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Redlight Street #110: Ahnungslos ging sie in die Falle

2019 108 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ahnungslos ging sie in die Falle

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Ahnungslos ging sie in die Falle

Redlight Street #110

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 108 Taschenbuchseiten.

 

Als Lena zu sich kommt, stellt sie mit Verwunderung fest, dass sie sich in einem Raum mit grauen Wänden und einer verschlossenen Tür befindet. Jegliche Erinnerung, wie sie hierhergekommen ist, fehlt ihr. Um ihre Angst zu bewältigen, fängt sie an zu schreien, bis jemand kommt, um ihr zu helfen. Eine Frau in Uniform bemüht sich, Lena zu beruhigen. Sie solle doch an das Kind denken. An ein Kind? Hier? Lena ist verwirrt. Doch dann stellt sie fest, dass man ihr Kind meint. Lena ist schwanger!

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Vielleicht bin ich jetzt ein Tier, dachte die junge Frau. Mein Gott, ich kann mich an nichts mehr erinnern. Gar nichts! Und jetzt bin ich gefangen, in diesem Raum. Wohin führt die Tür?

Lena Weigel erhob sich schwerfällig, versuchte aufrecht zu gehen, aber dann musste sie sich doch an der Wand festhalten. Die Beine waren zu schwach. Richtig komisch war das.

»Meine Güte«, murmelte sie vor sich hin. »Das habe ich ja noch nie gehabt. Was ist mit mir?«

Jetzt hatte sie die Tür erreicht. Zu ihrer grenzenlosen Verblüffung sah sie erst jetzt, dass die Tür keine Klinke besaß, zumindest hier im Raum nicht. So etwas wie Angst packte sie und hielt sie für eine ganze Weile gefangen.

Vorsichtig drehte sie sich um.

Graue Wände! Vier graue Wände!

Und ganz oben in der Ecke ein Fenster. Vergittert! Man müsste hinaussehen, dann weiß man, wo man ist.

Dieser Gedanke hielt sie wach. Wieder schleppte sie sich zurück. Neben dem schlichten Bett sah sie den Stuhl. Aber wie mühselig war es, ihn zu erklettern. Bin ich denn eine uralte Frau geworden? Habe ich vielleicht die ganzen Jahre einfach verschlafen?

Sie zog sich hoch. Dann sah sie aus dem kleinen vergitterten Fensterchen. Aber sie war klein und zierlich, so konnte sie nur ein Stück blauen Himmel sehen. Keine Erde!

Also wusste sie: Ein Keller konnte das nicht sein, dann würden die Sonnenstrahlen ganz anders hereinfallen. Lena rutschte an der Wand hinunter. Mit letzter Kraft klammerte sie sich an die Stuhllehne und ließ sich dann schweratmend darauf nieder.

»Mein Gott, kann mir denn keiner sagen, wo ich bin?«

Sie starrte die Eisentür an.

Ich muss schreien, durchfuhr es sie. Wenn ich ganz laut schreie, werden sie das nicht mögen und dann kommen und mich zur Ruhe zwingen. Aber dann sehe ich wenigstens einen Menschen und weiß, wo ich bin.

Lena kniff die Augen zusammen und schrie.

Der Schall wurde zuerst von den Wänden geschluckt. Er erdrückte sie fast. Sie hielt sich die Ohren zu, die Augen geschlossen und schrie und schrie.

Ich darf nicht aufhören, nein, ich darf nicht aufhören. Ich bin ein Mensch, ja, jetzt weiß ich es wieder. Aber ich will alles wissen.

»Hören Sie endlich auf! Sind Sie verrückt geworden! Die anderen wollen ihre Ruhe!«

Jemand zog ihr mit Gewalt die Hände von den Ohren. Lena starrte entgeistert in ein fremdes Gesicht. Diese Frau in dieser seltsamen Uniform hatte sie noch nie gesehen.

Jetzt stand auch die Tür offen. Dahinter sah sie einen Gang. Sie konnte sich noch immer nicht erinnern. Langsam rollten ihr Tränen übers Gesicht. dass man sich so verlassen fühlen konnte.

»Bbbitte«, stammelte sie.

»Hören Sie endlich mit dem Schreien auf! Sie haben es nicht nötig zu toben, verstanden.«

»Bitte ...«

Die Augen flehten, sie bäumte sich auf. Die ältere Frau mit den grauen Haaren blickte sie jetzt noch prüfender an.

»Haben Sie Schmerzen? Ist etwas los?«

Lena schüttelte den Kopf. Wenn doch nur der Kloß hinunterrutschen würde, dann könnte sie sprechen, richtig sprechen.

»Eigentlich ist das auch nicht möglich«, sagte die ältere Frau. »Aber wenn Sie sich weiterhin so wild benehmen, dann muss ja was passieren. Aber das wollen Sie wohl, wie?« Jetzt wirkten die Augen fast feindlich. »Also, ich sage Ihnen, halten Sie sich brav, verstanden - sonst leidet das Kind. Das wollen Sie doch nicht, oder?«

Lenas Mund formte sich zu einem runden O.

»Ich habe jetzt keine Zeit mehr, ich muss gehen.« Die graue Frau wandte sich zur Tür. An ihrem Gürtel schepperten viele Schlüssel.

Lena schluckte, jetzt konnte sie sprechen. Aber da waren so viele bestürzen de Gedanken.

Die Tür schloss sich wieder. Dann sah sie, wie ein kleines Loch in der Tür erschien. Ein Auge blickte hindurch. Die graue Frau!

Lena fühlte die Kühle der grauen Mauer im Rücken. Hier ist wohl alles grau, dachte sie. Alles grau in grau. Wird man da nicht wahnsinnig? Vielleicht bin ich in einer Anstalt, dachte sie mit zunehmender Bestürzung. Aber ich bin doch nicht verrückt, nein, ich bin nicht verrückt!

