkennbares Motiv hatte niemand von ihnen. Es ist schon ein rechter Jammer!“

„Geben Sie Einzelheiten, mein Bester!“

„Können Sie haben!“ Gershenson schlug einen Aktendeckel auf. „Also, Versland ist ein einwandfreier Geschäftsmann und gilt als solvent. Seine Wirtschafterin möchte ich als farblos und solide bezeichnen. Dunkle Punkte in ihrer Vergangenheit gibt es meines Wissens nicht. Felix Foster, der berühmte ,FF‘ der Chicago Tribüne, ist stadtbekannt und als geschätzter Kolumnist hoch bezahlt. Er vergöttert seine zwanzig Jahre jüngere Frau. Mike Vermont ist der Autor der vielgekauften Heftreihe Rapinqua – der Mann von der Venus; Donald Barbulee sein Neger …“

„Sein Ghostwriter also, meinen Sie?“

„Okay!“ Gershenson nickte eifrig. „Die Reihe läuft seit Jahren; was Vermont nicht zusammenschreiben kann, liefert ihm der andere. Vermont ist großer Frauenfreund, Barbulee ein unbeschriebenes Blatt. Tiger Jaree habe ich schon charakterisiert; nachzutragen wäre noch, dass er gern spielt und wettet; seine Verhältnisse sind jedenfalls geordnet.“

„Dann kann er auch spielen und wetten, wenn’s ihm Spaß macht“, entschied der Major stirnrunzelnd.

„Auch bei den Batjacs gibt es keine Anstände“, fuhr der Leutnant fort. „Die Mutter muss einmal eine sehr schöne Frau gewesen sein und ist auch heute noch eine eindrucksvolle Persönlichkeit. Sie lebt nur für ihren Sohn. Karel Batjac hat als Violoncello-Solist trotz seiner Jugend schon einen Namen.“

Ein karges Lächeln stahl sich auf das Indianergesicht des Polizeioffiziers.

„Was die Schwestern Minetti betrifft, sie sind harmlos. Jill, die Ältere, ist die jüngste Abteilungsleiterin des Kaufhauses Templeton, Angela, die Jüngere, arbeitet als Fotomodell; sie gilt als solid und zurückhaltend. Üble Männergeschichten sind bei beiden nie vorgekommen. Auch von dem Ehepaar Brandon kann ich nur Gutes berichten. Ernie Brandon ist Werbefachmann und leitet die Werbeabteilung der Hastings Company in Evanston.“

Der Leutnant lächelte abermals. „Sie haben ja selbst Jahre in Chicago gelebt, Mac. Haben Sie nie etwas von den lächerlichen Brüdern Hastings gehört?“

„Wieso lächerliche Brüder Hastings?“, fragte der Major verwundert.

Gershenson winkte ab. „Puritaner von reinstem Wasser. Sie gönnen nicht einmal dem Goldfisch im Aquarium ein bisschen Lebensfreude, weil es Sünde ist, und belauern mit strengem Auge den sittsamen Lebenswandel ihrer Angestellten. Wer irgendwie privat entgleist, fliegt.“

„Nun, nun“, schmunzelte der Major, „ein puritanischer Lebenswandel ist meiner Meinung nach das Schlechteste nicht. Wenn es natürlich einer übertreibt und zum Fanatiker wird, wird er für seine Umgebung leicht unerträglich. Immerhin scheint Ernie Brandon vor den unbestechlichen Augen der Brüder Hastings Gnade gefunden zu haben.“ Dolan zog sein Taschentuch und wischte sich die Stirn. Er fuhr fort: „Die ermordete Gabriela Reislaender hatte ein ziemlich bewegtes Leben hinter sich, wie?“

Gershenson legte ein Foto auf den Tisch, das Brustbild einer gesetzten alten Dame mit einem runden, fast faltenlosen Gesicht, in dem das besonders kräftig entwickelte Kinn und die etwas verkniffenen Lippen auffielen. „Das ist sie, Mac. Eigentlich muss ich ja sagen, das war sie. Ja, ihr Leben spiegelt die europäische Tragödie unseres Jahrhunderts wider. Gabrielas Vater fiel im ersten Weltkrieg, ihre Mutter starb wenig später. Nach den spärlichen vorliegenden Informationen ist es ihr hernach in Wien bei ihrer Tante nicht gerade gutgegangen. Immerhin spricht für sie, dass sie ihren Arbeitgebern jeweils über ein Jahrzehnt die Treue gehalten hat. Nur bei Vidal in Paris war sie kaum zwei Jahre, aber das Arbeitsverhältnis wurde bekanntlich durch den gewaltsamen Tod ihres Chefs gelöst.“

„Richtig“, erinnerte sich der Major. „Ist über den Mord an Vidal etwas bekannt?“

„Nicht viel.“ Der Leutnant zuckte die Achseln. „Das Verbrechen, wohl eine Eifersuchtstragödie, liegt ja schon dreiundzwanzig Jahre zurück. Vidals Mörder, ein gewisser Ferdinand Kowalec, floh nach der Tat und beging Selbstmord. Ein halbes Jahr nach Vidals Tod wurde Kowalecs Leiche aus der Seine geborgen. In Miss Reislaenders Leben gibt es noch einen interessanten Punkt, nämlich ihre Freundschaft mit Wenzel Hacha. Aber darüber wissen Sie vermutlich mehr als ich.“

„Über diese Affäre weiß niemand viel, Jeff. Geben Sie mir jetzt bitte alle Akten, ich will mich hineinvertiefen.“

Kurz vor Mittag war der Major mit dem Aktenstudium fertig.

„Wie haben Sie sich Ihr weiteres Vorgehen gedacht?“, wollte Leutnant Gershenson wissen, als Mac ihm die Akten wieder übergab.

