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Der Revolver-Sergeant

©2019 120 Seiten

Zusammenfassung

Mit einem winzigen Häuflein Soldaten zwei Menschen aus der Gewalt blutgieriger Outlaw-Apachen befreien? Es scheint ein Himmelfahrtskommando zu sein, doch Sergeant Tom Flannagan kennt das Wort „aufgeben“ nicht. Weder Sandstürme noch zwielichtige Mexikaner können ihn aufhalten. Die Jagd nach den Entführten wird für ihn schon bald zu einer persönlichen Sache, aber ist auf seine eigenen Männer hundertprozentig Verlass?

Leseprobe

Table of Contents

Der Revolver-Sergeant

Copyright

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Der Revolver-Sergeant

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.

 

Mit einem winzigen Häuflein Soldaten zwei Menschen aus der Gewalt blutgieriger Outlaw-Apachen befreien? Es scheint ein Himmelfahrtskommando zu sein, doch Sergeant Tom Flannagan kennt das Wort „aufgeben“ nicht. Weder Sandstürme noch zwielichtige Mexikaner können ihn aufhalten. Die Jagd nach den Entführten wird für ihn schon bald zu einer persönlichen Sache, aber ist auf seine eigenen Männer hundertprozentig Verlass?

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover nach einem Motiv von F.Russel, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Jim Malone rollte sich ächzend zur Seite. Sein rechter Fuß hatte sich im Steigbügel verfangen.

Das Pferd zuckte noch.

Blut tränkte den Sand zwischen den verfilzten Kreosot- und Mesquite-Sträuchern.

Die Verfolger schwärmten aus. Sie verständigten sich durch laute Zurufe. Stampfend durchbrachen ihre Gäule die graugrüne Buschwildnis.

Es waren mexikanische Bandoleros, Burschen, die einen Mann aus dem Hinterhalt erschossen, wenn sie nur eine Handvoll Dollars bei ihm vermuteten.

Seit fünf Stunden waren sie wie ein Rudel ausgehungerter Wölfe hinter dem Meldereiter aus Fort Jefferson her. Ein Zufallstreffer hatte den Falben erwischt. Nun hielt einer der Bandoleros direkt auf den am Boden Liegenden zu. Malones Holster war leer, der Colt ins Gestrüpp gewirbelt, die siebenschüssige Spencer unter dem tödlich getroffenen Hengst festgeklemmt.

Malone sah von dem Reiter bereits die Sombrerospitze. Er bekam noch den Stiefel frei, da tauchte der Bursche zwischen den Sträuchern auf. Seine handtellergroßen Chihuahua-Sporen hatten die Flanken des Grauen übel zugerichtet. Die Sonne reflektierte den auf Malone zielenden Gewehrlauf. Trotz der Hitze umhüllte ein verwaschener Poncho die hagere Gestalt des Mexikaners. Er grinste. Es sah wie ein Zähnefletschen aus.

»Beinahe hättest du’s geschafft, Gringo.«

Malone, auf den linken Ellenbogen gestützt, starrte ihn an. Seine Gedanken rasten. Schweißrinnsale glitzerten auf dem bartumrahmten Gesicht.

Das Bowiemesser!

Es steckte in der Lederscheide am Gurt. Doch der Bandit brauchte nur den Finger zu krümmen. Seine Augen glühten unter der Sombrerokrempe.

Jim Malone hatte das Gefühl, dass die Zeit stehenblieb. Aber der Poncho-Mann schoss nicht, noch nicht. Er wandte stattdessen den Kopf nach rechts, wo die Sträucher schwankten.

»Hierher, Amigos! Ich hab ihn.«

Dem Scout aus Fort Jefferson blieb keine Wahl. Er riss das Messer heraus. Die Klinge zeichnete einen silbernen Strich über die Lichtung.

Im selben Moment blickte der Bandolero nach vorn, zu spät, dem tödlichen Stahl auszuweichen. Sein Schuss war ein Reflex. Die Kugel hieb in den Busch neben Malone. Zerfetzte Blätter umwirbelten den ledergekleideten Mann.

Das Pferd des Mexikaners scheute. Krampfhaft hielt der Reiter das Gewehr, als er vornüber sank und aus dem Sattel stürzte. Malones Bowieknife steckte bis zum Heft in seiner Brust.

Malone sprang auf. Seine zuschnappenden Hände verfehlten die Zügel des Grauen, der wiehernd an ihm vorbeistob. Der Scout fluchte.

Reiter jagten heran. Heisere Rufe schallten. Malone durfte keine Zeit verlieren. Er ließ sein Messer und das Gewehr des Getöteten zurück und floh. Zweige peitschten ihn. Er stolperte, stürzte, rappelte sich auf und hetzte weiter. Die Sträucher hinter ihm rauschten und knackten, als würden sie vom Sturm geschüttelt. Pferde wieherten, Flüche gellten.

»Der Gringo hat Miguel erwischt! Lasst ihn nicht entkommen!«

Das Lederhemd klebte an Jim Malones Rücken. Kratzer und Striemen bedeckten sein Gesicht. Der Tod war hinter ihm her. Es waren noch drei Verfolger, alle schwerbewaffnet. Mitleidlos spornten sie ihre Pferde an. Sie jagten Malone wie ein angeschossenes Wild. Aufs Geratewohl abgefeuerte Schüsse krachten.

