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Schicksale im Haus an der Ecke #23: Cäcil spielt zu hoch

2019 99 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Cäcil spielt zu hoch

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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Cäcil spielt zu hoch

Schicksale im Haus an der Ecke #23

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 99 Taschenbuchseiten.

 

Deike kann es noch immer nicht fassen. Marek will heiraten! Ohne viel zu bitten, ist er einfach gegangen. Marek ist mehr als King und Lude, er ist ein Freund! Bestürzt sitzt sie da und denkt: Das ist also das Ende einer Beziehung!

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Cäcil Lindemann - Dirne in München, muss sich eine Ausrede einfallen lassen.

Franz - ihr Zuhälter, meint eine gute Idee zu haben.

Marek - der »King«, sieht Vaterfreuden entgegen.

Dazu die Bewohner vom Haus an der Ecke.

 

 

1

Vorsichtig sah sich Cäcil Lindemann nach allen Seiten um, erst dann betrat sie das Haus. Die Untersuchung dauerte nicht lange, bald durfte sie sich wieder anziehen. Cäcil spürte ihr Herz bis zum Hals schlagen, und ihre Hände wurden feucht.

Der Arzt im weißen Kittel blickte sie durchdringend an. Sie war bisher nicht seine Patientin gewesen. Das war aber nichts Besonderes, sie kam als Privatpatientin und wollte eben die Bestätigung für ihren Verdacht haben.

»Ich brauche Ihnen wohl nichts zu sagen, nicht wahr?«

Cäcil schlug die Augen nieder.

»Nein«, sagte sie leise.

»Sie haben es schon eine Zeitlang gewusst?«

»Ich glaube schon«, flüsterte sie und blickte auf ihre Hände.

»Was soll ich jetzt tun? Sind Sie vielleicht zu mir in die Praxis gekommen, weil Sie annehmen, ich würde eine Abtreibung vornehmen? Nicht im fünften Monat! Es tut mir leid. Sie hätten viel früher kommen müssen, dann hätte man vielleicht darüber reden können.«

Cäcil biss sich auf die Unterlippe.

»Nein, nein, ich will ja gar keine Abtreibung«, sagte sie hastig.

Der Arzt war überrascht.

»Nicht? Das ist ja wunderbar! Dann soll ich Sie also betreuen bis zur Geburt des Kindes? Ich werde Ihnen gleich den Mutterpass ausstellen.«

Das Mädchen mit den pechschwarzen Haaren und den dunklen Augen war für den Arzt fast eine Herausforderung. Sie war wirklich schön. So etwas hatte er schon lange nicht mehr in seiner Praxis gehabt. Zugleich sagte er sich aber, sie hat irgendetwas an sich, das ich nicht verstehe. Es ist da etwas, das lockt und abstößt zugleich. Nein, sagte sich der Arzt, so darf ich nicht denken! Sie ist für mich tabu.

Cäcil hatte inzwischen nachgedacht. Jetzt erhob sie sich.

»Danke für die Unterredung. Kann ich gleich die Rechnung bezahlen?«

Der Arzt lachte auf: »Sehe ich so aus, als ob ich es so nötig hätte?«

»Ich möchte es aber. Ich möchte die Rechnung nicht zugeschickt bekommen, bitte!«

»Nun, das ist zwar ungewöhnlich, aber bitte. Wenden Sie sich an meine Sekretärin. Sie wollen also nicht meine Patientin bleiben?«

»Ich weiß es noch nicht«, sagte Cäcil leise. Wenig später zählte sie den Rechnungsbetrag ab, nickte kurz, und dann stand sie schon wieder auf der Straße.

Sie fuhr in die Stadt und setzte sich in ein Café.

»Jetzt haben wir den Salat«, murmelte sie vor sich hin. Der vornehme Stil war zur Seite gelegt. Jetzt war sie wieder das normale Mädchen. Sie stützte den Kopf in die rechte Hand und blickte aus dem Fenster.

Ich hab es ja so gewollt, dachte sie. Ich will es! Ich will endlich aufhören! Das Kind wird mir dabei helfen. Alle werden mir jetzt helfen. Er kann mir nichts mehr tun. Jetzt nicht mehr. Das darf er nicht. Jetzt bin ich im fünften Monat. Ich konnte es bis jetzt gut verstecken. Jetzt werde ich alles anders machen. Sie lächelte.

»Ich wünsche mir ein Mädchen«, sagte sie leise. »Ich werde es hübsch anziehen und viel Spass mit ihm haben. Wir werden uns alles leisten können. Das wird einfach schön sein!« Cäcil bemerkte gar nicht die bewunderten Blicke, die man ihr zuwarf.

»He, Kellner, noch einen Schnaps«, rief sie laut.

»Ja, sofort«,, sagte dieser und eilte davon.

Vielleicht sollte ich jetzt keinen Schnaps mehr trinken. Ich hätte fragen sollen, was gut für mich ist. Verdammt, ich weiß ja gar nicht, was ich alles machen muss. Ob ich noch mal zurückfahre? Ach, das kann ich ja auch später tun. Ein Schnaps wird mir wohl nicht schaden.

Sie legte die Hand auf ihr kleines Bäuchlein. Zum Glück war heute die Mode so leger, dass man getrost schwanger sein konnte, ohne dass alle Welt es sogleich bemerkte.

Mit einem Ruck kippte sie den Schnaps runter, zahlte und verschwand dann.

»Das ist eine komische Puppe«, sagte der Gast an der Kuchentheke. Der Ober antwortete nicht.

