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In die Falle geritten

2019 162 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

In die Falle geritten

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

In die Falle geritten

Western von Larry Lash

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 162 Taschenbuchseiten.

 

Phil Brook, der Kartenhai, der Mann mit den schnellen Colts, kam nach Silver City zurück – mit einem Toten über dem Sattel.

Phil Brook wollte wissen, wer den hinterhältigen Schützen bezahlt hatte, der ihn erledigen sollte.

Er hätte weiterreiten sollen, weit fort! Silver City war eine böse Stadt geworden, eine Falle, die über Phil zuschnappen sollte, hart, grausam, tödlich; denn Silver City war in der Hand von Victor Havillan …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Hugo Kastner, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1.

Nachtschatten verdunkelten das Land. Die Wolken zogen so tief am Himmel, dass es aussah, als würden sie die Erde berühren.

Der Hufschlag der Pferde war auf dem sandigen Boden kaum zu hören. Kleine Staubfahnen wirbelten unter den Hufen auf und wurden vom Wind seitwärts in die Büsche geweht.

Weit in der Ferne schimmerten die Lichter der Stadt. Die Berge der Davis Mountains schienen in den Himmel zu ragen. Das ab und zu aufblitzende Wetterleuchten tauchte die Gegend in ein fahles Licht.

Phil Brook wusste, dass das Wetterleuchten in diesen Breiten das Vorspiel zu einem heftigen Gewitter sein konnte. Aber das würde ihm wenig ausmachen, er war mit der Natur vertraut.

„Ich hätte Zack Rutherfort dort liegenlassen sollen, wo ihn meine Kugel erwischte“, kam es Phil Brook ungewollt über die Lippen. Er blickte auf das zweite Pferd, das er an einer Longe mit sich führte. Quer über dem Sattel trug es eine unheimliche Last: den Körper eines Toten. Das strähnige Haar des toten Revolvermannes flatterte im Wind. Es verdeckte nicht die grausige Schusswunde mitten in der Stirn.

Phil Brook blickte den Mann an, der ihn vor wenigen Minuten aus der Welt fegen wollte. Das Gesicht Zack Rutherforts war verzerrt, es glich einer in Angst erstarrten Maske. In diesem vom Tode gezeichneten Gesicht war jetzt nichts Böses mehr. Das war etwas, was Phil nicht so recht begreifen konnte; denn als Zack Rutherfort ihn überrascht hatte und seine Chance voll ausspielte, war das Böse in diesem Mann besonders deutlich gewesen.

„Dabei hatte er keinen Grund“, murmelte Phil Brook mit heiserer Stimme.

Noch war die Stadt nicht erreicht, noch konnte Phil anhalten, abseits vom Weg ein Grab schaufeln und nach dieser Arbeit weiterreiten. Ein geschickter Mann konnte alle Spuren so auslöschen, dass niemand etwas finden würde. Einen Moment lang dachte Phil an diese Möglichkeit, doch dann schüttelte er den Kopf.

„Nein“, sagte er aus seinen Gedanken heraus, „nicht so! Das wäre feige. Ich habe keinen Grund, das zu tun. Es war ein Kampf, bei dem ich kaum eine Chance hatte. Rutherfort hätte es verdient, dass man ihn einfach verscharren würde, doch er ist verheiratet und hat Kinder. Der Himmel mag wissen, warum er auf meinen Skalp aus war.“

Phil konnte einfach nicht begreifen, warum Zack Rutherfort es auf ihn abgesehen hatte. Was hatte sich der Revolvermann dabei gedacht, als er ihm den Kampf aufdiktierte? Wollte er seinen düsteren Ruhm noch vergrößern? Nun, so dumm war Rutherfort nicht, dass er es in diesem Fall offen versucht hätte. Er wusste, dass er einen Mann, der so schnell mit dem Eisen war wie Phil, in einem fairen Kampf nicht so leicht besiegen konnte. Bei nüchterner Überlegung hätte Rutherfort sich sagen müssen, dass sich ein offener Kampf für ihn nicht lohnte. Es gab im ganzen Land kaum

einen Mann, der schneller ziehen konnte, der das Eisen schneller heraus hatte als Phil Brook.

Hatte Zack Rutherfort davon gehört, dass er das Land verfassen wollte? Hatten die beiden Freunde geredet, denen Phil seine Absicht verraten hatte? Er erzählte ihnen, dass er vorhatte, irgendwo anders, fern von Texas, ein neues Leben unter einem anderen Namen zu beginnen. Phil wollte die Vergangenheit abstreifen, die ihm hier einen traurigen Ruhm als Revolvermann verlieh.

By Gosh, Phil mochte nicht als ein Mann weiterleben, dessen Berühmtheit immer weitere Kreise zog, die aus nah und fern alle Burschen anlockte, die nur eines im Sinn hatten: mit ihm anzubinden, ihn zu schlagen, um dadurch selbst schnell berühmt zu werden. Phil Brook hatte genug von diesen Revolvermännern, diesen verrückten, ehrgeizigen Revolverschwingern, die ihn zwangen, auf sie zu schießen, um das eigene Leben zu behalten.

Zack Rutherfort war keiner von denen, die sich des Ruhmes wegen an ihn wagten. Wer aber konnte Zack auf seine Fersen gesetzt haben?

Wollte man verhindern, dass er das Land verließ? Nur zwei Männer wussten, dass er die Stadt verlassen wollte und auf dem Trail in ein neues Leben war. Diese beiden Männer hielt er für seine Freunde und hatte sich ihnen anvertraut. Von beiden hatte er Abschied genommen. Aber auch von Jayne Canitt hatte er sich verabschiedet. Das war erst einige Stunden her, und doch hatte Phil Brook das Gefühl, als wären seitdem schon Wochen vergangen. Nach dem Kampf mit Zack Rutherfort schienen sich Ewigkeiten zwischen ihn und die alten Freunde geschoben zu haben. Sicherlich würde man seine Rückkehr zur Stadt belächeln.

Der tote Zack Rutherfort zwang ihn zur Rückkehr. Wer war es nur, der den Revolvermann hinter ihm hergeschickt hatte? Es war anzunehmen, dass man Zack für den Überfall auf ihn bezahlt hatte, denn tausend Dollar waren mehr, als der Revolvermann je hätte verdienen und sparen können. Genau diese Summe aber hatte Phil bei dem Toten gefunden.

Tausend Dollar war also jemandem Phil Brooks Tod wert. Es wäre jetzt leicht, Zack Rutherfort zu beerdigen und dann weiterzureiten.

Es fragte sich nur, wann der nächste Mordschütze auf seiner Fährte sein würde. Jemand, der tausend Dollar bezahlte, um ihn zu vernichten, würde auch einen zweiten Mörder finden.

„Ich laufe nicht davon“, sagte Phil leise. „Ich muss wissen, wer für meinen Skalp tausend Dollar zahlt. Ich werde es herausfinden!“

Phil Brook dachte an die Menschen in der Stadt. Man liebte ihn dort nicht sonderlich, aber er konnte sich nicht vorstellen, dass ihn jemand besonders hasste. In der Stadt hatte er keine würdige Rolle gespielt, denn er fristete sein Leben durch Kartenspiel und gelegentliche Dienste. Man sah ihn als Außenseiter nicht gerne, doch man respektierte ihn. Die Fertigkeit, gut mit dem Colt umgehen zu können, gestattete ihm eine gewisse Bewegungsfreiheit.

Mehr und mehr ekelte sich Phil Brook vor sich selbst. Seine Lebensweise, die ihn zum Parasiten stempelte, wurde ihm zuwider. Irgendwo, weit entfernt von Texas, im Norden Montanas, wollte er sich eine Existenz aufbauen. Dieser Traum war jetzt zu Ende. Phil war nicht der Mann, der still

und heimlich vor etwas davonritt. Es lag ihm nicht, den toten Gegner zu verscharren und sich dann aus dem Staub zu machen. By Gosh, wenn er auch schon ein Spieler war, so doch nicht von der Sorte, die durch Tricks und Betrügereien ihren Mitspielern das Geld abnahm. Nein, es gab in seinem Leben nichts, dessen er sich hätte schämen müssen, nichts, das seine Vergangenheit dunkel machte. Daran änderte auch der Revolverruhm nichts, der ihn zu einem der schnellsten Männer in Texas werden ließ.

Phil Brook löste sich von dem Anblick des Toten und sah zur Stadt hin, die mit jedem Hufschlag der Pferde näher heranrückte. Phils hageres Gesicht mit den tiefliegenden Augen und den hervorstehenden Wangenknochen, über denen sich die Haut ein wenig spannte, war blass. Seine leicht gekrümmte Nase verstärkte noch sein indianerhaftes Aussehen. Das dunkle, volle Haar quoll unter der Stetsonkrempe hervor. Phil war breitschultrig und schmalhüftig.

