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Redlight Street #107: Werners Neue

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Werners Neue

Copyright

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Werners Neue

Redlight Street #107

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 108 Taschenbuchseiten.

 

Die Bankangestellte Petra ist eine sensible junge Frau, schmal wie ein Reh, sehr hübsch mit halblangem braunem Haar und tiefdunklen Augen - eine natürliche Schönheit. Die Frauen beneiden sie. Männer schauen sich nach ihr um und wollen sie erobern. Doch Petra lässt sie alle abblitzen - bis ihr Nadine zugeordnet wird …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Sie hatte sich wieder einmal verliebt.

Wie sehr hatte sie sich dagegen gesträubt. Aber es half nichts, gar nichts! Petra Plassmann litt schon jetzt unter dieser Liebe. Sie wollte nicht mehr leiden, es war so schrecklich, man war dann völlig hilflos und so leicht verletzlich. Mein Gott, dachte sie, hört das denn nie mehr auf? Warum kommt es so plötzlich? So unvorbereitet? Was habe ich denn jetzt schon wieder getan?

Sie war ein sensibles, feines Geschöpf, schmal wie ein Reh, sehr hübsch mit halblangem braunem Haar und tiefdunklen Augen. Sie kleidete sich fast lässig, legte nicht sehr viel Wert auf ihr Äußeres, und doch war sie immer schön - natürlich schön.

Nun, Geld hatte sie in einem gewissen Maß zur Verfügung - zum Missvergnügen der Kollegen und Kolleginnen. Sie neideten ihr das gute Aussehen und auch das Ansehen in der Bank. Wo sie auch hinkam, alle mochten sie. Besonders die leitenden Herren rissen sich um dieses kapriziöse Mädchen.

Wie gesagt, sie arbeitete in einer Bank, beherrschte Französisch wie ihre Muttersprache und musste deswegen oft als Dolmetscherin aushelfen. Auch die Kunden waren von ihrem liebenswürdigen Wesen angetan. Die anderen Frauen und Mädchen konnten nicht begreifen, dass sie dabei kein bisschen hochmütig war. Sie war zu allen nett. Ob es nun der Hausmeister oder die Putzfrau war, oder der Direktor persönlich; sie behandelte alle gleich. Immer war sie guter Laune, immer hilfsbereit. Wenn man sie um etwas bat, nickte sie sofort.

Was wunder, dass die Leute, die sie kannten, ein wenig hinter ihrem Rücken über sie redeten. So verhielt man sich nicht, das gehörte sich nicht. Jeder Mensch hat Fehler; sie sollte nicht so tun, als wäre sie eine Ausnahme.

Petra Plassmann war fünfundzwanzig Jahre alt. Sie verdiente gut und besaß außerdem ein kleines Erbe von ihren Eltern, die vor einem Jahr gestorben waren. Sie lebte in einer schönen Wohnung, fuhr ein Auto und ging oft in Urlaub. Petra war ein Kumpel - und auch wieder nicht. Die Leute hatten oft ein eigenartiges Gefühl, wenn sie das Mädchen sahen. Sie zerbrachen sich den Kopf über sie, kamen aber zu keinem Ergebnis.

Als sie vor einem Jahr in die Bank eingetreten war, hatten alle weiblichen Angestellten geglaubt, dass sie jetzt auf Männerfang gehen würde. Der Beste sei ihr gerade gut genug. Alle würden ihr wie brave Hündchen nachlaufen. Sie hatte ja so etwas an sich, das die Männer verrückt machte.

Mit dem Nachlaufen hatten sie vollkommen recht!

Wo sie ging und stand, befand sich ein Mann. Ob jung oder alt, sie alle waren in ihrem Bann. Petra war lieb und freundlich, zuvorkommend und arbeitete trotzdem viel. Aber nicht einer der jungen oder auch älteren Herren konnte behaupten, sie hätte ihm mehr Aufmerksamkeit geschenkt als normalerweise üblich.

Mit der Zeit wurde man zudringlicher. Paul war der Playboy der Bank.

»Na, haste sie schon geschafft?«, wurde von allen Seiten gestichelt.

»Mein Gott, man soll nichts überstürzen«, versuchte er mit gelangweilter Stimme die dummen Redner zum Schweigen zu bringen. Doch sie lachten spöttisch auf.

»Tja, das ist ein harter Brocken! An dem kannst du dir die Zähne ausbeißen, Paul. Nimm dich in Acht, die schaffst du doch nicht. Die wartet auch gerade auf dich!«

Leider war Paul sehr eitel. Er konnte nicht vertragen, dass jemand so über ihn sprach. Er hielt sich für sehr schön und umwerfend. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass es ein Mädchen geben könnte, das nicht auf ihn flog. Bis jetzt hatte er es immer sehr leicht gehabt. Jedes weibliche Wesen, das neu in der Bank anfing, verliebte sich nach kurzer Zeit in Paul. Er konnte so hinreißend sein, so lieb. Aber leider kannte er keine Treue. Man warnte die jungen Mädchen vor Paul, aber sie zogen schnippisch die Schultern in die Höhe und lachten: »Der wird sich wundern. So leicht wird er mich nicht kriegen. Und wenn, dann werde ich ihn festhalten.«

Aber wie gesagt, das schafften sie alle nicht, und so brach er die Herzen reihenweise. Man konnte ihm noch nicht einmal böse sein, denn er spielte von Anfang an mit ehrlichen Karten und sagte jedem Mädchen gleich, dass er nie heiraten würde, dass also alles nur ein Flirt sei. Wenn sie das nicht wolle, bitte schön, dann brauche sie es nur zu sagen. Niemand konnte ihm böse sein.

»Bin ich denn blöd?«, hatte er einmal zu einem Kollegen gesagt. »Nein, ich komme gerade mit meinem Geld zurecht; da soll ich heiraten? Warum denn? Das sehe ich nicht ein. Ich führe ein prachtvolles Leben. Sobald mir eine langweilig wird, lasse ich sie ziehen. Die Stadt ist doch voller hübscher Mädchen.«

»Man merkt, dass du noch nie wirklich verliebt warst.“

»Gott bewahre mich davor! Ich werde es auch nie sein. Nein, ich komme so ganz gut zurecht und behalte einen kühlen Kopf. Ihr anderen seid alle dumm.«

Das hörten seine Kollegen natürlich gar nicht gem.

