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Sandra sah den Mörder

©2019 145 Seiten

Zusammenfassung


Selbst für eine hartgesottene Journalistin ist es nicht leicht, wenn sie sich plötzlich einer Leiche gegenüber sieht. Sandra muss das erleben. Aber sie sieht noch mehr: Sie sieht auch den Mörder!
Und von diesem Augenblick an ist sie eine Gehetzte. Sie weiß, dass der Mörder auch sie gesehen hat, und dass er nicht rasten wird, bevor er sie stumm gemacht hat.

Leseprobe

Table of Contents

Sandra sah den Mörder

Copyright

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Sandra sah den Mörder

Krimi von Theodor Horschelt

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 145 Taschenbuchseiten.

 

Selbst für eine hartgesottene Journalistin ist es nicht leicht, wenn sie sich plötzlich einer Leiche gegenüber sieht. Sandra muss das erleben. Aber sie sieht noch mehr: Sie sieht auch den Mörder!

Und von diesem Augenblick an ist sie eine Gehetzte. Sie weiß, dass der Mörder auch sie gesehen hat, und dass er nicht rasten wird, bevor er sie stumm gemacht hat.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Tony Masero, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Kurz hinter East Dereham begann der Nebel. Freunde in London hatten Sandra Gover noch gewarnt, und deshalb war sie früher als ursprünglich beabsichtigt losgefahren, dann aber wegen einiger Sperrstellen in der Nähe von Cambridge in die Dämmerung gekommen.

Wenn es nur einen einigermaßen vertrauenerweckenden Gasthof gegeben hätte!

Sandra Gover war fest entschlossen zu übernachten, und wenn es auch nur fünf Meilen von St. Eustache entfernt war. Die eben überstandene Krankheit machte ihr immer noch zu schaffen; sie fühlte sich matt und elend und hätte etwas dafür gegeben, den Platz am Lenkrad mit einem weichen, warmen Bett vertauschen zu dürfen.

Seufzend gab sie wieder Gas. Der Weg senkte sich genau in die gefährliche Milchsuppe hinein. Sekunden später hatte der Nebel den kleinen Wagen restlos verschluckt.

Zehn Minuten danach erreichte er einen Kreuzweg. Sandra wählte mehr nach dem Gefühl die nach Nordosten verlaufende Route und erreichte eine weitere Viertelstunde später ein kleines Städtchen.

Tiefe Erleichterung nahm von ihr Besitz. Sie hatte St. Eustache gefunden.

In langsamer Fahrt überwand der Austin das holprige Kopfsteinpflaster und erreichte den Marktplatz.

Wie lange ist es eigentlich her, dass ich hier war, bei Tante Gwendolyn?, überlegte Sandra ernsthaft. Es war im Krieg gewesen, ja, richtig, 1943.

Inzwischen waren 15 lange Jahre darüber hinweggegangen. Tante Gwendolyn war nicht mehr am Leben, und Coast Lodge gehörte jetzt ihr. Sandra Gover.

Die letzten Häuser von St. Eustache blieben zurück. Die Straße führte schnurgerade vielleicht eine Meile nach Osten, rechts und links gesäumt von Pappeln.

Sandra ließ den Austin weich ausrollen. Hier war die Straße zu Ende, genauer gesagt, sie mündete in eine Chaussee, die längs des Strandes verlief, und gegenüber der Einmündung musste Coast Lodge liegen, der Witwensitz der verstorbenen Tante.

Sandra schaltete den ersten Gang, kuppelte ein und fuhr in kurzem Bogen bis zu dem Zaun aus rostigem Gitterwerk zwischen Straße und Garten. So dicht wie möglich fuhr sie den Wagen an den Steinsockel heran und stellte ihn bei einer Gruppe mächtiger Platanen ab.

Das Gepäck? Das Gepäck konnte warten bis morgen. Sandra stieg aus und nahm nur ihre Aktentasche mit, die den Schlafanzug und die notwendigsten Toilettensachen enthielt. Sie fühlte sich plötzlich unsagbar müde und auch schlapp.

Sandra ging bis zum Gartentor und versuchte, es zu öffnen. Ein plötzlicher Windstoß riss es ihr aus der Hand.

Es kostete die einsame Frau Mühe, das Tor gegen den Druck dies Windes zu schließen. Erschöpft hielt sie einen Augenblick inne, um dann mit energischen Schritten weiterzugehen. Der Kies knirschte leise unter ihren Sohlen; wie eine ragende Wand tauchte die Vorderfront des Hauses auf. Sandra setzte ihre Tasche ab, nahm den mächtigen Schlüsselbund und ging die paar Stufen zum Portal hinauf. Lautlos drehte sich der Schlüssel im Schloss. Ein leiser Druck, die Tür öffnete sich.

Wo war doch der Schalter gewesen?

Sandras Hand tastete nach ihm, konnte ihn aber nicht finden.

Sie kehrte unwillig ins Freie zurück, öffnete die Aktentasche und nahm die Stablampe heraus.

Bis in die Diele war der Nebel noch nicht gedrungen. Lächelnd vergegenwärtigte sich Sandra das Bild, das sie jetzt gleich sehen würde: die sauber gescheuerten Bohlen, die Gainsborough-Kopie an der Wand, Onkels Pfeifensammlung daneben, die anheimelnden Gartenmöbel; die Herbst und Winter hier untergebracht waren, und die Tür zum Salon, die immer von allein zuschlug. Immer noch lächelnd, knipste Sandra die Lampe an. Ihr scharfer Strahl beleuchtete das Bild, das sich die neue Besitzerin eben in Gedanken erträumt und noch etwas mehr: eine knabenhafte schlanke Gestalt in feuerrotem Pullover und Stretch-Hosen. Sie lag seltsam verkrampft auf der Seite, das Gesicht dem Beschauer abgewandt, und rührte und regte sich nicht.

Sandra schrie erschrocken auf; die Lampe entfiel ihrer zitternden Hand und erlosch.

Mit donnerndem Knall schlug die Tür hinter ihr zu.

Sandra nahm all ihren Mut zusammen und bückte sich, um die Lampe wieder aufzunehmen, allein, je weiter sie herumtastete, desto weniger fand sie die Lampe.

Rasendes Herzklopfen überfiel sie. Sie war einer Ohnmacht nahe und vermochte nur mit Aufbietung aller Willenskraft das entsetzliche Gefühl von Todesangst und wilder Panik zu unterdrücken, das ihr die klare Besinnung rauben wollte.