Die beiden tief hängenden 45er Colts unterschieden ihn von anderen Männern. In diesem Land gab es viele große, schlanke Männer, die fast alle Cowboykleidung, bunte Hemden und Halstücher, Cordhosen und Cordjacken, Stiefel und Sporen, dazu breitrandige Stetsons trugen. Phil Brook bildete keine Ausnahme. Er war Texaner und in El Paso, nahe der texanischen Grenze, geboren. Er kannte den Westen gut, da er mit den Treibherden auf dem Marsch gewesen war. Was das bedeutete, konnte nur der ermessen, der Tausende von Meilen durch Einöden und wilde Indianergebiete, über Berge und durch Flüsse getrailt war. Hinzu kamen die Kämpfe mit der Natur, gegen feindliche Indianerhorden, wilde Tiere und Banditen.

Das alles war lange her, noch bevor Phils Revolverschnelligkeit ihm einen besonderen Namen verliehen hatte – noch ehe er dadurch zum einsamen Mann geworden war. Damals, als er noch als Treibherden-Cowboy arbeitete, als das harte Treiben ihm Tag und Nacht das Letzte abverlangte und er seine schnelle Hand noch nicht entdeckt hatte, war er glücklich gewesen. Das alles war vorbei. Er empfand jetzt nicht mehr viel beim Anblick eines toten Gegners. Reue und Mitleid waren ihm mit der Zeit fremd geworden. Es war wie beim Spiel. Wer den Kampf gewann, der war der Sieger.

Was aber hatte Jayne Canitt dazu getrieben, sich vom ihm abzuwenden?

„Du bist wie ein Stein, Phil“, hörte er sie wie aus weiter Ferne sagen. „Deine Sinne sind abgestumpft. Zu oft schon fuhr der Tod aus deinen Coltläufen. Mag sein, dass du bedroht wurdest und dass dir keine andere Wahl blieb, aber allein der Gedanke daran, dass du Menschenleben vernichtetest, ist entsetzlich. Es hat in deinem Leben Spuren hinterlassen, Phil.“

„Mit anderen Worten, du fürchtest dich?“

„Nicht vor dir, Phil, nur davor, dass du innerlich ausgebrannt und kalt wie Eis geworden bist. Ich muss deinen Antrag ablehnen, ich kann deine Frau nicht werden. Es tut mir leid, dass ich es dir sagen muss, Phil. Dein Leben unterscheidet sich zu sehr von meinem. Du lebst in den Tag hinein, du lebst von der Hand in den Mund, vom Verdienst beim Kartenspiel. Manchmal glaube ich, dass du nur darauf wartest, dass vernichte Burschen mit dem Revolver kommen, um sich mit dir zu messen. Dir ist es angenehm, dass dich die Leute mit einem Gefühl von Angst und Grauen betrachten. Es schmeichelt dir irgendwie, und du fühlst dich wie jemand, der über Tod und Leben bestimmen kann.“

„Nein, so ist es nicht!“ Phil wollte Jayne zurückhalten, doch sie war davongelaufen, damit er ihre Tränen nicht sah.

Sonderbar, dass Phil jetzt so intensiv an Jayne Canitt denken musste. Es war, als hörte er sie sagen: „Und jetzt bringst du Zack Rutherfort nach Silver City zurück! Nun, niemand hat Zack Rutherfort leiden können, er war ein zweifelhafter Mann, ein Bandit, wenn man es klar ausdrücken will. Er tyrannisierte seine Familie und machte seinen Sohn zum Krüppel. In einem Wutanfall schleuderte er ihn gegen eine Hauswand. Seit der Zeit kann sich der Junge nur noch im Rollstuhl bewegen. Zack Rutherfort betrog seine Eltern und trieb sie aus ihrem Haus. Sie hätten seinetwegen verhungern können, wenn sich die Menschen in der Stadt nicht ihrer angenommen hätten. Rutherforts erste Frau starb auf mysteriöse Weise. Dieser Revolvermann hat aber trotz allem seine Freunde. Du hättest ihn nicht zur Stadt zurückbringen sollen. Du hättest ihn nach dem Kampf liegenlassen sollen, meinetwegen mit einem Brief, in dem du alles, erklärtest. Man kennt dich hier in Silver City gut und hätte dir geglaubt. – Warum bist du nicht weitergeritten, Phil? Geh doch Kummer und Verdruss aus dem Weg, lass dich nicht aufhalten, werde ein anderer Mensch! Fang als Unbekannter irgendwo in Montana ein neues Leben an. Noch kannst du aufhören, noch ist alles offen, Phil!“

„Tut mir leid, Darling“, erwiderte Phil Brook, auf dieses in Gedanken mit Jayne geführte Gespräch. „Ich kann nicht anders, ich musste zurückkommen. Nie hat man von mir sagen können, dass ich den Schwierigkeiten aus dem Weg gehe. Auch in Zukunft soll niemand das von mir sagen können. Ich laufe nicht davon!“

Phil Brooks Augen richteten sich starr auf die Stadt, die jetzt so nahe herangerückt war, dass er die Konturen der Häuser deutlich unterscheiden konnte.

Noch einige Hufschläge, dann gab es kein Zurück mehr. Ritt er vielleicht in eine Falle? Wer hatte sie gestellt und aus welchem Grund?

Es gab keine Antwort auf diese brennende Frage. Alles Grübeln war vergeblich. Eine unsichtbare Last legte sich auf Phils Schultern, als er beim Ritt durch Silver City die Menschen entsetzt stehenbleiben und ihm nachblicken sah.

Als ein Mädchen sich von dem Bohlensteig löste, auf die breite Fahrbahn lief und einen entsetzten Schrei ausstieß, hielt Phil die Pferde an. Im Licht der Karbidlaternen sah er Evelin, Zack Rutherfords achtzehnjährige Tochter. Das Mädchen streckte die Arme aus. Ihre Fingerspitzen berührten zaghaft und fast widerwillig den Toten. Dann presste sie die Hände fest auf ihre Brust, die sich stürmisch unter ihren Atemzügen hob und senkte. Ihre dunklen Augen richteten sich auf Phil. Es waren noch Kinderaugen, die in einem ängstlichen, verhärmten Gesicht standen.

„Wer tat das?“, fragte sie so leise, dass Phil sie kaum verstehen konnte.

Die drückende Last auf den Schultern wurde noch schwerer für Phil. Ausgerechnet die Tochter des Toten musste ihm jetzt ihn den Weg laufen! Ausgerechnet Evelin musste ihm diese Frage stellen. Man nahm von dem Mädchen an, dass es seinen Vater hasste. Sie war es, die dem Gerücht immer neue Nahrung gab, dass ihr Vater ihre Mutter umgebracht habe. Jetzt aber sah es so aus, als stünde sie auf der Seite des Toten, als hätte der Tod aus Zack Rutherfort einen anderen Menschen gemacht. Hatte der Tod für Evelin Rutherfort alles Böse von dem Vater genommen? War es ein Rest von Kindesliebe, der ihren Hass jetzt in echte Trauer verwandelte? Oder verstellte sie sich? Tat sie nur so, weil die Menschen neugierig näher drängten?

Vergeblich versuchte Phil die wahren Gefühle des Mädchens zu ergründen. In diesem Moment erkannte er deutlich, wie wenig er überhaupt von Frauen wusste. Er würde sie wohl nie durchschauen.

Plötzlich begann das Mädchen schrill und laut zu lachen.

Ein Rollstuhl kam herangefahren.

„Evelin“, sagte der im Rollstuhl sitzende junge Mann, „komm zu dir, Schwester!“

„Sei still!“, erwiderte das Mädchen, ohne ihren Bruder anzusehen. Ihre Augen flammten Phil an. „Sie haben es getan!“, schrie sie. „Wer außer Ihnen könnte es sonst gewesen sein? Sie haben meinen Vater getötet! Sagen Sie die Wahrheit! Sie haben ihn umgebracht!“

Phil Brook sah viele Augen auf sich gerichtet. Er sah sich umstellt und bedrängt. Der Sheriff stand neben den Rutherfort-Geschwistern und blickte von einem zum anderen.

„Es war Notwehr“, erklärte Phil leise, „ganz einfach Notwehr, das müsst ihr mir glauben.“

„Notwehr?“, schrie Evelin grell. „Mein Vater war nicht so schnell wie Sie, Phil Brook! Haben Sie einen Zeugen? War jemand anwesend? Hat jemand gesehen, wie es sich wirklich zutrug?“

„Es war niemand zugegen“, erwiderte Phil ruhig. „Rutherfort hat dreimal, ich habe nur einmal geschossen. Seht euch den Revolver an. Zack Rutherfort hatte alle Chancen.“

„Das ist kein Beweis. Sie selbst können den Revolver meines Vaters leergeschossen haben, Brook!“

„Richtig, so kann man es auch drehen“, erwiderte Phil bitter und sagte zum Sheriff gewandt: „Ich habe nie feindliche Gefühle gegenüber Rutherfort gehegt. Wir hatten keinen Grund, uns aus der Welt zu schaffen. Jemand hat ihn auf gehetzt und hinter mir hergeschickt. Ich hatte ein wenig Glück, sonst wäre ich jetzt tot und er am Leben.“

„Sie lügen!“, erwiderte Evelin Rutherfort. „Sheriff, er lügt! Er hatte einen Grund, meinen Vater zu töten!“

„Hören Sie nicht auf meine Schwester!“, sagte Jack Rutherfort laut. „Warum tust du das, Evelin, warum nur? Jeder hier weiß, wie Vater war, und dass wir nicht gut miteinander standen. Jetzt ist er tot, und Wahrheit muss Wahrheit bleiben. Du solltest dich durch seinen Tod nicht verwirren lassen und ihn jetzt nicht mit anderen Augen sehen. So wahr mir Gott helfe, Schwester, Dad hat unsere Familie zerstört. Er war kein guter Mensch.“

Evelin wirbelte zu ihrem Bruder herum und trat ganz nahe an seinen Rollstuhl heran. Bevor jemand es verhindern konnte, schlug sie Jack mitten ins Gesicht, dann rannte sie davon.

