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Sein Bruder starb in Wyoming

2019 143 Seiten

Leseprobe

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Sein Bruder starb in Wyoming

Copyright

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Sein Bruder starb in Wyoming

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 143 Taschenbuchseiten.

 

Duke Cantrell ist tot, erschossen aus dem Hinterhalt von Postkutschenräubern, die befürchteten, er könnte sie verraten. Als sein Bruder Matt eintrifft, ist er von dem Tod und den Umständen geschockt, doch man will auch ihm ans Leben, und er muss kämpfen. Die Verlobte des toten Duke verlangt Rache, doch Matt will die Mörder vor Gericht stellen, ein fast unmögliches Vorhaben.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Die Türe knarrte leise, als sich der junge Mann geschmeidig ins Freie schob. Der Hinterhof lag in tintiger Schwärze vor ihm. Nirgends war ein Licht zu sehen. Über der kleinen Stadt lag tiefe Stille.

Duke Cantrell blieb stehen und lauschte in die Dunkelheit hinein. Sein Atem ging schnell und flach, seine Lippen waren fest zusammengepresst. Dann stieß er sich von der Hauswand ab. Im nächsten Moment prallte er zurück, und die Erregung, die sich während der ganzen Zeit in ihm angestaut hatte, ließ seine rechte Hand zum Revolverkolben schnellen. Hastige Schritte knirschten über den Sand. Sie kamen geradewegs auf ihn zu

Der Revolver glitt flüssig aus dem Holster, der Lauf schwang blitzschnell hoch. Da trieb eine gedämpfte helle Stimme aus der Finsternis heran und überdeckte das Mahlen des feinkörnigen Sandes.

„Duke! Bist du es, Duke?“

Die Faust mit der schussbereiten Waffe fiel herab.

„Angie!“ Der junge Mann seufzte tief auf. Sein angespannter Körper lockerte sich. „Und ich dachte schon …“

„Was dachtest du, Duke?“

Das Mädchen stand jetzt dicht vor ihm. Er atmete den Duft ihres seidigen Haares ein. In der Dunkelheit war ihr Gesicht nur als schmaler heller Fleck zu erkennen. Er spürte, wie sich ihre Finger um seinen Arm klammerten.

„Was dachtest du, Duke?“, wiederholte sie ihre Frage, und ihre Stimme war dabei merkwürdig angespannt.

Er schüttelte den Kopf. Sein Blick glitt an ihrem Gesicht vorbei und versuchte, die Nachtschwärze ringsum zu durchdringen. Wachsamkeit und Misstrauen blinkten in seinen Augen, und auf seiner Stirn standen ein paar winzige Schweißperlen.

„Du solltest nicht gekommen sein, Angie. Ich habe keine Zeit mehr. Ich …“

Sie drängte sich dicht an ihn. „Du willst also wirklich fort, Duke?“

„Ich habe keine andere Wahl. Sie wissen, dass ich den Überfall auf die Kutsche beobachtet habe, und dass ich sie erkannte. Sie werden alles tun, um mich für immer am Sprechen zu hindern. Und deshalb muss ich fort, Angie.“

Sie senkte den Kopf. Ihre Stimme zitterte leicht: „Es ist alles so schlimm, Duke!“

Er wusste darauf keine Antwort. Er stand nur da, fühlte die Wärme der Sommernacht, spürte den Druck von Angie Farralones Fingern an seinem Arm und tastete noch immer mit seinen Blicken unruhig den dunklen Hinterhof ab.

Plötzlich hob das Mädchen den Kopf. Der jähe Entschluss verlieh ihrer Stimme Festigkeit. „Duke, ich will nicht alleine zurückbleiben. Ich komme mit.“

„Nein, Angie! Nein, das auf keinen Fall. Es ist zu gefährlich. Ich möchte vermeiden, dass auch du in diese Sache hineingezogen wirst.“

„Hast du es deshalb vermieden, mir die Namen der Männer zu nennen, die du beim Kutschenüberfall beobachtetest?“

Er zögerte kurz. Dann nickte er. „Wenn sie herausfänden, dass auch du …“ Er brach ab und sagte heiser: „Angie, du musst mich jetzt gehen lassen. Jede Minute ist kostbar.“

„Ich bin reisefertig, Duke! Du brauchst nur Ja zu sagen, dann komme ich mit.“

„Nein, Angie, das lasse ich niemals zu!“ Seine Stimme wurde sanft und eindringlich. „Ich gehe nicht für immer, mein Mädel. Ich komme zurück, vielleicht schon bald. Aber mit meinem Wissen bin ich allein ein verlorener Mann, darüber mache ich mir keine Illusionen. Und deshalb …“

Sie verlor plötzlich die Beherrschung. „Oh, Duke!“, schluchzte sie auf und drückte ihr Gesicht an seine Brust. „Ich habe solche Angst, wenn du alleine fortgehst.“

Er schluckte. Ein Würgen stieg in seine Kehle. Er war sich noch immer der undurchdringlichen Finsternis ringsum bewusst. Seine Hand streichelte über das lange seidige Haar des Mädchens. Und sein Herz pochte in harten Stößen, weil er ständig daran denken musste, dass die Männer, über die er so viel herausgefunden hatte, die ganze Zeit über bestimmt nicht untätig blieben.

Er merkte, wie Angie ruhiger wurde.

Sie löste sich von ihm und strich mit einer knappen Geste eine Haarsträhne aus der Stirn zurück.

„Ich bin ein dummes Mädchen, Duke, nicht wahr? Ich mache dir alles nur noch schwerer! Du darfst mich ruhig zurechtweisen!“ Ihre Worte sollten optimistisch klingen, doch der gequälte Unterton ihrer Stimme war nicht zu überhören.

„Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann“, murmelte er heiser. „Vergiss nicht, dass ich dich liebe, Angie. Ich komme bestimmt zurück.“

Er beugte sich zu ihr nieder und küsste sie. Dann ging er schnell davon.

Sie stand wie versteinert und blickte seiner sehnigen Gestalt nach, die rasch von der Nacht eingehüllt wurde.

„Duke!“, rief sie leise. „Ich werde auf dich warten. Duke!“ Und dann presste sie eine kleine Faust vor die Lippen, um nicht in lautes Schluchzen auszubrechen.

Seine Tritte verklangen. Die Stille wirkte drückend, und die Dunkelheit zwischen den Häusern schien dem Mädchen plötzlich unheimlich.

Schatten schienen sich an Ecken und in Nischen zu bewegen.

Angie hielt den Atem an. In ihren Schläfen klopfte es, das Blut rauschte in ihren Ohren. Kein Laut war zu hören!

Und dann zuckte sie jäh zusammen!

Aus der engen Gasse, die vom Hinterhof abzweigte, tönte ein rauer Ruf: „Halt, Cantrell! So einfach kommst du nicht davon, mein Junge!“

Unbewusst nahm sie wahr, dass ihr die Stimme irgendwie bekannt war. Aber sie hatte keine Zeit, weiter darüber nachzudenken. Das Peitschen schneller Schüsse zerriss die Stille, die bisher über Calumet City gelegen hatte.

Das Echo der Detonationen brach sich rollend an den Hauswänden.

Angie wurde aus ihrer Erstarrung gerissen. „Duke!“, schrie sie gellend auf. „Duke!“

Sie rannte los. Ihr knöchellanges Kleid raschelte. Die Zugluft zauste an ihrem langen Haar.

Das Dröhnen der Schüsse verebbte. Irgendwo hasteten Tritte im Sand. Dann war es wieder still, und diesmal war die Stille beinahe noch schrecklicher als vorher.

