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Der Hudson war die Endstation: N.Y.D.–New York Detectives

2019 118 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Hudson war die Endstation: N.Y.D.–New York Detectives

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Der Hudson war die Endstation: N.Y.D.–New York Detectives

Krimi von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.

 

Eigentlich will Bount Reiniger diesen Auftrag gar nicht annehmen. Er soll Papiere wiederbeschaffen, die beweisen, dass seine Klientin die uneheliche Tochter des Prominentenarztes Lindberg ist. Aber dann wird eine Leiche im Hudson gefunden, Dr. Lindberg, wie seine Sprechstundenhilfe bestätigt. Plötzlich steht Reiniger in einem verwickelten Fall, bei dem ihm laufend Kugeln um die Ohren fliegen.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Die Hauptpersonen des Romans:

Homer Lindberg – Ein hochgeachteter Arzt, der aber aus lauter Geldgier auch noch im Trüben fischt.

Maureen Gerard – Sie ist eine schöne Frau, doch zu ihrem Glück fehlen ihr zwei Millionen Dollar.

Jennifer Cloud – Sie spielt ein raffiniertes Spiel, hat aber am Ende auf die falsche Karte gesetzt.

Dick Bleeker, Zack Croxley – Für harte Dollars lassen sich die beiden Gangster auf Jedes Geschäft ein. Auch wenn es Mord heißt.

June March – unterstützt Bount Reiniger bei seinen Ermittlungen.

Bount Reiniger – ist Privatdetektiv.

 

 

1

Neben Bount Reiniger standen noch drei Personen im Lift, und er hätte auf Anhieb nicht sagen können, was ihm gerade an dieser Frau so besonders auffiel.

Sie war keine außergewöhnliche Schönheit. Vielleicht lag das an der dunkelrandigen Brille, die ihr ein zu intellektuelles Aussehen verlieh. Die schulterlangen, dunkelblonden Haare umschmeichelten ihren schmalen Rücken. Der Hals war hell und ohne jedes Fältchen. Die Augen schienen nach Graubraun zu tendieren, und der Mund war auffallend weich.

Sie trug ein schlichtes, beiges Kostüm von der Stange, das an ihrem Körper jedoch modellverdächtig wirkte. Sie stand nur auf einem Schuh, während die Spitze des zweiten auf dem Fahrstuhlboden kleine Kreise beschrieb. Sie war nervös.

Bount Reiniger schätzte sie auf Ende Zwanzig, ohne Brille war sie aber wahrscheinlich noch jünger.

Der Privatdetektiv hatte lediglich einen kurzen Blick auf die Frau geworfen. Sein geschultes Gedächtnis erlaubte ihm, ihre Einzelheiten in sich aufzunehmen, ohne sie weiter belästigen zu müssen.

Dagegen stellte er fest, dass sie ihn während der ganzen Fahrt zur vierzehnten Etage unentwegt anstarrte, als schulde er ihr noch zehn Dollar.

Sie stieg in der dreizehnten aus, und Bount hatte sie im gleichen Moment vergessen, als er ein Stockwerk höher den Lift verließ und auf sein Büro-Apartment zuging.

Er hoffte, dass der Kühlschrank wieder funktionierte, und dass June eine neue Flasche Scotch besorgt hatte.

Als er den Schlüssel ins Schloss, steckte, hörte er hinter sich eine etwas atemlose, sehr dunkle Stimme. Es war fast die Stimme eines Mannes, doch als er sich umwandte, sah er die Frau aus dem Lift vor sich.

„Mister Reiniger?“, fragte sie verlegen.

„Unter diesem Namen bin ich der Polizei und dem Finanzamt bekannt. Meine Freunde nennen mich Bount.“

„Und Ihre Klienten?“

Jetzt wusste er, was ihm an der Frau aufgefallen war. Sie machte den Eindruck, als würde sie Hilfe brauchen, und Hilfesuchende, die seine Adresse fanden, waren ihm von vornherein sympathisch.

Allerdings steckte er zur Zeit bis über den Haarwurzeln in Arbeit, und wenn es sich nicht um einen außergewöhnlichen Fall handelte, würde er die Frau wieder wegschicken oder zumindest vertrösten müssen.

„Gehen wir erst mal in mein Büro“, schlug er vor. „Vor der Tür eines Privatdetektivs lungern nämlich ständig ein paar arbeitslose Killer herum. Da wird man so nervös beim Reden.“

Entweder war sie kein sehr fröhlicher Mensch, oder sie fand seinen Witz nicht besonders gelungen. Jedenfalls reagierte sie empfindlich.

„Man hat Sie mir empfohlen, Mister Reiniger“, sagte sie eisig, „aber es haben sich schon gescheitere Leute geirrt.“

Sie wandte sich ab, und Bount Reiniger setzte sein bekümmertes Dackelgesicht auf. Das verfehlte seine Wirkung wenigstens nicht.

Sie lächelte gequält und murmelte: „Entschuldigen Sie! Ich bin ein wenig gereizt. Das liegt daran, weil ich völlig durcheinander bin und mir keinen Rat mehr weiß.“

„Na, dann wollen wir doch mal herauskriegen, ob die Detektei Reiniger ebenfalls mit ihrem Latein am Ende ist.“

Er schob sie durch die Tür, die er wieder schloss.