Cäcil spazierte durch den Sonnenschein. München war eine sehr schöne Stadt, besonders wenn man Zeit und Geld hatte und glücklich war. Dann war es eine Traumstadt.

Cäcil sehnte sich gar nicht danach, nach Hause zu gehen. Doch Franzi wurde grantig, wenn sie nicht daheim war. In einer halben Stunde würde er die Tür aufschließen, und wenn sie dann nicht im Haus war, würde er Krach schlagen. Sie schaffte es noch, kurz vor ihm die Wohnung zu betreten. Er sah sie am Fenster stehen und sagte: »Die Zeiten werden sich bald ändern.«

Cäcil drehte sich langsam um.

»Wieso?«, fragte sie.

»Ich will dich nicht mehr! Du kannst zu den anderen Tüllen umziehen«, erklärte der Lude knapp.

Nicht mit mir, dachte Cäcil. Ich habe es die ganze Zeit gewusst, dass dieser Augenblick mal kommen wird. Dafür haben die anderen Mädchen schon gesorgt. Sie haben mich gleich am ersten Abend aufgeklärt. Du wirst mit mir nicht dieses Spiel treiben. Du nicht, Franzi!

Ihre Augen wurden tiefdunkel.

»Hast du verstanden?«, fragte er.

Franzi war Großlude in München, nicht der größte, sondern nur einer unter vielen Großluden. Er hatte sich das Mädchen vor gut einem Jahr geangelt und sie als seine ,Braut‘ behalten. Er behielt immer die frische Ware, die ausnehmend gut war. Cäcil war jetzt abgefahren. Er konnte mit ihr nicht mehr viel anfangen. Jetzt hatte sie für ihn auf den Strich zu gehen. Sie würde gutes Geld einbringen.

»Du kannst dich schon mal darauf vorbereiten. Ich brauche noch ein paar Tage, bis ich ein freies Zimmer für dich habe. Du sollst nicht auf der Straße anfangen.«

Jetzt oder nie, dachte das Mädchen. Jetzt muss ich darum kämpfen. Wenn ich jetzt einen Fehler mache, dann ist alles aus. Dann bin ich geliefert. Ich will keine Hure werden. Nie und nimmer! Ich nicht!

»Ich bin schwanger!«, sagte Cäcil unvermittelt.

Der Zuhälter glaubte im ersten Augenblick, nicht richtig gehört zu haben.

»Wie bitte?«, fragte er.

Franzis Augen wurden zu schmalen Schlitzen.

»Ich komme gerade vom Arzt«, sagte Cäcil.

Er lachte kurz auf.

»Deswegen reißt man sich doch kein Bein aus.«

Cäcil zitterte.

»Dann wird es eben ein paar Tage länger dauern. Wir werden sofort einen Arzt aufsuchen, und der macht es dir wieder weg. Du verstehst? Damit braucht man sich nicht lange aufzuhalten.«

Cäcil sagte hitzig: »Ich will das Kind behalten! Ich will es, Franzi! Dann sind wir eine richtige Familie. Versteh doch! Ich will es austragen. Ich werde dafür sorgen. Es gibt viele Zuhälter, die heiraten und eine richtige Familie haben. Ich werde mir das Kind nicht wegnehmen lassen!«

»Was hier getan wird, das bestimme ich!«

»Franzi, ich flehe dich an! Du kannst doch nicht zulassen, dass man dein Kind tötet. Das kannst du nicht! So grausam kannst du doch nicht sein.«

Fast wäre der Zuhälter weich geworden. Er ging auf die fünfzig zu und dachte mal darüber nach, wie das Leben weitergehen sollte. Plötzlich wurde sein Gesicht grausam.

»Du verdammte, widerliche, bösartige Schlange!«

Cäcil schnappte nach Luft. So hatte sie ihn noch nie erlebt. Sie wich vor ihm zurück. Mord stand in seinen Augen. Sie stolperte über einen Sessel und fiel hin. Er riss sie hoch und fauchte sie wild an.

»Das wagst du mir anzubieten, du Hure? Also - das ist das Letzte! Und ich wäre fast darauf hereingefallen!«

Cäcil spürte neue Eisenfäuste auf ihrem rechten Arm.

»Du tust mir weh«, schrie sie. »Bitte, lass mich doch los! Was habe ich denn getan, dass du so wütend bist?«

Er warf sie gegen die Wand.

»Ich sollte dir gleich die Kehle durchschneiden«, schrie der Zuhälter. »Auf der Stelle!«

»Franzi, ich flehe dich an! Lass mich, ich werde Mutter! Du darfst mich nicht mehr schlagen!«

»Ich werde dich aus dem Fenster schmeißen«, kreischte er. »Auf der Stelle! Niemand kann mich daran hindern.«

»Ich werde schreien, schreien«, rief sie aus.

Er drückte ihr die Kehle zu. Sie sah tausend tanzende Sterne vor ihren Augen, dann wurde alles ganz dunkel. Als sie wieder zu sich kam, lag sie auf dem Sofa und stöhnte. Franzi saß im Sessel und blickte sie mit seinen eiskalten Augen ruhig an.

»Seit wann setzt du mir schon Hörner auf?«

Das junge Mädchen erschrak bis ins Mark. Sollte sie es ihm wirklich sagen? Alles? Das würde ihr Ende bedeuten. Kein Großlude ließ es sich gefallen, dass er betrogen wurde. Dafür gab es eine seltsame Moral.

