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Die Weite und Härte des Landes

2019 192 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Weite und Härte des Landes

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

Die Weite und Härte des Landes

Western von Larry Lash

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 192 Taschenbuchseiten.

 

Loke Thorne! Er durfte nicht müde sein. Er durfte die Nerven und den Mut nicht verlieren. Er musste von Anfang an durch die raue Art beweisen, dass man mit ihm rechnen musste.

In einem turbulenten, wild abrollenden Geschehen bewegt sich die Handlung mit echten Gestalten des Westens. Man spürt den Wind der Prärie, die Weite, die Härte des Landes, erlebt die Liebe zweier Menschen, findet echte Männer, die das Herz auf dem rechten Fleck haben, die Tragik des Schicksals, die Loke Thorne immer wieder die Eisen in die Hände drückt.

Er war hart, musste hart sein, um zu bestehen, um nicht an den Klippen zu zerbrechen, die sich vor ihm aufbauten …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Edward Martin/Schottland

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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postmaster@alfredbekker.de

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1.

Die Maisonne äugte mit ihrem Feuerblick durch das Geäst der Rotbuchen, streute feine, goldene Schleier auf das halb verweste Laub des Vorjahres und ließ Moose und Flechten im ersten Grün erstrahlen.

Zwischen den Stämmen woben seidene Nebelschleier des Morgens bizarre Gebilde, um sich dann endlich mit der würzigen Luft zu vermählen.

Es duftete nach schwerer Erde, nach Wald, nach Kräutern und, yeah, nach Wildnis.

Auch Loke Thorne konnte sich dem Zauber nicht verschließen. Tief sog er die Luft ein. Sein hageres, sonnenverbranntes Gesicht verlor augenblicklich an Strenge. Jungenhaft saß er im Sattel, ein wenig über das Sattelhorn geneigt, ließ seine Blicke nach allen Seiten schweifen.

By Jove, yeah, dieses Land glich einem Paradies. Es bot dem Betrachter in reicher Fülle immer neue, wechselnde Eindrücke. Man konnte sich nicht sattsehen an all dem, was sich geheimnisvoll dem Auge darbot. Hügel, mit Bäumen überwuchert, formierten sich über Meilen, um weit in der Ferne ins Hochgebirge überzugehen.

Aber das war es nicht, was Loke Thorne dazu zwang, an einer Lichtung seinen brandroten Fuchswallach anzuhalten. By Jove, no.

Es war der Anblick des Grand Tetons, dessen gewaltige Gipfel sich in kühnem Schwung in den Himmel reckten. Die Sonne flutete über die gewaltige Gebirgswand, die ihresgleichen in den Rocky Mountains nicht wiederfand, sprühte in der mit atemberaubender Schönheit ausgestatteten, wild zerklüfteten Wand ihre Lichtkaskaden wider.

O yeah, er war quer durch Wyoming geritten und hatte das dort Erlebte noch nicht verdaut. Er hatte Bären, Hirsche, Antilopen und andere Tiere gesehen. Die heißen Quellen, die von Zeit zu Zeit einen heißen Strahl kochenden Wassers in die Luft schleuderten. Und auch die stillen Seen waren ihm nicht unbekannt geblieben. Jene Seen aber, die eine kochende Oberschicht hatten, darunter aber eiskalt waren, blieben ihm ein Rätsel. Er marterte sein Hirn, um sich das Naturphänomen zu erklären, um die Ursache zu ergründen, kam aber nicht dahinter. Jetzt lag der Naturpark weit zurück, und vor sich hatte er die Wind-River-Mountains, zur linken Hand die Abosgoroka, ein gewaltiger Gebirgsrücken, der hin und wieder durch die dicht stehenden Bäume sichtbar wurde.

„Weiter, mein Kerlchen“, flüsterte er seinem Fuchs zu, der auf den Namen „Star“ hörte.

Seine schmalen, langfingrigen Hände ruckten an den Zügeln. Sofort setzte sich das hochgebaute, gut geäderte Tier in Bewegung. An seiner rechten Flanke war noch die kaum verheilte Wunde eines Streifschusses sichtbar. Das linke Ohr des Pferdes war von einer Kugel abgerissen.

Und diese Spuren warfen auch ein eindeutiges Licht auf den Reiter. Himmel und Hölle. Loke Thorne trug zwei Colts. Und er trug sie auf die besondere Art, tief geschnallt, mit nach außen gebogenen, griffbereiten Kolben, die abgegriffen, schmucklos und fast zu einfach schienen. Sie strahlten, so mochte man es deuten, eine eigenartige Kälte aus, und das stand wieder in krassem Gegensatz zu seinen Augen. Denn, yeah, es waren dunkelgraue Augen, die in Sekundenschnelle die Farbe wechseln konnten, hell und durchdringend wurden. Aber sie waren nicht mit jenem eisigen Grimm erfüllt, der Revolvermännern eigen war, nein, im Gegenteil, in ihnen spiegelte sich eine tiefe Empfänglichkeit für all das Schöne, das ringsherum aus der Natur geboren wurde.

Das Leben selbst hatte Spuren in sein schmales Gesicht gegraben, die nie, so lange er lebte, wieder daraus verschwinden würden.

„Noch einige Meilen“, redete er vor sich hin, „dann wirst du eine neue Weide bekommen, Star, und ich ein Dach über dem Kopf und ein Bett, in das ich mich hineinlegen kann,

Er lenkte sein Reittier aus dem Wald heraus, hielt weiter nach Nord-Ost zu. Die Hügel verloren sich hinter den Hufen, und gegen Mittag lag das Land, nur noch von einigen Bodenwellen unterbrochen, vor ihm. Als er eine weitere Meile hinter sich gebracht hatte, bot sich seinem Auge endlich das, wonach er in den letzten Tagen immer Ausschau gehalten hatte: die Ufer eines prächtigen Sees.

Die Sonne spiegelte sich auf der Wasserfläche, strahlte den Himmel wider.

Beim Näherkommen bemerkte er eine große Rinderherde, sah den Staub, der von den Hufen aufwirbelte, sich über die Rinder ausbreitete und dann, yeah, dann sah er einen Reiter auf sich zukommen. Er beobachtete ihn scharf, blickte dann schnell zu der kleinen Stadt hin, die noch einige Meilen entfernt vor ihm lag, seufzte schwer, tastete hinter sich nach seinem Packen, strich schnell über seine Schlafdecken, setzte sich dann zurecht.

Der Reiter jagte heran, stoppte nur wenige Yards vor ihm seinen Falben, wischte sich mit dem Handrücken über sein staub- und schweißbedecktes Gesicht, stieß sich den grauen Stetson mit dem Daumen ins Genick und musterte Loke schweigend, seltsam eindringlich. Grinste schließlich, und verzog seinen breiten, farblosen Mund, grüßte mit knarrender Stimme: „Hallo, Stranger, wohl auf dem Trail nach Amarillo?“

Er strich dabei über den Hals seines Falben, rückte das Zaumzeug zurecht, und der Blick seiner rot geäderten Augen glitt von Loke ab.

„Genau dorthin wollte ich, Freund“, gab Loke zu. „Ich will mir die Stadt ansehen.“

„Nun, das ist jedermann erlaubt, doch ich würde dir raten, weiterzuziehen“, klang es lässig.

„Ah, um mir das zu sagen, bist du mir entgegen geritten?“

„Vielleicht, Stranger“, grinste der Cowboy. „Die Herde dort gehört Ring Allen, das heißt, nicht nur die Herde, sondern auch das Land, yeah, und er mag keine Fremden, die die Revolver so geschnallt haben wie du.“

Das war deutlich.

Der andere sah ihm dabei in die Augen. Sie waren kalt und mit einer seltsamen Wachsamkeit erfüllt. Für Sekundenbruchteile schwieg Loke. Die merkwürdige Begrüßung am Ziel seines Trails passte nicht zu seinen Vorstellungen. By Jove, mochte Ring Allen der ungekrönte König auf dieser Weide sein, mochte er das Country in seiner Tasche haben, wie aber wurde Glenn damit fertig?

Das war die erste Frage, die sich Loke vorlegte. Und im selben Augenblick wusste er, dass er vorsichtig sein musste.

Denn, yeah, eine steigende Unruhe machte sich in ihm bemerkbar. Himmel auch, wie hatte Glenn eine solche Despotenherrschaft ertragen? Hatte er ihn vielleicht deshalb ins Land gerufen, weil ein eigensinniger Rinderbaron dem Land zu sehr seinen Stempel aufdrückte?

„Ring Allen will diese herrliche Weide von allem Kummer freihalten“, hörte er den verwitterten, alten Cowboy vom Sattel her sagen. „Vor drei Monaten ging ein Weidekrieg zu Ende, Stranger. Die Spuren davon werden noch lange zu sehen sein. Und aus diesem Grunde will Ring Allen vorbeugen, denn dieses herrliche Land gleicht einem Magneten, das immer wieder Männer anzieht, die mit ihren schnellen Eisen ihr Glück versuchen.“

„Ich trage sie nur als Gewichtsausgleich, Cowboy. Es sind verrostete Kanonen“, erklärte Loke mit ausdruckslosem Gesicht, ohne den anderen aus den Augen zu lassen. „Wenn das Ring Allen beunruhigt, hm.“

„Mach dir darum keine Sorgen, Stranger“, klang es heftig. „Ich habe dich gewarnt. Länger als drei Tage ist kein Fremder geblieben, alle hatten es sehr eilig, wieder aus Amarillo herauszukommen.“

„Nun, ich werde bleiben, so lange es mir gefällt“, warf Loke hin, bemerkte, wie der Cowboy zusammenzuckte, wie sich seine Augen verengten, schmal und stechend wurden.

„Du wirst nicht einmal bis zum Abend bleiben. Stranger“, klang es leise. „Verlass dich darauf!“

„Wer sollte das bestimmen?“, forschte Loke.

