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Der Baron #11: Der Spaß ist aus, mein Schatz!

2019 118 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Baron #11: Der Spaß ist aus, mein Schatz!

Copyright

Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

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Der Baron #11: Der Spaß ist aus, mein Schatz!

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.

 

Ein Flugzeug mit einer bedeutenden Menge Gold wird über dem Dschungel abgeschossen. Baron Alexander von Strelitz hatte Kontakt mit dem Piloten und kann ihn retten. Doch dann stellt er fest, dass das vermeintliche Gold nur aus Blei besteht. Hat da jemand einen Riesenschwindel aufgezogen, oder sind die Guerilleros die Schuldigen? Sie jedenfalls brauchen viel Geld für ihre Revolution. Baron Alexander steht vor einer schweren Aufgabe.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

Alexander von Strehlitz, genannt der „Baron“, 38 Jahre, 1,88 m groß, dunkelhaarig, gut aussehend, schlank und muskulös, sehr sportlich, abgeschlossenes Zoologiestudium, Hobbysegler und Hochseeschiffer mit Kapitänspatent für große Fahrt, bekannter Schriftsteller von Reiseberichten und Expeditionserlebnissen, Leiter von verschiedenen Expeditionen in Afrika und Südamerika, in Übersee durch seine Goodwillreisen zugunsten unterentwickelter Gebiete in Südamerika bekannt geworden, Sieger vom Indianapolis-Rennen für schwere Tourenwagen 1969, ebenso bekannt in Monte Carlo und der Jet-Society als brillanter Pokerspieler und Gesellschafter. Frauen vergöttern ihn, Männer schätzen ihn als prächtigen Partner und umsichtigen Leiter oft abenteuerlicher Unternehmungen.

Robert Burton, der Sekretär des Barons, 35 Jahre alt, 1,70 m groß, spärliches dunkelblondes Haar, korpulent, Brillenträger, gelernter Bankkaufmann, ein Mathematiker aus Passion, spricht sieben Fremdsprachen und hat ein fabelhaftes Gedächtnis, viel Sinn für Statistiken und Daten. Robert arbeitet seit Jahren für den Baron und weiß über dessen Finanzen besser Bescheid als der Baron selbst. Hat die Eigenart, immer dann französisch mit dem Baron zu sprechen, wenn es um Geldfragen geht.

Michel Dupont, genannt „Le Beau“, 28 Jahre alt, 1,75 m groß, drahtiger durchtrainierter Mann mit dunklem Haar, kantigem, nicht sehr schönem Gesicht mit zerschlagener Nase. Seit vielen Jahren dem Baron ein treuer Freund und Begleiter auf vielen abenteuerlichen Reisen. Le Beau ist gebürtiger Franzose, sehr leidenschaftlich, liebt Frauen und gutes Essen und Trinken, ist leicht zu erregen, ein ausgezeichneter Karatekämpfer, Motorbootfahrer aus Leidenschaft und begeisterter Reiter. Außer Frauen und Pferden liebt er auch rasante Wagen. Er ist gelernter Motorenschlosser und Flugzeugmechaniker.

James Morris, der Chauffeur des Barons, 31 Jahre alt, 1,94 m groß, sehr stark und breit, wiegt über zwei Zentner, Stirnglatze, sonst struppiges, dunkelblondes Haar, breites Gesicht mit Stupsnase. James war früher Artist, nämlich Untermann einer menschlichen Pyramide. Nach einer Knöchelverletzung verlor er sein Engagement und geriet in schlechte Kreise. Der Baron holte ihn gegen Kaution aus einem Lissaboner Untersuchungsgefängnis und fand in James den treuesten Anhänger, den ein Mensch sich denken kann. Wo James hinschlägt, blüht keine Blume mehr, aber gleichzeitig hat der Hüne ein friedliches gutartiges Gemüt, tut für den Baron alles, aber dass der Baron einen so mäßigen Autofahrer wie ihn zum Chauffeur gemacht hat, begreift James selbst nicht.

Das also sind der BARON und seine Freunde ROBERT, LE BEAU und JAMES. Ein echter und draufgängerischer Mann und seine Freunde. Ihr Feld ist die Welt, heute sind sie reich, morgen haben sie keinen roten Heller, und immer sind sie bereit, dem Teufel auf den Schwanz zu treten, wenn es gilt, anderen zu helfen, die in Bedrängnis sind. Keiner von ihnen ist ein Tugendbold, aber wenn die Lage es erfordert, halten sie eiserne Disziplin. Sie sind vier knallharte Männer, und für manch einen sind sie die letzte Hoffnung. Sie lieben das Abenteuer, sie lieben das Leben. Ob im Orkan auf See, im dampfend heißen Urwald oder auf schillerndem Parkett des Casinos von Monte Carlo, sie sind überall zu Hause. Es gibt Zeiten, da trinken sie Sekt und essen Kaviar, und es gibt Situationen, da teilen sie sich den letzten Tropfen lauwarmen und brackigen Wassers und kauen auf harter Brotrinde. Und immer bleiben sie Kameraden und halten zusammen … der Baron und seine Crew.

 

 

1

Der Mann verließ sein Zimmer im vierten Stock des Hotels auf ungewöhnlichem Wege, nämlich über den Balkon.

Von Weitem sahen diese Balkons an der Fassade des Gebäudes aus wie angeklebte Schwalbennester. Nur wer genau hinschaute, konnte zwischen ihnen den etwa fußbreiten Sims erkennen, der wohl eine Verzierung sein sollte.

Auf diesem Sims spazierte der Mann entlang. Er hütete sich, nach unten zu schauen, obwohl er garantiert schwindelfrei war. Aber es war sein erster Versuch als Trapezkünstler zwischen Himmel und Erde, und das ohne Netz.

Als er den Nachbarbalkon erreichte und sich hinüberschwang, erstarrte er plötzlich. Eine Stimme sagte stöhnend: „Oh, Muchacho, du bist wie ein Vulkan. Du erdrückst mich, Chico.“

Der Mann duckte sich und huschte an der geöffneten Balkontür vorbei. In der Ferne zuckten die Blitze jetzt beinahe ohne Pause, dort, wo die Berge lagen und die Minen; wo Menschen wie Mulis schufteten und Gold und Platin und neuerdings auch Edelsteine aus den Stollen scharrten.

Er schwang sich über die andere Brüstung und begann seine waghalsige Turnpartie von Neuem. Unten auf der Straße Jaulte eins der dreißig Taxis dieser elenden Stadt vorbei. Alle drei Meter hupte der Fahrer wie bestusst, obwohl zu dieser späten Stunde bestimmt kein Esel mehr über die Straße rannte.

