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Privatdetektiv Tony Cantrell #60: Ich war eine Mafia-Braut

2019 133 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ich war eine Mafia-Braut

Copyright

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Ich war eine Mafia-Braut

Privatdetektiv Tony Cantrell #60

von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 133 Taschenbuchseiten.

 

Moira Lenoire war mit einem der Cosa-Nostra-Bosse liiert, nach einem Streit droht sie damit, ihn an die Polizei zu verraten. Ein guter Grund, um schnell nach Chicago zu fliehen, denn augenblicklich werden ihr drei Killer auf den Hals gehetzt. In ihrer Not wendet sich die Frau hilfesuchend an Privatdetektiv Cantrell und sein Team.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Die Mittagssonne glühte unbarmherzig auf San Francisco. Flimmernd stieg die Luft vom puddingweichen Asphalt empor, um sich über dem Häusermeer zu verflüchtigen. Moira Lenoire schloss sekundenlang geblendet die Augen. Jede Faser ihres Nervensystems war wie gelähmt.

Durch die Ritzen der halb heruntergelassenen Jalousie fiel ein lichtes Streifenmuster in den Raum. Moira wagte nicht, die Jalousie hochzuziehen. Angestrengt starrte sie durch einen Spalt in Augenhöhe und blinzelte gegen das grelle Sonnenlicht, das ihre Augen tränen ließ und die Straße vor dem Apartmentgebäude in einen mystischen Schleier legte. Ein eisiger Schreck durchfuhr sie. Trotz der Hitze. Perlen kalten Angstschweißes traten auf ihre Stirn. Die hellblaue Limousine parkte am gegenüberliegenden Fahrbahnrand. Einer der Männer saß am Steuer, die beiden anderen waren ausgestiegen und schlenderten den Bürgersteig auf und ab. Sie hatten ihre Hüte tief ins Gesicht gezogen. Trotz der Hitze? Wegen der Hitze? Moira wusste, es hatte einen völlig anderen Grund.

Schlagartig spürte sie, dass ihr nur noch wenige Minuten Zeit blieben. Panikartig löste sie sich vom Fenster. In wilder Hast riss sie Kleidung und Wäschestücke aus dem geöffneten Schrank. Wahllos stopfte sie einen Teil davon in den Koffer, der auf dem Tisch stand.

Aus einem der zerpflückten Wäschestapel lösten sich zwei, drei Zeitungsausschnitte und flatterten langsam zu Boden. Irritiert hob Moira die gelblichen Papierfetzen auf. Ihr Blick fiel auf die dicken Balkenüberschriften. Das Wort „Murder“ stach ihr in die Augen, dann der Name einer Stadt.

„Chicago“, flüsterte Moira tonlos. „Chicago. Das ist es!“ Sie schob die Zeitungsausschnitte in ihre Handtasche und klappte anschließend den Kofferdeckel zu.

Ein Blick durch die Jalousie überzeugte sie davon, dass die Männer ihre Positionen noch nicht verlassen hatten.

Mit wenigen Schritten eilte Moira zum Telefon. Aus dem Gedächtnis kurbelte sie eine siebenstellige Nummer herunter. Eine männliche Stimme meldete sich am anderen Ende.

„Tom!“, stieß sie hervor. „Tom, du musst mir helfen. Sie sind hinter mir her! Sie sind schon unten auf der Straße. Es kann nicht mehr lange dauern, dann …“

„Okay, Baby. Reg’ dich nicht auf. Nimm den Hintereingang und warte dort auf mich. Ich bin in drei Minuten da.“

„Bitte beeil dich, Tom“, flüsterte sie. Doch die Leitung war bereits tot. Er hatte aufgelegt.

Moira riss Koffer und Handtasche an sich.

 

 

2

Morton Philby ging elastisch in die Knie. Jede Muskelfaser in ihm war gespannt, bereit, den Angriff abzuwehren.

Jack O’Reilly stürmte auf ihn los.

Ein unbeteiligter Beobachter hätte dem schlanken, fast drahtigen Philby im Kampf gegen den blonden Hünen, dem seine riesenhafte Statur den Spitznamen Butch eingetragen hatte, kaum eine Chance eingeräumt Doch dieser Beobachter hätte seinen Irrtum im selben Moment erkannt.

Blitzartig wich Philby im letzten Moment aus. Butch ging ihm in die Falle. Er fühlte einen stahlharten Griff um seinen linken Unterarm. Im nächsten Sekundenbruchteil wurde er durch die Luft gewirbelt, um klatschend mit dem Rücken auf der weichen Matte zu landen.

Lächelnd rappelte sich Butch auf und klopfte sich unsichtbaren Staub vom Trainingsanzug.

„Alle Achtung!“, nickte er beifällig. „Mit dem Trick legst du selbst Cassius Clay auf die Matte.“

„Der würde es nicht soweit kommen lassen“, erwiderte Philby geschmeichelt. „Seine Fäuste möchte ich nicht zu spüren bekommen.“

„Glaube ich gern“, brummte Butch. „Ein Vergnügen wird es nicht gerade sein.“

„Machen wir Schluss für heute“, schlug Philby vor. „Unser Pensum haben wir erfüllt.“

„Du sprichst mir aus der Seele. Ich habe einen Bärenhunger.“

„Letzteres dürfte bei dir ein Dauerzustand sein.“ Philby lächelte breit und erntete dafür von seinem Kollegen ein gekränktes Knurren.

Die beiden Detektive verließen die geräumige Turnhalle, zu deren Ausstattung neben der Judomatte und einem Trampolin auch Kletterstangen, Seile, eine Sprossenwand und ein Schwebereck gehörten.

Sie traten hinaus in den Gang, der die unterirdischen Geheimräume des Bungalows an der Clinton Street miteinander verband.

Als Philby die nächste Tür öffnete, hallte ihnen das Echo eines Schusses entgegen.

„Der Chef scheint heute wieder mal in Hochform zu sein“, grinste Butch und folgte seinem Kollegen in den schalldichten Schießstand, der unmittelbar neben der Turnhalle lag.

Tony Cantrell ließ sich nicht ablenken. Er ließ die Rechte sinken und hob den linken Arm, um den zweiten achtunddreißiger Smith & Wesson Special-Revolver in Schussposition zu bringen. Seine Hand zitterte nicht um den Bruchteil eines Millimeters.

Donnernd löste sich im nächsten Moment der Schuss. Die Pappfigur in fünfundzwanzig Yards Entfernung klappte zurück und verschwand von der Bildfläche.

Cantrell legte die beiden Revolver weg und schaltete mit einem Knopfdruck die Automatik der Schießanlage aus.

„Ich frage mich, wozu Sie überhaupt noch trainieren, Sir“, meinte Philby anerkennend.

„Perfekt ist man nie, Silk“, erwiderte der Anwalt, „selbst wenn es so aussieht.“

Philby nickte bedächtig. Seine Vorliebe für seidene Krawatten und maßgeschneiderte Anzüge hatte ihm den Spitznamen Silk eingebracht.

„Das Abendessen wartet“, meldete sich Butch mahnend zu Wort. „Wir sollten nicht unpünktlich sein.“

„Pünktlichkeit ist nie zu verachten“, nickte Cantrell. „Nur möchte ich annehmen, dass es dir weniger darum geht, Carol nicht warten zu lassen, als vielmehr darum, deine permanente Esslust zu befriedigen.“

„So schlimm ist es ja nun auch wieder nicht“, maulte Butch. „Wenn es sein muss, kann ich einen ganzen Tag hungern.“

„Aber nur wenn es sein muss“, unkte Silk.

