Lade Inhalt...

REDLIGHT STREET #53: Schaustück zum Gebrauch

2019 97 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Schaustück zum Gebrauch

Copyright

Die Hauptpersonen:

Prolog

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

Schaustück zum Gebrauch

REDLIGHT STREET #53

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 97 Taschenbuchseiten.

 

Ihre Mutter hing wie eine Klette an ihr, saugte sie aus – nur weil diese keinen anderen Lebensinhalt kannte als ihre Familie. Lena Werner hatte es satt, so gegängelt zu werden, schließlich war sie siebzehn und fast volljährig. Auf einer Party lernt sie Sigo kennen – einen richtigen Mann, im Vergleich zu ihren Schulkameraden. Er war viel älter, sehr charmant und verdrehte der unerfahrenen Lena den Kopf. Das arglose junge Mädchen begriff nicht, dass alles nur ein Trick war, um ihr Vertrauen zu gewinnen und sie für viel Geld an einen Zuhälter zu verkaufen ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Die Hauptpersonen:

Lena - wohlbehütetes Mädchen wird Opfer eines Schleppers.

Sigo - Schlepper, der einem skrupellosen Zuhälter die Mädchen besorgt.

Biggi - Lenas Freundin, wird ebenfalls ein Opfer gewinnsüchtiger Männer.

 

Prolog

Fassungslos schaute Lena sich um. Dann sah sie auf die Tür und ihr wurde speiübel. Es war die Zeit, die man daheim am Frühstückstisch saß. Aber sie war nicht zu Hause? Alles fiel ihr wieder ein. Hektisch suchte sie nach ihren Kleidern, fand aber nur einen winzigen schwarzen Fummel. Dann öffnete sie die Tür und stieß mit einem Mann zusammen.

 

 

1

Sie stand vor dem Spiegel und probierte eine neue Frisur. Sie wusste, dass sie gar nicht zu ihr passte, aber sie sah sich trotzig an. »Nein, ich will nicht mehr so langweilig wirken. Da müssen die anderen ja eine Gänsehaut bekommen.«

Wütend zerrte sie eine Jacke aus dem Schrank.

»Lena, du bist siebzehn, fast erwachsen. Du musst endlich lernen, auf deinen eigenen Füßen zu stehen. Häng dich doch nicht immer so an andere an. Das ist ja stinklangweilig, verstehst du das nicht?«

Diese Worte hatten ihr Herz durchbohrt.

Sie war sauer! Wütend!

Am liebsten hätte sie ihrem Spiegelbild einen Tritt versetzt. Aber wie hätte sie das dann erklären sollen? Mutti würde traurig sein und sagen: »Na ja, das kann ja mal passieren. Wir kaufen dir eben einen neuen. Reg dich wieder ab.«

Mutti ...

Lena verzog das Gesicht.

In ihrem Herzen zitterte etwas. Sie konnte nicht ergründen, was das war. Dazu war sie noch zu jung. Sie war an der Schwelle des Lebens angekommen, und in ihr stürmte und brandete es wie toll. Das junge Mädchen hatte einfach Angst, etwas vom Leben zu versäumen. War ihr doch so vieles versperrt und verschlossen.

»Nein, nein, nein!«

Sie zog den Pullover gerade und die Jacke darüber. So würde Mutti nicht sehen können, dass sie dieses scheußliche Stück wieder trug. Sie hatte viel tun müssen, um so viel Geld zusammenzubekommen, dass sie diesen Pulli kaufen konnte. Ihre Mutter hatte ihn nicht gewollt. Sie ging ja zum Einkaufen immer mit. Und immer ging es nach Muttis Kopf.

»Ach, Kind, hör doch auf meinen Rat. Das steht dir gar nicht. Und wie billig du dich darin machst. Nein, nein, das brauchen wir uns wirklich nicht zuzumuten. Wir können uns geschmackvolle Sachen leisten, mein Kind. Also, jetzt nehmen wir Qualität. Es ist wichtig, wenn man schon früh auf Qualität achtet. Du weißt ja gar nicht, wie gut du es hast. Als ich dagegen so alt war wie du was habe ich alles auftragen müssen. Lena, du wärst in Tränen ausgebrochen. Wirklich.«

Immer lief es so ab.

Was sollte sie, Lena, dagegen tun? Was konnte sie tun? Nicht, nichts! Das war ja so verteufelt. Ganz tief im Herzen begriff Lena, dass die Mutter recht hatte. Und so toll wirkten die Sachen ja auch wirklich nicht. Diese blöden Löcherpullis. Sehen aus, als ob die Motten darin gehaust hätten. Aber kam man immer so fein herausgeputzt, wenn die ganze Klasse anders aussah, dann fiel man schon auf. Und es dauerte nicht mehr lange, bis man gehänselt wurde. Damit wurde man zum Außenseiter. Und das vertrug kein junger Mensch.

Solange man noch zu lange Arme und Beine hatte und sich unfertig vorkam, ja, das Gefühl hatte, an alle Ecken anzustoßen dann wollte man nicht herausragen, dann wollte man mit der Masse schwimmen. Das machte sicher. Gleichgültig wie diese Masse sich gab, man musste mitschwimmen und erhielt dafür das Gefühl einer gewissen Geborgenheit.

Das hatte Lena sehr schnell begriffen.

Und weil sie bis jetzt nicht mit der Masse schwamm, fühlte sie sich auch so unsicher. Und was noch viel verteufelter war niemand wollte etwas mit ihr zu tun haben.

»Du bist so langweilig, man kriegt ja einen Krampf, wenn man länger bei dir ist, ehrlich.«

Lena schluckte.

Ihre hübschen, großen Augen wurden dunkel und fast böse.

»Ich bin nicht langweilig!«, knurrte sie zornig vor sich hin. »Ich will es nicht, nein, ich will es nie mehr sein! Ich will auch von den Jungen angehimmelt werden. Toll ist das!«

Jungen! Oh, Jürgen!

Er ging in ihre Klasse und sah einfach toll aus ätzend, wie die anderen Mädchen sich ausdrückten.

»Alles Lullu, wenn Jürgen mit von der Partie ist!«

Lena wusste nicht einmal, was dieser Ausdruck bedeuten sollte.

