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Männer ohne Hoffnung

2019 207 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Männer ohne Hoffnung

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

Männer ohne Hoffnung

Western von Larry Lash

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 207 Taschenbuchseiten.

 

Das ist die Geschichte dreier Männer, die denselben Namen trugen.

Yeah, sie waren unterschiedlich im Charakter und jeder auf seine Art ein Besonderer. Jeder hatte seine Fehler, seine Schwächen, seine guten Seiten. Aber das alles ging unter im Wirbel schneller, unbarmherziger Ereignisse. Man raubte ihnen die letzte Hoffnung, zwang sie in die Sättel.

Sie sollten keine Ruhe finden, und man zerschlug sie, wollte sie körperlich und seelisch zerbrechen. Männer ohne Hoffnung! Ohne Hoffnung? By gosh, das waren sie, und dennoch fanden sie einen Weg, einen Trail, der sie an mancher Grube vorbei in eine schönere Zukunft führte. Doch für einen von ihnen wurde es wirklich ein Trail ohne Hoffnung, von dem es kein Zurück gab, einer blieb am Wege liegen. Er fand keine Hoffnung, und sein Schicksal entschied sich, weil es für ihn keine andere Wahl gab.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Hugo Kastner, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1.

Staubverkrustet ritt Burt Hassard im Schritt durch die Mainstreet. Er blickte weder nach rechts noch nach links, achtete kaum auf die ihm begegnenden Prärieschoner, Frachtlaster und Maultiergespanne. Nur hin und wieder irrten seine vom scharfen Zugwind entzündeten Augen über die Pferde an den Holmen.

Für die unterschiedlichen Brandzeichen der Tiere schien er sich besonders zu interessieren. By gosh, wer tat das nicht in diesem Land? Das Brandzeichen regierte ...

Es stellte heraus, ob es sich um Tiere von Ein-Kuh-Ranches oder ob es sich um Pferde der großen Rinderbarone handelte. In letzter Zeit gab es viele neue Brandzeichen in Doable. Fremde Reiter trugen sie heran. Reiter, denen man es ansah, dass sie über die Kämme ritten ... sie waren katzenäugig und ritten großmächtig im Sattel, stellten die tiefgeschnallten Holfter besonders heraus.

Burt lenkte seinen Braunen plötzlich zur linken Straßenseite hinüber, dorthin, wo die violetten Schatten der Dämmerung die falschen Fassaden der Stores, Kneipen und Tanzhallen umlullten. Steifbeinig schwang er sich aus dem Sattel, klopfte mit seinem verwitterten Stetson den Staub von den Chaps. Staub - roter Staub der Wüste - der sich in die Poren eingefressen hatte, die Augen entzündete und der Kleidung seine Farbe aufdrückte.

Er war groß, hager, breit in den Schultern und schmal in den Hüften. Aber ihm fehlte das Fleisch. Er bestand nur aus Sehnen und Knochen. Nachlässig war sein grünes Halstuch geknotet. Seine kräftigen Beine steckten in derben Tuchhosen, worüber abgewetzte Chaps geschnallt waren. Große Sporen rasselten an seinen Stiefeln. Nein, hier in Doable fiel es nicht auf, dass er seinen Waffengurt auf eine besondere Art geschnallt trug, dass die Eisen tief und in Schlingen baumelten. In Doable hatten sich die Menschen scheinbar an den Anblick harter Reiter gewöhnt.

Lange Zeit war er fort gewesen, nun war er hier, um eine Aufgabe zu erfüllen - weiterzureiten, sobald seine Angelegenheit erledigt war.

Passanten schlenderten vorüber. Braungebrannte Männer, Cowboys, Squatter, Digger ...

In Doable kannte man keine Eile. Die Stadt am Rande der Nevadawüste träumte im flirrenden Goldstaub der Sonne weiterhin wie eh und je. Nichts hatte sich verändert.

Burts Augen kreisten in die Runde. Er zerrte den Braunen zum Holm, band ihn fest. Das kräftige Tier rieb seinen feingeaderten Kopf an Burts Schulter. Nichts konnte deutlicher die Harmonie zwischen Reiter und Pferd herausstellen.

„Du bekommst dein Futter, Benny, und du sollst den besten Hafer haben. Doch erst will ich Matt finden. Du musst dich noch eine Weile gedulden“, raunte er leise, fast zärtlich seinem Reittier zu, klopfte es auf die Flanke, duckte sich unter den Holm und schritt langsam auf dem überdachten Bohlensteig dahin, stoppte, als eine scharfe Stimme in seinem Rücken aufsprang.

„Auf ein Wort, Stranger!“

Im gleichen Augenblick wirbelte er herum und hatte auch schon die Hand auf dem Kolben. Der andere prallte zurück, stammelte fast: „Eh, du hast eine sonderbare Art, Stranger!“

„Man lernt sie in der Wüste“, murmelte Burt leise, nahm die drohende Mündung herunter. „Von der Schnelligkeit hängt dort das Leben ab.“

Der Schreck verzerrte das Gesicht seines Gegenübers. Burts Augen verengten sich, hafteten sich fest, saugten das Bild des Kleinen in sich auf, dann lächelten seine Augen. By gosh, das konnten sie, sie nahmen die Härte und die Strenge aus seinem Gesicht, verjüngten es.

„Ich würde nie einen Mann von hinten anreden“, betonte er sachlich. „Diese Stadt ist offen. Es gibt Männer, die es übelnehmen könnten.“

„Yeah, es ist eine offene Stadt“, brach es aus dem Kleinen heraus, „aber ich bin hier der Sheriff und interessiere mich für fremde Reiter. Es kann mir nicht gleichgültig sein, wenn immer wieder Fremde Doable als Durchgangsstation benutzen.“

„Das können Sie nicht ändern, Sheriff, und Ihr Orden gibt Ihnen noch lange nicht das Recht, einen Reiter nach seinem ,Woher' und ,Wohin' zu fragen. Sie wissen genau, dass selbst ein Orden dazu nicht ausreicht.“

Der Kleine strich sich mit einer schnellen Bewegung durch seinen struppigen Bart, schob sich den Stetson in den Nacken, kaute an seinen Schnurrbartenden, zischelte, indem er sich auf den Stiefelspitzen hin und her schwang.

„Vielleicht doch, Stranger. Zufälligerweise hat Ihr Reittier dasselbe Brandzeichen wie der Falbe dort. Das Doppelkreuz. Sie suchen den Mann, der den Falben reitet?“

„Sie sind nicht gerade neugierig, Sheriff“, lächelte Burt sanft. Unwille und Abwehr lagen in seinen Worten. Er war nicht gewillt, sich in die Karten schauen zu lassen, zuckte mit den Schultern, „vielleicht suche ich ihn nicht ...“

„Ich habe Sie beobachtet, Stranger“, unterbrach der Kleine. Er war zäh und verbissen, dachte nicht daran aufzugeben. Eilig kam er näher heran, putzte mit der flachen Hand über seinen Stern auf der Weste, lächelte eigenartig. „Sie sind hart und lange geritten. Wahrscheinlich kommen Sie vom Westen her, aus der Wüste. Wenn ein Mann scharf reitet, hat das einen besonderen Grund. Yeah, ich kenne das, und ich habe genau beobachtet, wie Sie beim Anblick des Falben stutzten. Nun, wenn Sie den Besitzer des Falben suchen, rate ich Ihnen nur, die Eisen bereit zu halten. Er ist verteufelt schnell und hat in der Gentleman-Bar schon genug Unheil angerichtet. Jetzt wird er wahrscheinlich in der Tanzhalle oder im Spielraum sein. Hören Sie, Stranger, ich wäre gegen den Mann vorgegangen, wenn nicht der Besitzer der Gentleman-Bar seine Partei ergriffen und mir erklärt hätte, dass der Gent allen Schaden bereits bezahlt hat. Nun, ich bin zum Zuschauen verurteilt, aber das passt mir nicht.“

„Was wollen Sie denn Sheriff?“

„Sie warnen, Stranger, und wenn Sie es wünschen, gehen wir zusammen.“

Burts rauchgraue Augen weiteten sich. Man konnte nicht sagen, ob es Freude oder Hohn war. Hörbar sog er die Luft ein.

„Nun kommen Sie, Mann des Gesetzes!“ Er drehte sich auf dem Stiefelabsatz um, schritt weiter. Der Kleine folgte ihm, musterte ihn eigenartig von der Seite, lauschte gleich Burt auf die rhythmischen Weisen einer Gitarre. Noch bevor sie die Schwingtür der Gentleman-Bar erreichten, sollten sie ein richtiges Bild bekommen. Ein Mann sauste durch die Tür über die Holmstange hinweg, prallte heftig in den Straßenstaub, rollte einige Yards und stieß fürchterliche Flüche aus. Burt wunderte sich kaum.

„So treibt er es schon seit Tagen. Gäste, die ihm lästig sind, wirft er auf die Straße hinaus. Sage Ihnen, Stranger, ein Wolf kann unter einer Schafherde nicht schlimmer wüten. Ah, der Bursche hat Glück.“

„Glück?“, forschte Burt, seltsam erregt.

„Yeah, augenblicklich ist keiner der wilden Horde in der Stadt. Wenn er mit einem dieser Kerle zusammenrasseln würde, ah, seine Kräfte würden ihm nichts nützen. Der Leichenbestatter müsste einen besonders großen Sarg bauen. Aber kommen Sie, Stranger!“

Der Kleine drängte sich vor, trat mit der Stiefelspitze die Schwingtür auf, schob sich in den Raum hinein. Burt folgte. Tabakqualm wogte ihnen entgegen. Der abgestandene, schale Geruch schlechten Whiskys und billigen Parfüms mischte sich mit undefinierbaren Küchengerüchen.

Lange Zeit hatte Burt diesen seltsamen Geruch vermisst. Er lächelte schwach, schritt sporenklirrend hinter dem Sheriff, der sich durch die Tischreihen hindurch zum Tresen drängte, her.

Auch hier nahm niemand von den neuen Gästen Notiz. Die Petroleumlampen brannten bereits und mischten sich mit dem abklingenden Tageslicht.

By Jove, die Gentleman-Bar unterschied sich in nichts von anderen Vergnügungslokalen. Irgendwie waren sich dieserart Häuser alle gleich. In einem Land, wo auf zehn Männer eine Frau kam, war die Bar zum Sammelpunkt aller geworden. Hier holten die Männer ihre Informationen, hier tranken und spielten sie, hier gaben ihnen die Tanzhallenmädchen Illusionen von einem Glück, von dem sie alle träumten. Und sie zahlten für dieses zweifelhafte Glück.

„Dort ist er“, flüsterte der kleine Sheriff eifrig.

Nein, der Kleine hätte sich keine Mühe zu geben brauchen, denn Burt kannte den riesigen, hünenhaften Mann, der sich an der improvisierten Bühne fast häuslich niedergelassen hatte. Yeah, er kannte ihn, kannte ihn zu gut.

„Matt!“, brach es raunend über seine Lippen. Burt spürte den Kloß in seiner Kehle, schluckte vergebens. Heiß brannte es in seinen Augen, kalter Schweiß stand auf seiner Stirn. Der schiefe Blick des Sheriffs traf ihn.

