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Die Rustler-Herde

2019 110 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Rustler-Herde

Copyright

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Die Rustler-Herde

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 110 Taschenbuchseiten.

 

Susan hilft ihrem Großvater, Rache am Rancher Colonel Brent zu üben. So gelingt es ihm spielend, dessen ganze Herde Langhornrinder zu stehlen. Doch Old Charly hat nicht mit der Gegenwehr von Tom Collins, dem ehemaligen Revolvermarshal, gerechnet. Aber auch Susan kommen langsam Zweifel an der Richtigkeit des Handelns ihres Großvaters …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Die Tür der Weidehütte flog auf. Fünf Gewehre funkelten im hereinflutenden Mondlicht.

Das Mädchen, das nackt neben Tom Collins lag, rollte sich sofort vom Lager. Tom erwischte den Remington, aber das Schnappen der Repetierbügel ließ ihn erstarren. Ein heiseres Kichern füllte den Raum.

»Sei nicht närrisch, Collins! Es lohnt nicht, für Colonel Brents Herde ins Gras zu beißen.«

Eine kalte Faust schien Toms Herz zu berühren, als er Charly Pierce’ Stimme erkannte. Der kleine, graubärtige Oldtimer stand wie ein Gnom zwischen den vier anderen Eindringlingen. Seine linke Schulter war höher als die rechte. Die gebogene Nase ragte aus dem zerfurchten Gesicht. Der Alte war in abgewetztes Lederzeug gekleidet. Statt Stiefel trug er indianische Mokassins. Seine Begleiter waren kräftige, finster blickende Burschen. Sie trugen staubbedeckte Reitertracht. Auffällig waren die tiefgeschnallten Revolver.

»Ich könnte es drauf ankommen lassen und dich mitnehmen, Pierce«, erwiderte Tom langsam.

Old Charly kicherte.

»Könntest du, Amigo - wenn Susan deine Kanone nicht entladen hätte.«

Toms Blick schnellte zu dem blonden Mädchen. Es kauerte in der Ecke, hielt die hastig zusammengerafften Kleidungsstücke vor den Körper und wich Toms Blick aus.

Tom legte den Sechsschüsser neben sich. Aus dem Canyon, an dessen Eingang die Hütte stand, erklang Hufgetrappel. Peitschen knallten, Rinder brüllten.

»Treibt sie, Amigos!«, schrie eine raue Stimme.

Tom spürte noch den Geschmack von Susans Lippen auf seinem Mund. Er hatte dem Mädchen und ihrem Großvater Unterkunft gewährt, als sie gestern auf nur einem Pferd und scheinbar völlig erschöpft bei der von ihm und Billy Sanderson bewohnten Hütte auftauchten. Angeblich wollte Old Charly als Prospektor in der Gegend von Reno und Carson City sein Glück versuchen. Er ließ seine Enkelin bei Tom, um in Haysville, zwanzig Meilen südlich von Colonel Brents Ranch, Ersatz für den in einem Sandsturm verlorenen Wagen samt Pferd zu beschaffen. Tom schalt sich jetzt einen Narren, dass er auf die Geschichte des Alten und die schönen Augen des Girls hereingefallen war.

»Zieh dich an, Susan! Hast deine Sache gut gemacht«, lobte Pierce.

Seine Komplizen näherten sich Tom. Einer entzündete den Docht der an einem Draht befestigten Petroleumlampe. Breitkrempige Hüte beschatteten die stoppelbärtigen, verkniffenen Gesichter. Pierce zwinkerte.

»Nimm’s nicht so schwer, Collins! Jeder Mann macht irgendwann einen Fehler. Bei dir mussten wir auf Nummer sicher gehen. Es heißt, du warst früher mal einer der zehn schnellsten Revolverschwinger westlich des Mississippi. Komm nicht auf die Idee, mir was beweisen zu wollen, Collins!« Ein hartes Glitzern erschien in Pierces Augen. »Ich hab nichts gegen dich. Aber wenn du verhindern willst, dass ich eine alte Rechnung mit Colonel Brent begleiche, bist du ein toter Mann.«

»Ich bin für Brents Herde verantwortlich.«

»Sie war Brents Herde«, kicherte der schiefschultrige Alte. Die Falten in seinem Gesicht zuckten. »Hölle, er schuldet mir einiges mehr als diese zweitausend Rinder.«

»Wo ist Billy?«

»Mach dir keine Sorgen! Wir haben ihn erwischt, ohne ihm ein Haar zu krümmen. Der Junge hat geschlafen wie ein Murmeltier. Bedank dich bei Susan, dass er noch lebt. Weiß der Henker, was dieser Wildkater angestellt hätte, wenn sie ihm nicht ein paar Knockouttropfen in den Kaffee getan hätte!«

Tom ballte die Fäuste. Er hörte das Rascheln von Susans Kleid, blickte aber nicht mehr in ihre Richtung. Pierces Kumpane ließen ihn nicht aus den Augen.

»Du kannst verdammt stolz auf das Girl sein, Pierce«, knirschte der Canyonwächter.

»Bin ich. Und weil sie dich mag, wenn mich nicht alles täuscht, mach ich dir ein Angebot, Collins: Reite mit uns! Wenn wir die Longhorns abtreiben, bist du deinen Job bei diesem großkotzigen Bastard Brent sowieso los. So einer wie du und Kühe hüten, das ist als würde ein Zirkusgaul einen Marktkarren ziehen.«

»Gib dir keine Mühe, Grandpa!« Die herbe Stimme ließ Susan Pierce älter wirken als sie war. »Er würde auch für tausend Dollar nicht mitkommen, höchstens, um dir die Herde wieder abzujagen.«

»Hey, du scheinst ihn ja schon verteufelt gut zu kennen, Kindchen. Aber vielleicht irrst du dich. Wie steht es, Collins?«

»Sie hat recht.«

»Nehmen wir mal an, Collins, es sind wirklich runde tausend Bucks für dich drin.«

»Ich würde sie dir ins Maul stopfen, bis du keine Luft mehr kriegst.«

Old Charly Pierces Grinsen gefror.

»Ich mag Burschen mit Humor. Fesselt ihn trotzdem!«

Zwei seiner Komplizen legten die Gewehre auf den wurmstichigen Tisch. Sie zogen Tom hoch. Er stieß dem einen das Knie in den Bauch und setzte dem anderen die Faust auf die Nase. Mit einer wilden Drehung fegte er die Winchester des dritten Rustlers zur Seite und schnappte sich den am Gürtel hängenden Revolver.