Angie Farralone merkte nicht, dass ihr Tränen über die erhitzten Wangen rannen. Sie lief die Gasse entlang und hatte das Gefühl, als hingen Bleigewichte an ihren Füßen.

„Duke!“, schrie sie wieder. „Duke, wo bist du?“

Irgendwo wurde ein Fenster aufgestoßen. Eine Türe kreischte rostig in den Angeln, und eine verschlafene Stimme fragte, was denn los sei.

Die Mondsichel schob sich hinter einem hohen Kamin hervor, aber das fahle Licht drang nicht bis auf die Gasse hinab.

Das Mädchen stieß gegen einen schlaffen Körper, der quer vor ihr im Wege lag. Sie kniete nieder. Sie wollte schreien, doch die Stimme versagte ihr. Ein Hund fing ganz in der Nähe zu bellen an. In den nächstliegenden Häusern wurde Licht gemacht.

„Wo bist du getroffen, Duke?“, flüsterte sie tonlos.

Doch der Mann zu ihren Füßen gab keine Antwort.

Und plötzlich hatte sie schreckliche Angst vor dem Augenblick, da der Lampenschein aus den Häusern die Stelle erreichen würde, wo sie neben dem reglosen Mann im Sand kniete.

 

 

2

Hufgetrappel und Räderknarren füllte die Luft. Gelber Staub wehte hoch und verschleierte die moosbewachsenen Felsen und windzerzausten Douglasfichten, die die Passstraße säumten.

Der Kutscher ließ die Peitsche knallen, und das Fahrzeug bog rumpelnd um eine Felskrümmung und entschwand den Blicken des stämmigen Stationshalters.

Rock Bremend wischte sich den Staub vom Gesicht und wandte sich seiner Blockhütte zu, die sich wie schutzsuchend an eine steile Felswand duckte.

Die sechs Gespannpferde, die hier oben auf dem Blue Pass von frischen Gäulen abgelöst worden waren, standen bereits im Corral. Und für Bremend gab es nichts anderes zu tun, als sein vom Auftauchen der Postkutsche unterbrochenes Mittagessen fortzusetzen.

Da sah er den Fremden.

Er hatte sein Pferd an den Tränktrog gelenkt und nun, an die Flanke des Braunen gelehnt, sich eine Zigarette gedreht.

Der Stationsmann blieb ruckartig stehen. Seine Stirn legte sich in Falten, und die buschigen Augenbrauen zogen sich zusammen.

Der Fremde sah ihn voll an, nickte ihm lächelnd zu, schob dann die fertige Zigarette zwischen die Lippen und zündete sie an. Er war groß, sehnig, besaß breite Schultern, und seiner staubbedeckten Reiterkleidung war anzusehen, dass er einen weiten Ritt hinter sich gebracht hatte. Einen Ritt, der ihn quer durch die Einsamkeit der Windriver Mountains zu dieser Pferdewechselstation am Blue Pass geführt hatte.

Rock Bremend räusperte sich. „Hallo!“, brummte er.

„Hallo!“, erwiderte der Fremde, stieß sich von der Pferdeflanke ab und kam langsam näher. Der struppige Braune hob flüchtig den Kopf, äugte hinter seinem Herrn her und tauchte gleich wieder die Nüstern gierig in das kühle klare Nass.

Bremends Blick hing unverwandt an dem hageren Gesicht des anderen. Er wusste ganz genau, dass er diesen Mann noch nie gesehen hatte – und doch kam ihm dieses Gesicht mit den ruhigen grauen Augen und den feinen dunklen Linien um den Mundwinkeln bekannt vor.

„Wenn Sie wollen, können Sie Ihr Pferd in den Corral bringen, Mister“, sagte er mit seiner rauen Stimme. „Es ist dort Platz genug.“

Der Fremde blies blauen Rauch durch die Zähne. „Danke! Aber ich reite gleich weiter. Noch weit bis Calumet City?“

Bremend merkte, wie seine Handflächen auf einmal zu schwitzen begannen. Ein Verdacht stieg in ihm auf

„Calumet City?“, wiederholte er mechanisch.

„Yeah, Sie haben richtig gehört!“ Der Fremde sog ruhig an seiner Zigarette. Er sah aus wie ein Mann, der ein festes Ziel vor Augen hat, und den nichts von seinem Weg abbringen kann.

Rock Bremends Blick streifte flüchtig die rechte Hüfte des anderen, und er stellte fest, dass der Colt so tief hing, wie das meistens nur bei schnellen und guten Revolverschützen der Fall war.

Er erinnerte sich wieder an die Frage und sagte hastig: „Wenn Sie noch ein paar Yard bis ans Ende des Passes reiten, dann können Sie die Häuser von Calumet City bereits von oben sehen. Nur noch den Berg hinab, dann sind Sie dort. In zwei Stunden haben Sie es sicher geschafft.“

„Ich dachte, es wäre noch weiter.“

„Wegen der Pferdewechselstation hier oben? Well, der Weg zum Pass herauf ist ziemlich steil und strengt die Gäule an. Deshalb wird das Gespann schon hier gewechselt. Übrigens, Mister, Sie scheinen aus Texas zu kommen, nicht wahr?“

Der Fremde lächelte dünn. „Die südliche Sprechweise lässt sich nicht so einfach verbergen.“

Über das breitflächige Gesicht des Stationers lief ein Zucken. Er starrte wieder den Fremden an und wusste plötzlich, warum ihm dessen Miene so bekannt vorgekommen war.

„Sie sind Duke Cantrells Bruder, oder nicht?“

Die heisere Gespanntheit seiner Worte ließ die grauen Augen des Fremden kurz aufblinken. Er schaute den Stationsmann forschend an, nickte langsam und sagte: „Sie haben recht. Wie kommen Sie darauf?“

Bremend hustete trocken. „Sie sehen Duke sehr ähnlich – nur ist er viel jünger als Sie. Und er hat immer viel von seinem älteren Bruder gesprochen. Matt heißen Sie, nicht wahr? Er redete davon, dass Sie eines Tages hierherkommen würden.“

„Er hat mir einen Brief geschrieben. Es gäbe hier gutes und freies Weideland, und er brauchte nur einen Partner, um sich eine Ranch aufzubauen. Well, deshalb bin ich hier. Ich denke, Duke und ich werden es schon schaffen …“ Er verstummte, als er den Ausdruck auf Rock Bremends Gesicht bemerkte. Er beugte sich etwas vor. „Was ist denn, Mann? Was ist los? Ist mit Duke etwas nicht in Ordnung?“

Bremend wich dem bohrenden Blick aus den grauen Augen aus.

„Sie sollten lieber nicht mehr an die Ranch denken!“, murmelte er zögernd.

Matt Cantrell schleuderte die Zigarette in den Sand und packte Bremend an den Schultern. Seine Lippen waren ganz schmal, und der Stationsmann glaubte bereits, der andere würde ihn wild anschreien. Doch Cantrells Stimme war seltsam leise. Und über Bremends Rücken rieselte ein eisiger Schauer.

„Reden Sie schon, Mann!“ forderte der Texaner hart. „Was ist mit Duke passiert?“

„Er – er lebt nicht mehr!“

Matts Augen glühten auf. Einen Moment dachte Bremend, der andere würde ihm die Faust unters Kinn schlagen. Aber da ließ ihn Matt Cantrell bereits los. Das Brennen in den grauen Augen erlosch. Das hagere Gesicht färbte sich fahl. Etwas an der großen Gestalt des Texaners veränderte sich jäh. Er wirkte nicht mehr so aufrecht und gestrafft. Seine Schultern sanken nach vorne, die Arme hingen schlaff herab. Der Kopf lag etwas schief, als lauschte der Mann einem Ton nach, den er nicht ganz hatte erfassen können. So stand er eine ganze Weile – reglos und still.