„Was ist mit Ihnen los, Stranger?“ Um das zu sagen, hatte der Kleine allen Grund, denn Burt war einfach stehengeblieben, klammerte sich an einem Tisch fest und schaute starr auf den Riesen. Die Frage beantwortete er nicht, hatte sie wohl nicht einmal gehört.

„Heh, Stranger?“ Der Sheriff rüttelte an seinem Arm.

„Scheren Sie sich zum Teufel, Sheriff“, kehlte Burt. Mit einem Ruck streifte er die Hand des anderen von seinem Ärmel, steilte auf, wollte geradenwegs auf den sinnlos betrunkenen Riesen losgehen.

„Tun Sie es nicht! Ich garantiere für nichts“, zischte der Sheriff aufgebracht.

Für einen Augenblick schien es, als wollte Burt auf ihn hören. An den anderen Tischen war man auf ihn und den Sheriff aufmerksam geworden, blickte herüber. Neue Gäste traten durch die Schwingtür ein. Burts Antwort erstickte auf der Zunge. Undeutlich nur sah er die beiden Kerle, die sich beim Eintritt durch die Schwingtür sofort nach rechts und links in Deckung der Wand brachten.

„Sie haben recht, Sheriff“, dehnte er, „ich bin wohl etwas zu voreilig!“

„Der Bursche ist ein Brahmanenbulle. Lassen Sie sich nicht täuschen, er schläft nicht! Schauen Sie nur! Er hat die Hände auf der Tischplatte liegen und den Gurt daneben. Nehmen Sie einen Drink, Stranger!“

Sie rückten bis zur Theke vor, lehnten sich an und stellten ihre rechten Stiefel auf die Messingstange.

„Zwei Doppelstöckige!“, meckerte der Sheriff.

„Geht auf meine Rechnung“, fügte Burt hinzu. Seine Augen suchten die beiden Kerle, die soeben eingetreten waren. By gosh, er kannte diese rauen Burschen und wusste, wie sie vorgingen. Beide hatten unruhige Augen, und beide verhielten sich auf ihrem Anmarschweg so, dass sie die Wand im Rücken behielten. Weder der Sheriff, noch die anderen Gäste bemerkten es.

Burt hatte seine Augen überall, er sah auch, dass der Barkeeper den beiden zunickte, mit einer Kopfbewegung zu Matt deutete, seltsam grinste.

Yeah, Matt war das Ziel dieser rauen Burschen. Matt, der sich drei Tage mit Alkohol bis zum Überlaufen angefüllt hatte, der sich derbe Scherze erlaubte und manchen auf die Straße warf.

Himmel und Hölle, was hatte Matt aus sich gemacht? Es war kaum zu schlucken.

Die Ladys witterten die Gefahr. Verwundert beobachtete Burt, wie sich die grell geschminkten Girls auf einen Wink des kleinen, lederhäutigen Sheriffs zur Seite drückten.

Ausgerechnet der Sheriff?

Burt sah ihn sich genauer an. Seltsam, der Kleine hatte flintsteinharte Augen, die von buschigen Augenbrauen überschattet wurden. Der erste Eindruck, den die zwergenhafte Figur des sonderbaren Sheriffs hervorrief, war verwischt. Burt wusste mit einem Male, dass der Kleine nicht zu unterschätzen war.

„Trinken wir, und wenn Sie etwas erleben wollen, Stranger, dann beobachten Sie! Sie werden mit Ihrem Mann kaum noch Arbeit bekommen.“

Nun verstand Burt. Er lächelte kalt und undurchsichtig, hob sein Glas, trank es mit einem Ruck leer, stellte es ab.

„Sie sind fremd hier, wie? Nun, in letzter Zeit kommen viele Fremde. Manche tragen ihre Colts so tief wie Sie, Stranger. Manchmal reiten sie weiter.“

„Und wenn sie es nicht tun?“, unterbrach Burt leise.

Der Sheriff grinste. Es wirkte irgendwie dämonisch.

„Hm, dann werden sie hier ihre Eisen verkaufen“, flüsterte er sanft. „Dieser Riese dort zählt zu der anderen Seite.“

„Und für die andere Seite kann man nicht reiten, seine Colts einstellen, wie?“

„No, hier gibt es nur eine Partei“, klang es fest. „Sie haben sich geirrt, wenn Sie annahmen, dass diese Stadt offen ist. Sie ist außergewöhnlich ruhig.“

Yeah, das mochte stimmen. Burt kannte die Methoden, mit der skrupellose Elemente eine Stadt in die Tasche steckten. Es war ihm nichts Neues. Neu war ihm allerdings, dass es auch Doable so erging. Er fühlte plötzlich, wie eine Gänsehaut über seinen Rücken rann, wie die Kälte in seinem Innern größer wurde. Er dachte daran, dass er nicht zum ersten Male einer solchen Sache gegenüberstand. Gierige Machthaber terrorisierten einen Distrikt und nicht immer gab es aufrechte Männer, die mutig genug waren, sich aufzulehnen, dagegen anzukämpfen. Sheriffs vom Format des Kleinen legten das Gesetz auf ihre Weise aus, waren vorgeschobene Puppen für die Drahtzieher im Hintergrund.

Hell and devil, der Sheriff hielt ihn für einen Mann, der über die Kämme ritt, der seine Eisen dieser oder jener Partei anbot, für einen Mann, der auf dem langen Trail war, auf der Flucht vor dem Gesetz, auf der Flucht vor dem eigenen Ich.

Jahre lagen hinter Burt, lange Jahre, die ihn von einer wilden Weide zur anderen geführt hatten. Nun war er endlich heimgekehrt.

Yeah, als er Doable vor sich liegen sah, hatte er das Heimwehgefühl wie einen beißenden Schmerz verspürt. Seine Augen hatten die Weite geschluckt; jeder Berg, jedes Tal schien ihn in vertrauter Weise zu grüßen.. Er sah riesige Rinder- und Schafherden weiden und hatte freudig erregt Ausschau gehalten nach dem Brandzeichen der Doppelkreuz-Ranch.

„Ich hätte Arbeit für Sie, Stranger, kein Cowboylohn! Sie können das Fünffache, yeah, das Zehnfache verdienen. Well, ich habe einen Blick für Männer, die fix mit dem Eisen sind und das Lasso werfen können.“

Der schräge Blick des Sheriffs traf ihn. Burt antwortete nicht. Äußerlich konnte ihm keiner ansehen, dass sich alles in ihm spannte, hellwach wurde. Er zuckte nicht einmal mit der Wimper bei diesem ungewöhnlichen Angebot, das ein Sheriff machte. Bittere Erfahrungen hatten ihn gelehrt, vorsichtig zu sein, niemals Gefühle zu zeigen. Unbewegt nahm er es hin. Ein Lächeln grub sich um seinen Mund.

„Ich werde es mir überlegen“, dehnte er.

„Sicher, aber schieben Sie es nicht zu lange hinaus! - Keeper, die nächsten zwei auf meine Rechnung!“

Burt nickte nur. Ihm fiel auf, dass auch die anderen Gäste aufmerksam wurden. Der Stimmenlärm verebbte, verstummte ...

Yeah, wenn eine heiße Sache gestartet wurde, war es immer so. Es war in allen Bars und Kneipen die gleiche Melodie.

Die Spannung wuchs ins Unerträgliche, zerrte und riss an den Nerven. Deutlich, unmissverständlich war die Absicht der beiden Kerle, Matts Schlaf jäh zu unterbrechen. Burt fühlte, wie die Kälte in seinem Innern sich ausdehnte. Yeah, er würde kalt wie ein Gletscher werden. Er kannte diese Anzeichen und wusste sie zu deuten.

„Man wird den Kerl recht unsanft wecken“, raunte der Sheriff. „Er hat sein Geld ausgegeben. Jetzt ist er uninteressant für die Gentleman-Bar.“

„Woher wissen Sie das?“, unterbrach Burt, einen schnellen Blick auf die beiden Kerle richtend, die sich viel Zeit ließen. Beide hatten rotes Haar, blasse Gesichter, die von Narben durchzogen waren. Sie gingen geschickt vor, standen nun nur noch wenige Yards von Matt entfernt. Kerle dieser Art vergaß man nie wieder, das Wölfische ihres Wesens brannte sich ins Gedächtnis ein.

„Meine Hilfssheriffs Bill und Andy Tranghes“, erklärte der Kleine und ließ damit erkennen, dass er Burts Aufmerksamkeit wohl zu deuten wusste. „Und was Ihre andere Frage anbelangt, nun, Gull Grandy, der Besitzer dieser Bar, ist ein guter Freund von mir. Für gutes Geld lässt er schon mal den Teufel tanzen. — Übrigens, der Mann, dem Sie den Braunen gestohlen haben, heißt Matt Hassard.“

So war das also! Der Sheriff hielt Burt für einen gemeinen Pferdedieb und machte kein Hehl daraus. Wenn noch etwas gefehlt hätte, den Charakter des Sheriffs zu enthüllen, so waren es seine letzten Worte. In diesem Land hing man Pferdediebe, ohne erst eine Jury zu bilden. Es enthüllte aber noch mehr, viel mehr. Es bewies, dass man hier in Doable sich nicht mehr auf Burt Hassard entsinnen konnte. Burt Hassard - wer zum Teufel, kannte diesen Namen noch!

Yeah, er trug den Namen der Hassards, und bis zu seinem zehnten Lebensjahre hielt er es für richtig, machte er sich keine Gedanken darüber, dass er kaum eine Ähnlichkeit mit Matt und Sem besaß. Yeah, Tede Hassard, der Oldtimer der Doppelkreuz, hatte ihn am Trailweg gefunden. Damals, als er ein Baby war. Tede hatte ihn mitgenommen und mit seinen eigenen Jungen großgezogen. Niemand wusste, wer seine Eltern waren, was mit ihnen geschehen war, denn dort am großen Trailweg, wo Tede ihn gefunden hatte, lag die große Einsamkeit, und die schwieg.

By gosh, der Sheriff witterte auf der falschen Fährte. Burt war weder ein Desperado, der über die Kämme ritt, noch ein Pferdedieb, der ein Brandeisen unterm Sattel trug. Nein, er war heimgekommen, weil Rita McDux ihn gerufen hatte, heimgekommen, weil brennendes Heimweh ihn in den Sattel trieb und sein Pferd auf den Weg lenkte, der über Berge und Schluchten und viele wilde Weiden doch einmal zur Heimat führte. Er wollte zur Ruhe kommen. Die Sehnsucht nach fester Arbeit, nach dem Sinn des Lebens, brachte ihn zurück.

Matts Anblick riss ihn fast aus den Stiefeln. Die Hölle musste in Matt sein, wenn er sich so gehen ließ - und Hölle lauerte ringsumher.

Burt kannte das alles. Niemals zuvor war er in eine rauchigere Sache hineingeraten als in diese hier. Alle Anzeichen deuteten darauf hin.

By gosh, Doable hatte sich sehr gewandelt. Es war ein Dynamitfass geworden, und die scheinbare Ruhe auf den Straßen trog, lenkte ab.

Weshalb trank Matt?

Sicher, jeder Cowboy trank hin und wieder oft auch über den Durst. Aber drei Tage in einem Zuge?