Poltern und Fluchen füllte die Hütte. Dann traf ein Gewehrlauf Tom Collins am Hinterkopf.

Das Letzte, was in sein Bewusstsein drang, war Susans Schrei.

 

 

2

Wasser perlte über Toms Gesicht. Sein Kopf schmerzte. Benommen öffnete er die Augen. Blauer Himmel leuchtete über verwitterten Felsen. Eine Quelle plätscherte. Dann spürte Tom eine Hand an der Schulter. Billy Sandersons aufgeregte Stimme erreichte ihn wie von weit her. Die Kopfschmerzen und das grelle Licht zwangen Tom, die Augen zu schließen. Wieder traf ihn ein Wasserschwall. Da setzte er sich ruckartig auf.

»He, willst du mich ersäufen?«

Billy kniete vor ihm, den leeren Becher in der Hand. Strohblonde Strähnen hingen ihm in die Stirn. Auf seinen Wangen brannten rote Flecken. Billy war achtzehn, ein knochiger, wildäugiger Bursche, der jeden, der ihn zum ersten Mal sah, an einen jungen, unberechenbaren Wolf erinnerte. Ein schwerkalibriger Colt, mit dem er nach Toms Geschmack viel zu gut umzugehen verstand, steckte in dem Holster.

»Mann, ich dachte schon, du wachst überhaupt nicht mehr auf! Wir müssen weiter! Brent und die Reiter sind hinter uns her.«

Die Quelle füllte ein steinumrahmtes Becken. Zwischen den rotbraunen Felsen wuchs Gras. Eine abgestorbene Weißeiche stand wie ein knorriges Skelett am Rand der freien Fläche. Der Platz befand sich noch auf Colonel Brents Weide, die sich bis zum Dead man Creek erstreckte, wo das Revier der Geächteten begann. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber die Luft erwärmte sich bereits. Die Pferde standen abseits. An den Sätteln hingen Lassos und Gewehre. Außerdem hatte Billy sie mit Deckenrolle, Proviantbeutel und Hafersack bepackt.

Tom schüttelte den Kopf.

»Bist du närrisch? Weshalb, zum Teufel, hast du mich hierhergeschleppt?«

»Das fragst du noch? Seit Brent weiß, dass mein Alter ein steckbrieflich gesuchter Bandit war, wartet er nur auf einen Anlass, mich zur Hölle zu schicken. Und dich dazu, nachdem die Herde nun weg ist. Du hast mir schließlich den Job verschafft. Für Brent liegt es gewiss auf der Hand, dass ich mit Pierce ...«

»Ich werde ihm klarmachen, dass alles meine Schuld ist.«

»Blödsinn! Ich hätte nicht einschlafen dürfen, als du mir die Nachtwache anvertrautest. Tut mir leid, Tom.«

»Du kannst nichts dafür. Susan, das Biest, hat dir was in den Kaffee geschüttet.«

Tom erhob sich. Billy starrte ihm nach, als er steifbeinig zu den Pferden ging. Tom war Ende Dreißig, ein großer, breitschultriger Mann, dessen dunkelbraunes Haar bereits von grauen Strähnen durchzogen war. Sein Gesicht war wettergegerbt.

Nun band er den Braunen los.

»He, wo willst du hin?«

»Zur Ranch.«

»Was, zur Hölle, glaubst du, stellt Brent mit dir an, wenn du ihm jetzt begegnest?«

»Nichts, was ich nicht möchte.« Wie zufällig streifte Toms Rechte den Remingtonkolben. Er brauchte nicht nachzusehen, um zu wissen, dass Billy die Waffe geladen hatte.

»Ich rate dir, mitzukommen. Wenn du erst anfängst, vor der Verantwortung davonzulaufen, wirst du es immer wieder tun.«

Tom hatte schon einen Fuß im Steigbügel, als er das Knacken des Colthammers unter Billys Daumen vernahm.

»Ich lass das nicht zu!«, rief der Junge.

Tom drehte sich betont langsam um. Seine Miene war hart. Er sah den auf sich gerichteten Sechsschüsser.

»Du hast zum Frühstück wohl in die Flasche geguckt. Was lässt du nicht zu?«

»Dass du mit offenen Augen ins Verderben reitest, du Narr. Tom, ich weiß, was ich dir verdanke. Ich wäre längst in der Gosse gelandet, wenn du mich nicht aufgelesen hättest.«

»Trotzdem willst du mir eine Kugel verpassen?« Tom zwang sich zu einem matten Grinsen. Mit funkelnden Augen und erhobener Waffe trat Billy auf ihn zu.

»Besser ein Stück Blei in der Schulter als ein Strick um den Hals! Du reitest mit mir, nicht umgekehrt! Wenn du ...«

»Kanone weg, sonst knallt es!«

Der Befehl kam aus dem Schatten jenseits des Tümpels. Hufe stampften, Metallzeug klirrte.

Tom kniff die Augen zusammen.

Brent und seine Reiter tauchten zwischen den Felsen auf. Neun Mann, alle bewaffnet, als wollten sie zu einem Feldzug aufbrechen.

Der Canyon, in dem Colonel Brent seine Texas-Longhorns weiden ließ, lag acht Meilen von der Ranch entfernt. Toms einzige Erklärung für Brents rasches Auftauchen war, dass einer der Grenzreiter mit den Rustlern zusammenstieß und den Rancher noch in der Nacht alarmierte.

»Wird’s bald!«, bellte Brent.

Da wirbelte Billy herum. Die Mündung seines Sechsschüssers fand wie von selbst das Ziel.

Tom war noch schneller. Sein wuchtiger Faustschlag streckte den Jungen nieder. Billys Colt rutschte davon. Tom hütete sich, die Waffe aufzuheben oder den eigenen Revolver anzufassen.

Die Reiter lenkten ihre Pferde an der Quelle vorbei. Brent war der einzige, der Tom nicht mit einem Gewehr oder dem Colt bedrohte. Das war unter seiner Würde. Das Gesicht des mittelgroßen, klotzigen Mannes schien nur aus Ecken und Kanten zu bestehen. Ein buschiger Schnurrbart verdeckte die Mundwinkel. Mitleidlose Augen musterten Tom.