»Wieso?«, fragte sie schluchzend. »Wieso kommst du denn darauf? Franzi, du weißt doch, ich liebe dich wirklich. Wie oft habe ich es dir gesagt?«

»Sei still! Sag mir endlich die Wahrheit!«

»Ich kann nichts anderes sagen«, beteuerte sie tapfer.

Sie musste jetzt zu einer Lüge greifen, um das Kind zu schützen. Vielleicht wollte er sie auch nur prüfen.

»Franzi, ich hab dich nicht betrogen. Wirklich nicht! Das kannst du mir glauben!«

»So? Du hast doch gerade erzählt, dass du einen Bastard bekommst.«

»So sprichst du von deinem Kind? O Franzi, und ich habe gedacht, du würdest dich freuen.«

Er stand auf. Für einen kurzen Augenblick sah es so aus, als würde der Zuhälter sich wieder auf das Mädchen stürzen. Doch dann ging er einen Schritt zurück und sagte höhnisch: »Du wirst lachen, es hätte mich auch gefreut. Ehrlich! Ich glaube, ich hätte mich sehr gefreut. Doch das ist nicht mein Kind, verstehst du? Und jetzt will ich auf der Stelle die Wahrheit von dir wissen, oder ich breche dir sämtliche Knochen im Leibe! Ich will es erfahren! Wer ist der Vater?«

»Franzi, warum zweifelst du denn? Ich sag es dir, Franzi, ich hab ...«

Sie kam nicht weiter. Er schnitt ihr das Wort ab und sagte eiskalt: »Ich kann keine Kinder zeugen!«

Jetzt war es heraus, sein Geheimnis.

Cäcil brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, was er ihr gesagt hatte. Als sie das verstand, dachte sie verzweifelt, ich habe mir alles so toll ausgedacht, wirklich toll. Und jetzt? Wer konnte denn auch damit rechnen?

»Warum nicht?« Etwas Blöderes konnte sie jetzt wirklich nicht fragen.

Der Zuhälter blickte sie starr an.

»Willst du vielleicht darauf eine Antwort?«

»Verzeih, nein, ich ...«

Er schrie sie wieder an.

»Wer ist der Hurenbock? Ich werde ihn umbringen! Das ist Gesetz bei uns! Wer das Mädchen eines Luden nimmt, der ist bald tot.«

Cäcil ächzte und stöhnte auf ihrem Sofa. Wenn ihr jetzt nicht ganz schnell eine passende Lüge einfiel, würde ein Blutbad stattfinden. Er würde sie so lange martern, bis sie den Namen preisgab. Dabei konnte sie sich nicht mal mehr an alle Jungs erinnern. Franzi war oft im Ausland gewesen. Da hatte sie sich heimlich aus der Wohnung geschlichen und war durch die Nachtlokale gezogen. Sie hatte viel getrunken und Zärtlichkeit gesucht. Sie war doch noch jung und sehnte sich nach Liebe und Geborgenheit. Verzweifelt grübelte sie über ihr Leben nach. Was sollte sie nur tun?

Plötzlich wusste sie es.

Sie setzte sich auf und wischte die dunklen Haare aus dem Gesicht.

»Was willst du denn?«, sagte sie brüsk. »Wenn es nicht dein Kind ist, dann kommt nur einer in Frage. Der ist dann aber auch unschuldig.«

Franzi lief blaurot an.

»Unschuldig? Keiner ist unschuldig! Hörst du? Keiner! Ich brech ihm eigenhändig die Rippen!«

»Das wirst du wohl bleiben lassen«, sagte die Kleine gelassen. Sie war froh und glücklich. Jetzt hatte sie doch noch gewonnen. Sie würde gut dastehen.

»Nein! Keiner wird verschont bleiben!«

Sie lachte ihm ins Gesicht. Cäcil fühlte sich bombig. Jetzt lief alles toll.

»Der Name!«, schrie Franzi.

»Was ist, wenn du es ihm sogar erlaubt hast?«

»Niemals! So etwas tut ein Lude nicht!«

»Wenn du sogar den Mann bedrängt hast, ihm vorgefaselt hast, du würdest dich beleidigt fühlen und so weiter? Ich hab damals nicht mit ihm schlafen wollen. Ich war ja nur ein Stück Fleisch für euch. Aber ich hab es doch getan. Jetzt, wo du mir sagst, dass du keine Kinder zeugen kannst, kommt nur er noch in Frage. Vom Heiligen Geist kann ich es schwerlich haben.«

»Sag mal, hat dich der Schlag getroffen?«

Sie lachte schallend auf.

»Nein, ich erinnere mich jetzt bloß wieder, das ist alles!«

»Ich will endlich den Namen«, keuchte er.

»Na, der Großlude von Hamburg! Erinnerst du dich denn immer noch nicht?«

Der Zuhälter hörte auf, sie anzuschreien und dachte nach.

»Was soll das?«, fragte er irritiert.

»Damals! Es waren die komischen Abschlüsse zu machen. Vor fünf Monaten muss es gewesen sein! Ja!«

»Du bist im fünften?«, fragte er.

»Ja!«

Lieber Himmel, lass es diesen Kerl gewesen sein, flehte Cäcil inbrünstig. Bitte, ich muss einen Vater aufweisen, dann darf ich mein Kind bekommen.

»Marek?«

»Ja, das war sein Name.«

Franzi plumpste auf seine vier Buchstaben. Lange starrte er vor sich hin. Ja, jetzt erinnerte er sich. Sie waren betrunken gewesen. Du liebe Güte, dachte er. Du lieber Schmarren, das ist ja ein dicker Hund!

