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Privatdetektiv Tony Cantrell #59: Wes Larkins großer Coup

2019 138 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Wes Larkins großer Coup

Copyright

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Wes Larkins großer Coup

Privatdetektiv Tony Cantrell #59

von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 138 Taschenbuchseiten.

 

Die Turner-Gang plant einen todsicheren Coup, allerdings ahnt keiner der Männer, dass es einen Mitwisser gibt, der eigene Pläne hegt. Der Reporter Wes Larkin will sich das große Geld unter die Nägel reißen, aber die Arbeit soll jemand anders tun. Dumm nur, dass er seine Freundin hinausgeworfen hat, die den Privatdetektiv Tony Cantrell und sein Team auf die richtige Spur bringt.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Wes Larkin ließ krachend seine geballte Faust auf der Schreibtischplatte landen. Die Adern an seinen Schläfen schwollen an. „Zum Teufel!“, brüllte er. „Glaubst du etwa, ich lasse mir von dir Vorschriften machen, he? Ausgerechnet von dir? Schließlich war dir mein Geld bislang gut genug, um davon ein feines Leben zu führen!“

„Ich bleibe dir nichts schuldig“, entgegnete Diana Dale ruhig. Doch ihre Ruhe war nur äußerlich. Ihre Hand zitterte leicht, als sie eine Strähne ihres langen blonden Haares aus der Stirn schob. „Du bekommst dein Geld zurück, Wes. Bis auf den letzten Cent; denn ich weiß jetzt, dass es schmutziges Geld ist. Ich hasse mich dafür, dass ich es überhaupt angenommen habe. Wer weiß, wie viel Blut daran klebt!“

Larkin hatte zugehört, ohne das Mädchen zu unterbrechen. Allein seine eisgrauen Augen, die gefährlich drohend funkelten, ließen darauf schließen, was in ihm vorging.

Er stemmte beide Hände auf den Schreibtisch und schob sich langsam in die Höhe. Die aufgekrempelten Hemdsärmel gaben muskulöse Unterarme frei.

„Hör mir gut zu, Baby!“, zischte Larkin. Sein Oberkörper war wie der eines sprungbereiten Raubtieres vorgebeugt. „Was ich dir jetzt sage, ist endgültig, verstanden! Du wirst für immer aus meinem Gesichtsfeld verschwinden! Ich will dich nicht mehr sehen, um ganz deutlich zu sein! Solltest du mir noch ein einziges Mal in die Quere kommen, vergesse ich mich. Das kann ich dir schriftlich geben!“

„Wes, bitte!“ Dianas Stimme klang beschwörend. Sie unternahm einen letzten Versuch. „Ich möchte dich nicht kränken. Ich habe nur versucht, dich vor einem Fehler zu bewahren, glaub mir! Ich weiß nicht, was du vorhast, aber wenn du etwas tust, was gegen das Gesetz ist, kann ich dich nicht mehr achten!“

„Oho!“, höhnte er. „Dein Versuch einer Moralpredigt rührt mich zu Tränen, Baby! Früher hast du dir schon mal bessere Sachen einfallen lassen, wenn du mich herumkriegen wolltest, ein paar Scheinchen auszuspucken. Erinnerst du dich vielleicht noch daran? Ich hab’s noch nicht vergessen!“

Diana sprang auf. „Du bist ein gemeiner Kerl, der es nicht wert ist, dass man sich überhaupt mit ihm abgibt!“ Sie hatte die Worte erregt hervorgestoßen. Ihre dunklen Augen blitzten ihn zornig an.

„So, so, ich bin es nicht wert“, wiederholte er kaum hörbar. „Eine Reihe von netten Girls, die ich kenne, sind anderer Meinung! Falls du es noch nicht wissen solltest: Ich bin auf dich nicht im geringsten angewiesen.“

„Wes!“ Dianas Hände suchten an den Lehnen des Sessels Halt.

„Siehst du!“, knurrte er. „So schnell werde ich mit dir fertig!“ Er kam langsam um den Schreibtisch herum und baute sich vor ihr auf. „Und jetzt verschwinde!“

Diana riss mit einer schnellen Bewegung ihre Handtasche an sich. „Ich werde dir nicht wieder unter die Augen treten, Wes!“, versicherte sie atemlos. „Aber du wirst noch von mir hören. Ich werde mich an Leute wenden, die dir dein schmutziges Handwerk legen!“

Larkin explodierte. Seine Rechte zuckte hoch und flog klatschend gegen die Wangen des Mädchens. Sie stieß einen Schmerzensschrei aus und versuchte, sich in Sicherheit zu bringen. Dabei stolperte sie über den Sessel.

Larkin setzte nach und schlug erneut zu, diesmal härter. Diana stürzte zu Boden. Sie wimmerte vor Schmerzen. Schützend hob sie die Hände vor ihr anschwellendes Gesicht.

Larkin stand breitbeinig über ihr. Er grinste.

„Mach, dass du ’rauskommst, Baby! Ich hoffe, die Lektion genügt fürs Erste!“

Diana rappelte sich stöhnend auf. Sie vermied es, dem Blick des Mannes zu begegnen. Hastig eilte sie zur Wohnungstür des Apartments, um gleich darauf die Tür von außen zuzuschlagen.

Trotz der Schmerzen verspürte sie ein Gefühl des Triumphs, als sie im Fahrstuhl nach unten fuhr. Ihre Hand fuhr in die geöffnete Handtasche, tastete suchend umher und fand schließlich den kühlen Stahl des Schlüssels.

 

 

2

Jack O’Reilly war ein geduldiger Zuschauer, wenn es um die Zubereitung lukullischer Kostbarkeiten ging. Stumm lehnte er im Türrahmen und beobachtete Carol Cantrell, die in ihrer modern eingerichteten Küche geschickt das Abendessen zubereitete.

Die riesigen Steaks, die im Grill bräunten, und dabei einen hinreißenden Duft ausströmten, reizten den Gaumen des blonden Hünen O’Reilly, der seiner Statur wegen allgemein nur Butch genannt wurde.

„Mein lieber Butch!“, erklärte Carol, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen. „Seit einer geschlagenen halben Stunde stehst du jetzt in der Küche herum. Es stört mich zwar nicht im geringsten, wenn du mir zusiehst, aber vielleicht leuchtet es dir ein, dass es einer Hausfrau besser gefällt, ihre Vorbereitungen unbeobachtet zu treffen, um dann den hungrigen Wölfen ihr Werk in der Vollendung zu präsentieren!“

„Sehr schön gesagt, Madam“, erwiderte Butch mit charmantem Lächeln. „Auf der anderen Seite müssen Sie aber auch bedenken, dass ich außer Motorradfahren und einigen anderen Dingen nur ein wirklich bedeutendes Hobby habe. Und das ist gutes Essen.“

„Ich weiß, ich weiß“, lachte Carol. „Trotzdem wäre ich dir dankbar, wenn du dieses wichtige Hobby ausnahmsweise einmal vergessen würdest. Wie wäre es, wenn du Tony und Silk assistiertest?“

„Die können mich nicht gebrauchen, Madam. Zwei Mann sind beim Archivieren der Fotos und Negative gerade genug. Ein Dritter würde nur alles durcheinanderbringen. Außerdem: Ich habe gerade mein Training hinter mir und verspüre einen Appetit wie ein Grizzly nach zehntägiger Bergwanderung.“

„Also gut!“ Carol wandte lachend den Kopf und blickte den blonden Hünen an. „Ich werde dir eins von den Steaks geben. Aber dann lass mich bitte in Ruhe, ja?“

„Habe ich Sie etwa gestört?“, erkundigte sich Butch scheinheilig. Er verließ mit zufriedener Miene seinen Beobachtungsposten und setzte sich an den Küchentisch.