Der Scout duckte sich. Wie eine Mauer ragten die Kreosots und Mesquites um ihn auf. Aus fiebrig glänzenden Augen schaute sich Malone nach einem Versteck um. Doch das Stampfen der Hufe und die wilden Schreie der Verfolger trieben ihn weiter. Plötzlich klaffte das Dickicht auf. Flimmernde, deckungslose Fläche dehnte sich vor Malone aus. Vereinzelte Yucca und Fettholzstauden wuchsen darauf.

Dreihundert Yard voraus leuchteten die weißen Mauern von Camp Stonewells, Malones Ziel!

Das Sternenbanner hing schlaff am Mast. Der entlegene Militärstützpunkt wirkte ausgestorben. Ein glutübergossener, wolkenloser Himmel wölbte sich über der Ebene. Die Hügelkette im Süden verschwamm im bleifarbenen Dunst. Irgendwo dort drüben verlief die mexikanische Grenze. Im Westen dämmerte die blaue Silhouette der Mesquite Mountains.

Malones Herz hämmerte. Unwillkürlich tastete er nach dem Ölhautumschlag unter dem schweißdurchtränkten Lederhemd.

Dreihundert Yard ...

Malone biss die Zähne zusammen. Die Männer im Camp mussten die Schüsse längst gehört haben. Doch hinter dem Mauerwall rührte sich nichts. Hitzewellen zitterten über den Dächern.

Malone rannte an der Buschmauer entlang. Staub wallte hinter ihm. Die Verfolger tauchten als drohende Schemen darin auf. Hufe trommelten. Vom Camp drang kein Laut herüber. Malone wollte ins Dickicht zurück, da entdeckte er den Einschnitt eines Arroyos, das sich im Bogen bis auf etwa hundert Yard an die Mauern des Militärstützpunkts heranschlängelte. Malones Lungen pumpten heftig, die Füße trugen ihn kaum mehr. Trotzdem setzte er zum verzweifelten Spurt an.

Die Bandoleros entdeckten ihn jetzt. Ein Schrei gellte, Schüsse krachten. In Malones Ohren klangen sie wie das Brechen von dürren Ästen. Seine Schläfen dröhnten. An seinen Stiefeln schienen Bleisohlen zu kleben. Sandfontänen spritzten neben und hinter ihm empor. Die mexikanischen Banditen zögerten noch, bereit, ihre Pferde sofort ins Gebüsch zurückzureißen, falls sich jenseits des ausgetrockneten Flussbetts die Blauröcke sehen ließen.

Doch das Camp blieb wie tot. Da spornten die Halunken wieder ihre Gäule an. Die Ponchos flatterten. Wagenradgroße Strohsombreros hingen auf den Rücken der Dahin jagenden.

Malone erreichte den Rand des Trockenbetts, als die Karabiner erneut Feuer und Blei spuckten.

Ein heftiger Schlag gegen das rechte Bein warf ihn auf die Böschung. Er überschlug sich, versuchte sich festzuhalten, hochzukommen, rutschte aber immer schneller den Hang hinab. Ein Schwall klirrender Steine umgab ihn. Einer traf ihn mit solcher Wucht an die Schläfe, dass Malone die Besinnung verlor.

 

 

2

Der Schatten eines Mannes lag auf Malone. Der Verwundete erwartete einen brutalen Tritt oder den Hieb mit einem Gewehrlauf.

Als nichts geschah, hob er vorsichtig den Kopf. Die Sonne blendete ihn. Er erkannte zuerst nur die Umrisse einer großen, drahtigen Gestalt.

»Glück gehabt, Mister. Das Blei hat den Oberschenkel durchschlagen. In ein paar Wochen sitzt du wieder im Sattel.«

Malone wollte sprechen, brachte aber nur ein Krächzen zustande. Das rechte Bein schmerzte, als hätte sich eine glühende Pfeilspitze ins Fleisch gebohrt. Der Fremde kauerte bei Malone nieder und hielt ihm eine lederüberzogene Canteen-Flasche an die rissigen Lippen. Malone verschluckte sich fast, als er die blaue Uniform mit den schimmernden Messingknöpfen und den gelben Sergeantenwinkeln an den Ärmeln sah.

Die graugrünen Augen unter dem Feldhut mit den gekreuzten Säbeln blickten kühl. Das Gesicht war schmal und sonnengebräunt. Scharfe Linien seitlich der Mundwinkel durchzogen es. Ein Zigarillo steckte zwischen kräftigen Zähnen. Malone vermochte das Alter des Mannes nicht zu schätzen. Er konnte dreißig, ebenso aber auch schon vierzig sein.

»Sergeant Tom Flannagan, D-Kompanie, Zweite Schwadron, Vierte Kavallerie«, stellte er sich vor.

Das Wasser war frisch. Jim Malone schien es das Köstlichste, was er seit langem trank. Seine Stimme kratzte noch, als er ebenfalls seinen Namen nannte.

»Kurier aus Fort Jefferson«, fügte er hinzu. »Ich hab ’ne wichtige Order für den Kommandanten von Stonewells. Beinahe hätten die verdammten Greaser verhindert ...«

Malones Augen weiteten sich. Über Flannagans Schulter sah er die Reiter, die sich plötzlich auf der Arroyokante abzeichneten. Es waren keine Soldaten, sondern die Bandoleros, vor denen der Scout sich eben noch in Sicherheit wähnte. Da spürte er Tom Flannagans Hand auf der Schulter.

»Bleib liegen, Mister. Nur keine Aufregung. Die Burschen kriegen dich nicht.«

Der Sergeant sprach mit dem Zigarillo im Mund. Ruhig verschloss er die Wasserflasche. Der 44er Colt steckte mit dem Kolben nach vorn in den Holstern, die er links am Koppel trug.