»Siehst du jetzt, dass ich unschuldig bin?«, fragte Cäcil.

Er feixte sie an.

»Ehrlich?«

»Du oder er«, sagte das Mädchen kalt.

Er schluckte und schluckte. Marek war der Vater von Cäcils Kind. Das war ja was. Was konnte man damit nicht alles anfangen! Was war, wenn er jetzt das Kind als seins ausgab und später Marek damit unter Druck setzte? Er sagte es Cäcil.

»Ich weiß nicht, ob das gut ist!«

Plötzlich tat sich eine ganz andere Welt für den Großluden auf. Den eitlen Marek könnte er jetzt in die Pfanne hauen. Er brach in lautes Gelächter aus.

»Ich kann es noch immer nicht fassen.«

Cäcil schnurrte jetzt wie eine Katze. Sie hatte es geschafft. Im Leben würde er jetzt nicht daran denken, ihr die Knochen zu brechen.

Der Verstand des Luden arbeitete messerscharf. Marek ließ sich nicht unter Druck setzen, wenn man ihm sagte: He, Kumpel, was ich dir noch sagen wollte, mein Kind ist dein Kind. Er würde es sofort wissen wollen. Per Gutachten wahrscheinlich.

Nein, ihm musste etwas ganz anderes einfallen.

»Das hast du gut gemacht«, grinste er Cäcil an.

Cäcil lächelte verhalten.

»Fünfter Monat sagst du?«

»Ja!«

»Umso besser! Umso besser! Dem werde ich einiges heimzahlen. Und du wirst mir dabei helfen!«

Cäcil blickte ihn groß an.

»Wie denn?«

»Er wird uns auf die Dauer zu groß. Seine Macht reicht schon weit genug. Es wird langsam Zeit, dass Marek lernt, dass er sich bescheiden muss. Ich werde es schaffen, dass er einen Fehler macht. Wenn das der Fall ist, wird ihm keiner mehr vertrauen. Sein Ruf wird untergraben, und du wirst mir dabei helfen.«

Cäcil blickte ihn noch immer erschrocken an.

»Wie soll ich das machen? Ich bin nur ein kleines Mädchen. Du sagst doch selbst, ich hätte den Verstand einer Kuh.«

»Mehr brauchst du auch nicht. Du musst nur alles tun, was ich dir sage, dann wird es klappen. Und das sage ich dir, wenn du es nicht tust, dann kannst du mich kennenlernen!« Cäcil blickte ihn nur groß an. »Du wirst nach Hamburg gehen und ihm von dem Balg erzählen. Du musst ihn heiraten, verstanden?«, erklärte Franzi.

Cäcil riss die Augen auf.

»Marek heiraten?«

»O ja, das wirst du tun! Verlass dich darauf, wenn du es nicht schaffst, dann hast du mich im Nacken.«

Sie spürte, wie ihr der kalte Schweiß ausbrach. Sie kannte Marek. Er war im Augenblick der größte Lude in Deutschland. Alle sprachen mit Respekt von ihm. Und ihn sollte sie zum Mann nehmen? Für Augenblicke schloss Cäcil die Augen. Mensch, dachte die Kleine, das wäre ja das Größte. Dann wäre ich einfach super. Mareks Frau wäre ich dann. Keine Tülle gäbe es, die mich nicht brennend beneiden würde. Ich, Cäcil Lindemann, werde Mareks Frau sein.

Sie blickte Franzi wieder an.

»Du glaubst, ich kann es schaffen?«

Er blickte sie hämisch an.

»Dir bleibt wohl nichts anderes übrig, mein Täubchen.« Sie schluckte wieder. »Er soll ganz wild auf Kinder sein, habe ich mir sagen lassen. Er wird leicht zu fangen sein. Mensch, dass mir das über den Weg laufen musste! Das ist wirklich ein Knüller.«

»Ich will es versuchen«, versprach die Kleine tapfer.

»Du wirst es ihm sagen, und wenn du ihn dann geheiratet hast und das Kind da ist, wirst du weiterhin alles tun, was ich dir sage.«

Cäcil riss die Augen auf.

»Was soll ich tun?«

»Du sollst ihn aushorchen. Du wirst mir von allen seinen Plänen erzählen. Du wirst immer mit mir in Kontakt bleiben. Du wirst meine Spionin sein. Nie wird er letztendlich erfahren, wer ihn zu Fall gebracht hat.«

Cäcil wurde ganz grün im Gesicht.

»Aber er ist dann mein Mann«, flüsterte sie.

»Na und? Wenn alles gelaufen ist, wirst du doch eine hübsche Abfindung erhalten. Was willst du denn mehr?«

»Was willst du, Franzi?«, fragte Cäcil.

»Ich will Marek zu Fall bringen, das ist alles. Ich werde dann an seine Stelle treten. Das haben wir schon lange unter uns beschlossen. Wer das schafft, darf seinen Platz einnehmen. Ich sage dir, wenn du es nicht tust, dann sollst du mich kennenlernen, Täubchen!«

Cäcil zitterte.

»Dir genügt es also nicht, dass ich ihn heirate?«

»Ich will alles!«

»Und wenn ich das nicht tue?«, fragte Cäcil leise.

An den langen Haaren riss Franzi das Mädchen zu sich hoch.