Wieder ein Balkon. Ein Radio spielte leise. Ein Mann sagte: „… ich habe genau gesehen, dass du diesen Baron mit den Augen verschlungen hast. Es ist jedes Mal dasselbe mit dir. Wenn ein neuer Mann ins Revier kommt, kriegst du Stielaugen.“

Die Frau lachte leise und girrend. „Aber Emery, du kannst doch wirklich nicht erwarten, dass ich deinetwegen auf alle Freuden des Daseins verzichte. Im Übrigen wolltest du mich vor ein paar Tagen auf diesen Piloten ansetzen …“

„Quatsch. Meine Liebe, ich habe dich eine ganze Weile an langer Leine laufen lassen. Das kann sich auch ändern! Verdammt, diese Hitze bringt mich noch um. Wir sollten uns auf den Balkon setzen.“

„Wenn du glaubst, dass es da kühler ist, bitte. Hier wedelt wenigstens der Ventilator ein bisschen. Draußen kannst du glatt ersticken. Das ist immer so vor einem Gewitter.“

Der Mann auf dem Balkon war froh, dass er einen schwarzen Trainingsanzug angezogen hatte. Er linste, auf dem Bauch liegend, um die Ecke der Tür und sah einen überdimensional fetten Mann in einem Sessel liegen und schnaufen. Das war Emery Bolzon, ein vielseitiger Unternehmer, von dem es hieß, dass er drüben in den Staaten Pleite gemacht hatte.

Merkwürdigerweise warf Bolzon hier in Quantigua aber mit dem Geld herum, als hätte er in der Lotterie gewonnen.

Die Frau auf der Couch, Janet Wescott, galt offiziell als seine Sekretärin. Vielleicht war sie auch seine Geliebte oder beides. Oder auch beides nicht. In diesem Land und in dieser Stadt war nichts unmöglich.

Der Mann schlich weiter, rutschte über die Brüstung und kletterte auf dem nächsten Sims entlang. Schweiß lief ihm in Bächen über den Körper und machte seine Hände glitschig.

 

 

2

Alexander von Strehlitz, Baron genannt, duschte schon zum zweiten Male innerhalb einer Stunde. Das einzig Gute an diesem Hotel war, dass es nie Wassermangel hatte. Die Reservoire oben in den Bergen waren unerschöpflich, zumal die Tropengewitter mit schöner Regelmäßigkeit Nachschub an Wasser brachten.

Er rubbelte sich trocken und zog nur Bermuda-Shorts an, als er das Bad verließ.

Da sah er den Schatten vor dem Fenster, und gleich darauf füllte eine massive Gestalt den Türrahmen aus. Der Lampenschein konnte ihn nicht erreichen.

„Hallo, Alexander!“, sagte der Mann.

,„Na so was!“, sagte Alexander. „Wie kommst du auf meinen Balkon, Jan? Meine Tür ist abgeschlossen …“

„Ich übe mich als Fassadenkletterer. Man weiß ja nie, was die Zukunft bringt.“

Der Baron zog einen Sessel an den Tisch. „Platze, Jan. Ich habe mich schon gewundert, dass ich dich nicht ansprechen durfte. Was ist los?“

Jan van Akeren, Flugkapitän einer renommierten Charterfluggesellschaft wischte den Schweiß von Stirn und Nacken und schlenkerte die nasse Hand. „Ich bin verdammt froh, dich hier zu haben, Alexander. Das Schlimme ist, dass ich mit keinem Menschen hier reden kann. Schon gar nicht über meine Befürchtungen. Ich werde die Mentalität dieser Menschen in den Tropen nie begreifen.“ Jan van Akeren war Holländer und lange Jahre für die KLM geflogen. Mit dem Baron verband ihn mehr als flüchtige Bekanntschaft, seit Jahren schon. Wie der Baron ja überhaupt in aller Welt Freunde hatte und gute Bekannte.

„Du darfst es den Menschen hier nicht übelnehmen, Jan“, sagte Alexander, „dass sie sich mit ihren Lebensgewohnheiten der ständigen Hitze und Schwüle anpassen. Was hier heute nicht geschieht, das wird eben morgen getan.“

„Oder gar nicht. Oder schluderig.“

„Na schön. Ich hörte, dass du schon seit fünf Tagen mit deiner Maschine hier festliegst? Es war purer Zufall, dass dein Chef mich in Tampico erreicht hat.“

„Hauptsache, er hat dich erreicht. Und vor allem danke ich dir, dass du gleich hergekommen bist.“

„Nicht der Rede wert. Ich war ohnehin auf dem Weg nach Caracas, da konnte ich mich auch einen oder zwei Tage eher frei machen.“

Jan van Akeren griff in die Tasche und zog ein wenig mehr als daumennagelgroßes Etwas hervor. „Ich will mich kurz fassen, Alexander. Kennst du das?“

Alexander nahm das Ding und nickte. „Ein Mikrofon. Ein sogenannter Minispion, auch von vielen als Wanze bezeichnet.“

„Das steckte in meinem Telefon. Ich werde also überwacht. Besonders meine Telefonate.“

„Hm. Warum? Was ist an einem Flugkapitän so Besonderes, dass man ihn belauscht? Du bist doch nicht etwa ein verkappter Spion?“

„Mir ist nicht nach Witzen, Alexander. Ich befürchte, es steht im Zusammenhang mit meinem nächsten Flug. Auch die Sabotageakte an meiner Maschine haben bestimmt damit zu tun.“

„Und wen oder was hast du zufliegen?“

Jan van Akeren beugte sich vor und flüsterte, als hätten die Wände Ohren: „Gold! Und Platin! Und Edelsteine.“

„Aha. Du glaubst, es gibt Interessenten für die Ladung?“

„Darauf kannst du getrost Gift nehmen! Wenn meine Maschine morgen früh nicht wieder kaputt ist, starte ich um zehn Uhr. Ich wollte, du könntest mit an Bord gehen, Alexander.“

„Das wird sich kaum machen lassen. Es sei denn, dein Kopilot verstirbt plötzlich oder kriegt Malaria oder Cholera. Und selbst dann wird es schwierig werden, weil die Leute hierzulande hinter jedem einen Revoluzzer vermuten.“

„Das ist wahr. Ich befürchte, dass die Maschine unterwegs explodiert. Ich habe nie geglaubt, dass ich mal Angst haben könnte. Jetzt habe ich Angst“

Alexander konnte es ihm nachfühlen. In diesen mittelamerikanischen Ländern lebte man ständig auf dem Pulverfass. Es gab nicht nur Guerillas, sondern auch rivalisierende Gruppen unter den Militärs. Kein Mensch konnte sich damit zurechtfinden.