Malone war selber ein rauer Bursche, den nichts so leicht aus dem Gleichgewicht brachte. Jetzt schluckte er trocken.

Auch wenn Tom Flannagan mehrere Helfer in der Nähe hatte, änderte das nichts daran, dass die Bandoleros nun ihre Karabiner auf ihn richteten.

Sie verharrten wie Denkmäler. Kein Lufthauch umfächelte sie. Malone spürte ihre tödliche Sicherheit. Doch Flannagans Ruhe war nicht zu erschüttern.

»Wie viele?«, fragte er, ohne den Kopf zu bewegen. »Drei!«, keuchte Malone. »Mann, ich dachte, ihr Blauröcke hättet die Hundesöhne längst zum Teufel gejagt!«

»Du warst nur eine Minute lang weggetreten. Die Zeit reichte gerade, das Loch in deinem Bein zu versorgen. Wer sind die Kerle? Was wollen sie von dir? «

»Bandoleros. Wahrscheinlich hatten sie’s auf meine Ausrüstung und die paar Bucks abgesehen. Nachdem ich einen von ihnen ins Jenseits beförderte, werden sie sich damit nicht mehr zufriedengeben.«

»Anzunehmen.«

»Verdammt, Sergeant, wenn du nicht ...«

Das Schnappen von Gewehrschlössern drang in das ausgetrocknete Flussbett.

Da sauste Flannagan hoch, drehte sich und hielt wie durch Zauberei statt der Canteen-Flasche plötzlich den langläufigen Army Colt.

Der Scout hatte so etwas noch nicht erlebt: Bevor einer der Mexikaner einen Schuss aus dem Lauf brachte, blitzte und dröhnte Flannagans Waffe.

Die Wirkung entsprach dem Feuerschlag einer Gatling-Kanone. Die Hufe der erschreckten Bandolero-Pferde schleuderten eine Staubwolke empor, aus der drei schlaffe Bündel ins Arroyo rollten. Die eben noch auf Flannagan und Malone zielenden Gewehre schlitterten nebenher.

Nun ließ der Sergeant den qualmenden 44er sinken und nahm ohne erkennbare Gemütsbewegung das Zigarillo aus dem Mund.

»Bringt sie unter die Erde, Amigos!«, rief er den Soldaten zu, die auf staubbedeckten Pferden in der nächsten Biegung auftauchten.

 

 

3

Der Trompeter blies den Zapfenstreich. Die Klänge begleiteten Malones neuerliches Erwachen. Er lag auf einem Feldbett in einem dämmrigen, langgestreckten Raum. Ein straffer Verband umgab den verletzten Oberschenkel.

Die Trompete schwieg nun. Kommandos ertönten, Metallzeug klirrte, Pferde stampften. Dann lenkte ein Rascheln Malones Blick zu dem Mann, der an einem leeren Spind lehnte und stirnrunzelnd ein Papier studierte. Es war Flannagan. Die Glut des unvermeidlichen Zigarillo erhellte für einen Moment das kantige Gesicht. Ein aufgebrochenes Kuvert lag vor ihm. Malone erkannte das Dienstsiegel des Befehlshabers von Fort Jefferson und fuhr hoch.

Der jähe Schmerz betäubte ihn fast. Er hielt sich an einem Tisch fest, auf den abgegriffenen Spielkarten und Zigarettenkippen lagen.

»Bist du närrisch, Serg? Die Order ist ausdrücklich für den Kommandanten von Camp Stonewells bestimmt!«

Flannagan las erst zu Ende, ehe er den Kopf hob. Seine Miene war ausdruckslos. Die Stimme passte dazu.

»Mach dir nicht in die Hosen, Mann. Dein Auftrag ist erfüllt.«

Er knäulte das Blatt zusammen und warf es achtlos in die Ecke. Malone keuchte. Er sah jetzt, dass auch alle übrigen Spinde offen und leer waren, ebenso die Feldbetten an der fensterlosen Wand. Die Mannschaftsbaracke schien von mexikanischen Banditen ausgeräumt, die für jede zerschlissene Koppel und jeden durchgelaufenen Stiefel Verwendung fanden.

»Abteilung stillgestanden!«, befahl die Stimme auf dem Campplatz. »Jube, du bist auch gemeint! Stell dich nicht an wie ein Elefantenkalb! Zieh den Bauch ein, sonst platzt die Hose! He, Serg, wo bleibst du? Wir sind zum Abrücken bereit. Keiner wird diesem Teufelscamp ’ne Träne nachweinen.«

Der Sergeant näherte sich der Tür. Malone, überzeugt, dass er es mit einer Bande von Meuterern zu tun hatte, folgte ihm humpelnd und mit schmerzverzerrtem Gesicht. Er erwischte Flannagans Arm.

»Bring mich zum Captain!«

»Wozu?«

»Verdammt, Sergeant, ich bin zwei Tage lang wie der Teufel geritten, um deinem Vorgesetzten rechtzeitig Colonel Macklins Order zu übermitteln. Ich kenn den Inhalt. Das Leben von Senator Baxter und seiner Begleiterin, die El Tigres Apachen in die Hände fielen, hängt davon ab, dass Captain Benteen die Bande vor der Grenze abfängt. Weiß der Teufel, weshalb du dich hier als Boss aufspielst, Serg! Ich will zu Captain Benteen!«

Flannagan drehte sich halb, so dass der Meldereiter freien Ausblick bekam. Das Camp war eine Ansammlung kastenförmiger, mit Erdschollen bedeckter Hütten. Eine mannshohe Mauer schloss sie. Es gab keine Telegrafenverbindung zu den übrigen Forts und Stützpunkten. Ringsum dehnte sich sonnenverbrannte Wildnis.