Wie durch ein Wunder fand sie die Haustür. Ihre Hand, die nach der Klinke langen wollte, griff ins Leere, denn die Tür öffnete sich unvermittelt, wie von Geisterhand aufgezogen.

Auf der Schwelle stand eine große, massige Gestalt.

Ohne sich zu rühren, stand der Mann auf der Schwelle. Kein Laut. Sandra dämpfte ihren Atem. Er durfte nichts hören. Mit schier übermenschlicher Anstrengung bezwang sie eine ansteigende Hysterie.

Der Unbekannte trat einen Schritt in die Diele. Zu schmal der Raum um durchzuschlüpfen.

Sandra nahm all ihren Mut und ihre Kraft zusammen, ballte die kleinen Hände zu Fäusten und stieß sie dem Mann unvermittelt, sich mit dem Sprungbein abstoßend, in die Seite. Er taumelte, gab den Weg frei; Sandra rannte in panischer Angst in den Nebel hinaus.

Wie von Sinnen überquerte sie die Straße und rannte eine Anhöhe hinauf.

Tapp – tapp – tapp!

Der Mörder war hinter ihr her! Er machte Jagd auf sie. Er wollte verhindern, dass sie ihre entsetzliche Entdeckung preisgab.

Die Angst beflügelte ihre Schritte. Sandra rannte weiter. Sie hörte erst zu laufen auf, als sie mit der Brust und dem Gesicht gegen einen Zaun prallte.

Sie spürte einen stechenden Schmerz in der Nase und wäre um ein Haar gefallen.

Aber da war es wieder, dieses erbarmungslose, gemeine, alle Besinnung raubende Geräusch einer leisen Gummisohle.

In jähem Entsetzen wandte sich die angstgepeinigte Frau um und glaubte in Nebel und Dunkelheit die Umrisse einer Gestalt zu sehen.

Noch einmal biss sie die Zähne zusammen. Mit letzter Kraft kletterte sie auf die Sockelmauer des Zaunes, stemmte sich mit zitternden Armen hoch, machte eine verunglückte Flanke und stürzte schwer in den Garten, um gleich wieder aufzutaumeln.

Wie von Furien gehetzt, jagte sie über Beete und Steineinfassungen, stolperte, fiel zu Boden, raffte sich wieder auf, und stand endlich vor einem geschnitzten Portal. Ihre bebenden Hände tasteten nach dem Klingelknopf, fanden aber stattdessen einen altmodischen Glockenzug.

Sie krampfte ihre Hand um den Griff und riss an ihm wieder und wieder.

Im Haus erklang ein dünnes Bimmeln wie das Gewimmer der Totenglocke, wenn die Träger den Sarg zum offenen Grab tragen.

Wollte denn niemand kommen und Sandra aus ihrer Not erlösen?

Plötzlich war Licht um sie und ein Hauch von Wärme. Die Tür hatte sich geöffnet. Aufschreiend stürzte Sandra vorwärts, dann vergingen ihr die Sinne.

 

 

2

Richter Morton schleppte das junge Mädchen, das in seinem Haus Zuflucht gesucht hatte, durch die Diele.

Eine mondäne, rothaarige Frau, nicht mehr ganz jung, half ihm schweigend dabei. Die beiden trugen Sandra in einen gemütlichen, mit imitierten Chippendale-Möbeln eingerichteten Raum.

Die Frau des Richters, eine rundliche, mütterliche Gestalt mit gütigen Gesichtszügen, ließ ihr Strickzeug sinken und fuhr aus dem Sessel auf, so schnell es ihre Behäbigkeit zuließ.

„Mein Gott, John! Was ist denn passiert!“, rief sie erschreckt.

„Keine Ahnung“, erwiderte Morton.

Er bettete mit Hilfe seiner Tochter Sandra auf die Couch.

Kopfschüttelnd betrachteten die drei die Unbekannte.

„Ob man nicht einen Arzt …“, fragte Gladys.

In diesem Augenblick schlug die Unbekannte die Augen auf und blickte sich blinzelnd um.

Sandra fand sich in einer ihr völlig unbekannten Umgebung wieder. Sie blickte in ein gütiges, bärtiges, von tausend Runzeln und Blutäderchen überzogenes Gesicht, sie sah in freundliche Augen, die sie besorgt musterten.

In diesem Augenblick kam ihr das Bewusstsein der eben überstandenen Gefahr wieder.

Sie schrie erschrocken auf.

Morton legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter.

„Sie sind bei Freunden“, sagte er beschwichtigend. „Hier kann Ihnen nichts passieren.“

Sandra verzog den Mund zu einem schmerzlichen Lächeln. Wie unter einem inneren Zwang begann sie zu sprechen.

„Ich muss Ihnen ja sehr dumm vorkommen. Verzeihen Sie meine Unbeherrschtheit, aber es war zu entsetzlich! Ich habe eben … in Coast Lodge eine … Leiche gesehen …“

Sandra berichtete erregt ihr unheimliches Erlebnis, und die anderen hörten ihr aufmerksam zu.

„Dann sind Sie also die Nichte unserer unvergesslichen Gwendolyn Doole“, sagte der Richter endlich. „Ich heiße Morton“, er verbeugte sich leicht. „John Morton. Das“, er deutete auf die beiden Frauen. „sind meine Frau und meine Tochter Gladys.“

„Wir müssen sofort nachsehen“, warf Gladys bestimmt ein.

Morton schüttelte den Kopf. „Der Mörder hat längst das Weite gesucht!“ Er wandte sich um und ging zum üppig geschnitzten Schreibtisch, auf dem ein altertümlicher Telefonapparat stand.

Er nahm den Hörer ab, drehte an der Kurbel und verlangte von der Vermittlung eine Nummer. Als die Verbindung hergestellt war, sprach er mit einem Sergeanten Durban und setzte ihm die Situation auseinander.

„Sehr gut“, hörte ihn Gladys sagen. „Sehen Sie also jetzt gleich in dem Haus nach. Am besten, Sie kommen hinterher zu uns. Ja, Miss Gover bleibt zunächst bei uns.“

Inzwischen hatte Gladys ein Wasserglas zur Hälfte mit Whisky gefüllt. Sie trat zur Couch, legte Ihre Rechte unter Sandras Rücken und zog sie mit sanftem Zwang hoch. „Hier, trinken Sie, Sie Ärmste. Das wird Ihnen guttun.“ Wie ein Feuerstrom rann Sandra das scharfe Getränk durch die Kehle.

Sie sah sich verstohlen um. Die spärliche Einrichtung des nicht allzu großen Zimmers, der etwas abgetretene Teppich, die kolorierten Stahlstiche an den Wänden waren zwar altmodisch, aber gleichzeitig urgemütlich. Früh Waise geworden, fand sie sich inmitten eines Familienkreises wieder, den sie selbst nie gekannt, aber immer ersehnt hatte.