Schon öffnete sie wieder den Mund und wollte schreien. Wenn man schreit, fühlt man sich frei, dann ist der Druck verschwunden. Irgendwie kamen ihr diese Worte bekannt vor. Irgendjemand hatte sie schon mal zu ihr gesagt. Aber sie konnte sich nicht daran erinnern. Aber das war es dann doch nicht, was sie davon abhielt, zu schreien.

Die graue Frau hatte etwas von einem Kind gesagt. Hatten sie hier auch Kinder? Mein Gott, das dürfen sie doch nicht tun! Kinder, o nein, das doch nicht!

Lena befühlte mit den Händen die raue Wand. Sie war vorhanden.

Vielleicht träume ich das alles nur. Gleich werde ich wach und liege in meinem Bett, und dann lache ich. Sie wollte auflachen, aber dann dachte sie bestürzt: In welchem Bett?

Nicht einmal das weiß ich! Weiß ich denn, welche Schuhe ich trage?

Verzweifelt versuchte sie sich daran zu erinnern. Aber ihr fiel auch das nicht ein. Jetzt versuchte sie mit den Augen ihre Schuhe zu betrachten. Aber das ging nicht.

Ihr Atem ging stoßweise. Etwas presste gegen ihr Herz. Der Bauch war ihr im Wege. Dann fühlte sie den seltsamen Stoß. Er war nicht heftig, aber ungewöhnlich.

Mit angehaltenem Atem saß sie da und überlegte krampfhaft. Ihre Hände glitten über den Bauch. Er war ungewöhnlich dick. Sie war doch schlank - ja, daran konnte sie sich noch erinnern. Sie war schön und schlank.

Wieder dieser seltsame, fast zärtliche Stoß!

Und dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Sie war schwanger!

Jetzt begriff sie auch die Worte der grauen Frau. Das Kind könne darunter leiden, wenn sie sich aufregte.

Schwanger!

Ein Lächeln lag jetzt um ihre Lippen. Zärtlich legte sie die Hände auf den gewölbten Leib. »Mein Kind, mein Kleines, ach ...«

Wie glücklich war sie doch, dass sie das wusste. Alles andere war jetzt nicht mehr so wichtig.

Ihre Arme waren nackt. Blaue und grüne Striemen sowie Flecken sah sie, überall an ihnen. Bestürzung! Dann spürte sie, dass sie am ganzen Körper solche Entstellungen haben musste.

Man hatte sie geschlagen!

Sie lehnte die Wange an die raue Wand und seufzte. Warum kann ich mich nicht mehr erinnern? Warum nicht?

Ich muss es wissen!

Wieder erhob sie sich schleppend. Aber jetzt wusste sie auch, weshalb sie sich wie eine alte Frau benahm. Wieder stand sie an der Tür. Ihre Hände waren noch in Ordnung, wie wild trommelte sie jetzt gegen das Eisen.

»Aufmachen, bitte aufmachen! Aufmachen, aufmachen ...!«

Die Stimme steigerte sich immer mehr.

»Aufmachen ...!«

Aus weiter Ferne hörte sie zornige Stimmen.

»Ruhe, verdammt noch mal! Du Luder, gib endlich Ruhe, Ruhe, verflucht!«

»Aufmachen, aufmachen ...!«

Dann hörte sie den Schlüssel. Sie wich ängstlich zurück und legte eine Hand schützend um ihren Leib. Die graue Frau war wieder da.

»Ich habe Ihnen doch gesagt ...«

Sie brach den Satz ab, da sie die schreckliche Angst in den Augen der Frau sah. Die zitterte am ganzen Leib.

»Bitte«, stammelte Lena, »ich flehe Sie an. Ich will auch keinen Stunk machen - bitte, bitte, sagen Sie mir doch, wo ich bin. Mein Gott, seien Sie doch nicht so grausam! Sagen Sie es mir!«

Die ältere Frau kam näher, legte eine Hand auf ihre Schulter und führte sie zur Pritsche.

»Legen Sie sich hin, das ist jetzt besser. Sie dürfen so viel liegen, wie Sie wollen. Das habe ich doch schon gestern gesagt.«

Eine zweite graue Frau erschien in der Tür.

»Gibt es Schwierigkeiten? Ich habe doch gesagt, bei den Neuen soll man nie allein reingehen.«

Die erste graue Frau sagte: »Ich werde schon mit ihr fertig. Keine Sorge.«

»Sie soll endlich Ruhe geben, sie macht sonst noch den ganzen Block verrückt.«

Die Frau blickte Lena lächelnd an.

»Sie wird jetzt Ruhe geben.«

»Na schön.«

Die Schritte enfernten sich.

Lena zitterte wie Espenlaub. Die Frau hielt ihre Hände fest.

»Jetzt mal ganz ruhig - so, jetzt ist es schon besser. Also, was wollen Sie wissen?«

Hastig leckte sich Lena über die Lippen. Jetzt, wo sie lag, fühlte sie sich schon ein wenig besser.

»Wo bin ich?«

»Das wissen Sie wirklich nicht?«

»Ich, ich glaube, ich weiß gar nichts mehr«, stammelte sie leise.

Die Frau über ihr runzelte die Stirn. Doch dann sagte sie: »Nun ja, eigentlich kann man es Ihnen nicht verdenken. Aber gestern machten Sie einen ganz guten Eindruck, denn sonst hätte man Sie gleich auf die Krankenstation gebracht. Dorthin können Sie jederzeit. Aber Sie wollten nicht, da haben wir Sie hier untergebracht.«

»Wo - hier?«, fragte sie ganz leise.

»Im Untersuchungsgefängnis, Frau Weigel.«

Lena schluckte. Das eine wusste sie ganz genau: Man hatte sie früher noch nie Frau Weigel genannt.

»Untersuchungsgefängnis?«, stammelte sie. »Ich verstehe nicht, ich ...«

»Frau Weigel, Sie sind in Sicherheit, hören Sie. Sie brauchen wirklich keine Angst mehr zu haben. Jetzt ist alles vorbei, ausgestanden. Überstanden, Frau Weigel.«

Die Worte taten ihr gut, sie waren wie Balsam, obwohl sie nichts begriff.