„Es tut mir leid, Jack“, wandte sich Phil an den jungen Mann, „aber ich konnte nicht anders.“ Er zog das Bündel Geldscheine aus der Tasche und reichte es Jack Rutherfort. „Vielleicht können Sie mir sagen, wer ihm das Geld gab. Ich fand es in seinen Taschen.“

Sheriff Louis Ebett sah von einem zum anderen.

Jack Rutherfort schwieg. Er wollte das Geld nicht und hielt es dem Sheriff hin. Als dieser es nahm, stemmte Jack sich in die Speichen seines Rollstuhles, um sich schnell zu entfernen.

„Kommen Sie, Brook!“, sagte der Sheriff. „Ich glaube, Sie haben mir noch einiges zu sagen. Folgen Sie mir ins Office!“

Bei diesen Worten winkte er den Zuschauern zu, eine Gasse zu öffnen, durch die er mit Phil hindurch konnte.

Phil starrte stumm auf die Menschen, die ihm verstohlene Blicke zuwarfen und miteinander

flüsterten. Scheu wichen sie vor ihm zurück, aber das machte ihm nichts aus. Wenig später hielt er die beiden Pferde vor dem Sheriff-Office an.

Der Sheriff bestellte Leute, die den Toten zur Schmiede trugen. Dann wandte er sich an Phil.

„Du hättest dich nicht zu stellen brauchen, du konntest ungesehen davonreiten. Du hättest alle Spuren auslöschen können und wärst bereits außerhalb des Landes, Phil. Mexiko ist nicht weit.“

„Louis, soll das ein Verhör oder eine Feststellung sein?“, fragte Phil.

Jetzt, da die beiden Männer allein waren, duzten sie sich.

„Um Zack Rutherfort ist es nicht schade“, knurrte der Sheriff. „Niemand wird seinen Tod bedauern. Im Gegenteil, es wird viele geben, die jetzt aufatmen.“

„Du hast aber gesehen, dass Evelin Rutherfort …“

„Das Verhalten des Mädchens ändert nichts an meinen Worten, Phil. Der Himmel mag wissen, was sie mit dem Theater bezwecken wollte. Sie ist wie das Wetter – mal so und mal so. Morgen wird sie wieder auf den Toten schimpfen. Es geht um dich, Phil! Ein halbes Dutzend fremder Reiter kam in die Stadt. Einer von ihnen erkundigte sich nach dir. Als er hörte, dass du fortgeritten seist, wurde er wütend. Ich sah, wie er leise mit Zack Rutherfort verhandelte. Später hörte ich, der Fremde habe die Kreuzkreis-Ranch gekauft. Dieser Bursche ist auf deinen Skalp aus. Er hat die größte und mächtigste Ranch hier in der Gegend gekauft und sich seine Mannschaft gleich mitgebracht. Die meisten Boys der alten Kreuzkreis-Crew wurden entlassen. Der Fremde weiß, dass die Stadt von den Ranches lebt. By Gosh, du hättest tatsächlich nicht zurückkommen sollen, Phil!“

„Jemand muss Zack verraten haben, dass ich die Stadt für immer verlassen wollte, Louis. Ich habe es nur meinen beiden Freunden mitgeteilt.“

„Phil, es tut mir leid, aber ich muss dir sagen, dass die ganze Stadt es wusste. Deine Freunde haben nicht dicht gehalten. Wer von ihnen geplaudert hat, musst du selbst herausfinden. Ich denke, dass das auch deine Absicht ist – oder?“

„Du hast nichts dagegen?“

„Zum Teufel, Phil! In Kürze wird sich hier manches ändern. Alles deutet darauf hin. Jemand hatte genügend Kapital, um die mächtigste Ranch hier zu kaufen, und das nur, weil du dich in Silver City fest niedergelassen hattest. Ich habe den Verdacht, dass dir jemand seine Macht demonstrieren will. Es soll in erster Linie dir ans Leder gehen. Deshalb verschwinde, noch ist es Zeit! Lass alles, wie es ist, und reite! Was immer auch kommt, ich werde mir allein zu helfen wissen. Vielleicht zwingt man auch mich bald zur Aufgabe. Aber das muss sich noch herausstellen.“

„So schwarz siehst du für die Zukunft? Und gibst mir dennoch den Rat, zu verschwinden? Freund, ich kenne dich kaum wieder! Was ist nur in dich gefahren? Was befürchtest du wirklich?“

„Dass der Fremde die Hölle loslässt, wenn du bleibst!“

„Das würde er auch tun, wenn ich nicht da wäre, Louis. Du musst mir schon mehr erzählen. Wer ist dieser neue Mann, und wie sieht er aus? Woher kommt er? Was hast du über ihn erfahren können? Will er …“

„Nur Geduld, Buddy!“, unterbrach ihn der Sheriff heiser. „Eins nach dem anderen. Vorerst werde ich dir keine deiner Fragen beantworten. Nicht zuletzt deshalb, weil ich viel zu wenig weiß. Ich rate dir aber noch einmal dringend: verschwinde!“

„Jetzt erst recht nicht, Louis! Ich bleibe und will wissen, was eigentlich gespielt wird.“

„Wenn du nicht hören willst, Phil, nun gut, dann bleib eben. Wo wirst du Quartier nehmen?“

„Im Puma-Saloon“, erwiderte Phil Brook, ohne zu zögern. „Cliff McClain wird mein Zimmer sicherlich noch nicht weitervermietet haben. Hat er es doch getan, so werde ich bei Eric Jory eine Bleibe finden. Irgendwo komme ich schon unter, Louis, mach dir nur darum keine Sorgen!“

„Es wäre gut, wenn es so wäre“, erwiderte der Sheriff mit schief geneigtem Kopf. „Man braucht kein Hellseher zu sein, um die Schwierigkeiten hier aufziehen zu sehen. Ich frage mich nur, warum dieser Havillan dich so hasst.“

„Keine Ahnung, Louis“, erwiderte Phil und hob die Schultern, um sie gleich wieder sinken zu lassen. „Vielleicht weiß ich mehr, wenn ich ihm unter die Hutkrempe geblickt habe. Ich kann mich nicht erinnern, einen Mann seines Namens gekannt zu haben. Vielleicht wird es anders, wenn ich ihm gegenüberstehe. Manch einer hat schon seinen Namen geändert.“

Sheriff Louis Ebett gab keine Antwort. Er starrte eine Weile grübelnd vor sich hin und sagte dann, dass Havillan neben der Kreuzkreis-Ranch auch die Bank in Silver City übernommen habe.

„Es gibt keinen Zweifel mehr, Phil, Victor Havillan ist mit einem Schlag der mächtigste Mann im weiten Umkreis geworden.“

„Gerade das kann ich nicht glauben, Louis. Um sich so ins Spiel setzen zu können, muss man auf lange Hand vorausplanen. Vorbereitung und sorgsame Ausführung sind wichtiger als alles andere. Ich nehme an, dass der alte Bankier und auch der letzte Besitzer der Kreuzkreis-Ranch das Land bereits verlassen haben, oder?“

„Das ist nicht meine Schuld“, erwiderte der Sheriff. „Noch kann jeder in diesem freien Land seine Geschäfte nach Belieben tätigen. Jeder kann verkaufen oder nicht verkaufen, kann davonreiten oder bleiben, ganz nach Belieben. Das Gesetz steht jetzt so fest, wie es sich ein Sheriff nur wünschen kann, Phil.“

Phil Brook wusste nur zu gut, dass auch die Andeutung auf das Gesetz nur dazu dienen sollte, um ihn aus der Stadt zu bekommen. Jetzt hatte er aber erst recht die Absicht zu bleiben.

Ein dröhnender Donnerschlag ließ die beiden Männer aufhorchen. Draußen prasselte es los, als hätten sich alle Schleusen des Himmels geöffnet.

„Du kannst auch hier bei mir bleiben, Phil“, sagte der Sheriff.