»Hallo, Boss.«

Alle anderen nannten ihn »Colonel«. Brent starrte Tom an. Dann wies er mit einer herrischen Kopfbewegung auf den Jungen, der sich ächzend auf die Seite rollte.

»Hängt ihn auf!«

Zwei Cowboys saßen ab. Ein dritter sprengte zu der toten Weißeiche und schleuderte sein Lasso über einen dicken Ast. Ohne abzusteigen wickelte er das Ende des Seils um den Stamm. Die anderen hielten Tom in Schach. Sie würden nicht zögern, abzudrücken, wenn er auch nur den Ansatz einer Bewegung machte. Brents Wort war in diesem Teil von Nevada das Gesetz, nicht nur für die Männer, deren Namen auf seiner Lohnliste standen.

»Es ist Mord, Boss. Billy trifft keine Schuld ...«

»Ich weiß Bescheid. Pierce schickte mir eine Botschaft durch einen meiner eigenen Reiter, der den verfluchten Rustlern in die Hände fiel. Pierce ließ mir alles genau berichten. Wir sprechen noch darüber, Collins. Mach dich bloß nicht wieder für diesen räudigen Banditensprössling stark.«

»Billys Vater war eine Zeitlang mein Sattelpartner. Er hatte eine Menge Pech im Leben.«

»Du redest wie ein Prediger. Der Junge ist ein Wolf. Ich hätte ihm von Anfang an keine Chance geben sollen. Das konnte nicht gutgehen. Er wird hängen, basta!«

Die Cowboys schleppten Billy unter den Baum. Der Junge war von Toms Hieb noch halb betäubt. Seine Füße schleiften im Sand.

»Wartet!«, rief Tom. »Ich bring dir die Herde zurück, Boss!«

»Wie denn?« Brent lachte zornig. »Pierce, dieser alte Teufel, hat mehr Reiter als ich. Er will mich fertigmachen und wartet nur drauf, dass wir was versuchen.«

»Er rechnet nicht mit mir. Ich hab Freunde in den Indian Breaks.«

Brent drehte den Kopf zur Seite und spuckte aus.

»Ich würde diesen Kerlen meine Herde genauso wenig anvertrauen wie Pierce und seinen Halsabschneidern. Das sind doch allesamt Strolche, steckbrieflich gesuchte Schießer. Feine Freunde!«

»Von Tennessee, ihrem Anführer, weiß ich genau, dass sein Steckbrief zu unrecht existiert. Ein Komplott machte ihn zum Geächteten. Er steht in meiner Schuld, Boss.«

»Na schön, Collins, du kriegst deine Chance.«

»Der Preis ist Billys Leben.«

Tom wusste, dass Brents Existenz von der Wiederbeschaffung der zweitausend Longhorns abhing. Es waren ausgesuchte Zuchtrinder.

»Ich lass mir keine Bedingungen aufzwingen, Collins. Das Geschäft läuft andersrum. Du hast zehn Tage Zeit, die Herde in den Longhorn Canyon zurückzubringen. Danach stirbt Billy!«

Tom kannte den Rancher. Es gab nichts, was ihn umstimmen konnte.

»Setzt Sanderson aufs Pferd!«, befahl Brent. »Fesselt ihn! Wir bringen ihn zur Ranch.«

Billy stemmte sich ein.

»Leg ihn um, Tom!«, schrie er hasserfüllt. »Ich weiß, dass du es schaffst.«

Ein Faustschlag traf ihn. Dann hoben die Männer ihn in den Sattel und banden ihn fest. Brent gab das Zeichen zum Aufbruch.

Tom blickte ihnen nach, bis er nur noch eine Staubwolke sah.

 

3

Zwei Stunden später bemerkte Tom die Verfolger. Eine Staubfahne hing über den Hügeln, aus denen er kam. Dabei bewegte sich kein Lufthauch. Die Entfernung war zu groß, etwas zu hören. Nur das Stampfen der Hufe und das Knarren des Sattelleders begleiteten den Reiter.

Eine mit Salbei- und Fettholzstauden bewachsene Ebene erstreckte sich vor ihm. Es war heiß. Der Horizont verschwamm in bleifarbenem Geflimmer. Nach weiteren zwei Stunden, als Tom vom Rand der Ebene zurückblickte, war kein Staub mehr da. Dafür bewegten sich drei dunkle Punkte auf seiner Fährte.

Ein grimmiges Lächeln spannte Toms Mundwinkel. Er hatte damit gerechnet, dass Brent ihm einige Aufpasser nachschickte. Trotzdem setzte er seinen Ritt zum Deadman Creek fort. Als die Sonne im Zenit loderte und die Luft wie flüssige Glut die Hügel umströmte, schlug er in einem tief eingeschnittenen Arroyo ein Camp auf. Er band den Braunen im Schatten einer hohen Klippe fest, tränkte und fütterte ihn. Dann sammelte er Reisig und Kakteenstücke für das Feuer. Er achtete darauf, dass genügend Rauch entstand. Dann stärkte er sich lediglich mit einem Schluck aus der Canteenflasche, ehe er das ausgetrocknete Flussbett zu Fuß verließ. Er kehrte, immer ein, zwei Hügel zwischen sich und der eigenen Fährte, in die Richtung zurück, aus der er kam. Nachdem er ungefähr eine halbe Meile im Wolfstrott zurückgelegt hatte, hörte er ein Wiehern. Er duckte sich.

Seine Rechte umspannte den Revolver. Es war eine Reflexbewegung, überkommen aus der Zeit, da er sich einen Namen als Städtebändiger und Revolverkämpfer gemacht hatte.

»Kein Feuer, verdammt noch mal!«, schimpfte eine raue Stimme. Sie kam von jenseits eines mit Felsbrocken und Dornbüschen bedeckten Kamms. »Er muss nicht wissen, dass wir hinter ihm her sind.«

Tom grinste, ließ den Remington in dem Holster und schlich um den Hügel herum. Der große Mann bewegte sich mit katzenhafter Geschmeidigkeit. Seine Stiefel mit den niedrigen Absätzen waren dafür besser geeignet als die sonst üblichen Cowboyboots. Im Westen stand noch immer eine dünne Rauchsäule über dem Arroyo. Stampfen und Klappern wies Tom die Richtung.

