Lade Inhalt...

Redlight Street #111: Zwanzig Freier für die sanfte Wilma

2019 104 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Zwanzig Freier für die sanfte Wilma

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

Zwanzig Freier für die sanfte Wilma

Redlight Street #111

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 104 Taschenbuchseiten.

 

Die schüchterne Wilma bekommt durch eine Arbeitskollegin etwas mehr Selbstbewusstsein, aber es fehlt ihr an Menschenkenntnis. Als die Kollegin in Urlaub ist, fällt Wilma auf einen Mann herein, der ihr Liebe vorgaukelt. Schnell stellt sich seine wahre Natur heraus, er ist ein Zuhälter, der Wilma auf grausame Weise zu einer Dirne macht. Bleibt ihr als einziger Ausweg der Selbstmord?

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https//twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier

https//cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

 

1

Wilma war eine kleine Näherin! Niemand mochte sie besonders gern. Nicht, weil sie diesen Beruf ausübte, nein; denn in der Fabrik, in der sie arbeitete, gab es viele hundert Mädchen. In ihrem Saal befanden sich zugleich in einer Schicht fünfzig. Nein, das war es nicht! Man mied sie, weil sie eben anders war.

Das hieß, sie war das Kind eines Deutschen und einer italienischen Mutter. Der Vater hatte sich nie viel um die Erziehung gekümmert. So sprach sie wohl zwei Sprachen, aber in der Schule hatte sie oft versagt, weil sie die Grundbegriffe der deutschen Sprache nicht lernen konnte oder wollte. Außerdem war sie ziemlich scheu. Doch sie hatte ein hübsches Gesicht; braun-grüne Augen und halblanges braunes Haar. An ihrem Aussehen lag es gewiss nicht, dass man sie ablehnte.

Ihr Vater hatte für einige Zeit im Gefängnis gesessen. In so einer kleinen Stadt wurde nichts vergessen. Man ließ es immer an den Unschuldigen aus. Die Mutter lebte auch sehr zurückgezogen, ohne jeden Kontakt. Die Eltern des Vaters waren mit dieser Heirat nie einverstanden gewesen. Die Mutter war ja nur Gastarbeiterin gewesen. Also wurde die Familie von der Verwandtschaft gemieden.

Wilma ging oft an ihren Großeltern vorbei, aber sie wagte nicht, sie anzusprechen. Als Kind hatte sie sehr darunter gelitten, anders zu sein. Künder waren ja so grausam und vergaßen nichts. Sie verkroch sich, hielt sich von den anderen fern und wurde dadurch immer einsamer. Sie hasste die Fabrik. Aber etwas anderes hatte man ihr seinerzeit nicht geboten. Bei den Zeugnissen! Immer wurde sie abgeschoben. Sie wäre gerne in die Lehre gegangen. Hätte etwas Anständiges gelernt. Sie war so verzweifelt bemüht, sich anzupassen, aber sie schaffte es nicht. Und jetzt stand sie am gleichen Platz, an dem vor vielen Jahren die Mutter ihr Geld verdient hatte.

Wilma hatte auch noch mehrere Geschwister. Aber das waren Buben. Die kümmerten sich nicht um das Geschwätz der Nachbarn. Sie waren viel rauer. Ja, es kam sogar oft vor, dass man die Schwester auch noch hänselte. Die Mutter ließ es geschehen, sie war unzufrieden und erschöpft. Wenn man immer zu wenig Geld hat, immer nur mir dem Nötigsten auskommen muss, sich nie mal etwas gönnen kann, wird man verbittert.

Als Wilma dann aus der Schule entlassen wurde, kam sie, wie gesagt, gleich in die Fabrik. Sie verdiente nicht schlecht. Oft machte sie auch noch Überstunden.

Wilma gab alles Geld daheim ab. Sie hatte es nicht anders gelernt. Außerdem glaubte sie, die Mutter könnte mit dem Geld besser umgehen als sie selbst.

Der Vater ging keiner regelmäßigen Beschäftigung mehr nach. Seit damals, als man ihn wegen Betruges entlassen hatte, war es sehr schwer für ihn geworden.

Jetzt ging es daheim ein wenig besser. Wilmas Geld kam pünktlich und füllte die Haushaltskasse. Man konnte sich hin und wieder auch mal etwas leisten. Wilna war nun achtzehn, doch sie hatte keinen Freund und war stets daheim, half der Mutter, und diese war froh darüber. Wilma dachte nie daran, Geld für sich auszugeben.

Die Fabrikmädchen lachten schon über sie.

»Du läufst auch wohl immer mit den vorletzten Fetzen herum, wie? Wo lässt du nur dein ganzes Geld, Wilma?«

Die anderen Mädchen behielten in der Regel ihr Geld und dachten nicht im Traum daran, daheim außer dem Kostgeld etwas abzugeben.

Sie schwieg verbissen. Denn Wilma hatte festgestellt, auch wenn man mal das Wort an sie richtete, hörte man ja doch nie richtig zu, wenn sie eine Antwort gab.

Es tat schon weh, wie schick die Mädchen waren. Wie ungezwungen sie sich benahmen. Und welch fesche Burschen sie alle hatten. O ja, am Montag ging es in der Fabrik stets hoch her. Da wurde vom Wochenende erzählt. Und was die Mädchen nicht alles erlebt hatten!

Einige nahmen kein Blatt vor den Mund. Wilma musste alles mit anhören, auch wenn sie dabei schamrot wurde. Dann lachte man sie nur noch mehr aus.

Die Freunde der Mädchen hatten alle ein Auto. Sie unternahmen viel gemeinsam und fuhren auch zusammen in Urlaub.

Wilma dachte traurig: Ich werde wohl wie Mama. Ich werde nie anders werden. Nie!

Ihr größter Wunsch war, einen netten jungen Mann kennenzulernen, den sie dann wirklich lieben konnte. Dann würden sie heiraten, in eine kleine Wohnung ziehen. Und später würde man dann ein, zwei Kinder haben. Man würde Großmutter und Großvater haben. Eine richtige Familie!

Aber wer kümmerte sich denn schon um sie?