„So, Kindchen“, sagte Gladys. „Sie werden den Wunsch haben, sich etwas zu restaurieren. Kommen Sie, ich zeige Ihnen das Bad.“

Sandra erhob sich taumelnd und streifte achtlos den Trenchcoat ab.

Darunter kam ihre überschlanke Gestalt in einem einfachen, aber tadellos sitzenden grauen Reisekleid zum Vorschein.

Der Richter blinzelte seiner Frau verstohlen zu.

Martina Morton gab den Blick voll und freundlich lächelnd zurück.

Wir können sie akzeptieren, hieß dieser Blick des Einverständnisses. Sie ist eine der unseren. Wir werden ihr unter die Arme greifen.

Gladys ließ heißes Wasser ins Waschbecken laufen und zog sich dann taktvoll zurück.

Sandra wusch sich sorgfältig und versuchte, ihr zerstörtes Make-up aufzufrischen.

Endlich kam sie sich wieder einigermaßen menschlich vor.

Als sie ins Wohnzimmer trat, sah sie, dass Mrs. Morton inzwischen einen kleinen Imbiss für sie hergerichtet hatte: Tee, einige Sandwiches, zwei weiche Eier.

Martha Morton nickte ihr aufmunternd zu.

„So, jetzt setzen Sie sich schön hin und essen einen Bissen“, sagte sie freundlich.

Ohne sich zu zieren, nahm Sandra Platz, trank einen belebenden Schluck und griff wacker zu.

„Ich persönlich wohne erst seit zwei Jahren ständig hier in St. Eustache“, erzählte Morton im Plauderton. „Früher war ich Richter am Obersten Gerichtshof, ließ mich aber krankheitshalber vorzeitig pensionieren. Ihre Tante war eine liebe Freundin von uns, Miss Gover. Sie hat oft von Ihnen gesprochen. Wie kam es eigentlich, dass Sie sich nie sehen ließen?“

Sandra hielt im Essen inne und sah ihm ernst ins Gesicht. Sie hielt nichts von Ausflüchten und antwortete deswegen mit überraschender Offenheit: „Tante Gwen war die jüngste Schwester meines Vaters. Sie hat mit ihrem Mann fast ihr ganzes Lehen in Indien verbracht und kam erst 1941 nach England zurück. Ich selbst war damals in einem Pensionat. Ich habe nie ein Familienleben, wie Sie es hier führen, kennengelernt. Fast beneide ich Sie darum.“

„Sie überbewerten diese Tatsache, Miss Gover“, meinte Gladys geringschätzig. „Das, was Sie gemütliches Familienleben nennen, kann die Nerven aufreiben und verdammt ungemütlich sein.“

„Du sollst nicht so starke Ausdrücke gebrauchen, Gladys“, rügte Richter Morton ernst und wandte sich erklärend an Sandra.

„Meine Tochter ist Witwe – ihr Mann ist im Krieg gefallen. Unser stilles, unbedeutendes St. Eustache ist für sie nicht ganz das richtige. Aber wir sind unhöflich, von unseren eigenen Problemen zu sprechen. Hören wir ruhig Miss Gover an.“

„Von mir gibt es nicht mehr viel zu berichten“, murmelte Sandra, der die Spannung zwischen Eltern und Tochter nicht entgangen war. „Meine Mutter starb, als ich gerade zwei Jahre alt war. Ich kam in ein Heim, dann in ein Pensionat und habe meine ganze Kindheit dort verbracht. Mein Vater ist 1914 gefallen. Einmal, vor fünfzehn Jahren, war ich hier und habe Tante Gwen besucht.“

„Dann wundert es mich sehr“, warf Mrs. Morton ein, „dass Gwendolyn, die doch die Güte in Person war, Sie nicht bei sich aufgenommen hat.“

„Das hatte sie auch vor“, verteidigte Sandra die verstorbene Tante. „Aber mein Vormund war dagegen. Ich musste im London im Pensionat bleiben. Vielleicht war das für meinen Beruf ganz gut. Ich bin Journalistin, Gesellschaftsreporterin.

„Oh!“, rief Gladys bedauernd aus. „Dann werden wir nicht lange das Vergnügen Ihrer Anwesenheit haben.“

Sandra schüttelte den Kopf. „Sie irren sich, Mrs. …“

„Ich heiße Northfield“, half ihr Gladys. „Aber nennen Sie mich doch einfach Gladys – ich werde Sie Sandra nennen.“

Sandra lächelte und nickte. „Danke schön. Ja, wo war ich stehengeblieben? Richtig, mein Beruf. Ja, ich war Gesellschaftsreporterin bei der Radio Times, habe aber meinen Posten verloren.“

„Oh – das tut uns aber leid!“, sagte der Richter ernst.

„Schicksal!“ Sandra zuckte ergeben die Achseln. „Ich war fast sechs Monate ununterbrochen krank. Lungenentzündung, Rippenfellentzündung, ich habe nicht aufgepasst, Rückfälle kamen, wie gesagt, so lange konnte ich meine Position nicht halten.

Ich hätte schon etwas Neues gefunden. Aber ich habe mir es anders überlegt, als ich vor zwei Monaten erfuhr, dass Tante Gwen gestorben ist und mir ihr Haus und ihr kleines Vermögen hinterlassen hat. Ich habe die Absicht, mich fürs erste hier niederzulassen und mich zu erholen. Die Erbschaft gibt mir eine gewisse Bewegungsfreiheit. Wenn auch“, fügte sie seufzend hinzu, „die Steuern den größten Teil des Vermögens aufgezehrt haben. Immerhin habe ich mir meinen Empfang in St. Eustache anders vorgestellt.“

Das Gespräch wurde durch ein Klingeln an der Haustür unterbrochen.

Gladys ging, um zu öffnen und kam nach einigen Minuten mit einem baumlangen, etwas steif wirkenden Polizisten wieder.

„Ah, da sind Sie ja, Sergeant“, brummte Morton befriedigt. „Nun?“

Durban warf einen prüfenden Blick auf Sandra, die sich ihm zugewandt hatte, und fragte überflüssigerweise: „Sind Sie die junge Dame, die die Leiche gefunden hat?“

„Das ist Sergeant Durban, Miss Gover“, stellte Morton vor. Er wandte sich wieder an den Sergeanten. „Miss Gover ist Gwendolyn Dooles Nichte und hat Coast Lodge geerbt.“

„Wann haben Sie die Leiche gefunden?“, fragte Durban kurz angebunden.