Burts Blick glitt durch den Raum, saugte sich an Matt fest. Der schlief wie ein Toter, seine schnaufenden Atemzüge erfüllten die Stille. Burt hatte sich das Wiedersehen ganz anders ausgemalt. Wieder spürte er, wie ein Kloß in seiner Kehle ihm die Luft abwürgte. Er bemerkte es nicht, dass seine Hände bebten und den Whisky verschütteten.

Yeah, Matt Hassard hatte sich gewandelt. Angegraute Haare zeigten sich an den Schläfen. Sein grobgeschnittenes, breitflächiges Gesicht ruhte auf den Armen, wirkte düster, irgendwie traurig und enthüllte im Schlaf eine erschütternde Tragik, die Burt seltsam rührte.

Ein Schlafender enthüllt viele Geheimnisse. Geheimnisse, die er im Wachen nie zeigen, nie verraten würde, die er überdeckte, sorgfältig hinter einer Maske verbarg.

Burt fühlte, wie eine unheimliche Erregung ihn ausfüllte. Nein, noch wusste er nicht, was das alles zu bedeuten hatte, noch nicht, aber bald würden die ersten Karten aufgedeckt werden. Bald schon!

Sie fielen schneller, als er erwartet hatte. Zu schnell, als dass er hätte eingreifen können.

Bill Tranghes' Rechte stieß zu den Kolben, saugte sich fest, riss die Waffe aus dem Futteral, schwang sie in einem Zug hoch. Schwang sie in dem Augenblick, als auch sein Bruder die Waffe anlüftete - und dann hieben die Feuerstriche zu Matt hinüber.

Eine Kugel wischte ihm den Stetson vom Kopf, weckte ihn blitzartig. Er stieß die Finger vor, wollte nach seinem Waffengurt langen. Yeah, er wollte, aber Andy Tranghes' Geschosse ließen seine Hände ins Leere greifen, rissen den messingbeschlagenen, schweren Waffengurt mitsamt den Colts vom Tisch. Grollend fauchten die Detonationen. Wogender Pulverdampf quoll aus den Mündungen.

By gosh, das war gemein, teuflisch.

Matt sauste, wie von einer Sehne geschnellt vom Stuhl. Der Ruck war so gewaltig, dass der Tisch gegen die Wand prallte, auseinanderbarst. Matt stand geduckt mit whiskyverschleierten Augen. Tausend Teufel, er war noch nicht nüchtern! In diesem Zustand konnte ein Mann Amok laufen, konnte Unmögliches tun. Und gerade das wollten die Killer. Sie wollten, dass er angriff.

„Matt“, brüllte Burt.

Seine unbedachte Regung wurde von dem Sheriff gestoppt.

„Mischen Sie sich nicht ein!“, zischte er heiser. „Sie werden noch Ihren Spass haben.“

Spaß nannte der Kerl diese unverschämte Gemeinheit, durch die ein Mann dazu gebracht werden sollte, gegen heißes Blei anzulaufen. Spaß? Himmel und Hölle, das war ein schrecklicher Spaß, und das in einem Land, wo die Fairness bei einem Revolverkampf einst oberstes Gebot war.

Nein! Burt hielt sich noch zurück. Er musste erfahren, wie weit es die Schufte trieben.

Yeah, das wollte er. Er riss sich zusammen, hetzte seinen Blick zu Matt hinüber.

Matt stand steif, unbeweglich. Ob er den Ruf gehört hatte?

„Was wollt ihr Dreckskerle von mir?“, lallte er bassstimmig und bewies dadurch, dass das Wort Furcht ihm fremd war. Männer vom Schlage Matts kannten keine Angst, selbst in den übelsten Situationen behielten sie ihre Nerven. Aber jetzt war Matt betrunken, unzurechnungsfähig. Niemand konnte voraussehen, was er tun würde.

„Damit du es weißt, Matt Hassard, deine Zeit ist um. Du hast lange genug in der Gentleman-Bar gehaust. Du hast dich an Schafzüchtern vergriffen. Kein freier Mann kann so etwas dulden. Die Schafzüchter werden über dich zu Gericht sitzen, und du wirst die Hanfkrawatte zu kosten bekommen“, dehnte Bill Tranghes. Hohn und wilder Spott leuchteten in den Augen des Schurken. Er wedelte mit seinem Eisen, wandte sich an die übrigen Gäste: „Gents, Matt Hassard gehört zur anderen Seite, gehört zu den Rinderzüchtern, die hochnäsig auf euch herabsehen, die euch kein Regierungsland gönnen, die euch vertreiben. Angeblich, weil Schafe die Weide unbrauchbar machen.“ Seine Worte gingen in ein drohendes Geraune über.

Burt steckte das Kinn vor, sah sich schnell in der Runde um und begriff. Wie ein Schleier fiel es von seinen Augen.

Ah - es war das alte Spiel um Macht, Land und Weide. Zwei Parteien wurden aufeinandergehetzt, damit finstere Existenzen im Hintergrund im trüben fischen konnten. Er sah, dass Matt einen unverzeihlichen Fehler begangen hatte. Yeah, es war ein Fehler, wenn er, als einzelner, Doable, die Schafzüchterstadt, aufgesucht hatte. Er hatte sich in die Höhle des Löwen begeben. By Jove, was hatte ihn dazu veranlasst, was nur?

Burt wusste es nicht, dachte auch kaum darüber nach. Er war bereit, einzugreifen.

Well, diese Leute waren gewillt, Lynchjustiz zu üben; er fühlte die knisternde Spannung, das Verhaltene, Unheimliche, das einer solchen schrecklichen Tat vorausging, und er sah, was Matt kaum begriff. Damned, Matt saß in der Falle und er hatte keine Chance.

Auch jetzt wich die Trunkenheit nicht von ihm. Er wankte, lehnte sich gegen die Bühne und stierte zu seinem Stetson, zu seinem Waffengurt, der nur wenige Yards vor ihm lag und dennoch unerreichbar fern.

Burt spürte, wie seine Handflächen zu jucken begannen. Das taten sie immer - immer, wenn es heiß und rauchig wurde, wenn es zum Kampf kam.

Seltsam leise kicherte der Sheriff. Im Hintergrund standen Tanzhallenmädchen mit aufgerissenen Augen und blassen Gesichtern. Sie lugten herüber, tuschelten miteinander. Burt kannte diese Sorte leichter Mädchen, sie waren alle durch eine harte Schule gegangen, lebten lange genug in offenen Rinderstädten, in Schafzüchtertowns, um gegen schreckliche Dinge gefeit zu sein.

Yeah, es war eine gefährliche Situation, die auf Entladung drängte. Draußen starb der Tag. Das fahle Licht der Dämmerung versank hinter den Bergen. Und mit der aufsteigenden Nacht schienen die mörderischen Instinkte der Menge zu wachsen.

Burts Lippen pressten sich zu schmalen Strichen zusammen. Langsam stellte er sein Whiskyglas ab, schob sich leicht von der Theke fort. By gosh, zwei Doppelstöckige hatten den Staub der Wüste aus seiner Kehle gefegt und seinen Hals gereinigt, doch den brennenden Durst und nagenden Hunger nicht besänftigen können. Yeah, Hunger rumorte in seinen Eingeweiden. Aber jetzt würde alles vergehen: Hunger, Durst, alles. Der Tod lauerte.

Drei bullige Kerle erhoben sich wie auf ein geheimes Kommando, stießen die Stühle zurück, stampften auf Matt zu, der sie mit weit aufgerissenen Augen beobachtete, heiser krächzten seine Worte: „Bleibt, wo ihr seid!“

„Du hast keine Chance, Matt Hassard“, höhnte Bill Tranghes.

„Ihr wartet wohl nur darauf, mich zur Hölle zu schicken?“, zischte Matt. Langsam hob er den Kopf. In seinen Augen tanzten gelbe Flammen - gefährliche Lichter. Sie schwelten über die Versammlung, huschten, ohne zu erkennen, über Burt hinweg.

„Es wäre gut, wenn du dort landest“, knirschte Andy Tranghes verbissen. „Wir zeigen dir den Weg, darauf kannst du dich verlassen. Los, greift ihn euch!“

Diese Aufforderung galt den drei bulligen Kerlen, die einen Moment zögerten. Yeah, sie hatten Respekt vor Matt, er war ihnen nicht unbekannt. Langsam kamen sie näher. Die beiden Eisen in den Fäusten der Tranghes verstärkten das Rückgrat der Kerle. Sie grinsten sich zu, höllisch, gemein, waren sich ihrer Sache ziemlich sicher. Yeah, was sollte auch schief gehen?

„Macht ihn fertig, stutzt ihn auf seine Größe zurecht, dann wollen wir weitersehen“, explodierte der Sheriff. Er ließ die Maske fallen.

„Sheriff, ich wusste, dass du mit ihnen in einem Corral steckst“, raunte Matt, „du kannst mich wohl in deinen Käfig sperren, aber du wirst mich bald wieder laufen lassen müssen. Du hast keine Handhabe gegen mich.“

„Du kannst auch das haben“, grinste der Kleine anzüglich, „aber warum willst du dir selbst Dreck in die Augen werfen, heh? Die Schafzüchter werden dich aus meinem Office holen, um dir die Hanfkrawatte um den Hals zu legen. Warum so viele Umstände, heh?“ Er brach ab. Sein kicherndes Gelächter erstickte in der Kehle, denn jetzt stürmten die Kerle von drei Seiten zugleich auf Matt ein, gerieten dabei aber in die Schussbahn der beiden Killer. Matt erkannte sofort seine Chance.

Drei gegen einen. Jeder einzelne stand Matt an Größe und Schwere nichts nach. Dazu hatte Matt drei Tage getrunken. Seine Gegner aber waren nüchtern.

Matt duckte sich blitzschnell, empfing den ersten Gegner mit einem fürchterlichen Aufwärtshaken, der, kurz angesetzt, von unten heraufgeführt, mit voller Wucht das Kinn traf und den Kopf des Angreifers zurückschleuderte. Es war ein gefährlicher Schlag, er kam explosiv und schnell, ließ den Gegner in die Knie brechen und auf den Boden krachen, dass die Dielen erbebten.

„Zerbrecht ihn“, wütete der Sheriff neben Burt, „zerbrecht ihn so, dass sogar ein Kind eine Chance gegen den Bullen hat!“

Nein, so schnell kann man einen Mann wie Matt nicht in Stücke schlagen, so schnell nicht. Auch in seinem jetzigen Zustand ist er wie ein Grizzly, gewaltig, explosiv, von ungeahnten Kräften angefüllt, die vernichtende Wirkung zeigten.

Mit einem Satz wirbelte er sich frei, hart krachten seine schmiedeeisernen Fäuste rechts und links in die Deckungen der aufgerissenen Arme hinein, trieben sie auseinander und konterten scharf zurück. Hässliche Töne entstanden. By gosh, eine wilde Freude erfüllte Burt.

Es blieb kein fairer Kampf, kein Kampf der Fäuste - nein.

Matt stolperte über ein vorgestelltes Bein, gleichzeitig riss einer der Schafzüchter seinen Stiefel hoch, trat mit aller Wucht gegen seine Brust. Schmerzvoll brüllte Matt seine Not hinaus, schlug zu Boden und rollte in einen Faustschlag hinein, der mitten in seinem Gesicht landete. Jeder andere Mann hätte aufgeben müssen, wäre ohnmächtig gewesen - nicht aber Matt. Schon bald hatte er sich wieder gefunden, konnte sich aufrichten. Er wankte, stand breitbeinig, so, als ob er Luft für den nächsten Angriff aufspeichern müsste, denn dieser setzte sofort ein.