Alle in der Stadt kennen mich, dachte sie. Niemand wird je mit mir tanzen gehen. Außerdem, ich kann ja nicht mal tanzen. Und wie ich dann auch noch aussehe. Wie eine Vogelscheuche! Die Mädchen haben ganz recht, mit meiner Kleidung kann man keinen Staat machen.

Wenn dann der Erste war und sie ihr Geld in Händen hielt, dachte sie oft: Jetzt werde ich mit Mutter reden. Ich brauche auch ein wenig Geld für mich. Doch wenn sie heimkam, dann sagte ihr die Mutter stets: »Später, nicht diesen Monat. Das geht auf keinen Fall. Du weißt doch, die Raten. Die müssen eingehalten werden.«

Das hatte sie in der Tat ganz vergessen. Die Raten für den Kühlschrank, für den neuen Herd, für den Fernseher. Und was sie sonst noch alles gekauft hatte.

Wilma dachte: Wann hört das eigentlich mal auf?

So lebte sie still und einsam, und man überging sie vollkommen.

 

 

2

Wilma musste oft die Lieferscheine für die Ware ins Büro bringen. Die anderen Mädchen hatten dazu keine Lust. Erstens musste man dabei die ganze Halle durchqueren, wozu die meisten zu bequem waren, und außerdem hatten sie mit den Mädchen, die auf dem Büro saßen, keinen Kontakt. Die eingebildeten Zicken, sagten sie immer wütend, die stecken die Nase so hoch in die Luft, pah, mit denen wollen wir nichts zu tun haben.

Das stimmt gar nicht, dachte Wilma oft. Die Mädchen sind viel netter als alle hier im Saal zusammen. Sie behandeln mich immer freundlich und geben mir eine klare Antwort, wenn ich mal etwas nicht weiß.

Aber den Fabrikmädchen waren sie ein Dom im Auge. Weil die Büroangestellten eine bessere Schulbildung und eine Lehre absolviert hatten, waren die Näherinnen neidisch und eifersüchtig. Aber das brauchte man ja der blöden Wilma nicht zu sagen.

»Los, nimm diesen Packen auch noch mit.«

Der Meister sagte: »Bleib aber nicht zu lange fort, verstanden!«

Wilma ließ sich mal wieder wie ein Packesel beladen und machte sich auf den Weg.

Sie war noch in den Vorhallen, als sie auf Anette stieß.

»Herrje, warten Sie mal, das schaffen Sie ja gar nicht. Ich helfe Ihnen.«

Ehe sich Wilma versah, hatte Anette ihr einen Packen der schweren Last abgenommen.

Zu Anette musste sie diese Lieferscheine immer bringen.

Das letzte Stück des Weges legten sie schweigend zurück. Als sie in das Büro kamen und alles abgelegt hatten, wollte Wilma gleich wieder verschwinden.

»Möchten Sie einen Kaffee?«

Wilma drehte sich verdutzt um. Dann wurde sie ganz rot und stammelte: »Ich weiß nicht, ich …«

»Kommen Sie, wenn man Sie ausnutzt, dann soll man auch ein wenig auf Sie warten. Ich finde das gar nicht schön von den anderen.«

»D-d-d-der Meister …« stotterte das Mädchen.

Anette blickte sie lächelnd an.

»Warten Sie, ich werde ihm Bescheid sagen. Setzen Sie sich nur.«

Wilma sah, wie sie sicher und gewandt den Hörer aufnahm, die Nummer des Meisters in der Halle wählte und dann mit diesem sprach.

»Hören Sie, ich brauche Wilma im Augenblick. Haben Sie etwas dagegen, dass sie noch ein wenig im Büro bleibt? Nein? Danke, ich werde sie danach sofort zurückschicken.«

Wilma starrte sie voller Ehrfurcht an. Diese junge Frau sprach einfach so mit dem Meister, und der tat, was die wollte.

»Zucker und Milch?«

»Ja«, sagte sie leise.

Anette war achtundzwanzig und arbeitete schon sehr lange in diesem Büro. Sie war eine moderne junge Frau, die sich von der Pike auf hochgearbeitet hatte. Nun war sie hier Bürovorsteherin. Sie hatte einen Mann, der Lehrer war. Die beiden besaßen ein hübsches Häuschen im Grünen. Kinder hatten sie keine.

Wilma wusste das alles.

»Trinken Sie!«

Wilma verstand noch immer nicht, warum die junge Frau so nett zu ihr war.

Anette schlug ihre langen Beine übereinander und musterte sie freundlich.

»Warum lassen Sie sich das alles nur gefallen, Wilma? Ich beobachte Sie schon eine ganze Weile. So geht das nicht weiter. Sie gehen doch kaputt daran, Mädchen. Lassen Sie doch die anderen selbst ihre Sachen zu mir bringen. Man nutzt Sie aus, und Sie merken das nicht mal.«

»Doch, ich merke es schon«, sagte sie leise.

Anette blickte sie aufmerksam an. »Und warum lassen Sie es dann zu?«

Sie zuckte verlegen die Schultern.

»Warum setzen Sie sich nicht zur Wehr? Soll ich mal mit dem Meister sprechen?«

Ängstlich starrte Wilma sie an.

»Nein«, flüsterte sie, »dann meint er …« Sie unterbrach sich.

»Was meint der Meister dann?«

»Nichts!«

»Er glaubt dann, Sie hätten sich bei mir beschwert, nicht wahr?«

Sie senkte den Kopf.

»Wilma, ich möchte Ihnen wirklich helfen. Sie sind ein nettes Mädchen.«

Sie wusste nicht, was sie darauf antworten solle.

»Trinken Sie Ihren Kaffee.«

Hastig trank sie die Tasse leer und stand dann linkisch auf.

»Kann ich jetzt gehen?«

»Ja!«

Kaum war sie verschwunden, da tauchte Anettes Kollege Breuer auf.

»Wer war das denn? Die kleine Italienerin? «

»Sie ist Deutsche wie Sie, mein Lieber«, sagte Anette ein wenig scharf.