Carol servierte ihm lächelnd eines der Grillsteaks mit einem Berg von gedünsteten Zwiebeln. Innerhalb von weniger als fünf Minuten hatte er das saftige Fleisch seinem stets hungrigen Magen einverleibt. Genüsslich fuhr er sich mit der Serviette über die Lippen.

In diesem Moment schrillte die Haustürklingel. Eine willkommene Gelegenheit für Carol.

„Würdest du bitte öffnen, Butch?“, bat sie.

„Selbstverständlich, Madam.“ O’Reilly stand auf und eilte zur Tür. „Ihnen tue ich jeden Gefallen, denn ohne Sie wäre ich längst verhungert!“, fügte er im Hinausgehen hinzu.

Mit Riesenschritten durchquerte er die Halle und öffnete die Eingangstür des Cantrell’schen Bungalows an der Clinton Street.

Butch vergaß augenblicklich das genossene Steak. Der Anblick des Mädchens faszinierte ihn derart, dass er kein Wort hervorbrachte. Ungläubig starrte er die hübsche Besucherin an.

„Guten Abend!“, überbrückte die Besucherin höflich die Verlegenheitspause. „Könnte ich Mr. Tony Cantrell sprechen? Ich bin zwar nicht angemeldet, und die Zeit ist vielleicht auch nicht gerade passend, aber es ist sehr wichtig!“

Ihre dunkelblauen Augen sahen ihn flehentlich an und ließen ihn förmlich dahinschmelzen.

„Warum sollte die Zeit unpassend sein?“, widersprach er. „Kommen Sie bitte herein, ich werde Mr. Cantrell sofort verständigen.“

Er ließ sie eintreten und bat sie, auf einem der Sessel in der Halle Platz zu nehmen. Sie bedankte sich mit einem Lächeln. Butch blieb sekundenlang mit bewunderndem Gesichtsausdruck vor ihr stehen.

„Ich heiße übrigens Diana Dale“, sagte sie, „und muss Mr. Cantrell wirklich sehr dringend sprechen.“

Butch erwachte. „Selbstverständlich, sofort!“, stieß er hervor. „Wenn Sie bitte einen Moment warten wollen …“ Im Weggehen erhaschte er noch einen letzten Blick des Mädchens, das mit seinem dunkelblauen Minirock und dem knappsitzenden weißen Pullover nicht nur Butch in Verwirrung bringen konnte.

Nach wenigen Minuten kam der blonde Hüne zurück.

„Mr. Cantrell erwartet Sie“, erklärte er mit zuvorkommendem Lächeln.

„Vielen Dank, Mr…“

„O’Reilly, Jack O’Reilly“, erklärte Butch mit einer angedeuteten Verbeugung.

„Vielen Dank, Mr. O’Reilly. Sie haben mir sehr geholfen!“ Diana Dale stand auf und folgte Butch, der ihr die Tür zum Korridor offen hielt. Er ging voran und führte sie in das Arbeitszimmer des berühmten Chicagoer Anwalts Tony Cantrell.

Cantrell erhob sich von seinem Schreibtischsessel und bot der Besucherin einen Platz an. Seine Augen, um die sich seit einem Säureattentat ein feiner Kranz winziger Narben spann, wurden von einer dunklen Brille verdeckt. Nur wenige Eingeweihte wussten, dass der bekannte Kriminalist nicht blind, sondern dank einer gewagten Netzhauttransplantation sogar nachtsichtig war. In der Öffentlichkeit galt Cantrell jedoch als Blinder.

Neben ihm stand Morton Philby, dessen Vorliebe für seidene Krawatten und maßgeschneiderte Anzüge ihm den Spitznamen „Silk“ eingebracht hatte.

Die Männer setzen sich, nachdem Diana Dale in einem der Besuchersessel Platz genommen hatte.

„Welches Problem können wir für Sie lösen, Miss Dale?“, eröffnete Cantrell in väterlichem Tonfall das Gespräch.

Diana blickte einen Moment verlegen zu Boden. Dann hob sie entschlossen den Kopf. „Es handelt sich um Wes Larkin“. begann sie unvermittelt.

Der Anwalt nickte. „Ich kenne ihn sehr gut“, erwiderte er, ohne sich eine Reaktion anmerken zu lassen.

„Dann brauche ich Ihnen sicher nicht zu schildern, was für ein Mensch er ist“, fuhr das blonde Mädchen fort. „Um es kurz zu machen: Ich war bis vor wenigen Stunden seine Freundin – um ehrlich zu sein, ich habe mir eingebildet, dass ich für ihn mehr war als nur eine Freundin. Ich habe mich eben getäuscht …“

„In Wes Larkin haben sich schon viele getäuscht“, sagte Cantrell taktvoll. Er kannte den Reporter noch aus der Zeit, in der er Staatsanwalt für Sonderaufgaben gewesen war und zahlreichen großen Syndikatsbossen das Handwerk gelegt hatte.

„Ich lernte Wes vor einem halben Jahr bei einem Presseball kennen“, berichtete Diana Dale weiter. „Ich hatte nicht etwa eine Einladung für den Ball. Sie müssen wissen, ich studiere Medizin. Meine Eltern sind nicht in der Lage, mich zu unterstützen. Da nimmt man eben jede Gelegenheit wahr, um sich ein paar Cents zu verdienen.

Ich arbeitete also bei diesem Presseball als Garderobenmädchen. Wes hatte von Anfang an ein Auge auf mich geworfen. Es gelang ihm schließlich, mich zu umgarnen. Damals fand ich ihn reizend und charmant, obwohl es mir eigentlich hätte auffallen müssen, dass seine Berufskollegen ihn während des Balles ziemlich isolierten. Niemand wollte im Grunde etwas von ihm wissen. Er selbst überspielte diese Tatsache allerdings sehr geschickt und gab sich das Flair des Mannes von Welt.“

Tony Cantrell versetzte diese Feststellung keineswegs in Erstaunen. Er hatte im Laufe seiner Berufsjahre oft genug Gelegenheit gehabt, sich mit Wes Larkin zu befassen. Meist waren die Umstände unerfreulicher Natur gewesen, denn der zwielichtige Reporter hatte der Staatsanwaltschaft mehr als einmal Anlass gegeben, sich mit ihm näher zu beschäftigen.

In Fachkreisen galt Wes Larkin als rüder Zeitungsmacher, mit allen Wassern gewaschen, der sich nicht scheute, seine Ziele auch auf ungesetzliche Weise zu erreichen. Larkin, der seit rund fünfzehn Jahren als fest engagierter Kriminalreporter für die „Chicago Tribüne“ arbeitete, hatte es jedoch immer glänzend verstanden, seine Machenschaften so zu tarnen, dass ihm niemand etwas anhaben konnte.

In der Unterwelt fühlte sich Larkin wie zu Hause. Er gab den Gangstern das Gefühl, nicht gegen sie, sondern mit ihnen zu arbeiten. Mit Bestechungsgeldern, die ihm die nötigen Informationen verschafften, war er nicht kleinlich und konnte dadurch erreichen, bei den großen Sensationen immer als erster „am Ball“ zu sein. Wes Larkin hatte sich auf diese Weise im Laufe der Jahre sein eigenes Spitzel-Netz aufgebaut, das ihm den direkten Draht zum heißen Geschehen lieferte.

