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Der Schwur der schönen Rächerin

2019 114 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Schwur der schönen Rächerin

Copyright

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Der Schwur der schönen Rächerin

Western von Luke Sinclair

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 114 Taschenbuchseiten.

 

Der Kampf tobte auf einem Platz zwischen den Hütten von Adobe Walls. Ross Salago gegen Patrick Caine, den hünenhaften Iren. Um sie herum drängte sich ein Wall aus Zuschauern. Nein, es ging hier nicht um Leben und Tod. Solch ein Kampf diente der Unterhaltung in dem wilden Büffeljägercamp. Es wurden hohe Wetten abgeschlossen, und als haushoher Favorit galt der bärenstarke Ire Patrick Caine. Eine einzige Frau befand sich im Hexenkessel der raubeinigen Zuschauer. Die Lady hatte rotes Haar und grüne Augen, und ihre Blicke klebten voller Hass an Ross Salago. Ihm hatte sie blutige Rache geschworen. Und hier in Adobe Walls wollte sie ihn in die Todesfalle locken ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Ross Salago knallte seine Faust dem riesenhaften Iren genau auf die Nase, aber der Kerl ließ sich davon nicht sehr beeindrucken. Er wich lediglich einen halben Schritt zurück und zog schniefend das herauslaufende Blut hoch. Seine Augen stierten Ross Salago böse an, und seine gewaltigen Fäuste begannen sich rhythmisch wie die Kolben von Dampfmaschinen hin und her zu bewegen.

Salago war auf der Hut. Gleich würde eine dieser Fäuste wie eine Ramme auf ihn zuschießen, und wenn er sich davon erwischen ließ, müsste er zweifellos mit dem staubigen Boden zwischen diesen elenden Grassodenhütten Bekanntschaft machen. Er tänzelte voll konzentriert vor dem bulligen Iren hin und her.

Der Schlag kam plötzlich und schnell, und obgleich er damit gerechnet hatte, gelang es Salago kaum, ihm zu entrinnen. Er fegte an seinem Jochbein entlang, hart und wuchtig wie der Huf eines Pferdes, und riss ihm fast das Ohr vom Schädel. Er duckte sich schräg nach vorn, aber die andere Faust des Iren setzte sofort nach, traf mit der Wucht einer Wagendeichsel seinen Leib und riss für einen winzigen Augenblick Salagos Füße vom Boden hoch. Er hörte das Gebrüll und aufgeregte Schreien der Umstehenden und flog in den Dreck, ohne recht zu wissen, wie ihm geschah.

»Langsam, Patty«, kreischte eine begeisterte Stimme, »wir wollen noch mehr von dem Kampf sehen!«

Salago schüttelte benommen den Kopf. Wenn er noch mehrere solcher Dinger einfing, dann würden alle diese dummen Kerle ihre Wetten gewinnen, die auf den verdammten Iren gesetzt hatten.

In der zweiten Reihe der umstehen den Zuschauer sagte ein Mann ironisch zu der einzigen Frau, die diesem Spektakel beiwohnte: »Nun, Ma'am, Sie sind wohl dabei, sämtliche Rekorde zu brechen. Nicht nur, dass Sie die einzige Frau hier in Adobe Walls sind Sie sind auch die Einzige, die auf den Verlierer gesetzt hat.«

Die Frau wandte dem Sprecher kurz ihr schmales, fein geschnittenes Gesicht zu, das man durchaus als schön bezeichnen könnte, hätten ihm nicht die Strapazen eines langen, entbehrungsreichen Weges und die gnadenlose Sonne ein wenig zu arg zugesetzt.

»Deshalb werde ich auch im Falle seines Sieges eine Menge Geld verdienen.«

Diese Äußerung klang in Anbetracht der Fakten naiv, wäre da nicht jener verschmitzte Ausdruck in den graugrünen Augen dieser Frau gewesen. Aber der Mann neben ihr bemerkte ihn nicht, da sich seine Aufmerksamkeit bereits wieder auf die Kontrahenten innerhalb des Kreises richtete.

»So wie es aussieht, werden Sie Ihr Geld verlieren, Ma'am«, sagte er belustigt.

»Geschieht ihr recht«, meinte ein anderer. »Eine Frau sollte sich nicht an so etwas beteiligen. Schließlich ist Wetten Männersache.«

»Da ich die einzige Frau hier bin«, konterte sie ironisch, »und mir die Verschwiegenheit der Männer bekannt ist, brauche ich ja um meinen Ruf nicht zu fürchten.«

Der hünenhafte Ire winkte mit seiner rechten Pranke.

»Nun komm schon!«, forderte er seinen Gegner mit rauer, siegessicherer Stimme auf. »Wir sind unserem Publikum noch was schuldig.«

Salago hatte seine Übersicht zurückgewonnen und kam wieder auf die Beine. Aber er tat es langsam und auf etwas unsicher wirkenden Beinen. Ihm war klar, dass seine bloße Körperkraft nicht ausreichen würde, um diesen Berg aus Muskeln und Knochen zu bezwingen. Doch ein Mann hat ja schließlich nicht nur seine Fäuste zum Kämpfen, sondern auch einen Kopf. Aber den konnte er nur einsetzen, solange er ihn vor den mörderischen Fäusten seines Gegners bewahrte. Deshalb belauerte er diesen mit wachsam sicheren Augen. Jeder Mensch hat seine eigene, ihm typische Körpersprache, aus der man bestimmte Aktionen voraussehen kann. Bei seinem Gegner allerdings kannte er diese noch nicht. Und das war die Gefahr, der er sich aussetzen musste.

Patrick Caine offenbarte bis jetzt jedenfalls keine Schwachstelle. Ohne leichtsinnig zu werden, aber im Bewusstsein seiner Stärke drang er erneut auf seinen Gegner ein.

Salago konnte einem wuchtigen Schwinger des Iren ausweichen und traf seinerseits dessen Brustbein, was jedoch nur geringen Erfolg aufwies. Aber dann konnte er mit einem trockenen Aufwärtshaken an dessen Kinn durchkommen. Der Kopf des Iren wurde davon in die Höhe gerissen, doch er kam nur sehr kurz in Bedrängnis, und Salago musste erneut die Erfahrung machen, dass er ihm so schwerlich beikommen konnte.

