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Ausgesetzt: Baby Stefanie

©2019 101 Seiten

Zusammenfassung

Da weint doch ein Baby, denkt die Krankenschwester Gerlinde. Doch im Säuglingszimmer ist alles ruhig. Beunruhigt sucht sie nach dem Kind und findet ein Frühchen auf dem Flur zur Feuertreppe. Viele Fragen kommen auf, die niemand beantworten kann, denn die Mutter ist nicht auffindbar. Als das kleine Mädchen zu Kräften kommt, wird sie von dem kinderlosen Ehepaar Palmen adoptiert. Damit verändert sich für sie eine Menge, womit keiner gerechnet hat.

Leseprobe

Table of Contents

Ausgesetzt: Baby Stefanie

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Ausgesetzt: Baby Stefanie

Arztroman von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 101 Taschenbuchseiten.

 

Da weint doch ein Baby, denkt die Krankenschwester Gerlinde. Doch im Säuglingszimmer ist alles ruhig. Beunruhigt sucht sie nach dem Kind und findet ein Frühchen auf dem Flur zur Feuertreppe. Viele Fragen kommen auf, die niemand beantworten kann, denn die Mutter ist nicht auffindbar. Als das kleine Mädchen zu Kräften kommt, wird sie von dem kinderlosen Ehepaar Palmen adoptiert. Damit verändert sich für sie eine Menge, womit keiner gerechnet hat.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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1

Nachts in der Paracelsus-Klinik. Alles war still auf den Klinikfluren, nur eine der diensthabenden Schwestern huschte hin und wieder leise von Tür zu Tür, um nach Schwerkranken zu sehen. Auf der Säuglingsstation weinte leise ein Baby, doch als Schwester Gerlinde in den Raum kam, in dem zur Zeit zehn Neugeborene lagen, war alles ruhig. Erst draußen, auf dem matterleuchteten Flur, hörte sie wieder dieses jammervolle Weinen.

Die Nachtschwester kniff die Augen zusammen und lauschte mit angehaltenem Atem. Was war das eben gewesen? Hatte sie das leise Wimmern eines Säuglings vernommen? Im Augenblick war nichts zu hören.

Schwester Gerlinde entspannte sich wieder und lehnte sich bequem zurück. Sie hatte Babys sehr gern, hätte vor einem Jahr selbst beinahe eines bekommen. Von Uwe ... Beinahe ... Sie atmete schwer aus.

Sie hatte Uwe Ringelmann wahnsinnig geliebt, und er hatte immer wieder behauptet, dass er genauso viel für sie empfinden würde. Als sie ihm dann jedoch eröffnet hatte, dass sie in anderen Umständen wäre, hatte er von ihr verlangt, dass sie das Kind wegmachen lassen solle, und als sie ihm gesagt hatte, dass so etwas für sie überhaupt nicht in Frage käme, war seine vulkanhafte Leidenschaft jäh erloschen. Er war auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Angeblich lebte er nun mit einer Cousine vierten Grades zusammen in Kiel.

Uninteressant für Gerlinde Bührmann. Sie hatte unter dieses unerfreuliche Kapitel in ihrem Leben einen dicken Schlussstrich gezogen und wollte von dem Mann, der sie so sehr enttäuscht hatte, nun nichts mehr wissen.

Leider war es ihr nicht gegönnt gewesen, das Kind auszutragen. Sie hatte es nach drei Monaten hier in der Paracelsus-Klinik verloren, und Dr. Härtling hatte sie mit den Worten getröstet: „Seien Sie nicht traurig, Schwester Gerlinde. Sie sind jung und gesund. Sie können noch so viele Kinder bekommen, wie Sie wollen.“

Theoretisch ja. Aber praktisch? Uwe Ringelmann stand ihr nicht mehr zur Verfügung, und von einem anderen Mann, von dem sie gerne ein Baby gehabt hätte, war weit und breit nichts zu sehen. Ihr Leben war leer geworden.

Sie hob den Kopf und lauschte wieder. Kann man sich leises Babyweinen so sehr einbilden, dass man es tatsächlich zu hören vermeint?, ging es Schwester Gerlinde durch den Sinn. Sie stand auf, befand sich allein im Schwesternzimmer. Sie war überdurchschnittlich groß und sehr schlank, ihr dunkles Haar war kurz geschnitten.

Neugierig ging sie zur Tür und öffnete sie. Auf dem Flur herrschte die gewohnte nächtliche Stille. Wenn sich unter den Patienten kein Dauerklingler befand, konnte so ein Nachtdienst sehr geruhsam sein.