„Danke, Louis, aber ich möchte dir keine Schwierigkeiten machen“, lehnte Phil ab. „Wenn mich nicht alles täuscht, wird man auch dich besonders beobachten. Du wirst genug Schwierigkeiten zu überwinden haben. – So long, Freund! Wir sehen uns später.“

„Sagen wir morgen, bei Zack Rutherforts Beerdigung!“

„Louis, tut mir leid, aber zu dieser Beerdigung werde ich nicht gehen. Ich möchte Zack Rutherforts Verwandte und Freunde nicht verärgern. Es ist anzunehmen, dass sie auf mein Erscheinen keinen besonderen Wert legen. Meine Teilnahme könnte als Herausforderung ausgelegt werden, und gerade das möchte ich vermeiden. Die Begegnung mit Evelin Rutherfort genügte mir. Ich werde nicht vergessen, dass ihr Bruder Jack sich für mich einsetzte.“

„Jack Rutherfort ist ein feiner Junge“, erwiderte Louis Ebett und lauschte auf das Trommeln des Regens. „Wie sehr hat er wohl all die Jahre gelitten? Der Tod seines Vaters muss ihm, so schrecklich das auch ist, eine Erlösung sein. By Gosh, dass es so etwas gibt!“

„Was wissen wir wirklich von der Welt und von den Menschen?“, entgegnete Phil. „Wir interessieren uns doch nur für das, was uns selber betrifft. – Danke für deine Gastfreundschaft und für dein Angebot zu bleiben, aber ich gehe. Ich möchte am liebsten mein altes Zimmer wieder haben.“

„Nun gut, Phil, ich habe dich gewarnt. Beklag dich später nicht!“

„Das werde ich nie tun, Louis.“

Die Blicke der beiden Männer begegneten sich.

Sie betrachteten sich, aber etwas war anders als sonst. Der Tod Zack Rutherforts schien eine Schranke zwischen ihnen aufgerichtet zu haben. Das herzliche Einvernehmen, das früher bestanden hatte, war nicht mehr da. Obwohl jeder sich Mühe gab, es nicht merken zu lassen, wurde es um so deutlicher fühlbar.

Phil Brook wandte sich ab. Er ging zu der zur Mainstreet führenden Tür und öffnete sie.

Man hörte jetzt den Regen stärker rauschen. Die Nacht lag tintig-schwarz über der kleinen Stadt. Der böige Wind schaukelte die an den Dachsparren hängenden Karbidlampen hin und her. Der niederprasselnde Regen verwandelte die Fahrbahn der Mainstreet in einen breiigen Morast.

Das alles störte Phil Brook nicht. Er verließ das schützende Sheriff-Office, band sein Pferd los und führte es in Richtung auf den Puma-Saloon hinter sich her. Als er sich umdrehte, sah er Louis Ebett in der hellen Türöffnung seines Office stehen.

Zum ersten Mal in dieser Nacht hatte Phil das Gefühl, dass es doch besser gewesen wäre, wenn

er nachgegeben und den Rat befolgt hätte, den der Sheriff ihm mehrere Male gegeben hatte. Die ganze Stadt schien sich in den paar Stunden, die er von ihr fern war, verändert zu haben.

 

2.

Die Verwandlung der Stadt konnte Phil Brook nur gefühlsmäßig wahrnehmen. Äußerlich hatte sich seit seinem Fortritt nichts verändert.

Phil war hellwach. Plötzlich glaubte er, verfolgt zu werden, als er zwei Schatten auftauchen sah.

Vor dem Puma-Saloon standen viele Pferde, die das Brandzeichen der Kreuzkreis-Ranch trugen. Phil Brook band sein Pferd ebenfalls an. Während er damit beschäftigt war, sah er fünf Männer aus der dem Puma-Saloon gegenüberliegenden Schmiede treten und die Fahrbahn überqueren. Als diese Männer näher kamen, stellte Phil fest, dass sie alle harte Gesichter hatten. Nicht einen von ihnen hatte er früher in Silver City gesehen. Trotzdem schienen sie sich schon sehr gut in der Stadt auszukennen. Sie steuerten die Schwingtür das Puma-Saloons an und kümmerten stich nicht um Phil, der sich ihnen unaufgefordert anschloss.

Tabakgeruch und Stimmenlärm schlugen Phil entgegen, Lachen und Geschrei vermischten sich mit Gläserklirren und anderen Geräuschen.

Als Phil Brook durch die Schwingtür getreten war, trat er sofort einen Schnitt zur Seite und blieb stehen. Mit einem raschen Blick erkannte er, dass nur wenige alte Bekannte anwesend waren. Der Puma-Saloon war von Männern besetzt, die er nie zuvor gesehen hatte.

„Mit uns müsst ihr rechnen“, sagte gerade ein großer, breitschultriger Bursche, der an der Theke lehnte und seinen schwarzen Bart strich. „Wir sind die neuen Herren hier, und es ist besser für euch, wenn ihr euch auf uns einstellt und mit uns zusammengeht. Sie, McClain, haben es jedenfalls sofort begriffen. Dieser Saloon wird unser Hauptquartier in Silver City sein.“

„Es ist mir eine Ehre, Ihnen zu Diensten zu sein, Gents“, schmeichelte Cliff McClain den Fremden und verneigte sich. Danach richtete sich sein Blick auf Phil. Einen Moment lang hatte es

den Anschein, als sei er vom Anblick des Freundes betroffen und wäre nicht fähig, sich zu bewegen. Doch dann lächelte er dem Schwarzbart zu und fuhr fort: „Machen Sie sich keine Sorge, Vormann Laverpot, ich weiß, dass ich ein Schuldner Ihres Ranchers bin. Die Bank hat bereits den Besitzwechsel gemeldet. Nur ein Narr würde nicht begreifen, dass jetzt ein neuer Wind weht. Jeder Geschäftsmann muss sehen, wie er weiterkommt. Man muss zur rechten Zeit seine Chancen erkennen.“

Cliff McClain verstummte, denn Phil hatte sich einen Ruck gegeben und kam auf die Theke zu.

„Ich möchte mein Zimmer wiederhaben, Cliff. Es ist doch frei, oder?“

Cliff McClain wog etwa zwei Zentner. Sein rotes Gesicht nahm einen unwilligen Ausdruck an. In seinen wässrigen Augen stand Abwehr.

„Phil, du hast mich erschreckt“, erwiderte er rau. „Die ganze Stadt spricht bereits über das Vorgefallene. Alle Leute sind sich darüber einig, dass es ein Glück war, als du die Stadt verlassen hast. Warum bist du also zurückgekommen?“

Noch während Cliff McClain sprach, hatte sich die Aufmerksamkeit aller auf Phil gerichtet. Besonders der Vormann der Kreuzkreis-Ranch ließ kein Auge von ihm. Phil tat so, als bemerke er das nicht – auch nicht das breite Grinsen auf dem Gesicht des Vormannes. Sein Blick war fest auf den Saloon-Besitzer gerichtet, und er stellte fest, dass keine Freundschaft mehr zwischen ihm und Cliff McClain bestand. McClain hatte eindeutig Stellung bezogen. In seiner Stimme und in seinen Blicken lag Abwehr.

Was war eine Freundschaft wert, die schon bei der ersten Probe zerbrach? War es nur, weil McClain Schulden auf der Bank hatte, die er in kurzer Zeit nicht würde zurückzahlen können?

„Tut mir leid, Phil, dein Zimmer hat dieser Vormann von der Großranch bereits als seine Stadtunterkunft gemietet. Du hattest die Absicht, nicht zurückzukommen, und so habe ich dein Zimmer vermietet.“

„Gut! Wenn Zack Rutherfort mehr Erfolg gehabt hätte, wäre ich auch nicht zurückgekommen. Jemand hätte Zack nicht hinter mir herschicken sollen, dann wäre ich hier nicht wieder erschienen. – Eine Frage, Freund: Wem hast du meine Absicht verraten?“

„Ich und etwas verraten, Phil? Das ist stark! Du wagst es, mir ins Gesicht zu sagen, dass ich ein Verräter bin? Außer mir wusste auch Eric Jory, der Schmied, von deiner Absicht, für immer fortzugehen. Warst du bei Eric und hast ihm den gleichen Vorwurf gemacht?“

„Eric hat keine Schulden beider Bank.“

„Verlasse sofort den Saloon!“, fauchte McClain wütend. „Es darf niemand kommen und mich einen Verräter nennen, nicht einmal mein ehemaliger Freund. Verschwinde!“

Bei diesen Worten langte McClain unter die Theke, aber er war nicht schnell genug. Phil wusste nur zu gut, was Cliff McClain vorhatte. Schon einige Male hatte er in Cliffs Händen die abgesägte und mit gehacktem Blei geladene Schrotflinte gesehen. Er wusste nur zu gut, was für eine gefährliche Waffe diese Flinte war. Jetzt brach die Freundschaft auseinander. In diesem Augenblick zeigte sich die ganze Erbärmlichkeit und Feigheit eines Menschen, dem es nur auf das eigene Wohl ankam. Eine Freundschaft verlangte auch Opfer, und dazu war ein fester Charakter nötig. Jetzt erwies es sich, wie wenig McClain diese Freundschaft bedeutet hatte. Dass Cliff allerdings so weit gehen würde, dass er seine mörderische Waffe gegen den einstigen Freund einsetzen wollte, das ließ Phil augenblicklich explodieren.

Seine Faust traf McClain mitten ins Gesicht, und mit einer solchen Wucht, dass ihm das Blut aus der Nase lief. Die Wucht des Schlages ließ den Zweizentnermann gegen eines der Regale krachen. Es klirrte und splitterte, Flaschen und Gläser regneten auf McClain herab.