Die drei Männer brachen in schallendes Gelächter aus.

Gemeinsam verließen sie den Schießstand und betraten den Raum, in dem sich die Schminktische und der breite Stahlschrank mit den Waffen und den übrigen Ausrüstungsgegenständen des Cantrell-Teams befanden.

Dieser Raum machte zusammen mit der Turnhalle und dem Schießstand etwa die Hälfte der Gesamtfläche des Kellergeschosses aus. An den Schießstand schloss sich ein chemisches Laboratorium mit zwei Arbeitsplätzen, Geräten, Chemikalien und Giftschrank, Muffelofen, Chromatographen, einem Isoliertresor, sowie einem Dia- und Filmprojektor mit Sitzbank und Leinwand an. Neben dem Laboratorium befand sich die Dunkelkammer mit Kopier-, Entwicklungs- und Vergrößerungsgeräten nebst den dazugehörigen Spezialtischen und der Negativkartei. Den Abschluss an der Nordseite des Kellergeschosses bildete das physikalische Labor mit Computerrechenanlage, Informationsspeicher und Steuerpult, Elektronenmikroskop, vier Arbeitsplätzen und Geräteschränken.

An der Westseite des chemischen Laboratoriums gab es einen getarnten Zugang, der von den Geheimräumen in die offiziellen Kellerräume führte. Diese offiziellen Kellerräume bestanden aus einer Werkstatt für Holz und Metallbearbeitung, einem Lager und Vorratsraum, sowie dem Heizungsraum mit Öltank, Heizungsanlage, Notstromaggregat; Klimaanlage und Luftumwälzer.

Von hier aus bildete eine Wendeltreppe den Zugang zur Garage und zum Dach des Bungalows. Der unterirdische Geheimgang führte in südwestlicher Richtung zur Pergola und zum Gartenhaus.

Tony Cantrell und seine beiden Mitarbeiter traten durch die Geheimtür in der Bücherwand des Arbeitszimmers ins Erdgeschoss des luxuriösen Bungalows. Sie verteilten sich auf die einzelnen Badezimmer und nahmen wenig später im Esszimmer Platz, wo Carol, die blonde Frau des berühmten Anwalts, ein schmackhaftes Abendessen zubereitet hatte.

„Wenn wir das nicht verdient haben“, meinte Butch, nachdem er das erste Steak verschlungen hatte, „dann lasse ich mich auf der Stelle umtaufen.“

„Deine Angewohnheit zu übertreiben, ist genauso maßlos wie deine Fressgier“, stellte Silk sachlich fest.

„Schluss mit der Debatte!“, bestimmte Cantrell lächelnd, bevor Butch aufbrausen konnte. „Einigen wir uns darauf, dass wir tatsächlich ein wenig Erholung verdient haben.“

„Mindestens zwei Wochen Urlaub“, verbesserte Carol energisch. „Die Aufregung mit dieser Morton-Gang reicht mir fürs erste.“

Ihr Mann lächelte nur. Er wusste, dass sie einen harten Job hinter sich hatten. Ein Job, an dessen Ende die Zerschlagung eines skrupellosen Erpressersyndikats gestanden hatte. Ein paar Tage Ruhe waren wirklich zu gebrauchen, das musste selbst Tony Cantrell zugeben.

Er konnte zu diesem Zeitpunkt beim besten Willen nicht ahnen, dass aus der Ruhe nichts werden sollte.

 

 

3

Moira Lenoire spähte vor Angst bebend ins Freie. Sie hatte die Hintertür des Hauses einen Spaltbreit geöffnet. Außer glühender Sonne, stinkenden Mülltonnen und der schmutzstarrenden Hofeinfahrt war jedoch nichts zu sehen.

Die Angst schnürte Moiras Hals zusammen. Sie spürte einen trockenen Kloß in der Kehle, den sie vergebens hinunterzuschlucken versuchte.

Der rote Lack war plötzlich da. Ohne Ankündigung, wie selbstverständlich.

Moira brauchte Bruchteile von Sekunden, bis ihr bewusst wurde, dass der rote Lack zu Tom Warrens Sportwagen gehörte, der wippend vor der Hofeinfahrt zum Stehen gekommen war.

Ohne zu zögern riss Moira die Tür auf, packte den Koffer und rannte hinaus.

Tom kam ihr in der Einfahrt entgegen. Er trug weiße Jeans, ein hellblaues Frotteehemd und leichte Segeltuchschuhe. Sein scharf geschnittenes Gesicht war braungebrannt.

Wortlos nahm er ihr den Koffer ab und trug ihn zum Wagen, um ihn mit einem raschen Schwung auf die Notsitzbank im Fond zu werfen.

Moira kletterte hastig auf den Beifahrersitz.

Sie atmete erst auf, als Tom Warren das rassige Corvette-Cabrio mit kreischenden Reifen in Gang gesetzt hatte. Sie wagte nicht, sich umzusehen.

Er schien ihre Gedanken erraten zu haben.

„Keine Angst“, erklärte er lächelnd, ohne den Blick von der Fahrbahn zu nehmen, „wir werden nicht verfolgt. Die Burschen, die der gute Albert Corelli auf dich angesetzt hat, scheinen nicht die intelligentesten zu sein.“

„Woher – woher weißt du es?“, fragte Moira verwirrt. „Ich meine, woher weißt du, dass Al dahintersteckt?“

„Dumme Frage, Baby. Die Spatzen pfeifen es bereits von den Palmen, dass du dich mit ihm überworfen hast. War verdammt dumm von dir. Ich möchte nicht in deiner Haut stecken.“

„Warum hilfst du mir dann?“

„Das ist eine andere Geschichte. Du weißt es genau, Baby, sonst hättest du mich nicht angerufen. Ich habe eine alte Rechnung mit Albert zu begleichen. Allerdings bin ich nicht so blöd, mich offen mit ihm anzulegen. Aber ich kann ihm auf diese Weise eins auswischen, ohne dass er es mir nachweisen kann. Es genügt mir, zu wissen, dass er sich ärgert.“

„Du tust es also nicht, um mir aus der Klemme zu helfen?“

„Erraten, Baby. Soviel hätte ich für dich nicht übrig.“ Er sah sie sekundenlang grinsend von der Seite an. „Wenn du auch rein äußerlich nicht zu verachten bist, das was unter deiner hübschen

Larve steckt, wäre mir nicht den letzten Cent in der Tasche wert.“

Sie schluckte die offene Beleidigung, ohne mit der Wimper zu zucken. Ihre Nerven waren viel zu mitgenommen, um darauf reagieren zu können.

„Wohin bringst du mich?“, fragte sie matt.

„Wohin du willst, Baby. Wir fahren zum Airport und nehmen die Cessna. Du kannst dir dein Urlaubsziel aussuchen.“

Für einen Moment war Moira versucht, ihm um den Hals zu fallen. Doch dann fiel ihr ein, dass er sich nicht das Geringste daraus gemacht hätte.

„Das Ziel steht fest“, sagte sie entschlossen. „Chicago.“

Er schwieg sekundenlang.