June March hob nur kurz den Kopf und grüßte. Dann wandte sie sich wieder ihrer Schreibmaschine zu, deren Tasten sie fast wütend bearbeitete.

„Wollen Sie einen Kaffee oder lieber einen Scotch?“, fragte Bount Reiniger seine Besucherin, während er sie zur nächsten Tür bat, hinter der sich sein Allerheiligstes befand.

„Wenn Sie einen kleinen Whisky mit viel Wasser haben“, klang die dunkle Stimme. „Ich glaube, den kann ich vertragen.“

June March reagierte sofort. Sie mischte die Drinks und brachte sie schon Sekunden später auf einem Tablett. Dann zog sie sich diskret zurück.

Reiniger beobachtete, wie die Frau nur sehr vorsichtig an dem dünnen Getränk nippte. Immerhin schien es sie zu beleben, denn ihr Gesicht entspannte sich, und sie richtete nun ihre Augen vertrauensvoll auf den Detektiv. Sie waren tatsächlich graubraun.

„Mein Name ist Cloud“, begann sie zögernd. „Jennifer Cloud. Ich komme wegen eines Diebstahls zu Ihnen.“

Bount Reiniger zog die Augenbrauen in die Höhe. „Wegen eines Diebstahls“, echote er. „Haben Sie ...?“

„Wo denken Sie hin?“, empörte sich die Frau.

Er versuchte, sie sich ohne Brille vorzustellen, und kam zu einem erfreulichen Ergebnis. „Sie sollte besser Haftschalen tragen“, dachte er, „oder wenigstens nicht ausgerechnet so ein Vehikel, das ihre Kurzsichtigkeit derart stark betont.“ Laut sagte er: „Für Diebstähle haben wir hier in Manhattan eine zwar hoffnungslos überlastete, aber trotzdem erstaunlich gut funktionierende Polizei.“

„Sie lehnen den Fall ab?“, fragte sie enttäuscht.

„Ich verweise lediglich auf die Zuständigkeit. Wenn Ihnen etwas gestohlen wurde, sollten Sie sich an die Polizei wenden. Die besitzt den großen Vorteil, dass sie völlig umsonst arbeitet. Mir dagegen hat man so beharrlich eingeredet, dass ich ein bemerkenswert tüchtiger Privatschnüffler bin, dass ich meine Tagessätze darauf eingestellt habe.“ Er lächelte gewinnend.

Aber Bount hatte mit seinem Humor wieder kein Glück. „Ich bin in der Lage, Sie zu bezahlen, wenn das Ihre einzige Sorge ist“, erklärte sie kühl.

Bount Reiniger winkte hastig ab. „So ängstlich bin ich auch wieder nicht“, versicherte er. „Es spielt da noch etwas anderes eine Rolle, Mrs. Cloud.“

„Miss Cloud“, korrigierte sie. Es hörte sich so hoffnungsvoll an, als erwartete sie, dass der Umstand, dass sie unverheiratet war, ihn umstimmen könne.

„Verzeihung“, sagte er. „Miss Cloud, ich habe es mir zum Grundsatz gemacht, die Fälle, die ich übernehme, möglichst rasch zum Abschluss zu bringen.“

„Das erwarte ich auch.“

„Sehen Sie. Und genau das könnte ich Ihnen nicht versprechen. Das blonde Mädchen, das Sie draußen gesehen haben, ist zur Zeit meine ganze Mannschaft. Und mit dieser Mannschaft bin ich momentan dabei, vier Fälle gleichzeitig aufzuklären. Es wäre unfair, meinen bisherigen Klienten und auch Ihnen gegenüber, uns noch mehr aufzuladen. Unglücklicherweise haben um den vierzigsten Breitengrad herum die Tage nur vierundzwanzig Stunden. Ein Umstand, über den ich mich schon mehrfach beschwert habe. Aber niemand fühlt sich zuständig.“

Er hatte mit seinen Späßen anscheinend einen schlechten Tag erwischt.

„Wenn Ihre Arbeit genauso schlecht ist wie Ihre Witze, wundert es mich nicht, warum Sie nicht damit fertig werden“, sagte sie.

Bount Reiniger seufzte. „Sehen Sie, Miss Cloud, was ich Ihnen sagte. Die Polizei ist in dieser Hinsicht viel zuverlässiger.“

„Wollen Sie sich nicht wenigstens anhören, worum es überhaupt geht?“, wunderte sich die Frau.

„Das sagten Sie doch bereits. Wenn ich richtig verstanden habe, wurde Ihnen etwas gestohlen, was Sie gern zurückhaben möchten.“

„Stimmt, Mister Reiniger. Aber ich erwähnte wohl noch nicht, dass es um die Summe von rund zwei Millionen Dollar geht.“

Bount Reiniger griff automatisch nach dem Whiskyglas, aber es war bereits leer. „Mögen Sie noch einen?“, fragte er.

„Ich bin nicht hier, um mit Ihnen eine Party zu feiern“, erinnerte sie.