„Ja, wann war das?“, versuchte sich Sandra zu erinnern. „Etwa zwanzig Uhr oder zwanzig Uhr fünf.“

„Und wo haben Sie sie gefunden?“, bohrte der Polizist hartnäckig weiter.

„In der Diele. Eine junge, schwarzhaarige Frau in rotem Pullover und Stretch-Hosen.“ Sandra schüttelte sich. „Aber das werden Sie ja alles selbst festgestellt haben.“

„Keineswegs“, erwiderte der Sergeant sehr scharf. „Ich fand das Haus unverschlossen, aber nirgends eine Leiche oder Spuren, die auf einen Mord hingedeutet hätten.“

„Aber das ist doch nicht möglich. Ich bin doch keine Närrin!“, fuhr Sandra entrüstet auf. Sie griff fahrig nach einem auf dem Tisch liegenden Zigarettenpäckchen und steckte sich eine Kensiba an.

Gladys rettete die Situation, indem sie dem Sergeanten einen Doppelstöckigen eingoss.

Jetzt endlich setzte sich Durban, holte sein Taschenbuch aus dem Uniformrock und legte es auf den Tisch.

„Würden Sie mir einige Fragen beantworten, Miss Gover?“

„Das beste wird sein“, nahm der pensionierte Richter das Wort, „Miss Gover berichten zu lassen. Fragen können Sie später.“

Durban unterdrückte eine saure Erwiderung. Mit Morton war nicht zu spaßen, wenn er in solchem Ton sprach. Das wusste er.

Der Sergeant nahm die Personalien Sandras auf und schnalzte mit der Zunge, als er ihren Beruf erfuhr. Dann bat er steinern, sie möge mit ihrem Bericht beginnen.

Sandra erzählte ihm anschaulich alles, was sich zugetragen hatte, und fügte am Schluss energisch hinzu: „Ich bin keine Geisterseherin, Sergeant – nehmen Sie das gefälligst zur Kenntnis! Ich stehe mit beiden Beinen fest im Leben. Was ich behaupte, gesehen zu haben, habe ich auch gesehen.“

Sergeant Durban ließ sich deutlich anmerken, dass er ihr kein Wort glaubte. Er war von tiefem Misstrauen gegen die Angehörigen einer Gesellschaftsklasse erfüllt, in der die Sensationsgier seiner Meinung nach ein bestimmtes Element war, der er selbst aber nur zu gern angehört hätte. Vielleicht war er auch aus diesem Grund voreingenommen und misstrauisch.

Widerwillig ließ er sich dazu herbei, sie aufzufordern, ihm den Unbekannten zu beschreiben.

„Sie verlangen Unmögliches von mir“, versetzte Sandra unwirsch. „Wir sind einander bei völliger Dunkelheit begegnet, und ich habe die Gestalt des Mannes nur in vagen Umrissen gesehen. Ich denke, er ist sehr groß – fast zwei Meter. Das ist alles, was ich sagen kann.“

„Eine recht mysteriöse Angelegenheit, Miss Gover“, brummte er. „Sie sollten Ihr Haus nicht unverschlossen lassen.“

„Das beste wird sein“, nahm der Richter wieder das Wort, „Sie begleiten Miss Gover hinunter, bringen sie aber wieder hierher. Miss Gover wird zunächst Gast in meinem Hause sein.“

„Sie sind sehr gütig, Sir“, murmelte Sandra unsicher. „Aber ich nehme Ihre Einladung wirklich an.“

Der Sergeant begleitete Sandra schweigend durch die Nacht nach Coast Lodge.

Sandra sperrte sorgfältig das Haus ab, ging dann zu ihrem Wagen und verabschiedete sich von dem Beamten.

Inzwischen war der Nebel gestiegen, man hatte etwas weitere Sicht als eine Stunde zuvor. Sandra fand unschwer die Auffahrt zu Richter Mortons Haus und stellte den Wagen vor der Gartentür ab.

Du bist schon ein Pechvogel, Sandra, sagte sie missmutig zu sich selbst. Wie froh warst du, als du London in dem Bewusstsein verließest, auf eigener Scholle ein geruhsames Landleben führen zu können. Und jetzt das …

Wieder erschauerte sie. Plötzlich kam ihr eine ganz neue Seite des Abenteuers zum Bewusstsein:

Wie, wenn der Mörder annahm, sie habe von ihm so viel gesehen, dass es zu seiner Identifizierung ausreichen würde? Dann war er schon aus Gründen der Selbsterhaltung genötigt, ihr weiter nachzustellen, um sie an einer Aussage zu hindern.

Eine eiskalte Faust krallte sich um ihr Herz.

Sie stieß einen leisen Schrei aus.

Da drüben an der Hausecke, bewegte sich der Schatten nicht auf sie zu?

Fast blind vor Angst hastete sie zum Eingang, strauchelte, raffte sich wieder auf und riss nervös am Klingelzug.

Ihre Aufregung, ihr Entsetzen schwanden erst, als sie wieder das Zimmer der Mortons betrat und die Familie Tee trinkend um den Kamin sitzen sah.

Dort hatten sich unterdessen zwei weitere Gäste eingefunden: ein dicker, glatzköpfiger Mann von Vierzig und ein massiver Elegant, der vielleicht sechs Jahre jünger war.

Der Dicke wurde ihr als Mr. Blake, der andere als Mr. Alstair vorgestellt. Alstair hatte wundervolles Haar, das aber so aussah, als habe es in einem ersten Salon Dauerwellen erhalten.

Sandras untrüglicher Blick erkannte am Schläfenansatz eine Netzspur und sie wusste sofort: Alstair trug eine Perücke.

„Die Herren sind unsere nächsten Nachbarn“, erklärte der Richter. „Ihr Haus steht übrigens schräg gegenüber dem Ihren, Miss Gover.“

„Seien Sie in unserem kleinen Kreis herzlich willkommen!“, sagte Blake mit tiefer, etwas kehliger Stimme.

„Ich bin sicher, wir werden Sie bald liebgewinnen, wie wir Ihre verstorbene Tante lieb gehabt haben. Ich bedauere, dass Ihre Ankunft unter solch hässlichen Vorzeichen erfolgte. Ich hoffe sehr, dass sich alles bald aufklärt.“

Mehr wurde über die Angelegenheit nicht gesprochen; Sandra war für diesen feinen Takt dankbar.

Die beiden Männer tranken mit Richter Morton Whisky, während sich die Damen an Portwein hielten. Nach etwa zwanzig Minuten verabschiedeten sich die Besucher.