Cliff McClain war nicht ohnmächtig geworden. Er richtete sich sofort wieder auf. Doch Phils Fäuste hinderten ihn daran, an die gefährliche Waffe zu kommen. Phil trommelte ihn hinter der Theke hervor, und der starke Mann versuchte mit hochgezogenen Fäusten, sich den schnellen Hieben zu entziehen. Sein eigener Angriff war so kümmerlich, dass nicht die geringste Möglichkeit für ihn bestand, Phil zu stoppen. Phil drängte vorwärts, und sein Gegner ließ sich treiben. Die Schreie, die McClain ausstieß, wurden immer lauter, sein Stöhnen wurde heftiger, und er sparte nicht mit unflätigen Bemerkungen.

Cliff McClain hätte den Mund halten sollen. Sein Schimpfen nahm ihm nur die Luft weg. Phil Brook sprach nicht. Die staunenden Zuschauer bekamen zu sehen, wie prächtig er in Form war, und wie man boxen musste, um selbst einem körperlich so überlegenen Mann jede Chance zu nehmen.

Etwa drei Minuten mochte der Kampf gedauert haben, als Cliff McClain nach einem sauberen Kinnhaken von den Beinen fiel. Er blieb vor Phils Füßen liegen und brauchte einige Minuten, um Phils Frage beantworten zu können.

„Du hast also gesungen?“, knurrte Phil.

„Ja“, erwiderte McClain leise, und in seinen Augen schwelte glühender Hass.

Als Phil mit einem verächtlichen Schnaufen den Saloon verlassen wollte, stellte sich ihm der schwarzbärtige Vormann Laverpot in den Weg.

Alle Geräusche ringsum erstarben. Der hagere Klavierspieler verdrückte sich eiligst durch den Bühnenausgang. Nicht eines der Animiermädchen hatte das Ende des Faustkampfes abgewartet.

Ohne Ausnahme waren sie schon vor dem Klavierspieler verschwunden. Die wenigen Männer, die Phil von früher her kannte, erweckten den Eindruck, als wollten auch sie im nächsten Augenblick den Saloon verlassen. Das Erschrecken stand deutlich in ihren Augen, aber dann kamen auch Abwehr und Zorn gegen Laverpot und seine Begleiter auf, die sich bereit machten, gegen einen einzigen Mann vorzugehen.

Phil Brook durchschaute sofort die Absicht der Kerle.

„Freund, du bist der berühmte Revolvermann Phil Brook.“ Laverpot dehnte höhnisch seine Worte. „Wer soll das glauben? Ein echter Revolvermann lässt sich in keinen Faustkampf ein. Du hast geblufft, du trägst deine tief geschnallten Eisen zur Zierde. Wenn es anders ist, dann probieren wir es aus – hier in diesem Raum, er ist groß genug.“

„Ein Toter genügt mir, Schwarzbart“, wehrte Phil rau ab. „Du kannst mich nicht herausfordern, gib mir den Weg frei!“

„Einer von uns ist sicherlich im Weg“, grinste Laverpot, dem das Lachen seiner Leute anzeigte,

dass sie hinter ihm standen. „Deine Indianernase passt mir nicht, Brook. Was bedeutet es schon, dass du Zack Rutherfort mit deinem Blei erwischen konntest? Für mich nicht das Geringste, und das werde ich dir beweisen. Du wirst Zack Rutherfort folgen!“

„Bist du sein Freund, Schwarzbart?“

„Das ist eine Beleidigung. Jeder hier weiß, was Zack Rutherfort für ein Bursche war. Mich kannst du nicht für dumm verkaufen, Brook.“

„Ganz so habe ich es mir gedacht. – Handelst du ohne Auftrag?“

„Ich verstehe dich nicht. Was willst du damit sagen?“, keuchte der Vormann, der bleich geworden war.

„Du musst umlernen, Laverpot“, sagte Phil ruhig, aber seine Stimme klang schneidend. „Wenn du bisher leichtes Spiel mit einigen Narren hattest, dann ist das jetzt vorbei. Was will Victor Havillan? Wenn er etwas gegen mich hat, soll er es mir sagen. Ich warte darauf. Tut er es nicht, mag er sich zum Teufel scheren!“

Phil verstummte. Die Schwingtür des Saloons öffnete sich, und ein nach der neuesten Mode gekleideter Mann traft ein. Er war groß, schwarzhaarig und schlank. Seine dunklen Augen lagen tief in den Höhlen.

„Sie sprachen von mir, Phil Brook. Ich hin Victor Havillan. Sie irren sich, wenn Sie glauben, dass ich etwas gegen Sie habe.“ Mit einem gewinnenden Lächeln blickte er in die Runde und dann auf Phil Brook.

Phil wandte sich angewidert ab. Es war ein kaltes Lächeln, das Havillan nach Bedarf auf sein Gesicht zaubern konnte.

„Mein Vormann wird sich für sein taktloses Verhalten bei Ihnen entschuldigen“, fuhr Havillan fort, ohne sein Lächeln zu verlieren, und wandte sich an Laverpot.

Phil Brook war nicht entgangen, dass die Augen des Mannes einen eigenartig gehässigen Ausdruck bewahrt hatten. Der Blick, der Phil streifte, sagte ihm mehr als Worte.

In diesem Augenblick sah Phil Jayne Canitt in der Schwingtür stehen. Sie war unbemerkt in den Saloon gekommen.

Niemals zuvor war Phil das Mädchen schöner und begehrenswerter erschienen als in diesem Augenblick. Das türkisfarbene Seidenkleid, das die Figur vorteilhaft zur Geltung brachte, passte gut zu den roten Locken. Das schmale Gesicht war wie aus Marmor geschnitten, und die Augen glühten in einem Feuer, dass einem Mann schwindlig werden konnte.

By Gosh, er hatte Jayne Canitt geliebt, sie aber hatte ihn sanft und bestimmt abgewiesen. Phils Leben war zu unstet. Jayne wollte keinen Mann, der vom Kartenspiel lebte und eine unsichere Zukunft vor sich hatte. Sie wollte einen Mann, der ihr eine Welt zu Füßen legen konnte.

Jayne Canitt sah Phil an und blickte doch durch ihn hindurch, als wäre er aus Glas. Sie ging, ohne ihn zu beachten, an ihm vorbei und blieb vor Victor Havillan stehen. Ihre Augen leuchteten auf, und ihr Blick war so hingebungsvoll, dass sich der Groll in Phil noch verstärkte. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie weiter und verschwand in der Tür, die zu dem Raum der Tanzgirls führte.

Nicht ein Wort hatte Jayne Canitt gesagt, dafür hatte sie aber um so deutlicher gezeigt, wer ihr gefiel.

Havillans aufgeblasener Stolz war kaum noch zu überbieten. Er zeigte auf den noch immer am Boden liegenden Cliff McClain und befahl seinen Männern mit einem Wink, ihn hochzuheben. Den Vormann erinnerte er daran, dass er sich bei Phil zu entschuldigen habe. Nur zögernd kam dieser der Aufforderung Havillans nach. Seine Entschuldigung war allerdings mehr eine Kampfansage.

„Mein Vormann ist sehr hitzköpfig“, sagte Havillan danach. „Nehmen Sie es ihm nicht übel!“

„Eine Frage, Havillan: Haben Sie Zack Rutherfort auf meine Fährte gesetzt?“

„Wofür halten Sie mich eigentlich?“, schnappte Havillan. „Ich habe genug Leute, die meinen Befehlen gehorchen. Sie hätten Zack Rutherfort fragen sollen, wer ihn gegen Sie aufhetzte. Vielleicht war es Ihr Freund McClain.“

Die Augen McClains richteten sich erschreckt auf Havillan, und als dieser ihn zwingend anblickte, nickte der Saloon-Besitzer wie unter einem Zwang.

„Ich habe es getan, Phil“, gab er jäh zu. „Du standest mir bei Jayne im Weg. Ich wollte, dass sie dich für immer vergessen sollte.“

Phil Brook wandte sich wortlos ab und verließ den Saloon. Draußen auf der Veranda wartete Jayne Canitt auf ihn.

„Wenn du mir eine Szene machen willst, Phil, dann geh gleich weiter. Ich weiß, was ich will, und werde mich durch dich nicht aufhalten lassen. Damit du gleich richtig informiert bist, Victor Havillan ist mein Verlobter. Nicht wahr, Victor?“

Havillan war hinter Phil aus dem Saloon auf den Vorbau getreten. Er nickte dem Mädchen zu und sagte zu Phil: „Sie tragen zwei Revolver, Brook. Wie ich hörte, haben Sie in Silver City eine besondere Rolle als Kartenhai gespielt.“

Er verstummte, denn die Blässe, die sich auf Phils Gesicht ausbreitete, kündigte nichts Gutes an.