„Anfangs war ich von der Umgebung, in der Wes lebte, fasziniert“, fuhr Diana Dale fort. „Seine völlig ungezwungene Lebensweise begeisterte mich, nicht zuletzt deshalb, weil meine Eltern mich sehr autoritär erzogen haben. Gerade diese Erziehung war es aber vielleicht, die mich nach einiger Zeit stutzig werden ließ.“

Sie machte eine kurze Pause und blickte Cantrell und seine Mitarbeiter an, wie, um sich zu vergewissern, ob sie noch zuhörten.

Der Anwalt nickte ihr aufmunternd zu. „Fahren Sie bitte fort, Miss Dale. Ihr Bericht ist für uns äußerst interessant.“

„Es fällt mir nicht leicht“, sagte Diana mit gesenkter Stimme. „Aber ich muss es loswerden. Es lastet wie ein Alptraum auf mir. Wie gesagt, ich war von Wes Larkin fasziniert. Monatelang lebte ich mit ihm zusammen, ohne dass mich irgend etwas an ihm gestört hätte. Nach und nach ließ er sich jedoch gehen und zeigte mir schließlich sein wahres Gesicht. Ich wollte es nicht wahrhaben, doch es zeigte sich, dass ich für ihn nicht mehr als eine vorübergehende Bekanntschaft war. Richtig deutlich wurde es für mich erst, als er anfing, mich oft tagelang allein zu lassen. Er kümmerte sich kaum noch um mich, gab mir allerdings regelmäßig Geld. Ein- oder zweimal bin ich ihm gefolgt, wenn er wegging. Es warf mich fast um, als ich feststellte, dass er die finstersten Kneipen aufsuchte, die man sich nur vorstellen kann. Ich sagte mir zwar, dass sein Beruf das mit sich bringt, aber trotzdem konnte ich mich nicht damit abfinden. Es passte einfach nicht zu dem Eindruck, den ich ursprünglich von ihm gewonnen hatte.“

„Ihre Feststellungen stimmen durchaus mit dem Bild überein, das wir aufgrund unserer persönlichen Erfahrungen von Wes Larkin haben“, erklärte Tony Cantrell.

„Ich bin ihm regelrecht auf den Leim gegangen“, nickte Diana. „Ein zweites Mal würde mir das nicht passieren. Den endgültigen Knacks gab es, als ich vor ein paar Tagen feststellte, dass sich Wes auf eine merkwürdige Weise verändert hat. Ich stellte ihn deshalb zur Rede, und er spielte mir eine Schau vor, die mich anekelte. Herablassend prophezeite er, dass er es bald nicht mehr nötig haben werde, sich für lausige Zeilenhonorare die Finger wund zu schreiben. Großzügig gestattete er mir, dass ich auch weiterhin bei ihm bleiben könne. Ich müsse allerdings in Kauf nehmen, dass ich nicht die einzige bleiben würde, denn sein Geld würde es ihm erlauben, sich endlich alle Wünsche zu erfüllen.“

„Typisch Larkin!“, brummte Butch mitfühlend. „Ich kann mir vorstellen, dass Ihnen zum Heulen zumute war, Miss Dale.“

Sie bedachte Butch mit einem zaghaften Lächeln. „Ich spürte, dass Wes etwas vorhatte, was nicht astrein ist. Das heißt, er hat es immer noch vor. Ich redete mir den Mund faserig, ohne ihn überzeugen zu können. Eigentlich hätte ich wissen müssen, dass bei Wes jeder derartige Versuch zwecklos ist.“

„Er hat es Ihnen vermutlich auf deutliche Weise gesagt“, meinte der Anwalt vorsichtig.

„So kann man es auch nennen, Mr. Cantrell. Er hat mich geschlagen und mich hinausgeworfen!“

Für einen Augenblick herrschte atemlose Stille im Arbeitszimmer des prominenten Kriminalisten. Cantrell setzte nachdenklich seine Pfeife in Brand.

„Ich sagte vorhin, dass ich Wes Larkin kenne, Miss Dale. Jetzt muss ich mein Urteil revidieren. Ich glaubte, ihn zu kennen. Dass er sich an einer wehrlosen Frau vergreifen würde, hätte ich bislang nicht für möglich gehalten.“

„Sir!“ Diana beugte sich vor und blickte bittend in die dunklen Brillengläser des Anwalts, ohne zu wissen, dass die Augen dahinter keineswegs blind waren. „Sir, ich möchte Sie bitten, sich um Wes Larkin zu kümmern. Natürlich kann ich Ihnen nicht als Auftraggebern gegenübertreten, dazu fehlt mir das nötige Geld. Aber ich weiß, dass Sie Recht und Gesetz vertreten und das Verbrechen bekämpfen, wo immer Sie die Möglichkeit dazu haben.“

Der Anflug eines Lächelns umspielte Cantrells feine Lippen, die zwei Reihen makelloser Zähne freigaben. „Sie haben mich völlig richtig eingeschätzt, Miss Dale. Mein Interesse war bereits geweckt, als Sie den Namen Wes Larkin erwähnten. Wegen finanzieller Fragen machen Sie sich bitte keine Gedanken. Darum geht es in diesem Fall nicht. Wichtig ist nur, dass wir die Chance haben, möglicherweise ein geplantes Verbrechen zu verhindern. Deshalb möchte ich Sie bitten, Miss Dale, uns bei unserer Arbeit zu unterstützen!“

„Wie sollte ich das tun? Ich habe doch überhaupt keine Ahnung, wie man so etwas macht!“

Cantrell und seine Mitarbeiter mussten lachen. Anfangs zaghaft, doch dann merklich gelöst, stimmte Diana mit ein.

„Sie sollen keineswegs den Detektiv spielen, Miss Dale“, klärte der Anwalt sie auf. „Das würde niemand von Ihnen erwarten. Es geht einzig und allein darum, dass Sie uns Hinweise geben, die uns während unserer Ermittlungen weiterhelfen könnten. Denn Sie kennen Wes Larkin besser als wir, und vieles, was wir erst mühsam herausfinden müssten, können Sie uns viel schneller sagen.“

„Ich verstehe. Sie können sich darauf verlassen, dass ich Ihnen alles sagen werde, was ich weiß.“

„Ausgezeichnet, Miss Dale. Übrigens“, der Anwalt nahm die Pfeife aus dem Mund, „wo werden Sie wohnen? Haben Sie ein Zimmer, von dem Wes Larkin nichts weiß? Es könnte sein, dass er sich besinnt und Sie noch einmal aufsucht. Das könnte unerwartete Schwierigkeiten geben.“ Bewusst ließ Cantrell eine weitaus gefährlichere Möglichkeit unerwähnt.