So dumm war sie tatsächlich!

Da ging man Tag für Tag mit den anderen in die gleiche Klasse, und sie sprechen eine andere Sprache. Absichtlich? Oder nur so?

Sie schluckte wieder.

Ihre Freundin Biggy hatte heute Geburtstag. Das Geschenk lag bereit. Ihre Mutter hatte es gekauft und sorgfältig verpackt.

Mit Schleifchen puh!

Am liebsten hätte sie dem Päckchen einen Tritt versetzt. Aber dann?

»Herrje, ich weiß noch nicht mal, was ich schenke! Was ist nur in diesem Papierchen mit Schleifchen?«

Lena hätte fluchen können.

Sie hatte es beiläufig erwähnt, vor ein paar Tagen: »Ich bin bei Biggy zum Geburtstag eingeladen.« Ihre erste Einladung. Biggy hatte Mitleid mit ihr. Vielleicht verstand sie Lena besser. Sie hatte es auch schwer im Klassenverband gehabt.

Mutti hatte sofort freundlich gelächelt und gemeint: »Nun, dann brauchen wir ja wohl ein Geschenk, nicht wahr? Ich werde es mitbringen. Ich muss sowieso noch einkaufen.«

Sie hatte es mitgebracht fein eingepackt, damit man sich nicht zu schämen brauchte.

»Schließlich wissen wir, was sich gehört, liebe Lena. Es kommt immer auf Äußerlichkeiten an, vergiss das nie. Ist es nicht hübsch geworden?«

Mutti konnte alles! Sie war perfekt! Keiner konnte ihr das Wasser reichen. Und weil sie so perfekt war, ließ sie auch niemanden etwas tun. »Ach, lass nur, ich mach das schon. Ich kann das schneller. Geh du nur.«

Sie war hilflos.

Ich kann mich ja direkt freuen, dass ich mich schon allein anziehen kann, dachte sie düster. Und waschen. Aber das ist auch schon alles!

Vater hatte einmal gesagt: »Mutti ist unser Fels in der Brandung!«

Und Mutter war sehr stolz gewesen.

Vater aber hatte seltsam geblickt.

Lena begriff im Augenblick nur ganz vage, dass die Mutter im Grunde genommen wie ein Vampir war. Sie sog ihren Lieben buchstäblich das Eigenleben aus dem Körper. Mit Liebe selbstverständlich. Als die Kinder kamen, hatte sie sogleich ihren Beruf aufgegeben und war seither nur noch Hausfrau und Mutter. Für sie gab es auch nichts anderes, keine Interessen, kein Hobby. Kam sie irgendwohin, waren nur ihre Kinder ihr Thema. Sie sagte auch allen immer wieder, wie unentbehrlich sie für ihre Familie sei.

Solange die Kinder klein gewesen waren, mochte das ja noch angehen, aber die Mutter begriff einfach nicht, dass sie ihre Kinder daran hinderte, selbst Erfahrungen zu sammeln und damit zu lernen, das Leben selbst zu meistern. Sie wollte ihnen immerzu alle Steine aus dem Wege räumen.

Und das alles im Namen der Liebe!

Darum war es für die Heranwachsenden so schwer, sich von der Familie zu lösen.

Man kann jemanden nicht vor den Kopf stoßen, von dem man weiß, dass er es wirklich nur gut meint.

Man kann es nicht!

Bis Lena begriff, wie das lief, hatte sie lange nachdenken müssen. Dann war sie zu dem Schluss gekommen, dass der Vater auch nicht entzückt darüber war. Aber auch er war gelähmt vor Liebe.

Für ihre Familie brachte die Mutter sich schier um. Sie kämpfte wie eine Löwin.

Und der Preis?

Man musste sich ihr absolut unterwerfen, ihr immer recht geben, sie gewähren lassen, die sanften Ermahnungen, die aber eine schreckliche Drohung sein konnten, schweigend hinnehmen.

Die Mutter begriff das nicht einmal!

Sie krallte sich an ihre Lieben und erdrückte sie fast mit ihrer gierigen Liebe, weil sie glaubte: Wenn ich keine Familie sprich Kinder mehr zu versorgen habe, dann bin ich überflüssig. Wenn mich keiner mehr braucht, dann hat mein Leben keinen Sinn mehr. Sie begriff nicht, dass man auch als Mutter Recht auf ein eigenes Leben hat. Es gab Mütter, die ihre Grenzen absteckten und zu ihren Lieben sagten: »Einen Augenblick mal, dies ist mein Reich, meine Welt. Ich brauche auch ein Eckchen, auch einen Teil des Lebens der mir gehört, Stunden und vielleicht auch Tage, in denen ich ich bin, versteht ihr?« Diese Mütter erhielten sich für ihr ganzes Leben die Liebe ihrer Kinder und auch die des Mannes. Sie blieben interessant und aufregend zugleich. Weil sie ja immer wieder neue Seiten zeigten.

Lena kannte solche Mütter, von ihren Klassenkameradinnen. Und wie die von ihnen schwärmten! Und wie stolz die auf sie waren!

Einmal hatte sie mit ihrer Mutter darüber reden wollen. Frau Werner hatte gar nicht verstanden, was die jüngste Tochter ihr sagen wollte.

Sie hatte sie groß angesehen und gemeint: »Aber sind wir denn nicht auch Freundinnen, mein Kind? Ich tu doch alles für dich, bringe dich überallhin. Ich klage nicht, ich fahre dich und hole dich auch ab. Du kannst doch wirklich über mich verfügen. Was willst du denn noch? Und wir reden doch auch miteinander!«

Sie begriff nicht, dass es eigentlich Monologe waren, keine Gespräche, dass Lena fast nur Ermahnungen und Ratschläge hinnehmen musste. Nie hörte die Mutter wirklich hin, was ihre Familie wünschte. Sie dachte sich was aus, und so musste es gemacht werden. Und wenn sie dann mal bei Söhnen und Mann auf Widerstand stieß, dann war sie tief verletzt und sagte das auch: »Da tue ich alles, bereite alles vor, mit so viel Liebe, und das ist dann der Dank!«

Verletzt zog sich die Mutter dann schmollend zurück und hinterließ eine Familie, die sich schuldig und schlecht fühlte. Und das Ende vom Lied war, dass sie dann eilends sagten: »Verzeih, du hast ja recht, Wie gedankenlos wir doch waren.«

Gleich kam Sie aus ihrem Schmollwinkel heraus, war wieder strahlender Laune und merkte nicht einmal, dass die anderen nur mitmachten, um sie nicht wieder zu verletzen. So merkte die Frau gar nicht, dass man sich innerlich immer mehr von ihr zurückzog und auch mit seinen Sorgen nicht mehr zu ihr kam. Man lebte verschiedene Leben, und man sehnte sich aus diesem goldenen Käfig heraus so schnell wie nur möglich. Unermüdlich sann man darüber nach.