Bremend wich einige Schritte zurück, bis er die Balkenwand der Hütte im Rücken hatte. Er starrte Cantrell unverwandt an. Seine schwielige Rechte schob nervös den Revolvergurt zurecht, so dass der Kolben der langläufigen Waffe fast waagerecht vom Oberschenkel abstand.

„Nein!“, murmelte Matt Cantrell schließlich kopfschüttelnd. „Nein, das ist nicht …“

„Es tut mir leid, Cantrell!“, sagte Bremend heiser. „Ich kann mir vorstellen, wie schlimm das für Sie ist.“

Seine Worte schienen Matt bewusst zu machen, dass er nicht alleine war. Er blickte hoch, sah sich um und schien sich erst jetzt wieder daran zu erinnern, wo er sich befand. Sein Blick streifte die Felswände und Waldhänge, die zu beiden Seiten die Passstraße säumten. Irgendwie schien es ihn Mühe zu kosten, in die Gegenwart zurückzukehren. Als er schließlich Bremend sein Gesicht zuwandte, war es grau und steinhart. „Wie ist es geschehen?“

Bremend leckte sich flüchtig über die trocken gewordenen Lippen. Er bewegte unbehaglich die muskulösen Schultern. Sein Blick irrte ab.

„Es ist erst zwei Tage her“, sagte er rau. „Er wurde unten in der Stadt erschossen!“

Matt zuckte zusammen, dann hatte er sich schon wieder unter Kontrolle. Seine Schultern strafften sich wieder, seine Miene verriet nichts von den Gedanken, die ihn bis ins Innerste aufwühlten. Ein Strom von Kälte und Härte ging von ihm aus.

Das Gesicht von Bremend war plötzlich mit einem Netz von Schweißperlen überzogen.

„Wer hat es getan?“

Bremend breitete hastig die Hände aus. „Niemand weiß es. Es war Nacht. Die Schüsse fielen aus dem Hinterhalt.“

„Aus dem Hinterhalt!“, wiederholte Matt gepresst, und seine Fäuste verkrampften sich so sehr, dass die Knöchel weiß hervortraten.

„Hatte er Feinde in der Stadt?“

„Feinde? Ich weiß nicht. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass am Nachmittag desselben Tages die Postkutsche überfallen wurde, als sie auf dem Weg zum Pass war. Der Kutscher und der Beifahrer wurden dabei erschossen. Von den Tätern fehlte jede Spur.“

Matt Cantrell schwieg eine Weile, als brauche er Zeit, um jedes gehörte Wort zu verarbeiten. Dann fragte er rau: „Und der Sheriff? Was hat er unternommen?“

Bremend schüttelte bedauernd den Kopf. „Es gibt weder einen Sheriff noch einen Marshal in Calumet City. Sie werden auf Ihrem Ritt hierher gemerkt haben, dass die Windriver Mountains noch ein sehr einsames Gebiet sind. Und Calumet City ist eine abgelegene und junge Stadt. Es ist …“

Matt hörte ihm nicht mehr zu. Er wandte sich ab und ging auf seinen Braunen zu, der an einigen grünen Halmen neben dem Tränktrog zupfte.

Bremend biss sich auf die Unterlippe und eilte hinter ihm her.

„Was haben Sie vor, Cantrell? Wohin wollen Sie?“

„Nach Calumet City!“, antwortete Matt und ging weiter.

Bremend fasste ihn am Oberarm und hielt ihn zurück. In Matts Augen funkelte es auf, als er stehenblieb. Der Stationer ließ ihn sofort los.

„Es ist sinnlos, wenn Sie in die Stadt reiten, Cantrell.“

„Warum?“ Matts Stimme war hart und unpersönlich.

„Duke ist tot, und allein …“

„Eben, weil er tot ist, reite ich nach Calumet City!“

„Das ist nicht richtig!“, sagte Bremend rasch. „Cantrell, das ist ganz und gar falsch! Sicher, ich kann Sie gut verstehen, sehr gut sogar. Vielleicht würde ich an Ihrer Stelle ebenso handeln. Aber es ist dennoch falsch. Sie machen Duke nicht mehr lebendig, wenn Sie ihn rächen wollen!“

Matt blickte den stämmigen Mann nachdenklich an. Das breitflächige, derb geschnittene Gesicht zeigte heiße Erregung. Kurzes Erstaunen lebte in Matts Augen auf.

Rock Bremend bemerkte es. Er sagte rau: „Wissen Sie, Cantrell, ich kannte Ihren jungen Bruder sehr gut. Es ist mir nicht gleichgültig, was geschehen ist.“

Der Braune kam auf Matt zugetrabt. Er fasste ihn an den Zügeln. „Soll ich einfach fortreiten, als wenn nichts passiert wäre? Wollen Sie das damit ausdrücken?“

„Nein, nein, Cantrell, ich – es ist …“

Matt schaute ihn fest und zwingend an. „Hören Sie zu!“, sagte er leise. „Glauben Sie nur nicht, ich sei ein wilder Revolverheld, der nach Rache schreit! Aber Duke war nun einmal mein Bruder; ich wäre ein Schuft, wenn ich nicht alles daran setzte, seine Mörder zu stellen! So sehe ich es! Wenn Sie glauben, ich wollte jetzt unten in Calumet City die Hölle loslassen, dann irren Sie sich! Ich will keine billige Rache! Ich will nicht morden, um einen Mord zu sühnen, verstehen Sie? Vielleicht sagt es Ihnen etwas, wenn ich Ihnen erkläre, dass ich vor wenigen Wochen noch Marshal in Texas war, ehe ich mich auf den Weg nach Wyoming machte. Wenn ein Mann den Stern so lange trug wie ich, dann stellt er sich nicht so leicht auf die falsche Seite des großen Zaunes.“

Bremend blickte zu Boden und räusperte sich. „Hm! Vielleicht habe ich Sie falsch eingeschätzt, Cantrell. Ich weiß nicht. Aber eines weiß ich gewiss: Es ist für Sie besser, nicht nach Calumet City zu reiten.“

„Das klingt wie eine Warnung!“

„Es ist eine!“

Matts Blick wurde scharf. „Ich möchte gerne eine genauere Erklärung.“

Bremends Miene wurde mürrisch und abweisend. „Ich habe genug gesagt. Es muss Ihnen genügen.“ Er wollte zum Blockhaus zurück. Doch Matt ließ rasch die Zügel los und vertrat ihm den Weg.

„Es ging Ihnen vorhin also gar nicht darum, dass Sie fürchteten, ich könnte in Calumet City den wilden Mann spielen! Sie hatten andere Gründe, mich zur Umkehr zu bewegen. Was für Gründe sind das?“

Bremends Mundwinkel verkniffen sich. „Genügt Ihnen meine Warnung nicht? Ich möchte Ihr Leben retten, Cantrell – das ist es!“

„Sie wissen also eine Menge mehr, als Sie anfangs zugeben wollten!“ Matts Rechte lag plötzlich dicht neben dem glatt gescheuerten Coltkolben.

Bremend starrte auf die braungebrannte Hand und auf die Waffe, die in einem alten rindsledernen Holster steckte. Dann hob er seinen Blick zu Matts Gesicht. „Mein Mittagessen wird kalt. Lassen Sie mich gehen, Cantrell!“

Matts Wangenmuskeln bewegten sich unter der gestrafften Haut. „Sie sagten, es sei Ihnen nicht gleichgültig, was mit Duke geschah! Wenn das keine Lüge ist, dann reden Sie, Mann!“

„Das habe ich bereits getan.“ Bremends Augen flackerten. Doch trotzig setzte er hinzu: „Es liegt jetzt bei Ihnen, wie weit Sie gehen wollen, Cantrell. Vielleicht vergisst ein Mann doch schnell, dass er einmal den Stern des Gesetzes trug.“

Matt starrte den Stationsmann an und begriff, dass dieser absichtlich diese Worte gewählt hatte. Im ersten Moment wollte er zu einer scharfen Erwiderung ansetzen. Dann überkam ihn jedoch ein Gefühl absoluter Sinnlosigkeit.