„Die Maschine wird bewacht?“, fragte er.

„Jetzt ja. Rund um die Uhr. Ich selbst habe sie von vorn bis hinten mit meinem Kopiloten und dem Flugingenieur durchsucht. Aber vielleicht schmuggeln sie die Bombe mit der Ladung an Bord.“

„Nicht, wenn du dabei bist und die Augen aufsperrst. Von wo kommt die Ladung?“

„Ich glaube, direkt von den Minen. In Panzerwagen. Die Barren sind in Kisten verpackt.“

„Ihr fliegt allein? Ich meine, die Besatzung mit der Ladung?“

„Nein. Der Präsident der Nationalbank fliegt mit, und außerdem ein General.“

„Zielhafen?“

„New Orleans. Ich wollte, ich hätte die ersten dreihundert Kilometer und damit dieses verfluchte Land hinter mir!“

Alexander dachte darüber nach. Soweit ein Außenstehender überhaupt die Verhältnisse in diesem unterentwickelten und ausgebeuteten Land überblicken konnte, glaubte er im Bilde zu sein.

„Hast du ganz bestimmte Anhaltspunkte für deine Befürchtungen, Jan?“, fragte er.

Der Flugkapitän wiegte den Kopf, nahm den Minispion vom Tisch und hielt ihn auf der ausgestreckten flachen Hand.

„Dies ist eigentlich der letzte Stein des Anstoßes, Alexander. Zuerst habe ich mir gar nichts bei dem Job gedacht. Ob ich nun Gold und Juwelen transportiere oder Maschinenteile oder Autos, das ist mir schnurzegal. Warum belauscht man meine Telefonate? Und vor allem: Wer tut das?“

„Ist sonst etwas Außergewöhnliches geschehen?“

„Hm. Unsere Stewardess liegt seit gestern im Hospital mit Amöbenruhr. Unser hiesiger Agent hat schon Ersatz besorgt. Eine tolle Puppe.“

„Die solltest du besser nicht mitnehmen. Es gibt weibliche Partisanen, die viel fanatischer sind als Männer.“

Van Akeren tippte sich an die Stirn. „Darauf hätte ich auch selbst kommen können. Ich werde gleich …“

Alexander hob die Hand. „Nein. Warte damit bis unmittelbar vor dem Start. Komplimentiere die Señorita hinaus und achte darauf, dass sie nicht zufällig ihre Flugtasche vergisst. Außerdem würde ich an deiner Stelle auf den Nachtschlaf verzichten und die Maschine selbst bewachen. Leider kann ich dir dabei nicht helfen. Man würde mich nicht mal bis auf hundert Schritte an das Flugzeug heranlassen.“

„Das ist richtig. Sonst noch Empfehlungen?“

„Ich weiß nicht, Jan. Gold lockt Haie an. Ich glaube nicht, dass jemand eine Bombe an Bord versteckt.“

„Warum nicht?“

„Was nutzt dir der schönste Goldschatz, wenn er mit einem Flugzeug in undurchdringlichen Dschungel stürzt oder ins Meer?“

„Ich weiß nicht. Ich traue den Guerillas alles mögliche zu. Wenn sie die Regierung schädigen können, schrecken sie vor nichts zurück.“

„Du kannst das Risiko nur einengen, es aber nicht völlig ausschließen. Ich habe da noch eine Idee, obwohl sie nicht viel nutzen dürfte …“

Der Baron setzte dem Freund auseinander, was ihm eingefallen war. Eine Lebensversicherung war auch das nicht.

 

 

3

Morgens um acht Uhr stand Alexander auf der Flugleitung und sah die gepanzerten Transportwagen an die Transportmaschine heranrollen. Es war eine Carvair, ein für Transportzwecke umgebautes Flugzeug des Typs DC 4 und insoweit eine der robustesten Maschinen, die jemals gebaut worden waren. Der große Vorteil dieses Typs war, dass er praktisch auf jeder größeren Wiese starten und landen konnte, nur einen kurzen Rollweg benötigte und deshalb für Flugplätze wie den von Quantigua bestens geeignet war.

Als Nachteil konnte man betrachten, dass die Carvair nur ein lahmer Vogel war mit einer Reisegeschwindigkeit von 330 km/h. Der Baron betrachtete das jedoch in dieser Situation als Vorteil, denn seine Twin Bonanza war mit 380 km/h nur unwesentlich schneller.

Er saß in dem kleinen Restaurant direkt unter einem großflügeligen Ventilator und fühlte sich trotzdem wie in einer Sauna. Das nächtliche Gewitter hatte keine Abkühlung gebracht, die Sonne strahlte schon wieder unbarmherzig vom blass-blauen Himmel, und kein Lüftchen regte sich. Nur Myriaden von Insekten schwirrten herum und freuten sich des Lebens.

Alexander führte die zweite Tasse Mokka zum Mund. Ausgezeichneten Mokka, aus landeseigener Ernte. Er hätte Tote munter gemacht.

Aus den Augenwinkeln sah Alexander die blonde Frau und den fetten Mann, die langsam durch die Tischreihe auf ihn zu kamen. Er hatte Blondie schon abends zuvor in der Hotelbar begutachtet, als sie ihn mit einem Feuerwerk von Blicken bedachte. Der Himmel mochte wissen, wodurch dieses Luxusgeschöpf in diese trostlose Gegend verschlagen worden war.

Es erstaunte Alexander nicht einmal, dass die quiekende Schweinsstimme des dicken Mannes plötzlich unmittelbar neben ihm erklang. „Sie erlauben, Baron?“

Alexander erhob sich lächelnd und rückte der blonden Lady den Stuhl zurecht. „Bitte, Sir.“

Der unglaublich dicke Mann platschte auf den Stuhl. „Bolzon mein Name. Und das ist Janet Wescott. Sie werden den Namen längst gehört haben, Baron, weil in diesem Kaff unglaublich geschwatzt wird.“

Alexander nahm wieder Platz und schüttelte lächelnd den Kopf. „Nein, Mr. Bolzon, ich habe nichts gehört, weil ich bei Klatsch grundsätzlich die Ohren schließe.“

Er saß so günstig, dass er den Blick durch die weit geöffneten Terrassentüren frei hatte auf die Goldmaschine Jan van Akerens. Mindestens fünfzig bis an die Zähne bewaffnete Grünhemden standen in lockerem Kreis rings um die Maschine, die MPs schussbereit.

„Ein interessantes Schauspiel, nicht wahr?“, sagte Bolzon.