Die drei Brent-Reiter hatten ihren Tieren die Futtersäcke umgehängt. Zwei kauerten im Schatten, den die Tiere auf die von der Sonne hartgebackenen, mit halbverdorrten Grasbüscheln bestandene Erde warfen. Lustlos verzehrten sie ihre Ration Hartbrot und Dörrfleisch. Zwischendurch tranken sie aus den Sattelflaschen. Der dritte beobachtete, die Hand über den Augen, den im Westen aufsteigenden, nun allmählich verblassenden Rauch. Er hielt die Winchester in der Armbeuge. Die Gewehre seiner Gefährten steckten in den Scabbards.

Die Pferde witterten Tom. Ein vom Futtersack gedämpftes Wiehern war das Signal, das ihn aus der Deckung zwang.

»Hallo, Boys! Ihr könnt euch ’ne Menge Verdruss ersparen, wenn ihr die Eisen stecken lasst, freiwillig in die Sättel steigt und umkehrt. Mit euch auf meiner Fährte hätte ich keine Chance, über den Deadman Creek zu gelangen. Bestellt das dem Colonel!«

Die Kauernden fuhren hoch. Der Winchesterträger schnellte wie von einem Skorpion gestochen herum.

Tom trat fünf Schritte auf sie zu. Seine Hände hingen locker herab. Der Remington steckte im Holster.

»Verdammt, Collins, was ...«

Der Mann mit der Winchester versuchte es. Er brauchte nur die Waffe zu heben und abzudrücken. Das jähe Blitzen in seinen Augen warnte Tom. Er zog, schoss von der Hüfte aus und wunderte sich einen Sekundenbruchteil später selbst, wie schnell er trotz der Lassoarbeit der vergangenen Jahre noch immer war.

Ein Schrei antwortete, die Winchester wirbelte weg. Mit schmerzverzogener Miene presste der Cowboy die Hand auf den blutenden rechten Arm.

Toms Stimme klirrte: »Schätze, Boys, das war’s!«

 

 

4

Schatten fielen auf Brents Ranch. Der Ruf des Postens meldete die Zurückkehrenden. Sofort tauchten ringsum Männer mit breitkrempigen Hüten und schussbereiten Gewehren auf. Seit dem Herdenraub glich die Ranch einer schwerbewachten Festung. Brents Befürchtung, dass Pierce sich nicht mit den zweitausend Texas-Longhorns begnügte, war dafür verantwortlich, dass er nicht selber die Verfolgung der Rustler aufnahm. Er wollte seinen Besitz nicht als Trümmerhaufen vorfinden, wenn er von der Jagd auf seinen Feind aus alten Tagen zurückkehrte.

Verbissen blickte er auf die Ankömmlinge. Es waren die Männer, die er auf Tom Collins’ Fährte gesetzt hatte. Ihre Hände waren auf den Rücken gefesselt, die Füße mit einem Seil unter dem Pferdebauch zusammengebunden. Ein blutdurchtränktes Tuch umgab den Arm des verhinderten Winchesterschützen. Die Tiere waren mit einem Lasso aneinandergekoppelt. Sie hatten von allein den Heimweg gefunden.

Die Reiter sahen aus, als wollten sie sich am liebsten in ein Mauseloch verkriechen. Kein Lachen ertönte, kein Spottruf erklang.

»Bindet sie los!« Brents Stimme kam aus der Dunkelheit unter dem Verandadach. »Zahl sie aus, Hank! Ich will sie nach Ablauf von vierundzwanzig Stunden nicht mehr auf meinem Land sehen!«

Das heisere »Jawohl, Sir«! hörte Brent schon nicht mehr. Die Tür knallte hinter ihm zu. Mit wuchtigen Schritten durchquerte er die dämmrige Wohnhalle, nahm Flasche und Glas aus einem Schrank und goss einen Drink ein. Mitten in der Bewegung stockte er, stellte Flasche und Drink ab und drehte sich langsam um.

Die dunkle Gestalt am Kamin bewegte sich nicht. Die fahle Dämmerung reichte gerade aus, dass der Rancher den auf ihn zielenden Revolver erkannte. Vielleicht hatte er, ohne dass es ihm richtig bewusst wurde, das Knacken des einrastenden Metallhahns gehört.

»Hallo, Boss!«

Toms Gruß klang so ruhig wie immer. Die Stimmen und Geräusche auf dem Hof waren wie von einer Glaskugel ausgesperrt. Ein leichter Zug bewegte die Nebentür. Brent setzte sich, den Drink in Reichweite, in einen Ledersessel.

»Nicht schlecht, Collins. Aber du hättest dir die Mühe sparen können. Billy Sanderson ist nicht hier. Meine Männer haben ihn an einen sicheren Ort gebracht.«

»Ich könnte ihn holen lassen.«

Tritte pochten auf dem Vorbau. Die Tür ging halb auf.

»Sir?« Es war die heisere Stimme von Brents Vormann. Er stand so, dass er Tom beim Kamin nicht sah. Brents Hände pressten sich um die Seitenlehne des Sessels.

»Ich möchte nicht gestört werden, Hank!«

»Entschuldigen Sie, Sir, ich wollte nur fragen ...«

»Komm in einer halben Stunde wieder, Hank!«

»Wie Sie wünschen, Sir.« Der Weidereiter zögerte, als hätte der gespannte Unterton in Brents Stimme ihn mit plötzlichem Misstrauen erfüllt. Dann klappte die Tür, Schritte entfernten sich. Brent nahm das Glas und trank.

»Rechne dir nichts aus, Collins! Billy bleibt, wo er ist.«

»Vielleicht lass ich es drauf ankommen.«

»Ich auch - mit dem Unterschied, dass ich weiß, dass du nicht schießen wirst. Du bist wütend, Collins, aber du bist kein Killer, der einen Unbewaffneten über den Haufen knallt. Außerdem bot ich dir die Chance, ein neues Leben zu beginnen.«

»Wenn ich dir die Herde zurückbringe, sind wir quitt, Boss.«

»Wenn!« Der Rancher lachte hart. »Von den zehn Tagen, die ich dir als Frist gesetzt habe, ist einer bereits um.«

Tom kam auf ihn zu. Seine Schritte verursachten kein Geräusch auf dem moosweichen Teppich.