Die Faust des Iren schien plötzlich aus dem Nichts zu kommen und traf Salago seitlich am Ohr wie ein Paukenschlag, riss ihn wie einen Kreisel herum und warf ihn in den Staub.

Salago hörte durch das dumpfe Dröhnen in seinem Schädel das Johlen der Menge ringsum. Doch so spektakulär dieser Niederschlag auch ausgesehen haben mochte, hinter diesem Treffer hatte nicht mehr die Wucht der anderen Schläge gesteckt. Dennoch hatte Ross Salago das Gefühl, als wöge sein Kopf beinahe so viel wie ein Sack Hafer. Er schob sein Gesicht durch den Dreck am Boden und versuchte, den Sand auszuspucken, der zwischen seinen Zähnen knirschte.

»He, Salago!«, kreischte jemand unweit von ihm. »Du wirst dich doch nicht jetzt schon schlafen legen. Die Lady hier hat 'ne Menge Geld auf dich gesetzt.«

Brüllendes Gelächter quittierte diese Worte, und Salago riss den Kopf vom Boden weg.

Was diese Lady für Geld auf ihn gesetzt hatte, interessierte ihn einen Dreck. Aber dieses Lachen trieb seinen Zorn hoch, und es gelang ihm augenblicklich, auf die Füße zu kommen. Er hatte noch immer etwas Schlagseite und kam sich vor wie ein Seemann auf einem schwankenden Schiff. Und da stand schon wieder dieser verdammte Ire wie ein Fels in der Brandung und wartete mit einem hämischen Grinsen in seinem Bulldoggengesicht.

Das Lachen der Umstehenden schien aus diesem Gesicht zu kommen und ihn zu verhöhnen. Hölle und Fegefeuer, das konnten sie mit ihm nicht machen nicht mit Ross Salago.

Er wich vor den Fäusten des Iren zurück, bewegte seinen Oberkörper hin und her, um den mörderischen Schlägen zu entgehen. Noch hatte er die Wirkung des letzten Schlages gegen sein Ohr nicht überwunden. Pat Caine setzte jedoch gnadenlos nach. Er war seines Sieges sicher und wollte ihn haben jetzt und gleich. Von den Finessen eines guten Kampfes hielt er nicht viel. Er war es gewohnt, seine Gegner einfach niederzuwalzen.

Der Kreis der Zuschauer öffnete sich hinter Salago widerwillig, und einige unmutige Stimmen wurden laut. Salago spürte einige Holzbalken in seinem Rücken, die vor einer Adobewand aufgestapelt waren. Hier ging es nicht mehr weiter, und er sah, wie die plötzliche Freude des Sieges das Gesicht seines Gegners aufhellte. Ohne weitere Vorsicht walten zu lassen, warf er sich Salago entgegen. Doch dieser wich dem ungestümen Angriff nach der Seite aus und landete einen Schlag gegen Caines Kinnwinkel.

Knurrend wie ein Bär warf der Ire sich herum. Salago strauchelte und ließ sich einfach nach hinten fallen, bis seine Schulterblätter auf den Boden schlugen. Gleichzeitig schnellte er seinen Unterkörper aufwärts, nahm den Hals seines Gegners in eine Beinschere und riss den hünenhaften Kerl mit einem gewaltigen Ruck von den Füßen.

Der Kopf des Iren knallte gegen die braunen Holzbalken, und der Anprall entriss seiner Kehle ein fast tierisches, heiseres Gebrüll. Salago ließ los und rollte sich geschickt auf die Füße. Der Ire kam taumelnd hoch, aus einer Stirnwunde blutend, und stolperte direkt in Salagos knallharte Faust hinein.

Der Schlag riss ihm den Kopf hoch und gab sein Kinn für einen Moment schutzlos preis.

Salago nahm dieses Geschenk an. Er schlug mit einer Wucht zu, dass er glaubte, sich die Hand verstaucht zu haben. Es war ein Gefühl, als hätte er seine Faust gegen die Adobewand geschmettert. Der Kopf des Iren wurde noch weiter nach hinten gerissen, und blutiger Speichel flog dabei aus seinem Mund. Er krachte gegen den Holzstapel und stierte Salago mit glasigen Augen an. Für einen Moment war er unfähig, sich zu wehren, aber er war noch keinesfalls am Ende. Salago konnte jedoch nicht weiter auf einen Wehrlosen einschlagen, um ihm den Rest zu geben. So glitt er rasch zu ihm hin, riss dem Iren die Hosenträger über die Schultern und zog sie weit herunter. Dann trat er wieder zurück und wartete einige keuchende Atemzüge lang.

Pat Caine schüttelte den mächtigen Kopf, schnaufte wie ein verwundeter Bisonbulle und wischte sich mit der Hand über den blutigen Mund. Dann kam er wieder hoch, bemerkte aber nicht, wie seine Hose dabei abwärts rutschte. Mit einem langen Atemzug pumpte er genügend Luft in seine Lunge, um für die nächste Attacke gerüstet zu sein. Jetzt warf er sich Salago erneut entgegen, wobei seine Hose vollends nach unten glitt. Seine Beine verfingen sich darin, und er stolperte vorwärts, geriet dabei abermals in zwei trockene Haken einen rechten und einen linken hinein, wurde kurz gestoppt und schlug dann mit dem Gesicht nach unten in den Staub, wo er liegen blieb und mit heruntergelassener Hose und halb entblößtem Hinterteil ein recht klägliches und lächerliches Bild abgab.

Das zögernd aufkommende Lachen setzte sich rasch fort und wurde zum brausenden Sturm einer Heiterkeit, die so stark war, dass sie sich befreiend über den finanziellen Verlust der meisten Wettbegeisterten hinwegsetzte.