»Wwwas habe ich denn getan?«, fragte sie zitternd.

Die graue Frau sagte: »Darüber darf ich nicht sprechen. Aber wenn ich mich nicht irre, wird heute noch ein Anwalt kommen. Ihnen steht ja ein Anwalt zu. Und der Kommissar wird dann auch wohl noch erscheinen. Fragen Sie diese Leute, die können Ihnen dann alles sagen.«

»Ja«, sagte sie schwach.

Die graue Frau richtete sich auf.

»Übrigens, ich heiße Frau Rose und bin hier Wärterin. Ich bin für Sie zuständig. Aber jetzt werden Sie keinen Ärger mehr machen, nicht wahr?«

»Nein«, sagte sie leise. »Entschuldigen Sie, es tut mir leid.«

»Ach was, hätte ich vorhin begriffen, dass Sie nur Angst haben, hätte ich gleich mit Ihnen gesprochen. So, jetzt muss ich aber wieder gehen. Hinten klingelt es. Jemand will eingelassen werden. Vielleicht ist das schon der Anwalt.«

»Ja«, antwortete Lena mechanisch.

Wieder hörte sie den Schlüssel sich herumdrehen, dann waren die Schritte noch zu hören, dann erdrückte die Stille sie wieder.

»Ich bin in einem Untersuchungsgefängnis, hat sie gesagt«, murmelte sie vor sich hin. »Sie hat gesagt: Jetzt ist alles überstanden.«

Draußen auf dem Gang sagte die zweite Wärterin: »Warum machst du das, Rose? Hat doch keinen Zweck, für so eine schon gar nicht.«

»Sie kann sich an nichts erinnern«, sagte Frau Rose.

Die andere lachte auf. »Das sagen Sie immer! Sie sind einfach noch zu neu. Sie lassen sich noch einwickeln. Die ist nur eine schäbige Nutte. Ich sage Ihnen, es macht wirklich keinen Spass, solche zu bewachen.«

»Sie ist hochschwanger, vergeht fast vor Angst; und ich habe das Gefühl, sie kann sich wirklich an nichts erinnern.«

Die andere zuckte die Schultern.

»Ich habe Sie gewarnt. Also, denken Sie an meine Worte: Wenn man solchen Weibern den kleinen Finger reicht, nehmen sie gleich die ganze Hand, und dann hat man seinen Ärger. Immer Abstand halten, verstanden?«

Die andere schwieg.

»Öffnen Sie?«

»Ich war auf dem Wege.«

»Nun, dann möchte ich Sie nicht aufhalten.«

Es war nicht der Kommissar und auch kein Anwalt, es war der Anstaltsgeistliche. Neggi hatte nach ihm verlangt. Sie führte ihn in den Besucherraum.

»Ich hole die Frau.«

Sie blieb zögernd stehen. Der Mann blickte sie an.

»Ist noch etwas?«

»Wir haben einen neuen Fall, vielleicht könnten Sie sich auch darum kümmern.«

»Seit wann ist sie hier?«

»Seit gestern.«

Der Anstaltsgeistliche hatte sich vor Jahren abgewöhnt, danach zu fragen, weswegen die Neulinge hier waren. Er wollte unvoreingenommen zu ihnen gehen, nur dann konnte er möglicherweise ihr Vertrauen erlangen. Einige waren ja auch unschuldig und wurden nach ihrem Prozess auf freien Fuß gesetzt. Dies hier war ja sozusagen die Vorstufe.

»Gut, aber heute kann ich nicht mehr zu ihr gehen.«

»Aber ich glaube, Sie sollten sich sehr bald um sie kümmern. Sie ist außerdem hochschwanger.«

»Morgen.«

»Ja, das ist gut.«

Frau Rose entfernte sich, um Neggi zu holen. Sie saß nun schon seit sieben Monaten hier. Neggi war nicht gläubig, sie war scheinheilig. Sie wollte nur Abwechslung, und sonst gar nichts. Mit Spott in den Augen ging sie neben der Wärterin über den Gang.

Die Wärterin dachte: Ich habe wirklich noch nicht viel Praxis. Vielleicht ist es falsch, wenn man mit dem Herzen bei der Sache ist. Aber so bin ich nun einmal.

Neggi sagte: »Bis nachher!«

Sie schloss sie ein. Dann setzte sie sich in die Glaskanzel und las die Berichte durch. Der Dienst war anstrengend, aber sie liebte ihn. Irgendwie fühlte sie sich nicht mehr so allein und verlassen. Seit ihr Mann tot war, brauchte sie einfach etwas, woran sie ihr Herz hängen konnte. Wenn sie ihren Dienst beendet hatte und die Anstalt verließ, hatte sie immer ein komisches Gefühl im Herzen.

Oft versuchte sie, sich in die Insassen hineinzuversetzen. Aber es gelang ihr noch nicht, war einfach zu schwierig.

Wieder musste sie an Lena Weigel denken. Ihre Augen glitten zu deren Zellentür. Jetzt schrie sie nicht mehr. Nein, dachte sie entschlossen, ich lasse mir nicht hineinreden. Ich mache meinen Dienst so weiter wie bisher, und für mich ist sie kein Abschaum, auch wenn die anderen nur widerwillig mit ihr zusammen sind. Aber von dieser Sorte haben wir eine ganze Menge hier. Nun ja, sie ist ein käufliches Mädchen, aber ...

Wieder läutete die Glocke. Sie sah durch das Guckloch und nahm dann erst die Schlüssel. Bevor man hierher gelangte, musste man durch viele verschlossene Türen gehen. Diesmal war es der Kommissar.

»Ich komme wegen Frau Weigel.«

»Sie ist nicht gut zurecht«, sagte die Wärterin Rose.

»Haben Sie den Arzt verständigt?«

»Nein, so schlecht auch wieder nicht - ich meine etwas anderes.«

Kommissar Münch sagte: »Das verstehe ich nicht.«

»Sie erinnert sich nicht mehr.«

Er runzelte die Stirn.