Gerlinde Bührmann wollte die Tür gerade wieder schließen, da geisterte erneut so ein leises Wimmern durch den Flur. Das war mit Sicherheit keine Einbildung, deshalb beschloss die verantwortungsbewusste junge Nachtschwester, der Sache auf den Grund zu gehen. Gespannt trat sie aus dem Schwesternzimmer und ging den Gang entlang. Das Babyklagen riss unvermittelt ab, doch Schwester Gerlinde ging weiter.

Sie schaute sowohl in die Herren- als auch in die Damentoilette. Nichts. Und der Säugling gab auch kein Geräusch mehr von sich. Dennoch war Gerlinde Bührmann inzwischen felsenfest davon überzeugt, dass sich das Kleinkind ganz in ihrer Nähe befand. Sie ging bis zum Ende des Ganges.

Links gab es einen kleinen Raum, in dem sich Patienten mit Freunden oder Familienangehörigen, die gekommen waren, um sie zu besuchen, zusammensetzen konnten.

Auch da schaute die Nachtschwester hinein, aber auch hier war kein Baby.

Schwester Gerlinde kehrte um. Da war eine große, breite Metalltür. Dahinter befand sich die Feuertreppe, die man hoffentlich nie würde benutzen müssen - und hier wurde Gerlinde Bührmann fündig.

Als sie die feuerhemmende Tür öffnete, fiel ihr Blick auf ein zuckendes Stoffbündel. Sie schlug die Zipfel auseinander, und vor ihr lag ein dünnes, winziges Baby, so klein, dass es sich nur um eine Frühgeburt handeln konnte. Gerlinde Bührmann krampfte es unwillkürlich das Herz zusammen. Weggelegt!, dachte sie voll tiefsten Mitgefühls. Ausgesetzt! Was für ein schlechter Start ins raue Leben!

Ihre Augen füllten sich mit Tränen, sie konnte es nicht verhindern. Sie beugte sich zu dem Säugling hinunter. Wer mochte ihn hierher gelegt haben?

Was für eine Mutter brachte es fertig, sich auf diese Weise von ihrem Kind zu trennen? Welche furchtbaren Umstände mochten sie zu dieser Verzweiflungstat getrieben haben? Und dabei hat sie noch vernünftiger gehandelt als so manche andere junge Mutter, die keinen Ausweg aus ihrer persönlichen Misere sieht, in Panik gerät und ihr Baby aus diesem Grund umbringt, ging es Schwester Gerlinde durch den Kopf.

Die Nachtschwester schlug den Stoff etwas weiter auseinander.

„Ein Mädchen“, flüsterte sie.

Sie nahm das Kleinkind auf. In einer Stofffalte knisterte ein Zettel. Gerlinde Bührmann griff danach und glättete ihn. In ungelenker, bestimmt verstellter Schrift stand STEFANIE auf dem Papier. Sonst nichts.

„Stefanie heißt du also“, sagte die Nachtschwester.

Das Baby fing an kläglich zu weinen, und Schwester Gerlinde brachte es hastig auf die Säuglingsstation.

 

 

2

Chefarzt Dr. Sören Härtling stand als erster auf und ging unter die Dusche. Er war ein dunkelhaariger, gut aussehender Mann von Mitte Vierzig, Gynäkologe und Leiter der Paracelsus-Klinik, die Prof. Dr. Walter Paracelsus, der heute siebzigjährige Vater seiner Frau, gegründet hatte.

Sören Härtling führte mit Jana seit zwanzig Jahren eine sehr glückliche und harmonische Ehe - und sie waren beide sehr stolz auf ihre vier wohlgeratenen Kinder - die achtzehnjährigen Zwillinge Dana und Ben, den vierzehnjährigen Tom und die zehnjährige Josee.

Der sympathische Klinikchef beendete die Dusche mit einem Kalt-Warm-Kalt-Guss, schlüpfte in seinen Bademantel und trommelte anschließend die Kinder aus ihren Zimmern.

„Aufstehen, Ben!“

„Jaaa...“, kam es unwillig durch die Tür.

„Raus aus den Federn, Dana!“

„Jaaa...“, ächzte die Achtzehnjährige, als hätte sie nur eine Stunde geschlafen.

„Guten Morgen, Tom!“

„Jaaa...“ Das klang ein wenig aufsässig.

„Frühstück, Josee!“

„Ich komme!“, meldete sich das Nesthäkchen der Familie quietschvergnügt.