Er lachte. »Wollen Sie mal wieder Schicksal spielen, Anette? Meine Güte, das lohnt sich doch wirklich nicht.«

»Sie ist auf alle Fälle mehr wert als alle anderen Mädchen im Saal, mein Lieber.«

»Nach dem Aussehen zu urteilen, du meine Güte … Die trägt wirklich unmögliche Klamotten.«

»Ich weiß, Breuer, wonach Sie die Mädchen beurteilen«, sagte sie hart.

»Du liebe Güte, Sie haben aber feine Laune. Da verschwinde ich lieber.«

»Das wäre auch besser. Ich kann es nicht haben, wenn man über Abwesende herzieht und sie außerdem auch noch ausnutzt.«

»Sie wollen sich wohl einen Heiligenschein verdienen, wie?« Lachend ging er davon,

Obschon sie sehr mit Arbeit eingedeckt war, musste sie doch immer wieder an Wilma denken. Das Mädchen tat ihr wirklich leid. Konnte man ihr denn nicht helfen? Dort im Saal ging sie doch zugrunde. So viele gegen eine, das war wirklich gemein. Anette wusste, wenn sie mit dem Meister sprach, würde alles noch viel schlimmer werden.

Aber konnte man denn wirklich nichts für sie tun?

Später kam sie mit dem Direktor zusammen. Sie sprachen über einige Organisationsberichte, und dabei fiel ihr ein, dass sie unbedingt noch jemanden für die Ablage brauchten.

»Geben Sie eine Anzeige auf. Es wird sich gewiss ein junges Mädchen finden. Dafür braucht man ja nicht viel Vorkenntnisse. Aber sie muss gewissenhaft sein. Sie wissen doch, wenn man einen Vorgang nicht gleich findet, ist der Teufel los.«

»Kommt Schröder denn nicht mehr zurück?«

»Nein, Krebs, Endstadium. Ich habe vor zwei Tagen mit seiner Frau gesprochen.«

»Das tut mir aber leid.«

»Ja, mir auch. Aber wir müssen weiterdenken.«

»Gut, ich werde mich darum kümmern.«

Später als sie wieder in ihrem Büro saß, dachte sie an Wilma. Sie sah die Lohntabelle durch und entdeckte, dass das Mädchen dann sogar noch mehr Geld verdienen würde. Sie würde in einem Raum ganz für sich arbeiten. Bestimmt war sie gewissenhaft.

Anette blickte aus dem Fenster und dachte nach. Das war eine Möglichkeit. Für das junge Mädchen war es die Chance. Sie würde dann dort herauskommen und nicht endgültig zerbrechen. Aber würde sie es auch wirklich schaffen? War sie klug genug, um alles zu begreifen?

Entschlossen hob sie den Telefonhörer ab und wählte die Nummer des Meisters in Saal fünf.

»Würden Sie mir Wilma noch einmal schicken?«

»Wieso? Hat sie etwas angestellt?«

»Bitte schicken Sie mir das Mädchen«, sagte sie nur und legte auf.

Wilma saß schon wieder an ihrer Maschine; als der Meister hinter ihr auftauchte. Er hatte eine Art, sich anzuschleichen, dass sie jedes Mal heftig erschrak.

»Sollst noch mal nach vorn ins Büro kommen. Was ist denn los?«

Sie starrte ihn erschrocken an.

»Nichts«, stotterte sie.

»Aber die lässt dich doch nicht rufen, wenn nichts vorgefallen ist.«

Wilma zitterten die Knie. Sie hatte bisher selten einmal eine gute Nachricht erhalten. Und jetzt dachte sie: Vielleicht hab ich mich falsch benommen, vielleicht flieg ich jetzt raus, weil ich Kaffee getrunken habe während der Arbeitszeit. Ich hatte ja keine Pause. Mein Gott, wo kriege ich denn eine andere Stelle her?

Voller Furcht durchquerte sie die große Halle und klopfte zaghaft an, als sie vor der Tür zu dem Büro stand, in dem Anette arbeitete.

»Kommen Sie nur herein, ich warte schon auf Sie!«

Scheu drückte sich Wilma in eine Ecke und sah Anette furchtsam an.

Die junge Frau sagte: »Möchten Sie gern eine andere Arbeit haben, Wilma?«

Ihr Kopf ruckte hoch.

»Wie soll ich das verstehen?«, flüsterte sie.

»Wenn Sie Lust haben, könnte ich Ihnen hier im Büro eine andere Stelle zuweisen. In der Ablage! Sie würden dann auch etwas mehr Geld verdienen.«

Wilma starrte sie an, als glaubte sie, sich verhört zu haben.

»Ich soll im Büro arbeiten?«, stammelte sie. »Aber ich kann das doch nicht. Ich meine, meine Zeugnisse …«

»Dafür braucht man keine Zeugnisse, Wilma. Lesen kannst du doch wohl, oder?«

Sie nickte.

»Sehen Sie«, berichtigte Anette sich gleich wieder, weil sie das Mädchen mit »Du« angesprochen hatte. »Sie müssen nur sehr gewissenhaft sein und zuverlässig. Man wird Sie einarbeiten. Es ist wirklich nicht schwer. Sagen wir mal, wir geben Ihnen eine Probezeit von einem Monat, Wilma. Entweder Sie bekommen dann die Stelle, oder Sie gehen wieder an Ihre Maschine zurück.«

Wilmas Hände verkrampften sich.

»Ich … ich weiß nicht«, sagte sie verstört, »ich weiß es wirklich nicht.«

Die junge Frau erhob sich. »Kommen Sie mal mit, ich zeige Ihnen, was Sie machen müssen. Sie können sich dann noch immer entscheiden.«

Der Ablageraum war riesig. Regale und nochmals Regale. Aber hier war es ruhig. Kein Mensch war zu sehen. Sie würde hier ganz alleine arbeiten. Anette zeigte ihr den Kasten, in dem all die Briefe lagen, die richtig abgelegt werden mussten.