»Das soll doch wohl ein Witz sein, oder?«

»Jedenfalls ist sie sehr merkwürdig und hat Krach geschlagen. Nicht den üblichen Krach, verstehen Sie. Sie ist einfach verstört, ja, das ist das richtige Wort.«

»Man sollte sie dann doch vielleicht in die Krankenstation bringen?«

»Ich weiß noch nicht. Ich werde sie im Auge behalten.«

»Gut.«

Sie sagte: »Das Besuchszimmer ist gerade belegt.«

»Ich bin nur auf einen kurzen Sprung gekommen, Frau Rose. Später komme ich dann mit einem Kollegen. Nein, jetzt genügt mir die Zelle.«

»Dann werde ich Sie einschließen.«

»Einverstanden.«

 

 

2

Lena lag auf dem harten Bett und hielt die Hände auf den Bauch. Jetzt war nichts mehr zu spüren. Sie bedauerte es ein wenig. Irgendwie hatte es sie getröstet.

Dann öffnete sich die Tür. Ein Mann kam herein. Sie dachte nach. Irgendwie kam ihr das Gesicht bekannt vor, aber sie konnte sich nicht erinnern.

Lena versuchte aufzustehen.

»Bleib liegen!«

Er duzte sie, also mussten sie sich gut kennen. Mein Gott, warum ist alles so durcheinander in mir? Warum? Was ist mit mir passiert?

»Danke«, sagte sie leise.

Münch zog sich den Stuhl heran.

»Ich bleibe auch nicht lange. Ich möchte nur ein paar Fragen stellen.«

Frau Rose stand noch in der Tür. Münch blickte die Insassin an und dann wieder die Wärterin. Er gab ihr einen Wink, und sie ging sofort. Der Kommissar starrte in die leer wirkenden Augen.

»Lena, weißt du denn nichts mehr? Ich bin gekommen, weil ich so sehr hoffte, dich als Zeugin zu behalten, verstehst du? Die anderen Straftaten sind ja nicht so schlimm, da kann ich einiges regeln - aber du musst schon standfest bleiben und mir als Zeugin dienen, sonst kann ich nichts machen.«

Wieder dieser seltsame Blick.

»Ich bemühe mich ja«, flüsterte sie leise. »Seit einer Stunde bemühe ich mich.«

»Worum?«

»Herauszufinden, was geschehen ist, und ...« Sie stockte.

»Weiter?«

Sie schloss die Augen.

»Es klingt dumm, aber irgendwie habe ich keine Beziehung mehr zu mir.«

»Wie bitte?«

Sie stützte sich auf einen Arm und sah ihn eindringlich an.

»Was habe ich getan?«

Er sah sie empört an.

»Ist das vielleicht ein ganz neuer Trick? Wer hat dir das eingegeben, so zu handeln, Lena? Ich lass mich nicht auf den Leim führen, verstehst du?«

»Hilf mir doch!« Das klang flehend, echt. Nein, dachte der Kommissar unwillkürlich, ich kenne sie doch. Ziemlich lange kenne ich sie und auch die anderen von der Strichstraße. Hier scheint wirklich etwas nicht zu stimmen. Aber das wäre ja schrecklich.

»Ich will ja alles tun, ich will hier heraus. Ich fühle mich hier lebendig begraben, ich ...« Jetzt bewegte sich das Kind wieder. Langsam rollte eine Träne über ihr Gesicht.

»Wenn wir dich jetzt rauslassen, dann bringt man dich um!«

»Man wollte mich umbringen?«

»Schließlich war man auf dem besten Wege dazu.«

»Wer?«, flüsterte sie.

»Deine Zuhälter!«

»Oh«, sie legte eine Hand vor ihren Mund. Ganz leise flüsterte sie: »Dann bin ich also ...?«

»Hör zu«, sagte Münch, »ich weiß nicht, ob das alles Mache ist, aber das kriege ich noch heraus, darauf kannst du dich verlassen. Gut, gehen wir mal davon aus, dass du wirklich nichts mehr weißt. Gut. Erzähle ich dir also, was sich gestern abgespielt hat.

Pass gut auf! Wir hatten einen Tipp bekommen, wo ihr euch aufhalten könntet, verstehst du! Wir haben ja unsere Verbindungen, und die sind sehr gut. Ich will mich mal so ausdrücken: Für dich waren sie gestern ganz besonders gut, denn man war gerade dabei, dich auseinanderzunehmen. In letzter Sekunde kamen wir an und konnten das noch verhindern. Dein Zuhälter war nämlich stinksauer auf dich. Ich kann mir zwar denken, warum; aber man weiß ja nie genau, welche Hintergründe da noch mitspielen. Hör zu, Mädchen! Für dich sieht es gar nicht rosig aus. Als ich in den Raum stürzte, sah ich gerade, wie man dich gegen die Wand stieß. Vorher muss man dich ganz hübsch geschlagen haben. Anfangs hast du einen verstörten Eindruck gemacht, und ich dachte schon, ich müsste dich in eine Klinik bringen, aber dann, ganz plötzlich, wurdest du ruhig und hast mir gesagt: ,Ich will gegen meine Peiniger aussagen. Bitte, bringt mich von diesen Hunden weg. Dann will ich auch alles sagen.‘ So haben wir dich also in Untersuchungshaft genommen. Und als ich dich fragte, ob du in die Krankenstation möchtest, hast du abgewinkt. Ja, du wolltest unbedingt in eine Einzelzelle. Das ist nämlich gar nicht so einfach; im Augenblick sind die überbelegt. Du bist aber unsere wichtigste Zeugin, und deswegen hat man zugestimmt. Kannst du mir folgen?«

»Ja, das verstehe ich alles.«

»Gut. Dein Zuhälter heißt Ronny und ist überhaupt ein sauberes Früchtchen.«

Kaum hatte er den Namen ausgesprochen, da richtete sie sich steil auf. Sie wurde ganz weiß im Gesicht.