»Du wirst schon sehen - eines Tages wirst du den Kürzeren ziehen, eines Tages wirst du dich noch wundern.«

»Ich nicht!«

Aber wie gesagt, als er das so fest behauptete, da hatte er Petra Plassmann noch nicht gekannt. Als dieses junge Mädchen in die Bank eintrat, hatte sich Paul bewusst im Hintergrund gehalten. Er wusste ja von seiner Macht. Ich lasse den anderen den Vortritt, in kurzer Zeit wird sie doch bei mir landen. Da brauche ich mich nicht anzustrengen.

Aber Petra landete nicht bei ihm.

Jetzt war sie schon über ein halbes Jahr in der Bank, und sie war noch nicht ein einziges Mal mit Paul ausgegangen. Kein Wunder, dass die Kollegen ihn hochnahmen. Das ärgerte ihn.

»Dumme Pute«, murmelte er vor sich hin.

Paul wusste genau, dass sein guter Ruf auf dem Spiel stand. Ja, in des Teufels Namen, sollte er sich den wirklich durch Petra zunichte machen? Das war ja wirklich die Höhe!

»Na, wenn ich mich nur ein wenig anstrenge, dann habe ich die Ende der Woche in meinem Bett!«

»Wirklich?«, spöttelten die Kollegen, die bereits wussten, dass Petra ein Eisblock sein konnte.

»Wir können ja wetten!«

»Au ja, das ist mal etwas anderes! Paul, du bist wirklich ein Pfundskerl! Um was wetten wir?«

»Um eine Kiste Sekt!«

»Gut, einverstanden.«

»Na, dann kannst du sie schon mal bestellen«, lachten die Kollegen.

»Ihr kennt mich noch nicht. Wenn ich in Fahrt bin, dann widersteht mir kein Mädchen.«

»Viel Vergnügen!«

Fünf Tage hatte er Zeit. Paul wollte die Sache schnell hinter sich bringen. Also legte er gleich los.

Petra sah ihn groß an, lächelte freundlich und sagte: »Nein danke, ich gehe nicht mit zum Essen. Ich hoffe, Sie sind jetzt nicht enttäuscht, aber ich habe diese Woche meinen Obsttag.«

Er sah sie verblüfft an.

»Das ist doch nicht Ihr Ernst?«

»Doch!«

»Äh - wir könnten uns doch so zusammensetzen - ich meine, uns unterhalten.«

»Wirklich nett von Ihnen, aber wenn Sie Unterhaltung brauchen, dann fragen Sie doch Sabine. Warten Sie, ich rufe sie, sie wird sich bestimmt freuen. Ich muss noch eine dringende Übersetzung erledigen.«

Ehe sich Paul von dieser Abfuhr erholen konnte, hatte sie doch tatsächlich Sabine gerufen und ihr gesagt, Paul lade sie zum Essen ein. Ihm blieb nichts anderes übrig, als einzuwilligen. Aber er war wütend. Doch nach Stunden sagte er sich: Vielleicht war das falsch? Sie ist ja so gewissenhaft, und man überhäuft sie mit Arbeit, wirklich, ich habe das nicht richtig angefangen. Noch ist nicht aller Tage Abend. Also beginnen wir nach Feierabend neu.

Er war schon lange draußen, Petra kam eine Viertelstunde später. In ihrer Begleitung befand sich der Abteilungsleiter. Paul sah, wie sie freundlich den Kopf schüttelte, dann blieb sie stehen und gab ihm lächelnd die Hand.

Da schau her, dachte Paul schadenfroh, er will also auch mal so nebenbei naschen. Wenn das seine Frau wüsste! Aber nun schaut er ziemlich belämmert drein. Fast hätte er laut herausgelacht.

Der Abteilungsleiter ging davon.

»Hallo! Petra, darf ich Sie nach Hause fahren?«

Sie drehte sich um. Ihre großen blauen Augen musterten ihn kurz.

»Warten Sie schon lange hier?«

»Äh, wie kommen Sie darauf? Nein, ich komme auch gerade aus dem Gebäude, Kavalierspflichten. Ich würde mich freuen, wenn ich Ihnen einen Gefallen erweisen könnte.«

»Na, dann bin ich ja beruhigt«, sagte sie herzlich. »Es wäre mir wirklich unangenehm, wenn Sie gewartet hätten. Vielen Dank, ich habe meinen eigenen Wagen hier.«

Ehe sich’s Paul versah, war sie eingestiegen, winkte ihm fröhlich zu und war verschwunden.

Das war wirklich die Höhe!

Zwei Tage ging dieses Katz- und Mausspiel so weiter, bis der junge Mann begriff, dass er erst einmal von seinem Sockel heruntersteigen musste, wenn er überhaupt Kontakt mit dem Mädchen haben wollte. Da war diese Wette, und da war sein Ruf. Die Zeit drängte.

Paul begann, sich zum ersten Mal intensiv mit einem Mädchen zu befassen. Er verfolgte sie mit den Augen, kannte inzwischen jede ihrer Bewegungen, wie sie den Kopf wendete, wie sie ging, wie sie lachte und wie sie immer Distanz zu allen hielt - freundliche Distanz. Es dauerte nicht mehr lange, und er dachte nur an Petra. Sie spukte in seinem Kopf herum. Er konnte schon gar nicht mehr an etwas anderes denken. Ja, es kam so schlimm, dass er jetzt Fehler machte und die Arbeit oft noch einmal von vorn beginnen musste. Das war ihm noch nie passiert.

Paul hatte sich noch nie so sehr ein Mädchen gewünscht wie Petra. Er sah es jetzt durch eine ganz andere Brille. Stolz würde er sein können, wenn sie ihm gehörte. Alle würden ihn beneiden! Sie war einfach ein Supergeschöpf. Diese Figur, dieses feine Benehmen! Mein Gott, überall würde er mit ihr auffallen. Er dachte sogar daran, dass sie zusammenziehen könnten. Dann würde man ja viel mehr Geld zur Verfügung haben. Man brauchte nur eine Wohnung; es hatte so viele Vorteile. Dass er daran noch nicht gedacht hatte!

Und er hatte seine Kollegen für vertrottelt gehalten, wenn sie heirateten. So war das also! Außerdem brauchte er sich dann nicht mehr selbst um seine Wäsche zu kümmern. Die Frau übernahm dann die Hälfte der Pflichten. Man würde noch viel mehr Zeit füreinander haben.

Einen ganzen Tag verbrachte er mit diesen neuen Gedanken, dann stand sein Entschluss fest.