Bount Reiniger schluckte auch diese Pille. „Wissen Sie, was ich gerade verstanden habe? Zwei Millionen Dollar!“

„Wenigstens Ihr Gehör scheint zu funktionieren. Diese Zahl nannte ich. Wobei ich mich natürlich nicht auf den Cent festlegen möchte.“

Bount Reiniger machte sich die Mühe, seine Besucherin noch einmal näheren Studien zu unterwerfen. An dem Eindruck aus dem Lift änderte sich kaum etwas. Höchstens wurde er durch sehr gepflegte Hände ergänzt und durch die Tatsache, dass die anfangs gehemmt wirkende Frau anscheinend durchaus eine Meinung zu vertreten in der Lage war.

„Wollen Sie mir allen Ernstes weismachen, dass Ihnen zwei Millionen gestohlen wurden?“

„Weismachen will ich Ihnen das nicht. Ich behaupte es, und es ist wahr.“

„Nun, man sieht den Leuten ihren Reichtum glücklicherweise nicht immer an der Nasenspitze an. Selbst auf die Gefahr hin, dass Sie mir wieder mit Ihren Giftzähnen ins Gesicht springen, muss ich zugeben, dass ich Sie eher für eine Verkäuferin oder Sekretärin gehalten hätte, nicht aber für eine Frau mit bedeutendem Vermögen.“

„Ich bin Sekretärin, Mister Reiniger. Und ich verdiene monatlich gerade soviel, dass ich keine Schulden machen muss.“

Bount Reiniger zuckte ergeben mit den Schultern. „Wenn ich das begreife, ziehe ich die nächste Präsidentschaftskandidatur in Erwägung. Nachdem Sie mich schon so neugierig gemacht haben, müssen Sie mir auch noch den Rest erzählen.“

„Und Sie versprechen, dass Sie mir helfen werden?“

„Ich verspreche, dass ich Ihnen bis zum Schluss zuhören werde, Miss Cloud. Wenn Sie mich davon überzeugen, dass Ihr Fall wichtiger ist als meine vier anderen, bin ich Ihr Mann.“

Jennifer Cloud rückte ihre Brille gerade und holte tief Luft. Dabei spannte sich der Stoff ihres Kostüms. Jammerschade, dass sie diese Brille trägt, dachte Bount wieder. Wenn ich es mir recht überlege, besitzt sie zumindest eine Zweimillionenfigur.

„Ich bin ein lediges Kind“, begann die Frau.

Das hörte sich wie eine Lebensbeichte an. Für eine Frau in ihrem Alter zumindest ein ungewöhnlicher Anfang.

„Krebs und Cholera sind erheblich schlimmere Krankheiten“, meinte der Detektiv. „Wir leben nicht mehr im neunzehnten Jahrhundert.“

„Das ist richtig. Aber in hundert Jahren hat es sich nicht geändert, dass eine Menge Männer nicht zu dem stehen, was sie verschuldet haben.“

„Und zu diesen Männern gehört Ihr Vater“, vermutete Bount.

„Sie fangen an zu begreifen.“

„Das schon. Nur sehe ich nicht ein, warum Sie das gerade jetzt noch kümmert. Die Zeit, in der Sie oder Ihre Mutter auf Unterhaltszahlungen angewiesen waren, dürfte doch inzwischen vorbei sein.“

„Mein Vater ist Homer Lindberg.“ Sie sprach diesen Namen so aus, als müsste Bount Reiniger nun vor Überraschung vom Stuhl fallen.

Er fiel nicht. Er wackelte nicht mal. „Ein nicht gerade alltäglicher Name“, sagte er lediglich.

„Und mehr wissen Sie nicht dazu zu sagen?“

„Müsste ich?“

„Aber Sie werden ihn doch wohl kennen? Doktor Homer Lindberg.“ Der Cent fiel noch immer nicht. „Seine Praxis liegt in der vierundneunzigsten Ost.“

„Gute Gegend.“

„Er ist Prominentenarzt. Zu seinen Kunden gehören die bekanntesten TV-Stars und alle, die ihn sich leisten können.“

„Er ist also gut situiert. Und er ist Ihr Vater?“

„Er leugnet es“, sagte die Frau bekümmert. „Doch vor Kurzem fielen mir Unterlagen in die Hände, die jedes Gericht als Beweis anerkennen würde.“

„Na also! Dann nichts wie hin zu einem Advokaten. Die Leute wollen auch leben.“

„Die Unterlagen wurden mir gestohlen.“

Bount Reiniger atmete hörbar. „Und Sie nehmen an, dass Ihr Vater dahintersteckt?“

„Er oder seine augenblickliche Favoritin, die Angst hat, dass ich ihr die Erbschaft streitig machen könnte.“

„Was Sie natürlich nicht vorhaben.“ Bount Reiniger grinste.