»Sehen Sie hier, jeder Brief trägt eine Nummer. Jetzt müssen Sie die Aktennummer suchen und den Brief hinten einheften. Das ist alles. Wenn ein Brief mal keine Nummer trägt, dann legen Sie den Brief in den Kasten mit der Aufschrift »Ausgabe«. Er wird dann später abgeholt. Man wird das Versäumte nachholen, und er kommt zurück, und dann können Sie ihn einsortieren. Sie müssen gewissenhaft und fleißig sein. In der ersten Woche wird jemand mithelfen, damit Sie nicht verzweifeln. Denn im Augenblick ist sehr viel angefallen, weil unser bisheriger Mitarbeiter erkrankt ist. Trauen Sie sich das zu?«

Wilma hatte ganz glänzende Augen.

»Glauben Sie, dass ich das schaffen werde?«

»Natürlich«, sagte die junge Frau zuversichtlich. »Aber überlegen Sie es sich. Wenn Sie sich entschieden haben, kommen Sie zu mir. Ich arbeite heute bis halb fünf Uhr. Wenn Sie die Stelle haben wollen, können Sie am Montag dann anfangen. Und jetzt gehen Sie an die Arbeit zurück.«

Wie auf Wolken schwebte das junge Mädchen.

Der Meister blickte sie von der Seite an. »Na, hat es Stunk gegeben?«

»Nein«, sagte Wilma und spürte auf einmal, dass sie keine Angst mehr hatte, weder vor ihm noch vor den Kolleginnen. »Man hat mir eine Stelle im Büro angeboten.« Sie sagte es so laut, dass alle es hören konnten.

Sofort ruckten die Köpfe herum, und dann brachen die Mädchen in schallendes Gelächter aus. »Habt ihr das schon gehört«, rief eine, »jetzt ist sie auch noch übergeschnappt. Ja, ja, wenn die Alte nicht von hier ist, das ist nie gut, dann leidet das Gehirn wohl darunter. Ausgerechnet die doofe Wilma will man haben? Wirklich, das ist der beste Witz, den ich seit Langem gehört habe.«

Wilma setzte sich ruhig an die Maschine und dachte: Am Montag werden sie sehen, dass ich die Wahrheit gesprochen habe. Sie ballte die Hände zusammen. Ich werde es schaffen. Ich will es schaffen. Nie mehr unten sein, endlich in eine andere Umgebung kommen. Mein Gott, nie mehr gequält werden. Oh, ich werde alles tun, um sie zufriedenzustellen. Ich werde schuften wie verrückt, ich …

»Das kannst du noch einmal machen. Das ist ja wirklich die Höhe«, fuhr der Meister sie an.

Wilma war zum ersten Mal mit ihren Gedanken nicht bei der Sache gewesen.

 

 

3

Am Montagmorgen kam sie wie alle in der Fabrik an. Im Vorhof spöttelten schon wieder die Mädchen: »Ich denke, du gehst jetzt ins Büro?«

»Das tue ich auch«, sagte Wilma und ging auch durch die Glastür.

»Pah, die glaubt wirklich, wir nehmen ihr das ab. Gleich sitzt sie wieder an der Maschine.« Doch als man im Saal war, blieb ihr Platz leer, und der Meister sagte ihnen, dass Wilma wirklich in der Verwaltung angestellt sei.

Wilma saß mit einem alten Mann in dem großen Zimmer und arbeitete gewissenhaft. Man brauchte ihr alles nur einmal zu sagen, und sie vergaß es nicht. Mit glühenden Wangen verrichtete sie ihre Arbeit. Sie war noch nie so glücklich gewesen wie an diesem Tag.

Anette holte sie zum Frühstück, und dabei begann sie dann behutsam, ihr Ratschläge zu erteilen. Für das Leben, für den Umgang. Einfach für alles. Sie hatte sehr schnell herausgefunden, dass sie sonst keinen Menschen besaß, der sich um ihr Wohl kümmerte.

»Sie sollten ein wenig auf Ihre Kleidung achten, denn Sie sind ein sehr hübsches Mädchen, Wilma. Wissen Sie das eigentlich? Ich könnte Ihnen da eine Menge Ratschläge geben, und Sie schaffen es dann sehr schnell, mehr aus sich zu machen. Und auch Ihre Frisur müssten Sie mal verändern. Wissen Sie, wenn man sich wohl fühlt, dann ist das Leben gleich viel schöner. Man fühlt sich freier.«

»Wirklich? Aber ich habe doch kein eigenes Geld.«

»Soviel Geld braucht man nicht dazu, Wilma. Und jetzt bekommen Sie ja mehr. Behalten Sie das für sich. Sagen Sie davon nichts.«

»Sie sind so gut zu mir«, sagte sie.

»Ach nein, ich war auch mal so unfertig. Damals, da saß hier eine sehr nette alte Dame, die hat mich unter ihre Fittiche genommen. Ihr habe ich sehr viel zu verdanken. Und jetzt gebe ich es einfach weiter. Außerdem macht es mir Spaß. Denn ich habe Sie ja entdeckt, und Sie können sehr gut arbeiten.«

Anette konnte wirklich zufrieden mit ihr sein. Noch nie war die Ablage so korrekt erledigt worden wie seit Wilmas Arbeitsantritt. Immer war das Körbchen leer. Immer hatte sie das Gesuchte sofort zur Hand, wenn ein Vorgang gebraucht wurde. Ja, man war wirklich sehr froh, eine so gute Kraft gefunden zu haben.

Sie nahm auch willig die Ratschläge an. Es war noch nicht einmal ein Monat vergangen, und sie sah schon sehr verändert aus. Und dabei zeigte sich, dass Wilma nur diesen leichten Anstoß durch Anette gebraucht hatte. Sie bewies selbst guten Geschmack und viel Geschick darin, sich vorteilhaft zurechtzumachen.

Sie drückte sich auch nicht mehr bescheiden in den Hintergrund. Denn alle lobten sie, und das machte sie in der Tat frei und glücklich.

Von dem wenigen Geld, das ihr zur Verfügung stand, kaufte sie jetzt schlichte Röcke und Blusen, nicht mehr in so schreiend bunten Farben, wie die Mutter sie liebte.

Die Mädchen aus dem Nähsaal kannten sie nach einiger Zeit kaum mehr wieder. Keine wagte jetzt mehr über sie zu spotten. Und die jungen Männer im Büro drehten sich schon bewundernd nach ihr um.

