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JIM SHANNON #17: Shannon und der Horseking

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Shannon und der Horseking

Klappentext:

Roman:

JIM SHANNON

 

Band 17

 

Shannon und der Horseking

 

Ein Western von John F. Beck

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2019: Edward Martin

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Brent Wellman ist ein Rancher, der seine Land- und Machtansprüche rigoros durchsetzt. Für Pferdediebe gibt es kein Pardon. Als er und seine Männer den Mexikaner Lopez lynchen, mischt sich Jim Shannon ein, bevor Wellmans Cowboys auch Lopez´Sohn Antonio aufhängen können. Denn Antonio ist unschuldig. Er und sein Vater haben lediglich gesehen, dass einige Männer mit den gestohlenen Pferden auf und davon sind – und es waren keine Mexikaner.

Shannon glaubt Antonios Worten, und deshalb schlägt er Wellman vor, der Spur der wirklichen Pferdediebe zu folgen. Tom Baker, der Vormann des Ranchers, soll ihn dabei begleiten. Dem stimmt Wellman zu, aber Antonio Lopez wird bis zu Shannons und Bakers Rückkehr sein Gefangener bleiben.

Das ist der Auftakt eines spannenden Abenteuers am Nueces River, der Jim Shannon wieder mal alles abverlangt und ihn schließlich zu einem Mann namens Jeff Santana führt, den man auch „König der Pferdediebe“ nennt.

 

 

Roman:

Der Blitz zerriss die Dunkelheit über dem texanischen Buschland. Im gleißenden Licht sah Shannon den Baum, dessen kahle Äste wie eine Geisterhand in den Himmel ragten. Auf dem Pferd darunter saß ein Gefesselter mit einer Schlinge um den Hals. Mehrere Männer in derber Viehzüchterkleidung umstanden ihn. Einer hielt die Gerte zum Schlag erhoben. Auf die Entfernung wirkte die Szene gespenstisch lautlos. Nur das Grollen des noch fernen Donners hallte über das Land. Dann drang der Fetzen eines gellenden Schreis zu dem einsamen Reiter. Ein Schrei, den Shannon nicht so schnell vergessen würde.

Im selben Augenblick fiel die Gewitterschwärze wieder wie ein Vorhang herab. Shannon warf seinen Braunen herum und jagte los, ohne lange darüber nachzudenken, dass er wahrscheinlich gleich wieder bis zum Hals in höllischem Verdruss stecken würde. Aber es gab Ereignisse, denen der große, dunkelhaarige Mann mit der Schussnarbe an der rechten Schläfe niemals aus dem Weg ging. Härte spannte sein schmales, sonnengebräuntes Gesicht.

Die Hufe schleuderten Sand in die trockenen Sträucher.

Eine schrille, verzweifelte Stimme mischte sich in das dumpfe Trommeln.

„Mörder! Verfluchte Gringos!“

Shannon dauerte es viel zu lange, bis sein Pferd aus dem Kreosot- und Cottonwoodgestrüpp brach.

Zu spät!

Der flackernde Schein eines neuerlichen Blitzes beleuchtete die schlaffe Gestalt am Strick.

Ein großer, breitschultriger Mann, dessen Hutband mit Silbermünzen verziert war, führte gerade das Pferd des Gehenkten unter eine zweite Schlinge. Mit einer Kopfbewegung wies er auf den gefesselten jungen Mexikaner, der keuchend, mit schweißbedecktem Gesicht im Gras lag. ■

„In den Sattel mit ihm!“

Der Gefangene bäumte sich auf. Panik loderte in seinen aufgerissenen Augen.

„Nein! Lasst mich los, ihr Mörder! Ich bin unschuldig!“

Zwei kräftig gebaute Cowboys zerrten ihn hoch und schleiften ihn zu dem schnaubenden Gaul. Da riss das Stampfen der Hufe von Shannons Braunem die Männer unter dem kahlen Baum herum. Einer machte eine Bewegung, als wollte er den Revolver ziehen. Eine Kugel hieb vor ihm in die Erde.

„Halt!“, schrie Shannon. „Was ihr vorhabt, ist Mord!“

Jede Bewegung erstarrte. Der große, schlanke Reiter behielt den rauchenden 44er Colt in der Faust. Der Anblick des Gehenkten erfüllte ihn mit Bitterkeit und kalter Wut. Es war ein hagerer, grauköpfiger Mexikaner, offenbar der Vater des jungen Gefangenen. Nur um eine Minute war Shannon zu spät gekommen. Sechzig Sekunden, die über Leben und Tod entschieden hatten.

Feindselige Blicke trafen ihn. Er sah starre, wettergegerbte Gesichter, die von breitkrempigen Stetsons beschattet wurden. Der Mann mit dem Hutband aus Silbermünzen trat einen Schritt vor. Ein hartgesichtiger, kaltäugiger Bursche, den der Army Colt in Shannons nerviger Rechter nicht beeindruckte. Die frostige Stimme passte zu seinem grimmigen außehen.

„Wer immer du bist, Mister, misch dich nicht in Dinge ein, die dich nichts angehen.“

„Mein Name ist Jim Shannon. Ich werd nicht zusehen, wie ein Mann ohne Gerichtsverhandlung gehängt wird, gleich, was er verbrochen hat.“

Das Gesicht des Anführers der Lyncher blieb wie aus Stein gemeißelt. Der Mann war nicht viel älter als Shannon, etwa fünfunddreißig. Seine Haltung und sein Ton verrieten, dass er hier die Rolle des großen Bosses spielte.

„Lopez’ Sohn bekommt nur, was er verdient. Er und sein Vater haben meine besten Pferde gestohlen. Einer meiner Cowboys, der die Schurken überraschte, wurde angeschossen.“

„Das ist nicht wahr!“, schrie der Gefangene. „Helfen Sie mir, Senor! Ich bin unschuldig!“

„Das sagt jeder, den’s erwischt!“ Der Mann mit dem im Schein der Blitze funkelnden Hutband blickte Shannon kalt an. „Er lügt. Es ist noch immer ungeschriebenes Gesetz in diesem Land, dass Pferdediebe auf der Stelle gehenkt werden. Wenn du nicht für einen Partner dieser Halunken gehalten werden willst, dann hau ab, Mann! Es könnte sonst böse für dich ausgehen!“

Shannon spürte es heiß in sich aufsteigen. Diese Anmaßung, diese Selbstherrlichkeit waren fast zuviel für ihn, Seine Stimme klirrte:

„Bindet ihn los!“

Die Augen des Ranchers verengten sich.

„Vorsicht, Shannon — oder wie du heißt. Du befindest dich hier auf meinem Land. Hier gibt nur einer Befehle, und das bin ich, Brent Wellman.“

Er wies auf die Männer an seiner Seite, die um vieles älter waren.

„Das sind meine Nachbarn Ike Sheppard und Gil Taylor. Die übrigen Hombres gehören zu meiner Crew. Außer unseren Ranches gibt es hier weit und breit keine menschliche Niederlassung, von ein paar armseligen Ranchos abgesehen. Wenn überhaupt so etwas wie ein Gesetz in dieser Gegend existiert, dann wird es von den Wellmans, Sheppards und Taylors vertreten.“

„Brents Vater war der erste Weiße südlich des Nueces“, murmelte Taylor, ein weißhaariger, magerer Mann mit knochigem Gesicht. „Er hat die Regeln eines Gesetzes aufgestellt, das uns das Leben in dieser Wildnis überhaupt erst ermöglichte.“

„Seid ihr nie auf den Gedanken gekommen, dass sich die Zeiten ändern könnten?“, fragte Shannon bitter.