„Machen Sie sich keine Sorgen“, zerstreute Diana seine Bedenken. „Ich habe bereits meine Freundin angerufen und sie gebeten, bei ihr wohnen zu dürfen. Wes kennt weder meine Freundin noch ihre Wohnung.“

„Sehr gut.“ Cantrell atmete auf. „Ihre Freundin hat Telefon, nicht wahr?“

„Ja.“ Diana öffnete ihre Handtasche und wühlte mit der Rechten darin herum. Dann hatte sie eine winzige Visitenkarte gefunden, die sie dem Anwalt hinüberreichte. „Meine Freundin ist Bezirksinspektorin bei einer Kosmetikfirma, daher hat sie so was.“

Cantrell sah an ihr vorbei. „Geben Sie die Nummer einem meiner Mitarbeiter, Miss Dale. Ich kann damit leider nichts anfangen.“

Diana zuckte zurück. „Oh, entschuldigen Sie, Sir! Ich hatte eben nicht mehr daran gedacht!“

Silk war an sie herangetreten und nahm ihr die Visitenkarte ab.

„Aber, Miss Dale!“, lachte der Anwalt. „Erstens bin ich keine Mimose, und zweitens kann Ihnen in Ihrer Aufregung schon mal ein kleiner Irrtum unterlaufen. Im Übrigen gebe ich mir nicht gern den Anschein des bedauernswerten Invaliden. Machen Sie sich also deswegen keine Gedanken!“

Diana nickte dankbar. „Ich möchte mich jetzt verabschieden, Sir. Ich bin Ihnen sehr zu Dank verpflichtet. Sie können mich übrigens jederzeit anrufen.“

„Darauf werden wir sicher zurückkommen müssen, Miss Dale.“ Cantrell hob leicht die Hand, als sie sich zum Gehen wandte.

Diana war bereits an der Tür, als sie sich abrupt umdrehte und zu Cantrells Schreibtisch zurückging. Sie hatte ihre Handtasche geöffnet und legte einen metallisch glänzenden Sicherheitsschlüssel auf die Schreibtischplatte.

„Den werden Sie vielleicht gebrauchen können; ich hätte fast nicht mehr daran gedacht. Es ist der Zweitschlüssel von Wes Larkins Wohnung.“

Bevor Cantrell und seine Mitarbeiter sich von ihrem Erstaunen erholen konnten, war Diana bereits draußen. Butch lief hinter ihr her, um ihr die Tür zu öffnen.

 

 

3

Der silbergraue Sportwagen vom Typ Stingray stoppte unter einer vorsintflutlichen Straßenlampe, die ihren gelblichen Schein auf glitschig-nasses Kopfsteinpflaster warf.

Über die Metalleffekt-Lackierung des rassigen Wagens perlten dicke Regentropfen; die Scheibenwischer huschten in raschem Tempo über die breite Windschutzscheibe. Die rhythmische Bewegung stoppte urplötzlich, als das tiefe Dröhnen des Sportwagenmotors erstarb.

Wes Larkin sprang mit einem Satz ins Freie. Er hatte sich das Jackett über den Kopf gezogen und schloss hastig die Tür des Wagens ab. Dann rannte er mit langen Sätzen um die Motorhaube herum auf den Bürgersteig.

Zehn Yards weiter glomm der matte Schimmer einer violett gestrichenen Kugellampe über einer Tür, die einem normalen Hauseingang glich, wie sie es zu Dutzenden in der endlos scheinenden Reihe der finsteren Mietskasernen ab.

Der City Police von Chicago und den für das Gastronomiegewerbe zuständigen Aufsichtsbehörden war allerdings bestens bekannt, dass sich unter der violetten Kugellampe alles andere als der Eingang zu harmlosen Mietwohnungen befand.

Larkin hatte die Tür erreicht, von der der letzte Rest Farbe bereits vor Jahren abgebröckelt sein musste. Fluchend drückte er sich in den Eingang und presste den Daumen in bestimmten Abständen auf den Klingelknopf. Er konnte es nicht verhindern, dass ihm von oben aus irgendeiner Dachrinne dicke Tropfen auf die Schulter klatschten.

Als die Tür endlich einen Spalt breit aufschwang, war das Jackett des Reporters an den Schultern fast durchgeweicht.

„Verdammt noch mal, lass mich endlich ’rein!“, brüllte Larkin das Mehlgesicht an, das in dem Spalt zwischen Rahmen und Tür aufgetaucht war.

„Sachte, sachte!“, brummelte das Mehlgesicht, verschwand für einen Moment, um dann wieder neben der sich endgültig öffnenden Tür aufzutauchen.

Larkin zwängte sich mit einem unterdrückten Fluch an dem dicken Türöffner vorbei in den ebenfalls violett beleuchteten Flur. Das dubiose Etablissement nahe der South Harbor Avenue am Turning Basin des Calumet River hatte zwar keinen offiziellen Namen, wurde aber von seinen nicht minder dubiosen Besuchern sinnigerweise „Violet“ genannt.

„Wie viele Typen habt ihr heute Abend registriert?“, knurrte Larkin den Dicken an, dessen ungesunde Gesichtsfarbe irgendwo zwischen hell-oliv und schmutzig-gelb lag und auf verblüffende Weise an die Farbe minderwertigen Mehls erinnerte.

„Zwei Dutzend sind’s bestimmt“, erwiderte Mehlgesicht pikiert. „Übrigens brauchst du mich nicht so anzublaffen. Ich kann schließlich nichts dafür, dass es draußen gießt!“

„Hast schon recht, alter Junge!“ Der Reporter legte ihm lachend die Hand auf die Schulter. „Nimm’s nicht krumm. Ich werd’ mich nachher mit ’nem Drink revanchieren.“

„Schon gut, Wes. Komm!“ Mehlgesicht schlurfte voran und öffnete nach wenigen Schritten mit einem Schlüssel, den er in der Tasche trug, eine der Türen, die auf der rechten Seite des Korridors lagen. Erst als die Tür aufschwang, drang wüster Lärm heraus. Vorher war nichts zu hören gewesen. Larkin achtete nicht darauf, er wusste, dass Türen und Wände in diesem Laden mit schalldämpfendem Material gepflastert waren.

Auch der Raum, in den Mehlgesicht ihn eintreten ließ, war von ekelhaftem Violett aus angepinselten Neonröhren illuminiert. Die Männer an der Theke unterbrachen ihre lautstarken Gespräche und starrten dem Neuankömmling entgegen.

„Hallo, Wessyboy!“, grölte jemand. „Du bist noch ’ne Runde schuldig, verdammter Zeitungsschmierer!“

„Wird umgehend erledigt“, erwiderte Larkin lachend und hob die Rechte zum Kollektivgruß.

Das lautstarke Stimmengewirr setzte schlagartig wieder ein. Die trüben Gestalten, die sich ihren allabendlichen Rausch einverleibten, hatten den neuen Gast geprüft und für gut befunden.

Larkins Augen hatten sich schnell an das violette Dämmerlicht gewöhnt. Er war schließlich so etwas wie ein Stammgast in der sorgsam getarnten Kneipe. In der Bar, einem handtuchförmigen Raum, hockten sieben oder acht Leute, die den Reporter nicht sonderlich interessierten.

Dennoch kam er der unmissverständlichen Aufforderung von vorhin nach. Leutselig schob er sich an den rechten Rand der Theke und winkte den weißgeschürzten Keeper heran.

„Jimmy! Einen handfesten Scotch für meine Freunde vom Violet! Aber den echten! Keinen Scotch aus Kentucky, wenn ich bitten darf!“

Larkin erntete dafür dröhnendes Gelächter, das er berechtigterweise als Beifall deuten durfte. Der Keeper förderte eine bauchige Flasche aus einem geheimen Winkel unter der Theke zutage und hielt sie triumphierend in die Höhe.