„Sie sehen bleich und angegriffen aus, Kind“, meinte Martha Morton. „Gladys soll Ihnen gleich Ihr Zimmer zeigen. Personal haben wir leider nicht …“

„Ich weiß, wie rar Personal seit Kriegsende geworden ist“, fiel Sandra überzeugt ein. „Ich werde Ihnen so wenig Arbeit machen wie möglich. Aber darf ich nicht noch eine Weile bei Ihnen sitzen bleiben? Ich bin viel zu aufgeregt, um jetzt schon einschlafen zu können.“

„Aber selbstverständlich“, beeilte sich Mrs. Morton zu versichern. „Wenn Sie noch keinen Schlaf finden, wäre es höchst töricht, schlaflos bösen Gedanken nachzuhängen.“

Gladys sah in kurzen Abständen auf ihre Armbanduhr. Sie gab sich gar keine Mühe, ihre Nervosität zu verbergen. Sie schien auf irgend etwas zu warten.

„Schon zehn“, murmelte sie unentschlossen. „Wo mag Chris nur bleiben? Ich dachte, dass er bestimmt kommen würde.“

Morton warf seiner Frau einen besorgten Blick zu und schickte sich an, etwas zu sagen, wurde aber davon abgehalten, weil an der Haustür geklingelt wurde.

Wie ein Pfeil schoss Gladys aus ihrem Sessel hoch.

„Das wird Chris endlich sein“, sagte sie leise, verließ mit wiegenden Schritten den Raum und kam bald darauf mit einem hochgewachsenen, dunkelhaarigen Mann wieder.

Der Besucher trat mit lebhaften, geschmeidigen Bewegungen über die Schwelle und begrüßte die Mortons mit weltmännischer Nonchalance.

Gladys schien ihn schon in der Diele über Sandra aufgeklärt zu haben, denn er zeigte kein Erstaunen und verbeugte sich gelassen vor ihr.

„Unser lieber Freund, Christopher Skelton“, teilte ihn Gladys vor.

„Skelton – Skelton?“, murmelte Sandra. „Der Name kommt mir so bekannt vor.“

„Mr. Skelton ist ein bekannter Schriftsteller“, verkündete Gladys stolz. „Sicher haben Sie Die Rose von SoHo oder Achtung – Aufnahme gelesen.“

„Keines der beiden Bücher ist mir bekannt“, entgegnete Sandra, „aber ein anderer Kriminalroman aus Mr. Skeltons Feder, Hendon Mystery. Er ist als Vorabdruck mit großem Erfolg in unserer Zeitung gelaufen.“

„So, Sie haben mit der Radio Times zu tun, Miss Gover?“, erkundigte sich Skelton angelegentlich.

„Miss Gover war bis vor wenigen Monaten als Gesellschaftsreporterin dort angestellt“, klärte Gladys ihn auf.

Über Skeltons ausdrucksvolles Gesicht huschte ein jungenhaftes Grinsen. „Als Sob Sister also? Und diesen guten Job haben Sie aufgegeben!“

„Nur, weil ich schwer erkrankte. Mr. Skelton. Jedenfalls freue ich mich, einen so bekannten Mann kennenzulernen. Ich habe Ihren Roman übrigens mit großem Vergnügen gelesen. Als besonders angenehm empfand ich die vollendete psychologische Durchziehung der Charaktere.“

„Das sagen Sie nur, um mir zu schmeicheln.“ Skelton hob abwehrend die Hand.

„Nein, keineswegs. Sie sind tatsächlich ein Könner!“

„Ein Lob aus dem berufenen Mund einer Kollegin wiegt doppelt und dreifach“, versetzte der Schriftsteller geschmeichelt, sich die Hände reibend. Wie die meisten Vertreter seines Berufsstandes schien er zuckersüßen Elogen sehr zugänglich zu sein.

Er trank rasch hintereinander drei Glas Whisky und schien sich bei den Mortons wie zu Hause zu fühlen. Die Führung der Unterhaltung hatte er mit unnachahmlicher Sicherheit an sich gerissen.

Sandra blieb ziemlich einsilbig und geriet in nicht geringe Verwirrung, als Skelton seine Aufmerksamkeit immer mehr zuwandte.

Unversehens kam die Sprache auch auf Sandras übles Abenteuer.

„Der Stoff zu Ihrem nächsten Kriminalroman sitzt Ihnen gewissermaßen gegenüber, Chris“, sagte Gladys ironisch.

Der Schriftsteller bestätigte ernst, von dieser Seite habe er die Angelegenheit noch gar nicht betrachtet, und er wolle ihr größte Aufmerksamkeit zuwenden.

Diesen Erfolg ihrer Worte hatte Gladys absolut nicht beabsichtigt.

Skelton bemerkte die leichte Spannung, die in den letzten Minuten aufgekommen war, und ging gewandt über sie hinweg. Er blickte auf die Uhr und murmelte scheinbar erschrocken: „Gleich Mitternacht! Wird höchste Zeit, dass ich in meine Junggesellenbude zurückkehre!“ Er erhob sich, verabschiedete sich sehr summarisch von den Anwesenden und wurde von Gladys hinausgebracht.

Fünf Minuten später kam die schöne Tochter des Richters in einiger Verwirrung zurück. Ihr Gesicht war sanft gerötet.

„Kommen Sie, Sandra“, sagte sie versöhnlich. „Ich glaube, wir sollten jetzt wirklich schlafen gehen. Ich werde Ihnen Ihr Zimmer zeigen.“

 

 

3

Mitten in der Nacht erwachte Sandra mit einem leisen Schrei.

Im Schlafzimmer war es völlig finster. Nur das Fenster stand als fahles Viereck in der Mauer. Das Feuer im Kamin war längst erloschen. Trotzdem hörte Sandra ein leises Knistern.

Plötzlich verdunkelte eine vage Kontur die fragwürdige Helligkeit des Fensterausschnittes.

Kein Zweifel, ein großer Mann stand im Raum.

„Nein!“, brüllte Sandra gellend, voll Todesangst auf, und streckte die Hände aus, als könne sie damit das Unheil von sich abwenden.

Sinnlose Panik überfiel sie. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie zum Fenster und schrie, schrie …

Langsam bewegte sich die dunkle Gestalt auf sie zu.

Im Hause wurde es lebendig. Jemand brummte zornig, eine Tür schlug zu, hastige Schritte nackter Füße erklangen auf der Diele.

In diesem Augenblick wandte sich die Gestalt um, hastete zum Fenster, schwang sich über die Brüstung hinaus und war verschwunden.