Wellmann spuckte aus. „Davon haben wir bis jetzt im Buschland zwischen dem Nueces River und dem Rio Grande nichts gemerkt. Hier sind wir noch immer ganz auf uns allein gestellt. Der Teufel soll jeden Halunken holen, der denkt, sich deswegen hier was rausnehmen zu dürfen! Wir brauchen keinen Sternträger, keinen Richter, um mit solchem Gesindel fertig zu werden. Das haben wir über zehn Jahre lang recht gut allein geschafft. Warum soll sich daran etwas ändern? Aber verdammt noch mal. ich hab’s nicht nötig, mich mit einem fremden Satteltramp rumzustreiten! Ich ...“

„Vielleicht doch“, lächelte Shannon gefährlich. „Vergiss nur nicht, dass dieser Satteltramp ein geladenes Schießeisen in der Faust hat und nichts davon hält, wenn Männer wie du das Gesetz in die eigene Hand nehmen, Rancher. Zu viele Unschuldige sind schon auf diese Weise ums Leben gekommen.“

„Antonio Lopez ist nicht unschuldig!“, stieß der bullige, vierschrötige Ike Sheppard wütend hervor. „Wir haben ihn und seinen Vater mit drei von Brents gestohlenen Gäulen erwischt. Da stehen die Tiere. Wenn das kein Beweis ist!“

„Mein Vater und ich fanden die Pferde in der Nähe unseres Ranchos!“, schrie der junge Mexikaner verzweifelt. „Wir wollten sie auf Wellmans Land zurückbringen, um keinen Ärger zu bekommen. Wir ...“

„Lüge!“ Der junge, hartgesichtige Rancher lachte scharf. „Ihr seid nach Süden geritten — in Richtung zur mexikanischen Grenze. Ihr wolltet die Gäule auf der anderen Seite des Flusses verschachern.“

„Nein! Wir waren auf dem Weg in die Coyotenhügel, um dort Unterschlupf vor dem heraufziehenden Gewitter zu suchen. Wir haben die Pferde nicht gestohlen. Mein Vater war sein Leben lang ein ehrlicher Mann. Ihr habt einen Unschuldigen ermordet!“

Ein trockenes Schluchzen schüttelte den jungen Mann. Er hatte es aufgegeben, an den Fesseln zu zerren. Wellman starrte ihn verächtlich an.

„Ach nein! Und darum seid ihr abgehauen, als ihr uns kommen saht, he?“

Der Gefangene lachte bitter.

„Mein Vater sagte gleich: ,Lass uns fliehen, Antonio! Sie werden uns gewiss für die Diebe halten, wenn sie die Pferde bei uns finden. Denn in ihren Augen ist jeder arme Mexikaner ein Taugenichts, dem sie alles Zutrauen. Mein Vater hatte recht. Ich wünschte, er hätte nie versucht, die verdammten Pferde zurückzubringen. Schießen Sie ihn nieder, Shannon! Es ist die einzige Chance, die Ihnen und mir noch bleibt!“

„Hängt ihn auf!“, befahl Wellman scharf. „Shannon, wenn du versuchst, ihm zu helfen, wirst du neben ihm baumeln.“

„Nicht, solange ich den Finger am Abzug halte.“

„Damit ist es vorbei!“, meldete sich eine spröde Stimme seitlich von ihm. „Wirf die Kugelspritze weg, Hombre.“

Shannon sah den Mann aus den Augenwinkeln. Er spürte sofort, dass dies nicht irgendein gewöhnlicher Weidereiter war, für den es nur Rinder, Pferde, Lassos, Brandeisen und die Befehle seines Bosses gab. Der Mann war groß, sehnig, blond und knapp über vierzig. Sein wettergegerbtes, hageres Gesicht mit dem blonden Schnurrbart strahlte unbeugsame Entschlossenheit aus. Die Mündung einer Winchester 66 zielte auf den Satteltramp. Die Art, wie der Blonde das Gewehr hielt, lässig und doch mit einer gefährlichen Sicherheit, warnte Shannon.

Brent Wellman lächelte spöttisch. „Tom Baker, mein Vormann. Er kann mit seiner Winchester mindestens so gut umgehen wie mit einem Lasso. An deiner Stelle würd ich tun, was er sagt.“

„Du bist nicht am meiner Stelle — Baker, mach jetzt keinen Fehler! Ich hab immer noch Zeit, deinen Boss mit einer Kugel zu erwischen, wenn du so verrückt, bist ...“

Der Peitschenknall eines Schusses füllte seine Ohren. Shannon spürte einen wuchtigen Schlag, der ihm den 44er aus der Faust prellte. Er selbst hätte es nicht besser gekonnt. Sein Brauner stieg wiehernd vorn hoch. Kaum hatte Shannon das Pferd unter Kontrolle, da drückte Bakers Winchester gegen seine Rippen. Wellman lachte triumphierend. Aber Shannon blickte in das schnurrbärtige, unbewegte Gesicht des sehnigen Vormanns.

„Ein Meisterschuss. Ich wette, Baker, du hast in deinem Leben nicht immer Kühe gehütet.“

„Es gab Männer, denen ihre Neugierde das Leben gekostet hat“, brummte Baker.

Shannon lächelte hart.

„Und es gibt Männer, die Unschuldige hängen, nur weil sie sich für unfehlbar halten! Ich komme von der mexikanischen Grenze herauf. Ich hab die Fährte eines Pferderudels gekreuzt, das zum großen Fluss getrieben wird. Ich bin jetzt sicher, dass es sich um Wellmans Pferde handelt.“

„Na und?“ Wellman machte eine Geste, als wollte er Shannons Worte wegwischen. „Dann hat Lopez die Tiere also bereits an Mittelsmänner weitergegeben, die sie für ihn über die Grenze bringen. Die Greaser in dieser Gegend stecken ja doch alle unter einer Decke.“ „Ich hab die Männer, die die Pferde trieben, von fern gesehen. Es waren keine Mexikaner.“

„Das beweist gar nichts.“

„Aber es würde eine Menge mehr beweisen, wenn ihr diesen jungen Hombre am Leben lasst und statt dessen die wirklich Schuldigen jagt und sie zum Reden bringt.“

„Daher weht also der Wind!“ Brent Wellman pfiff durch die Zähne. „Der Kerl will uns auf eine falsche Spur locken. Also doch ein Verbündeter von Lopez, was? Raus mit der Sprache, Antonio! Kennst du ihn?“

„Ich hab ihn nie zuvor gesehen.“

„Er lügt. Er weiß, dass er nichts mehr zu verlieren hat. Er wird so oder so hängen.“

Der breitschultrige Rancher deutete auf Shannon.

„Packt ihn! Fesselt ihn! Wir werden genauso Gericht über ihn halten wie über Pedro Lopez und seinen Sohn!“

Gil Taylor bewegte unbehaglich seine mageren Schultern.

„Könnte es nicht sein, Brent, dass das mit den Reitern, die Shannon gesehen haben will, vielleicht doch stimmt?“

Wellman fuhr herum.

„Zum Teufel, Gil, zweifelst du etwa nachträglich an Lopez’ Schuld? Glaubst du diesem gerissenen Herumtreiber mehr als deinen eigenen Augen? Da sind drei von den gestohlenen Gäulen! Da ist Lopez’ Spur nach Süden! Was willst du mehr?“

Shannon murmelte bitter: „Es wäre auch zu schlimm, wenn eintreten würde, was nicht sein darf — nämlich, dass sich Lopez“ Unschuld herausstellt, nicht wahr, Wellman?“

Der Rancher zog schweigend den Revolver. Mit einem Satz war er bei dem dunkelhaarigen Reiter und schlug ihn vom Pferd. Shannon stürzte ins verdorrte Grammagras. Ein heftiger Schmerz drohte ihm die Besinnung zu rauben. Er wehrte sich verzweifelt dagegen, wälzte sich mit zusammengebissenen Zähnen herum. Keuchend starrte er zu Wellman hoch, dessen breitschultrige Gestalt sich drohend vor einem dreizackig niederglühenden Blitz abzeichnete.