Es befanden sich an diesem Tage fünfundzwanzig Männer in Adobe Walls, meist Bisonjäger und Händler, und alle umringten jetzt den unerwarteten Sieger. Keiner hatte sich diesen Kampf entgehen lassen. Vor ein paar Tagen waren es noch achtundzwanzig Männer gewesen, aber das war vor dem Indianerüberfall auf diesen einsamen Handelsposten. Jetzt ging das Leben hier bereits wieder seinen gewohnten Gang, und Kämpfe wie dieser vertrieben die Eintönigkeit zwischen den sonnengebrannten Adobemauern und Grassodenhütten.

Ross Salago wurde förmlich vor den wackligen Holztisch der Kampfjury geschoben, hinter dem zwei Männer saßen. Der eine war James Hanrahan, dem der Saloon gehörte, und den anderen kannte Salago nicht. Er wusste von ihm nur, dass alle ihn Pit nannten.

»Hier ist der Sieger, Jim!«, rief jemand hinter Salago pathetisch und schlug ihm auf die Schulter. »Und die Einzige, die davon profitiert, ist die Lady da irgendwo hinter mir.«

Hanrahan hob den Kopf und blinzelte über die kleinen runden Gläser seiner Brille hinweg, die tief auf seiner Nase hing.

»Wo ist sie denn? Macht Platz, damit sie durchkann.«

Eine Gasse tat sich zwischen den Umstehenden auf, und Hanrahan sagte: »Kommen Sie her, Mrs. Doyle.« Und seine Brillengläser reflektierten das Sonnenlicht, als er erwartungsvoll in den schmalen Durchlass schaute, durch den niemand kam. »Wo ist sie denn nun?« Seine Stimme wurde leicht ungeduldig. Aber statt der Lady kam ein kleiner, vertrocknet aussehender Bursche heran.

»Sie ist schon gegangen«, sagte dieser zögernd.

»Ja, will sie denn ihren Gewinn nicht?«

»Verteil ihn doch einfach unter uns, Jim!«, rief jemand hoffnungsvoll. Aber Hanrahan gebot mit einer unwirschen Handbewegung Ruhe und sah dabei gespannt zu dem kleinen Mann hin. Dieser zuckte etwas hilflos mit den mageren Schultern und schielte mit einem neugierigen, fast neidischen Blick zu Salago hin.

»Nun ... sie sagte, der Sieger solle es zu ihr in ihr Quartier bringen.« Er machte eine Pause, leckte sich mit der Zunge über die trockenen Lippen und grinste. »Etwas später, hat sie gesagt, wenn er sich gewaschen habe ... Naja, unsereins muss sich mit Whisky begnügen.«

Aufgeregtes Stimmengewirr umbrandete Ross Salago. Insgeheim ärgerte es ihn, dass die Lady ihn zur Zielscheibe von vielen schmutzigen Fantasien in diesem Drecknest gemacht hatte. Nicht, dass er um seinen Ruf fürchtete, aber die Neugier aller an einem Ort, an dem es nur eine Frau gab, würde ihm gewiss jeden Spaß verderben.

Er nahm das Geld von Hanrahan entgegen, der ihm augenzwinkernd riet: »Seien Sie auf der Hut, Salago. Eine Frau, die so ganz allein unterwegs ist, ist gefährlich für einen Mann.«

 

 

2

Das Quartier, in dem Lorain Doyle wohnte, war genauso armselig und bar jeden Komforts wie alles in diesem Handelsposten, den man hier in den traditionellen Jagdgebieten der Comanchen, Kiowas und Südcheyennes errichtet hatte, um die Büffeljäger zu versorgen, die immer mehr nach Süden in die angestammten Gebiete der Indianer drängten, nachdem der Bison auf den Prärien nördlich des Arkansas so stark dezimiert war, dass die Jagdtrupps dort nur noch Skelette und vor sich hin faulende Kadaver vorfanden. Die Einrichtung bestand aus einem Lager aus Büffelhäuten und einer Kiste, die als Tisch oder Kommode diente oder was man sonst auch immer mit ihr vorhaben mochte. Jetzt stand ein Kerzenleuchter auf ihr, dessen unruhige Flamme die aufkommende Dunkelheit in die Ecken des Raumes zurückdrängte.

Ross Salago musterte die Frau abschätzend. Der gelbliche Schein der Kerze fiel in ihr Gesicht. Man konnte Lorain Doyle durchaus als schön bezeichnen, aber ihr Mund drückte eine unweibliche Härte aus, die vielleicht erklärte, warum sie allein und ohne Begleitung in diesem rauen Land unterwegs war.

Sie erklärt ihm jedoch nicht, weshalb sie ihn hierherbestellt hatte, und das machte ihn misstrauisch. Diese Frau hatte ihn nicht kommen lassen, weil sie scharf auf einen Kerl wie ihn war, auch wenn das jeder andere hier glauben mochte. Er, Ross Salago, war zu schlau, um sich auf so simple Weise ködern zu lassen. Aber vielleicht konnte er den Speck aus der Falle holen, ohne sie zuschnappen zu lassen.

Lorain lächelte ihn an. »Sie sind fast ohne Blessuren aus diesem Kampf hervorgegangen.«

Salago beschloss, erst einmal auf dieses Spiel einzugehen und lächelte ebenso nichtssagend zurück.

»Wenn er mich richtig getroffen hätte, wäre ich jetzt nicht hier, und Sie hätten ihren Einsatz verloren. Was hat Sie eigentlich bewogen, ausgerechnet auf mich zu setzen?«

Lorain zuckte mit den Schultern.

»Vielleicht kenne ich mich mit Männern besser aus als alle die anderen. Vielleicht wollte ich mich auch nur der allgemeinen Ansicht widersetzen.« Sie blieb dicht vor ihm stehen und sah zu seinem Gesicht hoch. »Vielleicht war es auch keins von beiden. Vielleicht wollte ich, dass Sie gewinnen, und habe einfach Glück gehabt.«

Trotz des einladenden Blickes spürte Salago eine gewisse Distanz zwischen sich und der Frau. Sie spielte ihm etwas vor, was sie nicht meinte, und er fühlte das.