»Ich muss es ihr sagen. Petra kennt ja meinen Ruf in der Bank, sie will also nicht eine unter vielen sein. Nun, das kann ich verstehen. Aber wenn ich jetzt zu ihr hingehe, ihr sage ... Verteufelt, was soll ich ihr denn sagen?«

Sie ging an ihm vorüber und lächelte ihn freundlich an. Er hörte ihren Schritt, roch ihr Parfüm und wurde fast halb verrückt bei dem Gedanken, einer der Chefs könnte sich mit ihr abgeben. Eifersucht nagte an seinem Herzen. Er litt.

»Na, schon Fortschritte gemacht?«

Er zuckte zusammen. Walter stand hinter ihm.

»Ist denn die Zeit schon herum?«

»In zwei Tagen!«

»Na also!«

»Du siehst so grün im Gesicht aus. Paul, du wirst doch nicht krank werden?«

»Hau ab!«

Paul überlegte weiter: Ich muss mit ihr reden, sonst wird es nichts. Sie muss es wissen. Also legte er ihr eine Botschaft auf den Schreibtisch. Ihre Glaskabinen lagen nebeneinander. Als sie zurückkam, las sie das Zettelchen und hob kurz den Kopf. Ihre Augen hatten einen fragenden Blick. Er machte die Geste des Bittens, da lächelte sie leicht und nickte. Ein Stein fiel von seinem Herzen.

Am Abend stand sie neben seinem Wagen.

»Wohin fahren wir?«

»Nun, eigentlich habe ich nicht viel Zeit, Paul. Dauert es sehr lange?«

»Nein, aber hier kann ich unmöglich reden.«

»Gut, ich fahre mit meinem Wagen hinter Ihnen her. Gehen wir in die Pizzeria?«

Er hatte an ein verschwiegenes kleines Lokal im Wald gedacht, aber er wollte sie jetzt nicht verärgern. Dahin könnte man ja noch immer fahren. Paul war von seiner Idee so berauscht, dass er eine Absage gar nicht für möglich hielt.

So saßen sie wenig später in einer Nische, und er musste zu sprechen beginnen. Leicht fiel es ihm nicht. Den gönnerhaften Playboy konnte er jetzt nicht spielen, sie hätte ihn nur ausgelacht. Also begann er von seinen Überlegungen zu sprechen und erzählte ihr, dass er sie haben wolle, ja, »auf sie stehe«, und man sei doch modern - und überhaupt habe das doch so viele Vorteile.

»Wir werden das schönste Paar in der Bank sein, Petra, wir werden ein herrliches Leben verbringen.«

Sie hatte ihm schweigend zugehört. Ihr Gesichtchen war völlig ernst.

»Paul«, sagte sie leise.

Er wollte ihre Hand nehmen, aber sie entzog sie ihm sofort.

»Bitte, hören Sie mir zu, Paul. Es tut mir leid«, sagte sie bekümmert. »Ich hoffe, Sie haben sich noch nicht in mich verliebt. Nein, das haben Sie nicht und ich bin froh darüber, denn dann brauchen Sie nicht zu leiden.«

»Petra!« Er starrte sie an.

»Es tut mir wirklich leid, Paul, aber ich möchte es nicht - verstehen Sie nicht?«

Sprachlosigkeit stand in seinen Augen.

»Begreifst du eigentlich gar nicht, was für ein Angebot ich dir gemacht habe?«

»Natürlich, Paul«, sagte sie weich, »jedes Mädchen in der Bank würde dir jetzt vor Entzücken um den Hals fallen. Du hast dir leider den falschen Partner ausgesucht.«

»Aber warum denn nicht?«

Sie legte den Kopf schief; schon wollte sie etwas sagen, er spürte es ganz deutlich - doch dann sagte sie nur: »Weil ich dich nicht liebe, Paul.«

»Liebe«, röchelte er, »das ist doch altmodisch!«

»Nein, ganz gewiss nicht. Du bist mir also nicht böse?«

Er fiel aus allen Wolken. Zum ersten Mal wurde er so behandelt, wie er früher die verzweifelten Mädchen behandelt hatte. Nun konnte er am eigenen Leibe spüren, wie das ist, wenn man abgewiesen wird.

»Das verstehe ich nicht. Was missfällt dir an mir, Petra? Was? Ich begreife das nicht.«

»Nein, das kannst du auch nicht begreifen, Paul.«

Er schluckte.

»Du hast also einen anderen an der Angel?«

»Nein!«

Er lachte verächtlich auf.

»Gewiss hast du einen anderen. Mädchen, die so aussehen wie du, nehmen sich immer das dicke Geld. Pah, ich glaube dir das nicht! Liebe, dass ich nicht lache! Nee, mir kannste keinen Sand in die Augen streuen!«

»Du solltest jetzt nicht verletzend werden ...« sagte sie mit gefährlich ruhiger Stimme.

Paul aber hörte nicht auf sie. Er war zu tief getroffen. An die Blamage mochte er gar nicht denken.

»Du bist ein falsches, raffiniertes Luder!«, brach es aus ihm heraus.

Petra stand mit einem Ruck auf.

»Hör auf!«

Er lachte schallend. Sie öffnete den Mund - doch wieder schwieg sie, legte einen Geldschein auf den Tisch, drehte sich um und verließ das Lokal. Diese Behandlung wirkte auf den jungen Mann wie ein Schlag mitten ins Gesicht. Vor allen Dingen - er war ja so laut geworden, dass sich jetzt alle Gäste nach ihm umdrehten.

Tiefrot wurde sein Gesicht. Er kochte vor Zorn und bebte und wollte ihr nachlaufen, ihr sagen, welch ein Luder sie sei. Aber zuerst musste er die Rechnung bezahlen. Als er dann auf der Straße stand, war sie verschwunden.

Am Montag bezahlte er die Wette.

Die Kollegen beglückwünschten Petra zu ihrer Standhaftigkeit. Eigentlich hätten die jungen Mädchen sie bewundern müssen, aber dass sie sogar den Paul verstieß, das grenzte an Unverständnis und Arroganz.

»Was bildet die sich eigentlich ein? Ja, erwartet die vielleicht, dass ein Prinz auftaucht? Das ist doch wirklich die Höhe! Die ist wohl verrückt, was?« Das sagten die Mädchen, die Paul nachliefen. Und deshalb kam jetzt etwas wie Hass auf.

Ältere oder verheiratete Frauen amüsierten sich zum Teil über das gespannte Verhältnis der jugendlichen Angestellten untereinander. Aber Petra mochten sie nicht gern. Sie hatte all das, was sie selbst gern besessen hätten.