Fast im selben Moment wurde die Tür zu Sandras Zimmer ausgerissen, Licht flammte auf, Richter Morton trat ein und hielt eine großkalibrige Pistole in der Hand.

„Großer Gott, Miss Gover, was ist denn passiert?“, fragte er verwundert.

Sandra deutete entsetzt und zitternd auf das offenstehende Fenster. „Da …“, stammelte sie.

Mehr brachte sie nicht heraus.

Unvermittelt schluchzte sie wild auf und vergrub das Gesicht in den Händen.

Als sich der Weinkrampf etwas gelegt hatte, berichtete sie stockend ihr Erlebnis.

Morton hörte sich die Erzählung kopfschüttelnd an.

„Sie werden schwer geträumt haben, Sie Ärmste“, sagte er endlich. „Wie soll denn jemand hier in das Zimmer kommen? Das ist ganz ausgeschlossen. Und durch das Fenster ist die Gestalt verschwunden, sagen Sie?“

Sandra hatte sich mühsam gefasst.

„Ja“, bestätigte sie leise.

Der Richter trat zum Fenster und spähte hinaus.

Nach einigen Augenblicken wandte er sich wieder um.

„Ich sehe nichts. Sie werden sich getäuscht haben, Miss Gover.“

In diesem Moment schob sich Gladys ins Zimmer.

„Geh wieder schlafen, Pa“, sagte sie fest. „Ich komme mit Sandra schon zurecht.“

 

 

4

Gegen neun Uhr stoppte Inspektor Cavendishs kleiner Wagen vor Coast Lodge.

Der Inspektor blieb am Steuer sitzen und musterte die friedvolle Umgebung, bevor er ausstieg; den verwilderten Garten mit dem verträumten einstöckigen Haus, dessen Mauern fast völlig von Efeu überwuchert waren, den Steilabfall der Klippen dahinter, der den Blick auf den sandigen Strand nicht freigab. So sah es aus, als beginne die unendliche Weite des Meeres gleich hinter Sandra Govers neuem Besitztum.

Rechts daneben schloss sich der Saum eines dichten Buchenwaldes an, darunter sprang der Strand weiter in die See vor, so dass der Betrachter ein schäbiges Bootshaus und einen verfallenen Landungssteg sehen konnte, an dem ein kleiner Dieselkreuzer vertäut lag.

„Slim Fox ist heute aber spät dran“, murmelte Sergeant Durban und nickte mit dem Kopf in Richtung des Bootes. „Bei seiner Faulheit wird er nicht viel fangen.“

„Was geht das uns an?“, versetzte der Inspektor rügend. „Er scheint jedenfalls genügend zu verdienen. Und mehr wollen diese einfachen Leute gar nicht … Kommen Sie, Durban, wir wollen uns das Haus einmal genau ansehen. Sie haben sich doch von Miss Gover – so heißt sie doch wohl – die Schlüssel aushändigen lassen?“

„Schade um Zeit und Mühe, Sir“, versetzte der Sergeant wenig respektvoll. „Die feine junge Dame hat sich alles nur eingebildet. Wenn ich gekonnt hätte, wie ich wollte …“

„… dann hätten Sie sie übers Knie gelegt und anständig versohlt“, ergänzte der Inspektor lachend den Satz. „Ich kenne Ihr Allheilmittel, das Sie nur zu gern den Angehörigen der gehobenen Gesellschaftskreise verordnen wollen. Aber ganz so auf die leichte Schulter möchte ich das Abenteuer der jungen Dame nicht nehmen, seit Richter Mortons Anruf von heute morgen.

Die beiden gingen über den kiesbestreuten Weg bis zum Portal; Durban schloss auf.

Sofort strömte den beiden ein dumpfer Geruch entgegen, der bewies, dass das Häuschen lange Zeit nicht mehr gelüftet worden war.

Cavendish nahm das wohlvertraute Bild in sich auf: die geschnitzten Möbel der Diele, den abgetretenen Teppich – die Gainsborough-Kopie an der Wand. Er hatte Gwendolyn Doole zu Lebzeiten gekannt und geschätzt und manche Tasse Tee bei ihr getrunken.

Durban starrte naserümpfend auf den Teppich.

Cavendish hingegen ließ sich zu Durbans Erstaunen auf die Knie nieder.

Durban kniete sich daraufhin ebenfalls mit mäßigem Interesse nieder. Er erblickte auf dem Teppich Spuren eines gelblich-weißen Pulvers.

„Wie lange ist das Haus schon unbewohnt?“, fragte der Inspektor, um sich gleich darauf selbst die Antwort zu erteilen. „Mrs. Doole ist am 15. Juli gestorben. Nach ihrer Beerdigung wurde das ganze Haus von der Putzfrau gesäubert. Und dabei sollte sie gerade diese Pulverspuren übersehen haben? Das scheint mir reichlich unglaubwürdig zu sein.“

Er warf seinem Sergeanten einen kurzen Blick zu. „Wenn wir hier fertig sind, fahren Sie zur Station zurück und hängen einen neuen Papierbeutel in den Staubsauger …“

Der Sergeant nickte. „Ich verstehe, Sir. Ich soll das Pulver sicherstellen.“

„Eben!“

Die beiden Beamten durchsuchten das ganze Haus, fanden aber nichts, was sie irgendwie als Spur hätten werten können.

Kurz vor zehn verließen sie das Haus. Cavendish sperrte es sorgfältig ab und übergab den Schlüssel Durban.

„Warten Sie noch einen Moment; will mir mal den Garten vornehmen“, murmelte er.

Der kleine Garten auf den Klippen präsentierte sich in herbstlicher Trostlosigkeit.

Auch hier waren keine Spuren zu finden, denn der kiesbestreute Weg, der von der Gartentür bis zum Portal führte, setzte sich rechts und links an den Mauern fort.

Trotzdem sah sich Cavendish sehr sorgfältig um, was Durban höchst überflüssig fand, und stieß plötzlich einen erstaunten Ruf aus.

Vom letzten Regen her waren die Beete noch feucht; und in einem dieser Beete, dicht am Weg, hatte sich der Abdruck eines großen Schuhes deutlich eingeprägt.

Mit erwachendem Interesse betrachtete Durban das schachbrettartige Profil, den glatten Steg zwischen Absatz und Sohle, und den Abdruck des Absatzes selbst, der ein ähnliches Profil aufwies.

„Hm“, meinte er, „der Mann, zu dem dieser Abdruck gehört, lebt auf großem Fuß. Schuhnummer 48 oder 49, schätze ich.“

Cavendish schüttelte den Kopf.