»Ronny?«, keuchte sie.

»Ganz recht, mein Mädchen.« Er beobachtete sie scharf.

Lena rang die Hände. Ihr war, als hätte man plötzlich in ihrem Herzen eine Wunde aufgerissen. Ganz brutal und heftig spürte sie den Schmerz, und sie stöhnte auf.

»Schwein, Schwein, Hund, Luder, Bastard ...« Sie merkte gar nicht, dass sie diese Worte hinausschrie. Münch beugte sich über die Dirne und drückte sie auf das Lager zurück.

»Ruhig, Mädchen, ganz still! Ruhig, so ist es brav! Nur nicht aufregen, jetzt ist ja alles vorbei.«

»Vorbei?«, stammelte sie. »Vorbei?« Tränen rollten unaufhaltsam über ihr Gesicht. »Sie verstehen ja nichts, Kommissar, gar nichts. Dieses Schwein, dieser Widerling, o mein Gott, oh ...«

»Lena!«

Sie lag mit weit aufgerissenen Augen auf der Pritsche.

Die Wärterin Rose kam zurück.

»Ist etwas? Ich habe sie wieder schreien gehört.« Dann sah sie die Dirne in dieser seltsam starren Haltung auf dem Bett liegen.

»Mein Gott, ich glaube, ich hole doch lieber einen Arzt.«

Münch wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Ja, tun Sie das! Sie braucht wirklich Hilfe. Und ich habe anfangs gedacht, sie wolle mir was vorspielen. Lena ...«

Sie lag da und weinte.

»Wollen Sie noch bleiben?«

Er nickte.

»Ich werde dann gleich auch mit dem Arzt sprechen. Ich muss ja bald das Protokoll schreiben. Sie wissen ja!«

»Gut, ich bin gleich wieder zurück.«

Er saß neben der Pritsche und starrte in das pikante und doch so verzerrte Gesicht. Mein Gott, dachte der Beamte, ich weiß wirklich zu wenig von ihr. Für mich ist sie nur eine Zeugin, eine gute Zeugin - wenn sie das tut, was ich will. Diesem Ronny will ich endlich das Genick brechen. Das ist dann so etwas wie eine Erfolgsmeldung für mich. Dann kann ich mal wieder stolz auf mich sein. Dann macht der Beruf wieder Spass. Ich brauchte das auch mal. Herrje ...

»Lena«, sagte er rau.

»Dieses Schwein«, flüsterte sie noch einmal.

Münch sagte: »Wir haben sie alle festgenommen. Er sitzt auch, Lena.«

Sogar im gleichen Bau, dachte er. Aber das durfte er ihr jetzt nicht sagen. Überhaupt, durchfuhr es ihn, ist das gut? Gibt es da nicht vielleicht doch Schwierigkeiten?

Er zergrübelte sich den Kopf. Dann fiel ihm ein, dass die Krankenstation alle Insassen aufnehmen konnte. Da wäre der Kontakt viel schneller möglich. Also hatte sie deswegen nicht dorthin gewollt und deswegen auch die Einzelzelle. Sie wusste also um die Rache der Zuhälter. Sie war vernünftig gewesen.

Herrgott, konnte sie sich denn wirklich nicht mehr erinnern? Wie war das möglich?

Die Wärterin kam mit dem Arzt zurück. Er fühlte den Puls, blickte ihr in die Augen, sprach sie an.

»Ich gebe Ihnen jetzt eine Beruhigungsspritze. Dann wird es Ihnen gleich viel besser gehen.«

Leben kehrte in die grauen Augen zurück.

»Das Kind«, flüsterte sie, »keine Spritze.«

»Ich weiß, dass Sie schwanger sind, Frau Weigel. Es ist ja auch nicht zu übersehen. Aber das ist ganz ungefährlich, wirklich. Sie können mir vertrauen.«

Ein müdes Lächeln spielte um ihre Lippen.

»Ich bin so erschöpft«, sagte sie.

»Das glaube ich.«

Münch stand mit der Wärterin im Gang.

»Was ist mit ihr?«, fragte er den Arzt, als dieser heraustrat.

»Ach, das legt sich alles. Sie wird bald wieder ganz normal sein. Der Schock, die Schwangerschaft - das müssen Sie verstehen.«

»Wann etwa wird denn die Geburt sein?«

»In zwei Monaten.«

»Kann ich morgen wiederkommen? Ich muss das Protokoll aufnehmen.«

»Doch, ich glaube ja. Aber warum hat sie sich jetzt so aufgeregt?«

»Ich nannte ihr den Namen ihres Zuhälters, und da drehte sie durch.«

»Ach so, naja, das kennen wir schon. Diese Menschen sind zu allem fähig.«

»Ja, ich weiß«, sagte Münch schwerfällig.

Die Wärterin begleitete ihn zum Ausgang.

»Bis morgen!«

Sie nickte nur. Dann ging sie zu Lenas Zelle zurück.

»Geht es jetzt schon besser?«

Draußen erschien in diesem Augenblick der Essenwagen. Gleich würden sich alle Türen für ein paar Minuten öffnen.

»Ich hole Ihnen das Essen. Bleiben Sie liegen!«

»Ist das jetzt eine neue Anordnung?«, fragte die zweite Wärterin Rose.

»Nein, aber der Arzt hat ihr gerade eine Spritze gegeben, und sie fühlt sich noch nicht gut.«

»Naja, mit Ihnen kann Sie es ja machen. Die fängt ja früh an. Donnerwetter, das ist ja ein tolles Früchtchen! Ich sage Ihnen ...«

»Das haben Sie schon einmal gesagt«, schnitt Rose ihr resolut den Satz ab.

Die andere zuckte die Schultern. Wärterin Rose brachte das Tablett zu Lena.

»Hier ist heißer Tee, der wird Ihnen guttun. Kommen Sie, ich helfe Ihnen.«

Lena erhob sich mühsam. Dann blickte sie die Wärterin an und umklammerte deren Arm.