 

 

2

Petra stand am Fenster und blickte auf die beliebte Geschäftsstraße hinaus. Wird das denn nie aufhören? Werde ich immer leiden müssen? Was tue ich eigentlich, dass ich immer zur Zielscheibe werde?

Die Tür öffnete sich, der Chef kam herein. Kühl sah sie ihm entgegen.

»Haben Sie die Sachen fertig?«

»Selbstverständlich.«

Viel Freundlichkeit lag nicht mehr in ihrer Stimme. Die Wunde war noch zu frisch.

Paul mied sie. Aber das bekümmerte sie nicht. Sie biss die Zähne zusammen und arbeitete gewissenhaft weiter. Ihr konnte man nichts anhaben, gar nichts! Sie war frei von allen Skrupeln, sie ging ihren eigenen Weg.

Dann kam der Tag, an dem die neuen Lehrlinge eingestellt wurden. Das wurde immer ein wenig feierlich begangen. Alle Angestellten wurden aufgefordert zu kommen. Auch Petra stand im Hintergrund, unter all den jungen Menschen, die zum Teil schon zwanzig Jahre alt waren. Sie besaßen das Abitur und hatten sich schon weitergebildet, sonst war es fast nicht mehr möglich, eine Anstellung in der Bank zu erhalten. Unter diesen Jugendlichen befand sich ein junges Mädchen, Nadine. Sie hatte blanke spöttische Augen und schien sich über alles zu amüsieren. O ja, sie wusste um ihre Anziehungskraft, und sie wusste auch, wie schnell sie die Männer verwirren konnte. Die Goldpünktchen in ihren Augen tanzten auf und ab. Jeden Mann musterte sie eingehend. Petra sah dieses junge Mädchen an. Sie war so licht und hell wie der Frühling selbst: ganz hellblondes Haar, wasserblaue Augen, einen Rosenmund und ein herrliches Figürchen. Nein, die ließ sich nicht die Butter vom Brot nehmen. Sie nicht!

Die Vorstellung war beendet, man wies ihnen die Arbeitsplätze zu. Durch Zufall wurde Nadine Petra zugeteilt. Sie war auch in Sprachen sehr gut. Jetzt sollte Petra sie in die Geheimnisse der Bank einweisen.

Nadine warf ihr einen lachenden Blick zu.

»Ich glaube, wir werden uns ganz gut verstehen, nicht wahr? Ich hatte schon Angst, ich würde zu dieser Schreckschraube von Müller geschickt. Die hat wohl Haare auf den Zähnen, wie?«

Petra musste unwillkürlich lachen.

»Nun, so schlimm ist sie auch wieder nicht.«

»O doch, damit kenne ich mich aus! Die verspeisen junge Mädchen schon zum Frühstück.« Ihr Lachen war perlend.

Für Petra begann eine sehr schöne Zeit. Sie war ein kluges eifriges Mädchen. Nadine mochte Petra recht gern, und sie freute sich, dass Petra so vertraut mit ihr war, obwohl sie spürte, dass sie ein wenig anders war. Aber dieses Geheimnis hatte sie noch nicht enträtselt. Nadine brauchte keine Woche, um herauszufinden, was hier lief. Sie freute sich mit Petra über die Männer.

Sie wippte im Stuhl hin und her, warf Petra einen lachenden Blick zu und meinte fröhlich: »Die kann man sich doch alle an den Hut stecken, wirklich! Und dieser Paul, der ist doch das Letzte.«

»Also hat er es auch schon mit dir versucht?«

Nadine nickte eifrig.

»Und?«

»Ph, dem hab ich es aber gegeben!«

»Die anderen werden das nicht verstehen, Nadine, sie werden dich auch nicht mögen.«

»Kümmerst du dich denn darum?«

»Nein«, sagte sie mit spröder Stimme.

Nadine hörte auf zu schaukeln und blickte Petra fest an.

»Ich möchte eines wissen.«

»Ja?«

»Mit wem amüsierst du dich wirklich?«

Petras Gesicht wirkte plötzlich wie zugeschlossen. Nadine sah es und war verwirrt.

»Entschuldige, ich wollte nicht zudringlich werden, wirklich nicht.«

»Das bist du auch nicht.«

»Du willst mir doch nicht sagen, dass du wirklich ganz ohne Mann lebst?«

»Doch«, sagte sie ruhig.

»Aber warum denn? Du kannst doch jeden haben!«

»Das weiß ich.« Petra brach das Gespräch ab und widmete sich wieder ihrer Arbeit.

Aber Nadine ließ sich nicht so schnell abspeisen. Sie dachte noch ziemlich lange über Petra nach. Sie hatte ein Geheimnis, das wusste sie jetzt. Die ganze Bank glaubte an ein Geheimnis. Es kribbelte ihr in den Fingern. Sie musste es herausfinden.

Nach diesem Gespräch begann sie Petra zu beobachten. Das tat sie sehr geschickt. Petra merkte es gar nicht. Sie glaubte wirklich, sich sehr gut in der Hand zu haben. Nadine war eben raffiniert.

Sehr schnell stellte sie fest, dass Petra sich echt freute, wenn sie erschien, wenn sie in ihrer Nähe war und sie sich unterhielten. Dann war sie ganz weich und zärtlich. Wenn sie aber das Zimmer verlassen wollte, dann war ihr Gesicht so merkwürdig. Nadine spürte auch, dass Petra ihr mit den Augen folgte.

Warum, so fragte sie sich einige Tage lang. Das verstehe ich nicht. Ich bin doch nicht ihre Freundin. Nun ja, wir verstehen uns sehr gut, das kann ich nicht abstreiten, aber doch auch nicht wirklich gut. Dazu ist sie fünf Jahre älter als ich, sie wird ihren eigenen Freundeskreis haben. Ja, bis jetzt hat sie mich noch nie in ihre Wohnung eingeladen. Ich habe es versucht, aber sie ist nicht darauf eingegangen. Nadine war verwirrt.

Warum war Petra so seltsam? Warum machte sie immer so ein komisches Gesicht am Freitagabend? Und warum freute sie sich immer, wenn sie am Montagmorgen zur Tür hereinkam?

Nadine nagte an ihrer Unterlippe.