„Gar nicht so dumm“, meinte er dann. „In einer Stadt mit sieben Millionen Einwohnern kann man leichter verschwinden als anderswo. Du scheinst allerhand bei uns gelernt zu haben.“

Moira nickte nur. Tom hatte recht. Und sie war entschlossen, das, was sie während der letzten Jahre in San Francisco und vorher gelernt hatte, voll auszunutzen. Schließlich ging es um nicht mehr und nicht weniger als um ihr Leben.

Moira Lenoire war bereit, für ihr Leben zu kämpfen. Sie spürte instinktiv, dass sie dafür nicht sehr viel Zeit hatte.

Die Fahrt zum Flughafen dauerte knapp zwanzig Minuten. Den Rest der Strecke hatten sie schweigend zurückgelegt. Erst auf dem Flugplatz vor den Verwaltungsgebäuden des privaten Flugfelds machte Tom Warren den Mund wieder auf.

„Wir werden zweimal zwischenlanden müssen“, sagte er, „aber trotzdem ist unser Vorsprung groß genug, denke ich.“

„Bist du sicher?“ Moira sah ihn zweifelnd an. Dann stieg sie aus.

Er folgte ihr und schnappte sich den Koffer.

„Natürlich, Baby. Du kannst auf meine fliegerischen Talente vertrauen. Die nächste Linienmaschine nach Chicago geht erst in einer Stunde. Ich möchte jedoch bezweifeln, dass die Gorillas deines Freundes Albert bis dahin herausbekommen haben, wohin du verduftet bist.“

„Hoffentlich hast du recht.“

Tom Warren machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Die übernächste Linienmaschine nach Chicago geht in zweieinhalb Stunden. Rechne noch die Flugzeit hinzu, dann hast du unseren Vorsprung. Es reicht.“

Er ließ Moira den Vortritt durch die Glastür, die in das Hauptgebäude führte.

In der Empfangshalle wechselte Tom Warren einige Worte mit einem der Clerks, die hinter einem chromblitzenden Tresen die verwaltungstechnische Abwicklung des privaten Flugverkehrs besorgten.

Es dauerte nur ein paar Minuten. Tom Warren schob dem Clerk eine Zehndollarnote über den Tresen und nickte ihm zu. Dann wandte er sich ab und steuerte gemeinsam mit Moira den Korridor an, der hinaus auf das Flugfeld führte.

„Ich denke, wir werden bevorzugt abgefertigt“, grinste Warren selbstsicher.

„Dein guter Ruf hilft in allen Lebenslagen, wie?“

Moiras Stimme macht deutlich, dass sie begann, ihre gewohnte Selbstsicherheit zurückzugewinnen.

„Klar. Mit den dazugehörigen Scheinchen, versteht sich.“

Sie traten durch eine Lichtschranke, worauf sich eine gläserne Schiebetür lautlos öffnete. Draußen wehte eine leichte Brise, die jedoch die Gluthitze nicht vertreiben konnte.

Warrens Cessna stand im mittleren der drei Hangars für Privatmaschinen. Als er mit Moira die Halle betrat, waren Techniker bereits damit beschäftigt, die zweimotorige Maschine startklar zu machen. Warren bedachte auch die Männer in den orangefarbenen Overalls mit einem großzügigen Trinkgeld. Eine knappe Zigarettenlänge später wurde die weißlackierte Cessna ins Freie geschoben. Über eine fahrbare Leiter kletterten Moira Lenoire und Tom Warren in die geräumige Kanzel, die insgesamt sechs Personen Platz bot.

Einer der Techniker reichte den Koffer hinterher.

„Guten Flug, Mister Warren!“, rief er dem braungebrannten Mann zu, der sich bereits den Pilotenhelm über den Kopf stülpte.

Moira schnallte sich auf der Sitzbank hinter Tom Warren an.

„Danke!“, erwiderte Warren lachend. Dann zog er die gläserne Kanzelhaube zu und betätigte den Hebel für die Verriegelung.

Geistesabwesend ruhten Moiras Blicke auf seinen schlanken Händen, die wie spielerisch das scheinbare Wirrwarr der Armaturen bedienten.

Nacheinander sprangen die beiden Motoren an. Die immer schneller rotierenden Propeller erzeugten im gleißenden Sonnenlicht blitzende Reflexe.

Warren löste die Bremsen und ließ die Maschine im Zockeltrab zur Startbahn rollen. Dort stoppte er, erhöhte die Drehzahl der Motoren bis zur Höchstgrenze, um sie schließlich wieder in den unteren Drehzahlbereich absinken zu lassen.

Die Starterlaubnis kam prompt. Tom Warrens Einfluss hatte sich tatsächlich bezahlt gemacht. Sekunden später fegte die Cessna mit zunehmender Geschwindigkeit über die Startbahn, um sich dann mit einem eleganten Bogen emporzuschwingen.

Nachdenklich blickte Moira auf das kleiner werdende Häusermeer von San Francisco hinunter. Ein stürmischer Abschnitt ihres Lebens ging in diesem Moment zu Ende. Sie glaubte nicht daran, diese Stadt jemals wiederzusehen. Aus. Vorbei. Würde es mit dem gewohnten Leben in Luxus genauso vorüber sein?

Moira zuckte mechanisch die Schultern. Die Antwort auf diese Frage war ihr zu diesem Zeitpunkt einerlei.

Bis nach Salt Lake City brauchte die Cessna etwas mehr als zwei Stunden. In der Stadt am großen Salzsee legte Tom Warren die erste Zwischenlandung ein. Der Aufenthalt war jedoch nur kurz. Nach den notwendigen Wartungsarbeiten, ging es weiter in östlicher Richtung.

Dank günstiger Witterungsverhältnisse schafften sie es bis Omaha ebenfalls in gut zwei Stunden. Von hier aus waren noch etwa vierhundert Meilen bis nach Chicago zurückzulegen.

Bei ihrer Ankunft in der Riesenstadt am Lake Michigan war es bereits dunkel. Moira stellte fest, dass es bereits kurz nach acht Uhr abends war.

„Stell deine Uhr um zwei Stunden vor“, empfahl Tom Warren nach der glatten Landung auf dem privaten Flugfeld des O’Hare Airport. „Hier gilt die Central Standard Time, Baby.“

Moira drehte wortlos an ihrer mit Brillanten besetzten Armbanduhr. Die Zeit interessierte sie nicht sonderlich. Für sie war einzig und allein wichtig, dass sie einen knappen Vorsprung gewonnen hatte.

Einen Vorsprung, den sie weiter ausbauen musste.

Der Mann, der ihr dabei helfen sollte, lebte in Chicago.

Das wusste Moira. Es verlieh ihr ein beruhigendes Gefühl der Sicherheit.

 

 

4

Butch parkte seine Unterarme auf der schmierigen Theke und sah sich misstrauisch im Dämmerlicht der Kneipe um. Zigarettenqualm, der in dichten Schwaden unter der niedrigen Decke hing, biss in seinen Augen.

Lustlos nippte er an dem Bourbon, der viel zu warm war und nach dem Geruch zu urteilen, mehr Fuselöl enthielt, als es erlaubt war.

Die Geräuschkulisse bestand aus dem Dröhnen einer schlecht installierten Stereoanlage und dem Gewirr der Stimmen, die gegen dieses Dröhnen anzukämpfen versuchten.

Trotz des Gedränges, das in der finsteren Budike herrschte, war es Butch gelungen, einen Platz an der Theke zu erhaschen. Der vereinbarte Treffpunkt.