Dolan legte seine Karten offen auf den Tisch.

„Während ich mich hier in die Akten vertieft habe, ist meine Frau in das freie Appartement in der zweiten Etage des Mordhauses eingezogen. Ich figuriere dort als der aus Indonesien nach langer Krankheit zurückgekehrte Geologe Mac Astor. Captain Kennegan zieht als mein Berufskollege und Adlatus Jim Korn mit in das Drei-Zimmer-Appartement. Ich werde versuchen, mit den Bewohnern näheren Kontakt zu gewinnen und selbstverständlich ganz arglos tun. Sie, Jeff, arbeiten zusammen mit Sergeant O’Connor auf der bisherigen Basis weiter. Eine Frage noch, deren Beantwortung mich sehr interessiert: Wer außer Ihnen kennt meine wahre Identität?“

„Nur Sergeant O’Connor.“

„Das ist sehr gut. Wenn ich Sie brauche, setze ich mich telefonisch mit Ihnen in Verbindung. Sollten wir einander am Portman Square begegnen, tun wir selbstverständlich, als seien wir einander völlig fremd.“

„Ich wünsche Ihnen aufrichtig Erfolg, Mac. Das ist ein ganz gemeiner Fall; so richtig geeignet, einen redlichen Kriminalisten stolpern zu lassen.“

„Wem sagen Sie das?“, seufzte der Major.

 

2

Als Dolan seinen Mercury – er hatte den Wagen am frühen Morgen gemietet – vor dem Haus 23 Portman Square stoppte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Die Flugplatznähe war nicht zu überhören.

Portman Square selbst entpuppte sich als ein fast kreisrunder, gepflasterter Platz, der nur eine einzige Zufahrt von Osten her hatte. An der Peripherie des Kreises standen vier- und sechsstöckige Wohnhäuser aus neuerer Zeit ohne Lücken und Gärten. Ein breiter Gehsteig vor den Häusern folgte der Baulinie. Zur Haustür führte eine kleine Treppe mit eisernem Geländer; links daneben befand sich die Zufahrt zu den halb unterirdischen Garagen. Hinter der Haustür erreichte der Major einen kurzen, mit einem dicken Läufer belegten Gang, dessen Wände mannshoch blau getäfelt waren. Eingelassen in die linke Wand hoben sich neun Briefkästen ab. Am Ende des Ganges erweiterte sich der Flur zu einem geräumigen Treppenhaus, in dem sich die ebenfalls läuferbelegte Treppe um den Liftschacht nach oben zog. Die Wände waren hell getüncht, die Appartement-Türen links und rechts mit beigefarbenem Schleiflack versehen. Ein Druck auf den Knopf holte den Fahrstuhl aus dem vierten Stock herunter; Dolan stieg ein und fuhr zur zweiten Etage hinauf, wo das linke Appartement dem Schriftsteller Vermont und seinem Neger gehörte, und das rechte von dem Geologen Mac Astor gemietet worden war, wie sich Dolan hier nannte.

Da die Tür nur angelehnt war, trat Dolan in den kurzen Gang ein. Mit einem Blick übersah er die Lage. Links befand sich die Küche, rechts das Bad und die Toilette, am Ende des Ganges und an seiner hinteren Schmalseite führten insgesamt drei Türen zu den Zimmern.

Dolans Herz schlug schneller, als er das warme Organ seiner Frau hörte. Er freute sich ehrlich, dass es einmal einen Fall gab, bei dessen Erledigung er sich nicht wochenlang von June trennen musste, und er bangte gleichzeitig vor unvorhergesehenen Zwischenfällen, die Junes Leben in Gefahr bringen konnten.

Der Major betrat lächelnd den Raum, der als Schlafzimmer eingerichtet war. Vor einem großen zweiteiligen Bett aus heller Birke stand ein Sammelsurium von Koffern und Köfferchen. June, Dolans schöne, rothaarige Frau, war gerade dabei, ihre Garderobe in einen mächtigen Schrank einzuräumen. Ein Toilettentisch, ein kleinerer Schrank auf der anderen Zimmerseite, ein Wäschepuff, ein runder Tisch und zwei chintzbezogene Sessel bildeten die weitere Einrichtung. Über dem Bett hing das kühne Ölgemälde eines ebenso modernen wie unbekannten Meisters. Es stellte Mann und Frau dar, wobei sich nicht auf Anhieb entscheiden ließ, ob es sich um Amor und Psyche oder Philemon und Baucis handelte.

Auch nach etlichen Ehejahren brachte June, an deren füllig-schlanker Figur der Hausanzug aus schwarzer Honanseide wie angegossen saß, das Blut des Majors in Wallung. Dolan riss die sich zu ihm Umwendende einfach in die Arme und begrüßte sie mit einem herzlichen Kuss.

Jimmy Kennegan, in einem grob-karierten, hellen Reiseanzug, stand feixend im Hintergrund. Er sagte: „Hallo, Mac, mich hast du noch nie so freundlich begrüßt.“

Nachdem sich June schnell von ihm freigemacht hatte, reichte Dolan seinem langjährigen Freund herzlich die Hand. „Du bist ja auch kein charmantes junges Mädchen, mein Alter. Wie weit seid ihr?“

„Die Zimmer links und rechts des Schlafraums sind völlig gleich eingerichtet“, berichtete June. „Das linke wird unser gemeinsames Wohnzimmer, das rechte Jimmys Junggesellenbude sein. Willst du dir’s gleich mal ansehen?“

Dolan nickte und trat in das Zimmer zur Linken. Es war sparsam, aber nett eingerichtet: ein niedriger, nierenförmiger Tisch, eine geräumige Schlafcouch dahinter, grün bezogen, ein runder Rauchtisch mit zwei Sesseln, eine etwas deplatziert anmutende Glasvitrine, ein kleiner, völlig leerer Bücherschrank. Ein hübsches, ebenfalls leeres Blumengestell stand vor dem Drehflügelfenster, das durch einen kostbaren, ockerfarbenen Schiebevorhang aus durchbrochener Stickerei verkleidet war. In allen Räumen des Appartements roch es ein wenig muffig, ein Beweis, dass es lange ohne Mieter gewesen war.