„Ich, Stranger“, knurrte der andere, und die Feuernarbe in seinem Gesicht wurde glutrot. Leise knirschten seine Zähne aufeinander. Aber trotz dieser Anzeichen kaum zu dämmenden Zorns blieben seine Augen eiskalt. Oh, yeah, Loke kannte nur wenige, die sich so benahmen, und alle dieser Art waren tödlich gefährlich, unberechenbar und von einer Härte, die erschreckte. Er sah sein Gegenüber aufmerksam an, und seine Augen wurden dunkel. Dann zuckte er die Schultern, und auf seinen Lippen erschien der Hauch eines Lächelns, als er heiter sagte: „Tausend Dollar dagegen!“

Nur einen Moment stutzte der Bursche, stieg fast in den Steigbügeln auf, doch dann grinste er zynisch: „Die hast du bereits verloren. Well, ich setze die gleiche Summe dagegen, Stranger. Aber

noch einen Rat: Versuche es lieber nicht. Hol dir aus Amarillo Proviant und dann reite, wohin du willst, und sollten wir uns noch einmal begegnen …“

„Dann halte die Hand am Drücker, Fellow“, ergänzte Loke unbewegt und trieb bei diesen Worten seinen Gaul mit den Schenkeln an dem Falben vorbei, bot dem verdutzt dreinblickenden Cowboy den Rücken, warf ihm über die Schulter zu: „Du kannst Ring Allen einen Gruß von mir bestellen, Fellow, so long!“

Das war gewagt. Das war mehr, als der Cowboy schlucken und verdauen konnte. Seine Hände streckten sich, griffen jedoch nicht zum Eisen, er brüllte auch nicht: „Dreh dich herum, wir tragen es aus“. Nein, er lachte nur rau, wandte sein Reitpferd scharf auf der Hinterhand, und Loke hörte das Hufgetrappel hinter sich verebben.

„Man sollte es nicht glauben, Star“, sagte er leise zu seinem Wallach. „Die schönste Weide und der herrlichste See und trotzdem eine schwüle Luft.“

Er zerrte sich das verwaschene Halstuch ein wenig auf. Ihm war heiß. By Jove, dass seine Ankunft unter einem solch unglücklichen Stern stehen würde, hätte ihm niemand bei seinem Aufbruch aus Montana sagen können.

„Es riecht nach Pulver und Rauch, Kerlchen“, flüsterte er leise.

Mit jedem Yard, den er zurücklegte, nahm die Sorge um Glenn zu, spiegelte sich in seinem Gesicht. Yeah, er hatte einen sonderbaren Eindruck von dieser kleinen Rinderstadt gewonnen. Dieses Nest hatte einen anderen Charakter als jene Städte, die er auf seinem Trail durchritten hatte. Es waren Städte, die sich irgendwie alle glichen und keine großen Besonderheiten herausstellten.

Yeah, hier aber gab es außer der Querz-Street, in der sich das Leben in Saloons, Whiskybuden, Tanzhallen und Bars abspielte, einige Seitengassen, in denen Stores, Handelsniederlassungen und Frachtunternehmungen mit den kleinen Adobe-Häusern der Fischer vermischt waren. Netze flatterten im Winde. Boote lagen kieloben auf dem Trockenen, Landungsstege führten in den See, und in den Dünen schaukelten die Boote. Warm und mild strich der Wind über das Wasser, ließ die Wellen tanzen, wehte Loke um die Stirn, und beflügelte seine Gedanken.

Ring Allen musste in der Tat ein mächtiger Mann sein, wenn er diese Stadt beherrschte. Loke nahm nicht zu Unrecht an, dass ein tüchtiger Mann aus Amarillo etwas Großartiges machen konnte. Denn die Stadt bot eine Schlüsselstellung, und sie entsprach keinesfalls der Größe nach ihrer wirklichen Bedeutung.

Das und noch mehr erkannte Loke schon nach wenigen Minuten. Reiter und Gespanne kamen ihm entgegen.

Er hockte lässig im Sattel und achtete auf die Schilder über den falschen Fassaden, lenkte zu einem öffentlichen Mietstall, saß ab, und gerade, als er seinen Wallach an der Kandare unter den Stirnbalken führen wollte, hörte er die erregte Stimme eines dickleibigen Mannes, von dem er nur das Profil im Stalldunkel ausmachen konnte.

„Wenn du noch mehr darüber wissen willst, Sam, dann kann es dir Ring Allen mitteilen. Der Schuft hat mit seinen Leuten den Pass besetzt und hält auf diese Art drei große Herden zurück. Verstehst du das?“

„Nur zu gut, Dan“, klang die heisere Stimme eines kleineren, verwachsenen Mannes auf. „O yeah, wer sollte das nicht verstehen. Er lässt euch sauer werden. Keiner von euch kann aus dem großen Talkessel heraus. Ring Allen nagelt euch mit euren Herden auf der Winterweide so lange fest, wie es ihm gefällt. Und es wird ihm lange gefallen, Dan. Er wird es einfach damit begründen, dass er keine fremden Rinder über sein Weidegebiet ziehen lässt. Der Pass gehört leider mit zu seinem Territorium, und so lange er sich dort festsetzt, kann er in aller Ruhe die Preise für seine Rinder bestimmen, und somit den Markt beherrschen. Später wird er dann eure Rinder für einen

Spottpreis kaufen. Ah, er hat sich das verteufelt schlau ausgedacht, Dan. Aber niemand kann euch helfen. Der Pass liegt so günstig, dass ihn zwei Mann blockieren können. By Gosh, yeah, so lange Glenn Thorne seine Weide besaß, konnte Ring Allen derartige Scherze nicht starten“, schnaufte der Mietstallbesitzer verdrossen, stemmte sich dabei wütend auf die Mistgabel, die er in den Händen hielt, und sah den rotgesichtigen Rancher mit verkniffenen Augen an, fuhr hastig fort.

„Yeah, Glenn Thorne war noch ein Mann, wohl der einzige in diesem verrückten Nest, der die Nerven behielt und eine Chance gegen die Raureiter des übermächtigen Ring Allen hatte. So lange er mitmischte, traute sich Allen nicht so recht, seine Kräfte voll ins Spiel zu führen. Jetzt aber …“

Er schwieg, spie seinen Kau zur Seite, trat näher an den vor ihm stehenden Rancher heran, knurrte: „Warum, Dan Nelson, hat Ring Allen seine Herden so dicht an Amarillo herangetrieben, heh? Glaubst du, dass er seine Rinder in den See treiben, oder durch die Straßen spazieren führen will? Glaubst du, dass er sie mit Straßendreck und verrosteten Nägeln, mit alten Häusern und falschen Fassaden füttern will? Nein, Dan, ich weiß es besser. Er hat Angst, dass sich gute Männer hier einfinden könnten. Well, er lässt durch seine Burschen die Stadt überwachen und weiß sofort,

wenn ein echter Mann einzieht. So ist das, Dan. Und es hat seine Vorzüge, denn Ring Allens Rinder werden dick und rund, und die Raureiter seiner Crew können in aller Gemütsruhe jeden Fremden unter die Lupe nehmen. Yeah, so ist das, Dan. Du wirst von außen keine Hilfe erwarten können.“

Er brach ab, denn erst jetzt, in diesem Augenblick, sah er Loke mit dem Fuchswallach. Nur einen Augenblick lang schien der Kleine verwirrt, dann aber riss er den Kopf hoch, flüsterte dem vor ihm stehenden Rancher zu: „Allmächtiger.“

„Zum Teufel, was ist?“, fuhr der Rancher auf, schwieg, wandte sich mit einem Ruck herum.

Beide Männer schauten Loke wachsam an. Der nickte ihnen zu, kam heran, erklärte: „Ich suche einen Platz für mein Pferd, dazu das beste Futter und …“

„Erstklassige Bedienung“, unterbrach der Mietstallbesitzer schlagfertig. „Oh, ich kenne diesen Song. Nur ein Fremder kann es sagen, denn wer mich kennt, braucht es nicht …“

„… zu erwähnen“, bemerkte Loke und lächelte freundlich.

Der Mund des Verwachsenen klaffte auf. Er schnappte hörbar nach Luft, grollte durch seine Stummelzähne: „Stranger, Ihr Gesicht hat einen eigenartigen Ausdruck.“

„Ich kann’s nicht ändern“, kam die prompte Antwort.

Das Staunen des Kleinen wuchs. Seine Blicke irrten von Lokes Antlitz zu den Revolvern, dann lachte er in sich hinein, schnarrte böse: „Es gibt zwei Möglichkeiten, Stranger.“

„Ich kenne beide“, unterbrach Loke heiter. „Die eine ist, dass Ring Allen einen neuen Revolverschwinger in seine Dienste stellt, die andere aber lautet, dass ein Mann nur bis zum Abend Zeit hat, seine müden Knochen von einem langen Trail zu erholen. Yeah, man ist hier nicht freundlich, Fellow, und man legt keinen Wert auf einen Willkommensgruß, das ist verdammt übel.“

Sie schauten ihn beide verdutzt an, und erst nach einer Weile stotterte der Kleine brüchig: „Mit dir haben sie es besonders hart gemacht. Himmel und Hölle, dann brauche ich erst gar nicht abzusatteln, wie?“

Er starrte Loke dabei eigentümlich an, zwinkerte dem Rancher, der bisher nur stumm dastand und Loke musterte, einen schnellen Blick zu. O yeah, Loke wusste den Blick zu deuten. „Sei wachsam, und lass dich nicht bluffen“, sollte er sagen.

Der Rancher biss sich auf die Lippen, schnaufte kurzatmig. Beide Männer saugten ihre Blicke an Lokes Mund fest.

„Fellow, ich bin dafür, dass mein Wallach abgesattelt wird, dass er Ruhe bekommt. Denn ich werde die Stadt nicht verlassen.“

„Nicht?“, schnappte Tay Monnet, der Mietstallbesitzer ungläubig, wobei er den tief geschnallten Eisen einen recht sonderbaren Blick zuwarf. „Man wird Sie dazu zwingen, Stranger!“

„Oh, man wird sich das noch überlegen. Lassen Sie das nur meine Sorge sein, Fellow.“ Er führte bei diesen Worten seinen Gaul an den beiden vorbei, stellte ihn in eine freie Box und begann sofort mit dem Absatteln.

Der Kleine half ihm dabei, trug Packen und Schlafdecken in den Sattelgang, wo Dan Nelson immer noch wie angewurzelt stand.

„Eine Frage, Cowboy“, sagte er recht heiser zu Loke.

„Und die wäre?“

„Du – du suchst Arbeit?“

Das war knapp, aber es stellte alles deutlich genug heraus. Loke grinste leicht und stemmte seine Hände in die Futterraufe, blickte den rotgesichtigen Rancher eindringlich an, nickte dann: „So habe ich es mir gedacht.“

Der Rancher schluckte es, würgte erregt, platzte heraus: „Ohne Arbeit wirst du nicht auskommen, Cowboy. Ich …“

„Ich suche Männer, die mit dem Colt umgehen können und verdammt schnell damit sind“, ergänzte Loke. „Yeah, es ist das einfachste Mittel, um gegen Ring Allen zu ziehen. Man lässt andere die raue Arbeit tun und hält sich still im Hintergrund, wartet ab, wer aus dem Sattel fällt, und wer von den bezahlten Revolvermännern das heiße Blei schluckt. Nein, ich bin nicht mit von der Partie, denn meine Haut ist mir verdammt lieb.“

„Du solltest es dir überlegen. Denn die Aufforderung, die Stadt zu verlassen, ist verdammt ernst“, krächzte Nelson bissig, fuchtelte mit seinen klobigen Händen an seiner Uhrkette herum, die recht protzig auf seinem Bauch lag. Schweißperlen liefen über seine Pausbacken, verloren sich unter dem angeschmutzten, weißen Leinenhemd.