»Du kannst recht haben, Boss. Vielleicht schaff ich’s nicht. Aber wenn du Billy hängen lässt, bist auch du ein toter Mann.«

 

 

5

Tom zügelte sein Pferd mitten im Deadman Creek. Das lehmfarbene Wasser reichte dem Wallach knapp über die Fesseln. Stille herrschte. Die Luft flimmerte. Das Labyrinth der Hügel, Felsen und ausgetrockneten Bachläufe jenseits des Creeks schien ausgestorben.

Trotzdem fühlte Tom sich beobachtet. Die von seinem Braunen aufgewirbelte Staubfahne war auf der Ebene meilenweit zu sehen gewesen. Tom nahm den Stetson ab, trocknete mit dem Halstuch das Schweißband und hängte ihn ans Sattelhorn. Dann zog er die Winchester aus dem Scabbard und gab in rascher Folge drei Schüsse ab. Das Echo verlor sich in den Indian Breaks. Toms Brauner stampfte zum gegenüberliegenden Ufer. Es dauerte knapp zehn Minuten, bis Tom das Hämmern von Hufen und schrille Schreie vernahm. Reiter jagten zwischen den Felsen hervor, spornten ihre staubumbrodelten Pferde über die Hügelrücken und tauchten wie Wüstenteufel aus verborgenen Senken. Tücher, Ponchos, Lederjacken und Pferdemähnen flatterten um die Wette. Schüsse krachten.

Toms Wallach stieg. Eine Lassoschlinge schnürte sich um Toms Oberkörper und riss ihn aus dem Sattel. Der Aufschlag presste ihm die Luft aus den Lungen. Ehe er sich drehen und das Seil abstreifen konnte, straffte es sich und schleifte ihn mit. Staub hüllte ihn ein. Er sah die Reiter, die nebenher preschten, nur als Schemen. Sie schrien und schossen wie verrückt.

Toms Jacke riss, sein Körper brannte. Dann schob sich ein halb aus dem Sattel gebückter drahtiger Reiter knapp an ihm vorbei. Eine blitzende Messerklinge durchtrennte das Seil. Der Lärm ringsum verebbte. Tom schnappte nach Luft. Sein Rücken blutete. Ein braunes, pockennarbiges Gesicht strahlte ihn durch die verwehenden Staubschleier an.

»Amigo!«

Tom setzte sich auf. Ein Stampfen und Wiehern umgab ihn. Sporenklirrende Schritte näherten sich. Grinsend schob Pablo Gomez das Messer in die perlenbestickte Lederscheide am Gurt. Er war noch genau derselbe wildäugige Draufgänger, als den Tom ihn in Erinnerung hatte.

»Feine Art, einen alten Sattelpartner zu begrüßen«, beschwerte sich Tom.

»Tut mir leid, Amigo, ich hab dich nicht gleich erkannt.«

»Aber ich.« Der hagere Lassowerfer stellte sich herausfordernd neben den Mexikaner. Seine Hände umschlossen den vom Sechsschüsser beschwerten Patronengurt. Düster glimmende Augen hefteten sich auf Tom.

»Es war genau die richtige Begrüßung für einen Burschen, der vor vier Jahren in Flagstaff, Arizona, den Stern trug.«

»Drei Jahre, McAllister«, grinste Tom verkniffen. »Du wirst alt. Dein Gedächtnis lässt dich schon im Stich.«.

Einen Augenblick schien es, als würde Jeff McAllister den Revolver ziehen. Dann spuckte er vor Toms Stiefel.

»Was hat mein Gedächtnis damit zu tun, dass ich dich binnen einer halben Stunde ins Jenseits befördern kann?«

»Eine Menge. Sonst wüsstest du nämlich noch, dass alle Burschen, die das vor dir versuchten, nicht mehr leben.«

»Hört auf!«, befahl Gomez.

»Ich verabscheue Sternträger«, knurrte McAllister. »Besonders die Sorte, die so tut, als wollte sie sich mit Burschen wie unsereins verbrüdern. Der einzige Grund, weshalb ich das Lasso und nicht das Gewehr benutzte, ist, dass ich erfahren möchte, was du auf dieser Seite des Deadman Creek suchst, Collins.«

Tom streifte die übrigen Männer mit einem kurzen Blick. Alle waren mit Gewehr, Colt und Messer bewaffnet. An einem Sattel entdeckte Tom einen federgeschmückten Tomahawk. Die Pferde wirkten so struppig und verwildert wie ihre Besitzer. Sie trugen die verschiedensten Brandzeichen.

»Ich möchte zu Tennessee.«

McAllister lachte gehässig.

»Bescheiden warst du noch nie.«

»Tennessee wird sich freuen, wenn er seinen Lebensretter wiedersieht«, half der Mexikaner dem ehemaligen Revolvermarshal.

McAllister verzog das Gesicht.

»Du gebrauchst deinen Kopf auch nur als Hutständer. Ich könnte dir auf Anhieb ein halbes Dutzend Burschen nennen, die ohne mit der Wimper zu zucken tausend Bucks dafür ausgeben, wenn sie die genaue Lage von Tennessees Schlupfwinkel erfahren.«

»Du bist verrückt, wenn du glaubst, Tom würde ...«

»Nicht so verrückt, einen ehemaligen Sternträger in unser Camp zu lotsen. Was meint ihr, Amigos?«

Zustimmendes Gemurmel erklang. Mehrere Revolver bedrohten Tom.

»Wenn ihr ihn tötet, müsst ihr auch mich erschießen«, erklärte Gomez, die Hand am Revolver.

»Na und?«

»Ich glaube kaum, dass Tennessee begeistert ist, wenn es dazu kommt.« Tom erhob sich. McAllister starrte ihn finster an, dann trat er sporenklirrend zu seinem Pferd.

»Bringt ihn zu ihm!«

 

 

6

Tennessee war ein großer, dunkelhaariger Mann mit scharfgeschnittenem Gesicht und nervigen Händen. Die durchdringenden blauen Augen bildeten einen auffälligen Kontrast zur Bronzehaut. Manche behaupteten, dass ein tüchtiger Schuss Indianerblut in Tennessees Adern floss. Er war mit einer engen Wildlederhose, schwarzem Baumwollhemd und Cowboystiefeln bekleidet. Dazu trug er ein gelbes Halstuch. Colt und Bowiemesser hingen an seinem Gurt. Er stand am Fenster der aus Lehmziegeln errichteten Hütte und blickte auf das von Felshängen umschlossene Tal.