Aus dem gemeinsamen Frühstück mit der Familie sollte dann aber nichts werden, denn Ottilie, die alte Haushälterin, rief: „Herr Doktor! Herr Doktor, ein Anruf aus der Klinik!“

„Ich komme“, sagte Dr. Härtling, eilte an den Apparat und meldete sich.

Am anderen Ende der Leitung war Schwester Annegret, die seit mehr als vierzig Jahren in der Paracelsus-Klinik tätig war. „Was gibt’s, Annchen?“, erkundigte sich der Klinikchef innerlich angespannt. Wenn Annegret ihn nicht einmal frühstücken ließ, gab es dafür bestimmt keinen erfreulichen Grund.

Die Pflegerin entschuldigte sich für die frühe Störung, und was sie ihm dann zu melden hatte, ließ einen heftigen Ruck durch seinen Körper gehen.

„Was?“, stieß er aufgeregt hervor. „Wer? ... Wann? ... Ich komme sofort!“ Der Chefarzt legte hastig auf. Seine Frau kam soeben die Treppe herunter.

„Was ist passiert?“, fragte Jana beunruhigt.

„Jemand hat heute Nacht ein Baby weggelegt“, informierte Dr. Härtling seine Frau, die ebenfalls Ärztin und Mitinhaberin der Privatklinik war. „Ein Mädchen. In der Paracelsus-Klinik. Schwester Gerlinde hat es gefunden. Eine Frühgeburt. Sieben Monate alt. Die kleine Stefanie liegt jetzt im Brutkasten.“

„Stefanie?“, fragte Jana Härtling überrascht.

„Es lag ein Zettel mit diesem Namen bei der Kleinen“, erklärte der Klinikchef. „Ich muss sofort los.“ Er wandte sich an die grauhaarige Wirtschafterin. „Das Frühstück fällt heute aus, Ottilie. Ich hole es in der Klinik nach, sobald die Wogen sich geglättet haben.“ Er gab seiner Frau einen raschen Kuss und stürmte aus der Villa.

Die Tür fiel ins Schloss.

„War das Papa?“, fragte Ben, auf der letzten Stufe der Treppe stehend.

„Ja“, antwortete Jana Härtling.

„Frühstückt er heute nicht mit uns?“

„Nein“, sagte Jana und erklärte ihrem ältesten Sohn den Grund dafür.

Ben schüttelte verständnislos den Kopf.

„Wie kann man sein eigen Fleisch und Blut einfach aussetzen?“

„Wenn man die Eltern ausforscht, werden wir es erfahren“, sagte Jana.

„Wie fühlst du dich heute, Ben?“, erkundigte sich Ottilie. „Hat der Vollmers Tee gewirkt?“

Ben legte die Hand auf seinen Bauch und ließ sie kreisen.

„Ja, der präparierte grüne Hafertee von Vollmers hat für einen vollen Erfolg gesorgt.“

Er hatte in letzter Zeit Verdauungsprobleme gehabt, und Ottilie hatte ihm den arzneilich wirksamen Tee als natürliches Reguliermittel empfohlen.

Wenn Nahrung zu lange im Körper bleibt und sich damit die Ausscheidung von Harnsäure und anderen Stoffwechselabbauprodukten verzögert, kann es zu allen möglichen Gesundheitsstörungen kommen, deshalb ist es ratsam, rechtzeitig etwas dagegen zu unternehmen. Das hatte Ben sich von Ottilie sagen lassen, und da seine Eltern die Einnahme des Tees, der den Gesamtstoffwechsel anregt, die Entwässerung des Gewebes unterstützt und die Möglichkeit der Wasseransammlung im Körper vermindert, befürwortet hatten, hatte er ihn getrunken.

„Dieses lästige Völlegefühl ist weg“, sagte Ben. „Ich fühle mich wie neugeboren.“

Neugeboren ... Dieses Wort ließ Jana Härtling gleich wieder an das Baby denken. Hoffentlich schafft es die kleine Stefanie, ging es ihr durch den Sinn - und dann begab sie sich mit Ottilie in die Küche, um ihr beim Servieren des Frühstücks zur Hand zu gehen.

 

 

3

In der Paracelsus-Klinik suchte Dr. Sören Härtling als Erstes die Säuglingsstation auf. Stefanie lag im Brutkasten - ein kleines, mageres Hühnchen, das wohl nicht überlebt hätte, wenn die Nachtschwester es nicht kurz nach seiner Aussetzung (so wurde vermutet) gefunden hätte.