Es musste mit ihr persönlich zusammenhängen. War sie vielleicht nur froh, weil sie zu ihr hielt? Aber Nadine machte sich nichts vor. Sie wusste: Jeder Mann in der Bank wartete doch nur darauf, dass Petra die Hand ausstreckte. Es gab auch Kolleginnen, die sie mochten. Aber Nadine spürte mit sicherem Instinkt, dass Petra die Männer nicht mochte. Keinen mochte sie! Ja, sie wurde immer sehr merkwürdig, wenn ein Mann ihr zu nahe kam; fast ängstlich wich sie dann immer zurück. Oft aber konnte sie sich nicht zurückziehen, um nicht als unhöflich zu gelten. Aber Nadine beobachtete sie genau und stellte fest, dass Petra ein sehr komisches Gesicht machte, wenn ein Mann sie berührte. Aber wenn sie, Nadine, Petra berührte, wurden ihre Züge weich und zärtlich.

Nach vierzehn Tagen fiel es ihr wie Schuppen von den Augen.

Petra liebte keine Männer, sie liebte nur Frauen!

Nadine war so erstaunt, dass sie eine ganze Weile gar nichts sagen konnte. Sprachlos war sie über diese Tatsache. Es gab keinen Zweifel: Petra liebte sie!

Du liebe Güte, dachte das Mädchen und lachte leise vor sich hin.

Einmal die Wahrheit wissend, war jetzt alles so einfach, so leicht. Nadine spürte, mit welcher Anstrengung Petra versuchte, ihre Liebe geheimzuhalten.

»Armes Ding«, murmelte sie. »Sie tut mir tatsächlich ein wenig leid.«

Während der Arbeit musste sie immerzu daran denken. Sie konnte einfach nicht aufhören, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Manchmal hatte sie das Gefühl, sich totlachen zu müssen, weil sie es wusste. Das also war ihr Geheimnis; und die Männer hofften noch immer, sie würde sich für einen von ihnen entscheiden. Das war wirklich lustig.

Was Nadine bisher über derlei Frauen gehört hatte, war nicht schön. Vor allen Dingen hatte man immer gesagt: »Das sind nur Frauen, die sowieso keinen Mann kriegen und sich dann auf ihre Art und Weise amüsieren. Sie können einem wirklich leidtun, die armen Dinger.«

Nadine wusste es jetzt besser. Petra könnte jeden Mann bekommen. Jeden!

Aber sie liebte Frauen! Was sollte sie tun?

Sollte sie ihr sagen, dass sie Bescheid wusste? Wie würde sich Petra dann verhalten?

Nadine hatte schon mit einer Reihe von Männern geschlafen. Hin und wieder machte es ihr auch Spass, aber die wirklich große Liebe hatte sie dabei noch nicht erlebt.

Nach der ersten Betroffenheit kam die Neugier. Sie wollte gern wissen, wie das ist, von einer Frau geliebt zu werden.

Manchmal war sie so fahrig, dass sie alles falsch machte. Petra berichtigte schweigend diese Fehler. Nadine wusste das und mochte sie deswegen noch lieber.

Eigentlich, dachte sie ein wenig traurig, tut mir Petra leid. Etwas verstehe ich jetzt ganz klar und deutlich: Es ist nun einmal ihr Leben, sie kann wahrscheinlich nichts dafür. Wenn man hier in der Bank erfährt, dass sie so ist, wird man über sie herfallen. Man wird kein gutes Haar an ihr lassen. Komisch, für mich ist sie noch liebenswerter geworden; sie ist in Wirklichkeit ein tapferer Mensch. Ja, in meinen Augen ist sie viel wertvoller als all die anderen zusammen. Aber was habe ich davon?

Das junge Mädchen hörte nicht auf, ihre Gedanken um dieses Thema kreisen zu lassen. Sie umstrich Petra mit immer engeren Kreisen, berührte sie immer häufiger und bemerkte jedes Mal sofort das Aufleuchten in deren Augen.

Dann kam der Augenblick, da sie es einfach wissen musste. Es gab kein Zurück mehr. Alles in ihr brannte lichterloh. Sie musste es wissen!

 

 

3

Petras Herz war in Aufruhr. Nadine machte sie fast verrückt. Schon lange nicht mehr hatte sie ein junges Mädchen so heiß und innig geliebt wie diese Nadine. Aber sie durfte ihr das nie zeigen. Nie, nie! Nein, niemals!

Es war grausam für das junge Mädchen. Sie fühlte, wie ihre Kräfte dahinschwanden. Lange hielt sie das nicht mehr aus. Sie hatte schon zweimal die Stelle gewechselt, weil sie gespürt hatte, man würde es herausbekommen. Sollte sie jetzt auch wieder gehen müssen.

Es war Samstag, und sie hatte sich mit einer herzlichen Wut über die Wohnung hergemacht. Darin fand sie ein wenig Erleichterung. Bald aber war alles blitzsauber, und es gab nichts mehr zu tun. Sie wusste ganz genau, dass es in dieser Stadt Lokale gab, in denen sich solche Frauen wie sie trafen. Aber bis jetzt hatte sie es noch nicht übers Herz gebracht, hinzugehen. Nein, das konnte sie einfach nicht, dann wäre sie sich wie eine Dirne vorgekommen. Sie konnte nicht hingehen, mit einer Frau reden, um dann mit ihr in die Wohnung zurückzukehren. Nein, das konnte sie nicht, sie musste wirklich lieben. Von ganzem Herzen! Wie damals Ellen!

Das war eine herrliche Zeit gewesen. Wundervoll! Damals hatte sie geglaubt, ihr ganzes Leben mit Ellen verbringen zu dürfen. Ellen hatte sie verführt, aber eigentlich war sie reif dafür gewesen. Sie hatte sich nie etwas aus Männern gemacht. Schon als junges Mädchen hatte sie sich ablehnend ihnen gegenüber verhalten. Die Eltern hatten sich große Mühe gegeben, ihr junge Männer anzupreisen. Wie gern hätten sie noch erlebt, dass sie geheiratet hätte. Aber sie hatte es nicht fertiggebracht.

Dann hatte sie Ellen kennengelernt. Anfangs hatte sie geglaubt, genug Mut zu besitzen, um den Eltern die Wahrheit über sich zu gestehen. Dann hätte sie Frieden gefunden. Sie war doch ein ganz normaler Mensch! Ihr war es gleich, auch wenn man die Nase über sie rümpfte; das hätte ihr nichts ausgemacht. Mit dem festen Willen, endlich klare Verhältnisse zu schaffen, war sie nach Hause gefahren. Aber dann hatte sie es doch nicht übers Herz gebracht.

Die Eltern lebten in einer Kleinstadt. Sie hätten das nie verstanden. Sie hätten einen Schock erlitten, hätten sich von ihrer einzigen Tochter abgewandt - ja, sie hätten sich große Vorwürfe gemacht, sie vielleicht falsch erzogen zu haben. Petra hatte es ihnen nicht gesagt.