Drei bullige Kerle waren bereit, ihn zu zerreißen, drei Kerle, die von seinen Treffern gekostet, die Schmerzen und Blut geschmeckt hatten, die irr und toll vor Wut waren. Und wieder schlug Matt, konterte einen Kerl von den Beinen. Doch bevor er sich um den zweiten Angreifer kümmern konnte, musste er zwei harte Treffer hinnehmen. Es waren mächtige Schläge, die seinen Kopf zurückstießen ... ihn nach hinten taumeln ließen ...

Er fing sich dennoch, warf sich nach vorn und stieß mit einem grausigen Auflachen einem Angreifer den Kopf vor die Brust. Gleich einem Stier stürzte er über den Mann hinweg. Yeah, in diesem Vorstoß würde er alles unter sich zermalmen, zu Boden zwingen. Und er nahm die Schläge von rechts und links, schluckte sie, stürmte weiter, obwohl sich starke, gierige Hände an ihm festkrallten, ihm das Hemd vom Leibe rissen, stürzte weiter auf den Sheriff zu.

Mit Panthersätzen folgten ihm die Killer. Bill erwischte einen am Gürtel, sprang ihm fast auf den Rücken, so dass beide gegen die Theke krachten. Andy Tranghes sauste weiter, schwang den Colt, holte aus, um den Kolben über Matts Genick zu schlagen. Und jetzt handelte Burt. Er konnte nicht anders, nein, die Lage war zu kritisch für Matt. Er war am Ende. Und dann? Nein, es durfte nicht geschehen!

Burt riss dem zurückprallenden Sheriff den Colt aus dem Futteral. Blitzschnell, unheimlich reagierte er, und mit der gleichen Bewegung hieb er dem Kleinen den Coltlauf quer über den Kopf, stieß die Linke auf den Kolben herab, so dass das Eisen in der Schlinge hochsauste. Dumpf hackte die Detonation des Schusses - wie Donnergrollen anzuhören. Mit einer einzigen Kugel schmetterte er den herunter sausenden Colt aus der Killerhand. Der fürchterliche Schlag gegen Matts Genick war abgewehrt. Yeah, aber nun öffnete sich die Hölle und Burt, der den zusammenkrachenden Körper des Sheriffs von sich abstieß, schwang um die eigene Achse, jagte drei weitere Schüsse dem ersten hinterher, und jeder Schuss traf eine Petroleumlampe, löschte sie aus.

„Haltet die Türen besetzt!“, grölte eine Stimme.

Burt nahm die Hand vom Kolben, sprang gegen einen Mann, der an der Theke entlangtastete, aber der Kerl kam nicht weit. Burts Rechte verkrallte sich in seinen Haaren, zog den Kopf mit einem Ruck in seine Linke hinein. Vorerst würde der Mann nicht mehr erwachen, denn er hatte sich zur Ruhe ausgestreckt.

Dunkel war es, dunkel und tintig. Man hatte alle Mühe, etwas zu erkennen. Dort tauchte Matt plötzlich auf.

„Bist du noch fit, Boy?“, lautete Burts Frage.

„Gewiss, genug, um jeden Teufel beim Schweif aus der Hölle zu zerren“, klang es überzeugend.

„Dann komm!“

„Wer ... wer bist du?“, röchelte es zurück.

„Später, Buddy, später.“

Er streckte die Hand aus, zerrte Matt hinter sich her. Beide duckten sich dicht am Boden, über ihnen tanzten die Lichtflammen abgeschossener Colts. Burt lief es eiskalt über den Rücken. Sicher, sie schossen zu hoch, rechneten nicht damit, dass sie in dieser Haltung nach einem Ausweg suchten. Und sie, sie waren dazu verurteilt nicht zurückzuschießen, um nicht am Aufflammen der Mündungslichter ihren Standort zu verraten. Sie steckten buchstäblich in einer hässlichen Falle.

Nach dem hellen Aufblitzen der Schüsse war die Finsternis kaum noch erträglich. Sie robbten an der Theke entlang, richteten sich an der gegenüberliegenden Wand auf. Rechts von ihnen fiel ein Tisch um, das Geräusch zog schnelle Schüsse nach. Es entstand ein tolles Durcheinander, und darin fanden sie Gelegenheit, unbemerkt zum Ausgang zu huschen.

Yeah, sie mussten raus, fort, bevor es zu spät war. Heiße Schauer durchjagten Burt, als er die Klinke erwischte, leise die Tür aufschob. Schon das kleinste Geräusch konnte alles verderben.

Draußen war es Nacht. Sterne standen kalt und fern, und die frische Luft vermählte sich mit den herausdringenden Pulverschwaden.

Matt schob sich als Erster hinaus, dann folgte Burt. Kaum hatte er die Tür zugeknallt, als es berstend in ihr einhieb, ohne weiteren Schaden zu verursachen, als aus dem Innern der Bar wilde Stimmen durcheinander schrien. Sie rannten, ohne sich zu verständigen, los. Seite an Seite, Matt mit taumelnden, linkischen Bewegungen - auch jetzt war sein Hirn noch nicht frei. Der Teufel Alkohol hatte ihn noch in den Krallen. Sie stürmten in eine enge, dunkle Gasse, genau in den tanzenden Schatten einer wilden Horde hinein.

Zu spät, um die Colts zu lüften, zu spät, um sich freizuschießen.

Burt spürte einen Schlag, der ihn fast aus den Stiefeln warf, krachte zurück in die Arme mehrerer Kerle, die nach ihm griffen, seine Holfter leerten, ihn über den Boden in eine Scheune schleiften. Er war von dem furchtbaren Schlag so benommen, dass er wie durch eine Nebelwand, in der rote Lichter tanzten, nur die Schatten seiner Feinde ausmachen konnte. Undeutlich vernahm er Schreie. Flüche tönten zu ihm hin, verwischten. Schmerz fraß sich in ihm fest. Er wollte sich aufrichten, aber seine Glieder versagten. Deutlich sah er die Schatten um sich herum, hörte das Flüstern und leise Fluchen, hörte tapsende Schritte, Sporengeklirr, dann die Stimme des kleinen Sheriffs.

„Gents, ich habe mich nicht geirrt. Dieser Mann dort ist ein Pferdedieb, ein Revolvermann. Wahrscheinlich steht er auf der anderen Seite. Macht Platz!“

Burt sah die wildzerrissenen Gesichtszüge des Sheriffs, hörte ihn leise zischeln.

„Buddy, du hast dich auf die andere Seite gestellt. Ich habe dich gewarnt. Dein Eingreifen hat wenig genützt. Wir haben dich und Matt Hassard. Heh, zum Teufel, lege deine Karten offen auf den Tisch! Wer hat dich angeworben?“

„Was ist mit Matt?“, brachte er mühsam heraus. Jedes Wort ließ Schmerzwellen durch seinen Körper fluten, wurde zur Qual.

„Wenn es dich beruhigt, nun, wir haben ihn zerbrochen. Er hat das bekommen, was er braucht. Und er bekommt noch mehr. Er ist so fertig, dass er sich kaum ohne Hilfe aus der Scheune bewegen kann. Mit dir machen wir dasselbe, Buddy. Und wir werden es gnädig machen, wenn du Farbe bekennst, dann bekommst du eine Kugel - eine hübsche, glatte Kugel.“

„Und ... wenn ich nicht rede?“, rasselte Burt.

„So wirst du morgen neben Matt Hassard hängen. Well, es wird ein öffentliches Exempel sein, für alle zur Warnung und zum Schrecken der hochnäsigen Rancher. Überlege es dir richtig!“

Burt gab keine Antwort, rollte sich zur Seite, fühlte im gleichen Augenblick, wie die Stiefelspitze des Sheriffs in seine Rippen krachte.

„Nun“, höhnte der Kleine, „du gehörst wohl zu der ganz stolzen Sorte, wie? Weil du zwei Eisen trägst, glaubst du, ein besonderer Mann zu sein. Ein Mann, der einen großen Schatten wirft.“

„Ich habe Männer gekannt, die so ähnlich redeten wie du. Sie leben nicht mehr“, hetzte Burt heraus.

„Hohohoho, du hast die falsche Sorte gekannt, Buddy, die falsche Sorte“, knirschte er zurück. „Kleine Lichter waren es. Hier aber bist du an eine harte Mauer geprallt und wirst wohl kaum noch Gelegenheit haben, festzustellen, wer in Doable das Rennen macht.“

„Du bist es auf keinen Fall, hinter dir ...“ Burts Worte gingen in ein qualvolles Röcheln über. Beide Fäuste schmetterte der Sheriff ihm ins Gesicht, hieb auf ihn ein, bis seine Knöchel schmerzten.

„Was sagst du nun?“, giftete er.

„Das ich dich finden werde, yeah, dich und deine Höllenbrut.“

„Macht weiter, Gents! Los, schlagt ihm die Seele aus dem Leib, macht ihn so fertig wie Matt, und lasst ihn dann liegen!“

Sie hatten nur auf diesen Befehl gewartet. Wieder waren es die beiden Hilfssheriffs, die sich Platz verschafften, die ihre angesammelte Wut, ihren wölfischen Grimm an einem Wehrlosen ausließen, an einem Mann, der ausgepunktet am Boden lag, der nicht einmal die Kraft hatte, sich hochzustemmen.

„Haltet ein! Fragt ihn, wer er ist!“, gebot der Sheriff.

Die beiden Tranghes rissen Burt vom Boden empor. Sein Kopf fiel zurück.

„Ist er tot?“, kreischte der Sheriff. „By gosh, ich wollte ihn neben Matt an einem Ast baumeln sehen.“

„Er ist nur ohnmächtig, John, aber wir können ihn wecken.“

„Gut, Wasser auf ihn“, gurgelte John Space, „recht viel Wasser, vielleicht schwimmt er dann für immer aus Doable und vergisst das Wiederkommen. Heh, Grand, Tem und Walt, holt einige Kübel!“

Diese Aufforderung galt den drei Schafzüchtern, die in der Gentleman-Bar sich gegen Matt in Szene gesetzt hatten. Grand Selter, Tem Mikoy und Walt Delten gehörten zur Kavalkade des Sheriffs, genau wie die beiden rothaarigen Brüder. Sie alle steckten mit Sam Payne, der in den Breaks eine Bände wilder Desperados unterhielt, unter einer Decke. Die drei Schafzüchter verschwanden, kamen kurz darauf mit gefüllten Wasserkübeln zurück und leerten sie über Burt aus.

„Wenn das nicht reichen sollte, dann legen wir ihn in die Wassertonne, ersparen uns die Arbeit“, zischte Grand Selter. „Ich habe seine Eisen untersucht - sieben Kerben.“

„Sieben?“, presste der Sheriff hervor.

„Er wird nicht wach. Werft ihn in die Tonne!“

Sie hoben den schlaffen Körper auf, trugen ihn hinaus zum Hinterhof, warfen ihn mit brutaler Rücksichtslosigkeit in die Tränketonne.

„Er ersäuft wie eine Ratte. Es nützt nichts“, schrillte Tem Mikoy.