Bitterkeit und Müdigkeit vermischten sich in ihm. Er zuckte die Achseln und trat wortlos zur Seite.

Bremend schaute ihn fragend und misstrauisch an, während er sich an ihm vorbeischob. Matt machte keine Geste, ihn zurückzuhalten, und der Stationshalter verschwand eilig in der Blockhaustür.

Der struppige Braune rieb sanft seine Nüstern gegen Matts Schultern. Der große Mann aus Texas drehte sich ihm aufseufzend zu, packte das Sattelhorn und zog sich müde auf den Pferderücken. Ein leichter Schenkeldruck genügte, um den Braunen in Bewegung zu setzen.

 

 

3

Die Straße führte in scharfen Windungen vom Pass herab und lief wie eine gelbe Schlange durch das Gewirr der Bergwälder, Felsbrüche und Wiesenhänge. Goldene Kolumbinen und große blaue Glockenblumen leuchteten auf grünen Lichtungen.

Matt hatte den Weg vom Blue Pass zur Talsohle etwa zur Hälfte zurückgelegt. Die Häuser von Calumet City sahen von hier oben wie große Schachteln und Kästen aus. Sonnenlicht brach sich gleißend an Fensterscheiben.

Die Main Street war gelb und breit, und die Menschen darauf winzig und schwarz wie Ameisen. Ein Gewirr von dunklen Gassen klaffte wie verwinkelte Risse zwischen den Holzhäusern – wie geschaffen für einen feigen Hinterhalt. Dort irgendwo musste es geschehen sein – in einer Nacht vor zwei Tagen.

Matts Atem ging unwillkürlich schneller. Der Hass vertrieb seine Schwermut, machte ihn kalt und nüchtern. Sein Gehirn begann präzise zu arbeiten, und er sagte sich, dass er eigentlich schon den ersten Anhaltspunkt gefunden hatte: Rock Bremend, den Stationsmann vom Blue Pass.

Er erinnerte sich an Bremends Warnung.

Sie war ernst gemeint, daran gab es keinen Zweifel für ihn.

Aber warum hatte Bremend nicht offen geredet? Warum hatte er es auf einer knappen Anspielung beruhen lassen? Woher wusste er, dass Matt Cantrell Gefahr drohte, wenn er in diese Stadt am Fuße des Blue Passes ritt? Das waren Fragen, auf die er Antwort finden musste, dann würde er weiter vorankommen auf der Fährte, die nun vor ihm lag: auf der Fährte der Mörder seines Bruders!

Unwillkürlich drehte sich Matt im Sattel um und blickte den Weg zurück, den er gekommen war. Dort oben bei der Pferdewechselstation im Passeinschnitt würde seine Jagd wohl beginnen – oder vielmehr: dort hatte sie bereits ihren Anfang genommen!

Er sah die grauen sonnenbeschienenen Felsen, der sich über den dunkelgrünen Waldhängen hoch türmten. Der Blue Pass klaffte als breite schattige Kerbe in dem kahlen Gestein, eine blaue Dunstschicht schwebte vor seiner Einmündung. Matt begriff, dass der Pass wahrscheinlich daher seinen Namen hatte. Die Wiese, auf der Bremends Blockhütte und der Pferdecorral lagen, waren von hier unten nicht zu erkennen. Matt wollte sich schon wieder abwenden, da sah er das silberne Aufblitzen dicht unterhalb der Passkerbe. Zuerst glaubte er, dort oben sei ein Schuss abgefeuert worden, und wartete darauf, dass das Echo zu ihm herab wehte. Dann blitzte es in rascher Reihenfolge nochmals auf, ohne dass ein Laut zu hören war.

Da begriff der Texaner!

Diese zuckenden Blitze waren Sonnenstrahlen, die von einem blinkenden Gegenstand reflektiert wurden. Der gleichmäßige Abstand dazwischen verriet ihm, dass es sich um Signale handelte – Signale, die auf weite Entfernung hin zu sehen waren. Wahrscheinlich benutzte der Mann, der sich dort unterhalb des Passes auf der Poststraße befand, einen großen Spiegel.

Matt saß wie versteinert im Sattel. Das Blinken brach plötzlich ab. Auf einmal ließen die Stille und Reglosigkeit ringsum ein drückendes Gefühl des Unbehagens in dem einsamen Reiter aufwallen.

Es gab nur einen Grund für diese Lichtzeichen – und dieser Grund war er!

Schon Rock Bremend hatte ihm berichtet, dass Duke in Calumet City von der baldigen Ankunft seines großen Bruders erzählt hatte.

Für die Männer, die Duke auf dem Gewissen hatten, war es also eine einfache Rechnung: Sie waren darauf vorbereitet, dass bald der zweite Cantrell auf ihrer Fährte reiten würde, und sie hatten auf ihn gewartet!

Jetzt verstand Matt plötzlich Bremends Warnung. Aber er verstand noch mehr: es waren keine x-beliebigen Strauchräuber, denen Duke zum Opfer gefallen war. Es waren Leute, die sich in Calumet City aufhielten. Sie mussten einen triftigen Grund für Dukes Ermordung gehabt haben – den gleichen Grund, der sie so geduldig und wachsam auf seine Ankunft warten ließ. Und plötzlich fragte er sich, ob Rock Bremend wohl etwas vom Vorhandensein dieses Passbewachers gewusst hatte.

Er riss den Blick vom Blue Pass los und musterte das Gelände, das vor ihm abfiel. Er hätte viel dafür gegeben, zu wissen, wo der oder die Männer steckten, denen die Lichtsignale von vorhin galten.

Dann wurde er sich bewusst, dass er sich mitten auf offener Fläche befand – ein ausgezeichnetes Ziel für einen im Hinterhalt verborgenen Schützen.

Er zögerte keinen Sekundenbruchteil mehr und schlug seinem Braunen die Stiefelabsätze in die Seiten. Das Pferd sprang vorwärts – und gleichzeitig sah Matt Cantrell das Aufflammen des Mündungsfeuers am oberen Rand des Geröllhanges, der sich links von ihm von der Straße aus zu einem Felsplateau hoch schwang. Das Dröhnen des Schusses erreichte ihn erst, als der Braune bereits in die Vorderbeine knickte.

Matt riss geistesgegenwärtig die Stiefel aus den Steigbügeln und warf sich auf der dem Geröllhang abgewandten Seite vom Pferd.

Eine zweite Kugel pfiff niedrig über ihn hinweg und bohrte sich knirschend in einen Fichtenstamm.

Das Pferd kippte zur Seite, versuchte mit einem prustenden Schnauben nochmals in die Höhe zu kommen und lag dann still.

Matts Rücken schmerzte von dem harten Fall. Doch er achtete nicht darauf und rollte sich schnell über die Straße auf den nahen Waldrand zu.

Oben peitschte es erneut, und wieder hörte er das Jaulen des Geschosses gefährlich nahe. Dann hatte er die ersten Stämme erreicht, schnellte sich hoch und riss den Colt aus dem Holster. Eine Kugel wirbelte ihm Rindensplitter ins Gesicht. Er duckte sich hinter einem Fichtenstamm und gab zwei rasche Schüsse ab. Gleich darauf wurde ihm klar, dass die Entfernung für seinen Colt zu weit war. Der Mann am Rande des Felsplateaus feuerte mit einem Gewehr. Matts eigene Winchester steckte jedoch im Scabbard, der am Sattel des toten Pferdes befestigt war.