Er stierte an Loke vorbei, drehte sich schwerfällig auf seinen flachen Stiefelabsätzen um und stapfte aus dem Mietstall. An der Tür blieb er kurz stehen, warf über seine Schulter Loke zu: „Solltest du dich dennoch entschließen, die NC-Ranch liegt im Süden vom Unitas-See. Aber auch Brod Leland und Tom Mylor, meine Nachbarn, werden dich aufnehmen. Vielleicht wirst du mir für dieses Angebot noch einmal dankbar sein, Cowboy.“

Er wartete die Antwort nicht ab, verschwand in den Lichtfluten der Sonne.

„Das ist auch meine Meinung, Cowboy“, murmelte Tay Monnet. „Nelson hätte dir einen Kampflohn aus erster Hand gezahlt. Er ist scharf nach guten Männern.“

„Ich kenne dieses Spiel. Man sagte mir, dass der Weidekrieg hier kaum zu Ende ist.“

„Yeah, und Ring Allen siegte“, unterbrach der Verwachsene missmutig. „Nun, du hast noch keine Übersicht, aber eins ist sicher, er wird einen seiner Revolverschwinger gegen dich ansetzen, und versuchen, dich aus der Stadt zu vertreiben. Er kann es sich erlauben, ohne erst zu versuchen, ob man einen guten Mann nicht besser in die eigene Crew nimmt. Nun, ich habe dich gewarnt.“

Er verstummte, sah, dass Loke leise vor sich hin lachte, seinen Packen aufhob, ihn schulterte und an ihn herantrat. O yeah, er selbst musste sich auf die Zehenspitzen stellen und den Kopf weit in den Nacken nehmen, um zu Loke aufsehen zu können.

„Es nützt also alles nichts, du suchst dir selbst dein Quartier?“

„Yeah, denn morgen will ich nach Norden weiterreiten.“

„Nach Norden, am See entlang?“, kreischte der Verwachsene aufgeregt, und seine Augen weiteten sich, wurden leuchtend, seltsam lebendig. Vor Überraschung prallte er fast einen Schritt zurück, schnappte nach Luft und kicherte dann eigenartig verrückt. Yeah, so konnte man das Gelächter des Kleinen bezeichnen. Es schüttelte ihn durch und durch, ließ seine dünnen Arme hin und her pendeln.

Loke sah ihm unbewegt zu. Nur seine Augenbrauen krochen finster zusammen. Schon wollte er sich abwenden, als der Kleine mit einem glucksenden Laut sein Höllengelächter abbrach und ihm den Weg versperrte, beschwichtigend die Hände hob.

„Oh, einen Moment, Cowboy, du weißt wahrscheinlich nicht, wie es anderen ergangen ist, die Ring Allens Aufforderung, zu verschwinden, einfach in den Wind bliesen. Nun, Gene Natter, der feuernarbige Schuft mit den eiskalten Augen und den schnellen Händen, beendete hier so manchen Trail. Er war schneller als alle andern. Und yeah, auf den Einfall, nach Norden, also durch die Weidegebiete der Ring-Ranch zu trailen, kam keiner.

Das rechte Seeufer bis zu den Bergen hin gehört zur Ring-Ranch. Yeah, selbst die vereinte

Crew von der NC-Ranch konnte nicht über die Weide ziehen. Im vorigen Jahr gelang es ihnen zwar, ihre Rinder über die Ring-Weide zu den Winterweiden im Sengleru-Kessel zu treiben, aber leider nicht zurück, da inzwischen Ring Allen den Pass besetzt hat, der als einziger Zugang dient. Mit einem schlauen Schachzug hat Ring seine Nachbarn erledigt. Die Rinder im Kessel können nicht heraus, da die abschließenden Wände des gewaltigen Kessels keinen anderen Zugang haben. Nur ein Ausläufer des Unitas-Sees mündet dort hin. Yeah, aber kein Rind kann dreißig Meilen schwimmend zurücklegen. Es ist schon eine höllische Falle, die er geschlossen hält, so höllisch, dass auch die Versorgung der Cowboys nur vom See aus erfolgen kann. By Gosh, yeah, früher war das einmal alles anders.“

Er brach ab, strich sich über die Schläfen und senkte den Blick. Seine Lippen zuckten bewegt.

„Yeah“, flüsterte er, als Loke keine Antwort gab. „Was dreizehn Männer nicht schafften, das dürfte einem einzelnen nie und nimmer gelingen, und zum Teufel auch, warum willst du ausgerechnet nach Norden?“

„Weil ich zur BBT-Ranch will“, murmelte Loke.

Die Wirkung seiner Worte war selbst für ihn verblüffend. Der Alte versteifte sich. Graue

Blässe trieb alle Farbe aus seinem faltigen Pergamentgesicht.

Wie ein Hauch fielen seine Worte: „Zur BBT?“

„Yeah,

„Zur Ranch, die Glenn Thorne …“ Er brach ab, ließ seine flackernden Augen schnell über Loke gleiten, dann sackten seine Schultern ein, er schaute betroffen zur Seite, murmelte: „Du bist ein Freund Glenns?“

Die Frage musste Loke erst verdauen. Er schluckte, räusperte sich, hielt es für besser, nicht zu verraten, dass Glenn sein Bruder war. Hölle und Teufel, er fand das Gebaren des Kleinen seltsam, fand aber nichts, was ihm hätte als Anhaltspunkt dienen können, und so murmelte er endlich: „Er ist weder mein Freund, noch …“

„Nun, Cowboy, es geht mich nichts an. Ich will nichts davon hören. Vergiss, dass ich den Narren Glenn Thorne überhaupt erwähnt hatte. Eh, es ist für einen Mann ungesund, wenn er von Glenn Thorne spricht“, raunte der Verwachsene heiser. „Und zum dritten Mal meinen Rat: Reite, bevor der Abend anbricht!“

„Es wäre besser, wenn du mir ein billiges Hotel sagen könntest, in dem man für wenig Geld gut unterkommt und über das Essen nicht zu klagen hat“, unterbrach ihn Loke, schritt dabei, von

dem Alten gefolgt, zur Stalltür, hörte ihn sagen: „In der Querz-Street liegt das Palace-Hotel. Es ist Bar und Spielhölle, Tanzhalle und Fremdenpension, alles in einem. Du kannst dort billig leben, solange du dich nicht zu den Kartenhaien an den Tisch setzt, und solange du nicht von Ring Allen verstoßen wirst, denn yeah, Gnom Selter ist Ring Allens mächtiger Freund. Ihm gehört die halbe Querz-Street. So, das wäre alles, Cowboy.“

„Eine schöne Stadt“, knurrte Loke.

„Yeah, so schön, dass der Teufel sich hier nicht einmal wohlfühlen würde“, meckerte der Kleine bissig. „Aber das wirst du alles bis zum Abend herausfinden. Doch um den Fuchswallach mach dir keine Sorgen. Ich werde ihn einige Minuten vor Dämmerung satteln, und falls …“

„… ich im Dreck der Fahrbahn liegenbleibe, können Sie ihn Glenn Thorne zur BBT schicken, Fellow“, fiel Loke ihm ins Wort.

O yeah, er war zu sehr mit seinen Gedanken bei Glenn, als dass er groß auf das Zusammenfahren des Kleinen achten konnte. Ah, was mochte mit Glenn sein?

Dass etwas nicht stimmte, hatte er bereits aus dem Gespräch des Kleinen mit Dan Nelson herausgefunden.

Er unterdrückte seine Unruhe, schritt auf den Plankensteig, das Bündel auf dem Rücken, über die knarrenden Bohlen.

Schon nach wenigen Minuten wurde ihm bewusst, wie man ihn musterte. Er fühlte die Spannung, die zusehends wuchs.

Irgendwie, das war nun sicher, hatte es sich herumgesprochen, dass mit ihm etwas Besonderes war.

Er bekam es noch deutlicher zu spüren, als er sich in der Vorhalle des Hotels von dem glatzköpfigen Pförtner die Schlüssel zu seinem Zimmer geben ließ.

„Einen Moment, Gent. Ihren Namen bitte in das Gästebuch eintragen.“

Loke ergriff ohne Zögern den Federkiel, tauchte ihn in die Tinte, schrieb: „Loke Green.“

Er spürte, wie der Pförtner über seine Schulter hinweg mitlas, fragte leise: „Passt Ihnen mein Name nicht?“

Der Kerl versteifte sich, murmelte höflich: „Nun, ein Name, der recht häufig vorkommt.“

Dann ging er schleunigst vom Thema ab, erklärte: „Sie haben das Eckzimmer, Mister.“

Er gab Loke den Schlüssel. Und ohne einen Blick in die rauchgeschwängerte Bar zu tun, begab sich Loke in das zweite Geschoss. Eine enge Treppe führte hinauf. Die altersschwachen Stufen quietschten unter seinem Körpergewicht. Ein Korridor öffnete sich vor ihm. Er schritt hindurch, fand sein Zimmer unverschlossen. Trat ein, und, yeah, prallte zurück.

Die Überraschung war so groß, dass er sein Bündel von der Schulter zu Boden gleiten ließ, heiser stammelte: „Ich habe mich wohl in der Tür geirrt, Madam!“

„O nein, Mister.“ Ihre volltönende Stimme schwang in einem wunderbaren Alt. Sie erhob sich eilig, glättete ihr taubengraues, mit schwarzen Streifen und Rüschen verziertes Kleid, pendelte mit den hochhackigen Schuhen hin und her, sah ihn mit ihren grünen, ein wenig geschlitzten Mandelaugen eindringlich an, und das einfallende Sonnenlicht ließ ihr kupferfarbenes Haar zur lodernden Glut werden.