Wilma war also dabei, sich das Leben zurechtzuschmieden, um für alle Zeiten glücklich zu sein. Aber dann sollte etwas geschehen, womit sie nicht gerechnet hatte. Und Anette, die junge Frau, war auch nicht zur Stelle, um sie zu warnen.

Als Volker auftauchte, hatte Anette gerade ihren Jahresurlaub genommen.

Wilma besaß ja jetzt auch ein wenig Geld, und so ging sie schon mal ins Kino oder ein Eis essen. Sie genoss diese harmlosen Vergnügungen sehr.

Volker kam nicht aus dieser Stadt. Er war zufällig hier hängengeblieben. Sein schwerer Wagen hatte einen Defekt, und weil er Wilma entdeckt hatte, nahm er sich in einem Hotel ein Zimmer und machte sich an das Mädchen heran.

Irgendwie war ihm dieser hübsche Käfer sofort aufgefallen. Sie hatte eine gute Figur, und als er sich dann an sie heranpirschte, bemerkte er sehr schnell ihre Unerfahrenheit. Und die war dann ausschlaggebend.

Sie war so richtig ein Vögelchen nach seinem Geschmack.

Wilma ahnte ja nicht, dass ihre erste große Liebe gleich ein Zuhälter war, wenn auch einer von der kleineren Sorte. Im Augenblick hatte er kein Mädchen und war daher scharf auf Nachwuchs. Wie sollte sie das denn auch wissen, da sie von dieser Sorte Mensch noch nie etwas gehört hatte.

Sie befand sich in der Eisdiele, und er setzte sich ganz ungeniert an ihren Tisch.

»Ich darf doch?«

Sofort flutete Röte in ihr Gesicht. Mit jungen Männern hatte sie noch keine Erfahrung.

»Bitte«, sagte sie verlegen.

»Sie essen doch noch ein Eis mit mir?«

Ihre braun-grünen Augen sahen ihn erschrocken an.

»Warum?«

Er sah wirklich fabelhaft aus. Und die Mädchen im Hintergrund machten schon Stielaugen. So einen feschen Freund hätten sie sich auch gern zugelegt. Es waren Mädchen aus der Fabrik. Aber seit Wilma aufgestiegen war, gehörte sie nicht mehr zu ihnen. Doch früher hatte man sie ja auch schon gemieden.

»Weil Einsamkeit traurig macht«, sagte Volker und blickte ihr tief in die Augen.

Darauf konnte sie keine Antwort geben.

Großzügig wie nur ein Lude sein kann, bestellte er gleich die zwei größten Portionen, ohne nach dem Preis zu sehen. Dabei taxierte er das Mädchen. Für ihn war sie die Unschuld vom Lande. Ein wenig einschüchtern, und sie würde alles tun, was er von ihr verlangte. Sie hatte keinen eigenen Willen, das bemerkte er gleich.

»D-d-danke«, stotterte sie.

»Tja, Sie haben es leicht, meine Liebe. Sie haben Familie und sind geborgen. Aber ich …«

Diese Masche zog immer.

Sie sah ihn vorsichtig an.

»Ach nein«, sagte sie leise. »So ist das auch nicht.«

»Sie haben keine Familie?«

Wilma bemerkte gar nicht, dass sie geschickt ausgefragt wurde.

»Ich meine«, stammelte sie, »auch wenn man Familie hat, kann man sehr einsam sein.«

»Ja, vor allen Dingen, wenn man nicht verstanden wird. Nicht wahr?«

Sie nickte.

Sie konnte es noch kaum fassen, dass hier auf einmal ein junger Mann Interesse an ihr zeigte. Doch ein ganz klein wenig war sie auch eitel und dachte: Nun können die anderen Mädchen mal sehen, dass ich auch Chancen habe. Auch wenn mir das Herz bis zum Halse schlägt. Ich bin froh, dass gerade jetzt so viele hier im Eiscafé sitzen und mich sehen.

Volker, der Lude, sagte zuckersüß: »Aber Sie leben hier in der Stadt. Sie wissen, wohin Sie gehören. Das ist schon viel wert. Ich wäre auch sehr glücklich, wenn ich endlich einen Menschen finden könnte, zu dem ich sagen könnte: Du gehörst zu mir. Du bist mein Ein und Alles. Ich bin jetzt vollkommen glücklich.«

Wieder wurde sie sehr verlegen.

Er sagte sich: Wenn sie einen Freund hätte, dann würde sie es mir jetzt erzählen. Überhaupt, dann würde sie auch nicht so lange bei mir am Tisch sitzen bleiben, denn in so einer Kleinstadt kann man sich das nicht erlauben. Da kenne ich mich sehr gut aus.

»Haben Sie noch Zeit?«

Was sollte sie sagen? Insgeheim hatte sie Angst vor ihm und trotzdem …

»Ein wenig«, sagte sie leise.

»Schade, dass sich mein Wagen in der Werkstatt befindet, sonst hätte ich eine kleine Fahrt vorgeschlagen. Aber vielleicht zeigen Sie mir mal die Stadt?«

Er warf einen Geldschein auf den Tisch und verlangte nichts zurück. Alle hatten sie es bemerkt und sperrten die Münder auf. Du liebe Güte, der musste aber reich sein. Volker wusste ganz genau, wann man Geld in eine Sache investieren musste, um Gewinn zu erzielen. Bei sich dachte er: Das wird sie mir alles wieder einbringen. Nur weiß sie es noch nicht.

»Wir haben keine besonders schöne Stadt. Ich weiß gar nicht, was ich Ihnen zeigen soll.«

»Gehen wir einfach herum. Ich habe ja so viel Zeit.«

Den ersten Tag waren sie über drei Stunden zusammen, und er sagte ihr sehr viel Artigkeiten. Aber dann musste Wilma wirklich nach Hause.

»Sehen wir uns morgen wieder?«

»Aber ich muss doch arbeiten.«

»Wo denn?«

Sie nannte den Namen der Fabrik.

Er lächelte sie an, und die weißen Zähne blitzten in dem braunen Gesicht.

»Fein, dann hole ich Sie ab. Und am Abend machen wir dann ein Fass auf.«

»Wie bitte?«, hauchte sie.