Sie schoss in die Höhe. „Natürlich habe ich das vor. Er hat sich lange genug schäbig benommen. Soviel ich weiß, bin ich sein einziges Kind. Dass er sich seines Fehltritts in jungen Jahren schämt und vielleicht fürchtet, er könnte seine Karriere gefährden, ist nicht meine Schuld. Jedenfalls steht mir einmal sein Erbe zu. Und das sind, wie ich bereits sagte, runde zwei Millionen Dollar. Vorsichtig geschätzt. Vielleicht begreifen Sie jetzt auch, warum ich mit meinem Problem nicht zur Polizei rennen kann.“

„Ich begreife, Miss Cloud. Wie alt ist Mister Lindberg ungefähr?“

„Mein Vater ist sechsundfünfzig, aber er sieht jünger aus.“

Bount überlegte kurz. Dann stellte er fest: „Es ist kaum anzunehmen, dass er mit sechsundfünfzig überraschend an Altersschwäche stirbt oder wegen akuter Armut verhungert. Wann wurden Ihnen die Dokumente gestohlen?“

„Vergangene Woche.“

„Und dann kommen Sie erst heute zu mir?“

Die Frau zuckte mit den Schultern. „Sie werden es nicht glauben, aber ich bin den Umgang mit Privatdetektiven nicht gewohnt. Ich kenne diese Berufsgruppe überhaupt nur aus Filmen. Ich wusste erst gar nicht, wie ich mich verhalten sollte, zumal ich auch nicht offen darüber reden wollte. In meinem Bekanntenkreis brachte ich das Gespräch dann beiläufig auf einen erfundenen ähnlichen Fall, und prompt fiel Ihr Name. Man behauptete, dass solche Sachen für Sie ein Kinderspiel seien.“

„Die Vorschusslorbeeren rühren mich zwar sehr, trotzdem bin ich der Meinung, dass es bei Ihnen auf zwei, drei Tage nicht ankommt. Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Miss Cloud. Sie erzählen meiner Gehilfin jetzt alle Einzelheiten über die Unterlagen und wie sie Ihnen abhanden gekommen sind. Und auch über Homer Lindberg und dessen augenblicklicher Freundin, die ein durchaus einleuchtendes Motiv für einen solchen Diebstahl besäße. Sagen Sie ihr auch, wieso der Täter überhaupt etwas von den Papieren wissen konnte, und auf welche Weise sie in Ihre Hände gelangten. Ich schaue mir dann an, was wir mit dem Material anfangen können, und wenn ich meine dringendsten Arbeiten erledigt habe, knöpfe ich mir sofort Ihren Fall vor. Das verspreche ich Ihnen. Sind Sie einverstanden?“

„Ich kann Sie nicht davon überzeugen, dass die Sache sehr wichtig für mich ist?“

„Das haben Sie bereits, doch sie ist nächste Woche noch genauso wichtig. Ob ich sechs oder zehn Tage nach dem Diebstahl mit meinen Ermittlungen beginne, spielt dabei wirklich keine Rolle mehr. Sie selbst haben viel zu viel Zeit verloren, wenn ich Ihnen auch dafür keine Schuld geben will.“

Die Frau seufzte und erhob sich sichtlich enttäuscht. „Also gut“, sagte sie. „Ich hoffe nur, dass Sie mich nicht nur vertrösten wollen.“

„Sie dürfen mir glauben, dass ich mutig genug wäre, Ihnen die Wahrheit zu sagen.“

Sie sah ihn aufmerksam an. „Ich glaube, ich kann Ihnen vertrauen, Bount“, sagte sie überraschend einsichtig. „Bereits im Lift hatte ich das Gefühl: Das muss er sein. Ich hatte mich nur in der Etage geirrt.“

Bount Reiniger atmete erleichtert auf. Es war nicht seine Art, einen Auftrag, bei dem zwei Millionen im Spiel waren, als kleinen Fisch zu betrachten, und die Klienten, die er ohne Hilfe nach Hause geschickt hatte, konnte man zählen. Aber bei seinen anderen Fällen ging es um noch mehr als nur um sehr viel Geld. Bei denen war Blut im Spiel, und das zählte für Bount Reiniger mehr als ein dickes Bündel Banknoten.

„Vergessen Sie auch nicht, Miss March Ihre Adresse und Telefonnummer zu geben“, erinnerte er, „damit wir Sie jederzeit erreichen können. Die finanziellen Bedingungen erfahren Sie auch von ihr.“

„Ich danke Ihnen, Bount.“

„Ich hoffe, dass ich Ihnen helfen kann, Jennifer.“

Er sah sie durch die Tür entschwinden und wandte sich seiner Arbeit zu. Zu diesem Zeitpunkt hätte Bount Reiniger nie geglaubt, dass er bald diese ganzen Aktenstöße beiseite schieben würde.

 

 

2

Als der Privatdetektiv drei Tage später sein Büro betrat, warnte ihn nichts.

June March lächelte ihn wie jeden Tag heiß, aber ohne Versprechen an. Sie hatte die wohlgeformten Beine übereinandergeschlagen, wodurch der knappe Rock gefährlich hochgerutscht war. Ihre blonde Löwenmähne erinnerte an den Vorspann von Metro Goldwyn Mayer, und ihre Fingernägel wurden gerade mittels einer Feile zu dazu passenden spitzen Krallen hergerichtet.