„Verzeihung, wenn Ihnen das Wort Kartenhai missfällt. Aber Sie leben doch vom Spiel?“

„Was geht das Sie an, Havillan? Ich bin ein freier Bürger dieser Stadt.“

„Mag sein, Sie dürfen nur nicht vergessen, dass Stadt und Land jetzt mir gehören. Jetzt gebe ich den Ton an und erwarte, dass sich alle nach meinen Befehlen richten. Ich hege eine gewisse Abneigung gegen Revolverleute, und vor allen Dingen gegen Zweihandschützen. Ich rate Ihnen, noch heute davonzureiten!“

„Ihnen rate ich, nicht noch weitere Unverschämtheiten von sich zu geben, Havillan! Ich werde in Silver City bleiben.“

„Wirklich? Man sagte mir schon, dass Sie ein sehr aufsässiger Mensch sind. Warum wollen Sie sich Schwierigkeiten machen?“

Havillan sprach so, dass Phil hellhörig wurde. Er blickte den Mann an, und seine Gedanken arbeiteten fieberhaft. Er versuchte sich zu erinnern, doch es war umsonst. Nur eines wusste er: Diesen Mann hatte er schon einmal unter besonders eigenartigen Umständen gesehen. Im Moment waren ihm nur die Zusammenhänge nicht klar.

„Ich warne Sie, Havillan!“, sagte Phil mit rauer Stimme. „Gehen Sie nicht zu weit!“

„Sie warnen mich, ausgerechnet Sie? Hat man Ihnen noch nicht gesagt, dass man so mit mir nicht sprechen kann? Für wie groß halten Sie sich eigentlich?“

„Für groß genug, um Sie nicht in Gegenwart einer Lady durchzuprügeln, Havillan“, kam es scharf über Phils Lippen.

Die beiden Männer starrten sich an. Ihre Blicke verrieten deutlich, was sie voneinander hielten.

Die Gegenwart Jayne Canitts hielt Phil davon ab, seinem Zorn auf der Stelle Luft zu machen. Die Gegenwart des Mädchens zwang aber auch Havillan, nicht nach seinem Vormann und seinen Leuten zu rufen.

„Ich kenne dich kaum wieder“, hörte Phil Jayne beschwichtigend auf ihn einreden. „Warum bist du nur so zornig?“

„Halte dich heraus, Jayne! Du scheinst dich schnell umgestellt zu haben.“

„Wenn du meine Verlobung meinst, so muss ich dich enttäuschen. Victor ist ein alter Bekannter von mir. Er war oft in der Stadt. Aber warum sollte ich dir das mitteilen? Es ging nur mich an, und du hast dich nie viel um mich gekümmert. Du hast doch durch dein Davonreiten gezeigt, was ich von dir zu halten habe. Wenn ich deinen Schwüren geglaubt hätte, und wenn Zack Rutherfort dir nicht nachgeritten wäre, wäre ich nur zu bedauern.“ Ihre Augen waren dunkel geworden und

glühten vor Zorn. „Ich verachte dich, Phil! Jetzt rate ich dir: Reite nur schnell weiter!“ Nach diesen Worten wandte sie sich an Havillan: „Komm, Victor!“

Beide wandten sich ab und betraten Arm in Arm wieder den Saloon.

Phil Brook stand einen Moment lang wie benommen, dann schüttelte er sich.

Vielleicht habe ich sie wirklich falsch behandelt, dachte er und wandte sich zum Gehen. Vielleicht habe ich sie nicht richtig geliebt. Wäre es ein echtes Gefühl gewesen, hätte ich nicht ohne Abschied davonreiten können. Sie wusste zwar, dass ich von hier fort wollte, aber sie hätte wohl nicht erwartet, dass ich es auf diese Art tun würde. Ich kann ihr nicht einmal böse sein. Ihren Verlobten Havillan aber soll der Teufel holen!

Wer war dieser Bursche eigentlich? Nicht jeden Tag sah man einen Mann mit einem so scharf geschnittenen Gesicht und mit solch stechenden grünen Augen. Wenn man Havillan betrachtete, musste man zugeben, dass Jayne – was Äußerlichkeiten anbetraf – keine schlechte Wahl getroffen hatte. Ein Mann wie der neue Boss der Kreuzkreis-Ranch hatte alles, was eine Frau reizen konnte. Er sah gut aus und konnte sich sicherlich auch gut benehmen. Es kam hinzu, dass er einer Frau eine gesicherte Zukunft bieten konnte. Die Tatsache, dass Jayne diesen Havillan schon länger kannte, beschäftigte Phil am stärksten.

„Wo habe ich nur meine Augen gehabt?“, sagte er leise vor sich hin und band sein Pferd los.

Es hatte aufgehört zu regnen. Die Wolken zogen tief am Himmel. Der Wind zerrte an Phils Stetsonkrempe. Phil nahm sein Pferd am Zügel und führte es hinter sich her. Aus den Augenwinkeln stellte er fest, dass ihm zwei Männer folgten.

Es gab keinen Zweifel, Havillan war gegen ihn in Aktion getreten. Es geschah aber nichts. Die beiden schlenderten hinter ihm her, ohne ihn zu behindern.

Die Schmiede lag dem Puma-Saloon schräg gegenüber. Einige Männer standen beim Schmiedetor, unter ihnen Jack Rutherfort in seinem Rollstuhl.

Die Männer erkannten Phil und machten Platz. Jack Rutherfort konnte den Mann sehen, der seinen Vater erschossen hatte.

Wieder einmal zeigte es sich, wie die Menschen wirklich waren. Jetzt, da Zack Rutherfort tot war und man ihn nicht mehr zu fürchten brauchte, spielten sie sich auf, als wäre der Mann, der ihn tötete, ein Verbrecher. Phil erkannte, wie verlogen die Menschen waren, wie sehr sie sich verstellen und schauspielern konnten. Niemand war da, der offen ausgesprochen hätte, dass Zack Rutherforts Tod viele Leute aufatmen ließ.

Phil Brook war froh, dass sein Kommen bemerkt worden war, und dass Eric Jory aus dem Hause trat.

Eric schaute kurz zu dem jungen Jack Rutherfort hin und kam dann auf Phil zu.

„Komm ruhig zu mir“, sagte er. „Überlass mir dein Pferd und geh schon ins Haus!“

„Unter deinem Dach befindet sich Zack Rutherfort, den ich erschossen habe.“

„Seit wann bist du abergläubisch, Phil? Ich kann mir denken, was es gegeben hat. Cliff hat dein Zimmer vermietet, und du hast keine Bleibe. Wenn es dir nichts ausmacht, kannst du bei mir Quartier bekommen.“

„Wird man dir dein Angebot nicht übelnehmen?“

„Niemand in der Stadt wird es wagen, dich aufzunehmen“, erwiderte Eric Jory. „Die Leute hier haben sehr schnell begriffen, wer der neue Herr ist. Sie ahnten es, als der Bankier abgelöst und die Kreuzkreis-Crew entlassen wurde und das Land verließ. Man hat erfahren, dass jeder Cowboy der Crew den Befehl bekam, das Land zu verlassen und nie wieder zurückzukommen.“

„Das bedeutet also, dass Havillan die Leute weit vom Schuss haben will. Warum nur?“

„Nun, das weiß noch niemand genau. Vielleicht hofft er, dadurch besser nach seinen Methoden arbeiten zu können. Man weiß ja, dass neue Ranchbosse freie Hand haben wollen. In diesem Fall ist es noch ärger, denn Havillan ist nicht nur Rancher, sondern auch Bankier. Niemand braucht sich zu wundern, dass er eine so raue und harte Mannschaft mitbrachte. Bei ihm wird es keiner wagen, mit dem Colt zur Kasse zu bitten. – Also was ist? Bleibst du bei mir, oder reitest du weiter, Phil?“

Bevor Phil antworten konnte, kam Jack Rutherfort mit seinem Rollstuhl näher herangefahren.

„Bleiben Sie!“, bat der junge Mann mit dunkler Stimme. „Bleiben Sie in der Stadt!“

„Wünschen Sie sich das, damit es mich bald erwischt? Ich verstehe Sie gut, Jack. Sie wollen, dass ich Ihrem Vater bald folge, und Sie vertrauen darauf, dass einer der fremden Burschen mein Leben auslöscht. Sie wissen nur zu gut, dass diese Stadt für mich eine Falle ist.“

„Ich weiß, dass mein Vater Ihnen keine Chance geben wollte“, sagte Jack Rutherfort mit zuckenden Lippen. „Jemand holte Dad gestern und verhandelte lange mit ihm, dann trank Dad wieder, bis er in einem fürchterlichen Zustand war. Als ich ihn anhielt, schlug er nach mir und sagte, dass er Phil Brook zur Hölle schicken solle, und dass er tausend Dollar dafür bekäme. Ich konnte ihn weder umstimmen noch zurückhalten. Er ritt davon und in seinen Tod hinein, aber er ist trotz allem mein Vater. Deshalb halte ich hier die Totenwache. Er hat sich schwer versündigt, er ist mir und meiner Schwester kein gutes Vorbild gewesen. Jetzt müssen wir ohne ihn weiterleben, und es wird besser gehen als vorher. Irgendwie muss es schon weitergehen. Vielleicht muss Evelin mehr verdienen, sie muss ja auch für mich sorgen. Im Store verdient sie zu wenig, nicht genug, um auch mich …“ Jack Rutherfort brach ab und lachte dumpf. „Ich bin nur ein Krüppel!“, stieß er dann hervor.