By Jove, yeah, sie konnte einem das Blut zum Stocken bringen, sie wirkte wie die Verheißung ungezählter Träume. Mehr noch, sie verkörperte die Anmut und die Verführung. O yeah, sie war sich ihrer Wirkung wohl bewusst, lächelte in verhaltener Art, wobei sich ihre vollen, blühenden Lippen ein wenig ironisch verzogen. Weiße Perlzähne schimmerten, unterstrichen den Teint ihrer perlmuttfarbenen Haut, und ihre schmalen, gepflegten Finger glitten kosend durch die Haarfluten.

Loke schluckte trocken, hielt die Türklinke in der Hand.

„Sie wollen das Feld räumen, Cowboy?“, hörte er sie da sagen.

„Ich sagte Ihnen doch, es ist Ihr Zimmer.“

Verwirrt blieb er stehen, lächelte verlegen, zog langsam den Stetson.

„Ich bin Luise Selter“, sagte sie weich.

„Ah, die Tochter des Hauses!“

„Yeah, aber Sie haben das Zimmer gemietet, und wenn Sie es wünschen, muss ich gehen, Cowboy.“

Sie betonte das „Cowboy“ sonderbar, aber man konnte nicht sagen, ob es ehrerbietig oder ironisch gemeint war.

Unentwegt sah sie ihn an, und als sie sich erhob, stellte er fest, dass sie einen Kopf kleiner war als er. Sie reckte sich und stellte sich so, dass der Lichtschein der Sonne ihr Profil klar umriss. Ein echt weiblicher Trick, der mehr von ihrem Wesen verriet als tausend Worte. O yeah, derartige Mädchen kannte Loke. Sie waren wie das Feuer, hell und leuchtend. Glutheiß, betörend und süß, aber wer ihnen zu nahe kam, verbrannte sich nicht nur die Finger, sondern auch das Herz. Und zurück blieb ein trauriger Rest Asche.

„So habe ich Sie mir vorgestellt“, fuhr sie mit ihrer angenehmen, leicht vibrierenden Stimme fort. „Yeah, ich bin nicht enttäuscht, sondern. Nun, ich kann fast sagen, dass Sie mich an jemanden erinnern, der mir einmal sehr nahestand. Aber kommen Sie doch näher, Cowboy. Und, wenn ich Ihnen lästig bin, sagen Sie es.“

Er schloss die Tür, hob sein Bündel vom Boden auf und warf es auf einen Hocker neben dem Tisch, zog sein Halstuch auf.

„Es ist heiß hier, wie?“, fragte sie. „Oh, ich werde Ihnen eine Erfrischung bringen. Haben Sie einen besonderen Wunsch? Sie können hier oben essen.“

„Ach, eigentlich wollte ich mir die Bar ansehen, und …“

„Es wäre aber besser, wenn Sie hierblieben“, nahm sie ihm das Wort ab.

„Zum … Ah, Madam“, platzte er heraus.

Sie lächelte. „Sie haben Temperament, das gefällt mir!“

Er knurrte etwas Undeutbares vor sich hin, schritt an ihr vorbei zum Fenster, riss es weit auf. O yeah, es war ihm heiß, erstickend heiß sogar, er brauchte frische Luft.

„Bevor Sie kamen, hatte ich gelüftet“, lächelte sie ihm zu. „Aber vielleicht können Sie mein Parfüm nicht vertragen?“

Ah, er konnte ihr wirklich nicht sagen, dass es nicht nur das Parfüm war, was ihn nach frischer Luft schnappen ließ. Die ganze Atmosphäre und die Situation hatten ihn hilflos gemacht.

Er war wütend über sich selbst, darüber, dass er nicht die richtigen Worte fand, um diesem betörenden Mädchen die kalte Schulter zu zeigen. Düster blickte er nach draußen auf die Querz-Street.

Sie trat unaufgefordert neben ihn. Ihr Kleid streifte seine Weste und, yeah, bevor er es recht begriff, lag ihre Hand auf der seinen. Und es war eine verteufelt schöne Hand. Feingliedrig, schlank, fest und belebt. Ein seltsamer Strom von Empfindungen ging von ihr aus. Sie teilten sich ihm mit, und als er fast erschrocken den Kopf zur Seite bog, sah er in ihr ovales Gesicht mit den brennenden, geheimnisvollen Augen, sah die steil geschwungenen Brauen, die gerade, etwas stumpfe Nase, und er sah, wie sich ihre Augen weiteten, wie sie die Farbe wechselten und dunkel violett wurden, tiefen Seen gleich, die Mondlicht und die verlöschende Sonne badeten.

Er atmete schwer.

„Ich verstehe nicht, Madam.“

„Oh, das ist auch nicht notwendig. Ich wollte Sie nur daran erinnern, dass Sie tausend Dollar

gewinnen wollen“, hauchte sie ihm zu, ließ seine Hand los und trat einen Schritt zurück.

„Tausend Dollar, Cowboy, die ganze Stadt weiß es bereits, und man hat auf Gene Natter gesetzt. Es war noch niemand da, der ihn mit den Eisen überwand, außer … Nun, außer seinen Brüdern, die ebenfalls in Ring Allens Crew eingestellt sind.“

Ihr roter Mund verhärtete sich. Die Düsterkeit blieb in ihren Augen. Sie sah an Loke vorbei auf irgendeinen Punkt im Zimmer, und als ihre Augen sich dann senkten, blieben sie auf seinen Revolvern haften.

„Sie lieben Gene Natter nicht?“, sagte er leise, gequält und begriff plötzlich, dass dieses Mädchen Gene hasste, aus irgendeinem Grund ihn verabscheute. Sie machte keinen Hehl daraus.

„Sie haben recht, er hat den Namen, den er verdient. Doch Sie wollen es wirklich …“

„Ich habe mich entschlossen zu bleiben. Jetzt mehr denn je“, gab er zu und sah sie dabei fest an, bemerkte, wie sie seinen Blick erwiderte und eigentümlich die Mundwinkel nach unten zog.

Nach einem kurzen Schweigen erklärte sie: „Das wird meinem Dad nicht gefallen. Hören Sie, Cowboy. Sie bringen Unruhe in die Town, und meinen Vater in Verlegenheit. Er steht auf Ring Allens Seite und wird Sie auffordern, das Haus zu verlassen, sobald er von seinem Ausritt zurück ist.“

„Ich habe für die Nacht bezahlt.“

„Das wird Ihnen nichts nützen, oder … nun, nach der Dämmerung wird es sich entscheiden, ob Sie jemals hier übernachten werden, Cowboy“, flüsterte sie aufgeregt, und ihr Atem ging kurz. Ihre Brust hob und senkte sich. „Sollten Sie dann wider Erwarten alles gut überstehen, nun, viel Glück, Cowboy.“

Sie wandte sich um, rauschte zur Tür. Doch als sie dieselbe aufreißen wollte, da stand er vor ihr, versperrte ihr den Weg.

Sie stand so nahe, dass er ihren Atem spürte, den sinnverwirrenden Duft ihres Parfüms, dass er in ihren Augen die feinen, goldenen Lichter tanzen sah. Ihre Pupillen, die sich jäh weiteten und die Farbe der Iris so beeinflussten, dass ihr Blick eine unergründliche Schwärze bekam.

„Oh, gehen Sie mir aus dem Weg, Cowboy“, raunte sie.

Er gab keine Antwort, sah sie nur an. Seine Lippen zuckten, als er sagte: „Um mir das zu sagen, sind Sie hier?“

„Ich verstehe Sie nicht recht.“

„Soll ich deutlicher werden?“

„Nein. Geben Sie sich keine Mühe, lassen Sie mich.“ Ihre Stimme erstickte unter dem

Druck seiner Lippen. Sie war so überrascht, dass sie in seinen Armen hing und sich kaum wehren konnte, doch dann schlug sie zu, traf seine Wange, riss die Tür auf, blieb stehen, und ihre vor Zorn weit aufgerissenen Augen funkelten, forderten eine Erklärung.

„Madam, ein Todeskandidat hat sich einen letzten Wunsch erfüllt“, stieß er rau hervor, verbeugte sich leicht, fügte hinzu: „Mehr habe ich zu meiner Rechtfertigung nicht zu sagen.“

Und als sie sich wortlos von ihm abwandte, rief er ihr nach: „Es wäre nett, wenn Sie mir mein Essen mit einer Flasche Genever auf mein Zimmer bringen würden, das wäre dann alles!“

Sie eilte mit schnellen, trippelnden Schritten davon. Statt einer Antwort hatte sie ihm einen Blick zugeworfen, den er nie vergessen würde.

By Gosh, yeah, er spürte einen kleinen Schmerz in seinen Lippen, trat, nachdem er die Tür geschlossen hatte, zu dem fast blinden Spiegel, und yeah, die Spuren ihrer Zähne waren deutlich sichtbar.

„Wildkatze“, knurrte er. Aber seine Stimme klang dabei nicht gerade böse, zeigte keinerlei Verstimmung. „Ah, sie hat eine gute Handschrift.“

Seine Wange brannte noch, als er sich der Stiefel entledigte und Mokassins aus dem Packen nahm und diese anzog.

Nach wenigen Minuten trat sie, ohne vorher angeklopft zu haben, mit einem Tablett ein, schritt mit niedergeschlagenen Augen an ihm vorbei zum Tisch hin, servierte, und wollte sich schnell wieder entfernen.

„Wagen Sie es nicht.“ Sie durchschaute ihn, bevor er sich in Bewegung brachte, sah ihn aus halb geschlossenen Lidern an.

„Treten Sie mir nicht mehr in den Weg, sonst erhalten Sie Ihre Lektion.“

„Madam, es tut mir leid.“

„Was tut Ihnen leid?“, fragte sie erregt, und wieder trafen sich ihre Blicke, hielten sich so lange fest, bis das Schweigen zwischen ihnen peinlich zu werden begann. Es war eine Nervenprobe für beide.

„Wahrhaftig, ich wollte mir den zweiten Kuss holen, Madam“, gab er zu.

„Man sollte eine Frau nie unterschätzen“, unterbrach sie ihn, sah dabei zu seinen Revolvern hin, die er zerlegt hatte und auf einem Wolllappen auf dem Tisch zur Reinigung ausgebreitet hatte. Sie deutete auf die Waffen, sagte leise: „Das Gebot der Stunde.“

„Well, ein Mann muss sich auf seine Eisen verlassen können.“

Sie gab ihm nicht sogleich Antwort, selbstsicher, stolz und aufrecht schritt sie an ihm vorbei, so nahe, dass die Locken ihres Flammenhaares seine Nase kitzelten. An der Tür drehte sie sich um, stellte sich lässig hin, erklärte: „Yeah, geben Sie sich recht große Mühe, es wäre schade, wenn …“

Was sie dachte, sprach sie nicht aus. Bevor er ihre Worte verdaut hatte und zu einer Entgegnung bereit war, war sie bereits verschwunden.