Malone kannte sie nicht nur, er war selbst ein Teil davon. Doch an diesem trostlosen Ort, weit weg von allen Trails und Siedlungen, fühlte auch er sich wie am Ende der Welt. In Fort Jefferson, Fort Huachuca und Fort Apache galt die nach Stonewells verlegte Schwadron als eine von der Army abgeschobene Einheit »schwarzer Schafe«.

Misstrauisch musterte Malone die beim Brunnen angetretenen Soldaten. Es waren fünf Mann, die in Habachtstellung vor einem kleinen, krummbeinigen Corporal verharrten. Eine Reihe feldmäßig bepackter Pferde wartete hinter ihnen. Die Tiere waren gestriegelt, das Zaumzeug glänzte. In den Scabbards steckten Winchestergewehre. Auch die Uniformen der Männer waren tadellos. Das waren keine Meuterer und Deserteure, überlegte Malone.

Er sah die lange Reihe von Gräbern erst, als Flannagans ausgestreckte Hand ihm die Richtung wies. Einfache Holzkreuze schmückten die sandigen Hügel.

»Das letzte Grab in der Nordostecke – da findest du Captain Benteen«, hörte er Flannagans Stimme wie von weit her. »Er hielt bis vor zwei Tagen durch. Wir dachten schon, er schafft es, als es ihn doch noch erwischte.«

Das Zigarillo glühte. Malone klammerte sich an den Türrahmen. Entsetzt begriff er, dass von der Camp Besatzung nur mehr Flannagan und die sechs Soldaten beim Brunnen am Leben waren.

»Cholera«, erklärte der Sergeant lakonisch. »Aber du brauchst nichts zu befürchten. Es ist alles vorbei. Wir haben die Decken und alles, was mit den Kranken in Berührung kam, verbrannt.«

Malone würgte. Um ihn drehte sich alles.

»Ich war mit den Jungs da draußen auf Patrouille, als im Camp das Sterben begann«, berichtete Tom Flannagan. »Wahrscheinlich leben wir nur deshalb noch. Als wir zurückkamen, befahl uns der Captain, im Arroyo zu lagern, während hier drinnen einer nach dem anderen der Seuche zum Opfer fiel, zuletzt Benteen.«

 

 

4

Shorty McLanes feuerrroter Schnauzbart sträubte sich. Die Knopfaugen unter der verbeulten Uniformmütze funkelten.

»Serg!«, japste der kleine Corporal. »Hast du eben wirklich behauptet, El Tigres Apachen hätten Senator Baxter und seine Braut in der Nähe von Maricopa erwischt?«

»Was ist los, Shorty?« Tom Flannagan schob lässig die Daumen hinter der Koppel. »Du bist doch sonst nicht schwer von Begriff. Seit wann hörst du schlecht?«

McLane kratzte sich hinterm Ohr.

»Ich werde das komische Gefühl nicht los, Serg, dass einem von uns beiden die Sonne zu heiß auf den Skalp brennt. Ich hab bisher schon ’ne Menge über El Tigres Gräueltaten gehört, aber noch nie, dass er Gefangene macht.«

»Colonel Macklins Späher melden, dass er mit Baxter und seiner Freundin die mexikanische Grenze zu erreichen versucht. Nach dem Überfall auf Baxters Kutsche waren seine Krieger eine Woche lang spurlos in der Gila-Wüste verschwunden. Wir haben Befehl, sie abzufangen und den Senator und seine Begleiterin zu befreien.«

»Wir?«, zweifelte Flannagans Freund und Adjutant. »Ich dachte, Serg, der Befehl war an die Zweite Schwadron gerichtet.«

»Richtig, Corporal, und damit sind jetzt wir gemeint, da beißt die Maus keinen Faden ab. Wir verschieben die Rückkehr nach Fort Jefferson. El Tigre wird mit seiner Bande durch den Puma Canyon reiten, wo die einzige Wasserstelle zwischen der Gila und der Grenze liegt. Dort erwischen wir sie.«

McLane schluckte.

»Eine letzte Frage noch, Serg: Reden wir auch wirklich von ein und demselben Mann? Von El Tigre, dem Skalpjäger und Weißenhasser, der den Siedlern in Arizona seit ’nem halben Jahr schlimmer einheizt als Geronimo und die anderen Chiefs?«

»Ich kenne sonst keinen Apachen mit diesem Namen. Und ich kenne keinen anderen Auftrag, als ihm die Geiseln abzujagen.«

Der kleine Corporal wandte sich seufzend zu den in einer Reihe angetretenen Soldaten um. Eastman, ein sehniger Mann mit durchdringenden Augen, spuckte aus. »Das schaffen wir nie!«

Meritt, Roscoe, Brady und der junge Kenfield, das »Küken« der Abteilung, blickten angestrengt auf ihre Stiefelspitzen. Flannagan verharrte lässig.

»Ich hab dich nicht nach deiner Meinung gefragt, Ben«, erwiderte er mit dem Zigarillo zwischen den Zähnen.

Malone schob sich, auf einen Stock gestützt, aus der Tür der Mannschaftsbaracke.