»Ach, das kennen Sie noch nicht? Nun, das heißt, dann sind wir sehr lustig. Hier kann man doch wohl irgendwo tanzen gehen, meine Liebe?«

»N-n-natürlich«, stotterte sie, »aber ich kann nicht tanzen.«

»Nun«, sagte er munter, »wir wollen doch keinen Preis gewinnen. Wir wollen uns nur amüsieren. Bei der Hopserei, die man als Tanzen ausgibt, da spielt es doch gar keine Rolle, ob man es kann oder nicht.«

Er war so sicher, so charmant. Jedes andere unerfahrene Mädchen wäre genau wie Wilma auf ihn hereingefallen.

 

 

4

Wie gesagt, wenn Anette nicht zufällig in Urlaub gewesen wäre, dann hätte sie das junge Mädchen bestimmt gewarnt. Oder sie hätte sich vielleicht die Mühe gemacht und wäre mal mitgegangen, weil sie sich wirklich um Wilma bemühte und sie unter ihre Fittiche genommen hatte.

Wilma hätte ganz bestimmt von diesem Treffen gesprochen. Oder andere hätten Anette schon Mitteilung davon gemacht. Denn am nächsten Morgen im Büro wurde Wilma schon mit ihrer Eroberung aufgezogen.

»Wir haben Sie gesehen«, sagte ein junger Mann. »Tja, bei so viel Schönheit haben wir keine Chance mehr.«

Sie lächelte nur bescheiden.

»Aber das ist doch gar nicht mein Freund«, sagte sie hastig.

»Was denn dann?«

»N-n-nichts …«

»Wer’s glaubt, wird selig. Na ja, viel Vergnügen.«

Den ganzen Tag musste sie an Volker denken. Es fiel ihr zum ersten Mal schwer, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Anette hat recht, dachte sie begeistert. Wenn man erst einmal sicherer wird, dann kann man auch die Welt erobern. Bestimmt hätte er mich vor ein paar Wochen nicht angesprochen. Jetzt kann ich mich auch schon viel besser benehmen. Mein Gott, ob ich ihn wohl wirklich wiedersehen werde? Bestimmt hat er sich nur einen Spaß gemacht.

Dann war Büroschluss. Die Tagschicht in der Fabrik ging auch zu Ende. Als Wilma aus dem Tor hinaustrat, sah sie einen großen Superschlitten am Straßenrand stehen. Die Mädchen aus dem Nähsaal hatten ihn auch gleich entdeckt.

Wilma blieb wie angewurzelt stehen.

»Hallo, hier bin ich!«

Ihre Knie waren stocksteif. Hölzern ging sie weiter.

Er öffnete den Wagenschlag.

»Ich habe schon gedacht, Sie wollen nichts mehr mit mir zu tun haben.«

»Aber …«, stieß sie hervor.

Lachend strahlte er sie an. »Das habe ich Ihnen mitgebracht.«

Auf dem Rücksitz lag eine langstielige Rose.

Wilma wurde blutrot und begann zu zittern.

»D-das …« Sie brachte sonst nichts über die Lippen.

»Habt ihr das gesehen?«, sagten die Mädchen aus dem Nähsaal. »Also, da schlag einer lang hin.«

Neid und Missgunst stand in ihren Augen zu lesen.

Wilma blickte aus dem Fenster und sah die Mädchen dort stehen.

»Wohin fahren wir?«

»Ich weiß es nicht.«

»Nun, gehen wir erst einmal essen, meine Liebe?«

Sie hätte eigentlich nach Hause gemusst. Sie kam doch alle Tage pünktlich heim. Aber sie war ja achtzehn, und Anette hatte ihr oft genug geraten, sich nicht so von der Familie in Beschlag nehmen zu lassen.

Sie fuhren in ein kleines Waldlokal, und Volker bestellte ein vorzügliches Mahl. Er war ein Genießer, und außerdem wollte er ihr imponieren. Bis jetzt hatte er sich dem Mädchen noch nicht genähert. Sie war eine romantische Person, also musste er anfangs mitspielen. Erst wenn sie richtig im Netz festhing, würde er einen Angriff starten.

Wilma war selig.

Alles, aber auch alles erzählte sie aus ihrem Leben. Wenn sie jedoch etwas über ihn wissen wollte, bekam sie nur eine vage Antwort, oder er überging die Frage einfach und erzählte schnell etwas anderes. Sie war zu unerfahren, um zu bemerken, dass das alles Berechnung bei ihm war.

Über zwei Stunden saßen sie in diesem Lokal. Danach gingen sie tanzen. Auch hier traf Wilma wieder ein paar Mädchen aus der Fabrik.

Wilma war völlig hingerissen und atemlos. Sie war noch nie tanzen gewesen. Überhaupt tat sich jetzt eine ganz andere Welt für sie auf. Nun verstand sie all die vielen Reden der Mädchen aus dem Nähsaal. Nun machte das Leben wirklich sehr großen Spaß. Sie war so lustig und hätte am liebsten immer wieder gelacht.

Ja, sie hatte auch schon einen kleinen Schwips. Das war einfach herrlich. Zeit und Raum vergingen, und sie sah nur den jungen Mann und fühlte sich glücklich.

Weit nach Mitternacht brachte er sie nach Hause.

»Danke«, sagte sie zärtlich und drückte seine Hand.

Er lächelte ihr zu.

»Bis morgen?«

»Ja«, sagte sie glücklich.

Sie schlüpfte ins Haus. Dort schliefen schon alle.

 

 

5

Seit einer Woche kannte sie Volker nun schon. Wilma war so glücklich, dass sie nur an ihre Liebe zu diesem jungen Mann dachte. Ihr kam nicht einen Augenblick die Idee, ihn zu fragen, wieso er denn so viel Zeit hatte und nicht arbeiten musste. Vielleicht wollte sie nicht an die Wirklichkeit denken. Nur einmal war sie ein wenig traurig. Sie sagte ihm: »Ich möchte dich gern mit nach Hause nehmen, Volker.«

Er runzelte die Stirn. Der Lude hatte es nicht gern, wenn sich zu viele Leute an ihn erinnerten.