Ponderosa-Fichten säumten das Ufer eines kleinen Sees. Struppige Pferde tummelten sich auf einer saftigen Weide. Trampelpfade verbanden die willkürlich verstreuten Hütten. An ihren Rändern wuchsen frischbelaubte Sträucher. Das Tal lag wie eine Oase inmitten der zerklüfteten und ausgedörrten Wildnis der Indian Breaks.

Tom spürte die knisternde Spannung im Raum ebenso wie die misstrauischen Blicke der Geächteten. Viele dieser Männer hatten hier die letzte Zufluchtsstätte gefunden.

Tennessee wandte sich plötzlich um. Kein Schimmer von Wiedersehensfreude spiegelte sich auf seiner Miene.

»Was, zur Hölle, geht mich Brents Herde an?«

»Was gingen mich die Kopfgeldjäger an, die dich damals am Gunnison River beinahe erwischten?«

Der Boss der Geächteten trat an den Tisch und goss sich einen Drink ein. Das Gluckern der Flüssigkeit war das einzige Geräusch. Tom stand ihm gegenüber. Die anderen Männer hatten sich an den Wänden verteilt, bis auf Pablo Gomez, der scheinbar lässig auf einer Kiste saß und mit der Spitze eines dolchartigen Messers seine Fingernägel säuberte. Tennessee bot dem Besucher keinen Whisky an.

»Du hättest nicht herkommen dürfen.«

»Zum Teufel mit ihm!«, hetzte McAllister.

»Andererseits lass ich keine Schuld unbeglichen«, fuhr Tennessee mit kühler Stimme fort. »Nur verlangst du ein bisschen viel. Ich kenn ein paar der Burschen, die für Old Charly Pierce reiten. Das sind nicht irgendwelche Rustler, sondern Burschen, die den eigenen Bruder über den Jordan schicken, wenn sie gut genug dafür bezahlt werden.«

»Ich hab keine Wahl.«

»Ich würde die Finger davon lassen«, knurrte Jeff McAllister. »Wer garantiert uns, dass kein Aufgebot auf uns wartet, wenn wir die Breaks verlassen?«

»Das wird nicht der Fall sein. So gut kenne ich Tom.«

»Dass Collins dir mal das Leben gerettet hat, beweist noch lange nicht ...«

»In zwei Stunden brechen wir auf.«

»Ohne mich!«

Tennessee trank, stellte bedächtig das Glas ab und wandte sich gemächlich dem hageren Revolvermann zu. Ein unstetes Flimmern war in McAllisters Augen.

»Kannst du haben«, erwiderte Tennessee und senkte die Rechte auf den Sechsschüsser.

Drei Sekunden verstrichen, dann verließ McAllister überstürzt die Hütte und knallte die Tür hinter sich zu. Gomez erhob sich. Seine Zähne blinkten.

»Das wird ein Fest, Amigos! Trinken wir darauf, dass wir wie in alten Zeiten die Fetzen fliegen lassen!«

Eisiges Schweigen antwortete.

 

 

7

Die Herde besaß einen Vorsprung von fast zwei Tagen, kam aber im Gegensatz zu den Reitern nur im Schneckentempo voran. Die Fährte, die sie hinterließ, war unübersehbar. Pierces Reiter trieben die Rinder nach Nordwesten, hart am Rand der berüchtigten, von mörderischer Sonne überfluteten Nevadawüste entlang. Von einem flachen Hügel sichteten Tom und die Geächteten sie zum ersten Mal. Die Herde bewegte sich in einer golden schimmernden Staubwolke über eine sonnenverbrannte und von niedrigen Bodenwellen durchzogene Ebene. Vereinzelte Yuccastauden, Dornbüsche und Felsgruppen spendeten ein bisschen Schatten. So weit das Auge reichte, gab es kein Fleckchen Grün. Am Horizont dämmerte die Silhouette eines fernen Gebirgszugs. Kein Laut war zu hören. Dafür war die Entfernung zu groß. Die Reiter an den Flanken der Herde glichen verwischten Farbtupfern.

Tennessee, der sein Pferd neben Tom zügelte, schüttelte den Kopf.

»Sie wollen zum Stonewallpass. Nur ein Verrückter kann auf die Idee kommen, zweitausend Longhorns durch die Yucca Fiats zu treiben. Wenn sie nur eine Wasserstelle verfehlen oder der Paiute Wash ausgetrocknet ist, sind sie erledigt.«

»Pierce weiß, was er will. Es kommt ihm nur drauf an, Brent in eine Falle zu locken.«

»Ich sehe, verdammt noch mal, noch immer nicht ein, weshalb wir für Brent, diesen aufgeblasenen Bastard, die Kastanien aus dem Feuer holen sollen.«

»Denk an Billy Sanderson! Sein Vater hätte damals seine Haut retten können, wenn er dich an den Strick geliefert hätte.«

»Du musst mich nicht an all meine alten Schulden erinnern. Besser hätten wir Brents Ranch gestürmt und Billy rausgehauen.«

»Ich bin kein Bandit.«

Tennessee kniff die Augen zusammen.

»Vor allem kannst du es nicht verwinden, dass der alte Pierce dich wie ein Greenhorn reingelegt hat, was?«

»Wir würden Billy nur unnötig gefährden.«

»Seht!« Pablo Gomez wies auf die Punkte, die eine Viertelmeile von der wandernden Herde entfernt, hinter einer dornenbedeckten Bodenwelle verschwanden. Ein metallisches Blinken stach den Beobachtern in die Augen.

»He, da sind ja noch welche, die es auf Brents Herde abgesehen haben«, krächzte einer von Tennessees Reitern.

Der Anführer hob das Fernglas. Nach einer Weile, als die Punkte wieder für einige Sekunden zum Vorschein kamen, schüttelte er abermals den Kopf.

»Es sind Männer von Pierce. Scharfschützen, nehme ich an, deren Job es ist, sofort einzugreifen, wenn den Treibern Gefahr droht. Sie wollen nicht gesehen werden. Könnte hinkommen, was du gesagt hast, Tom.« Er gab das Fernglas an Tom weiter.

Der stellte die Schärfe ein. Er spürte einen Stich, als er von einem Moment zum anderen den rumpelnden Planwagen, auf dem Old Charly und seine hübsche Enkelin saßen, vor Augen hatte.