»Nicht wahr, hier bin ich sicher!«

»Aber ja.«

»Sie lassen diesen Hund nicht mehr zu mir?«

»Nein.«

»O Gott, wenn er mich findet, will er mir das Kind aus dem Leibe reißen. Er hat es mir gesagt, er ...«

»Lena, jetzt nicht mehr daran denken. Trinken Sie das mal! Das ist besser.«

»Ja«, schluchzte sie.

»Morgen kommt der Kommissar wieder, und ich habe auch dem Anstaltsgeistlichen gesagt, dass er sich um Sie kümmern soll.«

»Er wird mich verachten«, brachte sie mühsam über die Lippen. »Das hätten Sie nicht tun sollen.«

»Aber nein, er ist sehr nett.«

»Sind hier alle so nett wie Sie?«

Frau Rose zögert. Hastig sagte sie: »Ich hole nachher das Tablett wieder.«

Abermals schloss sich die Tür, und Lena war nun allein. Mit zitternden Lippen trank sie den Tee. Er tat wirklich gut. Noch immer fühlte sie die brennende Wunde im Herzen.

»Sie wird nie mehr aufhören«, murmelte sie leise vor sich hin. »Nie mehr.«

Dann stand sie auf und besah sich in dem kleinen Spiegel über dem Waschtisch.

»Ich bin erst dreiundzwanzig. Mein Gott, wie jung bin ich noch - aber ich sehe wie eine alte Frau aus. Armes Kind, du hast es wirklich nicht leicht. Du kommst in eine Welt, die schlecht und grausam ist. Vielleicht wäre es doch besser, du würdest nicht leben.«

Sie ließ sich auf das Bett zurückfallen. Tot sein, nicht mehr denken müssen. Überhaupt nie mehr denken müssen.

 

 

3

Erst am nächsten Morgen hatte sie wieder Kontakt mit der Wärterin Rose. In der Nacht war jemand anderes dagewesen. Sie wusste es irgendwie. Aber dann war sie eingeschlafen und hatte nichts mehr gespürt.

»Sie haben Besuch, kommen Sie!«

Lena sah sie groß an.

»Wohin?«, fragte sie erschrocken.

»Wir haben hier ein Besucherzimmer, dorthin führe ich Sie jetzt.«

Erleichtert ging sie mit. Sicher, der Kommissar hatte doch gesagt: Morgen komme ich wieder. Ja, er würde es sein.

»Fühlen Sie sich jetzt besser?«

Lena sagte vorsichtig: »Zumindest weiß ich jetzt wieder, wer ich bin.«

»Sie können sich also an alles erinnern?«

»Ich glaube schon«, sagte sie herb.

Die schwere Eisentür öffnete sich. Ein kahler Raum, ein langer Tisch und mehrere Stühle. Kein Bild an der Wand, keine Blumen. Ein nüchterner Raum, sie fröstelte unwillkürlich.

»Ich schließe Sie jetzt ein, bleibe aber in der Nähe.«

Sie wurde über die Schwelle geschoben. Dann erkannte sie, dass es nicht der Kommissar war, der sie sprechen wollte. Lena wusste noch nicht, dass man Besuche auch verweigern konnte. Sie wusste überhaupt nichts von einer Untersuchungshaft. Zwei Menschen standen am anderen Ende des Raumes. Dicht aneinandergedrängt.

Ihre Eltern!

Ihr Gesicht wirkte steinern.

»Mama und Papa«, sagte sie tonlos.

Das Ehepaar sah die Tochter an. Sie fühlten sich unbehaglich und sehr nervös.

»Man hat mich angerufen«, sagte Papa. »Da war jemand, der uns gleich die Besuchserlaubnis gegeben hat. Du siehst, wir sind gleich gekommen.«

»Warum?«, fragte Lena hart. Langsam ließ sie sich auf den Holzstuhl fallen.

»So sieht man sich also wieder«, sagte Mama.

Lena legte eine Hand über die Augen.

»Ich habe dir gleich gesagt, wenn du uns verlässt, dann wirst du als Flittchen enden. Aber nicht einmal das hat dir genügt, nein. Jetzt bist du sogar eine Hure, und ein Kind kriegst du auch.« Sie spuckte vor ihr aus.

Lena hob die Augen und blickte den Vater an. Aber dieser schwieg.

»Ja, du hast nur Schande über uns gebracht. Alles kann man in den Zeitungen lesen, alles, verstehst du? Wir können uns nicht mehr aus dem Haus wagen. Aber trotzdem sind wir gekommen, das kannst du uns hoch anrechnen. Wir sind gleich gekommen, als der Beamte bei uns war. Das ist nun mal unsere Christenpflicht, obwohl ich ihm am liebsten ins Gesicht gesagt hätte, dass du nicht mehr unsere Tochter bist. Schämst du dich denn überhaupt?« Lena schwieg noch immer. »Verflixtes Mädchen, gib endlich Antwort, wenn deine Mutter mit dir spricht!«, schrie die Frau sie an.

Lena fühlte, wie das Zittern sie wieder überkam.

O mein Gott, dachte sie gequält. Oh, warum sind sie nicht geblieben, wo sie hingehören? Warum nicht?

»Du störrisches Ding, jetzt können wir dich wieder aus dem Dreck ziehen. Aber das eine sage ich dir: Diesmal wirst du parieren, diesmal wirst du alles tun, was ich dir sage!«

Es ist zu viel, zu viel, zu viel! Tränen stürzten ihr aus den Augen. Doch die Mutter wollte es nicht sehen. Sie stürzte zur Tür, trommelte wie wild dagegen und schrie: »Lasst mich raus, lasst mich raus!«

Die Mutter war für einen Augenblick sprachlos. Dann wollte sie sich zornbebend auf die Tochter stürzen. Im gleichen Augenblick öffnete sich die Eisentür, und die Wärterin stand auf der Schwelle.