Zwar versprach sich der blonde Hüne nichts Sensationelles von dem Meeting, das der unbekannte Anrufer vorgeschlagen hatte. Doch die berufsmäßige Neugier hatte Butch veranlasst, sich unverzüglich in Marsch zu setzen und zu ergründen, was hinter dem versprochenen angeblich heißen Tipp steckte.

Butch brauchte nicht lange zu warten. Er hatte seine Zigarette erst halb zu Ende geraucht, als sich eine Gestalt in sein Blickfeld schob, die er nur allzu gut kannte.

Porky Mills hatte das Licht der Unterwelt vor gut vierzig Jahren erblickt. Seit seiner Geburt hatte es für ihn kein anderes Milieu gegeben, bis auf die paar Jahre in der Army. Er hatte nie zu den großen Leuchten in Chicagos finsterster Gegend gehört.

Schlecht und recht hatte sich Porky Mills mit kleinen Gaunereien durchgeschlagen. Als Handlanger für die ungekrönten Häupter der Unterwelt hatte er ein leidliches Einkommen.

Keiner seiner Auftraggeber wusste allerdings, dass er außerdem über eine Quelle verfügte, die ihm ein beträchtliches Nebeneinkommen sicherte.

Diese Quelle war Butch. Der blonde Hüne hatte sich den kleinen Mann, dem sein rundliches Schweinsgesicht den Spitznamen Porky eingetragen hatte, als verlässlichen Informanten aufgebaut. Und Porkys Informationen pflegten stets ein Scheinchen wert zu sein.

Porky Mills gab Butch ein Zeichen mit seinen listigen kleinen Augen. Der blonde Hüne verstand sofort. Die übliche Masche.

Während er den Rest des Fuselwhiskys hinunterspülte und einen Nickel über die blanke Theke schob, war Porky bereits wieder im Gewühl verschwunden.

Butch verließ die Kneipe und trat hinaus auf den Bürgersteig, der von einer trüben Straßenlampe nur schwach erhellt wurde. Ohne besondere Eile stiefelte er zurück zu seiner Münch 4, die er in einer Toreinfahrt, etwa fünfzig Yards entfernt, abgestellt hatte.

Porky Mills erwartete ihn bereits. In der Toreinfahrt herrschte fast völlige Dunkelheit. Butch erkannte den Kleinen am glühenden Punkt eines Zigarillos. Der einzige Luxus, den sich Porky zu leisten pflegte.

„Zum Teufel!“, knurrte Butch. „Du hättest dich am Telefon ruhig melden können. Ich tappe nicht gern im Dunkeln.“

„Sorry“, schnarrte der Kleine fröhlich, „es ging nicht anders. Die Sache ist zu heiß, Mister O’Reilly.“

„Weiß ich“, winkte Butch ab, „die Sachen, die du auf Lager hast, sind immer heiß.“

„Stimmt genau. Aber diesmal kann man sich die Finger dran verbrennen, wenn man nicht aufpasst.“

„Vorausgesetzt, dass es sich lohnt, die Finger hinzuhalten, Porky.“

„Sicher, sicher“, erwiderte Mills eifrig, „aber ich kenne Sie doch, Mister O’Reilly. Für Sie lohnt es sich garantiert.“

„Okay, Porky“, stöhnte Butch und zog einen Zwanziger aus der Tasche. „Spann mich nicht länger auf die Folter, Junge.“ Er hielt ihm den Schein hin, den der Kleine gierig wegschnappte.

„Danke, Mister O’Reilly. Nur – es tut mir leid, aber die Information, die ich diesmal zu bieten habe, ist – nun, äh – sie ist gut und gerne das Doppelte wert.“

„Moment mal, Freundchen!“, zischte Butch ärgerlich. „Die Tour ist neu an dir. Was soll das? Du glaubst doch nicht etwa, dass ich die Katze im Sack kaufe, oder? Spuck die ersten Takte aus, dann werde ich über deine Forderung nachdenken.“

„Also gut.“ Porky räusperte sich. „Ich habe da zufällig etwas aufgeschnappt, was nicht für meine Ohren bestimmt war. Kein Mensch weiß, dass ich es gehört habe. Also kann es mir auch nicht gefährlich werden, wenn ich es Ihnen weitererzähle. Sie wissen ja, dass ich sehr vorsichtig sein muss, sonst …“

„Komm endlich zur Sache!“, unterbrach Butch ungeduldig.

„Schon dabei“, maulte Porky. Er senkte seine Stimme zum Flüsterton. „Ein paar von den Mafiabossen an der Westküste haben einen heißen Hintern gekriegt. Sie machen sich Sorgen um ihre Existenz, wie man so schön sagt. Wie ich hörte, haben sie ein paar Killer in Marsch gesetzt. Die Burschen sind auf dem Wege nach Chicago.“

Er brach ab. Offenbar, um Butchs Reaktion abzuwarten.

Das Interesse des blonden Hünen war geweckt. Automatisch zog er den zweiten Zwanziger aus der Tasche und hielt ihn Porky hin.

„Wann hast du diese Neuigkeit spitzgekriegt?“

„Kurz bevor ich Sie angerufen habe. Ich bin sofort zum Telefon marschiert. Sie wissen ja, dass ich eine Nase dafür habe, welche Dinge sich zu Geld machen lassen.“

„Kann man wohl sagen. Deine Nase hat dich selten getäuscht. Aber jetzt weiter! Wer sind diese Mafiabosse, und wer sind die Killer, die nach Chicago unterwegs sind?“

„Sorry. Die Antwort muss ich schuldig bleiben. Ich weiß nur, dass die Killer erst vor ein paar Stunden San Francisco verlassen haben sollen. Die Bosse von da unten haben mit ihren Verbindungsleuten in Chicago Kontakt aufgenommen, damit den Killern die Arbeit erleichtert wird.“

„Hinter wem sind sie her?“, drängte Butch. „Los, raus damit!“

„Tut mir leid. Das weiß ich nicht. Ich musste schließlich aufpassen, dass man mich auf meinem Horchposten nicht erwischte. Was ich Ihnen erzählt habe, ist alles, was ich weiß.“

„Okay“, brummte Butch. „Du kannst abzittern.“

Porky Mills verschwand ohne Widerworte. Die Dunkelheit verschluckte ihn.

Butch schob seine Münch 4 vom Ständer und betätigte den elektrischen Anlasser. Der Vierzylindermotor schickte sein tiefes Wummern in den Bogen der Toreinfahrt.

Rasant ließ Butch die schwere Maschine aus der Einfahrt fegen.

Auf der Rückfahrt nach Western Springs schaffte es nicht einmal der Fahrtwind, seinen Kopf zu kühlen und die Gedanken zu ordnen. Butch kam zu keinem Ergebnis.

Was wollten die Killer von der Westküste in Chicago? Wenn es stimmte, was Porky gehört hatte, dann war dies ein Fall, den Butch zum ersten Mal erlebte.

Normalerweise schickte die Mafia ihre Leute nicht quer durch die Staaten, um jemanden zu liquidieren. Dazu hatte sie schließlich an allen wichtigen Punkten ihre verbrecherischen Niederlassungen.

Wenn sie jetzt tatsächlich aus San Francisco kamen, um einen Mordauftrag am Lake Michigan auszuführen, dann musste etwas ganz Besonderes dahinterstecken.