Alexander wischte ein paar lästige Insekten vom Nacken, obwohl das vergeudete Kraft war. „Ich mache mir nichts aus militärischen Demonstrationen. Wird etwa der Präsident erwartet?“

Die Frau lachte leise. „Aber nein. Sie sollten doch besser auf den Klatsch achten, Baron. Man bringt Gold an Bord des Flugzeuges.“

„Ach. Hat man zu viel davon aus den Bergen gekratzt?“

„Nein. Der Staat braucht Waffen und Flugzeuge, außerdem Baumaschinen, weil das letzte Erdbeben erheblichen Schaden angerichtet hat. Die USA liefern nur gegen Barzahlung und nehmen am liebsten so harte Währung wie Gold.“

„Was man ihnen sogar nachfühlen kann.“ Alexander schaute zur Uhr, leerte dann die Tasse und erhob sich. „Sie verzeihen, dass ich aufbreche. Ich hoffe, dass die Wetterfrösche mir mittlerweile sagen können, ob mir unterwegs kein Hurrikan begegnet.“

Bolzon hob die Hand. „Sie fliegen zurück in die Staaten? Wäre es Ihnen möglich, Miss Wescott mitzunehmen? Leider nimmt die Frachtmaschine keine Passagiere außer den Bewachern des Goldes mit. Und die nächste Linienmaschine kommt erst übermorgen.“

„Tut mir schrecklich leid, aber mein Ziel ist Caracas.“

Blondie zog einen Flunsch. „Schade. Sehr schade.“

Alexander lächelte in ihre grünen Augen hinein. „Niemand kann das mehr bedauern als ich, Madam. Adios.“

Er ging mit dem leichten Gepäck an der Hand zur Wetterwarte und erfuhr, dass über der Küste eine Gewitterstörung liege, die sich aber leicht umfliegen lasse. Weiter südlich sei nichts gemeldet, was ihm Ärger bringen könne.

Worauf Alexander zur Flugleitung ging und sich abfertigen ließ.

 

 

4

Jan van Akeren empfing seine beiden erlauchten Fluggäste persönlich: General Munoz und den Präsidenten der Banco National, Señor Vereno.

Er sagte: „Ich hoffe, dass alles für Ihre und auch unsere Sicherheit getan worden ist. Ich habe vorsichtshalber sämtliche Kisten mit den Goldbarren öffnen lassen und persönlich den Inhalt überprüft.“

„Wie bitte?“, fuhr der General auf. „Meine besten Leute waren dabei, als die Kisten gepackt wurden!“

„Gewiss, Exzellenz. Aber mein Vater war immer sehr eigen, wenn es um seinen Kopf ging. Er war nämlich Sprengstoffexperte. Von ihm habe ich das Motto übernommen: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“

Präsident Vereno strich über den weißen Schnurrbart, um das Lächeln nicht zu zeigen. „Sie sind der Kommandeur an Bord, Señor Akeren. Wir vertrauen Ihnen.“

„Danke. Aus diesem Grunde werden Sie auch auf die Bedienung durch die Stewardess verzichten müssen.“

Der General schien nicht bereit zu sein, auch diese Kröte zu schlucken. „Was soll das? Ich sehe doch die ausnehmend hübsche Señorita hinten am Einstieg!“

„Es ist eine Ersatzkraft, General. Sie kennen sie nicht, ich kenne sie nicht. Ich möchte nicht, dass Sie ein Schlafmittel in den Brandy bekommen. Unser Bordingenieur wird Sie mindestens ebenso gut bedienen. Sie entschuldigen mich bitte!“

Jan ging auf die Stewardess zu, deren Funktion es eigentlich war, nach dem Wegrollen der Gangway den Einstieg zu schließen.

„Sie heißen Aruja, nicht wahr?“

Ein paar schwarze Augen funkelten ihn an. Augen von einem Schwarz, wie er es selten gesehen hatte, nicht einmal bei überreifen Kirschen.

„Aruja Senida, si, Señor Capitan.“

„Dann nehmen Sie jetzt bitte Ihre Tasche mit all Ihren Utensilien und verlassen Sie die Maschine. Unser Agent wird Sie ausbezahlen, als hätten Sie den Flug absolviert.“

Sie begriff nicht gleich. „Ja, aber … aber was bedeutet das?“

„Genau das, was ich sage. Unsere Gesellschaft hat entschieden, dass wir Ihre Dienste nicht benötigen.“

Er las in ihren Augen ein Gemisch aus Ratlosigkeit, Empörung und Zorn. Sie wurde blass unter der dunkel getönten Haut, wie alle Südländer sie unter südlicher Sonne bekamen. „Das ist eine bodenlose Unverschämtheit“ zischte sie. „Ich bestehe darauf …“

Jan van Akeren ließ sie stehen, ging in die Galley – die winzige Küche – und nahm ihre Flugtasche von der Anrichte. Sie riss sie ihm aus der Hand und rannte förmlich die Gangway hinunter.

Er schaute ihr nicht nach, sondern öffnete den Container, in dem das Essen in Kühlboxen bereit lag. Natürlich war auch er überprüft worden, doch Jan ging ganz auf Nummer Sicher. Wenn zum Beispiel eine Bombe in einem der leckeren Menüs versteckt war …

Es gab keine Bombe, wohl aber einen doppelten Boden im Container. Er brauchte ihn nur seitlich zu kippen, unten zwei Schrauben zu lösen – und was kam zum Vorschein?

Erstens eine geladene Pistole, mit Heftpflaster sorgfältig an die Bodenplatte geklebt. Zweitens zwei Reservemagazine. Und drittens ein kleines Fläschchen mit einer wasserhellen Flüssigkeit. Vermutlich ein Betäubungsmittel.

Aber damit konnten sich später Chemiker befassen.

Aufatmend steckte Jan die Pistole in die Tasche der Jacke, die er trotz der Hitze trug, verschraubte dann die Bodenplatte wieder und trat an die Tür. Die Rolltreppe wurde auf sein Handzeichen weggeschoben, er schloss das Schott und verriegelte es und fühlte sich plötzlich von Zentnerlasten befreit.

Er war überzeugt, dass es jetzt keinen Kummer mehr geben würde.

Es irrt der Mensch, solang er strebt!

 

 

5

Der Baron ließ sich Zeit. Er saß im Cockpit der Twin Bonanza, hatte sich angeschnallt, beide seitlichen Schiebefenster geöffnet und kam sich trotzdem vor wie in einer Höllensauna.

Er nahm das tragbare Funksprechgerät aus der Flugtasche, das auf eine ganz niedrige UKW-Frequenz eingestellt war, die hier bestimmt von keinem benutzt wurde und folglich auch nicht abgehört werden konnte. Ein gleiches Gerät hatte Jan van Akeren drüben in der Carvair.