Lenas Brüder hatten es geschafft. Neben ihrem Studium arbeiteten sie, um sich ja ein eigenes Zimmer leisten zu können. Natürlich in der Stadt. Die Mutter war lange Zeit böse gewesen, und auch jetzt wurde sie noch wütend, wenn man davon sprach.

»Was die Leute nur denken! Als wenn ich nicht mehr für euch sorgen wollte. In der gleichen Stadt leben die Kinder, aber getrennt! Und wer kocht, wäscht und putzt für euch! Also das sage ich euch ich komme nicht!« Weinerlich hatte sie das hervorgestoßen, wahrscheinlich in der Hoffnung, dass die Söhne bitten und betteln würden. Aber dann hörte sie zu ihrer grenzenlosen Verblüffung: »Aber das wollen wir gar nicht, Mutti. Ganz im Gegenteil.«

Schon war sie wieder eingeschnappt.

Und sie war es noch mehr, als sie erfuhr, dass man ihr noch nicht mal einen Schlüssel für die Wohnung geben wollte. Bitter hatte sie sieh bei ihrem Mann beklagt, hatte gefordert, er solle mit den Söhnen reden. Doch er tat es nicht!

Zum ersten Mal stellte man sich gegen die Mutter. Das war ein Schlag für sie gewesen. Kein Wunder also, dass sie sich künftig noch mehr an Lena klammerte. Und die war den Brüdern deswegen böse.

»Jetzt muss ich alles ausbaden!«, hatte sie geschrien. »Ich kann ja bald nicht mehr atmen!«

»Kleine, wenn du reif bist, wirst du auch gehen«, hatten die Brüder geantwortet.

Unten ging eine Tür.

Dann hörte sie die Mutter.

»Lena, bist du fertig?«

»Oh.«

Sie hatte den Zeitpunkt verpasst, sie hatte sich fortschleichen wollen, war aber ins Grübeln gekommen. Und jetzt stand die Mutter unten und wartete auf sie.

Sie nahm das Geschenk und ging zur Treppe.

»Ich bin fertig.«

»Gut, dann bringe ich dich jetzt hin.«

Lena ging langsam die Treppe herunter.

»Danke, Mutti, nicht nötig. Ich habe ja meine Monatskarte und fahre mit dem Bus.«

Die Mutter jedoch meinte: »Aber der fährt erst in zwanzig Minuten; ich bringe dich schnell hin und kann dich auch bis vor die Haustür bringen. Das ist doch praktisch, nicht wahr? So sparst du Zeit und Kraft.«

»Mutti, ich bin kein Säugling mehr, ich fahre mit dem Bus.«

Die Mutter drehte sich langsam herum.

»Aber das verstehe ich nicht, Kind. Wieso regst du dich auf? Andere Kinder wären überglücklich, wenn sie ein so bequemes Leben hätten wie du. Du bist wirklich undankbar. Wenn ich daran denke, wie ich in deinem Alter viele Kilometer habe zu Fuß zurücklegen müssen. Aber die heutige Jugend na ja!«

»Mutti, ich habe dir doch gerade gesagt, ich will auch zu Fuß gehen, mehr nicht!«

Frau Werner schaute ihre Tochter an.

»Das gehört sich nicht«, entschied sie.

Lena war sprachlos, obwohl sie diesen Satz schon hunderttausend Mal gehört hatte.

»W...w...warum?«, stotterte sie verdutzt.

»Ich kenne diese Familie nicht, deshalb möchte ich dich hinbringen. Ich will wissen, wo du hingehst, ob sie für uns in Frage kommen.«

Lena starrte die Mutter an.

»Das ist eine Schulfreundin von mir, und sie hat Geburtstag. Was gehen mich die Eltern an!«

»Umso besser für mich, mein Kind. Vorsorge ist immer die beste Sorge.«

»Nein!«, rief sie hitzig. »Nein, Mutti, das kannst du mir nicht antun!«

»Was kann ich dir nicht antun?«

»Mich wie ein Kindergartenkind dort abliefern.«

»Lena, ich kann dir auch verbieten hinzufahren.«

Sie starrten sich feindselig an.

Lenas Herz klopfte zum Zerspringen. Spontan dachte sie: Gleich spielt Mutti wieder Herzschwäche, dann bleibe ich hier und sie hat wieder ihren Willen bekommen.

Im Hinterkopf saß das kleine Teufelchen und flüsterte: »Jürgen wird auch da sein, und er hat dir gesagt: Ich mag dich.«

Die Mutter lehnte sich an den Dielenschrank und griff in die Herzgegend.

In fliegender Angst dachte das junge Mädchen: Ich muss jetzt blitzschnell handeln, oder alles ist aus. Alles, einfach alles!

»Siehst du, Mutti!«, rief sie rasch. »Dir geht es heute gar nicht gut. Bestimmt wieder das Wetter! Da darfst du gar nicht mit dem Auto fahren. Das wäre viel zu gefährlich, und Vati wäre bestimmt böse, wenn ich das von dir verlangen würde. Lege dich mal fein hin und ruhe dich aus. Ich nehme den Bus und komme auch bestimmt pünktlich zurück.«

Bevor die Mutter noch reagieren konnte, hatte ihre Tochter die Tür aufgerissen und war bereits davongestürmt so schnell, dass sie ihr nicht einmal etwas nachrufen konnte. Und Lena dachte zufrieden: Ich habe kein schlechtes Gewissen; sie konnte mich diesmal nicht unter Druck setzen. Ich habe ja nicht »gesehen«, wie schlecht es ihr geht! Sie kann mir also nachher, wenn ich heimkomme, keine Vorwürfe machen.