Etwas, das die Westküstenbosse Kopf und Kragen kosten konnte, wenn ihre Killer nicht rechtzeitig für Abhilfe sorgten.

 

 

5

Chuck Hedges beugte sich zur Seite, um den ausgeprägten Rundungen der Stewardess nachzublicken. Ihr himmelblaues Kostüm war eng genug, um eingehende Betrachtungen in dieser Richtung zu erlauben.

Chuck Hedges lehnte sich erst zurück, als sie hinter dem Vorhang am vorderen Ende der Passagierkabine verschwunden war. Er fuhr sich genüsslich mit der Zunge über die Lippen. Grinsend steckte er sich schließlich eine Zigarette an.

„Stewardessen sind nicht zu verachten“, grunzte sein Nebenmann Sam Flaherty. „Sie haben nur einen Fehler. Sie tragen die Nase zu hoch.“

„Quatsch!“, widersprach Hedges, immer noch grinsend, „das gehört zu ihrem Job. Du solltest eine von ihnen mal privat erleben. Dann sind sie wilder als alle anderen, sage ich dir.“

Flaherty wiegte zweifelnd den Kopf. „Sieh dir den an“, wechselte er das Thema und deutete zur gegenüberliegenden Sitzreihe. „Unser lieber Bruce scheint mehr Interesse an den Wolken zu finden.“

„Lass ihn“, winkte Hedges ab, der dem Blick seines Nebenmannes gefolgt war. „Der Boss hat schließlich angeordnet, dass er mitkommt. Du weißt, warum. Auch wenn er einem manchmal auf die Nerven geht mit seiner Sturheit, er kann schließlich nichts dafür. Außerdem würde ich vorsichtig sein, Sam. Es wäre verkehrt, ihn zu reizen. Man weiß bei dem Burschen nie, woran man ist.“

Sam Flaherty nickte bedächtig. Nachdenklich blickte er hinüber zu Bruce Morrison, der interessiert durch das leicht gewölbte Glas des Kabinenfensters schaute. Wie durch einen Impuls drehte Morrison plötzlich den Kopf herum. Seine Augen waren stahlgrau und von eisiger Kälte.

Flaherty blickte irritiert weg.

Verdammt, dachte er, Chuck hat recht. Dieser Bruce ist ein verdammt unangenehmer Kumpel. Dauernd möchte ich mit dem nicht zusammenarbeiten.

Bruce Morrison galt als Einzelgänger. Er war dazu prädestiniert, denn keiner seiner Komplicen in Corellis Mannschaft hatte ihn jemals ein Wort reden hören. So kalt wie seine Augen war sein ganzes Wesen. Morrisons scharfkantige Gesichtszüge wirkten hart und unnachgiebig. Ein grausamer Zug lag in den Kerben um seine Mundwinkel.

Bruce Morrison war taubstumm. Vielleicht gerade deshalb war er Albert Corellis bester Mann für Spezialaufträge. Niemand tötete schneller, reibungsloser und effektvoller als Bruce Morrison. Denn der verschlossene Mann mit den kalten grauen Augen hatte einen ganz wesentlichen Vorteil. Er hörte es nicht, wenn ihn seine Opfer um Gnade anflehten.

Chuck Hedges und Sam Flaherty waren ein Team. Sie arbeiteten ständig zusammen. Der eine war nichts ohne den anderen. Aber beide zusammen waren sie für Corelli kaum weniger wertvoll als Bruce Morrison allein.

Morrison benutzte für seine Arbeit eine deutsche 7,65er Walther PPK, während sich sowohl Hedges als auch Flaherty auf fünfundvierziger Colt-Pistolen modernster Bauart spezialisiert hatten.

Weder für Bruce Morrison noch für Chuck Hedges oder Sam Flaherty spielte es eine Rolle, wer auf ihrer Auftragsliste stand. Die Gedanken machten sich andere für sie. Die Tatsache, dass diesmal eine Frau ihr Opfer war, ließ sie kalt. Corelli hatte stets seine Gründe, wenn er einen Auftrag erteilte. Und sie hatten es sich längst abgewöhnt, Fragen zu stellen. Zu viele Fragen konnten gefährlich werden.

Die drei Killer machten sich nichts daraus, dass ihnen Moira Lenoire in San Francisco durch die Lappen gegangen war. Sie hatten sich auch nicht sonderlich bemüht, die Flucht der Frau zu verhindern.

„Lasst sie zappeln“, hatte Albert Corelli gesagt. „Sie soll merken, was es heißt, von meinen Leuten gejagt zu werden.“

Morrison, Hedges und Flaherty verstanden sich darauf, diesen Wunsch ihres Bosses zu verwirklichen.

Es war für sie nicht sonderlich schwierig gewesen, festzustellen, auf welche Weise Moira Lenoire die Stadt am Golden Gate verlassen hatte.

Die Killer wussten allerdings nicht, ob Tom Warren auf eigene Faust gehandelt hatte, oder ob er möglicherweise sogar von Corelli beauftragt worden war, das Girl aus der Stadt zu schaffen.

Vielleicht wollte Corelli die Sache nicht gern in seinem eigenen Machtbereich erledigen. So etwas brachte immerhin einigen Wirbel mit sich. In Chicago würde das reibungsloser über die Bühne gehen. Das war sicher.

Die drei Killer hatten festgestellt, dass Moira Lenoire mit Warrens Privatflugzeug entkommen war. Tatsächlich hatten sie erst die übernächste Linienmaschine nach dem Start der Cessna erwischt, genau wie Tom Warren es vorausgesagt hatte.

Chuck Hedges mimte für das Trio so etwas wie den Organisationsleiter. Er hatte sich mit Corelli in Verbindung gesetzt, neue Anweisungen eingeholt und dafür gesorgt, dass ihre Ankunft in Chicago den Umständen entsprechend vorbereitet wurde. Während sie im Flugzeug saßen, ließ Albert Corelli seine Verbindungen spielen.

Die zweistrahlige Maschine machte nur eine Zwischenlandung in Omaha im Bundesstaat Nebraska.

Der Aufenthalt dauerte knapp eine Zigarettenlänge.

Bruce Morrison beobachtete mit unbewegter Miene die Szenerie, die sich draußen auf dem Flugplatz bot. Hedges und Flaherty nutzten die Gelegenheit, sich kurz die Beine zu vertreten.

Über dem Flugfeld lastete das unwirkliche Licht des bevorstehenden Sonnenuntergangs.

„Mir juckt’s in den Fingern“, gestand Flaherty. „Es wird Zeit, dass wir in Chicago ankommen.“

Er kratzte sich nervös zwischen dem aschblonden Stoppelhaar, das seinen runden Schädel bedeckte.

„Nicht nervös werden“, grinste Hedges gelassen. „Die Kleine kann uns nicht entgehen. Wir werden noch unseren Spaß mit ihr haben.“

Von den drei Killern war Hedges derjenige, der am harmlosesten aussah. Er machte den Eindruck eines Durchschnittstyps: dunkelblond, schlank und mit einem beinahe sympathischen Gesicht. Sein Äußeres hatte schon so manchen getäuscht.

„Ob die Kleine ahnt, was ihr bevorsteht?“, murmelte Flaherty.