Alexander wartete, bis er Jan auf dem Pilotensitz erkennen konnte, drückte den Mikrofonknopf und sagte auf deutsch: „Hörst du mich?“

Die Antwort kam sofort. „Empfang ausgezeichnet. Start in einer Viertelstunde.“

„Verstanden. Ich melde mich ab und warte in der verabredeten Position. Ende.“

Alexander legte das Handgerät weg und schaltete das Bordfunkgerät ein. Er bekam sofort die Starterlaubnis, ließ die Motoren an und rollte zum Ablaufpunkt.

Als er das Gas hineinschob und schnell und immer schneller über die schmale Betonpiste rauschte, konnte er erkennen, dass die Carvair gerade den ersten Motor angelassen hatte. Die Luftschraube drehte sich flirrend.

Er hob ab und ging auf Südostkurs. Schon nach ein paar Minuten meldete er sich beim Tower ab, nachdem er gemeldet hatte, dass er sich mit einer Steiggeschwindigkeit von fünfzehn Fuß pro Sekunde auf die angewiesene Höhe von zehntausend Fuß begebe.

Zur Linken stiegen die imposanten Flanken der Berge bis auf zweitausend Meter. Bald schon dehnte sich unter ihm undurchdringlicher Dschungel. Es gab nicht eine befahrbare Straße von hier zur Küste, nur Saumtierpfade. Wer zur Küste wollte – die vom Fieber verseucht war wie auch schon vor tausend Jahren –, der stieg am besten in ein Boot und benutzte einen der zahlreichen Flüsse. Aber so verrückt waren nur die Indios und ganz selten ein Weißer.

Dort, wo der Rio Tuma mit einer Kaskade von Wasserfällen die Berge verließ, hatte Alexander eine Höhe von dreitausend Metern erreicht, und er stieg immer noch weiter. Aber er flog nicht mehr auf dem angegebenen Kurs, sondern schraubte sich in weit ausholenden Warteschleifen höher und höher.

Dann wisperte Jan van Akerens Stimme im Lautsprecher des Handgeräts, das Alexander sofort aufnahm und ans Ohr drückte.

Akeren gab Kurs und Höhe an und genaue Position. Und er sagte, was er im Essenscontainer entdeckt hatte.

„Na also“, erwiderte Alexander befriedigt. „Sieht so aus, als wären damit alle Probleme erledigt.“

„Ich glaube auch. Flieg ruhig nach Caracas weiter, sonst wird dir der Sprit zu knapp.“

„Nein. Ich lande ohnehin in Panama zwischen, also begleite ich dich jetzt auch.“

„Wie du willst. Danke.“

Abends zuvor hatten sie ausgemacht, dass Alexander Jans Frachtmaschine begleiten würde bis halb nach Yucatan hinauf. „Wenn dann eine Bombe explodiert“, hatte Jan gesagt, „dann weißt du wenigstens, wo du einen Kranz für mich abwerfen kannst.“

Alexander hatte kreisend eine Höhe von sechstausend Metern erreicht, als er weit unter sich die im Sonnenlicht glitzernden Schwingen der Carvair erblickte. Er griff zum Funkgerät.

„Ich sehe dich. Bin gut doppelt so hoch wie du. Folge dir. Ende.“

Jans Antwort war nur knapp. „Verstanden. Sehe dich nicht, macht aber nichts. Ende.“

Die Carvair zog unten vorbei. Sie hatte eine Flughöhe von wenig mehr als dreitausend Metern und blieb damit direkt über der weißen Watte der Wolkendecke, die jetzt heranschwamm. Alexander hängte sich in einem Abstand von mehreren Meilen hintendran.

Die Gewitterfront über der Küste, das sah er schon aus der Entfernung von einigen fünfzig Kilometern, hatte sich so gut wie ausgeregnet. Zwar türmten sich noch einige herrlich aussehende Ambosse bis zu seiner Höhe empor, doch die waren mit Leichtigkeit zu umfliegen.

Die Wolkendecke war schon bald nicht mehr aufgelockert, sondern eine zusammenhängende wabernde Masse, die aber direkt an der Küste endete. Offenbar war auflaufende Flut, deshalb wurde das Gewitter daran gehindert, aufs Meer hinauszuziehen und schob sich träge an der Küste entlang nach Norden.

Der Baron hatte seine Reisegeschwindigkeit der wesentlich langsameren Carvair angepasst. Bald, wenn sie erst die Küste hinter sich hatten, war alle Gefahr vorbei. Dachte er.

Denn er dachte, dass nur eine Bombe das Flugzeug gefährden könne, und das war ein folgenschwerer Irrtum.

Plötzlich blitzte etwas schräg rechts voraus im gleißenden Sonnenlicht auf, das blendend auf der weißgrauen Watte der Wolken reflektierte. Alexander hätte es fast übersehen, schaute schärfer hin und griff schnell zum bereitliegenden Fernglas. Da er die Kurssteuerung eingeschaltet hatte, konnte er beide Hände benutzen.

Ein Flugzeug. Natürlich ein Flugzeug, was sonst! Das sah aus wie …

Nein, es sah nicht nur so aus, sondern es war ein Jäger! Eine Jagdmaschine aus dem letzten Weltkrieg, eine Thunderbolt.

Das Glas riss die stumpfnasige, bullige Maschine bis auf Griffnähe heran. Sie flog seitlich versetzt zur Carvair und mindestens tausend Meter höher. Und sie glich ihre Geschwindigkeit der Carvair ungefähr an.

Genau das machte Alexander stutzig. Von Geleitschutz durch Jäger des Landes war keine Rede gewesen. Außerdem trug der Jäger kein Hoheitszeichen. Das konnte nur bedeuten …

Hastig hängte Alexander das Glas weg und griff zum Funkgerät. „Achtung, Jan, Achtung! Hörst du mich?“

Die Carvair hatte soeben die Küstenlinie überflogen und damit auch die Wolkendecke hinter sich gelassen. Nur noch vereinzelte Schäfchen schwammen unter ihr, und über ihr war azurner Himmel. Durch die Schäfchenwölkchen konnte Alexander das dunkle Meer sehen mit leicht silbernen Riffeln darauf.