 

 

2

Lena kam natürlich mit Verspätung zur Fete.

»Und wir dachten, du kommst gar nicht mehr. Wir haben schon angefangen. Komm mit. Ist ’ne tolle Sache, ehrlich. Du wirst dich wundern.«

Man führte sie in den Keller.

Lena sollte sich wirklich wundern und aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Nicht nur, dass sie schließlich in einer schicken Kellerbar stand; sie riss die Augen auf, als sie die Aufmachung der Schulkameradinnen sah. Biggy zum Beispiel sah hinreißend wild und aufgedonnert aus. Sie trug lila Strümpfe, dazu einen hautengen superkurzen Lederrock, der gerade ihren Po bedeckte. Und dazu einen knallgelben Pulli mit riesigem Ausschnitt.

»Gehört das dir?«, stammelte Lena.

Biggy lachte schallend.

»Nein, hab ich alles von meinen Schwestern genommen! Das heißt geliehen. Ich leg es nachher wieder zurück.«

»Aber ...«

»Sie sind ja nicht da. Meine Eltern auch nicht. Wir haben also eine sturmfreie Bude.«

Lena dachte: Wenn Mutti mitgekommen wäre, hätte ich wirklich nicht bleiben können.

In diesem dämmrigen Licht fand sie sich nur schwer zurecht und stieß überall an. Es wimmelte nur so von fremden Menschen, und der Qualm war wie zum Schneiden.

»Zeig mal, was hast du denn bekommen?«, wollte Elli wissen.

Während Biggi Lenas Geschenk auspackte, dachte das Mädchen: Wenn Mutti mich jetzt blamiert, also, dann weiß ich nicht, was ich tu. Dann ...

Es war ein Kochbuch.

Erschrocken hielt Lena die Luft an.

Oh, dachte sie bestürzt, man wird mich nie mehr einladen. Das ist ja einfach entsetzlich!

Da hörte sie Biggy sagen: »Mann, das ist ja toll! Kinder, ich lade euch demnächst zum Essen ein! Aber vorher muss ich erst ein wenig üben.«

Lena riss die Augen auf.

»Kannst du denn kochen?«

»Klar, das mach ich schon lange so über den Daumen gepeilt, weißt du? Kommt irre was dabei heraus. Aber das ist wirklich ein guter Gedanke von dir gewesen.«

Sie lachten.

Obwohl sie mit den anderen in die gleiche Klasse ging, fühlte Lena sich heute, als befände sie sich auf einem fremden Stern, in Gesellschaft fremder Wesen. Die anderen kannten diese Feten sie nicht.

»Was willst du trinken?«

»Wie?«, fragte sie, um Zeit zum Überlegen zu gewinnen.

Peter, auch ein Schulkamerad, drückte ihr ein Glas in die Hand.

»Hier, hab ich schon zurechtgemixt, schmeckt irre!«

Sie starrte die seltsame Flüssigkeit an und nippte ein wenig daran. Augenblicklich fürchtete sie, der Magen würde ihr weggerissen. Sie hustete.

»Mach doch die Dinger nicht so scharf«, rügte Biggy ihn. »Sonst liegen wir gleich alle unter dem Tisch. Und das ist doch nicht Sinn der Sache.«

Lena hatte noch niemals Alkohol bekommen. Ihre Mutter erlaubte es nicht, und so hatte sie keinerlei Erfahrung damit. Auch gesprochen hatte noch niemand mit ihr darüber. Sicher, in der Schule hatte man das Thema Rauschmittel behandelt. Aber was man in der Schule hörte, nahm man doch nie für bare Münze.

»Quetsch dich irgendwohin«, sagte Peter und lachte sie an.

Lena beobachtete, dass man mit dem Alkohol der Bar großzügig umging. Wenn sie ehrlich sein wollte, musste sie gestehen, dass ihr doch ein wenig mulmig zumute war. Stickig und düster war es hier unten und die Musik so irre laut, dass man glaubte, die Ohren würden platzen. Doch sie wagte sich nicht zu beschweren.

Dann kam Jürgen zu ihr.

»Ach, da bist du ja doch gekommen. Das ist fein!«

Sofort glühte ihr Gesicht.

»Hei«, sagte sie leise.

»Gute Stimmung, nicht wahr?«

»Ja«, bestätigte sie.

»Wirklich toll. Biggy weiß zu feiern. Ach ja, du hast ja noch nie mitgemacht. Ich hab Biggy gesagt: Lade Lena ein, sonst komme ich nicht.«

Ihr Herz bibberte, und sie wagte ihn kaum anzusehen, aus Angst, er könne vielleicht merken, wie es um sie stand.

»Wirklich?«, brachte sie mühsam hervor.

Er rückte näher.

Obwohl sie Jürgen schrecklich gern mochte, war ihr das doch ein wenig unangenehm. Sie kannte sich in dem Leben eben noch nicht so aus. Sie hatte einfach Angst und zu wenig Erfahrung. Und das mit siebzehn! Und weil sie sich nicht blamieren wollte, sagte sie nichts.

Jürgen spürte das und schmunzelte. Sie ahnte ja nicht, dass man in der Schule Wetten abgeschlossen hatte. Alle waren sie sich einig: Lena war noch Jungfrau. Dem musste abgeholfen werden. Schließlich waren sie eine aufgeschlossene Klassengemeinschaft. Besonders die Mädchen fanden diesen Zustand unhaltbar. Selbst schon lange nicht mehr unschuldig, spürten sie ganz deutlich, dass die Jungen über Lena anders sprachen, als über sie so als hätten sie Achtung vor ihr. Und sie stellte doch wirklich nichts dar, im Gegenteil. Man verstand die Jungen einfach nicht. Vielleicht, weil sie noch so rein und unberührt war? Mit ihr machte man auch nie raue Späße.