Matt knirschte wütend mit den Zähnen, als eine Kugel klatschend in den Baumstamm schlug, hinter dem er in Deckung gegangen war.

Er schob den Colt ins Holster zurück und schätzte die Entfernung zu seinem Braunen ab.

Wieder sirrte eine Kugel heran, streifte den Fichtenstamm und fetzte hinter Matt durchs dichte Zweigwerk. Nadeln rieselten herab, und der Geruch von frischem Harz war plötzlich heftig zu spüren.

Der tote Braune lag zu weit entfernt, als dass Matt es wagen konnte, seine Winchester zu holen. Denn der Mann, der da oben zwischen den sonnenbestrahlten Felsen lauerte, verstand es ziemlich gut, mit einem Gewehr umzugehen, und jede Handbreit, die sich Matt hinter seiner Deckung hervorwagte, konnte den Tod bedeuten.

Matt schaute sich prüfend um.

Es gab keine Möglichkeit, näher an seinen Gegner heranzukommen. Das Band der Poststraße war zwischen ihm und dem Geröllhang. Diese freie Fläche würde er niemals überqueren können.

Der Mann am Plateaurand besaß einen viel zu guten Überblick!

Er hatte ihn regelrecht hier festgenagelt. Ohne Pferd war es unmöglich, hier schnell genug wegzukommen. Er konnte sich zwar tiefer in den Wald zurückziehen, aber damit war nichts gewonnen. Weiter hinten versperrte ihm eine gewaltige Felsmauer den Weg. Wenn er jemals nach Calumet City hinab wollte, dann musste dies auf der Postkutschenstraße geschehen. Gerade das war der unübertreffliche Trumpf, den Matts Gegner in der Hand hielt.

Die Wut strömte heiß durch Matts Adern. Sollte die Suche nach Dukes Mördern schon zu Ende sein, noch ehe sie recht begonnen hatte? Alles in ihm wehrte sich gegen diese bittere Erkenntnis. Und doch wusste er, dass es närrisch war, sich unnütze Illusionen zu machen. Aus engen Augen spähte er die sonnengleißende Geröllhalde hinauf. Kein Schuss fiel mehr. Aber ein metallenes Blinken dicht unter dem Rand des Felsplateaus sagte ihm, dass der Bandit keineswegs abgezogen war. Noch immer lag dort oben ein Gewehr im Anschlag. Und das geduldige Verhalten des Verbrechers zeigte ihm, dass dieser Mann Zeit hatte, viel Zeit. Im ersten Moment konnte Matt das nicht verstehen. Sein Gegner musste sich doch sagen, dass diese Zeit auch für ihn – für Matt Cantrell – arbeitete. Wenn er hier ausharrte, bis es dunkel wurde, dann besaß er immerhin eine Chance, mit heiler Haut von hier fortzukommen. Doch dann erkannte er jäh das Trügerische dieser Überlegung. Es war völlig sinnlos, auf den Einbruch der Nacht zu warten. Bis dahin waren es noch mindestens sieben Stunden. Der Mann auf der Geröllhalde war nicht allein! Da war auch noch der andere, der dem Heckenschützen vorher die Blinksignale gegeben hatte. Mit jeder Minute, die Matt Cantrell von dem unbekannten Gewehrschützen hier unten, zur Untätigkeit verdammt, festgehalten wurde, kam dieser zweite Bandit weiter den Berg herab. Wenn er erst nahe genug war, dann würden sie ihn in die Zange nehmen!

Matt dachte an all die Jahre, in denen er unten in Texas für das Gesetz gekämpft hatte. So manchen Mörder hatte er damals zur Strecke gebracht. Sollte sein Reiten ausgerechnet hier in den Windriver Mountains in Wyoming zu Ende gehen? Gerade jetzt, da es galt, die Männer zu stellen, die seinen einzigen Bruder ermordet hatten? Die alte Bitterkeit kam wieder und schnürte ihm die Kehle zu. Er hatte keine Furcht.

Doch sein Herz klopfte in beinahe schmerzhaften Stößen, wenn er daran dachte, wie verschwindend gering seine Chancen waren, jemals lebend nach Calumet City zu kommen.

 

 

4

Jim Farralone ging stirnrunzelnd neben dem Fenster auf und ab. Er schaute seine Schwester nicht an, als er heiser erklärte: „Du stellst es dir zu einfach vor, Angie! Wo soll man denn in dieser Sache beginnen? Ich sage dir, es ist völlig sinnlos! Es gibt keinerlei Anhaltspunkte.“

Angie unterbrach ihn. „Wie kannst du das behaupten, Jim? Du hast ja nicht einmal versucht, danach zu suchen.“ Sie stand am Tisch. Ihr schmales Gesicht war bleich. Schatten lagen unter ihren hellgrauen Augen – Schatten, die von schlaflosen Nächten und verzweifelten Gedanken kündeten.

Jim Farralone blieb stehen, den Rücken dem offenen Fenster zugewandt. Goldenes Sonnenlicht zeichnete die Konturen seiner schlanken drahtigen Gestalt nach. Er schüttelte den Kopf und sagte eindringlich: „Mädel, ich kann dich ja verstehen! Ich weiß doch, wie schlimm es für dich ist! Aber ich kann dir nur eines sagen: Du musst dich damit abfinden! Es gibt keine andere Lösung, so bitter das auch für dich ist, Angie!“

Sie schaute auf die Tischplatte. Ihre Mundwinkel zuckten. „Soll ich ihn einfach vergessen, Jim? Er hatte viele Freunde in der Stadt, wenigstens glaubte er das. Aber keiner von denen, mit denen er im Saloon getrunken und gespielt hat, rührt eine Hand für ihn. Für sie alle scheint er gar nicht existiert zu haben. Er ist tot, und sie vergessen ihn bereits. Hältst du das für richtig, Jim? Glaubst du wirklich, ich könnte ebenso handeln?“

Farralone machte eine nervöse Handbewegung. „Niemand verlangt das von dir, Angie. Du verstehst mich falsch. Ich weiß, dass du Duke geliebt hast. Und – yeah, er war ein guter Mann, und ich konnte ihn gut leiden. Aber das Geschehene ist nicht mehr zu ändern.“

„Ich weiß, Jim. Aber eines ist noch zu tun: seine Mörder müssen gefunden werden. Sie sind hier in der Stadt, Jim, das weiß ich, das hat er mir selbst noch anvertraut.“ Sie schluckte. Ihre Stimme bebte während der letzten Worte. Dann kam sie langsam um den Tisch herum, ging auf ihren Bruder zu und blieb dicht vor ihm stehen.