»Wenn du es nicht tust, wirst du bald kein so hübsches Gesicht mehr haben. Und was das Balg angeht, nun ja, dem wird es auch nicht mehr so gut gehen, Marek wird so oder so geopfert. Wenn du dich clever anstellst, kannst du ganz groß rauskommen. Vielleicht heirate ich dich anschließend. Die Witwe Mareks zu ehelichen, ist doch etwas ganz anderes als eine Hure.«

Cäcil riss sich von ihm los. Sie hatte jetzt furchtbare Angst. In was hatte sie sich da nur eingelassen? Warum nur? Das würde sie doch nie schaffen! Sie war doch ein Hasenherz. In Hamburg dem Großluden vor die Augen zu treten, ihn dazu zu kriegen, sie zu heiraten, das allein waren schon Hindernisse, die sie nie überwinden würde.

Sie hörte Franzi sagen: »Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Du wirst gehen, und wenn ich dich selbst hinschleifen müsste. Du wirst gehen! Ich werde dich jetzt nicht mehr aus den Augen lassen. Du bist meine goldene Gans!«

Sie lag apathisch im Sessel und blickte zu ihm auf. Das Mädchen dachte, und den habe ich mal geliebt. Ich kann es noch immer nicht fassen. Ihn habe ich wirklich geliebt. Was hat er damals alles für Sprüche geklopft. Wie bin ich auf ihn abgefahren, auch noch, als ich endlich erfuhr, was er von Beruf ist. Auch da habe ich mich toll gefunden. Die Braut eines Großluden von München zu sein! Die Tüllen waren alle sauer auf mich. Ich habe das Geld, was sie anschaffen mussten, mit vollen Händen ausgeben dürfen. Ich habe mich sogar oft lustig über sie gemacht.

»Alles hat seinen Preis«, murmelte Cäcil leise.

»Was hast du gesagt?«

»Nichts!«

Er starrte sie an.

»Werde ja nicht frech!«

»Ich habe nur gesagt, mir wird schlecht«, stieß sie hervor, und dann wurde ihr auch schlecht, und sie lief ins Bad. Zufrieden blickte ihr Franzi nach.

»So, King, jetzt geht es dir an den Kragen. Ich werde niemandem etwas erzählen. Das mache ich im Alleingang. Du wirst dich noch wundern.«

Cäcil würgte und würgte. Als es ihr dann wieder besser ging, saß sie auf dem Badewannenrand und wischte sich die Tränen ab. Vielleicht würde doch noch alles gut. Vielleicht konnte sie doch noch ihren Kopf aus der Schlinge ziehen. Es musste eine Möglichkeit geben. Das konnte doch nicht alles gewesen sein.

Sie hatte das Kind behalten wollen, damit Franzi sie heiratete, damit sie wieder zu ihren Eltern gehen konnte. Sie war von daheim abgehauen und hatte am Telefon gesagt, sie käme nur mit einem Ehemann zurück. Das war ihr Ziel gewesen. Im Dorf hatte sie mit Franzis Reichtum prahlen wollen, mit dem schicken Wagen, den supertollen Klamotten. Doch sie wusste, sie konnte bei den Mädchen im Dorf nur Eindruck schinden, wenn sie sagen konnte, das ist mein Ehemann. Reiche Freunde haben konnte jeder. Da gab es genug Geschichten von den reichen Touristen. So manches Mädchen war darauf hereingefallen und dann zum Schluss ganz tief gesunken. Das wollte Cäcil halt nicht bringen. Sie wollte nur mit einem Ehemann zurückkehren.

Nun war sie schwanger. Woher sollte sie denn wissen, dass Franzi zeugungsunfähig war?

Sie presste die Hände auf ihren Leib.

»Armes Hascherl! Du wirst es nicht leicht haben. Doch sei nicht traurig! Ich werde dich immer liebhaben. Ich bin deine Mutter!«

»Kommst du bald wieder? Oder muss ich dich erst holen?«, erklang Franzis Stimme.

»Sofort!« Zitternd wischte Cäcil sich das Gesicht ab und stand wenig später wieder vor Franzi.

»Du siehst aus wie Braunbier mit Spucke«, sagte er kalt.

»Das ist normal«, sagte sie bebend. »Mein Zustand macht das.«

»Wenn man Lude ist, dann weiß man, wie so was läuft. Deswegen will ich ja auch nicht, dass die Tüllen lange damit herumlaufen. Also, hast du jetzt alles begriffen?«

Cäcil hatte in ihrer kurzen Zeit bei Franzi begriffen, wenn er mal etwas beschlossen hatte, war es zwecklos, sich dagegen aufzulehnen. Es war immer besser, wenn man es gleich annahm. Dann hatte man weniger Schwierigkeiten.

»Muss ich gleich fort?«

»Ein paar Tage kannst du schon noch bleiben. Kannst dich ja überall verabschieden. Ich verlange es sogar!«

Sie blickte ihn groß an.

»Warum?«

»Ich will nicht, dass die womöglich auf krumme Gedanken kommen und denken, dass ich dich umgelegt hätte. Nein, die werden mir keinen Stein in den Weg legen. Du wirst doch so freundlich sein und mitspielen?« Er legte seine Hände leicht im ihren Hals. Sie blickte zu ihm auf. Tapfer sagte sie: »Der Abschied wird mir schwerfallen.«

Er grinste sie an. Für wenige Augenblicke war so etwas wie Gefühl in seinen Augen zu lesen.