Biggy hatte zu den anderen Mädchen gesagt: »Wir müssen ihr ein wenig Leben ins Gesicht pusten. Jürgen erklärt sich bereit, er will sich opfern.«

»Opfern ist gut!«

»Sie haben geknobelt.«

»Und wann soll das stattfinden?«

»Jürgen hat gesagt, auf meiner Fete.«

Die Mädchen lachten.

»Und wenn sie nicht will?«

Biggy pustete sich die Haare aus dem Gesicht.

»Mann, dann ist sie wirklich unten durch. Dann kann sie sich eine neue Schule suchen. Keiner spricht dann mit ihr noch ein Wort.«

»Und wenn sie trotzdem nicht will? Sie könnte uns ja dann verpfeifen, nicht wahr?«

»Oho, wir sind doch nicht von gestern! Wir wissen doch, wie man so was macht. Und Jürgen erst recht!«

Einige Mädchen wetteten dagegen.

»Die Lena macht nicht mit. Ehrlich, ich kenne sie gut. Sie wird schreien und irgendwas anstellen, aber sie wird nicht mitmachen.«

»Das wollen wir doch mal sehen.«

Lena ahnte also nicht, dass Jürgen dies schon die ganze Zeit vorbereitete. Seit Wochen umschwärmte er sie, wie eine Hummel die Blume, um das scheue Mädchen an sich zu binden. Und Lena hatte zu wenig Freiheit gehabt, und deshalb keinerlei Erfahrungen sammeln können, um zu begreifen, dass mit Gefühlen auch gespielt werden kann. Gerade mit Gefühlen.

»Trink doch. Du sitzt die ganze Zeit nur herum und glotzt«, fuhr Jürgen sie an.

Sie schreckte zusammen.

Lena hatte sich tatsächlich umgesehen. Sie war entsetzt, wenn sie in die kleinen Nischen blickte. Das ist ja die reinste Lusthöhle!, dachte sie entsetzt. Einmal hatte sie so einen Film im Fernsehen gesehen. Die Eltern waren eingeladen gewesen, und sie hatte um zehn Uhr abends noch einen Film angesehen.

Die Mädchen benahmen sich richtig schamlos. Nicht nur, dass sie sich einfach abknutschen ließen, nein, Lena sah ganz deutlich, dass die Jungen ihnen unter die Röcke fassten. Die Mädchen kicherten nur dümmlich dazu. Jetzt bemerkte sie auch, dass alle Klassenkameradinnen Röcke oder Kleider trugen. In die Schule jedoch kamen sie nur in Hosen.

Lena ahnte nicht, wie verdorben die schon waren und dass ihre Mutter im Grunde genommen recht hatte. Wie die Eltern so die Kinder. Aber die Art, wie sie ihr Kind vor solchen Gefahren schützen wollte, war völlig falsch.

Jürgen legte den Arm um Lena und wollte sie küssen.

»Nein«, sagte sie hastig.

»Was ist denn los?«

»Nicht, nichts«, sagte sie hastig.

Lena mochte nicht sagen: Du stinkst nach Schnaps und nach Schweiß. Du hättest dich auch mal waschen können. Sie wäre lieber tot umgefallen, als ihm das zu sagen. Jetzt, da sie sich so nahe waren, fand sie ihn gar nicht mehr so toll.

»Wie lange darfst du bleiben?«, fragte Jürgen.

»Um zehn muss ich daheim sein; deshalb muss ich um neun fort; der Bus braucht seine Zeit.«

»Herrje, da fängt die Party doch erst richtig an.«

Lena antwortete darauf nicht.

Jürgen wurde immer wieder von den anderen ermuntert. Schließlich wollte man was erleben, sehen, sich amüsieren auf Lenas Kosten wohlverstanden.

Aber dann kam alles ganz anders.

Es läutete an der Tür!

Biggy machte ein verdutztes Gesicht.

»Es sind doch alle da. Das verstehe ich nicht. Wer kann das denn nur sein?«

Lena dachte bestürzt: Das wird doch nicht Mutti sein? Sie wird mir doch nicht etwa nachgefahren sein, um zu sehen wo ich gelandet bin? Oh, wenn sie das hier sieht, dann darf ich nie mehr weg. Nie mehr!

Die anderen meinten: »Sieh doch mal nach, Biggy, dann weißt du ja, wer draußen ist.«

»Mach ich.«

Biggy und einige andere Mädchen stapften nach oben. Wenig später kamen sie wieder in den Keller, von zwei jungen Männern begleitet. Sie mochten Mitte zwanzig sein, also kein so junges Gemüse wie die Klassenkameraden.

»Leute, hört mal her, das sind Bekannte von meinem Bruder! Er ist nicht da, aber sie wollen auf ihn warten. Sie fragen an, ob sie unten bleiben dürfen.«

Die Mädchen waren sofort dafür. Die Jungen nicht; denn sie erkannten, dass sie in Gegenwart dieser »Männer« an Boden verlieren würden.

»Aber sicher, sicher!«

Die beiden Männer standen auf der Treppe und schienen sich zu amüsieren. Biggy kannte sie zwar nicht, aber das störte sie nicht. Im Gegenteil, sie fühlte sich stark geschmeichelt, dass zwei »Männer« sich für ihre Party interessierten.

Lässig bahnten sie sich einen Weg durch den Raum und eroberten zwei Barhocker. Dann blickten sie sich um und sondierten wohl das »Lager«. Einer der beiden war groß und schlank und sah besonders gut aus, war auch sehr gut gekleidet. Nicht so »ausgeflippt« wie die Jungen im Keller. Sie stellten etwas dar. Auch ihre Gesichter waren markant, und sie konnten sich benehmen.

Die Mädchen ließen sich jetzt nicht mehr unter die Röcke fassen. Sie rissen sich um die Neuen. Das gab böses Blut unter den Jungen. Aber sie wurden nur noch angemeckert, als sie meinten: Dann können wir ja gehen. »Dann geht doch!«, entgegneten die Mädchen schnippisch.

Aber die Jungen blieben.