»Ein bisschen viele Vielleichts«, stellte er fest und legte das Geld, das er ihr bringen sollte, auf diese Kiste. »Aber möglicherweise kommen wir der Sache näher, wenn Sie mir sagen, weshalb Sie eigentlich hier sind. Das ist kein Ort für eine Frau.«

Das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht. Sie setzte sich auf ihr Schlaflager und deutete mit einer einladenden Geste neben sich.

»Nun, Sie haben mich in die Enge getrieben«, stellte sie anerkennend fest. »Ihre Qualitäten als Kämpfer kenne ich bereits. Doch offensichtlich steckt noch mehr in Ihnen. Man sagt Ihnen übrigens nach, dass Sie ein Mann sind, der gegen Bezahlung gewisse Dinge erledigt.«

Salagos Misstrauen war also berechtigt. Sie wollte etwas von ihm, und die ganze Wetterei hatte nur der Kontaktaufnahme dienen sollen.

»So, sagt man das?«

Lorain Doyle deutete mit der Hand auf das Geld neben dem Kerzenleuchter.

»Das ist so ziemlich alles, was ich besitze. Würde es ausreichen, um Sie zu bezahlen?«

»Kommt drauf an, was ich dafür tun soll.«

»Ich bin auf der Reise zu meinem Mann«, erklärte Lorain Doyle langsam und bedächtig. »Das Land ist in letzter Zeit zunehmend unsicher geworden. Ich brauche jemanden, der mich begleitet und mir Schutz gewährt. Würden Sie das tun, Mr. Salago?«

Das hörte sich nach einer harmlosen Sache an, aber er roch den Braten bereits, als er fragte: »Und wo befindet sich Ihr Mann?«

»Er wartet in Port Cobb auf mich«, war die Antwort, und Salago nickte vor sich hin.

»So was dachte ich mir schon. Die Antwort kann nur nein lauten, wenn Sie mich nicht für einen Idioten halten.« Salago erhob sich. »Und Ihnen würde ich dringend raten, diesen aberwitzigen Plan aufzugeben.«

»Mr. Salago«, versuchte Lorain ihn zurückzuhalten, »falls es Ihnen nicht genug Geld ist ... Mein Mann ...«

»Hören Sie auf, Lady«, schnitt er ihr das Wort ab. »Nicht für alles Geld der Welt würde ich mit Ihnen zusammen barfuß in eine Grube voller Klapperschlangen springen. Und was Sie von mir verlangen, ist genau dasselbe.« Er schüttelte verständnislos den Kopf. »Was sich vor zwei Tagen hier abgespielt hat, hätte Sie eigentlich zur Vernunft bringen müssen.«

Salago erinnerte sich noch mit einem unguten Gefühl daran, wie der Büffeljäger Billy Dixon die heranstürmenden Rothäute in der Morgendämmerung entdeckte, als er selbst mit einigen anderen gerade dabei war, einen nachts zuvor angebrochenen Dachbalken in Jim Hanrahans Saloon abzustützen. Für zwei Männer aus Dodge City, die in ihren Frachtwagen außerhalb des Postens geschlafen hatten, kam Dixons Warnruf allerdings zu spät. Sie fielen dem ersten Ansturm von etwa dreihundert wilden Kriegern zum Opfer, die nur durch gezieltes Feuer aus den weit reichenden Sharps-Gewehren zurückgeschlagen werden konnten.

Die einzelnen Gruppen von Quahadis, Yamparikas, Kotsotekas, Cheyenne und Kiowas griffen immer wieder an und umrundeten den einsamen Handelsposten, aus dem ihnen ein verzweifeltes aber gezieltes Feuer entgegenschlug.

Der einzige Erfolg, den sie noch erzielen konnten, war der Tod eines Bisonjägers namens Tylor, und so hatten sie sich am Nachmittag entmutigt zurückgezogen.

»Sie haben sich blutige Köpfe geholt.« Mit diesen Worten holte ihn Lorain Doyle in die Gegenwart zurück. »Mr. Hanrahan sagte, diese Rothäute seien ein unstetes Volk, und nach dem Misslingen ihres Beutezuges hätten sie sich bestimmt wieder in alle Winde zerstreut, weil sie Strafaktionen fürchteten.«

»Damit mag er recht haben«, gab Salago zu. »Aber es war kein Beutezug. Sie sind aufgebracht, weil diese verdammten Büffeljäger ihre Lebensgrundlage gefährden. Und sie streifen jetzt wahrscheinlich in kleineren Trupps wie wütende Hornissen durch's Land, und wehe dem weißen Mann, der ihnen in die Hände fällt. Somit ist die Chance, von hier nach Fort Cobb zu kommen, gleich null.«

»Für einen Feigling hatte ich Sie nicht gehalten«, sagte Lorain trotzig. »Aber wenn Sie mir Ihre Hilfe verweigern, werde ich eben allein fahren. Die Rothäute sind bestimmt längst in ihre Reservatsgebiete zurückgekehrt.«

Salago sagte reserviert, aber bestimmt: »Lady, wir werden Sie notfalls mit Gewalt an dieser Dummheit hindern.« Dann ging er nach draußen, wo er beinahe mit Jay Cutter zusammenstieß, der vermutlich an der Tür gelauscht hatte.

Cutter grinste verlegen. Er war ein mittelmäßiger Spieler, den die Jagd nach dem Glück in die entlegensten Winkel des Landes trieb.

»Ich wäre so schnell nicht wieder gegangen.«

»Dich würde sie gar nicht erst hereinlassen«, knurrte Salago missmutig und ging weiter.

Jay Cutter schürzte die Lippen. »Wer weiß«, murmelte er und klopfte an Lorain Doyles Tür.

 

 

3

Jay Cutter ließ eine Karte nach der anderen spielerisch auf den wackligen Tisch segeln.

»Sie ist ein bisschen verrückt, aber sie hat Mut, sage ich dir. Und wir sollten ihr nachreiten und sie nicht da draußen allein lassen.«

Patrick Caine drückte ein Stück rohes Fleisch auf sein angeschwollenes Auge. Mit dem anderen schielte er zu Jay Cutter hin.