„Alle haben ihn schon vergessen, Jim!“, flüsterte sie. „Nur ich bin noch da. Ich bin es ihm schuldig, dass ich seinen Tod nicht einfach hinnehme. Kannst du das denn nicht verstehen? Wäre ich ein Mann, dann würde ich selbst eine Waffe zur Hand nehmen und mich auf die Suche machen. So aber bitte ich dich darum. Du bist mein Bruder, Jim! Duke war dein Freund. Du darfst nicht untätig bleiben, du darfst es nicht!“

Er fasste sie an den schmalen Schultern. „Angie! Mädel! Du musst dich beruhigen! Du darfst nicht dauernd daran denken!“

„Aber ich kann nicht anders! Es geht einfach nicht, Jim! Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass seine Mörder unerkannt in der Stadt sitzen – ganz nah vielleicht. Vielleicht sehen wir sie sogar jeden Tag. Vielleicht waren sie sogar draußen auf dem Friedhof dabei, als Duke begraben wurde. Sie fühlen sich ganz sicher, Jim. Sie haben erreicht, was sie wollten, und jetzt triumphieren sie im Stillen. Nein, Jim, das darf nicht so bleiben! Der Gedanke daran macht mich verrückt!“

„Angie!“, murmelte Jim Farralone heiser. „Du solltest für eine Weile aus dieser Stadt fortgehen! Nimm die nächste Kutsche und fahre hinauf nach Greybull zu Tante Ginnie. Du musst für eine Weile andere Gesichter sehen. Du musst …“

„Es hat keinen Sinn, Jim, wenn du mich ablenken willst“, sagte sie tonlos. „Ich gehe von hier nicht fort! Willst du wirklich nicht auf meine Bitte hören?“

„Schwester, du quälst dich nur unnütz! Du redest immer davon, dass Dukes Mörder in Calumet City sitzen. Glaubst du wirklich daran? Vielleicht hat Duke sich getäuscht, als er in den Postkutschenräubern Bürger aus der Stadt zu erkennen glaubte!“

„Nein, Jim! Duke hätte dann niemals so überzeugt davon gesprochen. Du hast ihn doch gut gekannt. Er war nicht der Mann, der leichtfertig einen Verdacht äußert.“

„Angie! Traust du wirklich einem der Bürger von Calumet City einen Mord zu? Wir leben doch nun schon lange genug hier, oder? Du kennst sie alle. Glaubst du wirklich, ein paar von ihnen hätten sich zusammengeschlossen und die Kutsche überfallen?“

„Es muss so sein, Jim! Und einer von ihnen hat Duke nachts aufgelauert, als er fortreiten wollte! Einer von ihnen hat die tödlichen Kugeln abgefeuert. Du musst sie finden, Jim! Es ist deine Pflicht, hörst du?“

„Pflicht?“, murmelte Farralone unwillig. „Ich kann deine Ansichten nicht teilen, Mädel, tut mir leid. Ich habe in dieser Stadt einen Store zu führen und kann es mir nicht leisten, meine Zeit unnütz zu vergeuden.“

„Jim, das ist nicht dein Ernst!“

„Entschuldige, Angie, ich wollte es nicht so schroff ausdrücken. Aber in Wahrheit ist es doch so. Kannst du mir zum Beispiel sagen, wo es einen Anfang für eine eventuelle Suche gibt? Nirgends, das musst du doch zugeben, oder nicht?“

„Irgendwo muss es aber doch eine Spur geben!“, beharrte das Mädchen.

Der junge Storebesitzer schüttelte seufzend den Kopf. „Ich weiß wirklich nicht, wie ich dir helfen soll, Angie. Ich kann nur nochmals meinen Rat wiederholen, fahr’ für einige Wochen nach Greybull. Wenn du zurückkommst, wird bestimmt alles ganz anders aussehen.“ Er wartete auf keine Erwiderung, sondern ging schnell an ihr vorbei zur Nebentüre, die in den Verkaufsraum führte.

Angie schaute auf die Tür, die hinter ihm zuklappte.

Ihre roten Lippen pressten sich fest aufeinander. Ein Schleier legte sich über ihre hellgrauen Augen. Dann schüttelte sie entschieden den Kopf. Sie wurde sich nicht bewusst, dass sie die Worte laut vor sich hinsprach: „Nein, ich werde nicht aufgeben! Niemals! Das verspreche ich dir, Duke! Hörst du?“

 

 

5

Die Sonne war ein Stück weitergewandert, und der Schatten eines hohen Felsturmes lag quer über der Geröllhalde, an deren oberem Rand noch immer der Tod auf Matt Cantrell lauerte. Die Stille war abgrundtief. Sie zerrte an Matts Nerven. Seine Lippen waren trocken. Schweiß rann in dünnen Bächen zwischen Matts Schulterblättern herab.

Er hatte jedes Zeitgefühl verloren. Manchmal kam es ihm so vor, als sei er dazu bestimmt, hier für immer zu kauern und auf das Auftauchen seines Gegners warten zu müssen. Matt fürchtete, dieses untätige Warten bald nicht mehr ertragen zu können. Aber der Gedanke an den Gewehrschützen am Plateaurand hielt ihn davon ab, seine Deckung zu verlassen. Er durfte nicht darauf bauen, dass die Wachsamkeit dieses Banditen eingeschlafen war!

Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als er ganz nahe das Brechen eines dürren Zweiges hörte. Er wirbelte halb herum, und sein Colt schien ihm fast von selbst in die griffbereite Hand zu springen. Plötzlich wusste er, dass es ein Fehler gewesen war, ständig auf das sonnengleißende Gestein jenseits der Poststraße zu starren. Seine Augen waren wie geblendet, und es dauerte eine Weile, bis sie das Dämmerlicht unter den Bäumen durchdringen konnten. Er wollte sich zur Seite werfen. Aber noch während er zur Bewegung ansetzte, krachte nach langer Zeit auf dem Geröllhang wieder das Gewehr. Die Kugel schrammte am Fichtenstamm entlang und ließ einen Regen von Fichtennadeln auf Matt niedergehen. Er zuckte zurück. Das Echo des Schusses hallte noch in seinen Ohren, da sah er nur wenige Yard entfernt einen geduckten Schatten von Baum zu Baum huschen. Sein Coltlauf folgte ruckend der Bewegung.

„Nicht schießen, Cantrell! Ich bin es – Bremend!“

Die Stimme des Stationshalters war heiser vor Erregung.

Matt senkte die Waffe und atmete scharf aus. Rock Bremends stämmige Gestalt schob sich hinter einem braunrindigen Fichtenstamm hervor. Er hielt ein Gewehr an der Hüfte. Der Ausdruck seines Gesichts wurde vom Schatten seines breitrandigen Stetsons verdeckt. Matt spürte warme Erleichterung. Alles schien ihm plötzlich nur noch halb so schlimm, jetzt, da er nicht mehr alleine war.

„Ich habe lange gebraucht, um unbemerkt vom Pass herabzukommen“, murmelte Bremend wie entschuldigend, während er langsam auf Matt zukam. „Sie sind in einen Hinterhalt gelaufen, nicht wahr?“

„Der Kerl da oben ist nicht allein“, sagte Matt gepresst. „Haben Sie unterwegs niemand gesehen?“

Bremend blieb stehen. Er war zu weit vom Waldrand entfernt, um von dem Gewehrschützen auf der Geröllhalde gesehen zu werden. Er legte die Stirn in Falten und starrte Matt scharf an. „Nicht allein? Wie kommen Sie darauf, Cantrell?“

„Er wurde von einem Komplicen durch Blinksignale von meiner Ankunft verständigt. Deshalb …“ Ein Gedanke zuckte grell wie ein Blitz durch Matts Gehirn.

Bremend fragte rau: „Warum reden Sie nicht weiter?“

Der Stationsmann war jetzt nahe genug, dass Matt in sein Gesicht sehen konnte. Es wirkte finster und angespannt. Ein harter Zug lag um den breiten schmallippigen Mund, und die dunklen Augen funkelten in wilder Entschlossenheit.

Matt hatte das Gefühl, als umklammere eine eiskalte Faust sein Genick. Bremends Gewehrlauf war ein wenig hoch gewandert und zielte jetzt genau auf Matts Brust. Es sah wie Zufall aus – aber dem Texaner war es schlagartig mit schmerzhafter Schärfe klar, dass es kein Zufall war!