Er presste die Lippen fest zusammen, saugte tief die Luft ein, stand wenige Sekunden wie auf den Fleck gebannt, hörte, wie ihre Schritte sich entfernten.

„Gut, beginnen wir, Loke“, murmelte er leise zu sich selbst, setzte sich an den Tisch und begann heißhungrig zu essen.

Nach der Mahlzeit setzte er seine Eisen, neu gereinigt und gut geölt, wieder zusammen, steckte sie in die Holster und legte den Waffengurt an, machte sich ein wenig zurecht.

Es hielt ihn nichts mehr im Zimmer. Sichtbare Unruhe lag in seinen Bewegungen, aber das hatte nichts mit dem bevorstehenden Kampf zu tun, wahrhaftig nicht. Loke kannte das Zusammentreffen scharfer Eisen aus eigener, höllischer Erfahrung und gab sich keinen Illusionen hin. Er wusste auch, dass er für die Leute von Amarillo in den nächsten Stunden so etwas wie eine Sehenswürdigkeit war. Und so irritierte ihn der verschleierte Blick des Pförtners nicht.

O yeah, wie dieser Bursche ihn anschaute, so sah man einen Mann an, der bereits aus glühend heißen Stiefeln gesaust seine Urahnen besuchte.

In der Bar verstummte bei seinem Eintritt der Lärm. Durch die Tabakwolken hindurch bemerkte er die bleichen Gesichter der anwesenden Männer und konnte feststellen, dass sich in kurzer Zeit der Raum gefüllt hatte, und immer noch neue Gäste durch die Schwingtür hinzukamen. Lautlos bewegte er sich auf seinen Mokassins durch die Tischreihen zur nickelbeschlagenen Theke hin, über welcher, gleich neben den Flaschenregalen, ein bunt schreiendes Plakat eine derbe, offenherzige Schönheit zeigte. Die Formen waren von einem Coltkünstler mit sauberen Einschusslöchern nachgezogen.

„Ein ungewöhnlicher Betrieb zu dieser Zeit“, sagte er lässig zu dem Barkeeper, einem zerknitterten Burschen mit Stehhaaren und Hängeschnurrbart.

Verdutzt schaute dieser Loke an, blickte recht verstohlen zu einer Cowboygruppe hin, die Loke mit sichtbarem Interesse musterte. Yeah, dort drüben saßen einige Cowpuncher der Ring-Ranch. Dass sie sich so früh und in so großer Zahl versammelt hatten, bewies, dass Natter sein Angebot mit dem nötigen Nachdruck ausführen wollte. Wahrscheinlich hatte Natter den Burschen Informationen gegeben. Sie verhielten sich äußerst ruhig und zurückhaltend, gehörten wohl nicht zu den Raureitern der Crew.

„Geben Sie mir einen doppelten Whisky, wenn Sie Ihre Sprache wiedergefunden haben“, sagte Loke, indem er sich nach Luise Selter umsah. Aber er suchte vergebens. Von dem Mädchen war keine Spur zu entdecken. Sie hätte seinem Auge einige Ablenkung verschafft und ihn bestimmt nicht so stur angesehen, wie die Männer an den Tischen.

Der verlangte Whisky wurde ihm serviert. Er griff danach, trank, und als er das Glas abstellte, sah ihn der Keeper mit einem Ausdruck aufrichtiger Bewunderung an, knurrte: „In einem Zug hat das bisher nur Natter geschafft.“

„Ah, stumm bist du also doch nicht.“

„Zum Teufel, nein.“

„Taub auch nicht?“

„No“, zischte der Bursche, um gleich hinzuzufügen, „aber ich unterhalte mich nicht gerne mit einem Mann, der wenig Aussichten hat, noch lange zu leben.“

Er schwieg bedrückt, sah sich in der Runde um.

An den Tischen grinsten die Männer, und aus dem Hinterhalt tönte eine Stimme: „Frederic, sei unbesorgt, er steht ja noch nicht als Leiche vor dir. Er hat noch genau zwei Stunden Zeit, dann kannst du zum letzten Gebet den Hut abnehmen!“

Die Stimme brach ab. Aber Loke hatte den Sprecher schon gesehen. Es war ein rothaariger, schlaksiger Bursche. Er glich einem Saloonlöwen, war mit Seidenbluse, gelbem, leuchtendem Halstuch und einem weichen, perlgrauen Stetson bekleidet.

Als Loke sich von der Theke weg in Bewegung setzte, verstummte auch das letzte Flüstern. An der Nebentür tauchte Luise Selter auf. Sie hob überrascht den Kopf, legte wie warnend die Hand an den Mund. Ihre Lippen flüsterten etwas für Loke Unhörbares. Es konnte nur eine Warnung sein. Yeah, aber es war zu spät. Er steuerte bereits auf den schlaksigen Burschen zu, hielt ihn mit seinen Blicken fest.

Der Bursche beugte seinen Oberkörper weit vor, nahm die Hände von der Tischkante, seine Augen redeten eine deutliche Sprache, die Hände sanken auf die Kolben seiner Waffen.

Selbst die Poker-Spieler hielten inne, sahen verdutzt herüber, und, yeah, Loke erblickte den rotgesichtigen Rancher Nelson, sah, wie dieser vor Überraschung die Chips aus seinen Händen fallen ließ.

„Stopp“, kreischte ihm der Bursche entgegen. „Keinen Schritt.“ Bei diesen Worten fegten seine Hände hoch. Doch bevor die Eisen über der Tischkante sichtbar wurden, tönte Luise Selters Stimme in krasser Schärfe: „Gib dir keine Mühe. Ich habe meinen Derringer auf deinen Rücken gerichtet, Vic. Lass deine verteufelten Eisen fallen, hörst du? Du bist hier nicht mit deinen Brüdern zusammen!“

By Jove, auch Loke sah den kurzläufigen Derringer, den das Mädchen in einer Art handhabte, die viel Übung verriet. Die kleine, dunkle Mündung bleckte wie ein schwarzes, giftiges Maul, und das unsichtbare Gift, das sie streute, bremste Vics Hände mitten im Flug. Sein jungenhaftes, von Lastern gezeichnetes Gesicht verzog sich zu einer grimmigen Grimasse, seine Schultern sackten herab.

„Du hättest mich nicht hindern sollen. Ich wollte Gene nur beweisen, dass ich noch eine Portion schneller bin als er. Nimm die Kanone aus meinem Rücken, es macht mich wild.“

„Nicht wild genug, Vic, du wirst gehen“, nahm sie ihm das Wort. „Ich will dich hier nicht mehr sehen. Verschwinde!“

Er rührte sich nicht, stierte nur Loke gehässig, mit aufflackernden Augen an, lachte verächtlich. „Schau ihn dir an. Er hat nicht einmal die Hand am Kolben, Madam. Er wäre jetzt eine schöne Leiche, und Gene hätte sich eine Arbeit ersparen können!“

In der Tat. Loke Thorne hatte nicht einmal die Hände auf den Kolben. Ein Raunen ging durch die Tischreihen. Luise kam heran, und ihre grünen Opalaugen weiteten sich vor Staunen.

„Mein Gott“, bebten ihre Lippen, und das stand in krassem Gegensatz zu ihrer entschlossenen Haltung.

Aber schon hatte sie sich wieder voll und ganz in der Gewalt. Yeah, sie war ein sonderbares Mädchen, entschlossen, tatkräftig und jeder Lage gewachsen. Sie trat hinter Vic, stieß ihm die Mündung in den Rücken, sagte laut und deutlich, so dass es alle hören konnten: „Um so schlimmer für dich, Vic!“

„Zum Teufel, mach mir keine Vorschriften, und steck endlich die Kanone fort, sonst …“

„Sonst?“, wiederholte sie schrill.

„Nun, Gene wird …“

„Wird dir eine servieren, Sonny“, ergänzte sie. „Du bist nicht einmal erwachsen und willst den tollen Schießer herauskehren. Lass fallen.“

Unter dem Druck des Derringers öffneten sich seine Hände, und sein Gesicht wurde blass.

„Du würdest es tun?“, knirschte er.

„Oh, dir eine Kugel unter die Haut zu setzen, dürfte jedem leicht fallen“, höhnte sie, und jetzt erst öffneten sich seine Hände. Dumpf schepperten die Waffen zu Boden.

„Ich weiß nicht, warum du dich auf seine Seite stellst. By Gosh, es wird Gene wenig gefallen“, knirschte er bissig. „Ah, ich weiß schon, du wirst ihn wieder so zurechtsetzen, dass er vor dir in den Staub sinkt. Hölle, ich …“

„Boy, nimm das zurück!“

Vier Worte nur, aber der rothaarige Bursche riss sofort seinen Kopf zur Seite, blickte Loke mit weit aufgerissenem Munde an.

„Du, du hast hier nichts zu bestellen“, schleppte er böse, duckte sich blitzschnell und wich dem nach ihm geführten Faustschlag Lokes aus. Yeah, er wich so geschickt zurück, dass er dabei einen Tisch umstieß. Loke wurde dadurch ein wenig abgelenkt. Vic Natter aber nützte augenblicklich seine Chance und hieb zu, traf Loke hart am Kopf.

Sein nachgesetzter, kurzer Haken aber stieß ins Leere, wischte an Lokes Kinn vorbei, brachte ihn Loke so nahe, dass das blitzschnell darauf Folgende von niemandem eigentlich richtig gesehen wurde.

Nur die Auswirkungen sahen sie alle. Es war, als zöge Loke den Burschen magnetisch an, um ihn sogleich wieder mit unheimlicher Wucht abzustoßen. Vic Natter sauste rückwärts zu Boden. Und noch bevor er sich erheben konnte, stand Loke über ihm, sagte unendlich sanft: „Du wirst dich nun bei Madam entschuldigen, mein Junge.“

Mühsam stemmte sich Vic auf, zog es immer noch vor zu schweigen. Seine Augen jedoch schienen nicht ganz klar zu sein. Er wackelte mit dem Kopf, sah dann Loke an, und jetzt lag in seinem Blick nicht mehr die maßlose Überheblichkeit.

„Also gut, entschuldige, Luise“, sagte er leise.

„All right, steh auf und bestell deinem Bruder, dass er die tausend Dollar nicht vergessen soll“, antwortete Loke an des Mädchens Stelle.