»Du hast doch selbst gesagt, dass sie dein Angebot abgelehnt hat. Also was willst du noch von ihr?«

Cutter warf dem großen Iren einen missbilligenden Blick zu.

»Mit solcher Einstellung wundert es mich nicht, dass du den Kampf gegen Salago verloren hast.«

»Erinnere mich nicht daran, hörst du!«, fauchte der Ire böse. »Irgendwann bekomme ich meine Revanche, und dann mache ich den Kerl platt wie 'ne Wanze.«

Cutter ließ wieder eine seiner Spielkarten fliegen.

»Das läuft dir nicht davon«, sagte er beiläufig. »Aber die Lady läuft uns davon. Und sie ist viel zu schön, um sie den Rothäuten zu überlassen.«

Pat Caine nahm den rohen Fleischbatzen herunter und nickte nachdenklich vor sich hin. »Ja, schön ist sie, da hast du recht. Aber sie will, zum Teufel noch mal, unsere Hilfe nicht.« Er drückte das Fleisch wieder auf sein Auge zurück.

Cutter schickte abermals eine Karte auf die Reise.

»Wenn sie unsere Hilfe braucht, wird sie sie schon nehmen. Wenn sie erst in der Klemme steckt, und da wird sie stecken, das schwöre ich dir.«

Patrick Caine stierte ihn mit einem Auge an.

»Du bist doch nicht umsonst so sicher, he?«

Cutter grinste. »Sie wird irgendwo da draußen warten und sehnsüchtig hoffen, dass es Morgen wird und froh sein, wenn wir vorbeikommen, sage ich dir.« Er holte etwas aus seiner Rocktasche und hielt es triumphierend in die Höhe. »Weißt du, was das hier ist?«

»Sieht aus wie 'n Splint.«

»Richtig«, nickte Cutter, »und zwar von ihrem Wagen. Sie wird irgendwo da draußen ein Rad verlieren. Hier hätten wir zwei ohnehin keine Chance bei ihr. Sie ist nur scharf auf diesen verdammten Salago. Aber da draußen, da gibt es nur uns. Und um Salago kannst du dich noch kümmern, wenn wir zurückkommen.«

Pat Caine verzog sein zerschlagenes Gesicht zu einem Grinsen.

»Du bist 'n ziemlich durchtriebener Hund, scheint mir.«

»Nur ’n Spieler. Und ich rieche, wenn's was zu gewinnen gibt.«

 

 

4

Salago erfuhr erst am frühen Morgen von Lorains heimlicher Abreise. Er fluchte und gab sich die Schuld daran. Er selbst hatte sie zu dieser überstürzten Tat getrieben, als er ihr andeutete, sie mit Gewalt daran zu hindern. Hölle und Schwefelrauch, wie konnte eine Frau dermaßen unvernünftig sein und sich in solche Gefahr begeben. Oder steckte mehr dahinter, als sie ihm gesagt hatte?

Salago zündete sich eine Zigarette an, blies einen Rauchring in die Luft und sah zu, wie er sich langsam auflöste.

Nun ja, sie war schließlich erwachsen und musste wissen, was sie tat. Aber, verdammt noch mal, kein Mann würde wollen, dass seine Frau durch die Hölle ging, um ihn zu treffen. Wenn er sich vorstellte, solch eine Frau zu haben und sie ...

Salago erhob sich und warf ärgerlich die angerauchte Zigarette weg. Zum Teufel mit allen Ausflüchten! Er wusste, was dieser Frau blühte, und er konnte nicht einfach hier herumsitzen und sie ins Verderben ziehen lassen.

Wenn er sich beeilte, würde er sie noch einholen können, ehe es zu spät war. Sein Entschluss war gefasst, und er ließ sich von James Hanrahan einige Vorräte einpacken, während er sein Pferd sattelte. Danach kehrte er wieder in den Saloon zurück.

»Bevor ich aufbreche«, sagte er zu Hanrahan, »brauche ich noch ’nen ...« Er stockte und sah Hanrahans starren Blick auf sich gerichtet, der ihn über ein vollgefülltes Whiskyglas hinweg ansah.

»Ich kenne mittlerweile deine Gewohnheiten«, sagte der Saloonbesitzer ohne die Spur eines Lächelns.

»Gut«, nickte Salago und schnappte sich das Glas. Er musste zweimal schlucken, um dessen Inhalt zu bewältigen, und rang einen Moment nach Atem.

»Hast du auch 'ne Flasche davon in dem Beutel da?« Er zeigte mit dem Finger der Hand, die noch das leere Glas hielt, auf einen Leinenbeutel am Ende der primitiven Theke.

»Selbstverständlich«, bestätigte Hanrahan mit einem Kopfnicken, »und wenn du fünf Dollar hier auf dieses Brett legst, dann kannst du alles mitnehmen.«

»Was soll das?«, entrüstete sich Salago. »Spätestens übermorgen bin ich wieder hier, und dann ...«

»Dann kann es sein«, unterbrach Hanrahan ihn trocken, »dass du dein Geld für 'ne Perücke brauchst.«

»Die Rothäute da draußen können auch nicht schlimmer sein als du«, brummte Salago und wühlte in seinen Taschen herum. Verdammt, er hätte doch lieber diesen Job bei der Lady annehmen sollen. Ganz gleich, was dabei auch passierte, es konnte nicht schlimmer sein, als hier ohne Geld hängen zu bleiben.

Er fand schließlich die fünf Dollar und knallte sie auf die Theke.

»Hier. Aber dafür gibst du mir noch eine von deinen Zigarren mit auf den Weg. Nicht diesen getrockneten Büffelmist, den du sonst anzubieten hast, sondern was Anständiges. Die, die du selber qualmst.«

»Steck sie lieber gleich an«, rief Hanrahan ihm noch nach, als Salago ging. »Ich will nicht, dass der gute Tabak in die Hände dieser roten Bastarde fällt.«

 

 

5

Lorain Doyle hielt den Wagen an und blinzelte zum gleißenden Himmel hinauf. Sie war gut vorangekommen, aber jetzt begann es gnadenlos heiß zu werden. Es war Ende Juni, und um diese Jahreszeit war es ratsamer, die Mittagshitze irgendwo im Schatten zu verbringen. Aber es gab hier weit und breit keinen Schatten, der groß genug gewesen wäre, das Pferd darin unterzubringen. Das spärliche Buschwerk, das den White Deer Creek markierte, an dessen Ufer sie entlanggefahren war, siebte lediglich das Sonnenlicht, ohne jedoch ausreichenden Schatten zu spenden.