„Und ich bin dir doch um einen Punkt voraus“, feixte Jimmy. „Bei mir gibt’s nämlich eine Hausbar mit elektrischer Kühleinrichtung.“

„Phantastisch!“ Mac griff in die Tasche und übergab dem Captain Autopapiere und Schlüssel. „Du kannst gleich einkaufen fahren, Jimmy, und die nötigen Alkoholika an Land ziehen. Berechne deine Einkäufe aber für 16 Personen.“

„Für 16 Personen?“, fragte June entsetzt. Sie drohte ihrem Mann scherzhaft mit dem Finger. „Hast du vielleicht die Absicht, deinen Aufenthalt in Chicago zu einer endlosen Alkoholorgie ausarten zu lassen?“

„Selbstverständlich nicht. Aber wir geben heute Abend zum Einstand eine Cocktailparty für die lieben Mitbewohner. Sie werden uns dabei alles, was sie beim Verhör nicht gesagt haben, freiwillig erzählen.“

„Deinen Glauben möchte ich haben“, murmelte Kennegan. „Der Mörder wird nämlich den Teufel tun, sich selbst zu entlarven.“

„Da bin ich noch gar nicht so sicher. Du weißt ja, Jimmy: Manchmal führt gerade die einfachste Methode zum Erfolg.“

 

*

 

Während Jimmy auf Einkaufstour ging, rief der Major ein ihm von früher her bekanntes Feinkostgeschäft an und bestellte für präzis 20.30 Uhr einige kalte Platten, dazu auf Mietbasis Geschirr und Gläser, da June selbstverständlich nur das Notwendigste nach Chicago mitgenommen hatte.

„Kannst du für mich einen Brief mit sieben Durchschlägen schreiben, Liebes?“, fragte er seine Frau.

„Ich bin fast fertig mit dem Einrichten“, sagte June freundlich. „Das Letzte kann warten. Die Wohnung wurde ja von Mister Dixon voll eingerichtet übergeben und mag zur Not genügen; bei längerem Aufenthalt müsste ich freilich einiges dazu tun, denn ich lebe nicht gerne nach Schablone.“

Nachdem June ihren Stenogrammblock herausgekramt und sich graziös am Rauchtisch niedergelassen hatte, diktierte der Major:

„Die neuen Mieter geben sich die Ehre, ihre Hausgenossen zu einer um 21 Uhr beginnenden Party einzuladen. Zweck dieser Party: Befriedigung unbezähmbarer Neugierde, Schaffung von Public Relations, gegenseitiges Beschnuppern und Beschnüffeln. Mitzubringen sind: gute Laune und der feste Wille, Alkohol und Delikatessen in großen Mengen zu vertilgen.

Zusage nicht erforderlich Absage bei Strafe verboten.

Auf Ihren Besuch freuen sich

June und Mac Astor.“

„Reichlich frech“, kommentierte June, „aber für den gedachten Zweck vielleicht gerade passend.“

Sie schloss ihre Reiseschreibmaschine auf und machte sich in Jimmys Zimmer an die Arbeit.

Mac sah durch das große Fenster auf ein riesiges Parkgelände mit einer Unmenge Ahornbäume hinunter. Ganz in der Nähe befand sich ein Kinderspielplatz, und im Nordosten dahinter erhob sich der Kontrollturm des O’Hara Field über die Wipfel.

Das sympathische, aber unüberhörbare Geräusch des Summers der Abschlusstür erlöste

Mac aus nebulösen, ziemlich quälenden Gedanken.

„Lass nur, das wird Jimmy sein“, rief er durch die angelehnte Tür seiner emsig tippenden besseren Hälfte zu. „Ich mach’ schon auf.“

Als er die Tür aufgezogen hatte, erkannte er allerdings seinen Irrtum. Anstatt des erwarteten Captains stand eine hochgewachsene, schlanke Frau auf dem Abstreifer. Sie trug ein gelbliches, sehr teures Nylonkleid, weiße Sandaletten und ein Samtband im glänzenden, blauschwarzen Haar. Ihr Gesicht hatte ausgesprochen slawischen Typus; es wirkte streng, hätte aber mit seiner gesunden, leicht gebräunten Hautfarbe das einer Frau von 40 Jahren sein können. Gewisse Schatten um Augen und Mundwinkel bewiesen dem Menschenkenner Dolan jedoch, dass seine Besucherin zehn, wenn nicht fünfzehn Jahre älter war.

„Guten Tag“, sagte der Major höflich.

Er fühlte sich eingehend von großen, dunklen Augen gemustert.

„Guten Tag“, sagte auch die Besucherin. „Ich bin Shura Batjac. Ich wohne mit meinem Sohn droben im dritten Stock.“

„Treten Sie bitte ein, Mrs. Batjac“, erwiderte Mac höflich und gab den Eingang frei. Er verbeugte sich leicht. „Ich heiße Astor. Was verschafft mir das Vergnügen Ihres Besuches?“

„Sie werden mich schrecklich aufdringlich finden, Mister Astor, aber ich bin vorhin auf der Treppe Ihrer Frau begegnet, und später kam mir der Gedanke, ich könnte ihr vielleicht etwas beim Einrichten helfen.“

Sie ließ sich nicht groß nötigen und betrat ohne Zögern Dolans Wohnzimmer, wo sie sich sofort an den Rauchtisch setzte und nervös nach einer Zigarette suchte.