„Damit zeigst du dein wahres Gesicht, Rancher! Behauptest du immer noch, dass du Recht und Gesetz vertrittst? “

Wellman ballte die Fäuste. Mühsam beherrschte er sich. „Stellt ihn auf die Füße!“, fuhr er die Cowboys an.

Sie zerrten Shannon hoch. Stählerne Fäuste hielten ihn fest. Wellman musterte ihn mit verkniffener Miene.

„Du weißt genau, Shannon, dass es keinen Zweck hat, wenn ich ein paar Reiter hinter den Kerlen herschicke, die du angeblich gesehen hast. In einer halben Stunde haben wir hier den schönsten Wolkenbruch, der von keiner Spur etwas übriglassen wird. Du kannst also viel erzählen ..."

„Ich kann mehr. Ich kann dir die gestohlenen Pferde zurückbringen, wenn du mich freilässt — und vielleicht sogar einen von den Banditen, der Antonios Unschuld beweisen wird.“

Wellman lachte rau.

„Verstehe! Jetzt denkst du nicht mehr an ihn, sondern nur noch daran, deine eigene Haut zu retten.“

„Er käme nicht weit, wenn ich ihn begleite“, sagte Baker ruhig.

Wellmans Kopf flog herum. „Du meinst also auch, er hat recht?“

„Ich meine, dass dein Vater jedem Hinweis nachgegangen wäre, Brent, auch auf die Gefahr hin, unnötig Zeit zu verlieren. Antonio könnte als Gefangener auf der Ranch bleiben, bis Shannon und ich zurück sind.“

„Lass meinen Vater aus dem Spiel, Tom!“, brauste Wellman auf. „Er ist seit mehr als einem halben Jahr tot. Zeit genug, dich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ich jetzt der Boss bin. Du musst mir nicht sagen, was ich zu tun habe.“

„Es geht um eine letzte Chance für einen zum Tode Verurteilten. Die gleiche Chance, die dein Vater mir vor Jahren verschaffte.“

„Schon gut, Tom. Ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann, so wie mein Vater sich auf dich verließ. Okay, ich geb euch drei Tage. Wenn ich dann nichts von euch höre, warte ich nicht länger. Dann wird Lopez’ Sohn hängen. Setzt ihn auf das Pferd, Jungs. Wir nehmen ihn mit zur Ranch.“

„Mörder!“, keuchte der Gefesselte. Er riss wieder an den Fesseln, ohne dass es etwas nützte. „Wenn ich jemals mit dem Leben davonkomme, wirst du es bereuen, dass du ...“

Eine Faust verschloss seinen Mund. Vier Cowboys waren nötig, um den jungen Mexikaner auf dem Pferd festzubinden.

Shannon blickte Tom Baker an, der zurückgetreten war, aber noch immer mit dem Gewehr auf ihn zielte. „Wir sollten keine Zeit verlieren. Bevor es zu regnen anfängt, schaffen wir noch einige Meilen. Gib mir meinen Colt zurück.“

Wellmans Vormann schüttelte den Kopf. „Erst, wenn ich sicher bin, dass du nicht gelogen hast. Und auch dann erst, wenn du ihn brauchst, um am Leben zu bleiben. Bis dahin bist du mein Gefangener.“

 

*

 

„Vier Mann!“, murmelte Baker einen Tag später, als sie ihre staubbedeckten Pferde auf einem von Hitzewellen umflirrten Hügel zügelten. „Wir werden kein leichtes Spiel mit ihnen haben. Aber wenn es sich irgendwie machen lässt, dann will ich diese Kerle lebend.“

Ein freudloses Lächeln sprengte die Staub und Schweißkruste auf Shannons Gesicht. „Dann sind wir ja einer Meinung. Wie steht’s nun mit meinem Colt?“

Schweigend reichte ihm Baker den Gurt mit der tiefhängenden Halfter, aus der der Hickorykolben des 44ers ragte. Die Sonne stach wie mit Feuerspeeren auf sie herab. Aber Hitze, Staub und die langen Meilen, die zwischen ihnen und dem Rio Grande del Norte lagen, waren nun vergessen. Ringsum dehnte sich das karge, sonnenverbrannte mexikanische Hochland mit Buschinseln, Kakteen, ausgetrockneten Flussläufen und fernen, blauschimmernden Bergketten.

Unter ihnen, am Fuß des Hügels, duckten sich mehrere weiß getünchte Adobelehmhütten. Unter einem strohgedeckten Vordach dösten vier Gäule, die amerikanische Cowboysättel trugen. Die Scabbards waren leer. Ein Schild mit der verwaschenen Aufschrift ,Cantina! baumelte über ihnen an einer rostigen Eisenkette. Tiefe Stille lag über allem. Zeit der Siesta.

Shannon und Baker blickten aus zusammengekniffenen Augen auf die Pferde in einem der glühenden Sonne ausgesetzten Korral. Elf rassige, hochbeinige Tiere, die jedem Rebellenhäuptling auf dieser Seite der Grenze ein Vermögen wert sein würden. Jedes Tier trug des große „W“, das Brandzeichen der Wellman-Ranch, an der Flanke.

Baker wartete gerade solange, bis Shannon den Coltgurt mit altgewohntem Schwung umgeschnallt hatte. Dann zog er seinen Grauen zwischen den Mesquites und Ocotillos herum, die sie gegen die Sicht vom Dorf schützten.

„Die Halunken haben sicher alles genau ausspioniert, ehe sie sich Wellmans Zuchtpferde schnappten. Möglich, dass sie mich deshalb kennen. Ich halte es für besser, du lenkst sie erst ein wenig ab, bevor ich da unten aufkreuze. Einverstanden, Partner?“

Zum erstenmal gebrauchte er dieses Wort. Shannons Zähne blinkten. „Nichts dagegen, wenn du mir Zeit für einen Drink lässt. Meine Kehle ist ausgetrocknet wie der Llano Estacado. Na dann, bis gleich.“

Er trieb sein Pferd aus den raschelnden Sträuchern und ritt gemächlich den sanft abfallenden, mit Geröll und Biberschwanzkakteen bedeckten Hang hinab. Das Bild eines vor sich hindösenden, im Sattel zusammengesunkenen Reiters ohne Ziel, ohne Eile, ohne mehr als den Wunsch nach einem Schluck, um sich den Staub eines langen Trails aus der Kehle zu spülen. Nichts verriet seine Anspannung, seine Wachsamkeit. Der tief in die Stirn gezogene Stetson verdeckte das Funkeln der dunklen, indianerhaften Augen, denen keine Einzelheit der Umgebung entging. Auch nicht das fahle, verkniffene Gesicht, das sich für den Bruchteil einer Sekunde in der scheibenlosen dämmrigem Fensterluke neben der Tür zeigte.

Metall blinkte. Dann war alles wieder wie ausgestorben, totenstill. Aber Shannon wusste, dass sich jetzt mindestens ein Gewehrlauf mit ihm bewegte. Er machte sich nichts daraus. Er spielte das alte gefährliche Spiel, bei dem immer nur der gewann, der die besseren Nerven besaß.

Revolverpoker!