Lena stammelte: »Bringen Sie mich weg - bitte - ich flehe Sie an!«

Die Mutter sagte: »Sie hat noch kein Wort mit uns gesprochen. Wir sind sofort gekommen. Das gehört sich einfach nicht.«

»Sei still!«, sagte der Vater.

Jetzt richtete sich ihr Zorn gegen den Mann.

»Du hast ja immer zu ihr gehalten, gib es zu! Du hast viel schuld an ihrer Lage«, höhnte die Mutter.

Die Wärterin musterte das Ehepaar. Sie hatte sich gefreut, als sie hörte, dass die Eltern sich um das Mädchen kümmern wollten. Doch sie schienen alles noch viel schlimmer gemacht zu haben.

»Ich will fort. Bringen Sie mich in meine Zelle zurück. Ich kann sie nicht ertragen.«

»Kommen Sie!«, sagte die Wärterin.

»Aber das geht doch nicht!«, schimpfte die Mutter. »Wir haben ein Recht, unsere Tochter zu sprechen. Wir haben den Schein, verstehen Sie, Frau, Frau ...«

»Natürlich«, sagte die Wärterin eisig. »Natürlich haben Sie das Recht. Aber wenn Frau Weigel nicht mit Ihnen reden will, dann kann ich nichts daran ändern.«

»Frau Weigel!«, schrie die Mutter. »Sie ist nur eine schäbige Hure, die hat doch keine Rechte mehr!«

Lena schleppte sich an der Mauer entlang. Noch immer hatte sie die kreischende Stimme der Mutter in den Ohren. Da war die Zellentür - sie fiel auf die Pritsche. Sie fühlte die Tränen über ihr Gesicht laufen. Als die Wärterin zurückkam, sagte sie gebrochen: »Ich will sie nie mehr wiedersehen, nie, nie mehr!«

»Gut, ich trage das ein. Sie brauchen den Besuch nicht zu empfangen, wenn Sie nicht möchten.«

»Gott sei Dank«, sagte sie ergriffen.

Dann kam das Mittagessen. Sie schluckte es mit den Tränen hinunter und versuchte verzweifelt, an das Kind zu denken. Nahm das Elend denn immer noch kein Ende? Wann würde für sie wieder einmal die Sonne scheinen?

Dann erschien Kommissar Münch mit einem Kollegen.

»Ich muss jetzt das Protokoll aufnehmen. Fühlen Sie sich auch ganz wohl?«

Lena ging in der Zelle auf und ab.

»Einmal muss es doch gemacht werden, also können wir es auch gleich tun. Ich möchte hier raus, mein Gott, ich möchte um des Kindes willen hier raus!«

»Also beginnen wir. Sie können sich also jetzt wieder an alles erinnern?«

Lena setzte sich auf den Rand des Bettes und sah auf ihre Handflächen. Für eine ganze Weile war alles zugeschüttet gewesen. Aber nachdem die Eltern dagewesen waren, hatte die Vergangenheit sie wieder eingeholt.

»Ja«, sagte sie leise. »Jetzt kann ich mich wieder an alles erinnern.«

»Gut, dann fangen wir an. Ganz von Anfang an, Lena.«

»Was soll das heißen?«

»Wann Sie geboren sind, wo aufgewachsen und so weiter. Der Richter möchte sich ein Bild davon machen, wie es dazu gekommen ist, zu diesem Leben auf dem Strich, verstanden?« Sie nickte langsam. »Mein Kollege schreibt alles mit, dann wird er es ins Reine übertragen. Ich werde es Ihnen vorlesen, und dann wird es unterschrieben.«

»Ja«, antwortete sie mechanisch.

»Also fangen wir an.«

Lena nannte ihr Geburtsdatum. Sie war das jüngste von drei Geschwistern. Sie lebten am Rande einer Kleinstadt. Der Vater war Arbeiter in einer nahen Fabrik. Er war ein stiller Mann, der nur seine Ruhe haben wollte. Die Mutter hingegen war ganz anders, besessen, alles besser haben zu müssen als die Nachbarn. Unermüdlich trieb sie den Mann an. Er musste Überstunden machen, und sie verdiente sich durch Nähen auch noch Geld. Unter Entbehrungen wurde ein eigenes Häuschen errichtet. Aber auch dann gab die Mutter noch keine Ruhe. Alles musste, wie gesagt, immer um ein paar Grade besser sein. Dann kam die Einrichtung an die Reihe, und so ging es weiter.

Als die beiden ältesten Geschwister dann auch in die Fabrik gingen, mussten sie ebenfalls ihr Geld der Mutter abliefern. Über jeden Groschen mussten sie Rechenschaft ablegen. Und wenn sie Taschengeld verlangten, gab es immer ein Gezeter.

»Wozu?«, sagte sie hart. »Ihr habt alles, also was braucht ihr mehr. Keiner im Dorf hat so ein hübsches Heim wie ihr. Also, was müsst ihr in der Stadt herumlungern und Geld ausgeben. Dafür kann ich schon wieder eine ganze Menge anschaffen. Bedenkt, ich schufte mich für euch krumm. Ihr sollt es einmal besser haben. Nur für euch tue ich das alles!« O ja, sie verstand es ausgezeichnet, ihnen Schuldgefühle einzuimpfen. Immer hieß es: Ich schufte mich für euch krumm, ich leiste mir auch nichts. Der Vater hatte es schon längst aufgegeben, gegen sie anzureden. Sie beherrschte ihn völlig.

Im Dorf brüstete sie sich, was für brave Kinder sie hätte. Sie wären ja eine so vorbildliche Familie und hielten immer zusammen. Ja, ihre Kinder würden genau das tun, was sie ihnen sagte. Dass sie damit alle zum Gespött wurden, merkte die herrschsüchtige Frau gar nicht.