Endlich Jans Antwort. „Ich höre dich. Was ist los? An Bord alles mobil. Ich trinke gerade ein Tässchen Mokka.“

„Schmeiß ihn weg! Geh sofort auf Gegenkurs, schnell! Sieh zu, dass du in die Wolken kommst, Jan!“

„,Aber warum denn, zum Teufel?“

„Ein Jagdflugzeug ist gerade oben rechts über dir aufgetaucht. Eine Thunderbolt, falls dir das was sagt!“

„Au! Danke, Alexander. Ich beeile mich! Und wie ich mich beeile!“

Alexander sah, wie die Carvair sich auf die linke Fläche stellte. Er konnte nur hoffen, dass es früh genug war, und dass der Jäger das Manöver zu spät bemerkte. Er war mindestens doppelt so schnell wie die Carvair und konnte binnen Sekunden den Vorsprung zusammenschmelzen lassen.

Da war es schon soweit!

Alexander hielt den Atem an. Er behielt stur seine Höhe bei, denn natürlich konnte er nichts ausrichten, absolut gar nichts. Gegen die Thunderbolt hätte er nicht mal mit MGs an Bord etwas machen können.

Der Jäger kippte über die linke Fläche ab und raste mit plötzlich schnell wachsender Geschwindigkeit auf das schwerfällige Opfer zu. Die Carvair war mindestens noch einen Kilometer von den schützenden Wolken entfernt, wenn nicht mehr. Sie hatte die 180-Grad-Kurve eben abgeschlossen und jagte mit Vollgas auf die Küste und die Wolken zu.

„Achtung!“, schrie Alexander ins Mikrofon. „Er greift an! Er kommt aus der Sonne und sitzt schräg links hinter dir. Wenn ich sage Jetzt, geh sofort in eine steile Rechtskurve!“

Der Jäger, eine riesige, silbern glitzernde Hornisse, raste auf die wehrlose Frachtmaschine zu. Der Abstand verringerte sich schlagartig, zumal er Höhe aufgab und aus blauem Himmel herabstürzte. Noch dreihundert Meter, noch zweihundert – und keine Antwort von Jan.

„Jetzt!“, schrie Alexander.

Jan van Akeren reagierte blitzschnell. Die linke Fläche der Carvair schraubte sich empor, und der Jäger spie Feuer und Tod.

Aus mindestens vier MGs, in den Flächen starr eingebaut, sprühten die Feuergarben.

Der Feuerstoß ging ins Leere. Der Jäger rauschte vorbei, und Alexander schrie: „Linkskurve! Auf die Wolken zu! Gib Höhe auf, Jan!“

Wieder reagierte der Flugkapitän prompt. Alexander sah, wie der Jäger über den Wolken hochschoss und rasend schnell in einer Messerkurve kehrt machte. Aber jetzt hatte Alexander wieder Hoffnung.

Offenbar begriff der Jäger, dass die Wolken binnen weniger Sekunden die Carvair verschlucken würden. Er griff von vorn an und schoss schon auf eine Distanz von mindestens fünfhundert Metern.

Mit angehaltenem Atem verfolgte Alexander die Zickzackspur der Leuchtspurgeschosse.. Er sah, dass Jan die Carvair wieder in eine verrückte Rechtskurve legte. Schon waren die Wolken ganz nahe, schon drückte Jan die schwere Maschine so stark an, wie es eigentlich schon nicht mehr erlaubt war, weil die Flächen nicht für einen so riesigen Druck konstruiert waren…

Da war der Jäger heran. Die Geschosse fraßen sich in die hochragende linke Fläche der Carvair, schwenkten weiter zum Cockpit und zerfetzten die Glaskanzel.

Und dann streifte der Jäger mit seiner linken Fläche die schon in hellen Flammen stehende linke Tragfläche der Carvair

Alexander schloss die Augen. Er glaubte das berstende Kreischen zerfetzenden Metalls zu hören. Er sah, wie der Jäger ein Stück geradeaus weiterflog, wie plötzlich aus seiner demolierten Fläche Flammen loderten – und wie er dann torkelte und jenseits der Küstenlinie ins Trudeln kam. Mit einer schwarzen Rauchfahne hinter sich stürzte er hinunter wie ein Stein.

Es interessierte Alexander kaum noch. Mit zitternder Hand griff er zum Funkgerät und rief heiser: „Jan! Hörst du mich, Jan?“

Die Carvair war in der Wolkenwand verschwunden, nichts mehr vor ihr zu sehen. Kein Feuer, kein Rauch, nichts. Und keine Antwort.

Alexander drückte die Twin Bonanza an und schoss beinahe im Sturzflug auf das Wasser zu. Es würde sich zeigen, wie es unter den Wolken aussah. Wenn Jan in den Dschungel gestürzt war, musste die Brandfackel meilenweit zu sehen sein.

Alexander fing die Maschine dreihundert Fuß über der Wasserlinie ab und jagte auf die Küste zu. Ein Stück rechts von ihm regnete es, aber direkt voraus hatten die Wolken ihre schwere Wasserlast wohl schon ausgewrungen.

Wieder, wenn auch ohne Hoffnung, griff er zum Mikrofon. „Jan! Hörst du mich?“

Da, ganz leise, die Antwort, nicht mehr als ein heiseres Flüstern. „Wir sind erledigt, Alexander. Ich kann die … die Maschine nicht mehr halten. Wir stürzen.“

„Halt aufs Wasser zu, Jan! Ich hole dich raus! Zur Küste, Jan!“

„Ich … versuche es …“

Alexander zog die Twin Bonanza an der Küste entlang nach Norden. Wo steckte die Carvair? Die Wolkenuntergrenze lag bei höchstens dreihundert Metern über dem Dschungel. Wo würde sie herauskommen?

Alexander leitete eine Rechtskurve ein, die ihn wieder auf See hinausführte. Der schmale Streifen Sand unter ihm sah einigermaßen brauchbar für eine Landung aus. Natürlich konnte das täuschen, aber er war bereit alles zu riskieren für den Freund.

Plötzlich sah er die Carvair. Sie taumelte über den Dschungel heran, schräg zur Küste, und war fast schon in Höhe der Baumwipfel. Jetzt rutschte sie gleichsam über die letzten Bäume hinweg, jetzt hatte sie freies Wasser unter sich …

Alexander zog die Twin Bonanza in einer Steilkurve herum. Mindestens zwei Meter waren von der linken Fläche der Carvair einfach weggefetzt. Dafür hielt sie sich noch wacker, die alte Tante.

Von Jan van Akeren konnte Alexander nichts sehen. Die Verglasung der Kanzel war zersplittert. Aber Jan hielt die Maschine noch immer, hungerte sie mit ausgefahrenen Landeklappen an das Wasser heran. Der Propeller des linken Außenmotors stand.

Und da spritzte das Wasser in riesigen Fontänen auf. Das große Flugzeug, mehr als dreißig Meter lang und mit einer Flügelspannweite von fünfunddreißig Metern, verwandelte sich in ein Schiff. Würde es gleich untertauchen?