Phil Brook blickte in das zuckende Gesicht des jungen Mannes, dem die Erregung stark zusetzte.

Als Eric Jory mit Phils Pferd fortging, sagte Phil leise zu Jack: „Ich werde für Sie und Ihre Schwester sorgen, Jack. Ich begreife jetzt, dass es kein Zufall ist, dass ich wieder hierher zurückkam. Ich sage Ihnen ehrlich, Ihr Vater hatte seine Chance.“

„Sie brauchen mir nichts von meinem Vater zu sagen“, erwiderte der junge Mann erregt. „Er hätte Sie getötet, ohne Skrupel ermordet. Ich begreife nicht, warum Sie meiner Schwester und mir helfen wollen.“

„Vielleicht habe ich zu wenig Gutes in meinem Leben getan, Jack, vielleicht ist es der Trotz, der mich dazu bewegt, in dieser Stadt zu bleiben. Weisen Sie mich nicht ab! Es ist mein ehrlicher Wunsch, zu helfen. Ich erwarte keine Dankbarkeit dafür.“

„Phil Brook, Sie machen es einem sehr schwer“, erwiderte Jack Rutherfort rau. „Ich wollte Sie für meinen toten Vater um Verzeihung bitten. Ich möchte, dass Sie bleiben und erkennen, dass ich Ihnen nichts nachtrage.“

„Ihre Schwester scheint da ganz anders zu denken, Jack.“

„Evelin ist jung“, entschuldigte Jack Rutherfort seine Schwester. „Ich habe alles mit ihr durchgesprochen, jetzt denkt sie etwas anders. Nur eines darf nicht sein, dass Sie sich für uns einsetzen wollen. Wir werden es allein schaffen, Sie sind uns nichts schuldig.“

„Dennoch, von jetzt an werde ich für Sie und Ihre Schwester da sein, Jack“, sagte Phil langsam, und etwas schwang in seiner Stimme mit, das keinen Widerspruch duldete. „Sagen Sie Ihrer Schwester, dass sie sich daran gewöhnen muss.“

„Ich werde es ihr ausrichten“, versprach Jack Rutherfort. „Gehen Sie ihr nur in den nächsten Tagen und Wochen aus dem Weg. Später wird sich vieles ändern. Mit jedem Tag verblasst die Erinnerung mehr. Eines Tages wird auch Evelin verzeihen können. Warten wir auf diesen Tag.“

Der gelähmte junge Mann streckte Phil die Rechte hin, und Phil nahm sie fest in seine Hand. Die beiden Männer sahen sich an. Phil Brook spürte, dass er einen Freund gewonnen hatte.

„Ich werde allen Leuten sagen, dass mein Vater Sie dazu zwang, ihn zu töten“, sagte Jack Rutherfort. „Bleiben Sie so lange in der Stadt, bis man hier wieder an Sie glaubt!“

„Jack, das ist kaum noch zu hoffen. Menschen sind eigenartige Geschöpfe. Die Leute hier beten bereits den neuen Herrn an. Eine Frage nur noch: Wissen Sie, mit wem Ihr Vater sprach, ehe er mir folgte?“

„Nein, aber Evelin weiß es. Ich habe sie schon danach gefragt, aber sie wollte es mir nicht sagen. Sie wird es auch Ihnen nicht verraten. Offensichtlich hat sie Angst, dass uns dann etwas geschehen kann. Sie hat ihre Sorge durchblicken lassen.“

Phil drang nicht weiter in Jack Rutherfort. Die gerade erst geschlossene Freundschaft war noch zu frisch, als dass er sie durch noch mehr Fragen aufs Spiel setzen wollte.

Der junge Mann rollte in seinem Stuhl zum Schmiedetor zurück. Phil Brook setzte sich in Bewegung und betrat das Haus des Schmiedes.

Die Frau von Eric Jory empfing ihn in der Diele. Sie war eine stille Frau, die sich nie vordrängte, aber sie war immer da, wenn man sie brauchte. Sie stellte keine Fragen und behandelte den Gast ausgesucht höflich. In der guten Stube war der Tisch gedeckt.

„Eric kommt gleich, wenn er Ihr Pferd versorgt hat, Mister Brook. Er wird sich mit Ihnen unterhalten wollen. Bleiben Sie bei uns?“

„Ja.“

„Dann wünsche ich Ihnen viel Glück“, sagte sie. „Sie werden es brauchen können.“

 

3.

Phil Brook wurde am anderen Morgen durch Stimmen geweckt, die dumpf zu ihm ins Zimmer drangen. Er erhob sich sofort und trat ans Fenster.

Draußen versammelten sich viele Menschen. Ein Leiterwagen fuhr vor. Fremde Reiter tauchten in der Mainstreet auf und schienen die Menge zu überwachen. Wenig später trugen einige Männer einen Brettersarg ans der Schmiede.

Phils Kehle zog sich zusammen, und sein Atem ging schwer. Es gelang ihm schließlich, die unsichtbare Last, die sich auf seine Schultern gelegt hatte, abzuschütteln. Er beobachtete ruhig die Vorgänge, ohne dass man ihn selbst sehen konnte.

Die Pferde der Fremden trugen das Kreuzkreis Brandzeichen. Alle Reiter waren schwer bewaffnet. Ihr Anführer war der Vormann Laverpot, der so scharf auf einen Zweikampf mit Phil gewesen war. Die Cowboys beobachteten das Geschehen und setzten sich erst in Bewegung, als der Trauerzug sich formierte.

Ein Klopfen an der Tür ließ Phil zusammenzucken, und noch ehe er etwas sagen konnte, trat Eric Jory ins Zimmer.

„Die ganze Stadt scheint auf den Beinen zu sein“, sagte Eric. „Aber die Leute sind nicht aus Anteilnahme zur Beerdigung von Zack Rutherfort gekommen, nein, sie sind nur verdammt neugierig. Man will dich sehen, Phil. Es hat sich herumgesprochen, dass Victor Havillan dich wie einen Hund aus der Stadt jagen will.“

„Das habe ich befürchtet. Havillan spielt sich ganz groß auf.“

„Wie es scheint, macht ihm das einen Riesenspaß. Vielen gefällt aber sein Vorgehen nicht. Er hat eine raue Mannschaft hinter sich, und du stehst fast allein. Das scheint dir viele Sympathien zurückzubringen, Phil.“

Phil Brook gab keine Antwort. Als er sich gewaschen und das Frühstück eingenommen hatte, meldete sich Jorys Frau.

„Phil, der Schwert-Rancher Irving Kayes will Sie sprechen.“

„Irving Kayes? Woher weiß er, dass er mich hier antreffen kann?“

„Das ist kein Geheimnis. Jeder in der Stadt weiß, wo Sie abgestiegen sind. Ihre Gegner haben es schnell genug verbreitet.“

„Lass ihm hereinkommen“, sagte Eric zu seiner Frau.

Madam Jory ging und führte wenig später Irving Kayes herein. Der Schwert-Rancher war ein alter, grauhaariger Mann mit faltigem Gesicht und kleinem, hellen Wieselaugen. Er wartete die Aufforderung, sich zu setzen, nicht ab, sondern ließ sich Phil gegenüber im einen Sessel fallen und streckte seine gekrümmten Beine aus. Dabei starrte er Phil so lange schweigend und spöttisch lächelnd an, bis es für die Anwesenden ungemütlich, ja, peinlich wurde.

„Ich habe Sie nie richtig angesehen“, sagte der Besucher plötzlich. „Die Männer in dieser kleinen, nichtsnutzigen Stadt haben mich nicht gestört. Das hat sich geändert, seit der Schuft Havillan sich niedergelassen und die alte Ordnung gestört hat. Wenn er …“

„Was wollen Sie hier, Kayes? Sicherlich kommen Sie nicht, um uns einen Vortrag über die alte und die neue Ordnung zu halten“, fiel ihm Eric Jory ins Wort. „Falls Ihnen Havillan nicht gefällt, sagen Sie das ihm und nicht uns.“

„Ich bin zu alt dazu“, erwiderte Irving Kayes. „Das weiß der hinterhältige Schuft genau. Er hat bereits die Hälfte meiner Mannschaft geködert und auf seine Seite gebracht. Zu spät kam ich dahinter, dass jeder meiner Männer einen Preis hatte und sich kaufen ließ. Ich entließ sie, aber das machte mich nur noch schwächer. Die wenigen, die noch auf der Ranch sind, fürchten sich vor Havillan, und genau das hat der Bursche gewollt. Das ist die Methode, die er auch bei dem Besitzer der Kreuzkreis-Ranch anwandte. Er verbreitet Angst und bekommt so die Möglichkeit, das zu kaufen, was er haben will. Nun, bei mir hat er auch Erfolg.“ Der Alte lachte schrill. „Ich werde ebenfalls verkaufen. Ich habe erkannt, dass ihm nur noch meine Ranch fehlt, um alle Hindernisse beseitigt zu haben.“

„Und in einer solchen Lage wollen Sie verkaufen, Kayes? Ich hatte angenommen, dass Sie zu den Männern gehören, die mit den Pionieren hierherkamen und die lieber draufschlagen, als dass sie sich ausbooten lassen“, sagte Phil überrascht. „Irving Kayes stand in dem Ruf eines Mannes, der zu kämpfen verstand.“

Kayes nickte.