„Na klar, Alter. Meinst du, sie wäre sonst abgehauen? No, no, die weiß ganz genau, dass es lebensgefährlich ist, es sich mit Albert Corelli zu verderben.“

„Stimmt. Wenn man bedenkt, dass sie am allerwenigsten einen Grund dazu hatte …“

Flaherty sprach den Satz nicht zu Ende.

Hedges grinste noch breiter.

„Das würde ich nicht sagen, Alter. Wer weiß, vielleicht hatte sie keine Freude mehr an ihm … Durch so was gibt es leicht Krach.“

„Meinst du?“

Chuck Hedges zuckte die Achseln.

Die Maschine war startklar. Der Flug ging weiter. Der zweistrahlige Jet bohrte sich mit einem steilen Aufschwung in den dunkel werdenden Himmel über Nebraska und nahm Ostkurs auf.

Bis jetzt waren es nur wenige Leute, die wussten, dass mit diesem Flugzeug der Tod nach Chicago flog.

 

 

6

Der Taxi Driver machte einen gutmütigen Eindruck. Er half Moira beim Aussteigen und wuchtete ihr den Koffer auf den Bürgersteig.

Ihre Blicke glitten an der steingrauen Fassade des Gebäudes empor.

„Meinen Sie wirklich, dass …“, begann sie zweifelnd.

„Aber sicher, Madam“, zerstreute der Driver ihre Unsicherheit, „hier sind Sie am besten aufgehoben, wenn Sie für ein paar Tage unbemerkt bleiben wollen. Ich kenne den Besitzer. Er wird Ihnen weiterhelfen. Kommen Sie, ich bringe Sie hinein.“

Er schnappte sich den Koffer und öffnete Moira die schmutzig-braune Holztür, in deren oberer Hälfte sich eine verwitterte Milchglasscheibe befand.

Moira trat an dem Driver vorbei in ein schummriges Halbdunkel. Eine Geruchsmischung von Staub und Essensdünsten lastete in dem zwielichtigen Vorraum, der die Form eines Sechsecks hatte und an Wänden und Decke mit dunklem Holz getäfelt war. Links und rechts von einem altmodischen Empfangstresen, der der Eingangstür gegenüberlag, brannten winzige Wandlampen als einzige Lichtquelle. Rechts vom Tresen führte eine winklige Holztreppe ins Obergeschoss. Einen Fahrstuhl schien es nicht zu geben.

Moira blieb abwartend vor dem Tresen stehen. Misstrauisch sah sie sich um. Der Taxi Driver setzte den Koffer neben ihr ab und ließ seine offene Handfläche auf der Klingel landen, die auf dem Tresen thronte. Er schob seine Mütze in den Nacken und nickte Moira aufmunternd zu.

Die Klingelei blieb nicht ohne Folgen. Schlurfende Schritte wurden laut. Dann klappte die Schwingtür hinter dem Tresen auf und spuckte ein Männchen aus, das auf den ersten Blick aussah, als müsse es beim leisesten Windhauch auseinanderbrechen.

„Willkommen in meinem Haus!“, erklärte eine ungewöhnlich tiefe und sonore Stimme. „Mein Name ist Hugh Sorrel. – Willkommen!“ Er eilte um den Tresen herum und schüttelte Moira freudestrahlend die Hand. Er trug eine altmodische randlose Brille, die seine dunklen Knopfaugen größer machte, als sie in Wirklichkeit waren. Seine Glatze schimmerte matt im Licht der Wandlampen; das Gesicht war hager und eingefallen.

Irritiert erwiderte Moira seinen Gruß und nannte ihren Namen.

Er zuckte nicht einmal mit den Augenbrauen. Wusste er etwa Bescheid? Hatte dieser Driver sie hereingelegt und sie zu diesem Sorrel gebracht, der möglicherweise bereits aus San Francisco den Auftrag bekommen hatte, sie ans Messer zu liefern?

Moira spürte die Angst in sich emporkriechen. Das Gefühl der Sicherheit war wie weggeblasen.

Der Driver unterbrach das sekundenlange Schweigen:

„Hugh, hör zu: Miss Lenoire ist zu dir gekommen, um für einige Zeit ungestört zu sein. Verstehst du? Ich habe ihr deinen Laden empfohlen.“

Sorrel nickte verständnisvoll. „Sie können ganz beruhigt sein“, wandte er sich an Moira, „in meinem Haus sind Sie so sicher wie in Abrahams Schoß. Niemand wird Sie belästigen, und niemand wird Ihnen lästige Fragen stellen.“

„Hoffentlich behalten Sie recht“, seufzte Moira zweifelnd.

„Aber selbstverständlich, Miss Lenoire“, beteuerte er. „Vielleicht haben Sie sich über die freudige Begrüßung etwas gewundert, aber – hm, um ehrlich zu sein: Mit den Gästen, die sich normalerweise in meinem Haus aufhalten, haben Sie nichts gemeinsam. Daher mein Erstaunen. Verstehen Sie?“ Er rieb sich verlegen die Hände.

„Sie können sich voll und ganz auf Hugh Sorrel verlassen, Miss“, fügte der Driver hinzu. „Wir kennen uns seit Jahren und haben schon öfter – äh, zusammengearbeitet. Wirklich, kein Grund zur Besorgnis.“

Moira nickte dankbar. Restlos war sie noch nicht überzeugt, aber nach allem, was sie bis jetzt gehört hatte, sahen weder dieser dürre Sorrel noch der gutmütige Driver danach aus, als wollten sie sie hereinlegen.

Okay, sie musste eben auf der Hut sein und rechtzeitig die Lokalitäten wechseln, wenn es darauf ankam.

Sie gab dem Driver ein dickes Trinkgeld und ließ sich von Sorrel den Koffer aufs Zimmer bringen. Es lag im ersten Stock und war erstaunlicherweise blitzsauber und gepflegt.

Sorrel versicherte, dass es sich um sein bestes Zimmer handelte. Dann zog er sich diskret zurück, nachdem Moira ihn gebeten hatte, ihr in einer halben Stunde ein kräftiges Steak mit Chips und einen superstarken Kaffee zu servieren.

Sie nutzte die halbe Stunde, um sich von den Strapazen der Flugreise frischzumachen und sich umzuziehen.

Im Badezimmer hielt sie sich nur fünf Minuten auf. Das flüchtige Make-up besorgte sie anschließend in ihrem Zimmer. Sie klappte den Koffer auf und entschied sich für einen bequemen orangefarbenen Hosenanzug.

Vor dem Spiegel brachte sie ihr langes blondes Haar in Ordnung. Zögernd öffnete sie anschließend den Schrank, der zur Einrichtung gehört. Doch dann entschied sie sich, den Koffer nicht auszupacken. Man konnte nicht wissen, wie viel Zeit bei einer eventuellen neuen Flucht zur Verfügung stand.

Aufatmend ließ sich Moira in einen der altertümlichen Ohrensessel sinken und öffnete ihre Handtasche.

Mit fahrigen Bewegungen setzte sie eine Zigarette in Brand.

Dann nahm sie die Zeitungsausschnitte heraus und ließ die Tasche achtlos zu Boden sinken.

Sie erinnerte sich genau daran. Damals, vor fast zehn Jahren, hatte sie eigentlich nicht genau gewusst, warum sie die Artikel überhaupt aufgehoben hatte. Anfangs hatten die Berichte ihr einen Schock versetzt. Doch sie war damals in Los Angeles gewesen – weit entfernt vom Schauplatz des tragischen Geschehens.