Lorain schaute sich um und erblickte hinter sich eine Staubwolke, deren Ursache sie nicht ausmachen konnte. Immerhin war sie weit genug von Adobe Walls entfernt, um sich deshalb Sorgen machen zu müssen. Insgeheim erwartete sie, dass Salago ihr folgte, aber für einen einzelnen Reiter erschien ihr die Staubwolke etwas zu groß.

Falls Salago nicht käme, bliebe ihr nichts weiter übrig, als am nächsten Morgen wieder umzukehren. Aber noch hoffte sie, dass die Saat, die sie ausgestreut hatte, auch aufging.

Doch jetzt war sie erst einmal von Unruhe erfüllt. Es konnte sein, dass Salago noch jemanden mitbrachte, aber es konnten ebenso gut auch umherstreifende Indianer sein.

Der Fluss war nicht mehr weit, und sie würde sich sicherer fühlen, ihn zwischen sich und der unbekannten Gefahr hinter sich zu haben.

Kurz entschlossen trieb sie den Fuchswallach an und lenkte ihn auf den Fluss zu, der sich in das hügelige Land gegraben hatte. Das Gefährt unter ihr schlingerte, als sie es ohne abzubremsen die Uferböschung hinabrollen ließ. Es wich etwas zur Seite aus und bekam eine Schieflage. Lorain erschrak. Irgendetwas schien nicht in Ordnung zu sein.

Das Wasser spritzte hoch, als der Fuchswallach mit vollem Lauf in den Fluss rannte. Zum Glück war es nicht tief. Aber der Wagen kippte noch mehr nach der Seite und stieß irgendwo gegen. Erschrocken schaute sie über die Schulter und sah eines der Räder neben dem Wagen im Wasser verschwinden. Das Fahrzeug schlug beinahe um, und Lorain zog mit aller Kraft die Zügel zurück und brachte dadurch das wiehernde Tier zum Stehen.

Der erste Schreck ließ nach, und sie blickte ratlos um sich. Sie befand sich mitten in dem schmalen Wasserlauf. Eine ungeschicktere Stelle hätte sich dieses verdammte Rad nicht aussuchen können, um eigene Wege zu gehen.

Lorain versuchte, über das Ufer hinwegzuschauen, aber die Böschung war dafür zu hoch. Doch sie hörte jetzt den Hufschlag, der sich ihr näherte. Rasch griff sie nach dem Gewehr, das hinter dem Sitz lag, und zog es zwischen ihren Sachen hervor.

Als die beiden Reiter den Fluss erreichten, sahen sie die Frau auf dem Wagen mit ihrem Gewehr auf sich zielen und parierten die Pferde.

Lorain erkannte die beiden sofort. Es waren Pat Caine, dieser grobschlächtige Ire, und dieser windige Kartenspieler, der ihr bereits in Adobe Walls seine Hilfe angeboten hatte. Obwohl sie sich in einer Lage befand, wo sie jede Hilfe gebrauchen konnte, hatte sie dennoch ein ungutes Gefühl, diese Burschen hier wiederzusehen, denn offensichtlich waren sie ihr gefolgt.

»Einen wunderschönen Tag, Ma'am«, sagte Jay Cutter und tippte mit zwei Fingern an seinen Hut.

»Bleiben Sie, wo Sie sind!«, befahl Lorain scharf, als die beiden Miene machten, zu ihr herunterzukommen. »Falls Sie meinetwegen unterwegs sind, dann kehren Sie besser wieder um. Sie werden Ihr Ziel nicht erreichen.«

Es schwang auch ein wenig Angst in Lorains Stimme mit, was Cutter zu einem Grinsen verleitete.

»Im Augenblick sieht es so aus, als könnten Sie sich diesen Hochmut nicht leisten, Ma'am.«

Lorain warf einen knappen Blick auf die Stelle im Wasser, wo das Rad verschwunden war. Aber sie blieb fest.

»Ich komme schon zurecht.«

»Na schön«, grinste Cutter, »dann bleiben wir eben hier und sehen zu, wie Sie das machen.«

Er holte sein Rauchzeug hervor, rollte sich in aller Ruhe eine Zigarette und zündete sie an. Als er den Rauch vor sich hin blies, fragte er: »Wollen Sie vielleicht bis zum Abend da stehen bleiben und mit dieser albernen Flinte auf uns zielen?«

»Ich warte darauf, dass Sie verschwinden!«, rief Lorain ärgerlich.

»Sie verlangen von uns, dass wir Sie hier draußen im Stich lassen, Ma'am«, antwortete Cutter voll Vorwurf.

Pat Caine rutschte unruhig in seinem Sattel herum.

»Wir fühlen uns für Sie verantwortlich, Lady«, meinte er etwas unbeholfen. »Wir glauben nicht, dass Sie es schaffen, den Wagen wieder flott zu kriegen. Für uns hingegen wäre es 'ne Kleinigkeit.«

Die beiden trafen keine Anstalten, zu verschwinden, und schließlich konnte sie nicht ewig hier stehen und warten.

»Na, schön«, sagte sie und legte das Schrotgewehr neben sich auf den Sitz. »Aber wenn Sie herunterkommen, schieße ich.«

Sie sprang vom Wagen herunter in den Fluss. Das Wasser reichte bis über den Saum ihres Kleides und machte ihn nass und schwer. Sie watete dorthin, wo sie das Rad vermutete, und sie fand es sofort. Als sie es hochheben wollte, rutschte sie auf den glatten Steinen des Flussbettes aus und setzte sich in das Wasser.

Jay Cutter warf seine halb gerauchte Zigarette weg und stieg vom Pferd. Lorain hastete sofort zum Wagen zurück und langte nach dem Gewehr.