Matt schalt sich einen riesengroßen Tölpel. Er hatte etwas übersehen, und nun war es mehr als zweifelhaft, ob dieser Fehler noch gutzumachen war.

Bremends Blick wurde tückisch und brutal. Sein Zeigefinger lag zum Durchziehen bereit am Abzugshebel des Springfield-Karabiners.

„Sie haben es also begriffen, Cantrell, wie?“

Matts momentane Erleichterung war wie fortgewischt. Es kostete ihn Mühe, den Blick von der schwarzen Gewehrmündung loszureißen. Er nickte knapp. „Yeah, Bremend! Ich habe es erfasst. Der Mann, der die Lichtzeichen gab, waren Sie, nicht wahr? Nur Sie wussten mit Sicherheit, dass ich Dukes Bruder bin. Nur Sie konnten also diesen Kerl da oben davon verständigen, dass es Zeit sei, die Falle zuschnappen zu lassen.“

„Sie sind reichlich spät darauf gekommen“, grinste Bremend spöttisch.

In Matts Gehirn wirbelten die Gedanken. Um Zeit zu gewinnen, sagte er rau: „Jeder Mann macht seine Fehler.“

„Dieser wird Ihr letzter sein, Cantrell!“, knurrte Bremend heiser und zog den Stecher durch.

Alles geschah in rasender Geschwindigkeit!

Matt handelte völlig automatisch. Er ließ sich fallen, riss gleichzeitig seinen Colt hoch, sah direkt in das Aufflammen von Bremends Gewehr und feuerte.

Er prallte auf den weichen Fichtennadelteppich. Das Dröhnen der Schüsse füllte seine Ohren. Holzstückchen wirbelten um seine Ohren, und für den Bruchteil einer Sekunde konnte er es kaum fassen, dass ihn Bremends Kugel verfehlt hatte. Blitzschnell rollte er zur Seite, um dem nächsten Schuss des Stationshalters auszuweichen. Doch dieser feuerte nicht mehr. Matt zog die Beine an und schnellte hoch, den Colt schussbereit in der rechten Faust. Er sah Bremends Springfield-Karabiner am Boden liegen. Der Mann lehnte keuchend mit dem Rücken an einem Fichtenstamm und hatte beide Hände gegen die Brust gepresst. Ein großer dunkler Fleck breitete sich auf dem Baumwollstoff seines verwaschenen Hemdes immer mehr aus. Dann knickten die Beine unter ihm weg. Er stürzte zur Seite, drehte sich einmal und lag dann still.

Matt schaute auf den Colt in seiner Faust nieder, und etwas Heißes strömte ihm in die Kehle. Dann stand er mit drei langen Schritten neben Bremend und beugte sich über ihn. Das breite Gesicht des Stationers war aschgrau und schweißbedeckt. Er hielt die Augen geschlossen. Sein Atem ging schwach und stoßweise. Matt ließ seine Waffe ins Holster gleiten.

„Können Sie mich hören?“, fragte er laut.

Bremend öffnete die Augen. Sein Blick war fiebrig. Es dauerte eine Weile, bis er Matt erkannte.

„Das – hätte ich nie – gedacht!“ ächzte er. „Ich war – mir meiner Sache so – sicher.“

„Waren Sie dabei, als Duke ermordet wurde?“, fragte Matt eindringlich.

„Ich – hab’ es nicht getan.“

„Aber Sie gehören zu diesen Männern?“

„Ja!“, keuchte Bremend. „Wir überfielen die Kutsche – und merkten erst dann – dass uns Duke beobachtet hatte. Wir mussten ihn …“

„Wer sind die anderen?“ Matt wusste, dass es nicht mehr lange dauerte, bis Bremend für immer zu sprechen aufhörte. Heiße Angst, keine Antwort mehr auf seine Fragen zu erhalten, erfüllte ihn. Als Bremend sprach, war seine Stimme bereits so leise, dass sich Matt über ihn beugen musste, um die Worte verstehen zu können.

„Wir waren zu dritt, Cantrell. Und ich hoffe nur, dass Sie mit den beiden anderen kein so leichtes Spiel haben.“

„Die Namen!“, drängte Matt heiser. „Ich brauche die Namen, Mann! Reden Sie!“

Bremend verzog die dünnen Lippen. „Sie irren sich, Cantrell!“ Hass schwang in seiner Stimme und verlieh ihr neue Kraft. „Aus mir – holen Sie nichts mehr heraus!“

Matt ballte die Hände zu harten Fäusten. „Seien Sie vernünftig! Dies ist für Sie die letzte Gelegenheit, gutzumachen, was Sie …“

„Sparen – Sie sich das!“, unterbrach ihn Bremend mühsam. „Ich wünsche Ihnen nur eines: eine schnelle – Höllenfahrt!“

Matt sah die einmalige Chance zerrinnen. Verzweiflung packte ihn.

Bremend flüsterte: „Reiten Sie nur nach Calumet City, Cantrell! Sie werden – dort Ihre Überraschungen – schon erleben! Das verspreche ich – Ihnen.“ Dann rollte sein Kopf zur Seite, und der gehässige Zug um seinen Mund entspannte sich.

Sekundenlang schloss Matt die Augen und kämpfte gegen die Resignation an, die ihn zu erfassen drohte. Er richtete sich schnell auf. Bremends Kumpan fiel ihm wieder ein. Er nahm Bremends Karabiner und glitt mit zusammengepressten Lippen an den Waldrand zurück. Er kam gerade noch zurecht, um zu sehen, wie sich eine dunkle Gestalt über den Rand des Felsplateaus nach oben schwang und verschwand.

Dieser Kampf war zu Ende. Diesmal war er dem Tod entronnen. Aber wenn er daran dachte, was in der kleinen Stadt am Fuße des Blue Passes auf ihn wartete, dann fühlte er wieder diesen quälenden bleiernen Druck in der Magengrube.

Vom Felsplateau herab klang heller Hufschlag. Gleich darauf war es wieder still. Fliegengesumm lag in der Luft. Die Schatten der Fichtenwipfel schoben sich allmählich über den gelben Sand der Poststraße. Matt lehnte den Karabiner an einen Baumstamm. Vorerst blieb ihm nur eines zu tun: Er musste wieder zum Pass hinauf und sich dort zwei Pferde besorgen. Eines für ihn und eines für den Stationshalter, der hinter ihm stumm und reglos im Schatten des Bergwaldes lag.

 

 

6

Es war dunkel und kühl in der Werkstatt. Überall lagen Hobelspäne verstreut. Es roch nach frischem Holz und Leim. An einer Längswand lehnte fast ein Dutzend frisch gezimmerter Särge – ein bedrückender Anblick für einen Mann, der vor wenigen Stunden noch in das Blitzen von Mündungsfeuern gesehen hatte.

Matt Cantrell legte ein paar Münzen auf einen rissigen Holzschragen. „Ich denke, das reicht für ein ordentliches Begräbnis, nicht wahr?“

Der Leichenbestatter von Calumet City schien die dumpfen Worte nicht zu hören. Er zupfte an seinem traurig herabhängenden Schnurrbart. Mit einem düsteren Ausdruck auf dem Faltengesicht betrachtete er den Toten, der auf einem glattgehobelten Brett über zwei Holzklötzen lag. Schließlich räusperte er sich und drehte sich langsam zu Matt herum.

„Eine schlimme Sache, Mister“, murmelte er, „und zwar nicht nur für Rock Bremend.“

Matt zuckte die Schultern. Es hatte keinen Sinn, sich auf eine lange Diskussion über den Kampf an der Passstraße einzulassen.