„Schon gut, Jimmy!“, winkte Wes Larkin ab. „Nimm’s nicht gleich zu wörtlich, alter Junge. Wir wissen doch, dass du den echten auf Lager hast!“

Jimmy reihte die Gläser auf, schenkte ein, kippte Eiswürfel hinterher und verteilte die ölig-braunen Drinks.

Larkin hob sein Glas. „Auf euer Wohl, Freunde!“ Die Männer prosteten ihm zu und kippten den teuren Whisky achtlos in sich hinein. Der Reporter setzte genussvoll eine Zigarette in Brand und holte sich mit einer Handbewegung erneut den Keeper heran.

„Wie sieht’s nebenan aus, Jimmy?“, erkundigte sich Larkin vertrauensselig.

„Läuft ganz gut“, brummte der Weißgeschürzte. „Wir sind so gut wie ausgebucht.“

„Bekannte Gesichter dabei?“

„Na, hören Sie mal, Mr. Larkin! Ich wüsste keinen hier, den Sie nicht kennen!“

„He! Nun übertreib mal nicht!“ Larkin klopfte dem Keeper lachend auf die Schulter. Dann zog er seine ausgebreiteten Unterarme von der Theke und klemmte sich die Zigarette zwischen die Lippen.

„Werd mal sehen, was los ist!“, verkündete er lässig und stieß sich von der Theke ab. Die Männer an der Bar waren bereits wieder mit sich selbst beschäftigt, als er an ihnen vorbeistelzte und sich einer mit dunklem Stoff bespannten Pendeltür näherte, die in einen Nebenraum führte.

Dahinter erhellte das gleiche violette Licht nur unzureichend schwere Spieltische. Die Stimmen der Männer, die daran saßen, waren gedämpft. Es war für Larkin nur unschwer zu erkennen, dass es hier um hohe Summen ging. Er schob sich zurückhaltend an die Spieler heran und setzte sich an einen der insgesamt drei Tische, an dem noch ein Platz frei war.

Die Männer bedachten ihn nur mit flüchtigen Seitenblicken und einem oberflächlichen Kopfnicken, um sich sofort wieder ihren Karten zu widmen.

Wes Larkin ließ seinen Blick unauffällig umherschweifen. Den Mann, den er suchte, entdeckte er sofort. Tob Wesley saß an dem mittleren Tisch und war völlig in seine Karten vertieft. Er achtete nicht auf seine Umwelt. In seinen fiebrigen Augen lag ein gieriger Glanz.

Typischer Spieler, dachte der Reporter verächtlich. Der Bursche ist nicht das Schwarze unter den Fingernägeln wert.

Larkin überlegte nicht lange. Er drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus und stand auf. Scheinbar unschlüssig vergrub er die Hände in den Hosentaschen und näherte sich Wesley von hinten. Hinter dem Rücken des Ganoven blieb er stehen und beobachtete mit gespieltem Interesse das Kartenspiel.

Wesley verlor. Mit einem Fluch schob er seine letzten Dollars über die Tischplatte von sich weg.

Larkin beugte sich zu ihm hinab. „Du solltest aufhören, Tob!“, flüsterte er. „Wenn einen die Pechsträhne einmal erwischt hat, ist es zwecklos!“

Wesleys Kopf ruckte erstaunt herum. „Ach, du bist es! Ich habe dich überhaupt nicht gesehen!“

„Soll vorkommen, Tob. Wie gesagt, ich würde an deiner Stelle aufhören!“ Larkins Worte klangen wie ein Befehl.

Der Ganove stutzte. „Was soll das, Wes? Ich kann schließlich machen, was ich will!“

„Da würde ich nicht so sicher sein, Tob. Ich könnte mich beispielsweise an die Story erinnern, die mir ein guter Freund von dir erzählte. Die Bullen würden dich für den Rest deiner Tage einlochen, wenn ihnen diese Story zu Ohren käme. Oder sollte ich mich etwa irren?“

Wesley richtete sich langsam auf. In seinen Augen stand offene Angst. Mit einer fahrigen Bewegung strich er sich durch das strähnige dunkle Haar. „Was willst du von mir, zum Teufel? Was soll dieses dämliche Gequatsche?“

„Sachte, mein Lieber!“ Larkin legte ihm väterlich die Hand auf die Schulter. „Du solltest mir gegenüber etwas höflicher sein, Tob. Um es kurz zu machen: Ich muss mit dir reden, und zwar allein! Also setz dich in Bewegung!“

„Wieso? Muss das ausgerechnet jetzt sein?“

„Es muss. Also komm schon!“ Es lag etwas in der Stimme des Reporters, das keinen Widerspruch duldete.

Tob Wesley zögerte sekundenlang. „Okay, meinetwegen“, brummte er dann schulterzuckend. Die anderen schenkten ihm keine Beachtung mehr. Hier war sich jeder selbst der Nächste.

Larkin schob den Ganoven vor sich her. „Du darfst vorgehen, mein Lieber!“, erklärte er ölig.

Wesley gehorchte widerstrebend. Er stieß die Pendeltür auf und durchquerte mit raschen Schritten die Bar. Der Reporter folgte ihm dichtauf.

„So long, Jungs!“, rief Larkin den Burschen an der Theke zu. „Wir beide suchen uns ’ne bessere Kneipe aus. Eine, wo auch was Weibliches geboten wird!“

„Weiberhelden!“, brüllte einer der Männer. „Macht, dass ihr in euren Stripschuppen kommt!“ Wieherndes Gelächter folgte Wesley und Larkin, die sich von dem rundlichen Mehlgesicht, das wie auf Kommando aus einer Ecke aufgetaucht war, hinausbringen ließen.

 

 

4

„Wohin?“, erkundigte sich Wesley, als sie auf dem Bürgersteig unter der violetten Kugellampe standen. Es hatte aufgehört zu regnen. Das Kopfsteinpflaster war jedoch immer noch glitschig.

„Mein Wagen steht da drüben!“ Larkin deutete auf den Stingray, der zehn Yards entfernt unter der Straßenlampe wartete.

„Bin gespannt, was das werden soll!“, brummte Tob Wesley mit unverhohlenem Ärger. Doch er wagte es nicht, sich gegen die Anordnungen des Reporters aufzulehnen.

„Du wirst es noch früh genug erfahren, mein Freund“, verkündete Larkin vieldeutig.

Wesley ließ die Arme hängen und trottete ergeben auf den silbergrauen Stingray zu. Larkin schloss zuerst die Beifahrertür auf und ließ ihn einsteigen. Dann schloss er wieder ab und marschierte um die Motorhaube herum, um sich hinter das Lenkrad zu zwängen.

Eine halbe Minute später ließ die Maschine des Sportwagens ihr sattes Brummen erklingen. Larkin legte den ersten Gang ein und rangierte den Wagen aus der Parklücke. Ruckartig gab er Gas. Der Flitzer schoss wie ein Raubtier vorwärts. Wesley wurde in die Polster gepresst.

Die Männer hatten etwa fünfhundert Yards zurückgelegt, als Larkin in den Innenspiegel blickte.

Er zuckte zusammen. Er spürte es förmlich, dass die beiden Scheinwerfer nicht zufällig hinter ihm her tanzten. Was konnte das bedeuten? Okay, dachte er grimmig, ich werde es für meine Zwecke ausnutzen.