„Frau auf offener Straße von Gangstern erschossen!“, lautete die Überschrift des ersten Berichtes. Der Artikelschreiber hatte sich noch weitgehend mit Mutmaßungen zufrieden geben müssen.

Der Bericht, der einen Tag später veröffentlicht worden war, hatte es dann schließlich eindeutig festgestellt:

„Mrs. Philby geriet völlig ahnungslos in ein Feuergefecht rivalisierender Gangsterbanden. Vor den Augen ihres Mannes wurde sie von einer verirrten Kugel getroffen. Mrs. Philby war sofort tot.“

Moira brauchte nicht weiterzulesen. Sie kannte den Text genau. Sie wusste nur zu gut, was sich damals in Chicago abgespielt hatte. Sie hatte es nie vergessen können, auch wenn sie es nur durch die Zeitungsberichte erfahren hatte.

Denn jene Mrs. Philby, die sie unter ihrem Mädchennamen Susan Perkins gekannt hatte, war mit ihr zusammen aufgewachsen und zur Schule gegangen. In einem kleinen, heute fast vergessenen Ort im Bundesstaat Illinois, knapp hundert Meilen von der Riesenstadt Chicago entfernt.

Nach der Schulzeit hatten sich ihre Wege getrennt. Erst Jahre später hatte Moira wieder von Susan gehört, genauer gesagt, von ihrem tragischen Tod, der eine Welle der Empörung in der Öffentlichkeit ausgelöst hatte.

Doch dann war der unglaubliche Vorfall ebenso schnell in Vergessenheit geraten, wie er in weiten Kreisen Trauer und Bestürzung ausgelöst hatte.

Nur Moira wusste, dass der Tod von Mrs. Philby nicht ungesühnt geblieben war. Moira wusste, dass der Mörder der Frau seine gerechte Strafe erhalten hatte. Denn Moira hatte schon damals in einer Umgebung gelebt, die gerade solche Dinge mit besonderem Interesse verfolgte. Daher wusste sie auch, welche Reaktion der Tod seiner Frau in Morton Philby ausgelöst hatte.

Sie hatte Morton Philby nie kennengelernt. Doch sie glaubte zu wissen, dass er ein Mann war, der die Gerechtigkeit über alles liebte.

Das Klopfen an der Tür unterbrach ihre tiefschürfenden Gedankengänge. Unwillkürlich zuckte Moira zusammen.

„Ich bin’s. Ich bringe Ihr Essen!“, erklang von draußen die unverkennbare Stimme Sorrels.

Erleichtert atmete Moira auf. „Kommen Sie herein“, bat sie.

Sorrel stellte das Tablett vor ihr auf dem Tisch ab und wollte sich zur Tür wenden, um das Zimmer zu verlassen.

„Warten Sie“, bat Moira leise. „Ich möchte etwas mit Ihnen besprechen.“

Er zog erstaunt die Augenbrauen hoch und blieb vor ihr stehen.

„Gern“, meinte er dann, „wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann.“

„Ich hoffe es. Bitte setzen Sie sich.“

Er folgte ihrer Aufforderung und sah sie erwartungsvoll an.

„Ich suche einen Mann“, begann Moira zögernd. Als sie den Anflug eines Lächelns in seinem Gesicht bemerkte, fügte sie rasch hinzu: „Nicht irgendeinen, Mister Sorrel. Es geht um mein.Leben, verstehen Sie! Aber – nun, ich glaube, ich kann Ihnen vertrauen. Ich werde Ihnen alles von vorn erzählen.“

Sorrel lauschte gespannt Moiras Worten.

„Sie kennen jetzt die Vorgeschichte“, schloss Moira. „Ich habe mich Ihnen damit ausgeliefert, und ich hoffe, dass Sie mich unterstützen werden. Auf Geld kommt es mir nicht an. In der Beziehung kann ich Ihnen genauso viel bieten wie möglicherweise irgendwelche Leute, die hinter mir her sind.“

„Lassen Sie das“, winkte Sorrel ärgerlich ab, „ich mag es nicht, wenn man mich falsch einschätzt.“

„Sorry. Nehmen Sie es mir nicht übel. Bitte verstehen Sie, dass ich vorsichtig sein muss.“

„Natürlich.“

„Gut. Dann werden Sie auch verstehen, dass ich dringend jemanden brauche, der mich hier in Chicago unterstützt.“

„Und dieser Jemand soll ich sein“, nickte Sorrel.

„Würde es Ihnen etwas ausmachen?“

„Nein. Im Gegenteil. Ich habe etwas gegen Killer, die eine Frau jagen.“

„Das freut mich“, lächelte Moira. Sie schenkte sich eine Tasse Kaffee ein und bot Sorrel eine von ihren Zigaretten an. Er bediente sich. „Ich sagte Ihnen, dass ich einen Mann suche“, fuhr Moira fort. „Dieser Mann heißt Morton Philby, und meines Wissens arbeitet er als Privatdetektiv in Chicago. Vor Jahren wurde seine Frau am hellen Tag auf offener Straße erschossen. Er war anfangs bei der Polizei und wurde dann Private Eye, um den Tod seiner Frau zu rächen.“

„Morton Philby …“, echote Sorrel gedehnt. „Morton Philby – der Name ist mir nicht unbekannt. Ich erinnere mich auch an den Vorfall, bei dem seine Frau starb, das heißt, ich weiß, dass damals eine völlig unbeteiligte Frau bei einer Schießerei getötet wurde. Den Namen habe ich mir nicht gemerkt.“

„Haben Sie eine Ahnung, wie ich Philby finden kann?“, erkundigte sich Moira gespannt.

„Das erste wäre, im Telefonbuch nachzusehen“, erklärte Sorrel weise, „und wenn das nicht hilft, habe ich ein paar Leute in meiner Liste, die mir garantiert weiterhelfen würden.“

„Würden Sie das für mich tun?“

„Selbstverständlich, Miss. Ich bin gleich zurück.“

Er stand auf und verließ das Zimmer. Moira nutzte die Zeit, um das Steak zu vertilgen, das hervorragend zubereitet und mit einem Berg gedünsteter Zwiebeln gekrönt war. Anschließend gönnte sie sich den zweiten Kaffee und eine neue Zigarette.

Sie hatte die Zigarette noch nicht zu Ende geraucht, als Sorrel zurückkam.

„Ich habe ihn!“, verkündete er triumphierend.

Sorgsam verschloss er die Tür und hielt Moira einen Zettel hin, auf dem in krakeliger Schrift eine Telefonnummer notiert war.

„Er wohnt tatsächlich in Chicago?“ Sie blickte den Inhaber des dubiosen Hotels fragend an.

„Genau.“ Sorrel nickte. „In Western Springs, Clinton Street. Sein Chef ist Tony Cantrell, ein berühmter Anwalt, dem ein paar hinterlistige Gangster vor Jahren durch ein Attentat das Augenlicht raubten. Philby ist einer von Cantrells wichtigsten Mitarbeitern. Im Telefonbuch war Philby nicht zu finden, aber ich habe einen Verbindungsmann angerufen, der genau Bescheid wusste.“

„Vielen Dank, Mister Sorrel. Sie haben mir sehr geholfen.“

Moira schenkte ihm einen Blick, der ihn vor lauter Verlegenheit puterrot werden ließ.

Ohne Umschweife öffnete sie ihre Handtasche und drückte Sorrel als Anzahlung eine Hundertdollarnote in die Hand.