Susan trug dasselbe hellblaue Kleid wie neulich in der Hütte beim Longhorn Canyon. Sie reckte sich eben. Brüste und Schenkel zeichneten sich deutlich unter dem dünnen Stoff ab.

Toms Mund wurde trocken. Er spürte die Blicke der Geächteten und peilte statt des Wagens die Bodenwellen seitlich davon an. Er sah die Reiter nur für eine Sekunde. Das metallische Blinken stammte von den Gewehren, die sie über ihren Sätteln hielten.

»Pierce hat das nicht übel eingefädelt«, anerkannte Tennessee fachmännisch. »Brent wäre wahrscheinlich bereits wie ein blindwütiger Bulle ins Verderben gestürmt.«

 

 

8

Zwei Flankenreiter kamen Tom entgegen. Die geflochtenen Lederpeitschen hingen zusammengerollt an ihren Sätteln. Stattdessen hielten sie schussbereite Revolver. Die Gesichter unter den breitkrempigen Hüten waren graue Staub und Schweißmasken.

Ein dumpfes Grollen erfüllte die Luft. Achttausend stampfende Rinderhufe ließen die Yucca Fiats erzittern. Aus den Augenwinkeln bemerkte Tom noch einige schräg von hinten heranjagende Rustler. Es waren die Scharfschützen. Tom hielt vor den beiden Treibern.

»Ich wollte es zuerst nicht glauben, dass du es bist, Collins«, stieß der Größere hervor.

»Sagt Pierce Bescheid! Ihr müsst nach Osten. Da vorn bei den Felsen lauern Tennessees Geächtete.«

Den Kerlen klappte der Unterkiefer herab. Gleich darauf waren die anderen da. Sie umringten Tom.

»Was will er?«

Tom wiederholte seine Warnung.

»Weshalb, glaubt ihr, bin ich wie der Teufel geritten? Wenn ihr noch lange glotzt, seid ihr nicht nur die Herde, sondern auch eure Skalps los!«

Ein Gewehrlauf berührte seinen Hals.

»Wo ist Brent?«

»Hölle! Muss ich euch erst einen Roman erzählen, bis ihr kapiert, dass es jeden Augenblick losgehen kann? Brent hat mich fortgejagt und sich mit den Geächteten aus den Indian Breaks verbündet. Ich will Pierce an sein Angebot erinnern. Für tausend Bucks bin ich mit von der Partie.«

Das Gewehr sank herab. Sein Besitzer wendete und galoppierte in die Richtung, in der Tom beim Heranreiten die wie ein Segel leuchtende Wagenplane gesehen hatte. Die anderen zögerten. In stetigem Strom wälzte sich die Herde hundert Yard entfernt vorbei. Bleiern lastete die Hitze auf den Tieren. Die Treiber brauchten keine Hand zu rühren, um sie beieinander zu halten.

Ein Rustler entriss Tom die Zügel.

»Komm mit!«

Zu viert nahmen sie ihn in die Mitte. Die Gewehre blieben auf ihn gerichtet. Die Flankenreiter preschten zur Herde zurück. Die Felsen, vor denen Tom die Rustler gewarnt hatte, schimmerten links voraus. Toms Bewacher folgten dem Wagen. Toms steinerne Miene verriet nichts von der Sorge, mit der er jenem Augenblick entgegensah, da er Susan begegnete. Zorn und Scham brannten in ihm.

Plötzlich tauchten bei den Felsen jenseits der Herde Reiter auf. Schüsse blitzten. Sie klangen im Grollen, das die Longhorns verursachten, nicht lauter als das Brechen dürrer Äste.

»Verdammt, Collins hatte recht!«, schrie der Mann, der die Zügel seines Wallach hielt. Dann stürzte er schon mit blutüberströmtem Gesicht aus dem Sattel. Seine Kumpane stoben auseinander.

Ein Reitertrupp fegte nur knapp achtzig Yard von der Herde entfernt über eine Bodenwelle. Viel näher und vor allem aus einer anderen Richtung als Tom mit Tennessee vereinbart hatte. Die Revolver blitzten und krachten, so dass Toms Rechte unwillkürlich zum Holster fuhr.

Die Rustler erwiderten das Feuer. Tom erwartete, dass die Angreifer abschwenkten. Stattdessen hob es wieder einen von Pierces Reitern aus dem Sattel. Kugeln pfiffen auch an Tom vorbei.

Fluchend wollte er sein Pferd nach vorn zum Wagen spornen. Da knickte der Braune ein. Tom zog die Füße aus den Steigbügeln, überkugelte sich und fand sich, in einer Staubwolke kniend, wenige Yard neben dem nur mehr schwach mit den Hufen schlagenden Wallach wieder. Der Remington lag in seiner Faust.

McAllister galoppierte auf ihn zu. Sein Halstuch flatterte. Der Stetson hing an der Windschnur auf McAllisters Rücken. Das war kein Bluff, sondern tödlicher Ernst! Im Aufflammen von McAllisters Colt hechtete Tom zur Seite, prallte mit der linken Schulter auf und schoss.

Es war eher Glück als Absicht, dass die Kugel McAllisters Handgelenk streifte. Der Colt wirbelte davon. Mit einem Fluch riss der Hagere das Pferd nach links. Tom drehte sich. Blei pflügte den Sand neben ihm. Er schoss wieder.

Da bogen die Angreifer ab. Tom sprang auf, erwischte die Zügel eines reiterlosen Rustlerpferdes und schwang sich darauf. Schatten wischten vorbei.

Ein ohrenbetäubendes Dröhnen hallte über die Ebene. Pierces Wagen schien sich in der bis zum Himmel reichenden Staubwolke aufzulösen. Die Longhorns rannten, von dem plötzlichen Schusswechsel erschreckt, in blinder Panik an der Felsgruppe vorbei. Ein Gewoge hörnerbewehrter Schädel schloss Tom ein.

»Stampede!«, gellte von irgendwoher ein durchdringender Schrei.

 

 

9

»Stampede!«, dröhnte es als Echo hinter Tom Collins’ Stirn. Es war der Schreckensruf für alle Herdentreiber. Zweitausend halbwilde Texas-Longhorns stürmten in die flimmernde Weite der Yucca Fiats. Sie walzten jedes Hindernis nieder: Stauden, Büsche, auch die eigenen, im Gebrodel der dicht gedrängten Leiber niederstürzenden Artgenossen. Es war das Bild einer entfesselten Naturgewalt, der Sturzflut eines Dammbruchs vergleichbar. Nichts vermochte den Strom der blindwütig rennenden Tiere aufzuhalten.