„Hallo, Bount!“

„Hallo, Kleines! Hast du die Sehnsucht nach mir überlebt?“

„Mit Mühe, Großer. Aber als Volontärin eines vielbeschäftigten und umschwärmten Privatdetektivs bin ich Schicksalsschläge gewöhnt.“

„Pass nur auf, dass die Sorgen keine Kummerfalten über dein zauberhaftes Näschen graben! Eine Sekretärin mit Rocky-Mountain-Gesicht wäre meinem Image abträglich.“

„Auch du wirst nicht jünger, mein Lieber“, sagte June unbarmherzig. „Und wenn du die heutige Zeitung gelesen hast, kommen wahrscheinlich gleich ein paar Jährchen dazu.“

„So schlimm?“ Er setzte sich auf die Kante ihres Schreibtisches und ließ sich die Zeitung reichen.

Sie warnte ihn. „An deiner Stelle würde ich einen sicheren Sitz wählen.“

„In deiner Nähe fühle ich mich besonders sicher.“

„Das heißt, dass ich so ungefährlich bin?“ Ihre veilchenblauen Augen konnten überraschend dunkel werden. Ein winziges Feuer glomm darin.

„Das heißt, dass du mich hoffentlich auffängst, falls ich vor Überraschung vom Stängel fallen sollte.“ Bount lächelte sie treuherzig an.

June streckte ihm ihre himbeerfarbene Zunge heraus.

„Nicht vor dem Essen“, wehrte Bount Reiniger mit gespieltem Entsetzen ab.

Dann schlug er die Zeitung auf.

Er brauchte nicht lange zu suchen. Sie hatte den Artikel, für den er sich interessieren sollte, mit einem grellroten Marker eingerahmt.

„In den gestrigen Abendstunden wurde aus dem Hudson eine männliche Leiche geborgen“, las er halblaut. „Nach ersten Ermittlungen handelt es sich hierbei um Homer L., der in der Nähe des Central Park eine bekannte Arztpraxis unterhielt, in der sich Prominente aller Richtungen die Klinke in die Hand gaben. Es steht außer Zweifel, dass es sich um ein Verbrechen handelt. Als mögliches Motiv wird Eifersucht oder berufliche Missgunst nicht ausgeschlossen.“

Bount Reiniger ließ das Blatt sinken. Er schloss die Augen und streckte die Hand aus.

Die Blonde schob ihm ein Glas hinein, in der eine bernsteinfarbene Flüssigkeit schaukelte, die nach Whisky roch. „Ich wusste, dass du den brauchen würdest“, sagte June einfach.

„Homer Lindberg“, murmelte Reiniger.

„Das dürfte sicher sein. Toby hat es übrigens bestätigt.“

„Du hast schon mit ihm gesprochen?“

„Schließlich muss ich die Zeit einarbeiten, um die mein Boss zu spät zum Dienst erscheint“, erklärte sie tadelnd.

„Was spricht er sonst noch, der unfähige Fettsack?“

Das Mädchen lächelte und nahm ihm das leere Glas ab. „So ähnlich hat er dich auch genannt“, erinnerte sie sich. „Nur statt Fettsack wählte er einen anderen Kosenamen. Lindberg wurde erschossen, bevor man versuchte, die Begräbniskosten zu sparen. Drei Schüsse, die vergessen lassen, dass der Arzt zu Lebzeiten durchaus ansehnlich gewesen sein soll.“

„Und ein Irrtum ist ausgeschlossen?“

„Du meinst, was die Identität betrifft?“

Bount Reiniger nickte hoffnungsvoll.

„Er wurde zwar fast restlos ausgeplündert“, wusste June, „aber aufgrund des Etiketts seines Schneiders, das im Jackett gefunden wurde, eines Goldzahns und eines Diamantrings am kleinen Finger, den der Mörder entweder übersehen oder nicht heruntergebracht hat, wurde die Spur verhältnismäßig schnell gefunden. Seine Sprechstundenhilfe hat ihn identifiziert.“

Bount Reiniger ballte die Hände. „Eifersucht oder berufliche Missgunst? Zwei Millionen Dollar scheinen mir ein viel einleuchtenderes Motiv zu sein. Der Täter hat sich jedenfalls nicht mit der halben Arbeit zufriedengegeben. Nachdem er Jennifer Cloud die Möglichkeit nahm, ihre Berechtigung an der Erbschaft zu beweisen, verlor er keine Zeit, um den Erbfall ein treten zu lassen.“

„Du meinst also, dass seine Geliebte dahintersteckt?“

„Wenn ihr Name in dem Testament des Toten nicht nur beiläufig erwähnt wird, kann ich ihr jedenfalls meinen Besuch nicht ersparen.“

„Ich habe versucht, Miss Cloud zu erreichen.“

„Und?“

„Sie hat sich nicht gemeldet.“

„Versuch es nochmal! Vielleicht hat auch sie schon von dem Mord gelesen und ist auf dem Weg hierher.“

„Dann hätte sie doch wohl eher angerufen.“

„Logische Reaktionen kann man nicht erwarten, wenn es um Mord geht. Die Frau machte zwar durchaus den Eindruck, dass sie die Nerven behalten kann, andererseits wirkte sie jedoch wieder ziemlich hilflos. Dass Lindberg weder an Hunger noch an Altersschwäche sterben würde, sondern an drei Kugeln, hatte ich nicht in Betracht gezogen. Leider!“