Shannon ritt am Korral mit Wellmans gestohlenen Pferden vorbei, ohne den Kopf zu wenden. Es sah aus, als überließ er es seinem Braunen, den Weg zu finden. Neben den bereits angebundenen vier fremden Pferden glitt er steifbeinig aus dem Sattel, schlang die Zügel lose um den Hitchrack und betrat gähnend die Cantina. Der Eingang war so niedrig, dass er sich bücken musste. Nach der flimmernden Helligkeit brauchte er Sekunden, um sich an die Dämmerung zwischen den kahlen, schmucklosen Lehmziegelwänden zu gewöhnen. Sekunden, in denen er die Männer nur wie Schemen sah.

Es waren vier. Raubeinige Burschen mit tiefhängenden Colts und lauernden Augen. Ihre Kleidung war schäbig und verdreckt, als seien sie wochenlang nicht aus der Wildnis herausgekommen. Niemand außer ihnen war hier, vom Cantinero keine Spur. Drei saßen an einem runden Tisch, halbvolle Gläser und ein Päckchen abgegriffener Spielkarten zwischen sich. Der vierte Kerl stand beim Fenster rechts neben der Tür. Ein Remingtongewehr lehnte neben ihm.

„Hallo“, sagte Shannon und ging zur Theke. Nur das Tacken seiner Absätze war zu hören. Vier verkniffene, unrasierte Gesichter drehten sich mit ihm mit. Der Atem der Gefahr füllte den tristen Raum, in dem es nach billigem Fusel und Tabakqualm roch.

„Suchst du wen, Muchacho?“, lauerte eine blecherne Stimme.

Shannon drehte sich grinsend an der Theke um. „Na sicher — den Kerl, der mir ’ne Pulle von dem Zeug verkauft.“' Er wies mit dem Kopf auf die Flaschen im wandhohen Regal.

Die Gesichter vor ihm grinsten. Ein Grinsen allerdings, das die kalten Augen nicht erreichte. Es war kein Zufall, dass die Hände der Pferdediebe in der Nähe ihrer tiefgeschnallten Colts hingen.

Shannon kannte sich aus mit solchen Burschen, die immer wieder seinen Weg kreuzten.

Diese Vier waren gefährlich wie Wölfe auf dem Sprung. Ihre Lässigkeit, ihr Grinsen war genauso Theater wie sein eigenes Auftreten.

Der mit dem knallroten Hemd und dem messerscharfen Oberlippenbärtchen lachte leise.

„Du siehst nicht aus wie einer, der lange wartet, wenn er was haben will. Oder irre ich mich?“ Und im gleichen Atemzug: „Hat Wellman dich hinter uns hergeschickt? Will er seine Pferde zurückhaben?“.

Shannon hatte sich eisern in der Gewalt. Er tat den Schurken nicht den Gefallen, sich zu verraten. Er grinste. „So ist das! Doch wer ist Wellman?“

Der Kerl mit dem Bärtchen beugte sich lauernd auf dem Stuhl vor. „Einer, der mindestens hundert Dollar für den Skalp von jedem von uns ausspuckt, so wie ich ihn kenne.“

Shannon zuckte die Achseln. „Schwer verdientes Geld, schätze ich. Und zu wenig, um dafür ins Gras zu beißen. Da genehmige ich mir lieber einen Drink auf Kosten des Hauses.“

Er ging um die Theke herum, steckte eine Hand nach einer bauchigen, bastumwickelten Flasche aus — und erstarrte. Direkt vor seinen Füßen lag mit dem Gesicht nach unten ein kahlköpfiger Mann, der eine verwaschene Schürze umgebunden hatte. Ein Blick auf die Messerwunde in seinem Rücken, und Shannon wusste, dass es keine Hilfe mehr für den Cantinero gab. Ihm war, als würde sich sein Magen in einen Eisklumpen verwandeln. Der Appetit auf den Drink war vergangen. Er fühlte die durchdringenden Blicke der vier Banditen, die nur auf eine falsche Bewegung warteten, um hier drinnen die Hölle zu entfesseln.

Shannon lauschte, wartete auf das Malmen von Tritten vor der Cantina, auf Bakers Auftauchen mit der Waffe in der Faust.

Nichts.

Die Stille war wie ein Abgrund, der alles zu verschlingen drohte.

„Ist was, Amigo?“ Wieder war es die blecherne, unangenehme Stimme des Kerls mit dem Bärtchen. Diesmal mit einem deutlich drohenden Unterton. „Du brauchst es nur zu sagen, wenn dir was nicht gefällt.“

Alles war umsonst gewesen. Nachdem die Banditen den Cantinero wahrscheinlich wegen ein paar lumpiger Pesos ermordet hatten, dachten sie nicht daran, ihn als Zeugen entkommen zu lassen, gleich, was er ihnen vorschwindelte. Langsam hob Shannon den Kopf und nahm die Flasche aus dem Regal.

Bemerkten die Schurken nicht, dass er die Linke dazu benutzte? Sie bewegten sich nicht. Die Flasche zerschellte auf dem festgestampften Lehmboden. Shannons Rechte war so schnell, dass kein Auge mitkam. Eine Schnelligkeit, die dem Satteltramp schon oft das Leben gerettet hatte. Wie hingezaubert lag der Colt in seiner Faust. Kein Versuch der Mörder, ebenfalls die Waffen zu ziehen.

„Wenn du abdrückst, Hombre, bist du ’ne Leiche“, grinste der Anführer verzerrt.

Der Vorhang aus Perlenschnüren, der eine dunkle Seitentür verdeckte, klimperte leise. Shannon hörte das metallische Schnappen eines Repetierbügels. Die weiße Narbe an seiner rechten Schläfe begann plötzlich zu jucken.

Vorsichtig wandte er ein wenig den Kopf. Vor dem schwankenden Vorhang stand ein großer, dunkelhäutiger Mexikaner mit einem Sharpskarabiner in den Fäusten. Langes schwarzes Haar umzüngelte sein maskenhaft starres Gesicht. Ein riesiger, spitzkroniger Sombrero baumelte auf seinem Rücken. An den Nähten seiner Chivarra-Hose blinkten silberne Zierknöpfe. Über seiner linken Schulter hing ein zusammengerollter, buntgemusterter Poncho. Kalte, mitleidlose Augen starrten Shannon an.

„Pech, Muchacho!“, höhnte der Anführer der Pferdediebe. „Pablo ist der Mann, der uns Wellmans Pferde abkauft. Er hat hier auf uns gewartet. Du hast keine Chance.“

„Aber ich!“, meldete sich Tom Bakers harte Stimme vom Eingang her.

Der Kerl neben dem Fenster packte seine Remington. Die anderen sprangen von ihren. Stühlen auf. Ein Glas zer klirrte auf dem Boden. Baker jagte eine Kugel in die Tischplatte.

Im nächsten Augenblick bewegte sich niemand mehr. Der dunkelgesichtige Mexikaner hielt nach wie vor den Finger am Abzug. In den unrasierten Gesichtern seiner Kumpane zuckte es heftig. Ihre Blicke flogen zwischen Shannon und Baker hin und her. Blicke, die die gegenseitigen Chancen abschätzten. Gekrümmte, zum Zupacken bereite Hände über den Kolben der tiefgehalfterten Colts.

Der Kerl mit dem Bärtchen lachte plötzlich heiser auf.

„Tom, beinahe hätt ich dich nicht wiedererkannt! Du liebe Zeit, was für ein Wiedersehen!“

„Hallo, Luke!“, antwortete Wellmans Vormann spröde.

Der Bandit zog die Hand von der Waffe, deutete auf Bakers Winchester.