Dolan ließ sein Etui vor ihrer Nase aufklappen, bediente sich ebenfalls und gab ihr höflich Feuer, ehe er seine eigene Camel anzündete.

„Ihr Besuch ist eine reizende Idee“, nahm er das Gespräch auf. „Aber wir brauchen Ihre Liebenswürdigkeit nicht in Anspruch zu nehmen. Wir haben die Wohnung möbliert gemietet und nur das Nötigste mitgebracht. Meine Frau ist schon fast fertig mit dem Einräumen. Die großen Koffer lagern noch beim Zoll und kommen unter Umständen erst sehr viel später nach. Übrigens hatte ich selbst den Wunsch, meine neuen Hausgenossen kennenzulernen; ich gebe heute Abend eine Party. Vielleicht darf ich Sie bitten, die schriftliche Einladung nachher gleich mitzunehmen.“

„Wie wundervoll!“, sagte Mrs. Batjac begeistert. „Ich glaube, es ist eine Ewigkeit her, dass ich unter Menschen war, ich lebe nur für meinen Sohn, müssen Sie wissen. Schweres liegt hinter uns …“

Dolan stellte keine Frage. Insgeheim bewunderte er die immer noch herausfordernde, reife Schönheit seiner Besucherin, von der er wusste, dass sie immerhin schon 55 Jahre alt war.

„Hoffentlich kommt die ganze Belegschaft“, meinte er burschikos.

„Wohl kaum“, wurde ihm schnell geantwortet. „Mein Sohn, zum Beispiel, wird leider verhindert sein. Er hat heute Abend ein Konzert.“

Dolan erkundigte sich höflich: „Ihr Sohn ist ausübender Künstler?“

Shura Batjac nickte. In ihre etwas starren Augen kam Leben. „Er spielt Violoncello beim ILLINOIS SYMPHONY ORCHESTRA. Manchmal sehr zum Missvergnügen unserer Hausgenossen, die sich hin und wieder durch sein Üben gestört fühlen.“

„Sind Sie der Meinung, dass die anderen alle kommen werden?“

Die Besucherin verzog mokant die Mundwinkel. „Jaree, der Tiger des Chicagoer Nachtlebens, wird kaum zu Hause sein. Mit dem vollzähligen Erscheinen der vierten Etage können Sie rechnen. Ernie Brandon wird sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, mit dem Minetti-Mädchen beisammen zu sein

„Ah – er ist Junggeselle?“, murmelte der. Major fragend.

Mrs. Batjac wehrte heftig ab. „Keineswegs, aber man muss nicht Junggeselle sein, um eine Frau zu begehren.“

„Nun, das ist nicht meine Sache. Immerhin – wenn Sie meinen …“ Dolan sah seine Besucherin schelmisch an. „Dann wird also die vierte Etage vollzählig, die dritte aber nur durch Sie vertreten sein. Nun, ich nehme Sie als vollwertigen Ersatz für alle anderen.“

Mrs. Batjac lächelte strahlend, wobei sie schneeweiße Zähne zeigte. „Selbst in meinem Alter hört man Komplimente noch gern. Sie sind ein galanter Mann, Mister Astor!“ Sie drohte Mac scherzhaft mit dem Finger. „Übrigens wird auch die zweite Etage erscheinen, denn Mister Vermont lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen, eine so aparte Frau kennenzulernen wie die Ihre. Passen Sie bloß gut auf. Und was Vermonts Freund und Kampfgenossen betrifft – nun, ich sage nur: Stille Wasser sind tief.“

„Well, lassen wir uns überraschen“, schlug der Major vor. „Ah – da kommt ja June.“

Die Tür hatte sich geöffnet; June trat ein, und Dolan beeilte sich, seine Frau mit Mrs. Batjac bekannt zu machen.

Die Damen plauderten etwa fünf Minuten miteinander, ehe sich Mrs. Batjac wieder empfahl. Sie gab Jimmy Kennegan die Klinke in die Hand.

„Nanu, hast du den ganzen Alkohol etwa selbst getrunken? Ich sehe keine Flaschen!“, sagte der Major heiter.

Jimmy schüttelte entrüstet den Kopf. „Ich werde mich doch nicht sinnlos anstrengen. Das Geplätscher wird um halb acht ins Haus geschickt. So, und jetzt möchte ich in Ruhe eine Zigarette rauchen und mit dir über unseren Fall klönen.“

Während June die Einladungen fertig machte und sich sofort bereit erklärte, sie höchstpersönlich auszutragen, setzte sich Mac zu Jimmy an den Schreibtisch und ging das bei Leutnant Gershenson Erfahrene mit ihm kurz durch.

„Wer war eigentlich das reife Semester vorhin?“, fragte Jimmy, als der Major seinen Bericht beendet hatte.

Mac klärte ihn auch darüber auf und steckte sich ebenfalls eine Zigarette an.

„Unter Umständen haben wir durch Mrs. Batjac bereits etwas Wichtiges erfahren“, meinte der Captain zufrieden.

„Bitte?“

„Ernie Brandons Chefs scheinen auf Sittenstrenge und gutes Familienleben zu halten“, erklärte Jimmy. „Wenn aber Brandon mehr als ein Auge auf Miss Minetti geworfen hat, obwohl er verheiratet ist, könnten seine Tage bei der Hastings Company gezählt sein …“

„Du meinst …“

„Ich meine im Augenblick überhaupt nichts. Noch ist der Fall nicht in ein Stadium getreten, in dem man sich eine Meinung bilden könnte.“

Nachdem June Dolan von ihrem Botengang zurückgekommen war, bat sie Dolan, ihr doch einen Schluck Whisky zu geben.