Schwester Olli und Schwester Irmgard kümmerten sich sehr intensiv um das Kind, das bereits eine Reihe von Untersuchungen hinter sich und noch so manchen medizinischen Test vor sich hatte.

Moni Wolfram, Sörens attraktive Sekretärin, erschien.

„Chef, die Herren von der Kriminalpolizei warten in Ihrem Büro auf Sie.“

Dr. Härtling nickte.

„Ich komme.“

Kriminalkommissar Christian Jacobs und sein Assistent David Schenk waren ein sehr ungleiches Paar. Jacobs war klein und rundlich, Schenk lang und schmal. Die beiden unterhielten sich soeben mit Schwester Annegret und Schwester Gerlinde.

„Ist Ihnen irgendeine verdächtige Person aufgefallen?“, fragte Jacobs die Nachtschwester.

„Es war niemand da“, antwortete Gerlinde Bührmann.

„Sie waren mit dem Baby allein?“

„Ja.“

„Waren vielleicht Schritte auf der Feuertreppe zu hören?“

„Nein.“

„Wie alt kann der Säugling gewesen sein, als Sie ihn fanden?“

„Keine Ahnung.“

„Eine Stunde? Älter?“

„Ich weiß es nicht.“ Gerlinde Bührmann hob die Schultern. „Ich weiß es wirklich nicht, Herr Kommissar.“

„Schwester Gerlinde ist keine Ärztin“ , mischte sich Dr. Härtling ein. Er gab den Kriminalbeamten die Hand und stellte sich vor. Jacobs nannte seinen Namen und den seines Assistenten. Der Händedruck des kleinen Mannes war erstaunlich kräftig. David Schenks Hand lag hingegen wie leblos in der von Sören.

„Die Nachtschwester kann Ihnen eine solche Frage nicht kompetent beantworten“, sagte der Klinikchef. „Nach meinem derzeitigen Wissensstand kann das Baby nicht länger als eine Stunde auf der Welt gewesen sein.“

Kommissar Jacobs wandte sich mit seinen weiteren Fragen an Dr. Härtling.

„Wo hat die Mutter es geboren? Hier in der Klinik?“

Sören schüttelte den Kopf.

„Das glaube ich kaum.“

„Draußen auf dem Parkplatz? Irgendwo in der Nähe? Könnte der Vater dabei gewesen sein? Hat der Mutter jemand bei der Geburt geholfen? Wurde das Baby fachgerecht abgenabelt? Kennen Sie eine Frau, die für diese Kindesaussetzung in Frage kommt?“

Der Kriminalkommissar hatte viele Fragen. Dr. Härtling konnte ihm vorläufig nur wenige beantworten, aber er versprach ihm größtmögliche Unterstützung bei all seinen Nachforschungen.

„Schwester Gerlinde hat eine turbulente Nacht hinter sich“, sagte Schwester Annegret zum Kommissar. „Sie ist müde. Darf sie nach Hause gehen?“

Christian Jacobs nickte.

„Selbstverständlich.“ Er wandte sich an seinen Assistenten. „Haben Sie Frau Bührmanns Adresse notiert, Schenk?“

„Jawohl, Herr Kommissar“, antwortete David Schenk pflichteifrig.

„Gut.“ Jacobs sah die Nachtschwester an. „Falls wir noch Fragen an Sie haben, melden wir uns bei Ihnen - entweder hier oder bei Ihnen daheim. Auf Wiedersehen, Frau Bührmann, und vielen Dank, dass Sie sich uns nach dieser langen Nacht noch zur Verfügung gestellt haben.“

 

 

4

Dr. Härtling stellte in seiner Klinik eigene Recherchen an. Sollte dabei etwas herauskommen, würde er das Ergebnis selbstredend nicht für sich behalten, sondern umgehend an Kommissar Jacobs weiterleiten. Er ging die Liste aller ihm bekannten Frauen durch, die zur Zeit im siebten Monat waren, und versuchte herauszufinden, welche Mutter ihr Baby zu früh bekommen haben konnte. Bei Linda Inbach, MarieTherese Leitz und Claudia Hardt wäre es denkbar gewesen. Undenkbar allerdings war, dass eine dieser Frauen ihr Baby allein zur Welt gebracht und ausgesetzt hatte. Alle drei Frauen waren glücklich verheiratet und freuten sich schon sehr mit ihren Ehemännern auf ihr Kind. Dr. Härtling setzte sich mit ihnen nur deshalb telefonisch in Verbindung, um nichts unversucht gelassen zu haben, Licht in das Dunkel, das Baby Stefanie umgab, zu bringen.