»Sie haben sich ihr Kleid nassgemacht«, sagte Cutter leicht belustigt. »Sie werden es trocknen müssen, Ma’am. Bei der Hitze geht das sicherlich schnell.«

Lorain brachte das Gewehr in Anschlag und schrie ihn an: »Bleiben Sie dort, oder ich schieße!«

Cutter blieb stehen.

»Das ist eine Frau!«, murmelte er begeistert vor sich hin.

»Ich habe gesagt, ich komme ohne Sie zurecht«, fügte Lorain rasch hinzu.

»So ...«, meinte Cutter gedehnt. Lorain sah, dass er etwas in der Hand hatte, was er in die Höhe hielt. »Wissen Sie, was das ist, Ma'am?«

Sie versuchte es zu identifizieren, aber Cutter stand zu weit weg.

»Es ist der Splint, der vor das Rad gehört«, erklärte Cutter überlegen. »Ich habe ihn gerade hier gefunden.«

Sie glaubte ihm das nicht. Der Teufel allein mochte wissen, woher der Kerl das Ding hatte.

»Soll ich ihn herüberwerfen?«, fragte Cutter scheinheilig.

Lorain schaute hilflos auf das Wasser, das um sie herum vorüberströmte. Wenn der Splint herunterfiele, hätte sie vermutlich keine Chance, ihn wiederzufinden. Die beiden Männer hatten sie in der Falle, aus der sie sich im Moment nicht befreien konnte.

Sie ließ das Gewehr sinken.

»Also gut, kommen Sie her.«

Cutter watete ins Wasser, und auch der Ire rutschte von seinem Pferd und kam in den Fluss.

»Heben Sie das Rad auf«, sagte er, »und dann stecken Sie es auf die Achse, wenn ich hochhebe.«

Cutter stemmte sich mit dem Rücken gegen den leichten Wagen und hob die Achse über den Wasserspiegel. Lorain schob die Nabe des Rades darüber, und Cutter ließ wieder herunter.

»Sehen Sie, Ma'am, schon geschafft.«

Lorain glitt abermals auf dem Grund des Flusses aus und kämpfte um ihr Gleichgewicht. Cutter griff nach ihrem Arm und zog sie zu sich heran, und ehe sie wusste, wie ihr geschah, lag sie in seinen Armen, und sie sah sein triumphierendes Gesicht dicht vor sich.

»Ich habe doch gewusst, dass wir uns noch näherkommen werden«, sagte er.

Ehe er sie küssen konnte, stieß Lorain ihn mit aller Kraft von sich weg. Bei dem Handgemenge gerieten beide ins Straucheln, und Cutter musste sie loslassen. Beide fielen ins Wasser. Cutter kam sofort wieder hoch. Sein Gesicht hatte einen zornigen Ausdruck angenommen, und die Zeit des Herumtändelns schien jetzt für ihn vorbei zu sein.

Lorain bekam einen Stein zu fassen und hob ihn auf, während sie sich aus dem Wasser hochrappelte.

»Versuchen Sie das nicht noch mal!«, keuchte sie.

Cutter schaute auf sie und auf den Stein in ihrer Hand, und die Belustigung kehrte in seinen Blick zurück.

»Was wollen Sie mit dem Stein? Mir den Schädel einschlagen?«

»Sie glauben wohl nicht, dass ich es tue, wie?«, fragte Lorain entschlossen.

»Jay«, sagte Pat Caine warnend, doch Cutter hörte nicht auf ihn. Er begann wieder zu grinsen und hatte nur Augen für die Frau.

»Ich bin ein Spieler, liebes Kind, und ich liebe es, wenn es um hohe Einsätze geht.«

»Auch wenn der Einsatz das Leben ist?«, fragte jemand vom Ufer her.

Cutter blieb abrupt stehen, und sein Kopf ruckte herum beim Klang der fremden Stimme. Gegen die Sonne blinzelnd, bemerkte er Ross Salago, der auf seinem Pferd saß und sein Gewehr quer über dem Schoß liegen hatte. Die Mündung zeigte unglücklicherweise genau auf ihn.

 

 

6

Lorain Doyle hatte den Wagen aus dem Fluss gefahren, und die Männer waren ihr zur anderen Seite gefolgt. Sie war heilfroh, dass Salago im rechten Moment aufgetaucht war, was man von Cutter und dem Iren nicht behaupten konnte. Besonders Pat Caine beobachtete Salago mit bitterbösen Blicken. Cutter war ein Pokerspieler, und er konnte seine Gedanken besser verbergen. Aber Lorain wusste auch so, dass Cutter ebenso wie sein Kumpan nur auf eine Gelegenheit warteten, um Salago aus dem Weg zu räumen. Aber Salago wusste das vermutlich auch.

»Ich habe Rothäute hinter mir bemerkt«, sagte Salago. »Sie haben unsere Spuren gefunden, und wenn wir geradewegs zurückreiten, laufen wir ihnen in die Arme.«

»Ich will gar nicht zurück«, beharrte Lorain. Salago warf ihr einen Blick zu, sagte aber nichts.

Cutter und der Ire wechselten ebenfalls einen Blick. Dann deutete der Ire plötzlich auf einen Tafelberg, der weit im Norden aufragte und von dem aus eine dünne, dunkle Rauchsäule emporstieg.

»Sieht nicht gut aus«, meinte Salago. »Im Moment ist es wohl besser, wir setzen unseren Weg in die andere Richtung fort.«

Sie zogen zu einer Stelle, wo einige Cottonwoods wuchsen, die etwas Schatten spendeten. Dort machten sie Halt, denn Salago meinte, man solle die Tiere in der heißen Zeit des Tages schonen. Es sei nicht angebracht, auf müden Pferden zu sitzen, wenn man irgendwann auf einen Trupp Indianer stieße.