 

3

Dann teilten sie sich in die Arbeit und waren um halb neun Uhr mit den Vorbereitungen fertig. Sie hatten das Wohnzimmer des Captains ausgeräumt, in genialer Improvisation mit Hilfe eines Tisches, zweier Hocker und eines Bügelbretts ein kombiniertes Büfett sowie Geschirr, Gläser und Shaker aufgebaut und alles, was auch nur entfernte Ähnlichkeit mit einer Sitzgelegenheit hatte, zusammengetragen.

Die beiden Herren nahmen es mit der Abendtoilette nicht so genau und zogen ganz einfach gedeckte Sommeranzüge an. June dagegen tat es nicht unter einem hautengen, nilgrünen Cocktailkleid, von dem Dolan sofort protestierend behauptete, es halte ihn von jeglicher Arbeit ab, während Captain Kennegan trocken schluckte, die Augen niederschlug und blutrot wurde.

Aus den 3-D-Lautsprechern ertönte die einschmeichelnde Stimme Bing Crosbys, und im Korridor zum ersten Mal der Summer.

Natürlich – wie hätte es anders sein können – war die neugierige Mrs. Batjac der erste Gast. Sie behauptete, ihr zartes Gewissen habe ihr befohlen, der Hausfrau zur Hand zu gehen, und da man ihr schon einmal den kleinen Finger gereicht hatte, musste man ihr auch die ganze Hand geben, worauf sie sich anstellte, als sei sie die Hausfrau und June das Dienstmädchen. Sie setzte sich aber derart charmant in Szene, dass ihr niemand ernstlich böse sein mochte.

Als es abermals klingelte, stand ein schlanker, rothaariger Gentleman von etwa fünfzig Jahren im Smoking vor der Abschlusstür. Der öffnende Jimmy schämte sich vor solchem Glanz ob seines einfachen Anzuges entsetzlich.

Der Rothaarige stellte sich in aristokratischem Ton als Henry Versland vor und präsentierte seine Begleiterin, eine hochgewachsene, herbe Schönheit mit glatt anliegendem schwarzem Haar, als Miss Edwards.

Das feuerrote Kleid seiner Haushälterin umspannte eine Figur, zu der sich auch eine 15 Jahre Jüngere hätte gratulieren können.

Gleich danach erschien das Ehepaar Foster. Er, ein großer, blonder Mann von etwa 45 Jahren, in einem legeren Pfeffer-und-Salz-Anzug, intelligent, strahlend, zynisch; sie, etwa 20 Jahre jünger, bildschön, elegant, in einer atemberaubenden Robe, die den sicheren Geschmack der Moderedakteurin für ausgefallene Accessoires dokumentierte. Ihr reiches, lockiges Haar war silbern gefärbt, ihre bereits etwas zu füllige Figur, das breite Gesicht und die feurigen Augen verrieten die Spanierin von Geblüt. Während Jimmy auf Anhieb von ihr hingerissen war, urteilte Dolan wesentlich nüchterner, denn er sah auf den ersten Blick, dass Mrs. Foster zehn Jahre später vermutlich schon verblüht sein würde.

„Ich glaube, wir könnten einen Begrüßungsschluck vertragen“, meinte June nach der allgemeinen Vorstellung. „Darf ich den Vorschlag machen, zunächst einmal Whisky pur zu nehmen?“

Dieser Vorschlag fand allgemeine Zustimmung. Mrs. Batjac, June und Jimmy hatten alle Hände voll zu tun, ihre Alkoholika loszuwerden. Mac hielt sich währenddessen im Hintergrund und beobachtete unauffällig den bekannten Kolumnisten, der ihm bis jetzt die interessanteste Erscheinung des Abends zu sein schien.

Foster hatte ein glattes, sonnengebräuntes Gesicht, kleine, weit auseinander stehende Augen und reiches Blondhaar, das an den Schläfen ergraut war. Er bot ganz das Bild des klardenkenden, überlegenen Pressemannes, schien aber über die Maßen nervös zu sein. Schon beim zweiten Drink fiel ihm das Glas aus der Hand und zersplitterte in tausend Stücke, danach verlor er die Zigarette aus den Fingern und um ein Haar die Kontenance.

Aber was regt ihn bloß so auf?, überlegte der Major verwundert.

Von seiner Frau strahlend angehimmelt, überwand „FF“ seine Unsicherheit. Er bemächtigte sich eines frischen Glases und schwang sich zum Sprecher der Gäste auf.

„Zum Teufel!“, sagte er burschikos-herzlich. „Ganz gleich, ob es nun üblich ist oder nicht – ich liebe nämlich das Ungewöhnliche! – ich finde Mister Astors Idee reizend, uns alle sehr summarisch im Rahmen einer Cocktailparty kennenzulernen. Ich erlaube mir, auf das Wohl unseres Gastgebers und seiner charmanten Gattin zu trinken!“

In dem allgemeinen Gemurmel und Gelächter danach ging die Ankunft des Ehepaars Brandon aus der vierten Etage fast unter. Dolan registrierte selbstverständlich insgeheim jede Einzelheit, denn er hatte ja die Party nicht so zum Spaß gegeben, sondern zu dem Zweck, sich zwanglos mit den Hausbewohnern und nach Möglichkeit mit ihren kleinen Schwächen und Lastern bekannt zu machen.