„Schau dich mal um, Tob“, brummte er gelassen. „Die Bullen sind bereits hinter uns her!“

Wesley wirbelte herum und hängte sich mit dem Oberkörper auf die Rückenlehne. „Sind das wirklich Bullen? Woher wissen die …“

„Du weißt doch, dass ich einen guten Ruf genieße, auf beiden Seiten“, entgegnete Larkin ruhig und steuerte den Wagen in zügigem Tempo in Richtung South Harbor Avenue. „Die Bullen nutzen das hin und wieder aus, indem sie mir jemanden anhängen, der aufpassen soll, mit welchen schrägen Typen ich mich abgebe. Manchmal haben sie sich dabei schon einen von diesen Typen gekrallt.“

„Du bist ein gerissener Hund, Larkin!“, stieß der Ganove erregt hervor und ließ sich zurück auf den Sitz sinken.

„Danke für die Blumen!“, grinste der Reporter. Er hatte die Avenue erreicht und bog nach rechts ein. Im gleichen Moment trat er das Gaspedal hinunter. Der Kickdown ließ den Sportwagen vorwärts schießen.

„Sieh zu, dass du sie abhängst!“, bat Wesley weinerlich.

„Hast du die Hosen schon voll?“

„Quatsch!“

„Na also! Dann vertrau auf meine Fahrkünste und halt den Mund.“

„Wenn ich wüsste, was du eigentlich vorhast, würde mir das leichter fallen.“

„Zum Teufel! Ich sagte doch schon, dass ich mit dir zu reden habe, und zwar ungestört und unter vier Augen. Reicht das?“

„He, ja ja …“ Wesley murmelte etwas Unverständliches.

Der Reporter achtete nicht mehr darauf. Er blickte in den Innenspiegel und stellte fest, dass der Verfolger in einer Entfernung von etwa fünfhundert Yards mithielt. Er war sicher, dass er die lästigen Scheinwerfer im Handumdrehen abschütteln würde.

Er beschleunigte das Tempo und steuerte nach wenigen Minuten die Zufahrt zum South Shore Drive an. Es herrschte nur noch geringer Verkehr. Auf der Schnellstraße, die zum Lake Shore Drive hinaufführte, würde ihm sein rasantes Fahrmanöver am schnellsten gelingen.

Kurz vor dem South Shore Drive zündete sich Larkin eine Zigarette an. Er brauchte die Nikotinnudel, um seine Nerven zu beruhigen. Wesley blickte ihn mit einer Mischung aus Misstrauen und Furcht von der Seite an.

Kurzentschlossen steuerte Larkin den Stingray in Richtung Norden. Die breite, zehnspurige Fahrbahn bot zu dieser Stunde genügend Raum für ein kleines Wettrennen. Im Rückspiegel vergewisserte sich der Reporter, dass die Scheinwerfer noch immer hinter ihm waren. Er überholte ein paar Limousinen und hatte dann eine längere freie Strecke vor sich. Sein rechter Fuß drückte das Gaspedal nach unten.

Der Achtzylinder röhrte auf. Zitternd kroch die Tachonadel nach rechts. 60 – 70 – 80 – 90 Meilen! Grinsend stellte Larkin fest, dass der Verfolger mithielt, ohne den Abstand zu vergrößern.

„Okay!“, knurrte der Reporter. „Du hast dich selbst ’reingelegt, Freundchen!“ Die Zigarette hing zwischen seinen Lippen. Seine Augen waren zusammengekniffen. Angestrengt starrten sie durch die Windschutzscheibe nach vorn.

„Halt dich gut fest, Tob! Es geht gleich los.“ Larkin blickte kurz zur Seite. „Na los, mach schon!“, herrschte er den Ganoven an, als dieser nicht sofort gehorchte.

„Wa … was hast du vor, Wes?“

„Halt’s Maul und halt dich fest!“ Larkins Mundwinkel zuckten. Dann handelte er.

Sein rechter Fuß verließ blitzschnell das Gaspedal und wechselte mit voller Kraft auf die Bremse über. Die Bremshilfe tat das ihre. Der Stingray ging auffallend in die Knie. Hinter ihm kreischten die Bremsen des Verfolgers.

Larkins Sportwagen stand nur für den Bruchteil einer Sekunde. Noch während der Vollbremsung hatte der Reporter die Kupplung getreten und brutal den ersten Gang hineingeknallt.

Die schwere Limousine des Verfolgers ratterte noch mit den Pneus über die Betonfahrbahn, als der Stingray bereits förmlich dahinschoss. Wes Larkin ließ mit Vollgas die Kupplung fliegen, dass sein Beifahrer glaubte, in einer Rakete aus dem Apollo-Programm zu sitzen.

Der Reporter fuhr wie ein Besessener. Er fuhr die Gänge bis zum letzten aus und riss den kurzen Schalthebel rücksichtslos in die höhere Stufe. Die Scheinwerfer hinter ihm wurden rasch kleiner und bereits von den ersten Lichtern verdeckt, die nachfolgenden Autos gehörten.

Wes Larkin überlegte keine Sekunde. Die Entfernung reichte aus. Vor ihm tauchte der Brückenbogen einer Überführung auf. Ruckartig scherte er nach rechts aus und schnitt rücksichtslos die Spur der Fahrzeuge, die dort in mäßigem Tempo dahinrollten. Ein wütendes Hupkonzert verfolgte den Sportwagen, der mit überhöhter Geschwindigkeit im letzten Moment die Ausfahrt erwischte und mit schleuderndem Heck in die scharfe Rechtskurve gerissen wurde.

Jetzt zeigte Larkin, wie sehr er sich in Chicago auskannte. Tob Wesley musste sich festhalten, um nicht vom Beifahrersitz geschleudert zu werden. In atemberaubendem Tempo jagte der Reporter den Wagen durch ein Gewirr von Nebenstraßen stadteinwärts. Nach fünf Minuten war es längst klar, dass er den Verfolger abgehängt hatte. Dennoch gab sich Larkin erst zufrieden, als er eine halbe Stunde lang hakenschlagend durch Chicagos nächtliche City gebraust war.

In einer düsteren Straße, die zu beiden Seiten von zwei Yards hohen Fabrikmauern begrenzt wurde, verringerte Larkin die Geschwindigkeit. Tob Wesley konnte beim besten Willen nicht mehr sagen, wo sie sich befanden.

„Mann!“, stöhnte er matt. „Ich bin mir vorgekommen wie auf ’nem Schleuderstuhl! Ein Wunder, dass uns die Verkehrscops nicht eingefangen haben!“

„Du darfst mir ruhig glauben, dass ich meine Erfahrungen habe“, grinste Larkin und lenkte den Stingray in einen unbeleuchteten Torbogen, der auf das rückwärtige Gelände irgendeiner Fabrik führte. Kurz hinter dem Torbogen stoppte er. Es war stockdunkel.

Larkin drehte den Zündschlüssel nach links. Die Maschine des Sportwagens erstarb mit einem Patschen. „Da wären wir, Tob! Hier können wir uns ungestört unterhalten.“

„Mussten wir deshalb eine halbe Weltreise machen?“, fragte der Ganove misstrauisch.