Zuerst grollte der Sohn. Als er neunzehn Jahre als war, hielt er es nicht mehr aus. Dann lernte er auch noch ein junges, nettes Mädchen kennen. Nicht einmal zu einem Eis konnte er die Freundin einladen. Er hörte, dass seine Freunde nur Kostgeld zu Hause abgaben und über ihr eigenes Geld selbst verfügten, es sparten, sich ein Auto kauften, Reisen machten und auch für später etwas zurücklegten. Und er war gezwungen, mit seinem gesamten Lohn mitzuhelfen, das Haus der Eltern hypothekenfrei zu machen. Es gab einen bösen Streit mit der Mutter, als der Sohn eines Tages nur abgezähltes Kostgeld auf den Tisch legte.

»Das tun sie alle, und ich werde es jetzt auch tun. Ich bin volljährig.«

Die Mutter wollte das nicht durchgehen lassen, ja, sie drohte ihm sogar Prügel an. Hatte sie doch sein Geld schon verplant. Aber er blieb eisern.

»Wenn du so weitermachst, dann verschwinde ich. Ich hab es satt, satt, verstanden! Begreif das endlich! Wir sind erwachsen, und mich interessiert das Haus nicht. Schenk es einem Bettler, ich will es nicht, kapiert! Ich will leben, ich will so wie die anderen sein.«

Als sie nicht aufhörte, ihn zu verhöhnen, ging er in sein Zimmer und packte seine Sachen. Die ältere Schwester sah ihm zu. Sie war nur ein Jahr jünger, also auch schon volljährig. Sie sagte: »Nimm mich mit! Wir können zusammen in der Stadt eine kleine Wohnung nehmen, das ist billiger. Ich halte es hier auch nicht mehr aus.«

»Gut, das ist eine feine Idee.«

Sie warteten, bis die Mutter eingeschlafen war, dann machten sie sich davon. Die Mutter ging am nächsten Morgen zur Polizei. Diese sollte sofort ihre »Gören« herbeischaffen. Sie seien »ausgebrochen«.

Als die Beamten das Alter der »Gören« erfuhren, lachten sie und sagten gutmütig: »Die jungen Menschen haben das Recht auf ein eigenes Leben. Es tut uns leid. Kein Gericht der Welt kann Ihre Kinder dazu zwingen, bei Ihnen zu wohnen.«

Das war ein harter Schlag für die Mutter. Von diesem Augenblick an erzählte sie allen, die es hören wollten, was für schlechte Kinder sie großgezogen hätte. Nichts als Undank ernte man. Aber sie würden schon noch angekrochen kommen, dann müsse die Mutter wieder alles in Ordnung bringen.

»Die sind ja gar nicht in der Lage, ihr Leben zu meistern. Die sind ja dumm geboren und haben nichts hinzugelernt. Wenn ich mich nicht all die Jahre für sie so abgeschuftet hätte!«

Die Nachbarn sagten nur: »Lass sie doch! Sei froh, dass du ein paar Sorgen weniger hast.«

Nur Lena war jetzt noch daheim. Damals, als die Geschwister fortliefen, ging sie noch zur Schule. Jetzt klammerte sich die Mutter an das einzige Kind, und Lena wurde so etwas wie eine willenlose Puppe. Sie war zu schwach, um sich gegen die starke Mutter aufzulehnen. Hin und wieder tat der Vater heimlich etwas Gutes für sie, aber die Mutter durfte nie etwas davon wissen.

Sie hörte auch nicht auf zu schimpfen, als sie erfuhr, dass die ältesten Kinder geheiratet hatten. Selbstverständlich ging sie nicht zur Hochzeit. Und sie sagte auch nichts, als sie erfuhr, dass die beiden sich aus eigener Kraft emporgearbeitet hatten. Längst waren sie bereit, sich wieder mit der Mutter zu versöhnen. Aber diese war stur.

Lena wuchs unter diesem gespannten Verhältnis auf. Über die Geschwister und den Vater wurde nur immer Schlechtes erzählt. Die Mutter war allgewaltig, und das Mädchen musste immer tun, was sie wollte - wenn sie in Frieden leben wollte. Sie wäre auch noch gern weiter zur Schule gegangen, aber sie sollte schnell Geld verdienen.

Die Mutter hatte sich jetzt einen anderen Plan ausgedacht. Damals bei den älteren Kindern hatte sie einen Fehler gemacht, den sie bei Lena nicht wiederholen würde; das hatte sie sich geschworen.

Dieses Kind zumindest sollte daheim bleiben und sie eines Tages pflegen. Außerdem konnte sie sich einfach kein Leben ohne Lena vorstellen. Nur mit dem Mann allein, nein - sie brauchte jemanden, den sie drangsalieren konnte.

Lena war siebzehn Jahre alt, als die Mutter davon zu reden begann, dass es gut sei, wenn man möglichst früh heiraten würde.

»Weißt du«, versuchte sie dem jungen Mädchen das schmackhaft zu machen, »dann hast du ein feines Leben. Hast einen Mann, bist gesichert, und ihr geht dann beide arbeiten. Wir bauen oben eine nette Wohnung für euch aus, und ihr kauft euch dann ein Auto und habt es viel besser, als ich es je hatte. Dein Vater war ja nie richtig in der Lage, für uns alle zu sorgen. Wenn ich mich nicht aufgeopfert hätte ... Du kannst dann mit deinem Mann schöne Reisen machen - überhaupt, du brauchst dich um nichts zu kümmern, gehst arbeiten, und ich mach den Haushalt. Lena, das ist dann wirklich ein feines Leben. Alle werden dich darum beneiden, mein Kind.«

Lena hörte schweigend zu. Sie wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Das kam alles so plötzlich.

Der Vater meldete sich aus dem Hintergrund: »Lass doch das Kind, es ist doch noch viel zu jung.«

»Zu jung! In ein paar Monaten wird sie achtzehn. Soll ich vielleicht warten, bis sie auch abhaut? In die Großstadt womöglich, wo mein letztes Kind dann auch unter die Räder kommt? Habe ich dafür vielleicht gelebt?«

Details

Seiten
108
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934151
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v506252
Schlagworte
redlight street ahnungslos falle

Autor

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Titel: Redlight Street #110: Ahnungslos ging sie in die Falle