„Sie verhöhnen mich, Green!“

„O nein, mein Junge. Ich habe recht gut gesehen, dass du einen glatten Zug hast. Nimm deine Eisen an dich und geh!“

„Meine Eisen?“

„Seine Eisen?“, schluckte auch Luise betroffen. „Du weißt nicht, was du anrichtest, Cowboy. Lass ihn ohne Waffen gehen!“

„Nein, er soll sie mitnehmen!“

Vic Natter sah sich verdutzt tun. Er wusste nicht so recht, ob er dem Mädchen oder dem Cowboy gehorchen sollte. Dann lachte er, bückte sich. Sofort aber war sie an seiner Seite, zog den Derringer, richtete ihn auf Vic.

„So ist es sicherer“, sagte sie abgerissen.

Mit spitzen Fingern nahm er seine Colts auf, steckte sie in die Holster, stand still, drehte sich wortlos um, und als er hinausging, klirrten seine großen Radsporen im Takt des Schreitens.

„Madam …“

Sie unterbrach ihn brüsk. „Es war unklug von Ihnen, so zu handeln.“

Sie war blass, aufgeregt, wandte sich rasch ab und verschwand durch die Seitentür, so, als befinde sie sich auf der Flucht vor ihren eigenen Gedanken.

„So sind nun einmal die Frauen“, hörte Loke die Stimme des Ranchers Nelson neben sich. „Man weiß nie, woran man mit ihnen ist, und bei Luise ist es besonders schwer. Come on, zu einem Drink hast du noch etwas Zeit, Cowboy. Der kleine Vic, der übrigens mit der Faust sehr schlecht, dafür aber mit dem Colt um so besser ist, wird seinem Bruder von der Sache hier brühwarm berichten. Sicherlich ist er bereits davongeritten und wird auch seinen noch übleren Bruder Rod auf die Beine bringen. Zusammen sind die drei eine tolle Meute.“

„Dann wird es Zeit, dass du das Lokal wechselst, Nelson. Die Brüder haben auch gegen dich eine Stinkwut im Leibe, oder?“

„Oh, du bist ihnen mehr wert“, grinste Nelson. „Vorläufig halte ich mit ihnen einen Burgfrieden, aber wenn du es dir überlegst und in meinen Dienst kommst, dann …“

„Das heißt also, dass du nicht aufgibst?“

„No. ich denke ja nicht im Traum daran. Green, oder der Himmel mag wissen, wie du wirklich heißt. Solange meine Herde mit denen von Brod Leland und Tom Mylor im Sengleru-Kessel blockiert gehalten wird, bin ich ein armer Mann, und wenn ich keine Zugeständnisse mache, habe ich nichts mehr zu gewinnen. Solange aber noch Hoffnung besteht, muss ich …“ Er brach ab, schluckte schwer, fuhr dann fort: „Vielleicht beurteilst du das hier nicht hart genug, Green. Nimmst du einen Drink?“

In den Augen Nelsons lag etwas, was Loke stark beeindruckte, so dass er bejahend nickte.

„Yeah, Nelson, trinken wir darauf, dass der gute Ring Allen endlich ein Einsehen hat und den Pass freigibt. Eh, gibt es keinen Sheriff oder Marshal hier?“

„Yeah“, bestätigte Nelson, als sie zur Theke schritten. „Es ist Gnom Selter. Hm, es klingt sicher eigentümlich für dich, dass ein Sheriff einen Betrieb wie diesen unterhält, eine Tochter besitzt, die allen Männern den Kopf verdreht, und die nicht so recht nach der Pfeife ihres Vaters tanzt; und es ist noch sonderbarer, dass dieser Sheriff der beste Freund Ring Allens ist. Nun, mach dir deinen eigenen Vers. Und schluck es auch, dass du diesen Sheriff nicht zu sehen bekommst. Es sei denn, du überlebst die Begegnung mit Gene Natter.“

„Er ist also verreist.“

„Es ist so üblich“, grinste Nelson. Er blieb an der Theke stehen, und Loke stellte seinen rechten Fuß auf die Messingleiste. Nelson hob zwei Finger, und der Keeper nickte verstehend. Wahrscheinlich hatte er oft derartige wortlose Bestellungen entgegengenommen. Zwei Genever wurden ihnen zugeschoben, und nun erst sprach Dan Nelson weiter, indem er gemächlich eine schwarze Zigarre aus seiner Westentasche zog. „Man sagte mir, dass du nach Norden willst!“

Obwohl keine Betonung in seinen Worten lag, konnte man die Spannung heraushören.

Loke nickte.

„Es geht schnell herum.“

„Yeah“, grinste Nelson ihn unterbrechend. „Außerdem ist Monnet, bevor er sich den Mietstall hinsetzte, mein Cowboy gewesen. Das verpflichtet gewissermaßen.“

„Sie haben mit finanziert?“

„Nun, darüber will ich nicht sprechen, Cowboy. Ich war der zweite Rancher, der nach Ring Allen auf dieser Weide seine Herden züchtete. Mylor und Leland kamen einige Jahre später. Auch ihnen half ich.“

„Um gegen Ring stark zu sein, Rancher?“

„Ah, zum Teufel, du verstehst mehr vom Geschäft, als ich glaubte“, grinste Nelson offen heraus. „Aber nun zu meiner Frage, Cowboy. Der Weg nach Norden könnte auch in einem meiner Proviantboote gemacht werden.“

Tief senkten sich dabei seine Lider herab. Er beobachtete Loke scharf.

„Und nun wollen Sie mich auffordern, so ein Proviantboot zum blockierten Kessel zu begleiten. O yeah, ich kann mir vorstellen, dass Allen seine schärfsten Schützen am Pass in Position gebracht hat.“

Nelson nickte geradeheraus. Er gab sich nicht einmal die Mühe, die Wahrheit zu verschleiern.

„Du hast einen besonderen Blick für gewisse Dinge“, nickte er anerkennend. „Ich kann nicht verschweigen, dass so ein Proviantboot durch des Teufels Küche muss. Aber es ist immerhin leichter, über den See nach Norden zu kommen, als über die Weide der Ring-Ranch. Doch, warum willst du eigentlich nach Norden? Keinem vernünftigen Menschen würde es einfallen, etwas zu tun, was ihm Kopf und Kragen kosten kann. Gehörst du etwa zu den Todesreitern?“

„Du könntest mich auf den Kopf stellen, du würdest keinen Orden finden“, erwiderte Loke bitter.

„Es war nur eine Frage. Doch nun, machst du mit?“

„Nein!“

„Nein? Zum Teufel, du willst über Land?“

„Ich werde es auf alle Fälle versuchen. Außerdem nützte es mir wenig, wenn ich nur bis zum blockierten Kessel vorstoßen würde. Ich muss noch weiter nach Norden.“

Mit einer heftigen Handbewegung unterbrach ihn Nelson, nagte nervös an seiner Unterlippe und trank sein Glas leer, stellte es hart ab, wischte sich den Mund.

„Allmächtiger, du willst zu den Weidegründen der BBT. Ah, yeah, sie liegt in den Bergen, ideal für die Pferdezucht. Für Rinder leider zu gebirgig. Allen hat auch ein Auge auf die Ranch geworfen. Er möchte sie sich gerne einverleiben und dort eine Pferdezucht in großem Stil beginnen. Aber wozu erzähle ich dir das alles. Du bist unbelehrbar, hast dich tief genug in die Brennsesseln gesetzt. Die Natter-Sippe hat dich auf ihre Abschussliste gesetzt. Vor allem Vic wird nach Rache lechzen. Er wird es nie verwinden, dass du ihn mit einem Schlag aus dem Gefecht geworfen hast.“

„Dann ist das Mädchen übler dran als ich, wie?“

„Nein. Keiner wird ihr etwas tun. Es macht nichts, dass sie den heißblütigen Vic vor ihrem Derringer hatte und dich aus der Klemme zog. Ah, du hattest nicht einmal die Hand am Kolben.“

„Ist das entscheidend?“, fragte Loke naiv.

Dem anderen blieb die Luft weg. „Heh, Keeper, schnell einen Whisky.“ Und dann sah er Loke mit herausquellenden Augen an, tippte sich leicht an die Stirn und krächzte:

„Cowboy, hast du oft solche Anwandlungen. Eh, einmal von einem Huf getroffen worden? O yeah, bleib ruhig. Mir kannst du es sagen, habe einige Semester Medizin studiert, bevor ich Rinderzüchter wurde. Vielleicht kann ich dir einen Rat geben?“

„Wirklich?“

Nelson warf sich in die Brust, steckte die schwarze Zigarre zwischen seine wulstigen Lippen und zündete sie an, legte seine Stirn in sorgenvolle Falten, stieß den blauen Rauch tief aus den Lungen.

„Yeah, du solltest dich mir mitteilen“, erklärte er.

Loke lächelte, sagte: „Der Schmied hat dir das Eisen nicht unter die Füße geschlagen, sondern auf den Kopf, und dabei sind die Nägel zu tief eingedrungen, Nelson. Es tut mir leid, wahrhaftig, aber mach dir um Himmels willen keine Gedanken darüber, und befolge meinen Rat, bleibe aus der Sonne, oder setze dir einen Stetson mit großer Krempe auf. Yeah, oder erzähl mir etwas von der BBT-Ranch. von Glenn Thorne.“

Er brach ab, sah, wie sich Nelson verfärbte, wie seine Mundwinkel zuckten und die Zigarre hin und her wippte. Aber Nelson unterdrückte seinen Zorn, trank stillschweigend seinen Whisky aus, murmelte: „Du solltest nicht so sicher sein, Cowboy. Es gab in diesem Distrikt Männer, die den Teufel aus der Hölle holten und die dennoch ins Gras bissen. Nun, wenn du den Kampf überlebst, und von der Ring-Weide getrieben wirst, soll mein Angebot mit dem Proviantboot noch bestehen bleiben.“

Er verbeugte sich steif, tippte an seine Stetsonkrempe und watschelte schwerfällig zu den Pokertischen zurück.

 

 

2.

Nelson war der zweite, der die direkte Frage nach Glenn Thorne, dem Besitzer der BBT-Ranch hoch im Norden, umging.

By Gosh, yeah, Dan Nelson hatte scheinbar ein so dickes Fell, dass er gegen Beleidigungen immun und gegen jeden Dreck gefeit war. Trotzdem unterschätzte Loke ihn keineswegs. Die Erfahrungen seines harten Lebens hatten ihm gezeigt, dass gerade diese Männer auf die Dauer einen größeren Erfolg besaßen als Burschen, die stets mit Dynamit geladen waren, die allzu schnell ihr Pulver verbrannten.