Linda Inbach meldete sich mit matter Stimme.

„Hier ist Dr. Härtling“, sagte der Klinikchef.

„Herr Dr. Härtling.“ Ihre Stimme klang erfreut und überrascht.

„Wie geht es Ihnen, Frau Inbach?“, erkundigte sich Sören.

Die Schwangere seufzte.

„Mir macht der Temperatursturz etwas zu schaffen. Zuerst war es wochenlang heiß und schwül, und plötzlich herrschen beinahe arktische Temperaturen.“

„Ist mit dem Baby soweit alles in Ordnung?“

„Ja, es strampelt schon ziemlich kräftig.“ Frau Inbach lachte. „Das wird bestimmt mal ein ganz berühmter Fußballer.“

„Sehe ich Sie nächste Woche?“

„Ich werde wie immer pünktlich zur Kontrolle erscheinen, Herr Doktor“, versprach Linda Inbach. Es war ihr anzuhören, dass sie sich über Sörens Anruf wunderte.

„Dann bis nächste Woche“, sagte Dr. Härtling, und bevor die Patientin anfing, ihm Fragen zu stellen, die er nicht beantworten wollte, legte er auf.

Bei MarieTherese Leitz meldete sich der Anrufbeantworter. Sören bat um Rückruf und ließ sich von Moni Wolfram sodann mit Claudia Hardt verbinden. Auch diese Mutter hatte ihr Baby noch. Um keine Frühgeburt zu riskieren, lag sie seit einem Monat nahezu rund um die Uhr im Bett.

Dr. Härtlings Anruf war ihr eine willkommene Abwechslung, und sie versuchte ihn sogleich in ein längeres Gespräch zu verstricken, doch der Klinikchef ging nicht darauf ein. Sobald er wusste, was ihn interessierte, leitete er mit freundlichen Worten einen raschen Rückzug ein und beendete das Gespräch. Zehn Minuten später meldete sich Frau Leitz. Sie sagte, sie würde es furchtbar nett finden, dass der Klinikchef sich so engagiert um seine Patientinnen kümmere, das wäre wirklich eine einmalige Betreuung.

„Heute Nacht dachte ich, es würde losgehen“, berichtete MarieTherese Leitz. „Ich habe meinen Mann aufgeweckt und ihn gebeten, mich in die Paracelsus-Klinik zu bringen, doch als wir das Haus verlassen wollten, war der Spuk schlagartig vorbei. Unser Baby hatte es sich anders überlegt und gab wieder Ruhe.“

Dr. Härtling empfahl der Frau, in die Klinik zu kommen und sich anschauen zu lassen, und sie versprach, das noch heute zu tun, obwohl sie sich gut fühlte und nach ihrer Ansicht mit dem Kind auch alles in Ordnung war.

Als Sören Härtling auflegte, klopfte Moni Wolfram an die Tür und trat ein. Sie hatte auf Wunsch des Klinikchefs eine Liste vorbereitet, auf der die Namen all jener Personen standen, die vergangene Nacht Dienst gehabt hatten. Vor einigen Namen leuchteten rote Kreuze. Diese Mitarbeiter befanden sich derzeit im Haus. Dr. Härtling suchte sie der Reihe nach auf und sprach mit ihnen.

Irgendwie musste die kleine Stefanie ja in die Paracelsus-Klinik gekommen sein, doch niemandem war eine verdächtige Person aufgefallen. Wer immer das Baby ausgesetzt hatte - er war sehr vorsichtig gewesen, und es war fraglich, ob man ihn jemals ausfindig machen.

Dr. Härtling kehrte in sein Büro zurück und verfiel an seinem Schreibtisch in tiefes Grübeln.

Die Mutter, die Stefanie auf die Welt gebracht hatte, musste nicht zwangsläufig eine von seinen Patientinnen sein. Es konnte sich ebensogut um eine unbekannte, zutiefst verzweifelte Frau handeln, die damit gerechnet hatte, dass man die schwache, zu früh geborene Stefanie rasch finden, auf die Säuglingsstation bringen und ihr da helfen würde, am Leben zu bleiben.

Was mag in dieser unglücklichen Mutter vorgegangen sein?, fragte sich der Klinikchef, der zu dieser Theorie tendierte. Was hat sie veranlasst, sich von ihrer winzigen, kaum lebensfähigen Tochter zu trennen, die sie sieben Monate unter dem Herzen getragen, deren Leben sie in sich wachsen gespürt hat, die Fleisch ist von ihrem Fleisch und Blut von ihrem Blut?