„Schafft ihn in die Scheune zurück, ich werde noch herausbekommen, wer er ist. Damned, sieben Kerben! Sage euch, der Kerl ist von irgendeinem Rancher angeworben. Vielleicht holen sie noch mehrere Revolverschwinger ins Land, bevor wir das Spiel erst richtig in Szene gesetzt haben. Ich werde dem Boss berichten. Wir müssen zuschlagen und den Schafzüchtern das Rückgrat stärken. Sie zögern noch, gegen die Rancher vorzugehen, aber das muss anders werden. Es steht zu viel auf dem Spiel.“

 

2.

Der eigene Blutgeschmack und die Kälte ließen Burt erwachen. Seine Zähne klapperten, Frostschauer schüttelten ihn. Tobender Schmerz überfiel ihn, nagte und zerrte in seinen Gliedern und erweckte ein qualvolles Stöhnen von den Lippen. Schon die geringste Bewegung ließ ihn die Zähne zusammenschlagen. Und doch war er wach, starrte zu der niedrigen Scheunendecke. Seine Gedanken arbeiteten. Er fand keinen Ausweg, wie sehr er auch sein Hirn zermarterte.

Zwei Männer, Männer ohne Hoffnung, zerschlagen, zertreten, und morgen sollten sie hängen. Yeah, dieser Gedanke war es, der ihm Qual bereitete. Er hatte dem Tod oft gegenüber gestanden, hatte oft sein Leben als letzten Einsatz gewagt und nie gezittert. Furcht? Die kannte er nicht. Aber baumeln? Hängen, gleich einem gemeinen Pferdedieb? Zum Teufel - nein!

Wenn er jetzt nichts Übermenschliches leistete, wenn es ihm nicht gelang, seinem Willen das Letzte abzuringen, dann waren sie wirklich verloren, dann war seine Heimkehr beendet. Und das Bild, das all die Jahre hindurch gleich einer Flamme sein Herz erwärmt hatte, das liebliche Bild eines Mädels, das er verlassen hatte, als es lang und staksig, yeah, fast knochig war, aber das wunderschöne Veilchenaugen sein eigen nannte. Dieses Bild würde verlöschen, untergehen, wie sein und Matts Leben. Aus ungeahnter Tiefe brach es hervor, nahm von ihm Besitz, und für einige Atemzüge überdeckte es Schmerzen, Not und Elend.

Nein, er wollte nicht aufgeben, wollte nicht auf so eine erbärmliche Art vor die Hunde gehen.

„Hilf!“, betete er, wohl zum ersten Male in seinem gefahrvollen Leben. „Hilf!“

Wen rief er an? Seinen Gott? Die Macht, die über allem steht? Oder jagten seine fieberheißen Lippen den Schrei hinaus, unbewusst, wie ein Ertrinkender, der selbst in einem Strohhalm die Rettung sieht?

„Hilf!“, der qualvolle Schrei eines Mannes, der Schreckliches erdulden, erleiden musste.

Der nicht mehr heim sollte. Heim zur Weide, von der er in seinen einsamen Nächten beim flackernden Schein des Lagerfeuers geträumt, deren Bild er in seinem Herzen trug, das Bild, das ihm immer wieder auf seinem langen Trail weitergeholfen, Kummer, Gram und Verdruss beseitigt hatte. Wer wollte es wissen? Wer?

Burt Hassard wollte heim, weil die Sehnsucht ihn hergetrieben. Sehnsucht war es, die ihm Kräfte verlieh, die kaum begreiflich waren. Er kroch über den gestampften Adobeboden und suchte den Partner, fand ihn, tastete über Matts Gesicht, das von einer Blutkruste bedeckt war, lauschte, hörte leise Herzschlage und wusste, dass Matt sich niemals aus eigener Kraft erheben konnte.

In Burts Kehle würgte es. Was hatten die Schurken Matt angetan? Waren es noch Menschen? Waren es gefühllose Tiere? Seine Colts brauchte er, dann ... Sein Herz krampfte sich zusammen. Aber er gab nicht auf. Jetzt nicht mehr. Langsam, fast gespenstig erhob er sich. Schmerzen rasten durch ihn hindurch, warfen ihn fast um, aber er hielt stand, schwankte hin und her - ein Rohr im Winde - ein Mann der über den Tod hinausgewachsen war. Er taumelte auf das Lichtviereck zu, das einen Ausschnitt des gestirnten Himmels freiließ, kämpfte gegen die Schwäche an, die ihn zu bezwingen drohte, brachte es dennoch fertig, sich lautlos zu bewegen. Er gewahrte einen Schatten an der Tür. Bill Tranghes Schatten, der sich deutlich gegen den klaren Nachthimmel abhob.

Tranghes rauchte. Gewiss hätte das im Indianerland, aus dem Burt gekommen war, kein Wachtposten gewagt. Niemals hätte dort ein Mann die offene Glut seiner Pfeife vom Wind davontragen lassen und sich so hingestellt, dass er jedem sichtbar war. Unklug war fernerhin, dass Bill Tranghes sich auf seine Winchester stützte. Für Burt aber war es eine Lockung, der er nicht widerstehen konnte. Lautlos glitt er hinter Bill, fetzte mit einem Fußtritt die Winchester zur Seite und zerrte mit einem Ruck den Colt aus dem Futteral, stieß die Waffe in Bills Rücken, fauchte: „Keine Bewegung!“

Den Befehl hätte er nicht zu geben brauchen. Der Wachtposten war steif vor Furcht. Entsetzen lähmte ihn. Nein, dass einer der Zerschlagenen sich erheben würde, einen Ausfall wagen und angreifen könnte, das, yeah, das würde ihm niemand glauben.

Burt blickte über die Schulter seines Gegners hinweg und sah einige Pferde im Hinterhof stehen. Sein Brauner war dabei, stand gesattelt und gezäumt. Keiner der Kerle hatte sich die Mühe gemacht, das Reittier zu erleichtern, zu versorgen. Burt hielt den Revolver krampfhaft umspannt. Er würde den Kerl töten, wenn er Dummheiten machte. Burt war zu schwach, um sich lange auf den Beinen halten zu können. Auf einen Kampf durfte er es nicht ankommen lassen. Der Bandit würde ein leichtes Spiel mit ihm haben.

„Vorwärts! Hol Matt raus!“, kommandierte Burt.

Ich werde gleich umfallen, dachte er, er muss meine Schwäche bemerken.

Ohne eine Erwiderung setzte sich Bill in Bewegung, unterdrückte einen fürchterlichen Fluch. Die Waffe in seinem Rücken mahnte ihn zur Vorsicht. Nein, er hatte nicht genügend Mark in den Knochen, um zu handeln. Die Überraschung lähmte ihn, und die Tatsache, dass er im Grunde seines Herzens ein Feigling war, wurde offenbar.

„Öffne die Tür! Ganz weit, so dass genügend Licht hereinfällt!“

Yeah, das musste so sein, wollte Burt sichergehen. Er hatte entdeckt, dass nur ein Posten zurückgelassen worden war. Jetzt fiel genügend Helligkeit in die Scheune.

„Auch das wird dir nichts nützen“, krächzte Bill. Er zitterte am ganzen Körper, die Furcht trieb ihn weiter, trieb ihn zu Matt hin.

„Aufheben!“

Er tat es, konnte nicht anders, brach fast unter der Last zusammen, ging in die Knie, stöhnte laut.

„Ich habe die Hand am Drücker“, sagte Burt. „Los, vorwärts! Zu den Pferden!“

Bill schwankte mit seiner Last hinaus. Er keuchte vor Anstrengung, und seine Lungen schienen zu bersten. Burt wankte hinterher, der Atem pfiff von seinen Lippen. Er sah kaum die Gestalt des anderen, sah sie wie durch wallende Nebelvorhänge.

„Reiß dich zusammen!“, kommandierte er sich selbst. „Du hast einen Trumpf, und den spiel aus!“

Nein, er hätte nicht einmal einen Feind gesehen, falls wirklich einer im Schatten des Hinterhofes gelauert hätte. Er handelte wie im Traum, sein geballter Wille hielt ihn aufrecht, aber jeden Augenblick konnte die Reaktion einsetzen, und dann ...?

„Vorwärts! Setz ihn auf meinen Braunen und binde ihn fest!“ Blutunterlaufen wurden Bills Augen, seine Zähne knirschten, aber er tat es. „Und jetzt sattle den Falben! Zieh den Bauchgurt stramm, versuche keine Tricks!“

„Du wirst nicht weit kommen, no, zum Teufel, mit dieser Last kommst du nicht aus der Stadt heraus“, fauchte Bill. „Wir hätten dich erledigen sollen.“

„Spare deine Worte! Ich komme wieder. Yeah“, jagte es über Burts Lippen. „Und nun jage die anderen Pferde davon. Los denn!“ Das war ein Befehl, den selbst Bill krumm nahm. Er duckte sich wie zum Sprung, seine unruhigen Augen suchten nach einem Ausweg, saugten sich an Burt fest.

„Du bist nicht fit. Du ...“

Burt unterbrach den bissigen Redeschwall, nahm die Mündung höher, ächzte: „Du bist der letzte Dreck, und darum wirst du es tun.“

By gosh, den Anblick der drohenden Mündung konnte Bill nicht ertragen, sein Gesicht verzerrte sich zur Grimasse. Er spuckte Burt vor die Füße, kreischte: „Ich werde dir noch vor die Stiefel springen, werde dir Blei servieren.“

„Das heißt, wenn du jetzt mit dem Leben davonkommst“, sagte Burt kalt. Wieder fühlte er, wie lähmende Schwäche in ihm aufstieg, von ihm Besitz ergriff und ihn zur Anspannung seiner letzten Kräfte zwang. Eisige Kälte ging von ihm aus, griff zu Bill über, der keine Bewegung mehr wagte.

Das Mondlicht übergoss Burts triefende, klatschnasse Gestalt. Das Wasser hatte zwar das Blut fort gewaschen, aber sein Gesicht war zerschlagen, kaum kenntlich, wirkte wie eine grauenhafte Maske.

Schneidend wiederholte er den Befehl. „Die Pferde!“

Und Bill hetzte los, wirbelte herum, schlug auf die Pferde ein. Burt benutzte den Moment, sich in den Sattel zu zerren. Dreimal setzte er an - dreimal. Erst beim dritten Male hockte er auf, langte zu den Zügeln seines Braunen, verknotete sie an seinem Sattelhorn.

„Go on“, peitschte sein Ruf über die Tiere hin, ließ sie antraben, genau auf Bill zu, der nun endgültig bemerkte, wie es um Burt stand, der im letzten Augenblick die Versuche Burts, sich auf den Falben zu schwingen, richtig deutete. Er kreischte vor Wut, sprang an dem Falben hoch, streckte beide Arme aus, um Burt aus dem Sattel zu zerren. Doch in diesem Augenblick sah Burt durch die Nebelwand hindurch, schwang den Colt, hieb ihn quer durch das Gesicht des Angreifers, stöhnte laut auf. Yeah, und kam erst wieder zu sich, als beide Pferde im wilden Galopp hinter dem Broncorudel her fegten, das Bill in Bewegung gebracht hatte. Er sah zum Braunen hinüber. Auf ihm lag Matt, lag wie tot, ohne Leben.