„Sie friedlich, Tom. Du wirst doch nicht auf einen alten Sattelpartner schießen.“

„Das hängt ganz von dir ab, Luke. Sag deinen Freunden, sie sollen abschnallen.“ Bakers Stimme klang gepresst. Dicke Schweißtropfen glänzten auf seiner Stirn.

Luke schüttelte den Kopf.

„Das ist doch nicht dein Ernst, Tom. Das sind die paar Klepper, die wir Wellmann abgenommen haben, doch nicht wert. Es ist doch nicht dein Geld, um das es geht.“

„Es geht um mehr als Geld. Tu, was ich dir sage, Luke!“

„Das wird Santana nicht gefallen, Tom“, warnte der Bandit schleppend. „Du kennst ihn. Er kann es nicht leiden, wenn einer versucht, ihm ins Handwerk zu pfuschen. Er ist nicht nur ein gefährlicher, sondern auch ein verdammt mächtiger Mann, den sie nicht umsonst den „König der Pferdediebe“ nennen. Überleg’s dir gut, Tom, bevor du dich mit ihm anlegst.“

„Ich glaube nicht, dass Jeff Santana euch zu Wellmans Ranch geschickt hat. Ich glaube vielmehr, dass ihr auf eigene Faust und gegen seinen Befehl gehandelt habt. Ihr seid es. die Santana ins Handwerk pfuschen. Wellmans Ranch war bisher für ihn tabu.“

Luke duckte sich. Ein Flackern war in seinen Augen. „Du bist verrückt, Tom! Was du dir ausdenkst! Meinst du, Santana hat Angst vor deinem Boss?“

„Er hat andere Gründe.“

„Ach nein! Und woher willst du sie kennen?“

„Ich kenne sie eben. Und ich weiß, dass Santana euch keine Träne nachweinen wird.“

Einer von Lukes Kumpanen, ein gedrungener Kerl mit gedunsenem Gesicht und aufgeworfenen Lippen, spuckte auf den Boden. „Er redet nicht wie ’n alter Freund von dir, Luke.“

„Die Zeiten sind lange vorbei“, erklärte Baker heiser. Immer mehr Schweiß sammelte sich auf seiner Stirn. Nicht nur Shannon sah es. Lukes dünne Lippen verzogen sich zu einem verschlagenen Lächeln.

„Wirklich, Tom? Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass du auf einen Mann feuern willst, mit dem du Seite an Seite geritten bist, aber wenn du’s trotzdem vorhast, dann bedenke, dass wir zu fünft sind. Dein Partner wird keine Kugel mehr aus dem Rohr bringen. Dafür wird Pablo sorgen. Gleich, was Wellman dir bezahlt, Tom, es lohnt nicht, deswegen dem Teufel in den Rachen zu springen.“

Baker zögerte. Sein Blick tastete die lauernden Gesichter ab, ruhte auch einen Moment auf Shannon.

„Vielleicht hast du recht, Luke, doch würde es sich denn lohnen, wenn ich mich auf eure Seite schlage?“

Der Bandit lachte falsch. „Das klingt schon viel besser. Das klingt schon mehr nach dem alten Tom Baker, dem kein Job zu heiß war, wenn nur genug Bucks dabei heraussprangen. Klar, dass wir dich an dem Geschäft beteiligen, Tom. Aber was ist mit ihm?“

Er wies auf Shannon, der reglos hinter der Theke stand.

Bakers hellgraue Augen richteten sich kalt auf den schlanken, dunkelhaarigen Mann. „Er wird tun, was ich ihm sage, denn es ist seine einzige Chance, am Leben zu bleiben.“

„Da wär ich mir nicht so sicher“, lächelte Shannon verkniffen.

Baker richtete die Winchester auf ihn. Sporenklirrend kam er langsam durch die dämmrige Cantina. Shannon wartete auf ein Signal in den Augen des Vormanns, auf ein Zeichen, dass alles nur ein Bluff war. Doch Bakers schnurrbärtige Miene blieb ausdruckslos.

Ahnte er denn nicht, dass Luke und die anderen nur auf die Chance warteten, ihn und Shannon ohne Risiko zu erwischen?

Dieser verdammte starrgesichtige Mexikaner hielt immer noch den Finger am Abzug. Eine Warnung von Shannon, ein verkehrtes Wort an Baker, und das Krachen der Sharps würde das Letzte sein, was der Satteltramp hörte.

Luke und seine Kumpane bewegten sich nicht, als Wellmans Vormann an ihnen vorbeistreifte. Dann jedoch schlossen sich ihre Hände um die Revolverkolben. Keiner von ihnen würde auch nur einen Augenblick zögern, Baker in den Rücken zu schießen.

Es war eine Sekunde heißer Verzweiflung.

Shannon hielt zwar den Colt in der Faust, aber Bakers sehnige Gestalt verdeckte das Schussfeld. Luke war der erste, dessen Sixshooter aus dem Leder glitt.

„Schieß, Shannon!“, schrie Baker, warf sich zur Seite und feuerte auf den Mexikaner mit der Sharps. Die Kugel stieß den Mann durch den klirrenden Perlenvorhang in den angrenzenden Raum zurück.

Shannons Kugel traf Luke, riss ihn halb herum und schleuderte ihn unter die Tische.

Dann tauchte Shannon blitzschnell unter die Theke weg.

Mündungsfeuer stachen durch brodelnde Pulverdampfwolken auf ihn zu.

Eine Reihe von Flaschen zerplatzten im Regal hinter ihm.

Baker warf sich zu Boden, drehte sich und schoss gleichzeitig mit Shannon auf die huschenden Schatten hinter den grauen beizenden Schwaden. Schreie vermischten sich mit dem ohrenbetäubenden Krachen der Schüsse, das den Raum zu sprengen drohte.

Dann war schon alles vorbei.

Baker erhob sich mit steinernem Gesicht.

Shannon flankte mit einem geschmeidigen Satz über die grobgezimmerte, von Kugeln zernarbte Theke. Stöhnende Männer lagen zwischen Scherben, verstreuten Spielkarten, umgeworfenen Stühlen und Tischen. Auf die Ellenbogen gestützt, starrte Luke den blonden Vormann ungläubig an.

„Tom!“, keuchte er. „Du verdammter ...“

Besinnungslos fiel er zurück. Baker ging an ihm vorbei auf den vierten, unverletzt gebliebenen Pferdedieb zu, der bleich, mit erhobenen Händen an der Adobewand stand. Es war jener mit den Wulstlippen.

„Wie heißt du?“

„Wade Nesbit. Zum Teufel, Mann, tu das verdammte Gewehr weg. Ich hab genug. Ich kämpfe nicht mehr. Ich verzichte auf die Pferde. Mach mit ihnen, was du willst.“

„Hat Lopez euch den Tipp mit Wellmans Zuchtpferden gegeben?“

Der Bandit blinzelte verständnislos.

„Wer ist Lopez?“

Baker drückte ihm mit grimmiger Miene die Winchester gegen den Bauch.

„Der Kerl, den ihr mit drei von Wellmans Pferden für seine Mithilfe bezahlt habt!“

„Ich kenne keinen Lopez!“, krächzte Nesbit. „Wellmans Klepper stachen uns schon lange in die Augen. Vor allem Luke leuchtete es nicht ein, dass Santana sie nicht haben wollte. Es ist richtig, dass uns drei von den Gäulen durch die Lappen gegangen sind. Wir hatten keine Zeit, sie zu suchen. Wir wollten schleunigst über die Grenze.“

Es war ihm anzusehen, dass er die Wahrheit sagte.