„Dafür gab es, nach allem, was die Cloud mir erzählte, auch keinen Anhaltspunkt“, tröstete ihn June March. „Eher hätte man erwarten können, dass sie selbst umgebracht wird.“

„Male nicht den Teufel an die Tapete. Man bekommt ihn so schlecht wieder herunter.“

„Aber es wäre jedenfalls nicht ausgeschlossen. Sie ist die einzige, die, auch ohne die gestohlenen Dokumente, die Auszahlung des Vermögens zumindest verzögern, wenn nicht gar verhindern könnte. Sei ein liebes Mädchen und versuche inzwischen, die Adresse von dieser Maureen Gerard festzustellen.“

„Und womit schlägst du deine Zeit tot?“

Bount Reiniger war schon auf dem Weg in Richtung Tür. „Ich fahre zu Jennifer, um ihr mitzuteilen, dass die Detektei Reiniger ihre Prioritäten geändert hat.“

 

 

3

Wie so oft, wenn Bount Reiniger sich im Schritttempo durch die vollgestopften Straßen von Manhattan schob, stellte er sich die Frage, wozu er in dieser verrückten Stadt eigentlich einen Mercedes 450 SL brauchte.

Aber schließlich war Schnelligkeit nur eine Eigenschaft des silbergrauen Wagens. Es handelte sich um eine Spezialanfertigung mit manchen Schikanen, die ihm, wenn es darauf ankam, schon oft den entscheidenden Vorteil geboten hatten.

Momentan nützten ihm die Schikanen allerdings nichts, und er musste sich in Geduld üben, ehe er sein Ziel in der 30sten Straße zwischen der zweiten und dritten Avenue erreichte.

Jennifer Cloud hatte June gesagt, dass sie noch bis zum Monatsende Urlaub habe, also hoffte er, sie zu Hause anzutreffen oder doch wenigstens zu erfahren, wann sie zurückerwartet wurde.

Das Gebäude hatte nur neun Stockwerke. Sie wohnte im siebenten.

Der Lift spuckte ihn direkt vor ihrer Apartmenttür aus. Dass die Tür nur angelehnt war, gefiel ihm überhaupt nicht.

„Miss Cloud!“, rief er.

Er hatte keine Antwort erwartet, und er erhielt auch keine.

Vielleicht war sie nur einen Sprung zur Nachbarin gegangen. In diesen vergleichsweise winzigen Gebäuden war ja so etwas wie Nachbarschaft noch vorstellbar.

Bount Reiniger wartete exakt zwölf Minuten, dann schminkte er sich die Vision von der Nachbarin ab und betrat den Flur.

Es roch nach Tabakrauch. Jennifer rauchte nicht, sofern sie ihn nicht angelogen hatte. Zumindest traute er ihr nicht derart fürchterliches Zeug zu, das in den Augen und bestimmt auch in der Kehle brannte.

Bount Reiniger verspürte Appetit auf eine Pall Mall, doch er verschob diesen Wunsch auf später.

Da auf seinen nochmaligen Ruf wieder niemand reagierte, stieß er die nächste Tür auf und wunderte sich.

Die Frau hatte auf ihn einen durchaus sauberen und ordentlichen Eindruck gemacht. In ihrer Küche ging es allerdings zu, als hätte eine Schlacht stattgefunden. Das Geschirr vom Vortag stand noch herum. Überall waren Essensreste zu sehen. Und dazwischen fand sich Zigarettenasche. Bount Reiniger rümpfte die Nase.

Es gab noch drei weitere Türen, von denen eine ins Badezimmer führte. Hier brannte Licht, doch es war leer.

Der Livingroom, der sich der Küche gegenüber befand, ließ nun keinen Zweifel mehr zu. Hier stimmte eine ganze Menge nicht. Die Polster der Sitzgruppe waren verwüstet, aus dem kieferfarbenen Schrank, der eine ganze Wand einnahm, waren die Schubkästen herausgerissen und ihr Inhalt im Zimmer verteilt worden.

Der Fernseher lief und pries gerade ein Bodenputzmittel für die geplagte Hausfrau an. Doch Bount Reiniger war nun ziemlich sicher, dass die Hausfrau aus diesem Apartment andere Sorgen plagten als ein Fußboden, der nicht glänzen wollte.

Hier hatte jemand in großer Eile etwas gesucht. Ob er es gefunden hatte, konnte Bount Reiniger nicht beurteilen. Eines aber hatte er mit Sicherheit mitgenommen: Jennifer Cloud!

Das bestätigte auch der Zustand des Schlafzimmers. Hier sah es am schlimmsten aus. Sogar die Steppbetten waren aufgeschlitzt, und die Füllung quoll daraus hervor. Die Kleider, Röcke und Hosen bildeten einen Haufen, der der Besitzerin vermutlich die Tränen in die Augen getrieben hätte.