Alle wollten mal mit den Männern tanzen und sie ein wenig anhimmeln. Aber sie schafften es nicht allein. Und das merkwürdige war, dass auf einmal Lena neben dem großen langen Menschen zu sitzen kam. Er nannte sich Sigo, das sei ein friesischer Name, so erklärte er auf ihre Frage freundlich.

Er roch nach einem herben Männerparfüm. Seine Manieren waren hervorragend. Jürgen wurde sofort aus dem Feld geschlagen. Als er sagte: »Das ist mein Mädchen«, entgegnete Lena, all ihren Mut zusammennehmend: »Das ist nicht wahr.«

Jürgen war baff. Und er hatte gedacht, Lena würde ihm gleichsam aus der Hand fressen, weil sie ja sooo dankbar war, dass er sich um sie kümmerte.

Er ahnte nicht, dass es seine Ausdünstungen waren, die ihm keine Chance ließen.

»Du hast gehört, was sie sagte?«

Jürgen wollte sich eigentlich mit dem Eindringling prügeln, so wütend war er. Er war groß und der Stärkste der Klasse, außerdem ein guter Turner. Er glaubte, den anderen lächerlich machen zu können. Männer denken ja stets vor allen Dingen wenn sie noch sehr jung sind sich mit einem kleinen Kampf hervortun zu können.

Irgendwie schien etwas aber nicht zu klappen. Er ging auf Sigo zu, und ehe er sichs versah, lag er bereits am Boden. Er konnte nicht wissen, dass der Ältere im Nahkampf ausgebildet war.

Sofort lachten die anderen ihn aus, was seine Stimmung auch nicht hob.

»Noch mehr!«

Lena fand das alles schrecklich peinlich. Am liebsten wäre sie fortgelaufen. Aber dann wäre sie zu früh daheim gewesen, und ihre Mutter hätte wieder triumphiert. Nein, sie wollte endlich zeigen: Ich werde erwachsen, ich kann allein über mich bestimmen.

»Hör auf!«, sagte Biggy zu Jürgen. »Meinst du, ich will, dass die Bar in die Brüche geht! Dann wirst du aber was von meinen Brüdern zu hören bekommen! Die haben sie nämlich gebaut! Wenn du dich nicht benehmen kannst, dann zieh Leine, verschwinde, klar!«

Jürgen stand wie ein begossener Pudel in der Mitte und sah sie alle an.

»Habt ihr denn vergessen, dass ich ...?«

Beinah hätte er sich verraten. Doch er konnte es noch rechtzeitig abbiegen.

»Was?«, fragte Sigo leise.

Der andere kümmerte sich um Alma.

»Nichts«, sagte er kleinlaut.

»Dann ist es ja gut!«

Damit war für ihn die Sache »gestorben«, und er wandte sich wieder Lena zu.

Sie unterhielten sich noch eine Weile.

Nach diesem Zwischenfall machte sich keine mehr an Sigo heran. Mit neidischen Augen betrachteten sie Lena und zerbrachen sich den Kopf, wieso dieser tolle Mann auf diesen Naivling verfallen war. Er hätte seine Zeit viel besser vertun können. Sie alle waren ja bereit, sich mit ihm einzulassen, sofort, auf der Stelle.

War es das, was Sigo von ihnen abhielt?

Hatte er eine Nase für gute Qualität?

Und ob!

Lena bemerkte die Spannung hinter ihrem Rücken gar nicht. Sie unterhielt sich und wunderte sich nur darüber, dass sie so leicht antworten konnte, ohne verklemmt zu sein. Innerhalb weniger Minuten hatte dieser Mann es geschafft, aus dem scheuen Reh ein nettes Mädchen zu machen.

Jetzt blühte Lena auf.

Obschon sie recht mädchenhaft gekleidet war, wirkte sie sicher und hübsch, ja, das musste man neidlos anerkennen: Lena war hübsch!

Die Mädchen bissen sich auf die Lippen.

Der Hass gegen Lena verstärkte sich.

Immer deutlicher wurde ihnen durch Lena ein Spiegel vorgehalten. Man war verdorben sie nicht. Und die Männer bemerkten das die richtigen Männer!

Lena schaute auf die Uhr und sagte: »Ich muss jetzt heim. Wirklich.«

Sigo machte keine Anstalten, sie zu halten.

Im Gegenteil, er stand sofort mit ihr auf.

Biggy starrte die beiden sprachlos an.

»Was ist denn los?«

Sigo knöpfte sich die Jacke zu und meinte freundlich: »Ich bringe Fräulein Lena nach Hause.«

»Aber ich denke, Sie warten auf meinen Bruder?«, fragte Biggy fassungslos.

Lena war blass und rot geworden, denn sie sah die wütenden Blicke der Klassenkameradinnen wohl.

Leise sagte sie: »Ich kann ganz gut allein heimgehen. Die Bushaltestelle ist ja nicht weit.«

»Nein, nein«, sagte Sigo, »das lasse ich nicht zu. Nachdem Sie mir gesagt haben, wo Sie wohnen, ist das viel zu gefährlich.«

Biggy hätte sie ermorden können. Von Jürgens Gedanken ganz zu schweigen.

»Ich komme zurück«, sagte Sigo kurz, nahm Lena beim Arm und führte sie nach draußen.

Lena lief es heiß und kalt über den Rücken. Sicher war sie selig, dass dieser Mann ausgerechnet sie auserkoren hatte. Dazu war sie viel zu sehr Frau und unschuldig. Sie fühlte sich in seiner Gegenwart richtig erwachsen.

Sigo führte sie zu seinem Sportwagen. Das war ein Schlitten! Lena hielt den Atem an.

Schweigend fuhren sie durch die stillen Straßen. Lena hörte wohl seine Stimme, verstand aber nicht, was der sprach. Ihre Gedanken waren mit dem Unglaublichen beschäftigt. Sie saß neben ihm und dachte immerzu: Dieser Augenblick möge nie vergehen. Man müsste diese Zeit festhalten können. Wie in einem Weckglas. Wenn man Sehnsucht nach diesem Augenblick hat, öffnet man es, und alles ist wieder da.

Viel zu schnell kamen sie an.

Als sie in ihre Vorstadtstraße einbogen, bat Lena hastig, nicht direkt vor ihrer Tür zu halten.