Calumet City war eine Stadt ohne Gesetz. Das bedeutete, dass er seinen Weg allein gehen musste. Jedermann würde sich davor hüten, sich in eine Sache einzulassen, die ihn persönlich nichts anging. Matt kannte das von früher, von seiner Zeit her, da er in wilden Texas-Städten den Stern des Gesetzes getragen hatte. Überall war es das Gleiche; man hatte genug eigene Sorgen und Schwierigkeiten, um auch noch am Kummer eines Fremden teilnehmen zu können. Ob es nun in den Bergen am Pecos River oder in den Windriver Mountains in Wyoming war – überall war wildes Land, in dem jeder Mann allein seine Hindernisse überwinden musste. Und wenn es gar nicht anders ging, dann mit dem scharf geladenen Sechsschüsser in der Hand!

Matt wandte sich dem Werkstattein gang zu. Sonnenlicht sickerte zaghaft durch den dünnen Torspalt. Matt fühlte plötzlich ein fast übermächtiges Verlangen nach Ruhe und Frieden. Ihm graute auf einmal vor dem Gedanken, was wohl draußen im Sonnenschein auf ihn wartete.

Eine Hand zupfte an seinem Hemdärmel. Er hörte die vom Alter etwas brüchige Stimme des Totengräbers dicht an seinem Ohr: „Fremder, wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf, dann besorgen Sie sich ein frisches Pferd und reiten schnellstens weiter. Machen Sie sich wieder auf Ihren Trail.“

Matt blieb stehen. Das faltige schnurrbärtige Gesicht des anderen war dicht vor ihm. An den hellen, ein wenig wässerigen Augen des Alten erkannte Matt, dass sich dieser nicht nur wichtig machen wollte.

„Mein Trail?“, sagte er. „Der ist hier zu Ende, Alter.“

Der Mann zuckte zurück. „Hier in Calumet City? Ist das Ihr Ernst?“

Matt nickte nur. Der Totengräber schüttelte bekümmert den Kopf. „Eine schlimme Sache, Mister, eine sehr schlimme Sache sogar!“

„Ich habe keinen Grund, fortzulaufen“, erklärte Matt scharf. „Ich habe Bremend schließlich nicht ermordet. Es war Notwehr.“

„Darum geht es gar nicht!“, seufzte der Alte.

„Um was dann?“

„Warren Searls wird bestimmt nicht danach fragen, wer zuerst geschossen hat, Fremder. Er wird nur sehen, dass Bremend tot ist und …“ Er sprach den Satz nicht zu Ende, sondern hob bedeutungsvoll beide Hände.

Matts graue Augen wurden wachsam. „Warren Searls? Wer ist das?“

Der Alte zog die mageren Schultern hoch und schaute sich hastig um, als wolle er sich vergewissern, dass sie auch tatsächlich allein waren. Dann flüsterte er heiser: „Searls ist der Besitzer des Sioux-Saloons. Er und Rock Bremend waren von jeher gute Freunde, verstehen Sie, Fremder? Mein Rat ist bestimmt nicht schlecht. Trailen Sie weiter, Sie werden es nicht bereuen.“

„Danke für den Tipp!“, sagte Matt. „Ich glaube, Sie meinen es wirklich gut mit mir.“

„Das hört sich ganz so an, als wollten Sie trotzdem nicht auf mich hören.“

„Damit können Sie recht haben“, sagte Matt und lächelte dünn. Dann setzte er sich wieder in Bewegung.

„Ich hoffe bloß“, murmelte der Alte, „ich muss Sie nicht eines Tages in einen meiner Särge legen. Das wäre wirklich eine schlimme Sache.“

Matt antwortete nicht. Er hatte das Tor bereits erreicht, stieß es auf und trat ins Freie. Da sah er, dass ihn der Totengräber nicht umsonst gewarnt hatte.

Denn da draußen auf der sonnenhellen Main Street wartete unverkennbar Kummer auf ihn!

 

 

 

7

Ein Mann stand da – groß, massig, mit schweren Fäusten und einem eckigen Gesicht. Zwei kalte Augen waren auf Matt Cantrell gerichtet. Und an der Tatsache, dass der Gehsteig und die Veranden im Hintergrund voller Menschen waren, erkannte Matt, dass dieser Mann schon die ganze Zeit hier auf ihn gewartet haben musste. Er ahnte, was nun kommen würde. Für Bitterkeit war nun kein Platz mehr. Seine Muskeln spannten sich, und eine seltsame Kälte kroch in ihm hoch.

„Ich habe Sie in die Stadt kommen sehen!“, sagte der Große langsam und schwer.

„Das ist möglich!“, nickte Matt ruhig.

„Sie haben oben am Blue Pass einen Mann erschossen!“

„Hätte ich es nicht getan, stünde ich jetzt nicht lebend vor Ihnen.“

„Dieser Mann war mein Freund!“, sagte der Breitschultrige hart, und die Drohung in seiner Stimme war nicht mehr zu überhören.

„Tut mir leid!“ Matt hob kurz die Schultern. „Er wollte es nicht anders.“

„Mein Name ist Warren Searls, und man sagt mir nach, dass ich immer fest zu meinen Freunden gehalten habe!“

Matt wich dem durchdringenden Blick des Saloonbesitzers nicht aus. „Bevor Sie weiterreden, Searls, möchte ich etwas klarstellen: Rock Bremend, den Sie als Ihren Freund bezeichnen, war einer der Banditen, die vor zwei Tagen die Postkutsche auf dem Weg zum Blue Pass überfielen.“

Ein Gemurmel lief durch die Reihen der Männer und Frauen, die sich vorsichtig im Hintergrund hielten. Searls machte einen Schritt auf Matt zu.

„Mann, achten Sie auf Ihre Worte!“

„Vertragen Sie die Wahrheit nicht, Mister Searls? Sie sind doch nur hier, um Streit mit mir anzufangen, oder? Warum soll ich also nur reden, was Ihnen gefällt? Ihr Entschluss, auf mich loszugehen, ist doch sowieso nicht mehr zu ändern. Glauben Sie mir, ich kenne genug Männer Ihrer Sorte!“

Matt sah, wie sehr Warren Searls von seinen offenen Worten getroffen wurde. Searls suchte nach einer Erwiderung. Doch der Texaner kam ihm zuvor und fuhr fort: „Übrigens, Searls, Bremend war oben am Pass nicht allein. Er hatte einen Partner, hören Sie? Und ich frage mich, wie viele gute Freunde Bremend wohl hat, die mit ihm zusammen eine so raue Sache durchführen wollen. Sie müssten das eigentlich wissen, Searls, nicht wahr? Sie bezeichnen sich doch selbst als Bremends Freund.“

Searls ballte die Hände. Sein wuchtiges Kinn schob sich vor. „Was wollen Sie damit sagen, Mann?“

„Nun, Sie sind doch sicher schlau genug, das selber herauszufinden!“

Searls machte noch einen Schritt und stand jetzt dicht vor Matt. Dieser wich keinen Zoll zurück. Er und Searls waren gleich groß, nur war Searls noch wesentlich breiter. Sie starrten einander grimmig an. Searls’ Kinnbacken mahlten.

„Sie sind ein ganz gerissener Halunke!“, grollte Searls wütend. „Mit Ihren Lügenmärchen wollen Sie die Stimmung in dieser Stadt auf Ihre Seite ziehen. Aber das wird Ihnen nicht gelingen, Mister! Ihr Geschwätz interessiert hier ganz und gar nicht, kapiert? Für mich zählt allein, dass Sie Rock Bremend auf dem Gewissen haben. Und ich werde schon dafür sorgen, dass Sie das noch bitter bereuen!“

Details

Seiten
143
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934069
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v505320
Schlagworte
sein bruder wyoming

Autor

Zurück

Titel: Sein Bruder starb in Wyoming