Bount Reiniger kehrte ins Wohnzimmer zurück und suchte das Telefon. Es lag unter einem runden Glastisch. Der Hörer befand sich daneben. Dann sah er, dass das Kabel aus der Dose gerissen worden war.

Der Detektiv wollte seinem ersten Impuls nachgeben und von seinem Wagen aus zuerst June und dann Toby Rogers, den Leiter der Mordkommission, anrufen.

Doch dann änderte er seinen Entschluss.

Der Besucher, vielleicht waren es auch mehrere, hatte etwas gesucht und offenbar nicht gefunden. Er hatte die Frau mitgenommen, um sie zu zwingen, ihm das Versteck zu verraten. Hätte er sie töten wollen, wäre das vermutlich an Ort und Stelle geschehen.

Anscheinend interessierten sich mehrere Personen für die millionenschweren Dokumente, die die Cloud gar nicht mehr besaß.

Jetzt galt es in erster Linie, ihr Leben zu retten. Der Interessent hatte wenig Zartgefühl bei der Durchsuchung der Wohnung bewiesen. Falls Jennifer ihm seinen Willen nicht erfüllte, und dazu war sie wohl nicht mehr in der Lage, sah es schlecht für sie aus.

Doch wonach sollte er suchen? Wer war dieser geheimnisvolle Besucher? Wo hielt er die Frau versteckt? Handelte es sich um den gleichen Täter, der Homer Lindberg auf dem Gewissen hatte?

Bount Reiniger sah sich suchend um. Nach dem ersten Eindruck eines totalen Durcheinanders begannen seine Augen nun zu sondieren.

Es schien ein kurzer Kampf stattgefunden zu haben. Auf dem Sessel vor dem Fernsehapparat fand er ein rötliches Haarbüschel und zwei winzige Blutspritzer. Offensichtlich hatte sich Jennifer gewehrt, doch das war zweifellos ein vergebliches Unterfangen gewesen.

Auf dem Teppich entdeckte Bount Reiniger einen Zigarettenstummel, der ein schwärzliches Loch in die Auslegeware gebrannt hatte, bevor er verlöscht war. Der Stummel besaß keinen Filter. Es handelte sich um eine Selbstgedrehte. Jetzt brauchte er sich also nur noch um die halbe Million New Yorker zu kümmern, die sich ihren Nikotinvorrat selbst verpackten.

Jennifer Cloud hatte anscheinend, kurz bevor sie den Besuch erhielt, in einem Buch gelesen. Es handelte sich um ein Paperback, das aufgeschlagen auf dem Couchtisch lag und den beziehungsreichen Titel „Der Killer kam um Mitternacht“ trug. Sie liebte offenbar Krimis, und war nun selbst in einen hineingeraten.

Als Bount die Suche schon enttäuscht aufgeben wollte, fiel sein Blick noch einmal auf den Sessel, auf dem sie seiner Meinung nach vor ihrer Entführung gesessen hatte. Zwischen Sitzkissen und Armlehne schimmerte es weiß.

Bount Reiniger griff danach und zog einen Notizzettel hervor, auf dem der Name Vanderbylt und eine Adresse vermerkt waren.

Es konnte sich um die Anschrift einer Kollegin, eines Freundes oder des Steuerberaters handeln. Trotzdem entschied sich Bount Reiniger, den Zettel als wichtige Spur zu betrachten, zumal er keine andere besaß, und sich das Haus in der 11ten Straße etwas näher anzusehen.

Er fuhr mit dem Lift wieder hinunter, verließ das Gebäude und ging zu seinem Wagen, den er mangels günstigerer Parkmöglichkeiten zwei Straßen entfernt abgestellt hatte.

Zunächst rief er über Autotelefon seine Volontärin im Büro an. Sie teilte seine Besorgnis, war aber als Ausgleich in der Lage, ihm die Adresse von Maureen Gerard, der ehemaligen Geliebten des Prominentenarztes, mitzuteilen.

Bount notierte sie und rief dann Captain Rogers im Police Headquarters an.

„Ich habe deinen Anruf bereits erwartet“, meldete sich der Dicke.

„Warum? Hast du Langeweile, Toby?“

„Das nicht gerade. Aber es hätte mich gewundert, wenn es bei einem Fall, in den du deine Finger gesteckt hast, keine Komplikationen gäbe.“

„Deine gute Meinung ehrt mich, alter Halunke. Es gibt tatsächlich welche, und sie gefallen mir ganz und gar nicht.“

„Noch eine Leiche?“ Bount Reiniger hörte das leise Schnaufen durch die Leitung. Sein Freund Toby P. Rogers litt wieder mal unter der Hitze und dem Stress.

„Ich hoffe nicht“, antwortete er. Dann schilderte er, wie er die Wohnung von Jennifer Cloud vorgefunden hatte, erwähnte die Kampfspuren, die Verwüstung und den Zigarettenstummel, verschwieg allerdings die Adresse des oder der Vanderbylt. Ein bisschen Arbeit wollte er der Polizei auch noch überlassen.