Wenn die Mutter sie jammernd fragte: »Warum heiratest du nicht endlich?«, hatte sie immer schnell geantwortet: »Ich will erst in meinem Beruf aufsteigen, später.«

Dann waren die Eltern gestorben. Sie hatte sich fast frei gefühlt. Jetzt brauchte sie nicht mehr zu lügen. Alles war wunderbar. Sie verdiente gut, lebte mit Ellen zusammen. Es war schön.

Dann geschah dieser tragische Unglücksfall. Ellen war auf der Stelle tot gewesen. Lange Zeit hatte sie es nicht fassen können. Ellen, die sie so geliebt hatte, war nicht mehr. Brutal waren sie voneinander gerissen worden. Anfangs hatte sie oft daran gedacht, auch ihrem Leben ein Ende zu setzen. Die erste Zeit war schrecklich gewesen.

Nie mehr würde sie einen Menschen so lieben können wie Ellen. Damals hatte sie das geglaubt. Aber nun war da Nadine in ihr Leben getreten. Nur war das noch viel schlimmer. Sie durfte sie nicht lieben!

In ihre Gedanken hinein ertönte die Türglocke. Petra schrak zusammen. Sie bekam nie Besuch. Wieso klingelte es? Sicher hatte jemand sich vertan.

Sie ging zur Tür und öffnete. Auf der Fußmatte stand Nadine. Fassungslos blickte sie das junge Mädchen an.

»Darf ich eintreten?«, fragte sie leise.

Petra war völlig verwirrt. Wie in Trance beobachtete sie, wie das junge Mädchen ihre Wohnung betrat, wie sie weiter ins Wohnzimmer ging, sich umdrehte und ihre lachenden Augen sie anblickten.

»Du hast es sehr schön hier. Du besitzt sehr viel Geschmack!«

Schwankend ging Petra näher.

»Was willst du?«, fragte sie mit belegter Stimme.

Nadine ließ sie nicht aus den Augen. Mit heller Stimme sagte sie: »Ich hatte hier in der Nähe zu tun, und da dachte ich: Vielleicht freut sie sich, wenn ich sie mal besuche? Petra, wenn ich dir ungelegen komme, dann gehe ich gleich wieder.«

»Nein, nein ...«, antwortete sie hastig. Sie hatte weiche Knie und musste sich setzen. Es war wie ein Trauma.

»Kann ich dir etwas anbieten?«

»Ja - hast du Sekt?«

»Sekt?«, murmelte sie.

»Ja, ich stehe im Augenblick darauf«, sagte Nadine lachend.

Petra erhob sich, ging in die Küche, holte den Sekt und zwei Gläser.

»Wartet dein Freund nicht auf dich?«

»Ich habe keinen Freund, Petra.« Sie fühlte sich erbärmlich. Lieber Gott, gib mir die Kraft, nicht zu versagen. Mein Gott, warum ist sie gekommen? Das halte ich einfach nicht aus. Bitte lass sie wieder gehen, ich kann nicht mehr ...

»Petra?«

Sie hob den Kopf und blickte das Mädchen an.

»Ja?«

»Ich weiß alles.«

Beinah hätte sie die Flasche fallenlassen.

»Was weißt du alles?«, würgte sie hervor.

»Du liebst mich, nicht wahr?«

Petra fiel in den Sessel.

»Nadine«, jammerte sie.

»Ich bin gekommen, um dir zu sagen, dass du keine Angst haben musst, Petra - wirklich.«

»Nadine ...«

Das junge Mädchen stand auf und ging hin und her.

»Nun, ich will nicht gerade sagen, dass ich auch so vernagelt bin, aber ich weiß nicht - mir ist so seltsam - ich mag dich auch - ja, das musst du doch spüren, nicht wahr?«

Petra war noch immer fassungslos. Was wollte Nadine wirklich? Sie verstand die Welt nicht mehr.

Nadine kniete sich vor Petra hin und schaute ihr von unten her ins Gesicht.

»Ich möchte wissen, wie es ist, wenn du mich liebst!«

Petra schloss die Augen; ihr Herz befand sich in wildem Aufruhr.

»Du weißt nicht, was du sagst«, keuchte Petra. »Bitte, geh! Ich möchte, dass du auf der Stelle gehst!«

»Nein«, sagte Nadine sanft, »nein, ich bin doch gekommen, um ...«

Petra stand auf und floh der Versuchung. Sie wollte es nicht mehr. Nein, man zerfleischte sich nur selbst. Man musste mit seinem Problem allein fertig werden. Das junge Mädchen sollte nicht auch noch leiden müssen. Sie ahnte ja gar nicht, worauf sie sich da einließ.

Nadine blickte sie mit einem rätselhaften Lächeln an. Dann stand sie auf und kam näher. Petra wich einen Schritt zurück.

»O mein Gott«, brachte sie nur mühsam über die Lippen.

Nadine war schön, sehr schön - die Verführung selbst. Wie betäubt schloss Petra die Augen.

»Petra, ich will es wirklich. Du brauchst keine Angst zu haben. Wirklich nicht!«

Da konnte sie einfach nicht mehr, sie zog das Mädchen in ihre Arme, fühlte sich wie eine Ertrinkende.

»Nadine«, murmelte sie.

Gemeinsam gingen sie ins Schlafzimmer.

Nadine war jung und neugierig, mehr steckte nicht hinter ihrem Angebot. Aber sie wollte ihr nicht schaden, das hatte sie nicht vor. Sie wollte einfach wissen, wie es ist, von einer Frau geliebt zu werden. Die Liebe der Männer kannte sie zur Genüge. Mit einigen war sie zufrieden, von den anderen wollte sie nie mehr etwas wissen. Aber nun lernte sie Petras Liebe kennen. Zu Anfang amüsierte es sie nur. Doch sie brauchte nur Augenblicke, um herauszufinden, dass Petra versuchte, sich in ihre Gefühle hineinzudenken. Sie fand es schön. Sie kannte sich selbst nicht mehr wieder. Ganz automatisch fing sie jetzt an, das Mädchen ihrerseits zu lieben.

Später, zum Abschied, sagte sie: »Ich habe immer gedacht, es wäre gemein und widerwärtig, aber das ist es ja gar nicht.«

Petra strich ihr übers Haar.