»Er hat recht, Sergeant. Ich will mich ja nicht einmischen, aber El Tigre gilt als derzeit gefährlichster Gegner der Armee. Geronimo, Chato, Diablito und die anderen Häuptlinge kämpfen um ihr Land, ihre Freiheit. El Tigre dagegen geht es nur um Mord, Raub und Plünderung. Seine Bande besteht aus Abtrünnigen und Ausgestoßenen der verschiedensten Stämme. Hunderte von Blauröcken waren bisher vergeblich hinter ihm her. Nach jedem Raubzug verschwindet er mit seiner Meute unbehelligt und unauffindbar jenseits der Grenze.«

»Diesmal nicht.« Ein hartes Lächeln umspielte Flannagans Mund, als er sich dem Verwundeten zudrehte. »Leg dich wieder hin, Mister. Wenn alles klappt, sind wir in fünf Tagen zurück. Wenn nicht, brauchst du dir auch keine Sorgen zu machen. Es ist genug Wasser und Proviant da. Außerdem lassen wir mehrere Pferde hier. Sobald du wieder in Ordnung bist, reitest du nach Fort Jefferson und meldest dem Colonel, dass die Zweite Schwadron Apachen jagt.«

»El Tigre wird sich freuen. Sieben Blaurock-Skalpe fallen auch ihm nicht alle Tage in die Hände.«

»Du wolltest dich nicht einmischen, Scout«, erinnerte Flannagan ihn freundlich. Sein Ton war so unmilitärisch wie seine Haltung. Das Zigarillo passte dazu. »Jungs, worauf wartet ihr? Wir schaffen noch mindestens acht Meilen, bevor es dunkel wird.«

Die Männer zögerten. McLane, der in die Reihe getreten war, riskierte ein Räuspern.

»Serg, wir sind immer prächtig miteinander ausgekommen. Wenn du mich fragst ...«

Flannagan straffte sich, schleuderte das Zigarillo weg und knallte die Hacken zusammen.

»Abteilung aufgesessen!«

Die Soldaten zuckten zusammen. Mit verbissenen Mienen schwangen sie sich in die Sättel.

Nur Ben Eastman bewegte sich nicht.

McLane wirkte auf dem starkknochigen Braunen noch schmächtiger, als er ohnedies war. Der nächste Mann in der Reihe war Clint Roscoe, der schwarzhaarige, drahtige Trompeter. Sein blankpoliertes, am Schulterriemen befestigtes Instrument schimmerte. Dann kam Jube Meritt, ein stiernackiger Bursche mit Händen wie Kohlenschaufeln. Der schlaksige, knapp zwanzigjährige Kid Kenfield wirkte zwischen ihm und dem gedrungenen, schwarzbärtigen Dave Brady wie ein als Soldat verkleideter Sonntagsschüler.

Die Pferde schnaubten, Leder knarrte, Metall zeug klirrte. Dann herrschte Stille.

Flannagan und Eastman starrten sich an. Ihre Blicke trafen sich wie Stahlklingen. Der Sergeant lächelte kalt.

»Das war ein Befehl, Ben.«

Eastmans Rechte umschloss den Coltknauf.

»Ich bin weder taub noch lebensmüde, Serg. Ich bleib hier.«

Malone hatte den Eindruck, dass sich zwei ehemalige Revolverkämpfer gegenüberstanden. Die Geschichten, die über die Besatzung von Camp Stonewells gemunkelt wurden, fielen ihm ein. Er vergaß die Schmerzen im Oberschenkel. Das Schweigen auf dem sonnendurchglühten Platz schien sich zu verdichten.

Tom Flannagans Stimme klang unverändert ruhig.

»Wie du willst, Ben. Du bekommst dein Grab gleich neben dem von Captain Benteen.«

Er ging langsam auf den am Ende der Reihe stehenden Kavalleristen zu. Seine Schritte waren das einzige Geräusch. Locker hingen seine Hände herab. Eastman spannte sich, entschlossen, es auszuschießen. Kaltblütig ging der Sergeant weiter. Da zerrte Shorty die Winchester aus dem Scabbard.

»Verdammt will ich sein, wenn ich zusehe, wie ihr euch gegenseitig über den Haufen schießt!«

Die Waffe bedrohte Eastman, der widerstrebend die Hand vom Revolver nahm. Ein spöttisches Grinsen bewies Eastmans Gefährlichkeit.

»Brich dir nichts ab, Corporal. Ich komm ja schon. Wir haben immer noch die Chance, dass El Tigre sich totlacht, wenn sieben verrückte Blauröcke gegen seine Streitmacht angehen.«

 

 

5

Plötzlich riss Eastman den Braunen nach rechts. Das Pferd rammte Kid Kenfields Wallach mit einer Wucht, die den jungen Reiter samt seinem Tier in den Sand des Arroyos schleuderte.

Flannagan befand sich bereits am gegenüberliegenden Hang. Er schnellte sofort herum.

Die Geschwindigkeit, mit der er den Army Colt aus dem Holster zauberte, hätte Malone bestätigt, dass der Sergeant tatsächlich ein ehemaliger Revolvermann war. Aber Malone lag zu diesem Zeitpunkt wieder auf dem Feldbett in der Mannschaftsunterkunft. Kopfschüttelnd hatte er der letzten Patrouille nachgeschaut, die Camp Stonewells verließ.

Staub wogte. Flannagan sah den Flüchtenden nur mehr als Schatten an der zehn Yard entfernten Krümmung des ausgetrockneten Flussbetts.