Schwer atmend trat Baker zurück und wandte sich an Shannon.

„Du hattest recht. Wir haben einen Unschuldigen gehängt. Jetzt müssen wir wie die Teufel reiten, um nicht auch noch für Lopez’ Jungen zu spät zu kommen.“

 

*

 

Antonio Lopez schlug die Augen auf, wälzte sich auf die Seite und erstarrte, als er die Frau an der Gittertür zu seinem Verlies im Erdgeschoss von Wellmans Ranchhaus sah. Sie war jung, hübsch, gertenschlank und dunkelblond. Große blaue Augen brannten in einem bleichen ebenmäßigen Gesicht. Augen, in denen sich eine Mischung aus Besorgnis, Furcht und Neugierde spiegelten. Mit einer Hand hielt sie krampfhaft die fransenverzierte Mantilla zusammen, die sie um die schmalen, weichgerundeten Schultern geschlungen hatte. Unwillkürlich trat sie einen Schritt von den Eisenstäben zurück, ohne jedoch den Blick von dem jungen Gefangenen zu wenden.

Antonio setzte sich langsam auf, schwang die Füße von der schmalen Holzpritsche, die mit Eisenketten an der kahlen Wand befestigt war. Es war eine Zelle wie in einem richtigen Gefängnis. Eingeritzte Zeichen an den Wänden verrieten, dass der junge Lopez nicht der erste Insasse war.

Eine Petroleumlampe erhellte den schmalen Gang hinter der Frau. Nirgends ein Fenster. War es Tag? War es Nacht? Antonio hatte keine Ahnung. Er wusste nicht, wieviel Zeit ihm noch blieb, bis sie ihn holen würden, um ihn zu hängen, wie sie es mit seinem Vater gemacht hatten.

„Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?“

Zögernd stand er auf. Die Frau machte eine Bewegung, als wolle sie sich herumwerfen. Doch irgend etwas zwang sie zum Bleiben. Ihre Stimme klang leise.

„Ich bin Loreen Milnor, Brents Verlobte. In ein paar Tagen wollen wir heiraten. Ich bin heute mit einer Kutsche aus El Paso angekommen. Warum bist du hier eingesperrt?“

Antonio lachte rissig. „Hat Wellman Ihnen das nicht erzählt? Er ist doch sonst so stolz darauf, wenn er unter seinen Feinden aufräumt.“

Die Art, wie der junge Mexikaner lachte, trieb die Frau noch weiter zurück.

„Brent weiß nicht, dass ich hier bin“, antwortete sie zögernd. „Er hat mir nichts davon gesagt, dass es auf seiner Ranch ein Gefängnis gibt und ...“ Sie zuckte zusammen, als Antonio mit einem Panthersprung die Tür erreichte und die Eisenstäbe mit beiden Händen umklammerte.

Er presste keuchend sein Gesicht dagegen. Seine schwarzen Augen glühten.

„Helfen Sie mir, Senorita! Holen Sie mich hier heraus! Ich bin unschuldig!“

Die hübsche dunkelblonde Frau schluckte. „Wenn das stimmt, hast du von Brent nichts zu befürchten.“

„Sie irren sich, Senorita!“, keuchte Antonio. „Er bildet sich ein, er kann mit seinen Freunden von den Nachbarranches in diesem Land Recht und Gesetz vertreten, so wie es sein Vater getan hat. In Wahrheit will er nur seine Macht und Stärke beweisen und den anderen Ranchern vor Augen führen, dass er der Mann ist, der hier den Ton angibt! Er will mich hängen lassen!“

„Warum?“

„Er hält mich für einen Pferdedieb.“

„Aber das ist doch kein Grund, um ...“

„Sie kennen dieses Land nicht, Senorita! Auf Pferdediebstahl steht hier noch immer die Todesstrafe, wie vor zehn, zwanzig Jahren.“

„Mein Gott!“ Loreen schauderte. „Ich werde mit Brent darüber sprechen.“ Sie wollte sich abwenden.

„Tun Sie’s nicht!“, schrie Antonio. Er rüttelte heftig an den Gitterstäben. „Es ist nur ein Grund mehr für ihn, mich nicht entkommen zu lassen! Er wird nie zugeben, dass er im Unrecht ist. Er hat auch meinen Vater gehenkt, der unschuldig war. Brent Wellman ist ein Mörder!“

„Nein!“ Die junge Frau schüttelte heftig den Kopf. „Das ist nicht wahr! Das sagst du nur, damit ich ...“

Sie verstummte. Der verzweifelte Ausdruck auf Antonios schmalem, braunem Gesicht verriet mehr als alle Beteuerungen.

„Helfen Sie mir!“, flüsterte Antonio heiser. „Schließen Sie auf! Der Schlüssel hängt an dem Haken dort an der Wand.“

Loreens Blick folgte wie von einem fremden Willen gelenkt Antonios ausgestreckter zitternder Hand.

Da flog die Bohlentür hinter ihr auf. Schwere Tritte pochten den Korridor entlang. Ein bärtiges, breitflächiges Gesicht tauchte im Lichtkegel der schwach brennenden Petroleumlampe auf.

„Ah, da sind Sie ja, Miss Loreen. Der Boss sucht Sie schon überall. Er hat vergessen, Ihnen zu sagen, dass Sie diesem Teil des Hauses besser fernbleiben. Es kommt nur hin und wieder vor, dass wir hier einen Gast haben, aber dann sind es Burschen, die vor nichts zurückschrecken wie der da.“ Der Bärtige wies mit dem kurzen Stiel einer zusammengerollten Peitsche auf den Gefangenen. Er lachte roh. „Aber keine Sorgen, Ma’am. Der Boss weiß genau, wie solche Halunken zu behandeln sind. Kümmern Sie sich nur nicht darum, was immer er Ihnen vorzuschwindeln versucht hat. Geh weg von der Tür, Lopez, sonst mach ich dir Beine!“

Loreen griff hastig nach dem Arm des Bärtigen. „Was wird mit ihm geschehen?“

Der Bärtige hob die breiten, muskulösen Schultern. „Was mit allen verdammten Pferdedieben zwischen dem Nueces River und dem Rio Bravo geschieht, Er wird hängen. Kommen Sie, Miss Loreen, ich bring Sie zum Boss.“

Antonio warf sich wie eine eingesperrte Raubkatze gegen die fest verschlossene Zellentür.

„Mörder! Lasst mich raus! Ich bin unschuldig, ihr verdammten Hunde!“

Der Bärtige, schon halb im Abwenden, stockte.

„Du sollst von der Tür weggehen, Greaser, hab ich gesagt! Versuch hier bloß nicht vor Mr. Wellmans Braut den wilden Mann zu spielen. Das bekommt dir garantiert nicht. Da kennst du Hank Fletcher noch immer nicht gut genug, mein Junge.“

„Ich bin unschuldig! Lasst mich raus, ihr verfluchten Gringos! Senorita, helfen Sie mir!“

Wieder und wieder sprang der junge Mexikaner verzweifelt gegen die Gitterstäbe.

Entsetzt wich Loreen Milnor an die Korridorwand zurück. Der Haken mit dem großen Zellenschlüssel war nur eine Armlänge von ihr entfernt. Ihr flackernder Blick wurde von ihm angezogen. Aber da war Fletchers klobige, behaarte Pranke, die den Schlüssel herabnahm. Gleich darauf sprengte ein wuchtiger Fußtritt die Zellentür nach innen auf.

Geduckt wie ein in die Enge getriebener Wolf wich Antonio zurück. Fletchers massige Gestalt füllte die Breite der Tür. Er hatte die junge Frau vergessen. Mit einem drohenden Grinsen schüttelte er die aus Rohleder geflochtene Peitschenschnur aus.