Sören überlegte, ob sich über den Namen Stefanie eine Verbindung zu ihrer Mutter herstellen ließ. Ihm kam keine brauchbare Idee. Stefanie konnte das Ergebnis einer Vergewaltigung sein. Ihre Mutter konnte auch eine verheiratete Frau sein, die ihre Ehe nicht mit dem Kind eines anderen Mannes belasten wollte. Vielleicht verbrachte der Ehemann gerade beruflich mehrere Monate im Ausland und wurde in Kürze zurückerwartet.

Vielleicht dies - vielleicht das ... Man konnte so vieles annehmen, konnte so viele Möglichkeiten konstruieren - unter Umständen konnte man sogar den richtigen Verdacht haben, ohne es zu erkennen.

Jana rief an, um sich zu informieren. Sören erzählte ihr alles, was er wusste und was ihm so durch den Kopf ging.

„Vielleicht kommt die Polizei der Mutter auf die Spur, wenn sie die Tücher, in die das Baby gehüllt war, untersucht hat“, sagte der Klinikchef.

„Unter Umständen ist es sogar gut, wenn die Eltern der kleinen Stefanie nie gefunden werden“, sagte Jana Härtling. „Wer weiß, was das für Leute sind. Wenn du Hilfe in der Klinik brauchst ... ich würde mich ausschließlich um Stefanie kümmern.“

„Das ist gar keine so schlechte Idee, Liebling“, nahm Sören Härtling das Angebot seiner Frau, die ja Kinderärztin war, sofort an. „Eine intensive ärztliche Betreuung würde dem schwachen Baby bestimmt sehr guttun.“

„Dann stehe ich dir ab sofort zur Verfügung“, sagte Jana spontan. „Ich bin in wenigen Minuten bei dir.“

 

 

5

Ottilie brühte frischen präparierten grünen Hafertee von Vollmers auf, als Dr. Jana Härtling in die Küche kam.

„Trinken Sie eine Tasse mit?“, erkundigte sich die Haushälterin.

„Tut mir leid, keine Zeit“, gab Jana zurück. „Ich muss in die Klinik, werde mich um das Findelkind kümmern. Das Baby braucht jetzt jede Hilfe, die es kriegen kann.“

Ottilies nahezu immer freundliche Miene verdunkelte sich.

„Diese Rabenmutter sollte man einsperren, bis sie schwarz ist.“

Jana Härtling schüttelte ernst den Kopf.

„Wir dürfen nicht so vorschnell urteilen, Ottilie. Wer weiß, unter welchem psychischen Druck die Frau stand, als sie das tat.“

„Wenn man ein Kind aussetzt, weiß man doch nie, wann es gefunden wird. Stellen Sie sich vor, das Baby wäre zu spät entdeckt worden, dann wäre es jetzt tot.“

„Damit es die besten Chancen hat, durchzukommen, werde ich mich seiner annehmen“, sagte Jana Härtling, „und damit es während meiner Abwesenheit hier nicht drüber und drunter geht, übertrage ich Ihnen hiermit bis auf weiteres das Oberkommando im Hause Härtling.“

Ottilie warf sich in die Brust.

„Ich werde dafür sorgen, dass die Jugend sich gesittet aufführt, solange Sie in der Paracelsus-Klinik gebraucht werden.“

Jana schmunzelte.

„Es ist für mich beruhigend, zu wissen, dass jemand da ist, der mit strenger Hand für Ordnung sorgt, während ich bei Baby Stefanie bin.“

„Ich hoffe, es wendet sich für die Kleine nach diesem schlechten Start noch alles zum Guten.“

Jana Härtling nickte ernst.

„Ja, das hoffe ich auch.“

 

 

6

Die Frau am anderen Ende der Leitung weinte.

„Hallo!“, rief Dr. Härtling in die Sprechrillen. „Hallo, wer ist da?“

„Hat man Stefanie gefunden?“ Die Frau schnupfte auf.

„Sind Sie ihre Mutter?“

„Hat man sie gefunden?“, wiederholte die Frau ihre Frage.

„Ja“, gab Dr. Härtling zur Antwort.

„Wie geht es ihr?“

„Interessiert Sie das wirklich?“, fragte Dr. Härtling rau.

„Wird sie durchkommen?“

„Das hoffen wir.“

„Sie müssen ihr helfen, müssen alles für sie tun“, sagte Stefanies Mutter flehend.