»Nett von dir, mir das zu sagen!« Er küsste sie flüchtig. »Wir können ja wieder zusammenkommen. Ich habe es ja schon angedeutet. Doch jetzt müssen wir den Plan ausarbeiten. Hier wirst du keinem erzählen, dass du schwanger bist, verstanden?«

»Was soll ich denn sagen, weswegen ich mich auf die Socken mache, Franzi?«

»Das ist deine Privatangelegenheit. Sie sollen ruhig rätseln.«

»Ich kann so schlecht lügen«, hauchte sie.

»Du wirst es schon bringen. Wir fangen gleich heute Nacht damit an. Ich nehme dich mit in die Bars, und dann drehen wir schon mal unsere Runde.«

»Ich will aber keinen Alkohol mehr trinken. Der Arzt hat mir gesagt, das sei nicht gut.«

»Brauchst du auch nicht! Übrigens der Arzt, welcher ist es?«

»Ich habe einen falschen Namen angegeben und die Rechnung sofort bezahlt«, sagte Cäcil schnell.

»Na also! Dann bist du doch gar nicht so dumm, Täubchen. Du wirst schon sehen, Hamburg wird dir gefallen. Du wolltest doch immer reisen. Marek reist viel umher, hin und wieder sogar ins Ausland. Vielleicht nimmt er dich mit. Es dauert ja noch ein paar Monate, bevor das Wurm da ist.«

Cäcil sagte dazu nichts.

»Kann ich jetzt gehen? Ich möchte mich noch ein wenig hinlegen, Franzi!«

»Machst du jetzt auf krank?«, fragte er lauernd.

»Nein! Ich will nur frisch sein, für später.«

»Wir verstehen uns?«, fragte er lauernd.

»Ja!«

Endlich war sie wieder allein. Wenig später verließ der Lude die elegante Wohnung. Cäcil stand am Fenster und blickte auf den Park zu ihren Füßen. Tränen kullerten aus ihren schönen Augen. »Warum bin ich bloß hier? Sie hatten alle recht. Er ist ein Schwein!«

Cäcil war schon zu lange in dieser Szene und wusste, dass Tränen zwecklos waren. Im Gegenteil, sie stachelten die anderen Menschen nur noch mehr an, einem wehzutun. Sie durfte sich jetzt keine Blöße geben.

Cäcil dachte: Ich muss fröhlich sein. Er darf nichts merken. Doch wenn ich erst einmal aus seinem Bannkreis raus bin, dann werde ich alles versuchen. Marek ist viel mächtiger und gerissener als Franzi. Ich werde es nicht zulassen. Wenn er wirklich mein Mann wird, dann werde ich es nicht zulassen. Alles werde ich tun und nichts dem Franzi sagen. Der wird sich noch wundern!

Sie ballte die Hände zu Fäusten. So viel Kraft spürte sie jetzt in sich. Sie war auf einmal erwachsen geworden.

»Du wirst dich noch wundern, Franzi! Wenn du mich auch für eine blöde Kuh hältst, ich werde mich rächen. Du wirst es schon sehen.« Mit diesen Gedanken legte sie sich hin und schlief bald darauf ein.

 

 

2

Franzi kam wie verabredet und holte sie ab. Cäcil hatte sich hübsch zurechtgemacht. Das Rüschenkleid verbarg vieles unterhalb der Taille und zeigte eine Menge Ausschnitt. O ja, Cäcil verstand sich zu kleiden. Auch im Schminken war sie ganz groß. Sie konnte sich einen süßen Schmollmund malen, das ewig Kindliche damit herauskehren. Auch die Augen waren faszinierend. Wer sah schon die tiefe Not darin, besonders nachts in den Bars bei schummriger Beleuchtung? Da herrschte nur der Sex, und die Gier der Männer nach weichen kindlichen Mädchen war unverkennbar.

Wo sie auch auftauchten, Franzi und Cäcil, war man erfreut, sie zu sehen. Cäcil betrachtete jetzt die Tüllen in den Bars mit ganz anderen Augen. Sie war freundlich zu ihnen. So manche von ihnen hatte mal ihren Platz innegehabt. Die Mädchen waren erstaunt, dass sie sich jetzt zu ihnen setzte und mit ihnen plauderte. Misstrauisch wurde die Kleine betrachtet.

»Ich gehe fort«, sagte sie nebenbei. »Ich wolle mich nur verabschieden. Darf ich euch alle einladen?«

Die Bartüllen lachten auf.

»Ach nee, hat er dir den Laufpass gegeben? Wo wirst du denn jetzt stehen? Habe ich dir nicht gesagt, das wird nicht lange dauern, das Liebesglück?«

»Ich werde nicht stehen«, sagte Cäcil.

»Nein? Dann etwa liegen?« Eine rothaarige Dirne, ziemlich verlebt schon, lachte laut auf.

Cäcil blickte sie an.

»Hast du einen Luden?«

»Sag mal, warum interessiert dich das denn?«

»Nur so, bist du also frei?«

»Willst du dich etwa anhängen?«

Cäcil begriff, dass sie hier keine Freundinnen hatte. Wie sollte sie denn auch? Die meiste Zeit hatte sie ja verächtlich zu ihnen rübergeblickt, wenn sie in die Bar gekommen war.