Seine Augen wurden noch größer, als sie durch die Brillengläser ohnehin schon schienen. Bereitwillig führte er Moira anschließend zum Telefon, das sich im Erdgeschoss in einer muffigen kleinen Kabine neben dem Empfangstresen befand.

Moira legte den Zettel vor sich auf das abgewetzte Pult. Bevor sie den Hörer abnahm, vergewisserte sie sich, dass die Tür der Telefonkabine verschlossen war. Dann erst kurbelte sie die sechsstellige Nummer herunter, die Sorrel ihr aufgeschrieben hatte.

Atemlos lauschte sie auf das Rufzeichen, das in gleichmäßigen Intervallen aus der Membran tönte.

Nach dem sechsten Mal wurde am anderen Ende der Hörer abgenommen.

„Cantrell!“, meldete sich eine freundliche weibliche Stimme.

„Lenoire!“, sagte Moira schnell und undeutlich, damit man es nicht verstehen konnte. „Ich möchte Mister Philby sprechen, falls er im Moment zu erreichen ist.“

„Ich denke schon. Einen Augenblick, bitte.“

Es knackte in der Leitung. Sekundenlang rührte sich nichts, dann knackte es erneut, und eine energische Männerstimme erklang: „Hallo?“

„Spreche ich mit Mister Morton Philby?“, erkundigte sich Moira vorsichtshalber.

„Am Apparat“, kam es sachlich zurück. „Darf ich die Gegenfrage stellen?“

„Selbstverständlich, Mister Philby. Mein Name ist Moira Lenoire. Ich glaube kaum, dass Ihnen der Name etwas sagt, es sei denn, Sie lesen täglich die Klatschspalten der Zeitungen.“

„Das nicht“, unterbrach Philby, „aber Ihr Name kommt mit trotzdem bekannt vor. Ich kann mich entsinnen, ihn in Verbindung mit den Namen von gewissen Männern gehört zu haben, deren Existenz weniger erfreulich ist.“

„Ich weiß, Mister Philby. Aber jetzt ist nicht die Zeit, darüber zu reden. Ich will Ihnen den Grund meines Anrufs sagen: Sie sind der einzige Mann in Chicago, der mir vermutlich helfen kann. Ich bin in Gefahr. Mister Philby. Albert Corellis Killer sind hinter mir her, um mich umzubringen! Verstehen Sie? Sie wollen mich umbringen!“

Ihre Stimme klang flehend, die Worte sprudelten hastig über ihre Lippen.

Es dauerte eine Sekunde, bevor Philby antwortete: „Wie kommen Sie gerade auf mich? Ich kenne Sie nicht, Sie kennen mich nicht. Wie können Sie also glauben, dass ich Ihnen helfen würde?“

Moira biss sich mit den Zähnen auf die Unterlippe. Sie durfte jetzt keinen Fehler machen, die Gefühle dieses Mannes nicht verletzen. Mit einem einzigen unbedachten Wort konnte alles verdorben sein.

„Mister Philby“, begann sie zögernd, „ich bin in einem Ort namens Chenoa geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen. Dort hatte ich ein Nachbarmädchen als Freundin, genauso alt wie ich. Wir waren unzertrennlich – bis nach der Schulzeit. Ich habe mir die Zeitungsausschnitte aufbewahrt, Mister Philby. Es – es ist schrecklich, aber – es war das einzige, was mir noch weiterhelfen konnte. Sie sind der einzige Mann, dem ich meine Geschichte anvertrauen könnte. Es tut mir leid, Mister Philby, bitte glauben Sie mir – ich wusste einfach keinen Ausweg mehr …“

Moira war im Begriff, den Hörer in die Gabel sinken zu lassen.

„Miss Lenoire“, erklang plötzlich die leise Stimme von Morton Philby aus der Membran.

„Ja?“

„Nennen Sie mir Ihre Telefonnummer und Ihre Adresse. Wir werden uns darüber unterhalten.“

 

 

7

Als sich der Jet auf die Seite legte und die Landebahn ansteuerte, konnte Bruce Morrison die endlos scheinende Flugfeldbefeuerung des O’Hare International Airport erkennen.

Dahinter schimmerte in überwältigender Vielfalt der Lichterglanz Chicagos, jener Stadt, in der es galt, einen Mordauftrag schnell und reibungslos zu erledigen.

Bruce Morrison dachte nicht an diesen Auftrag. Die zigtausend Lichter fesselten ihn.

Wie gebannt starrte er hinunter auf die Riesenstadt.

Nur visuell konnte er einen Bruchteil dessen wahrnehmen, was für andere die angenehmen Seiten des Lebens ausmacht. Mit der Fähigkeit zu hören und zu sprechen hatte Morrison auch jedes Gefühl verloren. Eiskalt, unbarmherzig, war er auf diese Weise ein willkommenes Werkzeug für seinen skrupellosen Auftraggeber.

Butterweich landete der Jet auf der Betonpiste, rollte aus und kam vor einem der zahlreichen Ein- und Ausgänge des gigantischen Flughafengebäudes zum Stehen.

Chuck Hedges und Sam Flaherty trippelten als erste die Gangway hinunter. Bruce Morrison folgte ihnen mit ausdruckslosem Gesicht.

Der Abendhimmel über Chicago war sternenklar. Nach der Hitze des Tages machte sich jetzt ein angenehm kühler Lufthauch bemerkbar.

Die drei Gangster betraten die Halle des Flughafengebäudes. Für sie waren die Formalitäten im Handumdrehen erledigt. Das einzige Gepäck, das sie bei sich hatten, trugen sie unter der Achselhöhle.

Wenige Schritte vom Schalter der Fluggesellschaft entfernt blieben sie zögernd stehen.

„Teufel!“, knurrte Flaherty. „In diesem Gewühl jemanden zu treffen, scheint mir ziemlich aussichtslos.“

„Unsinn!“ Hedges winkte ab. „Wir sollen nicht ihn, sondern er soll uns treffen. Und da er weiß, mit welcher Maschine wir gekommen sind, wird er auch nicht zu dämlich sein, um zu wissen, wo er uns findet.“

Bruce Morrison studierte mit unbewegter Miene die Gesichter der Menschen, die kreuz und quer wie gehetzt durch die riesige Halle schwirrten.

Die fast pausenlosen Lautsprecherdurchsagen konnte er nicht hören. Deshalb entging ihm zunächst auch ein Hinweis, der eigentlich für ihn gedacht war: „Mister Morrison, Ankunft Flug Nummer 21 368 aus San Francisco, wird zum Informationsschalter gebeten. – Mister Morrison, Ankunft …“

„Los!“, knurrte Chuck Hedges. „Damit sind wir gemeint. Nichts wie hin. Wir müssen sehen, dass wir möglichst schnell von hier verschwinden!“

Hedges eilte voran und bahnte einen Weg durch das Gewühl. Flaherty und Morrison folgten in seinem Kielwasser.

Der Typ, der sie am Informationsschalter erwartete, war nicht zu übersehen. Klein, rund und wabbelig, mit verschlagenem Schweinsgesicht, trat er den Gangstern entgegen.

Details

Seiten
133
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934182
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v506255
Schlagworte
privatdetektiv tony cantrell mafia-braut

Autor

Zurück

Titel: Privatdetektiv Tony Cantrell #60: Ich war eine Mafia-Braut