„Es handelt sich nicht um den Abdruck eines Lederschuhs, sondern um den eines Gummiüberschuhs. Deswegen ist er so groß. Kommen Sie, Durban, wir haben zu tun. Rühren Sie Gips an.“

Cavendish goss den Abdruck sorgfältig aus, legte quer zwei kurze Schnüre hinein und goss noch etwas Gipsbrei darüber. Minuten später war die Masse erstarrt. Der Inspektor konnte sie an den beiden Schnüren herausnehmen und in eine Zeitung hüllen.

„Stellen Sie das für alle Fälle sicher“, befahl er dem Sergeanten. „Und fahren Sie jetzt zurück. Die paar Schritte bis zu Richter Mortons Haus gehe ich zu Fuß.“

 

 

5

Die beiden jungen Frauen saßen um zehn Uhr immer noch beim Frühstück.

Sandra, die jüngere, hatte ein Complet aus langen Hosen und loser Jacke an. Gladys trug über dem Schlafanzug einen farbenfrohen Morgenrock aus gesteppter Seide und hatte Sandaletten über die Füße gestreift, die den Blick auf die blutrot lackierten Nägel freigaben.

In schweigender Verabredung hatten die beiden einander so sehr unähnlichen Frauen von den Ereignissen der letzten Nacht nicht gesprochen.

Die Glocke, die Sandra inzwischen insgeheim die Totenglocke getauft hatte, schlug an.

„Seien Sie bitte so nett und gehen Sie öffnen, Sandra“, bat Gladys. „In meinem Aufzug kann ich mich nicht sehen lassen.“

Sandra gehorchte lächelnd.

Draußen stand ein massiger Mann mittleren Alters. Er hatte ein breitflächiges, sommersprossiges Gesicht und ungebärdige rote Haare.

„Guten Morgen“, sagte der Besucher freundlich. „Ich bin Inspektor Cavendish von der Norfolk-Polizei. Sind Sie Miss Gover?“

Sandra nickte. „Guten Morgen, Inspektor. Bitte kommen Sie herein. Allerdings habe ich fast kein Recht, Sie hereinzubitten, denn ich bin selbst nur Gast hier im Hause.“

„Richter Morton ist mir ein lieber, väterlicher Freund. Er wird nichts dagegen haben.“

Als die beiden zusammen durch die Diele schritten, öffnete sich die Tür zum Wohnzimmer, und Gladys trat in ihrem spärlichen Aufzug heraus.

„Guten Morgen, Gladys“, sagte Cavendish. „Sie sehen wie Venus, die Schaumgeborene, aus.“

Gladys funkelte ihn böse an. „Müssten Sie mich immer aufziehen, Gordon? Verzeihen Sie meinen Aufzug; nach den Aufregungen der vergangenen Nacht haben wir lange geschlafen.“

„Ist nur verständlich“, wehrte Cavendish beschwichtigend ab. „Ich darf doch sicher mit Miss Gover ins Wohnzimmer gehen. Wenn Sie sich angezogen haben, Gladys, hätte ich gerne auch mit Ihnen gesprochen.“

Sandra Gover ging dem Inspektor voraus ins Zimmer und bot ihm Platz an.

Cavendish musterte die Journalistin bewundernd. Erst, als er ihr eine Zigarette angeboten und Feuer gegeben hatte, kam er auf den Grund seines Besuches zu sprechen.

„Ich habe von Ihren beiden Abenteuern erfahren, Miss Gover“, sagte er ernst. „Würde es

Ihnen etwas ausmachen, mir alles noch einmal zu erzählen?“

Sandra zuckte die Achseln; sie berichtete Cavendish alles, was sie bereits Sergeant Durban berichtet hatte, und kam dann auf das nächtliche Erlebnis im Schlafzimmer zu sprechen.

Gordon Cavendish ließ kein Auge von ihr und setzte sie dadurch in einige Verwirrung.

„Sind Sie ganz sicher, Miss Gover“, fragte er eindringlich, „dass Sie keiner Halluzination erlegen sind?“

„Ich könnte es vor jedem Gericht beschwören, Inspektor“, gab Sandra zur Antwort. „Ich habe in meinem Haus bei meiner Ankunft eine Leiche gefunden, ich bin auch dem Mörder begegnet und konnte ihm gerade noch entgehen. Ich musste ihm einen Faustschlag versetzen, um das Haus verlassen zu können.“ Sie betrachtete ihre Faust und streichelte sie nachdenklich. „Und ich habe ihn ganz ordentlich in die Rippen geboxt. Und ein Gespenst kann man nicht in die Rippen boxen.“

Cavendish nickte bestätigend. „Da bin ich ganz Ihrer Meinung!“

Sandra schien es, als mache er sich über sie doch lustig.

„Der Mörder war ein sehr großer Mann“, fuhr sie kampflustig fort. „Er kennt sich hier sehr gut aus und ließ sich in der irrigen Ansicht, dass ich mein Erbe so bald nicht in Besitz nehmen würde, dazu verleiten, in der Diele meines Hauses den Mord zu begehen. Als ich davongelaufen war, brachte er die Tote fort.“

„Und wohin hat er sie Ihrer Meinung nach gebracht?“, erkundigte sich der Inspektor freundlich.

„Das müssen Sie schon ihn fragen, nicht mich. Vielleicht hat er sie ins Meer geworfen …“

„Und wie erklären Sie sich Ihr zweites Erlebnis? Denn eine Erklärung haben Sie sich doch sicher auch dafür zurechtgelegt.“

Sandra zuckte resigniert die Achseln: „Der Mörder befürchtete, ich hätte von ihm so viel gesehen, dass es zu einer Identifizierung ausreichte, und möchte mich an einer Aussage hindern. Für immer hindern. Das heißt, ich lebe in ständiger Gefahr.“

„ … der Sie entgehen können, wenn Sie nach London zurückreisen.“

In diesem Augenblick trat Gladys ins Zimmer.

Sie bot dem Inspektor einen Whisky an, den dieser dankend akzeptierte. Dann nahm er sie in ein kurzes, äußerst geschicktes Verhör und bat am Ende beide Frauen, ihn in den Garten zu begleiten.

Cavendish machte bei der Gartenmauer halt und deutete auf das Fenster von Sandras Zimmer.

„Dort oben haben Sie geschlafen, Miss Gover? Hm!“

Er überlegte, ehe er auf die Äste einer knorrigen Eiche deutete.