Alexander jagte vorbei und dann über dem Strand entlang, der hier ungefähr fünfzig Meter breit sein mochte. Direkt hinter dem feinen weißen Sand erhob sich die grüne Wand des Dschungels.

Es musste riskiert werden!

Kehrt, Fahrwerk raus. Landeklappen raus, Gas zurück. Ganz sanft setzte das Fahrwerk auf, tat nicht einen Hopser – rollte aus.

Und hundert Meter von der Küste entfernt schwamm die Carvair auf dem Luftkissen in ihrer Zelle. Na also!

 

 

6

Da Alexander mit der Twin Bonanza mehr als tausend Meilen über See geflogen war, hatte er natürlich eine komplette Seenotausrüstung an Bord. Also auch ein Schlauchboot mit Stechpaddel, leider ohne Motor.

Er riss es aus der Seitenklappe, und es pumpte sich automatisch auf, während Alexander schnell aus dem Anzug stieg und die Badehose anzog.

Er lief mit dem Boot im Schlepp ins Wasser, das Gott sei Dank nur mit leichter Brandung auflief. Als es ihm bis zum Bauch ging, stieg er ein und benutzte das Paddel wie einen Rammbock.

Die ersten Minuten waren harte Arbeit, doch dann fluppte es besser, und er kam der Carvair schnell näher. Es war ein großer Vorteil, dass die Kanzel bei dieser Version der DC 4 hoch über den Stauraum gebaut war. So schwappte das Wasser bisher nur über einen Teil der Tragflächen hinweg.

Alexander wusste, dass das Meer hier von Haien wimmelte. Darum wäre er nur höchst ungern zum Wrack hinausgeschwommen. Außerdem war es zweifelhaft, ob er noch an die Seenotausrüstung der Carvair herankommen konnte.

Er machte das Boot an einer Verstrebung des Kabinenfensters fest. Jan van Akeren lag zusammengesunken über dem Steuerhorn und rührte sich nicht. War doch alles zu spät?

Mit dem Paddel zerschlug Alexander die Kabinenscheiben, die eigentlich nur noch aus Scherben bestanden. Dann zog er sich hoch und jumpte hinein. Viel Zeit blieb ihm nicht, denn das Wasser gluckste und strudelte.

Jan blutete aus einer hässlichen Schulterwunde. Sonst schien ihm nichts passiert zu sein. Außer dem Schock natürlich.

Der Kopilot hing in den Gurten. Tot. Der Flugingenieur lag zwischen den beiden im schmalen Gang. Auch tot.

Alexander öffnete die Verbindungstür zur Kabine. Seine schlimmsten Befürchtungen traten ein. Der General und der Präsident der Nationalbank lebten nicht mehr. Die Garbe aus den MGs hatte grausame Ernte gehalten.

Die Verbindung zum Frachtraum war offen. Dort unten schwappte schon das Wasser und stieg ziemlich schnell. Wahrscheinlich war die Zelle hinten an der Sollbruchstelle beim Aufprall aufs Wasser geborsten.

Aber Alexander konnte nicht widerstehen. Er sprang hinunter, riss eine der schweren Kisten auf und nahm einen Goldbarren heraus. Nicht, weil er dem Glanz des gelben Metalls nicht hätte widerstehen können, beileibe nicht.

Ihm war diese ganze Geschichte einfach zu rätselhaft. Mitten im Frieden ein Jägerangriff auf eine Frachtmaschine, das ließ sich wirklich als Rätsel bezeichnen.

Denn wer Gold wittert, der will es auch ernten und es nicht vernichten!

Er kehrte ins Cockpit zurück, warf den Goldbarren ins Schlauchboot und stieß die Tür auf, die direkt hinter dem Cockpit lag, der Einstieg für Passagiere und Besatzung. Er hob den mindestens zwei Zentner schweren Jan van Akeren aus dem Pilotensitz und schleppte ihn im Schweiße seines Angesichts hinaus.

Der Abstieg zum Schlauchboot war zu schwierig. Er musste Jan ins Wasser daneben werfen, sprang sofort hinterher, erwischte Jan beim Haar, zerrte ihn hoch und brachte ihn unter Aufbietung aller Kräfte ins Schlauchboot, ehe ein gefräßiger Hai da war.

Als er die Leine löste und lospaddelte, lag die Carvair schon mindestens zwei Meter tiefer im Wasser als vorhin. Von den Flächen war schon nichts mehr zu sehen. Bald würde sie ganz verschwunden sein. Für immer verschwunden.

 

 

7

Es regnete Gott sei Dank nicht, als Alexander seinen Freund notdürftig verarztete. Jedenfalls gelang es ihm, die Blutungen zu stoppen. Mehr konnte er nicht tun. Er war auch ziemlich geschafft.

Der Goldbarren, Gewicht vierzehn Kilo und mit dem echten Prägestempel des Finanzministeriums versehen, lag schwer in seinen Händen. Er betrachtete ihn von allen Seiten und fand nichts auszusetzen. Gar nichts. Es war zweifellos Gold.

Trotzdem holte er sein Messer und schnitt eine Kerbe in eine Kante.

Und nun war es kein Gold mehr. Unter einer höchstens millimeterstarken Schicht des gelben Metalls kam ganz schlicht und einfach Blei hervor. Die Amerikaner würden sich für diese Lieferung schön bedankt haben!

Also Betrug! Vermutlich von höchsten Regierungsstellen oder gar vom Präsidenten gedeckt. Und dafür mussten Menschen sterben, dafür wurde sogar ein Jäger eingesetzt. Unvorstellbar!

Aber wahr. Er, Alexander von Strehlitz, hatte es mit eigenen Augen gesehen, war Tatzeuge geworden.

Und auch Jan van Akeren war Zeuge. Und das Beweismaterial, der gezinkte Goldbarren, lag vor ihm.

Alexander schleppte den immer noch bewusstlosen Jan in die Twin Bonanza und schnallte ihn an zwei Sitzen, über die er ihn quergelegt hatte, fest. Die Flut hatte jetzt ihren Höchststand erreicht und den Strand bis auf höchstens dreißig Meter eingeengt. Das machte den Start nicht leichter.

Die Motoren kamen sofort. Er rollte die Maschine ein gutes Stück den Strand hinauf, denn er brauchte für den Start ungefähr dreihundert Meter. Vielleicht bei diesem Sand auch etwas mehr. Gut fünfhundert Meter standen ihm zur Verfügung.

Es war ein ziemlich beklemmendes Erlebnis, als er den Donnervogel dicht an der undurchdringlichen Wand des Dschungels entlang auf Touren brachte. Aber schließlich wollte er hier ja nicht überwintern.