Sigo lächelte kurz. Dann hielt er.

»Nun, kleines Fräulein?«

Sie wurde puterrot.

»Ich danke Ihnen von ganzem Herzen. Aber jetzt müssen Sie gleich zurück.«

»Sie haben Angst, dass man zu Hause böse wird?«

Lena warf den Kopf in den Nacken.

»Das macht mir nichts aus, daran bin ich schon gewöhnt!«

Er lachte leise auf.

»Darf ich Ihnen etwas anvertrauen?«

Sie blickte ihn mit ihren großen Augen an. »Ja«, hauchte sie leise.

»Sie passen nicht zu dieser Gesellschaft.«

»Oh ...!«

»Die anderen sind schon so verdorben dagegen Sie ...«

»Oh ...«, sagte sie noch einmal.

»So, nun aber raus mit Ihnen.«

Sie fühlte sich unruhig.

So einfach ist alles vorbei, dachte sie traurig. Morgen schon glaube ich, das alles nur geträumt zu haben.

»Danke«, flüsterte sie, dann ging sie davon. Einsam, traurig, ungelenk. Sie fühlte sich schauderhaft.

Der Mann im Wagen wartete so lange, bis sie das kleine Gartentor aufgeklinkt hatte, dann wendete er den Wagen. Ein Lächeln umspielte seine Lippen.

Die Dunkelheit hatte ihn kurz darauf verschluckt.

Als Lena die Tür öffnete, stand ihre Mutter in der Diele.

»Da bist du ja«, sagte sie kurz.

»Und pünktlich«, sagte Lena gleichgültig.

»Komm doch noch ein wenig ins Wohnzimmer«, drängte die Mutter sie mit geduldiger Stimme.

Instinktiv wollte Lena es auch tun. So war es immer gewesen. Man war fortgewesen, ohne Mutter, hatte ohne sie etwas erlebt und dann kam man heim und musste ihr alles erzählen. Erst in diesen Sekunden begriff Lena, dass die Mutter es wissen wollte, weil sie alles von ihren Lieben wollte. Alles! Sie sog sie in sich auf. Und vor Bekannten prahlte sie noch damit: Ich kenne meine Kinder und meinen Mann. Sie haben keine Geheimnisse vor mir, sie erzählen mir alles. Lena hatte das neulich gehört und sich ein wenig geschämt, weil sie die erstaunten Ausrufe der Frauen gehört hatte. »Aber Frau Werner, jeder hat doch sein kleines Geheimnis. Jeder braucht ein Eckchen, in das er sich zurückziehen kann, wo er er selbst ist.«

»Das ist bei uns nicht nötig. Wir verstehen uns wunderbar.«

Und die Dame antwortete: »Ich lasse meine Tochter ihr Zimmer jetzt selbst putzen. Sie soll wissen, dass dies ihr Reich ist, dass sie dort die Herrin ist. Nur so hält man sie, und sie wollen nicht fort.«

Ihre Mutter aber hatte nur lachend gesagt: »Du liebe Güte, wenn ich Lena das überließe, dann würden ihr Zimmer und die Schränke bald wie ein Stall aussehen.«

»Sicher, sicher. Aber ist das denn so schlimm? Sie muss doch in dem Zimmer leben. Die Kinder brauchen Freiraum, vergessen Sie das nicht, Frau Werner.«

Warum musste sie jetzt daran denken? Weil die Mutter vor ihr stand und wieder einmal alles wissen wollte?

Hatte sie nicht vor vier Stunden schon damit gebrochen, sich aufgelehnt?

»Ich bin müde, ich möchte gleich schlafen«, wich sie aus.

Die Mutter starrte sie sprachlos an.

»Aber Kind, ich habe ein Recht zu wissen, was du gemacht hast!«

Der Vater rief aus dem Hintergrund: »Lass sie doch endlich!«

Jetzt ist sie wieder beleidigt, dachte Lena und fühlte sich elend. Während sie schweigend die Treppe hinaufstieg, dachte sie grübelnd: Warum ist sie nur so? Warum hält sie uns alle unter Druck? Wir werden gequält. Begreift sie das denn nicht? Wir sind doch keine Stoffpuppen! Wir haben doch auch eine Seele, wollen selber leben!

In ihrem Zimmer öffnete sie das Fenster und lehnte sich weit hinaus.

Frei sein, dachte sie sehnsüchtig! Frei, ohne Druck leben dürfen!

Plötzlich musste sie weinen.

Das Herz war so schwer.

Sie war ein sanfter, stiller Mensch. Sie wollte niemandem weh tun. Aber jetzt musste sie. Wenn sie nicht zur Marionette der Mutter werden wollte, musste sie der Mutter weh tun!

Als sie erwachte, merkte sie, dass sie in ihren Kleidern eingeschlafen war. Hastig zog sie sich aus, stellte sich unter die Dusche, kleidete sich wieder an und eilte hinunter. Die Zeit war knapp, so konnte sie jetzt auch nicht viel sprechen. Wieder bot sich die Mutter an, sie zur Schule zu bringen. Lena winkte nur ab und raste davon.

Als sie den Klassenraum betrat, fuhr ihr Kälte ins Gesicht. Sofort pfiff man sie an.

»Wo wart ihr denn noch? He, du falsche Schlange, also erzähl mal, sofort! Was habt ihr denn getrieben, du scheinheiliges Biest!«

Lena war baff.

»Aber er hat mich doch nur heimgefahren, mehr nicht. Ich weiß gar nicht, was ihr wollt.«

Biggy lachte grell auf.

»Er ist aber nicht wiedergekommen!«

Lena starrte sie entgeistert an.

»Nicht?«

»Nein!«

»Aber dafür kann ich nichts«, stammelte sie.

»Vor uns spielst du die Züchtige, und dabei hast du es ganz dick hinter den Ohren. Jetzt haben wir dich durchschaut!«

Eifersucht und Wut spielten hier eine große Rolle. Die Mädchen neideten ihr diesen Mann. Mit dem konnte man prahlen. Und sie begriffen Lena nicht, dass sie sich so wenig daraus machte. Wenn dieser Typ mit ihnen gegangen wäre sie hätten ihre Chance genutzt! Aber diese Tunte ...