»Warum? Ist es denn so nicht hübsch?«

Seine Stimme kam ihr härter vor.

»Aber ja«, sagte sie eifrig, »aber ich dachte …«

Natürlich wusste er, was sie dachte. Ihr schwebte ein Heirat vor und alles, was dazu gehörte.

»Später, jetzt noch nicht. Ich möchte dich noch ein wenig für mich haben. Sag mal, wem hast du denn alles von mir erzählt?«

Wieder dieser lauernde Blick. Wilma stockte für kurze Zeit, aber dann sagte sie: »N-n-niemandem, ich meine, nur Mama habe ich von dir erzählt.«

»Und deinen Freundinnen?«

»Ich habe keine.«

Sie dachte an Anette. Schade, sie war nicht da. So gern hätte sie ihr von Volker erzählt.

»Es bleibt doch dabei. Ich meine, was wir uns vorgenommen haben?«

Sie nickte eifrig.

»Ja, ich habe Mama schon alles erklärt.«

Sie wollten übers Wochenende nach München. Er habe dort geschäftlich zu tun, hatte er ihr gesagt. Drei Tage würden sie beisammen sein. Die Hotels habe er schon antelefoniert. Die beiden Zimmer seien schon reserviert.

In ihren Augen war Volker ein Kavalier. Bis auf einen sanften Kuss hatte er sich dem Mädchen noch nicht genähert. Aber er spürte deutlich, dass sie das Verlangen nach mehr verspürte.

In dieser Stadt würde er nicht über sie herfallen. Er würde auch nicht bis nach München mit ihr fahren. Nein, er hatte seinen Plan festgelegt, und er wusste ganz genau, was er wollte.

Wilma ging ihrer Arbeit wie stets gewissenhaft nach. Und sie hatte auch schon ein wenig Geld gespart. Das würde sie auf diese Reise mitnehmen.

Es war Mittwoch. Volker holte sie nachmittags von der Fabrik ab. Er ließ das Mädchen gar nicht mehr zu Atem kommen. Entweder arbeitete sie oder war mit ihm zusammen.

Die Mutter war zu erschöpft, um sich viele Gedanken über die Tochter zu machen. Außerdem musste sie ja damit rechnen, dass sie bald ihre eigenen Wege ging. Sie dachte nur daran, was dann werden würde, wenn sie nicht mehr mit Wilmas Geld rechnen konnte. Wilma hatte ihr zwar versprochen: »Ich helfe dir auch dann noch weiter. Er hat ja so viel Geld, Mama. Und ich gebe meine Arbeit nicht so schnell auf.«

Wilma dachte noch nicht mal darüber nach, dass man ja vielleicht in eine andere Stadt ziehen würde. Nein, für sie hing der Himmel voller Geigen, und sie war selig. Die Mädchen aus der Fabrik beneideten sie um dieses Glück. Schon das versetzte sie in ein Hochgefühl.

Wilma sah die Zukunft klar und deutlich vor sich. Für Volker würde sie alles tun.

Dann kam der Freitag, Volker hatte ihr gesagt: »Damit wir keine Zeit verlieren, hole ich dich gleich nach der Arbeit ab. Eine kleine Tasche mit deinem Nachtzeug kannst du doch wohl mit ins Büro nehmen, oder?«

»Ja, natürlich.«

Am Montag würde Anette zurückkommen. Ihr würde sie dann sehr viel zu berichten haben. Und sie würde ihr dann auch Volker vorstellen. Bestimmt war sie auch begeistert von ihm.

Jetzt hatte sie Feierabend. Wie an jedem Freitag räumte sie alles gründlich auf. Keine Arbeit war liegengeblieben. Sie war richtig stolz auf sich.

Wilma ahnte in diesem Augenblick noch nicht, dass sie für einige Zeit ihre Heimatstadt nicht wiedersehen sollte.

Eilig verließ sie das Fabrikgebäude.

Volker stand schon am Straßenrand. Ihr Haar wehte im Wind, als sie auf ihn zuging. Sie lächelte ihn verliebt an.

»Da bist du ja!«

Er sah ihre langen schlanken Beine. In letzter Zeit hatte sie sogar noch abgenommen. Bei dem hektischen Leben, das sie mit ihm geführt hatte, war sie kaum zum Essen gekommen.

Sie lehnte sich in die Polster zurück.

»Du weißt ja gar nicht, wie sehr ich mich auf diese Reise freue, Volker.«

»Wirklich?«

Er lächelte zynisch, aber das bemerkte sie nicht, weil sie ihn nicht ansah.

»Dann wollen wir mal starten.«

Sie rasten über die Autobahn. Das ist also das wirkliche Leben, dachte sie. So wird es immer sein. Volker und ich, wir zwei werden glücklich werden. Wir werden eine ganz andere Ehe führen als Mama und Papa. Sie wird nicht so erbärmlich enden. Auch wenn wir schon viele Jahre verheiratet sind, werden wir noch glücklich sein. Ich weiß das.

Über zwei Stunden befanden sie sich nun schon auf der Autobahn. Volker war sehr schweigsam geworden. Aber Wilma merkte nichts davon. Denn sie musste ja so viel sehen. Sie hatte den Heimatort bisher kaum einmal verlassen. Nur von den anderen hatte sie von der Welt da draußen erfahren.

Als sie von der Autobahn herunterfuhren, sah sie ihn an.

»Sind wir schon in München? Ich habe noch gar kein Schild gesehen.«

»Nein, wir sind noch nicht in München. Ich habe heute einen Anruf von einem Freund erhalten. Ich soll bei ihm vorbeikommen. Er wohnt gar nicht weit. So werden wir halt hier übernachten.«

»Oh, nicht in einem Hotel?«

»Nein, das spart Geld.«

»Ja, sicher«, sagte sie hastig und schämte sich ein wenig, dass sie so egoistisch gewesen war.

Sie durchfuhren die Vorstädte, und sie dachte: Hier möchte ich nicht wohnen. Wie düster und grau doch die Häuserfronten aussehen. Mein Gott, und diese vielen Baracken dort hinten.

»Wer wohnt dort?«

»Türken«, sagte er kurz.