Männer von Nelsons Art beugten sich nur scheinbar, sie stellten selbst ihre Ehre hintenan, um zum Ziele zu kommen.

„Ein beachtlicher, gefährlicher Bursche“, würde Glenn sagen. Er dachte an den Bruder, und seltsam, jetzt, da ihn nur ein Tagesritt von ihm trennte, war es ihm, als ob Hunderte von Meilen dazwischen lägen. Das stimmte ihn nachdenklich. Er entsann sich deutlich, dass er, solange er auf dem Trail war, die lebendige Nähe des Bruders empfunden hatte, doch jetzt?

Ich bin in einen Hexenkessel hineingeraten und mache mir selbst etwas vor. Glenn ist stark genug, um sich allein gegen alles zu schützen.

Glenn war immer der große Bruder, der so wild war, dass …

Er flocht den Gedanken nicht zu Ende, trank in kurzen Schlucken seinen Genever aus, sah sich um.

Man unterhielt sich gedämpft, leise, yeah, man konnte beinahe sagen, rücksichtsvoll, als wolle man die Ruhe eines Schwerkranken nicht stören. Immer wieder prüften ihn Blicke. An den Tischen wurde getuschelt. Zwei Cowboys standen an der Schwingtür, als warteten sie. O yeah, Gene Natter machte eine große Sache aus seinem Auftritt. Und die Cowboys sorgten für den nötigen Rahmen, die Spannung, die unweigerlich ihrem Höhepunkt zukletterte. Yeah, man wartete, dass er die Nerven verlieren und sich in den Sattel werfen würde, hungerte nach einer Sensation, einem Kampf, der die müden Burschen aufmöbeln sollte.

Dies alles prallte an Loke ab. Er sah den rotgesichtigen Nelson unter den Pokerspielern. Er hatte sich so gesetzt, dass er alles übersehen konnte, und jetzt erst fiel es Loke auf, dass der Rancher unter seinen Achseln zwei Holster tragen musste.

Himmel und Hölle. Yeah, es war keine Täuschung. Dan Nelson trug zwei Colts unter der Weste.

Er trug sie so geschickt, dass nur ein geübtes Auge die Waffen ausmachen konnte.

By Jove, yeah. Dan Nelson war ein aalglatter Bursche. Gewiss, es war möglich, dass er Medizin studiert hatte, und dann durch irgendeine Dummheit sein Studium aufgeben musste. Aber war er nicht ein viel zu guter Rancher? Yeah, ein Mann, der zwei Eisen so geschickt unter den Achseln trug, musste eiskalt sein. Kalt wie ein Gletscher.

Wie lagen die Dinge noch?

Mit Nelson gingen Mylor und Leland, seine Ranchnachbarn im Westen.

So lange ich beide nicht kenne, weiß ich nicht, ob sie aus Überzeugung oder aus Gewinnsucht sich hinter Nelson stellen, dachte Loke und laut sagte er: „Keeper, eine Flasche Whisky und Soda. Stell mir alles dort hinten an den kleinen Wandtisch!“

Ohne die Antwort abzuwarten, schob er sich durch die Tischreihen, setzte sich, und wenige Minuten später stellte der Keeper ihm das Verlangte auf den Tisch. Er schlug das Geld aus, das Loke ihm zur Abrechnung geben wollte, murmelte: „Du hast ein volles Haus gebracht, Cowboy. Schon seit Wochen hatten wir nicht mehr solchen Betrieb. Außerdem will es Madam so. Sie stellt dir dreihundert Dollar in Chips zur Verfügung, denn es gibt Männer, die vor einem großen Kampf spielen, um sich abzulenken.“

„Meine Nerven sind in Ordnung, Buddy. Behalte die Chips.“

„All right“, verneigte sich der Keeper eilig, nahm dann wieder seinen Platz hinter der Theke ein.

Nein, niemand nahm an Lokes Tisch Platz. Er saß im überfüllten Raum isoliert, trank und rauchte, sann vor sich hin, beobachtete dabei die Cowboys an der Schwingtür, und nur einmal glitt seine Hand zu dem Kolben, strich sanft darüber hin.

Er lächelte hart. By Gosh, man konnte ihm die Nerven nicht nehmen. Alles in ihm war ruhig, ausgeglichen. Gewiss, es war früh genug, erst dann gestrafft und wie mit Dynamit geladen zu sein, wenn der Gegner erschien.

„Gene wird’s nicht dulden, dass seine Brüder eingreifen“, hörte Loke die gedämpfte Stimme eines graubärtigen Cowboys am Nebentisch. „Er wird die Sache alleine austragen. Nichts bereitet ihm mehr Freude, als einem Mann gegenüberzustehen, der zwei Eisen trägt. Ich sage euch, er hält sich für unbesiegbar. Im letzten Weidekrieg hat er tatsächlich wie ein alles zerstörender Dämon gewirkt. Ich verstehe Allen nicht, dass er sich das harte Rudel aus Arizona kommen ließ. Yeah,

sie haben zwar mit uns wenig zu tun und leben in der alten Schlafbaracke, aber sie sind so teuflisch, dass ich sie am liebsten dorthin wünschen würde, wo sie hergekommen sind.“

Für Loke waren diese Worte eine Beruhigung. Sie verrieten ihm mehr von Allens Crew, als er es jemals durch Gespräche herausbekommen hätte. Gegen wen aber mochte Allen seinen Weidekrieg vor drei Monaten geführt haben?

Nelson und auch der Mietstallbesitzer hatten darüber nichts verlauten lassen. Warum? Sie hatten doch allen Grund, es laut hinauszuposaunen.

Was zwang sie, ihm gegenüber zu schweigen?

Er zermarterte sein Hirn, doch da ließ sich eine Stimme am Nebentisch vernehmen: „Ring Allen musste die Männer kommen lassen. Es blieb ihm keine andere Wahl, oder er wäre jetzt einige Yards unter der Erde, denke ich, er wollte eben nicht, dass seine Tochter Gloria sich so früh bindet.“

Die Stimme wurde so leise, dass sie in dem Geraune und Getuschel ringsum erlosch. Yeah, was mochte sich darauf nur reimen?

Doch dann wurden seine Gedanken durch die klingende Altstimme Luises abgelenkt.

„Allmächtiger. Sie sind immer noch da?“ Sie stand vor ihm, nur durch den Tisch getrennt. Ihre Augen drückten höchste Besorgnis aus. Sie trug jetzt ein dunkelrotes Samtkleid, das jede Kurve ihres Körpers deutlich betonte. Die Flammenflut ihres Haares hatte sie mit einem Diadem gebändigt, das im verlöschenden Dämmerlicht der Sonne glitzerte und gleißte.

Man begann damit, an verschiedenen Stellen des Raumes die Lampen anzuzünden. Das Licht verzauberte den Raum, wischte alles Primitive fort.

Sie beugte sich über den Tisch zu ihm. Die Opalkette schwang vor. Man wusste nicht, ob ihre Augen oder die kirschgroßen Perlen stärker glänzten. Jedenfalls zogen sie seinen Blick magnetisch an. Yeah, es funkelte in ihren Augen. goldene Lichter schwammen in der Iris auf dunklem Grund. Der Duft ihres starken Parfüms, der den Geruch von Wildrosen verbreitete, verwirrte ihn fast.

„Wenn ich Gene den Rücken gezeigt hätte, würde mir jeder Cowboy vor die Füße spucken, Madam“, erklärte er leichthin. Unterbrach damit den Trommelwirbel ihrer Finger.

„Sie sind ein Narr, Cowboy“, flüsterte sie leise, so leise, dass nur er es verstand. „Oh, Sie wissen nicht, wer Gene ist.“

„Doch, Madam, als ich ihm auf meinem Herritt begegnete und seine Feuernarbe sah, wusste ich es nicht gleich, doch jetzt habe ich es herausgefunden. By Gosh, yeah, wir sind eigentlich alte Bekannte.“

„O Gott, ich weiß nicht, was ich von Ihnen halten soll. Haben Sie denn keine Nerven?“

Sie sagte es erregt, rückte dabei näher heran, nahm ihm gegenüber auf einem Hocker Platz.

Er spürte deutlich die Unruhe, die von ihr ausging. Ihre Lippen pressten sich fest aufeinander, und wieder war jene geheimnisvolle Düsternis in ihren Augen, die ihm schon einmal zu denken gab.

„Man hätte Sie mit Gewalt aus der Stadt bringen müssen“, sagte sie dann vorwurfsvoll. „O yeah, Sie haben keine Nerven. Sie sind bereit, Gene in die Augen zu schauen. Es ist nicht von ungefähr, dass Sie Mokassins tragen und Ihre Eisen bereithalten.“

„Well, Mokassins haben ihre Vorteile. Man ist darin beweglicher als in hochhackigen Schuhen“, fiel er ihr lässig ins Wort. „Unter den Stiefelsohlen knirscht der Sand der Fahrbahn. Ich mag das nicht. Mokassins aber lassen die Erde spüren, in deren Staub man vielleicht sinkt.“

Sie lehnte sich bei seinen Worten zurück, fuhr sich fahrig mit den Händen durchs Haar.

Weiches Licht fiel auf ihr gemmenhaft geschnittenes Gesicht, machte es noch zarter und liebenswerter.

Gelassen fuhr er fort: „Und yeah, Sie wollen es auch nicht, dass ich reite. Sie sehen viel lieber einen Mann, der den Mut hat, Gene Natter gegenüberzutreten. Oh, leugnen Sie es nicht. Wenn Sie sich auch mit ihm und seinen Brüdern gut gestellt haben, so ist das nur Berechnung. Sie wissen, dass er in Sie vernarrt ist, dass er Sie anbetet. Sie spielen mit dem Feuer, weil es Ihnen Freude bereitet, und Sie fühlen sich so stark, dass Sie es immer wieder aufs Neue versuchen. Sie wollen ihn treffen, demütigen, zerbrechen. Aber lassen Sie es sich von mir gesagt sein, einen Mann wie Gene Natter zerbricht keine Frau. Eines Tages wird er sich das nehmen, wonach seit Langem sein Sinnen und Trachten steht. Dann wird es für Sie zu spät sein. O yeah, Madam, zu spät dafür, Natter zur Verantwortung zu ziehen, ihn dafür zu strafen, was er Ihnen angetan hat. Noch kenne ich den Grund Ihrer Rache nicht, aber eines ist mir klar, Sie hassen ihn wie die Pest!“

Er schwieg betroffen, denn, yeah, sie kämpfte mit den Tränen, stand hastig auf, wollte sich entfernen.