Kenfield rappelte sich spuckend und schimpfend auf. Sein sommersprossiges Gesicht war staubbedeckt. Die Blicke der anderen hefteten sich auf Flannagan, dessen Pferd in großen Sprüngen die Böschung herabkam. Der Sergeant stieß den Colt ins Leder.

»Haltet die Richtung! Shorty, du führst!«, rief er, ehe er den Wallach auf Eastmans Spur lenkte.

Er ließ sich Zeit. Der Staub, den sein Wallach aufwirbelte, verriet dem Deserteur, dass nur ein einzelner Reiter hinter ihm her war.

Flannagan kannte Eastman. Es gab eine Gemeinsamkeit, die sie verband: eine rauchige, vom Colt bestimmte Vergangenheit. Es war eine »Witterung«, die sie auch in der Uniform nicht mehr loswurden. Nach knapp einer Meile sah Flannagan plötzlich keine Staubfahne mehr vor sich.

Ein Grinsen huschte über sein Gesicht. Er wusste jetzt, dass er Eastman richtig einschätzte.

Dann dauerte es nur mehr wenige Minuten, bis Eastman sein Pferd hinter einer Biegung hervortrieb. Es war typisch, dass er den Verfolger nicht mit der Winchester, sondern dem Sechsschüsser empfing.

»Du bist zu eingebildet, Tom. Ich bin kein Mann, der vor einem Gegner davonläuft. Das hättest du wissen müssen.«

Das Pochen der Hufe setzte aus. Flannagan verschränkte die Hände auf dem hochbordigen McClellan-Sattel.

»Ich wusste es.«

Eastman kniff misstrauisch die Augen zusammen. Rasch spähte er zur Arroyo kante hinauf. Der Himmel glich einer Kuppel ausschmelzendem Metall. Ein paar vertrocknete Yuccastauden standen davor. Eastmans 44er deutete auf Flannagans Brust.

»Versuch nicht, mich reinzulegen, Serg.«

»Du legst dich selber rein, wenn du abdrückst. Shorty und die Jungs haben zwar ’ne Menge Verständnis dafür, dass du nichts von der Befreiungsaktion wissen willst. Doch sie werden dich gnadenlos zur Strecke bringen, wenn ich nicht zurückkomme.«

»Verlass dich lieber nicht drauf.«

»Du kennst Shorty. Er würde dich bis in den Präsidentenpalast von Mexico City verfolgen, nachdem ich ihm voriges Jahr auf der Mogollon Mesa das Leben rettete.« Während Flannagan sprach, schwang er den rechten Fuß über den Sattel und saß ab, ohne sich festzuhalten.

Eastmans Colt bewegte sich mit, aber der Sergeant ignorierte die Waffe. Er warf dem Pferd die Zügel über. Mit derselben Gelassenheit, die er bereits im Camp bewiesen hatte, ging er auf den Widersacher zu. »Gebrauch die Fäuste, Ben, wenn du kämpfen willst.«

»Du bist der verrückteste Hund, der mir je begegnete, Serg!« Eastman lachte. Plötzlich stieß er dem Pferd die Sporen gegen die Flanken. Wiehernd schnellte das Tier vorwärts. Staub puffte hoch.

Im letzten Moment sprang Flannagan zur Seite. Das Pferd streifte ihn. Er taumelte. Eastman benutzte den Sechsschüsser als Keule, aber der Sergeant erwischte Eastmans Koppel und riss den sehnigen Mann aus dem Sattel. Mit wutverzerrter Miene wälzte sich Eastman herum. Er hielt noch den Colt, stieß ihn hoch und wollte feuern, da prellte ein Fußtritt ihm die Waffe aus der Faust.

»Du bekommst deine Abreibung mit oder ohne Kanone, Ben. Steh auf. Ich verzichte drauf, dass du mir die Stiefel leckst.«

Eastman stemmte sich auf die Knie. Er hatte die Mütze verloren. Verklebte Strähnen hingen ihm in die Stirn.

»Verdammtes Großmaul! Wenn hier einer Prügel bezieht, dann du!«

»Dann los.« Flannagan bewegte sich nicht, als Eastman sich schwankend hochkämpfte. Der Mann markierte. Er griff Flannagan noch aus gebückter Haltung an.

Der Sergeant schaffte gerade noch eine halbe Drehung, so dass Eastmans Faust ins Leere stieß. Gleichzeitig traf ihn jedoch die Schulter des Angreifers wie eine Ramme und warf ihn um.

Gewandt rollte Flannagan sich weg. Der eigene Schwung riss den Deserteur ebenfalls zu Boden. Knurrend sprangen die Gegner auf.

Sofort stürzte Eastman sich erneut auf den Sergeant. Der blockte die Fausthiebe ab, unterlief den nächsten Schwinger und trieb Eastman mit einem Uppercut einige Schritte zurück. Als er nachsetzte, zückte Eastman plötzlich ein Messer.

Hastig wich Flannagan zurück.

»Ich hab schon am ersten Tag im Camp gewusst, dass du nichts taugst, Ben.«

»Du hättest dich danach richten sollen.« Ein Grinsen geisterte über Eastmans staub- und schweißverschmiertes Gesicht. Er bewegte sich wie eine Raubkatze. Die Klinge funkelte. Der Sergeant wich ebenso geschmeidig aus. Obwohl er nur den Colt zu ziehen brauchte, fasste er die Waffe nicht an.

Eastman fintierte. Mit blitzschnellen Stichen versuchte er den Gegner abzulenken. Dabei näherte er sich seinem im Staub liegenden Revolver.