„Na warte, Freundchen, gleich wirst du hier keinen Stunk mehr machen!“

Der erste Schlag traf Antonio quer über den Oberkörper und fetzte sein Hemd auf. Der Mexikaner taumelte gegen die Zellenwand. Der Bärtige erwischte ihn nochmals, dann war Loreen bei ihm. Sie klammerte sich an ihn.

„Aufhören! Um Himmels willen, Sie haben kein Recht, ihn so zu behandeln!“

Bevor Fletcher sich losreißen konnte, stürzte Antonio heran. Fletcher brachte nur noch eine halbe Verwünschung heraus, dann traf ihn der Lauf seines eigenen Colts an der Schläfe. Ächzend sank der schwere Mann auf die Knie, fiel nach vorn und rührte sich nicht mehr.

Keuchend, mit der fremden, ungewohnten Waffe in der Faust, starrte der junge Mexikaner auf ihn nieder. Als er den Kopf hob, begegnete sein funkelnder Blick wieder den Augen der Frau.

Sie lehnte bleich am Zellengitter. Antonio versuchte ein dankbares Lächeln, aber es wurde nur eine Grimasse daraus.

„Flieh!“, keuchte Loreen. „Schnell, bevor ...“

Sie fuhr zusammen. Wellmanns harte Stimme kam vom Ende des Korridors.

„Hank? Loreen?“

Die Bohlentür bewegte sich. Die schattenhaften Umrisse des Ranchers zeichneten sich im hereinflutenden Sonnenlicht ab.

Antonio riss die erschrockene Frau zu sich heran und hielt ihr den erbeuteten Colt an die Schläfe.

„Keinen Fehler, Wellman, wenn du nicht willst, dass deine Verlobte noch vor mir stirbt!“

Der Schatten in der halb offenen Tür verschwand blitzschnell. Ein halblauter Fluch, hastige Tritte, dann nichts mehr.

Loreen wand sich in Antonios hartem Griff.

„Lass mich los! Mein Gott, du hast mich belogen! Du bist ja wirklich ein ...“

„Ich bin unschuldig!“, knirschte der junge Mexikaner. „Doch ich weiß, dass ich nur einen Trumpf habe, um lebend von dieser Ranch zu kommen: Sie!“

Er presste sie entschlossen an sich. Der kalte Stahl des 45ers berührte ihre Schläfe. Langsam schob Antonio die Frau vor sich her den Korridor entlang.

„Wellman, ich komm jetzt! Denk immer dran, dass jeder Schuss, der auf mich abgefeuert wird, deine zukünftige Frau töten wird!“

Keine Antwort, kein Laut.

Loreen hörte auf, sich zu wehren.

„Sei vernünftig! Damit stempelst du dich doch nur selbst zum Verbrecher! Gib mich frei und ich werde alles tun, um ...“

„Wellman würde nicht auf Sie hören. Er lässt mir keine andere Wahl. Los, weiter! Glauben Sie ja nicht, ich bluffe nur! Ich werde alles tun, um am Leben zu bleiben und meinen Vater zu rächen!“

Er war nicht mehr der hoffnungslos Verurteilte. Hass glitzerte in seinen Augen. Ein Hass, der ihn nicht nur die Furcht, sondern auch die Dankbarkeit vergessen ließ. Niemand war zu sehen. Auch dann nicht, als Lopez mit seiner Geisel auf der überdachten Ranchhausveranda stand.

Der weitflächige Hof lag im flimmernden Licht. Buschbewachsene Hügel umschlossen die Lehmziegelgebäude, Blockhütten, Korrals und das hohe, klapprige Gerüst des Windbrunnens. Über allem spannte sich der seidig blaue, wolkenlose Himmel des südlichen Texas.

Antonios funkelnder Blick tastete die Hüttenecken, Zäune, Brennholzstapel und abgestellten Wagen ab.

„Wellman, ich weiß, dass du hier bist! Ich warne dich! Spiel nicht mit dem Leben dieser Frau! Schick einen deiner Männer mit einem Pferd her! Ich geb deine Verlobte frei, wenn die Ranch hinter mir liegt. Hast du verstanden, Wellman?“

Stille. Ein leichter Luftzug trieb Staubwirbel über den Hof. Antonios Griff um Loreens Handgelenk verstärkte sich. Er schob die Frau bis an die Verandakante.

„Brent, tu, was er verlangt!“, rief Loreen mit halberstickter Stimme. „Er hasst dich! Er ist zum Äußersten entschlossen!“

Es dauerte eine Weile, bis Wellmans Antwort aus dem Schatten kam. „Okay, Lopez, gib Loreen frei, dann kannst du verschwinden!“ Auch jetzt war seine Stimme kalt, herrisch, keineswegs die Stimme eines in die Enge Getriebenen.

Der junge Mexikaner lachte hasserfüllt.

„O nein, Wellman, ich kenne dich! Ich weiß, dass ich so nicht weit kommen würde! Ich stelle die Bedingungen! Ich werde ...“

Reiter preschten in einer Staubwolke aus den Hügeln. Die Hufe dröhnten wie Indianertrommeln. Jemand schrie:

„Boss, sieh dir das an! Das sind Tom und dieser Satteltramp Shannon. Sie haben die Pferde bei sich und einen Gefangenen.“

 

*

 

Das Hämmern der Hufe verstummte zwischen den Korrals. Der Staub senkte sich. Kerzengerade saßen die Reiter in den Sätteln, bis auf Nesbit, dessen Hände vorn zusammengebunden waren. Sein unrasiertes Kinn ruhte auf der Brust. Baker legte eine Hand auf den Winchesterkolben, der aus dem staubigen Sattelfutteral ragte.

„Wellmans Verlobte“, raunte er Shannon zu.

Shannon blickte auf den Colt in Antonios Faust und hatte plötzlich das Gefühl, dass sie trotz allem zu spät gekommen waren. Seine Stimme klang rau, als er befahl:

„Lass die Frau los, Muchacho! Es ist alles vorbei. Wir haben die wirklichen Pferdediebe erwischt. Hier ist einer von ihnen, der deine Unschuld bestätigen wird.“

„Wellman wird nicht danach fragen! Er wird schon aus dem Grund versuchen, mich zu töten, um zu verhindern, dass ich eines Tages zurückkomme und mit ihm abrechne. — Ist es nicht so, Wellman?“ Er lachte rissig. Ein Lachen, das vergessen ließ, dass er noch ein halber Junge war, noch keine zwanzig. „Du hättest dir den Weg sparen können, Shannon! Versuch mir nicht einzureden, was ich zu tun habe, um am Leben zu bleiben. Ich weiß es selbst ganz genau.“

„Sei nicht verrückt, Amigo! Wenn du die Frau bedrohst, machst du dich zum Banditen!“

„Spielt das denn noch eine Rolle, wenn Wellmans Leute den Strick für mich so oder so bereithalten? Gib dir keine Mühe, Shannon. Und vor allem: bleib, wo du bist, sonst ...“

Ein Schatten löste sich aus der offenen Tür hinter ihm.

Wellman.

Er war lautlos durch ein Fenster ins Ranchhaus eingestiegen. Nun bewies der große, breitschultrige Rancher seine ganze Gefährlichkeit. Ein Sprung, ein Griff nach Antonios Schulter, ein knochenharter Schlag, und der junge Lopez wälzte sich auf den Verandabrettern. Mit einem wuchtigen Tritt prellte Wellman ihm die Waffe aus der Hand und richtete selbst den Revolver auf ihn.