»Ich gebe dir einen guten Rat.«

»Ja?«

»Sprich mit niemanden darüber! Du kennst die Menschen in dieser Hinsicht nicht.«

»Doch«, sagte Nadine, »ich kenne sie sehr wohl. Aber du brauchst keine Angst zu haben, ich werde uns nicht verraten.«

»Wirst du wiederkommen?«

Sie lächelte. »Natürlich!«

Petra lehnte sich an die verschlossene Tür. Sie durfte wieder lieben! Sie hatte einen Ersatz für Ellen gefunden. Es würde jetzt wieder wundervoll sein. Sie durfte wieder lieben!

In diesem Augenblick hätte sie für das junge Mädchen einfach alles getan.

 

 

4

Am Tage nahm die Arbeit sie gefangen, abends trafen sie sich bei Petra. Manchmal blieb Nadine auch eine ganze Nacht. Doch nur selten, denn sie wollte nicht wirklich lesbisch werden. Zwischendurch schlief sie auch mit Männern, und jetzt, wo sie erst richtig aufgeweckt worden war, gab sie sich ganz anders und stellte hohe Ansprüche an den Mann. Er musste sich anstrengen, wenn er sie befriedigen wollte.

So lief alles seine geordnete Bahn. Keiner der Kollegen in der Bank ahnte etwas von dem heimlichen Leben der beiden schönen Mädchen. Die jungen Burschen hörten nicht auf, ihnen nachzustellen, aber Nadine wurde jetzt genauso hochmütig wie Petra. Natürlich zog sie sich dadurch auch eine Menge Feinde zu, aber das bekümmerte sie nicht.

Als ein älteres Mädchen sie mal schnippisch fragte: »Was wollen Sie denn überhaupt?«

Da sagte sie: »Erstens bin ich zum Arbeiten hierhergekommen, zweitens bin ich kein Fußabtreter, und drittens überlasse ich gern Ihnen das Feld.«

Da sprühten die Augen der anderen.

»Warum lassen Sie uns nicht zufrieden?«, fragte sie Petra.

»Sie spüren, dass wir ein wenig anders sind und ärgern sich, dass sie die Männer nicht so behandeln können wie wir. Im Grunde genommen würden sie das nämlich auch tun, aber sie wagen es einfach nicht.«

»Warum nicht? Das verstehe ich nicht!«

»Sie haben Angst, dass sie dann all ihre Chancen verlieren.«

»Aber sie haben doch jetzt schon keine, wissen sie das denn nicht?«

»Nein«, lachte Petra.

Ihre Züge wirkten jetzt viel weicher und zärtlicher. Nadine mochte sie noch lieber. Vielleicht hätte es ewig so weitergehen können, wenn da nicht dieses dumme Fest gewesen wäre. Zweimal im Jahr fühlte sich der Leiter der Bank verpflichtet, ein Fest für die Angestellten zu geben.

»Damit man sich besser kennenlernt und mehr Verständnis füreinander aufbringen kann.«

Niemand ging gern zu diesem Fest. Aber ausschließen konnten sich nur die Angestellten, die krank waren. Petra lag mit Fieber im Bett. Nadine hätte sie viel lieber gepflegt.

»Was soll ich auf diesem dummen Fest? Bestimmt machen sie sich wieder an mich ran.«

»Du musst gehen, Nadine. Trink nicht so viel, dann wird man dich schon nicht überfallen!«

Sie lachte.

»Nun, dann will ich sie mal alle ein wenig gegeneinander ausspielen!«

»Mach keine Dummheiten, ja?«

»Mal sehen, versprechen kann ich es nicht. Hast du auch wirklich alles?«

»Ja. Du bist sehr lieb.«

Sie wirbelte aus dem Zimmer.

Nadine hatte eine engsitzende Hose und einen knappen Pulli angezogen. Normalerweise ging sie nicht so in die Bank. Aber hin und wieder war sie übermütig, und dann musste sie mal auf den Putz hauen, wie sie das nannte.

Unter den Bankräumen befand sich ein sehr großer Aufenthaltsraum. Diesen hatte man ein wenig gefällig eingerichtet. Es gab auch Essen und Getränke. Wie gesagt, wer nicht gerade krank war, erschien. Besonders die älteren Semester, hofften sie doch, anschließend einen Galan zu finden, auch wenn es nur für eine Stunde war.

Um Nadine schwirrten die Männer wie die Motten um das Licht. Paul an ihrer Spitze! Aber sie amüsierte sich nur köstlich. Um das Ganze überhaupt einigermaßen überstehen zu können, nahm sie reichlich von dem Alkohol. Nadine hielt sich für trinkfest. Die Männer freuten sich, dass sie so eifrig dem Trinken zusprach, hofften sie doch, dass sie dann weicher werden würde und einen von ihnen mit sich nahm.

Nadine hatte schon einen kleinen Schwips und amüsierte sich köstlich. Es dauerte nicht lange, da begannen die jungen Männer zu prahlen. Paul wurde wieder einmal wegen seiner Wette aufgezogen. Nadine hörte belustigt zu. Paul ärgerte dieser Reinfall maßlos. Er hatte lange gebraucht, ihn zu überwinden. Und natürlich konnte er nicht vertragen, dass man jetzt vor Nadine schon wieder damit anfing. So glaubte er, etwas sagen zu müssen.

»Pah«, sagte er ein wenig verächtlich. »Ich habe mich ja gar nicht wirklich angestrengt. Ich hatte einfach keine Lust. Außerdem ist sie so ein eiskaltes Biest, da habe ich lieber die Wette bezahlt.«

Die Kollegen lachten ihn weidlich aus.

»Du bist nicht an sie herangekommen, das ist es!«

»Nein, das ist nicht wahr! Ich kenne Petra viel zu gut. Wenn ich es gewollt hätte, dann hätte ich sie geschafft. Ihr könnt noch so sehr grinsen, ich weiß es besser. Das ist doch ein ganz scharfes Luder. Ich hab sie mal überrascht, Mensch, ich sage euch ...«

»Erzähl weiter! Mit wem denn? Hier unten in der Bank, oder wo? Und es war wirklich Peter? Nein, das glauben wir dir nicht.«

Paul verrannte sich in diese Ausrede, er konnte jetzt nicht mehr zurück. Außerdem sagte er sich: Ich muss meine Ehre wiederherstellen. Ist mir schnurz, was man morgen von ihr denkt, jetzt kann ich mich rächen. Blöde Gans, das verzeihe ich dir nie, dass du mich so hast abblitzen lassen.