Aber der Captain kannte ihn genau. „Ist das wirklich alles, du verdammtes Schlitzohr?“, fragte er misstrauisch. „Du schuldest mir nämlich noch zwanzig Dollar, und es ist immer so lästig, etwas aus der Erbmasse einzuklagen.“

„Ich verspreche dir, dass ich noch zu deiner Beerdigung kommen werde, Toby“, sagte Bount, aber weder der eine noch der andere Gedanke gefiel ihm.

Er klemmte sich hinter das Lenkrad und fädelte sich in den Verkehr der dritten Avenue ein.

Unterwegs beschäftigten ihn die unterschiedlichsten Gedanken. Er machte sich Vorwürfe, dass er Jennifers Hilferuf nicht ernst genug genommen hatte. Aber schließlich hatte nichts auf ein Gewaltverbrechen hingedeutet. Um so mehr musste er jetzt auf Draht sein, um Schlimmeres zu verhüten. Seine ganze Hoffnung hing an dem Haus in der 11ten Straße. Wenn er dort kein Glück hatte, blieb ihm noch Maureen Gerard.

Als er die Adresse erreichte, war Bount Reiniger überrascht. Es handelte sich um eine Villa von solcher Pracht, dass sie mit der eher schlichten Jennifer Cloud kaum in Einklang zu bringen war.

Sie behauptete sich stolz zwischen Apartmenthäusern und mutete mit ihrer blendend weißen Fassade eher wie ein offizielles Gebäude oder ein Museum an.

Ein schmiedeeiserner Zaun und ein ebensolches Tor grenzten sie zur Straße hin ab. Neben dem Tor war eine Sprechanlage mit einem pompösen, goldfarbenen Klingelknopf installiert.

Bount Reiniger sah den fliederfarbenen Cadillac auf dem breiten Kiesweg neben der Villa. Er kam also nicht umsonst.

Den Klingelruf hörte er bis zum Zaun. Er hörte sich für ein solches Haus zu schrill und unmelodisch an.

Kurze Zeit blieb alles still. Dann fragte ein dünnes Stimmchen nach seinen Wünschen.

Er nannte seinen Namen und bat darum, den Hausherrn sprechen zu dürfen.

„Drücken Sie gegen das Tor!“, forderte ihn das Stimmchen auf. „Es ist jetzt offen.“

Bount Reiniger überzeugte sich davon. Mit federnden Schritten ging er auf das hohe Portal zu. Ein paar breite Stufen führten hinauf. Er fragte sich, wer hinter diesen Mauern residierte, und in welchem Zusammenhang Jennifer Cloud zu ihm stand.

Unter dem Portal erwartete ihn ein Dienstmädchen, das so dünn war wie seine Stimme. Das schwarze Kleid unterstrich diesen Zustand noch, und das auffallend blasse Gesicht tat ein Übriges. Mister Vanderbylt schien kein aufmunternder Dienstherr zu sein.

Sie schenkte ihm ein vorsichtiges Lächeln, und er sah, dass sie wunderschöne Zähne besaß. Auch sonst war sie eigentlich recht apart, nur noch zu wenig Frau. Sie hatte die Zwanzig jedenfalls noch nicht erreicht.

Sie trippelte mit ihren wadenlosen Beinen vor ihm her. Ihre Hüften waren so schmal wie bei anderen Frauen die Taille, und im Hinblick auf ihre Taille hätte Bount Reiniger es vermutlich nicht gewagt, ihr zu kräftig die Hand zu schütteln, aus Angst, sie in der Mitte durchzubrechen.

Sie führte ihn in einen Salon und bat ihn fast ängstlich zu warten.

Trotz Reinigers aufmunterndem Blick gelang es ihm nicht, ein bisschen Farbe in ihr Gesicht zu zaubern.

Als er allein war, sah er sich rasch in dem Raum um. Es schien sich um die Bibliothek zu handeln, denn an drei Wänden türmten sich hohe Bücherregale bis zur Decke auf. Alle waren lückenlos mit kostbaren Lederbänden gefüllt, die allerdings keinen sehr zerlesenen Eindruck machten. Hier sollte offenbar nur renommiert werden. Vermutlich würde man ihn etwas warten lassen, um den hochgeistigen Eindruck auf ihn wirken zu lassen.

Der Raum besaß nur eine Tür. Sie befand sich in einer Aussparung zwischen den Regalen direkt der Fensterwand gegenüber.

Bount Reiniger ging zu einem der beiden Fenster und warf einen Blick hinaus. Genau unter ihm stand der fliederfarbene Cadillac.

In der Mitte des Salons standen einige Sitzgruppen mit weichen Ledersesseln und kleinen Tischen. Einen dieser Tische hatte man als Bar gestaltet. Die Auswahl verriet Geschmack. Die Flaschen wurden auch wesentlich häufiger in Anspruch genommen als die Bücher.

Er hoffte, aus der Art der Buchtitel näheren Aufschluss über den Besitzer zu erhalten, stellte aber schon bald fest, dass vom philosophischen Werk über religiöse Schriften bis zu schwüler Erotik und härtesten Reißern alles vertreten war.

Details

Seiten
118
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934267
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v506808
Schlagworte
hudson endstation york detectives

Autor

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Titel: Der Hudson war die Endstation: N.Y.D.–New York Detectives