Loreen taumelte mit einem leisen Aufschrei gegen einen Stützpfeiler.

„Brent, um Himmels willen, tu’s nicht!“

„Hör auf sie, Wellman, wenn du nicht willst, dass es dich selbst erwischt!“

Shannon hielt plötzlich ebenfalls den Colt in der Faust, die einzige Sprache, die ein Mann wie Brent Wellman wirklich verstand.

Shannon ritt über den heißen, staubigen Hof, ohne die Männer zu beachten, die ringsum mit Gewehren und Revolvern aus dem Schatten traten.

Baker folgte mit dem zusammengesunkenen Gefangenen.

„Brentl Lopez ist tatsächlich unschuldig! Es gibt nicht mehr den leisesten Zweifel daran.“

Wellmans Kopf ruckte herum. Sein hartliniges, sonst so eisern beherrschtes Gesicht verzerrte sich.

„Geht es denn darum überhaupt noch, Tom?“

„Wofür haben Shannon und ich sonst unsere Haut riskiert?“, versetzte Baker hart. Kein Wort davon, dass er gezwungen gewesen war, auf einen ehemaligen Sattelgefährten zu schießen. Sein schnurrbärtiges Gesicht war grau und kantig, sein Blick zwingend.

Widerwillig ließ Wellman die Waffe sinken. Im Nu war Antonio auf den Beinen. Hastig stellte der Rancher einen Fuß auf den am Boden liegenden Colt. Der junge Mexikaner lachte grell.

„Du hast allen Grund, um dein Leben zu bangen — Mörder!“

Das letzte Wort stieß er wild hervor. Loreen schlug die Hände vors Gesicht. Ihre Schultern zuckten. Die Knöchel an Wellmans Fäusten schimmerten weiß. Sein Blick suchte Shannon.

„Bist du nun zufrieden, Satteltramp?“, stieß er hasserfüllt hervor, so als sei Shannon schuld an allem. „Hast du mich nun da, wo du mich haben wolltest? Und jetzt? Wartest du darauf, dass Lopez’ Sohn mir bei passender Gelegenheit ’ne Kugel in den Schädel jagt?“

„Ich werde ihn daran hindern, so wie ich dich daran gehindert habe, auf ihn zu schießen. Antonio wird mit mir reiten.“

„Wohin?“

Shannon wies auf den Gefangenen. „Er wird mir helfen, Nesbit beim nächsten Sheriff abzuliefern. Ich werde dafür sorgen, dass von jetzt an das Gesetz den Weg auch in diese abgelegene Gegend findet.“

Sekundenlang blitzte Hass in Wellmans Augen. „Verrückt! Es sind fast hundert Meilen bis Del Rio, wo der nächste Sternträger sitzt. Das schaffst du nie.“

Shannon lächelte gefährlich. „Glaub nicht, du kannst mich aufhalten, Wellman. Du würdest es bestimmt bereuen.“

 

*

 

Wellman stürzte auch den zweiten Drink in einem Zug hinunter, ehe er sich heftig zu Baker umdrehte, der müde in einem Ledersessel ruhte.

„Hör auf, Löcher in die Luft zu starren. Tom! Damit änderst du auch nichts mehr daran, dass Pedro Lopez tot ist. Zum Teufel, ja, wir haben einen Fehler gemacht, aber das heißt noch lange nicht, dass Lopez eine reine Weste hatte. Ich bleibe dabei, dass er mit den Banditen unter einer Decke steckte, dass sie den Tipp mit meinen Gäulen von ihm hatten!“

Baker blickte ihn leer an. Sein schnurrbärtiges Gesicht wirkte um vieles älter als er tatsächlich war.

„Mach dir doch nicht selbst was vor, Brent.“

„Hölle und Verdammnis! Sieh mich doch an, Tom! Willst du behaupten, ich bin ein Mörder?“

„Nach dem Gesetz — ja.“

„Gesetz, Gesetz!“, schnaubte der Rancher zornig. „Wessen Gesetz denn? All die Jahre hindurch hat sich kein Sternträger in dieser Gegend blicken lassen. In dieser ganzen Zeit waren wir auf unser eigenes Gesetz angewiesen, und es hat uns genügt. Zum Teufel, glaubst du denn, die Sternträger in Del Rio, El Paso und wer weiß wo sonst haben noch nie ’nen Unschuldigen an den Galgen gebracht?“

„Darum geht es jetzt nicht ...“

„Richtig!“ Wellman atmete tief durch. Sein aufgewühltes Gesicht wurde wieder starr und kantig. „Es geht vielmehr darum, was passiert, wenn dieser verrückte Shannon mit Lopez’ Sohn und dem gefangenen Pferdedieb nach Del Rio durchkommt.“

Baker erhob sich langsam. „Brent, wir haben schon einen verhängnisvollen Fehler gemacht! Wir dürfen nicht ...“

„Willst du ein Aufgebot hierhaben?“, unterbrach ihn Wellman schneidend. „Willst du, dass wir in Handschellen nach Del Rio gebracht werden, so als wären wir die Schurken, die das Land zwischen dem Nueces und dem Rio Bravo mit Mord und Terror überziehen? Willst du das wirklich, Tom?“

Baker schluckte. Sein Gesicht war fahl.

„Was willst du, Brent?“

„Verhindern, dass Shannon uns einen Sternträger auf den Hals hetzt. Er darf mit dem gefangenen Halunken Del Rio nicht erreichen. Du wirst dafür sorgen. Du bist der Mann, dem ich vertraue, Tom, auf den ich mich verlasse wie auf sonst keinen.“

Der sehnige Vormann schüttelte den Kopf. „Nein, Brent, das ist keine Lösung. Damit verstricken wir uns nur tiefer in ...“

„Weißt du einen anderen Ausweg? Verdammt, Tom, niemand hat Shannon gebeten, sich in unsere Angelegenheiten einzumischen. Hätte er die Finger von der Sache gelassen! Dann ...“

„... wäre jetzt auch ein zweiter Unschuldiger tot“, unterbrach Baker ihn heiser. „Dann hättest du deine wertvollen Zuchtpferde nie zurückbekommen, und die wirklichen Täter würden eines Tages wiederkommen und zuschlagen. Ich bin Seite an Seite mit Shannon geritten, Brent. Ich weiß, der Mann ist in Ordnung.“

Wellman lachte wütend.

„So sehr in Ordnung, dass er drauf und dran ist, uns alle an den Galgen zu bringen oder zumindest für Jahre hinter Gitter! Könnte es etwas Schlimmeres für dich geben, Tom? Für einen Mann, der im Sattel zu Hause ist, der ohne seine Freiheit nicht leben kann? Glaub ja nicht, ich denk nur dran, meine eigene Haut zu retten, Es geht auch um dich, Ike Sheppard und Gil Taylor. Sie haben Frau und Kinder. Willst du, dass sie wie gewöhnliche Verbrecher abgeurteilt werden? Es wäre ihr Ruin!“

Baker fuhr sich mit dem Handrücken über die schweißnasse Stirn. „Es war kein vorsätzlicher Mord, Brent. Vielleicht wird der Richter ...“

„Ich lasse mich auf nichts ein! Ich werde es erst gar nicht so weit kommen lassen, dass wir vor einer Jury um Gnade betteln müssen! Das wäre ja noch schöner. Nein, Tom, kein Wort mehr! Vergiss nicht, wer hier der Boss ist! Verlier keine Zeit mehr. Nimm deine Winchester, lass dir ein frisches Pferd satteln und reite!“

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934113
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v505707
Schlagworte
shannon horseking

Autor

Zurück

Titel: JIM SHANNON #17: Shannon und der Horseking