Brandon, 36 Jahre alt, wie Dolan wusste, war der Typ des schlanken, blonden, leichtsinnigen Windhundes, wirkte aber sympathisch. Kitty, seine acht Jahre jüngere Frau, fiel gegen ihren Mann stark ab. Sie war zart, schwarzhaarig und nicht sehr vorteilhaft gekleidet, machte aber einen zuverlässigen und charaktervollen Eindruck. In seiner lärmenden Art besorgte Brandon die Vorstellung sehr oberflächlich und nagelte Dolan sofort fest.

„So, Sie sind also das Wundertier aus Indonesien, Mister Astor! Die letzten Jahre dort mögen gar nicht so einfach gewesen sein.“

„Nein, das waren sie nicht“, konterte Mac gelassen. „Deswegen habe ich auch die erstbeste Gelegenheit benutzt, um mit meiner Frau und meinem Assistenten in die Heimat zurückzukehren. Jetzt möchte ich erst einmal meine Malaria richtig auskurieren, und dann findet sich schon ein neuer Job.“

„Sie sind bereits auf dem besten Wege dazu“, fiel Mrs. Batjac lachend ein. „Alkohol soll gut sein gegen Malaria, habe ich mir sagen lassen.“

„Ich habe mal einen gekannt“, ließ sich Versland vernehmen, „der unter dem Vorwand, etwas gegen seine Malaria tun zu müssen, ein kleines Vermögen durch die Kehle jagte.“ Er trank Dolan amüsiert zu. „Nichts für ungut, Astor, ich darf Ihnen verraten, dass mir bewusster Mann besonders sympathisch war …“

„Dann werde ich mich bemühen“, fiel Jimmy ein, „mir in ähnlicher Weise Ihre besondere Sympathie zu erwerben!“

Als nächsten Gast lernte der Major den Schriftsteller Mike Vermont kennen und in ihm einen blonden, tadellos gekleideten Gent, dem eine gewisse Ähnlichkeit mit dem gleichaltrigen Ernie Brandon nicht abzusprechen war, der aber wesentlich weniger sympathisch und noch bedeutend leichtsinniger wirkte. Sein überhebliches Benehmen brachte den Schriftsteller bei dem Major sofort um jeden Kredit. Sein jüngerer Kollege und Ghostwriter Barbulee war das, was die Amerikaner so herzerfrischend einen fetten Jungen nennen; er schien träge und etwas langsam im Denken zu sein. Um so mehr hielt er sich an die alkoholischen Getränke, naschte von allem und jedem – was seiner Figur bestimmt nicht zuträglich war – und verzog kaum die Lippen, wenn sein Freund Vermont den Damen Komplimente machte, die schon hart an der Grenze der Frechheit lagen.

Nachdem man sich ausgiebig am kalten Büfett gestärkt hatte, hatte June die gute Idee, eine Schallplatte aufzulegen und die Anwesenden mit dem Tango Bolero zu einem Tanz in der Sardinenbüchse aufzufordern, womit sie nicht nur die Lacher, sondern auch die Wahrheit auf ihrer Seite hatte.

Der Beginn der Tanzerei wurde allerdings durch das Erscheinen zweier Damen noch etwas

hinausgeschoben. Die leise Spannung, die Jill und Angela Minettis Auftritt begleitete, war einfach nicht zu übersehen. Es wurde urplötzlich mäuschenstill im Zimmer, und die Gäste rangen teils unmerklich, teils deutlich, um Fassung. Selbst Vermont unterbrach seine lautstarke Diskussion mit Versland, und beide wandten sich zur Tür um.

Mrs. Batjac hatte ein boshaftes Funkeln in den Augen; Miss Edwards kredenzte Mrs. Brandon verlegen einen besonders raffinierten Cocktail, und die Fosters fragten aufgebracht und nicht sehr überzeugend, warum denn, zum Donnerwetter, kein anständiges Gewalze zustande komme.

Angela Minetti trug eine weite, lose fallende Jacke aus grünem Leder und eng anliegende Hosen aus gleichem Material. Rock’n-Roll-Schuhe aus Ziegenleder ergänzten ihren bizarren Anzug, für den sie, die sie die Italienerin in nichts verleugnete, vielleicht nicht die richtige Figur besaß. Immerhin konnten ihre volle Brust, die überraschend schlanke Taille und die rundliche Hüfte einem Mann schon einheizen. Ein ähnliches Urteil stand dem kleinen Captain jedenfalls auf der Stirn geschrieben. Sie trug ihr blau schwarzes Haar in einer schlichten Pony-Frisur und wirkte mit ihrem gut geschnittenen Gesicht ungeheuer attraktiv, ja, sogar süß, wenn auch nicht in der kitschigen Bedeutung des Wortes.

Mit leicht geschürzten Lippen sah sie sich um.

Ihre Schwester Jill, etwa drei Jahre älter, war Angela wie aus dem Gesicht geschnitten, aber wesentlich schlanker, dazu hochgewachsen und unverkennbar intelligenter. Sie trug ein blaues Nylonkleid, das ihre bildschöne Figur offenherzig, aber keineswegs indezent zur Schau stellte, und hochhackige, durchbrochene Pumps, in denen man die goldlackierten Zehennägel im gleichen Ton schimmern sehen konnte, wie die Fingernägel unter den weißen Netzhandschuhen.

Der aufleuchtende Blick, den Angela Ernie Brandon zuwarf, entging den scharfen Augen June Dolans ebenso wenig wie die zitternde Nervosität Kitty Brandons, die unter der reichlich aufgetragenen Schminke aschfahl geworden war und unvermittelt mit unechtem Ton hell auflachte.