»Nein, ich meine nur so. Mich interessiert es, was ihr so macht. Zum Beispiel in eurer Freizeit.«

»Du Kacke, nein«, schrie die eine vulgär. »Du hast wirklich ein paar Schrauben locker. Freizeit? Weißt du denn nicht, dass wir so etwas gar nicht kennen? Wenn die Kohlen nicht stimmen, dann haben wir zu ziehen, ob die Bars nun zu sind oder nicht. Wir haben Mäuse zu machen, kapiert? Und da die Kohlen meistens nicht stimmen, rackern wir uns ab. Und was du mit dem Luden willst, ich habe einen, einen Schakal, verstehst du? Du kannst ihn geschenkt bekommen. Wirklich! Ich wickel dir den Kerl sogar noch in Glanzpapier ein, wenn du mir versprichst, dass du ihn behältst.«

Cäcil sagte: »Warum bleibt ihr dann nicht allein, wenn es so anstrengend ist?«

»Du blöde Kuh, warum bist du denn bei Franzi?«

Nein, sie konnte den verlebten Dirnen nicht erklären, dass sie wirklich mal an ihre Liebe geglaubt hatte. Sie würden sich totlachen. Viel mehr reden konnte sie jetzt nicht, denn Franzi gab ihr ein Zeichen.

»Lebt wohl«, sagte sie hastig.

»Auf dein Wohl«, kreischten die Mädchen. »Kannst dich ruhig jeden Abend verabschieden! Wenn du es bezahlst, haben wir nichts dagegen.«

Franzi hielt sie auf der Straße fest.

»Hast du etwas verraten?«

»Die sind ja alle besoffen. Die glauben mir außerdem nicht. Die sind alle zu.«

»Umso besser!«

»Was hat das für einen Zweck?«

»Du wirst so weitermachen. Wir werden es behalten. Ich will es einfach so.«

»Hast du Angst?«, fragte Cäcil direkt.

Das hätte sie nicht sagen dürfen. Er schlug ihr ins Gesicht.

»Sag das nie mehr, verstanden? Ich habe keine Angst. Ich bin der Größte!«

Cäcil fühlte den brennenden Schmerz und schluckte die Tränen runter. Und du hast doch Angst, dachte sie wütend. O ja, ich spür es deutlich. Da ist was. Aber ich weiß nicht, was es ist. Es ist mir auch egal. Ja, jetzt freue ich mich langsam, dass ich von dir fortkomme.

»Los, komm mit!«, befahl Franzi.

Wieder ging es in eine rauchige und stickige Bar. Sie konnte den Gestank fast nicht mehr ertragen. Wieder waren die Huren so gemein, alles stank nach Sex und Kerlen. Cäcil wurde es übel. Die Art, wie sie sich an die Kerle ranmachten, schon auf der Tanzfläche! Sie fummelten den Männern in den Hosenschlitzen herum, ungeniert! Die Männer genossen es auch noch und lachten.

Cäcil kam alles so schmierig, so gemein vor.

Die ganze Zeit hatte sie sich toll gefunden, all die vielen Monate. Jetzt sah sie es zum ersten Mal ohne rosa Brille.

Das ist also das große Leben, dachte sie. Dieses Ranmachen in diesen Kaschemmen. Irgendwann fallen sie wie tot ins Bett, ein paar Stunden Schlaf, und dann ziehen sie wieder los. Oft waschen sie sich nicht mal gründlich. Sie stinken alle widerlich. Und doch musste sie lächeln. Sie musste sich ja verabschieden. Hier lief alles weiter. Sie würden sich nie daraus befreien können. Sie saßen bis zum Hals in dieser Misere. Cäcil ballte die Hände. Ich werde es schaffen! Nie und nimmer werde ich eine gemeine Hure. Ich nicht! Und wenn ich dafür alles hergeben müsste. Ich werde wie verrückt kämpfen.

Die Dirnen glotzten sie an.

»So, weg willst du? Dann nichts für ungut. Ist der Platz bei Franzi wieder frei?« Sie lachten dreckig. »Na, du kochst auch nur mit Wasser. Keine Hure kann einen Luden lange fesseln. Das ist nun mal so. Nichts für ungut!«

Cäcil ekelte sich vor den Mädchen. Wie hatte sie das früher nur ausgehalten? Sie verstand das selbst nicht mehr. Sie wollte jetzt auch nicht mehr darüber nachdenken.

Die Nacht war fast vorüber. Franzi hielt sie fest. Sie taumelte fast nur noch.

»Du bist wohl auch nicht mehr taufrisch, wie?« Er lachte schallend.

»Der Geruch macht mich fertig«, murmelte sie. »Das hängt wohl mit meinem Zustand zusammen.«

»Soll wohl so sein. Hast dich aber tapfer gehalten. Jetzt ist es vorbei. Du hast deine Rolle gut gespielt.« Er klopfte gönnerhaft auf ihren rechten Arm. Das Mädchen dachte: Du bist ein Schwein! Ein mieses, widerliches Schwein! Auch das ist mir jetzt aufgegangen.

Als sie wieder daheim waren, fragte sie kurz: »Was wirst du tun?«

Er blickte sie starr an.

»Was soll das? Ich habe eine Menge zu tun, wenn du fort bist.«

»Neue Geschäfte?«

Sein Ausdruck wurde lauernd.

»Warum willst du wissen, was ich machen werde?«

»Ist das nicht normal? Wir waren doch lange zusammen. Wir waren so etwas wie ein Paar. So einfach kann man doch nicht alles vergessen«, log sie tapfer. Cäcil hatte sich nämlich vorgenommen, ganz auf nett zu machen. Er sollte nicht einen Augenblick auf die Idee kommen, sie wolle ihn betrügen.

Er wurde für Sekunden weich.