Da trat Tom auf einen Stein, der unter seinem Stiefel wegrutschte, so dass Tom das Gleichgewicht verlor.

Eastman traf seine Entscheidung im Bruchteil einer Sekunde: Er brauchte den Sechsschüsser nicht mehr. Mit der zum Stoß erhobenen Klinge warf er sich auf den Gegner.

Stahl klirrte auf Stahl.

Tom Flannagans Coltlauf lenkte das Messer ab. Es fuhr bis zum Heft in den Sand. Eastman begriff noch, dass er selber auf einen Trick hereingefallen war, dann schleuderte Flannagans Colthieb ihn in pechige Schwärze.

 

 

6

Das Lagerfeuer brannte zwischen turmhohen Saguaros und verwitterten Felskegeln. Ein Meer von Sternen funkelte über den Zinnen der Mesquite Mountains. Von weit her kam das Geheul eines Kojoten.

Die Flammen prasselten, als Kid Kenfield dürre Zweige nachlegte.

Die Patrouillenreiter hockten im lockeren Kreis um das Feuer, Eastman zwischen ihnen. Er war der Einzige, der sich an dem lastenden Schweigen nicht zu stören schien. Er lehnte gefesselt an einem Felsen und rauchte genüsslich eine Zigarette. Brady, der Schwarzbart, hatte sie ihm zugesteckt.

Die Männer vermieden es, sich gegenseitig anzusehen. Roscoe putzte hingebungsvoll die Trompete, obwohl längst kein Stäubchen mehr an ihr haftete. Brady und Kenfield widmeten sich ihren Gewehren, und Shorty McLane nähte mit verbissenem Eifer einen Uniformknopf an. Nur Meritt, der Mann mit den Schaufelhänden, kaute noch an der Abendration, einem Dörrfleischstreifen und einem Kanten Maisbrot. Zwischendurch genehmigte er sich einen Schluck aus einer flachen Flasche, die er hastig verschwinden ließ, als Flannagan von den Pferden kam.

Der Flammenschein vertiefte die scharfen Linien im Gesicht des Sergeant.

»Brady, du übernimmst die erste Wache. Eine Stunde vor Mitternacht löst Roscoe dich ab. Anschließend weckst du mich, Roscoe. Ich passe dann bis Sonnenaufgang auf, dass kein Apache sich unsere Skalpe holt.«

Shorty biss den um den angenähten Knopf gewickelten Faden ab.

»Ich denke, wir treffen El Tigre erst im Puma-Canyon?«

»Aller Voraussicht nach ja. Ich will trotzdem vor Überraschungen sicher sein. El Tigre besitzt Verbündete sowohl bei den Chiricahuas wie bei den Mimbrenjos und White Mountain Apachen. Vielleicht schleichen seine Späher bereits um unser Lager.«

»Kalte Füße, Serg?« Eastmans Auflachen riss die Köpfe der Soldaten herum.

Flannagan beachtete ihn nicht. Er lauschte.

Ein Käuzchen rief. Irgendwo im Gebüsch kratzte und raschelte es. Das Kojotengeheul klang immer noch gleich weit entfernt.

Kenfield, der Neuling, fröstelte, obwohl Sand und Felsen noch die Tageshitze abstrahlten. Seine Kameraden waren längst damit vertraut, dass die tagsüber ausgestorbene Wildnis nach Einbruch der Dunkelheit zu gespenstischem Leben erwachte. Krampfhaft umklammerte der junge Soldat das Gewehr.

Eastman schnippte den Zigarettenstummel ins Feuer.

»Was willst du eigentlich beweisen, Serg, indem du mit einer Gruppe von nur fünf Mann auf El Tigres Bande losgehst?«

»Sechs«, berichtigte Flannagan ihn trocken. »Du wirst auch mit von der Partie sein.«

»Ich werde dir, sobald du mir meine Kanone zurückgibst, ’ne Kugel in den sturen Schädel jagen, Serg. Hölle und Verdammnis, wenn einer von euch Burschen nur ’nen Funken Grips unter seinem Skalp hätte, würde er mir diese Arbeit abnehmen und damit uns allen das Leben retten.«

»Das genügt, Ben. Halt jetzt die Klappe.«

Das Käuzchen schrie wieder. Mit funkelnden Augen beugte Eastman sich vor.

»Den Teufel tu ich! Ich werd’ keine Ruhe geben, bis die Kameraden samt deinem speziellen Freund McLane endlich kapieren, dass du kein Recht hast, sie ohne mit der Wimper zu zucken, deiner Karriere zu opfern. Du hast es nie verdaut, Serg, dass Colonel Macklin dich nach Camp Stonewells abschob, nachdem bekannt wurde, dass es in Texas früher mal ’nen Steckbrief von dir gab ...«

Plötzlich hielt Flannagan den Colt. Sein von den Flammen angestrahltes Gesicht war wie aus Stein gemeißelt. Die Stimme klirrte.

»Übertreib’s nicht, Ben!«

Sekundenlang malte sich Betroffenheit auf Eastmans Miene, dann lachte er wütend.

»Verträgst du die Wahrheit nicht, Serg? Dann schieß doch, du verdammter Killer! Eine Kugel ist immer noch besser, als den Apachen in die Hände zu fallen. Aber dann, Serg, kannst du deine Karriere vergessen. Wenn du Glück hast, schickt der Militärrichter dich in den Steinbruch. Womöglich wird er dir aber gleich ’ne Hanfkrawatte verpassen!«

»Tom!«, rief Shorty McLane erschrocken, als Flannagan mit verbissener Miene das Feuer umrundete. Die Soldaten fuhren hoch. Wie in Trance stiefelte Flannagan auf den Gefangenen zu. Seine Augen glühten. Keiner, sein alter Sattelgefährte McLane eingeschlossen, hatte ihn je so erlebt.