„Darf ich mich zum Maitre de Plaisir aufschwingen?“, fragte Shura Batjac, sich gewandt näher schlängelnd; mit gewollt komischer Grandezza stellte sie vor: „Mister Astor – Miss Jill Minetti; Mister Astor – Miss Angela Minetti. Miss Angela und Miss Jill Minetti – Mrs. Astor.“

Während der Major das übliche „Sehr erfreut!“ murmelte und den beiden Damen die Hand reichte, trafen sich Kitty Brandons und Angela Minettis Augen blitzschnell. Kittys Augen blitzen wütend-ergeben und beleidigt, die Angelas spöttisch und herausfordernd.

Angela wandte sich kurz, fast unhöflich, von Dolan ab und nagelte Mrs. Batjac fest.

„Schade!“, sagte sie. „Wo bleibt denn Karel?“

„Karel hat eben nur Augen und Herz für seine geliebte Musik“, erwiderte Mrs. Batjac betont boshaft. „Er spielt heute in einem Orchesterkonzert die Cello-Sonate von Max Bruch – sofern Ihnen das ein Begriff ist.“

„Da ich ein ungebildetes Mädchen bin, ist mir die Sonate natürlich kein Begriff“, konterte Angela eingeschnappt. „Aber man muss einen jungen Mann nicht unbedingt durch die Umwandlung seiner Person durch die Tonkunst betrachten.“

„Das ist nun wiederum mir zu hoch“, erwiderte Shura Batjac grob; ihr weich geschwungener Mund verhärtete sich jäh. „Kennen Sie übrigens das alte Sprichwort: Niemand kann zwei Herren dienen?“

Nun erbleichte auch Angela bei dieser Herausforderung, aber sie parierte ebenso eisig wie geschickt, selbstverständlich könne niemand zwei Herren zugleich dienen, aber es gebe immerhin Beispiele dafür, dass jemand gleichzeitig einem Herrn und einer Dame gedient hätte.

Das war deutlich.

June rettete die Situation mit einem guten Einfall.

Sie legte rasch eine heiße Rumba-Platte auf, klatschte in die Hände und rief: „Damenwahl!“

Gleich darauf forderte sie Ernie Brandon auf und tanzte mit ihm von Kitty weg.

Diese fühlte sich veranlasst, den Gastgeber zu wählen; Dolan schob aber rasch Jimmy vor, der eine Sekunde zu langsam geschaltet hatte, und stellte sich Angela Minetti in den Weg. Jill tanzte mit Versland, Miss Edwards forderte Felix Foster auf, und Mrs. Foster Barbulee, deutlich zu erkennen gebend, dass ihr der fette Junge lieber sei als der zu alerte Vermont. Da Frances Foster lachend erklärte, lieber in Ruhe eine kleine Alkoholorgie feiern zu wollen, musste sich Mrs. Batjac mit Vermont abfinden, was ihr nicht gerade zu behagen schien.

Nach drei oder vier Tänzen lockerte sich die Atmosphäre auf, und Dolan wusste es so einzurichten, dass er bei der allgemeinen großen Abfütterung, wie er es nannte, immer noch Angela Minettis Begleiter war.

„Was darf ich Ihnen zu trinken bringen, Angela?“, fragte er. „Vielleicht einen Martini?“

Das Fotomodell verzog den Mund zu einer Grimasse. „Sie haben so viel Whisky, bester Mac …“

Dolan verstand und erfüllte ihren Wunsch.

„Wie gefällt es Ihnen?“, fragte Angela leise; ihre Augen suchten dabei aufmerksam Brandon. Dieser wiederum wurde von Shura Batjac geradezu massiv bei der Stange gehalten, und seine Frau beobachtete aus der Ecke mit ängstlichen Augen rundum.

„Eine reizende Hausgemeinschaft, nicht wahr?“, beantwortete Angela gleich darauf herausfordernd ihre Frage. „Man möchte fast nicht glauben, dass einer der lieben Menschen hier …“, sie machte eine vage Geste, „vor noch nicht drei Wochen unsere charmante Hauswirtin ermordet hat!“

Es wurde totenstill im Raum. Niemand sprach ein Wort. Dafür sprachen die Blicke deutlich, und wenn sie glühende Nadeln gewesen wären, wären sie alle in Angelas schönem Körper gelandet.

„Aber meine Herrschaften!“, sagte June vorwurfsvoll. „Wer wird in seliger Stimmung ein Wort auf die Goldwaage legen! Wir haben selbstverständlich durch Rechtsanwalt Dixon von Miss Reislaenders tragischem Tod erfahren, sind aber weder schreckhaft noch abergläubisch. Ich habe mir sagen lassen, dass die amerikanische Polizei immer noch sehr tüchtig ist, und ich bin fest überzeugt, dass sie den Mord bald klärt. Wollen wir nicht lieber tanzen?“

Nein die Gäste dieser improvisierten Party wollten nicht tanzen. Von drei, vier Seiten erklangen erklärende Zurufe an die Adresse der Dolans.

Alles konnte der Major in dem Durcheinander nicht verstehen, aber doch soviel, dass man ihm wortreich versicherte, wie sehr man allgemein den Tod der lieben, guten Gabriela bedauere, und eine wie reizende, gutmütige alte Haut sie gewesen sei.

Danach wollte allerdings die richtige Stimmung nicht mehr aufkommen. Vermont und Barbulee ersäuften ihren Kummer in Whisky und wurden danach so unerträglich, dass es June Dolans ganzen Geschicks bedurfte, die beiden ohne Eklat in ihre Wohnung zurückzubefördern. Mrs. Batjac wurde plötzlich müde, die Minetti-Mädchen behaupteten das gleiche – kurzum, gegen 22.30 Uhr waren von den Gästen nur mehr die Brandons und das Ehepaar Foster übriggeblieben, nachdem sich auch Versland und seine Haushälterin empfohlen hatten.