Wie durch ein Wunder war Burt im Sattel geblieben.

„Go on!“

Er streckte sich weit über den schwingenden Pferdehals, riss die Tiere mit letzter Kraft vom Weg herunter, bog nach links ein. Er erinnerte sich, dass die Pferde, wenn sie in der neuen Richtung weiterliefen, zu einem verfilzten Gehölz stoßen würden.

Das Geräusch galoppierender Hufe alarmierte seine Sinne. Mühsam wandte er sich im Sattel um und gewahrte eine stetig näherrückende Reiterkavalkade.

„Hell and devil“, entfuhr es seinen Lippen. Die Gewissheit der drohenden Gefahr verlieh ihm neue Kräfte. Wild spornte er den Falben an, griff in die Zügel des Braunen. Weit ausholend rasten die Pferde davon. Vor sich sah Burt die schwarze Silhouette des Gehölzes auftauchen. Triumphierend wollte er sich im Sattel aufrichten, da fühlte er einen furchtbaren Schlag vor die Brust. Schatten jagten auf ihn zu. Glühender Schmerz fraß sich in sein Hirn. Das ist das Ende, konnte er noch denken. Dann stürzte er in eine alles umfangende Dunkelheit.

 

 

3.

Im Osten schob sich die Sonne über den Horizont. Feurigen Schwertern gleich sandte sie ihre purpurnen Strahlen über schneeglänzende Berge und tauchte Wald und Weiden in ein Meer von blutigem Rot. Lange schaute Burt ohne Verstehen in den beginnenden Tag. Er musste Klarheit gewinnen über die Ereignisse der Nacht.

„Oh, Hölle“, murmelte er, „eine Stampede wird über mich hinweggebraust sein. Ich spüre jeden einzelnen Huf.“

„Wer spricht von der Hölle?“, röchelte es neben ihm im Gebüsch. Burt stemmte sich hoch, gewahrte die Umrisse zweier Pferde. Leise wehte ihr Schnauben zu ihm herüber, riss ihn aus der Erstarrung.

Plötzlich begriff Burt. Sie hatten auf der Flucht das Gebüsch erreicht. Ein Ast hatte ihn aus dem Sattel gerissen. Die Verfolger waren in der Dunkelheit vorbeigestürmt.

Er richtete sich auf, wankte steif zu den Pferden. Sie standen dicht beieinander. Auf dem Braunen lag Matt. Er war schon wieder ohne Bewusstsein. Burt schluckte, musste sich gegen den Falben lehnen.

„Kamerad“, flüsterte er. „Tod und Teufel! Das sollen sie mir büßen.“ Yeah, was war aus Matt geworden!

Ich muss etwas unternehmen, überlegte er. Er wird sterben, wenn er nicht bald in Behandlung kommt. Diese Erkenntnis weckte etwas Neues in Burt, ließ ihn die eigene Schwäche vergessen. Er suchte in den Satteltaschen, fand eine halbvolle Feldflasche. Setzte sie Matt an die Lippen, zwang ihn zu trinken. Heiße Freude erfüllte ihn, als er bemerkte, wie Matt Schluckbewegungen machte.

„Fellow.“

Matt wurde nicht wach. Kein Ruf konnte ihn aus der Ohnmacht erwecken, und so steckte Burt die Flasche zurück, ohne selbst getrunken zu haben. Nein, Matt sollte noch einen Wasservorrat haben. Matt ging es schlechter und, obwohl Burts Zunge wie ein aufgetriebener Schwamm die Rachenhöhle ausfüllte, bezwang er sich. Er suchte nach der verlorenen Waffe, fand sie vom Laub verdeckt, nahm sie an sich. Wieder zerrte er sich in den Sattel, trieb die Tiere an, ritt im Schritt durch den dunstigen Morgen, der zarte Nebelschwaden auftrieb.

Männer ohne Hoffnung. By gosh, wie sollten sie die Doppelkreuz erreichen? Burt wusste es nicht. Er wusste nur, dass sie die Doppelkreuz finden mussten, dass sie sich dort von ihrer Schwäche erholen konnten - die Doppelkreuz, die beider Heimat war.

Und so ritten sie durch den Morgen. Zwei Männer, die zum Sterben reif waren, die kaum eine Chance hatten, die damit rechnen mussten, aufgestöbert und niedergemacht zu werden.

Hart und grausam war das Land am Rande der großen Nevadawüste. Ein Mann kehrte heim. Und er brachte einen Kameraden mit, der vielleicht das Abendrot nicht mehr erleben würde.

Meilen reihten sich unter den Hufen der Pferde. Meilen, die Burt kaum ausmachen konnte, weil er immer wieder vor Durst und Entkräftung in Ohnmacht versank. Der Wasservorrat war aufgebraucht für Matt, der ihn dringender benötigt hatte als Burt selbst. Er hatte sich mit kurzen Lederriemen, die er in der Satteltasche gefunden hatte, an das Sattelhorn gebunden. Mit jeder Meile stieg die Sonne, sandte höllische Gluten herab, ließ die Luft flirren. Ab und zu schaute Burt um sich, stellte fest, dass sein Blick klarer wurde, und mit Entsetzen erkannte er, dass sie in Richtung der großen Wüste abgetrieben, dem gnadenlosen Verderben entgegensteuerten. Er brachte die Tiere in die richtige Marschrichtung und ahnte nicht, dass beide durch diesen Umweg einem Hinterhalt ausgewichen, wieder einmal dem Tod von der Schippe gesprungen waren.

Dem Tod von der Schippe gesprungen? By gosh, das war Hohn, bitterer Hohn! Nein, sie sprangen nicht, denn der düstere Geselle ritt mit ihnen, tönte im Geschrei der Raben und Truthahngeier, echote in dem Beuteruf der Kojoten, die fast ohne Scheu hinter den Pferden trabten, als wüssten sie, dass es bald eine grausige Mahlzeit gab.

Die Sonne brannte, laugte die letzten Kräfte aus den Knochen, ließ die Pferde schwach werden. Der Schatten der kurvenden Geier zog sich tiefer.

Burt wurde durch das Rauschen der Flügel aufgeweckt, aber er hatte nicht mehr die Kraft, die geflügelten Todesboten mit Schüssen zu vertreiben. Sie ließen ihn gleichgültig. Mehr und mehr blieb der rotgelbe Sand zurück, und über den Kämmen wucherte ihnen verdorrtes Gras entgegen.

„Noch eine Meile ...“

Sie überquerten den kleinen Creek, der sich irgendwo in der Wüste verlor und inmitten der Sandmassen unterging, hier aber eine besondere Aufgäbe erfüllte, der Weide der Doppelkreuz das lebensnotwendige Nass für Mensch und Tier zu spenden. Hier war der Sunshine Creek breit und mächtig, eröffnete ein weites Rinderland, das sich zwischen den Lavabergen, Schluchten und Tälern dahinzog.

Überall gab es hier Kalkablagerungen, die von einem Meer erzählten, das vor Urzeiten gewesen war. Alkalistaub wirbelte unter den Hufen der Pferde hoch, legte sich auf die dürstenden Zungen, brannte sich in die Kehlen fest und ätzte die Augen. Und doch, der Creek hatte sie aufgefrischt und den Pferden neue Kräfte gegeben. Jetzt saß sogar Matt aufrecht im Sattel. Durch die Schlitze seiner zugeschlagenen Augen betrachtete er Burt nachdenklich.

„Wer zum Teufel bist du“, krächzte er, „und wo bringst du mich hin?“

„Eigentlich solltest du mich durch die Jahre nicht vergessen haben, fellow“, rasselte Burt.

„Vergessen? Hoh, ich habe alles vergessen, alles. Und jetzt reiten wir wohl durch die Hölle, wir reiten zur Hölle.“

Nein, es hatte keinen Sinn zu antworten, Fragen zu stellen. Matt fantasierte.

Zwei langgestreckte Hügel waren noch zu überwinden, dann, yeah, dann würde im Tal die Doppelkreuz stehen, die Ranch, die Burts Heimat war, auf der er herangewachsen, seine Jugendzeit verbracht hatte. Er hatte sich seine Ankunft anders vorgestellt, nicht so, nein, nicht als ein Mann, der die Hölle in sich trug, der jeden Augenblick wieder in Ohnmacht versinken konnte und dem nur noch eine Hoffnung blieb: die Doppelkreuz.

„Matt, heh, Matt Hassard, gleich bist du daheim. Gleich wirst du dich in ein Bett legen können, man wird dich verbinden und ...“

„Was sagst du?“, klang es leise, seltsam eindringlich.

„Ho, ich bin Burt, Burt Hassard. Erkennst du mich nicht?“, raunte Burt. Er konnte es nicht mehr zurückhalten, jetzt nicht mehr. Die Augen des anderen stierten ihn an, sahen durch ihn hindurch.

„By gosh, du kennst mich nicht mehr?“, stammelte er.

„Doch, du kommst zu spät“, klang es tonlos und dann schrill, wild: „Zu spät!“

Burt dachte nicht daran, dass er einen Kranken vor sich hatte. Steil richtete er sich im Sattel auf. Lichter tanzten in seinen Augen, irre Fieberlichter.

„Um heimzukommen, ist es niemals zu spät“, bebte es von seinen zerrissenen Lippen. „Ein Mann kommt zur Heimat, und es wird alles wieder gut. Hörst du? Hörst du?“ Aber seine Stimme ging unter in einem unheimlichen Gelächter. Matt Hassard lachte, lachte ... Yeah, es war ein schreckliches Lachen, ein Lachen, das entsetzte und das die Nerven lähmte, ein Lachen, das Burt ansprang und ihm Kälte über den Rücken fegte, ihn in den Sattel zurücksinken ließ.

„Matt, zum Teufel, Matt ...“ Er wollte noch etwas sagen, verstummte aber, denn Matt war vornüber gesunken, und sein braunes, zerschlagenes, mit Blut überkrustetes Gesicht wurde seltsam grau und verfallen. Burt trieb seinen Falben heran, beugte sich vor, lauschte. Nein, Matt war noch nicht tot ...

 

 

4.

Burt hörte sein Blut rauschen. Oder waren es die Geier über ihnen? Er konnte es nicht mehr unterscheiden. Wozu auch? Gleich würde er die Lederriemen lösen, aus dem Sattel rutschen. Er wollte wie ein Mann auf die Doppelkreuz reiten. Wie ein Mann ... aah ...

Sonnendunst lag auf den sanft ansteigenden Hängen, gleißte im Hintergrund auf Schroffen und Graten, und dort, wo der Himmel die Erde berührte, ragten steile Gebirgsmassen in das leuchtende Blau hinein. Gigantisch wirkte das Land, zerrissen, zerklüftet - stolz und wild.

„Vorwärts“, gurgelte es über seine Lippen. Seine eigene Stimme kam ihm fremd vor, kam wie aus weiter Ferne. Trotzdem reagierten die Pferde, trabten an.

Treue, brave Broncos waren das, Pferde, die am Rand der Wüste groß geworden waren, die sich selbst mit dem harten, faserigen Gras begnügen konnten. Ihre Zähigkeit stand in keinem Vergleich zu ihrem Aussehen. Der lange Ritt hatte eine Staubschicht über ihre Decken gezogen. Schaumiger Schweiß stand ihnen vor den Nüstern und an den Weichen. Und jetzt trabten die Hufe den letzten, langgestreckten Hügel hinan.