„Ihr Bericht hat tatsächlich gewisse Wahrscheinlichkeit für sich. Die Äste des Baumes sind stark genug, um auch einen schweren Mann zu tragen. Keine große Schwierigkeit für einen geübten Sportler, von dort oben aus in das Zimmer einzudringen.“ Er wandte sich zu Sandra um und blickte sie eindringlich an. „Ich gebe Ihnen den gutgemeinten Rat, in der nächsten Nacht in einem anderen Raum zu schlafen.“

Cavendish wechselte unvermittelt das Thema und begann mit Gladys ein Gespräch über den bevorstehenden Wohltätigkeitsball, mit dessen Vorbereitungen sie beschäftigt war.

Er wollte sich schon entfernen, ging aber noch einmal hastig zu der Eiche zurück.

An ihrem Fuß befand sich ein ausgeblühtes Rosenbeet, und hier, im weichen, lockeren Erdreich, sah Cavendish Abdrücke einer riesigen Sohle. Auch ohne genaue Messung erkannte er sofort die Übereinstimmung mit dem bei Coast Lodge gefundenen Abdruck.

Er straffte sich und wandte sich um. Alles jungenhafte Vergnügte war aus seinem Gesicht verschwunden.

„Durban ist ein Esel“, knurrte er unvermittelt. „Ich bin jetzt felsenfest davon überzeugt, Miss Gover, dass Sie uns die reine Wahrheit und nicht etwa Hirngespinste berichtet haben. Hm – wir werden auf Sie aufpassen müssen.“

Mit dieser rätselhaften Bemerkung entfernte er sich.

 

 

6

Etwa um die gleiche Zeit blieb eine einfach gekleidete, ältere Frau vor dem Polizeirevier in der Liverpool Street unentschlossen stehen.

Mit jener Zaghaftigkeit, die einfache Menschen Behörden gegenüber meist an den Tag legen, trat sie schließlich doch in den dunklen Gang und klopfte schüchtern an die Tür der Revierstube an.

Ein freundliches „Herein“ gab ihr einigen Mut.

Sie öffnete die Tür einen Spalt und schob sich schüchtern, wie um Entschuldigung bittend, in den mit spartanischer Strenge eingerichteten, aber blitzsauberen Raum.

Ein beleibter, älterer Polizist erhob sich und trat an die Barriere.

„Hallo, meine Dame, was können wir für Sie tun?“, fragte er freundlich.

Inzwischen hatte die Frau ihre Befangenheit überwunden. Sie kam mit energischen Schritten näher.

„Ich bin keine Dame, ich bin Mrs. Bacall, 3. Daniels Grove. Meine Untermieterin ist seit ein paar Tagen verschwunden. Wo muss ich das melden?“

„Da sind Sie bei mir an der richtigen Schmiede“, versicherte ihr der Bobby. Er holte aus dem Schreibtisch einen sauberen Bogen Papier, Kugelschreiber und Unterlage und blickte Mrs. Bacall ermunternd an.

„Also erzählen Sie mir alles.“

„Da ist nicht viel zu erzählen, Sir. Miss Napier verließ am Einundzwanzigsten, es war der Sonntag, wie jeden Abend gegen neunzehn Uhr ihr Zimmer und sagte sie, sie gehe jetzt zum Dienst.“

„Wo macht sie Dienst?“, warf der Beamte ein. „Im Scampolo. Sie ist dort als Bardame beschäftigt.“

„Meinen Sie etwa das Nachtlokal in SoHo?“

Mrs. Bacall nickte. „Was denn sonst?“

„Hm – sie ist also ins Scampolo gegangen und von dort nicht wiedergekommen?“

„Sehr richtig,. Sir. Sie kommt sonst immer zwischen fünf und acht nach Hause und schläft sich gründlich aus.“

„Hm – Bardame ist sie also“, stellte der Beamte mit grimmiger Befriedigung fest. „Im Scampolo. Vielleicht hat sie einen gut zahlenden Freund gefunden und ist mit ihm irgendwohin gefahren.“

Damit war die Frau nicht einverstanden.

„So eine ist Ann Napier nicht!“, sagte sie entrüstet. „Als sie vor vier Jahren das Zimmer bei mir mietete, hätte ich sie beinahe nicht genommen. Wegen ihres Berufes. Aber sie hat mich dann doch überredet, und ich musste das nie bereuen.“

„Haben Sie sich schon im Scampolo erkundigt?“

„Ja, natürlich. Ich habe jedem Tag angerufen. Zuletzt gestern Abend. Aber man hat mir gesagt, Ann habe sich acht Tage Urlaub genommen.“

Der Beamte atmete befreit auf. „Na, sehen Sie! Damit hat sich doch alles aufgeklärt!“

„Nichts hat sich aufgeklärt, werter Herr!“ Die Frau war ehrlich wütend. „Wäre Ann irgendwohin gefahren, wäre sie nach dem Dienst unbedingt noch einmal nach Hause gekommen und hätte einen Koffer gepackt. Oder meinen Sie vielleicht, sie konnte so, wie sie war, verreisen? In Pelzmantel und Abendkleid, mit Brokatschuhen, ohne Koffer, ohne Toilettensachen, ohne Alltagskleidung? Nein, da stimmt etwas nicht, das lasse ich mir nicht ausreden. Und ich bestehe darauf, dass Sie eine Fahndung nach ihr erlassen! Oder wie man das bei Ihnen nennt.“

Der Beamte musterte sie mitleidig, dann verzog er säuerlich den Mund.

„Na, schön, dann müssen wir ein Formular ausfüllen“, meinte er grämlich.

Kurz vor zwölf Uhr war die Amtshandlung beendet.

„Was geschieht jetzt?“, wollte Mrs. Bacall noch wissen.

„Jetzt geht alles seinen geordneten Gang“, versicherte der Beamte sehr allgemein. „Falls Miss Napier doch noch nach Hause zurückkommt, verständigen Sie bitte gleich das Revier, damit die Suche abgeblasen wird.“

Mit dieser Auskunft musste sich die Frau zufriedengeben.

Sie bedankte sich knapp und verließ das Revier.

 

 

7

Am Freitagmorgen erwachte Sandra Gover sehr früh. Sie richtete sich im Bett auf und warf einen flüchtigen Blick auf die wie ein Baby schlafende Gladys, mit der sie in dieser Nacht das Zimmer geteilt hatte.

Leise, um Gladys nicht zu weckten, sprang sie aus dem Bett und warf ihren Morgenrock um, um ins Bad zu gehen, Toilette zu machen und sich dann in ihrem eigentlichen Zimmer anzukleiden.

Details

Seiten
145
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934168
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Oktober)
Schlagworte
sandra mörder
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Titel: Sandra sah den Mörder