Im kleinen Kreis schnitt Frances Foster das heikle Thema noch einmal an und gab unaufgefordert den neuen Mietern eine ziemlich genaue Darstellung dessen, was sich in der Nacht vom 14. zum 15. Juli ereignet hatte.

„Hoffentlich haben Sie die Kenntnis dieser Vorfälle dazu benutzt, kräftig die Miete zu drücken“, meinte Mrs. Foster nüchtern und trank gleich darauf Jimmy, von dem sie sehr angetan zu sein schien, lächelnd zu.

„Ich sah dazu keine Veranlassung“, murmelte Dolan und wandte sich wieder an den Ehemann, der ihn aus gescheiten, etwas spöttischen Augen betrachtete. „Ich glaube, meine Frau hat vorhin das einzig Richtige gesagt: Wir dürfen es durchaus ruhig der Polizei überlassen, den Mörder zu eruieren. Vielleicht ist es ein Neffe, der das schöne Haus erben wollte …“

„Unsinn! Die gute Gabriela stand ohne Freunde und Verwandte auf der Welt. Haus und Vermögen erbt der Staat.“

„So? Sonderbar! Vielleicht hat jemand die arme Frau so gehasst, dass er seiner kochenden Seele nur mehr durch einen Mord Entspannung verschaffen konnte.“

„Das ist völlig unmöglich!“, warf Brandon ein. Sein Gesicht rötete sich in hektischer Erregung.

„Gabriela war sanft wie ein Lamm. Niemand hat sie gehasst. Verstehen Sie? Niemand!“

„Aber deswegen brauchen Sie sich doch nicht so zu ereifern!“ June lächelte hintergründig. „Wir glauben Ihnen ja. Und überhaupt finde ich die ganze Mordgeschichte so rührend uninteressant!“

In der folgenden Diskussion bemühten sich Brandon und Foster, Dolan klarzumachen, dass nur ein Außenstehender Miss Reislaender ermordet haben könnte, und Dolan tat ganz so, als glaube er ihnen alles unbesehen.

Als sich die Fosters als letzte verabschiedeten, sagte die charmante Frances etwas zugleich Kluges wie Unüberlegtes.

„Wenn man die Dinge richtig betrachtet“, meinte sie nachdenklich, „muss es doch jemand aus dem Haus gewesen sein. Ich meine – vielleicht hat Gabriela von einem der Mieter etwas sehr Blamables gewusst und …“

„Vergiss nicht, meine Liebe“, schnitt ihr Foster erregt das Wort ab, „dass du aus einem Land stammst, in dem niemand etwas dabei findet, wenn ein Ehemann seine Frau ordentlich durchprügelt!“

Daraufhin verstummte Frances sofort gehorsam.

Eine halbe Stunde vor Mitternacht waren die Dolans und Captain Kennegan wieder allein. Zurück blieben die Reste auf den kalten Platten, halb und ganz geleerte Flaschen und ein undefinierbarer Duft nach kaltem Zigarettenrauch und schalem Alkohol, teurem Parfüm und Mayonnaise.

„Na, wie war die Party?“, fragte Kennegan hintergründig.

„Ungeheuer aufschlussreich“, erwiderten June und Mac zweistimmig.

June fügte hinzu: „Ich denke, wir werden heute Nacht noch die ärgsten Verheerungen beseitigen und uns dann schlafen legen. Im Übrigen – es lebe die neue Wohnung!“

 

4

Am Donnerstagmorgen sah alles anders aus. June erwachte gegen halb sieben Uhr. Sie überwand mutig ihre Sehnsucht, einfach weiterzuschlafen, warf einen kurzen, liebevollen Blick auf den ruhig atmenden Mac und erhob sich.

Nachdem sie einen Morgenrock angezogen hatte und in ihre Pantoffeln geschlüpft war, verließ sie leise das Schlafzimmer.

Die Tür zu Jimmys Zimmer stand halb offen, und rhythmisches Schnarchen drang auf den Flur.

Mit einem Lächeln ging June in die Küche, setzte Wasser auf, nahm eine Tasse aus dem Regal und öffnete die Nescafé-Büchse.

Nach zwei Tassen Kaffee und einer Zigarette fühlte sich die schöne rothaarige Frau wieder handlungsfähig. Sie machte Toilette und spielte sekundenlang mit dem Gedanken, gleich für Ordnung zu sorgen, gab ihn aber wieder auf. Stattdessen suchte sie eine Platte heraus und belud sie verschwenderisch aus dem Eisschrank mit allerlei teuren Delikatessen, die bei der Party übriggeblieben waren. Am Ende packte sie eine Flasche Whisky und eine Magnumflasche Sekt in ein Einkaufsnetz und verließ die Wohnung, um mit dem Lift ins Kellergeschoss hinunterzufahren.

Auch der Korridor vor der Hausbesorgerwohnung war licht getüncht. Bevor June klingeln konnte, öffnete sich die Tür, und ein großer, kräftiger Mann in Arbeitshosen und einem bunten Hemd stand vor ihr. Er sah wie ein Durchschnittsmensch aus, fand June, und doch auch wiederum nicht, denn sein Gesicht war gut geschnitten, kräftig gegliedert und strahlte eine überlegen-pessimistische Lebensauffassung aus, die von bitterem Leid, aber auch von dem mutigen, bedachtsamen Versuch, aller Nöte Herr zu werden, geprägt war.

June wurde von dem Hausbesorger, den sie bereits am Vortag kennengelernt hatte, höflich und mit überraschend gewählten Worten begrüßt: „Guten Morgen, Mrs. Astor! Was führt Sie schon so früh zu mir? Kann ich Ihnen vielleicht irgendwie behilflich sein?“

Details

Seiten
150
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934281
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (März)
Schlagworte
fast mord

Autor

Zurück

Titel: Fast ein perfekter Mord