»Keine Sorge, er wird dich für blöd und kindisch halten und ist deswegen in die nächste Bar gefahren, um sich einen anzutörnen. Er wollte dich vergessen. Du bist wirklich eine trübe Tasse, Lena.«

Sie antwortete nicht.

Jürgen schnitt sie ebenfalls.

So setzte sie sich still auf ihren Platz.

Ihr waren die Augen geöffnet worden. Sie sah die anderen jetzt so, wie sie waren. Sie hatte keine Angst mehr vor ihnen, und sie hatte auch nicht mehr den Wunsch, so zu sein wie sie. Sie fühlte sich ganz wohl in ihrer Haut. Und das merkwürdige war: die Stiche der anderen taten nicht einmal weh.

Sie allein wusste die Wahrheit!

Lena lächelte versonnen vor sich hin.

Susi sah es.

»Was hast du?«, fragte sie.

Lena hob ihre schönen Augen und sagte versonnen: »Warum regt ihr euch eigentlich so auf? Ich bin doch ein Dreck.«

Das verwirrte sie völlig.

Wenn man spürt, dass man jemanden nicht mehr quälen kann, dann machte es gewöhnlich keinen Spaß mehr.

Eisiges Schweigen war jetzt die Folge. Auch in den Pausen.

Und Lena dachte an Sigos Worte: Du bist anders, halte dich von denen fern. Die sind schon so verdorben, da macht es keinen Spaß mehr.

Sie hatte sich diese Worte wie einen Panzer um ihr Herz gelegt.

Lena war unangreifbar geworden. Doch die Mädchen wurden dadurch nur noch wütender.

Aber es sollte noch schlimmer kommen.

Als die Schule aus war, stand ein todschicker Sportwagen vor dem Schulhof.

Biggy erkannte Sigo als Erste. Sie löste sich aus der Gruppe und lief zu ihm, dass ihre Haare wehten.

»Da sind Sie ja! Mein Bruder hat schon nach Ihnen gefragt. Wollen Sie jetzt zu uns kommen? Nehmen Sie mich mit?«

Sigo blickte über ihren Kopf hinweg auf Lena.

»Nein, ich bin gekommen, um jemanden abzuholen.«

Biggy wurde blass. Langsam drehte sie sich um.

Lena machte Anstalten, zur Bushaltestelle zu gehen.

»Lena!«

Sie blieb stehen.

Mit wenigen Schritten war er bei ihr. Und alle sahen es! Sigo holt sie, Lena, ab.

Sie wurde blass.

»Aber ...«, stammelte sie.

»Grüß Gott«, sagte er mit leiser Stimme und gab ihr die Hand.

Dieses Lächeln war wie ein Magnet.

»Darf ich Sie heimbringen?«

»Aber ...«

Schon führte er sie zum Wagen. Die ganze Klasse stand buchstäblich Spalier.

Sie fuhren davon. Doch kaum waren sie um die Ecke gebogen, nahm er einen anderen Weg.

»Aber dies ist nicht der Weg zu mir nach Hause«, sagte Lena erschrocken.

»Ich dachte, wir trinken eine Tasse Kaffee und unterhalten uns ein wenig?«

Oh, dachte das junge Mädchen, wie in einem Film. Endlich ist mein Märchenprinz gekommen.

Wenn sie nicht so unerfahren gewesen wäre, dann hätte sie erkennen können, dass es nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Aber sie war so blind; sie glaubte an das Gute im Menschen. Bedingungslos. Sie glaubte ihm jedes Wort.

Und er war reizend.

In einem intimen Cafe saßen sie dann wenig später an einem Tischchen, und Lena dachte flüchtig: Mutti wird mit dem Essen auf mich warten. Ach was, ich sage ihr einfach, ich hätte den Bus verpasst.

Sigo interessierte sich anscheinend für alles, und sie erzählte ihm auch alles. Er wusste jetzt über sie Bescheid und auch über ihr Verhältnis zur Mutter und bestärkte sie noch darin, mehr für sich zu tun.

»Sie sind ein eigenständiger Mensch. Lassen Sie sich nicht mehr bevormunden. Bald sind Sie ja doch volljährig, also können Sie doch schon mal damit anfangen. Üben, verstehen Sie?«

»Das stört Mutti doch nicht, dass man volljährig ist. Da müssten Sie mal meine Brüder hören. Die haben sich endlich durchgesetzt. Na ja, die sind ja auch Männer, die können so etwas leichter.«

»Ach wo, das stimmt gar nicht! Und ich glaube, Sie können auch stur sein, geben Sie es zu?«

Sie dachte nach und lachte dann leise auf.

»Gestern habe ich damit angefangen.«

»Na, sehen Sie!«

Sie blickte ihn verträumt an und dachte: Was soll nur werden? Ich verstehe das einfach nicht.

Dann hörte sie ihn fragen: »Dürfen wir uns öfter mal treffen?«

Sie hielt den Atem an.

»Ich meine nachmittags, abends.«

Seine blauen Augen bohrten sich in ihre, sodass ihre Hände zitterten.

»Aber ...«

Er nahm diese flatternden Hände im seine und küsste sie ganz zart.

»Lena, können Sie sich nicht denken, warum ich Sie wiedersehen muss?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Sie haben einen tiefen Eindruck in mir hinterlassen.«

»Aber?«

»Was aber?«

»Ich bin so jung, unerfahren, ich ...« Sie brach hilflos ab.

»Das ist es ja, was mich so bezaubert. So etwas wie Sie findet man alle hundert Jahre. Und ich möchte Sie einfach nicht mehr verlieren.«

Sie versank schier in seinen Blick. Und er rückte noch ein wenig näher.

Sein herber Duft umfing sie wie ein Samtmantel.

»Lena?«

Sie kam in die Wirklichkeit zurück und schaute auf die Uhr.

Bestürzt sprang sie auf.

Details

Seiten
97
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934236
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v506753
Schlagworte
redlight street schaustück gebrauch

Autor

Zurück

Titel: REDLIGHT STREET #53: Schaustück zum Gebrauch