„Warum haben Sie das getan?“, wollte Dr. Härtling ernst wissen. Schweigen. „Warum haben Sie Stefanie weggelegt?“, fragte der Klinikchef mit Nachdruck.

„Ich konnte sie nicht behalten.“ Die Stimme der Frau klang kleinlaut.

„Warum haben Sie Ihr Baby in die Paracelsus-Klinik gebracht?“

„Die Paracelsus-Klinik hat einen sehr guten Ruf.“

„Wohnen Sie hier in der Nähe?“

„Sie erwarten doch nicht wirklich eine Antwort auf diese Frage“, sagte die Frau.

Dr. Härtling überlegte angestrengt, ob er ihre Stimme schon mal gehört hatte.

„Heißen Sie ebenfalls Stefanie?“, fragte er. Stille. „Warum konnten Sie Stefanie nicht behalten?“, forschte Dr. Härtling weiter.

„Bitte sorgen Sie dafür, dass es ihr gut geht, ja?“

„Warum tun Sie das nicht selbst?“

„Das kann ich nicht.“

„Sie haben eine Geburt hinter sich“, sagte Sören Härtling. „Sie sollten sich untersuchen lassen.“

„Ich brauche keine ärztliche Hilfe. Mir geht es gut.“

„Haben Sie Stefanie allein zur Welt gebracht?“

„Ja.“

„Hat Ihnen niemand geholfen?“

„Es war keine schwierige Geburt“, sagte die Mutter des Findelkinds.

„Sie haben das Baby recht gut versorgt. Woher wussten Sie, wie man das macht?“

„Es gibt Bücher“, sagte die Frau. „Ich kann lesen.“

„Von wo aus rufen Sie an?“

„Das werde ich Ihnen nicht sagen.“

„Können wir uns irgendwo treffen?“, fragte Dr. Härtling.

„Wozu?“

„Ich habe den Eindruck, Sie brauchen Hilfe.“

„Es genügt, wenn Sie meinem Kind helfen“, sagte die Frau kühl. „Ich komme schon allein zurecht.“ Es klickte in der Leitung. Stefanies Mutter hatte aufgelegt.

„Hallo!“, rief Dr. Härtling. „Hallo!“ Er hätte noch viele Fragen an die Unbekannte gehabt, doch sie war nicht mehr dran. Ärgerlich legte er auf. Er setzte umgehend Kommissar Jacobs davon in Kenntnis, dass Stefanies Mutter sich bei ihm gemeldet hatte.

„Was hat sie gesagt?“, wollte Christian Jacobs wissen.

Der Klinikchef gab das Telefonat so wortgetreu wie möglich wieder.

„Eine bekannte Stimme?“, fragte der Kriminalkommissar.

„Leider nein.“

„Wird die Frau sich wieder melden?“

„Ich habe keine Ahnung.“

„Sie wird Sie bestimmt wieder anrufen“, sagte Kommissar Jacobs überzeugt. „Sie wird vielleicht sogar in die Paracelsus-Klinik kommen, um zu sehen, wie es ihrem Baby geht. Wenn Sie und Ihre Mitarbeiter gut aufpassen, können wir die Frau unter Umständen kriegen.“

Nach dem Gespräch mit Jacobs traf Dr. Jana Härtling in der Paracelsus-Klinik ein. Ihr Mann erwähnte den Anruf der unbekannten Mutter.

„Das Schicksal der Kleinen ist ihr also nicht völlig egal“, sagte Jana. „Das spricht für sie. Sie will ihr Baby bestmöglich versorgt wissen und hofft, dass es durchkommt.“

„Das hoffen wir alle“, sagte Sören Härtling und begab sich mit seiner Frau auf die Säuglingsstation.

 

 

7

Es hatte sich einiges in der Paracelsus-Klinik verändert, seit Schwester Gerlinde das Baby gefunden hatte. Das Personal stand irgendwie unter Strom, versuchte konstant wachsam zu sein und begegnete jedem fremden Gesicht zunächst mit dürftig verborgenem Misstrauen.

Dr. Jana Härtling und die Säuglingsschwestern pflegten Stefanie nicht nur, sie betrachteten sich gewissermaßen auch als Leibwächter der Kleinen, der niemand nahekommen durfte, wenn sie nicht dabei waren.

Nach vier Tagen rief die unbekannte Mutter noch einmal an.

„Geht es Stefanie gut?“

„Sie kommt allmählich zu Kräften“, antwortete Dr. Härtling.