»Türken, so viele?«

»Ja, lauter Männer. Sie haben ihre Familien in der Heimat gelassen. Sie haben nur für kurze Zeit eine Arbeitsgenehmigung erhalten. Sie leben dort.«

»Das sieht aber nicht schön aus.«

Er gab keine Antwort.

Ein paar Straßen weiter bog er in eine Durchfahrt ein. Auch diese Häuser sahen irgendwie verkommen aus.

»Wohnt dein Freund hier?«

»Du wohnst ja auch nicht viel besser«, war seine grobe Antwort.

Sie sah ihm ängstlich in die Augen.

»Ich wollte dich nicht beleidigen, Volker. Wirklich nicht. Ich dachte nur …«

»Was hast du gedacht?«

»Nun ja, weil du doch …«

»Los, steig aus! Wir sind da!«

Zögernd verließ sie den Wagen. Beklemmung machte sich in ihrem Innern breit.

»Komm schon!«

Sein Griff war hart, als er sie zum Haus führte.

»Aber meine Tasche?«

»Die hole ich schon später nach. Keine Sorge.«

»Hallo, da bist du ja endlich!«

»Das ist Kurt, mein Freund.«

Er starrte das Mädchen an, grinste dann Volker an und sagte: »Also das ist deine neueste Flamme?«

»Halt die Klappe und rede nicht solchen Blödsinn«, war die scharfe Antwort.

Wilma zuckte zusammen. So hatte sie ihren Volker noch nicht erlebt. Plötzlich gingen Kälte und Brutalität von ihm aus. Sie drückte sich an die Hauswand.

»Ach ja, entschuldige.«

»Ist alles vorbereitet?«

»Natürlich. Wofür hältst du mich? Du hast mich doch angerufen.«

Sie blickte die beiden Männer an. Angst stieg in dem Mädchen auf.

Volker war gerissen und lange genug Zuhälter, um Wilmas Furcht sofort zu spüren. Schlagartig änderte er seinen Tonfall und lächelte Wilma scheinbar freundlich an.

»Mach nicht so ein saures Gesicht, Kleine. Es ist nun mal so. Schließlich muss ich auch an mein Geschäft denken.«

»Ja, sicher«, sagte sie hastig.

Kurt führte sie in einen Raum, der ihr nicht behagte. Im Hintergrund des Hauses hörte sie dumpfe Stimmen. Es mussten viele Stimmen sein. So ein merkwürdiges Gemurmel. Wie in einer Kirche, dachte sie unwillkürlich.

Wilma ahnte nicht, dass sie sich in einem Bordell befand.

»Ich hoffe, du hast etwas zu essen vorbereitet?«

»Natürlich«, sagte Kurt. »Aber natürlich, Volker. Du hast mir doch genaue Anweisungen gegeben. Wie sollte ich die denn überhören?«

Komisch, dachte Wilma, er hat mir doch gesagt, er sei angerufen worden. Und dieser Kurt, der tut so, als sei er ein Angestellter von Volker. Warum ist alles so seltsam? Oder verstehe ich das nicht, weil ich so dumm bin?

»Gehen wir denn nicht essen?«, fragte sie schnell.

Volker wandte sich wieder dem Mädchen zu. »Weißt du, das hält uns nur auf. So kann ich schon viel erledigen. Aber du wirst dich nicht langweilen. Du kannst dir ja so lange einen Film im Fernsehen anschauen.«

Sie schwieg enttäuscht.

Kurt brachte nun das Essen. Es schmeckte ihr nicht. Wilma dachte: Mir ist, als wäre ich aus einem schönen Traum erwacht, und jetzt finde ich den Anschluss an die Wirklichkeit nicht mehr. Hierüber werde ich Annette nichts berichten.

Schon beim Essen wurde sehr viel getrunken. Das heißt, die beiden Männer täuschten es geschickt vor. Sie schenkten dem Mädchen immer wieder nach.

»Das schadet doch nichts, nun sei doch kein Frosch. Was soll der Kurt denn von dir denken, Kleines? Er glaubt sonst womöglich, ich hätte ein Mädchen vom Lande mitgebracht. Das willst du doch nicht, oder?«

»Aber ich kann nicht so viel Alkohol vertragen«, sagte Wilma. Sie spürte ein seltsames Kribbeln in ihren Armen und Beinen.

»Ach wo, es ist nur ganz leichtes Gesöff. Das verträgst du schon. So, nun nimm dein Glas und sieh dir den Film an. Ich komme gleich zu dir.«

Wilma hatte Mühe, den Stuhl zu erreichen. Die beiden Männer blieben im Hintergrund.

»Und du meinst, die ist wirklich richtig? Die sieht doch ziemlich naiv aus. Der musst du doch eine Menge beibringen.«

»Na ja, um so besser. Nutten mit Verstand sind mir ein Gräuel. Mit denen hab ich nur Ärger. Nein, so ist das schon ganz gut.«

»Und man wird sie nicht suchen?«

»Wo denn?«, grinste der Zuhälter. »Außerdem, die Alten werden froh sein, wenn sie verschwunden ist. Sie haben nämlich einen Stall voll Kinder.«

»Ausschauen tut sie ja nicht schlecht. Man muss sie noch ein wenig zurechtmachen.«

»Das werde ich schon besorgen.«

Kurt grinste.

»Hast du aufgepasst, dass inzwischen niemand mein Revier in Anspruch genommen hat?«

»Ich hab den Türken die Hölle heiß gemacht. Aber das sage ich dir, lange darfst du nicht mehr warten. Du weißt ja, die können doch sonst nirgends hingehen. Für die ist das einfach zu teuer, zu ‘ner normalen Nutte zu gehen. Und dann ist es auch für sie einfacher.«

»Ich habe auch gar nicht vor, lange zu warten. Meine Taschen sind leer. Der Kleinen was vorzuspielen, hat mich ganz schön was gekostet.«

»Aber das kriegste jetzt dicke wieder rein.«

»Und ob.«

Details

Seiten
104
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934205
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v506257
Schlagworte
redlight street zwanzig freier wilma

Autor

Zurück

Titel: Redlight Street #111: Zwanzig Freier für die sanfte Wilma