„Du scheinst bereits vergessen zu haben, dass die Bullen uns verfolgten. Oder glaubst du etwa, ich würde nur zum Spaß wie ein Irrer durch Chicago brausen?“

„Das nicht. Hauptsache, ich muss nachher nicht zu Fuß nach Hause latschen.“

„Das kommt darauf an, was du mir erzählen wirst.“

„Ich wüsste nicht, was ich dir stecken könnte. Wenn du an ’ner heißen Story interessiert bist, kann ich dir leider nicht dienen. Ich hab’ zur Zeit nichts auf Lager!“

„Davon bin ich nicht so ganz überzeugt, Tob. Vielleicht muss ich dir ein wenig auf die Sprünge helfen; es ist weniger eine Story, der ich auf der Spur bin, als eine Sache, die mich persönlich interessiert. Als Hobby gewissermaßen.“

„Verstehe ich nicht“, brummte Wesley verwirrt.

Larkin beugte sich zu ihm hinüber. „Denk ein bisschen an den guten Joe Turner!“, zischte er böse. „Und dann denk daran, was dir der liebe Joe in den letzten Tagen so alles erzählt hat. Wenn du lange genug darüber nachgedacht hast, lass mich wissen, woran du dich erinnerst!“

Der Ganove zuckte zusammen. Er versuchte, sich sein Erschrecken nicht anmerken zu lassen. Es gelang ihm nur halbwegs. Er war ein schlechter Schauspieler.

„Na los!“, setzte Larkin nach. „Ich sehe, du verstehst mich! Streng deinen Grips an, und dann spuck’s aus, welchen Raid ihr in der Mache habt!“

Wesley fuhr erneut zusammen. „Ich weiß nicht, wovon du redest!“, stammelte er bleich. „Kein Wort verstehe ich, glaub mir! Lass mich in Ruhe, ich will jetzt endlich nach Hause!“

„Damit du. dich bei deiner Mammy ausweinen kannst, wie?“ Der Reporter packte ihn am Kragen. „Jetzt hör mir gut zu, Freundchen! Ich hab’ dir vorhin schon gesagt, dass ich dich mit dem kleinen Finger den Bullen zuschnipsen könnte. Also überleg’s dir gut, ob du weiterhin bockig sein willst oder endlich den Mund aufmachst! Irgendwann ist meine Geduld am Ende!“

„Ich komme in Teufels Küche!“, ächzte Wesley. „Joe lässt mich auf der Stelle umlegen, wenn er’s herausbekommt!“

„Er wird es nie erfahren“, versicherte der Reporter zweideutig. „Das kann ich dir schriftlich geben!“

„Trotzdem!“, versuchte der Ganove einen letzten Einwand. „Weiß der Teufel, zu wem du damit hausieren gehst! Ich bin doch nicht lebensmüde!“

Larkin verstärkte seinen Griff. Wesley begann zu zittern. „Was erwartet dich, wenn dich die Bullen schnappen?“, schnarrte der Reporter. „Sag’s mir?“

Wesley stöhnte gequält.

„Der Stuhl!“, bellte Larkin. „Sie werden dich rösten, mein Freund, ist das klar?“

„Also gut.“ Wesley ließ entnervt den Kopf hängen. „Ich hab’ die Nase voll. Meinetwegen kannst du’s wissen. Mir bleibt keine andere Wahl.“

„Sehr schön!“, höhnte Larkin. „Ich bin direkt gespannt.“

„Bei Alder and Arnes am Yates Boulevard beginnt in zwei Tagen irgendeine Werbewoche“, gestand Tob Wesley zerknirscht. „Ich glaube, es dreht sich um Frankreich oder irgend ein anderes Land in Europa. Joe hat in dem Laden ’nen V-Mann sitzen, der genaue Informationen liefert. Von dem haben wir auch erfahren, dass bei solchen Werbewochen die Einnahmen am ersten Tag immer Rekordhöhen erreichen.“

„Du kannst dich kurz fassen“, unterbrach Larkin. „Das meiste kann ich mir denken. Wann soll die Sache steigen? Genaues Datum und Uhrzeit bitte!“

„Wes! Das kannst du nicht von mir verlangen!“ Der Ganove hob erschrocken die linke Hand. „Ich kann uns doch nicht selbst ans Messer liefern!“

Larkins Rechte zuckte vor und packte Wesley erneut am Kragen. „Du bist ein Trottel, Tob! Erstens will ich keinen von euch verpfeifen, und zweitens kann ich es mir an zehn Fingern ausrechnen, wann ihr das Ding steigen lassen wollt. Nach Adam Riese am ersten Tag der Werbewoche, kurz nach Geschäftsschluss, stimmt es?“

Tob Wesley nickte entsagungsvoll. „Du bist ein Aasgeier, Larkin. Irgendwann werden sie dich mit ’ner Ladung Blei im Balg aus dem Michigan fischen.“

„Durchaus möglich“, grinste der Reporter. „Aber vorher werde ich selbst noch ein paar hübsche Fische an Land ziehen.“ Er machte eine kurze Pause. „Steig aus!“, bellte Larkin plötzlich.

Wesley zuckte zusammen wie vom Blitz getroffen. „Bist du verrückt?“, hauchte er. Eine düstere Ahnung beschlich ihn. „Ich habe dir doch alles gesagt. Du kannst doch zufrieden sein. Fahr mich bitte nach Hause und lass den Quatsch!“

„Es ist kein Quatsch“, knurrte der Reporter. „Ich meine es verdammt ernst, Freundchen! Es freut mich außerordentlich, dass du mir die Story erzählt hast. Aber deswegen werde ich dich noch lange nicht laufen lassen. Ich könnte sicher sein, dass deine Prophezeiung mit der Ladung Blei innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden einträfe!“

„Das ist doch Blödsinn, Wes!“, versicherte der Ganove zitternd. „Wie kommst du auf so eine Idee?“

„Schnauze! Steig aus! Ich sag’s nicht zum dritten Mal!“ Wie hingezaubert lag plötzlich in der Rechten des Reporters eine italienische Bernardelli mit Schalldämpfer.

Er hatte sie aus dem Zwischenraum zwischen den beiden Sitzen zutage gefördert. Die Mündung der Waffe war drohend auf Wesley gerichtet, der vor Angst kreideweiß wurde und sich gegen die Türverkleidung presste.

„Ich wiederhole mich nicht gern!“, zischte Larkin kalt. „Außerdem will ich die Schweinerei nicht im Wagen haben. Also mach endlich, dass du ’rauskommst!“

„Wes!“, stammelte der Ganove. „Um Himmels willen! Du kannst mich doch nicht einfach umlegen! Du hast doch überhaupt keinen Grund dafür, ich …“

Wesley stockte. Larkin war wutentbrannt aus dem Wagen gesprungen und rannte mit langen Sätzen um die Kühlerhaube. Bevor Wesley reagieren konnte, hatte der Reporter die Tür an der Beifahrerseite aufgeschlossen, sie geöffnet und packte ihn mit der Linken am Jackett. Brutal riss er den vor Angst schlotternden Ganoven aus dem Wagen.

Wesley stolperte, fing sich wieder und taumelte rücklings gegen die Begrenzung der Toreinfahrt. Im matten Schein der Innenbeleuchtung des Sportwagens wirkte sein schreckverzerrtes Gesicht totenbleich.

Wes Larkin machte kurzen Prozess. Er hob die Bernardelli und drückte zweimal ab.

Tob Wesley hörte nicht mehr das zweifache leise „Plopp“, dessen winziges Echo sich an den Mauern des Torbogens brach. Ohne einen Schmerzenslaut sank er in sich zusammen. Sein Mund war in grenzenlosem Erstaunen geöffnet. Er war tot, bevor er zu Boden sank.