Nur zögernd löste sich die Twin Bonanza aus dem weichen Sand, aber dann gewann sie schnell Höhe. Alexander ging in eine Linkskurve, sah ein letztes Mal das fast schon untergetauchte Wrack der Carvair und dann, sehr viel weiter rechts und viel weiter draußen, den großen Ölfleck. Die letzte Erinnerung an den Jäger, der seinen Angriff mit dem Leben bezahlt hatte.

 

 

8

Der Mann hieß Bedell Harkener, sah ungefähr so aus wie Dwight D. Eisenhower in seiner besten Zeit, und hielt die Lippen so fest verschlossen wie eine Auster ihre Schalen. Er war vom US-Schatzamt und ein erstklassiger Zuhörer.

Um diese Zeit, abends um zehn Uhr, hatte Jan van Akeren die OP längst hinter sich und lag auf der Intensivpflegestation. Es ging ihm nicht schlecht, wenn es ihm auch viel besser hätte gehen dürfen. Jedenfalls hatte er alle Aussichten, dass er noch oft ins Cockpit einer Maschine klettern würde.

Der Raum, in dem sie saßen, war so hermetisch von der Außenwelt abgeschlossen wie eine Stahlkammer. Kein Laut kam durch die Doppelfenster, kein Unberufener konnte auch nur ein Wort der Unterhaltung hören, die der Baron mit dem Vertreter des US-Schatzamtes führte. Er wusste, dass inzwischen alle möglichen Erkundigungen über ihn eingezogen wurden, aber viel wichtiger war ihm, dass jedes seiner Worte als äußerst geheime Kommandosache behandelt wurde.

„Das“, schloss er seinen genauen Bericht ab, „ist die Sachlage, Mr. Harkener. Sie werden zugeben, dass den Piloten nicht die geringste Schuld trifft. Er hatte von Anfang an ein ungutes Gefühl, und ich wollte, wir hätten uns noch etwas Besseres einfallen lassen.“

Harkener lehnte sich ein wenig zurück und betrachtete seine Zigarre, als sei sie mit Pferdehaaren präpariert. „Baron, ich kann an Ihrer Geschichte nicht den geringsten Fehler entdecken, den Sie sich hätten zuschulden kommen lassen. An ein Verbrechen dieses Ausmaßes hätte keiner denken können. Ich vermag es noch immer nicht zu glauben.“

„Ich auch nicht, hätte ich es nicht gesehen. Die Ladung der Carvair war in vollem Umfang versichert?“

„.Natürlich. Bei einer unserer renommierten Versicherungsgesellschaften.“

„Also entsteht der Regierung des Goldlieferlandes kein Schaden?“

„Kein materieller Schaden, das ist richtig.“

„Aber den USA ist Schaden erwachsen, denn die Versicherung muss zahlen. Wie viel?“

„Die Ladung hatte einen angegebenen und versicherten Wert von fünfzig Millionen Dollar.“

„Fünfzig Millionen für vergoldetes Blei. Nicht schlecht.“

„Es stinkt zum Himmel! Pardon, aber so etwas ist mir in meiner ganzen Praxis nicht vorgekommen. Dass eine Regierung die Hand leiht zu einem so schmutzigen Verbrechen …“

„Und wenn es nicht die Regierung war?“

Bedell Harkener erlaubte sich ein müdes Lächeln. Es stand ihm besser als die ständig eingefrorene Miene. „Aber Baron! Würde es sich um zehn oder zwanzig Goldbarren handeln, die gegen simples Blei vertauscht wurden, dann könnte ich Ihnen beipflichten. Nein, einer Räuberei in so großem Stil ist nur ein wirklich großes Verbrechersyndikat fähig – oder aber eine Regierung.“

Alexander hob die Schultern. „Es brennt mir auf den Nägeln, dieser Schweinerei auf den Grund zu kommen. Aber wenn ich gegen eine Regierung antreten soll, bin ich überfordert. Das ist ganz allein Ihr Bier. Sie können ein Bergungskommando ausschicken und die Beweise für die Räuberei vorlegen. Dann legen Sie damit der Regierung des betreffenden Landes die Daumenschrauben an.“

Bedell Harkener schüttelte leicht bekümmert den Kopf. „Das wird leider nicht gehen, Baron. Wie Sie sagen, liegt das Wrack knapp hundert Schritte von der Küste entfernt. Wir sind nicht befugt, in die Dreimeilenzone einzudringen. Wie tief wird dort ungefähr das Wasser sein?“

„Höchstens zwanzig Meter.“

„Die Bergung wäre also kein Problem. Angenommen, Sie würden selbst das Risiko übernehmen …“

„Um nach Blei zu tauchen? Nein, Mr. Harkener. Aber mir fällt etwas anderes ein. Haben Sie dem fraglichen Land jemals Jagdflugzeuge geliefert?“

„Gewiss. Die letzten vor zwei Jahren.“

„Können Sie feststellen, ob sich Thunderbolts darunter befunden haben?“

„Dazu bedarf es nur eines Anrufs im Pentagon.“

„Gut. Ferner wäre ich Ihnen verbunden, wenn Sie feststellen könnten, ob durch irgendwelche andere Kanäle Jagdmaschinen dorthin gelangt sind. Über Waffenhändler zum Beispiel.“

„Lassen Sie mir ein wenig Zeit, Baron. Wir werden uns noch öfter unterhalten. Für heute bin ich Ihnen außerordentlich dankbar.“

„Das war eine Selbstverständlichkeit, Mr. Harkener. Ich rechne auf Ihre volle Diskretion! Es darf auch niemand erfahren, dass Jan van Akeren es überlebt hat.“

„Natürlich nicht. Wie Sie wissen, liegt er unter dem unverfänglichen Namen Jon Smith in der Klinik. Wir werden alles für ihn tun und schon im eigenen Interesse jeden Fremden von ihm fernhalten. Schließlich ist er neben Ihnen unser Hauptzeuge. Wir finden Sie im Hotel NAPOLEON?“

„Jederzeit.“

„Gut. Falb Sie es sich doch noch überlegen sollten, für uns tätig zu werden, Baron – die Erfolgsprämie würde weit über den üblichen zehn Prozent liegen.“

Selbst dieses Angebot war keine Musik in Alexanders Ohren. Er wurde das Bild nicht los, wie der Jäger sich auf die schwerfällige Carvair stürzte und aus allen Rohren den Tod schoss. Nie würde er das vergessen!

 

 

Details

Seiten
118
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934212
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v506742
Schlagworte
baron spaß schatz

Autor

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Titel: Der Baron #11: Der Spaß ist aus, mein Schatz!