»Verdammt, worauf wartet ihr?«, schrie Eastman. »Macht ihn fertig, bevor ...«

Hastig schützte er den Kopf mit den Armen. Flannagan hob den Colt. Da sprang Shorty dazwischen.

»Serg, um Himmels willen, dreht jetzt nicht durch!«

»Komm mir nicht in die Quere!«, fuhr Flannagan ihn an. Dem kleinen, schnauzbärtigen Corporal stockte der Atem, als er die Coltmündung über der Koppelschnalle spürte. Da raunte Tom: »Die Apachen sind da, hinter uns. Kümmere dich um die Pferde, wenn’s losgeht, Amigo. Nimm Kenfield mit. Brady, Roscoe, Meritt, ihr werft euch hin und schießt, was die Knarren hergeben.«

Die Männer waren noch wie versteinert. Das Käuzchen meldete sich abermals. Die Pferde bewegten sich unruhig.

»Verschwinde endlich!«, schimpfte der Sergeant und stieß Shorty zurück. »Keiner darf entkommen«, zischte er, »sonst erfährt El Tigre, dass wir unterwegs zum Puma-Canyon sind. Alles klar, Jungs?«

»Klar wie Tomatensoße«, ächzte McLane, fahl um die Nasenspitze.

Eastman presste die Lippen zusammen. Der junge Kenfield sah aus, als würde ihm gleich das Abendessen hochkommen. Ein Pferd wieherte, ein Zweig knackte:

Flannagan wirbelte herum.

»Jetzt!«, schrie er. Sein Colt blitzte und krachte. Jenseits des Feuers schnellte eine Gestalt zwischen den Felsen empor, stieß einen gellenden Schrei aus und stürzte mit ausgebreiteten Armen vornüber.

Ein Pfeil verfehlte Tom um Handbreite. Schließlich ließ er sich auf ein Knie nieder. Schatten huschten zwischen den Säulenkakteen. Waffenstahl blinkte.

»Zu mir, Kid!«, kreischte McLane. Mit schmetterndem Revolver rannte er zu den erschreckten Gäulen.

Brady, Roscoe und Meritt lagen am Boden. Ihre Winchestergewehre peitschten. Ein nur mit einem Lendenschurz bekleideter Apache taumelte in den Lichtkreis und brach zusammen.

Kugeln hieben ins Lagerfeuer. Rauch- und Staubschwaden vermischten sich. Ein Pfeil prallte an Roscoes Gewehrschaft ab. Während der Trompeter fluchend repetierte, schrie wieder ein Getroffener. Dann hämmerte Hufschlag.

»Sie türmen!«, grölte Meritt. Der Sergeant sprang auf. »Zu den Pferden! Brady, Kenfield. ihr bleibt hier!«

 

 

7

Nach zwei Meilen zügelte Flannagan den Wallach. Schweigend, die Gewehre schussbereit, schlossen Shorty McLane, Jube Meritt und Clint Roscoe auf. Gläserne Stille umgab sie. Der Mond lugte durch einen Bergeinschnitt. Eine silberne Lichtbahn fiel zwischen die verstreuten Felstrümmer. Die unbeschlagenen Hufe der Apachenpferde hatten deutliche Abdrücke hinterlassen. Jenseits des Felsenlabyrinths stieg das Gelände an. Eine vom Mondlicht durchtränkte Staubwolke bewegte sich dort zwischen weit verstreuten Saguaros.

»Da sind sie!« Der stiernackige Meritt setzte dem Pferd die Sporen an. Flannagans Handbewegung hielt ihn zurück.

»Wir haben es nicht mit irgendwelchen Indianern, sondern mit El Tigres Kundschaftern zu tun.«

Der schwarzhaarige Roscoe grinste verwegen.

»Wir sind auch nicht von Pappe, Serg.«

Flannagans Blick tastete die Ränder der quer vor ihnen verlaufenden, knapp hundert Schritte entfernten Lichtbahn ab. Haushohe Felswürfel säumten sie. Halbverdorrte Grasbüschel ragten aus dem Sand. McLane zwirbelte die Schnurrbartenden,

»Ich höre, wie’s hinter deiner Stirn tickt, Serg. Du denkst, sie warten da vorn auf uns, stimmt’s?«

»Wenn ich der Anführer der Apachen wäre, würde ich einen Mann mit den Pferden vorausschicken, dahin, wo sie möglichst viel Staub aufwirbeln. Mit dem Rest meiner Truppe ließe ich die Verfolger in die Falle laufen.«

»Ein Glück, dass du nicht als Apache geboren wurdest, Serg. Willst du umkehren? Wir könnten die Klippen auch umreiten, aber dann verlieren wir ’ne Menge Zeit. Zur Abwechslung könntest du dich ja mal irren, großer Meister.«

»Das werden wir gleich wissen. Es sind nur drei oder vier Späher. Reite mit Jube voraus. Clint und ich passen auf.«

Meritts massige Gestalt schien zu schrumpfen.

»He, willst du uns vielleicht loswerden, Serg? «

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738934045
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Oktober)
Schlagworte
revolver-sergeant
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Titel: Der Revolver-Sergeant