Toms Pferd scheute. Es war ein kräftiger Pinto mit breiter Brust und verhältnismäßig kurzen und stämmigen Beinen. Die Hornspitze eines Bullen streifte Toms rechten Stiefel. Dann brachte er das Pferd unter Kontrolle.

Stampfende Rinder umdrängten ihn. Der Pinto passte sich, ohne dass Tom nachhelfen musste, ihrem Tempo an. Sein narbenbedecktes Fell wies ihn als »Kämpferpferd« aus. Gewiss hatte er schon manche Gefahr gemeistert.

Tom löste die zusammengerollte Peitsche vom Sattel. Die Hiebe halfen nicht viel, verschafften ihm jedoch den nötigen Abstand, so dass der Pinto nicht von den ausladenden, dolchscharfen Hörnern aufgespießt wurde. Der Reiter wurde von der reißenden Rinderflut mitgespült. Die Erde vibrierte. Die Sonne war ein blassgelber Fleck in dem sich noch mehr verdichtenden Staub. Fetzen verzerrter Schreie und Flüche durchdrangen den Lärm. Revolver und Peitschen knallten.

Tom stellte sich in die Bügel. Etwas Helles leuchtete dreißig, vierzig Yard weiter vorn im Meer der wogenden Rinderrücken.

Die Wagenplane!

Im selben Moment stand Susans Gesicht mit den hochangesetzten Wangenknochen, den blauen Augen und sinnlichen Lippen in geradezu schmerzhafter Deutlichkeit vor Toms Augen. Er schalt sich einen verdammten Narren. Trotzdem schnürte ihm eine jähe heftige Furcht die Kehle zu.

Der Pinto wieherte, als Tom ihn mit den Sporen kitzelte. Tom lenkte ihn zwischen die vor ihm galoppierenden Rinder. Peitschenhiebe klatschten nach links und rechts. Die Masse der Longhorns umschloss den Reiter wie eine lebendige Mauer. Aber Yard für Yard schob er sich weiter vor. Ab und zu schimmerte die Wagenplane durch den Staub. Sie hatte sich an einer Seite gelöst und flatterte wie eine riesige Vogelschwinge.

Tom stand in den Bügeln, damit er sich nicht gänzlich aus den Augen verlor. Das Gefährt schwankte und schlingerte. Pierce hatte die Zügel verloren. Er und das Mädchen klammerten sich an die Seitenlehnen.

Tom befand sich nun schräg hinter ihnen. Er sah Susans Kleid als hellblauen Schatten. Wenn jetzt ein Wagenrad brach oder eins der Pferde stürzte, waren der Oldtimer und seine Enkelin verloren. Wie ein Keil zwängte sich der Pinto durch den Rinderstrom, den Kopf erhoben, die Nüstern gebläht.

Das Donnern blieb. Tom kam es vor, als würde er schon stundenlang in der Herde galoppieren. Dabei waren seit Ausbruch der Stampede erst Minuten verstrichen. Die Felsgruppe versank in einem Geflimmer aus Staub und heißer Luft. Mit Schreien und Schüssen versuchten Pierces Reiter die Spitze der Herde abzudrängen. Ein Schatten tauchte seitlich von Tom auf. Ein Schrei gellte. Die Staubwand riss einen Augenblick auf. Tom sah das entsetzte Gesicht eines Rustlers, dessen Pferd von einem Stierhorn durchbohrt wurde. Der Mann schaffte einen verzweifelten Sprung, versuchte sich auf dem Rücken eines Longhornbullen festzukrallen, rutschte ab. Er verschwand zwischen wogenden Leibern.

Tom fluchte. Ein Horn verfing sich an seinem rechten Bügel. Der massige Rinderschädel bog sich und drohte den Pinto umzuwerfen. Mit einem Ruck befreite sich Tom, trieb das Pferd in eine für Sekunden aufklaffende Gasse und kam bis auf zehn Schritte an den Planwagen heran.

Zwei Pferde zogen ihn. Ihre Nüstern waren schaumverklebt. Die Zügel hatten sich um die Deichsel gewickelt. Susan wandte den Kopf. Sie war kreidebleich. Die vor Schreck verdunkelten Augen weiteten sich.

Tom wollte ihr etwas zurufen, da erschütterte ein Rammstoß den Wagen. Das Mädchen schrie.

Das Fahrzeug neigte sich, rumpelte für Sekunden auf nur zwei Rädern dahin und kam dann mit allen vier wieder wuchtig auf. Weiter vorn teilte sich die Rinderflut an einer Gruppe zerklüfteter Felsen. Toms Atem stockte. Der Wagen hielt genau darauf zu. Wieder gebrauchte Tom die Sporen.

Das stämmige, braunweiß gescheckte Pferd stemmte sich gegen die staub- und schweißverkrusteten Rinderflanken, wich Hornstößen aus und schob sich, alles im vollen Galopp, neben das Gefährt. Die Felsen ragten wie eine Mauer davor auf.

Zwanzig Yard, fünfzehn, zehn ...

Die Erde schien unter den Hufen und Rädern davonzufliegen. Entsetzt starrte Susan auf das Hindernis.

Die Pferde bogen zwar ab, aber so knapp, dass der Wagen die Felsen streifen und zerschellen musste. Da packte Tom das Kopfgeschirr des Braunen rechts. Er hing, alle Muskeln gespannt, zwischen den nebeneinander stürmenden Tieren. Der Braune gab nach, das zweite Wagenpferd folgte, die Deichsel verschob sich. Mit Geklirr und Gedröhn wich das Fahrzeug den Felsen aus.

Tom nutzte den Freiraum dahinter und schwang sich auf den Rücken des Braunen. Der Pinto blieb daneben. Bevor die Flut der durchgehenden Longhorns sie wieder erfasste, lenkte Tom die Tiere im Bogen zu den Felsen zurück. Ihre Flanken zitterten als er sie zum Stehen brachte. Links und rechts dröhnte, hämmerte, brüllte und staubte es. Doch das schmale Dreieck an der Rückseite der Klippen blieb ungefährdet.

Details

Seiten
110
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934076
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v505321
Schlagworte
rustler-herde

Autor

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Titel: Die Rustler-Herde