Burt stemmte beide Hände auf das Sattelhorn, riss sich zusammen. Jeden Augenblick musste über die Hügelkuppe hinweg die Doppelkreuz zu sehen sein. Seine Augen weiteten sich, wurden unwahrscheinlich hell, wurden zu leuchtenden Fanalen, glichen verzehrenden Feuern, die aufloderten und verbrannten. Yeah, er verlöschte. Ein Schrei riss von seinen Lippen, gellte über die Einsamkeit hinweg, verstummte.

„Matt“, raunte er kehlig. „Matt ...“

Aber Matt hörte nichts, wollte nichts hören, konnte keine Erklärung geben, was sich unten im Tal zeigte. Nichts war von der Doppelkreuz geblieben. Oder doch - yeah, verbrannte Reste, geschwärzte Balken, eingerissene Corrals, und dort, wo einst pulsierendes Leben geherrscht, wo Menschen und Tiere gelebt, war das Schweigen des Todes. Der Anblick war zu viel für Burt. Er sackte vornüber, verlor die Besinnung.

Männer ohne Hoffnung, jetzt hatte es sich erfüllt.

Und wieder wurde Burt wach, hielt die Pferde an. Sie waren weitergelaufen und standen nun am Ziehbrunnen, schnaubten, wollten sich nicht weiterbewegen. Mühsam löste Burt die Lederfessel, rutschte aus dem Sattel, schlug lang in den Staub und blieb einige Minuten liegen. War das nun das Ende? War er heimgekommen, um auf dem Boden der Heimat zu sterben? War die Qual des Lebens endgültig zu Ende?

Oder?

Ich muss wissen, was aus Sem Hassard, aus Oldtimer Tede und aus Rita geworden ist, muss es von Matt selbst hören, zündete es durch Burts wirre Gedanken. Yeah, ich muss es wissen.

Wie er alles Weitere anstellte? Burt wusste es nie mehr genau zu sagen. Er knotete Matts Fesseln los, ließ ihn zur Erde gleiten, gewahrte noch, dass die Sonne blutigrot im Westen unterging. Als er wieder erwachte, lag er neben Matt im Dickicht.

So verkrochen sich Tiere, wenn sie allein und einsam sterben wollten.

Der Mond warf gleißendes Silberlicht hernieder, als Burt wieder erwachte. Er fand die Kraft, sich über seinen Partner zu beugen, nach seinem Herzschlag zu lauschen. Leise tickte es, ganz leise, wie eine Uhr, die nicht stark aufgezogen war. Burt wunderte sich, dass sie beide noch lebten, stemmte sich mühsam hoch und lehnte sich gegen den glatten Stamm, lauschte.

Wölfe gaben Laut. Ihr Brunstschrei hing über der bizarren Landschaft. Der Mond tauchte die Bergkuppen in Silber und warf Schatten, die weit und lang nach allem tasteten, was Leben in sich trug. Er sah die Geier, sah die nackten Köpfe der gefiederten Todesboten, ihre glimmenden Basiliskenaugen, sah das schwabbelnde Gehänge, sah, wie sie sich hüpfend dem Gebüsch näherten, es wie in brutaler Drohung umlagerten. Noch hielten sie sich zurück.

Aber Burt kannte ihre Art vorzugehen, wusste, wie diese ekelhaften Raubtiere mit steinharten Schnäbeln ihre Opfer angingen. Er hatte sie oft beobachtet und gesehen, wie sie die Decken von Kadavern aufschlitzten, um an das Eingeweide zu kommen.

Er tastete nach seinem Colt, zog ihn aus dem Hosenbund. Drei, nein, viermal musste er die Waffe richten. Immer wieder bebte sie, fiel herunter, erst beim vierten Male drückte er ab. Der Rückschlag der Waffe warf ihn nieder. Rauschender Flügelschlag traf ihn, brandete über das Gebüsch hinweg. Und wieder schoss er, bis der Hammer auf eine leere Hülse schlug.

„Burt, es hat keinen Sinn. Sie kommen wieder“, flüsterte es leise an seiner Seite. „Sie kommen, und mit ihnen werden die Kojoten eintreffen.“

Yeah, ein Mensch, der sterben soll, hat in seinen letzten Zügen klare Augenblicke, so musste es sein. Burt wollte sie nutzen, um Fragen zu stellen, heiser bebte es von seinen Lippen:

„Darum warst du in Doable, weil du vergessen wolltest, weil du die Übeltäter zur Rechenschaft ziehen wolltest. Nur darum hast du getrunken, heh?“

„Vielleicht.“

„Wo ist Tede?“, unterbrach Burt. Eine unheimliche Angst schwang in seinen Worten, Furcht, dass Matt nicht mehr genug Zeit für die Antwort haben könnte.

„Tot“, kehlte es zurück.

„Tot?“m raunte Burt verstört und spürte, wie sich sein Herz schmerzhaft zusammenkrampfte, wie es öde und leer in ihm wurde.

„In den Breaks ist Tede auf eine Rustlerbande gestoßen. Sie gaben ihm keine Chance und hängten ihn auf. Ich wollte ergründen, ob der Sheriff und die Schafzüchter dahintersteckten. Yeah, ich weiß nun, dass Grand Selter daran beteiligt war. Grand ist ein Schafzüchter.“

„Woraus willst du das schließen?“

„Er trägt Tedes Gurt. Ich irre mich nicht. Und Tem Mikoy sowie Walt Delten. Werden wohl Spitzel für Sam Payne sein. Ah, sie hetzen die Schafzüchter gegen die Rindermänner, so dass die Rancher alle Hände voll zu tun haben. Und dann raubt Sam Payne die Weiden aus, treibt das Vieh ab, treibt es über die Grenze. Er wird in Doable einen mächtigen Hintermann haben. Es hat lange gedauert, bis ich alles herausgefunden habe. Aber jetzt nützt es keinem mehr.“ Leise bebte seine Stimme. Burt musste sein rechtes Ohr dicht neben Matts Mund halten, um alles mitzubekommen. By gosh, ja, die Hölle war auf dieser Weide, die Hölle, und Matt hatte sie selber an sich erfahren müssen. Er klagte, jammerte nicht. Er war ein echter Mann, ein harter Mann der Weide, der dem Tod ins Auge schauen konnte.

„Was ist mit deinem Bruder Sem?“

„Ist in der Stadt. Er taugt nichts, ist ein Spieler. Tede hat ihn von der Ranch gejagt. Er ist weich.“ Er brach ab. Ein bitteres Lächeln kroch um seine Mundwinkel. Es fiel ihm schwer, so von seinem Bruder zu sprechen. Er hätte es immer für sich behalten, aber Burt gegenüber hatte er Verpflichtungen. Burt war von seinem Vater genauso gehalten worden wie ein echter Sohn.

By gosh, Sem hatte schon immer einen Hang zum Leichtsinn gehabt. Er war ein hübscher Junge gewesen, als Burt die Doppelkreuz verlassen hatte, ein Junge, dem alle Chancen offenstanden. Yeah, er hatte sie nicht genutzt, war abgesackt. Das war schlimmer zu hören, als Tedes Tod. Viel, viel trauriger.

„Wer hat ihn dazu gemacht?“, zischte Burt.

„Ich sagte doch, er ist ein Spieler“, raunte Matt, indem er den Kopf zur Seite legte. Für ihn war die Sache erledigt.

„Er steht auf der anderen Seite, wie?“, fauchte Burt, und als er keine Antwort erhielt, fuhr er rasselnd fort: „Wer hat die Ranch?“

„Es werden die gleichen Leute sein, die Ted ermordeten.“

„Und was ist aus Rita geworden?“, fragte er stockend.

Wieder blieb die Antwort aus. Das Gespräch war weit über Matts Kräfte gegangen. Seine Sinne hatten ihn verlassen. Bleiches Mondlicht geisterte durch die Zweige, fiel auf sein zerschlagenes Gesicht. Es sah grausig aus. Burt wusste, dass er keineswegs einen besseren Anblick bot.

Yeah, das Mondlicht verschwamm vor seinen Augen. Er spürte weder die Kälte der Nacht, noch die Kälte in seinem Innern. Alles wurde wesenlos, gleichgültig. Es war aus! Holliday!

Keiner der beiden Männer hatte Fragen nach dem Warum gestellt, nach dem Tod. Yeah, sie gehörten zu diesem Land, das rau und wild war. Und sie zeigten in der schwersten Stunde, dass sie an den Tod gewohnt, keine Scheu vor ihm fanden.

Burt lag neben seinem Bruder, der niemals sein leiblicher Bruder war, aber was tat es. Sie hatten zusammen ihre Jugendzeit verbracht, waren wild und kühn über die Weiden geritten. Und nun lagen sie hier, erwarteten den Tod. Er würde leise kommen, leise wie die Nacht, und beide würden langsam in ein anderes Land hinüberdämmern.

By gosh, es war ein gnadenvoller Tod nach all den vergangenen Schmerzen, eine Erlösung. Weiche Dämmerschatten umlullten Burt. Schatten, die tiefer fielen, sein Herz verdunkelten.

Und dann wurde es doch wieder Tag!

Als Burt die Augen aufschlug, spürte er es heiß und feurig über seine Lippen rinnen. Ein kochender Lavastrom ätzte seinen Hals.

„Ruhig“, tönte eine weiche, melodische Stimme, „ganz ruhig. Beweg dich nicht, Burt!“

Er tat es dennoch. Der kochende Lavastrom hatte neue Lebensgeister in ihm entfacht. Gleichzeitig spürte er auch, wie sein Oberkörper seltsam wohlig brannte, als ob er in heiße Glut getaucht worden wäre. Er hob die Lider. Halbdämmer herrschte. Durch ein halbblindes Fenster tanzten Sonnenstrahlen in das karge, aber bei aller Einfachheit saubere Zimmer, woben einen hellen Teppich auf den adobegestampften Boden.

„Wir sind wohl in der Hölle gelandet“, staunte er. Klingendes, helles Lachen antwortete.

„Nein, so weit ist es noch nicht. Ihr liegt nun drei Tage und ernährt euch nur von Whisky und Milchbrei, lasst euch wie Babys füttern und schluckt kaum. Es wird Zeit, dass ihr munter werdet!“

By gosh, der Teufel konnte nimmermehr eine so liebliche Stimme haben. Das entsprach auch keineswegs Burts Vorstellungswelt. Und so versuchte er, die verquollenen Lider weiter aufzureißen.

Himmel und Hölle, diese schwingende Stimme verriet allzu deutlich übergroße Freude. Er versuchte den Kopf anzuheben. Es glückte.

„Rita“, flüsterte er rau.

Yeah, er erkannte sie gleich, obwohl er eine andere Vorstellung von ihrem Aussehen hatte. Sie stand neben Matt Hassards Lager und massierte dessen muskelstrotzenden, blau und schwarz gefleckten Oberkörper mit Whisky. Ihre lockige Haarpracht zeigte einen Schimmer ins Kupferfarbige, so, wie die Zinnen und Grate der Berge, wenn das Morgenrot ihnen flammende Hauben aufsetzte. Jetzt schaute sie ihn an, ließ von Matt ab. Aus der unergründlichen Tiefe ihrer Augen strahlte ein Blick zu Burt hinüber, der wie gebannt dalag.