»Ja, das möchtet ihr wohl gerne wissen, wie? Aber ich sage keine Namen. Ich sage nur so viel: Sie macht es mit den ganz Jungen - da staunt ihr, was? So ein Früchtchen ist sie, unsere Petra. Es müssen noch fast Kinder sein, dann ist sie wild und hemmungslos. Ich sage euch ...«

Die Kollegen starrten ihn offenen Mundes an.

»Willst du damit sagen, sie hat sich an unsere männlichen Lehrlinge rangemacht? Das ist ja ungeheuerlich! Die sind ja im Durchschnitt - ja verdammt ...«

Paul grinste wie ein Fuchs. Endlich hatte er seine Weste wieder rein. Er lehnte sich zurück und grinste seine Kollegen an. Jetzt war er wieder der Hahn im Korb. Dann fiel sein Blick auf Nadine. Die hatte er im Augenblick ganz vergessen.

Jetzt machte das junge Mädchen einen gewaltigen Fehler. Aber es geschah nicht in böser Absicht, nein, sie wollte einfach die Ehre der Freundin retten. Sie war toll vor Wut, und der Alkohol tat sein Übriges. Ihre Augen waren schwarz vor Hass.

Paul wurde grün im Gesicht. Dieser Blick verhieß nichts Gutes. Ihm wurde ganz heiß unter dem Hemd. Er wollte sich so schnell wie möglich davonschleichen. Was wusste die Kleine? Verdammt, noch einmal bloßgestellt zu werden, das konnte er nicht verkraften.

»Bleib!«, donnerte sie.

Die jungen Männer hörten auf zu lachen, blickten Nadine an und dann Paul.

»He, was spielt sich denn hier ab?«

»Du Schwein«, sagte Nadine. Sie duzte ihn jetzt, so toll vor Wut war sie. »Du verdammtes Schwein, sofort nimmst du das auf der Stelle zurück!«

Paul hatte sich langsam erhoben. Alle im Raum waren jetzt still. Der Chef hatte nicht sofort begriffen, was sich in der Ecke abzuspielen begann. Er sah nur, dass Nadine im Kreis der jungen Angestellten stand und Paul festhielt.

»Auf der Stelle nimmst du diese Gemeinheit zurück!«

»He«, sagte Walter, »wie kannst du nur so reden, Kleines? Davon verstehst du noch nichts. Nadine, geh zu Mami und halt dich aus Männergesprächen raus, ja?«

»Männergesprächen!«, sagte sie laut und heftig. »Dass ich nicht lache! Ich gehe erst fort, wenn Paul alles, was er über Petra gesagt hat, wieder zurücknimmt.«

Paul war nicht auf den Kopf gefallen. Blitzschnell dachte er nach.

»Hör mal, Kleine, es tut mir leid, wenn es dich beleidigt hat, aber ich verstehe nicht, warum ich etwas zurücknehmen soll? Kannst du mir das mal sagen?«

»Weil es die schamloseste Lüge ist, die je über deine Lippen gekommen ist.«

»Das ist aber wirklich starker Tobak, Paul, also wirklich, jetzt musst du dich rechtfertigen.«

Er vergaß alles um sich herum, sah nur das junge, zornige Mädchen. Bei Gott, so hatte noch keine zu ihm gesprochen. Das war ja wie ein Schlag ins Gesicht. Das brauchte er sich von so einem kleinen Mädchen nicht bieten zu lassen. Seine Worte waren ätzend: »Es tut mir leid, wenn du es nicht hören kannst - aber ich nehme nichts zurück, gar nichts, verstehst du! Es ist die Wahrheit, ja, Kleine, es tut mir leid, dass nun deine Heldin vom Sockel purzelt. Aber so ist sie nun mal. Tja!«

Nadine starrte ihn an. Ihre Augen durchbohrten ihn wie ein Laserstrahl.

»Du weißt ganz genau, wie schamlos du lügst. Du und ich, wir wissen es. Du Lügner, Lügner!«

Er hielt ihre Hand fest, denn Nadine hatte ihn schlagen wollen. Werner mischte sich ein. Jetzt wurde ihm die ganze Sache ein wenig unangenehm.

»Komm, machen wir wieder Musik und amüsieren wir uns! Es ist ja nicht so wichtig, was Petra macht, es ist doch ihre Privatsache. Kleine, so ist nun mal das Leben. Dafür können wir nichts, trotzdem ist Petra ein netter Kamerad.«

»Sie hat es nicht getan, sie wird es auch nie tun. Er kann es nur nicht überwinden, dass sie ihn abgewiesen hat. Ich finde es gemein, dass ihr das so einfach hinnehmt.«

Klaus mischte sich nun auch ein.

»Du kannst nicht immer bei Petra sein, also wissen wir es nicht genau. Also!«

»Doch!«, schrie sie ihn an. »Doch, ich weiß es ganz genau! Ich weiß, dass Petra das nie und nimmer tun wird. Nie!«

Wieder war es totenstill im Kellerraum. Pauls Augen waren jetzt eiskalt.

»So«, sagte er hämisch, »so, du weißt es genau? Nein, dass ich nicht lache! Ich habe es aber mit eigenen Augen gesehen, also wird man mir glauben, verstehst du?«

»Nein, Petra tut das nicht - sie ist lesbisch!«

Paul wurde noch grüner. Alle starrten Nadine an.

»Was hast du da gesagt? Das soll doch wohl ein Witz sein, wie?«

Nadine erwachte aus ihrem Zorn. O mein Gott, dachte sie bestürzt, was habe ich getan? Ich wollte es doch nicht, ich wollte es doch nicht.

»Petra soll ...«

Alle im Raum hatten es gehört. Alle Blicke flogen zu Paul. Schneeweiß stand er an der Wand.

»Lieber Freund«, sagte nun der Chef, der inzwischen hinzugetreten war, »ich erwarte nun von Ihnen, dass Sie alles zurücknehmen, was Sie von der Kollegin Petra behauptet haben. Wenn es stimmt, was Sie da gesagt haben, nennen Sie mir sofort die Namen der jungen Burschen. Auf der Stelle, verstanden! Ich werde dann sofort mit ihnen reden und auch mit deren Eltern. Also, Paul, nun heraus mit der Sprache!«

Mein Gott, dachte Nadine bestürzt, warum habe ich nicht auf den Namen bestanden? Dann hätte ich es nicht sagen müssen. Dann wäre es mir nicht herausgerutscht. O Gott, wie soll ich das nur wieder gutmachen?

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934052
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v505319
Schlagworte
redlight street werners neue

Autor

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Titel: Redlight Street #107: Werners Neue