„Stimmt“, gab er unumwunden zu. „Doch ich kenne meine Grenzen; außerdem bin ich alt geworden. Ich habe keinen Erben, und die wenigen Jahre, die ich noch zu leben habe, möchte ich in Ruhe und ohne Sorgen verbringen.“

„Kein Wunder, dass Sie so handeln wollen. Der Verkauf der Ranch wird …“

„Zum Teufel, lassen Sie mich ausreden, Brook!“, unterbrach ihn der Alte erregt. „Ich verkaufe, aber nicht an Havillan, sondern an Sie, Phil Brook!“

„An mich?“ Phil fuhr sich über die Stirn. Wer war jetzt eigentlich verrückt? Der Alte oder er?

„Kayes, Sie haben keinen Grund dazu, mir Märchen zu erzählen und mich zu verspotten“, fuhr Phil auf. „Freuen Sie sich, dass man Männern in Ihrem Alter so manches nicht mehr krumm nimmt. Versuchen Sie aber so etwas nicht mehr mit mir!“

„Ich verstehe Sie nicht, ich meine es ernst, Brook! Es gibt keinen anderen Mann, dem ich meine Ranch übergeben würde.“

„Zur Hölle mit Ihnen, Kayes! Sie wissen ganz genau, dass ich nicht die geringsten Mittel habe. Ich kann nicht im Traum daran denken, eine Ranch wie die Ihre zu kaufen.“

„Das weiß ich selbst, Brook“, bestätigte der Alte. „Sie haben bei Ihrer Kartenspielerei weder begaunert noch betrogen, deshalb habe ich mir gedacht, Sie zu meinem Nachfolger zu bestimmen! Später zahlen Sie mir eine Rente. Ich habe so die Genugtuung, dass ich einen Mann fand, der Havillan die Stirn bietet.“

Die Augen des Alten funkelten listig. Er stand auf und hielt Phil die Rechte hin. „Schlagen Sie ein, Mann! Das ist die größte Chance, die sich Ihnen jemals geboten hat. Zwar haben Sie einen Teufel als Gegner, aber Sie haben eine Ranch und können einen Traum Wirklichkeit werden lassen. Hier haben Sie den Vertrag, unterschreiben Sie, und …“

„Nein!“, sagte Phil und sah über die dargebotene Rechte hinweg, „ich will nichts geschenkt! Machen Sie mich zu Ihrem Vormann, und ich will Ihre Ranch vor den Schuften schützen. Nur als Vormann will ich kämpfen.“

Kayes setzte sich und wischte sich über die schweißnasse Stirn.

„Man hat mir viel zu wenig über Sie berichtet“, murmelte er überrascht. „Sie beschämen mich, Brook.“

„Ich bin nicht so bescheiden, wie es den Anschein haben könnte“, erwiderte Phil. „Ich möchte eine Heimat für die Kinder Zack Rutherforts, für Jack und Evelin. Dürfen die beiden mit mir kommen?“

„Wenn Sie nicht mehr wollen? By Gosh, was sind Sie nur für ein komischer Kauz!“, staunte der alte Mann. „Wann treten Sie Ihre Stelle an?“

„Wann wünschen Sie es?“

„Ich?“, keuchte der Alte. „Wenn es nach mir ginge, würden Sie die Stadt verlassen und noch heute in meinen Sattel steigen. Meine Boys wissen Bescheid. Ich selbst kann leider nicht mitkommen, ich muss in einer dringenden Angelegenheit nach Tucson. Ich würde mich freuen, wenn Sie die Zügel nach meiner Rückkehr fest in der Hand hätten.“ Irving Kayes sagte nicht, was er in der Hauptstadt vorhatte. Niemand fragte ihn danach, auch Phil nicht. Er war nur eigenartig davon berührt, dass der Alte sein Einverständnis so fest einkalkuliert hatte. Wenn es aber Verräter unter den Cowboys gab, dann wusste auch Havillan, was der Alte beabsichtigte.

„Es scheint so, dass ausgerechnet ich dazu auserkoren bin, gegen Havillan anzutreten“, sagte Phil. „Ich habe mich nicht in diese Rolle gedrängt.“

„Wahrhaftig nicht!“, bestätigte Kayes. „Sie waren bereits auf dem Marsch, um irgendwo – weit fort von hier – ein neues Leben zu beginnen. Wissen Sie, wer Zack Rutherfort auf Sie hetzte?“

„Nein, aber vielleicht bekomme ich es noch heraus. Es gibt jemanden, der es mir sagen könnte.“

„Dann stellen Sie diesen Jemand, und pressen Sie es aus ihm heraus.“

„Leider geht das nicht. Dieser Jemand ist Zack Rutherforts Tochter. Ich kann nur hoffen, dass sie von allein spricht. Sie mag mich nicht, Kayes.“

„Trotzdem wollen Sie das Mädchen und ihren Bruder mit zur Ranch nehmen? Sie vergrößern damit nur die Schwierigkeiten, Brook. Ich muss Ihnen sagen, dass es vielleicht noch einen Verräter unter meinen Leuten gibt. Wenn der sich nun mit den Gegnern in Verbindung setzt?“

„Ich muss es darauf ankommen lassen, Kayes. In einer Stunde reite ich und trete meinen Dienst als Vormann an. Ich hoffe nur, dass die beiden Geschwister mein Angebot nicht ablehnen und mit mir kommen.“

„Was kaum anzunehmen ist“, meinte Kayes und sagte gleichzeitig, dass er sich verabschieden möchte. Er bedankte sich bei Phil, und als dieser und Eric Jory ihn hinausbegleiteten, sagte er, nachdem er sich auf den Bock seines Einspänners geschwungen hatte: „Nur ein richtiger Mann, der schnell genug mit dem Eisen ist, hat eine Chance. Ich setze auf Sie, Phil! Enttäuschen Sie mich nicht! In einer Woche etwa bin ich wieder da.“

Nach diesen Worten knallte der Alte mit der Peitsche, und sein Pferd setzte sich in Bewegung. Phil und Eric sahen dem Gefährt nach.

„Ich verstehe die Welt nicht mehr.“ Eric wandte sich an Phil. „Du bist ein Glückspilz – oder ein Todeskandidat. Warum lässt er dich jetzt allein, und was will er in Tucson? In der Hauptstadt wird er nichts erreichen. Eine Anfrage bei unserem Sheriff wird den Gents dort bestätigen, dass hier nichts geschieht, was eine Staatsaktion auslösen müsste. Die Regierung hat genug mit den Indianern zu tun, und wenn hier Schwierigkeiten auftreten, müssen wir sie selbst lösen.“

„Wir stecken bereits mitten in den Schwierigkeiten“, erwiderte Phil trocken. „Nicht nur, dass ich bleibe, auch die Schwert-Ranch ist unverkäuflich. Beides wird Havillan zur Weißglut bringen.“

„Du glaubst, dass er es war, der Zack Rutherfort auf deine Fährte setzte?“

„Ich weiß es wirklich nicht, ich kann nur sagen: Er ist ein unversöhnlicher Gegner.“

„Ich bin auf deiner Seite, Phil, und ich weiß, dass sich noch mehr Menschen für dich entscheiden werden. Es gibt keinen Grund, den Kopf hängen zu lassen.“

„Ich habe die Schwert-Ranch in guter Erinnerung. Es wäre wirklich schade, wenn auch Sie von Havillan kassiert würde.“

Eric Jory nickte, und die beiden Männer gingen ins Haus.

Etwa eine Stunde später kehrten die Leute von der Beerdigung in die Stadt zurück. Als letzte kamen Jack und Evelin Rutherfort. Das Mädchen fuhr ihren Bruder. Als sie das kleine, windschiefe Häuschen am Stadtrand erreichten, in dem sie wohnten, blieb das Mädchen plötzlich stehen. „Was ist, Evelin?“, fragte Jack.

„Schau dir das Pferd vor unserem Haus an!“, keuchte sie. „Ich kenne es, es gehört Phil Brook. Will er uns nicht endlich in Ruhe lassen? Ich kann den Mann nicht mehr sehen. Er ist ein Mörder.“

„Nein, Evelin!“, sagte Jack rau. „Du weißt, dass du unrecht hast. Wer bezahlte Dad dafür, dass er einen Mann umbringen sollte?“

„Sprich nicht weiter“, schluchzte sie leise. „Ich weiß, dass ich ungerecht bin. Ich will einfach nicht glauben, was du mir gesagt hast. Der Mann, der Dad tötete, kann nicht für uns sorgen. Ich werde es schon für uns beide schaffen.“

Details

Seiten
162
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934106
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v505706
Schlagworte
falle

Autor

Zurück

Titel: In die Falle geritten