„Burt.“ Nur das eine Wort hauchte sie ihm zu, bebte es von ihren geschwungenen blutroten Lippen.

Sie glich einer Knospe, die vom Tau geküsst der Sonne entgegendämmert. Aus dem staksigen Mädchen von einst war eine strahlende Schönheit geworden. Unbewusst enthüllte sie die Tragik der letzten Tage, seufzte unter Weinen und Lachen zugleich: „Ich dachte schon, ihr beide wollt auf den langen Trail gehen, von dem es kein Wiederkommen gibt.“

Burt konnte sie nur anschauen und staunen und seinem Herzschlag lauschen, der die Rippen zu sprengen drohte. Feingeschnitten war ihr Gesicht, vollendet in der Harmonie der Linienführung. Hochgeschwungene Brauen unterstrichen den Liebreiz ihrer Erscheinung. Jungfräuliche Anmut offenbarte ihr Wesen, konnte auch nicht durch das billige Kattunkleidchen verdeckt werden.

Sie trat mit zögernden Schritten näher, nahm seine Hand.

„Du hast meinen Brief bekommen und bist aufgebrochen ... und ... bist mit Matt in eine Falle geraten. So ist es doch?“

„Was ... ist mit Matt ...?“ Yeah, seine erste Frage galt dem Kameraden.

Sie lächelte: „Matt geht es besser als dir. Er war schon gestern richtig munter und hat sogar schon allein gegessen. Jetzt schläft er. Schau ihn dir an! Ich habe einige Rippen bandagiert. Sie sind gebrochen. Du bist besser davongekommen, Burt.“

„Wir sind auf dem Vorwerk der Doppelkreuz, wie?“, wollte er wissen.

„Yeah, das ist alles, was von der großen Ranch übrig geblieben ist“, gab sie resigniert zu. „Aber wir haben genug, um zu leben, um auszuhalten und neu anzufangen.“

„Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel“, unterbrach er sie leise.

Ihre Augen verdunkelten sich. Sie setzte sich neben ihn, hielt noch immer seine Hand umspannt.

Sie war ihm neu. Ihre Nähe wirkte wie ein betörendes Narkotikum, und ihr frauliches Sein legte sich wie ein Zauber über ihn. Ewig hätte er so liegen können und seine Hand von der festen Mädchenhand umspannen lassen. Yeah, in diesem zarten Festhalten lag all die Liebe, all die Sehnsucht dieses Mädels nach seinem Wiederkommen. Es lag den Menschen am Rande der großen Nevadawüste nicht, ihre Gefühle durch Worte und großartige Gesten zu zeigen.

„Wie hast du uns gefunden, wie?“, fragte er.

Sofort verlöschte das weiche Lächeln um ihren Mund. Hart pressten sich ihre Lippen aufeinander.

„Yeah, das ist schnell erzählt. Ein Rudel Männer kam hierher. Es waren furchtbare Kerle darunter. Kerle, die ich in Doable noch nie sah. Und ich glaube, es wäre schrecklich für mich geworden, wenn nicht Sem bei ihnen gewesen wäre.“

„Sem? Er reitet mit ihnen?“, hetzte er heraus. Sie nickte. „Ich werde ihn zurechtsetzen.“

„Es wird keinen Sinn haben, denn er hasst dich, hasst auch Matt, hasst alles, was mit der Doppelkreuz zusammenhängt. Er ist nicht mehr der Sem, den du kennst. Er ist ein anderer geworden. Du würdest ihn kaum noch wiedererkennen. Er hat sich einen traurigen Ruhm als Spieler und Coltmann erworben, soll schnell mit den Eisen sein, sehr schnell. Vielleicht bist du auch daran schuld, denn immer wieder brachten durchreitende Männer Nachrichten aus dem Westen, aus Nord, Süd und Ost und man nannte deinen Namen, sprachen von dir und deinen Eisen. Von deinen Taten, davon, dass du rauchige Städte zur Ruhe brachtest, dass du gegen die Redmen Hervorragendes geleistet, und man sprach von deinen Colts. Alle diese Geschichten beeinflussten Sem. Er wollte dir gleichen, schaffte sich zwei Revolver an und begann mit den Schießübungen. Tede untersagte es ihm, aber er trieb es heimlich umso toller, blieb der Weide, seiner Arbeit fern und wurde oft in Doable gesehen - spielte und verlor. Tede bezahlte seine Spielschulden nicht, wies ihn von der Ranch.“

„Und er kam nicht zurück, sah nicht ein, dass ...“

„Nein“, quälte es sich von ihren Lippen. „Er sah, ohne sich zu rühren, zu, wie Tede ermordet wurde, störte sich nicht um die Doppelkreuz, als sie abbrannte. Er sah von ferne tatenlos zu, wie die Crew sich auflöste, wie die Herden verschwanden. Sah zu, wie alles unterging, wie die Hoffnungslosigkeit um sich griff, und jetzt reitet er mit ...“ Ihre Stimme erstickte, Tränen rannen über ihre Wangen. Leise schluchzte sie vor sich hin.

Ausdruckslos wurde Burts Gesicht. Wie tiefe Krater wirkten seine Augen. Seine Lippen zuckten, aber er sagte nichts, wartete, hörte, wie sie fortfuhr: „Sem kam mit einer Horde an, untersuchte das Haus und verschwand wieder. Ich werde niemals seinen Blick vergessen. Er hat versprochen, dass er wiederkommt. dass er dann gründlicher suchen wird, und er sagte mir, dass ich das alles ändern könnte, wenn ich für immer mit ihm ginge. Yeah, das sagte er, aber ich hasse ihn, hasse ihn.“ Sie stieß die Worte leidenschaftlich heraus. Heftig wogte ihre Brust, spannte das Kleid. „Von dem Tage an, da die Ranch niederbrannte, verfolgt er mich mit Anträgen. Einmal hat Matt ihn erwischt. Es gab einen Faustkampf. Bruder gegen Bruder. Es war schrecklich. Sem erhielt eine Tracht Prügel, und Matt setzte ihn verkehrt herum auf seinen Gaul, fesselte ihm die Beine unterm Sattel und trieb sein Reittier durch Doable. Matt hätte diesen Spott Sem nicht antun dürfen, nein, by gosh nicht, denn von da an wurde Sem noch schrecklicher. Wohl mied er die Ranch, aber dann kam er mit seinem Rudel, und ich wusste sofort, dass Matt etwas zugestoßen sein musste. Später in der Nacht hörte ich Schüsse. Ich sattelte, ritt los und fand zwei gesattelte Pferde in der Nähe der abgebrannten Ranch, sah die Geier um das Gebüsch hocken, fand wenig später einen erschlagenen Kojoten und einen Colt ... und sah Stiefelspitzen aus dem Busch ragen.“ Sie hielt inne, machte eine schnelle Handbewegung, lächelte traurig. „Für mich war es schwer, euch hierher zu bringen, aber ich schaffte es. Ich habe beten gelernt, Burt“, fügte sie leise hinzu und sah ihn aus tränenfeuchten Augen an.

Er konnte darauf nichts erwidern, nichts. Zu viele Gedanken schwirrten durch sein Hirn. Gedanken, die ihn marterten, quälten, die ihn anfielen und zu zerreißen drohten.

By Jove, er war mit den Wildgänsen gezogen, weil das junge, abenteuerliche Blut in ihm mit elementarer Gewalt zum Durchbruch kam. Weit war er im Lande umhergekommen, aber es wurde ihm nichts geschenkt. Yeah, er war bekannt und berühmt geworden, aber er hatte sich auf seinen Ruhm als Kämpfer nichts eingebildet. Es hing ihm an, ohne dass er dafür konnte. Und dieser verdammte Ruhm war es, der aus Sem einen tollen Revolverschwinger gemacht hatte, der ihn außerhalb von Recht und Ordnung stellte, in eine raue Horde trieb.

Recht und Gesetz? Nein, das gab es hier nicht mehr. Er hatte es selbst erfahren. Aber sein Ruhm hatte einen Menschen auf Abwege gebracht.

„Ich werde ihn zurückholen.“

„Es hat keinen Sinn, er würde es dir böse vergelten“, unterbrach sie ihn.

„Trotzdem!“

„Burt, wenn er jetzt kommen sollte ... Du könntest ihm nicht einmal gegenübertreten. Du und Matt, ihr wäret ihm ausgeliefert, und er würde keineswegs Rücksicht nehmen, würde euch wie Fremde behandeln. Yeah, er würde nicht zögern, seine Colts anzulüften.“

„So tief kann kein Mensch sinken“, zweifelte Burt. „Nein, so tief nicht. Dann ist er tiefer gesunken als alle Teufel, und die Hölle ist in ihm. Well, ich werde ihn stellen und werde ihn zwingen, die Eisen zu gebrauchen. Und dann werde ich ihm die Kanonen aus den Händen schießen. Vielleicht so, dass er seine Hände niemals wieder nach einem Colt ausstrecken kann.“

„Burt, Sem wird zuerst zu den Eisen greifen. Es wird ihn reizen, gegen dich anzugehen, wo immer er dich auch treffen mag. Ich kenne dich, du wirst zu rücksichtsvoll sein, wirst es auf gutem Wege versuchen wollen, ihn auf die richtige Fährte zurückzubringen, aber du wirst auf Granit stoßen. Matt hat es immer wieder versucht, ritt ohne Tedes Wissen nach Doable. Einmal hat er im wilden Zorn drei Kerle, die ihm den Weg versperren wollten, fast zu Tode geprügelt. Doch seitdem die Ranch abbrannte, die Herden abgetrieben sind, ist mit Matt eine Veränderung vorgegangen. Er saß oft lange vor der Türschwelle, grübelte, packte fast keine Arbeit an. Wochenlang blieb er fern. Auch wenn er von seinen Ausritten zurückkam, wich die düstere Schwermut nicht von ihm. Yeah, er suchte Tedes Mörder, war Tag und Nacht im Sattel. Als ich ihm sagte, dass ich dir einen Brief geschrieben hätte, frohlockte er: ,Burt wird die Hölle loslassen, er ersetzt eine Crew. Wenn er kommt, haben wir eine Chance.‘ Nun bist du gekommen, und ihr habt keine Chance – keine“, hauchte es von ihren Lippen. Sie beugte sich vor, ließ Burts Handgelenk los. „Er schläft, aber es ist nicht mehr der Schlaf des Todes. Er wird gesund werden, muss gesund werden. Was wäre ich ohne Burt, ohne Matt, mein Gott!“

Lange schaute sie auf den Schlafenden, dann beugte sie sich herab, berührte mit ihren scheuen Mädchenlippen seinen zerrissenen Mund, küsste ihn mit einer zärtlichen Andacht, die alles verriet. dass sie auf ihn gewartet hatte, dass sie bereit war, ihm eine Heimat zu geben, eine Heimat, die nie vergeht.

„Rita, gib nur immer auf ihn acht“, brummte Matt. Er war erwacht. Und by gosh, er grinste, grinste trotz seines zerschlagenen Gesichtes.

Details

Seiten
207
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934175
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v506254
Schlagworte
männer hoffnung

Autor

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Titel: Männer ohne Hoffnung