Auf Lorain Doyle schien diese Aussicht keinerlei Eindruck zu machen. Entweder hatte sie kein Gefühl für derlei Gefahren, weil sie sie nicht kannte, oder sie war eine überaus mutige Frau. Pat Caine hingegen schien sich äußerst unwohl in seiner Haut zu fühlen. Er beobachtete immer wieder nervös den Horizont um sie herum, und Salago wurde den Eindruck nicht los, dass dieser Ire schon gegen Indianer gekämpft hatte und genau wusste, was ihnen blühen konnte.

Jay Cutter schien die Dinge zu nehmen, wie sie kamen, ohne sich darüber Sorgen zu machen. Er gehörte wohl zu der Sorte von Männern, die sich auf den perfekten Umgang mit ihren Waffen verließen und sich in wirklichkeitsfremder Selbstüberschätzung für unbesiegbar hielten.

»Warum können wir nicht einfach umkehren und nach Adobe Walls zurückreiten?«, fragte Pat Caine misslaunig.

»Es hindert Sie niemand daran«, erklärte Lorain ihm abweisend.

Jay Cutter spielte mit seinem Revolver herum, ließ die Patronen nacheinander aus der Trommel gleiten und schob sie wieder hinein.

»Weil die Lady nun mal nach Osten will«, sagte er. »Und wir können sie doch nicht einfach im Stich lassen, Patty. Das tut ein Gentleman nicht. Außerdem hast du die Rauchsignale hinter uns gesehen.«

Lorain warf dem Sprecher einen verächtlich abweisenden Blick zu, sagte jedoch nichts.

»Das ganze Land wimmelt von Rothäuten«, erboste sich Pat Caine mürrisch. »Vor uns gibt es davon wahrscheinlich mehr als Flöhe auf einem Hund.« Er schaute zuerst Salago abwartend an und dann Cutter, und als keiner von beiden etwas dazu sagte, schnaufte er: »Ich finde es einfach idiotisch, sich immer tiefer in den Schlamassel zu setzen!«

»Ich wusste gar nicht, dass du so ängstlich bist«, sagte Cutter aufreizend ruhig. »Ein Kerl wie du.«

»Ich habe keine Angst, verdammt«, ereiferte sich der Ire. »Ich sehe nur keinen Sinn darin.«

»Ich auch nicht«, meinte Cutter und beobachtete Lorain, die einen Eimer vom Wagen holte. »Aber der Zeitpunkt zur Rückkehr ist im Moment noch recht ungünstig.«

»Vielleicht kommt uns auch die Armee zu Hilfe«, sagte Lorain, um die aufkommende Spannung zu entschärfen. Sie ging mit dem Eimer zum Ufer, um Wasser zu holen.'

Pat Caine spuckte in den Sand.

»Die verdammte Armee kommt immer erst, wenn Gräber ausgehoben und Leichen verscharrt werden müssen.«

»Bist du desertiert?«, fragte Salago ihn.

Caine sah ihn böse an. »Wer sagt dir, dass ich überhaupt in der Armee war?«

Salago zuckte mit den Schultern. »War nur so ’n Gedanke. Wenn einer in der Armee war, bleibt immer irgendwas davon an ihm hängen.«

Der Ire riss sich wütend die Armeemütze vom Kopf. »Nur weil ich dieses Ding hier trage, muss ich noch lange nicht bei diesem verdammten Haufen gewesen sein.« Er starrte Cutter an, der wortlos vor sich hin grinste. »Na ja«, räumte er ruhiger geworden ein, »immerhin war ich schon beinahe Sergeant.« Sein Blick kehrte zu Salago zurück. »Aber ob ich desertiert bin oder nicht, geht dich 'n verdammten Dreck an.«

»Er ist ziemlich empfindlich heute«, meinte Cutter amüsiert. »So ’n paar Rothäute haben ihn sonst nicht nervös gemacht.«

»Und du lass die Frau in Ruhe«, sagte Salago zu ihm.

Cutters Gesichtsausdruck verhärtete sich. Der Revolver, mit dem er noch immer herumhantierte, zeigte genau auf Salago.

»Willst du mir drohen?«, fragte er lauernd.

Salago sah ihn ruhig an. Nur die Narbe, die quer über seine rechte Gesichtshälfte verlief, schien sich etwas stärker als sonst abzuzeichnen.

»Das kannst du halten wie du willst. Ich rate dir nur, es nicht auszuprobieren.«

»Wenn ich deinen Rat brauche, werde ich dich fragen«, entgegnete Cutter überheblich. »Hast wohl selber ’n Auge auf sie geworfen, wie? Aber wen von uns beiden sie lieber mag, wird sich schon rausstellen.«

Beide schwiegen, als Lorain vom Fluss zurückkam. Als der Schatten allmählich unter dem Wagen hervorzukriechen begann, drängte Salago zum Aufbruch.

»Wir sollten heute noch versuchen, die North Fork des McClellan zu erreichen. Dazwischen gibt es keinen geeigneten Lagerplatz mehr.«

Salago ritt ein Stück weit neben dem Wagen her, während Jay Cutter und der große Ire einige Pferdelängen zurückblieben. Pat Caine stierte mit finsterem Gesicht auf den Reiter vor sich.

»Ein gutes Ziel so ein Rücken, nicht wahr«, bemerkte der Spieler provozierend.

Der Ire warf ihm einen schnellen Seitenblick zu. »Wenn ich so gut mit dem Schießeisen wäre wie du, dann würde ich's von der anderen Seite riskieren.« Seine Finger strichen über den Griff der Waffe, und das bösartige Verlangen spiegelte sich in seinen Augen wider. »Irgendwann werden wir ihn uns vom Hals schaffen müssen.«

»Warum tust du's dann nicht?«

»Du weißt genau warum«, brummte Pat Caine missmutig. »Ich mache mir ja wegen 'ner Hand voll Rothäute nicht in die Hosen, aber im Moment ist es mir lieber, wenn wir zu dritt sind.«

 

 

7

An der Nordgabel des McClellan Creeks hatten sie ihr Lager aufgeschlagen. Nach Einbruch der Dunkelheit hatten sie die Wachen eingeteilt und sich in ihre Decken gewickelt.

Details

Seiten
114
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934243
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v506755
Schlagworte
schwur rächerin

Autor

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Titel: Der Schwur der schönen Rächerin