„Madam. Ich bin noch nicht lange genug hier, um genau zu unterscheiden, aber, eine Frage.“

„Ich höre“, hauchte sie.

„Mit wem wollte Gloria Allen sich …“

Ein Ruck ging durch ihren Körper, ihre Hände wurden schlaff, sanken herab. Keuchend holte sie Luft, aus ihren Augen kam ein kaltes Licht.

Nein, sie beantwortete die Frage nicht, setzte mehrere Male zum Sprechen an, ehe es heiser herauskam: „Woher kennen Sie Gloria?“

„Ich kenne sie nicht!“

„Nicht?“ Sie warf den Kopf in den Nacken, streckte abwehrend die Hände aus. quälte hervor: „Reiten Sie doch zur Ring-Ranch und fragen Sie Gloria, wer ihr Verlobter sein sollte. Was geht das mich an? Yeah, ich kenne sie kaum. Wenn Sie Auskunft darüber haben wollen, dann reiten Sie nur zu. Vielleicht wird sie Ihnen ein Liedchen singen. Vielleicht aber auch wird sie die Cowboys ihres Vaters auf Sie ansetzen. Versuchen Sie es nur. Gehen Sie tiefer in die Falle hinein. Es soll Männer gegeben haben, die mit der Bullpeitsche von der Ring-Ranch gejagt wurden.“

Sie stockte plötzlich, und ihre Zähne knirschten leise aufeinander. Ihre Hand aber verdeckte den Mund, so, als ob sie bereits zu viel gesagt hätte.

Loke aber ließ nicht locker, jetzt nicht, eine schlimme Ahnung ließ ihn fragen: „Welcher Mann würde so etwas einfach hinnehmen?“

Er sah sie dabei an, doch ihr Blick vereiste, wurde abwehrend.

„Geben Sie sich keine Mühe. Ich werde nichts mehr darüber sagen“, murmelte sie. „Nur eines noch: Vielleicht war es ein noch härterer Mann als Sie, Cowboy. Er kannte keinen Bluff. Aber wozu erzähle ich Ihnen das alles. Sie hätten Nelsons Angebot annehmen sollen.“

„Nein“, unterbrach er hart. „Ich will keiner Partei angehören. Ich lasse mich in keine Form pressen, und noch weniger dürfen andere darüber bestimmen, was ich zu tun und zu lassen habe. Ich kam friedfertig in diese Stadt. Nun, Sie wissen, wie sich alles zugetragen hat. Tausend Dollar will sich ein schneller Revolvermann von der Ring-Ranch verdienen. Zum Teufel.“

Er sah an ihr vorbei. Die Cowboys an der Tür wichen zurück. Hufgetrappel wurde laut, verstummte draußen vor der Tür. Gleich darauf glitt der verwachsene Monnet herein, und seine helle, scharfe Stimme wurde hörbar.

„Gentlemen. Gene Natter wird jeden Augenblick aufkreuzen. Er kommt von Westen her. Eh, ist der Sheriff anwesend?“

„Was soll der Sheriff?“, meldete sich eine Stimme.

„Ich weise darauf hin, dass es Pflicht des Sheriffs ist, solche Begebenheiten im Keime zu ersticken.“

„Geh zum Teufel! Oder noch besser, reite unserem lieben Gnom Selter nach, Freund, wenn dir das nicht recht ist, halte den Mund, es wird rauchen.“

„Yeah, ich wollte verhindern, dass Revolvermündungen rauchen“, erklärte der Verwachsene böse in das grollende Gelächter hinein.

„Halte dich aus dem Spiel, sonst könnte sich eine Kugel verirren“, höhnte es Antwort.

„Mach, dass du aus dem Bau kommst, Kleiner, denn dein Mietstall hat keinen Erben, und es wäre zu schade, wenn er versteigert werden müsste.“

Der Protest des Mietstallbesitzers ging in tosendem Lärm unter. Langsam richtete sich Loke auf, trat neben Luise, die ihm leise zuraunte: „Sie hören es, Cowboy. In dieser Stadt kennt man keine Gnade. Man stellt sich auf die Seite der Herrscher und lässt den Tag abrollen. Man will eine Sensation, und …“

Sie schwieg, denn mit einem Schlag war Ruhe, stockte das Lachen, blickten die Männer auf Loke, der sich lässig den Gurt höher rückte, die Holster nach vorne schob.

„O Cowboy. bleiben Sie. Ich zeige Ihnen einen Weg“, flüsterte sie dicht an seinem Ohr. „Ich

hasse es, wenn Männer sich in tödlicher Feindschaft gegenüberstehen. Ich …“

„Zu spät, Madam.“

Sie rührte sich nicht, als er an ihr vorbei schritt, streckte nicht die Arme aus, um ihn zurückzuhalten. Nein, er war ja ein Fremder, ein Mann, den man aus der Stadt jagen wollte.

„Tausend Dollar“, hauchte sie vor sich hin. „Allmächtiger!“

Sie sah hinter ihm her, sah seinen breiten Rücken, der sich im Rhythmus des Schreitens bewegte, hinter der Schwingtür verschwand. Sie stand benommen da, als sie alle, alle hinter ihm her drängten. In wenigen Minuten war der Saloon geräumt. Nur der Keeper blieb.

„Willst du es dir nicht auch ansehen?“

„Ich verzichte, Madam“, klang es dumpf hinter dem Tresen her. „Ich war dreimal dabei, als der große Gene Natter einen Mann auf die Fahrbahn legte. Es wurde mir immer verteufelt übel dabei. Ich habe die Nase voll!“

 

 

3.

Fast gierig sog Loke die Mailuft ein. Yeah, sie koste und umschmeichelte ihn, trug den Duft von Sage und Wermut, von Wald und Wildnis heran.

Leichtfüßig sprang er über das Haltegeländer auf die Fahrbahn, reckte sich.

Männer drängten sich durch die Schwingtür, besetzten die Bohlensteige. Es sah nach einer großartigen Schaustellung aus. Einige Kerle erkletterten die niedrigen Dächer, um von dort aus einen besonders guten Überblick zu haben. Ein Mann brachte einen Einspänner in Bewegung, um die Fahrbahn frei zu machen. Aber all das schien Loke nicht zu interessieren.

Im Westen flutete der rote Feuerball der Sonne in bezaubernder Pracht, hauchte die Fensterscheiben der Häuser an, schuf dunkelviolette Schatten zwischen den Gassen.

Langsam bewegte er sich zur Straßenmitte. Kleine Staubwolken quollen unter seinen Mokassins auf. O yeah, er trug diese leichte Fußbekleidung sehr gerne, vor allem dann, wenn es rau wurde.

Als er die Fahrbahnmitte erreicht hatte, blieb er stehen, wandte sich nach Westen, denn von dort her musste der Gegner kommen. Und er nahte auch, schneller, als Loke es annahm, denn kaum wollte er sich in der Fahrbahnmitte weiter in Bewegung setzen, als ein Reiter hinter dem Straßenknick sichtbar wurde.

Schon an seiner Haltung im Sattel erkannte Loke Gene Natter. Gleich darauf sah er die Feuernarbe aufleuchten.

Im Schritt kam Gene Natter heran. Großspurig. Ein Mann, der, sich des Sieges bewusst, allen Leuten ein Schauspiel seiner Schnelligkeit geben wollte.

Bei Lokes Anblick stutzte er ein wenig, dann trieb er seinen Gaul rascher voran, hielt ihn fünfzehn Yards vor Loke an, beugte sich weit im Sattel vor, höhnte: „Du bist noch hier?“

„Yeah, aber nur, um dir die tausend Dollar abzunehmen. Ich hoffe, du hast sie mitgebracht.“

„Keine Sorge“, er brach ab, biss sich auf die Lippen, seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen, als er heiser sagte: „Wir kennen uns doch?“

„Yeah, so gut, dass es mir eine besondere Freude ist, dich vor meinen Eisen zu haben, Buddy. Vielleicht erinnerst du dich an die Fredric-Bar-X-Ranch in Montana?“, schleppte Lokes Stimme zu ihm hin. „Deine Feuernarbe redet eine deutliche Sprache.“

Natter unterdrückte einen Fluch. Sein verwittertes Gesicht verlor die frische Farbe.

„Ich erinnere mich“, sagte er dumpf. „Um so besser, dass wir es austragen, Sonny. Wie war doch dein Name?“

„Green, aber das hat für dich keine Bedeutung mehr, schätze ich.“

„Green? Ah, wenn dieser Name dir gehört, dann gebe ich noch tausend Dollar dazu. In Montana gab es keinen Green.“

„Du irrst“, höhnte Loke. „Aber das schließt nicht aus, dass ich sehr wohl davon weiß, dass du ziemlich rau eine Sache dort erledigt hast. Nun, Schwamm drüber. Du willst mich aus der Stadt haben.“

„Zum Teufel, wer sagt das?“, grinste Gene Natter. „No, Sonny, dafür ist es bereits zu spät. Du wirst nun für immer in der Stadt bleiben, das heißt, eine Meile von der Stadt entfernt, auf dem Kreuzhügel. Verstanden?“

Er hatte sich wieder gefunden, hatte die Überraschung, die ihm Loke servierte, verteufelt schnell hinuntergeschluckt. Yeah, genauso hatte Loke ihn eingeschätzt. Kalt, eisig, durch nichts zu brechen. Luise sollte sich vor ihm in Acht nehmen.

Langsam glitt er aus dem Sattel, trieb den Bronco mit einem leichten Schlag auf die Kuppe zur Seite, stand dann ungedeckt, verschränkte die Arme auf der Brust, und das böse Grinsen in seinem Gesicht verstärkte sich.

„So sieht es schon anders aus, Sonny“, meckerte er. „Hast du denn das Geld auch bei dir?“

„Wenn ich im Dreck liege, kannst du es dir holen!“

„Gut gedacht. Nun, ich habe nicht einen Cent bei mir. Wenn es mich trifft, wende dich an meine Brüder, oder noch besser, lasse dir von Ring Allen die tausend Dollar auszahlen, mein Junge!“

„Ah, du wirst selbst in der Hölle mein Schuldner bleiben, Natter“, erklärte Loke sanft.

„Oh, das macht mir nichts, aber zum Teufel, was treibt dich eigentlich hierher?“

„Vielleicht bin ich auf der Suche nach jenen Männern, die unter dem Deckmantel des Weidekrieges schon viel Unheil angerichtet haben.“

Details

Seiten
192
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934250
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v506781
Schlagworte
weite härte landes

Autor

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Titel: Die Weite und Härte des Landes