»Werd mich schon trösten. Mach du nur deine Sache gut! Ich werde dich nicht aus den Augen lassen.«

»Willst du mich in Hamburg bewachen lassen?«

»Ich möchte es gern tun. Doch Marek ist zu gerissen. Nein, ich werde wohl ein wenig warten müssen. Erst wenn alles sicher ist, werde ich meine Fühler ausstrecken.«

Sie ging schlafen. Cäcil war froh, dass Franzi nicht mehr zu ihr kam. Lange lag sie wach und blickte zur Zimmerdecke. Warum hatte sie nur nicht früher den Mut aufgebracht und war gegangen? Im Mondschein sah sie das Bild an der Wand hängen. Es zeigte sie selbst, in einem weißen Kleid mit einem Sonnenschirm. Vor einem Jahr war es aufgenommen worden. Damals war alles noch so schön gewesen. Sie presste die Lippen zusammen. Nein, nicht daran denken! Das tat nur weh!

Sie hatte Angst, München zu verlassen. So hoch im Norden sollte sie leben. Sie brauchte ihre Berge. Würde sie nicht eingehen vor Heimweh?

Vielleicht gab es doch einen Gott. Vielleicht konnte er ihr helfen. Wann hatte sie eigentlich aufgehört zu beten? Auch das wusste sie nicht mehr. Er wird mir was pfeifen, dachte sie verzweifelt. Wenn man in Not ist, sucht man ihn, und wenn es einem gutgeht, vergisst man ihn. Der will jetzt bestimmt nichts von mir wissen. Da ist alles Beten zwecklos. Hilf dir selbst, dachte sie.

Dann war sie eingeschlafen.

 

 

3

Die Größe der Stadt war es nicht allein, die Cäcil erschreckte. München war ja auch kein Dorf. Nein, hier war doch alles ein wenig anders. Cäcil stand auf dem Bahnsteig. Aus den Augenwinkeln erkannte sie sogleich die Schlepper und die kleinen Luden. Auch die Mädchen erkannte sie, und die Stricher. Das war normal, auf allen großen Bahnhöfen der Welt konnte man sie antreffen. Auch sie wurde sogleich näher in Augenschein genommen. Sie lächelte. Schon machte sich so ein kleiner Fiesling an sie heran. Er redete sie freundlich an und wollte ihr helfen. Er glaubte ein dummes Mädchen vom Lande vor sich zu haben, zwar nicht gerade arm, denn sie war toll gekleidet, aber eben dumm.

Cäcil blieb stehen und blickte ihn für Augenblicke starr an. Dann sagte sie eiskalt: »Verzieh dich, oder ich trete dir deine Eier butterweich!«

Er knickte in den Knien ein und blickte offenen Mundes in das schöne Gesicht. Dann kreischte er laut auf: »Du hast wohl ein paar Schrauben locker, Alte!«

»Wenn du mich nicht zufrieden lässt, werde ich mich an die Bahnhofspolizei wenden.«

Er lächelte tückisch. So schnell konnte man einen Hamburger Stricher nicht einschüchtern.

»Du wirst gar nichts! Wenn ich will, bist du schneller abserviert, als die Bullen überhaupt hinsehen können.«

Cäcil musterte ihn von oben bis unten.

»Wirklich? Sehe ich so aus, als würde ich das glauben, Stricher?«

Er schluckte.

»Bist du etwa eine Professionelle?«

Sie lächelte verächtlich.

»Was du nicht sagst!«

»Hör mal! Hättest du mir ja gleich sagen können! Jetzt sind die anderen Mädchen weg. So ein Mist!«

»Habe ich dich vielleicht gerufen?«, fragte Cäcil.

Er nestelte an seiner Jacke herum.

»Kannst dir ein paar Flöhe verdienen, wenn du meine Koffer zum Taxi trägst«, sagte Cäcil huldvoll.

Der Stricher blickte sie sprachlos an. Er sollte arbeiten? Wie ein Kuli? Das war der Hammer! Das hatte man ihm schon lange nicht mehr zugemutet.

»Mensch Alte, mach dich dünn, oder wir walzen dich platt! Du, wenn du meinst, du kannst hier absahnen, dann muss ich dich warnen. Du wirst nicht einen Fuß hier aufbauen können, schon sind die Luden zur Stelle.«

»Wirklich? Wer sagt denn, dass ich eine miese Hure bin? Sehe ich etwa so aus?«

Er sah ihre dunklen Augen und schluckte. Sie war ein nettes hübsches Ding. Mit der ins Bett zu steigen, wäre nicht schlecht. Da könnte er auch aufhören, Stricher zu sein. Vielleicht konnte er sie so umbügeln, dass sie ihn als Beschützer annahm. Das wäre wirklich ein Schnäppchen.

Er bekam ganz feuchte Hände.

Schließlich ließ sich doch noch ein Mann auftreiben, der Cäcils Koffer trug. Franzi hatte dafür gesorgt, dass sie gute Sachen mitbekam. Sie sollte ja auftreten können. Marek sollte bloß nicht denken, sie sei nichts wert. Er musste ihr auf den Leim gehen.

Cäcil blickte den Stricher an und winkte dann. Er hörte nur noch die Adresse, die sie dem Taxifahrer sagte. Er zuckte zusammen. Wer kannte die nicht?

»Mensch, mich jucken sie«, murmelte er verdutzt. »Das hätte ins Auge gehen können!«

Ein Freund von ihm kam näher.

Details

Seiten
99
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934229
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v506752
Schlagworte
schicksale haus ecke cäcil

Autor

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Titel: Schicksale im Haus an der Ecke #23: Cäcil spielt zu hoch