Der Reporter würdigte sein Opfer keines Blickes mehr. Gelassen knallte er die Beifahrertür seines Wagens ins Schloss, stelzte auf die andere Seite und ließ sich hinter das Lenkrad sinken. Die Bernardelli verstaute er sorgsam wieder an ihrem. Platz.

Mit gelöschten Scheinwerfern rollte der Stingray rückwärts aus dem Torbogen, um dann zügig in Richtung South Shore Drive davonzubrausen.

 

5

Silk ließ den schweren Buick Electra am Fahrbahnrand ausrollen und trat auf die Bremse. Wippend kam die schwarze Limousine zum Stehen.

Der Detektiv wandte sich besorgt zur Seite.

„Haben Sie sich wirklich nicht verletzt, Miss Dale?“, erkundigte er sich leise.

Diana schüttelte energisch den Kopf. „Machen Sie sich keine Sorgen, Mr. Philby, es war nur der Schreck, mehr nicht.“

„Es hätte leicht schlimmer werden können“, murmelte Silk. „Ich hätte damit rechnen müssen, dass Larkin diesen Trick anwendet. Ich bin ihm auf den Leim gegangen wie ein grüner Junge.“

„Mr. Philby!“ Diana ergriff seinen Unterarm. „Sie machen sich nur meinetwegen Vorwürfe. Das dürfen Sie nicht! Mir ist wirklich nichts passiert, und auch den Schreck habe ich bereits überwunden.“

„Danke für Ihr Verständnis, Miss Dale. Aber die Panne hätte mir wirklich nicht unterlaufen dürfen. Der Trick mit der Vollbremsung ist schließlich nicht neu. Weiß der Teufel, weshalb ich nicht darauf geachtet habe!“

„Aber Mr. Philby! Sie haben doch erreicht, was Sie wollten. Sie wissen, mit wem Wes Larkin unterwegs ist, und Sie sagten mir doch, dass das genügt!“

„Sicher. Aber ich habe ein ungutes Gefühl.“

„Warum? Wollen Sie Larkin Tag und Nacht beschatten?“

„Das wäre zweifellos das beste. Vielleicht wird es sogar noch erforderlich werden.“

„Es tut mir leid, dass ich Ihnen Unannehmlichkeiten mache“, sagte Diana plötzlich. Sie senkte den Kopf. „Ich wollte, ich hätte Sie und Ihren Chef überhaupt nicht mit meiner Geschichte belästigt.“

„Irrtum, Miss Dale!“, erklärte Silk entschlossen. „Sie machen uns weder Unannehmlichkeiten, noch haben Sie uns belästigt. Spätestens seit einer halben Stunde weiß ich, dass ihr Verdacht durchaus begründet war, und Sie können sich darauf verlassen, dass wir herausbekommen werden, was Larkin vorhat.“

„Ich würde mich zu Tode schämen, wenn sich das Ganze als ein Trugschluss meinerseits entpuppen sollte.“

„Sämtliche Risiken gehen auf unser Konto“, lächelte der dunkelhaarige Detektiv. „Der heutige Abend wird übrigens der letzte sein, an dem Sie uns aktiv unterstützen, um es einmal so auszudrücken. Dank Ihrer Hilfe habe ich herausbekommen, in welchen Kneipen sich der Reporter herumzutreiben pflegt. Das genügt mir. Alles Weitere kann ich allein bewerkstelligen. In Zukunft werden wir Sie nur noch telefonisch um Rat fragen.“

„Ich bin eigentlich nicht übermäßig ängstlich“, versicherte Diana mit schelmischer Miene.

„Trotzdem“, beharrte Silk auf seinem Standpunkt. „Unnötiges Heldentum, noch dazu weiblicher Art, können wir in diesem Fall am allerwenigsten gebrauchen.“

Das Mädchen bedachte ihn mit einem stummen Seitenblick.

„Ich werde Sie jetzt nach Hause bringen“, entschied Silk.

„Stellen Sie sich vor, ich habe nicht einmal etwas dagegen“, erwiderte Diana lächelnd.

Der Detektiv legte den Gang ein und setzte den schweren Wagen seines Chefs in Bewegung. Mit kaum hörbarem Motorgeräusch rollte die Limousine auf das breite Betonband der Schnellstraße. Zur Rechten waren von weither die winzigen Lichtpunkte der Schiffe auf dem Lake Michigan zu erkennen.

Silk brauchte keinen großen Umweg zu machen. Die Wohnung von Dianas Freundin befand sich an der Springfield Avenue, in der Nähe des Independence Square. Er setze das Mädchen vor der Haustür ab und wartete solange, bis hinter einem Fenster im dritten Stockwerk Licht aufflammte. Erst dann fuhr er weiter.

Dank des nur noch geringen Verkehrs schaffte er den Rückweg zur Clinton Street in Western Springs innerhalb von knapp zwanzig Minuten.

 

 

6

Trotz der späten Stunde waren Tony Cantrell und sein Mitarbeiter Jack O’Reilly noch im Arbeitszimmer des Bungalows beschäftigt. Die beiden blickten erwartungsvoll auf, als Silk den Raum betrat.

„Nun?“, fragte der Anwalt gespannt.

„Viel Erfolg habe ich leider nicht gehabt“, erklärte Silk rund heraus und setzte sich in einen der Sessel. „Immerhin habe ich jedoch feststellen können, wem Larkins Interesse gilt.“

„Das genügt vollkommen!“, meinte Butch. „Mehr war sowieso nicht vorgesehen.“

„Schon“, nickte Silk. Aus seiner Stimme klang leichte Verlegenheit. „Aber ich hätte diesen fragwürdigen Reporter gern noch weiter verfolgt. Leider ist es ihm gelungen, mich abzuhängen.“

„Daher also deine Unzufriedenheit!“, lachte der Anwalt leise. „Du solltest dir deswegen keine Gedanken machen, Silk. Erzähl uns lieber, was du herausbekommen hast.“

Der Detektiv räusperte sich. „Viel ist es nicht, Sir. Das Violet ist uns ja hinreichend bekannt. Seit heute Abend weiß ich, dass auch Wes Larkin zu den Gästen dieses verrufenen Etablissements gehört. Dank Miss Dale, die mir half, die Spur des Reporters aufzunehmen.“

„Wo befindet sich Larkins Wohnung?“, fragte der Anwalt.

„An der Merrill Avenue, und zwar dicht beim Stony Island Park.“

„Hat er außer dem Violet noch andere Kneipen aufgesucht?“

„Eine ganze Reihe, Sir. Aber im Violet hat er dann offenbar den Mann gefunden, den er suchte. Wir haben etwa eine Stunde gewartet, bis Larkin zusammen mit Tob Wesley wieder herauskam. Die beiden fuhren im Wagen des Reporters ab. Dabei war eindeutig zu erkennen, dass Wesley unschlüssig war. Ich hatte den Eindruck, als ob er von Larkin gezwungen wurde, mitzufahren.“

Tony Cantrell blies erstaunt die Luft durch die Zähne. „Damit wüssten wir also mit ziemlicher Sicherheit, welchem Personenkreis Larkins Interesse gilt.“

„Tob Wesley arbeitet doch für Joe Turners Verein, wenn ich mich nicht irre“, meldete sich Butch zu Wort.

Details

Seiten
138
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934199
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v506256
Schlagworte
privatdetektiv tony cantrell larkins coup

Autor

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Titel: Privatdetektiv Tony Cantrell #59: Wes Larkins großer Coup