„Liegt sie noch im Brutkasten?“

Sören horchte auf.

„Woher wissen Sie, dass wir sie in den Brutkasten gelegt haben?“

„Sie haben es mir gesagt.“

„Das habe ich nicht.“

„Nun“, sagte die Frau gleichmütig, „man kann davon ausgehen, dass so ein kleines Würmchen in den Brutkasten kommt.“

„Waren Sie hier?“, fragte Dr. Härtling mit beschleunigtem Puls. „Sie waren hier und haben Stefanie gesehen, nicht wahr?“ In der Leitung war ein kurzes Knacken zu hören.

„Hört die Polizei Ihr Telefon ab?“, fragte die Frau sofort mit einem leichten Anflug von Hysterie in der Stimme.

„Nein“, antwortete Sören Härtling wahrheitsgemäß.

„Doch, sie hört es ab“, sagte die Unbekannte zornig und legte auf.

Der Klinikchef ließ den Hörer langsam sinken.

„Sie war hier“, murmelte er. „Und niemandem ist es aufgefallen.“

 

 

8

Jennifer Palmen, eine bildschöne Frau von achtundzwanzig Jahren, groß, schlank, langbeinig, mit langem blondem Haar, attraktiv und elegant, war mit Raimund Palmen verheiratet, einem bissigen, kaltschnäuzigen Politiker, der so manchem Mächtigen im Lande sehr unbequem war, weil er seinen Finger mit Vorliebe auf offene Wunden legte, mit Vergnügen in verborgene Wespennester stach, himmelschreiende Ungerechtigkeiten und empörende Missstände aufzeigte und die dafür Verantwortlichen schonungslos an den Pranger stellte.

War es nicht die Hölle, die Frau eines so harten, kompromisslosen und offenbar herzlosen Menschen zu sein, der, wie es schien, überall und jederzeit gnadenlos über Leichen ging?

Kaum einer wusste, dass der fünfundvierzigjährige Politiker privat ganz anders war. Jennifer und Raimund Palmen führten eine gute Ehe. Der Politiker wusste Beruf und Privatleben scharf zu trennen, und seine schöne Frau war so klug, sich nicht in seine Arbeit einzumischen.

Auf diese Weise kamen sie wunderbar miteinander aus, und ihr Glück wäre vollkommen gewesen, wenn Jennifer ihrem Mann hätte Künder schenken können. Doch damit hatte es bis zum heutigen Tag noch nicht geklappt.

Jennifer Palmen war bei einem halben Dutzend namhafter Frauenärzte gewesen, und alle waren nach gründlicher gynäkologischer Untersuchung zu dem Schluss gekommen, dass sie auf Grund ihrer erheblich deformierten und größtenteils verklebten Eileiter nach menschlichem Ermessen niemals schwanger werden würde.

Und dieses „nach menschlichem Ermessen“ ließ Jennifer Palmen immer noch hoffen, dass ihr vielleicht doch noch ein Arzt helfen konnte, ihr ihren sehnlichsten Wunsch, ihrem Ehemann Kinder zu gebären, zu erfüllen. Um alle Möglichkeiten auszuschöpfen, legte die junge Frau sich auch noch in die Paracelsus-Klinik.

Dr. Härtling besuchte sie in ihrem Einzelzimmer. Sie war eine angenehme Patientin, ruhig und anspruchslos.

„Morgen beginnen wir mit den Untersuchungen“, sagte Sören Härtling.

Jennifer Palmen lächelte. Sie hatte das bezauberndste Lächeln, das Dr. Härtling je gesehen hatte, und sie wirkte mit ihrem blassen Teint und dem goldenen Haar wie ein Engel.

„Ich wäre Ihnen bis an mein Lebensende dankbar, wenn Sie mir helfen könnten“, sagte sie mit einer sanften, wohlklingenden Stimme.

Der Chefarzt der Paracelsus-Klinik hob die Hand.

„Sie dürfen sich von mir keine Wunder erwarten, Frau Palmen.“

„Man hat Sie mir als sehr tüchtigen, erfahrenen Gynäkologen empfohlen.“

„Selbst der tüchtigste und erfahrenste Arzt stößt irgendwann an seine Grenzen“, erwiderte Dr. Härtling, „aber ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um Ihnen zu helfen.“

Jennifer Palmen lächelte wieder.

Details

Seiten
101
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934274
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (November)
Schlagworte
ausgesetzt baby stefanie

Autor

Zurück

Titel: Ausgesetzt: Baby Stefanie